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Überraschungen oder Kallenbachs Geheimnis© by Aisling ()
"Das ist doch nicht dein Ernst, Chris! Wenn Mike und Carola erfahren, dass du die beiden an Bord holen willst, dann kündigen sie dir die Freundschaft." Seufzend blickte Chris von seinem Formular auf. "Das brauchst du mir nicht zu sagen. Aber was für eine Alternative haben wir? Krause hat uns nur zusätzliche Leute genehmigt, wenn wir sie nicht aus unserer Abteilung abziehen. Wie hatte er so schön gesagt? 'Sie müssen mich schon verstehen, Herr Schwenk. Ich muss mit einem begrenzten Budget auskommen. Ich kann Ihnen nicht unendlich viele Leute geben. Die müssen auch finanziert werden. Ich empfehle Ihnen, sich per Amtshilfeersuchen an die Polizei zu wenden.' Oh ja." Genervt schmiss Chris den Kugelschreiber zu Seite. "Ich habe es sowohl bei der Drogenfahndung und bei der Sitte versucht. Nix da. Die hängen bis zum Hals in anderen Fälle, haben Personalengpässe oder behaupten, dass sich mehr Frauen als im Mutterschutz befinden als sie gedacht haben. Ich weiß nicht, wie viele Ausreden ich in den letzten Wochen schon gehört habe." Engin Korpak, Chris' Partner beim Zollkriminalamt schien über diese Neuigkeit nicht besonders erfreut zu sein. Er sprach auch den Grund an. "Kann es sein, dass du mir noch nichts davon erzählt hast? Ich dachte, wir wären Partner!" "Sind wir auch, aber es reicht, wenn ich den Frust schiebe, wenn ich dich dann auch noch damit anstecke, haben wir keine Chance, noch mehr Leute zu bekommen. Bei den Aggressionen, die wir dann ausstrahlen, machen alle einen Riesenbogen um uns" Chris stand auf, beugte sich vor und holte sich seinen Kugelschreiber zurück. "Und jetzt sitze ich vor diesem dämlichen Formular und weiß noch nicht mal, wie Deichsel und Kallenbach mit Vornamen heißen. Ist schon bescheuert, nicht? Da arbeitet man jahrelang mit denen zusammen und jetzt kann ich mich noch nicht mal daran erinnern." "Chris!" Der Tonfall ließ Chris aufhorchen. "Was ist?" "Kommst du bitte von deiner Palme runter? Es ist so anstrengend, ständig zu dir hochzuschauen." Doch das Grinsen auf Engins Gesicht sagte Chris, dass er es nicht so ernst meinte. Auch hatte Engin in Situationen, wo er von Chris wirklich genervt war, einen anderen Tonfall. "Wie hoch bin ich denn?" "Wenn's da Kokosnüsse gäbe, dann könntest du sie pflücken. Und jetzt gib mir das Formular her. Ich füll es aus. Den wievielten Vordruck verschleißt du gerade?" "Ich habe noch gar nicht angefangen, ich habe mir nur durchgelesen, was die alles wissen wollen." "Und schon bist du wieder auf hundertachtzig. Wie hast du das bloß früher ohne mich ausgehalten?" "Du bist nicht mein erster Partner, der lieber Formulare ausfüllt, als meine schlechte Laune zu ertragen." Instinktiv hob Chris die Hände. Gerade rechtzeitig, um einen Bleistift und einen Textmarker abzuwehren, mit denen Engin ihn bewarf. Lachend hob Chris die Wurfgeschosse vom Boden auf und legte sie vor sich auf den Schreibtisch. Währenddessen konzentrierte sich Engin auf das Formular und machte sich einige Notizen. Um auch eine Beschäftigung zu haben, versuchte Chris, die Vornamen von Kallenbach und Deichsel herauszufinden. Bei Deichsel brauchte er nur in das Telefonverzeichnis der Polizei zu schauen. Da war er als Manfred Deichsel gelistet, Kallenbach jedoch ohne Vornamen. Er versuchte noch einige andere Sachen und wälzte auch das Frankfurter Telefonbuch. Aber vergeblich. Kallenbachs Vorname blieb ein Geheimnis.
Nach einer kleinen Ewigkeit - Engin hatte das Formular ohne ihn ausgefüllt und brauchte nur noch die kompletten Namen - gab sich Chris geschlagen. Er hob den Telefonhörer ab und wählte eine Nummer. Kurz darauf meldetet sich die Person am anderen Ende. "Hallo Mike! Chris hier. Du, ich habe hier einen dämlichen Antrag vor mir liegen. Ich brauche nur noch den Vornamen von Kallenbach, sonst hab ich alles. Aber ich kann mich einfach nicht daran erinnern." Chris blickte zu Engin, der ihn erwartungsvoll anblickte, doch dann schüttelte Chris den Kopf. "Schade, ich hätte wetten können, dass du es weißt. Kannst du nicht vielleicht Carola-" Scheinbar ließ Mike ihn nicht ausreden. Dann kam Chris wieder zu Wort. "Wenn ihr es schon nicht wisst, wer könnte mir dann weiterhelfen? Ich befürchte, dass noch nicht mal Deichsel es weiß." Wieder ein Moment Stille, in dem Chris genervt mit den Fingern durch seine Haare fuhr. "Das ist doch nicht dein Ernst, Mike! Es muss doch irgendjemanden geben, der Kallenbachs Vornamen kennt. Es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben, diesen gottverdammten Namen heraus zu bekommen." Doch scheinbar hatte auch Mike keine Antwort. "Danke, Mike. Jetzt muss ich wirklich Ehrenberg anrufen. Und ich erzähl dir auch irgendwann, warum ich es herausbekommen musste. Wir sehen uns nachher bei der Besprechung." Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck legte Chris auf. Doch Engin ließ ihm keine Zeit für weitere Überlegungen. "Was hat er dir denn vorgeschlagen?" "Entweder Kallenbach selbst anzurufen oder Ehrenberg zu fragen, ob er in der Personalakte nachschaut." "Und was machst du?" "Ich werde garantiert nicht Kallenbach anrufen. Ehrenberg ist zwar ein Arsch, aber ich wette, dass er ohne weiter zu fragen in der Personalakte nachschaut. Wenn er nicht schon längst getan hat. Der ist auch neugierig und will wissen, warum Kallenbach seinen Vornamen verheimlicht." "Na dann, ruf ihn an. Der Antrag wartet darauf, ausgefüllt zu werden." "Kann man dieses dämliche Teil nicht auch ohne Vornamen wegschicken? Die Sesselfurzer in der Amtshilfeabteilung müssen doch auch mal gefordert werden. " "Nope, bei mir geht ein Antrag nur anständig ausgefüllt raus. Und was ist, wenn es bei der Kripo noch einen anderen Kallenbach gibt und die uns den schicken? Vergiss es und ruf endlich an. Dann hast du es hinter dir." Bevor sich Chris zu diesem Anruf überwand, holte er sich erst eine frische Tasse Kaffee. So gestärkt rief er seinen ehemaligen Chef an. "Hallo Herr Ehrenberg! Schwenk hier. Es geht um den Antrag, den ich auffüllen muss, um im Rahmen des Amtshilfeverfahrens Kallenbach und Deichsel von euch ausgeliehen zu bekommen... Ja... Wir haben schon darüber gesprochen, aber ich habe da noch eine kleine Frage, die Sie als Kallenbachs Vorgesetzter bestimmt beantworten können... Ja, ich fasse mich kurz. Wie heißt Kallenbach mit Vornamen? ... Sind Sie sicher? ... Nein, nein, ich glaube Ihnen. Danke für Ihre Auskunft." Es war sehr interessant, währenddessen Chris' Gesichtsausdruck zu beobachten, erst wechselte er von gelangweilt zu genervt, doch dann sah er so aus, als ob er etwas nicht glauben konnte. Mit sehr viel unterdrückter Heiterkeit. Erst als er den Hörer aufgelegt hatte, prustete er los. Er konnte sich gar nicht beruhigen. Bis es Engin zu bunt wurde, er aufstand und zu ihm ging. Er lehnte sich an den Schreibtisch und sah auf seinen Partner hinab. Chris war zwar für seine extremen Stimmungswechsel bekannt, aber so hatte er ihn noch nie erlebt. "Chris!!!! Jetzt hör endlich auf und sag mir, was los ist! Ich will auch lachen." Dieser blickte zu Engin hoch und sah den leicht verwirrten Ausdruck auf dessen Gesicht. Obwohl er am liebsten darüber gelacht hätte, beherrschte er sich, nahm sich ein Tempo, wischte die Lachtränen weg und sammelte sich. "Sorry, du hast ja recht, aber ich bezweifle, dass du verstehen wirst, warum ich so lachen muss." "Vielleicht unterschätzt du mich." "Kallenbach hat einen guten Grund, seinen Vornamen zu verheimlichen. Denn er heißt mit kompletten Namen Detlef Maria Kallenbach." Zuerst schien Engin nicht zu verstehen, aber dann war auch bei ihm der Groschen gefallen und ein dickes fettes Grinsen zierte sein Gesicht. "Ich glaube, da haben wir etwas, mit dem wir Mike 'Detlef Marias' Aufenthalt bei uns schmackhaft machen können. Ich kann es mir richtig gut vorstellen." Auch bei Engin lag die Betonung auf Maria. "Eben. Und jetzt füll den Antrag zu Ende aus. Um so schneller wird Detlef Maria bei uns sein. Ich freue mich schon darauf."
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