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Und das Leben geht weiter
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
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Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
 
 

... und das Leben geht weiter

Teil 2
© by Aisling ()
 
Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Mit über 300 Word Seiten ist es meine bisher längste Fanfiction.
Bis vor einem Jahr hätte ich auch noch nicht gedacht, dass ich jemals so verrückt sein würde, so eine lange Geschichte zu schreiben.
Geplant hatte ich sie jedenfalls nicht in diesem Umfang. Sie sollte 'nur' 100 Seiten lang werden. Trotz Storyline wurden es wesentlich mehr.
Dank: An Birgitt. Ohne sie und ihre Begeisterung (ganz zu schweigen von ihrem Beta) wäre ich noch nicht mal über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 3: Oh du fröhliche, oh du selige...

 
Frankfurt, 24. Dezember 2003

 

"Last Christmas I gave you my heart But the very next day you gave it away This year to save me from tears I'll give it to someone special..."

Grinsend lauschte Chris dem schiefen Gesang, der aus dem Wohnzimmer kam. Er selbst stand in der Küche und bereitete das Weihnachtsessen vor.

Es war die Ruhe vor dem Sturm. Er hatte Iris mit der Bitte, noch etwas Wein zu besorgen, weggeschickt, damit sie nicht ständig um ihn herumkreiste und mit ihren gut gemeinten, aber lästigen Ratschlägen nervte.

Ob Eddie wusste, was für eine Megaschnulze er da gerade schmetterte? Chris bezweifelte es. Er erinnerte sich noch an die Pur-CD, die er vor einiger Zeit in Eddies Sammlung gefunden hatte, und an dessen Geständnis, dass er die Scheibe mit persönlicher Widmung beim Wichteln bekommen hatte und es einfach nicht geschafft hatte, sich davon zu trennen.

Aber inzwischen hatte die CD dank Ebay ein neues Heim bekommen und Iris konnte sie nicht mehr 'zufällig' finden.

Die Truthahnbrust war jetzt mit Backpflaumen gefüllt und wartete darauf, in den Backofen geschoben zu werden, das Rindfleisch lag in der Marinade und er musste nur noch die Kartoffeln schälen und die Frühlingszwiebeln klein hacken.

Chris beschloss, dass er eine Belohnung verdient hatte.

Er ging rüber, lehnte sich gegen den Türrahmen und beobachtete, wie Eddie die Silbertanne schmückte.

Sie hatten sich für einen klassischen Baumschmuck entschieden. Äpfel und Zinnfiguren und an der Spitze ein Strohstern. Auf eine Lichterkette verzichteten sie, stattdessen würden sie später Bienenwachskerzen anzünden.

Aber das interessierte Chris im Moment weniger. Er beobachtete jede Bewegung, die Eddie machte. Die schwarze Jeans und der weiße Kaschmirpullover brachten seine Figur vorteilhaft zur Geltung. Da er in der Werkstatt harte körperliche Arbeit leistete, brauchte Eddie keinen Sport, um seine Muskeln zu trainieren.

Einige Minuten vergingen, in denen kein Wort gewechselt wurde. Im Hintergrund kamen aus dem Radio weitere Weihnachtslieder.

Chris fragte sich, ob das letzte halbe Jahr nur ein böser Traum gewesen war. Nach jenem DVD-Abend hatte er versucht, ganz normal weiterzuleben. So als ob er niemals gestorben und in der Leichenhalle aufgewacht wäre. Er hatte keinen Versuch mehr unternommen, Eddie über sein verändertes Wesen aufzuklären.

Er musste ein sehr guter Schauspieler sein, denn niemand schien zu merken, wie depressiv und verzweifelt er manchmal war.

Mit der Zeit ließ dies Gefühl aber nach und inzwischen schaffte er es, fast gar nicht mehr daran zu denken.

Selbst zum Schwerttraining ging er in den letzten zwei Monaten, ohne dass sich die lästige Stimme in seinem Hinterkopf bemerkbar machte.

Dafür lebte Chris jede Stunde, jede Minute, die er mit Eddie verbrachte, besonders intensiv.

Und deswegen stand er jetzt im Türrahmen und sog den Anblick auf, der sich ihm bot.

Er konnte sich einfach nicht an Eddie satt sehen. Es würde nie genug sein.

Wie schön wäre es, zusammen mit seinem Geliebten alt zu werden. Es schmerzte.

An diesem verregneten Weihnachtsabend wollte Chris aber nicht in Depressionen verfallen. Er stieß sich vom Türrahmen ab und ging die wenigen Schritte zu Eddie.

Dieser hatte sich gerade über die Dekokiste gebeugt und holte den Strohstern heraus. Als Eddie sich aufrichtete, schmiegte sich Chris an seinen Rücken und umschlang ihn mit seinen Armen.

Chris spürte, wie Eddie sich entspannte und auf die Umarmung einließ. So standen sie einige Minuten. Schweigend, vereint und doch so weit voneinander entfernt.

Bis Eddie das Schweigen brach.

"Meine Mutter kann sehr anstrengend sein."

"Deswegen stehe ich jetzt aber nicht hier."

"Doch, sie wird dich nachher vereinnahmen, dass wir keine Ruhe mehr dafür haben."

Für Chris war das ein Grund, sich noch fester an Eddie zu kuscheln. Doch nach wenigen Augenblicken löste sich Eddie aus der Umarmung, drehte sich zu Chris und sah ihn liebevoll an.

"Wir können die Feier auch noch absagen. Du rufst Engin, Mike und Carola an und ich laufe nach oben und packe Iris' Koffer. Den stelle ich vor die Tür und dann lege ich die Kette vor, damit sie nicht mehr reinkommt."

Jetzt legte Eddie seine Arme federleicht um Chris' Hüfte.

"Dann musst du auch noch vor jedes Fenster einen Schrank schieben. Denkst du, deine Mutter würde sich von einer verschlossenen Tür abhalten lassen? Notfalls schlägt sie ein Fenster ein, steigt ein und hält uns eine Standpauke."

"Sie könnte auch die Polizei rufen, damit sie uns verhaftet!"

Lächelnd schüttelte Chris den Kopf. So schön die Vorstellung, den Weihnachtsabend mit Eddie allein zu verbringen, auch war, er mochte Iris zu sehr, als dass er ihr das antun würde.

"Sie hat doch nur noch uns. Und da sie uns inzwischen nur noch alle paar Monate heimsucht, werden wir auch dieses Weihnachten überstehen."

Ein wohliges Gefühl breitete sich in Chris aus, als Eddies Finger auf Wanderschaft gingen. Es waren keine erotischen Berührungen, sondern einfach Zärtlichkeiten, wie sie nur von Eddie kamen. Als Eddie mit seinen rauen und doch sanften Fingerspitzen sein Gesicht liebkoste, schloss Chris die Augen.

Doch diese ruhigen Minuten waren viel zu schnell vorbei.

Das Klingeln des Telefons störte sie.

Aber Chris hatte nicht vor, sich stören zu lassen.

Als Eddie sich aus der Umarmung lösen wollte, hielt er ihn fest.

"Lass es bimmeln. Wenn es etwas Wichtiges ist, dann meldet derjenige sich noch einmal."

"Und wenn es Mike oder Engin ist?"

"Dann rufen sie aufs Handy an. Und das steckt in meiner Hosentasche. Kann das verdammte Telefon denn nicht still sein!"

Aber der Anrufer war hartnäckig und ließ durchschellen.

Als der Unbekannte endlich aufgab, war Chris die romantische Stimmung vergangen. Trotzig blieb er in der Umarmung, bis Eddie versuchte, sich loszumachen.

"Komm, Chris, ich muss noch einiges vorbereiten, bis die Bande anrückt. Du bist in der Küche doch auch noch nicht fertig."

"Ich suche noch einen Freiwilligen, der die Frühlingszwiebeln schneidet und die Kartoffeln schält. Selbst der Nachtisch steht schon im Kühlschrank. Was musst du noch machen?"

"Ich muss noch die Kerzen im Baum festmachen. Etwas aufräumen und saubermachen und dann wollte ich noch andere Musik raussuchen. Wenn wir den ganzen Abend nur Weihnachtsmusik hören, dann krieg' ich einen Krampf."

"Du hast eben bei 'Last Christmas' mitgesungen!"

"Bei dieser Schnulze! Kann doch gar nicht!"

"Hast du aber! Aber was willst du sonst auflegen? Die Musik, die Mike und Engin hören, wird Iris bestimmt nicht gefallen!"

"Wie wär's mit Klassik? Mozart wäre bestimmt nicht schlecht."

Chris dachte daran, bei welcher Gelegenheit sie das letzte Mal Mozart gehört hatten, und wäre beinahe rot geworden.

"Das ist keine gute Idee. Dann komme ich auf ganz andere Gedanken."

Eddies anzügliches Grinsen sagte alles.

"Gut, dann lassen wir es beim Radio. Und jetzt geh wieder in die Küche, sonst überrascht uns Iris wirklich noch bei mehr als einer Umarmung."

Eddie gab Chris noch einen Kuss, drehte ihn um und schob ihn in die Küche.

 

Die Kartoffeln waren geschält, jetzt musste Chris nur noch die Zwiebeln klein hacken und alle Vorbereitungen fürs Festessen waren getroffen.

Es war erstaunlich, wer Weihnachten zu Besuch kam. Bei Mike und Klaus hatte Chris darauf getippt, dass sie alleine feiern wollten. Aber sie hatten sich doch dafür entschieden, sich von Chris kulinarisch verwöhnen zu lassen.

Engin hatte erst vor zwei Tagen gefragt, ob er nicht doch kommen könnte, da er kurzfristig wieder solo war.

Nur Carola, Mikes Partnerin, hatte sofort zugesagt, als er sie vor zwei Wochen gefragt hatte. Ihr Sohn Thorsten verbrachte den Heiligen Abend bei seinem Vater und sie hatte Angst gehabt, ansonsten Trübsal zu blasen.

Alle anderen Bekannten hatten abgesagt.

Eddie hatte schon gemeckert, dass es ein Teamtreffen samt Anhang sei, und angedroht, dass es Ärger geben würde, wenn sie dienstliche Sachen besprechen würden.

Seine Entgegnung, dass das Team erst mit Deichsel und Kallenbach komplett wäre, und seine Frage, ob er die beiden samt Ehefrauen einladen sollte, hatten Eddie nun doch etwas geschockt.

Es war einer der seltenen Momente gewesen, wo Eddie sprachlos war und Chris hatte ihn genossen.

Dann hatte er sich vorgebeugt, Eddies Kopf runtergezogen und ihm ins Ohr geflüstert, dass die beiden Heilig Abend mit der Observation Bechtholds verbringen würden und sie deswegen vor ihnen sicher waren.

"Huhu, ich bin wieder zurück! Du bist ja schon richtig weit! Kann ich dir noch helfen?"

Wieso er nicht mitbekommen hatte, dass Iris in die Küche gekommen war, war Chris ein Rätsel, aber dass er sich vor Schreck in den Finger schnitt, fand er gar nicht gut.

"Aua! Verdammte Scheiße! Brüll mir doch nicht so ins Ohr! Jetzt habe ich mich in den Finger geschnitten!"

Scheiße, Scheiße, Scheiße! Wie werde ich Iris jetzt wieder los? Sie darf nichts merken!

"Ja, wenn du so in Gedanken bist... Ich habe sogar an die Tür geklopft und du hast nichts gemerkt. Jetzt zeig mir mal deinen Finger. Ich habe Erfahrung damit, so was zu verarzten. Eddie ist als Kind ständig mit solchen Verletzungen angekommen."

Bevor Chris in irgendeiner Art und Weise reagieren konnte, hatte sich Iris schon seine Hand geschnappt und begutachtete die Schnittwunde.

"Das sieht ja übel aus. Es scheint ja bis auf den Knochen durch zu sein. Ich hole dir schnell ein Pflaster und dann fahren wir zum Notdienst. Das muss genäht werden!"

"Iris, du übertreibst. Es reicht, wenn du mir ein Pflaster holst und das Ganze gut zuklebst, damit es aufhört zu bluten."

"Mein lieber Chris, das glaubst du vielleicht. Wenn sich da kein Fachmann drum kümmert, dann holst du dir eine Blutvergiftung. Wir bringen dich zu einem Arzt und der wird das Ganze nähen. Keine Widerrede."

Verdammt, bis wir beim Arzt sind, ist das Ganze doch schon längst wieder verheilt!

"Eddie! Hol mir bitte den Verbandskasten! Chris hat sich geschnitten!"

Chris betete im Stillen, dass sich Eddie auch wirklich beeilen würde. Denn Iris würde ihn vorher nicht aus ihren Klauen lassen. Viel Zeit hatte er nicht mehr und die Wunde würde verheilen.

Aufgeschreckt durch Iris' fast schon panischen Tonfall kam nun auch Eddie in die Küche gestürmt. Mit dem Verbandskasten in der Hand.

Iris übernahm die Verantwortung, nahm das Verbandsmaterial und legte Chris fachmännisch einen kleinen Verband an.

Keine Sekunde zu früh, denn in dem Moment, als der Mullverband über der Wunde lag, fühlte Chris das Kribbeln, das eine Heilung ankündigte. Er wusste nicht, was er getan hätte, wenn das Timing nicht so perfekt gewesen wäre.

Er hielt still. Wartete, bis Iris seinen Finger verarztet hatte. Es sah richtig echt aus. Sogar einige Blutstropfen hatten noch ihren Weg auf den Mull gefunden und dekorierten ihn.

"So, das wäre geschafft. Komm, wir nehmen mein Auto, und dann fahre ich dich zum Notdienst."

"Iris, du hast etwas vergessen."

Etwas irritiert sah Iris Chris an.

"Was soll ich denn vergessen haben?"

"Erstens hast du mich gar nicht gefragt, ob ich überhaupt zum Arzt will. Ich will nicht. Zweitens kommt in spätestens einer Stunde die Horde zu Besuch und bis dahin soll das Essen fertig sein. Drittens kann ich mir viel zu gut vorstellen, wie voll es da ist. Besonders heute. Du kannst gerne zum Arzt fahren. Aber ohne mich."

Iris schien das nicht zu beeindrucken. Sie ging in den Flur, zog sich ihre Jacke an und schien darauf zu warten, dass Chris nachkommen würde.

Aber er dachte gar nicht daran. Er ging wieder zur Arbeitsplatte, nahm sich einen Lappen und wischte das Blut weg, das er dort vergossen hatte.

Er nahm das Messer und begann, die restlichen Zwiebeln klein zu hacken, wurde aber durch den Verband etwas daran gehindert.

Dann hinderte ihn noch etwas.

Iris drängte ihn zur Seite und nahm ihm das Messer aus der Hand. So, wie sie mit dem Teil auf ihn zeigte, glaubte Chris, dass es eine Drohung war.

"Du kommst jetzt bitte mit mir zum Arzt. Die Wunde muss genäht werden. Ich möchte nicht, dass du eine Blutvergiftung bekommst."

Es klang so, als ob Iris mit einem unartigen Kind sprechen würde und nicht mit einem Mann, der an den Schläfen schon graue Haare hatte. Jedes Wort wurde extra betont.

"Iris, so wie ich gerade geblutet habe, kann ich keine Blutvergiftung bekommen, und dank deines Verbandes hat es auch schon aufgehört."

Zum Beweis wedelte Chris mit seiner Hand vor ihrem Gesicht rum. Es war kein neues Blut dazu gekommen.

"Und da du es so gut gemacht hast, braucht es auch nicht genäht zu werden. Ich tausche es in einigen Tagen gegen ein Pflaster aus, achte darauf, dass kein Dreck reinkommt und dann ist es gut. Im Gegensatz zu Eddie habe ich im Moment einen gemütlichen Schreibtischjob, wo ich mir die Finger gar nicht dreckig machen kann."

Von Eddie kam beim letzten Kommentar nur ein verächtliches Prusten, sonst hielt er sich aus dem Streit raus.

"Eddie, nun sag doch auch etwas!"

Nachdem er sich bemerkbar gemacht hatte, versuchte Iris, ihren Sohn mit einzubeziehen.

"Ich werde mich hüten. Macht das unter euch aus. Ihr seid alt genug dafür. Denn sonst gerate ich noch zwischen die Fronten. Und außerdem wirst du Chris nur dann zum Arzt bekommen, wenn du ihn vorher bewusstlos schlägst und anschließend dorthin schleifst. Ich habe es auch schon probiert und bin gescheitert."

"Gut, damit wäre das ja geklärt."

Chris nahm Iris behutsam das Messer aus der Hand, schob sie zur Seite und widmete sich wieder seinen Zwiebeln.

Irritierend war nur, dass Eddie im Hintergrund einen Lachkrampf bekam und wohl verzweifelt versuchte, ihn zu unterdrücken.

Dann hörte Chris, wie Iris sich umdrehte und die Küche verließ. Die Türe wurde betont leise zu gemacht.

Jetzt ließ Eddie seinem Lachanfall freien Lauf. Er hockte auf dem Boden, hielt sich den Bauch und lachte, bis ihm die Tränen kamen. Irgendwann ging ihm die Puste aus und er lehnte sich immer noch kichernd an die Wand.

Chris war von seinem Freund zwar schon einiges gewohnt, aber so schlimm hatte es ihn schon lange nicht mehr erwischt. Er hockte sich neben ihn und wartete geduldig, bis Eddie sich soweit erholt hatte, dass er wieder sprechen konnte.

"Muss ich das jetzt verstehen?"

Fragend zog Chris eine Augenbraue hoch. Doch Eddie sah ihn nur kurz an und wälzte sich in seinem nächsten Lachkrampf. Da wurde es Chris zuviel. Er stand auf, beachtete Eddie nicht weiter, und versuchte zum dritten Mal, die Zwiebeln zu hacken. Immer wieder hörte er im Hintergrund Eddies Glucksen.

Dann waren die Biester klein gehackt und wurden zusammen mit dem marinierten Rindfleisch in den Schmortopf gelegt.

Nachdem dieser im Backofen untergebracht war, drehte sich Chris wieder zu Eddie.

Sie hatten jetzt vierzig Minuten Zeit, bis das Essen fertig war, und deswegen mussten sie sich eigentlich beeilen, um der Wohnung den letzten Schliff zu geben und um sich noch umzuziehen.

Wieso musste dieser Mann nur so göttlich aussehen, selbst wenn er vollkommen fertig auf dem Fußboden liegt?

Der Kaschmirpullover war nicht mehr ganz weiß und die Jeans hatte auch einige Flecken abbekommen.

Typisch Eddie.

"Kannst du mir verraten, warum du gerade so einen Lachkrampf bekommen hast? Nein, fang bitte nicht schon wieder an. Ich will doch einfach nur wissen, was los ist."

"Mutter..."

"Deine Mutter ist schrecklich. Ich weiß es. Was willst du mir noch sagen?"

Inzwischen hatte sich Chris neben Eddie gesetzt. Der Zeitdruck war ihm egal. Er nahm Eddies Hand und streichelte sie.

Eddie schloss die Augen und genoss die Liebkosung. Als er sie wieder öffnete, war er wesentlich ernster geworden. Aber in den Augenwinkeln blitzte immer noch der Schalk.

"Nein, das wollte ich nicht sagen. Du hast gerade zwei Dinge geschafft, die noch kein Mann gleichzeitig hinbekommen hat."

"Was denn?"

"Naja, eigentlich sind es sogar drei Sachen. Sie war sprachlos, du hast dich durchgesetzt und du hast sie einfach stehen lassen. Du hast danach nicht ihr Gesicht gesehen. Mutter war einfach nur fassungslos. Weißt du, wie viele Jahre ich schon auf so einen Augenblick gewartet habe?"

Wenn der Streit nicht so einen beängstigenden Hintergrund gehabt hätte, dann hätte Chris mitlachen können.

Aber der Schock über seine Beinahe-Entdeckung saß ihm noch in den Gliedern. So beschränkte er sich darauf zu grinsen, Eddies Hand zu seinem Mund zu führen und jede Fingerspitze einzeln zu liebkosen. Dazwischen nuschelte er ein "Wie lange denn?"

Chris hoffte, dass Eddie nicht mehr von ihm verlangen würde. Und es schien auch zu reichen.

"Ich glaube, ich war zehn, als ich zum ersten Mal mitbekam, dass Mutter mit ihrer Art ihre Umgebung und ganz besonders alle Männer terrorisierte. Und es gab keinen Mann, der ihr Paroli bieten konnte. Gott, bin ich stolz auf dich."

Darauf konnte Chris einfach keine Antwort geben.

 

Wenig später hatte Eddie sich soweit erholt, dass er wieder aufstehen wollte. Chris hatte seine Hand nicht losgelassen und zog ihn daran hoch. Sie küssten sich noch einmal, bevor sie sich daran machten, die allerletzten Vorbereitungen für die Feier zu treffen.

So wie Chris Iris kannte, würde sie eine gute Verliererin sein und ihnen den Abend nicht mit schlechter Laune verderben.

Sie hatte sich jedoch auf ihr Zimmer zurückgezogen und hörte garantiert keine Weihnachtsmusik. Man konnte die dumpfen Bässe noch in der Küche hören.

Während Chris die Spülmaschine füllte und den Esstisch festlich deckte, räumte Eddie das Wohnzimmer auf und saugte noch einmal durch.

Inzwischen waren sie ein eingespieltes Team. Auch wenn Eddie sich Anfangs über 'den Ordnungsfimmel seines Ordnungshüters' aufgeregt hatte, jetzt wusste er eine saubere und aufgeräumte Wohnung zu schätzen.

Oder lag es daran, dass eine Putzfrau immer schon den gröbsten Dreck beseitigte, so dass sie nur noch die Feinarbeit zu erledigen hatten?

Als auch die letzten Vorbereitungen abgeschlossen waren, ging Chris nach oben, um sich saubere Klamotten anzuziehen.

Er wählte einige Kleidungsstücke aus, die sie in San Francisco gekauft hatten.

Aber vorher duschte er kurz. Natürlich hatte er es geschafft, den Verband um seinen lädierten Finger ziemlich dreckig zu machen. Eddie war auch oben und zwar im Schlafzimmer. Um nicht überrascht zu werden, drehte Chris, gegen jede Gewohnheit, den Schlüssel von der Badezimmertür um und entfernte den Verband.

Die Wunde war, wie erwartet, verheilt. Nichts deutete darauf hin, dass er sich geschnitten hatte. Er nahm aus dem Apothekenschrank eine Pflasterdose und verpasste dem Finger ein schickes Pflaster, um den Schein zu wahren.

Er war noch nicht ganz fertig, als es gegen die Türe rumste. Eddie war recht stürmisch gewesen und war wohl gegen die Türe gerannt.

Da alle verräterischen Spuren beseitigt waren, öffnete Chris.

Eddie stand vor ihm und rieb sich die Stirn.

"Mensch, was soll das? Du schließt doch sonst nicht ab. Was ist los mit dir?"

"Mit mir? Nichts."

"Und warum hast du dann abgeschlossen?"

Chris deutete zum Ende des Flures, wo Iris' Zimmer lag.

"Irgendwie traue ich dem Frieden nicht so ganz. Ich habe es noch nie erlebt, dass Iris so einfach aufgegeben hat. Das ist einfach nicht ihr Stil. Deswegen bin ich gerade auf Nummer sicher gegangen und hab halt abgeschlossen. Ist es schlimm?"

Besorgt wollte sich Chris Eddies Stirn ansehen. Dieser wich aber zurück.

"Dafür haben wir keine Zeit. In spätestens zehn Minuten wird der Besuch da sein. Geh jetzt und lass mich unter die Dusche!"

Aber ein kleiner Teufel ritt Chris.

"Soll ich dich zum Arzt bringen? Du, da muss sich jemand drum kümmern, sonst könnte es böse Folgen haben!"

Das Funkeln in Eddies Augen zeigte, dass dieser sehr amüsiert war.

"Ach, ja? Das musst ausgerechnet du sagen! Was macht denn dein Finger?"

Chris zeigte Eddie, dass der Finger nur noch von einem Pflaster geziert wurde.

"Iris hat mächtig übertrieben. So schlimm war das gar nicht. Das ganze Blut hat es nur so übel aussehen lassen. Wahrscheinlich bleibt noch nicht mal eine Narbe."

"Ja, ja. Nur damit du Recht hast. Aber jetzt mach hinne, sonst klingelt es und wir sind noch nicht mal angezogen."

Bevor Chris noch mehr sagen konnte, wurde er von Eddie mit sanfter Gewalt aus dem Bad geschoben. Dann wurde ihm die Tür vor der Nase zugemacht.

Während Chris sich anzog, fragte er sich, wie lange er mit diesen Lügen und Halbwahrheiten durchkommen würde. Irgendwann musste Eddie doch merken, dass etwas nicht stimmte.

Aber er hatte sich wohl schon an diesen Zustand gewöhnt, denn es konnte seine gute Laune und die Freude auf das Weihnachtsfest nicht trüben.

 

Drei Stunden später war die Essensschlacht geschlagen und alle Geschenke überreicht worden. Fast alle. Chris hatte ein besonderes Geschenk für Eddie. Und er wollte es ihm alleine überreichen, es sollte sonst niemand dabei sein.

Nach den Blicken zu urteilen, die Eddie ihm zuwarf, hatte dieser auch noch ein besonderes Präsent vorbereitet, das auf Chris wartete.

Jetzt saßen sie aber in gemütlicher Runde vor dem Kamin und tranken von dem Wein, den Iris besorgt hatte.

"Sag mal, Chris, wieso hast du eigentlich Deichsel und Kallenbach mit ins Fahndungsteam aufgenommen?"

Es war schon seltsam, seit zwei Wochen gehörten die beiden jetzt zum Team, aber bisher hatte noch niemand Chris diese Frage gestellt. Und jetzt kam sie weder von Engin noch von Mike.

"Willst du das wirklich wissen, Klaus?"

"Doch, denn Mike kam letztens ziemlich frustriert zu mir, weil er die beiden nun doch nicht los geworden ist. Er liebt sie nun mal heiß und innig."

Dieser Kommentar brachte alle zum Grinsen. Jeder wusste, dass Mike dieses seltsame Duo nicht wirklich mochte.

"Ich weiß, aber ich habe keine andere Möglichkeit gesehen."

"Du willst also wirklich, dass wir dir alle Informationen aus der Nase rausziehen? Komm, stell dich nicht so an, erzähl es uns. Du hattest es ja noch nicht einmal für nötig gehalten, deinen geschätzten Partner einzuweihen!"

Engin hörte sich aber nicht wirklich beleidigt an.

"Okay, alle Anwesenden, die nichts mit dem Polizeidienst zu tun haben, vergessen bitte ganz schnell, was ich jetzt erzähle."

"Ich habe es gewusst! Du schuldest mir etwas, wenn du jetzt mit dem dienstlichen Kram anfängst."

"Eddie, ich werde mich kurz fassen. Aber wenn ich es nicht erzähle, dann werden sie uns keine Ruhe lassen."

Chris nahm Eddies Hand, streichelte sie und widmete sich dann seiner Erzählung.

"Wie ihr wahrscheinlich alle wisst, arbeiten wir zur Zeit an dem Fall Bechthold. Angefangen hat es damit, dass Mike vor etwa zwei Jahren erste Hinweise gesammelt hatte, dass dieser Typ eine ganz große Nummer in der Russenmafia sein könnte."

"Das Märchenerzählen ist mein Part, komm, fass dich kurz, ich habe heute Abend noch etwas vor."

"Ich dachte, du wärst wieder solo? Hast du schon wieder eine Neue?"

Nun mischte sich auch Carola in das Gespräch ein. Obwohl sie schon seit fast einem Jahr Mikes Partnerin war, hielt sie sich zurück und sagte recht wenig.

"Noch nicht, aber ich arbeite daran. Du kannst mich morgen früh noch mal fragen."

"Und so einem Gigolo habe ich meine Wohnung abgetreten. Würdest du noch bei deiner Mutter wohnen, dann wärst du viel ruhiger und zurückhaltender."

"Träum weiter, Chris! Damals habe ich halt bei den Mädels übernachtet. Was kann ich dafür, dass die alle auf mein südländisches Aussehen stehen? Ich brauch' sie ja noch nicht mal groß anzubaggern, die kommen immer freiwillig!"

"Ohhh, und das ist ja so übel für dich."

"Habe ich mich beschwert? Bestimmt nicht. Chris, jetzt fasse dich kurz und erzähl."

"Wie du willst. Fakt ist, dass unsere Abteilung so viel Arbeit hat, dass wir nicht mehr wissen, wo wir anfangen sollen. Außerdem geht in unserem Laden immer dann was schief, wenn es nicht schiefgehen darf. Woran es liegt, weiß ich nicht, aber deswegen wollte ich niemand Internes ins Team nehmen. Da ich Mike und Carola von der Kripo ausleihen konnte, dachte ich, dass das dynamische Duo eine gute Wahl wäre. Sie sind zwar doof wie Brot und manchmal sehr link, was das Persönliche betrifft. Aber sie sind sehr hartnäckig und professionell, was Observationen betrifft. Da gibt es kein besseres Team in Frankfurt. Auch kennen die den Fall, an dem wir arbeiten. Deswegen hatte ich vor einigen Wochen bei Krause nachgefragt, ob wir zusätzlich zu Mike und Carola auch noch die zwei im Rahmen der Amtshilfe bekommen könnten. Ich habe allerdings nicht damit gerechnet, dass die beiden so schnell zu uns stoßen würden. Dass Deichsel und Kallenbach ein Problem mit Schwulen und Ausländern haben, glaube ich nicht. Den Zahn habe ich ihnen schon vor einigen Jahren gezogen. Und Mike hat sie ja auch nicht geschont. Kurz genug?"

Alle, bis auf Iris, die das Dreamteam Deichsel und Kallenbach nicht kannte, mussten lachen. Chris hatte die zwei sehr treffend skizziert.

Nur Carola war noch nicht ganz zufrieden.

"Warte mal, Chris, wie kommt es, dass die beiden heute Bechthold observieren?"

"Das sind sie selbst schuld. Die kamen vor einigen Tagen an und meinten, Bechthold würde für sein nächstes krummes Ding bestimmt die Weihnachtstage nutzen und dass es doch sinnvoller sei, ihn zu beobachten. Ich habe ihnen viel Spaß gewünscht und sie für Heilig Abend eingeteilt."

Jetzt musste auch Iris lachen.

"Mein lieber Chris, du hast es faustdick hinter den Ohren."

Chris verbeugte sich leicht in Iris' Richtung.

"Ich habe im letzten Jahr auch eine gute Lehrerin gehabt."

Bevor Iris zu einer Entgegnung ansetzen konnte, klingelte das Telefon.

"Wenn man vom Teufel spricht. Das ist garantiert Kallenbach. Verdammt, gönnt uns Bechthold noch nicht mal einen ruhigen Weihnachtsabend?"

Frustriert sprang Chris auf und ging in den Flur, wo eins der Telefone stand. Die Türe machte er hinter sich zu, damit die anderen ihre Ruhe hatten.

"Schwenk hier! Was gibt es?"

"Hallo Chris! Schön, dass es dich noch gibt! Frohe Weihnachten!"

Diese Stimme mit dem französischen Akzent kannte Chris nur zu gut.

Sie war ein fester Bestandteil seiner Albträume.

"Hallo Amanda."

"Du scheinst nicht besonders erfreut zu sein, meine Stimme zu hören. Was ist los? Hast du Probleme?"

Nein, solange ich den Gedanken an dich verdrängen konnte, hatte ich keine Probleme.

"Wir haben hier eine kleine Weihnachtsfeier und du rufst etwas unpassend an."

"Das tut mir aber leid. Vor einigen Stunden hatte ich es auch schon probiert, aber da ist niemand an den Apparat gegangen. Ich muss mich auch entschuldigen, dass ich mich die letzten Monate nicht bei dir gemeldet habe, aber ich musste aus beruflichen Gründen kurzfristig umdisponieren und bin erst vor einigen Tagen nach Paris gekommen."

Wieso konnte sie ihn nicht in Ruhe lassen?

Chris schwieg. Was sollte er auch sagen?

"Du weißt ja, dass ich dich zum Training erwarte? Und ich werde nicht zulassen, dass du dich davor drückst. Wir sollten direkt einen Termin ausmachen."

"Amanda, es tut mir leid, aber das geht nicht so einfach."

"Ach ja, 'Das geht nicht so einfach!' Das glaubst du vielleicht. Denn wenn du nicht aufpasst, dann kommt eines Tages ganz einfach ein anderer Unsterblicher und nimmt deinen Kopf. Du musst vorbereitet sein! Ich habe eine Verantwortung übernommen, als ich dich aus der Leichenhalle geholt habe, und so einfach wirst du mich nicht los! Hast du mich verstanden?"

Chris konnte sich gut vorstellen, wie sie auf der anderen Seite wild gestikulierte. Sie hatte wirklich ein ziemliches Temperament. Schlimmer als das von Iris.

"Und was ist, wenn ich das gar nicht will?"

"Glaubst du wirklich, dass ich dich fragen werde? Wenn du nicht zu mir kommst, dann werde ich zu dir kommen."

Alles, bloß das nicht.

Chris überlegte krampfhaft, wie er Amanda abwimmeln konnte, ohne dass sie am nächsten Tag an seiner Haustür schellen würde.

"Okay, ich muss im Januar sowieso beruflich nach Paris. Ich werde dich dann besuchen, und wir werden dann alles Weitere besprechen. Was hältst du davon?"

"Wir werden das Ganze mit einer ersten Trainingseinheit verbinden. Danach wird dir klar sein, wie dringend du den Unterricht brauchst. Mein Gott, ich verhalte mich ja schon genau so wie MacLeod!"

"Wer ist MacLeod?"

"Er ist.... Er ist einfach Duncan MacLeod. Er sorgt sich um alles und jeden und neigt dazu, alle Frischlinge zu bemuttern und ihnen die ersten Schritte zu erleichtern. Ich bin wohl schon zu lange mit ihm zusammen und es färbt ab."

Amandas leises Lachen erreichte Chris durch den Hörer.

"Dann bleibt es bei Anfang Januar? Wenn du nicht kommst, werde ich zu dir kommen!"

"Ich werde dich besuchen, keine Sorge. Aber ob ich auch wirklich dein Schüler werde..."

"Du wirst, du wirst. Denn du hängst zu sehr an deinem Leben, um es einfach wegzuschmeißen. Und wenn du es nicht machst, wirst du all deine Freunde in Gefahr bringen."

Klack.

Chris hasste es, wenn man ihm einfach so den Hörer auflegte.

Wieso glaubte sie, dass er Eddie in Gefahr bringen würde? Es lebte sich doch ganz gut, so wie es war. Wenn da nicht die ganzen Lügen und Halbwahrheiten wären, die er Eddie erzählen musste.

Mit einem leisen Knarren machte sich die Wohnzimmertür bemerkbar, die von Eddie geöffnet wurde.

"War es Kallenbach? Du siehst ziemlich frustriert aus. Müsst ihr noch zum Einsatz?"

"Nein, Kallenbach war es nicht, aber ich glaube nicht, dass du erfreut sein wirst, wenn du erfährst, wer es war."

Eddie kam näher und nahm Chris in den Arm. Chris ließ sich fallen und genoss die starke Schulter, an die er sich anlehnen konnte.

"Wer war es denn?"

"Amanda."

Ein Wort reichte, um Eddie verkrampfen zu lassen. Chris wusste nicht, warum Eddie so eifersüchtig auf Amanda war. Schließlich hatte er sie nur einmal gesehen und er hatte Eddie nie irgendeinen Grund gegeben, eifersüchtig zu sein.

"Was wollte sie?"

Seine Stimme war so heiser, angespannt, voll unterdrückter Aggressivität.

"Sie hat mir Frohe Weihnachten gewünscht und gefragt, ob mein Kopf immer noch auf meinen Schultern sitzt. Nichts, weswegen du dir Sorgen machen solltest."

Aber Eddies Haltung blieb angespannt.

"Selbst wenn du dieser Frau nicht traust, solltest du wenigstens mir trauen. Ich will nichts von ihr und sie kann noch so sehr ihre Fangarme nach mir ausstrecken, sie bekommt mich nicht. Denn ich gehöre zu dir."

Eddie entspannte sich ein wenig.

"Es ist nur diese irrationale Angst. Und manchmal habe ich den Eindruck, dass du dich seit jener Nacht in San Francisco verändert hast, nur kann ich es nicht greifen. Es ist einfach nicht fassbar. Deswegen habe ich Sorge, dich zu verlieren."

Oh Eddie, du bist so nah dran und doch so fern.

"Ich verspreche dir, dass ich dich niemals wegen einer Frau verlassen werde."

Wie zur Bestätigung küsste Chris ihn noch einmal und dann gingen sie gemeinsam zurück zur Feier.

 

Es war spät geworden, bis sich auch Iris zurückgezogen hatte. Es war wohl ihre Rache an Chris gewesen.

Die Kerzen am Weihnachtsbaum waren schon lange heruntergebrannt, nur die vierte Kerze des Adventskranzes spendete noch ein wenig Licht. Aber mehr brauchten sie nicht. Chris und Eddie hatten sich aneinandergekuschelt und tranken aus einem Glas noch etwas Wein.

Nicht den Wein, den Iris geholt hatte, sondern Eddie war in den Keller gegangen und hatte aus der hintersten Ecke eine ziemlich verstaubte Flasche rausgeholt.

Sie redeten nicht viel. Hin und wieder ein geflüstertes Kosewort oder die Bitte, doch das Glas rüberzureichen.

Mehr als er es sich selbst eingestehen wollte, war Chris von dem Telefonat mit Amanda aufgewühlt worden. Alles, was er in den letzten Monaten verdrängt hatte, war wieder da. Und doch musste er Eddie gegenüber so tun, als ob alles in Ordnung war.

"Woran denkst du?"

Diese geflüsterten Worte brachten Chris in Verlegenheit. Wieso zur Hölle musste das Leben so kompliziert sein? Warum konnte es nicht einfach nur Eddie und ihn geben?

"Ich frage mich, wann wir endlich unsere ganz private Bescherung machen werden. Ich habe da noch ein kleines Geschenk für dich, das ich dir noch geben möchte."

"Ach, du bist ungeduldig? Glaubst du etwa, dass ich auch noch ein Geschenk für dich habe?"

"Der Gutschein für einen Einkaufsbummel bei Boss halte ich eher für eine Strafe als eine Belohnung, ich erinnere mich noch gut, wie fertig ich war, als du mich das letzte Mal durch die Geschäfte gereicht hast. Aber dieses Mal werden die Verkäufer hoffentlich nicht schwul sein."

Eddies raues Lachen ließ eine wohlige Gänsehaut über Chris' Rücken jagen.

"Bestimmt nicht, aber eigentlich ist der Einkaufsbummel eher eine Belohnung für mich. Und ich habe wirklich noch ein Geschenk für dich."

Eddie löste sich von Chris, beugte sich vor und holte ein unter der Couch deponiertes Geschenk hervor. Es war ein langes und schmales Paket, das einfach nur in braunes Papier eingewickelt war.

"Frohe Weihnachten! Ich hoffe, es gefällte dir!"

Chris gab Eddie einen Kuss und widmete sich dann seinem Geschenk. Er drehte es vorsichtig in seinen Händen, hatte aber keine Idee, was sich hinter der Verpackung verbergen konnte. Schließlich hob er es hoch und schüttelte es ein wenig. Doch es war nichts zu hören.

"Nun pack es schon aus. Sonst geht noch die letzte Kerze aus und ich kann dein Gesicht gar nicht sehen, wenn du siehst, was es ist."

Das Packpapier war schnell heruntergerissen, aber fühlte Chris nur mehrere Lagen Stoff mit einem harten Kern.

Fragend schaute er Eddie an, doch dieser schüttelte nur den Kopf und deutete auf das Geschenk.

Chris wickelte die Stoffbahnen ab und als er sah, was sich darin verbarg, raubte es ihm den Atem. Vor ihm lag ein Schwert. Doch nicht irgendein Schwert. Es war wesentlich leichter als die Klinge, die er normalerweise bei Training benutzte. Als er es in die Hand nahm und hochhob, merkte er sofort, wie ausgewogen das Schwert war. Es fühlte sich wie die Verlängerung seines Armes an und nicht wie ein Werkzeug.

Er wollte es anfassen, aber Eddie hielt ihn zurück.

"Sei vorsichtig, die Klinge ist scharf geschliffen, damit kannst du selbst einen Seidenschal durchtrennen."

Mit noch mehr Respekt berührte Chris jetzt die Klinge und sie war, wie Eddie gesagt hatte, sehr scharf.

Dann bemerkte er die seltsamen Reflexe, die das Kerzenlicht auf dem Metall hinterließ. Chris stand auf und ging mit dem Schwert in der Hand näher an die Kerze. Das, was er sah, entlockte ihm ein anerkennendes Pfeifen.

Es war nicht nur ein leichtes und wunderbar austariertes Schwert, es war sogar damasziert. Die Ätzung zeigte, dass es nicht nur ein einfacher Damast war. Die beiden Stahlsorten waren als Blumendamast miteinander verflochten worden, die an der Klinge in hauchdünnen Bahnen auslief. Es war weder eine Dekowaffe, die man sich an die Wand hängte, noch war es ein Prügel, wie er ihn bei seinem wöchentlichen Training benutzte.

Es war einfach sein Schwert.

Da Chris mit Engin regelmäßig zum Schwertfechten ging, hatte er einen guten Grund gehabt, sich in den letzten Monaten intensiv mit Schwertkampf und den Waffen zu beschäftigen. Er wusste, dass dieses Schwert einzigartig und genau das war, was er brauchte, um die nächsten Jahrhunderte zu überstehen. Der Gedanke, dass er, wenn er Pech hatte, diese Waffe noch Jahrhunderte nach Eddies Tod benutzen würde, trieb ihm fast die Tränen in die Augen.

Doch Eddie erwartete jetzt eine Antwort. Chris riss sich zusammen und schluckte den Kloß in seinem Hals hinunter.

"Es ist einfach wunderbar! Dafür reicht ein Dankeschön gar nicht aus!"

"Ich wüsste schon, wie du dich diese Nacht dafür bedanken kannst. Ich habe da eine ganz spezielle Phantasie!"

Chris hielt das Schwert noch immer in seiner Hand, als er sich wieder zu Eddie auf die Couch setzte.

"Aber vielleicht bist du der Meinung, dass du dich für mein Geschenk auch bedanken müsstest."

Mit seiner linken Hand griff er hinter ein Kissen und holte dort einen Umschlag heraus, den er dort versteckt hatte, als Eddie den Wein holte. Er überreichte ihn Eddie mit einem Grinsen.

"Frohe Weihnachten, mein Süßer!"

Eddie öffnete den Umschlag und zog den Gutschein heraus. Dann versuchte er, den Text zu entziffern. Aber dafür war es definitiv zu dunkel.

"Mann, ich habe keine Lust, das Licht wieder anzumachen. Kannst du mir nicht sagen, war da drin steht?"

"Wenn du möchtest, dann lese ich dir den Text vor."

"Ich höre dir zu."

Eddie kuschelte sich an Chris und wartete.

"Du bist ja wirklich faul. So kann ich dir doch gar nichts vorlesen."

"Das brauchst du ja auch nicht. Es reicht, wenn du mir sagst, was drin steht. Ich will dich jetzt spüren."

"Hey! Geh mir nicht an die Wäsche. Ich habe keine Schleife im Haar und bin auch nicht dein Weihnachtsgeschenk."

Chris schnappte sich Eddies Hände und hielt sie fest.

"Schade, es würde mir richtig Spaß machen, dich auszupacken."

"Das kannst du später auch machen, aber dich scheint es gar nicht zu interessieren, was auf dem Gutschein steht."

"Schon, aber im Moment bist du wesentlich interessanter. Aber nun sag schon, was werde ich bekommen?"

"Ich erzähl' es dir nur, wenn du mir versprichst, die nächsten Minuten deine Finger bei dir zu behalten."

Eddie grummelte, stimmte aber zu.

"Gut, dann hör gut zu. Ich kann dir auswendig sagen, was drin steht. Gutschein für Edgar Sänger plus einer Person seiner Wahl für ein Drei-Tage-Ticket der Goldklasse am Hockenheimring. Einzulösen ist es vom 23. Juli bis zum 25. Juli 2004 beim Formel Eins Rennen.

Zu diesen Eintrittskarten kommt noch ein VIP-Ausweis, der Ihnen freien Zugang zu den Boxengassen ermöglicht, und bei einer Fahrt im Zweisitzer von Mercedes werden Sie von einem Formel-Eins Piloten über den Hockenheimring chauffiert."

Während Chris den Text aus dem Gedächtnis rezitierte, beobachtete er gespannt die Veränderung, die in Eddie vorging. Erst war er etwas abwesend, dann hörte er gespannt zu und zum Schluss konnte er es gar nicht fassen.

"Das gibt es doch gar nicht! Man kann doch nicht einfach so eine Fahrt mit dem Zweisitzer bekommen. Das machen die doch sonst nur mit irgendwelchen Superstars. Chris, das ist Wahnsinn!"

"Genau so ein Wahnsinn wie das Schwert, das du mir geschenkt hast. Damit sind wir quitt. Was hältst du davon, wenn wir die restliche Weihnachtsfeier ins Bett verlegen?"

"Das wollte ich dir schon lange vorschlagen. Und dann packe ich dich aus!"

 

 
Kapitel 4: Treffen in Paris

 
Paris, Anfang Februar 2004

 

"Verdammt Chris! Pass auf!"

Im letzten Moment trat Chris auf die Bremse und verhinderte damit, dass er seinem Vordermann den Kofferraum demolierte.

"Beim nächsten Parkplatz fahren wir raus und dann geh ich ans Steuer. Wo bist du mit deinen Gedanken? Deine Fahrweise ist ja lebensgefährlich! Es ist fast ein Wunder, dass du bisher noch keinen Unfall gebaut hast."

Engin schien wirklich sauer zu sein. Hatte aber auch Recht, wie Chris zugeben musste. Schließlich hatte er beinah durch seine Unachtsamkeit den Dienstwagen zu Schrott gefahren.

"Sorry, wird nicht wieder vorkommen. Ich pass' besser auf."

"Das erzählst du mir, seitdem wir in Saarbrücken über die Grenze gegangen sind. Und als du bei Reims fast in den LKW reingefahren bist, hast du es mir versprochen. Vergiss es. Ich fahre jetzt."

"Wir sind doch fast da. Schau mal, da ist die letzte Zahlstelle, da lohnt sich das Umsteigen doch gar nicht mehr."

"Doch, dann kommen wir lebend an. Los, halt an."

Chris fügte sich seinem Schicksal und fuhr an der Zahlstelle rechts ran, damit sie die Plätze tauschen konnten.

 

Seit er Weihnachten mit Amanda telefoniert hatte, hatte Chris keine einzige Nacht mehr durchschlafen können. Das, was sie ihm erzählt hatte, bekam er nicht mehr aus seinem Kopf und beschäftigte Chris auch in seinen Träumen.

Er träumte von Unsterblichen, die ihm Kopfschmerzen verursachten. Davon, dass ein Unsterblicher Eddie gefangen nahm und ihn auf die grausamste Art und Weise umbrachte. Chris konnte in seinen Träumen nicht eingreifen, weil er gefesselt auf einem Stuhl saß und dem Treiben hilflos zusehen musste. Am schlimmsten waren in diesen Träumen die Schreie. Eddie, der vor Schmerz schrie, bis er nicht mehr konnte. Und wenn Eddie tot war, kam dieses gesichtslose Ungeheuer mit gezücktem Schwert auf ihn zu.

Dann fand sich Chris schreiend in seinem Bett wieder. In den Armen von Eddie, der auch aufgewacht war und versuchte, Chris zu beruhigen.

Aber er schaffte es nicht. Dieser Albtraum wiederholte sich Nacht für Nacht. Und Eddie war jedes Mal besorgt und wollte wissen, was los war.

Die Wahrheit konnte Chris schlecht erzählen, also log er seinen Freund an und erzählte ihm ein Märchen von einer Gestalt, die ihn verfolgte und von krallenbewehrten Händen, die versuchten, ihn zu fassen.

Aber ob Eddie die Geschichte glaubte, wagte Chris zu bezweifeln.

Um nachts schlafen zu können, hatte Chris angefangen, intensiv Sport zu treiben. Nicht nur, dass er täglich joggte und montags und donnerstags zum Schwertfechten ging. Die restlichen Abende in der Woche und einen Teil des Wochenendes verbrachte er in einem asiatischen Kampfsportcenter, wo er die Grundlagen des asiatischen Schwertkampfes lernte.

Doch egal, wie viele Stunden er trainierte, es bewahrte Chris nicht vor diesen Albträumen. Sie kamen immer wieder.

Eddie sagte nicht viel zu Chris' Sportwahn. Er hatte nur Anfang Januar etwas von wegen Midlife-Crisis gemurmelt, als Chris an einem Samstag fast acht Stunden Sport getrieben hatte und sogar später als sein Lebensgefährte nach Hause kam.

Durch den Wintereinbruch gab es in der Werkstatt besonders viel Arbeit. Zudem hatte Eddie auch noch den Tipp bekommen, dass demnächst ein Steuerprüfer seine Buchhaltung unter die Lupe nehmen würde, und verbrachte am Wochenende seine eigentlich freie Zeit damit, seine Buchhaltung auf Vordermann zu bringen.

Deswegen hatten sie sich seit Weihnachten fast gar nicht mehr gesehen. Nur die Nächte verbrachten sie eng aneinander gekuschelt. Der Stress bewahrte Chris davor, dass Eddie nicht nur fragte, sondern auch noch anderweitig Chris so lange quälen würde, bis er die Wahrheit aus Chris herauskitzelte. So war Chris froh über die Galgenfrist.

 

"Schau mal auf der Karte nach, wo wir hier ab müssen. Sonst verfransen wir uns noch."

Chris zwar keinen Schimmer, wo sie sich gerade befanden. Auf der Autobahn waren sie garantiert nicht mehr. Verzweifelt versuchte Chris, sich zu orientieren.

"Fahr hier rechts ab!"

Er bekam von Engin einen mehr als zweifelnden Blick zugeworfen.

"Wenn, dann müssen wir links abbiegen! Der Boulevard du Palais liegt auf einer Seine-Insel und rate mal, was da auf der linken Seite so plätschert. Vergiss es, lehn dich zurück und schlaf weiter. Ich komme ohne dich besser zurecht. Möchte nur wissen, was mit dir in den letzten Wochen los ist, du bist doch sonst nicht so."

Da Chris nicht wusste, was er darauf antworten sollte, hielt er den Mund.

Dies brachte ihm erneut einen Seitenblick von Engin ein. Dann musste dieser sich aber wieder auf den Verkehr konzentrieren.

Einige Minuten sagte keiner einen Ton. Engin kämpfte sich durch den Pariser Stadtverkehr. Als sie an einer Ampel auch nach der dritten Grünphase nicht rüber kamen, platze ihm der Kragen.

"Sag mal, wer von uns ist eigentlich auf die Idee gekommen, mit dem Auto zu fahren? Ich bin schon fertig, bevor wir überhaupt angekommen sind. Erst dein Fahrstil und jetzt der verdammte Verkehr."

"Du hast mir gesagt, dass keine Platzreservierung mehr möglich sei und dass du dich weigerst, die ganze Zugfahrt zu stehen. Und dass sie uns die Flugtickets nicht genehmigt haben, kann ich auch nicht versteh'n. Also versuch nicht, die Schuld auf mich zu schieben."

"Sag mal, hast du dich gestern mit Eddie gestritten? Oder kriselt es in eurer Beziehung? Verdammt, irgendeinen Grund muss es doch geben, dass du dich so aufführst. Berufliche Probleme hast du ja nicht, das müsste ich ja wissen und in Sachen Bechthold kommen wir ja voran."

Das hatte Chris befürchtet. Warum nur war er in der letzten Zeit so ein schlechter Schauspieler geworden? Er hatte die Maske des stets konzentrierten Bullen in den letzen Monaten eigentlich fast perfektioniert. Doch seit Amandas Anruf... Nichts hatte sich geändert und doch war alles anders.

"Selbst wenn ich Stress mit Eddie hätte, glaube ich nicht, dass dich das etwas angeh'n würde."

So bissig hatte Chris gar nicht antworten wollen, denn Engin würde garantiert darauf anspringen. Was dieser auch tat.

"Doch, das tut es."

Da sie wieder vor einer roten Ampel standen, drehte sich Engin zu Chris.

"Wir sind Partner. Und ich muss mich blind darauf verlassen können, dass du mir den Rücken deckst. In deiner jetzigen Verfassung glaube ich allerdings nicht, dass du es schaffst, unserem mysteriösen Informanten auch nur eine vernünftige Frage zu stellen. Also: Was ist los mit dir?"

Chris fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und war sich sicher, dass Engins prüfender Blick ihn fast durchbohrte. Engin hatte ja Recht. Er war zur Zeit in einem miesen Zustand. Wenn sie nicht Innendienst hätten, dann wären sie bei einem Einsatz seinetwegen bestimmt schon in eine brenzlige Situation geraten.

Was sollte er Engin nur sagen? Die Wahrheit keinesfalls. Das ging einfach nicht.

"Ich hab' keinen Stress mit Eddie, obwohl wir uns im Moment viel zu wenig sehen. Eddie hat schon geunkt, dass ich in der Midlife-Crisis stecke, aber das glaub' ich nicht. Ich hab' keine Ahnung, was mit mir los ist. Vielleicht ist es das, was mich am meisten nervt. Es tut mir leid. Ich kann ja heute Abend, wenn du mit Vincent unterwegs bist, in mich gehen und dir morgen sagen, was los ist."

"Werde dir schnell darüber klar, was nicht stimmt, denn so kann man mit dir nicht vernünftig arbeiten. Das erinnert mich ja fast an meine erste Woche mit dir. Und damals hattest du Stress mit Eddie!"

Die Ampel war zwischenzeitlich auf grün gesprungen, aber Engin hatte überhaupt nicht darauf geachtet. Erst die Autofahrer, die hinter ihnen genervt anfingen zu hupen, brachten Engin dazu, sich wieder aufs Fahren zu konzentrieren.

"Aber was soll das heißen? Ich dachte, du wolltest mit uns durch Paris ziehen."

Chris schüttelte den Kopf.

"Du bist einfach davon ausgegangen und hast mich nicht gefragt. Nee, lass mal, du und Vincent, ihr seid beide solo und ihr werdet bestimmt das eine oder andere Mädel anmachen. Wenn ich mitmache, habe ich morgen nur wieder ein schlechtes Gewissen und bekomme garantiert Ärger mit Eddie. Nicht, dass er wirklich eifersüchtig ist, aber es nervt ihn, dass wir im Moment kaum Zeit füreinander haben. Und auf den Stress habe ich keine Lust. Ich werde im Hotel ein Bierchen trinken, einen Spaziergang an der Seine machen und über einige Sachen nachdenken. Dann kann ich morgen früh gut erholt zurück fahren und du kannst dich von deinem Kater erholen."

Und ganz nebenbei werde ich noch die Besitzerin einer Szenekneipe treffen, von der Eddie auf keinen Fall etwas erfahren darf, sonst ist der Ofen aus.

"Ich mache keine Mädels an, die Mädels sind hinter mir her. Damit das klar ist. Scheiße! Das war doch gerade der Palace du Chatelet!"

"Ich hab nicht drauf geachtet, keine Ahnung."

"Du bist mir ein toller Bulle, da mussten wir links ab. Verdammt, jetzt muss ich drehen."

 

Eine halbe Stunde später waren sie immer noch nicht am Präsidium. Der chaotische Verkehr ging Engin an die Substanz.

"Mein Gott, ich dachte, die in Frankfurt fahren schon beschissen, aber das toppt ja alles. Die fahren ja eiskalt bei Rot über eine Ampel."

"Soll ich wieder fahren? Vielleicht kommen wir dann noch pünktlich an."

"Untersteh dich. Du kommst mir heute nicht mehr ans Steuer. Ich hatte Vincent gesagt, dass wir um halb zwölf da sein würden. Wenn du dich konzentriert hättest, dann hätten wir es auch geschafft, pünktlich zu sein! Und unsere netten Chefs haben es ja nicht für nötig gehalten, unsere Handys fürs Ausland frei schalten zu lassen. Ich kann Vincent noch nicht mal anrufen und erklären, wo wir stecken, damit er uns lotst. Was für ein Scheißtag!"

Bei dieser Kampfansage hielt Chris lieber den Mund.

 

Als sie endlich angekommen waren, sich einen Parkplatz erkämpft und sich zu Vincents Abteilung durchgefragt hatten, war es viertel nach zwölf und Vincent war zum Mittagessen. Wie eigentlich alle.

Man teilte ihnen nett und höflich mit, dass sie nicht vor zwei Uhr zurückzukommen brauchten. Sie bekamen die Empfehlung, doch in der Zwischenzeit in ihrem Hotel einzuchecken, das zehn Minuten Fußweg vom Präsidium entfernt war.

Chris wartete auf Engins Explosion. Inzwischen wusste er ganz genau, wie Engin nach so einem Morgen reagieren würde. Und als Engin auf dem Weg nach draußen auch noch von einem der französischen Beamten angerempelt wurde, da war es soweit. Chris erkannte es an dem Zucken von Engins Schultern.

Engin brauchte bis zum Hotel, um sich von seinem Lachanfall zu erholen. Damit hatte er auch seine angespannte Stimmung und einen Großteil seiner schlechten Laune verloren. Chris beneidete ihn um seine Fähigkeit, alles mit diesem seltsamen, manchmal recht schrägen Humor zu betrachten und sich selbst auch nicht wirklich ernst zu nehmen. In seiner jetzigen Situation wäre es sehr hilfreich.

Aber die Tatsache, dass Engin an seiner Seite war, half auch schon ein wenig.

 

Als sie pünktlich um zwei Uhr im Präsidium waren, da war auch Vincent wieder da. Nachdem er Engin kurz auf arabisch begrüßt hatte, wechselte er ins Englische. Er entschuldigte sich überschwänglich, dass er einfach ohne sie gegangen war, gab aber keinen Grund für diese Unhöflichkeit an. Nachdem sie noch einige Nettigkeiten ausgetauscht hatten und er sie in sein Büro geführt hatte, kam er zum dienstlichen Teil und nahm eine Akte von seinem Schreibtisch, die er Engin reichte. Chris schaute über Engins Schulter, um mitlesen zu können. Natürlich war der Text in französisch. Nichts, was er auch nur ansatzweise verstehen konnte. Aber das war gar nicht notwendig, da Vincent ihnen auch so alle wichtigen Informationen gab.

"Das ist Amanda Monrose. Sie besitzt zusammen mit Bert Myers eine der beliebtesten Kneipen Paris', das 'Sanctuary'. Der Laden hat in den letzten Jahren einige Schlagzeilen in der Presse gehabt, unter anderem weil es einen spektakulären Wechsel des Eigentümers gab, aber zudem haben wir noch Hinweise, dass einige der erfolgreichsten Kunstdiebstähle der letzten zehn Jahre auf ihr Konto gehen. Leider kommen wir nicht an sie ran, da die Amerikaner auch Interesse an ihr haben und ihre schützende Hand über sie halten."

Das Bild aus der Akte kam Chris sehr bekannt vor. Er stellte sich nur vor, dass die Frau auf dem Foto statt der blonden schwarze Haare hatte, und schon war es seine Amanda, die ihm da entgegenlächelte. Nun wusste er, warum sie ihn so professionell aus der Leichenhalle geholt hatte. Wenn sie wirklich eine so gute Kunstdiebin war... Auch wenn Chris keine Ahnung hatte, wie alt sie war, er war sich sicher, dass sie genug Zeit gehabt hatte, um das 'Handwerk' zu lernen.

Von Engin war ein anerkennendes Pfeifen zu hören.

"Wow, da wird ja jeder Mann schwach. Aber was hat sie mit Bechthold zu tun?"

"Nachdem ihr uns informiert habt, dass Bechthold wieder in der Stadt war, haben wir ihn observiert. Sie hat sich kurz nach Weihnachten mit ihm getroffen. Wir vermuten, dass sie vor zwei Wochen in seinem Auftrag aus einem kleinen Museum in Laval einige Kunstgegenstände gestohlen hat. Wir hatten sie vor einigen Tagen zum Verhör hierher gebeten, aber wir konnten ihr wieder einmal nichts nachweisen und mussten sie gehen lassen. Erstaunlicher Weise hat sie sich bereit erklärt, uns einige Informationen über Bechthold zu geben. Unter der Voraussetzung, dass sie von euch befragt wird."

Verdammt! Was weiß Amanda über mich?

"Hat sie gesagt, warum?"

Chris hoffte, dass es nicht auffiel, dass Engin das Gespräch führte. Er war damit beschäftigt, seine rasenden Gedanken unter Kontrolle zu bekommen.

"Leider nein. Sie ist eine mysteriöse Lady. Ihre Kneipe steht zum Beispiel auf einem ehemaligen römischen Friedhof und es gibt Gerüchte, dass sie von dort aus Zugang zu den Pariser Katakomben hat."

Vor einiger Zeit hatte Chris einen Bericht über die Pariser Katakomben gesehen. Ihn hatten die verwinkelten Gänge und die nahezu unendlichen Verstecke fasziniert. Die Schlussfolgerungen waren für ihn absolut logisch.

"Wenn sie sich in den Katakomben auskennt, dann kann sie ihre Ware über Jahrzehnte lagern, ohne dass sie jemand findet."

"Stimmt, es gab vor einigen Jahren schon einmal eine Durchsuchung und wir haben nichts gefunden, und meine Kollegen haben sich viel Ärger eingehandelt."

Jetzt wurde Chris neugierig.

"Warum das denn? Wenn ihr einen Verdacht und einen Durchsuchungsbefehl hattet, dann kann doch niemand Ärger machen."

Vincent verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

"Tja, das dachten wir auch, aber ihr Geschäftspartner, dieser Myers, war anderer Meinung. Ich habe Amerikaner noch nie gemocht und dieser Kerl hat verdammt gute Verbindungen zum Geheimdienst. Fragt besser nicht, wie die uns aufs Dach gestiegen sind. Seitdem ist das 'Sanctuary' für uns tabu."

"So ein Problem haben wir zum Glück noch nie gehabt. Außer dass wir einmal einen berühmten Dirigenten für den Chef einer Schieberbande gehalten und ihn auch noch verhaftet haben. Als das raus kam, mussten wir uns warm anziehen. Da Bechthold in Deutschland einige sehr hochrangige Verbindungen hat, waren wir bei ihm bisher auch extrem vorsichtig. Gleichzeitig wollen wir auch vermeiden, dass er mitbekommt, dass wir hinter ihm her sind."

Vincent nahm eine andere Aktenmappe vom Schreibtisch und reichte sie Chris.

"Hier sind unsere Informationen über Bechthold. Wie Engin und ich schon besprochen haben, gibt es nichts wirklich Verwertbares. Er hat ein Haus im Nobelviertel von St. Denis, ist in Paris als Kunstliebhaber bekannt und besucht regelmäßig die verschiedenen Auktionshäuser, um seine Sammlung zu erweitern. Zudem verleiht er die Kunstgegenstände regelmäßig an alle möglichen Museen, ohne auch nur einen einzigen Cent zu verlangen. Dann hat Bechthold vor Weihnachten auch noch sehr viel Geld an das Waisenhaus in St. Denis gespendet. Aber nicht mehr, als er auch steuerlich absetzen kann. Es gibt nur zwei auffällige Sachen: Das Treffen mit Ms. Monrose, das im Zusammenhang mit Kunstdiebstählen stehen kann, und zum zweiten wurde er voriges Jahr einmal als Zeuge befragt, weil vor seiner Haustüre eine Frau enthauptet aufgefunden wurde. Aber der Täter war wahrscheinlich ein Serienmörder, der schon seit einigen Jahren Paris unsicher macht. In der Sonderkommission möchte ich nicht stecken. Die haben noch nicht mal eine Idee, wer das sein könnte, und bekommen regelmäßig Druck von oben."

Chris konnte das soeben Gehörte gar nicht richtig erfassen. Enthauptungen, Serienmörder, Sonderkommission. Sein Gefühl sagte ihm, dass es sich um mehrere Täter handelte und dass alle Opfer schon länger gelebt hatten als normale Menschen.

Um von seiner Verwirrung abzulenken, versuchte er, den Bericht über den Mordfall zu lesen. Bis auf Bechtholds Verhörung war alles in französisch. Aber glücklicherweise war Bechthold auf englisch verhört worden. So hatte Chris kein Problem mit der Sprache. Und er schaffte es sogar, sich darauf zu konzentrieren.

Vincent und Engin besprachen in der Zwischenzeit einige Details über Amanda, aber Chris achtete nicht weiter auf sie.

Das Protokoll war richtig spannend. Bechthold hatte zwar behauptet, von der ganzen Aktion nichts mitbekommen zu haben, aber da im Umkreis von dreißig Metern alle Lampen und alle Scheiben zersprungen waren, hatte der interviewende Beamte Zweifel an dem Wahrheitsgehalt gehabt - auch wenn bisher ungeklärt war, wie dieser Schaden entstanden war.

"Chris, reiß dich von der Akte los, wir müssen jetzt aufbrechen, wenn wir uns rechtzeitig mit Ms. Monrose treffen wollen."

"Wo soll das denn stattfinden?"

"Du hast uns gerade nicht zugehört?"

Engins Tonfall war schon wieder ziemlich gereizt.

"Sorry, ich habe mir die Unterlagen über Bechthold durchgelesen. Es ist schon interessant, was sie schon rausgefunden haben. Vincent untertreibt ganz gewaltig."

"Ach ja? Wobei denn?"

"Bechthold stand kurzzeitig unter Mordverdacht, aber sie haben ihn wieder laufen gelassen, weil diese Tat ja wahrscheinlich von einem Serienmörder verübt wurde und Bechthold für einige der anderen Tatzeiten Alibis hatte."

Jetzt wurde auch Engin hellhörig, gleichzeitig drängte er Chris dazu, Vincents Büro zu verlassen, damit sie sich auf den Weg machen konnten. Vincent begleitete sie, er wollte ihnen den Weg zum 'Sanctuary' zeigen.

Unterwegs hakte er nach, wechselte allerdings in die deutsche Sprache.

"Du meinst, für den Mord, der vor seiner Haustür passiert ist, hatte er kein Alibi, nur für die anderen Morde?"

"Genau so, ich glaube zwar nicht, dass er das getan hat, aber man könnte mal nachstochern. Vielleicht finden wir etwas Neues."

Denn wenn Bechthold doch der Täter war, dann wäre er unsterblich, und die ganze Sache für mich eine Katastrophe.

"Warten wir mal ab, was uns diese Amanda erzählt, vielleicht bekommen wir von ihr einige gute Tipps."

Chris schaute zweifelnd zu Engin.

"Ich glaub's weniger. Was soll sie schon über Bechthold wissen? Wenn sie uns erzählt, welche Kunstgegenstände sie für ihn geklaut hat, dann ist sie doch selber dran. Die will uns doch nur auf eine falsche Fährte locken."

Und wenn Amanda ihm noch etwas zwischen den Zeilen mitteilen wollte, dann musste er noch mehr darauf achten, wie sie etwas sagte.

"Dann pass gleich mit auf, dass das nicht passiert."

"Das werde ich, mach dir da mal keine Sorgen."

"Oh, soll dass heißen, dass du auf dem Weg der Besserung bist?"

"Lass dich überraschen. Diese Monrose wird mich jedenfalls nicht über den Tisch ziehen. Das gebe ich dir sogar schriftlich."

"Dann brauch' ich also bei der Befragung nicht für zwei zu denken?"

"Du schaffst es doch noch nicht mal, für dich alleine zu denken, da werde ich dir doch nicht zumuten, für mich mitzudenken. Engin, ich kenne deine Grenzen."

Der Hieb in die Rippen war nicht von schlechten Eltern. Chris konnte sich nur mühsam ein Stöhnen verkneifen.

Als sie jedoch von Vincent mit einem fragenden Ausdruck gemustert wurden, erntete dieser jedoch nur zwei unschuldige Blicke und ein Schulterzucken von Engin.

Chris versuchte zu verstehen, was Vincent anschließend in sich hinein murmelte, aber da es französisch war, konnte er nichts verstehen, außer dass er das Wort 'allemand' ziemlich abfällig benutzte, aber darum konnte er sich jetzt nicht kümmern. Das sollte Engin am Abend geradebiegen.

Jetzt musste er sich darauf vorbereiten, auf Amanda zu treffen und gleichzeitig Engin zu verheimlichen, dass er sie kannte.

 

Das 'Sanctuary' war in der Nähe des Präsidiums, auf der benachbarten Seine-Insel St. Louis. Dafür lohnte es sich nicht, einen Wagen zu benutzen.

Wenige Minuten später standen sie vor dem Hintereingang der Bar.

Chris fühlte plötzlich einen stechenden Schmerz im Kopf, der sich zu einem leichten Dröhnen in seinem Hinterkopf wandelte. Mit Mühe schaffte er es, ein Zusammenzucken zu unterdrücken: Jetzt war endgültig klar, dass er gleich Amanda gegenüberstehen würde.

Vincent räusperte sich kurz.

"Unsere Vereinbarung mit Ms. Monrose sagt aus, dass sie euch alleine treffen will. Deswegen verlass ich euch jetzt. Ich habe bis sieben Dienst. Wenn ihr bis dann noch nicht zurück seid, werde ich mit Verstärkung anrücken. Seid ihr damit einverstanden?"

Engin und Chris nickten gleichzeitig.

"Gut, dann wünsche ich euch viel Glück mit der Lady."

Vincent klopfte den beiden aufmunternd auf die Schulter und verschwand.

Ein klein wenig verloren standen sie vor der Tür. Nach einigen Sekunden überwand sich Chris und wollte anklopfen, aber bevor seine Finger das Holz berührten, wurde von innen geöffnet und vor ihnen stand Amanda.

Sie lächelte die beiden an und bat sie mit einer Geste einzutreten.

Als Chris ihrer Bitte folgen wollte, bemerkte er, dass Engin Amanda mit leicht geöffnetem Mund und glasigen Augen anstarrte. Jetzt bekam Engin einen kräftigen Stoß in die Rippen und wurde von Chris unsanft in die Kneipe hineingezerrt. Sie folgten Amanda in den ersten Stock. Dort schienen ihre Privaträume zu sein. Sie bat sie in einen Raum und bot ihnen einen Sitzplatz an.

Engin hatte sich inzwischen soweit gefangen, dass er keine Hilfe mehr von Chris benötigte. Charmant bedankte er sich bei Amanda für ihre Bereitwilligkeit, mit ihnen zu reden, und akzeptierte ihre Einladung zu einem Kaffee. Dies gab Chris die Zeit, Amanda zu mustern, als sie den Raum verließ.

Sie hatte sich nicht verändert. Nur ihre Haare waren länger und verspielt um ihren Kopf drapiert. Es war wirklich kein Wunder, dass Engin bei ihrem Anblick anfing zu hecheln.

Als Amanda mit Tablett, auf dem Kaffee und Tassen standen, zurückkam, wussten weder Engin noch Chris, wie sie das Gespräch beginnen sollten. Deswegen herrschte eine unangenehme Stille, die nur unterbrochen wurde, als Engin den Zucker in seinen Kaffee einrührte.

Schließlich war es Amanda, die das Schweigen brach.

"Ich habe von Ihren französischen Kollegen erfahren, dass Sie gegen Georg Bechthold ermitteln."

"Wir sind seit einigen Monaten an ihm dran. Man hat uns erzählt, dass Sie einige Informationen über ihn haben, die Sie eventuell an uns weitergeben wollen."

Chris versuchte, Amanda so wenige Fakten wie möglich zu geben.

"Ja, das stimmt."

"Warum wollen Sie das?"

"Ich habe einige private Gründe, die Sie nicht wirklich etwas angehen. Wichtig ist mir nur, dass Bechthold hinter Gitter kommt. Möglichst für den Rest seines Lebens."

Ihr Tonfall war sehr bestimmt und als sie auf Bechthold zu sprechen kam, lag der pure Hass in ihrer Stimme. Da steckte mehr hinter.

"Ich habe einige Unterlagen, die aussagen, welche Kunstdiebstähle der letzten Jahre in seinem Auftrag durchgeführt wurden. Sie werden es sehr interessant finden."

Von Engin kam ein leichtes Räuspern und er mischte sich in die Unterhaltung ein.

"Schädigen Sie sich nicht selbst, wenn Sie uns die Unterlagen geben? Schließlich werden Sie von unseren französischen Kollegen verdächtigt, eine bekannte Kunstdiebin zu sein."

Amanda Lachen war sehr bitter.

"Nein, für diese Diebstähle bin ich nicht verantwortlich. Ich habe sogar für die meisten Tatzeiten ein Alibi. Das war Jade Lesage."

"Aber die ist doch voriges Jahr ermordet worden?"

Engin sah erstaunt zu Chris, aber der wusste, dass dies der Name der enthaupteten Frau war, die man vor Bechtholds Haus gefunden hatte.

"Das stimmt und seit ihrem Tod meint Bechthold, mich erpressen zu müssen, damit ich für ihn die Drecksarbeit erledige. Und wenn ich für ihn dann nicht mehr nützlich bin, dann wird er mich genau wie Jade umbringen. Da spiele ich nicht mit. Und deswegen bekommen Sie von mir alle Informationen, die Sie brauchen."

Engin stellte die Frage, die auch Chris auf der Zunge lag.

"Womit erpresst er Sie?"

"Mit privaten Sachen, die Sie - wie gesagt - nichts angehen. Ich kann nur soviel sagen, dass Bechthold ein Jäger ist und ich in sein Beuteschema passe. Aber ich war noch nie eine leichte Beute und das soll er merken."

Während Engin etwas verwirrt dreinschaute, wusste Chris genau, worauf Amanda anspielte.

 

'... du bist ein Frischling, hast keine Ahnung, wie man mit einem Schwert umgeht. Weißt du, wie viele Jäger auf eine Beute wie dich warten? Und wenn sie dich nicht bekommen, dann nehmen sie halt deinen Lover als Geisel, damit locken sie dich ganz schnell aus deinem Versteck raus. Sie bringen dann entweder dich oder deinen Lover um. Und wenn's demjenigen Spaß macht, dann tötet er euch beide...'

 

Sollten meine Albträume wirklich Realität werden?

Oh mein Gott, warum musste Bechthold ein Unsterblicher sein? Und warum erfahre ich es erst jetzt?

"Hören Sie, Sie werden von mir nicht mehr erfahren. Nehmen Sie die Liste, arbeiten Sie sie durch und Sie werden mehr über die Russenmafia erfahren, als Ihnen vielleicht lieb ist. Und jetzt entschuldigen Sie mich, wir öffnen gleich und bis dahin muss ich noch einige Vorbereitungen treffen."

Gleichzeitig drückte sie Chris die Unterlagen in die Hand.

 

Wenige Minuten später fanden sich Engin und Chris vor dem 'Sanctuary' wieder, ohne auch nur eine weitere Information von Amanda erhalten zu haben.

Engin wandte sich an Chris.

"Wer zum Teufel ist Jade Lesage? Und warum weiß ich es nicht?"

"Tja, im Gegensatz zu dir habe ich die Akte über Bechthold gründlich durchgelesen. Das war die ermordete Frau, die man vor seiner Haustür gefunden hat."

Engin ignorierte den Seitenhieb und ließ ein anerkennendes Pfeifen hören.

"Du hast einen guten Riecher. Alle Achtung und was machen wir jetzt?"

"Wir gehen wieder zum Präsidium und fragen mal die Jungs aus der Sonderkommission, was die uns über diesen komischen Serienmörder erzählen können. Ob das aber in einem Zusammenhang mit der Russenmafia steht, wage ich zu bezweifeln. Die Diebstähle scheinen sich eher um Bechtholds Privatvergnügen zu handeln."

Wahrscheinlich ist er bei diesem Syndikat der einzige Unsterbliche. Und mich würde nicht wundern, wenn er bald die Macht an sich reißen würde, wenn er das nicht schon getan hat.

"Glaubst du das wirklich? Vielleicht sind wir aber mit diesen Kunstdiebstählen wieder einer anderen Geldquelle Bechtholds auf der Spur."

"Mit so heißer Ware kann man nur auf dem Schwarzmarkt handeln. Und da muss man sehr vorsichtig sein, da die Versicherungen der einzelnen Museen auf eigene Faust versuchen, die Diebstähle aufzuklären. Und die sind mit ihren Methoden nicht sehr zimperlich."

Chris schüttelte den Kopf.

"Der organisiert das Ganze für seine private Kunstsammlung, die er irgendwo gut versteckt hat. Aber warten wir mal ab, was uns die französischen Kollegen über die Morde erzählen."

 

Kurz vor sieben hatten sie alle Informationen, die sie brauchten. Besser gesagt, es waren wesentlich mehr Fakten, als sie verarbeiten konnten.

Engin konnte es gar nicht fassen, dass die französische Polizei seit über zehn Jahren auf der Suche nach einem Serienmörder war, der über zwanzig Menschen getötet hatte. Am seltsamsten war für ihn, dass die Presse von der ganzen Angelegenheit keinen Wind bekommen hatte.

Chris konnte sich da schon eher einen Reim darauf machen und verstand inzwischen zu gut, wovor Amanda ihn gewarnt hatte.

Aber wie sollte er es Eddie beibringen?

Engin ging wieder in Vincents Büro, um ihn mit weiteren Fragen zu löchern. Chris begleitete ihn, hielt sich aber zurück.

Als Vincent um kurz nach sieben Feierabend machte, verließen sie zusammen das Gebäude. Engin begleitete Vincent, da sie zusammen das Pariser Nachtleben unsicher machen wollten.

Kopfschüttelnd sah Chris den beiden nach. Zwei attraktive südländische Jungs auf Frauenjagd. Na ja, nicht ganz so attraktiv, Engin hatte immer noch seinen Bauchansatz und Vincent mehr Haare auf der Brust als auf dem Kopf. Aber für die beiden bedeutete es bestimmt eine ganze Menge Spaß. Chris bezweifelte, dass Engin am nächsten Tag wieder fit sein würde.

 

Chris dachte an seine eigenen Probleme und die amüsante Vorstellung von Engin auf der Jagd war vergessen.

Er machte sich auf den Weg zum Hotel und zog sich bequemere Kleidung an, ging zu dem Parkhaus, in dem ihr Dienstwagen geparkt war, und nahm aus dem Kofferraum seinen original australischen Staubmantel. Als er ihn überzog, war ein leises Klirren zu hören. Dies kam von den beiden Schwertern, die er darin versteckt hatte.

Ich sollte Cello spielen, dann könnte ich die Schwerter in einem Instrumentenkoffer transportieren und hätte es viel bequemer.

So ausgerüstet machte er sich auf dem Weg zum 'Sanctuary'. Er kam sich zwar etwas blöd vor, gleich zwei Schwerter mitzunehmen, aber er wollte Amanda Eddies Weihnachtsgeschenk zeigen. Falls sie doch auf einem Trainingskampf bestehen sollte, dann wollte er sein Schwert dafür nicht einsetzen - schließlich war es eine Heidenarbeit anschließend die Scharten aus der scharfen Klinge harauszufeilen - sondern hatte noch eine Übungswaffe in dem Mantel eingearbeitet.

Chris entschied sich dafür, die Kneipe über den Hintereingang zu betreten; er hatte keine Lust, sich durch irgendwelche Menschenmengen zu schieben.

Als er vor der Türe stand, fühlte er wieder den Buzz, der Amandas Erscheinen ankündigte, und er brauchte noch nicht einmal zu klopfen, um hereingelassen zu werden.

Amanda zog ihn rasch ins Haus und führte ihn wieder nach oben. Das Gebäude musste sehr gut schallisoliert sein, denn außer dem Dröhnen der Bässe, das er mehr spürte als hörte, drangen keine weiteren Geräusche nach oben.

Im Zimmer angekommen musterte sie ihn.

"Nicht schlecht. Aber musst du unbedingt zwei Schwerter tragen, wenn du noch nicht mal mit einem umgehen kannst? Dieser steife Mantel verdeckt deine Waffen schon sehr gut, und du siehst darin gar nicht mal so schlecht aus. Zeig mal, wie du sie befestigt hast."

Ohne auf eine Antwort zu warten, öffnete sie den Mantel und sah sich die Halterung an, die sich Chris gebastelt hatte.

"Dafür, dass du keine Hilfe hattest, ist es ganz nett, aber du musst noch einiges verbessern. Du musst eine Scheide einarbeiten. Schau mal, wenn du dich jetzt schnell bewegst, dann kannst du dich damit selbst verletzen und es sieht einfach blöd aus, wenn Blut an deinem Bein runterläuft. Zieh mal dein Schwert so schnell wie möglich."

Chris versuchte es.

"Vergiss es. Du hast den falschen Winkel. Dein Gegner hat dich schon enthauptet, bevor du dein Schwert auch nur halb gezogen hast. Jetzt zeig mir mal deine Waffen."

Dafür, dass Chris noch keinen Ton sagen konnte, war hatte er sein Temperament noch erstaunlich gut unter Kontrolle. Zuerst zog er seine Übungsklinge, die er Amanda reichte.

Sie hielt es kurz in der Hand, warf einen kurzen Blick drauf und schmiss sie mit einem angewiderten Schnauben zur Seite.

"Das ist doch kein Schwert, im Fall eines Kampfes nimmst du am besten die Klinge in die Hand und benutzt es als Prügel. Damit hast du nicht den Hauch einer Chance. Hoffentlich ist das andere Teil nicht ganz so schlimm."

Kommentarlos zog Chris jetzt sein Schwert und reichte es Amanda.

Sie nahm sie in die Hand, stutzte, machte einige typische Kampfbewegungen und ein anerkennendes Pfeifen kam durch ihre Zähne. Dann besah sie sich die Klinge näher. Im Licht der Lampe war der Blumendamast im blauschimmernden Stahl nicht zu übersehen. Vorsichtig fuhr Amanda mit ihren Fingern über die Klinge. Zum Schluss nahm sie ein dünnes Tuch und ließ es auf die scharfe Klinge fallen. Es landete in zwei Teilen auf dem Boden, sauber zerschnitten.

"Woher hast du sie?"

"Ich habe sie von meinem Freund geschenkt bekommen. Er hat mir nie gesagt, woher er sie hat."

"Die Waffe ist noch neu und doch hat sie alle Eigenschaften, die ein wirklich gutes Schwert ausmacht. So etwas ist in der heutigen Zeit selten geworden. Halte sie in Ehren und pflege sie gut, dann wird sie dich nie im Stich lassen. Hat sie schon einen Namen?"

"Wieso sollte ich dem Schwert einen Namen geben? Es ist doch nur eine Waffe!"

Keine Sekunde später fühlte Chris sein Schwert an seinem Hals. Er wich zurück, doch Amanda folgte ihm, bis er bewegungslos an der Wand stand. Dann bekam er von Amanda seine erste Lektion.

"Es ist nicht nur ein Schwert. Ohne deine Waffe bist du gar nichts. Und sie wird dich, falls du überlebst, die nächsten Jahrhunderte begleiten. Treuer als es jeder Freund kann. Behandele sie mit Respekt und dann wird sie auch dich respektieren. Und wenn du ihr einen Namen gibst, dann wird es die Beziehung vertiefen. Sie ist ein wichtiger Teil deines Lebens."

Wie zur Bestätigung strich Amanda mit dem Schwert einmal kurz über Chris' Kehle. So dicht, dass einige Haare abrasiert wurden, aber dennoch kein einziger Blutstropfen vergossen wurde.

"Hast du das kapiert?"

"Ja", konnte Chris nur krächzen, denn Amanda hatte die Waffe um keinen Zentimeter gesenkt.

"Gut."

Amanda nahm das Schwert von Chris' Hals und drehte sich um.

"Setzt dich und mach es dir bequem, ich hol uns eine Kleinigkeit zu essen und dann können wir alles bereden."

Amanda wartete nicht auf Chris' Antwort, legte das Schwert auf einen Stuhl und ging raus.

Chris rieb sich den Hals. Es hatte zwar nicht wirklich weh getan, aber es hinterließ ein unangenehmes Gefühl.

 

Während Amanda unterwegs war, hatte Chris Zeit, sein Nervenflattern unter Kontrolle zu bekommen. Er zog seinen Mantel aus und legte ihn achtlos über einen Stuhl. Ein näherer Blick auf die Bilder, die im Raum hingen, bestätigte seine Vermutung. Es waren alte Gemälde und ganz sicher keine Nachdrucke.

Es erinnerte Chris an Amandas Wohnung in San Fransisco. Dieses Mal fragte er sich, welche der Bilder ehrlich erworben und welche gestohlen waren.

Inzwischen war Amanda mit dem Essen zurückgekommen und hatte den Tisch gedeckt, der im hinteren Bereich des Zimmers stand.

"Gefallen sie dir?"

"Ja, die Bilder sind sehr schön. Doch ich frage mich, für wie viele sich die Kripo interessieren würde."

Mit einer auffordernden Handbewegung bat Amanda zu Tisch.

"Ganz so schlimm, wie du von mir denkst, bin ich nicht. Ich habe im Laufe der Zeit gemerkt, dass Kunst, die mir gefällt, irgendwann wertvoll wird. Mir macht es auch heute noch Spaß, durch die Künstlerviertel zu streifen und alles Mögliche zu kaufen. Ich habe überall in der Welt Lagerhäuser, in denen ich die Werke für einige Jahre, manchmal sogar Jahrzehnte, lagere, und dann verkaufe ich sie wieder. Nur bei Picasso habe ich versagt. Ich habe damals kein einziges Bild von ihm gekauft. Aber es gibt einige Stücke, von denen ich mich nie trennen könnte."

Ohne weiter auf Chris zu achten, der immer noch die Gemälde betrachtete, setzte sie sich hin und verteilte das Essen auf die Teller.

"Kommst du jetzt? Dein Körper hat zwar auf Dauer keine Probleme, wenn du hungerst, aber du bist wesentlich fitter, wenn du regelmäßig isst."

Als Chris das Essen roch, machte sich sein Magen mit einem Knurren bemerkbar. Dabei hatte er doch gar keinen Appetit. Allein der Gedanke an Essen bereitete ihm schon seit Tagen Übelkeit.

Aber er hatte den Eindruck, dass Amandas Aufforderung definitiv keine Bitte war. Also fügte sich Chris, setzte sich hin und versuchte, das zu essen, was sie ihm auf den Teller gepackt hatte. Unter Amandas strengem Blick zwang er sich, alles aufzuessen. Wenn man ihn allerdings zwei Minuten später gefragt hätte, hätte er nicht sagen können, was er verzehrt hatte.

Zwischendurch stellte er aber noch eine Frage, die ihn seit ihrem letzten Kommentar beschäftigt hatte.

"Ich weiß ja, dass man einer Lady eigentlich so eine Frage nicht stellen soll, aber mich würde doch schon interessieren, dein wahres Alter zu erfahren. Denn ich nehme dir nicht ab, dass du erst vierunddreißig bist."

"Stimmt, einer Lady stellt man diese Frage nicht. Und einer Unsterblichen erst recht nicht. Denn je älter man ist, um so mehr Macht hat man. Wenn man sein Alter preisgibt, dann gibt man seinem Gegner einen Hinweis auf seine Stärke."

"Also wirst du es mir nicht erzählen. Gut, dann verrate mir doch mal, wie alt ich werden kann."

Amanda nahm noch etwas Salat und trank von dem Wein. Anschließend betrachtete sie nachdenklich das Licht, das sich im Weinglas brach.

"Wenn du gut bist, dann überlebst du die nächsten zehn Jahre. Von hundert überleben heutzutage noch nicht einmal fünf oder sechs Frischlinge diesen Zeitraum. Wenn du aber eine durchschnittliche Lebenserwartung von mir wissen willst, dann muss ich passen."

Auch Chris trank von dem Wein und betrachtete nachdenklich Amanda, die noch immer mit ihrem Weinglas spielte.

"Wie alt ist denn der älteste Unsterbliche? Ist das bekannt?"

Jetzt lächelte Amanda und schaute Chris an.

"Es gibt da eine Sage. Die Sage von dem Ältesten. Er soll so alt sein, dass er sich nicht einmal mehr an die Zeit vor seinem ersten Tod erinnern kann. Angeblich kann er sein Alter nur anhand seiner Tagebücher schätzen, die er führt, seitdem die Schrift erfunden worden ist. Man munkelt, dass er über fünftausend Jahre alt sein soll. In der Sage wird er Methos genannt."

Ein Hustenanfall hinderte Chris daran, irgendetwas zu sagen. Für ihn war die Aussicht, eventuell fünftausend Jahre zu leben, einfach nur purer Wahnsinn.

Den Wein, den er hatte trinken wollen, hatte er aus Überraschung einfach eingeatmet.

Amanda wartete, bis er sich erholt hatte, bevor sie fortfuhr.

"Ich persönlich glaube nicht an irgendwelche Sagen. Wenn jemand so alt werden sollte, dann kann er besser rennen als kämpfen. Und früher oder später erwischt dich ein Jäger an einem schlechten Tag und dann ist es aus mit dir. Und wenn du immer wegrennst, dann läufst du irgendwann deinem Gegner in die Arme. Selbst Darius, der über Jahrhunderte auf heiligem Boden überlebt hat, starb vor einigen Jahren. Die einzige Unsterbliche, die schon vor der Geburt Christi gelebt hat, ist Cassandra, und niemand, der halbwegs seine Sinne zusammenhat, lässt sich mit ihr ein."

"Was ist bei ihr denn so anders, dass man sie in Ruhe lässt?"

Amanda antwortete nicht sofort und schwieg einen Augenblick.

"Sie hat..." Amanda stockte einen Moment - sie schien nach den richtigen Worten zu suchen - bevor sie fortfuhr "Heutzutage würde man es als paranormale Fähigkeiten bezeichnen. Früher nannte man solche Frauen Seherinnen oder auch Hexen."

Chris war misstrauisch. Das hörte sich für ihn etwas zu phantastisch an, als dass er es ohne Beweise glauben könnte.

Sein Teller war inzwischen leer und in seinem Glas war auch kein Wein mehr. Er nahm die Flasche und füllte beide Gläser auf. Er schüttete mehr Wein in Amandas Glas als in sein eigenes.

"Das soll ich dir jetzt glauben? Das gibt es doch nicht."

"Den Gedanken, dass es etwas nicht geben kann, gewöhn' dir mal gleich wieder ab. Cassandra gibt es. Sie war auch in Troja dabei. Und wenn du sie jemals treffen solltest, dann frag sie nach Methos. Sie wird dir dann eine sehr interessante Geschichte erzählen."

Da konnte Chris nur den Kopf schütteln. Er hatte ja schon die normale Welt für verrückt gehalten, aber das hier toppte alles. Es war einfach unglaublich

Amanda interpretierte seine Reaktion genau richtig, rückte ihm aber direkt den Kopf zurecht.

"Gewöhn dich schon mal daran, dass du im Verlauf eines hoffentlich langen Lebens immer wieder auf Dinge treffen wirst, von denen du jetzt denkst, dass es sie nie geben kann. Sowohl bei dem Wissen über die Vergangenheit als auch dem, was die Zukunft bringt. Die Technik bleibt nicht stehen, sie wird sich immer weiterentwickeln und du musst aufpassen, dass sie dich nicht überholt, sonst bist du verloren."

"Wie schaffst man das?"

Amanda trank ihr Glas leer und Chris schüttete es wieder voll. Er selbst hatte in der Zwischenzeit nichts mehr getrunken.

"Such dir einen Job, bei dem du immer auf dem neuesten Stand der Technik sein musst. Als Diebin muss ich immer einen Tick mehr wissen als die Gegenseite. Dass man inzwischen seine Wertgegenstände mit Lasertechnik schützt, ist erst in den letzten Jahren aufgekommen. Aber für mich ist das kein Hindernis. Denk daran, dass es vor zweihundert Jahren noch nicht einmal Strom gab."

Nachdenklich betrachtete Amanda ihr Weinglas, dann warf sie einen Blick auf Chris.

"Ach ja, wenn du vor hast, mich betrunken zu machen, dann kann ich dir jetzt schon sagen, dass das nicht klappt. Ich habe schon bessere Männer unter den Tisch getrunken."

Chris hatte es nicht wirklich vorgehabt; er hatte gar nicht darüber nachgedacht, als er ihr nachgeschenkt hatte.

"Das war jetzt keine Absicht gewesen. Entschuldige bitte."

"Und das soll ich dir glauben? Die Idee an sich ist gut, um einen möglichen Gegner in eine schlechtere Ausgangssituation zu bringen. Aber du musst die Technik noch verbessern. Ich habe nicht vor, mir deinen Kopf zu holen. Das hätte ich im Sommer viel einfacher haben können."

"Stimmt, aber du hast auch sehr viel Arbeit investiert, um mich zu finden. Jedenfalls hast du meine Nummer bestimmt nicht aus dem Telefonbuch. Und wie du herausbekommen hast, in welcher Abteilung ich bin und an welchem Fall ich arbeite, ist mir immer noch ein Rätsel."

Amanda lächelte nur geheimnisvoll und leerte erneut ihr Glas.

"Wenn du erst mal etwas älter geworden bist, dann hast du mindestens genauso viele Tricks auf Lager wie ich."

Jetzt lachte Chris. Amanda würde wahrscheinlich nie freiwillig eine Information rausrücken, außer sie versprach sich etwas davon. Er war gespannt, ob die französischen Kollegen richtig recherchiert hatten.

"Und dabei habe ich vermutet, dass du Bert Myers auf mich angesetzt hast."

"Was weißt du von Myers? Du warst aber auch nicht untätig!"

"Leider habe ich viel zu wenig erfahren."

Dabei zuckte Chris mit den Schultern.

"Stimmt, denn sonst hättest du schon viel eher herausgefunden, dass Bechthold unsterblich ist."

Der Hieb war ein Volltreffer. Innerlich krümmte sich Chris. Aber Amanda sollte das nicht mitbekommen.

"Eigentlich solltest du bewundern, dass ich schon so lange hinter ihm her bin und er immer noch nicht herausbekommen hat, dass ich... wie nennst du es noch... ach ja, ein Frischling bin."

"Oh ja, und dein Freund wird sicher vor Freude hüpfen, wenn Bechthold es erfährt und ihn als Geisel nimmt. Wach endlich auf, Chris, du kannst nicht einfach weiterleben, als ob sich nichts geändert hätte."

Wütend schob Chris den Stuhl nach hinten und stand auf. Er war kurz vor dem Explodieren.

"Glaubst du wirklich, dass ich das nicht weiß? Gott, seitdem du Weihnachten angerufen hast, wache ich jede Nacht schreiend aus diesen verdammten Albträumen auf und frage mich, wie lange ich noch so leben kann, ohne Eddie zu gefährden. Und seit heute Nachmittag weiß ich, dass ich schon mehr Glück gehabt habe, als mir eigentlich zusteht. Ich kenne Bechtholds Akte in- und auswendig und ich weiß, was ihm zuzutrauen ist. Aber ich habe keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll. Was soll ich verdammt noch mal Eddie erzählen? Er weiß doch noch nicht mal, dass ich unsterblich bin!"

Schwer atmend stützte sich Chris auf dem Tisch ab. Von seinen Aggressionen war nicht mehr viel übrig geblieben. Hatte er das wirklich gesagt?

Er hatte nicht gemerkt, dass auch Amanda aufgestanden war und um den Tisch zu ihm kam. Erst als sie ihre Arme um ihn legte, da wurde es ihm bewusst.

"Ich wünschte, ich könnte dir wie damals eine Lösung anbieten. Aber entweder du bleibst und gehst das Risiko ein, dass Bechthold eher früher als später auf dich aufmerksam wird, oder du verschwindest aus Frankfurt. Aber irgendwo gibt es immer einen Jäger, der dich findet. Egal was du machst, für deinen Freund bist du eine Gefahr."

Unzählige ungeweinte Tränen, die schon seit Monaten darauf warteten, herausgelassen zu werden, formten einen dicken Kloß in Chris' Kehle.

Amanda sagte ihm nichts Neues. Tief im Innern hatte er es schon lange gewusst, es sich aber nie eingestanden.

Chris schluckte, schluckte noch einmal. Immer wieder, bis der Kloß so klein war, dass er wieder reden konnte.

"Kann ich denn nie wieder jemanden lieben, ohne ihn zu gefährden? Werde ich immer einsam sein?"

Wie um ihn zu trösten, verstärkte Amanda die Umarmung. Ihre Antwort war jedoch kein wirklicher Trost.

"Es wird immer ein Risiko bleiben. Entweder man jagt dich, weil du unerfahren und eine leichte Beute bist oder weil du erfahren und eine Herausforderung bist. Es wird nie zu Ende sein. So ist das nun einmal. Aber wenn du erst einmal die nächsten Jahre überlebt hast, dann bekommst du, so bitter es auch klingt, Routine im Umgang mit der Gefahr. Dann kannst du auch einschätzen, wie gefährdet dein Partner ist."

"Und was soll ich jetzt machen? Wie soll ich es Eddie erklären?"

"Gar nicht", kam von Amanda die lakonische Antwort.

"Gib ihm einen Grund, dass er mit dir Schluss macht. Mache ihn wütend auf dich. Gib ihm keinen Anlass, dass er sich Selbstvorwürfe macht. Denn für ihn soll das Leben weitergehen und das geht nicht, wenn er dir hinterhertrauert."

Und was ist mit mir? Interessiert es jemanden, wie es in meinem Herz aussieht?

Amanda schien zu ahnen, was Chris in diesem Moment empfand.

"Es hört sich brutal an, was ich dir empfehle. Aber was meinst du, wie du dich fühlen wirst, wenn du in zwanzig Jahren herausfindest, dass dein Eddie nach dir niemanden mehr geliebt hat und immer noch von dir träumt? Auch wenn du nicht mehr so leben kannst, wie du willst, gib ihm eine Chance, ein normales Leben zu führen."

Als Amanda dies sagte, erinnerte sich Chris an jenen Sonnenaufgang, als ihm Eddie erzählte, dass er über Jahre keine Beziehung gehabt hatte, weil eben genau das schon einmal eingetreten war, was Amanda gerade für die Zukunft prophezeite.

Amanda hatte Recht. Wenn er Eddie verlassen würde, dann so. Aber es würde sein Herz brechen.

Chris konnte ihre Berührung nicht mehr ertragen. Sie gab keinen Trost, sondern verstärkte den Schmerz.

Es riss sich von ihr los und wanderte ruhelos im Raum auf und ab.

Was sollte er jetzt machen? Sollte er wirklich seine Heimat verlassen? Nicht nur seine Heimat, sondern auch all seine Freunde. Wenn er bleiben würde, dann hätte er wenigstens noch seinen Job und sein Team und die Hoffnung, lange genug zu überleben, um Bechthold dingfest zu machen.

Schreibtischtäter zu sein, hatte im Moment für Chris einen großen Vorteil. Die Observation von Bechthold übernahmen andere, er musste einfach nur alles organisieren und die Hintergrundrecherche leisten. Er kannte jeden Schritt von Bechthold und wusste, wie er ihm am besten aus dem Weg gehen konnte. Bechthold würde es nicht merken, dass ein anderer Unsterblicher in der Stadt war.

Sein eigenes Leben konnte er unter diesen Umständen riskieren. Aber konnte er auch Eddie diesem Risiko aussetzen?

Bei seiner Wanderung war er wieder am Tisch angekommen. Amanda hatte sich hingesetzt und beobachtete ihn, hielt aber jeden Kommentar zurück.

Auf einem anderen Stuhl lag sein Schwert.

Was für eine Ironie, dass ausgerechnet Eddie ihm dieses Schwert geschenkt hatte. Ob er ahnte, was diese Waffe Chris bedeutete?

Chris nahm das Schwert. In dem letzten Monat hatte er die Waffe so oft in den Händen gehalten. Es war ein vertrautes Gefühl. Er fragte sich, ob er jemals hart genug werden würde, um damit einen Menschen zu töten.

Vorsichtig, um nichts in dem Zimmer zu beschädigen, machte er einige Übungen. Dann stellte er sich vor, dass Bechthold vor ihm stehen würde. Mit einem harten gezielten Hieb trennte er der Illusion den Kopf von der Schulter. Aber ob das auch bei dem Menschen gehen würde?

Aber Chris war mit seiner Überlegung nicht einen Schritt weitergekommen. War er bereit, Eddie diesem Risiko auszusetzen? Konnte er es überhaupt? Würde er überhaupt noch schlafen können? Die Albträume der letzten Wochen waren schon schlimm genug. Konnte ihre Beziehung diese Belastung aushalten? Oder war es vielleicht besser, Eddie endlich die Wahrheit zu erzählen und ihm die Entscheidung zu überlassen?

Und was war, wenn Eddie sich entschied, bei ihm zu bleiben, und deswegen starb? Er konnte Eddie die Entscheidung nicht überlassen. Das war zu einfach, zu billig.

Wieso musste es so still sein? Noch nicht einmal die Bässe der Musikanlage waren in diesem Moment zu hören.

"Verdammt!"

Die Versuchung, einfach mit seiner Faust gegen eine Wand zu schlagen, war groß. Der körperliche Schmerz wäre eine willkommene Ablenkung. Aber dann würde das Ganze innerhalb kurzer Zeit verheilen und es würde ihn um so mehr an seine Unsterblichkeit erinnern.

Wieso musste er nur diese Wahl treffen? Er musste sich für ein Übel entscheiden, die Frage war nur, welches das kleinere war.

Als Chris sein Problem von dieser Seite betrachtete, wusste er, was er zu tun hatte. Denn das kleinere Übel war, allein zu sein. Allein, aber mit der Gewissheit, dass sein Geliebter in Sicherheit war. Die Alternative wäre, dass er irgendwann auch allein sein würde, nur würde er dann die Schuld an Eddies Tod tragen.

Amanda schien zu ahnen, dass Chris zu einer Entscheidung gekommen war. Sie stand auf und ging zu ihm. Vorsichtig nahm sie ihm das Schwert aus der Hand, dirigierte ihn zum Esstisch und brachte Chris dazu, sich wieder hinzusetzen.

Dann holte sie aus einem Schrank eine unbeschriftete Flasche und goss etwas daraus in Chris' Glas.

"Trink das. Es wird dir helfen."

Doch Chris war nicht so fertig, als dass er das Getränk ohne Weiteres trank.

Misstrauisch roch er an dem Glas. Doch es schien nur Whiskey zu sein. Dann nippte er. Es war tatsächlich ein sehr guter schottischer Tropfen und nicht Lucys Geheimrezept. Genau das, was er brauchte.

Er trank das Glas in einem Zug leer und hielt es Amanda auffordernd entgegen.

Doch die schüttelte nur den Kopf.

"Du solltest wieder zu dir kommen, ich will dich aber nicht betrunken machen. Zu welcher Entscheidung bist du gekommen?"

"Ich werde Eddie verlassen, aber in Frankfurt bleiben. Bechthold ist ein Risiko, mit dem ich umgehen kann, weil ich sehr viel über ihn weiß. Denn wenn ich jetzt gehe und in der Fremde auf einen Unsterblichen treffen sollte, dann kann ich einpacken. Und ich brauche deine Hilfe."

"Wofür?"

"Bring mir alles bei, was du weißt. Ich will eine Chance haben, wenn Bechthold doch herausbekommen sollte, dass ich auch unsterblich bin."

Auch wenn ich Eddie nicht mehr haben kann. Das Leben muss weitergehen. Irgendwie würde es schon klappen. Schließlich muss ich es noch verdammt lange ertragen.

"Da hast du heute Nachmittag nicht gut genug zugehört. Bechthold ist der Bessere von uns beiden. Ich habe gegen ihn keine Chance. Ansonsten könnte er mich nicht erpressen. Ich kann dir alles beibringen, was ich weiß, aber das ist kein Garantie, dass du Bechthold besiegen kannst."

"Können wir heute schon anfangen?"

Besser trainieren bis zum Umfallen als nachzudenken. Es tat weh, es tat unheimlich weh. Aber es durfte nicht ablenken. Nicht jetzt und auch nicht später. Zudem musste Chris auch herausfinden, wie er Eddie dazu bringen konnte, mit ihm Schluss zu machen.

Amanda schien zu ahnen, was in ihm vorging.

"Von mir aus, aber nicht hier. Komm mit, es gibt hier einen Platz, wo wir ungestört sind."

Chris nahm sein Schwert und folgte Amanda. Diese holte auch ihr Schwert und führte ihn in den Keller. Durch einen verborgenen Eingang kamen sie in die Katakomben. Dort gingen sie durch einige enge unbeleuchtete Gänge, bis sich der letzte zu einem Gewölbe öffnete. Aber dies konnte Chris nur ahnen, bis Amanda einen Lichtschalter betätigte, der für eine mäßige Beleuchtung sorgte.

Hier hatten sie genügend Platz zum Trainieren und niemand konnte sie beobachten.

"Herzlich willkommen in meinem Trainingscamp. Bitte ziehen Sie bequeme Sachen an und harren Sie der Dinge, die folgen werden. In wenigen Minuten geht es los."

Amanda musterte Chris, der sich ihr gegenüber aufstellte und sein Schwert defensiv hielt.

"Du hast also schon trainiert?"

"Ja, im asiatischen Kampfsportcenter bieten sie auch Schwertkampfkurse an."

"Dann wollen wir doch mal sehen, was sie dir beigebracht haben, bevor wir weitermachen. Ich hoffe nur, dass sie dich nicht durch falsche Techniken versaut haben."

Chris blockte ihre ersten Schläge, die recht langsam waren, ohne Probleme ab. Dann steigerte Amanda das Tempo. Auch jetzt hatte Chris noch recht wenige Schwierigkeiten. Als sie jedoch auch Stiche verwendete, wurde es ernst für Chris. Er schaffte es, immer noch seine Deckung aufrecht zu erhalten, aber er fing an, rückwärts zu gehen. Das war nicht gut.

Als Amanda dann das Tempo noch weiter steigerte, schaffte sie es. Die Klinge lag an Chris' Kehle, bevor er auch nur eine wirksame Bewegung machen konnte.

Ohne eine erkennbare Regung nahm Amanda die Waffe runter.

"Nicht schlecht. Du hast wirklich etwas getan und deine Haltung ist auch nicht so schlecht wie ich befürchtet habe. Damit kann man arbeiten. Jetzt greif mich an."

Chris versuchte es. Aber wie er es erwartet hatte, wehrte sie jeden seiner Angriffe locker ab.

"Stopp. Deine Beinarbeit ist nicht gut. Du bist nicht richtig im Gleichgewicht. Schau, so machst du es richtig."

Amanda kam an Chris' Seite und zeigte ihm, wie er sich richtig bewegen sollte. Chris machte es nach. Erst nach der fünften Wiederholung war sie zufrieden und ließ ihn weitermachen.

Zwei Stunden später war Chris fix und fertig. Sein Atem ging rasselnd. Der Schweiß floss in Strömen von seinem Körper und er war noch nicht einmal in der Lage, sein Schwert für einen neuen Angriff zu heben, so sehr zitterten seine Arme.

Er hatte den Eindruck, dass Amanda mit ihm sämtliche Schläge und Bewegungen, die er im letzten halben Jahr gelernt hatte, durchgegangen war und ihm gezeigt hatte, was er an seiner Haltung und Technik verbessern konnte. Es hatte ihn sowohl körperlich als auch geistig ausgelaugt. Auch Amanda hatte ein Einsehen, sie wirkte so frisch, als hätten sie gerade erst angefangen.

"Komm, es reicht für heute. Du hast gut gearbeitet. Besser als ich gedacht habe."

Kommentarlos nahm sie sein Schwert und schob ihn vor sich aus dem Gewölbe. Chris bekam gar nicht richtig mit, wie er wieder ins Haus hineingelangte.

Am nächsten Morgen konnte er sich nur noch daran erinnern, dass Amanda ihn auf ein Gästezimmer gebracht und mit zwei Flaschen Wasser versorgt hatte, die er austrank. Danach war er ins Bett gefallen und schlief zum ersten Mal seit Wochen ohne Albträume.

 

Nach dem Aufwachen waren aber all seine Probleme und Sorgen wieder da. Zudem kamen noch einige andere hinzu. Was sollte er Engin erzählen, wenn dieser fragte, wo er die letzte Nacht verbracht hatte?

Und konnte Chris es überhaupt wagen, sich zu bewegen? Der Muskelkater musste höllisch sein.

Schon die erste vorsichtige Drehung seines Arms zeigte ihm, dass diese Befürchtung wohl unbegründet war. Er hatte keine Schmerzen. Vorsichtig setzte Chris sich auf. Nichts, kein Muskelkater.

Unsterblichkeit hat manchmal auch ihre Vorteile.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er noch Zeit hatte, bis er im Hotel sein musste. Er hatte sich mit Engin für neun Uhr verabredet. Jetzt war es noch nicht mal sieben. Mit etwas Glück würde Engin noch nicht mal mitbekommen, dass er nicht im Hotel übernachtet hatte.

Er stand auf und hoffte nur, dass das Bad nicht zu weit weg war, denn seine Blase schien zum Platzen voll zu sein. Chris zog sich etwas an und machte sich auf die Suche, denn die einzige Tür in seinem Zimmer führte auf den Flur.

Nach kurzem Suchen fand er auch das Badezimmer.

Nachdem er sich erleichtert hatte, stieg er auch noch unter die Dusche. Anschließend überlegte er, was er machen sollte. Chris wusste nicht genau, wo Amanda war. Nach dem dumpfen Dröhnen in seinem Kopf musste sie aber in der Nähe sein.

Er ging wieder in sein Zimmer, packte seine Sachen und hinterließ Amanda eine Nachricht, dass er zum Hotel musste.

Zwischendurch machte er beim Auto halt und deponierte dort seinen Staubmantel und sein Schwert. Den 'Prügel' hatte er nicht finden können und so ging er davon aus, dass Amanda das Teil entsorgen würde. Das Training hatte ihm zu deutlich gezeigt, dass die Übungsstunden im PSV für seine Bedürfnisse relativ überflüssig waren. Aber die Stunden im Kampfsportcenter konnten vielleicht weiterhelfen. Besonders in Verbindung mit dem waffenlosen Kampf.

Da Chris schon einmal unterwegs war und immer noch die verschwitzten Sachen vom Vortag anhatte, entschied er sich, gleich noch eine Runde zu joggen. Das machte seine Abwesenheit für Engin viel glaubwürdiger, falls dieser es überhaupt merken würde. Zudem würde es ihm Zeit verschaffen, noch ein wenig nachzudenken.

Kurz nach acht kam er verschwitzt im Hotel an, holte sich seinen Schlüssel und stellte sich auf seinem Zimmer noch einmal unter die Dusche. Dann packte er seine Sachen zusammen, ging zum Frühstücksraum und wartete auf Engin.

Drei Tassen Kaffee und viele dunkle Gedanken später tauchte Engin auch auf. Sehr müde und sehr verkatert.

Kommentarlos ließ sich dieser auf seinen Stuhl fallen und brauchte mehrere Tassen Kaffee, um halbwegs ansprechbar zu sein.

Chris hatte währenddessen seine Gedanken noch einmal ordnen können. So weh es auch tat. Eddies Sicherheit war wichtiger, als mit ihm zusammen zu sein.

Und er wusste ganz genau, was Eddie wütend machen und ihn dazu bringen würde, Schluss zu machen. Chris musste einfach nur vortäuschen, dass er etwas mit Amanda hätte, und dafür sorgen, dass Eddie es erfuhr, dann wäre alles ganz schnell vorbei.

Aber ist das wirklich für Eddie ein Grund, Schluss zu machen? Schließlich liebt er mich.

Bei jeder anderen Frau hätte Chris diese Frage mit einem entschiedenen 'Nein' beantwortet.

Eddie war nicht eifersüchtig und hätte Chris in so einem Fall wahrscheinlich nur gefragt, ob er an das Gummi gedacht hätte und ob es schön gewesen wäre. Zu dieser Situation war es zwar noch nicht gekommen, aber es war am Anfang ihrer Beziehung für Eddie ein Grund zur Befremdung gewesen, als er herausgefunden hatte, dass Chris sich überhaupt Gedanken darüber gemacht hatte.

Aber Amanda war da schon ein anderes Kaliber. Eddie war der felsenfesten Überzeugung, dass sie eine Gefahr für ihre Beziehung darstellte, alleine wie er Weihnachen auf ihren Anruf reagiert hatte, sagte genug. Auf Amanda war er extrem eifersüchtig.

Doch, es würde reichen. Nun kam es nur noch darauf an, überzeugend zu schauspielern. Eddie würde sich nach dem Versprechen, das er ihm Weihnachten gegeben hatte, betrogen und verraten vorkommen und aus lauter Enttäuschung Schluss machen.

Warum schmerzt alleine schon der Gedanke daran?

"Erde an Schwenk, Erde an Schwenk! Chris, das kann doch nicht wahr sein. Werde wieder normal! Denn wenn du wieder genauso fährst wie gestern, dann kriegst du ernsthaft Ärger mit mir. Ich kann nämlich nicht fahren, weil ich diese Nacht zu viel getrunken habe."

Chris schrak hoch und sah in Engins besorgtes Gesicht. Er zwang sich zu einem Grinsen, das auf Engin hoffentlich echt wirkte.

"Nee, das passiert mir nicht, es hat sich nur letzte Nacht etwas ereignet, was mich etwas durcheinander gebracht hat."

Wie auf Kommando kam in diesem Moment Amanda ins Hotel. Sie schien sich beeilt zu haben, denn ihre Wangen waren leicht gerötet. Sie war normal schon attraktiv. Aber in diesem Augenblick bekam selbst Chris große Augen.

Engin bekam Chris' Reaktion mit und drehte sich neugierig um. Auch seine Augen weiteten sich. Als Amanda nach einigen suchenden Blicken auf sie zukam und von Chris, der aufgestanden war, einen sehr intensiven Kuss bekam, wurden seine Augen noch größer.

Chris wusste es zu schätzen, dass er von Amanda in diesem Moment keine Ohrfeige verpasst bekam, sondern nur ein anzügliches Lächeln.

"Entschuldige, ich wollte dich nicht stören, Chris, aber kann ich dich einen Moment sprechen?"

Amandas Kommentar rettete Chris vor Engin, denn der schien in dem Moment nicht nur eine Frage zu haben.

"Kein Problem, am besten gehen wir in die Lobby, da sind wir ungestört."

Er nahm Amanda sanft am Arm und dirigierte sie dorthin.

"Was für eine Absicht steckte hinter deinem Kuss? Nicht, dass es unangenehm war, aber ich möchte wissen, wo wir stehen."

"Nirgendwo. Aber Eddie ist auf dich eifersüchtig, seit der dich in San Fransisco zum ersten Mal gesehen hat. Und wenn ich demnächst für ein Wochenende nach Paris verschwinde, dann wird er Engin fragen. Und ich glaube nicht, dass er in der Sache ein guter Lügner ist. Was meinst du, wie wütend Eddie dann auf mich ist?"

Chris fühlte, wie Amanda ihn aufmerksam musterte. Er wusste, dass Unsterbliche eigentlich nicht altern konnten, aber als er beim Rasieren in den Spiegel geschaut hatte, da hatte er den Eindruck, über Nacht einige neue Falten dazu bekommen zu haben.

"Und du glaubst, du stehst das durch?"

Amanda schien zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen zu sein, denn ihr Blick war voller Sorgen.

"Ich muss, denn du hast mich oft genug darauf hingewiesen, dass es noch schlimmer wäre, wenn er sterben würde."

Als eine Art Antwort hob Amanda ihre Hand und strich Chris ganz sacht über das Gesicht. Es war eine kleine tröstende Geste. Dann hauchte sie ihm einen Kuss auf die Lippen.

"Melde dich bitte zwischendurch. Ich will wissen, wie es dir geht. Und falls du jemanden brauchst, ich habe nicht vor, in der nächsten Zeit Paris zu verlassen."

Ein düsteres Lächeln umspielte Chris' Lippen.

"Du bist dir der Ironie dieses Momentes auch bewusst?"

Auch Amanda musste lächeln.

"Die Pseudogeliebte und Urheberin des ganzen Übels bietet Trost an. Ja, es ist schon seltsam. Aber ich hoffe, du verstehst mich."

"Ja, das tue ich. Freunde?"

"Freunde und du wirst bei mir noch viel lernen."

"Das habe ich befürchtet. Aber Gott sei Dank bin ich sicher vor jedem Muskelkater."

Amanda lachte auf und holte einen kleinen Gegenstand aus ihrer Handtasche, den sie Chris in die Hand drückte.

"Das ist der eigentliche Grund, warum ich mich persönlich von dir verabschieden wollte."

In seinen Fingern lag ein Kristall und eine fein gearbeitete Goldkette. Der Stein war nicht wirklich etwas Besonderes, aber irgendwie fühlte er sich anders an als jeder Halbedelstein, den Chris jemals berührt hatte.

"Was ist das?"

"Sieh es als deinen ganz persönlichen Glücksbringer. Ich habe damals von meiner Lehrerin einen ähnlichen Stein bekommen, als ich sie verlassen habe. Pass gut auf ihn auf."

Amanda pflanzte einen herzhaften Kuss auf Chris' Lippen, dann drehte sie sich um und ging.

Auch Chris drehte sich um und ging wieder zu Engin, den Kristall verstaute er in seiner Hosentasche.

Engin empfing ihn mit hochgezogenen Augenbrauen.

"Sach mal, sah das jetzt nur so aus, als ob? Habe ich da etwas falsch verstanden oder habe ich noch nicht genügend Blut im Alkohol?"

"Erstens bist du noch nicht wirklich wach und zweitens erzähle ich dir die ganze Geschichte, wenn wir wieder in Frankfurt sind. Ich bin mir da noch nicht ganz sicher, wie ich in dem Schlamassel stehe."

"Wenn es so ist, wie es aussiehst, dann steckst du wirklich bis zum Hals in der Scheiße. Sie ist eine Informantin, und wenn Eddie davon Wind bekommen sollte, dann zieht er dir bei lebendigem Leib die Haut ab. Mensch Chris, du hast ein seltenes Talent, dich in so was reinzureiten."

Solange er mir nicht den Kopf abschlägt... alles andere wächst nach, früher oder später.

"Ach, merkst du das jetzt erst?"

"Eigentlich hätte ich das schon nach unserem ersten gemeinsamen Dienst merken müssen. Aber da habe ich es für Zufall gehalten. Schaffst du es denn, anständig zu fahren? Oder sind deine Gedanken wer-weiß-wo? Dann hole ich mir nämlich noch ein Bahnticket. Und wenn ich die ganze Strecke stehen muss."

Da Chris gestern zu einer Entscheidung gekommen war und auch einen Weg gefunden hatte, mit Eddie Schluss zu machen, gab es kein Problem mehr, das ihn wirklich vom Straßenverkehr abhalten konnte.

"Nee, das brauchst du nicht. Ich glaube, die letzte Nacht hat meinen Schädel ganz schön durchgepustet."

"Wenn es nur das gewesen wäre, dann wüsste ich, wie ich Eddie beim nächsten Treffen in die Augen sehen könnte. Verdammt noch mal! Wenn du so was machst, warum musst du mich da hineinziehen?"

"Sorry, das war nicht meine Absicht."

"Das glaube ich dir. Erzähl's mir, wenn wir in Frankfurt sind. Dann bin ich wach und nüchtern genug."

Engin trank den letzten Kaffee aus und rüstete sich zum Aufbruch. Dass er bisher noch keinen Ton über den vergangen Abend erzählt hatte, wunderte Chris. Schließlich sah sein Partner so aus, als ob er in Paris alle Bars ausprobiert hatte. Jedenfalls ließen die Ringe unter Engins Augen darauf schließen.

"So wie du aussiehst, brauche ich eigentlich nicht zu fragen. Erzähl: Wie war's?"

"Frag mich nie wieder. Zum Schluss war es von meiner Seite ein Frustbesäufnis."

Wenn Engin so viel aus Frust getrunken hatte, dann musste es wirklich übel gewesen sein.

"Was war denn so schlimm?"

"Vincent ist schwul und hat mich durch sämtliche Szenebars geschleift und ich musste mir die Männer vom Leib halten. Zum Schluss war er so besoffen, dass er auch noch versucht hat, mich anzumachen. Der dachte auch noch, dass ich auch schwul sei... Habt ihr so auf mich abgefärbt?"

"Klar, wir haben dir Manieren beigebracht und vielleicht eine etwas andere Ausdrucksweise. Vielleicht bist du schwul und weißt es nur noch nicht?"

Wenn Blicke töten könnten, dann wäre Chris jetzt tot. Aber er schaffte es, dem Hieb zu entgehen, den Engin für ihn vorgesehen hatte.

"Hey! Ich hatte auch mal gedacht, dass mich kein Mann einfangen könnte. Was erwartest du von mir?"

"Dass du nicht das anstellst, was du wohl diese Nacht getan hast. Verdammt, das hat Eddie nicht verdient!"

Betroffen senkte Chris den Kopf. Nein, verdient hatte es sein Geliebter bestimmt nicht, und er würde alles für eine andere Lösung geben, aber noch hatte er keine und er bezweifelte, dass eine andere existierte.

Dazu gab es nichts zu sagen. Schweigend gingen sie zum Auto. Ohne weitere Worte fuhren sie los. Kurz nachdem sie auf der Autobahn waren, schlief Engin ein und Chris war froh, dass sich dadurch die beklemmende Atmosphäre etwas löste.

Aber es war zu still im Wagen. Chris zappte sich durch die Radiokanäle, aber überall liefen nur französischsprachige Songs. Entnervt machte er den CD-Player an. Aber sie hatten nur was von Robbie Williams mit. Als die ersten Takte von 'Feel' angespielt wurden und Chris merkte, wie sich wieder einmal ein Kloß in der Kehle bildete, da machte er auch den Player schnell aus.

 
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