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Und das Leben geht weiter
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
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Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
 
 

... und das Leben geht weiter

Teil 3
© by Aisling ()
 
Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Mit über 300 Word Seiten ist es meine bisher längste Fanfiction.
Bis vor einem Jahr hätte ich auch noch nicht gedacht, dass ich jemals so verrückt sein würde, so eine lange Geschichte zu schreiben.
Geplant hatte ich sie jedenfalls nicht in diesem Umfang. Sie sollte 'nur' 100 Seiten lang werden. Trotz Storyline wurden es wesentlich mehr.
Dank: An Birgitt. Ohne sie und ihre Begeisterung (ganz zu schweigen von ihrem Beta) wäre ich noch nicht mal über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 5: Trennungsschmerz

 

Chris beneidete Engin um seinen tiefen Schlaf, denn er wachte weder auf, als Chris die verschiedenen Zahlstellen anfuhr, noch bekam er mit, wie bei Saarbrücken Chris' Handy klingelte.

Es war Eddie. Nach kurzem Zögern nahm Chris den Anruf über die Freisprechanlage an.

"Mann Chris! Wo steckt ihr denn? Hab ja ewig nichts von dir gehört!"

"Ich habe dir gestern noch einen Abschiedskuss gegeben. Ewig ist für mich was anderes."

Der Rest meines Lebens ohne dich.

Chris hörte Eddies Lachen durch das Telefon.

"Okay Schatz, du hast mich erwischt, aber ich hab mich schon gefragt, warum du dich gestern nicht gemeldet hast."

"Dafür kannst du dich bei Vater Staat bedanken, der die Handys nicht fürs Ausland freischalten lässt. Denn mein Französisch ist so miserabel, dass ich noch nicht mal nach 'ner Telefonzelle fragen kann."

"Für mich ist dein Französisch gut genug."

Warum tut er mir das an? Es ist doch so schon schwer genug.

Die Versuchung, das Ende noch um einige Tage aufzuschieben, war groß. Noch einmal Eddies Lächeln zu sehen, seine starke Schulter zu fühlen, sich einfach fallen zu lassen. Aber Chris wusste, dass jeder weitere Tag den Schmerz verstärken würde.

"Eddie. Aus. Schluss. Engin sitzt neben mir und ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren. Sonst baue ich noch einen Unfall."

"So, so, auf den Verkehr musst du dich konzentrieren... was macht Engin denn gerade? Sonst höre ich ihn doch immer im Hintergrund lachen."

"Der ist diese Nacht mit Vincent um die Blocks gezogen und schläft gerade seinen Kater aus."

"Und du hast einsam und verlassen im Hotel rumgesessen und dich gelangweilt? Das glaube ich dir nicht."

Dieser spöttische Kommentar gab Chris die Chance, die er brauchte.

"Dann lass es eben", schnappte er zurück.

Chris wusste, dass Eddie von seiner Antwort und von seinem Tonfall verletzt wurde.

Dementsprechend patzig kam auch Eddies Stimme aus dem Lautsprecher.

"Wann sehe ich dich denn wieder? Kommst du zurück, bevor ich ins Bett gehe?"

"Ich weiß nicht, wie viel noch auf den Straßen los ist, aber wenn alles klappt, dann sind wir gegen drei wieder in Frankfurt. Wir werden wohl im Bistro noch einen Kaffee trinken und dann komm' ich nach Hause. Früh genug?"

"Ja, das reicht. Ich sehe dich dann."

"Bis nachher."

Klack.

Chris ging jede Wette ein, dass Eddie um drei Uhr im Bistro auftauchen würde. Er wollte bestimmt herausbekommen, warum er sich so seltsam benahm. Sein Freund war wesentlich neugieriger als manchmal gut für ihn war. Und heute würde Chris es gegen ihn verwenden. Es ging doch nichts über einen spontanen Plan und die Hoffnung, dass Engins Gästezimmer frei war. Denn wenn alles klappte, dann würde er es heute brauchen.

 

 
Frankfurt, Anfang Februar 2004

 

Chris' Zeitplan ging trotz starken Berufsverkehrs auf. Um kurz vor drei parkte er den Wagen in der Tiefgarage, weckte Engin und schleppte ihn zum Bistro. Ihr Stammtisch, in einer Ecke vom restlichen Raum durch Blumen abgetrennt, war frei.

Der Platz war ideal, um ungesehen zu bleiben, aber genauso ideal, um belauscht zu werden. Jedenfalls, wenn Chris es zuließ und die Deko nicht die ganze Zeit im Auge behalten würde.

Nachdem Engin seinen ersten Kaffee inhaliert hatte, war er auch wieder aufnahmebereit und ansprechbar.

"Du schuldest mir eine Erklärung, Chris!"

Eine Gnadenfrist gab es für Chris nicht, denn Engin sah ihn auffordernd an und aus dem Augenwinkel sah er, dass Eddie das Restaurant betrat.

"Ich habe mich überschätzt!"

"Das ist nichts Neues. Wie kommt es, dass du es auf einmal freiwillig zugibst?"

"Weil ich mich schon zu lange damit rumplage."

Wenn Eddie sich normal verhalten würde, dann würde er erst mal einen Moment warten und versuchen, das Gesprächsthema mitzubekommen, denn er hasste nichts mehr, als in ein dienstliches Gespräch zu platzen.

Er würde nur dann an den Tisch kommen, wenn sie über private Sachen quatschen würden.

"Nun spuck schon aus. Oder muss ich dir alles aus der Nase ziehen? Wenn du mir nicht sagst, was mit dir los ist und was letzte Nacht passiert ist, dann wird Eddie alles von mir erfahren. Ich werde nichts decken, was ihn verletzen würde."

"Das brauchst du nicht, ich weiß nur nicht, wie ich es Eddie beibringen soll."

"Was? Dass du letzte Nacht eine Französin flachgelegt hat? Das kann ich mir gut vorstellen."

Wenn sein Freund nicht bereits lauschen würde, jetzt würde er bestimmt zuhören.

"Das ist eine Auswirkung, aber nicht die Ursache. Und da liegt mein Problem."

"Welches Problem?"

Chris rührte in seinem Kaffee. Das war seine letzte Chance, um alles rückgängig zu machen. Er konnte Engin erzählen, dass er nichts mit Amanda hatte, und irgendetwas anderes auftischen. Dann musste er sich nur noch Eddie schnappen und ihm die Wahrheit erzählen. Und dann?

Es ging nicht. Er konnte Eddie nicht dieser Gefahr aussetzen, nicht solange Bechthold auf freiem Fuß war. Nicht solange er ein schlechter Kämpfer und für alle anderen Unsterblichen eine leichte Beute war.

Ein trauriges Lächeln umspielte Chris' Lippen.

"Ich bin nicht schwul genug. Oder anders ausgedrückt: Ich liebe Eddie nicht so, wie ich es müsste, um den Rest meines Lebens mit ihm zu verbringen. Vielleicht hat die Beziehung nur deswegen so lange gehalten, weil wir so lange gebraucht haben, um zusammenzukommen. Ich weiß es nicht."

Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, dann hätte Chris über Engins entgeistertes Gesicht lachen können.

"Chris, das glaube ich nicht. Wenn man euch zwei zusammen sieht... wie soll ich es sagen... es passt. Ihr seid für mich ein Traumpaar. Das kann doch nicht sein. Seid wann zweifelst du denn?"

"Seit unserem Urlaub in San Fransisco. Ich hab' dir nichts davon erzählt, aber ich habe da an einem Tag ziemliche Scheiße gebaut und eine Französin hat mir da raus geholfen."

"Du hast..."

"Nein, ich bin nicht mir ihr ins Bett gestiegen, wenn du das denken solltest, aber allein schon ihr Parfüm zu riechen und zu sehen, wie sie sich bewegte, hat gereicht. Es hat mich nachdenklich gemacht. Und ich habe gemerkt, was ich in der Beziehung mit Eddie vermisse. Es lässt sich halt nicht ändern, dass er ein Mann ist."

Chris zögerte. Lauschte, wollte wissen, ob von Eddie, der hinter der Botanik stand, irgendeine Reaktion kam. Aber da war nichts. Also musste er zum letzten Mittel greifen.

"Ich habe die ganzen Bedenken wieder auf die Seite schieben können, bis Amanda dann Weihnachten wieder angerufen hat."

"Amanda? Du willst doch nicht etwa sagen, dass diese Amanda mit unserer Amanda identisch ist?"

"Du bist ein Schnellmerker. Was meinst du, warum ich gestern so durcheinander war, als wir bei ihr waren? Ich war ja schon froh, dass sie ihre Klappe gehalten hatte, damit du nichts merkst."

"Verdammt, und was soll ich jetzt in dem ganzen Spiel machen? Du kennst die Lady, steigst mit ihr ins Bett und dir ist scheißegal, was mit Eddie passiert. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein Arschloch bist?"

Engin war eindeutig sauer. Das mit dem Gästezimmer konnte Chris dann wohl abhaken. Also musste er sich für diese Nacht nach einem Hotelzimmer umsehen. Hoffentlich fand er eins. Denn um im Auto zu schlafen, war er zu alt.

"Das musst du mit deinen ganzen Frauengeschichten gerade sagen. Komm, ich will mich nicht mit dir streiten. Wenn Amanda nicht heute Morgen ins Hotel gekommen wäre, dann hättest du nichts erfahren. Ich weiß, dass ich dringend mit Eddie reden muss, aber ich wollte noch einige Tage Zeit haben, um mir zu überlegen, was ich ihm erzählen soll. Und die Sache mit Amanda wollte ich wirklich nicht, aber es ist einfach passiert. Aber ich werde es heute noch hinter mich bringen. Ich weiß einfach nur nicht, wie ich damit anfangen soll. Ich weiß ja selbst noch nicht mal, wie das Ganze angefangen hat. Es ist ja nicht so, dass er mir gleichgültig ist."

"Vielleicht damit, dass du mir sagst, dass du dein Versprechen nicht halten konntest. Wie war das noch Weihnachten? 'Selbst wenn du dieser Frau nicht traust, solltest du wenigstens mir trauen.' Oder dein Versprechen, mich niemals wegen einer Frau zu verlassen. Du hast gelogen. Weißt du, wie weh das tut?"

Eddie war aus dem Schatten herausgetreten und stand jetzt hinter Chris. Auch wenn Eddie sich noch so sehr bemühte, Chris konnte das Zittern in seiner Stimme hören.

Er stand auf, drehte sich um und mimte den Überraschten.

"Was machst du denn hier?"

"Ich wollte wissen, was mit dir los ist. Schließlich hast du dich in der letzten Zeit seltsam genug verhalten, denk nur an deine Albträume... aber irgendwie hatte ich mit allem gerechnet, nur nicht mit dem, was ich gerade gehört habe. Wie stellst du dir jetzt den Rest vor?"

In seinen Plänen hatte diese Szene anders ausgesehen. Er hatte damit gerechnet, dass Eddie ihm Vorwürfe machen würde, toben würde, aber nicht, dass er so ruhig bleiben würde. Es machte ihm Angst.

"Ich weiß es nicht. Ich bin mir letzte Nacht nur endgültig darüber klar geworden, dass ich so nicht weiterleben kann. Es tut mir leid, Eddie, ich wollte nicht, dass du es so erfährst."

"Wann ist dir das klar geworden? Als du diese Französin gefickt hast? War sie so gut, dass du alles andere vergessen hast? Dann bleibe bei ihr, aber lass dich nie wieder bei mir blicken! Du hast mir oft genug weh getan und ich will nicht, dass es noch mal passiert. Ich gehe sonst daran kaputt. Verschwinde aus meinem Leben."

Bevor Chris noch etwas sagen konnte, drehte Eddie sich um und rannte aus dem Bistro. Aber er war nicht schnell genug. Chris hatte die Tränen in seinen Augen gesehen.

Aus, vorbei. Nie wieder.

Chris drehte sich um und setzte sich wieder an seinen Tisch. Er stützte seinen Kopf in seine Hände und verharrte so mehrere Minuten. Er bekam zwar mit, dass Engin auf ihn einsprach, aber es war ihm egal.

'Verschwinde aus meinem Leben.' Das war es, was Chris erreichen wollte, aber es tat so weh. Er bezweifelte, dass dieser Schmerz jemals vergehen würde.

Aber es musste weitergehen. Den Oscar für die beste schauspielerische Leistung würde er nur bekommen, wenn er jetzt auch noch Engin überzeugen konnte.

Es war nicht einfach, sich wieder aufzuraffen, aber Chris schaffte es. Er ließ seine Hände sinken und blickte Engin mit einem missratenen Lächeln an.

"Sorry, jetzt hast du auch noch das Ende einer Beziehung mitbekommen. Ich frag' mich nur, warum ich einfach nicht in der Lage bin, so etwas ohne Streit und Ärger hinzukriegen. So sollte es nicht enden!"

Als Antwort bekam er von Engin ein Glas rüber geschoben, das Chris in einem Zug leerte. Guter schottischer Whiskey. Es half zwar nicht, wärmte aber sein Inneres.

"Hast du schon Pläne für die Nacht? Ich glaube nicht, dass du dich im Moment bei Eddie sehen lassen solltest."

Chris schüttelte den Kopf.

"Nein, das werde ich ihm auch nicht antun. Für ihn ist es so schon schlimm genug. Bleibt mir nur zu hoffen, dass diese Woche keine Messe ist und ich noch ein Hotelzimmer erwische. Auch wenn ich keinen Golf mehr fahre, bei dem Wetter will ich in keinem Auto übernachten."

"Lass das Suchen, du kannst bei mir schlafen. Schließlich habe ich es dir zu verdanken, dass ich nicht mehr bei Mutter wohne. Vorausgesetzt du kommst damit klar, dass mein Arbeitszimmer nicht aufgeräumt ist. Das Sofa habe ich ja damals von dir übernommen."

"Danke, ich dachte, du bist so sauer, dass du mich im Regen stehen lässt."

"Wegen Eddie, ja, da bin ich sauer. Aber wir sind Partner und ich lass dich nicht so einfach im Stich. Und außerdem merke ich, dass dir das Ende der Beziehung mehr an die Nieren geht, als du zugeben willst."

Ja, damit hatte Engin Recht, viel zu Recht.

"Du, ich möchte darüber nicht weiter reden. Lass uns ins Büro gehen, unseren Bericht tippen und dann hole ich mir irgendeine Flasche Hochprozentiges. Morgen sieht die Welt dann für mich wieder besser aus."

Doch Engins skeptischer Blick brachte Chris dazu, noch etwas zu sagen.

"Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich es hasse, auf Wohnungssuche zu gehen?"

Darauf erntete er nur ein Kopfschütteln.

 

Den restlichen Tag verbrachten sie so, wie Chris gesagt hatte. Sie gingen auf ins Büro schrieben ihren Bericht, gaben ihn bei Krause ab und fuhren zu Engin. Dort richteten sie das Arbeitszimmer für Chris her. Als das erledigt war, wollte Engin Chris noch etwas Gesellschaft leisten, aber Chris ließ es nicht zu. Er wollte einfach nur seine Ruhe haben und gab vor, sich hemmungslos besaufen zu wollen.

Doch als er allein in seinem Zimmer war, ignorierte er die Whiskeyflasche und holte sein Schwert aus seiner Reisetasche. Lange blickte Chris auf die Klinge, die er auf seinen Knien liegen hatte.

Es war es nicht wert. Aber man hatte ihn nie vor eine Wahl gestellt.

Lange saß er so. Irgendwann raffte er sich auf, ging ins Bad, machte sich bettfertig und schüttete den Whiskey in die Toilette. Die leere Flasche stellte er wieder in sein Zimmer.

Als er dann im Bett lag, wartete Chris vergeblich darauf, einschlafen zu können. Er fragte sich, was Eddie in diesem Moment machte. Er hoffte, dass die Wut und die Enttäuschung den Schmerz überlagerten. Und ob Eddie es wirklich schaffen würde, sich ein neues Leben aufzubauen. Er wünschte ihm alles Gute und hoffte, über Mike wenigstens am Rande zu erfahren, was er machen würde.

Chris bedauerte es, dass es Anfang Februar war. Sein Wecker würde gehen, bevor die Sonne aufging. So konnte er noch nicht einmal darauf warten.

Irgendwann gab er auf. Er stand auf und schuf sich etwas Platz. Dann nahm er das Schwert und ging die Übungen durch, die er von Amanda gelernt hatte. Wieder und wieder. Bis ihn das Klingeln des Weckers erlöste.

 

Wie er den nächsten Tag überstand, ohne auszuflippen, konnte Chris später nicht mehr sagen. Engin hatte am Morgen nur einen Blick auf die leere Flasche geworfen und nachsichtig gelächelt. Auf der Arbeit hatte Chris sich hinter seinen Akten verschanzt und war für niemanden ansprechbar. Engin war so nett und nahm sogar sämtliche Telefongespräche für ihn an.

Chris war froh, dass Mike und Carola für die Observation von Bechthold eingeteilt waren. Denn heute war er nicht in der Lage, die Standpauke, die ihm Mike garantiert halten würde, so über sich ergehen zu lassen, wie es von ihm erwartet wurde.

Am schlimmsten war die Mittagspause. Da fuhr er zu Eddies Haus - vor ein paar Tagen war es noch 'ihr' Haus gewesen -, um einige seiner Sachen zu holen. Der Rest musste warten, bis er eine neue Wohnung hatte.

Er brauchte gar nicht groß zu packen, denn im Hausflur erwarteten ihn zwei gepackte Koffer. Auf einem thronte ein kleiner, ziemlich abgenutzter Teddy.

Es war 'der Teddy'. Dieses eigentlich kitschige Etwas, das Chris vor etlichen Jahren gekauft hatte, um sich bei seiner damaligen Verlobten zu entschuldigen. Geendet hatte es mit einem Rausschmiss aus der gemeinsamen Wohnung. Bei dem anschließenden Besäufnis hatte er Eddie kennengelernt und war am nächsten Morgen in seinem Bett erwacht - ohne Erinnerung, was nun wirklich in der Nach passiert war. Zu einer Beziehung hatte es bei Chris nicht gereicht, obwohl Eddie sehr interessiert gewesen war. Doch der Teddy hatte seit dieser Nacht über all die Jahre eine Heimat in Eddies Bett gefunden.

Dass der Teddy nun heimatlos war, zeigte mehr als alles andere, dass Eddie die Beziehung für beendet hielt. Und Chris musste bei dem Anblick die Tränen zurückhalten.

Hör' auf, es ist die beste Lösung. Auch wenn es noch so schmerzt.

Er packte die Koffer in seinen Wagen und fuhr wieder zur Arbeit. Dort saß er die restliche Zeit ab und es ging wieder zu seiner provisorischen Bleibe. Mit Engin, der ihm helfen und mit ihm reden wollte. Dabei wollte Chris doch nur seine Ruhe haben. Doch er bezweifelte, dass er sie bekommen würde. Um endlich wenigstens etwas Frieden zu finden, schlug er Engin vor, das Kochen zu übernehmen. Dieser stimmte zu und ließ ihn auch die nächste Stunde in Ruhe, nachdem ihn Chris zweimal aus der Küche geworfen hatte.

Erstaunlicherweise schaffte es Chris sogar, anschließend auch zu essen, was er gekocht hatte. Vielleicht lag es daran, dass er schon seit zwei Tagen nichts in den Magen bekommen hatte. Und nur vom Kaffee zu leben war wirklich keine gesunde Ernährung. Gleichzeitig hallte auch noch Amandas Ermahnung in seinen Ohren.

Um Engin zufrieden zu stellen, schauten sie sich später noch zusammen eine DVD an, aber Chris bekam den Inhalt nicht wirklich mit, er war einfach in Gedanken versunken.

Dann war es spät genug und Chris zog sich in sein Zimmer zurück. Er war wirklich müde und hoffte, diese Nacht wenigstens einige Stunden schlafen zu können.

Der Teddy wartete schon auf ihn.

 

Mitten in der Nacht wachte Chris schreiend aus einem Albtraum auf. Obwohl es eigentlich keinen Grund mehr gab, hatte er wieder davon geträumt, dass ein Unsterblicher Eddie töten wollte.

Er wälzte sich auf der Couch und konnte nicht weiterschlafen, denn es war kein Eddie mehr da, der ihn einfach nur tröstend in die Arme nahm.

Chris war auf einmal klar, dass sich genau so ein alter Oktopus fühlen musste, der sich gerade seine Arme ausgerissen hatte.

Aber er konnte sich den Luxus nicht leisten, Eddie hinterher zu trauern, das Überleben war wichtiger.

War es das wirklich? Willst du wirklich so weiterleben?

Die kleine Stimme aus seinem Hinterkopf meldete sich wieder bei ihm.

Chris stand lange am Fenster und dachte über diese Alternative nach.

Er kam zu dem Schluss, dass Selbstmord für ihn nicht in Frage kam. Er wollte immer noch leben. Selbst wenn es nur war, um in sicherer Entfernung über Eddie zu wachen. Und wenn Eddie irgendwann nicht mehr sein sollte, dann konnte er noch einmal darüber nachdenken.

Obwohl es mitten in der Nacht war, hielt Chris es nicht mehr in seinem Zimmer aus. Er zog seine Laufsachen an und verließ leise die Wohnung, um Engin nicht zu wecken.

In den frühen Morgenstunden, kurz bevor normaler Weise sein Wecker klingen würde, kam er schweißgebadet zurück.

Und er fühlte sich wesentlich besser. Er wusste nicht, wie viele Kilometer er in dieser Nacht zurückgelegt hatte, aber Chris hatte das Gefühl, dass er fast einen Marathon gelaufen war. Und das tat seinem Ego sehr gut und es war irgendwie berauschend.

Es geht doch nichts über körpereigene Drogen.

Dazu kam noch die Tatsache, dass er in dieser Nacht die Weichen für seine Zukunft gestellt hatte. Irgendwie hatte er deswegen gute Laune.

Auf dem Weg zur Dusche begegnete er einem sehr verschlafenen Engin, den er mit einem fröhlichen "Guten Morgen!" in die Flucht schlug.

Falls Engin in der Nacht gehört hatte, wie Chris aus dem Albtraum erwacht war, dann wusste er jetzt bestimmt nicht mehr, was er denken sollte. Aber das war Chris nur recht.

Leise und schief vor sich hinsummend stieg Chris unter die Dusche.

 

Seine gute Laune wurde erst gedämpft, als er im Amt Mike über den Weg lief, besser gesagt, als Mike ihn packte und gegen die Wand schleuderte.

Chris erinnerte sich an Mikes Boxtraining und an dessen berüchtigten Schwinger und beschloss, alles auf sich zukommen zu lassen und sich nicht zu wehren.

"Du dreckiger Mistkerl! Du verdammtes Machoschwein! Hat es dir Spaß gemacht? Weißt du, was du angerichtet hast?"

Mike war nicht nur auf hundertachtzig. Er war stinksauer. Chris wusste, wie sehr Mike damals - bevor Klaus in sein Leben getreten war - Eddie geliebt hatte und dass er sich immer noch um ihn sorgte. Mike hatte ihm sogar einmal anvertraut, dass er Klaus kennen gelernt hatte, als er für Eddie, lange nach ihrer Beziehung, eine Bürgschaft übernommen hatte, ohne dass dieser jemals etwas davon erfahren hatte.

"Okay, da es dir scheinbar scheißegal ist, werde ich dir mal sagen, was los ist. Gestern stand Eddie vor meiner Tür. Er war fix und fertig, weil er deine Klamotten gepackt hatte. Nach und nach hat Klaus dann die ganze Story aus ihm rausgelockt."

Oh, oh, das ist gar nicht gut. Scheiße!

Jetzt packte ihn Mike am Kragen und drückte Chris die Luft ab. Mit seinem aktuellen Trainingstand wäre es für Chris einfach gewesen, Mike abzuwehren, aber er ließ es.

"Was hast du dir verdammt noch mal dabei gedacht, als du ausgerechnet mit dieser Tussi ins Bett gestiegen bist? Du hattest ihm versprochen, nichts mit ihr anzufangen. Hoch und heilig und er hat dir geglaubt. Hast du auch nur einen Augenblick überlegt, was du Eddie damit antust? ER IST FERTIG! Er will niemanden sehen. Wenn wir nicht gewesen wären, dann hätte er wahrscheinlich irgendetwas Unüberlegtes angestellt. Du Schwein. Und mit dir muss ich noch zusammenarbeiten! Du widerst mich an."

Chris sah die Faust, die auf ihm zukam. Er wich nicht aus. Ließ zu, dass sie mit voller Wucht gegen seinen Kiefer knallte und seinen Kopf schmerzhaft gegen die Wand prallen ließ.

Mike schien nach diesem Schlag wieder von seiner Palme runterzukommen. Er stand mit hängenden Armen vor Chris und versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bekommen.

"Darf ich jetzt auch etwas sagen? Okay, ich bin das Arsch, das sein Versprechen gebrochen hat und mit der falschen Frau ins Bett gestiegen ist. Aber ich denke, ich habe doch noch das Recht, mich zu verteidigen."

"Glaubst du wirklich, dass du das irgendwie entschuldigen kannst?"

"Nein!" Chris schüttelte den Kopf. "Das kann ich nicht entschuldigen. Ich habe Scheiße gebaut. Aber ich glaube nicht, dass das ganze Gebäude mitbekommen muss, was ich dir jetzt erzähle."

Denn sie waren nicht mehr allein. Die lieben Kollegen standen im Halbkreis um Chris und Mike und warteten gespannt auf die Fortsetzung. Wann prügelten sich schon zwei Beamte von der Zollfahndung und der Kripo auf dem Flur?

Mike schien einzusehen, dass ein einsames Büro ein besserer Ort für ihre Auseinandersetzung war. Er packte Chris' Jacke und zerrte ihn hinter sich her, bis sie in dem Büro waren, das er sich im Rahmen der Ermittlungen mit Kallenbach, Deichsel und Carola teilen musste. Nur Carola war anwesend. Sie tippte gerade etwas in ihren Computer ein.

"Kannst du uns bitte allein lassen? Ich muss was mit Chris besprechen."

Mikes Tonfall war ziemlich aggressiv und Chris rieb sich seinen schmerzenden Kiefer. Deswegen blickte Carola fragend Chris an und zögerte, den Raum zu verlassen.

Erst als auch Chris sie mit einem Nicken aufforderte zu gehen, stand sie auf und verließ das Büro.

Mike lehnte sich gegen die Tischkante und schaute Chris an.

"Schieß los, du hast fünf Minuten, um es zu erklären."

"Ich weiß nicht, ob fünf Minuten reichen und wo ich überhaupt anfangen soll."

"Dann fang mit dem an, was in Paris gelaufen ist."

Chris sah die Falte in Mikes Stirn. Wenn er es jetzt nicht schaffte, Mike zu überzeugen, dass er nicht ganz so ein Mistkerl war, wie es wirkte, dann hatte er bei ihm ausgespielt. Und er brauchte ihn bei den aktuellen Ermittlungen.

"Du kennst wahrscheinlich nicht die ganze Wahrheit. Es ist nicht nur so, dass ich Amanda zum ersten Mal in San Fransisco getroffen habe. Sie war auch die Informantin, mit der Engin und ich das Date hatten!"

Das schien Mike nun doch zu überraschen.

"Bitte? Sag, dass das nicht wahr ist. Wie kannst du dann mit der ins Bett steigen?"

"Ich weiß es nicht, vielleicht weil ich mich schon eine ganze Weile fragte, ob ich wirklich schwul genug war, um den Rest meines Lebens nur mit Eddie zu verbringen, vielleicht weil ich zuviel getrunken hatte. Oder aus welchem Grund auch immer. Gott, wie soll ich es erklären?"

Wie sollte er es erklären, ohne sich zu verheddern? Er hatte noch nie eine Affäre vorgetäuscht. Und es musste jetzt auch noch glaubhaft rüberkommen.

"Stell dir mal vor, wie es wäre, wenn Klaus eine Frau wäre. Das mit mir und Eddie ist ähnlich. Aber ich schaff es einfach nicht mehr. Ich wünsche es mir so sehr, aber es geht nicht mehr. Ich wollte es ihm erzählen, aber ich wusste nicht wie. Er ist doch immer noch wichtig für mich. Aber es geht einfach nicht mehr als feste Beziehung. Bitte glaube es mir."

Chris sah Mike in die Augen, hoffte, dass die Botschaft rüber kam. Doch dieser wandte sich ab und schaute aus dem Fenster.

Nach einigen Minuten, in denen Chris nur das Ticken der Wanduhr hörte, drehte Mike sich wieder um.

"Wann ist dir klar geworden, dass das mit dir und Eddie keine Zukunft mehr hat?"

"Irgendwann nach Weihnachten."

"Und warum hast du es ihm nicht da schon gesagt, sondern abgewartet, bis es eskalierte?"

"Weil ich Angst hatte."

"Ach, der Superbulle Christoph Schwenk hat Angst gehabt! Wovor hatte er denn die Angst? Sonst hatte er doch auch nie Angst, wenn er mal wieder seine Freundinnen betrog. Die Mädels waren dir doch alle scheißegal. Wieso sollte es jetzt anders sein?"

Die Ironie triefte nur so aus Mikes Worten.

Er glaubt mir nicht.

"Weil das zwischen Eddie und mir was ganz anderes ist, als ich jemals mit einem Mädel hatte."

Ich wollte den Rest meines Lebens mit ihm verbringen.

"Ach, ja?"

"Glaubst du, wir wären sonst überhaupt zusammen gekommen? Ich steh sonst nicht auf Männer. Doch ich kenne Eddie inzwischen zig Jahre. Verdammt, wie du es damals wahrscheinlich mitbekommen hast, hat Eddie es irgendwie nie richtig geschafft, sich von mir zu lösen. Ich war ja, nachdem ich damals bei ihm ausgezogen bin, für ihn zu einer Art Traumprinz geworden. Und bevor wir doch noch ein Paar geworden sind, ist einiges schief gelaufen, was ihm sehr weh getan hat. Es ist ein Wunder, dass es doch noch geklappt hat. Und jetzt zerstöre ich es."

Chris hatte sich von Mike weggedreht und stand nun vor dem Fenster. Es war nicht das, was er Mike eigentlich erzählen wollte, doch es war die Wahrheit. Und es tat so weh. Es fühlte sich an, als ob ihm jemand mit einem Löffel das Herz aus der Brust reißen würde - mit einem kleinen Teelöffel.

Der Schmerz ließ nicht nach, doch Chris hatte das Gefühl, Mike noch etwas erklären zu müssen, auch wenn es jetzt eine Lüge war. Er überwand den Kloß im Hals und redete weiter.

"Als ich vorgestern im Bistro mit Engin gesprochen habe, da habe ich nicht im Traum daran gedacht, dass Eddie da sein konnte. Schließlich hatte er die Steuerprüfer in seiner Werkstatt. Als er dann vor mir stand, wusste ich einfach nicht, was ich sagen sollte. Ich weiß es immer noch nicht. So, jetzt bist du dran. Verprügle mich, mach mich zur Sau. Tu, was immer du für richtig hältst, ich habe es verdient."

Das Zucken seiner Schulter verriet ihn, aber Chris wollte es nicht zulassen. Er konnte nicht einfach vor Mike anfangen, wie ein kleines Kind zu heulen. Er wartete auch gar nicht auf eine Reaktion, sondern verließ fluchtartig das Büro.

Erst auf der Toilette kam Chris wieder zu sich. Aber da war es schon zu spät. Eine Fliese zeigte Risse und seine Hand war eine blutige Masse. Als er hörte, wie sich die Türe öffnete, zog sich Chris in eine Toilette zurück und wartete, dass seine Wunden verheilten.

"Chris?"

Nicht, Mike, ich kann nicht mehr.

"Ich wollte mich bei dir entschuldigen."

Dann kam erst mal nichts. Nur Mikes Schritte waren zu hören, wie er unruhig auf und ab lief, dann seufzte er und sprach weiter.

"Ich kenne dich schon so lange und hab dich doch falsch eingeschätzt. Du warst halt immer der Weiberheld, der keine Gelegenheit ausließ. Und du hast da deine jeweils aktuelle Flamme nicht geschont. Und als man mir erzählt hatte, dass da was zwischen dir und Eddie war, konnte ich es einfach nicht glauben. Ich konnte einfach nicht glauben, dass du mit Eddie zusammen warst. Schließlich hattest du ein ganz anderes Beuteschema."

Wieder Pause. Schritte, die unruhig auf und ab liefen und dann Mikes Stimme.

"Ich muss jetzt wohl akzeptieren, dass das mit euch beiden jetzt zuende ist. Das soll nicht heißen, dass ich dein Verhalten in Ordnung finde und dass wir direkt wieder Freunde werden können. Das geht nicht so einfach. Aber ich denke, dass ich doch wieder mit dir arbeiten kann, ohne ständig mit dir im Clinch zu liegen."

Endlich heilte diese verdammte Wunde. Chris sah die kleinen Energiezungen, die über seine Hand liefen und auch der körperliche Schmerz ließ nach.

Als er die Kabine verließ, war Mike schon wieder gegangen. Chris war froh darüber, denn es gab nichts mehr, das sie zu besprechen hatten.

 

In seinem Büro angekommen, wartete Engin schon auf ihn. Sie hatten sich am Eingang getrennt, weil Engin noch in die Kantine wollte. Auf Chris' Tisch standen ein großer Becher Kaffee und mehrere Muffins. Auch vor Engin stapelte sich das Gebäck.

"Nun greif schon zu. Der Kaffee ist ausnahmsweise mal frisch und in der Kantine hatten sie besonders gute Laune. Sonst hätten sie mir nicht die Muffins gegeben."

Chris schluckte. Der Geruch des Gebäcks bereitete ihn Bauchschmerzen. Alles, was er am Morgen überwunden glaubte, war nach dem Gespräch mit Mike wieder da. Doch er zwang sich, eine unverbindliche Antwort zu geben.

"Du bist verfressen. Die anderen wollen doch auch noch welche haben."

"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Und du kannst es vertragen. Du hast dich in der letzten Zeit fast ausschließlich von Kaffee ernährt. Seit vorgestern weiß ich ja, was für ein Problem du hast."

"Oh, man kann so einfach erkennen, was mit mir los ist?"

"Nö, aber wenn du persönliche Probleme hast, dann schlägt's dir auf den Magen. Aber jetzt setz dich und trink, sonst wird es kalt."

Chris folgte Engins Anweisung. Der Kaffee war gut. Sehr stark und heiß. Die Muffins schob er erst mal zur Seite. Vielleicht würde er später Hunger haben.

"Was ist passiert?"

"Ich bin auf dem Flur mit Mike zusammengestoßen."

"War es so schlimm?"

Chris zuckte mit seinen Schultern.

"Nicht schlimmer als ich erwartet habe. Mein Kiefer schmerzt immer noch wie Hölle und ich denke, dass inzwischen sämtliche Abteilungen über unseren Streit informiert sind. Aber irgendwie habe ich es geschafft, Mike zu überzeugen, dass ich nicht ganz so ein Arschloch bin, wie er dachte. Wir haben uns darauf geeinigt, Kollegen zu sein."

"Ich dachte, ihr wärt Freunde?"

"Vergiss es und lass uns arbeiten. Mit Reden kann ich eh nichts mehr ändern. Hast du dir schon die Unterlagen angeschaut, die uns Amanda mitgegeben hat?"

"Ja, und sie sind sehr interessant."

Engin nahm die Unterlagen, die auf seinem Schreibtisch lagen, und reichte sie Chris.

"Was ist denn? Komm, erzähl schon."

"Naja, ich habe den Eindruck, dass nicht Amanda die Papiere zusammengestellt hat, sondern Jade Lesage. Das Mädel hatte wohl eine Ahnung, dass ihre Zusammenarbeit mit Bechthold nicht ganz reibungslos verläuft."

"Und wo ist das Problem?"

"Ich frag mich nur, wie diese Amanda an die Unterlagen gekommen ist."

"Vielleicht waren die beiden befreundet. Ich habe keine Ahnung. Aber ist das alles?"

"Nein, das Schönste ist eine Aufstellung, welche Kunstgegenstände wann Europa verlassen haben und zu welchem Zeitpunkt sie wieder zurückgekommen sind. Das Interessante ist ein kleiner Vermerk, der darauf schließen lässt, dass beim Zoll am Flughafen Charles de Gaulle einige Schichtdienstleiter kräftig geschmiert werden, damit die Sachen ohne Kontrolle durchgelassen werden."

"Und somit Tür und Tor öffnen, um Drogen nach Europa zu schmuggeln."

"Genau, das ist das, was uns bisher in unserem Puzzlespiel fehlte. Jetzt muss ich mit Vincent quatschen, dass die die Leute am Flughafen überprüfen."

"Glaubst du, dass Vincent noch mit dir spricht? Du hast ihm doch einen Korb gegeben."

Engin verzog das Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte.

"Erinnere mich nicht daran. Ich hoffe nur, dass er einen Filmriss hat, sonst können wir die Zusammenarbeit wirklich vergessen. Und über die offiziellen Kanäle dauert es immer ewig."

"Das stimmt, die können sich nie einigen, wer dann für uns zuständig ist. Und da es Franzosen sind, werden die uns einfach am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Dazu habe ich viel zu viel Zeit investiert. Gott, wenn ich daran denke, wie oft wir sonntags unterwegs waren, obwohl wir eigentlich keinen Dienst hatten. Naja, das kann mir ja jetzt nicht mehr passieren."

"Stimmt, wir sind jetzt die Stubenhocker und machen die Recherchearbeit, während die anderen auf der Straße sind. Dafür haben wir auch jedes Wochenende frei. Apropos Wochenende. Hast du Lust, etwas zu unternehmen?"

Lust hatte Chris nicht, aber er wusste, was auf ihm zukam.

"Oh ja, ich habe riesige Lust, sämtliche Zeitungsanzeigen zu studieren und auf Wohnungssuche zu gehen. Ich will dir nicht länger auf die Nerven fallen als unbedingt notwendig."

"Du gehst mir nicht auf den Geist, schon gar nicht, wenn du regelmäßig so kochst wie gestern."

Engin lehnte sich bequem zurück und verschränkte seine Arme hinter den Kopf.

"Ach ja, du wirst dabei dick und rund."

Chris warf einen deutlichen Blick auf Engins Bauch. Prompt hielt Engin die Luft an.

"Und dann bekomme ich eines Tages noch einen Heiratsantrag von dir, damit ich dich nicht verlasse. Vergiss es. Ich brauch erst mal etwas Abstand und eigene Räume."

Wenn Chris nicht derart deprimiert gewesen wäre, hätte ihn Engins bettelnder Hundeblick bestimmt zum Grinsen gebracht. So nahm er nur einen Stift und schmiss ihn nach Engin. Lachend fing Engin den Bleistift auf und legte ihn auf seinen Schreibtisch.

"Hast ja Recht. Ich frag mal bei mir im Bekanntenkreis rum, ob die weiter helfen können. In der letzten Zeit sucht da immer jemand einen Nachmieter. Warum haben die das nicht gemacht, als ich eine Wohnung gesucht habe? Ich muss auch dringend etwas für meine Figur tun. Kommst du heute Abend mit zum Schwertfechten?"

Nach dem Training mit Amanda wusste Chris, was er von dieser Kampftechnik zu halten hatte. Er schüttelte den Kopf.

"Ich glaub' nicht. Seit ich auch noch mit dem asiatischen Fechten angefangen habe, macht mir das keinen Spaß mehr. Aber komm du doch mit zum Kampfsportcenter, dann merkst du den Unterschied."

"Ich komm nicht mit, weil du mir im Training weit voraus bist. Nein danke. Dann gehe ich lieber schwimmen."

"Du meinst, Fett schwimmt oben?"

Jetzt flog nicht nur ein Stift auf Chris, sondern auch ein ganzer Aktenordner. Chris tauchte unter den Schreibtisch, bis Engin sich wieder beruhigt hatte.

Dann schnappte er sich die Berichte der letzten Tage und fing an, sie durch zu arbeiten. Besonders interessierten ihn die Unterlagen, die sie von Amanda bekommen hatten.

Denn das Leben ging weiter und es hatte keinen Zweck, trüben Gedanken nachzuhängen, dafür hatte er seine schlaflosen Nächte.

 

Als sie Feierabend machten, war Chris ein Stück weitergekommen: Wieder ein kleines Teilchen, das er dem großen Puzzle hinzufügen konnte. Nicht viel, aber für den heutigen Tag mehr als erwartet.

Den Abend verbrachte Chris im Kampfsportcenter. Er war überrascht, wie sehr die wenigen Tricks, die Amanda ihm gezeigt hatte, seine Technik verbessert hatten.

Seinem Trainingspartner war er haushoch überlegen.

Er musste so schnell wie möglich wieder nach Paris und weiteren Unterricht nehmen. Die Frage war nur, wie er es bewerkstelligen konnte, ohne dass Engin und Mike ihm den Kopf abreißen würden.

Aber ein anderes Problem beschäftigte ihn auch noch. Er brauchte dringend eine neue Wohnung, denn er war eine Gefahr für Engin, wenn er zu lange bei ihm bleiben würde.

 

 
Kapitel 6: Umziehen ist nicht einfach

 

Am Samstagmorgen ging er los. Durch Engin hatte er vier Besichtigungstermine bekommen und aus der Zeitung hatte er noch fünf weitere Wohnungsangebote gefischt.

Nach der dritten Besichtigung hatte er eigentlich schon die ideale Wohnung gefunden. Weder zu klein, noch zu groß, mit einem kleinen Balkon und einer Einbauküche, die er übernehmen konnte. Sie war sogar bezugsbereit. Aber Chris war unschlüssig.

Deswegen schaute er sich auch die restlichen Angebote an.

Den letzten Besichtigungstermin hatte Chris am späten Nachmittag. Lust hatte er gar keine und ein Schauer überlief ihn, als er die Außenfassade betrachtete. Es war ein sehr heruntergekommener Altbau in Eschborn. Da der Vermieter Verspätung hatte, überlegte Chris, ob er nicht einfach abhauen und bei der anderen Wohnung zusagen sollte. Bis sein Blick auf eine kleine Gedenktafel an der Wand fiel.

Als er sie gelesen hatte, wusste er, dass dies, egal, wie die Wohnung auch aussehen würde, die ideale Bleibe für ihn war. Denn das Gebäude stand auf den Überresten eines mittelalterlichen Friedhofs.

Heiliger Boden.

Doch als er bei der Besichtigung sah, in welch abgewrackten Zustand die Wohnung war, überkam ihn ein Ekelgefühl. Dreck und Schimmel überall. In der Küche und im Bad hatte sich ein lebendiger Überzug auf die Fliesen gesetzt, so dass die ursprüngliche Farbe nicht mehr zu erkennen war. Chris musste an sich halten, um nicht zu würgen. Dafür hatten die Wände keine Tapeten und Farbe hatten sie auch noch nie gesehen. Die Wohnung war etwas größer, als er gedacht hatte, aber ohne Balkon. Dafür waren die dreckigen Fenster, die wenig Licht durchließen, sehr groß. Aber die Aussicht auf ein Industriegelände war nicht besonders schön.

Aber hier war er vor Unsterblichen sicher. Das war einiges wert. Selbst der Zustand dieser Wohnung. Dafür handelte er die Miete runter. Billiger hatte er noch nie gewohnt. Der Vertrag war schnell geschlossen und die Schlüssel bekam er auch direkt. Jetzt musste er nur noch schauen, dass er sein neues Heim gründlich putzte, bevor ihm jemand half.

Chris rief bei Engin an und informierte ihn, dass er ab sofort eine Wohnung hatte. Da Engin nichts anderes vorhatte, bot er sich an zu helfen, aber Chris schaffte es, ihm die Idee auszureden.

Sein nächster Weg führte in den Supermarkt, wo er einen Großeinkauf an Reinigungs- und Desinfektionsmitteln tätigte.

Während der Putzorgie fragte er sich, warum eigentlich alle glaubten, dass ihm das Spaß machen würde. Es machte absolut keinen Spaß, aber er hasste nichts mehr als eine dreckige und ungepflegte Umgebung, also musste er sauber machen.

 

Am Sonntagabend war er dann endlich fertig. Die Wohnung war sauber. Er hatte sogar alle Wände und Decken abgeschrubbt und dementsprechend schmerzten seine Arme, aber das würde schnell vergehen. Die Unsterblichkeit sorgte dafür, dass er noch nicht mal einen Muskelkater bekommen würde. Die Fliesen waren jetzt dunkelblau und erstaunlicherweise war keine einzige kaputt. Jetzt machte die Wohnung einen wesentlich besseren Eindruck und Chris war mit seiner neuen Bleibe zufrieden.

Am Zustand des Hausflurs konnte Chris dagegen nichts ändern und seine Nachbarn waren einfach nur schrecklich. Aber wenn sie meinten, ihn terrorisieren zu können, dann würden sie bald einen hübschen kleinen Krieg im Haus haben. Chris war sicher, dass er ihn nicht verlieren würde. Wozu war er Polizist und der Rest scheinbar arbeitslos?

Jetzt musste er nur noch tapezieren, Teppiche verlegen, Türen und Rahmen streichen, neue Fußleisten anbringen und Möbel organisieren. Denn bei Eddie standen nur einige wenige Stücke, den Rest hatte er damals Engin überlassen.

Wieso mach' ich mir die Arbeit? Ohne Eddie ist es doch eh egal.

Doch Chris hatte für seine gehässige kleine Stimme im Hinterkopf eine Antwort: Weil es auffallen würde, wenn er es lassen würde. Und sobald irgendjemand auf die Idee kommen könnte, dass etwas nicht stimmt.... Nein, an die Konsequenzen wollte er lieber nicht denken.

Ob er es überhaupt mit seinen zwei linken Händen schaffen würde, die Wohnung in einen akzeptablen Zustand zu versetzen?

Aber erst einmal musste er ein Telefongespräch führen, eins, das nicht über sein Handy laufen durfte.

Da er noch bei Engin übernachtete und dort auch nicht telefonieren wollte, musste er es auf dem Heimweg erledigen.

Nach einigem Suchen fand er eine funktionierende Telefonzelle, die auch Münzen annahm.

Die Nummer war schnell gewählt. Aber dafür klingelte es ewig. Chris wollte schon aufgeben, als doch noch jemand abhob.

"Myers! Hallo!"

Verdammt, sie hat ja noch einen Partner!

"Hallo, hier spricht Chris Schwenk. Kann ich bitte Amanda sprechen?"

"Einen Moment bitte."

Der Moment schien sich zur Ewigkeit auszudehnen und Chris befürchtete, dass sein Münzvorrat nicht ausreichte, bis er mit Amanda gesprochen hatte.

"Amanda Monrose! Guten Tag!"

"Hallo Amanda! Chris hier, ich muss mich kurz fassen, sonst ist mein ganzes Geld durchgerasselt, ich stehe in einer Telefonzelle. Kannst du für mich etwas machen?"

"Kommt darauf an, was du von mir willst. Wie geht es dir denn?"

"Ich lebe und organisiere gerade meinen Umzug. Aber da ich eh schon genug Stress habe, wollte ich dich bitten, noch einmal bei den Franzosen anzurufen und denen zu sagen, dass du noch weitere Informationen hast, die du aber nur mir persönlich geben willst. Würdest du das bitte machen?"

Amandas amüsiertes Lachen verriet, dass sie ganz genau wusste, warum er den Gefallen bei ihr einforderte.

"Tanzen sie dir auf der Nase rum?", kam auch direkt ihre Frage.

"Die tanzen nicht nur, die steppen da rum wie die Verrückten. Bitte Amanda, bevor Mike mich verprügelt, wenn er rausbekommt, dass ich deinetwegen nach Paris fahre, sollen die lieber denken, dass ich mich opfere."

"Ah, ja. Bin ich denn das Opfer wert?"

Ich hasse Frauen! Warum müssen die immer so zickig sein?

Und nun piepte auch noch das Telefon und er hatte kein Kleingeld mehr.

"Amanda bitte, gleich habe ich kein Geld mehr. Machst du es?"

"Du verlangst, dass ich mich freiwillig noch einmal bei der Polizei melde? Weißt du, was das für mich bedeutet? Ich werde..."

Klack.

Scheißtelefon! Mistding!

Chris war versucht, den Apparat mit seinen Fäusten zu bearbeiten, ließ es aber, da sich so etwas nicht gut in seinen Akten machen würde.

So schluckte er seine schlechte Laune runter und machte sich auf den Weg zu Engin.

Unterwegs bekam er einen Anruf von seinem Partner, der ihn fragte, wann er denn wieder zurückkommen würde. Als er erfuhr, dass Chris schon unterwegs war, legte er schnell auf.

Im Hausflur angekommen wusste Chris, warum Engin angerufen hatte. Alles stank nach Knoblauch. Engin kochte nicht oft und schon gar nicht gerne. Aber wenn er es denn tat, war der Hauptbestandteil Knoblauch. Das Wasser lief Chris im Mund zusammen. Bei der Putzaktion hatte er mal wieder vergessen, sich etwas zu essen zu besorgen.

Engin stand wirklich in der Küche und rührte in einem Topf. Chris begrüßte ihn, ging kurz duschen und deckte dann den Tisch.

Als das Essen vor ihm stand, konnte selbst Engin das Knurren von Chris' Magen hören.

Dementsprechend groß war auch die Portion, die Chris von Engin verpasst bekam.

Und Chris aß alles auf. Er nahm sich noch einen Nachschlag und verschlang auch diesen.

Er sah das amüsierte Grinsen auf Engins Gesicht, aber es interessierte ihn nicht weiter.

Dann war der Teller leer und Chris lehnte sich satt zurück.

Engin räumte den Tisch ab und verschwand für einige Minuten in der Küche. Als er zurück kam, brachte er zwei Tassen Mokka mit.

Er setzte sich wieder zu Chris und wartete, bis er etwas getrunken hatte.

"Und wie weit bist du gekommen?"

Da Chris den wahren Zustand der Wohnung verschwiegen hatte, flunkerte er jetzt bei der geleisteten Arbeit. Engin brauchte wirklich nicht zu wissen, wie er die Wohnung geschrubbt hatte.

"Die Tapeten und alten Teppiche sind raus. Jetzt muss ich morgen nur noch Farbe für die Decken, Tapeten und Teppiche holen und dann geht's weiter."

Chris fühlte sich dabei nicht wohl. Er erinnerte sich noch zu gut daran, wie er damals bei Uschi ein Zimmer tapezieren wollte. Nach der dritten Bahn hatte er aufgegeben und einen Fachmann gerufen. Aber wenn er jetzt die Arbeit an Fachleute übergeben würde, dann wäre kein Geld mehr für neue Möbel übrig.

"Du siehst aber nicht besonders glücklich aus. Was ist los?"

Chris fuhr mit seinen Händen durch seine Haare.

"Ich bin nicht besonders talentiert dabei. Genau genommen habe ich für Renovierungsarbeiten zwei linke Hände. Aber ich kann es mir nicht leisten, Handwerker zu bezahlen, denn ich muss mir auch noch eine neue Küche und ein Schlafzimmer zulegen. Seit ich mir letzten Herbst den neuen Audi geleistet habe, sieht es in meiner Kasse nicht wirklich rosig aus."

"Ich dachte, du hättest damals renoviert, als Helen hier eingezogen ist."

Kopfschüttelnd antwortete Chris.

"Nein, das war Eddie. Gott, das waren noch Zeiten..."

Doch bevor er in Erinnerungen versinken konnte, unterbreitete ihm Engin einen Vorschlag.

"Du kennst die Jungs aus meiner Verwandtschaft, denen du in der letzten Zeit regelmäßig bei den diversen Umzügen geholfen hast."

"Jaaaa", kam es sehr gedehnt von Chris zurück. Er erinnerte sich nicht nur an die Umzüge.

"Jeder Umzug endete mit einer Einstandsfeier. Das Schädeldröhnen am nächsten Morgen war immer schlimmer als die Möbelschlepperei. Nach der ersten Feier wusste ich, dass ihr das mit eurem Glauben nicht so ernst nehmt. So von wegen kein Alkohol. Und ich hätte nie gedacht, dass jemand eine so große Verwandtschaft haben kann."

"O ihr, die ihr glaubt! Berauschendes, Glücksspiel, Opfersteine und Lospfeile sind ein Greuel, das Werk Satans... Koran, Sure 5:90... Eigentlich dürften wir wirklich nichts trinken, aber in Deutschland leben nur noch radikale Islamisten nach diesen Grundsätzen. Ich halte mich ja noch nicht mal an den Ramadan."

Engin trank noch etwas Mokka.

"Naja, wie Mutter mir erzählt hat, waren es damals vier Familien gewesen, aber da sie aus demselben Dorf stammen und gemeinsam nach Deutschland gegangen sind, sind wir zu einer Familie verschmolzen. Es gab ja sonst niemanden, auf den wir uns verlassen konnten. Kurden, die sich ein neues Leben aufbauen wollten, hatten es damals nicht einfach. Unser Glaube ist dabei nicht über Bord gegangen, aber sehr viele Rituale, die in Deutschland das Leben erschweren. Ich bin Deutscher, die Türkei und meine Ursprünge kenne ich nur von den Erzählungen meiner Eltern und von Fotos. Ich habe noch nicht einmal dort Urlaub gemacht."

Jetzt schien Engin in Gedanken zu versinken. Erst ein Räuspern von Chris brachte ihn zurück.

"Ich habe mit den Jungs gestern telefoniert und ich soll dir 'nen Deal anbieten."

"Oh, oh, das hört sich gar nicht gut an. Was habt ihr vor?"

"Du zeigst irgendwann die Woche meinem Bruder die Wohnung und gehst dann mit ihm einkaufen. Er rechnet dir aus, welche Mengen benötigt werden, du zahlst. Freitagnachmittag und Samstag wird dann renoviert und Sonntag holen wir deine Sachen bei Eddie ab und dann bist du Sonntagabend in deinem neuen Heim. Dafür brauchst du noch nicht einmal einen Tag Urlaub zu nehmen. Was hältst du davon?"

"Das hört sich soweit ganz gut an. Aber ein Deal bedeutet auch, dass ihr eine Gegenleistung haben wollt, und da habe ich so ein komisches Gefühl. Also was wollt ihr von mir?"

"Och, da waren wir uns einig. Du lässt dich weder Freitag noch Samstag in deiner Wohnung blicken, sondern bekochst uns. Freitagabend drei Gänge, Samstag fünf, zwischendurch zauberst du noch die diversen Häppchen. Natürlich immer mit dem dazu passenden Wein."

"Ich kenne euch. Wie wollt ihr dann noch am Sonntag meine Sachen rüberschaffen?"

"Indem wir nicht vor zwölf anfangen. Das sind doch nur drei oder vier Möbelstücke und dann noch deine restlichen Klamotten. Das machen wir notfalls zu dritt. Komm, sag schon ja."

"Das kostet mich doch ein Vermögen. Alleine am Wein sauft ihr mich arm!"

"Handwerker sind teurer und wir sind ein eingespieltes Team, da sitzt jeder Handgriff!"

Engin hielt Chris seine Hand hin.

Was hatte er da für Alternativen? Die Jungs waren wirklich gut, er hatte im letzten Jahr einige Wohnungen gesehen, die sie renoviert hatten. Die kannten nur seine noch nicht...Da wurde aus seiner Absteige vielleicht doch noch eine schmucke Wohnung, besonders wenn er seine Finger davon ließ. Und wenn die dann auch noch die Nachbarn aufmischen würden....

Ein breites Grinsen zeichnete sich auf Chris' Gesicht ab und er schlug ein, erntete dafür aber einen misstrauischen Blick von Engin.

"Warum habe ich jetzt so ein komisches Gefühl im Magen, Chris? Wenn du so grinst, dann hat es nichts Gutes zu bedeuten. Was verheimlichst du mir?"

"Gar nichts, nur kenne ich die Wohnung und weiß, wer den besseren Handel gemacht hat."

"Dann werden wir uns rächen und abends mehr trinken. Außerdem ist es für uns ein guter Grund, nicht bei den Karnevalsveranstaltungen mitzumachen, zu denen uns die Mädels schleppen wollen."

"Oh Gott, ist nächste Woche schon wieder Karneval?"

"Ja, aber Kallenbach und Deichsel haben Wochenenddienst und seitdem die den Dienstplan gesehen haben, ist denen die Karnevalsstimmung vergangen. Und uns können die nicht nerven."

"Die armen Jungs, manchmal tun die mir schon leid."

Engin warf Chris einen skeptischen Blick zu.

"Wirklich, die werden doch bei uns total untergebuttert. Die trauen sich doch noch nicht mal, Carola Widerworte zu geben."

"Ich dachte, die wären so. Und deswegen wolltest du sie im Team haben."

Während des Geplänkels räumte Chris die leeren Tassen ab und holte zwei Bier aus dem Kühlschrank. Damit lümmelte er sich auf die Couch im Wohnzimmer. Engin kam mit.

"Naja, ich hab halt über Jahre nicht mit denen gearbeitet und Kallenbach will in zwei bis drei Jahren in Frührente gehen, aber wir sind früher doch immer wieder aneinander geraten."

"Dafür bist du jetzt ihr Chef. Das ist für die beiden bestimmt eine Umstellung. Und seit wir im Herbst das Aktenzeichen von der Staatsanwaltschaft in Sachen Bechthold bekommen haben, hat Mike ja bewiesen, dass er den besseren Riecher hatte."

"Aber darüber will ich mir jetzt keine Gedanken machen. Ich bin vom Renovieren ziemlich fertig. Noch etwas abhängen und dann geht's in die Heia."

"Vielleicht schaffst du es dann mal durchzuschlafen."

"Bitte?"

Der Impuls sich kerzengerade hinzusetzen war groß, aber Chris unterdrückte ihn. Aber den alarmierten Ton in seiner Stimme konnte er nicht verhindern.

Doch Engin winkte nur ab.

"Du bist eigentlich sehr leise. Aber ich hab's trotzdem mitbekommen. Ich glaube nicht, dass du, in einer Nacht mehr als vier Stunden geschlafen hast, seitdem du bei mir bist. Kein Wunder, dass du soviel Kaffee trinkst."

Chris überlegte, was er darauf entgegnen sollte, aber er entschied sich, es bleiben zu lassen. Das ging Engin nichts an. Und dieser schien auch keine Antwort zu erwarten. Er nippte nur an seinem Bier und schien mit seinen Gedanken ganz weit weg.

Irgendwann stand er auf und schaltete den Fernseher an. Doch Chris bekam vom Programm nichts mit.

So saßen sie gemeinsam vor der Flimmerkiste und tranken ihr Bier. Chris fielen aber bald die Augen zu und bevor er auf der Couch einschlief, stand er auf, wünschte Engin eine gute Nacht und ging in sein Zimmer. Er schlief fast sofort ein.

Aber die Putzorgie hatte nicht geholfen. Chris wachte wieder mitten in der Nacht auf. Wieder tastete er nach Eddie und wieder war dieser nicht da.

Der Rest der Nacht war schon fast Routine. Schwerttraining bis der Wecker klingelte.

 

Als Mustafa, Engins Bruder, am Mittwoch Chris' neue Wohnung besichtigte, war er nicht begeistert. Er schaute sehr sparsam, als Chris ihn in den zweiten Stock führte. Weder die Deckenhöhe von drei Metern noch die Tatsache, dass keine Wand wirklich gerade war, war nach seinem Geschmack. Aber er sagte nichts.

Er half Chris beim Einkauf und verabschiedete sich dann.

Am Freitagnachmittag rückten sie an. Chris ließ sie in die Wohnung und fuhr dann zu Engin, um das Essen vorzubereiten. Irgendwie freute er sich schon auf seine fertige Wohnung. Er hoffte nur, dass er niemanden verarzten musste. Denn seine Nachbarn hatten schon sehr sparsam geblickt, als er mit Mustafa aufgetaucht war.

Wenn jetzt aber sieben Türken meine Wohnung renovieren und der Säufer von nebenan...

Allein der Gedanke brachte Chris zum Grinsen.

 

Die Renovierungsarbeiten liefen reibungslos, Verletzte waren nicht zu beklagen und Chris hatte auch keine Probleme, die Jungs satt zu bekommen. Genügend Wein hatte er auch. Und Sonntagmorgen überhaupt keinen dicken Kopf. Es gab Momente, da war die Unsterblichkeit praktisch.

Bis zu dem Moment, wo sie vor Eddies Tür standen und seine Sachen abholen wollten. So sehr sich Chris auch wünschte, Eddie noch einmal zu sehen, genau soviel Angst hatte er davor.

Chris hatte vor einigen Tagen eine Mail geschickt und bescheid gesagt, dass er am Sonntag kommen würde. Von Eddie war nur ein 'OK' als Antwort gekommen.

Eddie hatte jetzt den sicheren Weg gewählt, denn Iris öffnete die Tür, als sie zu viert auftauchten. Engin wurde von ihr freundlich begrüßt, aber Chris ignorierte sie vollkommen.

Wer auch immer all seine Sachen zusammengepackt hatte, war sehr ordentlich und sehr gründlich gewesen. Chris vermisste nichts und so konnte der Umzug starten.

Der Spuk war nach noch nicht einmal einer Stunde vorbei und sie hatten alles in den Transporter geräumt. Als Chris in den Wagen stieg, warf er einen letzten wehmütigen Blick auf das Haus.

Das war's. Jetzt hatte er die allerletzte Brücke abgerissen und es gab kein Zurück. Und es tat so weh. Wenn es ihm schon so weh tat, wie sehr musste es Eddie schmerzen?

Besser nicht daran denken.

Und doch kam er davon nicht los. Glücklicher Weise wollte auf dem Weg in seine Wohnung niemand mit ihm sprechen, so konnte Chris seinen trüben Gedanken nachhängen.

 

Sie waren gerade dabei, einen Schrank ins Schlafzimmer zu bringen, als Engins Handy klingelte.

Bis der Schrank abgesetzt war und Engin das Teil am Ohr hatte, war keiner mehr dran. Fluchend wollte er es zurückstecken, als es wieder klingelte.

Jetzt war er schnell genug.

"Korpak!"

Den Rest verstand Chris nicht. Es war entweder türkisch oder arabisch, aber mehr wusste er nicht.

Es nervte nur, dass er zwischendurch von Engin einige viel sagende Blicke zugeworfen bekam und auch die anderen beiden, die wohl jedes Wort verstanden, schienen sich vor Lachen auszuschütten.

Als Engin dann endlich fertig war, war Chris' Laune so ziemlich auf dem Nullpunkt.

"Kenn' ich den Anrufer?"

Engin half seinem Bruder, den Schrank an die richtige Stelle zu bringen und schien ein Kichern zu unterdrücken.

"Ja, du kennst ihn."

"Was war denn so lustig, dass ihr mich ausgelacht habt?"

Als die Jungs wieder anfingen zu lachen, wurde Chris sauer. Nicht nur, dass er heute endgültig zum letzten Mal 'zu Hause' gewesen war, nein, jetzt mussten sie ihn auch noch auslachen.

"Verdammt noch mal! Ich spreche euer Kauderwelsch nicht. Wenn ihr schon über mich lacht, dann will ich wissen, was los ist."

Engin drehte sich zu ihm um.

"Es war Vincent."

"Ja und? Hat er dir einen Antrag gemacht?"

Warum kicherten die schon wieder?

"Nein, das hatten wir in den letzten Tagen geklärt; er hat heute Morgen einen Anruf vom Ms. Monrose bekommen, dass sie einige neue Informationen hätte, aber sie ganz exklusiv nur an dich weitergeben würde. Vincent hat mich gefragt, was bei dem Treffen gelaufen sei und ich habe ihm die Wahrheit erzählt."

Chris war erleichtert, dass Amanda auf seine Bitte eingegangen war, durfte es aber nicht zeigen und blaffte Engin weiter an.

"Welche Wahrheit?"

"Dass bei dem Treffen nichts gelaufen ist, sie aber am nächsten Morgen ins Hotel gekommen war, um sich von dir zu verabschieden. Er hat in dem Moment wohl zwei und zwei zusammengezählt und lässt ausrichten, dass er es bewundert, wenn Polizisten mit hartem körperlichen Einsatz Informationen beschaffen. Sorry, er scheint dich nicht besonders zu mögen."

Und wieder amüsierten sich alle wunderbar auf seine Kosten.

Klasse Tag.

"Das beruht auf Gegenseitigkeit. Was für 'ne Schwuchtel."

"Du bist selber eine Schwuchtel."

"Nee, vergiss es. Eine Schwuchtel ist ein Typ, der sich so heiteitei bewegt."

Dabei versuchte Chris, Vincent geziertes Gehabe zu imitieren.

Dieses Mal hatte er die Lacher auf seiner Seite.

Als sich alle beruhigt hatten, hakte Chris nach.

"Wann will sie mich denn treffen?"

"Laut Vincent sollst du Mittwochmittag beim 'Sanctuary' sein. Mehr wusste er auch nicht."

"Toll. Ich freue mich unheimlich darauf. Hoffentlich bekomme ich dann noch ein Hotelzimmer. Die soll sich nichts einbilden."

Dass er damit weiteres Gelächter erntete, war klar.

Aber wenigstens fingen sie wieder an, den Schrank an die richtige Stelle zu rücken.

 

Eine Stunde später war Chris allein. Seine wenigen Habseligkeiten waren an Ort und Stelle und es gab nichts mehr zu tun. Ein Bett hatte er noch nicht, nur eine Matratze, die er am Samstag gekauft hatte. Das Wohnzimmer stand bis auf seinen Computer leer. Chris überlegte, ob er es nicht zum Trainingsraum umfunktionieren sollte. Groß genug war es.

Aber immer wieder wurde er in seinen Gedanken abgelenkt. Immer wieder schaute er auf den Schrank, der im Schafzimmer neben dem Fenster stand.

Irgendwann hielt er es nicht mehr aus. Er öffnete die Tür und kramte aus der hintersten Ecke ein Fotoalbum heraus. Es war das Fotoalbum. Sie hatten es gemeinsam angelegt. Es fing mit einigen wenigen Fotos aus der Zeit ihrer Wohngemeinschaft an - damals vor ewigen Zeiten, noch bevor Chris mit Helen zusammen gekommen war -, dann waren da die Fotos von ihrem ersten gemeinsamen Weihnachten, Sylvester, Geburtstagsfeiern, der Urlaub und dann die Bilder vom letzten Weihnachten. Es war gerade mal zwei Monate her und doch war jetzt alles vorbei.

Chris war unsterblich und musste Eddie schützen. Schluß. Ende. Aus. Nie wieder.

Irgendwann räumte er das Album wieder weg. Er hatte beim Betrachten der Bilder jegliches Zeitgefühl verloren und stellte beim Blick auf seine Uhr fest, dass er sich für fast drei Stunden in der Vergangenheit verloren hatte. Er wusste, dass er das Album eigentlich vernichten musste, brachte es aber nicht fertig.

Als er sich ins Bett legte, da leistete ihm der Teddy wieder Gesellschaft.

Das Kissen unter dem Teddy wurde immer nasser. Doch irgendwann hörte das Zucken von Chris' Schultern auf.

Der Teddy hielt Wache, bis Chris nach sehr langer Zeit endlich eingeschlafen war.

 

 
Kapitel 7: Amandas Unterricht

 

Als Chris sich am nächsten Morgen nach dem Duschen im Spiegel betrachtete, da konnte er keine Veränderung gegenüber dem Mann auf den Fotos erkennen. Nichts, das ihn als Unsterblichen kennzeichnete.

Beim Rasieren schnitt er sich. Gerade genug, um einen Blutstropfen zu verursachen. Gespannt sah Chris zu, wie kleine Lichtzungen über diese Verletzung hinwegzuckten und diese dann verheilte.

Aber noch immer wies nichts auf seine Unsterblichkeit hin. Gar nichts.

Nach kurzem Überlegen ging er ins Schlafzimmer und suchte etwas. Es dauerte länger als er gedacht hatte. Doch dann hatte er es gefunden.

Energisch zog er die Kette über den Kopf.

Dann trat er wieder vor den Spiegel.

Der Kristall war nicht nur Glücksbringer, sondern für Chris war es auch ein Zeichen, das ihn jeden Tag daran erinnern sollte, dass er unsterblich war. Und somit für jeden eine Gefahr.

 

Wie er die nächsten Arbeitstage überlebte, wusste Chris nicht. Engin schien nicht zu merken, dass Chris keine wirklich persönlichen Gespräche mit ihm führte. Irgendwie schaffte Chris es jedes Mal, davon abzulenken. Dafür wurde er von den anderen Kollegen gehänselt, weil er von Amanda angefordert worden war.

Es war Mittwochmorgen fünf Uhr in der Früh und Chris war klar, dass er eigentlich erst um sieben Uhr los zu fahren brauchte. Aber er hatte bereits zwei Stunden trainiert und wusste nicht, wie er die restliche Zeit verbringen sollte. Er bezweifelte, dass Amanda sauer sein würde, wenn er zu früh da wäre, deswegen packte er seine Sachen und machte sich auf den Weg.

Um die Uhrzeit waren Frankfurts Strassen fast ausgestorben. Die ersten Berufstätigen würden sich wohl gegen halb sechs auf den Weg machen, aber da war Chris schon auf der Autobahn.

Kurz nach zehn stand er dann vor dem Hintereingang des Sanctuary. Im Gegensatz zu seinen letzten Besuchen fühlte er keinen Buzz. Aber er versuchte es trotzdem und klopfte. Vielleicht war Amanda am anderen Ende des Gebäudes. Chris hatte nämlich überhaupt keine Ahnung, bei welcher Entfernung die Alarmsirene in seinem Kopf ansprang.

Als der Hintereingang geöffnet wurde, hatte sich der Buzz immer noch nicht gemeldet und Chris blickte in das Gesicht eines Mannes.

Das ist ein Bulle oder Schlimmeres.

Nach einer kurzen Musterung gab Chris seiner kleinen Stimme recht. Sein Gegenüber war etwas größer, jünger und durchtrainiert. Und in seinen Augen hatte er den gewissen Ausdruck, der so typisch für einen Polizisten war.

Ein Räuspern brachte Chris wieder in die Gegenwart und erinnerte ihn daran, dass er ihn schon viel zu lang anstarrte.

"Guten Tag, ich bin Chris Schwenk und Amanda erwartet mich. Eigentlich jetzt noch nicht. Ich sollte erst um zwölf da sein, aber ich bin wesentlich besser durchgekommen, als ich erwartet hatte."

"Bert Myers, Amandas Partner. Kommen Sie rein. Amanda ist shoppen und ich weiß nicht genau, wann sie zurück kommt."

Myers ließ ihn rein und brachte ihn nach oben, in Amandas Zimmer.

"Ich muss noch einiges erledigen, deswegen müssen Sie alleine auf sie warten. Möchten Sie einen Kaffee?"

"Gerne. Wenn es geht schwarz und stark."

"Ich komm gleich noch mal vorbei. Machen Sie es sich solange bequem."

Damit verschwand er und Chris war alleine. Er hatte jetzt zum ersten Mal die Ruhe, sich in diesem Raum umzuschauen.

Besonders faszinierte ihn das Bücherregal, das eine komplette Wandseite einnahm. Er ging näher und versuchte, die Titel zu identifizieren. Aber es handelte sich hauptsächlich um französischsprachige Publikationen. Bis auf ein Regal. Dort standen sowohl diverse Computerliteratur als auch Bücher über Waffen. Englisch dominierte, aber es gab auch einige italienische, dänische und deutsche Bücher.

 

Chris blätterte gerade durch Wendelin Boeheims Handbuch der Waffenkunde, als Myers mit einer Thermoskanne zurück kam.

Dieser sah nur, dass Chris in den Büchern blätterte, und zog eine Augenbraue hoch.

"Wie ich sehe, haben Sie meinen Rat befolgt."

"Ja, habe ich, stört es Sie jetzt doch?"

Chris hütete sich, Myers zu zeigen, was er wirklich über ihn dachte. Schließlich würde er demnächst öfters hier sein und musste mit Amandas Partner klar kommen. Er schaffte es auch, seinen Gesichtsausdruck neutral zu halten.

"Solange Sie darauf verzichten, hier alles zu durchwühlen, werde ich der Letzte sein, der etwas sagt. Aber sollte ich Sie beim Schnüffeln erwischen, wird Sie auch Ihr Chef nicht rausholen können. Ich erkenne Bullen. Ich warne nicht zweimal."

"Ich bin nicht dienstlich hier. Also können Sie ganz beruhigt sein. Amanda kann von mir aus machen, was sie will, solange sie es nicht in meinem Revier macht. Für Sie gilt das gleiche."

"Dann sind wir uns einig."

Der Buzz ließ Chris leicht zusammenzucken, Amanda war also im Anmarsch. Myers hatte seine Reaktion mitbekommen, kommentierte diese aber nicht.

Als Amanda jedoch kurz darauf vorsichtig die Türe öffnete und ihre Hand griffbereit an ihrem Schwert im Mantel lag, da runzelte sich Myers Stirn. Er sagte aber nichts. Erst als Amanda ihre sprungbereite Haltung aufgab und Chris mit einer Umarmung begrüßte, da ging er.

Chris war dieses Verhalten nicht entgangen und warf Myers einen nachdenklichen Blick hinterher, begrüßte aber erst Amanda.

Diese schob ihn nach einer kurzen Umarmung wieder von sich und musterte ihn.

"Für einen Unsterblichen siehst du beschissen aus. Du hast mindestens fünf Kilogramm abgenommen. Komm, setz dich hin und erzähl mir alles."

Sie dirigierte ihn zum Sofa und nötigte Chris, sich hinzusetzen. Dann setzte sie sich zu ihm und nahm ihn in den Arm.

Eigentlich wollte Chris keinem erzählen, was wirklich in ihm vorging. Das ging schließlich niemanden etwas an. Und wer würde es schon verstehen?

Als er aber so da saß und von Amanda umarmt wurde, da wurde ihm klar, dass sie die einzige Person war, die ihn vielleicht verstehen könnte.

Amanda merkte wohl, dass er mit sich rang, und wartete einfach ab. Dann sprudelten die Worte aus Chris heraus. Er erzählte ihr alles. Besonders von Eddie. Sie hörte einfach nur zu, stellte ab und zu eine Frage oder gab einen passenden Kommentar ab. Dabei hielt sie ihn immer noch in der tröstenden Umarmung.

Nachdem Chris fertig war, merkte er, wie sehr es ihm geholfen hatte, einfach dadurch, dass sie seine Probleme verstand. Sie saßen noch einige Minuten schweigend zusammen.

Chris war der erste, der sich wieder rührte. Er stand auf und ging zum Tisch, wo die Thermoskanne und eine Tasse standen.

Er schüttete sich die Tasse voll, ging wieder zur Couch.

"Wann fangen wir mit dem Training an?"

Amanda schaute ihn von unten an.

"Du bist nicht leicht klein zu kriegen."

"Tja, wenn ich die nächsten Jahre überleben will, dann darf ich nicht allzu empfindlich sein."

"Willst du?"

"Ja, ich will, aber ob ich das mit dem Kopf abschlagen so hinbekomme..."

Ein Lächeln erschien auf Amandas Gesicht.

"Dafür bist du wirklich in der falschen Zeit geboren. Im Fernsehen ist es euch egal, wie viele getötet werden, aber wenn ihr selbst töten sollt... Bist du als Polizist noch nie in einer Situation gewesen, wo es 'Er oder ich' gelautet hat?"

Chris setzte sich wieder neben Amanda und schlürfte den Kaffee.

"Doch, ein Mal. Es war eine absolut beschissene Situation. Er war mein Partner, stinkbesoffen und hatte einen Kollegen mit seiner Dienstwaffe bedroht. Als ich ihn mit der Waffe im Anschlag aufgefordert hatte, seine fallen zu lassen, da hat er sich umgedreht..."

Seine Nackenhaare richteten sich alleine bei der Erinnerung an diesen Vorfall auf.

"Und was ist passiert?"

"Engin hat die Situation geklärt und ich frage mich heute noch, ob ich es damals getan hätte."

"Engin ist doch dein Partner?"

"Ja, und er ist der beste Partner, den ich mir wünschen kann. Aber ich glaube, ich habe für heute wirklich schon genug erzählt. Können wir nicht endlich trainieren?"

Unruhig stand Chris auf. Seelenstriptease war wirklich nicht sein Ding. Er hielt Amanda seine Hand hin, damit sie auch aufstand.

Mit einem amüsierten Grinsen ließ sie sich hochziehen.

"Was hältst du davon, wenn ich dich nicht nur im Schwertkampf ausbilde, sondern dir auch noch all das beibringe, was ein Unsterblicher können muss?"

Amanda hatte Chris' Hand nicht losgelassen, als sie mit ihm zum Keller ging.

"Das hört sich nach einer 'all inclusive'-Ausbildung an. Ich nehme mit, was immer ich kriegen kann. Dann lass uns anfangen, damit wir heute noch weiterkommen. Ich muss morgen früh um neun wieder los. Mein Chef erwartet um zwei einen Bericht. Apropos, hast du eigentlich neue Informationen?"

Sie waren auf der Treppe angelangt. Amanda blieb stehen und drehte sich zu ihm um.

"Das fällt dir aber früh ein. Es wäre interessant zu erfahren, was dein Chef sagen würde, wenn du ohne neues Material zurückkommen würdest."

"Er würde mir den Kopf abreißen."

"Na, dann habe ich noch etwas, nicht viel, aber interessant genug, um deinen Chef zu befriedigen."

"Dann bin ich ja beruhigt."

Wie Chris auf Amanda hinabschaute, die ihn mit diesem ironischen Lächeln musterte, da merkte er wieder einmal, dass sie alles war, nur nicht hässlich.

Noch sitzt der Schmerz zu tief... aber vielleicht in hundert Jahren. Ich habe ja alle Zeit der Welt.

Schweigend gingen sie in die Katakomben.

Das Training gestaltete sich für Chris erfreulicher, als er gedacht hatte, denn er hielt nicht nur wesentlich länger aus und lernte einige äußerst effektive Stiche, sondern auch Amanda zeigte erste Anzeichen von Erschöpfung, als Chris kapitulierte.

Dies bemerkte auch Amanda.

"Alle Achtung, du hast trainiert. Wie viele Stunden täglich?"

"Frag nicht. Immer wenn ich nachts nicht mehr schlafen konnte, habe ich angefangen; dann bin ich vor der Arbeit noch 'ne Stunde joggen gegangen und nach der Arbeit war ich im Kampfsportcenter und habe waffenlosen Kampf trainiert."

"Das kannst du so beibehalten und du bist in einem Jahr soweit fit, dass du reelle Chancen in einem Kampf hast, jedenfalls solange du keinen durchtrainierten Jäger erwischst."

"Für unsere Maßstäbe ist das ja richtig wenig. Kann es sein, dass du mir gerade ein Kompliment gemacht hast?"

"So etwas mache ich nicht, sonst bildest du dir noch was darauf ein. Aber du solltest zusehen, dass du wieder etwas zunimmst, sonst rächt sich dein Körper."

"Ja, ja, du hast ja Recht."

"Gut, Italienisch oder Chinesisch?"

Inzwischen waren sie wieder oben angekommen und Amanda reichte ihm die entsprechenden Werbezettel.

Chris studierte sie einen Moment.

"Kannst du mir das bitte übersetzten? Ich spreche kein Französisch und lesen kann ich es erst recht nicht."

"Was willst du denn?"

"Irgendetwas Italienisches, aber bitte ohne Ananas und auch kein doppelter Käse, dagegen habe ich eine Allergie."

Amanda warf Chris einen fragenden Blick zu, nahm dann aber das Telefon und bestellte. Chris schüttete sich noch einen Kaffee ein und ging zum Bücherregal. Bevor er aber ein weiteres Buch herausnehmen konnte, bekam er von Amanda einen Umschlag unter die Nase gehalten.

"Schau dir das mal an, ich wette, dass du es brauchen kannst. Die Pizza kommt in einer halben Stunde."

Neugierig machte Chris auf, konnte aber zuerst nicht erkennen, worum es sich handelte. Aber dann machte es klack.

"Ist es das, was ich glaube?"

"Keine Ahnung, was glaubst du denn?"

"Okay! Das hat irgend etwas mit der Lufthansa zu tun."

"Stimmt, es ist eine Miles & More Kundenkarte, mit der du Flüge von Frankfurt nach Charles de Gaulle online buchen kannst. Die Abrechnung läuft über mein Konto. Es wäre nicht sinnvoll, wenn du mich immer nur aus dienstlichen Gründen besuchst. So viele Informationen, wie wir dann bräuchten, habe ich nicht."

"Und mein Chef wäre wirklich nicht glücklich, wenn ich jede Woche fehlen würde, und Engin wäre sauer auf mich. Da hast du schon Recht. Danke, aber wird das nicht sehr teuer?"

"Ich kann es mir leisten. Bahn fahren wäre teurer. Keine Gegenwehr, du nimmst es. Außerdem steht dann noch auf einem Dauerparkplatz ein kleiner Renault, mit dem du hierher fahren kannst. Und hier habe ich noch eine Kleinigkeit für dich."

Misstrauisch beäugte Chris das kleine weiße Etui, das ihm Amanda in die Finger drückte.

"Was ist das denn?"

"Mach es auf, dann siehst du es."

Chris ging zum Tisch, setzte sich und nestelte umständlich am Reißverschluss. Er kannte solche Dinger. Und wünschte, dass ihn wenigstens dieses eine Mal seine Ahnung trog. Aber sie tat es nicht.

Nageletuis für die modische Tunte von heute. Ich hasse so etwas.

"Und was soll ich damit?"

Der Tonfall war ein kleines Bisschen angesäuert. Amanda ignorierte dies aber.

"Schau es dir etwas genauer an. Es würde mich sehr wundern, wenn du so etwas schon mal gesehen hast. Denn es ist eine Spezialanfertigung."

Mit spitzen Fingern nahm Chris die Nagelschere heraus, dann die Nagelfeile. Und er verstand, was Amanda meinte.

"Amanda! Ich bin kein Dieb. Ich brauche kein Einbruchswerkzeug!"

"Stimmt, aber als Unsterblicher kommst du oft genug in Situationen, in denen du ausbrechen musst. Bis das Essen kommt, zeige ich dir, wie du damit umgehen musst. Selbst Duncan hat es inzwischen eingesehen und beherrscht die Grundlagen. Wir fangen mit einfachen Schlössern an. Und ich erwarte von dir, dass du es, genauso wie dein Schwert, immer bei dir hast."

Amandas Tonfall ließ keinen Widerspruch zu und Chris fügte sich.

 

 
Kapitel 8: Vernissage mit Überraschungen

 
3. August 2004, Frankfurt

 

Es war Dienstagabend, kurz vor Fünf. Chris hockte noch über dem Einsatzplan für den nächsten Monat.

Inzwischen war in Sachen Bechthold eine Sonderkommission bestehend aus Mitarbeitern der Kripo und des Zolls gegründet worden. Auch die Observationseinheit V war im Einsatz, um Bechthold und einige besonders verdächtige Objekte zu überprüfen. Zusätzlich kamen noch die Ermittler, die in anderen Städten an diesem Fall arbeiteten.

Und alle Informationen liefen über Chris' und Engins Schreibtische. Chris war in diesem Fall zu Krauses Stellvertreter ernannt worden. Er teilte diese Verantwortung mit Engin. Sie werteten aus und planten die nächsten Schritte. Wenn es neue Informationen gab, dann wurde inzwischen auch Chris beim Staatsanwalt vorgelassen, ohne dass er einen Termin machen musste. Denn Krause hatte sich vor einigen Wochen beim Golfen den Knöchel gebrochen und seitdem lagen diese Aufgaben in Chris' Aufgabengebiet.

Es würde zwar noch einige Monate dauern, bis sie in einer gut geplanten Nacht- und Nebelaktion international zugreifen konnten, aber das Ende war absehbar.

Einige Spuren hatten sich als absolute Flops erwiesen. So hatten die französischen Kollegen herausgefunden, dass von Bechthold über Charles de Gaulle definitiv keine Drogen hereingeschmuggelt wurden. Die Bestechungsgelder hatte Bechthold wohl nur gezahlt, um dafür zu sorgen, dass die Kunstgegenstände bevorzugt abgefertigt wurden.

Inzwischen gab es einige Hinweise, dass ein Großteil der Drogen über den Containerterminal des Hamburger Hafens kam, aber sie hatten noch nichts Konkretes.

Chris hoffte aber, in den nächsten Wochen mehr Beweise zu bekommen. Er plante sogar, den Jungs in Hamburg einen Besuch abzustatten, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

 

Auch in sein Privatleben hatte sich eine gewisse Routine eingeschlichen.

Freitags nahm er immer um zehn Uhr den letzten Flug nach Paris und sonntags flog er meist auch mit der letzten Maschine wieder zurück.

In Notfällen kehrte er auch früher zurück. Aber das war bisher erst einmal passiert und hatte sich als falscher Alarm herausgestellt. Chris hatte danach Kallenbach ganz gewaltig den Kopf gewaschen, was ihr Verhältnis nicht verbessert hatte.

Inzwischen war Chris nicht nur ein akzeptabler Schwertkämpfer geworden, er hatte von Amanda auch noch eine ganze Menge anderer Tricks gelernt, die sein Leben erleichterten.

Dafür war jede Minute seines Lebens verplant. Morgens joggte er, um acht Uhr war er im Büro, das er selten vor acht Uhr abends verließ, dann ging es noch bis zehn zum Kampfsport und anschließend ging er bis ein Uhr nachts noch einmal die Übungen durch, die Amanda ihm am vorangegangenen Wochenende gezeigt hatte. Dann fiel er todmüde ins Bett und schlief traumlos, bis ihn um sechs der Wecker wieder in denselben Trott schickte. Albträume hatte er keine mehr, und sein Verhältnis zu Mike hatte sich auch entspannt.

Wenigstens so weit, dass Chris in unregelmäßigen Abständen erfuhr, was Eddie machte.

Diese Gespräche, die alle paar Wochen so ganz nebenher geführt wurden, waren die wichtigsten Momente in Chris' Leben. Zu wissen, dass es Eddie gut ging. Zu hören, dass er sich nicht mehr in sein Schneckenhaus - sprich seine Werkstatt - zurückzog, sondern anfing, etwas zu unternehmen. Zuerst war Eddie von Mike und Klaus dazu gedrängt worden, doch inzwischen war er wohl auch regelmäßig allein unterwegs.

Chris wusste, dass er irgendwann in der nahen Zukunft erfahren würde, dass Eddie wieder einen Freund hatte. Er hatte Angst vor diesem Moment. Gleichzeitig hoffte er auch darauf, denn er wünschte sich, dass wenigstens Eddie glücklich sein würde.

 

"Woran denkst du?"

Chris schrak hoch und merkte erst dann, dass er immer noch den Dienstplan vor sich auf dem Schreibtisch liegen hatte. Dabei waren seine Gedanken weit weg gewesen.

Engin hatte das seltene Talent, ihn immer in diesen Momenten wieder in die Realität zurückzubringen.

Mit einem leisen Seufzer legte Chris seinen Stift zur Seite und sah seinen Partner an. Inzwischen hatte er wirklich Erfahrung damit, Engin mit lauter Halbwahrheiten abzufertigen.

"Daran, dass wir in den letzten Monaten eine ganze Menge erreicht haben. Gott, wir haben demnächst das geschafft, was wir uns am Anfang vorgenommen hatten."

"Du meinst, dass wir die Besten werden wollten? Allen zeigen, dass der Schwule und der Türke es drauf haben?"

In Engins Stimme war immer noch ein Rest der Begeisterung zu hören, die Chris schon lange verloren hatte. Doch Chris hütete sich, Engin dies zu zeigen, und versuchte, ähnlich enthusiastisch zu klingen.

"Yep! Du sagst es. Überleg mal, was wir im Moment koordinieren. Das ist eigentlich der absolute Wahnsinn."

"Stimmt, aber dafür ist auch viel den Bach runter gegangen. Ich sitze hier jeden Tag, genau wie du, zwischen zehn und zwölf Stunden und privat haben wir schon ewig nichts mehr zusammen unternommen. Dass du am Wochenende ständig bei Amanda bist, kann ich ja verstehen, aber in der Woche sollten wir doch mal unsere Termine unter einen Hut bekommen."

"Kann Claudia so schlecht kochen?"

Claudia war Engins neue Freundin. Seit langem die erste, die ihn länger als einen Monat an sich binden konnte. Doch Engin sprang nicht auf den Themenwechsel an.

"Jetzt versuch nicht, daraus einen Witz zu machen. Es ist mir sehr ernst. Was machst du denn noch, außer arbeiten und Sport treiben? Gut, du kannst am Wochenende deine Finger nicht von Amanda lassen. Aber sonst? Wo ist der Chris geblieben, den ich kennen gelernt habe? Der sich seiner Verantwortung bewusst war, aber trotzdem auch Spaß am Leben hatte. Das vermisse ich. Du bist so ernst geworden, so verbissen. Hast du in der letzten Zeit mal in den Spiegel gesehen? Ich sehe keine Lachfalten mehr, sondern ein ziemlich verkniffenes Gesicht. Mach was dagegen!"

Mit einer Standpauke hatte Chris in diesem Moment nicht gerechnet, aber Engin sprach ja die Wahrheit und was sollte er dagegen sagen. Chris war nur froh, dass Engin Amanda nicht für seine Veränderung verantwortlich machte.

"Und was soll ich dagegen machen? Wenn ich abends hier raus komme, dann habe ich immer so'n Hals. Gott, manchmal nervt mich der Innendienst so was, das glaubst du gar nicht. Dann muss ich mich einfach bewegen."

"Dann komm doch wieder zum Schwertfechten! Das hat dir doch früher so viel Spaß gemacht. Wir haben einen neuen Trainer, der bringt uns wirklich das Kämpfen nach dem Thalhofer bei. Das ist ein ganz anderer Kampfstil, anders als alles, was wir dort bisher gemacht haben"

Amanda hat Hans Thalhofer gekannt. Angeblich konnte er ihr nicht das Wasser reichen und sie hatte ihm einige Tricks beigebracht.

"Es war ganz nett, bis ich festgestellt habe, dass ich meine Aggressionen durch asiatischen Kampfsport viel besser unter Kontrolle halten kann. Vergiss es. Wenn ich wieder mitmachen würde, dann werde ich zum Mörder. Besonders bei den seltsamen Gestalten, die da rumlaufen."

Ein glucksender Ton, der eine starke Ähnlichkeit mit einem Lachen hatte, kam von Engin.

"Das stimmt, bei den Typen bist du früher schneller auf die Palme gehüpft, als ich gucken konnte. Ist glaube ich doch schon besser, dass du nicht mehr mitkommst."

Engin wollte doch etwas.

"Komm sag schon! Du willst doch was von mir!"

"Bin ich so leicht zu durchschauen?"

"Yep!"

"Arschloch!"

"Ich dich auch. Nun rück schon raus."

Den Einsatzplan hatte Chris zur Seite geschoben. Was mussten die Jungs auch so kompliziert Urlaub beantragen? Das musste warten. Engin war wichtiger.

"Claudia will dich kennen lernen. Sie will wissen, mit wem ich so viel Zeit verbringe."

"Und warum sagst du das nicht gleich? Ihr ladet mich nächste Woche zum Abendessen ein und gut ist."

Engin schüttelte den Kopf.

"Nicht bei Claudia. Wie ich dir erzählt habe, arbeitet sie in einer Galerie in der Braubachstrasse und am Freitag haben die mal wieder eine Vernissage. Sie hat mir zwei VIP-Karten in die Hand gedrückt und mir gesagt, dass ich dich mitbringen muss, weil ansonsten der Haussegen für mindestens zwei Wochen schief hängt."

"Die Farbe deines Pantoffels konntest du aber selbst bestimmen?"

Damit hatte Chris Engin vollkommen aus dem Konzept gebracht.

"Bitte? Den Spruch versteh' ich jetzt nicht."

"Da gibt's nicht viel zu verstehen. Seit du mit ihr zusammen bist, stehst du unter'm Pantoffel. Der große Weiberheld ist gezähmt worden."

"Ich war nie der Weiberheld. Schließlich bin ich den Mädels nie hinterher gelaufen..."

Dieser Spruch war schon so alt und Chris beendete ihn für Engin.

"... sondern die waren hinter dir her. Ich weiß, du hast es mir oft genug erzählt. Aber wie stellst du dir das vor? Ich muss um neun Uhr am Flughafen sein. Mein Flug geht um zehn."

Und in der Öffentlichkeit wollte sich Chris eigentlich nicht mit Engin zeigen. Er wollte jedes Risiko vermeiden.

"Das brauchst du mir nicht zu erzählen. Claudia drängt mich, dass wir doch mal um sechs Feierabend machen sollen und du dann von sieben bis halb neun in die Galerie kommst. Es gibt Sekt und Häppchen."

"Klar, wir machen um sechs Feierabend und dann ist spätestens Samstag morgen die Kacke am dampfen. Ich schaff's doch sonst nie, freitags vor halb neun Feierabend zu machen. Das geht nicht."

Engin spielte mit seinem Kugelschreiber.

"Weißt du, Claudia erinnert mich in manchen Momenten an Iris, Eddies Mutter. Und wenn ich ihr sage, dass du nicht mitkommst, dann werde ich genau so einen Moment erleben. Das kannst du mir doch nicht antun. Der Laden muss doch auch mal einige Stunden ohne uns laufen. Die Jungs sind doch erwachsen und wissen, was sie tun. Schließlich sind wir lang genug hinter Bechthold her."

Chris gab sich geschlagen, schließlich hatte Engin - wieder einmal - Recht.

"Gut, ich komme mit. Aber ich stelle die Bedingungen."

"Welche denn?"

"Wir gehen vorher zu McDoof, sonst verhungere ich bei den 'Häppchen', und wir brechen um halb neun auf, dann bringst du mich zum Flughafen."

Ein Strahlen huschte über Engins Gesicht.

"Klasse! Du hast mich gerettet. Dann vergehe ich wenigstens nicht vor Langeweile. So sehr ich Claudia mag, ich hasse es, auf diesen Ausstellungen abzuhängen, bis sie endlich Feierabend hat."

"Ich frage mich nur, wie sie mich bei so einer Veranstaltung kennen lernen will?"

"Sie will's nicht wirklich. Ich hab', glaub' ich, zu viel von dir erzählt. Sie will wohl einen Blick riskieren."

"Klar doch, ich bin ein Monster, und deswegen haben alle Angst vor mir. Was hast du erzählt?"

Engin druckste rum. Chris ahnte Schreckliches und gab auf.

"Okay, ich frag nicht weiter. Dafür hältst du aber die nächste halbe Stunde die Klappe. Ich muss den verdammten Einsatzplan noch fertig machen."

Warum nur regte sich jetzt wieder sein Gewissen? Es waren doch nur zwei Stunden. Das letzte halbe Jahr war Amanda die einzige Unsterbliche, die er getroffen hatte. Warum sollte ausgerechnet auf der Vernissage etwas passieren?

 

Sie schafften es am Freitag tatsächlich, um sechs Uhr Feierabend zu machen. Um Engin zu ärgern, hatte Chris seinen Armani-Anzug mitgebracht und warf sich für die Vernissage in Schale.

Zufrieden betrachtete er sich anschließend auf der Herrentoilette im Spiegel.

Nicht nur Engin laufen die Mädels hinterher. Ich habe auch gute Chancen. Außerdem hab' ich keinen Rettungsring um meine Hüften.

Ziemlich schief vor sich hin summend ging Chris wieder ins Büro, um Engin einzusammeln.

Der hatte auch frische Klamotten mitgebracht, aber gegen Chris' Outfit hatte er keine Chance. Außerdem kämpfte er noch mit der Krawatte. Als er Chris sah, pfiff er anerkennend durch die Zähne.

"Wow, du legst dich ja mächtig ins Zeug! Du bist doch in festen Händen."

"Ich muss doch bei deiner Claudia Eindruck schinden. Ich weiß ja nicht, was du ihr erzählt hast."

"Und wenn du einen maßgeschneiderten Anzug tragen würdest... Sobald du einen deiner Sprüche von dir gibst, erkennt sie dich sofort."

"Was hast du ihr erzählt?"

"Nur die Wahrheit, Chris, nur die Wahrheit."

"Und was ist deine Wahrheit?"

"Wenn du mir bei der Krawatte hilfst, dann sag' ich's dir."

"Das ist Erpressung. Was für einen Knoten willst du denn? Dann kann ich es mir überlegen."

"Das ist mir doch egal. Hauptsache, er sieht ordentlich aus. Aber irgendwie krieg' ich das selbst mit Spiegel nie hin."

"Dann komm her. Ich hab ja etwas Übung, anderen einen Knoten zu binden."

Da war sie wieder, die Erinnerung an Eddie. Doch nicht mehr ganz so schmerzhaft wie noch vor einigen Monaten.

Wie heißt es so schön? Die Zeit heilt alle Wunden. Es scheint zu stimmen.

Mit sicheren Griffen band er Engin den Knoten.

"So, fertig. Damit kannst du dich bei Claudia sehen lassen."

"Dankeschön, dann können wir ja aufbrechen."

Engin drehte sich um und wollte zur Tür raus, aber Chris hielt ihn auf.

"Du schuldest mir noch eine Erklärung. Was hast du Claudia über mich erzählt?"

"Dass du ein Zyniker bist und dein Herz unter einer harten Schale versteckst. Wie schon gesagt, einfach nur die Wahrheit. Und jetzt komm. Wenn wir vorher noch nach McDonalds wollen, müssen wir uns beeilen."

 

Bei McDonalds schafften sie es sogar, ihre Kleidung nicht zu bekleckern und als sie eine halbe Stunde später in der Galerie ankamen, waren sie von der Dekoration überrascht. Die Fenster waren mit dunklen Tüchern abgedunkelt und die Räume unbeleuchtet. Bis auf die Bilder. Diese wurden in einer speziellen Art ausgeleuchtet, so dass sie von innen zu strahlen schienen. Und dadurch wirkten die Farben warm und lebendig.

Chris war von der Vernissage angenehm überrascht. Inzwischen hatte er, mit Amandas Unterstützung, Kunst kennen und schätzen gelernt, aber mit abstrakten Gestaltungen hatte er normaler Weise seine Probleme. Diese Vernissage zeigte zwar moderne Kunst, aber anders als alles, was er bisher gesehen hatte. Schöner, beeindruckender.

Amanda wäre begeistert.

Nur zeigen würde er ihr diese Ausstellung nicht. Denn zwischen ihnen gab es das stillschweigende Abkommen, dass Frankfurt für Amanda tabu war.

Claudia war bei dieser Beleuchtung natürlich nicht zu entdecken.

So gingen sie zuerst durch die Ausstellung und bewunderten die Bilder. Bis Chris von einem anderen Zuschauer abgelenkt wurde. Man konnte durch das herrschende Dämmerlicht die anderen Besucher nicht genau erkennen, aber die Haltung und die Ausstrahlung des Mannes, der nur wenige Schritte entfernt stand, kamen Chris sehr vertraut vor. Dann hörte er ihn lachen und er wusste, wer dort stand: Eddie.

Und er war nicht allein. Er sprach mit seinem Nebenmann, scherzte und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Chris konnte natürlich nicht hören, was es war, aber der Unbekannte lachte auf.

Wieso habe ich gedacht, dass die Zeit alle Wunden heilt? Es tut so weh.

Und doch konnte Chris seinen Blick nicht von Eddie wenden. Er brauchte sich keine Sorgen zu machen, dass Eddie ihn bemerken würde. Das Dämmerlicht und Eddies Begleitung sorgten für genügend Ablenkung

Dann stupste Engin ihn an.

"Wo bist du denn mit deinen Gedanken? Ist die Ausstellung so schlecht?"

"Ich frage mich nur, was Amanda davon halten würde. Ich glaube, es ist genau ihr Geschmack."

"Dann sollte ich den Besitzer der Galerie informieren. Wenn es ihr gefällt, ist es bestimmt nicht vor ihr sicher."

Wieso musste Engin so etwas sagen? Chris konnte zwar den amüsierten Unterton deutlich heraushören, aber seit er Eddie gesehen hatte, war ihm die Lust auf leichte Konversation vergangen. Er wollte sich einfach nur für den Rest des Abends in eine Ecke setzen und Eddie beobachten. Es tat zwar weh, aber er wollte es so sehr.

"Keine Chance. Amanda klaut nicht mehr. Sie hat es mir versprochen."

"Glaubst du es wirklich?"

"Naja, bei Amanda kann man nie sicher sein. Sie wird ja auch noch von Bechthold erpresst. Deswegen wird sie ihr Versprechen wahrscheinlich auch nicht halten können. Aber sie versucht es und es ist schon viel wert."

Normalerweise würde Chris Engin niemals freiwillig soviel über Amanda erzählen, aber er hoffte, dass Engin diese Informationen verarbeiten musste und Ruhe geben würde.

Die Ruhe hatte Chris auch. Und keinen Blick mehr für die Bilder. Seine Augen hafteten an Eddie. Er saugte jedes Wort auf und achtete auf jede Bewegung, die er in diesem Dämmerlicht auch nur erahnen konnte.

Als sie mit der Ausstellung durch waren und in den Empfangsraum kamen, war Chris zuerst vom Licht geblendet. Aber wenige Augenblicke später hatten sich seine Augen daran gewöhnt. Dann musste er sich beherrschen, um nicht mit offenem Mund zu starren. Eddie trug einen Anzug. Dunkelblau und sehr elegant. Und er sah verboten attraktiv aus.

Und dann, dann sah ihn auch Eddie. Chris wusste in diesem Moment nicht, was er machen sollte. Sollte er einfach kurz grüßen oder sollte er vorgeben seinen Exfreund nicht zu kennen. Doch Eddie nahm ihm die Entscheidung ab, indem er sich einfach umdrehte und mit seiner Begleitung sprach.

 

"Chris, darf ich dir Claudia vorstellen? Claudia, das ist mein Partner Chris. Chris, das ist Claudia."

Lass mich in Ruhe! Verdammt noch mal.

Doch er riss sich zusammen und reichte Claudia die Hand. Sie war blond, recht klein und war nach Chris' Geschmack ein wenig zu aufgetakelt. Er versuchte, seine Unkonzentriertheit mit einer flapsigen Bemerkung zu überspielen.

"Hallo! Sie haben es also geschafft, den berüchtigtsten Frauenheld unserer Abteilung einzufangen. Wie haben Sie das angestellt?"

Aus dem Augenwinkel versuchte Chris, noch einen weiteren Blick auf Eddie zu werfen, aber dessen Begleiter stand im Weg. Er war etwa in Eddies Alter, groß, blonde Haare und fast genau so gut aussehend wie Eddie. Eigentlich sollte Chris Eddie sein Glück gönnen.

Das Leben war nicht fair! Es war nie fair!

Jetzt musste er sich mit dieser blonden Schickse beschäftigen, die sich so demonstrativ bei Engin eingehängt hatte. Für Chris war es Abneigung auf den ersten Blick. Seit Gabi mochte er diesen Typ Frau nicht mehr.

Claudia hatte wohl irgendetwas gesagt, aber Chris hatte es einfach nicht mitbekommen. Aber Engin bedachte Chris mit einem Blick, der besagte 'Ich habe es ja gesagt, du kannst anziehen, was du willst, aber wenn du deinen Mund aufmachst...' Und Chris konnte sich ungefähr denken, was Claudia gesagt hatte. Dafür hatte er aber nur ein spöttisches Lächeln übrig.

 

Dann kamen die Kopfschmerzen.

Das Lächeln gefror auf seinem Gesicht und Chris verspürte den Drang, sich panisch umzuschauen.

Woher kam der Buzz???

Von Amanda hatte Chris erfahren, dass man zwar merken konnte, wenn ein Unsterblicher in eine bestimmte Nähe kam, man konnte aber nicht erkennen, wer der potentielle Gegner war, wenn auch Normalsterbliche anwesend waren. Und die Ausstellung war voll.

Meistens erkannten sich Unsterbliche am suchenden Blick.

Chris hielt sich an Amandas Rat und fixierte Engin und Claudia mit seinen Augen und redete mit ihnen. Es war ein Wunder, dass er es schaffte, komplette, sinnvolle Sätze zu bilden, so sehr rasten seine Gedanken.

Als ein Kellner mit den Sektgläsern vorbei kam, nahm sich Chris eins, leerte es mit einem Zug, stellte es dem verdutzten Kellner aufs Tablett und nahm sich ein neues.

Die fragenden Blicke von Engin und Claudia tat er mit einem Achselzucken ab.

"Sollte es nicht auch noch Schnittchen geben? So nett die Ausstellung auch ist: Der Service lässt zu wünschen übrig!"

Nur einen Moment blitzten Claudias Augen auf, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle und zeigte keine Gefühlsregung.

"Die Schnittchen sind dort hinten, wir haben sie zu einem Buffet aufgebaut. Ich zeige euch, wo es ist. Dann muss ich mich um meine Kunden kümmern."

Chris folgte Claudia und fragte sich, wann er diesen Abend endlich überstanden hatte. Erst Eddie, dann nervte Claudia und, um sein Glück zu vervollständigen, trieb sich hier auch noch ein Unsterblicher rum.

Es war kein Wunder, dass ihm seine Krawatte wie ein Strick vorkam, der ihm sämtliche Luft abwürgte. Chris lockerte den Knoten, zog sich das Folterinstrument über den Kopf und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes. So würde zwar der Kristall zu sehen sein, aber das war nur sein ganz persönliches Symbol für seine Unsterblichkeit. Nichts was Bechthold auffallen würde.

So ist es besser.

"Bedient euch. Ich komme gleich noch mal wieder."

Mit einem Kuss auf die Wange verabschiedete sich Claudia von Engin und verschwand.

Kaum war sie außer Hörweite, als Engin auch schon loslegte.

"Was zum Geier sollte diese Vorstellung? Du hast dich wie der letzte Arsch benommen. Ich habe Claudia zwar vorgewarnt, dass du schwierig bist, aber das mit den Schnittchen musste doch nun wirklich nicht sein. Dein Verhalten geht mir ganz schön auf den Sender!"

Chris starrte über Engins Schulter. Dort wurde Georg Bechthold überschwänglich von Claudia begrüßt. Somit war die Frage, wer der Unsterbliche war, beantwortet.

Woher kannte sie ihn?

"Sorry, aber sie ist genau der Typ Frau, den ich nicht ausstehen kann. Aber drehe dich ganz langsam und vorsichtig um. Was ich gerade sehe, wirst du mir sonst nicht glauben."

Engin folgte Chris' Anweisung und erbleichte, als er sah, dass Claudia immer noch in Bechtholds Armen hing.

"Ach du Scheiße! Mist, verfluchter! Was soll ich jetzt machen?"

"Erst mal bleibst du ganz ruhig. Wir wollen ja nicht auffallen. Tja, ich denke, dass wir uns gerade auf Bechtholds Kosten satt essen. Er ist ja ein Kunstliebhaber und fördert Projekte wie dieses hier. Mir ist jedenfalls der Appetit vergangen."

Den hatte ich zwar vorher auch nicht, aber das werde ich dir bestimmt nicht erzählen.

Engin schaute auf sein Brötchen, das er noch nicht angerührt hatte. Er drehte sich wieder zu Chris und wirkte ziemlich frustriert.

"Gut, dass wir schon gegessen haben. Kannst du mir bitte sagen, was Claudia und Bechthold weiter machen? Wenn ich die ganze Zeit hinschaue, dann fällt es ihr auf. Sie mag es nicht, wenn ich sie ständig anstarre."

"Klar, bei mir ist es eh egal, da sie glaubt, dass ich sie auf dem Kieker habe. Kein Problem. Jetzt dreht sie mit ihm eine Runde und scheint ihm die verschiedenen Leute vorzustellen. Wenn wir Pech haben, kommen wir auch dran."

"Na toll. Und was machen wir jetzt?"

Chris zuckte mit den Schultern. Darauf hätte er auch gerne eine Antwort.

"Einfach abhauen können wir nicht, denn die beiden stehen jetzt mehr oder weniger im Weg. Das würde auffallen. Gibt es in deiner Blickrichtung einen Hinterausgang?"

Chris beobachtete, wie Engin seinen Blick schweifen ließ.

"Oh, heute kommt alles zusammen. Rate mal, wer hier ist?"

"Wenn du Eddie meinst... ich habe ihn schon gesehen. Und seinen Neuen auch."

"Ach, kein Wunder, dass du so rumzickst."

"Ich zicke nicht. Falls du dich erinnerst, ich habe damals mit Eddie Schluss gemacht und nicht umgekehrt. Aber ist da jetzt ein Hinterausgang oder nicht?"

Wieso musste Engin jetzt dieses Thema aufgreifen? Wenn Bechthold merken würde, dass ich nicht nur unsterblich bin, sondern dass Eddie... Scheißtag!

Chris wagte nicht, diesen Gedanken weiterzuführen. Es war schon schlimm genug, dass er mit Engin unterwegs war.

"Lenk nicht ab. Du kannst sagen, was du willst, dir ist das damals doch auch an die Nieren gegangen."

"Das ist jetzt nicht unser Problem. Es ist doch viel wichtiger, dass wir Bechthold los werden. Denn sie kommen näher."

Dabei verhielt sich Bechthold vollkommen normal, nichts ließ darauf schließen, dass er bemerkt hatte, dass ein anderer Unsterblicher in der Nähe war.

Engin hatte die Inspektion des Raumes abgeschlossen.

"Vergiss es, wir kommen hier nicht weg, ich kann keinen Hinterausgang sehen. Verdammt, wieso muss uns das passieren?"

"Tja, es ist deine Freundin... und du hast mir mal Vorwürfe wegen Amanda gemacht. Und jetzt zeige dein schönstes Lächeln, sie sind fast da."

Kurz darauf waren Engin und Chris nicht mehr alleine.

"Engin, das ist der Mann, der diese Ausstellung erst möglich gemacht hat. Ohne ihn hätte ich das Projekt wegen Geldmangels canceln müssen."

Claudia hatte sich wohl fest vorgenommen, Chris zu übersehen, denn er wurde von ihr einfach auf die Seite gedrängt. Dadurch sah er nicht mehr den Ausgang, sondern hatte einen hervorragenden Blick auf Eddie, der sich mit seinem Neuen prächtig zu amüsieren schien. Chris versuchte, dieses Bild auszublenden. Denn jeder Fehler, den er jetzt machte, konnte tödlich sein und das nicht nur für ihn.

"Georg, das ist Engin, mein Freund, der nie meckert, wenn ich mal bis Mitternacht in der Galerie hängen bleibe, weil noch so viele Vorbereitungen zu treffen sind. Engin, das ist Georg Bechthold."

Sie hat auch die Farbe seines Pantoffels festgelegt. Bei ihrem Geschmack ist er wahrscheinlich gelb mit rosa Farbklecksen.

Engin schüttelte eher unfreiwillig Bechtholds Hand und schien nicht zu wissen, wie es ihm erging. Jedenfalls fingerte er unbeholfen an seiner Krawatte.

"Sie sind nicht alleine zur Ausstellung gekommen. Wer ist denn Ihre Begleitung?"

Bechtholds Stimme hatte einen harten russischen Akzent.

Nachdem Engin Claudia einen hilflosen Blick zugeworfen hatte, den diese allerdings ignorierte, antwortete er.

"Das ist mein Partner, Christoph, wir arbeiten zusammen."

Jetzt wandte sich Bechthold auch zu Chris und nötigte ihn dazu, ihm die Hand zu schütteln.

"Sehr erfreut. Was machen Sie denn beruflich, dass Sie zusammenarbeiten?"

"Wir arbeiten bei der Stadtverwaltung und teilen uns ein Ressort. Da mein Kollege für heute Abend händeringend Begleitung suchte, habe ich mich bereit erklärt, ihn zu begleiten."

"Sie sind also kein Kunstliebhaber?"

Warum starrt mich der Kerl so an?

"Ganz ehrlich? Ich fand die Ausstellung ganz nett, aber ganz mein Ding ist es nicht. Man kann mich nicht wirklich für Kunst begeistern."

"Und wofür interessieren Sie sich?"

Chris wusste nicht, was er sagen sollte. Hatte Amanda Unrecht und Bechthold hatte ihn als Unsterblichen erkannt? Anders konnte er sich nicht erklären, dass Bechthold ihn so ausfragte. Auch Claudia wirkte etwas irritiert.

"Ich mag Fußball und mein Auto."

Chris machte den Fehler und sah zur Seite und bekam prompt mit, wie Eddie seinem Bekannten einen Kuss auf die Wange gab. Eifersucht kam in ihm hoch.

In der letzten Sekunde bemerkte er, wie Bechthold mit seiner rechten Hand zu seinem Hals ging. Aus Reflex griff Chris zu und hielt die Hand fest.

"Können Sie mir sagen, was das soll?"

Dabei hatte seine Stimme einen sehr aggressiven Unterton.

"Entschuldigen Sie, aber ich sah an Ihrem Hals einen Kristall. Ein außergewöhnliches Stück. Kann ich es mir einmal näher anschauen?"

"Nein, es ist ein Glücksbringer und es soll Unglück bringen, wenn es außer mir noch jemand anfasst."

"Ob das wirklich ein Glücksbringer ist, wage ich zu bezweifeln. Ich kannte eine Frau, die trug einen ähnlichen Kristall. Eines Tages fand man sie tot in einer Gasse. Man hatte ihr den Kopf abgeschlagen."

Woher hatte Amanda diesen verdammten Kristall? Ich bringe sie um!

Jetzt war klar, dass Bechthold ihn als das erkannt hatte, was er war. Aber es waren zu viele Menschen da, als dass er im Moment eine Gefahr war. Chris musste ihm nur weiter aus dem Weg gehen.

"Da bin ich anderer Meinung. Aber ich habe wirklich keine Lust, das mit Ihnen zu diskutieren."

Chris ließ die Hand los. Als Bechthold sie runter nahm, winkte Chris einem Kellner, der in der Nähe war, und tauschte sein fast leeres Glas gegen ein volles.

Dabei fiel sein Blick wieder auf Eddie. Doch leider folgten sowohl Claudia als auch Bechthold seinem Blick. Ausgerechnet jetzt küsste Eddie den anderen.

"Kennen Sie die beiden? Wissen Sie, ich habe selten ein hübscheres schwules Paar gesehen als diese zwei."

Das war wohl Claudias Rache für die Schnittchen.

Chris musste an sich halten, um ihr nicht an die Gurgel zu gehen.

Engin versuchte, sich aus dem Gespräch rauszuhalten, und musterte ganz interessiert seine Fußspitzen.

Claudia schien Chris' Reaktion jedoch anders auszulegen.

"Oder gehören Sie etwa zu den Leuten, die etwas gegen Schwule haben?"

"Wissen Sie, ich habe nichts gegen Schwule."

Chris trank einen Schluck Sekt und lächelte Claudia an.

"Jedenfalls nichts Wirksames. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Es stinkt."

Er drückte Claudia sein Glas in die Hand und verließ die Galerie. Er hätte ihr anzügliches Grinsen und Bechtholds Blick keinen Moment länger ausgehalten.

Draußen lehnte er seinen Kopf einen Augenblick gegen die Wand. Doch es half nichts. Der Buzz blieb in seinem Kopf. Es war kein Albtraum, in dem er sich befand, sondern die Realität. Bechthold hatte seine Fährte aufgenommen, und sowohl Engin als auch Eddie waren in seiner Nähe gewesen.

Verdammt, verdammt, verdammt!

 

Chris war so in Gedanken versunken, dass er nicht hörte, wie sich jemand näherte. Erst als er eine Hand auf seine Schulter fühlte, löste er sich aus seiner Erstarrung und reagierte.

Es war der Instinkt, den er sich in den letzten Monaten antrainiert hatte und keine bewusste Bewegung.

Er hatte den anderen gegen die Wand geschleudert und holte zum tödlichen Schlag aus, als Chris erkannte, wen er da gerade umbringen wollte.

Zwei Zentimeter vor Engins Kehle stoppte er.

Der erschreckte Ausdruck in Engins Augen bereitete ihm Übelkeit.

Chris nahm seine Hand zurück und lehnte sich neben Engin an die Wand und wartete, bis sich dieser von dem Schrecken erholt hatte. Was sollte er auch sagen? Was konnte er erklären? Es war alles so verworren.

"Du hast ja einen ganz schönen Schlag drauf. Bin ich froh, dass es nicht mir gegolten hat."

"Es tut mir leid. Ich bin nur ziemlich durcheinander und frage mich, was Bechthold von mir wollte."

"Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Mir ist ja nichts passiert. Woher hast du eigentlich den Kristall? Ist das wirklich ein Glücksbringer?"

"Amanda hat ihn mir geschenkt. Sie wird sich heute noch etwas anhören müssen."

Gott, ich bringe sie um. Mit einem Teelöffel.

"Wenigstens machst du bei ihr den Mund auf. Ich war eben ein Feigling und habe noch nicht mal etwas zu Claudias Verhalten gesagt. Sie war unmöglich."

Chris blickte Engin an.

"Das war ich auch. Nenne es Liebe auf den ersten Blick. Aber wenn du mich zwingst, sie noch einmal zu treffen, dann kann ich für nichts garantieren."

"Das glaube ich dir. Aber die Gefahr wird nicht mehr bestehen, denn ich habe eben festgestellt, dass mir grünkarierte Pantoffel nicht stehen. Sie kann sich dafür einen anderen Doofen suchen. '...mein Freund, der nie meckert, wenn ich mal bis Mitternacht in der Galerie hängen bleibe...' Mir wird schlecht, wenn ich so ein Gesülze höre. Und dann stellt sich mir auch noch die Frage, warum sie Bechthold duzt und ich nichts davon weiß."

Es tat gut, dass sie sich ohne Worte verstanden.

"Ich hatte eigentlich gelbe Pantoffeln mit rosa Tupfen vor Augen, aber du bist wirklich kein Typ für so was. Was weiß sie eigentlich über unseren Job? Nicht, dass sie uns gefährlich werden kann."

"Du hast mich angesteckt, denn ich habe ihr nur erzählt, dass ich bei der Verwaltung im Innendienst bin. Das Wort Zoll oder Polizei habe ich nicht einmal erwähnt."

"Hast du denn mit ihr geredet? Oder hat sie von ihren Projekten erzählt?"

Von Engin kam erst mal keine Antwort. Er schien darüber nachzudenken. Als er dann antwortete, klang seine Stimme bitter.

"Wenn sie denn mal bei mir war, waren wir fast immer mit anderen Sachen beschäftigt. Und wenn wir geredet haben, dann hat sich alles um Claudia gedreht. Naja, ich habe es auch provoziert, weil ich ihr erzählt habe, dass mein Aufgabengebiet absolut langweilig sei. Und dann habe ich sie immer über ihren Job ausgefragt. Aber nie fiel ein Wort über Bechthold. Ich habe deswegen gar nicht erst daran gedacht, dass er hier auftauchen könnte. Gott, was war ich für ein Idiot. Aber es war so praktisch. Keiner, der meine Arbeit hinterfragte, und wo ich ständig überlegen musste, was darf ich nun erzählen und was nicht."

"Das Problem kenn' ich. Aber da habe ich mit Amanda ein Abkommen."

Engin stieß sich von der Wand ab und schaute zu Chris.

"Klar, sie fragt nicht und du fragst auch nicht. Worüber redet ihr eigentlich das ganze Wochenende?"

Wie ich am besten überlebe...

"Wer sagt eigentlich, dass wir überhaupt reden?"

Chris wusste, dass Engin sein anzügliches Grinsen richtig verstand.

"Wow, Chris der Macho schlägt mal wieder voll durch. Lass das nicht Mike hören. Der glaubt immer noch, dass Eddie dich gezähmt hatte."

"Klar doch, Eddie und ich haben den ganzen Abend nichts anderes getan, als miteinander zu reden. Wir konnten in der Anfangszeit unserer Beziehung die Finger nicht voneinander lassen. Das war Leidenschaft pur."

Jetzt konnte Chris Engin etwas fragen, das ihn quälte. Mit einem Achselzucken fuhr er fort.

"Aber leider hat's bei mir nicht gereicht. Hast du ihr die Story von Eddie und mir erzählt, um das Bild abzurunden?"

"Klar, damit du mich wirklich killst, wenn sie es wagen sollte, dich darauf anzusprechen."

Engin schüttelte den Kopf.

"Sie weiß nur, dass du mein Kollege bist und die Wochenenden bei deiner reichen Freundin in Frankreich verbringst."

Oh Scheiße, gleich geht doch mein Flug!

"Gott, da sagst du was. Wie spät haben wir? Ich verpasse sonst noch meinen Flug!"

Engin schaute auf seine Uhr.

"Mach dir keine Sorgen. Es ist kurz vor halb neun. Wenn wir jetzt aufbrechen, dann liegen wir voll im Zeitplan."

"Na, dann sollten wir starten. Ich weiß nicht, wie es dir ergeht, aber die Schnittchen waren einfach nur grauenhaft. Sollten wir noch was zu essen organisieren?"

"Ja, ich habe sie noch nicht mal probiert. Sie rochen so seltsam. Ich kenne da einen Schnellimbiss, der ein fantastisches Döner hat. Ich lade dich ein!"

"Wer kann dazu schon nein sagen. Auf geht's."

Chris stieß sich von der Wand ab und begleitete Engin zum Auto.

 

Im Gegensatz zur Vernissage gestaltete sich das restliche Wochenende für Chris recht erfreulich.

Als er Amanda auf den Kristall ansprach und über Bechtholds Reaktion berichtet hatte, war diese beunruhigt. Sie erzählte ihm die Geschichte vom Stein des Methusalem und von seiner Zerstörung. Chris erfuhr auch, dass Bechthold eigentlich gar nichts von diesem Stein wissen dürfte.

Inzwischen war es bei ihnen üblich geworden, dass der Samstag mit Theorie begann, dann gab es ein leichtes Schwertraining, Mittagspause, erneut Theorie und nach dem Kampftraining am späten Nachmittag kochte Chris. Beim Abendessen erzählte Amanda dann den neuesten Klatsch aus der Unsterblichen-Szene. Ob Afrika, Asien, Amerika oder Australien, sie wusste immer, wer gerade mit wem zusammen war und welches Paar sich zerstritten hatte. Hin und wieder erzählte sie, wo es einen Kampf gegeben und wer verloren hatte.

Obwohl Chris keinen der Beteiligten kannte, war es doch sehr interessant. Anhand Amandas Kommentaren konnte er inzwischen zuordnen, wer zu den 'Guten' und wer zu den 'Bösen' gehörte. Bechthold war eindeutig ein 'Böser'. Amanda hatte inzwischen durch einen ihrer unzähligen Bekannten herausgefunden, dass nicht nur sie schlechte Erfahrungen mit Bechthold gemacht hatte. Neu war die Information, dass er wohl mindestens dreihundert Jahre alt sein sollte, den Kampf suchte und sehr viel Erfahrung hatte.

Für einen Anfänger wie Chris war er der absolute Albtraum. Die Chancen, so einen Kampf zu gewinnen, waren minimal.

Amanda gab Chris einige Tipps, wie er vermeiden konnte, von Bechthold gefordert oder zum Kampf gezwungen zu werden.

Sie machte aber deutlich, dass es für sie absolut unverständlich war, warum Chris nicht einfach seine Koffer packte und Frankfurt verließ. Chris wollte aber seine Heimat und seine Freunde nicht aufgeben. Und dann war da noch Eddie. Schließlich gab Amanda auf.

Der Abend endete mit Diskussionen über Gott und die Welt. Chris hatte Amandas Intelligenz und ihre Schlagfertigkeit fürchten gelernt. Aber auch in diesen Stunden lernte er mehr, als er jemals gedacht hatte.

Sonntagmorgen starteten sie mit praktischen Übungen etwas anderer Art. Chris war inzwischen schon längst in der Lage, alle gängigen Schlösser zu knacken, Wanzen anzubringen und andere Kleinigkeiten hinzukriegen, die allesamt illegal waren. Die Grundlagen kannte er ja von seinem Beruf, aber er hatte nie gedacht, dass er sie einmal selber so gut beherrschen würde. Er wünschte sich, diese Fertigkeit auch im Berufsleben anwenden zu können. Durch seinen intensiven Kontakt mit Amanda hatte er keinerlei Gewissensbisse mehr, sie auch einzusetzen. Er hatte aber auch erkannt, dass Amanda nach ihrem eigenen Ehrenkodex lebte.

Chris bezweifelte, dass er jemals zuvor soviel gelernt hatte wie in den letzten Monaten.

Nachmittags kam immer der härteste Teil des Tages - gleichzeitig auch die größte Herausforderung - der Versuch, Amanda im Schwertkampf zu besiegen. Im letzten halben Jahr hatte er es erst einmal geschafft, ihre Verteidigung effektiv zu durchbrechen und sie auch zu treffen, doch normaler Weise stand er am Ende des Kampfes immer mit dem Rücken zur Wand und Amandas Schwert berührte seine Kehle. Er kam sich immer wie eine Maus vor und Amanda war die Katze. Meistens hatte er vorher den einen oder anderen Stich nicht abwenden können und blutete dann auch noch aus einigen kleinen Wunden, die aber schnell verheilten.

Dieses Mal war es anders. Der Freitag steckte Chris noch in den Knochen und er suchte eine Möglichkeit, seinen Frust los zu werden. Heute versuchte er nicht, Amanda mit Technik zu besiegen. Er spielte seine körperliche Überlegenheit aus und setzte seine ganze Kraft ein. Und er schaffte es. Amanda stand zum Schluß mit dem Rücken zur Wand und seine Klinge berührte ihren Hals.

Auf dem Rückflug kam Chris der Gedanke, ob er Amanda wirklich im harten Kampf besiegt hatte oder ob es ihre Art war, sich zu entschuldigen, dass Bechthold ihn gefunden hatte.

 

Die nächsten zwei Wochen gingen im üblichen Trott weiter. Sport, Arbeit, Sport, ab und zu einige Stunden Schlaf und zwischendurch musste er Engin trösten, der Claudia nachweinte, obwohl er derjenige war, der Schluss gemacht hatte.

Aber auch das war ja nichts Neues, solche Phasen hatte sein Partner.

Chris sorgte sich, dass Bechthold irgendwann vor Engins Tür stehen würde. Denn er befürchtete, dass Bechthold versuchte, ihn aufzuspüren. Aber nichts tat sich.

Dafür hatte Chris in seinem Leben einiges geändert. Neu war das Laufband, das er sich zugelegt hatte und jetzt im Wohnzimmer stand. Er konnte das Risiko, unbewaffnet joggen zu gehen, nicht mehr eingehen. Auch seine übliche Bewegungsfreiheit schränkte Chris ein. Er achtete darauf, von Menschen umgeben zu sein, wenn er etwas erledigen wollte.

Am nächsten Wochenende wechselte er das Parkhaus am Flughafen.

Kurzzeitparken für drei Tage war zwar sehr teuer, dafür war dort immer was los. Amanda verschwieg er seine Sorgen. Chris wollte keine weitere Predigt von ihr hören. Er konnte sich so schon denken, was sie ihm sagen würde. Und die Wörter 'Koffer packen' und 'neue Identität' würden darin nicht nur einmal vorkommen.

Auch auf der Arbeit fühlte Chris sich nicht wirklich sicher. Wenn Engin Feierabend machte, dann packte auch Chris seinen Kram zusammen und begleitete ihn. Da Engin endlich eingesehen hatte, dass er Bewegung nötig hatte, gingen sie von ihrem Büro im dritten Stock zu den Tiefgaragen die Treppe runter.

 
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