Zurück
 

Schuldgefühle

© by Aisling ()
 
Disclaimer: Mir gehört mal wieder gar nichts, es wäre schön, wenn es anders wäre, dann bräuchte ich nicht mehr zu arbeiten. Kommentar: Diese Szene ließ mich einfach nicht los. Wie Joe Nagel vor Wills Kiste sitzt und einfach nur verzweifelt aussieht. Und dann schwenkte die Kamera auf Hollom und das Bunny war da...
Dank: An Birgitt, Silke und Antares fürs Beta. Bei dieser Story war ich voll auf eure Hilfe angewiesen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Tock ... tock ... tock ...

Dieses Geräusch ertönte immer noch in Joes Geist, viel zu laut und jeder Schlag tat so weh. Im Tosen des Sturms hatte er es gar nicht wahr genommen, aber jetzt, unter Deck klang es um so lauter.

Wie er mit der Axt auf die Taue eingehackt und damit Will zum Tode verurteilt hatte. Nur um das Leben der ganzen Mannschaft der 'Surprise' zu retten. Nur um sein eigenes verdammtes Leben zu retten. Ein Blick von 'Lucky Jack' hatte ihn dazu gebracht. Nur ein einziger Blick und er hatte mit der Axt die Taue gekappt, damit der abgeknickte Mast das Schiff nicht querschlagen ließ und damit nicht die ganze Besatzung ein weiteres Opfer der Stürme am Kap Hoorn wurde.

Will war tot, versunken im Meer. Besser gesagt: elendig ertrunken.

Und wieder hörte Joe das Geräusch.

Tock ... tock ... tock ...

Er spürte, wie ihm etwas in die Hand gedrückt wurde. Es war eine Tasse. Gefüllt mit heißem Rum. Wollten die anderen damit ihr schlechtes Gewissen beruhigen? Vergessen, dass Will für sie gestorben war? Ja, es war unrecht, so etwas auch nur zu denken: Will war bei den anderen beliebt gewesen, und als die Mannschaft von Joe erfuhr, dass Will tot war, hatten sie alle betroffen ihre Köpfe gesenkt.

Joe saß vor Wills Seekiste und hatte gerade den Deckel hochgeklappt. Den Inhalt sah er nur verschwommen. Er blickte hoch und blinzelte. Dabei merkte er, dass alle zur Seite blickten. Keiner seiner Kameraden wagte es, ihm in die Augen zu schauen.

Selbst Hollom wich seinem Blick aus. Erst recht Hollom.

Jetzt heulte dieser Bastard auch noch.

Joe konnte ihn nur verachten. Erst kam er nicht den Mast hoch, um Will zu helfen- Nein, er klammerte sich feige am unteren Besanmast fest, nur wenige Meter von seinem Ziel entfernt und machte sich vor Angst in die Hose. Und jetzt trauerte er um Will. Dabei hatte er kein Recht dazu. Nicht das geringste.

Es war seine Schuld, dass Joe die Taue kappen musste.

Tock ... tock ... tock ...

Es gab kein Entkommen vor diesem Laut in seinem Kopf.

Als Zimmermannsmaat sollte er eigentlich an dieses Geräusch gewöhnt sein, aber die Tatsache, dass dieser Lärm das Kappen der Taue und somit das Vernichten von Wills letzter Überlebenschance begleitet hatte, ließ Joe einen Schauer über den Rücken laufen.

Es war so voll. Nirgendwo auf diesem Schiff gab es einen Platz, wo er einen Moment alleine sein konnte. Erst recht nicht, wo sie Kap Hoorn umrundeten, ein Sturm tobte und die Brecher einem das Wasser nicht nur über die Füße spülte.

 

Seit mehr als fünfzehn Jahren hatte er zusammen mit Will auf den verschiedensten Schiffen gedient. Kennengelernt hatten sie sich in ihrer Zeit als Schiffsjungen. Es war ein uraltes Handelsschiff gewesen, und sie hatten mehr an den Pumpen gestanden und das Wasser aus dem lecken Schiff gelenzt, als dass sie das Segelhandwerk erlernt hatten. Aber irgendwann war diese Zeit vorbei gewesen und sie hatten als Leichtmatrosen auf einem anderen Schiff angeheuert. Ein harter und gefährlicher Job, aber es war alles, was Joe wollte. Solange er Will an seiner Seite hatte. Will, der ihm mindestens genau so oft das Leben gerettet hatte wie er Wills. Und jetzt? Er war tot. Nie wieder würden sie zusammen im Sturm in einen Mast steigen und die Segel reffen. Sich blind auf den anderen verlassen können. Wissen, dass jeder Handgriff saß. Wieso nur hatte Pullings nicht ihn mit hochgeschickt? Es war das erste Mal seit Jahren, dass Will ohne ihn ein Segel reffte.

Und dann das. Pullings hatte Hollom hochgeschickt. Wie hatte es diese feige Ratte es nur geschafft, Fähnrich zu werden? Hollom war zu nichts zu gebrauchen, keine einzige Entscheidung konnte er selber treffen. Immer hoffte er, dass ihm dies abgenommen wurde. Und jetzt, wo er einfach nur zum Reffen hochgeschickt wurde, jetzt versagte er auch noch. Und verurteilte damit Will zum Tode.

Joe versuchte, sich die Ohren zuzuhalten, doch vergebens.

Tock ... tock ... tock ...

Er versuchte, sich an glückliche Zeiten mit Will zu erinnern. Ja, der Dienst hatte ihm Freude bereitet.

Bis dann der Krieg kam und ein Presskommando sie von ihrem Schiff holte. Wie Will es geschafft hatte, wusste Joe immer noch nicht, aber sie wurden auch im Kriegsdienst nicht getrennt.

Zusätzlich zu der harten Arbeit kam jetzt noch die Angst vor dem Kampf. Joe wollte nie Menschen töten, genauso wenig wie Will. Aber damit kam er inzwischen klar. Und seit sie unter Aubrey dienten, zwang er sich, darüber nicht mehr nachzudenken. Schließlich bekamen sie für das Kämpfen auch noch Prisengeld.

 

Bevor die 'Acheron' im Nebel aufgetaucht war, hatte er in keinem anderen Schiff einen Gegner gesehen. Sich nur gefragt, ob die Seeleute auf der anderen Seite genau so viel Angst hatten. Aber seit diesem feigen Angriff im Nebel nahm er, genau wie fast alle, diese Sache persönlich und wollte die 'Acheron' erobern.

Joe wurde bewusst, dass er noch immer vor Wills Seekiste saß. Es war seine Aufgabe, die Sachen auszusortieren. Zu entscheiden, was Wills Frau erhalten sollte und was sie unter sich aufteilen würden. So war es Brauch. Nichts ging verloren, alles wurde wiederverwendet. Auch wenn es nicht viel war. Nur einige Kleidungsstücke und persönliche Erinnerungsstücke.

Da war das kleine Modell der 'Surprise', das Joe vor einigen Monaten in einer Freiwache geschnitzt hatte. Nicht wirklich gut. Doch Will hatte es gefallen und er hatte es behalten wollen. Und jetzt, jetzt lag es ganz oben auf in der Kiste.

Es war zuviel. Wieder sah Joe, wie die Axt auf die Taue niederfuhr. Wieder und wieder. Bis auch das letzte gekappt war und die Mastteile und Takelage, die wie ein Anker gewirkt hatten, davon getrieben waren. Und damit auch Will.

Tock ... tock ... tock ...

Er hatte Wills Kampf gegen die aufgebrachte See verfolgt, bis der blonde Schopf endgültig untergegangen war. Nie wieder. Nie wieder würde Joe sein Lachen hören.

Es tat so weh.

Und die Enge wurde immer erdrückender. So viele Menschen, auf so engen Raum. Er musste weg. Einfach nur raus.

Joe zog sich sein Ölzeug über und ging an Deck. Außer den Diensthabenden wagte sich keiner hinaus. Es stürmte immer noch und der Regen prasselte auf ihn ein. Besser als die Enge des Unterdecks.

Und dann stand er wieder an der Reling. Genau dort, wo er auch vor einigen Stunden gestanden und Will getötet hatte.

Joe wusste nicht, wie lange er schon dort stand, als er merkte, dass er nicht mehr allein war. Er brauchte nicht zur Seite zu schauen, um zu wissen, dass es Jack Aubrey war. 'Lucky Jack', der zusammen mit ihm die Taue gekappt hatte.

Tock ... tock ... tock ...

Sie standen dort einige Zeit. Schweigend. Es brauchte nichts gesagt zu werden.

Irgendwann fühlte Joe eine Hand auf seiner Schulter und hörte das Brüllen des Kapitäns. Die einzige Möglichkeit, sich bei dem Unwetter überhaupt verständlich zu machen.

"Kommen Sie, es bringt nichts, wenn Sie hier stehen und sich den Tod holen. Das macht ihn auch nicht lebendig."

Widerstrebend ließ Joe die Reling los und folgte Aubrey zu Luke. Erst als sie unten waren merkte Joe, wie kalt und durchgefroren er war. Er fühlte das Klappern seiner Zähne.

Jack Aubrey schien ähnlich zu empfinden. Doch statt direkt in seine Kabine zu gehen, pulte er sich im Gang aus seiner nassen Kleidung. Bevor er mit den nassen Sachen auf dem Arm verschwand, drehte er sich noch ein Mal zu Joe um.

"Ich kann Ihnen keinen Trost anbieten, den gibt es in so einer Situation nicht. Außer, dass Mr. Warley, egal, was wir gemacht hätten, in diesem Sturm keine Möglichkeit hatte, das Schiff zu erreichen. Sie haben keine Schuld an seinem Tod. Niemand hat Schuld an seinem Tod. Es war ein Unfall."

Tock ... tock ... tock ...

Es war immer noch da. Leise aber doch unüberhörbar. Und auch die Worte des Kapitäns konnten nichts daran ändern. Joe fühlte Aubreys Hand kurz auf seiner Schulter, fast als ob er Trost spenden wollte, doch dann war sie wieder weg. Joe sah, wie der Kapitän sich wegdrehte und zu seiner Kajüte ging. Dabei hinterließ er kleine Wasserpfützen. Bevor Aubrey seine Kajüte betreten konnte, sprach ihn noch im Gang sein Stewart Killick an.

Joe brauchte gar nicht hinzuhören, um zu wissen, dass Killick wieder vor sich hin schimpfte. Anders kannte er ihn nicht.

Es interessierte Joe auch nicht. Will war tot. Will, der noch bei vier Glasen mit ihm gelacht hatte. Joes Gedanken wanderten und er musste dem Kapitän Recht geben.

Es brachte wirklich nichts, wenn er jetzt hier stand und sich den Tod holte, weil er unterkühlt war.

Joe wollte noch nicht zu den Kameraden zurückkehren, wollte nicht ihre mitleidige Blicke spüren und erst recht nicht in Holloms verheultes Gesicht schauen.

Hollom, der zu feige war, den Mast hochzuklettern. Wenn diese Ratte sich überwunden hätte, dann könnte Will noch leben.

Jack Aubrey hatte bei einer Sache Unrecht. Es gab jemand, der für Wills Tod verantwortlich war. Hollom war Schuld an Wills Tod. Es war Holloms Schuld.

Tock ... tock ... tock ...

Im Gang konnte Joe aber auch nicht stehen bleiben. Auch wenn bei dem Sauwetter keiner freiwillig an Deck ging, musste Joe ständig zur Seite rücken, weil jemand vorbei wollte. Und dann noch die Blicke...

Er überwand sich und ging in die Mannschaftsmesse.

 

Wills Seekiste stand immer noch mitten im Raum. Sie war offen. Keiner hatte es gewagt, sie auch nur anzurühren. Und Joe war nah daran, in Tränen auszubrechen. Es dauerte lange, bis er den dicken Kloß im Hals runtergeschluckt hatte.

Die Kiste war ein Symbol dafür, dass er Will verloren hatte. Dass er mitgeholfen hatte, die Taue durchzuschlagen.

Heute konnte er sich nicht mehr um Wills Besitztümer kümmern. Vorsichtig, als ob er einen wertvollen Gegenstand halten würde, schloss Joe den Deckel und schob die Kiste zu seiner.

Währenddessen redete er sich ein, dass er nicht dazu gezwungen gewesen wäre, die Taue durchzuschlagen, wenn Hollom nicht so feige gewesen wäre.

Hollom war schuld an Wills Tod. Er allein war schuld. Durch sein Versagen war Will gestorben.

Das Geräusch in Joes Kopf schien leiser zu werden. Aber war immer noch da.

Tock ... tock ... tock ...

Irgendwann würde es vielleicht ganz verstummen. Doch Joe bezweifelte es.

 
Ende

 
Du bist der 1409. Leser dieser Geschichte.