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Schmerz

© by Sam23 ()
 
Disclaimer: Keiner dieser wunderbaren Charaktere gehört mir und das ist ein Glück für sie ;-)
Authors note: Wieder mal große Spoiler für Season 3, also wirklich Vorsicht *warnend guck*. Der Blick auf Jacks Gesicht, als er Sydney von der Affäre zwischen Irina und Sloane erzählt hat, hat mir echt das Herz gebrochen *schnüfz*.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Stimmen, weit entfernt wie Wellen, die sich an den Ufern einer fernen Insel brachen, füllten den Raum. Die Stimmen sprachen über Strategien, über Geheim-Akten, über Spionage-Berichte, über Echelon-Intercepts, Op-Tech, das Wetter, zur Hölle, er wusste es nicht genau.

Und irgendwie interessierte es ihn auch nicht. Er hätte zumindest eine gewisse staunende Neugier über das Vorhandensein dieses Gefühl entwickeln sollen - wenn nicht gar alarmiert oder furchterfüllt sein sollen angesichts seines mangelnden Interesses an den Vorgängen um ihn herum. Aber irgendwie schien es zu anstrengend neugierig, interessiert oder alarmiert zu sein.

Jahre des Trainings und der Erfahrung, Jahre der Pein und des Schmerzes, der Lügen und des Betruges hatte die Fähigkeiten wachsen lassen, die er nun perfekt präsentierte: Sein Körper reagierte auf das Auf und Ab der Unterhaltung, ohne dass er die Worte überhaupt verstand - er nickte von Zeit zu Zeit, wiegte den Kopf leicht zur Seite, hob die Augenbrauen, nahm den schwarzen Stift, der auf der kalten und glänzenden Oberfläche des Konferenztisches lag und kritzelte Notizen auf ein Blatt Papier. Seine Augen folgten dem Weg der Diskussion, immer auf dem derzeitigen Sprecher liegend. Er faltete die Hände und öffnete sie wieder, während sein Brustkorb sich im stillen Rhythmus seines Atems hob und senkte.

Niemand würde jemals vermuten, dass die Person, der dieser Körper gehörte, nicht der Unterhaltung folgte und schon gar nicht, dass er eigentlich gar nicht da war. Sie sahen ihn von Zeit zu Zeit an, aber alles was sie sahen, war das, was sie gewohnt waren: Jack Bristow, der an seinem Platz saß, seine Umgebung vorsichtig und genau studierte, sein Gesicht ruhig und emotionslos, sein Körper angespannt, aber nicht in einer alarmierten oder bedrohlichen Art, sein Verstand anscheinend damit beschäftigt die Worte zu analysieren, die gerade in dem kleinen Raum ausgetauscht wurden.

Irgendwie schienen sie in dem Chaos immer wieder Kraft aus seiner ruhigen Gestalt zu schöpfen und auf einem völlig anderen Level, irgendwo tief in seinem Innersten, fühlte der kleine Teil von ihm, der trotz allem immer noch beobachtete, was vor sich ging, einen Anflug von Neugierde.

Sie *mussten* wissen, dass es ihm nicht gut ging. Sie mussten wissen, dass er sich nicht so ruhig fühlte, wie er sich ihnen präsentierte. Sie *mussten* wissen, wie schwer ihm dies alles fiel und obwohl sie wussten, dass er kein Mann großer Emotionen war, mussten sie doch wissen, dass er litt. Aber irgendwie schien das nicht der Fall zu sein.

Marshall sah ihn an, wartete, dass er ein Zeichen der Zustimmung für die Präsentation seiner neuesten Erfindung von sich gab. Jack neigte den Kopf.

Dixon machte einen Vorschlag was ihre neue Strategie betraf und Jack nickte leicht.

Vaughn ignorierte ihn. Also ignorierte er ihn auch.

Weiss sah ihn direkt an, mit sorgenvollem Blick, wandte sich aber sofort hastig ab, als Jack den Blick erwiderte. Smarter Kerl, dachte Jack und realisierte zum ersten Mal bewusst, dass Weiss mehr war also nur... ja, Weiss eben. Er war eigentlich die einzige Person, die immer zu wissen schien, wie es den anderen ging. Auf eine gewisse Art, war er die Seele ihrer Gruppe.

Obwohl er die Worte, die gesprochen wurden, nicht wirklich verstand, bemerkte Jack doch, dass sich die Tonhöhe verändert hatte und dass dies bedeutete, dass nun seine Tochter sprach. Er weigerte sich zunächst sie anzusehen, wissend, dass das, was er sehen würde, ihn mehr verletzten würde, als er ertragen konnte. Er wusste, dass er eine leidenschaftliche Notwendigkeit in ihren Augen sehen würde. Die Notwendigkeit, ihre Schwester zu finden. Er würde Kraft und Ausdauer und den Willen sehen, eine Person, die alles tun würde was nötig war, um dieses Ziel zu erreichen - innerhalb eines moralisch akzeptablen Rahmens. Er wusste, dass er Feuer in ihren Augen brennen sehen würde, das gleiche Feuer, das auch die Züge ihrer Mutter stets erhellt hatte. Und er wusste, dass es nichts gab, das er tun konnte, um die Flammen zu zügeln. Alles was er tun konnte, war was er sowieso immer tat: Zu versuchen sie zu beschützen, während sie ihren Weg ging. Zu versuchen ihr zu helfen, so gut er konnte, auch wenn das bedeutete, dass er sie am Ende verlieren würde.

 

Als er ihren Blick immer stärker auf sich ruhen spürte, drehte er fast widerwillig den Kopf und sah sie zustimmend an, als er durch das Ansteigen der Tonhöhe realisiert hatte, dass sie eine Frage gestellt hatte. Sydney erwiderte den Blick und fuhr mit ihren Ausführungen fort. Als das Meeting endlich zuende war, erhoben sich alle Agenten und auch Jacks Körper stand auf. Der Rücken streckte sich, Hände richteten die Krawatte, Füße begannen zu gehen und ohne auch nur einen Hauch von bewusster Anstrengung brachten ihn seine Bewegungen hinaus in den Korridor. Er erlaubte sich den Luxus sich noch ein paar Sekunden länger auf Auto-Pilot zu bewegen, bevor er sich selbst in die Realität zurück zwang. Seine Augen blickten in den Korridor, der etwas zu hell für seinen Geschmack war. Er konnte seine Schuhe auf dem glatten Boden hören, ein Geräusch das etwas zu laut war für jemanden, der sich eigentlich lautlos bewegen konnte.

Er bemerkte das Geräusch eines weiteren Schuhpaares, doch es war leiser, leichter, diese Schuhe wurden von einer Person getragen, die nun.. leichter war als er. Die Schritte waren hektisch und kamen schnell näher.

"Dad! Warte!"

Sydney.

Jack stoppte, aber er drehte sich nicht um. Er wartete bis sie ihn erreicht hatte und hob erst in der letzten Sekunde den Kopf um, sie anzusehen, sein Gesicht emotionslos wie stets.

"Sydney."

Sie sah ihn an, mit diesen großen Augen, in denen er nun all die Dinge sah, an die er vorher gedacht hatte. Sie begann zu reden. Darüber, dass er Sloane einfach retten MUSSTE. Das er ihr die Chance geben MUSSTE ihre Schwester zu finden.

Jack wünschte sich, dass sie aufhörte, ihn damit zu quälen.

Aber natürlich sagte er ihr das nicht. Er diskutierte mit ihr, stellte unbequeme Fragen, erwiderte ihre Attacken mit den Worten, die sie von ihm erwartet.

"Warum kämpfst du so vehement dagegen, Dad?"

"Weil Arvin Sloane ein Terrorist ist und wir nun endlich die Chance haben, dem ganzen ein Ende zu machen und wir ihm nicht die Chance geben sollten..."

WEIL ES MICH QUÄLT UND ICH MIR EINMAL WÜNSCHEN WÜRDE, DASS DU MICH FRAGST, WIE ES MIR GEHT. WEIL ICH GERADE HERAUSGEFUNDEN HABE, DASS MICH MEINE FRAU MIT IHM BETROGEN HAT UND *ICH* DERJENIGE BIN, DER ZUR ABWECHSLUNG MAL GERETTET WERDEN MUSS UND NICHT SLOANE. Weil, auch wenn du es nicht glaubst, ich ein Mensch bin und im Augenblick größere Qualen leide, als ich es jemals irgendjemandem begreiflich machen kann, dachte Jack.

"Dad, bitte, ich brauche deine Hilfe."

Er sah in ihren flehenden Augen, verschränkte die Hände hinter dem Rücken, so dass sie nicht sehen konnte, wie sich seine Fäuste in dem sinnlosen Versuch ballten, etwas seiner emotionalen Verzweiflung durch physischen Schmerz zu stillen.

"Ich kümmere mich darum, Sydney", war alles, was er sagte, bevor er den Korridor hinunter ging, in der Hoffnung, dass er bald den Teil des Weges erreichen würde, wo das Licht erlosch und niemand die Tränen in seinen Augen oder den Schmerz in seiner Seele sehen konnte.

 
Ende

 
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