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Erleuchtung© by Sam23 ()
Ned Alders schob seine Brille auf die Nasenspitze, so weit, dass das schwere schwarze Gestell nur noch von den beiden brüchigen, weißen, ehemals wohl transparenten Plastikflügeln auf seiner Nasenspitze gehalten wurde. Es war eine Bewegung, die Ned im Laufe der Jahre perfektioniert hatte, ebenso wie der zweite Teil des gegen Abend immer wiederkehrenden Rituals: Sobald die Brille aus dem Weg war, wanderten seine Hände zu den Augen und er begann mit seinem Seufzen darüber zu reiben. Die Berührung machte das Brennen zwar im ersten Moment noch schlimmer, doch das war Ned egal. Er schob die Brille wieder auf ihren angestammten Platz und sah auf die Uhr. Beinahe 21 Uhr. Beinahe Feierabend. Ned blinzelte, denn obwohl er nun schon drei Jahre hier arbeitete, saß sein Zeitgefühl wohl immer noch zuhause auf dem Sofa. Diese Erkenntnis erschreckte ihn nicht wirklich, denn er hatte sich im Laufe der Zeit selbst davon überzeugt, dass acht Stunden in einem Raum zu arbeiten, in dem das Licht stets zu hell war und sich niemals veränderte, nicht wirklich dem Wiedererwecken alter menschlicher Urinstinkte förderlich war. Wie Menschen es jemals geschafft hatten, die Uhrzeit am Stand der Sonne abzulesen, war Ned ein Rätsel. Statt am Licht, versuchte er sich am Grummeln seines Magens zu orientieren, doch der wechselte die Zeitzonen wie andere Menschen ihre Socken. Ned seufzte und sah sich in seiner Abteilung um. "Seine Abteilung" bestand aus einem langen Gang vollgestopft mit Glühbirnen, Leselampen, Leuchtstoffröhren, Kellerfunzeln, Straßenleuchten, Taschenlampen und geschmacklich äußerst streitbaren Deko-Lichtspendern, vom einfachen Deckenfluter bis hin zur Plastikfackel und einem Restposten Weihnachtsbeleuchtung, der sich komischerweise hartnäckig weigerte zur Osterzeit das Regal zu verlassen. Neds Reich des Lichts, seine Oase der Helligkeit, sein heiliger Ort der Erleuchtung war die Lampenabteilung in einem großen Baumarkt, irgendwo im Nirgendwo. Jedenfalls wenn man Ned fragte. Wenn man die Gelben Seiten um Auskunft bat, erhielt man die Antwort: The Home Depot im Kennedy Drive 57 in Colorado Springs. Neds Blick wanderte über die grellen, blendenden, zitternden, summenden und brummenden Lichter und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. Nur noch 10 Minuten bis zum Feierabend und weit und breit niemand zu sehen. Ned beschloss diesen glücklichen Zustand in eine kurze Vorfeierabend-Pause umzuwandeln und einen Mars-Riegel vom Automaten zu ziehen. Mobilität konnte schließlich nie schaden. Er kramte in seinen Taschen nach einem Quarter, von dem er wusste, dass er irgendwo in den tiefen des blauen Arbeitskittels sein musste, als er ein Geräusch hörte, das sein Herz stocken ließ. Ein helles und äußerst energisches Klappern, das schnell näher kam. Ein Klappern, das nur einen Ursprung haben konnte:
Schuhe. Absätze von Schuhen. Absätze von Frauenschuhen. Neds Suche nach dem Quarter fand ein jähes Ende, als das Klappern kurz verstummte und einem Scharren wich, das von einer Körperdrehung der Besitzerin des lärmenden Schuhwerks kündete. Das Scharren wiederholte sich und Ned sah endlich auf und genau das, was er erwartet hatte: In seinem Gang stand eine junge Frau und sah sich suchend um. Er musste zugeben, sie war nicht ganz, was er erwartet hatte, denn der Klang der Schuhe und die Energie, die hinter dem akustischen Signal steckte, hatte ihn eine Gestalt vom Typ Xena, die Kriegerprinzessin vermuten lassen. Doch - rein optisch - erhielt er das genaue Gegenteil. Die Frau trug einen Hosenanzug und darüber einen langen beigen Mantel. Ihre rötlichen Haare waren schulterlang geschnitten und lagen in perfekter Eleganz um ihren Kopf. Ein Blick auf die Schuhe ließ Ned die Stirn runzeln. Mit der Höhe dieser Absätze ging die Dame ja fast schon als Artistin durch. Ned rollten sich buchstäblich die Zehennägel auf, allein bei dem Gedanken, solch schwindelerregendes Schuhwerk zu tragen. Doch das Kopfschütteln und der dazugehörige augenrollende Seufzer, verbunden mit dem Ausruf "Frauen!" kämpfte Ned tapfer nieder. Für 8,7 Minuten war er noch der Herrscher des Lichts und als solcher für das Wohl der Besucher seines Reiches verantwortlich und... sah definitiv zu viele Fantasyfilme, hatte absolut kein Solzialleben und war mit 38 immer noch... "Kann ich Ihnen helfen, Ma'am?" Die Frau drehte sich zu ihm um und strich sich eine Locke hinter die Ohren. "Ich denke, ich komme zurecht, danke." "Sicher? Was darf's denn sein? Eine schicke neue Küchenlampe? Oder suchen Sie nur eine Ersatzbirne? Wir haben auch noch romantische Lichterketten im..." "Danke. Ich komme wirklich klar", schnitt ihm die Frau mit einem freundlichen, aber bestimmten Lächeln das Wort ab. Ned zuckte mit den Schultern, nickte und schritt an ihr vorbei den Gang hinab. Keiner konnte ihm vorwerfen, er hätte es nicht versucht. Sein Magen grummelte als sei er bereits 24 Stunden lang nicht mit Arbeit versorgt worden und Ned strich im Geiste den Marsriegel und ersetzte ihn mit einem Kit Kat Chunkie. Er verließ seinen Gang, bog um die Ecke in das Revier von Andrew Bracken (Toilettendeckel und Installationsbedarf. Manche Leute hatten wirklich einen verdammt üblen Job...), als er erneut das unheilkündende Klappern hoher Damenschuhe vernahm. Fast hoffte er, die hübsche Rothaarige wäre ihm nachgelaufen, um doch seine Hilfe zu erflehen, doch auch wenn die Regale in Baumärkten ab und an bei bestimmter Ausrichtung in der Lage waren ein Echo wie in den Rocky Mountains zu erzeugen, kam das Geklapper immer noch aus der falschen Richtung. Außerdem war es definitiv zu laut, was nur eins bedeuten konnte. Ned blieb stehen, wich dann rasch einen Schritt zur Seite aus und schaffte es gerade noch, nicht mit der Gestalt zu kollidieren, die den Gang hinuntergefegt kam. Die Frau streckte entschuldigend die Hand aus und berührte Ned am Arm. "Verzeihung, ich hatte es eilig. Alles in Ordnung?" Ned blinzelte. Vor ihm stand eine junge Frau in Jeans und einer einfachen Baumwolljacke, die ihre langen braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie sah aus besorgten Augen zu ihm hinauf und Ned fragte sich ernsthaft, ob ein Kongress kleiner schwindelfreier Frauen gerade in der Stadt war. Er schwor sich, diese Absätze für einen Eintrag ins Guinnessbuch vorzuschlagen. "Sir?" "Oh, ja, entschuldigen Sie. Wie kann ich Ihnen helfen?" Die Dame lächelte ihn an. Ned gefiel das Lächeln. "Ich suche die Lampenabteilung." Das gefiel Ned nun wieder nicht, 4,5 Minuten vor Feierabend. "Der nächste Gang", entgegnete Ned und fügte hinzu: "Suchen Sie etwas bestimmtes? Wir haben wunderbare Lichterketten im Angebot, die..." "Danke, ich komme zurecht", entgegnete die Dunkelhaarige mit den Hochhausabsätzen. Neds Magen grummelte Applaus für diese Antwort. "Oh, na dann, wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend, Madam." "Gleichfalls." Ned nickte und zwang sich nicht mit einem Hüpfen seinen Weg in die Freiheit anzutreten. Keine vier Minuten mehr und dann...
Ned hielt inne. Verdammt. Er hatte das Preisauszeichnungsgerät bei den Lichterketten liegen lassen. Kurz überlegte er, ob er es riskieren sollte, es dort bis morgen ruhen zu lassen, entschied sich aber dagegen. Musste der Cheeseburger noch etwas warten. Ned bog in seinen Gang ein und erreichte das Regal ohne Zwischenfälle. Er griff nach dem Preisauszeichnungsgerät und hielt dann jedoch inne, als Fetzen einer Unterhaltung durch das Summen der Glühbirnen zu ihm herüber drangen. "Es zeigt sich doch immer wieder, die Größe ist nicht entscheidend ..." Neds Kopf ruckte so schnell herum, sein Physiotherapeut wäre über diese Mobilität der Halswirbelsäule begeistert gewesen. Weniger begeistert wäre dagegen sein Chef gewesen, denn die Preisschildpistole rutschte in dem Moment aus seiner Hand und fiel mit einem lauten Scheppern zu Boden. Die beiden Frauen sahen zu Ned herüber. Ned stierte dümmlich zurück. Die beiden Frauen runzelten - in Zeit und Intensität völlig identisch - die Stirn. Ned lächelte dümmlich. Die beiden Frauen drehten sich wieder um, um ihre Unterhaltung fortzusetzen. Ned hob das Gerät vom Boden auf und ging mit schnellen Schritten den Weg zurück, den er gekommen war. Sein Hunger war verflogen, der Grund seines raschen Rückzugs war ein anderer: Wenn er auf der anderen Seite, genau in Höhe der farbigen Toiletten-Deckel sein Ohr wahlweise an Regal oder Deckel hielt, würde er genau hören können, was auf der anderen Seite gesprochen wurde. Und das interessierte Ned brennend. "Wem sagen Sie das? Es ist ja auch alles eine Frage der Ausdauer, oder?" "So ist es. Wenn ich denke, wie oft mir das schon passiert ist, das kurz vor dem entscheidenden Moment plötzlich nichts mehr ging. Frustrierend und reichlich unbefriedigend so eine Situation." "Und man kann selbst ja nichts dafür. Zumindest in meinem Fall, denn eigentlich versorgt mich mein Arbeitgeber immer mit Nachschub..." Das Klodeckelmosaik begann merklich zu zittern als sich Neds Ohr noch mehr auf die mit kleinen lustigen Fischen bemalte Brille drückte und sich Neds Kopf fragte, ob es dort, wo die Frau arbeitete, geschlechtliche Gleichstellung gab. "... lassen sie mich raten: Sieht gut aus, fasst sich gut an, aber versagt beim ersten Praxistest vollkommen." "Scheint, Sie kennen das Problem auch." "Mehr als gut. Mein Partner hat am Anfang auf diese riesigen Monsterteile geschworen, aber inzwischen konnte ich ihn davon überzeugen, dass klein aber fein ein äußerst sinnvoller Spruch ist." Ihr Partner? Monsterteile? Menschliche Abgründe. Tiefe menschliche Abgründe...
Das Ohr verschmolz mit einem dicken Goldfisch. "Na ja, wir arbeiten schon in der Regel mit der optimalen Größe, schon immer, aber der Verschleiß ist doch enorm..." DAS konnte sich Ned inzwischen vorstellen. Er musste definitiv herauskriegen, wo die Damen arbeiteten - allerdings nun eher aus Sicherheitsaspekten heraus, denn *irgendwo* musste der Nachschub für den Verschleiß ja herkommen. "Und das schließt nicht die Fälle von Verlust, Diebstahl oder Bruch mit ein." Bruch!!!!!????? "...oder auslaufen, passiert auch immer mal wieder." Na ja, also, *das* konnte nun jedem mal ... "Eindeutig." "Deshalb bin ich dazu übergegangen für Notfälle immer ein eigenes Exemplar in greifbarer Nähe zu haben." "Eins, das auch unter schwersten Bedingungen seinen Dienst tut." "Genau." Schwerste Bedingungen? Ned dachte inzwischen ernsthaft über Flucht nach. "Haben Sie schon eine Wahl getroffen?" "Ja, der junge Mann mit dem blauen Kittel ...." Ein lauten Scheppern und Krachen schnitt Dana Scully das Wort ab. Sie blickte ihre Gesprächspartnerin fragend und leicht alarmiert an. "Was war denn das?" Janet Fraiser zuckte mit den Schultern. "Klingt als wäre etwas aus einem Regal gefallen. Janet runzelte die Stirn. "Da wird sich sicher gleich der junge Mann von der Kasse drum kümmern. Er meinte vorhin, die Mag-Lites wären im Angebot." Ein freudiges Lächeln, das eigentlich normalerweise für den Sommer-Schlussverkauf reserviert war, erschien auf dem Gesicht der Ärztin. "und wenn man noch den 20er Pack Duracell-Batterien dazu kauft, gibt's noch mal zehn Prozent Rabatt."
"Na das nenne ich ein wirklich gutes Angebot." Die Erleuchtung traf Ned nur Millisekunden vor dem Massivholz-Deckel Marke "Eiche rustikal" als er das Scharren von Taschenlampenverpackungen hörte, die von zarten Frauenhänden aus dem Regal gehoben wurden...
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