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48 Stunden

© by Sam23 ()
 
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Hawkeye Pierce gähnte und streckte sich. Er blinzelte, als die hellen Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen. Im ersten Moment war er irritiert.

 

Fenster? Der Sumpf hatte keine Fenster. Er musste noch schlafen.

 

Dann erinnerte er sich. Den Sumpf gab es nicht mehr. Er hatte gestern selbst gesehen, wie das alte Zelt, das für so lange Zeit sein Zuhause gewesen war von einigen Männern in Grün dem Erdboden gleichgemacht worden war. Ein Teil von ihm hatte gejubelt, aber ein anderer war auch ein wenig traurig gewesen.

 

Er war nicht mehr in Korea, sondern in Japan und wartete zusammen mit Hunderten anderer Armee-Angehöriger auf eine Transportmöglichkeit zurück in die Staaten. Seinen fest gebuchten Platz in einer Militärmaschine hatte er in letzter Sekunde einem Verletzten überlassen, für den Zeit Mangelware war. Je eher der Junge in einem richtigen Krankenhaus war, desto besser. 48 Stunden hin oder her machten jetzt auch keinen Unterschied mehr, hatte Hawkeye entschieden. Er stand auf und betrachtete die olivgrüne Kleidung, die er achtlos neben das Bett geworfen hatte. Noch einen Tag würde das Zeug seinen Dienst tun und dann würde er sich für immer von dieser ekligen Farbe verabschieden. Hawkeye hatte sich fest vorgenommen in den ersten Monaten zuhause nur farbenfrohe Kleidung zu tragen - egal was sein Vater dazu sagen würde.

Hawkeye trat ans Fenster und blickte hinunter in die Straßen von Tokio. Olivgrün, wohin er auch sah. Hawkeye seufzte. Er wollte nicht für den Abtransport all dieser Männer verantwortlich sein - die meisten waren bis oben abgefüllt vom Feiern. Hawkeye hatte sich gestern Abend ebenfalls überlegt, ob er zur Feier des Tages sich einfach anschließen sollte, doch irgendwie war es ihm nicht richtig erschienen an diesem Tag zu feiern. Er hatte so viel verloren an diesem Tag, jedenfalls fühlte es sich so an. Wenigstens war die Angst seinen besten Freund nie wieder zu sehen inzwischen verschwunden. Seit er in den Hubschrauber gestiegen war, wusste er, dass BJ und er sich wiedersehen würden und bis dahin - wozu gab es die Post und das Telefon?

Doch was die anderen anging, war sich Hawkeye nicht so sicher. Charles und Father Mulcahy, Klinger und Potter und ja - und Margaret. Hawk schluckte als er an Margaret dachte. Irgendetwas war falsch, das fühlte er bis tief in sein Herz, aber er wusste oder wollte es nicht wissen. Die Art, wie sie auseinandergegangen waren - es war einfach nicht richtig gewesen. Damit meinte er nicht den Kuss, oh nein, der war goldrichtig gewesen, der richtige Ort, die richtige Zeit. Aber das Schweigen, das diesem Kuss folgte und vorausgegangen war, war es, über das sich Hawkeye Gedanken machte. Er, der eloquente Spaßmacher, dem es so gut wie nie die Sprache verschlug, er war dagestanden und hatte gemurmelt: "Na ja, dann." Zugegeben Margarets Antwort war nicht wirklich beredt gewesen, aber das machte es irgendwie nicht besser. Hawkeye würde sie möglicherweise nie wiedersehen und mehr als ein "Alles Gute", war ihm nicht über die Lippen gekommen.

Er schüttelte den Kopf und beschloss einen kleinen Spaziergang zu machen, das lenkte seine Gedanken sicher ab. Sein neuer Flug verließ Tokio nicht vor heute Abend, also hatte er noch genug Zeit einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen, die für ihn und die anderen in den letzten Jahren gleichbedeutend mit dem Paradies gewesen war.

Er trat auf die Straße und atmete den Duft nach Menschen, exotischen Kräutern und noch exotischerem Essen ein und musste Lächeln. Es stank, aber wenigstens nicht nach Blut und Tod. An Hawkeye drängelten sich zahlreiche grölende Soldaten vorbei, nicht mehr bewaffnet mit dem Maschinengewehr, sondern mit einer Flasche Bier - was aber unter ungünstigen Umständen genauso gefährlich sein konnte, dachte Hawkeye, als er einer Horde Army-Offiziere auswich, die an ihm vorbeistolperten.

Die Gesichter waren verwaschen, irgendwie alle gleich und zogen an Hawkeye vorbei wie Geister, von deren Existenz man wusste, die man aber nicht sehen konnte, so sehr man sich auch anstrengte. Der Spaziergang hatte sich als ungeeignetes Mittel herausgestellt, seine trüben Gedanken zu vertreiben. Hawkeye sah sich um. Er hatte jahrelang seinen Kummer heruntergespült, da machten 24 Stunden jetzt auch keinen Unterschied mehr. Er sah sich suchend um und steuerte dann auf eine kleine Bar zu, an deren Eingang junge japanische Frauen standen und den vorbeiziehenden Soldaten zulachten.

Hawk schob sich mit einer abwehrenden Handbewegung durch den Tross der Animiermädchen und betrat die Bar. Es war dunkel und es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten. Ein Geruch aus Zigarettenrauch, Bier und Schweiß schlug ihm entgegen. Wie bei Rosie, dachte er und schluckte seinen Widerwillen hinunter. Und es war voll, fast alle Tische waren besetzt und um die Bar hatte sich eine olivgrüne Menschentraube gebildet. Hawkeye sah sich suchend um. Er hatte keine Lust auf Gesellschaft, aber ihm würde wohl nichts anderes übrigbleiben, als sich an einen der Tische zu setzen.

In der hintersten Ecke, verborgen hinter einem Pfeiler entdeckte er einen kleinen Tisch ein wenig abseits vom Trubel. Er konnte ein Paar Hände sehen, die sich an Whiskey-Glas klammerten, aber abgesehen von diesem einen Gast war der Tisch leer. Und Gegröhle konnte er auch nicht aus dieser Ecke hören. Besser ein depressiver Heimkehrer als eine Horde betrunkener Idioten, dachte Pierce und trat auf den Tisch zu. Bevor er einen guten Blick auf seinen künftigen Tischnachbarn werfen konnte, standen zwei Majors am Nebentisch auf und schoben sich mit einer gemurmelten und nicht ganz einwandfrei artikulierten Entschuldigung an Hawkeye vorbei. Er blickte den Beiden irritiert nach, griff nach dem Stuhl und fragte: "Was dagegen, wenn ich mich dazu geselle?"

 

Die Person, die ihr Whiskey-Glas umklammerte, als sei es das einzige, woran sie sich festhalten konnte, hob den Kopf und Hawkeye blickte in ein paar Augen, dass er so gut kannte, dass er es in der größten Dunkelheit erkennen würde.

Also erst recht in einer verrauchten, dämmerigen Spelunke mitten in Tokio.

"Margaret?!"

Im ersten Moment starrte sie ihn nur fragend und stumm an und Hawkeye begriff sofort, dass das nicht ihr erster Whiskey gewesen sein musste, den sie da so hartnäckig beschützte. Dann, durch den Schleier der Gleichgültigkeit, konnte er sehen, dass sie ihn erkannte und sie blinzelte irritiert.

 

"Pierce?"

Hawkeye zog den Stuhl zu sich heran und ließ sich darauf sinken. Dann beugte er sich vor, ergriff ihre Hände und zwang sie so das Glas endlich loszulassen.

 

"Margaret! Was machst du denn hier? Solltest du nicht im 8063sten sein?"

"Und solltest du nicht schon in den Staaten sein?", fragte sie leicht lallend zurück.

Hawkeye wusste nicht ob er lachen oder weinen sollte. Da war sie: Margaret Houlihan - er hatte sie wiedergesehen und das gerade mal 48 Stunden nach ihrem Abschied in Korea. "Sagen wir einfach ich habe umgebucht, um noch etwas Sightseeing vor dem Heimflug einzuschieben", erklärte er mit einem Grinsen, hinter dem er Besorgnis verbarg. Margarets Blick sagte ihm, das etwas nicht in Ordnung war. Ganz und gar nicht in Ordnung.

 

"Also?", fragte er leise.

"Also was?"

"Warum finde ich dich hier? In dieser Spelunke und dazu nicht mehr ganz nüchtern und das", er warf einen Blick auf die Uhr, "um 10 Uhr morgens?"

"Ich wüsste nicht, was Sie das angehen sollte, Captain", schnappte Margaret und befreite sich aus seinem Griff, nur um die Hände wieder um das Whiskeyglas zu legen.

"Jetzt mache ich mir wirklich Sorgen", murmelte Hawkeye und sah sie eindringlich an. Sie wich seinem Blick aus und Hawkeye konnte regelrecht spüren, wie sie hastig eine feste Mauer um sich errichtete, in der Hoffnung, dass er diesmal nicht hinter die Fassade sehen würde können.

 

Hawkeye sah sich um und griff dann nach ihrem Arm. "Na komm schon, lass uns ein wenig an die frische Luft gehen. Das wird dir gut tun."

"Woher willst du das wissen", lallte Margaret, ließ sich letztendlich dann aber doch zum Aufbruch bewegen.

 

Auf seiner Wanderung durch die Straßen hatte Hawkeye einen Park in der Nähe entdeckt und dirigierte Margaret mit einiger Mühe durch die verstopften Gassen. Er schaffte es sogar noch zwei Becher Kaffee von einem Straßenhändler zu organisieren.

In dem Park war es verhältnismäßig ruhig. Hawkeye lenkte den Major zu einer Bank und drückte ihr den Kaffee in die Hand.

 

"Hier, es schmeckt sicher scheußlich, aber eines Tages wirst du mir dankbar dafür sein."

"Das bezweifle ich, denn ich werde nie wieder einem Mann auch nur für irgendetwas dankbar sein. Höchstens dafür, dass er mich in Ruhe lässt."

 

Eine Alarmglocke schrillte in Hawkeyes Kopf. Es ging also um einen Mann. Doch was konnte innerhalb der letzten 48 Stunden passiert sein, dass Margaret so aus der Fassung bringen konnte? Er wartete, bis sie mit kleinen Schlucken ihren Kaffee trank und dann den leeren Becher achtlos fallen ließ. "Denn alle Männer sind Schweine. Alle, ohne Ausnahme."

"Na vielen dank auch", erwiderte Hawkeye in gespieltem Ärger. Margaret sah ihn böse an, doch dann wurde ihr Blick traurig und sie schüttelte seufzend den Kopf.

"Entschuldige, war nicht so gemeint."

Er winkte ab. "Vergiss es, du hast mir schon ganz andere Sachen an den Kopf geworfen und ich habe es überlebt."

 

Margaret lachte kurz, als sie darüber nachdachte und legte dann in einer Geste der Verzweiflung ihre Hände auf ihr Gesicht. Hawkeye legte ihr die Hand auf die Schulter, doch Margaret wich hastig vor ihm zurück. Die Alarmglocke schrillte lauter.

 

"Was ist passiert?"

"Gar nichts. Nichts was in diesem beschissenen Krieg nicht schon tausend Mal passiert ist. Nichts, an dessen Aufklärung die Army auch nur irgendein Interesse hätte."

"Margaret?"

Sie schüttelte den Kopf. "Mir geht's gut, Pierce. Warum gehst du nicht zum Flughafen und reservierst dir schon mal einen Platz. Du fliegst nach Hause."

"Du doch auch."

Margaret schnaubte und lachte hart. "Ach ja? Dann sag mir mal, wo mein Zuhause ist? Bei meinen Eltern? Ganz sicher nicht. Du hast ein Zuhause Pierce, in das du zurückkehren kannst. Ein Haus, das dein Namenschild an der Klingel trägt. Ein Haus, in dem dich ein Mensch erwartet, der dich liebt. Und was habe ich? Einen Durchgangsbescheid vom Hauptquartier, das noch nicht entschieden wurde, wo ich in Zukunft stationiert sein werde. Das kann überall sein. Vielleicht bleibe ich sogar hier, wer weiß. Wäre vielleicht gar nicht das schlechteste."

Hawkeye war erschüttert, wie viel Bitterkeit und Schmerz in ihren Worten lag.

"Margaret, das . . ."

"Tut dir leid, ich weiß. Aber das ändert auch nichts."

Sie schwieg einige Sekunden und blickte ihn dann kurz sehr ernsthaft und prüfend an. Hawkeye wusste, dass es jetzt darauf ankam das richtige zu tun oder zu sagen, oder Margaret würde ihre Mauer mit Stahl versiegeln und er würde sie nie wieder erreichen können.

"Das wollte ich eigentlich nicht sagen. Ich wollte sagen, dass Heimat nichts mit einem Haus zu tun haben muss. Heimat ist keine Adresse. Wie heißt es so schön, die Heimat ist, wo das Herz ist. Und war dein Herz nicht immer bei der Army?"

Sie schwieg und knetete nervös ihre Hände. "Bis gestern war es das. Aber jetzt", sie zuckte mit den Schultern. "Sagen wir, jetzt würde ich am liebsten von zuhause weglaufen."

"Wieso?"

Sie sah ihn an. Sah in seine Augen, die soviel Mitgefühl und Sorge in sich trugen. Es hatte Zeiten gegeben, in denen sie Pierce zur Hölle gewünscht hatte. Zeiten, in denen sie sich angeschrieen hatten, dass es im ganzen Camp zu hören gewesen war. Aber sie hatte ihn nie fürchten müssen und letztendlich war er es gewesen, der sie aufgefangen hatte, als sie gefallen war. In dieser Nacht in der Hütte, als sie ihn gebeten hatte, sie festzuhalten, da hatte er es getan - ohne Fragen zu stellen, ohne schlüpfrige Kommentare abzugeben. Er hatte es einfach getan. Und seit dieser Zeit hatte sie ihm vertraut. Sie hatte ihm von ihrer vermeintlichen Schwangerschaft erzählt und er hatte sie in den Arm genommen, als Donald sie verlassen hatte. Doch würde er sie auch jetzt auffangen? Der Krieg war vorbei und heute Abend würde er in dieses Flugzeug steigen und aus ihrem Leben verschwinden. Der Gedanke war schwer genug und sie wusste, dass es ihr diesmal wesentlich schwerer fallen würde ihn gehen zu lassen als noch vor 48 Stunden. Erst recht, wenn sie ihm erzählte was passiert war. Dann hörte sie seine Stimme. Seine sanfte, ruhige, leise Stimme. "Was ist passiert, Margaret?"

Tränen stiegen in ihre Augen und sie schüttelte trotzig den Kopf. "Nichts."

"Margaret?", wiederholte er seine Frage leise und versuchte ihr wieder die Hand auf die Schulter zu legen. Diesmal wich sie nicht vor ihm zurück. Sie spürte, wie die Mauer in ihr zu bröckeln begann und schluchzte leise. Hawkeye strich ihr sanft über die Wange. "Hey, Kleines, was ist passiert? Ich will dir doch nur helfen. Lass mich dir bitte helfen, Margaret. Bitte."

"Es ist", schniefte Margaret leise. "Eigentlich ist es lächerlich, denn eigentlich ist gar nichts passiert. Wir sind zum 8063sten gefahren und haben dort mit angepackt. Am Abend war der Offiziersclub dort voll und es wurde viel getrunken und viel gefeiert..."

Hawkeye beschlich ein ungutes Gefühl und langsam dämmerte ihm, was Margaret wiederfahren sein könnte. Um Himmels willen, dachte er und beugte sich vor, um sie besser zu verstehen.

"Mir war nicht nach feiern, ich wollte nur noch ins Bett. Eine Gruppe junger Frontsoldaten kam aus dem Club auf mich zu. Ich hab mir nichts dabei gedacht, außer vielleicht sie zu ermahnen, sich etwas militärischer zu benehmen. Sie haben, na ja, sie blieben stehen und begannen mich anzumachen. Ich hab ihnen mit scharfen Worten klar gemacht, dass sie gehen sollten, mich in Ruhe lassen. Aber sie haben nur gelacht und gesagt, ich sollte mich nicht so zieren. Sie müssten das noch einmal ausnutzen, bevor sie sich zuhause wieder wie brave Jungs benehmen müssten und dass sie das verdient hätten, nach der Hölle durch die sie gegangen sind, und andere Sachen, die ich lieber vergessen möchte."

Tränen strömten über ihre Wangen und Hawkeye wollte nichts sehnlicher, als sie in den Arm zu nehmen und vor allem Übel dieser Welt zu beschützen. Margaret wischte sich mit dem Arm über das Gesicht.

"Sie wurden ... handgreiflich. Ich habe geschrieen wie noch nie in meinem Leben, aber entweder hat es keiner gehört, oder wollte es nicht hören. Sie zogen mich in Richtung eines verlassenen Zeltes, lachend und gröhlend. Als sie dann die Tür öffnen wollten, konnte ich mich losreißen und bin davongelaufen."

Hawkeye fiel ein Stein vom Herzen, auch wenn das seine Besorgnis um Margaret nur bedingt linderte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, welche Qualen sie in diesen Minuten durchlitten hatte.

"Ich hatte mich sicher gefühlt, verstehst du? Zum ersten Mal seit Jahren. Der Krieg war vorbei und damit auch die Gewalt, dachte ich. Wie konnten die das tun, Hawkeye? Unsere eigenen Leute? Ich ..."

Hawkeye zog sie an sich und flüsterte leise. "Ich weiß es nicht. Margaret, ich weiß es nicht."

Er spürte wie ihr Körper unter der Flut der Tränen, die nun aus ihr hervorbrachen zitterte und hielt sie fest. Sie klammerte sich an ihn wie ein Eintrinkender und Hawkeye glaubte, das der Vergleich gar nicht so schlecht war. Er flüsterte leise Worte in ihr Ohr und strich ihr sanft über den Rücken, so lange, bis ihre Schluchzer seltener wurden und dann endlich versiegten. Sie löste sich von ihm und blickte beschämt zu Boden.

"Entschuldige, ich ..."

"Da gibt es nichts zu entschuldigen", unterbrach sie Hawkeye und nahm sie bei den Schultern. "Margaret, dir ist etwas Schreckliches passiert. Es ist okay zu weinen. Es ist so schlimm diese Geschichte zu hören, ich will mir gar nicht vorstellen, wie schlimm es dann ist, sie zu erleben."

Margaret schniefte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Hawkeye holte tief Luft. "Hast du etwas unternommen?"

"Ja, ich hab es dem Commander gesagt, aber er hat nur gelacht und gesagt, ich müsse das Ganze falsch verstanden haben. Er wird nichts unternehmen."

"Das ist doch wieder typisch Army!", rief Hawkeye empört und schlug sich wütend auf die Schenkel. Margaret nickte, ihr Blick ging ins Leere.

"Es ist typisch Army, oder? Verstehst du jetzt was ich meine? Wie kann ich mich jemals in dieser Army wieder sicher fühlen. Was für ein Zuhause wäre das?"

Hawkeye nickte und nahm ihre Hände in seine. Er hatte eine Idee, aber er war sich nicht sicher, ob sie sein Angebot annehmen würde.

"Komm mit mir."

Sie blickte ihn irritiert an. "Was?"

"Du weißt nicht wohin, aber ich. Komm mit mir. Glaub mir, wenn es um sichere Orte geht, dann ist der zu dem ich jetzt gehe, der sicherste auf der Welt."

Sie blickte ihn skeptisch und mit ein wenig Misstrauen von der Seite an, so dass Hawkeye hastig hinzufügte: "Und wenn es nur für ein paar Tage ist. Komm mit mir."

Die Tatsache, dass sie ihn nicht sofort von sich stieß und anschrie, was ihm einfiel, war schon einmal ein gutes Zeichen.

 

"Ich weiß nicht...."

"Komm mit mir, bitte."

"Aber die Army, ich bin doch, ich kann doch nicht einfach ..."

"Lass das meine Sorge sein, okay? Also?"

Margaret sah ihn lange an und nickte schließlich. "Also gut. Für ein paar Tage. Zum Nachdenken."

"Mehr verlange ich doch gar nicht."

 

Margaret Houlihan sah an sich hinunter. Blau. Ihre Hose war blau, nicht grün. Im ersten Moment fühlte sie sich fast ein wenig unwohl in der Jeans, doch dann lächelte sie. Zivilkleidung war gar nicht so schlecht. Sie lehnte sich in der Hollywood-Schaukel zurück und blickte hinaus auf das Meer. Pierce hatte nicht übertrieben. Es war friedlich hier, friedlich und sicher. Als wäre das das Stichwort gewesen, konnte sie Schritte auf der Veranda hören und Sekunden später setzte sich Hawkeye Pierce zu ihr und drückte ihr eine Tasse Kaffee in die Hand.

"Hier, Vorsicht, ist noch ziemlich heiß." Er grinste von einem Ohr zu anderen und rollte die Augen. "Aber eine verbrannte Zunge ist das wert. Echter Kaffee. Gott, ich wusste schon gar nicht mehr, wie gut der schmeckt."

Margaret lachte. Diesen Satz - jeweils mit anderen Objekten unendlichen Glücks - hatte sie in den letzten drei Tagen oft von ihm gehört, ob es nun die Steaks waren, die sein Vater grillte oder die frische Zahnpasta.

Margaret roch mit geschlossenen Augen an dem duftenden Getränk. Er hatte recht. Das roch wirklich nach Kaffee.

 

"Margaret?"

"Hm?"

"Wie fühlst du dich?"

Sie dachte einige Sekunden über die Frage nach, dann öffnete sie die Augen, stellte die Tasse auf den kleinen Tisch neben der Schaukel und blickte ihn an.

"Ganz gut, eigentlich. Es ist, als wäre eine unendliche Last von meinen Schultern genommen. Ich denke, ich war nicht mehr so entspannt seit Jahren. Danke Hawkeye. Ihr seid großartig, du und dein Vater. Ehrlich."

"Hey, Gastfreundschaft liegt in der Familie. Außerdem", fügte er schelmisch grinsend hinzu "außerdem hält mir deine Anwesenheit Hilda Mellinger vom Hals."

Margaret lachte. "Wer bitte ist Hilda Mellinger?"

"Die Tochter des hiesigen Supermarkt-Besitzers. Sie wollte mich schon einfangen, da waren wir noch im Kindergarten.

"Was? Der große Frauen-Freund B.F. Pierce wollte sich nicht einfangen lassen? Ehrlich?"

Hawkeye lachte. "Ja, unglaublich, oder. Aber Hilda und ich, wir sind einfach zu unterschiedlich. Das wäre wie Feuer und Wasser, wie ..."

"Du und ich?", schlug Margaret vor. Hawkeye zog die Augenbrauen hoch und legte seinen Arm um ihre Schultern.

"Wer wir? Wir sind doch das harmonischste Paar unter der Sonne, findest du nicht?"

"Sag mal, geht's dir noch gut?"

"Ach du weißt doch, ich sehe die Welt durch eine rosa Brille", scherzte Hawkeye und Margaret lachte. Er hatte immer noch seinen Arm um sie gelegt und Margaret lehnte sich nun an seine Schulter und schloss die Augen. Hawkeye zog sie näher zu sich heran und Margaret legte ihm den Arm um die Brust und kuschelte sich an ihn. Schweigend saßen sie so da und starrten in den Sonnenuntergang über Crabapple Cove.

"Dieser Moment sollte ewig dauern", flüsterte Margaret und Hawkeye strich ihr mit der freien Hand sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er hätte nichts dagegen, so bis in alle Ewigkeit mit ihr hier zu sitzen und der Sonne beim Schlafengehen zuzusehen.

Die Sonne war nur noch ein goldener Rand am Horizont, als Margaret sich räusperte.

"Ich wünschte, ich müsste nie wieder von hier weg."

"Musst du auch nicht", entfuhr es Hawkeye automatisch. Er biss sich auf die Lippen. Margaret ließ ihn los und setzte sich auf.

"Na hör mal, ich kann euch nicht ewig auf der Tasche liegen." Sie schien nicht begriffen zu haben, was Hawkeye gemeint hatte - oder wenigstens tat sie so.

"Ich muss mir einen Job suchen und mein Leben wieder in den Griff bekommen."

"Warum tust du das nicht hier?"

"Hier?"

Hawkeye nickte. "Mir wurde eine Stelle am Community General angeboten. Kleines Krankenhaus, viele Blinddärme, garantiert Granatsplitter frei - und sie würden sich sicher freuen, eine so kompetente Krankenschwester zu bekommen."

"Ist das dein Ernst?"

"Klar, ich mache nie Scherze."

"Pierce!"

"Es ist mein Ernst. Bleib hier."

Sie dachte einen Moment darüber nach und ein Lächeln umspielte ihren Mund. Ihr Herz schlug plötzlich bis zum Hals, als sie die letzten Sätze in Gedanken wiederholte. Hawkeye Pierce, der Mann mit der größten Beziehungsangst aller Zeiten, der Mann, der es kaum zwei Stunden mit einer Frau aushält, geschweige denn jahrelang, dieser Mann hatte sie gebeten bei ihm zu bleiben. Und das nicht nur einmal, sondern zweimal. Ihr Herz schlug schneller und sie fragte leise.

"Bist du dir sicher?"

"Aber klar, die werden dich lieben", erwiderte er und machte eine ausholende Geste. Dann wurde er still, als er begriff, wie sie die Frage gemeint hatte. Oder hatte sie nicht? Bildete er sich das nur ein? Er blickte Margaret an, die ihn mit einem ernsten Blick maß. Da war etwas in ihren Augen, eine Hoffnung, von der er plötzlich wusste, dass sie sich auch in seinen Augen widerspiegelte. Langsam antwortete er:

"Yup, ganz sicher." Sein Magen zog sich zusammen, als Margaret nicht reagierte. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, das er schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Sie schlang die Arme um seinen Hals und flüsterte: "Na dann kann ich wohl schlecht nein sagen, oder?" Hawkeye lachte und lehnte seine Stirn gegen ihre. Es war eine Geste, die so voller Vertrauen, so voller Liebe war, dass Margaret dachte, ihr Herz müsse zerspringen.

 

Hawkeye seufzte und schloss kurz die Augen.

"48 Stunden."

"Was?"

"Ich habe gerade herausgefunden, dass 24 Stunden *doch* einen Unterschied machen können", murmelte Hawkeye, während er sie an sich zog. Keiner von beiden sprach für eine lange Zeit, als sie im letzten Licht des Tages in einem tiefen Kuss versanken.

 
Ende

 
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