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Und das Leben geht weiter
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
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Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
 
 

... und das Leben geht weiter

Teil 10
© by Aisling ()
 
Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Mit über 300 Word Seiten ist es meine bisher längste Fanfiction.
Bis vor einem Jahr hätte ich auch noch nicht gedacht, dass ich jemals so verrückt sein würde, so eine lange Geschichte zu schreiben.
Geplant hatte ich sie jedenfalls nicht in diesem Umfang. Sie sollte ,nur' 100 Seiten lang werden. Trotz Storyline wurden es wesentlich mehr.
Dank: An Birgitt. Ohne sie und ihre Begeisterung (ganz zu schweigen von ihrem Beta) wäre ich noch nicht mal über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 26: Aufklärung

 

Eine halbe Stunde später parkte Chris seinen Wagen vor der Haustür. Die Plastikfolie und seine Jacke verstaute er im Kofferraum, bevor er nach oben ging. Nur sein Schwert nahm er mit hoch. Schließlich musste er noch die Scharten abschleifen und die Klinge mit einer Säure bearbeiten, um alle Spuren zu beseitigen.

Schmerzen hatte Chris keine mehr. Er fühlte sich nur steif und ungelenk. Es erinnerte ihn an einen Muskelkater. Und er war unendlich müde. Doch jetzt musste er sich der nächsten Herausforderung stellen.

Engin und Eddie. Dabei ist Engin meine geringste Sorge.

Als er die Haustür öffnete, da dröhnten von oben dumpfe Bässe durch den Flur. Es war zwar nicht ohrenbetäubend, aber es ging Chris auf die Nerven.

Was auch immer Chris über dieses Haus sagen konnte, normalerweise waren alle Bewohner recht ruhig und gesittet. So laute Musik hatte er noch nie gehört.

Doch, einmal. Marschmusik zu Hitlers Geburtstag. Aber das hab' ich dem Säufer schnell abgewöhnt.

Seine Augenbraue wanderte hoch, als Chris auf dem Weg nach oben klar wurde, dass die Musik aus seiner Wohnung kam.

Und als er die Tür öffnete, erkannte er auch, was da lief - Queens ,Another one bites the dust'. Und sein Mut sank.

Das spielt Eddie immer, wenn er sauer und frustriert ist. Gar nicht gut.

Doch bevor Chris sich überwand und in sein Schlafzimmer ging - von dort kam die Musik -, öffnete sich die Küchentür und Engin kam in den Flur.

Statt etwas zu sagen, packte er Chris und schob ihn vor sich in die Küche. Erst als Engin die Tür wieder schloss, war die Musik soweit abgedämpft, dass man sich in normaler Lautstärke unterhalten konnten. Doch Engin dachte gar nicht daran und brüllte Chris an.

"Verdammt! Du wolltest doch anrufen! Warum hast du das nicht getan?"

Eigentlich wollte Chris Engin fragen, was mit Eddie los war, dass dieser die Musik aufgedreht hatte. Aber jetzt war es wichtiger, seinen Partner zu beruhigen.

"Wollt' ich ja! Aber wenn du mir erklärst, wie ich das mit dem Teil hinbekomme, dann bin ich glücklich."

Währenddessen hatte Chris das Handy aus der Hosentasche geholt und schmiss es auf den Tisch. Die Küchenlampe enthüllte den wahren Zustand des Elektronikgeräts. Der Kunststoff war angekokelt und verzogen. Er sah so aus, als ob er von einem Blitz getroffen worden war.

Kein Wunder, dass ich den Akku nicht entfernen konnte.

Engin nahm das Handy hoch und betrachtete es. Währenddessen setzte Chris sich hin und kümmerte sich um sein Schwert. Eine Feile hatte er schon aus der Schublade geholt. Auch wenn das Abschleifen der Scharten ein schreckliches Geräusch verursachte, er konnte es sich nicht leisten, Spuren zu hinterlassen.

"Was hast du denn damit angestellt? Hast du es an Starkstrom angeschlossen?"

"Frag nicht, du bekommst sonst eine Antwort, die du nicht wirklich hören willst."

"So schlimm?"

Es schien, als ob Engin erst jetzt wahrnehmen würde, in was für einem Zustand Chris war. Und wenn sein Äußeres halbwegs mit dem übereinstimmte, wie er sich fühlte, dann musste er grauenhaft aussehen. Aber dazu wollte er nichts sagen, deswegen beantwortete er die Frage mit einem Achselzucken.

Vorsichtig berührte Chris die Klinge, er hatte keine Lust, sich an den Scharten zu schneiden. Aber es waren nur wenige Stellen, die er mit der Feile bearbeiten musste.

Nicht mehr als fünf Minuten Arbeit.

"Ich hab' schon Trainingsstunden erlebt, in denen ich schlimmer zugerichtet wurde. Aber ich brauch' dir ja nicht zu sagen, wie man sich fühlt, wenn man einen Menschen getötet hat."

Mit den Fingern fuhr Chris durch seine Haare. Es war einfach unmöglich, einem anderen zu erzählen, was er beim Quickening erlebt und gefühlt hatte.

"Da hast du Recht. Willst du einen Kaffee?"

"Wenn er noch heiß ist. Was meinst du, gibt es 'ne Möglichkeit, an den Chip im Handy zu kommen und den wieder ans Laufen zu kriegen?"

Da bekam Chris auch schon eine Tasse mit heißem Inhalt vor sich auf den Tisch gestellt.

Die Scharten waren soweit herausgearbeitet, das Ätzen musste bis zum nächsten Tag warten, da Chris die Chemikalien erst noch mischen musste. Chris stand auf und brachte das Schwert ins Wohnzimmer. Als er zurück kam, nahm er die Tasse in seine Hände, schnupperte daran, doch alleine der Geruch ließ seinen Magen aufbegehren. Mit Mühe unterdrückte Chris das Bedürfnis, ins Badezimmer zu laufen und sich zu übergeben. Dabei wurde er von Engin, der sich ihm gegenüber hingesetzt hatte, beobachtet. Doch dieser gab keinen Kommentar ab, sondern blieb beim Thema.

"War es an, als es so zugerichtet wurde?"

Chris schüttelte den Kopf.

"Nein, ich hatte es ausgeschaltet, nachdem ich deine SMS gekommen hatte, aber ich befürchte, dass ich diese Nacht noch 'nen Anruf bekomme, falls die Bechthold finden. Und ich will keinen Verdacht erregen. Was ist mit Eddie?"

"Frag nicht, du bekommst sonst eine Antwort, die du nicht wirklich hören willst."

"Aber er ist doch hier?"

"Nein, ich habe die Musik aufgedreht, weil sie mir gefällt."

Die Ironie und der Sarkasmus waren nicht zu überhören.

"Engin, bitte-"

"Ja, Eddie ist hier. Aber an deiner Stelle würde ich noch nicht zu ihm gehen, sondern warten, bis sich dein Magen wieder erholt hat und du die Nerven für eine ziemlich heftige Konfrontation hast."

"Was ist passiert?"

"Was soll schon passiert sein? Ich tauche unangemeldet bei ihm auf, warte auf seinen Freund und nachdem ich mein Sprüchlein aufgesagt habe, rennt dieser Thomas nach oben. Wenige Minuten später taucht er mit einer gepackten Tasche wieder auf, macht mit Eddie Schluss und gibt mir den Rat, gut auf ihn aufzupassen. Wenn Eddie nicht so geschockt gewesen wäre, dann hätte ich ihn niemals in meinen Honda bugsieren und nach hier kutschieren können."

"Aber das ist noch nicht alles."

Irgendwie glaubte Chris nicht, dass dies der Grund war, warum Engin so genervt war.

"Stimmt, denn kaum sind wir hier, da wollte Eddie auch schon wieder zurück in seine Wohnung. Ich hab' mit Engelszungen auf ihn eingeredet, aber er wollte mich einfach zur Seite schieben und abhauen..."

Schließlich war Eddie Engin körperlich überlegen, stellte sich also die Frage, wie Engin es geschafft hatte, ihn aufzuhalten. Chris schwante Böses.

"Und wie hast du ihn überzeugt zu bleiben?"

"Er hat mich einfach zur Seite geschoben und war schon fast zur Tür raus, da hab' ich..."

Doch Engin sprach nicht weiter. Stattdessen stand er auf, ging zum Schrank und zog alle Schubladen auf, bis er ein scharfes Messer und einen Schraubenzieher gefunden hatte. Doch Chris hakte nach.

"Engin! Was hast du gemacht?"

Engin drehte sich zu ihm, ging wieder an den Tisch und setzte sich zu Chris. Dabei vermied er, ihm in die Augen zu sehen.

"'kay, schlag mich, wenn du willst, aber ich wusste einfach nicht weiter. Ich hab' ihm mit meiner Dienstwaffe eins über den Schädel gezogen. Darauf ist er zusammengebrochen und ich hab ihn ins Schlafzimmer geschleppt und auf deine Matratze gelegt."

Wirklich geschockt war Chris nicht, er hätte an Engins Stelle nicht anders reagiert. Der einzige Haken war, dass Eddie jetzt wirklich einen Grund hatte, sehr sauer zu sein.

Und das werde ich ausbaden müssen.

Erst als er die leere Tasse abstellte, merkte Chris, dass er den Kaffee ausgetrunken hatte, ohne dass sein Magen protestiert hatte.

Währenddessen bearbeitete Engin Chris' Handy, um es aufzubekommen, hatte aber noch keinen Erfolg.

"All zu fest hast du ja nicht zugeschlagen. Er scheint ja wieder wach zu sein. Fragt sich nur, in welchem Zustand mein Schlafzimmer ist, wenn ich es aufschließe."

"Ich glaube nicht, dass er dort gewütet hat. Er konnte nicht."

Langsam war Chris es leid, dass er Engin alle Informationen aus der Nase ziehen musste.

"Gut, was versuchst du gerade, mir so schonend wie möglich beizubringen?"

Wenn Chris nicht so erledigt gewesen wäre, hätte er Engin längst gepackt und so lange geschüttelt, bis dieser erzählt hätte, was passiert war.

Engin blickte nicht hoch, sondern bastelte mit verkniffenem Gesichtsausdruck weiter. Erst als das Handy seinen Widerstand aufgab und er den Akku abnehmen konnte, blickte er auf.

"Ich hab' ihn mit meinen Handschellen ans Heizungsrohr gefesselt. Ich wollte verhindern, dass er noch mal versucht abzuhauen und ich ihn dann wieder niederschlagen muss."

Eddie. Mit Handschellen gefesselt. Auf seinem Bett.

Es war nicht das erste Mal für Eddie, dass er so auf Chris wartete. Nur war es normaler Weise der Beginn einer sehr aufregenden Nacht gewesen.

Oh Scheiße, wie bekomme ich das nur wieder in Ordnung?

Chris schloss die Augen und versuchte, sich zu beruhigen. Versuchte, die Gedanken an einen nackten, willigen Eddie aus seinem Kopf zu vertreiben.

Denn der Eddie, den er gleich treffen würde, war garantiert sehr sauer, angesickt und hatte Kopfschmerzen.

Wie sollte er Eddie nur davon überzeugen, dass er ihn noch liebte? Doch wenn er es nicht heute hinter sich bringen würde... Eddie würde ihm keine weitere Chance geben. Dessen war sich Chris sehr sicher. Er öffnete die Augen und blickte seinen Partner an. Auch an ihm war die Nacht nicht spurlos vorbei gegangen. Chris hatte nicht vor, es ihm noch schwerer zu machen als notwendig. Aber er musste wissen, was wirklich abgelaufen war, um sich auf Eddie einstellen zu können.

"Hast du ihm Schmerztabletten gegeben?"

"Wenn er mich gelassen hätte. Nachdem er aufgewacht ist, hat er mich ignoriert. Dein Brüllwürfel und deine CD-Sammlung waren in seiner Reichweite und er hat sich eine CD rausgesucht und sie abgespielt. Dass er mit seinem Kopf diese Lautstärke aushält, ist mir ein Rätsel. Aber besser so, als dass er deine Wohnung auseinander nimmt. Ich hab mich dann in die Küche verzogen und auf dich gewartet."

Immer noch wich Engin Chris' Blick aus. Den Chip hatte er ausgebaut und setzte ihn nun in sein eigenes Handy ein. Dann schaltete er es ein und so wie Chris es beurteilen konnte, funktionierte es auch.

"Gib mir deine Pin-Nummer!"

Automatisch rasselte Chris die Zahlen runter.

"4 7 1 1. Funktioniert es?"

"Moment, so schnell geht das auch nicht."

Dann schien Engin zu realisieren, was für Zahlen Chris genannt hatte. Jedenfalls sah er kurz hoch, schüttelte den Kopf und widmete sich wieder dem Handy. Dann schob er es zu Chris rüber.

"Du hast Glück gehabt, die Karte ist heil geblieben. Ich hab zu Hause noch ein altes Handy rumliegen, du kannst meins bis morgen behalten."

"Danke. Für alles."

Es war zu wenig. Das, was Engin heute für ihn getan hatte, war wesentlich mehr als man selbst von einem Freund erwarten konnte, und doch fand Chris keine Worte, um es vernünftig auszudrücken.

"Nicht dafür."

"Für alles. Ganz besonders für den Ärger, den du noch mit Eddie bekommen wirst."

"Glaub' ich nicht. Er wird dir die Hölle heiß machen, mir wird er nur meinen schlechten Umgang vorwerfen."

"Danke für die Motivation. Genau das, was ich brauche."

"Sollte nicht die Musik schon Motivation genug sein?"

Das Gedröhne im Hintergrund war eher lauter als leiser geworden. Und war schon ein Vorbote von dem, was auf Chris wartete.

"Oh ja, besonders, dass ich ihm auch das beibringen muss, was du schon weißt."

"Meinst du nicht, dass das etwas viel für einen Tag ist?"

"Wenn ich es heute nicht schaffe, wann dann? Je länger ich warte, um so weniger wird Eddie mir verzeihen können. Wenn es nicht schon zu spät ist..."

Alle Zweifel waren wieder da. Ob Eddie ihm das letzte Jahr verzeihen konnte und ob er bereit war, mit einem Unsterblichen zusammen zu leben. Chris wusste nicht, wie Eddie sich entscheiden würde. Nur die Erinnerung an die Weihnachtsnacht ließ ihn hoffen, dass es doch noch eine Chance für ihre Beziehung gab.

Ich habe Angst, schreckliche Angst, ins Schlafzimmer zu gehen. Da kämpf' ich lieber noch mal mit Bechthold.

Chris stützte seine Arme auf dem Tisch ab und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Es war im Moment einfach zu viel und er wusste nicht, wie er bei Eddie anfangen sollte. Nicht wenn dieser so gelaunt war.

Vielleicht ignoriert er mich, wie er es mit Engin gemacht hat. Und ich kann ihn ja nicht ewig angekettet in meinem Zimmer lassen.

Dann fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Chris blickte hoch. In Engins besorgtes Gesicht. Es war nicht einfach, aber Chris fabrizierte ein schiefes Lächeln.

"Eddie wird dir die Hölle heiß machen. Das ist sicher. Genau so sicher, wie er dir verzeihen wird. Du musst nur damit rechnen, dass er dich zappeln lässt."

"Ja, damit hast du Recht, wenn ich da an das letzte Mal denke..."

"Da hat er dich fast vier Monate im Ungewissen gelassen. Ich weiß. Ich habe es live und in Farbe mitbekommen. Und es erst verstanden, als du es mir gebeichtet hattest."

"Danke, Engin. Aber jetzt schau, dass du nach Hause kommst. Sabine wartet doch bestimmt schon."

Es war schon schlimm genug, mit Eddie reden zu müssen. Aber noch schlimmer war für Chris die Vorstellung, dass Engin währenddessen in der Küche sitzen würde. Auch wenn er nur Trost spenden wollte.

"Nö, wir waren doch zum Essen verabredet. Da rechnet sie nicht vor zwei mit mir."

War es wirklich heute gewesen, dass er mit Engin im Dorade gesessen und sich auf seinen Fisch gefreut hatte? Chris schüttelte den Kopf.

"Dann wird sie sich freuen, wenn du etwas früher kommst. Lass mir die Schüssel für die Handschellen da und dann verschwinde."

"Wie du willst."

Engin holte den Schlüssel aus seiner Hosentasche und legte ihn auf den Tisch.

"Ich wünsch' dir noch viel Glück. Und schau, dass du morgen halbwegs vorzeigbar aussiehst. Kallenbach wird dich auf dem Kieker haben."

"Falls es für mich noch ein Morgen gibt. Eddie bringt mich um."

"Ja, und? Wie viele Stunden später bist du wieder auf den Beinen? Das ist keine Ausrede, blau zu machen. Du kannst es dir nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Das würde Fragen aufwerfen. Besonders wo Bechthold verschwunden ist."

Er hatte ja Recht. Chris wusste es und Engin wusste, dass er es wusste.

"Ja, Papa. Ich verspreche dir, morgen früh pünktlich, frisch rasiert und halbwegs munter zu erscheinen."

"So ist brav, mein Sohn. Bis morgen."

Und weg war Engin. Fast schon schneller, als Chris es mitbekam. Jetzt musste er sich nur noch mit seinem persönlichen Dämon auseinandersetzen, der im Schlafzimmer wartete.

Chris stand auf und ging in den Flur. Doch vor der Tür zögerte er einen Moment. Statt hineinzugehen, drehte er sich um, ging noch mal in die Küche und holte sich aus einer Schublade ein langes, scharfes Fleischmesser, das er in den Bund seiner Hose steckte. Dann ging er wieder zum Schlafzimmer.

Dieses Mal öffnete er auch die Tür.

Eddie präsentierte sich genau so, wie Chris erwartet hatte. Er saß auf der Matratze und lehnte mit dem Rücken an der Heizung. Die Handschellen verbanden sein rechtes Handgelenk mit dem Heizungsrohr. Dass Eddies Gesichtsausdruck sehr wütend und sauer war, war für Chris keine Überraschung.

Die Anlage spielte 'Bohemian Rhapsody'. Chris drehte die Lautstärke runter; er wollte die Musik nicht abstellen - er fürchtete die Stille, die eintreten würde. Danach setzte er sich direkt neben Eddie auf die Matratze. Das Messer legte er neben sich. Eddie warf nur ein Blick auf die Waffe, sagte aber nichts.

So saßen sie schweigend nebeneinander. Chris suchte nach den richtigen Worten, fand sie aber nicht. Und von Eddie konnte Chris keine Hilfe erwarten. Er konnte schon froh sein, dass dieser ihn nicht angriff.

"Du hattest vor ewigen Zeiten einmal gesagt, dass du nicht wie ein Oktopus in seinem Aquarium enden wolltest..."

Schweigen. Eddie sagte nichts. Chris warf einen Blick zu ihm rüber, doch der Gesichtsausdruck hatte sich nicht geändert.

"Ich habe mich im letzten Jahr wie eben dieser Oktopus gefühlt."

Doch wieder reagierte Eddie nicht. Kein Wort, keine Geste, gar nichts.

Am liebsten hätte Chris Eddie in den Arm genommen, ihn berührt, irgendetwas gemacht, um eine Reaktion hervorzurufen, doch er hatte Angst, dass diese Reaktion aus Ablehnung bestehen würde.

Doch er wollte nicht aufgeben. Das wäre zu einfach gewesen. Nach einigen Minuten wagte er einen neuen Anlauf.

"Ich hatte niemals eine Beziehung mit Amanda. Ich hab' dich damals im Bistro angelogen."

Es herrschte Ruhe, nur Freddie Mercurys Stimme durchdrang den Raum. Der Moment dehnte sich für Chris zur Ewigkeit, auch wenn es nicht mehr als zehn Sekunden sein konnten.

"Ach? Und das soll ich dir glauben?"

Eddies Lachen war sehr bitter und ironisch.

"Und ich dachte immer, dass du sie aus Dankbarkeit gefickt hast, nachdem sie dich mehr oder weniger vor dem Taschendieb gerettet hat."

"Sie hat mich nicht gerettet und damals bin ich wirklich nicht mit ihr ins Bett gestiegen. Ich hatte andere Probleme."

Stille. Eddie schien erst mal damit beschäftigt zu sein, das, was Chris gesagt hatte, zu verdauen.

Der CD-Player schien die ,Bohemian Rhapsodie' in Endlosschleife zu spielen, denn gerade setzte Freddie Mercury wieder ein:

 

Mama just killed a man, Put a gun against his head, pulled my trigger, now he's dead Mama, life had just begun,

 

Das erinnerte Chris wieder an Bechthold und dass seine Leiche im Palmengarten darauf wartete, gefunden zu werden.

Warum nur? Wieso musste ich es tun? Gibt es wirklich keine Möglichkeit, sich aus diesem verdammten Spiel rauszuhalten?

"Also hast du mich damals angelogen. Meinst du nicht, dass es langsam mal Zeit wäre, mir die ganze Wahrheit zu erzählen? Und wenn du dann schon mal dabei bist: Warum schickst du Engin zu mir, damit er mit Thomas spricht? Und wieso verdammt noch mal packt Thomas anschließend seine Koffer und verschwindet? Und warum verdammt noch mal sitz' ich jetzt an ein Heizungsrohr gefesselt auf dieser schäbigen Matratze? Es gab mal eine Zeit, in der ich dachte, dich zu kennen. Besonders das, was du sonst immer hinter deiner harten Schale verbirgst. Aber jetzt...?"

Solange wie Chris Eddie schon kannte, so eine Rede hatte er noch nie von ihm gehört. Im Gegensatz zu dem, was er sagte, verhielt sich Eddie ganz ruhig. Kein Gefühlsausbruch, kein wildes Gestikulieren, kein plötzlicher Themenwechsel, nichts.

Es machte Chris Angst.

Wie soll ich da nur die richtigen Worte finden? Meine Geschichte ist doch so unglaublich.

Aber vielleicht war das ja ein Ansatzpunkt.

"Ich habe dich damals angelogen, weil ich das, was mir passiert ist, einfach nicht fassen konnte. Damals dachte ich noch, dass ich irgendwann aufwachen würde, weil es nur ein Albtraum war... Leider warte ich immer noch."

"Und was soll ich dir bitteschön glauben? Verdammt, jetzt hör' endlich auf, um den heißen Brei rumzureden. Ich. Will. Die. Wahrheit. Wissen. Nicht mehr und nicht weniger. Und mach mir endlich die Handschellen ab. Die sind unbequem."

Ein klein wenig genervt hörte sich Eddie schon an. In Anbetracht der Situation war er Chris aber noch zu ruhig.

Viel zu ruhig. Wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

"Erst wenn du alles gehört hast."

"Dann schieß los. Ich muss bis morgen Nachmittag um vier noch einen Bentley fertig machen. Und da Thomas den Flattermann gemacht hat, werde ich da noch einige Stunden dran schrauben müssen. Und ein paar Stunden Schlaf wären auch nicht schlecht."

Das Schlimmste war wirklich diese Ruhe, die Eddie ausstrahlte. So als ob ihm die Arbeit über alles ging. Eine Gänsehaut lief über Chris' Rücken.

"Erinnerst du dich noch daran, wie du in San Fran auf dem Präsidium warst, um meine Leiche zu identifizieren?"

"Oh, ja, das war mein ganz persönlicher Albtraum. Wie sollte ich das jemals vergessen? Ich träume heute noch davon."

Die Erinnerung an Eddies verzweifelte Stimme kam in Chris wieder hoch.

"Ich weiß. Ich hab' es Wort für Wort mitbekommen."

Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Chris in diesem Moment gestorben. Stattdessen rumorte sein Magen.

"Was soll das? Ich dachte, du wolltest mir die Wahrheit erzählen. Stattdessen spielst du mit meinen Gefühlen. Lass das."

"Ich will nicht mit dir spielen. Das ist das letzte, was ich will. Aber... ach, verdammt. Es ist halt schwer zu glauben. Ich weiß, dass es schwer ist, doch bitte hör mir zu. Danach lass ich dich gehen."

"Gut, ich bin ruhig. Also erzähl."

Dabei rückte Eddie an den äußersten Rand der Matratze. Möglichst weit von Chris weg. Gleichzeitig schob er sich ein bisschen höher. Wenn er gekonnt hätte, dann hätte er garantiert die Arme vor der Brust verschränkt.

Mit seinen Fingern fuhr Chris durchs Haar. Es war genau so schlimm, wie er befürchtet hatte.

"Wenn ihr fünf Minuten früher aufgetaucht wärt, dann wäre die Schublade mit meinem Namensschildchen nicht leer gewesen und der Cop hätte nicht alle anderen Schubladen hektisch auf und zu schieben müssen. Und sein anschließendes Gestammel wäre dir auch erspart geblieben."

"Wenn... Falls du dort gewesen bist..." Eddie stockte. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen und setzte noch mal an.

"Wenn du also wirklich da warst und okay gewesen bist... Warum hast du nichts gesagt? Weißt du, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe"

Da war wieder der emotionale Eddie, den Chris kannte.

"Es ging nicht. Ob du es glaubst oder nicht, ich hockte hinter dir in einer Ecke neben einem Tisch. Nur war ich nicht allein. Amanda kauerte neben mir, hatte aber im Gegensatz zu mir auch noch einen Revolver, den sie mir in die Rippen stieß. Damals dachte ich, dass sie abdrücken würde, wenn ich einen Ton sagen würde. Und deswegen war ich still, obwohl ich am liebsten zu dir gegangen wär'."

Dabei verschwieg Chris, dass er damals nackt gewesen war.

"Und was hat Amanda damit zu tun? Was hatte sie überhaupt da zu suchen?"

"Sie hat mich aus der Schublade geholt. Alleine kommt man da sonst nicht raus. Ist ja auch nicht nötig. Schließlich sollen da Tote drin liegen."

"Und warum hat dich Amanda da rausgeholt? Gott, ich habe sie zwar nur ein Mal gesehen, aber ich mag diese Frau nicht. Jedesmal wenn du sie auch nur erwähnst, läuft eine Gänsehaut über meinen Rücken. Was stimmt mit ihr nicht?"

Er hat wirklich einen sechsten Sinn für Unsterbliche. Erst ich, dann Thomas und jetzt stellt sich heraus, dass seine Witterung auch bei Amanda angeschlagen hat.

Doch Chris ging nicht weiter darauf ein. Es war wichtiger, dass Eddie kapierte, was an dem Tag wirklich passiert war.

"Eddie, als mich die Polizisten in die Kühlkammer gesteckt haben, da waren sie der Meinung, dass ich tot war. Denn der Taschendieb hat mich nicht niedergeschlagen. Nein, er hat mich niedergestochen. Voll in die linke Brust. Aber als Amanda mich wenige Stunden später rausgeholt hat, da war nichts mehr von der Verletzung zu sehen und ich war quicklebendig."

"Gut, jetzt lass mich raten. Du hast heute zum ersten Mal ,Roter Libanese' geraucht. Verschon mich mit solchen Märchen. Die kann ich dir einfach nicht glauben."

Irgendwo hatte Chris die Hoffnung gehabt, dass er auf eine Demonstration seiner Veränderung verzichten konnte. Auch wenn er genau gewusst hatte, dass sie vergeblich war.

Im Gegensatz zu Engin hatte Eddie nicht mitbekommen, wie sehr er sich in den letzten Monaten verändert hatte.

Die Demonstration würde zwar ein Schock sein, aber da Eddie immer noch an die Heizung gefesselt war, hatte er keine Chance, irgendwelche Dummheiten anzustellen. Selbst wenn er schreien würde... die Nachbarn hörten nicht hin.

"Hör' mir gut zu, Eddie. Egal, was ich jetzt mache, bitte vertrau' mir und rühr' dich die nächsten zwei Stunden nicht von der Stelle."

So wie Eddie aussah, wäre er am liebsten noch ein Stück von Chris weggerutscht. Aber am Kopfende der Matratze wurde der Platz von diversen Büchern, Weckern, Hanteln und anderen Sachen belegt. Deswegen beschränkte sich Eddies Aktion auf einen Blick, den Chris als ,Rühr mich nicht an' interpretierte.

Doch darauf nahm Chris keine Rücksicht. Er nahm das Messer, beugte sich zu Eddie und drückte es ihm in seine ungefesselte linke Hand.

"Was soll das, Chris?"

Eddie versuchte, die Waffe loszulassen, aber Chris hielt seine Hand mit seinen Fingern umschlungen.

Vor einem Jahr wäre es kräftemäßig ein fairer Kampf gewesen. Schließlich war Eddie einen Kopf größer und war durch seine Arbeit wesentlich besser in Form gewesen. Aber jetzt hatte Eddie nicht den Hauch einer Chance.

Chris nutzte es aus und dirigierte Eddies Hand so, dass die Messerspitze auf seine Brust zielte. Dann zog er sie immer näher, bis die Waffe sein Hemd berührte.

"Bitte vertrau' mir, Eddie. Ich werde in circa zwei Stunden wieder aufwachen. Du musst nur gleich das Messer rausziehen. Wenn du meinen Worten nicht glaubst, dann muss ich es dir zeigen."

"Lass den Scheiß, Chris. Hör auf damit, du machst mir Angst. Ich glaub dir, du brauchst nicht weiter zu machen."

Doch in Eddies Augen konnte Chris sehen, dass er kein Wort von dem glaubte, was er erzählt hatte.

Scheiße, ich muss die Show wirklich durchziehen.

Unmerklich schüttelte Chris den Kopf.

"Nein, du glaubst mir kein Wort. Aber keine Sorge, ich werde dir in zwei Stunden alle Fragen beantworten."

Ohne auf eine weitere Reaktion zu warten, rammte sich Chris das Messer in seine Brust.

Gott, tut das weh!

Doch Schreien ging nicht, es fehlte die Energie dazu. Dann hörte Chris einen Schrei, doch es war nicht seine Stimme. Mit letzter Kraft zog er sich das Messer aus der Brust. Dann lies er los. Eddie dagegen umklammerte immer noch die Waffe. Als Letztes sah Chris wie Eddie fassungslos auf seine Finger starrte. Dann fiel er nach hinten.

Verdammt, jetzt hab' ich mir schon wieder ein Hemd ruiniert.

Danach fiel er in ein tiefes Loch.

 

Die ersten Atemzüge waren immer die schmerzhaftesten. Hektisch sog Chris die Luft in seine Lunge. Als er nicht mehr das Gefühl hatte, ersticken zu müssen, versuchte er, sich zu orientieren.

Auf dem Boden lag er nicht. Und ihm war auch nicht so kalt wie sonst. Es fühlte sich an, als ob er im Arm gehalten wurde. Tröstend und beschützend.

Eddie! Wie hat er das geschafft? Als ich nach hinten fiel, war ich doch eigentlich außerhalb seiner Reichweite. Oder doch nicht?

"Du lebst! Du bist wirklich am Leben... Aber das kann doch gar nicht sein."

In Eddies Stimme lag so viel Freude, Unglaube und auch Zweifel.

"Ich muss verrückt geworden sein. Falls man mich hier findet, dann bin ich reif für die Klapse. Chris, was tust du mir an?"

Die letzten Stunden müssen für ihn die Hölle gewesen sein.

Zweifel kam in Chris auf, ob das, was er Eddie angetan hatte, wirklich die einzige Methode war, um ihn zu überzeugen, dass er unsterblich war.

Chris löste Eddies linken Arm, der sich um seine Brust gekrallt hatte und drehte sich um. Eddies Gesicht bestätigte, dass er die Hölle durchlebt hatte. Seine Augen waren vom Weinen verquollen und seine Wangenknochen traten unnatürlich vor. Er sah einfach nur grauenvoll aus.

Welcher Teufel Chris auch immer in diesem Moment ritt, ohne weiter nachzudenken beugte er sich vor und küsste Eddie. Nach einem Moment ließ sich dieser auch in den Kuss fallen und schmiegte sich an Chris - soweit es die Handschellen zuließen.

Kurz darauf löste Eddie den Kuss und als Chris sich zurücklehnte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, da spürte er plötzlich eine Faust, die mit voller Wucht seinen Magen traf. Da er auf diesen Schmerz nicht vorbereitet war, krümmte er sich zusammen und empfing prompt auch noch einen Schwinger, der sein Kinn nach hinten schleuderte.

Das hab' ich wohl verdient.

Keuchend lag Chris auf dem Boden. Wenn Blicke töten könnten, dann hätte er es jetzt wieder einmal hinter sich. Eddies Augen versprühten Blitze. Und dann brüllte er auch schon los.

"Der erste war dafür, dass du mich zwei Stunden hast rumsitzen lassen, mit dem Gefühl, für deinen Tod verantwortlich zu sein. Weißt du, wie ich mich gefühlt habe? Auch wenn du mir vorher gesagt hast, dass du wieder aufwachen würdest. Ich konnte es doch einfach nicht glauben. Und der zweite war dafür, dass du die Schlüssel für die Handschellen nicht bei dir hast. Ich hab' all deine Taschen durchwühlt und nichts gefunden. Verdammt, du warst tot und ich hab' an dir rumgegrapscht. Gott, ich weiß immer noch nicht, was ich davon halten soll, dass du wieder aufgewacht bist. Was ist das für ein beschissener Albtraum? Was es auch ist: Mach das nie wieder mit mir. Ist das klar?"

"Es ist leider immer noch kein Albtraum. Ich wünsche mir, dass ich wieder aufwache und alles nur ein total verrückter Traum war. Aber ich glaub', das hab' ich dir schon mal gesagt."

Chris sparte sich die Erklärung, dass er nicht vorhatte, Eddie noch einmal so einen Schock zu versetzen.

Vorsichtig betastete er sein Kinn. So hart, wie Eddie zugeschlagen hatte, konnte er froh sein, dass der Kiefer nicht gebrochen war.

Warum hab' ich mich nicht in eine Frau verliebt? Die schlägt nicht so hart zu...

"Und jetzt mach mich endlich los! Ich ertrag' es nicht länger. Und vielleicht glaub' ich dann, was ich gerade erlebt habe."

Automatisch stand Chris auf und ging aus dem Schlafzimmer. Der Schlüssel lag immer noch auf dem Küchentisch. Direkt daneben lag das Handy. Zum Glück war kein Anruf drauf, das war das letzte, was Chris in diesem Moment brauchen konnte. Er steckte beides in seine Hosentasche.

Doch bevor er wieder zu Eddie ging, brauchte Chris einen Moment Ruhe. Den nutzte er, um seine Hände und das Gesicht zu waschen. Jetzt hatte er noch auf der Brust einen Blutfleck, aber den ließ er. Vielleicht war es besser, dass Eddie auch den sichtbaren Beweis hatte, dass er nicht geträumt hatte.

So wie sich Eddie jetzt verhielt, musste Chris damit rechnen, dass er ihn sehr lange zappeln ließ.

Falls er mir überhaupt noch eine Chance gibt, so sauer wie er ist.

Aus dem Kühlschrank holte er eine Flasche Wasser und dann ging er wieder ins Schlafzimmer.

Dort wurde er auch schon von Eddie erwartet. Er hielt ihm auffordernd den Arm entgegen und Chris schloss die Handschelle auf, vermied aber, ihn zu berühren. Während Eddie sich das Handgelenk rieb, setzte sich Chris neben ihm aufs Bett und trank von dem Wasser. Dann hielt er Eddie die Flasche hin.

Dieser nahm sie auch und trank.

Erst jetzt fiel Chris auf, wie still es war. Keine Musik, die im Hintergrund dudelte. Ein Blick auf die Stereoanlage erklärte Chris alles. Sie bestand nur noch aus Einzelteilen.

"Kannst du mir verständlich erklären, warum du nicht gestorben bist?"

Jetzt geht es los. Es ist bestimmt nicht seine einzige Frage.

Doch es war auch direkt eine Frage, die Chris nicht richtig beantworten konnte. Niemand hatte es ihm gesagt, er hatte aber auch keine Lust, in die Fänge eines Wissenschaftlers zu geraten, der es irgendwann herausfinden würde.

Chris entschied sich, die Wahrheit zu erzählen.

"Ich wünschte, ich könnt' es, aber ich habe selbst keine Ahnung, warum es so ist. Amanda behauptet, wir seien eine andere Rasse. Sogenannte Unsterbliche. Aber sie hat dafür keinen Beweis."

"Warum redest du schon wieder von ihr? Ich dachte, ihr hättet nichts miteinander."

"Sie hat mir alles beigebracht, um zu überleben. Ohne sie wär' ich tot."

Es war so kompliziert, alles halbwegs verständlich rüberzubringen. Möglichst auch noch, ohne Eddie zu verletzen.

"Was ist daran so schwierig? Wenn du selbst einen Stich ins Herz überlebst..."

Wie sollte Chris Eddie beibringen, dass es unter den Unsterblichen das Spiel gab und dass es sehr gut möglich war, umgebracht zu werden?

"Ganz unsterblich bin ich nicht. Wenn man mir den Kopf abschlägt, bin ich endgültig tot. Und es gibt einige Artgenossen, die sehen es als Sport an, andere von uns zu jagen und anschließend umzubringen. Und schrecken dabei vor keiner Gewalttat zurück. Das war auch der Grund, warum ich dich damals in dem Glauben gelassen hatte, dass ich eine Affäre mit Amanda hatte."

"Du wolltest mich in Sicherheit bringen?"

Eddies Stimme war sehr ungläubig.

Gott, am liebsten würd' ich dich jetzt in den Arm nehmen, aber dann scheuerst du mir garantiert wieder eine.

"Ich konnte einfach nicht riskieren, dass du meinetwegen in Gefahr gerätst. Denn dadurch konnte man mich erpressen und ich will nicht, dass du stirbst."

"Und warum... warum sitze ich jetzt auf deinem Bett? Bin ich jetzt nicht auch in Lebensgefahr?"

Toll, super, er findet sofort den Schwachpunkt.

"Ich war im letzten Jahr nicht untätig und habe verdammt viel gelernt. So schnell bin ich nicht mehr tot zu kriegen. Es ist nicht so, dass für dich kein Risiko mehr besteht. Gott, es hört sich so machohaft an, aber ich bin jetzt in der Lage, dich zu verteidigen."

"Ja, das hört sich wirklich machohaft an. Es passt zu dir. Aber was willst du mir damit sagen? Hör' endlich auf, um den heißen Brei rumzureden."

"Ich will dich. Ohne wenn und aber."

Chris wagte einen Blick zur Seite und sah, dass Eddies Augenbraue in die Höhe wanderte.

"Schön für dich. Und wer sagt dir, dass ich es auch noch will? Weißt du, wenn Engin nicht heute Abend bei mir aufgetaucht wäre, dann hätt' ich eine heiße Nacht mit Thomas gehabt und würde mich darauf freuen, nachher an dem Bentley zu arbeiten."

Ja, wenn ich nicht wär', dann hätte Bechthold jetzt viel Freude mit euch.

Aber das würde Eddie jetzt garantiert nicht kapieren.

"Dein Problem ist nur, dass du bei deinen Freunden einen sehr exquisiten Geschmack hast."

"Wie meinst du das jetzt?"

Chris fuhr mit den Fingern durch seine Haare. Wieso konnte er nicht von Anfang an erzählen, sondern wartete auf Eddies Fragen? Das brachte es nicht, sondern sie gerieten immer weiter in eine Sackgasse.

"Wie viel Zeit hast du noch? Ich glaub', es ist am besten, wenn ich dir die ganze Geschichte von Anfang an erzähle und dass du anschließend deine Fragen stellst. Denn wenn ich dir jetzt deine Fragen beantworte, dann hast du immer zwanzig neue."

"So viel Zeit wie du willst, der Bentley muss dann halt' warten. Aber ein Kaffee, damit ich wieder zu mir komme, wär' nicht schlecht. Und 'ne Aspirin könnte ich auch gebrauchen. Engin hat ziemlich hart zugeschlagen."

Die Antwort weckte Hoffnung in Chris. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.

"Den sollst du haben. Kann ich dann zwischendurch noch duschen? Das getrocknete Blut ist echt unangenehm."

Wieder wurde Chris von Eddie gemustert. Und Chris schaffte es, den Blick zu erwidern. Und zum ersten Mal konnte Chris sehen, wie sich ein kleines Lächeln um Eddies Lippen bildete.

Verdammt, kaum schaut er mich so an, werd' ich wieder heiß.

"Sicher doch."

Eddie stand auf und reichte Chris die Hand. Er nahm sie an und ließ sich von ihm hochziehen.

 
Eschborn, Chris' Wohnung, 12. Januar 2005, 03.00 h

 

Langsam hatte Chris das Gefühl, sich den Mund fusselig zu reden. Er hatte Eddie nicht nur von den Vor- und Nachteilen seiner Unsterblichkeit erzählt, nein, um verständlich zu machen, was für Auswirkungen es auf sein Leben hatte, erzählte Chris auch, was er alles mitgemacht hatte, wovon Eddie nichts mitbekommen hatte. Und dabei war er gerade erst dabei angekommen, Eddie von Adam Pierson und seinen Trainingsmethoden zu erzählen. Chris hatte versucht, alles, was ihm in der Zeit passiert war, zu erzählen. Er war so ehrlich gewesen und hatte sogar erwähnt, dass er einmal mit Amanda ins Bett gestiegen war. Eddie hatte zwar seine Stirn gerunzelt, aber nichts weiter dazu gesagt.

Genauso, wie er zu allem anderen so gut wie nichts sagte. Ab und zu ein kurzer Kommentar oder eine Frage und ansonsten starrte Eddie auf seine Kaffeetasse und hörte zu.

Chris konnte ihn nur zu gut verstehen.

Anstelle des Kaffees hatte Chris ein Glas Wasser auf dem Tisch stehen. Wenn er nach einem Tod wieder aufwachte, war er sowieso schon für die nächsten Stunden zu wach und zu aufgedreht. Er hatte einmal den Fehler gemacht, auch noch literweise Kaffee zu trinken. Danach war er so aufgedreht gewesen, dass er noch nicht einmal ein vernünftiges Gespräch führen konnte.

Gerade versuchte Chris, sämtliche Fäden seiner Erzählung wieder zusammen zu führen, als das Handy klingelte. Ein Blick auf dem Display zeigte, dass es Kallenbach war.

Konnte der nicht warten, bis ich fertig bin?

Seufzend betätigte er die grüne Taste. Und hob gegenüber Eddie entschuldigend die Schulter. Dieser schüttelte bloß den Kopf.

"Was gibt's? Ist Bechthold wieder aufgetaucht?"

"In Einzelteilen."

Als ob ich das nicht wüsste, aber ich muss den Unschuldigen spielen.

"Kallenbach! Es ist...", Chris schaute auf die Uhr und fuhr dann fort "... drei Uhr morgens und ich bin nicht wirklich aufnahmefähig. Also erklär' es in einfachen Worten oder du bekommst morgen einen Anschiss, der es in sich hat."

Da Chris noch nie nett zu Kallenbach gewesen war, würde dieser sich nicht über den rauen Ton wundern. Ganz im Gegenteil, es würde auffallen, wenn er nett wäre.

"Diese Nacht hat mal wieder jemand den Palmengarten heimgesucht. Und neben einem zerstörten Gewächshaus haben die Jungs vom Sicherheitsdienst auch eine Leiche gefunden. Als die Kripo seine Papiere prüfte, da fanden sie heraus, dass es sich um Bechthold handelte und haben mich auch sofort informiert. Und ich habe ihn auch gerade identifiziert. Ist das einfach genug?"

"Bitte?"

"Ja, man hat dein Hauptobservationsobjekt umgebracht. Man hat den Kopf vom Rumpf abgetrennt und tot war er."

"Scheiße, scheiße, SCHEIßE!"

"Nun brüll' doch nicht so. Das war's dann mit deiner Beförderung."

"Du schließt mal wieder nur von dich auf andere. Bechtholds Tod gefährdet meine Arbeit von zwei Jahren. Wenn ich nicht ganz schnell was unternehme, dann tauchen alle ab. Verdammt, das ist das erste Mal seit Jahren, dass wir nicht nur hinter kleinen Fischen her sind. Und das geht gerade kaputt. Und du faselst da von irgendeiner Beförderung. Wo im Palmengarten seid ihr? Ich geh kurz unter die Dusche, damit ich wach werde und dann komm ich vorbei."

Chris brauchte nicht zu schauspielern, er war wirklich stinksauer auf Kallenbach. Der dachte immer nur an seine Karriere. Idealismus war ihm unbekannt.

"Ausreden kann ich es dir wohl nicht. Aber dann tu' mir den Gefallen und fahr' vorsichtig, Denn wenn dir was passiert, dann werde ich morgen zum Staatsanwalt zitiert."

Das war wirklich typisch Kallenbach und Chris war sehr nah daran zu explodieren. Aber dann erinnerte er sich an seine Richtlinien und atmete einmal tief durch.

"Nur um dich zu ärgern, könnt' ich es glatt tun. Also fordere mich nicht heraus. Wir sehn uns nachher."

,Klack'

Jetzt hatte Chris aufgelegt, bevor Kallenbach es machen konnte.

Er sah hoch und direkt in Eddies Augen.

Scheiße, scheiße! Wieso muss alles auf einmal passieren?

"Kallenbach gehört immer noch mit zum Team."

Es war eine Feststellung. Und doch konnte Chris die tausend Fragen, die dahinter standen, fast schon hören.

Und ich muss ihm noch beibringen, dass ich nicht unschuldig an Bechtholds Tod bin. Muss das ausgerechnet heute sein?

"Ja, und Mike liebt ihn heiß und innig. Inzwischen leg' ich deren Schichten so, dass sie keine Berührungspunkte mehr haben. Bescheuert, nicht?"

Das Zucken um Eddies Mundwinkel wertete Chris als Zustimmung.

"Sperr sie zusammen in einen Raum. Gib ihnen nur Wasser und Brot und du wirst sehen, nach spätestens zwei Tagen gehen sie miteinander ins Bett und dann lösen sich all deine Probleme in Wohlgefallen auf."

Kallenbach und Mike? Chris schüttelte sich.

"Mann, hast du eine kranke Phantasie. Und außerdem klappt das nicht. Hör' bloß auf, sonst bekomm' ich noch Albträume."

"Die hast du doch schon."

Danke, wie liebenswürdig.

Dabei fragte sich Chris, warum er diesen Mann nur liebte. Doch alleine schon wie Eddie vor ihm saß, ihn anschaute und dabei ganz leicht grinste, brachte seine Gedanken auf Abwege. Es fiel Chris schwer, sich zu konzentrieren.

"Stimmt, aber ich hätte gerne andere Träume, Träume, in denen du die Hauptrolle spielst. Und wenn die dann auch noch wahr werden..."

Eddie wurde wieder ernst und wich aus. Scheinbar wollte er noch nicht darüber sprechen.

"Du warst mit deiner Geschichte doch noch nicht fertig. Das meiste kann ich mir schon zusammenreimen, aber wieso hab ich nur den Eindruck, dass du bei Kallenbach am Telefon geschauspielert hast?"

"Ich wusste, dass Bechthold tot auf der Steppenwiese liegt. Schließlich hab' ich ihm den Kopf abgeschlagen."

Das saß. Eddie schluckte, schluckte noch einmal und starrte die ganze Zeit Chris an. Dann fand er seine Stimme wieder.

"Also hat er dich doch gefunden und herausgefordert. Und du hast keine Möglichkeit gehabt, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich verstehe euer verdrehtes Spiel doch richtig?"

Chris fuhr wieder einmal mit den Fingern durch seine Haare. Es war fast unmöglich, Eddie etwas zu verheimlichen. Er schien zu ahnen, wenn Chris nicht die Wahrheit erzählte.

Ich konnte nur verheimlichen, dass ich unsterblich war, aber das war eine ganz andere Situation.

Aber wenn er eine solide Grundlage für eine neue Beziehung schaffen wollte, dann musste Chris jetzt bei der Wahrheit bleiben.

"Nicht ganz. Ich hab' ihn heute Abend herausgefordert."

Der Blick... Eddies Blick. Er war entsetzt, ungläubig und fast schon ein klein wenig ängstlich.

Kein Wunder, ich bin nicht mehr der Chris, den du noch vor einem Jahr kanntest. Aber ich will dich immer noch. Mehr als jemals zuvor.

"Sag, dass das nicht wahr ist. Das kann doch nicht wahr sein? Ich kann vielleicht damit leben, dass du kämpfst, um dein Leben zu verteidigen, aber ich kann nicht glauben, dass du zum Killer geworden bist."

"Ich bin kein Killer. Das ist das letzte, was ich werden will, aber Bechthold hat mir keine andere Wahl gelassen, als ihn zu fordern."

"Ach, ja? Warum denn?"

Dieser vorwurfsvolle Ton. Chris weigerte sich, wegen Bechthold ein schlechtes Gewissen zu haben.

Der Kerl hat bekommen, was er verdient hat. Bin ich froh, dass er in meinem Kopf Ruhe gegeben hat.

"Weil er sich statt mir einen feigen unsterblichen Schwulen und seinen Lover zur Brust nehmen wollte. Und das konnte ich nicht zulassen."

Eigentlich wollte Chris es Eddie gegenüber netter verpacken, besonders wo er Eddies Nerven schon bis zur äußersten Grenze belastet hatte. Aber er wusste einfach nicht wie.

Und Eddie schien auch nicht verstehen, was Chris meinte. Denn sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Deswegen sah sich Chris genötigt, das ganze zu erklären.

"Hast du dich noch nicht gefragt, woher Thomas mich kennt? Und warum er ausgerechnet auf den Ex- seines Freundes hört?"

Langsam schien es zu Eddie vorzudringen, aber er wollte es wohl nicht glauben, denn er schüttelte den Kopf.

Chris beugte sich zu ihm und nahm seine Hand.

"Thomas ist genauso unsterblich wie ich es bin. Nur einige Jahre älter und erfahrener. Jedenfalls kann er gut Kämpfen aus dem Weg gehen."

"Das kann ich einfach nicht glauben. Das ist doch nur ein schlechter Traum."

"Ist es nicht. Leider. Jedenfalls sind Thomas und Bechthold schon mal aufeinandergetroffen und Bechthold meinte, eine offene Rechnung mit ihm zu haben. Er hat es mir brühwarm erzählt, als wir uns zufällig im Restaurant getroffen haben und er mal wieder keine Chance hatte, mich zu fordern. Und er wollte nicht nur Thomas sondern auch dich. Und das konnte ich nicht zulassen."

Mehr gab es dazu nicht zu sagen und außerdem musste sich Chris langsam auf den Weg machen, wenn Kallenbach nicht misstrauisch werden sollte. Er ließ Eddies Hand los, stand auf und ging in den Flur. Es gab nur noch den Parker, den er anziehen konnte. Alle anderen warmen Sachen hatte er in den letzten Wochen ruiniert. Er zog ihn über und ging zurück in die Küche. Eddie hatte sich nicht gerührt und sein Blick war ins Leere gerichtet. Bei diesem Anblick bekam Chris ein schlechtes Gewissen. Denn eigentlich durfte Eddie jetzt nicht allein bleiben. Aber es ging nicht anders.

"Ich würd' gern' noch bleiben, aber wenn ich jetzt nicht verdammt vorsichtig bin, dann besteht die Gefahr, für sehr lange im Knast zu landen. Und das will ich nicht. Bleib' solange du möchtest. Ich erwarte nicht jetzt und sofort eine Antwort, ob du mit mir einen neuen Anfang wagen willst. Schließlicht kann ich dir keine endgültige Sicherheit geben, aber wenn du das Risiko eingehen willst... Ich habe alle Zeit der Welt und werde auf dich warten."

Eddies Nicken war für Chris das Zeichen zum Aufbruch. Er berührte ihn kurz an der Schulter, dann drehte er sich um und ging.

Als Chris die Haustür öffnete, wusste er plötzlich, was Kallenbach gemeint hatte. Es lagen fast zehn Zentimeter Neuschnee.

 
Kapitel 27: ... und das Leben geht weiter

 

 
Frankfurt, 22. Januar 2004, 22.15 h

 

Die letzten Stunden waren für Chris das absolute Chaos gewesen. Für die Fahrt zum Palmengarten hatte er fast eine Stunde gebraucht und da hatte die Spurensicherung bereits ihren Job gemacht. Die Leiche lag im Zinksarg und überall waren Markierungen auf dem Boden angebracht.

Die Parkanlage sah durch die Schneedecke ganz anders aus als noch vor wenigen Stunden. Chris wusste nicht, was er erwartet hatte, als er wieder zum ,Tatort' zurückkehrte, bestimmt nicht diese Gleichgültigkeit.

Aber das war in einem anderen Leben. Schließlich bin ich zwischendurch gestorben.

Chris hatte Kallenbach, der ihn schon wieder mit seinen Kommentaren über die Gefährdung der laufenden Ermittlung nervte, ignoriert und sich dem ermittelnden Beamten, Kurt Matthiesen, den Chris noch nie gesehen hatte, vorgestellt und ihm seine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Danach hatte er Matthiesen gebeten, den Namen des Toten vorerst geheim zu halten und sich zu melden, wenn es erste Erfolge bei den Ermittlungen gab. Dieser war damit einverstanden und informierte Chris, dass bei der Spurensuche nicht viel gefunden worden war. Der Kripobeamte war der Meinung, dass es wahrscheinlich noch nicht mal verwertbare DNA-Spuren gab. So sehr sich Chris auch insgeheim darüber freute, er gab sich unzufrieden, müde und sehr schlecht gelaunt.

Dann war Chris mit seinem Wagen ins Präsidium gefahren, das Dreamteam hatte er dazu verdonnert mitzukommen - sie fuhren in ihrem Dienstwagen hinterher. Unterwegs hatte er Helen, Engin, Mike und Carola aus dem Bett geklingelt und zur Arbeit beordert. Wenn sie den Rest der Mafia festnehmen wollten, dann mussten sie handeln, bevor Bechtholds Verschwinden bemerkt wurde.

Die Privatadresse von Carstensen von der Staatsanwaltschaft hatte Chris auch. Er beauftragte Kallenbach, den Staatsanwalt zu wecken, damit dieser die Haft- und Durchsuchungsbefehle gegenzeichnen konnte. Damit würde er einige Stunden beschäftigt sein. Chris hatte noch sehr laut und deutlich Kallenbachs Kommentar über die Beförderung im Ohr und verpasste seinem ,Lieblingskollegen' nun die passende Retourkutsche. Kallenbach über diesen Auftrag überhaupt nicht glücklich, und versuchte sich zu weigern, aber als Chris erwähnte, dass er dafür sorgen würde, dass sein Einsatz lobend im Abschlußbericht vermerkt würde, zog er doch mit Deichsel von dannen.

Bis die anderen auftauchten, checkte Chris, was am wichtigsten war. Denn in der kurzen Zeit, die sie jetzt zur Verfügung hatten, war es absolut unmöglich, die geplanten fast hundert Verhaftungen und etwa fünfzig Hausdurchsuchungen so zu koordinieren, dass niemand vorher gewarnt wurde. So musste er Prioritäten festlegen.

Als um sechs Uhr Helen auftauchte und mit in die Arbeit einstieg, da merkte Chris, wie gut sie sich in den Fall eingearbeitet hatte. Sie war ein richtiger Profi und stellte keine Fragen, sondern fing an, die anderen Behörden zu kontaktieren und Beamte für die Einsätze anzufordern. Auch war sie mit der Dringlichkeit einverstanden, mit denen die einzelnen Verhaftungen vorgenommen werden sollten.

Kurz danach tauchte Engin mit den anderen auf und das organisierte Chaos begann. Um zehn Uhr hatten sie von Carstensen alle notwendigen Bewilligungen und um elf Uhr fiel der Startschuss.

In dieser Hektik gab es keine Zeit für private Gespräche, doch Chris fing einige fragende Blicke von Engin auf, die er mit einem Schulterzucken beantwortete.

Sie konnten bis auf einen alle Personen, die sie für die Führungsriege hielten, festsetzen. Einzig Sergej Gesse war wie vom Erdboden verschwunden.

Die Aktion blieb von der Presse nicht unbemerkt. Da das Telefon nicht mehr still stand und auch immer mehr Reporter auftauchten - wobei sich Chris fragte, woher die wussten, dass der Zoll für die Aktion zuständig war - wurde für fünf Uhr nachmittags eine Pressekonferenz anberaumt.

Chris legte den Termin so, dass er gleichzeitig ein Gespräch mit Carstensen hatte, so dass er nicht anwesend sein konnte. Wie besprochen überließ er Helen, die dafür die nötige Routine hatte, die Verantwortung für den Auftritt. Engin, Mike und Kallenbach ließ er auch die Show mitmachen, gab ihnen aber die Anordnung, dekorativ auszusehen und die Klappe zu halten. Krause war als Abteilungsleiter natürlich auch mit dabei. Dafür schickte die Staatsanwaltschaft ihren eigenen PR- Mann.

Die Besprechung mit dem Staatsanwalt war nicht halb so schlimm, wie Chris befürchtet hatte. Carstensen machte ihm keine Vorwürfe, sondern stimmte mit ihm die weitere Vorgehensweise ab. Chris empfand es als großes Kompliment, denn eigentlich war Helen die Federführende für die Koordination.

Nach der Pressekonferenz verabschiedeten sich Kallenbach und Deichsel. Da sie schon die ganze Nacht Dienst gehabt hatten, waren sie mehr als nur fertig.

So wenig Chris die beiden leiden konnte, das, was sie heute gemacht hatten, zeigte, wie professionell sie sein konnten, und er war bereit, ihnen eine gute Beurteilung zu schreiben, aber er glaubte, dass Kallenbachs größte Belohnung der Auftritt vor der Presse war.

Und seine Frau wird mehr als glücklich darüber sein.

Aber auch danach ließ ihnen der Job noch keine Ruhe. Schließlich mussten sie noch die Unterlagen für die Haftprüfung vorbereiten, damit nicht der Falsche versehentlich freigelassen wurde.

Bis um zehn Uhr abends waren alle damit beschäftigt. Dann verabschiedeten sich Carola, Helen und Mike. Nur Engin war noch nicht weg, war aber mal wieder am Kopierer, um einige Unterlagen zu vervielfältigen.

Chris blickte sich um. Das Büro sah aus wie ein Schlachtfeld. Er hatte zwischendurch gerade eben mal Zeit gehabt, eine Pizza zu essen und literweise Kaffee zu trinken, aber bestimmt nicht, um aufzuräumen. Wasser für die Kaffeemaschine war auch keines mehr da.

Noch stellte sich keine Müdigkeit ein. Deswegen stand Chris auf und ging zur Toilette frisches Wasser holen. Als er sich im Spiegel betrachtete, war er überrascht. Denn das Gesicht, das ihn da anschaute, sah nicht wirklich erschöpft aus.

Dabei hab' ich in den letzten sechsunddreißig Stunden keinen Schlaf bekommen, bin nur ein Mal gestorben. Ich bin wirklich unsterblich.

Er zog eine Grimasse und ging wieder ins Büro.

Als er zurück war, saß Engin wieder an seinem Platz. Ihm konnte man ansehen, dass er seit fast sechzehn Stunden auf den Beinen gewesen war. Er hatte die Kopien auf Chris' Schreibtisch gelegt und streckte alle Viere von sich. Er drehte noch nicht mal den Kopf, als Chris reinkam.

"Du solltest zu Hause in deinem Bett schlafen, Engin, und nicht hier. Du weißt doch, Büroschlaf ist ungesund."

"Danke für den Tipp. Ich werde auch gleich gehen. Muss nur wach genug werden, um autofahren zu können. Und wie fühlst dich?"

"Ich schein' noch eine ziemlich hohe Adrenalindosis im Blut zu haben, jedenfalls fühle ich mich ausgelaugt, bin aber noch ziemlich aufgedreht."

"Hast du letzte Nacht überhaupt geschlafen?"

Die Kaffeemaschine lief und Chris setzte sich auf Engins Schreibtisch.

"Ich war zwischendurch mal für 'ne Stunde außer Gefecht gesetzt. Und bevor du noch weiter fragst: Eddie weiß zwar Bescheid, aber ich habe keine Ahnung, wie er sich entscheiden wird. Er muss den ganzen Kram noch verdauen und ich werde ihm die Zeit lassen, die er braucht. Auch wenn ich am liebsten sofort zu ihm möchte. Und frag bitte nicht weiter, sonst werd' ich noch wahnsinnig."

Die Sehnsucht, alles stehen und liegen zu lassen und zu Eddie zu fahren, war sehr groß, aber Chris wusste, dass Eddie dies nicht vertragen konnte. Deswegen ließ er es bleiben.

Und außerdem werd' ich gleich in die Falle gehen und schlafen. Ich hab' keinen unendlichen Akku.

"Hab' ich nicht vor. Bin viel zu fertig dafür. Ich trink noch 'ne Tasse Kaffee und bin dann weg. Und außerdem ist das eure Sache."

Dazu konnte Chris nichts mehr sagen.

Die nächsten Minuten saßen sie schweigend zusammen. Nur die Kaffeemaschine machte Lärm. Als der Kaffee durch war, stand Chris auf und füllte zwei Tassen, von denen er eine Engin reichte.

Dieser nippte kurz, bekam einen Hustenanfall und schaute dann Chris an.

"Boah, du willst mir wohl eine Koffeinvergiftung verpassen. Mann, der ist ja noch stärker als sonst."

"Du wolltest doch wach werden..."

"Ja, das bin ich jetzt."

Auch Chris hatte inzwischen getrunken, empfand den Kaffee aber nicht als so schlimm. Engin hatte scheinbar auch nur eine Show abgezogen, denn er leerte die Tasse in einem Zug, stand auf und füllte sie noch mal.

"Weißt du, was heute total untergegangen ist?"

Wenn Engin Chris so ansah, dann hatte er was vor. Und Chris ahnte schon, was er wissen wollte.

"Ja, du meinst Bechthold. Matthiesen hatte sich heute Nachmittag einmal kurz bei mir gemeldet. Die erste Obduktion ist gelaufen. Man hat ihm den Kopf abgeschlagen und ihm mehr oder weniger gleichzeitig ein Messer ins Herz gerammt. Was für 'ne Art zu sterben. Da wollte wohl jemand auf Nummer sicher gehen."

Auch wenn sie unter sich waren, Chris wollte kein Risiko eingehen. Soweit es den Zollbeamten Christoph Schwenk anging, war Bechthold das Opfer in einem ziemlich abgefahrenen Mordfall. Und das war die beste Möglichkeit, Engin zu informieren. Chris' Partner schien das Spiel kapiert zu haben und spielte mit.

"War das denn einer oder mehrere Täter?"

"Das konnte Matthiesen nicht sagen. Das Ganze ist laut seiner Aussage gestern gegen elf passiert und da es schneite wie Sau..."

"... gibt es keine verwertbaren Spuren."

"Du sagst es."

"Haben die verwertbare DNA gefunden?"

Diese Frage plagte Chris auch. Denn wenn sie etwas fanden, dann war er zwar im Moment nicht betroffen - schließlich wurde er erst überprüft, wenn sie ihn verdächtigen sollten - aber für die ferne Zukunft konnte es ein Problem werden.

"Da sind sie noch dran. Bisher gibt's auch noch keine Zeugen. Die Jungs vom Wachdienst, die die Polizei alarmierten, sind aber eher zufällig über die Leiche gestolpert. Die waren da, weil irgendein Idiot das Gewächshaus zerstört hat. Ob das allerdings im Zusammenhang mit dem Mord steht, ist auch noch die Frage."

In Engins Gesicht arbeitete es. So wie er aussah, versuchte er sich an irgendetwas zu erinnern, konnte es aber nicht greifen. Chris kannte den Ausdruck, das passierte Engin hin und wieder. Meistens dauerte es ein, zwei Tage und dann fiel es ihm garantiert zu einem absolut unpassenden Zeitpunkt wieder ein.

Im Gegensatz zu seinem Partner wusste Chris, dass Engin sich an den Mord an Jade Lesage zu erinnern versuchte, aber er wollte nicht, dass Engin dies aussprach.

Denn falls die Polizei irgendwann herausfand, dass es ein Zusammenhang gab zwischen den seltsamen Lichtblitzen, den Geköpften und der Tatsache, dass solche Morde schon seit Jahrhunderten - nein, Jahrtausenden - passierten, würde die Jagd auf Unsterbliche losgehen.

Irgendwann finden die es raus. Garantiert, aber je später, um so besser.

So beschränkte sich Chris darauf, Engin einen leichten Tritt vor das Schienbein zu geben und ihn warnend anzuschauen.

Die einzige Reaktion war ein leichtes Senken des Kopfes. Dann streckte sich Engin noch einmal und stand auf.

"Komm, Chris, mach Feierabend. Gib mir deine Tasse und fahr' deinen Computer runter. Wenn ich vom Spülen zurück bin, dann gehen wir. Morgen früh müssen wir anfangen, die Ergebnisse der Hausdurchsuchungen auszuwerten."

Währenddessen nahm Engin Chris die Tasse aus der Hand, nahm die halbleere Kaffeekanne und ging zur Tür.

"Oh ja, mein Lieblingsjob."

Scheiß Schreibtischjob. Ich hasse das. Werd' ich noch mal davon wegkommen?

Doch Engin war schon zur Tür raus und hatte den Kommentar nicht mitbekommen.

Im Gegensatz zu Engin hatte Chris keine Lust, nach Hause zu fahren. Denn was sollte er dort? Ohne Eddie würde die Wohnung wieder so leer und kalt sein. Genau so, wie sein Leben jetzt war. Chris hoffte, dass Eddie sich für eine gemeinsame Zukunft entscheiden würde.

Auch wenn du mich zappeln lassen willst, lass dir nicht zuviel Zeit, ich ertrage die Ungewissheit nicht.

 

 
Frankfurt, 16. April 2005, 19.00 h

 

Direkt gegenüber von Eddies Werkstatt war ein Parkplatz frei. Chris parkte ein und stellte den Sitz seines Audis bequemer. Denn es war noch Licht im Büro und Chris meinte, Eddies Wuschelkopf durch das Fenster erkennen zu können.

Mehr als flüchtige Blicke hatte er die letzten Monate nicht von Eddie zu sehen bekommen. Dieser weigerte sich beharrlich, auch nur in Chris' Nähe zu kommen. Es war nicht wirklich so, dass Chris etwas anderes erwartet hatte, aber nachdem sich Eddie den ganzen Februar nicht gemeldet hatte, ergriff er die Initiative.

Wann immer es sein Dienst zuließ, suchte er sich einen Parkplatz in der Nähe der Werkstatt und wartete, bis Eddie Feierabend machte und wegfuhr. Dann machte er sich auch auf den Heimweg. Bisher hatte Eddie nicht darauf reagiert, aber Chris war sich sicher, dass sein Warten nicht unbemerkt blieb.

Um sich nicht ganz so einsam zu fühlen, hatte er den Teddy, der bisher einen festen Platz in seinem Bett gehabt hatte, mitgenommen. Er saß jetzt auf dem Armaturenbrett und grinste ihn aufmunternd an.

Normalerweise arbeitete Eddie mindestens bis zehn Uhr abends. Heute würde Chris aber nicht so lange bleiben können. Um kurz nach neun ging sein Flug und Adam hatte angekündigt, Chris am Flughafen zu treffen. Es war das erste Mal seit mehreren Monaten, dass sie sich wieder sehen konnten. Adams Aufenthalt in Amerika hatte länger gedauert. Aus den wenigen Telefongesprächen hatte Chris herausgehört, dass er nicht nur Ärger mit einem anderen Unsterblichen, sondern auch mit der Polizei hatte. Aber Adam hatte es geschafft, sich herauszureden, und flog jetzt auch nach Paris.

Die letzten Monate waren ruhig und ereignisreich zugleich gewesen. Sein Privatleben war ohne Eddie einfach nur zum Einschlafen. Nur Amanda war im Februar auf eine Stippvisite vorbeigekommen. Chris war nicht glücklich über ihr Auftauchen gewesen, schließlich lief in der Kunsthalle eine Ausstellung mit sehr wertvollen Exponaten.

Sie hatte aber kein Interesse gehabt, sondern wollte wissen, wie es ihm ging. Schließlich hatte sie durch ihre Quelle - Joe Dawson - erfahren, dass er seinen ersten Kampf überlebt hatte. Chris war mit ihr essen gegangen und hatte ihr alle Details über die Auseinandersetzung verraten. Sie hatte nur den Kopf geschüttelt und gemeint, dass sie bei dem Lehrer diesen Kampfstil irgendwie erwartet hatte. Spät am Abend brachte er sie in ein Hotel und verabschiedete sich vor ihrem Zimmer mit einem Handkuss, ohne sich um ihren Schmollmund zu kümmern.

Auf dem Rückweg in seine Wohnung hatte er wieder einmal gemerkt, dass er verfolgt wurde. Seit Bechtholds Tod hatten sich die Buchhändler an seine Fersen geheftet. Chris hatte nicht vor, sie loszuwerden. Schließlich taten sie nur ihren Job und er hatte kein Interesse daran, ihnen diesen zu erschweren - vorausgesetzt, sie waren nicht im Weg.

Bernhard wurde tatsächlich zum Beobachter ausgebildet. Er hatte sich vor einigen Wochen bei Chris gemeldet. Es schien ihm an der Akademie gut zu gefallen und Joe war für ihn eine Art Mentor geworden. Da die Beobachter ihn auch noch gut bezahlten, schien er zum ersten Mal in seinem Leben wirklich zufrieden zu sein, zudem er an der Akademie auch noch ein nettes Mädchen kennen gelernt hatte.

Ansonsten hatte Chris einen Rhythmus von Arbeit, Training, Eddie beobachten und schlafen gefunden. Sein Privatleben war schlicht und einfach langweilig.

Anders war es auf der Arbeit. Auch wenn alle Akten inzwischen bei der Staatsanwaltschaft lagen und Chris nichts mehr damit zu tun hatte, rief man ihn immer wieder an, weil es doch noch irgendwelche Fragen gab. Zusätzlich hatten Chris und Engin einen neuen Fall, der viel Laufarbeit erforderte. Chris war glücklich darüber, dass er nicht mehr den ganzen Tag im Büro saß. Auch wenn es wieder einmal Überstunden bedeutete. Es war aber nicht so schlimm wie noch vor einigen Monaten.

Mike, Carola, Deichsel und Kallenbach saßen wieder bei der Kripo in ihren alten Büros. Alle hatten einen positiven Vermerk in ihren Akten und Mike und Carola standen kurz vor ihrer Beförderung.

Chris hatte die Benachrichtigung über seine eigene Beförderung vor einigen Tagen in einem hochoffiziellen Schreiben bekommen. Engin hatte ihm freudestrahlend auch sein Beförderungsschreiben gezeigt. Die offizielle Feier war aber erst für die nächste Woche geplant. Chris hoffte, sich vor dem Fototermin drücken zu können, obwohl Krause ihm angedroht hatte, ihn persönlich vor die Kamera zu zerren.

Diese ganze Sache hatte nur einen Nachteil. Wenn sie den aktuellen Fall abgeschlossen hatten, dann würden sie wahrscheinlich für die nächsten Jahre im Büro versauern. Aber das bedeutete für Chris weniger Risiken und darüber würde Eddie bestimmt glücklich sein, also beschwerte er sich nicht darüber.

In Sachen Bechthold gab es nichts Neues. Die Mordkommission hatte Chris nicht in Verdacht, Bechthold umgebracht zu haben. Auch wenn es Phantomzeichnungen von zwei Männern gab, die sich im ,Dorade' mit Bechthold unterhielten.

Glücklicherweise hatte seine Paranoia Engin angesteckt, der dort den Tisch unter einem falschen Namen reserviert hatte. Die Bilder hatten nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm und Engin, so dass er sie an sämtliche Beamte weitergab, die Bechthold observiert hatten. Natürlich brachte das keine verwertbaren Ergebnisse. Deswegen wurde diese Spur nicht weiter verfolgt.

Aufgrund der Todesart, die fast auf eine Hinrichtung schließen ließ, tendierte Matthiesen dazu, dass Bechthold von der japanischen Mafia ermordet worden war, aber über die genauen Umstände tappte er im Dunkeln.

Gesse, der immer noch nicht aufgetaucht war, gehörte auch zu den Verdächtigen, aber dafür lagen auch keine Beweise vor. Alles in allem standen die Chancen gut, dass der Mordfall Georg Bechthold nicht aufgeklärt werden konnte.

Und wenn sich Eddie für mich entscheidet, dann stände einem glücklichen und zufriedenen Leben nichts mehr im Wege.

Doch das tat dieser ja nicht und deswegen saß Chris im Auto und wartete auf eine Reaktion. Eine halbe Stunde war schon vergangen und langsam wurde Chris langweilig. Seine gepackte Tasche lag im Kofferraum. Aber da es mal wieder regnete, hatte Chris keine Lust, auszusteigen und sein Laptop herauszuholen. Deswegen ließ er es und suchte im Radio nach einem Sender, der ein etwas weniger einschläferndes Musikprogramm hatte. Als er nichts fand, stellte er es aus. Chris wollte noch eine halbe Stunde warten und dann zum Flughafen fahren, egal, ob Eddie ihn bemerkt hatte oder nicht.

 

Als die Beifahrertür kurz darauf mit einem Ruck geöffnet wurde, blickte Chris irritiert zur Seite. Noch verwunderter war er, als er sah, dass es Eddie war.

Hat der verrückte Kerl doch glatt den Hinterausgang genommen, nur um mich zu überraschen.

"Komm rein und setz' dich. Draußen ist es nass."

Erstaunlicher Weise folgte Eddie seiner Aufforderung und setzte sich auf den Beifahrersitz. Doch statt zu sagen, was er auf dem Herzen hatte, schwieg er und starrte aus der Frontscheibe.

Zum ersten Mal seit Monaten hatte Chris die Chance, Eddie aus der Nähe zu betrachten. Sein Geliebter hatte sich verändert. Um die Mundwinkel zogen sich einige scharfe Linien und die Lachfältchen um die Augen waren verschwunden. Er wirkte nicht mehr wie ein Lausbub, der nie erwachsen werden wollte, sondern er war hart und verbittert. Und Chris ahnte, dass er selbst der Grund dafür war.

"Warum?" Eddie brach das Schweigen.

"Weil ich so egoistisch bin, dass ich mit dir zusammen leben will. Ich liebe dich."

"Und du hast mich vor über einem Jahr verlassen, weil du eine zu große Gefahr für mich darstellst, richtig?"

Was wollte Eddie? Chris wusste es nicht, fühlte aber Eddies Blick auf sich ruhen, der ihn aufforderte zu reden.

"Ich dachte es, ja."

"Und welchen Grund wirst du dir beim nächsten Mal suchen, um mich wieder zu verlassen?"

"Eddie!"

Wie kann er nur so was von mir denken?

Seine Finger fuhren durch die Haare.

"Ich werde dich nicht mehr verlassen, nur wenn du dir wirklich sicher bist, es nicht mehr mit mir auszuhalten. Ich habe dich im letzten Jahr so vermisst, das kannst du mir glauben."

"Ja und? Und was ist, wenn dich irgendeiner von deinen unsterblichen Kumpels zum Kampf fordert und du nicht wiederkommst, weil er dich einen Kopf kürzer gemacht hat? Dann steh' ich auch alleine da. Und ich kann nicht mit dieser ständigen Bedrohung leben."

Eddies Stimme war so unendlich bitter geworden. Dann drehte er sich zu Chris und sah ihn an.

"Schau dir doch an, was aus mir geworden ist. Ich würde es nicht mehr überstehen, wenn du mich noch einmal verlassen solltest, und deswegen ist es besser, wenn du nicht mehr in meine Nähe kommst. Ich will nicht mehr so verletzt werden. Es tut mir leid, Chris, aber meine Antwort ist nein. Es kann keinen neuen Anfang mehr geben."

Eddie beugte sich vor und öffnete die Tür. Chris war durch den Ausbruch zu geschockt, um zu reagieren. Er sah nur, wie gerade all seine Wünsche auf einmal zerplatzten.

"Es ist richtig, was ich damals sagte: Wenn die Götter besonders grausam sind, dann erfüllen sie deinen sehnlichsten Wunsch. Mich haben sie damit zerstört."

Dann war Chris alleine im Auto. Von Eddie blieb nichts zurück. Noch nicht mal ein Geruch.

Er vergrub den Kopf in seine Hände und versuchte gar nicht erst, das Schluchzen zu unterdrücken.

Aus, vorbei, nie wieder.

Verzweifelt schlug er mit seiner Hand auf das Lenkrad. Ein empörtes Brummen des Teddys brachte Chris wieder zurück. Als er hochblickte, hatte er den Eindruck, dass der Bär ihm zuzwinkerte. Fast so, als ob er ihm etwas sagen wollte.

Chris fing er an, über das, was Eddie ihm gesagt hatte, nachzudenken. Und dann war er nicht mehr bereit, Eddies Abfuhr einfach so hinzunehmen.

Schließlich liebte Eddie ihn auch, also konnte ein Versuch nicht schaden. Chris nahm den Teddy, steckte ihn in seine Jackentasche, stieg aus und ging zur Werkstatt. Die Außenbeleuchtung war an und die Tür war abgeschlossen. Doch auf dem Betriebsgelände stand noch Eddies Kombi.

Tut mir leid, aber du legst dich gerade mit einem Bullen an, damit hältst du mich nicht auf.

Das Schloss knackte Chris innerhalb von zwei Minuten. Dieses Mal ging die Tür völlig geräuschlos auf. Kein verräterisches Knarren, nichts.

Auf leisen Sohlen ging Chris zu Eddies Büro. War er dort sah, erschütterte ihn zutiefst.

Eddie saß nicht auf seinem uralten, unheimlich bequemen Bürostuhl, nein, er hatte sich unter das Fenster gehockt und die Beine an die Brust gezogen. Er hatte kein Licht angemacht. Nur die Außenlampen brachten eine diffuse Beleuchtung. Neben Eddie sah Chris eine Glutkuppe. Es war wohl eine Zigarette, die dieser in der rechten Hand hielt. An dem Geruch erkannte Chris, dass Eddie irgendetwas eingemischt hatte.

Verdammt, das hat er doch schon seit Jahren nicht mehr getan. Mike hatte damals die überzeugenderen Argumente.

Hilflos stand Chris vor dieser Situation. Eddie sah so etwas von fertig aus und schien noch nicht mal mitbekommen zu haben, dass Chris da war. Die einzige Bewegung war seine Hand, die er hin und wieder zum Mund führte, um an der Zigarette zu ziehen. Ansonsten hatte er sich scheinbar in eine andere Welt zurückgezogen.

Wie soll ich zu ihm vordringen? Verdammt, das kann ich nicht, bei solchen Gefühlsdingen geht doch bei mir immer alles schief.

Auch wenn Chris es immer abgestritten hätte, falls ihn jemand darauf angesprochen hätte: Eddie war trotz seiner Verrücktheiten der ruhende Pool in ihrer Beziehung. Er hatte Chris immer die nötige Ruhe gegeben, den Alltag zu überstehen, und war für Chris die Schulter, an die er sich anlehnen konnte. Etwas, das er bei seinen Freundinnen vergeblich gesucht hatte.

Und Eddie so da sitzen zu sehen... Chris wusste nicht weiter. Doch wenn er sich jetzt umdrehte und ging, dann würde er seinen Geliebten für immer verlieren. Und das wollte er nicht.

Doch wenn er etwas Falsches sagte, dann würde er ihn genauso verlieren. Schlimmer noch, so wie Eddie jetzt im Moment aussah, würde es ihn endgültig zerstören.

Aber es gab noch Dinge, bei denen keine Worte nötig waren. Chris ging zu Eddie, hockte sich zu ihm und zog ihn in seine Arme. Er hielt ihn einfach nur ganz fest. Von der Zigarette war nur noch ein kleiner Stumpen übrig, den er Eddie aus den Fingern wand und auf den Fliesen ausdrückte.

Entgegen Chris' Befürchtungen wehrte sich Eddie nicht dagegen. Aber das beruhigte Chris nicht. Ganz im Gegenteil. Er befürchtete, dass Eddie in eine andere Welt abgetaucht war und gar nicht mitbekam, was Chris da tat.

Es hielt ihn aber nicht davon ab, seinen Freund weiter zu halten. Schließlich würde die Wirkung der Droge irgendwann nachlassen und Eddie von seinem Trip runterkommen.

Die Minuten verrannen unendlich langsam. Die Außenbeleuchtung hatte sich schon längst automatisch abgestellt. Nur das Ticken der Uhr über dem Eingang ließ Chris erahnen, wie die Zeit verging. Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei und im Scheinwerferlicht konnte Chris sehen, wie langsam sich der Zeiger vorwärtsbewegte.

Irgendwann fing Eddie an, sich zu einer Melodie, die nur er hörte, im Takt zu bewegen, aber nach wenigen Minuten hörte er wieder damit auf.

Es war schon fast Mitternacht, als Chris die Vibration seines Handys in seiner Hosentasche spürte. Er kam aber nicht schnell genug an den Apparat, weil Eddie mit seinem Gewicht auf ihm lag.

Verdammt, das ist Adam, der wartet sicher schon 'ne ganze Weile am Flughafen auf mich.

Als er das Handy endlich rausgepult hatte, bestätigte ihm die Nummer auf dem Display, dass tatsächlich Adam angerufen hatte. Statt zurückzurufen, schrieb Chris eine SMS, in der stand, dass er in Ordnung, aber immer noch in Frankfurt war und sich sobald wie möglich melden würde.

Er war nur einen Moment abgelenkt, aber ausgerechnet den suchte Eddie sich aus, um wieder zu sich zu kommen. Jedenfalls fing er an, sich unruhig in Chris' Armen zu bewegen.

Die Nachricht wurde noch abgeschickt, dann flog das Handy in irgendeine Ecke. Chris strich ganz vorsichtig über Eddies Haare, immer wieder, wie um ein unruhiges Kind zu besänftigen. Chris hatte keine Ahnung, wie er jemanden auf einem Trip beruhigen sollte. Er hatte damit überhaupt keine Erfahrung. Aber es schien zu wirken. Eddie wurde ruhiger, und zum ersten Mal an diesem Abend hatte Chris das Gefühl, dass Eddie die Berührung nicht nur akzeptierte, sondern auch genoss. Es war ein sehr friedlicher, fast schon magischer Moment, der für Chris nie zu enden brauchte. Er kuschelte sich etwas mehr an Eddie und inhalierte seinen Geruch. Da sich der Gestank des Drogencocktails verflüchtigt hatte, konnte Chris in dieser Mischung aus Motorenöl, Schweiß und ein Hauch von Aftershave, die unverwechselbar Eddies war, schwelgen.

"Das ist jetzt kein Traum mehr? Du bist wirklich bei mir?"

Eddie war wirklich wieder in die Gegenwart zurückgekehrt.

"Träumst du davon, wenn du high bist? Ist das der Grund, warum du Drogen nimmst? Das kannst du viel einfacher haben, ohne süchtig zu werden und deinen Körper zu zerstören."

Chris bemühte sich, seinen Tonfall ruhig zu halten. Es sollte sich auf keinen Fall so anhören, als ob er ihm Vorwürfe machen würde.

"Das macht mich aber auf eine andere Art und Weise kaputt. Es ist diese Ungewissheit, ob du den Tag überlebst. Das zerrt an meinen Nerven. Als du damals privat in Sachen Bechthold ermittelt hattest, da hatte ich mir schon Sorgen gemacht, dass dir irgendetwas passieren könnte. Besonders wie du im Urlaub verdeckt ermittelt hattest. Schließlich kenne ich dein Temperament. Und wenn ich daran denke, dass jetzt irgend so ein Typ auftaucht und dich zum Kampf fordert, nur weil ihr dieses dämliche Spiel habt..."

Wie Recht du hast.

Der Rest blieb aber unausgesprochen. Dafür kuschelte sich Eddie noch näher an Chris. Fast als ob er ihm unter die Haut kriechen wollte.

"Es gibt Möglichkeiten, den Herausforderungen aus dem Weg zu gehen. Ich muss nicht kämpfen. Was meinst du, wie Thomas überlebt hat? Glaubst du wirklich, dass er kämpfen kann? Ich bin auch Bechthold fast ein halbes Jahr erfolgreich aus dem Weg gegangen, und wenn ich weiß, dass du da bist, ist das noch ein Grund mehr, vorsichtig zu sein. Ob du es glaubst oder nicht, ich bin nicht mehr der wilde Habicht. Es würde nur einige Auswirkungen auf unser Leben haben."

"Welche?"

"Wir müssten ständig bereit sein, unsere Zelte abzubrechen und in einer anderen Stadt neu anzufangen. Du solltest dir deswegen für deine Werkstatt einen Pächter suchen. Aber ich hatte schon immer den Traum, mit dir die Welt zu erobern. Ob Rio, New York, Tokio, Hongkong oder wo auch immer du hin willst, die Welt steht uns offen."

Dieser Gedanke gefiel Chris. Er hatte diesen Traum schon öfters gehabt, aber das reale Leben hatte ihnen bisher einen Strich durch die Rechnung gemacht.

"Solange wir nicht nach Hongkong fahren, hört sich das Ganze gar nicht mal so schlecht an. Aber was habe ich für Sicherheiten?"

Da war doch mal ein Urlaub in Hongkong gewesen, über den sich Eddie immer ausschwieg. Chris fragte sich, was da wirklich passiert war, dass Eddie eine derartige Aversion gegen die Stadt entwickelt hatte.

"Seit wann braucht Edgar Sänger, ehemaliger Kleinkrimineller und absolut verrückter und unmöglicher Kerl eine Sicherheit?"

"Weil eben jener Edgar Sänger seit einigen Jahren solide und erfolgreicher Unternehmer ist, mein lieber Chris. Ich habe nur überlebt, weil ich nicht zu viele Risiken eingegangen bin."

Gott, er hört sich ja genau so an wie Iris. Wo wird das noch enden?

Doch sie hatten es wirklich geschafft, dieses heikle Thema mit einem leichten Ton zu besprechen, von dem Chris immer geträumt hatte, doch er zögerte einen Moment, die nächste Frage zu stellen. Dann überwand er sich.

"Wärst du denn bereit, für mich dieses Risiko einzugehen?"

Zuerst schwieg Eddie. Chris hatte den Eindruck, dass er über diese Frage nachdachte.

"Erinnerst du dich an letztes Weihnachten?"

Das Billardspiel und unsere heiße Nacht?

"Wie sollte ich mich nicht daran erinnern. Obwohl es mir am nächsten Tag wie ein Traum vorgekommen ist."

"Nicht nur dir. Ich hatte mich am Nachmittag mit Thomas gestritten, ohne wirklich einen Grund zu haben. Einfach nur, weil ich die Erinnerung vom vorhergehenden Weihnachten in meinem Kopf hatte und es so weh tat. Weißt du, ich habe Thomas nicht geliebt, doch er war in den letzten Monaten mein Anker, der mich vor dem Verrücktwerden gerettet hatte. Im Gegensatz zu der Show, die ich damals mit Mike abgezogen hatte, war bei mir aber nicht die Spur eines schlechten Gewissens vorhanden..."

Wieder schwieg Eddie, doch auch Chris hielt seinen Mund, gab keinen Kommentar ab, und liebkoste Eddies Haare.

"Was ich sagen wollte... Als ich dich dann in derselben Nacht in der Kneipe gesehen habe, da wollte ich mir selbst beweisen, dass ich dich nicht mehr brauchte. Wollt' mich dir abgewöhnen. Und ein One Night- Stand so ganz ohne Gefühle, einfach nur Sex, schien mir der beste Weg. Aber da hast du mir einen Strich durch die Rechnung gemacht."

"Hey, die Nummer auf'm Klo, was war das?"

Bei dem Gedanken daran wurde Chris noch nachträglich rot. Er war kein Exhibitionist und würde es auch nie werden.

"Das war mehr als Sex, verdammt, du hast dich einfach so fallen lassen und mir rückhaltlos vertraut. Du hast dich einfach nicht so verhalten wie das Arschloch, das mich verlassen hatte. Und ich war verloren."

Das war mal wieder typisch Eddie. Er redete, aber eine wirkliche Antwort gab er nicht.

"Sorry, das wollt' ich nicht, aber ich hatte an dem Abend eine Konfrontation mit Bechthold und als du dann vor mir standest, da brauchte ich dich so sehr..."

Und auch ich hab' meine Weihnachtserinnerungen.

Sie schwiegen. Chris wusste nicht, wie er die richtigen Worte finden sollte, um wieder zum Thema zurück zu kommen. Die Stille empfand er allerdings nicht als unangenehm.

"Kann es sein, dass ich mich gerade wie meine Mutter angehört habe?"

So war Eddie. Er sagte nie das, was man erwartete.

"Eine gewisse Ähnlichkeit war nicht zu überhören, besonders ,mein lieber Chris' war Ton für Ton Iris."

"Stimmt, du hast damit ja Erfahrung."

"Nichts gegen deine Mutter, sie ist 'ne klasse Frau, aber wenn sie damit anfängt, könnt' ich sie gegen die Wand klatschen. Ganz so krass meine ich es nicht", setzte er nach diesen Worten erklärend hinzu.

"Denn wenn sie ,mein lieber Chris' sagt, dann hat sie irgendetwas besonderes vor."

Chris konnte Eddies Lachen spüren und dann hörte er es auch.

Wie schnell doch die Stimmung umgesprungen ist. Wenn ich daran denke, wie verzweifelt ich war, weil er mir einen Korb gegeben hatte. Jetzt habe ich wieder Hoffnung.

Doch dann wurde Eddie wieder ernst.

"Ich liebe meine Mutter, ich liebe sie wirklich, aber ich habe mir geschworen, dass ich niemals so werde wie sie..."

Wieso sprach er nicht aus, was er andeutete? Eddie war für Chris wirklich ein Buch mit sieben Siegeln und doch fühlte er sich in seiner Gegenwart so glücklich, geborgen und unheimlich lebendig.

"Und was willst du verrückter Kerl mir damit sagen? Jetzt red' nicht so um den heißen Brei herum."

"Macht mir aber Spaß!"

"Klar, weil du glaubst, mich damit auf die Palme treiben zu können. Tut mir leid, aber ich hab' mich im letzten Jahr sehr verändert. So schnell pflück' ich keine Kokosnüsse mehr!"

"Schade, ich find's einfach nur niedlich, wenn du dich aufregst."

"Gut, dass ich das jetzt weiß. Ich bin nämlich nicht niedlich."

"Doch, das bist du."

"Bin ich nicht."

"Wohl!"

"Du Spinner!"

"Für dich immer."

Was gab es Schöneres, als seinen Geliebten in den Armen zu halten und sich mit ihm zu kabbeln? Chris wusste etwas Besseres, aber dafür brauchte er eine Antwort auf seine Frage. Er war nur froh, dass er am nächsten Tag keinen Muskelkater haben würde. Denn so lange, wie er jetzt schon auf dem Boden hockte...

Unsterblichkeit hat wirklich seine Vorteile, aber was bringt sie mir, wenn ich Eddie irgendwann verliere?

"Warum?"

Es lag wieder eine Ernsthaftigkeit in Eddies Stimme, die Chris aufhorchen ließ.

"Warum was?"

"Warum willst du so unbedingt mit mir zusammen sein? Du könntest andere haben. Diese Amanda scheint doch nicht abgeneigt zu sein und sie wird im Gegensatz zu mir nicht altern. Warum lässt du nicht locker?"

Chris überlegte, wie er es Eddie verständlich machen konnte, aber ihm fehlten die Worte. Doch dann kam ihm eine Idee.

"Egal, was ich darauf antworten würde, es wäre so rosarot und schnulzig, dass du es mir nicht glauben würdest."

"Und was, wenn ich es einfach nur hören will? Du hast mir schon gesagt, dass du mich liebst. Aber reicht es aus, um mich altern zu sehn? Irgendwann werde ich vielleicht auch noch krank und dann musst du mich pflegen. Willst du das wirklich?"

Seine rechte Hand hatte sich von Eddie gelöst und Chris' Finger fuhren jetzt durch sein Haar.

"Gut, wie du willst. Du bekommst deine Antwort. Ich liebe dich, nicht Amanda oder irgendeine andere Person. Ich hab zwar verdammt lang' gebraucht, um das zu merken, aber ich habe nicht vor, meine Meinung zu ändern. Ich wollte früher nur mit dir alt werden. Jetzt will ich soviel Zeit, wie es nur geht, mit dir verbringen. Ich bin nicht der Typ, der immer die passenden Worte findet und ich bin bestimmt nicht so romantisch verlangt wie Klaus oder Mike, aber du musst mir glauben, dass ich nur dich will."

Chris zögerte einen Moment, er wusste nicht, ob das reichte. Er entschied, dass es nicht genug war.

"Und wenn du irgendwann einmal alt und krank sein solltest, so what? Wenn ich nicht unsterblich geworden wäre, dann hätten wir eine Münze werfen können, wer irgendwann wen pflegt. Ich war mir der Tatsache schon lange bewusst. Reicht das oder willst du, dass ich auf Knien vor dir rutsche und einen Heiratsantrag mache?"

Der letzte Satz war raus, bevor Chris wirklich darüber nachgedacht hatte. Er hatte eigentlich nie vorgehabt zu heiraten, aber der Gedanke, durch einen Ring mit Eddie verbunden zu ein, hatte auf einmal etwas unheimlich Verlockendes, dafür würde er sogar stundenlang auf den Knien rutschen. Doch Eddie winkte ab.

"Die Vorstellung hat schon ihren Reiz, besonders die Stelle, wo du auf den Knien vor mir rutschst, aber lass mal, dafür lieg' ich zu gemütlich auf dir. Die Antwort genügt mir. Aber eine Frage hab' ich noch."

Beinah wäre ein genervter Seufzer über Chris' Lippen gekommen, aber er konnte es so gerade noch verhindern. Er konnte sich glücklich schätzen, dass Eddie überhaupt zuhörte.

"Was denn?"

"Wovon sollen wir denn leben, wenn wir die Welt unsicher machen?"

"Tja, wir werden wohl immer wieder arbeiten müssen. Ich habe nicht wirklich viel Geld angespart. Amanda hat mir zwar für eins ihrer Konten eine Vollmacht erteilt, aber ich bezweifle, dass du auf ihre Kosten leben möchtest. Aber ich denke nicht, dass es da Probleme geben sollte. Du als Schrauber und ich in der Security, die nehmen uns mit Kusshand."

"Und wenn nicht?"

"Du hast doch ein nettes Vorstrafenregister und Amanda hat mir viel beigebracht, und wenn alles schief läuft, dann musst du mich halt aus der Leichenhalle rausholen."

Wie es kam, dass Chris auf einmal auf dem Rücken und Eddie mehr oder weniger auf ihm lag, wusste er nicht. Er hatte nicht wirklich mit diesem Angriff gerechnet.

"Du verarschst mich. Der aufrechte und ehrliche Bulle Christoph Schwenk will auf einmal irgendwelche krummen Dinger drehen? Sag, dass es ein schlechter Scherz war, und ich lass dich los."

Zusätzlich hatte Eddie auch noch Chris' Hände gepackt und drückte sie über seinem Kopf auf den Boden. Wenn Chris es wirklich wollte, dann hätte Eddie keine Chance. Aber wieso sollte er das? So intensiv hatte er Eddie schon lange nicht mehr gespürt. Es fiel schwer, eine sinnvolle und logische Antwort zu geben.

"Es war kein Scherz. Ich hab' mich im letzten Jahr wirklich verändert. Und dazu gehört auch, dass ich zum Eigentum anderer Leute eine etwas andere Einstellung bekommen habe. Du kannst dich dafür bei Amanda und Adam bedanken."

Dass Eddie auf einmal lachend über ihm zusammenbrach, empfand Chris zwar als sehr angenehm, wusste aber nicht wirklich, was er davon halten sollte.

"Eddie! Erde an Edgar Sänger! Huhu! Was ist los mit dir?"

Aber Eddie krümmte sich in seinem Lachanfall. Chris war sich nicht sicher, ob dies nicht noch eine Folge des Drogenkonsums war. Deswegen hielt er einfach nur still. Es war ja auch wirklich angenehm, Eddie so zu spüren.

Mehr als nur angenehm. Scheiße! Chris, denk an was anderes, sonst bekommst du schneller einen Steifen, als du ,Piep' sagen kannst.

"Ach, dir gefällt es also, was ich mit dir mache? Sag mal, hast du nicht irgendwo in deiner Hosentasche noch Handschellen, mit denen ich dich fesseln kann? Du schuldest mir noch was."

Warum musste Eddie nur in dieser Tonlage sprechen? Und warum tastete er jetzt mit einer Hand seinen Körper entlang?

"Du schuldest mir noch eine Antwort, Eddie."

"Ich habe sie dir schon längst gegeben."

"Formuliere sie bitte so, dass ich sie verstehe."

Dann spürte Chris, wie Eddie von ihm abließ und aufstand. Er ging zum Schreibtisch und machte die kleine Leselampe an. Dann kam er zurück und reichte Chris die Hand. Er nahm sie und zog sich hoch.

Eddie ließ ihn los, setzte sich hinter seinen Schreibtisch und wühlte in seinen Unterlagen. Und Chris wusste einfach nicht, wie er dieses Verhalten einschätzen sollte.

Bis Eddie fündig wurde und ihm einen Brief unter die Nase hielt.

"Was soll das?"

"Das ist ein Angebot, meine Werkstatt zu kaufen. Man hat mir zwei Millionen geboten. Ich hatte eigentlich vor abzulehnen, aber das werde ich nicht mehr tun. Ich werde jetzt den Preis noch etwas hochtreiben und dann verkaufe ich. Wenn ich dann meine Schulden abziehe, die ich immer noch habe, kommt schon ein ganz nettes Sümmchen zusammen."

"Nein, das kann ich nicht glauben."

"Doch, der arme kleine Kriminelle, der vor einigen Jahren zu stolz war, dich um Kohle anzupumpen, ist jetzt Millionär und weißt du was?"

"Das meinte ich doch gar nicht. Du hängst doch an der Werkstatt, du liebst sie!"

"Stimmt, aber ich habe gerade festgestellt, dass ich genau so geworden bin, wie ich es nie sein wollte, und es wird verdammt noch mal Zeit, das zu ändern. Ich wollte nie ein Spießer werden, der nur auf seine Sicherheit bedacht ist. Gib mir etwas Zeit, den Verkauf vernünftig über die Bühne zu bringen, und dann erobern wir die Welt. Ich kann überall an Autos schrauben."

Eddies Stimme war so lebendig und das Strahlen in seinem Gesicht war so intensiv. Chris konnte sein Glück einfach nicht fassen.

Er spürte, wie ihm der Brief wieder aus den Händen genommen wurde. Und dann wurde er mit sanfter Gewalt nach hinten gedrängt, bis er die Wand in seinem Rücken spürte. Eddies Lippen an seinen Ohrläppchen und Hände, die gierig über seinen Körper fuhren. Er schien etwas zu finden, stutzte kurz und zog den Teddy aus der Jackentasche. Er löste sich kurz von Chris und setzte ihn mit einem Grinsen setzte so auf dem Tisch ab, dass er mit dem Rücken zu Chris saß.

"Du bist noch zu jung, um zuzuschauen, was ich jetzt mit Chris machen werde, sorry, mein Kleiner."

Was hast du vor? Der hat doch sonst immer zugeschaut!

Mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht drehte Eddie sich um und ging auf Chris zu. Er spielte es aus, dass er größer war und stützte sich mit seinen Händen an der Wand direkt neben Chris Kopf ab und schaute auf ihn hinab. Eben diese Wand bewahrte Chris davor, nicht auf den Boden zu rutschen, so wackelig wurden seine Beine. Dann beugte Eddie sich hinab und flüsterte in Chris' Ohr.

"Ich will zuerst nach Paris. Aber vorher, vorher wirst du mir verraten, wo du deine Handschellen hast. Du entkommst mir diese Nacht nicht."

Hab' ich auch gar nicht vor.

Die nächsten Jahre würden bestimmt nicht langweilig werden. Nicht mit Eddie an seiner Seite.

 

Fin

 

 

There's no time for us
There's no place for us
What is this thing that builds our dreams yet slips away from us
 
Who wants to live forever
Who wants to live forever....?
 
There's no chance for us
It's all decided for us
This world has only one sweet moment set aside for us
 
Who wants to live forever
Who wants to live forever?
 
Who dares to love forever?
When love must die
 
But touch my tears with your lips
Touch my world with your fingertips
And we can have forever
And we can love forever
Forever is our today
Who wants to live forever
Who wants to live forever?
Forever is our today
 
Who waits forever anyway?

 
Who Wants To Live Forever (May)
QUEEN
 

 

 

 
Ende

 
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