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Ein einfaches Wort© by Ziyal ()
Die Zeit scheint konturenlos zu sein, seitdem wir die Cacafuego erobert haben. In einer halben Stunde werden wir in Port MÁhon einlaufen; mir war, vor Allem aufgrund der Versorgung meiner Patienten, gar nicht aufgefallen, wie viel Zeit bereits vergangen ist. Mir blieb keine Zeit, die Ereignisse zu reflektieren. Ich scheine in den vergangenen Stunden mehr funktioniert als gelebt zu haben. Gestern um diese Zeit fanden die Bestattungen statt. Ein irrationaler Teil von mir kann es immer noch nicht fassen, dass James gefallen ist. Ich wünschte, er hätte vorher sein beharrliches Schweigen mir gegenüber gebrochen. Und fast noch mehr wünschte ich, Jack hätte die Chance gehabt, seinen Händel mit ihm beizulegen. Das Wissen darum, kein klärendes Gespräch mehr geführt zu haben, belastet mich ungemein. Ich bin sicher, Jack geht es genauso, auch wenn er bisher darüber kein Wort verloren hat. Er hat während der Bestattung geweint wie ein Kleinkind. Das hatte ich nicht erwartet, am allerwenigsten von ihm. Und alles nur, weil diese Sturköpfe ihre Ehre einem Pfauen gleich vor sich her tragen und sich gegenseitig ständig beharken mussten! Aber welches Recht habe ich, mich darüber zu mokieren, wenn meine irische Seele sofort nach einem Renkontre verlangt, sobald auch nur der Hauch einer Ehrbeleidigung an mein Ohr dringt.
Nun, James Dillon ist unwiederbringlich gegangen, vielleicht in eine bessere Welt. Zumindest hat es ihn aus der von Jack Aubrey und der meinen befreit; und der Gedanke drängt sich mir auf, dass dies sein vordergründiges Ziel gewesen war. Sein Verhalten in den letzten Wochen, die ewige Suche nach Provokation, einem Duell oder besser noch einer Schlacht, erscheint mir im Nachhinein wie die Suche nach einem Ausweg, besonders wenn ich sein beinahe glückliches Aussehen im Tode bedenke. Doch ist der Tod wirklich das, was James wollte, sich vielleicht erhofft hat? Ist es wirklich das Paradies, der Himmel, wie er in der Bibel steht, der uns von allem Bösen erlöst? So, wie wir es uns alle erhoffen, wie ich es mir erhoffe? Es ist schon seltsam, dass ich mich nach all den Jahren des Umganges mit dem Tod nie, jedenfalls nicht tiefgründig, gefragt habe, was danach kommt. Ist es nur das Dahinscheiden der Hülle? Und wenn ja, was passiert dann aber mit dem Geiste? Ich bin offenbar so sehr auf das materielle Ergründen des Todes bedacht, dass der spirituelle Aspekt auf mich keinen Reiz ausübt. Vielleicht ist es auch nur meine Angst davor, mich mit meiner eigenen Sterblichkeit auseinander zu setzen, die in mir dieses fast pathologische Verlangen auslöst, alles zu sezieren, zu katalogisieren und zu benennen.
Ein Klopfen an der Tür seines Kabuffs riss Dr. Stephen Maturin aus seinen Gedanken. Er rief "Ja bitte.", während er sein Tagebuch schloss und die Feder niederlegte. Einen Moment später erschien Bondens Kopf in der Türöffnung. "Entschuldigen Sie vielmals Doktor, der Captain lässt fragen, ob Sie heute Abend mit ihm speisen wollen. Und falls Sie die Einladung annehmen sollten, ersucht er Sie, Ihr Cello mit zu bringen." Dies entlockte Stephen ein schwaches Lächeln; offenbar ging es Jack nicht viel anders als ihm; und warum sollten sie sich allein ihrer melancholischen Stimmung hingeben, wenn man dabei doch hervorragend Kammermusik machen konnte. Zugegeben, hervorragend war nicht das Wort, das ihm spontan zu den gemeinsamen Darbietungen einfiel, aber passabel war ihr Spiel allemal. "Überbringen Sie dem Captain meine Grüße; ich werde seine Einladung gerne annehmen." Bonden zwinkerte ihm zu. "Aye, Sir. Captain Aubrey hatte es gehofft und bittet Sie um 9 Uhr zu ihm ins Crown zu kommen." Dann setzte er sein wohlbekanntes spitzbübisches Grinsen auf und zog sich zurück.
Die Neuigkeit ihres Sieges hatte sich sehr schnell verbreitet, wie der Doktor überrascht feststellte. Die üblichen Abläufe ihrer Rückkehr nach Port MÁhon gerieten dieses Mal Durch die Schaulustigen am Pier eher zu einem Tohuwabohu. Kurz bevor Stephen die Sophie verließ, hatte er Jung Rickett gebeten, sein Cello Direkt zum Crown bringen zu lassen, wo Captain Aubrey wohnte, wenn sie länger als eine Nacht auf Menorca blieben. Danach machte er sich auf den Weg zum Haus von Dr. Florey, der ihm eine Schlafkammer zur Verfügung gestellt hatte - sowie eine nicht unbeträchtliche Lagerfläche für all die Kostbarkeiten seiner Sammlung. Das Haus von Dr. Florey lag recht hoch an dem Hang, der den Hafen überblickte. Stephen hielt auf seinem Weg immer wieder inne und schaute zurück zur Sophie, beobachtete die Menschen, die wie ein Schwarm fleißiger Ameisen auf dem Pier und dem Schiff herumliefen. Vor kurzem noch hatte er von hier aus James Dillons Gestalt ausmachen können, wie diese die Arbeiten überwachte... Stephen spürte einen Stich bei dem Gedanken, dass künftig ein Anderer diese Aufgabe übernehmen sollte.
Dr. Florey begrüßte ihn herzlich wie immer, fragte interessiert nach den Neuigkeiten, die Stephen ihm in Kurzfassung bei einer Limonade auf der Terrasse erzählte. Dann zog er sich in seine Kammer zurück und versuchte noch ein paar Stunden zu schlafen, bevor er sich auf den Weg ins Crown machte. Stephen schlief unruhig, träumte von Tod, Blut, Ehre und anderen bizarren Dingen, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, als er völlig erschlagen aufwachte. Eigentlich wollte er noch ein heißes Bad genommen haben, aber dazu reichte die Zeit nicht mehr. So wusch er sich nur den Staub des Tages vom Leib, zog ein frisches Hemd und Socken an und machte sich auf den Weg zu Jack Aubreys Unterkunft.
Mit dem Läuten der Kirchturmuhr betrat Stephen die Pension. Mercedes, das Dienstmädchen, begrüßte ihn freudig und bestürmte ihn auf Katalanisch, von der Schlacht zu berichten. Stephen wehrte sie freundlich, aber bestimmt, ab und betrat einen kurzen Moment später das Zimmer, in dem Jack residierte.
"Stephen, mein Guter, schön dass du kommen konntest!", begrüßte ihn sein Gastgeber freundlich. Die Strapazen der vergangenen drei Tage waren Jack deutlich anzusehen. Die Augen lagen tief in dunkel umrandeten Augen, der sonst sonnengebräunte Teint war unwirklich bleich. Die Haare sahen ungekämmt aus und rasiert hatte er sich auch nicht. Er wirkte niedergeschlagen und machte einen abwesenden Eindruck. Die visuelle Umsetzung meiner Gemütsverfassung, dachte Stephen. "Hab Dank für die Einladung, Jack. Ich muss sagen, nach dem kargen Mahl der vergangenen Wochen freue ich mich doch sehr auf ein anständiges Essen.", entgegnete er, während Captain Aubrey ihm den angesichts der lauen Nacht überflüssigen Rock abnahm, welchen Stephen auch nur des Anstandes halber getragen hatte. Die Tafel war schon reichlich gedeckt; es roch nach Hammelkeulen auf Knoblauch und Rebhuhn in Weißwein-Sauce. Auf dem Tisch entdeckte Stephen noch einige Schüsseln, die Bohnen, Speck, Kartoffeln und allerhand andere Beilagen enthielten, und auch für ausreichend Wein hatte sein Gastgeber gesorgt.
Während des Essens sprachen sie nur über belanglose Dinge, soweit denn einer der Beiden das Schweigen brechen wollte. Stephen war froh, dass er mit Jack zusammen schweigen konnte, ohne dass es unangenehm war. Jeder bezog Trost aus der Anwesenheit des Anderen. Trotzdem war Stephen wieder einmal über die Leichtigkeit erstaunt, mit der Jack raue Mengen an Fleisch und Beilagen vertilgen konnte, vom Wein ganz zu schweigen. Nachdem sie gespeist und über einer Kanne Kaffee die Politik der Admiralität diskutiert hatten, schlug Jack vor, die Sonate in G -Moll von Purcell zu spielen, aber das war Stephen eindeutig zu düster. Sie einigten sich schließlich darauf, sich an den für zwei Instrumente spielbaren Teil von Vivaldis Vier Jahreszeiten zu versuchen, deren Partitur Stephen über einen Patienten Dr. Floreys erhalten hatte.
Sie kamen ganz passabel durch den zweiten Satz des Frühlings, und auch der Solopart des Sommers gelang ihnen recht gut. Schließlich spielten sie noch den zweiten Satz aus dem Winterkonzert, allerdings bemerkte Stephen, dass sich Jack während des Spiels von der Melodie forttragen ließ, und er selbst Mühe hatte, die ausbalancierte Harmonie des Werkes beizubehalten. Als Jack dann aber endgültig die Melodie zu entgleiten drohte, brach Stephen sein Spiel ab. "Jack, du konzentrierst dich ja gar nicht!", tadelte er seinen Freund. Langsam ließ Jack seine Violine sinken, und seine Schultern schienen gleichermaßen mit gen Boden zu rutschen. Er senkte den Blick und begann, ein Loch in den Boden vor seinen Füßen zu starren. Stephen musterte Jack einen Moment mit den Augen des Schiffsarztes. Diesen sonst so jovialen und lebensfrohen Menschen derart niedergeschlagen zu sehen, bereitete ihm Sorgen. Er entschied aber, dass dies kein Fall für den Arzt Dr. Maturin, sondern für den Freund Stephen sei, und schob sein medizinisches Gedankengut beiseite. "Was ist los mit dir? Du bist doch sonst nicht so unkonzentriert.", sagte Stephen, sein Cello beiseite legend, denn er hatte nicht das Gefühl, er könnte sein Instrument an diesem Abend noch ein weiteres Mal erklingen lassen. Das Gesicht Jack Aubreys war durch das Kerzenlicht nur teilweise zu erkennen, und durch das tanzende Licht schienen seine Augen noch tiefer in den Höhlen zu liegen. Er ließ den Bogen zu Boden gleiten und wischte sich fahrig mit der Hand über sein Gesicht. Dann griff er nach dem halb vollen Glas Weißwein, das auf dem Tisch stand, und kippte den Inhalt in sich hinein. Erst dann schaute er zu Stephen auf. "Stephen, ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich fühle mich so... entwurzelt, aber ich habe keine Idee, woher das herkommen könnte. Ich fahre nun schon so lange zur See und habe unzählige Kameraden verloren. Ich dachte immer, der Tod berühre mich nicht mehr so stark. Doch dieses Mal, dieses Mal ist es anders als sonst." Stephen betrachtete seinen Freund lange und intensiv. Wahrscheinlich ist es das erste Mal, dass der Tod ihn um eine ehrliche Antwort betrogen hat, dachte er. Schließlich wusste Stephen - dachte er zu wissen - was in seinem Freund vorging. Er erinnerte sich an die Stimmungsänderung, die mit der aufkeimenden Freundschaft zwischen Jack und James einherging, wie sie das gesamte Schiff zu beflügeln schien. Und dann kam der Bruch, der für Jack nicht zu erklären war und eine so auf Harmonie bedachte Person wie ihn ungemein belastete, denn das veränderte Verhalten ging allein auf James' Kappe. Dillon hatte mit sich, seiner Ehre und seinem irisch - sein gehadert, konnte mit Jack als seinem Kommandanten aber nicht darüber sprechen, denn das hätte ihn nicht nur seine Karriere in der Navy gekostet. Diese ganze Geschichte ging auch ihm an die Nieren, mehr sogar, als er es sich eingestehen wollte. Und nun schien es Stephen, als sei Jack an demselben Punkt angelangt wie er selbst, ohne allerdings seine Situation bereits reflektiert zu haben. "Ist es James' Tod, der dir zu schaffen macht?", fragte Stephen, der sich seiner Schlussfolgerung nicht ganz sicher war. Jack nickte zögerlich. "Ich habe schon so manchen Freund in der Schlacht verloren, aber dieses Mal fühlt es sich so... falsch an." Jack schüttelte den Kopf. "Ach, ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist immer falsch, einen Freund im Krieg zu verlieren!" Stephen griff nun selbst zu seinem Weinglas und nahm einen Schluck, allerdings eher um etwas Zeit heraus zu schinden als sich Mut anzutrinken, wie es ihm bei Jack erschienen war. Dieses Thema war sehr heikel, denn um keinen Preis wollte er sein Wissen um James' Verhalten an Jack weitergeben - die Ehre eines Toten war ihm heilig- und doch war es ihm ebenfalls sehr wichtig, Jack das Herz etwas zu erleichtern. Jack wurde der Violine in seiner Hand gewahr und legte diese vorsichtig auf dem Tisch ab. Dann schaute er erwartungsvoll zu Stephen herüber, welcher ihn immer noch musterte, sein Weinglas dabei sacht in der Hand hin-und her drehend. Nach einem weiteren Moment fragte der Doktor:"Was fühlt sich denn falsch an? Versuch es in Worte zu fassen, am Besten sagst du das Erste, was dir einfällt." Jack schüttelte sacht den Kopf. "Wie du meinst, Stephen.", antwortete er, kniff die Lippen zusammen, atmete ein paar Mal tief ein, bevor es aus ihm herausplatzte: "Er kann doch nicht einfach sterben, ohne vorher klar Schiff zu machen!" Jack suchte den Blick seines Freundes in der Hoffnung, dort die Erklärung zu finden, die ihm versagt geblieben war - oder zumindest Verständnis für seine Gefühlsaufwallung. Stephen erwiderte den Blick einen Moment voller Mitgefühl, bevor er sich abwandte, denn er konnte ihm nicht die Wahrheit sagen. Zumindest war ihm nun klar, dass Jack wirklich damit zu kämpfen hatte, dass ihm James die Freundschaft entzogen hatte, ohne sich zu erklären. Er legte den Kopf schief, schaute seinen Freund erneut an und bedeutete Jack, fort zu fahren. "Ich meine, erst dauert es Ewigkeiten, bis ein Einvernehmen entsteht; dies wird gefolgt von einer Zeit, die zu den Schönsten meiner gesamten Karriere zählt - ich glaube, die Seefahrt hat mir noch nie so viel Spaß gemacht, es lief alles wie am Schnürchen - und dann..." Jack verstummte und starrte düster ein weiteres Loch in den Fußboden. "Und dann hat sich James verschlossen, und du weißt nicht warum.", beendete Stephen den Satz. Jack nickte. "Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, ich wäre für ihn ein Franzose oder gar etwas Schlimmeres." Er überlegte kurz, dann fuhr er fort: "Ich muss gestehen, dass die Situation doch mehr Schaden in meinem Rigg hinterlassen hat, als ich es mir einzugestehen wagte. Ich spüre ein großes Loch in meinem Royalsegel, wenn ich dies Bild anführen darf. Das Warum nagt an mir. Was habe ich falsch gemacht?" Dieses Mal starrte er ein Loch in Stephens Cello. Stephen lächelte angesichts der Wortwahl seines Freundes. Wortreich war Jack nur in maritimen Dingen, und es freute Stephen, dass er sich dessen besonnen und seinen Gedanken auf diese Weise Ausdruck verliehen hatte. Außerdem kamen sie langsam zum Kern der Dinge. Behutsam wählte er nun die folgenden Worte: "Also ist Freundschaft für dich von großer Bedeutung." Dabei schaute er Jack so intensiv an, dass dieser unwillkürlich den Kopf hob und ihn mit verschleiertem Blick ansah. Dann nickte er langsam und die Augen wurden wieder klar und er fixierte die Bordwand hinter Stephen. "Es gibt für mich nur drei Dinge im Leben, die diesem einen Sinn verleihen und an die ich glaube: Freundschaft, Liebe und Seemannschaft. Ich hab' zwar auch den ganzen Kram gelernt, den die Prediger in den Kirchen erzählen, aber wenn Du auf See bist, zählt der liebe Gott nicht, jedenfalls nicht so, wie man es uns in der Kirche beibringt. Pfaffen an Bord bringen nur Unglück, lass es Dir gesagt sein! Das, was zählt ist deine Hingabe an die Seemannschaft und damit deine eigene Leistung. Und die Liebe - was wäre die Welt ohne die Liebe? Sie bereitet Durchaus Kummer, wie ich mir leider immer wieder eingestehen muss, aber sie gibt einem Mann doch auch das Gefühl, etwas zu bedeuten. Aber Freundschaft..." Jack machte eine kleine Pause, um seinem Freund nun in die Augen zu schauen. "Freundschaft ist der Rumpf des Lebensbootes. Sie hält einen über Wasser und gibt einem ein Gefühl von Sicherheit. Ich hatte das schon fast vergessen, und war fixiert auf die anderen zwei Aspekte. Aber dann habe ich dich getroffen - dem Herrn sei's gedankt - und ich habe erkannt, dass ich die Jahre mit gerefften Segeln unterwegs war. Du hast mich daran erinnert, wie wichtig es ist, sich mit jemandem austauschen zu können. Ja, du wirst jetzt denken, dass man sich auch mit einer Frau austauschen kann, aber das ist was anderes, Frauen denken anders." Er grinste ein wenig verlegen, dann fuhr er fort: "Ich habe gelernt, wieder zu vertrauen, und das verdanke ich dir." Stephen war gerührt. Und sprachlos. Bisher hatte niemand sich ihm gegenüber so herzlich geäußert. Und es machte ihn auch ein wenig verlegen, schließlich kamen diese Worte von einem Mann. Gleichfalls wurde er sich schmerzlich bewusst, dass er doch viel zu sehr Geheimniskrämer war, als dass er Jack im Gegenzug ein solches Vertrauen schenken konnte. Abgesehen vielleicht von seinen maritimen Fähigkeiten, denen Stephen schon fast blind vertraute. So schenkte er Jack das wärmste Lächeln, zu dem er imstande war, während er nach einer passenden Erwiderung suchte. Schließlich sagte er nur: "Danke, mein Freund. Ich danke dir von Herzen." Ungern wollte Stephen zu dem noch ungelösten Problem namens James Dillon vordringen und dafür diesen warmen Platz in seinem Inneren aufgeben, den Jacks Worte in seinem Herzen erschaffen hatten. Aber Durch die Äußerung seines Freundes wurde ihm nun auch das Ausmaß dieses Problems klar. Schweren Herzens griff er den Gesprächsfaden wieder auf. "Mein Lieber, dann hat James also Durch sein Verhalten deinen Glauben an die Freundschaft arg lädiert. Sehe ich das richtig?" Sofort verdüsterte sich Jacks Gesicht wieder. "Es war einfach nicht fair. Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Er hat mich fast rasend gemacht mit seinem Verhalten. Und dann die Beleidigungen... ich ertrage wirklich eine Menge, wenn ich in guter Verfassung bin, aber das war wirklich zu viel! Für mich war diese Zeit die Hölle." Bei der bloßen Erinnerung veränderte sich der Ausdruck im Gesicht des Seemannes und ein Anflug von Schmerz und Zorn zeigte sich darin. "Aber was ist, wenn es gar nicht an dir gelegen hat?", fragte Stephen. Jack wandte sich seinem Freund zu, eine Mischung aus Zweifel und Hoffnung im Blick. "Was ist, wenn James in einer Lage war, die ihm keine Wahl ließ?". Nun kniff Jack die Augen zusammen, ein Zeichen für angestrengtes Nachdenken, wie Stephen wusste. "Was meinst du damit?", fragte er schließlich, denn offenbar hatte der reichliche Weingenuss und das Sinnieren über solch trübsinnige Themen seine Denkfähigkeit etwas beeinflusst. Stephen seufzte auf. Er hatte gehofft, diesen Punkt nicht weiter ausführen zu müssen, denn hier konnte er trotz aller Vorsicht an einen Punkt gelangen, an dem er mehr von James' - und seinem eigenen - Geheimnis preisgeben konnte, als es ihm lieb war. So sagte er schlicht: "Eine Frage der Ehre.", und ließ Jack damit genügend Raum, diese Floskel mit seinen - hoffentlich tröstlichen - Vorstellungen zu füllen. Nach einem Moment der Stille schienen Stephens Worte ihren Bestimmungsort erreicht zu haben, denn Jack fing den ihm zugespielten Gedanken auf wie ein Besansegel den Wind. "Du meinst also, dass ihn seine Ehre als Navy-Offizier dazu gebracht hat, so zu handeln?", ertönte seine volle Stimme, nun mit keimender Hoffnung betankt und daher lauter werdend. Stephen überlegte einen Moment, ob das, was ihm auf der Zunge lag, James' Andenken in Gefahr brachte. Schließlich entschied er, dass ihm das Seelenheil seines lebenden Freundes doch mehr bedeutete als ein Kratzer am Ruf seines toten Freundes, und so sagte er: "Ich denke, es war mehr seine Ehre als Ire und als Mann, die im Konflikt mit seiner Ehre als Navy-Offizier stand." Diese Antwort erschien ihm immer noch genügend Interpretationsfläche zu bieten, und Jack nutzte dies auch geschwind aus. "Du meinst, seine Ehre wurde auf mehreren Ebenen angegriffen?", und als er Stephen nicken sah, fuhr er wie vom Strahl der Erkenntnis getroffen fort: "Das heißt also, dass eine Frau dahinter steckt. Ja, so muss es sein. Eine Frau, wahrscheinlich war sie ihm versprochen und ein anderer ist ihm dazwischen gekommen. Er wollte seine Ehre als Mann und als Ire wieder herstellen, aber sein Pflichtgefühl und seine Ehre als Offizier der Navy hielten ihn davon ab. Oh ja, das kann ich gut nachvollziehen!" Jack setzte ein grimmiges Gesicht auf, welches Stephen an sein letztes, vergebliches Rendezvous mit Molly Harte erinnerte, das wohl nicht unerheblich an seiner Ehre als Mann und Offizier genagt hatte. Dass Jack dieses Motiv zum Ausfüllen der Floskel nutzte, erleichterte Stephen ungemein, und er wollte sein Bestes tun, damit Jack diesen Gedanken weiter ausbaute. Der wahre Grund bliebe somit weiterhin ungenannt, und James konnte in Frieden ruhen. "Wahrscheinlich wurde die Frau gegen ihren Willen einem Anderen gegeben, und diese Nachricht erreichte ihn weit entfernt von daheim.", sagte Stephen. "Aber wenn es um eine Frau gegangen wäre, hätte er doch sicher mit mir gesprochen, oder?", wandte Jack ein, der diese Sache offenbar doch noch nicht so weit akzeptierte, wie Stephen es gehofft hatte. Daher fügte dieser schnell an: "Es kann sich nur um die Tochter eines Vorgesetzten gehandelt haben, dem er nicht gut genug als Schwiegersohn war. Sich über seinen Vorgesetzten zu mokieren, kann einem Mann die Karriere kosten. Stell dir vor, so einem Miesepeter wie Admiral Harte als Vater der Braut gegenüber zu stehen. Dem wäre kein Kandidat gut genug; der hätte bestimmt auch an Lord Nelson persönlich etwas auszusetzen." Bei der Erwähnung von Admiral Harte versteinerte sich die Mine des Captains, und Stephen erkannte an der kalten Wut in seinen Augen, dass er das richtige Beispiel gewählt hatte. Jack kochte noch einen Moment still vor sich hin, bevor er fast verächtlich sagte: "Miesepeter wie den Harte gibt es zuhauf in der Navy! Und einer von denen hat James auf dem Gewissen!". Erleichtert atmete Stephen aus. Bis zu diesem Moment hatte er nicht bemerkt, dass er vor Anspannung nicht zu atmen wagte. Doch nun hatte er erfolgreich ein neues Feindbild in den Kopf von Jack Aubrey gepflanzt; nun konnte er sich wieder ungefährlicheren Dingen zuwenden. Er griff nach der Weinkaraffe und schenkte ihnen beiden noch ein Glas ein. Nach dieser erfolgreich absolvierten Schlacht brauchte seine Kehle dringend Flüssigkeit und seine Nerven etwas zur Beruhigung. Er stellte die Karaffe ab, reichte Jack sein Glas und prostete ihm zu. "Auf die Freundschaft. Möge sie uns immer trockene Füße bescheren!", sagte er, und sie tranken. Jack leerte sein Glas wieder deutlich zügiger als Stephen, behielt das leere Gefäß aber noch in der Hand und drehte es gedankenverloren herum. Ein paar Augenblicke später schaute er Stephen an und lächelte müde. "Nun habe ich Dir zu danken, mein Freund.", sagte er. Die Vorstellung, es habe nicht an ihm gelegen, beflügelte Jack offenbar so sehr, dass Stephen beobachten konnte, wie sich seine Lebensgeister augenblicklich entschieden, in seinen Körper zurück zu kehren. "Nichts zu danken, mein Lieber. Dazu sind Freunde doch da.", erwiderte Stephen lächelnd. Dann leerte auch er sein Glas und begann, sein Cello zu reinigen und zu verstauen.
Als Stephen in seine Kammer im Hause Dr. Floreys zurückkehrte, goss er sich geschwind ein Glas Wein ein, entzündete die Kerzenstumpen auf seinem mit allerlei Krimskrams übersäten Schreibtisch, und holte sein Tagebuch hervor. Nach einem Moment des Lesens tauchte er die Feder in die Tinte und begann zu schreiben.
Wenn ich die Zeilen von heute Vormittag noch einmal lese, erscheint es mir so seltsam, dass ich das Offensichtliche nicht wahrnehmen wollte. Das, was mir neben des Verlustes eines Freundes und Kameraden zuschaffen macht, ist ein Verlust, der schon recht lange her sein muss. Ich habe keinen Glauben mehr. Die Worte der Messe, die Gebete und Gesänge, das erscheint mir hohl und zwecklos. Doch der Mensch muss an etwas glauben, an etwas, das ihm Halt gibt. Für mich erfüllt die Wissenschaft diesen Zweck. An harte Fakten, an Naturgesetze kann ich mich halten, sie sind einfach, logisch, simpel - und unbeeinflusst. Die Wissenschaft ist eine nüchterne Angelegenheit und passt hervorragend zu meinem Intellekt. Das Gespäch mit Jack über James' Tod und sein Glaube an die Freundschaft hat mir aber eines klar gemacht: Ein einfaches Wort: Vertrauen. Vertrauen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Und Vertrauen ist auch die Basis für den Glauben, denn wer nicht vertraut, der kann nicht glauben. Wann habe ich das letzte Mal jemandem mein Vertrauen geschenkt, und dieser Person wirklich bedingungslos vertraut? Das ist sehr lange her. Wissenschaft braucht kein Vertrauen. Ich bin ein solcher Geheimniskrämer, dass ich dieses einfache und doch so wichtige Wort fast aus meinem Wortschatz gestrichen hätte. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass mein Mangel an Vertrauen auch das Verschwinden des Glaubens und die aufkeimende Geheimniswirtschaft beeinflusst hat. Daran muss ich etwas ändern, denn wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hungert meine Seele danach, mich jemandem anzuvertrauen. Mich aus meiner selbst gewählten emotionalen Isolation zu befreien wird sicher ein hartes Stück Arbeit, aber seit heute Abend weiß ich, dass es sich lohnt. Es gibt eine Möglichkeit, die ich nur ergreifen muss. Diese Möglichkeit ist die Freundschaft zu Jack Aubrey.
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