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Und das Leben geht weiter
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Teil 4
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Teil 8
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Teil 10
 
 

... und das Leben geht weiter

Teil 4
© by Aisling ()
 
Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Mit über 300 Word Seiten ist es meine bisher längste Fanfiction.
Bis vor einem Jahr hätte ich auch noch nicht gedacht, dass ich jemals so verrückt sein würde, so eine lange Geschichte zu schreiben.
Geplant hatte ich sie jedenfalls nicht in diesem Umfang. Sie sollte 'nur' 100 Seiten lang werden. Trotz Storyline wurden es wesentlich mehr.
Dank: An Birgitt. Ohne sie und ihre Begeisterung (ganz zu schweigen von ihrem Beta) wäre ich noch nicht mal über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 9: Amandas Abschied

 
19. August 2004, Frankfurt

 

Als sie am nächsten Donnerstag um kurz vor sieben Feierabend machten, weil Engin noch zum Schwertfechten wollte, fühlte Chris auf der Treppe einen Buzz.

Er verfluchte sich, weil er wegen der Hitze seinen Staubmantel im Auto liegen gelassen hatte, ließ sich aber nichts anmerken und ging weiter. Im Treppenhaus waren noch so viele andere Beamte unterwegs, dass er nicht in Gefahr war, in einen Kampf verwickelt zu werden.

Als sie im Erdgeschoss ankamen, schaute sich Chris die wenigen Leute, die noch im Foyer waren, an und war erleichtert.

Was will Amanda hier?

Er ignorierte Engin, der gerade irgendetwas über eine besondere Stichtechnik erzählte, und ging direkt auf Amanda zu. Engin rief ihm noch etwas hinterher, aber Chris bekam nicht wirklich mit, was er sagte.

Viel zu sehr beschäftigte ihn der Gedanke, warum Amanda in Frankfurt war. Als Chris näher kam, hatte er das komische Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Als er dann vor Amanda stand, da wusste er, dass etwas schlimmes passiert sein musste, denn Amanda sah sie ihn mit verweinten Augen an. Und normaler Weise war sie sehr auf ihr Äußeres bedacht.

Chris wusste zwar nicht, was mit ihr los war, aber am sinnvollsten schien es ihm, sie einfach in seine Arme zu schließen. Sie klammerte sich an ihm fest, als ob er ihr Rettungsanker wäre, dabei liefen ihr erneut Tränen über das Gesicht und ein Schluchzen schüttelte ihren Körper.

Dass Engin inzwischen näher gekommen war und sie beobachtete, war ihm einfach nur egal. Erst als Engin ein verlegenes Räuspern von sich gab, wurde Chris klar, dass sie für diesen Gefühlsausbruch am falschen Platz waren.

Er ließ Amanda los und kramte in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch. Er reichte es ihr und sie tupfte sich die Tränen ab.

"Komm, wir fahren zu mir. Dann kannst du mir erzählen, was los ist. Mir sind hier zu viele Leute."

Mit einem Nicken verabschiedete Chris sich von Engin, legte seinen Arm um Amandas Schulter und schob sie sanft aber bestimmt Richtung Tiefgarage. Dabei fragte er sich, was passiert sein musste, dass sie sich so verhielt.

 

Die Fahrt zu Chris' Wohnung verlief schweigend. Amanda hatte sich wohl in ihre eigene Welt zurück gezogen und war nicht ansprechbar. Hin und wieder hörte er sie leise schluchzen.

Obwohl sie ihm leid tat, hoffte Chris, dass dieser Zustand andauern würde, bis er sie in seine Wohnung bugsiert hatte. Er schämte sich, denn obwohl er seinen Nachbarn inzwischen sehr klar zu verstehen gegeben hatte, dass sie gefälligst das Treppenhaus in Ordnung halten sollten, war es zwar sauber, aber sehr heruntergekommen.

Seine Wohnung war da schon besser, frisch renoviert, sauber und aufgeräumt.

Scheiße, der einzige Stuhl steht vor dem Computer.

Wo sollte er da mit Amanda hin? Darüber hatte Chris nicht nachgedacht, als er sie in sein Auto gepackt hatte. Das Wohnzimmer war sein Trainingsraum und im Schlafzimmer fehlte immer noch das Bett zu der Matratze. Es hatte immer die Zeit und die Lust gefehlt, um für weitere Möbel zu sorgen. Doch wenn er an seine Küche, die nur aus Schränken, einem Herd und einem uralten Kühlschrank bestand, dachte, dann war das Schlafzimmer trotz allem der wohnlichste Raum.

In Frankfurt war es der einzige Ort, wo sie ungestört sein konnten, denn ein Hotelzimmer kam bei Amandas Stimmung nicht in Frage.

Also hatte er keine andere Wahl.

Nachdem Chris auf seinen Platz vor dem Haus geparkt hatte - seit einem heftigen Streit mit seinen Nachbarn war dieser Parkplatz immer frei - kamen sie, ohne von jemandem aufgehalten zu werden, in seine Wohnung.

Chris nahm Amanda die Jacke ab und dirigierte sie ins Schlafzimmer. Ohne weitere Aufforderung setzte sie sich auf die Matratze und Chris hockte sich zu ihr und nahm sie in den Arm.

Als wäre es ein Startzeichen liefen die Tränen wieder über Amandas Gesicht. Chris hielt sie einfach nur fest und wartete, bis die Schluchzer seltener wurden. Er tastete nach seiner Tempo-Box, die irgendwo am Kopfende war, und reichte sie Amanda.

"Danke!"

Nach einigen Minuten war auch der letzte Tränenstrom versiegt.

"Besser jetzt?"

Sanft wiegte Chris Amanda in seinen Armen. Sie lehnte sich zurück und entspannte ein wenig.

"Nicht wirklich. Bist du mir böse, dass ich unser Abkommen gebrochen habe und zu dir gekommen bin?"

"Ich weiß die Ehre zu schätzen, dass du zu mir gekommen bist, auch wenn ich mich frage, was los ist."

"Nick ist tot."

Das war es also. Dieses Gespenst, das schon bei ihrer ersten Begegnung seine Schatten geworfen hatte. Chris wusste nicht, was er sagen sollte. Er war einfach nicht besonders gut in solchen Sachen. Statt tröstender Worte drückte sie einfach nur an sich.

Anscheinend war es genau das, was Amanda brauchte. Denn sie redete sich ihren Kummer von der Seele.

"Ich habe es heute Morgen von einem guten Freund erfahren. Es ist in Südafrika passiert. Vor zwei Wochen habe ich erfahren, dass Nick dort ist. Ich hatte ihm einen Brief geschrieben. Wollte wissen, wie es ihm geht und ob er mir inzwischen verziehen hatte. Stattdessen kam Joe vorbei und versuchte, es mir schonend beizubringen. Als ob es dann weniger schmerzen würde."

Weitere Tränen rollten ihr über das Gesicht. Als sie sich beruhigt hatte, erzählte sie weiter.

"Ich habe mich gefragt, warum ich diesen Brief geschrieben habe. Stattdessen hätte ich mich ins nächste Flugzeug setzen und ihn zur Rede stellen sollen. Vielleicht würde er dann noch leben. Gott verflucht. Jetzt ist es zu spät. Damals habe ich alles falsch gemacht und jetzt schon wieder."

Amanda schien in Selbstvorwürfe zu versinken.

Bis es Chris zu viel wurde. Er schob sie von sich, ging in die Hocke und blickte auf sie hinab. Amanda hielt jedoch den Kopf gesenkt und starrte auf ihr Taschentuch.

"Wenn Nick mir genauso ähnlich war, wie du es mir immer gesagt hast, dann sage ich dir, was ich an seiner Stelle gemacht hätte, wenn du da unten plötzlich aufgetaucht wärst. Ich hätte dir gesagt, dass ich dir immer noch nicht verziehen hätte und du dich verpissen solltest. Es hätte nichts geändert. Absolut gar nichts. Jetzt hör' auf mit deinen Selbstvorwürfen. Das passt nicht zu dir."

Als Amanda immer noch nicht reagierte, legte Chris seine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, aufzusehen.

Ihr Gesicht war vom Weinen rot und verquollen und sie sah sehr unglücklich aus.

Was mache ich hier eigentlich?

Amanda nahm seine Hand und schob sie weg, doch ihren Blick wandte sie nicht ab.

"Du kannst es nicht verstehen. Dafür bist du noch viel zu jung. Irgendwann gewöhnt man sich daran, dass die Sterblichen nur für eine gewisse Zeit leben und dass man sich irgendwann von ihnen verabschieden muss. Aber wenn ein Unsterblicher, der mir wichtig ist, durch dieses gottverdammte Spiel stirbt, dann stirbt jedes Mal auch ein Teil von mir. Ich frage mich, ob es überhaupt einen Preis gibt oder ob es die Rache der Götter ist! Ich will diesen Preis nicht! Ich will leben und ich will, dass meine Freunde überleben! Weißt du, wie viele von uns irgendwann aufgeben und bewusst einen Kampf suchen, um zu sterben, weil sie es einfach nicht mehr ertragen können, dass wirklich alle Freunde früher oder später sterben? Das ist der wahre Grund, warum es so wenige alte Unsterbliche gibt. Wer erträgt schon so ein Leben?"

Oh mein Gott! Wie alt muss Amanda sein, um so viel erlebt zu haben?

Chris setzte sich hinter Amanda und wiegte sie in seinen Armen. Sie hatte wieder angefangen zu weinen.

Wie sollte er diesen Schmerz lindern? Die Tatsache, dass er Eddie aufgeben musste, war im Vergleich dazu eine Kleinigkeit. Wie sehr musste es Amanda weh tun? Und Chris kam sich dabei so hilflos vor. Er konnte nichts anderes machen, als sie zu halten und zu hoffen, dass es irgendwann aufhören würde.

"Jedes Mal, wenn du dich sonntags ins Flugzeug setzt, habe ich Angst um dich. Ich will nicht, dass du in einem sinnlosen Kampf mit Bechthold stirbst. Denn du hast so viel Feuer und Energie. Auch wenn du es nicht glaubst, weil du einer verlorenen Beziehung hinterhertrauerst. Aber irgendwann vergeht das und dann..."

Doch Amanda sprach nicht weiter. Sie schien wieder mit ihren Gedanken ganz weit weg zu sein.

Chris hielt sie einfach nur fest. So vergingen einige Minuten.

"Weißt du, viele haben in den letzten Jahren Duncan für den wahren Champion gehalten. Er war so lebendig. Gott, ich habe ihn dafür geliebt. Aber als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, da wollte er sterben, weil seinetwegen und durch seine Hand so viele andere gestorben waren. Beinahe wäre er sogar gestorben, doch-"

Amanda stockte und Chris hatte den Eindruck, dass sie ihm etwas verschweigen wollte. Doch einen Moment später fuhr sie fort.

"Ein gemeinsamer Freund hat es ihm ausgeredet. Er schien Duncan richtig den Kopf gewaschen zu haben. Doch es hatte nicht so gewirkt, wie wir hofften, denn Duncan ist danach von der Bildfläche verschwunden. Keiner weiß, ob er noch lebt. Selbst Joe hat keine Informationen. Und ich? Ich schaue einfach nur zu. Versuche, meinen Kopf zu behalten und zu überleben. Ich frage mich, wie lange ich das noch will."

Chris fragte sich, wieso Amanda ihm den Namen des anderen Unsterblichen verschwieg. Das war doch sonst nicht ihre Art. Aber er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn Amanda drehte sich um und sah Chris in die Augen.

"Sag mir einen Grund, warum ich es sollte! Was macht das Leben noch lebenswert?"

Chris gab ihr die einzige Antwort, die er für sie hatte. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie. Er hatte eigentlich an einen zärtlichen Kuss gedacht, der mehr versprach als gab.

Aber Amanda ließ es nicht zu. Sie erwiderte den Kuss mit einer Intensität und Hingabe, die Chris überwältigte. Als er sich von ihr löste und in ihre Augen sah, wusste er, dass es diese Nacht kein Zurück gab.

 

Am nächsten Morgen erwachte Chris, als die Sonne aufging. Amanda hatte sich an ihn gekuschelt und schlief noch. Er hatte einen Arm angewinkelt und den Kopf darauf gestützt. Gedankenverloren betrachtete er sie. Auf ihrem Gesicht konnte Chris sehen, wie die Sonne aufging. Alles veränderte sich. Von den Schatten der Nacht über verschiedene Grautöne zu den satten leuchtenden Farben des Tages.

Genau so fühlte er sich auch. Diese Nacht hatte eine Wunde auf seiner Seele zum Verschorfen gebracht. Verheilt war sie noch lange nicht, aber es würde nicht mehr eitern. Nur lauter wehmütige Erinnerungen hervorrufen.

Langsam erwachte auch Amanda. Als sie die Augen öffnete und Chris sah, da lächelte sie ihn an und räkelte sich wie eine satte und zufriedene Katze. Die verzweifelte und traurige Amanda war verschwunden.

Zum ersten Mal erkannte Chris, dass die Amanda, wie er sie bisher gekannt hatte, nur eine Maske war. Perfektioniert über wer-weiß-wieviele Jahrhunderte. Und er hatte die Möglichkeit bekommen, einmal ein Stück der wahren Amanda zu sehen.

Doch bevor er noch weiter darüber nachdenken konnte, schlang sie einen Arm um seinen Kopf und zog Chris zu sich herab, um ihn mit einem Kuss zu begrüßen.

Als sie ihn losließ, war er ein wenig außer Atem.

"Guten Morgen, du Frühaufsteher! Bist du immer so früh wach?"

Lächelnd schüttelte er den Kopf.

Amanda wirkte so, als ob es den vorigen Abend nie gegeben hatte. Und doch wussten sie es besser.

"Um sechs klingelt der Wecker. Wir haben also noch Zeit."

"Das will ich doch hoffen."

Bevor Amanda Chris zu sich runter ziehen konnte, beugte er sich vor und gab ihr einen Kuss. Mit seiner freien Hand strich er die Linien ihres Gesichts nach, bis er am Haaransatz angekommen war. Seine Finger spielten mit den seidigen Strähnen. Amanda wollte aber mehr. Und Chris gab nach und ließ sich fallen.

 

"Wie alt muss eine Frau sein, um im Bett so genial zu sein?"

"Wenn das jetzt ein Kompliment sein soll, dann ist kein besonders gutes. Und außerdem werde ich den Teufel tun und dir mein wahres Alter verraten. Lass einer alten Frau ihre kleinen Geheimnisse."

Das Lächeln auf Amandas Gesicht zeigte ganz deutlich, dass sie es doch als Kompliment auffasste.

Und Chris war neugierig. Bisher hatte er immer alle Fragen über ihr Alter runtergeschluckt, aber jetzt, wo sie nackt neben ihm lag und so zufrieden wirkte, da wagte er weiterzufragen.

"Wieso sollte ich? Du kennst doch auch all meine Geheimnisse."

"Ja und? Du bist mein Schüler und musst mir auch immer alles erzählen. Aber ich bin nun mal deine Lehrerin."

Chris überlegte, ob er bei ihr den gleichen Trick anwenden sollte, den er sonst immer bei Eddie angewendet hatte.

Entschlossen drehte er sich zu ihr.

"Das kannst du doch nicht machen! Chris, lass das... nein, du erfährst nichts... HILFE! ... Gnade... bitte... ich erzähle es dir."

Erst als sie kapitulierte, hörte Chris auf, sie zu kitzeln.

Nachdem Amanda wieder zu Atem gekommen war, fing sie an zu erzählen.

"Ich muss dich enttäuschen, denn ich kann dir nicht mein genaues Alter sagen. Ich selber kann es nur anhand der geschichtlichen Ereignisse schätzen."

"Und was waren das für Ereignisse?"

Neugierig setzte Chris sich auf und lehnte sich an die Wand. So oft er Amanda bisher auch getroffen hatte, sie hatte nie etwas über ihre Vergangenheit verraten.

"Gut, wie du willst. Als ich geboren wurde, war Charlemagne schon seit einigen Jahren tot und Ludwig der Fromme saß auf dem fränkischen Thron. Seine Söhne hatten sich aber noch nicht gegen ihn erhoben. Und Georg IV war in Rom der geistliche Herrscher über die Welt. Ich war ein einfaches Mädchen und hatte keine Ahnung, was in der Welt vor sich ging. Bis auf die Gerüchte, dass es wilde Nordmänner gab, die raubend und plündernd die Küste heimsuchten."

Mit einem verschmitzten Grinsen sah Amanda Chris an.

"Das müsste dir reichen, um bis auf zwei Jahre genau mein Geburtsjahr zu errechnen. Als ich zum ersten Mal starb, war Georg IV tot, stattdessen hieß der Papst Leo IV, Paris war das erste Mal geplündert worden und Lothar war Kaiser. Die Ordnung, die ich bisher kannte, begann zu wanken. Und ich wurde beim Stehlen eines Brotes erwischt und niedergeschlagen. Mein Häscher schlug so fest zu, dass ich daran starb. Rebecca fand mich und ich wurde ihre Schülerin. Sie brachte mir alles bei. Lesen, schreiben, Manieren und natürlich auch das Kämpfen. Sie wurde meine beste Freundin. Sie konnte jedoch nie verstehen, warum ich von funkelnden und glitzernden Sachen angezogen wurde. Aber im Gegensatz zu mir war sie auch schon vor ihrem ersten Tod wohlhabend gewesen."

Während ihrer Erzählung hatte sich Amanda an Chris gelehnt und fast schon automatisch umarmte er sie.

"Was ist aus Rebecca geworden?"

"Sie ist gestorben. Wie du weißt, hat sie allen Schülern ein Stück vom Methusalem-Kristall gegeben. Luther, ein anderer Schüler von ihr, wollte alle Stücke haben, damit sich die Legende erfüllt, und hatte sie deswegen gefordert. Ich wollte ihren Tod rächen und habe Luther herausgefordert, aber ohne Duncans Hilfe wäre ich jetzt tot."

Mit einem Seufzer befreite sich Amanda aus der Umarmung, drehte sich zu Chris und sah ihm in die Augen.

"Ich muss dir etwas gestehen. Ich bin gestern nicht zu dir gekommen, um Trost zu suchen, sondern um mich zu verabschieden."

"Wieso?"

Am liebsten wollte Chris sich an Amanda klammern und sie bitten zu bleiben. Denn inzwischen hatte er gemerkt, dass sie seine einzige Stütze in diesem neuen Leben war. Keiner kannte seinen Schmerz besser als sie. Keiner konnte ihm helfen. Dass sie diese Nacht zusammen im Bett gelandet waren, war in diesem Zusammenhang unwichtig. Und wer sollte ihn weiter unterrichten, wenn sie weg war? Er brauchte sie.

"Es ist wegen Nick."

Ihre Miene war jetzt so verschlossen und so hart geworden. Chris konnte sich denken, was sie wollte.

"Du gehst auf die Jagd nach seinem Mörder?"

Ein Kopfschütteln war die Antwort. Auf seinem fragenden Blick erklärte sie ihre Motive.

"Nicht ganz. Und vielleicht doch. Ich will wissen, was passiert ist. Will herausfinden, wie es zu dem Kampf gekommen ist. Vielleicht lasse ich ihn am Leben. Vielleicht fordere ich ihn auch heraus."

Vorsichtig legte Chris seine Arme um Amanda. Er berührte sie federleicht an der Hüfte. Sie sollte nicht das Gefühl haben, dass er sie festhalten wollte.

"Und wann wirst du zurück kommen?

"Ich weiß es nicht. Bis ich in Kapstadt bin, werden alle Spuren kalt sein. Es kann Wochen oder Monate dauern. Keine Ahnung. Aber es ist nicht nur wegen Nick."

Amanda sah Chris eindringlich an.

"Bechthold hat mich letzte Woche aufgesucht und er will etwas, das ich ihm nicht geben kann."

Amanda machte sich los und stand auf.

"Im Gegensatz zu dir weiß ich, wann es gesünder ist zu gehen. Aber ich lasse dich nicht im Regen stehen. Ich habe vorgesorgt."

Chris sah zu ihr auf, wie sie unruhig vor ihm auf- und ablief. Er merkte, dass ihr diese Entscheidung nicht leicht gefallen war. Und er hatte den Eindruck, dass Nicks Tod ihren Aufbruch nur beschleunigt hatte.

Was meinte sie mit 'Ich habe vorgesorgt'?

"Was bedeutet das für mich? Und hör' bitte auf, so rumzulaufen. Das macht mich nervös..."

...und geil.

Ihre Bewegungen waren leicht und elegant. Und der Anblick ihres geschmeidigen, durchtrainierten Körpers erregte Chris erneut. Er rief sich aber zur Ruhe und versuchte wieder rational zu denken. So konzentrierte er sich auf Amandas Erklärung.

"Du kannst weiterhin jedes Wochenende nach Paris kommen. Ich habe soviel Geld auf das Konto gepackt, dass es für zwei Jahre reichen müsste. Du bekommst von mir einen Schlüssel vom 'Sanctuary'. Solange du dich nicht mit Myers verkrachst, kannst du dort leben wie du willst. Außer Schwertkampf kannst du eigentlich nicht mehr viel lernen. Naja, am Computer bist du noch nicht wirklich gut. Adam Pierson wird Samstagmittag vorbeikommen und mit dir den Schwertkampf trainieren. Und er ist besser als ich."

Wer ist Adam Pierson? Sie hat seinen Namen noch nie erwähnt.

"Pierson gehört zu den 'Guten'?

"Das ist die falsche Frage."

"Aber es ist aber die einzige, die mich interessiert."

Mit einem resignierten Schulterzucken setzte sich Amanda wieder zu Chris.

"Adam gehört weder zu den 'Guten' noch zu den 'Bösen'. Er steht immer auf seiner eigenen Seite. Und die heißt 'Überleben'. Im Gegensatz zu mir hat er keine Moralvorstellungen."

Chris' Kehle wurde trocken. Er schluckte und es ging wieder.

Wenn Amanda das schon behauptet... heilige Scheiße, was ist das für ein Typ?

"Ist er eine Gefahr für mich?"

"Nein. Er bringt dir das Kämpfen bei, weil er mir noch einen Gefallen schuldet. Er war gar nicht glücklich, als ich ihn eingefordert habe. Deswegen wundere dich nicht, falls er die ersten Male sehr schlecht gelaunt ist. Aber er würde sich nur dann einem Kampf stellen, wenn man ihm keine andere Wahl lässt. Es besteht ja immer das Risiko, dass er durch einen unglücklichen Zufall doch verlieren könnte. Und er hängt an seinem Leben."

"Das hört sich ja toll an. Du bist weg und ich muss mich mit Myers und einem schlecht gelaunten Unsterblichen abgeben. Wenigstens ist Bechthold dann nicht in Paris. Der hat erst wieder für Montag einen Flug gebucht."

Die Jungs der Überwachungseinheit waren wirklich gut und wussten inzwischen über jeden Schritt von Bechthold Bescheid.

"Tja, du könntest natürlich auch hier bleiben und Däumchen drehen, aber wenn einer in der Lage ist, dich so weit zu bringen, dass du für Bechthold ein gleichwertiger Gegner bist, dann ist es Adam. Lass dich nicht von seiner zynischen Art provozieren. Es würde ihm eine diebische Freude bereiten."

Bin ich etwa nicht zynisch?

Das Klingeln des Weckers hinderte Chris daran, eine Antwort zu geben. Er angelte ihn und schmiss ihn mit voller Wucht gegen die Wand, wo er sich in seine Einzelteile zerlegte.

Aber das interessierte Chris nicht. Er hatte im Schrank noch Ersatz.

Eigentlich hatte er noch einen bissigen Kommentar auf der Zunge liegen, aber er brachte es nicht über sich, ihn Amanda an den Kopf zu werfen. Er war zwar nicht glücklich, dass sie für eine Weile aus seinem Leben verschwinden würde, aber er konnte ihre Motive verstehen.

Manchmal fragte er sich ja selbst, warum er sich so an seinem Leben festklammerte und nicht einfach seine Koffer packte und verschwand. Wie er sich neue Papiere verschaffen konnte, hatte Amanda ihm ja beigebracht.

"Wann geht dein Flug? Vielleicht können wir vorher noch zusammen frühstücken. Ich werde auch keine Szene machen."

"Um halb zwölf geht mein Flieger nach London. Von da aus geht's weiter. Zeit haben wir noch genug."

"Haben wir auch noch Zeit, um uns noch einmal ins Bett zu kuscheln? Ich muss mich ja schließlich anständig von dir verabschieden."

Dabei blickte er sie mit einem, wie er dachte, bettelnden Hundeblick an.

Amanda konnte dem Angebot nicht widerstehen.

"Und was ist mit deinem Job?"

"Engin wird verstehen, wenn ich dich bis zu deinem Abflug nicht aus den Augen lasse."

Das Kissen kam so schnell geflogen, dass Chris nicht ausweichen konnte.

"Du bist ein Mistkerl!"

 

Um elf Uhr war Chris wieder auf der Arbeit. Sehr müde mit tausend Gedanken, die durch seinen Kopf schwirrten. Er musste erst einmal alles verdauen. Dabei lag auch noch der neueste Bericht aus Hamburg auf seinem Schreibtisch, den er durchgehen musste, bevor er fürs Wochenende Feierabend machen konnte.

Selbst der Kaffee half nicht viel.

Engin war nicht wirklich eine Hilfe. Sein anzügliches Grinsen und sein Kommentar "Ja, ja, ihr habt da eine Abmachung. Hast du Amandas Gepäck untersucht, bevor sie abgeflogen ist?" hatten Chris' Laune auf den absoluten Nullpunkt sinken lassen.

Er hatte Engin zu verstehen gegeben, dass Amandas kleiner Bruder gestorben war und sie bei ihm Trost gesucht hatte. Das hatte Engins Klappe gestopft und er hatte sich entschuldigt.

Jetzt hatte Chris den Bericht in den Fingern und sah nur einen Buchstabensalat.

Amanda war weg und er musste sich mit einem anderen Unsterblichen arrangieren.

Was empfinde ich eigentlich für Amanda?

Das einzige, was er sicher wusste, war, dass es keine Liebe war. Dieser Platz in seinem Herzen gehörte Eddie.

Aber was denn?

Er hatte in den letzten Monaten ihren Humor und Schlagfertigkeit zu schätzen gelernt. Bei ihrem ersten Zusammentreffen hatte er schon festgestellt, dass sie einen fantastischen Körper hatte. Und dann war da noch die Tatsache, dass sie auch eine Unsterbliche war.

Dass sie miteinander geschlafen hatten, war nett gewesen, aber es würde sich nicht wiederholen.

Warum mache ich mir so viele Gedanken darüber? Das hat mich doch früher nicht interessiert.

Chris gestand sich ein, dass ihn die Zeit mit Eddie und seine eigene Unsterblichkeit mehr verändert hatte, als er gedacht hatte. Es hatte ihn nicht nur härter gemacht, sondern er hatte gelernt, seine Beweggründe zu hinterfragen.

" Was gibt's denn, dass du so grübelst? Bronski ist doch einer der wenigen, der verständliche Berichte schreibt ."

Chris schrak hoch und blickte Engin an. Dann sah er noch einmal auf die Blätter in seinen Händen.

"Tut mir leid, ich war mit meinen Gedanken woanders. Weißt du, ich habe Amanda noch nie so verletzlich gesehen wie gestern. Und ich konnte ihr nicht wirklich helfen."

Was das Manipulieren von Menschen anging, war er auch besser geworden. Inzwischen wusste er fast immer, was er anderen sagen musste, um ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen und von dem eigentlichen Problem abzulenken.

Auch Engin war jetzt mit dieser Erklärung zufrieden und widmete sich wieder seinen Unterlagen.

Und Chris riss sich zusammen, entschied weiterzuarbeiten und erst im Flugzeug weiterzugrübeln und las den Bericht.

Bronskis Bericht war nicht nur in einem vernünftigen und sogar halbwegs verständlichen Deutsch geschrieben, sondern er hatte sogar seine eigenen Vermutungen hinzugefügt.

Diese deckten sich mit Chris' Überlegungen. Eine Dienstreise nach Hamburg wurde wahrscheinlich. Und der Containerterminal immer interessanter.

Als Chris mit dem Bericht durch war und auch sonst alle aktuellen Aufgaben abgearbeitet hatte, war es später Nachmittag. Engin hatte sich schon verabschiedet, da er mal wieder ein Date hatte. Das Thema Claudia war bei ihm seit drei Tagen durch. Dafür saßen Mike und Carola noch vor ihren Berichten und Chris wollte sich ihnen anschließen, wenn sie Feierabend machten. Er wollte immer noch nicht das Risiko eingehen, alleine unterwegs zu sein.

Er hatte Mike gebeten, dass er sich meldete, wenn sie gingen. Bis dahin wollte Chris herausfinden, wie alt Amanda wirklich war. Es hatte zwar einiges an Arbeit gekostet, aber inzwischen stand bei ihnen im Büro ein Computer, der nicht ans interne Netzwerk angeschlossen war und sogar einen Internetzugang hatte.

Als er bei Google den Namen 'Ludwig der Fromme' eintippte und das erste Ergebnis las, da glaubte er, seinen Augen nicht trauen zu können. Fieberhaft suchte er nun nach Papst Georg IV. Aber da wehrte sich Google. Was musste es auch so viele Könige geben, die sich auch Georg IV. nannten. Noch nicht einmal die Seite des Vatikans hatte irgendeine Information. Endlich fand er eine Zeitleiste aller Päpste und diese bestätigte sein erstes Ergebnis.

Wenn Amanda ihn nicht angelogen hatte, dann war sie über tausend Jahre alt. Schockiert lehnte Chris sich zurück. Er konnte es nicht begründen, aber in diesem Moment wusste er, dass Amanda die Wahrheit gesagt hatte.

Bisher hatte Chris nicht wirklich darüber nachgedacht, ob es wirklich möglich war, so alt zu werden. Aber dies erklärte auch, warum sie in der letzten Nacht so fertig gewesen war. Amanda sah seit tausend Jahren, wie ihre Freunde starben. Für Chris eine absolut grauenhafte Vorstellung.

 

"Chris, wir sind fertig. Kommst du?"

Mike steckte seinen Kopf durch die Tür und riss Chris aus seiner Erstarrung.

"Sofort! Ich fahre noch den Computer runter und bin dann bei euch."

"Beeil' dich, wir sind spät dran. Klaus spielt heute Nachmittag für Carolas Kleinen den Babysitter und wenn wir sehr spät dran sind, dann verschwören sie sich gegen uns."

"Ist Thorsten nicht sonst immer bei seiner Großmutter?"

"Doch, aber wenn er nur den Hauch einer Chance sieht, dann muss Klaus dran glauben. Er macht es ja gerne. Sie wollten heute zu einem Abenteuerspielplatz und werden hoffentlich unsere Verspätung nutzen und noch unter die Dusche gehen."

In Chris' Kopf spukte immer noch die Erinnerung an sein erstes Zusammentreffen mit Klaus. Er war damals ein steifer Banker gewesen. Dank Mike hatte Klaus diese Maske inzwischen fallen gelassen und zeigte immer öfter, dass er ein sehr liebenswerter Kerl war. Auch wenn sie keine wirkliche Freundschaft verband, Chris war ihm immer noch sehr dankbar, wie er sich um Eddie gekümmert hatte.

"Da kommt das Kind im Manne wieder raus."

Währenddessen hatte Chris seinen Computer runter gefahren und seinen Kram zusammengepackt.

"So, ich bin startbereit. Wir können. Was habt ihr dieses Wochenende vor?"

"Bei dem Wetter? Wir werden wahrscheinlich mit Carola und dem Lütten ein Spaßbad heimsuchen und braungebrannt zurückkommen. Fliegst du wieder nach Paris?"

"Klar, mein Flieger geht wie üblich um kurz vor zehn."

Inzwischen waren sie im Flur und gingen zusammen mit Carola zum Treppenhaus.

"Sach mal, es gehen Gerüchte rum, dass Amanda gestern hier war. Stimmt das?"

Die Welt ist klein und Engin konnte mal wieder seine Klappe nicht halten.

"Ja, ihr kleiner Bruder ist gestorben und sie brauchte Trost. Gibt es ein Problem damit?"

Mike druckste herum, bis es Carol zu bunt wurde und weiterredete.

"Wir haben kein Problem, aber einige Hamburger Kollegen bestimmt."

"Was soll sie denn angestellt haben?"

"Letzten Winter ist in Tötensen eine Villa ausgeraubt worden. Der Besitzer hatte in seinem Tresor auch wertvollen Schmuck aus dem letzten Jahrhundert aufbewahrt. Und der ist letztens bei einem Hehler in Frankreich aufgetaucht. Einige weitere Spuren führen auch zu deiner Freundin. Eigentlich haben die genügend Beweise für eine Hausdurchsuchung, aber die Franzosen weigern sich. Verschanzen sich hinter zuviel Arbeit und ähnlichem."

Myers ist schon praktisch. Möchte nicht wissen, was der wirklich macht.

"Gibt es denn einen offiziellen Haftbefehl oder ähnliches?"

"Nein!", antworte Carola und Mike ergänzte.

"Aber einer der Jungs hat in seinem Sommerurlaub privat ermittelt. Er hatte die Schnauze voll, dass seine Abteilung durch diese Sache in Deutschland so eine schlechte Presse bekommen hatte. Und letztes Wochenende hat er noch einmal einen Trip nach Paris gemacht. Dort hat er dich dann zusammen mit Amanda beim Verlassen des 'Sanctuary' gesehen. Wie er deinen Namen rausbekommen hat, ist mir ein Rätsel. Und warum er ausgerechnet mir eine Mail geschickt hat und um nähere Informationen gebeten hat, weiß ich auch nicht. Was soll ich ihm jetzt sagen? Die gute Dame war in Deutschland und keiner hat sich um sie gekümmert."

Im Treppenhaus war es um diese Uhrzeit ziemlich ruhig, so dass niemand ihr Gespräch mitbekam.

"Sag ihnen einfach die Wahrheit. Sie hält mich aus und deswegen kann ich jedes Wochenende nach Paris fliegen. Sie ist wohl der Meinung, dass meine Qualitäten im Bett einfach nur gigantisch sind. Gestern..."

Es war nicht einfach für Chris, eine vernünftige Halbwahrheit zu finden, denn er hatte irgendwie das Gefühl, dass Mike ihm den toten Bruder nicht abnehmen würde. Deswegen entschloss er sich, gar nichts zu sagen.

"Das war eine Ausnahme, sie kommt nicht mehr nach Deutschland. Es wäre nett, wenn du das verschweigen könntest. Denn wenn ich in Frankreich bin, habe ich keine rechtliche Handhabe. Da müssen sich schon die französischen Kollegen um Amanda kümmern und du bist aus dem Schneider."

Carola hatte nach Chris' Kommentar über seine Qualitäten ein dickes Grinsen im Gesicht. Schwungvoll stieß sie die Türe zum Parkhaus auf.

Mike dagegen war mal wieder von seinem Ex-Partner genervt.

"Verdammt, Chris! Immer wenn ich glaube, dich zu kennen, zeigst du wieder eine neue Seite. Wie soll ich dich jemals einschätzen können?"

"Gar nicht, dann bleibt dein Leben auch immer aufregend. Schönes Wochenende noch und viel Spaß im Freibad!"

Chris war bei seinem Wagen angekommen, winkte den beiden noch einmal zu, stieg ein und fuhr los.

Es tat ihm zwar leid, Mike so stehen zu lassen, aber was sollte er anderes machen? Die Wahrheit konnte er ihm nun mal nicht erzählen. Gedanklich hakte er diesen Vorfall sofort wieder ab. Mike kannte ihn lange genug und würde nicht sauer sein. Hoffentlich. Ihr Verhältnis hatte sich gerade erst wieder einigermaßen eingerenkt.

 

 
Kapitel 10: Methos

 

Auf dem Flug grübelte Chris doch nicht über Amanda, sondern seine Gedanken kreisten nur um eins: seinen geheimnisvollen neuen Lehrer. Das, was Amanda über ihn erzählt hatte, klang nicht wirklich gut. Wenn Amanda schon behauptete, dass er keine Moralvorstellungen hatte, dann musste er mindestens ein Massenmörder sein. Aber Amanda kannte Chris und würde ihm so etwas niemals zumuten.

Verdammt, warum musste sie jetzt verschwinden? Konnte sie sich nicht einen anderen Zeitpunkt aussuchen?

Aber Chris wusste auch, dass es nie einen guten Zeitpunkt geben würde. Und wenn der andere wirklich so gut war, dass er irgendwann eine Chance gegen Bechthold hatte, warum sollte er dann das Training sausen lassen?

Kurz vor der Landung beschloss Chris, das Training auf sich zu kommen zu lassen.

Und Ruhe zu bewahren. Denn wenn er wirklich schlimmer ist als ich...

Chris war selbstkritisch genug, um zu wissen, dass er einen Hang dazu hatte, das Alphamännchen herauszukehren. Aber bei diesem Adam Pierson durfte es nicht passieren. Denn er konnte es sich wirklich nicht leisten, noch einen Lehrer zu verlieren.

 
21. August 2004, Paris

 

Samstagnachmittag war ein weit gesteckter Begriff. Nun war es fast sechs und Chris' neuer Lehrer war immer noch nicht da.

Vor lauter Nervosität hatte Chris schon fast den Teppichboden durchgelaufen. Da er weder eine Adresse noch eine Telefonnummer hatte, konnte er sich noch nicht mal bei diesem Adam melden.

Er war schon in Versuchung gewesen, bei Vincent anzurufen und ihm unter der Hand um eine Information zu bitten, hatte aber, nachdem er die ersten Nummern gewählt hatte, wieder aufgelegt. Das konnte er immer noch machen, wenn Mr. Pierson auch am Sonntag nicht auftauchen würde.

Dann fühlte er endlich den Buzz in seinem Kopf. Er lief aber nicht die Treppe runter, um zu öffnen, sondern wartete, bis der Unsterbliche klingelte. Dann ging er zur Hintertür und machte auf.

Sein Schwert hatte er bewusst oben liegen gelassen. Das 'Sanctuary' war Heiliger Boden und für eine gute Zusammenarbeit war der erste Eindruck sehr wichtig.

"Hallo! Ich bin Chris Schwenk! Wer sind Sie?"

Chris hoffte, dass sich sein deutscher Akzent durch den Kontakt mit Amanda etwas abgeschwächt hatte. Scheinbar nicht, denn der andere schmunzelte.

So schlimm kann er gar nicht sein.

"Adam Pierson. Amanda hat Ihnen keine Beschreibung von mir gegeben?"

Chris trat einen Schritt zur Seite, um Adam reinzulassen, und nutzte den Moment, um ihn zu mustern.

Er war etwas größer als er selbst, hatte dunkle Haare, hellen Teint und wirkte eher unauffällig. Ganz anders als Amanda, nach der sich jeder Mann umdrehte.

"Da kennen Sie Amanda schlecht. Sie hat mir Ihren Namen gegeben, gesagt, dass Sie heute Nachmittag vorbeikommen würden. Dann hat sie winke winke gemacht und ist in ihren Flieger gestiegen."

Adam lachte.

"Ja, das ist typisch für sie. Sie liebt es, anderen Rätsel aufzugeben. Was glauben Sie, was Sie mir erzählt hat?"

"Wenn Sie so darauf anspielen, würde ich wetten, dass Amanda bei Ihnen angerufen hat, gesagt hat, dass Sie ihr noch einen Gefallen schulden und dass Sie deswegen ab sofort mein neuer Lehrer sind."

"Genau so war es. Wenn sie nicht so göttlich im Bett wäre, dann würde ich diese Frau hassen."

Von wegen, so kriegst du mich nicht.

"Gut möglich. Wollen Sie noch einen Kaffee oder sollen wir direkt mit dem Training anfangen?"

"Kaffee ist nicht schlecht. Aber Sie leben doch sonst in Deutschland?"

"Ja, wieso?"

"Dann können Sie mir doch als 'Bezahlung' fürs Training deutsches Bier mitbringen. So schön Paris auch ist, das Bier ist einfach nur grauenhaft."

Chris schüttelte den Kopf.

Was für einen Vogel hatte Amanda da aufgegabelt?

Aber wenn er etwas lernen konnte, dann würde er es in Kauf nehmen.

Inzwischen waren sie in der Küche angekommen und Chris schüttete den Kaffee auf.

"Ich fliege immer hier hin. Deswegen glaube ich nicht, dass ich viele Flaschen mitnehmen kann, aber ich werde mich erkundigen."

"Es reicht, wenn Sie jedes Wochenende einen Kasten als Handgepäck mitbringen. Ich bevorzuge Pils."

Chris kam gar nicht aus dem Kopfschütteln raus. In der Zwischenzeit stellte er zwei Tassen, Zucker und Milch auf den Tisch. Adam hatte es sich schon auf einem Stuhl bequem gemacht und musterte Chris.

"Da Amanda mir nichts erzählt hat... Wie lange sind Sie bereits unsterblich und seit wann bekommen Sie von Amanda Unterricht?"

Chris setzte sich Adam gegenüber und überlegte, was er antworten sollte.

"Amanda hat mir wärmstens empfohlen, niemandem zu erzählen, dass ich vor etwa einem Jahr gestorben bin und erst seit einem halben Jahr von ihr unterrichtet werde. Aber da ich Ihnen ohnehin vertrauen muss, dass Sie mir nicht beim Training einfach so den Kopf abschlagen, muss ich das Risiko wohl eingehen."

"Ich bringe Amanda um!"

Gleichzeitig krachte Adams Faust auf den Tisch.

Alarmiert sah Chris Adam an. Was hatte er Falsches gesagt?

Adam hatte diesen Blick bemerkt.

"Sie können nichts dafür. Aber Amanda weiß ganz genau, dass ich ungeeignet bin, Frischlinge zu unterrichten. Dafür haben weder Sie noch ich die Nerven. Das geht einfach nur schief! Diese verdammte Hexe! Mann, und ich habe gedacht, dass MacLeod auf sie abgefärbt hätte. Dieses Miststück!"

Verdammt! Das ist gar nicht gut. Ich brauche einen Lehrer.

Da Adam inzwischen aufgestanden war und unruhig hin und her lief, rückte Chris ein Stück zur Seite, um Platz zu machen. Denn inzwischen wirkte Adam nicht mehr halb so harmlos und seltsam wie noch vor wenigen Minuten. Adam erweckte den Eindruck eines sehr gereizten Raubtiers.

Dann sah Chris, dass der Kaffee durch war. Froh, eine Beschäftigung zu haben, stand er auf, holte die Kanne und füllte die Tassen. Eine drückte er Adam in die Hand, der darauf seine Wanderung unterbrach und sich wieder hinsetzte.

Während Adam nach und nach seine Tasse leerte, rührte Chris mit seinem Löffel den Kaffee kalt.

Wie kann ich ihn überzeugen?

Das Schweigen dauerte fast eine Ewigkeit und Chris hatte Angst, seine einzige Chance ungenutzt vergehen zu lassen. Dann schluckte er seinen Stolz runter.

Wenn es sein muss, rutsch' ich auf den Knien und bettele.

"Können wir es nicht so machen, dass wir heute probeweise trainieren? Wenn wir nicht miteinander klar kommen, muss ich eine andere Lösung suchen. Bitte, ich brauche das Training. Anders habe ich doch in dieser Welt keine Chance."

Adams einzige Reaktion war, dass er ihn musterte. Chris hatte unter diesem kalten, abschätzenden Blick das Gefühl, zu Eis zu erstarren. Aber er ließ sich nicht einschüchtern und erwiderte diesen Blick. Dann fällte Adam sein Urteil.

"Mut haben Sie ja. Und da Sie anscheinend nicht der Typ sind, der bei dem ersten Problem aufgibt, werde ich Ihnen eine Chance geben. Aber ich warne Sie. Wenn Sie gedacht haben, dass Amanda eine harte Hand im Unterricht hat, dann werden Sie feststellen, dass mein Stil grausam ist. Genau so wie das Leben. Und jetzt holen Sie Ihr Schwert, damit wir anfangen können. Ich habe nicht viel Geduld."

Oh mein Gott, was hat Amanda mir da aufgehalst?

Allein wie Adam die letzten Sätze sprach, ließ Chris eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Er fragte sich, was Amanda mit der Beschreibung, dass Adam auf seiner eigenen Seite stehen würde und keine Moralvorstellungen hätte, alles verschwiegen hatte. Doch er sah ein, dass er nicht mehr in der Position war, Fragen zu stellen. Sonst würde Adam es sich noch anders überlegen und ihn im Stich lassen.

Während er diese Gedanken verfolgte, hastete Chris die Stufen zu seinem Zimmer hoch und holte das Schwert. Zwei Minuten später stand er wieder vor Adam. Der streckte nur fordernd die Hand aus und Chris reichte ihm kommentarlos seine Waffe.

Adam warf nur einen Blick auf die Klinge und gab sie Chris zurück.

"Ist das dein Schwert?"

"Nein, Amanda hat es mir zur Verfügung gestellt, da es unmöglich ist, mein Schwert ständig durch die Kontrollen zu bekommen. Es ist meinem ähnlich genug, um effektiv zu trainieren."

"Wo übt ihr immer?"

"Es gibt in den Katakomben eine große, gut ausgeleuchtete Halle, wo wir unbeobachtet sind und genügend Platz haben."

"Gut, dann zeig' mir den Weg."

Bei Amanda hatte Chris immer das Gefühl gehabt, bis zu einem gewissen Grad gleichberechtigt zu sein, aber Adam war da ganz anders.

Falls er mich länger trainiert, garantiere ich für nichts. Hoffentlich kann ich mich lange genug zusammenreißen. Verdammt, konnte sie keinen netten Unsterblichen finden, der als Lehrer in Frage kommt? Stattdessen muss ich an so einen Arsch geraten.

Keiner sprach ein Wort, während Chris Adam zu den Katakomben führte.

Im Gewölbe angekommen stieß Adam einen anerkennenden Pfiff aus.

"Nett habt ihr es hier. Dann schauen wir mal, wie gut du bist."

Chris konnte gerade noch einen Schritt zur Seite weichen, sonst wäre er von seinem Lehrer aufgespießt worden.

Die nächsten Minuten verbrachte Chris mehr oder weniger auf der Flucht vor Adams Angriffen. Sie waren präzise und unheimlich schnell, viel schneller und kraftvoller als Amanda jemals war.

Keine Chance, die Stellung zu halten oder gar selbst anzugreifen. Dafür dankte er Gott, dass er waffenlosen Kampf trainierte, denn einem Teil der Angriffe konnte er nur durch Ausweichbewegungen, die er dort gelernt hatte, entgehen.

Hatte Chris bisher gedacht, inzwischen ganz gut zu sein, zerplatzte dieser Gedanke wie eine Seifenblase. Schließlich stand er in einer Ecke mit dem Rücken zur Wand und Adams Klinge war an seiner Kehle.

Dann senkte dieser die Klinge und trat einen Schritt zurück.

"Nicht schlecht fürs Aufwärmtraining. Jetzt schauen wir mal, wie gut du sonst noch bist."

Aufwärmtraining? Ich bin doch jetzt schon fix und fertig.

Aber Adam meinte dies nicht als Scherz, denn er ging wieder in die Mitte und zog dort seinen Pullover aus, den er achtlos in eine Ecke warf.

Gott, ist der Typ heiß! Verdammt, Eddie hat mich endgültig versaut.

Jetzt trug Adam nur noch ein enganliegendes T-Shirt. Es betonte seine durchtrainierte Figur.

Er schien Chris' Starren zu bemerken, denn er warf ihm einen herausfordernden Blick zu.

"Komm her und greif' mich an, wenn du dich traust. Wenn du mich besiegst, gehört alles dir!"

Diese Stimme trieb Chris noch in den Wahnsinn, war sie eben noch hart und bestimmend, so war sie jetzt weich und verlockend, mit einem Timbre, das Chris einen Schauer über den Rücken laufen ließ.

Vergiss es, da spiel' ich nicht mit. Du bist heiß, aber ich will nicht. Das gehört Eddie.

"Und wenn du mich besiegst?"

"Rate mal! Und jetzt greif' mich an!"

Worauf hatte er sich bei diesem Mann bloß eingelassen?

Vorsichtig umkreiste Chris seinen Gegner. Das war definitiv kein Training mehr, denn er war nicht bereit, auf Adams Spiel einzugehen.

"Und wenn ich nicht will?"

Das raue Lachen erzeugte bei Chris wieder einen Schauder, nur war dieser eindeutig nicht angenehm.

"Wenn ich gewinne, dann gehörst du mir. Also kämpfe, damit es nicht passiert. Komm schon. Und sag jetzt nicht, dass ich dich nicht gewarnt hätte."

Jetzt bloß keine Panik. Atme ruhig weiter. Irgendwie kommst du da schon wieder raus.

Aber einfach würde es nicht sein. Denn um zum Ausgang zu gelangen, musste Chris an Adam vorbei. Und dieser erwartete ihn schon.

Er stand dort in lockerer Abwehrhaltung, sein Schwert war gesenkt, sein Blick verhieß, dass er nicht bereit war, auch nur einen Zentimeter zurück zu weichen.

"Verdammt, ich habe keine Lust, um diesen Einsatz zu kämpfen, denn ich weiß, dass du besser bist."

"Dann ändern wir die Regeln. Wenn du es schaffst, mich zu verletzen, dann kannst du entscheiden, was wir die restliche Nacht machen. Ganz egal, in welchem Zustand du bist. Schaffst du es nicht, dann gehörst du diese Nacht mir. Was hältst du davon?"

"Überhaupt nichts. Ich habe keine Lust auf solche Spielchen. Ich will trainieren und sonst nichts."

"Aber ich habe Lust darauf. Und wenn du mich nicht verletzt, dann werde ich meinen Siegespreis einfordern. Ich kenne da einige Sachen, die dir auch gefallen werden. Wart's nur ab. Und falls du noch Jungfrau sein solltest, dann werde ich es um so mehr genießen."

Das ist ein Psychopath! Ich will hier raus!

"Du dreckiger Mistkerl!"

"Tja, ich hatte dich gewarnt! Aber du wolltest ja nicht hören. Jetzt musst du da durch. Aber du kannst sicher sein, dass du es überlebst und morgen weder Narben noch sonst irgendeinen physischen Folgeschaden haben wirst. Unsterblichkeit hat seine Vorteile. Findest du nicht?"

Während dieser kleinen Rede bewegte sich Adam auf Chris zu. Langsam, aber mit der tödlichen Eleganz einer Raubkatze.

Chris' Versuch auszuweichen, war vergeblich, denn Adam schien seine Bewegungen vorherzusehen und kam ihm immer näher. Chris kam der Gedanke, das Schwert einfach fallenzulassen und wegzulaufen. Aber der Ausdruck in Adams Augen warnte ihn davor. Er würde das nicht durchgehen lassen. Und wenn er noch nicht einmal kämpfte... Chris wagte nicht, daran zu denken, was dann in der Nacht auf ihn zukommen würde.

Es gab nur eine Möglichkeit, ihm zu entkommen.

Chris griff an. Mit all seiner Kraft und allen Tricks, die er bei Amanda gelernt hatte. Er verließ sich nicht nur auf das Schwert, sondern versuchte, Adam mit Tritten, die er im Kampfsport gelernt hatte, in Bedrängnis zu bringen.

Und das Wunder geschah...

... beinahe, denn Adam wehrte seine Schläge und Stiche einfach nur ab und wich zurück. Auch einem gemeinen Tritt, der auf seine Weichteile zielte, entging er, indem er mit einer gleitenden Bewegung zur Seite wich. In Adams Abwehr gab es einfach keine Lücke, bot Chris keine Chance, ihn zu verletzen.

Dann hatte Chris ihn mit seinem kraftvollen Angriff schon fast durch den ganzen Raum getrieben. Er machte nur den Fehler, zum Ausgang zu blicken, als er versuchte, Adams Deckung mit einem Angriff auf dessen Beine zu durchbrechen. Und diesen Augenblick nutzte Adam.

Statt zurückzuweichen oder den Schlag mit seinem Schwert zu parieren, sprang er vor. Gleichzeitig ließ er sein Schwert fallen und stützte sich mit seinen Armen auf Chris' Brust ab. Überrascht von dieser Abwehr taumelte Chris einige Schritte zurück. Direkt gegen die Wand. Adam nutzte diese Chance und blockierte ihn, so dass er sich nicht rühren konnte.

"Willst du schon einen Vorgeschmack auf unsere Nacht bekommen?", flüsterte eine Stimme in Chris' Ohr. Dann fühlte er eine tastende Hand an seinem rechten Oberschenkel, die langsam nach oben wanderte.

Nein! Ich will das nicht!

Aber Adam kannte keine Gnade. Die Finger tasteten sich an Chris' Seite nach oben bis zu seinem Hals. Dann wanderte die Hand wieder nach unten. Am Bund angekommen verharrte sie einen Augenblick und dann wurde Chris' Hemd mit einem Ruck aus der Hose gezogen. Und Adam setzte seine Erkundung auf seiner Haut fort.

Chris hatte die Augen geschlossen und die Zähne fest zusammengepresst. Sein linker Arm wurde von Adams rechtem festgehalten und sein Schwertarm war zwischen der Mauer und seinem eigenen Körper eingeklemmt. Und Adam presste ihn mit so viel Kraft gegen die Wand, dass keine Chance bestand, diesen Zustand zu ändern.

Die Demütigung war vollkommen, als Chris spürte, wie Adams Zähne an seinem Hals knabberten. Er fühlte sich wie in einem seiner schlimmsten Albträume, aber hier bestand keine Chance aufzuwachen.

Eine Träne löste sich aus seinem Auge. Und Adam bekam es mit. Seine Hand hörte auf, seinen Oberkörper zu erkunden, dann wischte ein Finger ganz vorsichtig, fast schon zärtlich den Tropfen weg. Doch die Stimme an seinem Ohr sagte etwas ganz anderes.

"Ts, eben hattest du noch so viel Mut. Und jetzt? Ich werde diese Nacht noch viel Freude an dir haben."

Chris bezweifelte, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhen würde. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Doch noch gab es keinen. Er konnte nur hoffen, dass Adam irgendwann einen Fehler machen würde. Aber den würde er nicht machen, wenn er sich verhielt wie die Haselmaus im Angesicht der Schlange. Deswegen beschloss er mitzumachen.

Es ist Zeit, den Habicht loszulassen.

"Vielleicht habe ich dich gewinnen lassen, weil ich es wollte?"

Er benutzte genau den Tonfall, der Eddie immer so angemacht hatte. Und auch auf Adam schien er seine Wirkung zu haben. So eng, wie sie aneinandergepresst waren, konnte Chris es ganz genau spüren. Deswegen legte er nach.

"Es hört sich zwar verrückt an, aber ich habe schon einmal von so einer Situation geträumt."

Es war mein schlimmster Albtraum.

"Ich habe nie zu hoffen gewagt, dass mir das wirklich passieren würde."

Versuchsweise bewegte er sein Becken.

Hoffentlich nimmt er mir das ab. Komm schon, Junge, denk an irgendetwas Erotisches! Wenn ich keinen hoch kriege, flieg' ich auf.

Seit Chris beschlossen hatte, nicht mehr das wehrlose Opfer zu sein, hatte er keine Zeit mehr, über seine Ängste nachzudenken. Er wartete nur auf eine falsche Bewegung von Adam, um sich zu befreien.

Aber auf Adams Fehler zu warten und gleichzeitig einen hoch zu kriegen, war für Chris ein fast unmögliches Unterfangen, bis er an jene abgefahrene Szene mit Amanda im Leichenhaus dachte, die seiner jetzigen Situation so ähnlich war. Da klappte es.

Auch Adam blieb es nicht verborgen.

"Hmmm, das fühlt sich gut an. Willst du wissen, was ich nachher mit dir machen werde?"

Ich weiß, was ich nachher mit dir machen werde!

"Nachher? Nein, ich will, dass du es hier und jetzt machst. Ich will dich jetzt spüren."

Um seine Aussage zu bekräftigen, rieb sich Chris an Adam, soweit es seine Position zuließ. Es war eher die Andeutung einer Bewegung, aber sie erreichte ihren Zweck.

"Gott, langsam versteh' ich, was Amanda an dir findet."

Ja, dass ich nicht aufgebe und so ein verdammter Arsch, wie du es bist, mich nicht unterkriegt.

"Morgen früh wirst du es noch viel mehr verstehen."

Chris' Stimme war nur ein Hauch.

"Bist du dir sicher?"

"Sehr sicher."

Dann war sein linker Arm frei. Es reichte noch nicht, um sich zu befreien, aber es war ein Anfang.

Vorsichtig, um Adam nicht auf dumme Gedanken zu bringen, legte er ihn auf dessen Schulter und massierte mit seinen Fingerspitzen den Haaransatz.

Ein wohliges Seufzen war die Antwort. Adams Mund, der sich bisher nur mit seinem Ohr und dem Halsansatz beschäftigt hatte, ging auf Wanderschaft. Mit vielen kleinen Küssen und noch mehr leichten Bissen bahnte er sich seinen Weg zu Chris' Mund.

Auch die Hände waren nicht untätig und stimulierten seinen Oberkörper.

Dann fanden sich ihre Lippen und Chris öffnete bereitwillig den Mund.

Mein Gott, kann der küssen!

Als sich ihre Lippen voneinander lösten, rang Chris nach Luft.

Adam löste sich ein wenig von Chris, so dass er sich bewegen konnte und auch seine eingeklemmte Hand frei bekam. Leider war diese inzwischen eingeschlafen und er hatte kein Gefühl mehr in ihr. Sein Schwert fiel klirrend zu Boden. Adam schien diese Geste anders zu interpretieren und ließ Chris noch mehr Spielraum.

Die Versuchung, jetzt zuzuschlagen, war groß. Aber Chris befürchtete, dass genau das beabsichtigt war. Außerdem musste er erst wieder seine Hand unter Kontrolle bekommen, bevor er eine Chance hatte. Da keine unmittelbare Gefahr bestand, beschloss er, noch einen Moment zu warten.

Er zog Adam an sich und erkundete seinen Mund. So verkorkst die Situation auch war, - Chris gestand sich ein, dass es vielleicht genau daran lag - es war unheimlich erregend.

Aber ich will nicht. Du gewinnst nicht.

Chris ließ zu, dass Adam sein Hemd aufknöpfte und es von seinen Schultern schob. Er selbst hatte inzwischen Adams T-Shirt aus der Hose gezogen und erkundete darunter dessen Oberkörper. Dabei merkte er, dass er wieder Gefühl in seiner rechten Hand hatte.

Verlier' bloß nicht die Nerven, warte ab, sonst wird diese Nacht zur Hölle auf Erden.

Komm Junge, lehn dich an mich. Jaa, spreiz' deine Beine, lass zu, dass ich meins in deinen Schritt schiebe und dich mit meinem Reiben anmache. Jaa, küss mich.

Aber DAS gefällt dir garantiert nicht.

Chris rammte mit voller Wucht sein Knie in Adams Genitalien. Doch der erwünschte Effekt war nicht halb so stark, wie Chris erhofft hatte. Zwar krümmte sich Adam, aber mit dieser Bewegung beugte er sich auch zu seinem Schwert und holte es zurück.

Auch Chris hatte sich in der Zwischenzeit seine Waffe aufgehoben und sein Hemd hochgeschoben.

Dann ging er wieder zum Angriff über. Wenn er überhaupt eine Chance haben sollte, dann jetzt, wo Adam noch mit den Auswirkungen seiner Attacke zu kämpfen hatte.

So schnell er sich auch bewegte, der andere war schneller. Chris sah das Schwert, das in seinem Bauch steckte, bevor er den Schmerz spürte. Dann wurde die Klinge zurückgezogen und das Blut sprudelte hervor.

Gott, diese Schmerzen.

Chris presste seine Hände gegen den Bauch, um die Blutung zu stillen. Vergeblich.

"Tja Kleiner. An deiner Stelle würde ich versuchen, mich anzugreifen. Der Stich ist zwar tödlich, nur dauert das noch ein kleines Bisschen, bis du tot bist. Aber wenn du wirklich gut wärst, dann würdest du die Schmerzen ignorieren und mich angreifen. Na komm, mach schon! Das ist eine Lektion, die dir Amanda bestimmt noch nicht beigebracht hat."

"Nein, das hat sie nicht...", presste Chris hervor.

Er überwand sich, nahm seine Hände von der Wunde, griff sich das Schwert und torkelte einige Schritte auf Adam zu. Doch dann verließ ihn seine Kraft und der Schmerz übermannte ihn. Er brach zusammen und krümmte sich auf dem Boden.

Lass mich sterben, damit diese Schmerzen aufhören.

Das Letzte, was er mitbekam, war Adam, der sich zu ihm runterbeugte. Dann hob er seine Hand und Chris sah, dass er eine Pistole hielt. Er hörte noch den dumpfen Widerhall des Schusses und dann wurde es dunkel.

 

Das Erwachen war schmerzhaft. Am schlimmsten war das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Bei dem Versuch zu atmen bekam Chris einen Hustenanfall und er hustete geronnenes Blut aus seiner Lunge. Er spürte Hände, die ihn abstützten und ihm in eine sitzende Position halfen.

Irgendwann war es vorbei und er konnte ohne Probleme Luft holen. Er spürte nur noch, dass sein ganzer Körper weh tat.

Die Hände ließen ihn los. Chris konnte sich aus eigener Kraft aufrecht halten.

Er zitterte am ganzen Körper. Das war nicht nur eine Folge des Hustenanfalls, sondern ihm war schrecklich kalt. Kälter als jemals zuvor in seinem Leben.

Er bemerkte, dass er nicht mehr im Gewölbe in den Katakomben war, sondern in seinem Bett.

Was ist passiert?

Dann fiel sein Blick auf Adam. Er saß auf einem Stuhl neben seinem Bett und beobachte ihn. Ein Buch lag auf seinem Schoß und auf dem Nachttisch stand eine Flasche Bier. Daneben stand noch ein Glas, das Adam nahm und ihm reichte. Chris setzte sich wieder hoch und trank. Erst in dem Moment merkte er, wie durstig er war. Adam schien es zu ahnen, denn er goss das Glas noch einmal voll. Die Wasserflasche deponierte er wieder neben dem Bett.

Vorsichtig, um keine neuen Schmerzen zu verursachen, legte sich Chris zurück und zog die Decke bis zum Kinn.

Warum ist mir nur so kalt?

"Du warst fast drei Stunden tot und in der Zeit ist dein Körper ausgekühlt. Es dauert noch etwas, bis er sich wieder aufgeheizt hat."

Adam beantwortete seine unausgesprochene Frage.

Chris' Erinnerungen an das vorhergehende Training waren verschwommen. Was war passiert, dass er dabei gestorben war?

"Wie bin ich gestorben?"

"Ich habe dich erschossen."

"Wieso das?"

Chris hatte das dumme Gefühl, dass er etwas sehr Wichtiges vergessen hatte. Nur wusste er im Moment wirklich nicht, was es war.

Adam zuckte mit den Schultern.

"Ich habe es mir abgewöhnt, jemanden länger leiden zu lassen als unbedingt notwendig. Der Stich, den ich dir verpasst habe, war tödlich, aber du hättest noch mehrere Stunden gelebt, bis du an den Folgen gestorben wärst. Das wollte ich dir ersparen."

Wieso nur hatte Chris das seltsame Gefühl, dass dieser nette und fürsorgliche Adam Pierson nur eine Maske war, unter dem sich etwas ganz anderes verbarg?

Und dann kam die Erinnerung. Die Herausforderung, der Kampf und die Art, wie Adam ihn berührt hatte...

Lass dir nichts anmerken. Wenn der merkt, dass ich Muffensausen habe, dann bin ich verloren. Schau'n mer mal, was er jetzt vorhat.

"Und wie geht es jetzt weiter?"

"Du bleibst noch mindestens eine halbe Stunde im Bett, damit sich dein Körper wieder aufheizt, dann nimmst du eine heiße Dusche und dann erwarte ich Vorschläge, was wir mit der angebrochenen Nacht machen."

"Bitte?"

Adam schien ungeduldig zu werden.

"Besser, du erinnerst dich wieder. Wir hatten die Abmachung, dass du den Rest der Nacht mit mir machen kannst, was du willst, solltest du es schaffen, mich zu verletzen."

"Aber das war doch nicht mehr während des Kampfes, ich hab dir doch nur in die Eier getreten."

"Und anschließend hast du dir wieder dein Schwert geschnappt und mich angegriffen. Aber wenn du so denkst, dann kann ich ja über unsere Nacht bestimmen."

DAS wollte Chris nicht, auf gar keinen Fall.

"Nein, du hast schon recht. Ich weiß, dass ich einen Bärenhunger habe und was mit Alkohol brauche. Kennst du da eine Kneipe oder ein Restaurant, wo es gemütlich ist?"

In deiner Gegenwart ist mein Schlafzimmer viel zu klein. Ich bekomme Platzangst.

"Joe's ist eine kleine Bluesbar, mit gutem Bier und einer kleinen, aber sehr guten Küche, die auch noch spät geöffnet hat. Hat dich Amanda nie in das Pariser Nachtleben eingeführt?"

Warum war Adam plötzlich wieder so nett? Chris nahm es ihm einfach nicht ab.

"Sie hätte, wenn ich sie gelassen hätte. Aber ich bin einfach nicht der Typ für so was und war nach dem Training einfach viel zu erledigt, um noch groß auf die Piste zu gehen. Ich habe lieber gekocht und dabei mit Amanda über Gott und die Welt diskutiert. Ich habe in der Zeit sehr viel gelernt."

"Dafür, dass du erst ein halbes Jahr im Training bist, hast du wirklich viel gelernt. Und hinterhältig bist du auch noch. Das hat dir Amanda bestimmt nicht beigebracht. Dabei hätte es gereicht, wenn du mir einfach nur auf die Zunge gebissen hättest. Das wäre auch eine Verletzung gewesen. Dein Tritt war einfach nur übel."

Chris war sich da nicht so sicher. Im Nachhinein konnte Adam viel erzählen.

"Ach ja? So wie du dich verhalten hast, war ich da aber anderer Ansicht."

"Ich wollte wissen, wie du reagieren würdest, wenn man versucht, mit dir zu spielen. Denn das werden andere Unsterbliche tun, wenn sie merken, dass du unerfahren bist. Doch ich musste feststellen, dass du viel zu stolz und dickschädelig bist, als dass man dich so einfach kleinkriegen kann. Ich habe keine Lust, Zeit und Energie in einen jungen Unsterblichen zu investieren, der beim ersten Kampf stirbt, weil er einfach nicht den nötigen Biss hat. Aber die Probe hast du bestanden. Nur wenige versuchen, sich aufzurappeln, wenn sie so behandelt werden und dann noch so einen üblen Stich abbekommen. Wenn's nach mir geht, dann hast du ab sofort einen neuen Lehrer."

Adam trank aus seiner Flasche und sah Chris an.

Jetzt ist der Ball also bei mir.

"Wird jedes Training so wie heute laufen? Muss ich ständig befürchten, dass du mich fertig machst und andere üble Sachen mit mir anstellst?"

"Wenn du auf die sexuelle Komponente anspielst... Das hat nur heute funktioniert. Denn ich stehe nicht mehr auf Bettgefährten, die Angst haben und zu jeder Handlung gezwungen werden müssen. Beim nächsten Mal würdest du es mir einfach nicht mehr abnehmen und deswegen ganz anders reagieren."

Und das soll ich dir glauben?

Chris verkniff sich jedoch einen Kommentar.

"Ansonsten werde ich möglichst realitätsnah unterrichten. Deswegen werde ich dich verletzen, wenn du Fehler machst, und du stirbst, wenn es zu viele sind. Genauso wie in der Wirklichkeit. Nur wenn du lernst, während eines Kampfes deine Verletzungen und die Schmerzen zu ignorieren, hast du eine reelle Chance. Das kann man nicht simulieren. Aber ich werde nicht brutaler sein als unbedingt notwendig. So, und jetzt musst du dich entscheiden."

Adam wirkte aufrichtig und doch konnte Chris das nicht so ganz entscheiden. Dieser Mann hatte in den wenigen Stunden, die sie sich kannten, schon so oft eine andere Maske aufgezogen, dass er nicht abschätzen konnte, wie der Charakter des wahren Adam Pierson war.

Amanda vertraut ihm. Sonst hätte sie es nicht arrangiert. Und sie denkt, dass ich anschließend eine gute Chance gegen Bechthold hätte.

Das war für Chris' Entscheidung ausschlaggebend.

"Gut, lass es uns durchziehen. Aber wenn du einen Fehler machen solltest, dann werde ich genauso zurückschlagen."

"Das ist auch der Sinn der Übung. Aber sag mal..."

Adam leerte seine Flasche und stellte sie wieder auf den Nachttisch.

"Welcher Unsterbliche ist hinter dir her, dass du dir dieses Training antust?"

Der Kerl ist einfach zu intelligent!

Chris dachte einen Moment nach und entschied sich, Adam die Wahrheit zu erzählen.

"Noch ist keiner hinter mir her, aber ich denke, dass Georg Bechthold demnächst auf mich aufmerksam wird, da er auch in Frankfurt lebt."

"Warum ziehst du nicht einfach weg? Die Welt ist groß und es gibt viele schöne Plätze."

Wie sollte er etwas erklären, das er selbst noch nicht ganz erfasst hatte?

"Gott, wie soll ich es sagen? Es ist meine Heimat und ich bin einfach noch nicht bereit, sie zu verlassen. Vielleicht ist es das Gefühl, dass ich endgültig alle Brücken abbreche und es kein Zurück gibt. Außerdem habe ich dort einen Heimvorteil, da ich dort jede Straße kenne. In der Fremde kann ich auch jederzeit auf einen Unsterblichen treffen."

Ein wehmütiges Lächeln huschte über Adams Gesicht.

"Ich kann es verstehen. Solange du noch einen Ort hast, den du Heimat nennen kannst, solltest du dort bleiben. Wenn du lang genug lebst, dann wirst du dich als Heimatloser bezeichnen. Denn wenn selbst der Kulturkreis, in dem du aufgewachsen bist, nicht mehr existiert..."

Adam schien mit seinen Erinnerungen in einer ganz anderen Zeit und an einem weit entfernten Ort zu sein.

Ich hätte mir denken können, dass der Kerl schon älter ist. Aber wie alt ist er wirklich? Er könnte in Amandas Altersklasse liegen.

Doch Adam ließ seine Gedanken nicht lange schweifen.

"Wie sieht er aus? Groß, etwas älter, Glatze und kantige Gesichtszüge?"

"Ja, das trifft es."

"Ich habe ihn Ende des achtzehnten Jahrhunderts in Moskau kennen gelernt. Damals war er noch ein sehr junger und unerfahrener Unsterblicher. Aber er hatte Talent und war bereit, für sein Überleben über Leichen zu gehen. Mich wundert es nicht, dass er immer noch lebt. Aber mit etwas Training solltest du in der Lage sein, ihn zu besiegen. Du hast mindestens genau soviel Talent und den Rest lernst du auch noch. Woher weißt du eigentlich, dass er in der Stadt ist? Eigentlich sollte er dich doch auch spüren."

"Sollte er, aber ich arbeite bei der Polizei, besser gesagt beim Zoll, im Bereich Drogenfahndung, organisiertes Verbrechen. Und ich leite eine Ermittlungsgruppe, die hinter Bechthold her ist. Er wird von uns rund um die Uhr bewacht und ich bin über jeden seiner Schritte informiert ohne ihm selbst zu nahe zu kommen."

Ein leises Pfeifen kam von Adam.

"Dann wird er ja doppelt überwacht."

"Was meinst du?"

"Nichts, worauf du nicht früher oder später selber kommen wirst. Warte einfach ab und du erfährst es. Aber deine halbe Stunde ist um. Los, ab unter die Dusche"

Adam bückte sich und zog einen Stecker. Das dazugehörige Kabel wickelte er auf und zog die Heizdecke von Chris' Bett.

Dieser wollte sich noch für einen Moment einkuscheln und die Informationen verdauen. Sowenig er seinen neuen Lehrer auch kannte: Dass er jetzt nichts mehr erfahren würde, konnte er klar an seinem Gesichtsausdruck erkennen.

Und Gnade kannte er auch keine. Als Chris sich zusammenrollte, nahm er einfach die Bettdecke und zog sie ihm weg.

Murrend stand Chris auf und ging unter die Dusche.

 

Die nächsten Stunden waren überraschend angenehm für Chris. Sie gingen in die Bluesbar, aßen etwas, tranken Bier und lauschten der wirklich guten Livemusik.

Nur dass Adam ständig versuchte, mit ihm zu flirten, war sehr irritierend. Obwohl sein Lehrer mehr als nur heiß war, hatte Chris nicht das geringste Interesse, mit ihm etwas anzufangen. Wenn er Eddie manchmal als Vulkan empfunden hatte... Adam konnte er da nur mit einer Sonne kurz vor dem Ausbruch zur Supernova vergleichen. Definitiv zu gefährlich.

Und außerdem war Chris hetero. Nur für Eddie hatte er eine Ausnahme gemacht. Und er hatte nicht vor, noch eine zu machen. Basta.

Dann schob sich das Bild von Eddie, wie er auf der Vernissage den blonden Typen küsste, vor seine Augen. Eifersüchtig durfte er nicht werden, denn er wollte ja, dass Eddie sein eigenes Leben lebte. Statt dessen fragte er sich, ob Eddie jetzt glücklich war. Wenigstens er sollte es sein.

"Tausend Pennies für deine Gedanken!"

Adams sanfte, fast schon einschmeichelnde Stimme ließ Chris zusammenzucken.

Ich traue dir nicht, mein Freund.

Bedauernd schüttelte Chris den Kopf und schaute Adam an.

"Vergiss es, nur lauter alte Erinnerungen. Die wenigsten davon wirklich gut."

"Du traust mir nicht."

"Gib mir einen Grund, warum ich ausgerechnet dir trauen soll. Ich glaube zwar, dass du meinen Kopf auf meinen Schultern lassen wirst, aber ansonsten wirst du versuchen, mich zu manipulieren und mit mir zu spielen. Und das will ich nicht."

"Und was ist, wenn ich nur mit dir ins Bett will?"

Chris hob eine Augenbraue.

"Und das soll ich dir glauben? Außerdem bin ich nicht schwul. Vergiss es also."

Jetzt hob Adam eine Augenbraue. Und Chris sah sich genötigt, noch mehr dazu zu sagen.

"Nicht, dass ich es nicht ausprobiert hätte. Aber die Beziehung hat nicht funktioniert. Und wenn ich jetzt mit dir ins Bett steige und es schief geht... Ich kann es mir nicht leisten, dich als Lehrer zu verlieren."

"Und wenn ich dir sage, dass du mich verlierst, wenn du nicht mit mir ins Bett gehst?"

Er spielt schon wieder mit mir.

"Hattest du mir nicht vorhin erzählt, dass du nicht darauf stehst, deine Bettgefährten mit Gewalt ins Bett zu zerren? Oder war das eine Lüge?"

"TouchÉ!"

Adams Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln.

"Du lernst schnell. Aber ich hatte trotz allem den Eindruck, dass du nicht wirklich abgeneigt warst, sondern nur etwas gegen die Art meiner Werbung hattest."

Auch Chris grinste. Aber es war nicht echt. Jede Minute mit diesem Mann war ein Kampf. Und er wollte einfach nicht der Siegespreis sein.

"Fandest du? Dann sollte ich mich doch mal für den Oscar bewerben. Denn ich war anderer Meinung."

"Sicher?"

"Sehr sicher!"

Chris hatte keine Probleme, Adam in die Augen zu schauen.

Brandender Applaus unterbrach ihr Geplänkel. Der Sänger, der bisher auf einem Barhocker gesessen und sich selbst auf der Gitarre begleitet hatte, machte Feierabend und stand auf, nahm seinen Stock und verließ schwerfällig die Bühne. Chris fragte sich, was für eine Behinderung er wohl hatte. Es erstaunte ihn, dass er direkt auf ihren Tisch zukam und Adam mit einem Nicken begrüßte.

Dann wandte er sich an Chris. Er sprach englisch.

"Hallo! Ich bin Joe Dawson und mir gehört der Laden. Ich hoffe, es gefällt Ihnen hier."

Chris erhob sich halb aus seinem Stuhl und reiche ihm seine Hand. Dabei fiel ihm die Tätowierung auf, die der Barbesitzer auf dem rechten Handgelenk hatte.

"Chris Schwenk. Es ist sehr nett hier. Ihre Songs haben mir sehr gefallen."

"Freut mich. Darf ich mich zu Ihnen setzen?"

"Ich habe nichts dagegen. Adam?"

Auch dieser schüttelte seinen Kopf und Joe setzte sich auf den freien Stuhl.

Der Kellner brachte Joe etwas zu trinken und stellte auch Adam ein neues Glas hin. Chris beantwortete seinen fragenden Blick mit einem Kopfschütteln. Wenn er weiter gegen Adam bestehen wollte, dann musste er nüchtern bleiben.

"Wenn ich Ihren Akzent richtig einordne, dann sind Sie Deutscher. Was hat Sie in die Stadt der Liebe verschlagen und wie sind Sie an Adam geraten?"

Ich hasse Smalltalk!

Doch diesmal half ihm Adam.

"Joe, du bist zu neugierig. Wem willst du von meinem neuen Bekannten erzählen? Selbst wenn Duncan MacLeod wieder in Paris wäre, dann würde es ihn doch eh nicht interessieren."

War da etwa Traurigkeit in seiner Stimme?

"Das glaube ich nicht, Adam. Irgendwann wird Duncan wieder auftauchen. Er braucht noch etwas Zeit, bis seine Wunden verheilt sind. Ich bin ein alter Mann und werde es vielleicht nicht erleben, dass er wieder nach Paris kommt, aber er kann sich nicht ewig abschotten."

War dies der Joe, von dem Amanda ihre Informationen bekam? Chris hatte eine vollkommen andere Vorstellung von ihm gehabt. Härter. Jünger. Und ohne Behinderung.

"Du bist ein Optimist, Joe. Und Duncan irrt sich, wenn er glaubt, dass ich ewig auf ihn warte. Vor über fünf Jahren habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Aber viel schlimmer ist, dass er auch dich im Stich gelassen hat."

Schon wieder dieser MacLeod? Wieso scheint den jeder zu kennen? Und was ist da zwischen ihm und Adam? Interessant.

"Das hat er nicht. Aber wie kommt es, dass du das in der Öffentlichkeit erzählst?"

Mit der Öffentlichkeit meinte Joe wohl Chris, denn sonst hatte niemand die Möglichkeit, ihr Gespräch mitzuhören.

"Chris kann es erfahren. Schließlich ist er mein Schüler."

Adam hatte den Moment sehr gut gewählt, denn Joe hatte gerade an seinem Bier genippt. Bei diesem Kommentar verschluckte er sich, bekam einen Hustenanfall und es dauerte etwas, bis er sich erholt hatte.

Und Chris fragte sich, was es mit diesem Mann auf sich hatte, dass Adam ihm einfach so davon erzählte.

"Du hast einen Schüler?"

"Ja, das habe ich."

Joe nahm sich jetzt die Zeit, Chris ausgiebig zu mustern. Und Chris hielt diesem Blick stand, nahm sich aber vor, nachdem die Begutachtung gut fünf Minuten gedauert hatte, bei seinen französischen Kollegen Erkundigungen über Joe Dawson einzuziehen.

Dann lehnte sich Joe zurück.

"Wie halten Sie es mit diesem Mann als Lehrer aus? Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen, wie er Ihnen etwas beibringt."

"Er bringt mir bei, wie ich überlebe. Das ist doch das Wichtigste. Trauen Sie ihm das nicht zu?"

"Doch, aber ich frage mich, wie Sie das durchhalten. Schließlich kenne ich ihn und weiß, dass seine Geduld begrenzt ist."

"Dann muss ich ein sehr guter Schüler sein, denn mit mir hatte er Geduld."

Jedenfalls hat er drei Stunden warten können, bis ich wieder unter den Lebenden wandelte.

"Er hat Ihr Selbstbewusstsein mit seinen sarkastischen Bemerkungen noch nicht untergraben? Wie lange trainieren Sie schon?

Chris war unsicher, wie viel er ihm erzählen konnte. Vielleicht stellte ihn Adam gerade auf die Probe. Zuzutrauen wär's ihm.

"Lange genug, um zu wissen, dass er ein ziemlicher Mistkerl sein kann. Da er mich bisher nicht klein gekriegt hat, glaube ich nicht, dass er es jetzt noch schafft. Reicht Ihnen die Information?"

Joe sah von Chris rüber zu Adam und von diesem wieder zurück zu Chris. Dabei konnte man ihm seine Gedanken fast vom Gesicht ablesen. Und diese sprach Joe dann auch aus.

"Da haben sich ja zwei gesucht und gefunden. Hoffentlich werdet ihr nie zusammen auf die Menschheit losgelassen."

Chris und Adam grinsten nur.

 

Der Sonntag verlief relativ ereignislos, was nicht bedeutete, dass Chris Langeweile hatte. Zwar forderte Adam Chris nicht zum Kampf, aber er ging mit ihm die Fehler der letzten Nacht durch und zeigte ihm, wie er diese vermeiden konnte. Es waren nicht wenige und Adam ließ Chris nicht ruhen, bis die Bewegungen zu einhundert Prozent stimmten.

Adam hatte nicht übertrieben - war Amanda eine harte Lehrerin, so war er grausam und unnachgiebig. Das Training dauerte trotz mehrer Pausen über sieben Stunden und Chris war anschließend fix und fertig und nicht mehr in der Lage abzuschätzen, ob er Amanda für ihren Ersatzmann küssen oder enthaupten sollte. Während des Flugs nach Deutschland schlief er ein. Zu Hause angekommen, fiel er nur noch ins Bett. Als sein Wecker am Montag um sechs Uhr klingelte, warf er ihn an die Wand und drehte sich noch mal um. Das morgendliche Training ließ er ausfallen, war aber pünktlich auf der Arbeit.

Es bereitete Chris keine Probleme, Engin vorzuspielen, dass alles in Ordnung wäre.

 

In den nächsten Wochen pendelte sich auch an den Wochenenden wieder eine gewisse Routine ein.

Dafür änderten sich seine Albträume. Der gesichtslose Unsterblich hatte einen Namen bekommen. Es war Adam. Chris träumte auch nicht mehr davon, dass jemand Eddie vor seinen Augen tötete, sondern von seinem Training mit Adam. Und dass dieser ihm an die Wäsche ging. Und er keine Möglichkeit hatte, sich zu wehren. Die Angst, ihm ein zweites Mal hilflos ausgeliefert zu sein, saß tief.

Im Gegensatz zu seinen Träumen hielt Adam sich in der Realität in diesem Punkt zurück. Weder flirtete er mit ihm, noch berührte er ihn in irgendeiner Art und Weise, die Chris als anstößig interpretieren konnte.

Dafür blieb der Unterricht brutal. Samstags kämpften sie. Der Kampf endete immer mit Chris' Tod. Adam war schneller und gerissener und um keinen linken Trick verlegen. Immer wurde Chris zum Schluss durch einen Schuss von seinen Leiden erlöst. Aber dies empfand er als Gnade. Auf der einen Seite hasste er seinen Lehrer für diese Art, ihn umzubringen, auf der anderen Seite war er dankbar, dass die Schmerzen endeten.

Auch wenn Adam ihn nicht mehr in sein Bett transportierte: Er war immer anwesend, wenn Chris von den Toten erwachte. Und irgendwie beruhigte Chris diese seltsame Art der Fürsorge.

Den späten Abend verbrachten sie dann in Joes Bar, aßen etwas und lauschten der Musik, falls sie sich nicht gerade Wortgefechte lieferten, die von Joe aufmerksam beobachtet wurden, doch er mischte sich niemals ein.

Am nächsten Tag wurden im Training seine Fehler vom Vortag analysiert und korrigiert. Es war stundenlange harte Arbeit.

Er musste jedes Mal, wenn er nach Paris unterwegs war, Panikattacken niederkämpfen. Der Drang, einfach vor diesem Horror, den Adam Unterricht nannte, zu fliehen, war groß. Doch traute er Adam soweit, dass er sich immer wieder überwand.

Aber auf dem Rückflug war er stolz, es wieder geschafft zu haben. Zudem machte er enorme Fortschritte. Er war wesentlich schneller und härter geworden und er lernte von Adam einige sehr unfaire Tricks, mit denen er seinen Gegner besiegen konnte.

So steckte er sich jeden Morgen eine nicht registrierte Schusswaffe ein und ein Dolch, der so austariert war, dass er ihn auch werfen konnte, war an seinem linken Unterschenkel befestigt. Jeder Unsterbliche würde eine üble Überraschung erleben, wenn derjenige versuchen sollte, ihn anzugreifen. Und wenn er das Training noch einige Monate durchhalten würde, könnte er Bechthold auch im ehrlichen Kampf besiegen. Und was waren Monate im Vergleich mit der Ewigkeit?

 
Kapitel 11: Bernhard hat Probleme

 
November 2004

 

Immer wieder bewunderte Chris Engins Talent, für alles und jedes auf dem Computer ein passendes Programm zu erstellen. Trotz Amandas Unterricht hatte er selbst dabei noch große Defizite. Auch wenn er inzwischen besser war, als er es Engin gegenüber zugab.

Im Moment zerbrachen sie sich den Kopf, wie die Aufgabenverteilung in Bechtholds Syndikat wohl wirklich aussah. Chris hatte am späten Nachmittag noch einen Termin beim Staatsanwalt und wollte optimal vorbereitet sein. Engin hatte dazu ein kleines Diagramm entworfen, das er mit dem Beamer an die Wand projizierte, damit sie in Ruhe über den Fall diskutieren konnten. So konnte er das Ergebnis ihres Brainstormings direkt einarbeiten. Strittig war wieder einmal der Punkt, welche Rolle Bechthold wirklich spielte.

Chris war inzwischen überzeugt, dass Bechthold der Kopf der Organisation war. Während Engin ihn irgendwo in der Führungsetagevermutete, einzig und allein verantwortlich für das Drogengeschäft. Wenn das der Fall war, dann musste es aber noch jemanden im Hintergrund geben.

Und solange sie für beide der Theorien nur Vermutungen und keine Beweis hatten, mussten sie weiterermitteln.

Der Staatsanwalt war nicht gerade glücklich, dass sie in den letzten Wochen keine Fortschritte gemacht hatten. Schließlich waren allein in Frankfurt dreißig Leute rund um die Uhr damit beschäftigt, Bechthold und Konsorten zu observieren. Und das kostete Vater Staat viel Geld.

Sie waren so in ihre Diskussion vertieft, dass sie zusammenzuckten, als die Bürotür aufgerissen wurde.

Schröder hatte es mal wieder nicht für nötig gehalten anzuklopfen, als er in ihr Büro stürmte.

Er grüßte sie noch nicht mal, sondern kam direkt zum Thema.

"Kennt ihr Bernhard Neuendorf?"

"Hallo! Schön dich zu sehen. Es freut mich, dass du uns in unserer Besprechung störst. Es war sowieso langweilig."

Doch Chris' Ironie prallte an Schröder ab.

"Ist er nun ein Informant von dir oder nicht? Wenn ja, dann hast du genau bis heute Nachmittag siebzehn Uhr Zeit, diesem Hosenscheißer zu sagen, dass er seine dreckigen Pfoten aus dem DVD-Handel raushalten soll."

"Schröder! Nun mach mal halblang und beruhige dich."

"Ich soll mich beruhigen?"

Schröder baute sich vor Chris auf und versuchte, ihn niederzustarren, gab aber kurz darauf auf, als Chris zurückstarrte. Sein Temperament hatte er aber nicht gebändigt.

"Ich weiß ja nicht, was für eine Show ihr hier abzieht. Angeblich sollt ihr ja per du mit dem Staatsanwalt sein. Fehlt nur noch, dass ihr am Wochenende auch noch mit ihm golfen geht. Jedenfalls muss es euch ja wahnsinnig befriedigen, dass ihr die Stars der Abteilung seid und so viele Leute für die Ermittlungen zugeteilt bekommt. Das ist mir im Endeffekt scheißegal."

Engin und Chris tauschten nur Blicke aus. Dass Schröder auf ihren Erfolg eifersüchtig war, pfiffen alle Spatzen von den Dächern. Doch der fuhr mit seiner Litanei fort.

"Ich habe heute einen Haftbefehl für diesen Neuendorf beantragt, weil der massenweise illegal gepresste DVDs aus dem Osten importiert und hier auf dem Schwarzmarkt verhökert. Und weißt du, was man mir eben gesagt hat? Dreimal darfst du raten! Und deswegen gebe ich dir den guten Rat, den Jungen schleunigst an die Leine zu nehmen, weil ich ihm sonst aufs Dach steigen werde, dass ihm Hören und Sehen vergeht. Und wenn er tausendmal für euer großes Ding als Kronzeuge aussagen soll. Bis dahin soll er sich gefälligst anständig verhalten. Kümmert euch noch heute darum, sonst mach' ich es."

"Was willst du von uns?"

"Schwingt die Ärsche aus euren Sesseln und fahrt zu diesem Kleinkriminellen. Pack ihn am Kragen und sag ihm, dass er dir sämtliche DVDs, die er noch nicht verkauft hat, geben soll. Dann bringst du mir die DVDs und ich verzichte darauf, eine weitere Welle zu machen. Aber wenn ich die Dinger heute Abend nicht habe, dann wird es auch für euch ungemütlich."

"Wir liefern es dir morgen. Der Staatsanwalt will mich um fünf sehen und heute Nachmittag haben wir zum ersten Mal seit Ewigkeiten einen Platz in der Schießhalle bekommen. Wenn wir den Termin streichen, dann müssen wir uns hinten anstellen und vor Mitte Dezember ist nichts mehr frei."

"Das ist mir scheißegal. Ich habe zwei Wochen recherchiert und jetzt geht mir dieser Arsch durch die Lappen! Macht was, sonst lernt ihr mich kennen!"

Schröder drehte sich um und verließ türenknallend das Büro.

Die anschließende Stille war fast schon beängstigend.

"Was hast du mit ihm angestellt?"

Chris warf Engin einen vernichtenden Blick zu.

"Wieso soll ich was gemacht haben? Seitdem wir ein Team sind, hat er uns auf dem Kieker. Der hat es einfach nicht verwunden, dass du ihn damals so einfach abgeschrieben hast und mein Partner geworden bist. Die letzten Wochen habe ich ihn noch nicht mal gesehen, soviel Arbeit wie wir hatten."

"Hast du ihn gehört? 'Ich habe zwei Wochen recherchiert...' Für ihn ist das bestimmt eine Ewigkeit", äffte Engin. "Mann, wenn wir die ersten Ermittlungen von Mike mitrechnen, dann arbeiten wir schon seit über zwei Jahren an diesem beschissenen Fall und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Und der meint, dass er uns in die Suppe spucken kann!"

"Manchmal frage ich mich, ob er vor seiner Scheidung auch so ein Ekelpaket war. Ich habe ihn damals kaum gekannt, selbe Abteilung, aber unterschiedliche Schichtzeiten. Oder hat ihn erst der Job so übel gemacht?"

"Ich weiß es nicht. Mir reichte die Woche, die er mir als Partner zugeteilt war, voll und ganz. Du kannst zwar ein absolutes Arschloch sein, Chris, aber man kann sich im Job immer auf dich verlassen. Egal, wie es in deinem Privatleben aussieht. Und das weiß ich sehr zu schätzen."

"Danke, das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Aber das hilft uns jetzt nicht weiter."

"Du meinst, was wir mit Bernhard Neuendorf machen?"

Bernhard Neuendorf war damals der Durchbruch in ihrer Ermittlung gewesen. Ohne seine Tipps hätten sie bis heute noch keinen einzigen verwertbaren Beweis gegen Bechthold.

"Wir werden dem Jungen wohl oder übel einen Besuch abstatten müssen. Obwohl ich nicht wirklich glaube, dass er wieder auf die schiefe Bahn geraten ist. Als ihm damals klar geworden ist, dass die Art und Weise, wie seine Eltern ums Leben gekommen sind, Bechtholds Handschrift entspricht, da war er fix und fertig mit der Welt und wollte nichts mehr mit seinem Patenonkel zu tun haben."

"Stimmt. Das Abi hat er zwar geschmissen, dafür hat er anschließend seinen Wehrdienst abgeleistet, um ihm aus dem Weg zu gehen. Er ist letztens in eine WG eingezogen und hat im August eine Ausbildung angefangen. Irgendwas Kaufmännisches. Grundsolide. Ich kann nicht verstehen, warum er jetzt so austicken sollte."

"Hast du seine Unterlagen irgendwo griffbereit?"

Engin sah so aus, als ob er etwas nach Chris werfen wollte.

"Mann, Chris! Schau mal auf deinem Computer nach. Klick auf unseren gemeinsamen Server, arbeite dich dann logisch durch die Unterverzeichnisse und dann findest du einen winzigen kleinen Ordner, der sich Bernhard Neuendorf nennt. Unter 'Aktuell' findest du seine Anschrift und alle weiteren Daten. Bestimmt auch einen Vermerk, wo er seine Ausbildung macht."

Ohne einen weiteren Kommentar arbeitete Chris sich durch die Ordner. Widerstand war zwecklos.

Endlich wurde er fündig und fasste den Inhalt zusammen.

"Der Junge macht bei Dachser in Frankfurt eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und wohnt inzwischen in Offenbach. Da legt er ja jeden Tag eine nette Strecke zurück. Checkst du, ob er auf der Arbeit ist?"

"Ach, und was machst du? Faul rumsitzen?"

"Nein, ich denke für uns beide."

"Davon träumst du aber nur nachts. Du kannst ja noch nicht mal richtig mit dem Computer umgehen."

"Komm, ruf an, dafür hol' ich schon mal den Wagen und fahr' vor."

"Okay Harry. Ich kümmere mich um den Fall."

Dabei angelte sich Chris von Engins Schreibtisch den Schlüssel vom Dienstwagen und machte sich auf den Weg in die Tiefgarage. Inzwischen hatte er seine privaten Vorsichtsmaßnahmen gelockert. Es hielt es für absolut unwahrscheinlich, dass Bechthold jemals hier auftauchen würde.

Als er einige Minuten später vor dem Haupteingang hielt, da wartete Engin schon auf ihn. Kaum hatte dieser auf dem Beifahrersitz Platz genommen, als er auch schon loslegte.

"Wir müssen rüber nach Offenbach. Neuendorf hatte heute Schule und anschließend seinen freien Nachmittag. Ich hoffe nur, dass er auch zu Hause ist."

"Bei unserem Glück bestimmt nicht, aber lass es uns versuchen, bevor er in Schröders Klauen gerät. Nach all dem, was er in den letzten Jahren durchgemacht hat, soll er seine Chance haben. Und ich hoffe, dass Schröder sich irrt."

"Glaubst du wirklich, dass er die Show abgezogen hätte, wenn die Möglichkeit bestehen würde? Nee, der hatte schon alles wasserdicht gehabt, lange bevor er bei uns versucht hat, seinen Frust abzuladen. Mich ärgert nur, dass wir jetzt nicht zum Schießstand kommen. Meine Trefferquoten sind nur so gerade eben noch im grünen Bereich, ich muss dringend was dran tun. Vielleicht sollte ich Carolas Rat folgen und einem Schützenverein beitreten. Die haben auch Schießstände, wo ich regelmäßig üben könnte."

Die Art, wie Engin das Wort Schützenverein betonte, machte klar, was er wirklich darüber dachte.

Chris konnte sich über seine Trefferquote nicht beklagen. Amanda hatte in den Katakomben auch einen Schießstand eingerichtet, den er inzwischen jeden Samstag aufsuchte, bevor Adam zum Training kam.

Seine Munition besorgte er sich über diverse illegale Quellen, von denen Engin gar nichts wissen durfte.

"Das solltest du machen. Weißt du, die haben jedes Jahr so einen öffentlichen Umzug, den sie Kirmes nennen. Da musst du dann auch mitmachen. Natürlich auch die Umzüge der befreundeten Vereine. Und am Wochenende haben die dann auch noch Vereinstreffen. Ach ja, Frauen findest du da nur selten, das ist noch eine echte Männerdomäne."

"Chris, halt die Klappe und konzentrier dich auf den Straßenverkehr. Sonst vergess' ich, dass du fährst, hau dir in die Seite und du baust noch einen Unfall."

Auch wenn die Musik im Autoradio nicht wirklich sein Geschmack war, Chris summte sie so lange sehr fröhlich und sehr schief mit, bis er tatsächlich von Engin einen Hieb in die Seite bekam.

Doch er baute keinen Unfall und sie kamen sicher in Offenbach an. Das Viertel, in dem der Junge lebte, war etwas heruntergekommen. Genau so wirkte auch das Haus, in dem Bernhard Neuendorf wohnte.

Chris fühlte sich sehr an seine eigene Wohnung erinnert.

Als sie bei Bernhard klingelten, hörten sie, wie jemand die Treppe runter lief, und dann wurde die Türe geöffnet und der Junge stand vor ihnen.

Er hatte sich kaum verändert, nur wirkte er etwas härter und reifer. Chris konnte es sich nicht wirklich vorstellen, dass er so dumm war, sich auf Produktpiraterie einzulassen.

"Hallo! Da haben Sie aber Glück gehabt. Ich bin gerade von der Schule zurück und wollte noch etwas einkaufen gehen. Kommen Sie rein. Es ist zwar etwas chaotisch, aber ich kann Ihnen einen Kaffee anbieten."

So wirkte niemand, der irgendetwas verheimlichen wollte. Er wirkte richtig froh, sie zu sehen, und wollte wohl einen guten Eindruck machen. Mit einem Schlag wurde Chris klar, warum Bernhard so nervös war. Er hoffte bestimmt, dass sie Bechthold festgesetzt hatten.

Dass er ihn enttäuschen musste, bereitete Chris fast schon Magenschmerzen. Ein Seitenblick zu Engin bestätigte, dass er zum gleichen Schluss gekommen war.

Schweigend folgten sie Bernhard in seine Wohnung. Es war weniger als eine Wohnung. Es war ein kleines Zimmer in einer WG. Und erstaunlicher Weise sogar recht sauber und aufgeräumt. Dafür hatte es aber auch so gut wie keine Möbel. Nur das Bett, einen Schrank, Schreibtisch und ein Stuhl davor. Bernhard bat sie, Platz zu nehmen, und verschwand in die Küche, um den versprochenen Kaffee zu machen.

So hatten Engin und Chris etwas Zeit, um sich umzuschauen. Dabei fiel Chris auf, wie ärmlich das Zimmer war. Kein Computer, kein Fernseher - ein kleiner CD-Player schien der einzige Luxusgegenstand in diesem Raum zu sein. Wenn Chris da an den Reichtum dachte, mit dem der Junge damals umgeben gewesen war...

Glaubte er etwa, für seine Zeit als Bechtholds Patensohn büssen zu müssen?

"Glaubst du Schröder?"

"Nie im Leben, der ist clean, und wenn nicht, dann ist er zu gut für Schröder. Mal hören, was er sagt."

Kurz darauf kam Bernhard mit zwei dampfenden Tassen zurück. Als er sie ansah, schien er zu merken, dass irgendetwas nicht stimmte, denn sein Gesicht bekam einen abweisenden Ausdruck.

Chris nippte erst an seiner Tasse, bevor er anfing.

"Leider kommen wir nicht, um dir zu sagen, dass Bechthold verhaftet worden ist. Es geht um etwas anderes."

Die Enttäuschung war dem Jungen vom Gesicht abzulesen. Er stellte seine Tasse auf dem Schreibtisch ab. Dann drehte er sich zu ihnen um.

"Es hätte ja sein können, dass ich doch einmal Glück in meinem Leben habe, aber scheinbar ist das nicht so. Dann wäre es sehr nett von Ihnen, wenn Sie mir sagen, worum es geht."

Bernhard lehnte sich an den Schreibtisch und verschränkte seine Arme vor der Brust.

Das wird nicht leicht sein.

"Ein Kollege kam heute in unser Büro und hat behauptet, dass du DVDs vertickst. Illegal gebrannte DVDs. Wir glauben ihm nicht und wollen von dir wissen, wie er auf diese Idee kommen konnte. Das Problem ist, dass er scheinbar handfeste Beweise hat und einen Haftbefehl beantragen will. Im Moment weiß ich nicht, was wir dagegen tun sollen. Sorry, Junge, aber du steckst schon wieder verdammt tief in der Scheiße."

"Verdammt! Verdammt! Verdammt! Wenn ich den Scheißkerl in meine Finger bekomme, dann bring' ich ihn um!"

Entgegen seiner Erwartungen war Bernhard weder deprimiert, noch wirkte er frisch ertappt. Er war sauer.

Dann blickte er abwechselnd Chris und Engin an.

"Ihr müsst mir glauben. Ich wusste nicht, was in den Paketen war, die ich ausgefahren habe. Benny, ein Klassenkamerad, erzählte mir, dass er sich in seinem Laden noch etwas Geld verdient, indem er die Pakete, die sie normalerweise dem Kurierdienst anvertrauen würden, am Samstag selber ausfährt. Mit dem Geld, das ich als Azubi verdiene, komme ich nicht weit. Mein Auto und Lebensmittel kann ich mir leisten, dann ist Ende. Deswegen habe ich mich vor zwei Monaten angeboten auszuhelfen. Er erzählte nämlich, dass es inzwischen zuviel war, als dass er es noch alleine schaffen würde. Und dieses Schwein hat mich reingelegt."

"Gibt es Zeugen oder irgendwelche Beweise?"

"Glaubt ihr mir nicht?"

Mein Gott, ist der Junge naiv. Hat er denn nichts dazu gelernt?

Der Drang, Bernhard gleichzeitig durchzuschütteln und tröstend in den Arm zu nehmen, war groß, aber Chris bezweifelte, dass Bernhard verstehen würde, was er damit ausdrücken wollte, deswegen ließ er es. Aber er ging zu ihm und lehnte sich neben ihn an den Schreibtisch. Diese leichte Berührung sollte helfen, Spannungen abzubauen, behauptete jedenfalls Amanda. Ausprobieren konnte nicht schaden.

"Ich glaube dir, aber darum geht es nicht. Ich muss meinem Kollegen, der übrigens ein ausgemachtes Arschloch ist, überzeugen, dass du nicht der Richtige bist. Er will entweder einen Berg DVDs haben, die er stolz präsentieren kann, oder Köpfe. Und ich will nicht, dass du einer dieser Köpfe bist."

Es war deprimierend für Chris. An Leute, die die ganz großen Dinger drehten, kamen sie nicht ran, weil sie keine Beweise hatten, und Bernhard würde bestraft werden, weil er zu vertrauensselig war. Die nächsten Sätze von dem Jungen bestätigten es.

"Vielleicht ist es auch besser so. Ich habe keine Beweise gegen Benny. Samstag war ich das letzte Mal unterwegs. Er hat behauptet, dass sein Chef verboten hat, dass ich weiter mitmache, weil es Schwarzarbeit ist. Hat es mir aber erst gesagt, als ich ihm Samstagnachmittag die Empfangsquittungen gegeben habe. Werde ich deswegen verhaftet?"

"Glaube ich kaum. Du warst ja bei den Dingern, die du früher gedreht hast, so schlau, dich immer im Hintergrund zu halten. Und du bist noch keine einundzwanzig."

"Und was ist, wenn ich Sie bitte, mich zu verhaften?"

Chris musterte Bernhard. Warum hatte er diesen Wunsch?

"Wieso sollten wir?"

"Es ist so, dass ich vor zwei Wochen auf der Arbeit zum ersten Mal seit einer Ewigkeit von meinem hochgeschätzten Patenonkel eine Mail bekomme habe. Fragt mich nicht, wie er an meine Adresse gekommen ist. Inzwischen bekomme ich von ihm pro Tag zwei bis drei Mails, die ich alle lösche. Aber er schreibt, dass er nicht versteht, warum ich den Kontakt zu ihm abgebrochen habe, und dass er mich für einer Aussprache besuchen will."

Jetzt wirkte er regelrecht verängstigt.

"Ich will ihn aber nicht sehen. Ich habe Angst, was dann passieren wird. Ich kriege ja schon Panik, wenn ich nur an ihn denke. Er hat mich damals manipuliert und mit mir gespielt. Ich will das nicht."

Das könnte glatt Adam sein. Nur dass ich nicht mitspiele.

"Warum bist du nicht schon vor zwei Wochen zu uns gekommen?"

Engin sagte keinen Ton und schaute nur zu. Chris gegenüber behauptete er immer, dass dieser auf seine Gegenüber sensibler reagieren würde, als er es jemals könnte. Chris hatte da seine eigene Theorie, die von einem Märchenerzähler handelte, der trotz großer Klappe insgeheim schrecklich schüchtern war. Aber dafür hatte er andere Qualitäten.

Und jetzt stand er schon wieder daneben und beobachtete. Und Chris kam sich so hilflos vor.

"Wie solltet ihr mir helfen? Ihr schafft es doch noch nicht mal, den Mord an meinen Eltern aufzuklären, und dann wollt ihr mir jetzt helfen? Vergesst es. Da muss ich alleine durch."

"Ich kann dich zu gut verstehen. Ich mach' dir jetzt ein Angebot. Als Privatmann und nicht als Bulle. Hier hast du meine Karte. Ich bin in der Woche immer zu erreichen und kann dann im Notfall auch schnell bei dir sein. Am Wochenende bin ich zwar auf meinem Handy immer erreichbar, aber weil meine Freundin weit weg wohnt, nicht so schnell zurück. Wenn irgendetwas mit Bechthold ist, dann ruf mich an. Ich deponiere einen Schlüssel und du kannst in meine Wohnung. Bis er dich da findet, haben wir einen Vorsprung."

Heiliger Boden dürfte selbst für Bechthold ein gutes Argument sein.

"Und wenn alle Stricke reißen, dann helfe ich dir beim Untertauchen. Wir haben inzwischen so viele Beweise gegen Bechthold, dass wir im Notfall auf dich verzichten können. Du bist zu jung, um zu sterben."

Chris fragte sich, auf was er sich da gerade einließ. Es war gefährlich, verdammt gefährlich, aber er wollte Bernhard nicht im Stich lassen.

"Aber wenn ihr so viele Beweise gegen ihn habt, warum greift ihr nicht jetzt schon zu?"

Es war nicht nur eine Frage von Bernhard, es war ein Vorwurf.

"Auch wenn Bechthold ein hohes Tier oder vielleicht sogar der Boss ist... Solange wir nur ihn hochgehen lassen, gibt es einen anderen, der ihn ersetzt. Wir wollen die gesamte Organisation. Einfach alle. Denn wenn wir die verhaften, dann hinterlassen sie eine große Lücke."

"Ja, und? Da stehen die Gauner doch bestimmt in den Startlöchern, um diese Lücke auszufüllen. Wo ist da der Unterschied?"

"Dass sich die Russen, Italiener, Chinesen oder wer auch immer erst mal um dieses Vakuum streiten werden. Besser gesagt werden sie sich erst mal zerfleischen, bis der Stärkste die Lücke schließt. Und dann geht alles wieder von vorne los."

"Aber wenn dann alles wieder von vorne los geht, warum macht ihr es überhaupt? Das ist doch sinnlos."

Das war eine Frage, die sich Chris auch schon oft gestellt hatte. Besonders in den Momenten, wo er das Gefühl hatte, gegen Windmühlen zu kämpfen und nie sein Ziel zu erreichen. Aber er hatte eine Antwort gefunden. Nicht wirklich befriedigend, aber es war wohl die Wahrheit.

"Manchmal glaube ich das auch. Aber dann denke ich wieder, dass sich die Gewaltspirale immer weiter drehen würde, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Und dass wir bald in Chaos und Anarchie leben würden, wenn ich einfach nur daneben stehe und nichts tue. Und deswegen will ich dir helfen. Weil ich nicht will, dass man Unschuldige verarscht und in den Knast steckt. Wirst du mich anrufen?"

Chris griff hinter sich und seine Kaffeetasse. Der Kaffee war zwar nicht mehr heiß, aber so hatte er eine Beschäftigung und konnte es vermeiden, Bernhard anzusehen. Er wollte ihm nicht das Gefühl geben, unter Druck gesetzt zu werden.

Doch als er plötzlich stechenden Kopfschmerz verspürte, wurden all seine Pläne über Bord geworfen. Ein Unsterblicher war in der Nähe. Und Chris hatte die böse Vermutung, dass es sich um Bechthold handelte. Dieser durfte ihn aber nicht bei Bernhard sehen.

Auch wenn es eigentlich zu spät war... Er musste retten, was noch zu retten war.

Er stellte die Tasse ab und machte einen Schritt nach vorne.

"Komm, Engin, wir müssen los. Bernhard, du hast meine Karte. Benutze sie auch."

Bevor Engin noch groß reagieren konnte, hatte Chris ihn auch schon an der Schulter gepackt und schob ihn aus dem Zimmer. Sie waren gerade im Flur angekommen, als es auch schon klingelte.

Zu spät. Scheiße, verdammte.

"Gibt es hier einen Hinterausgang? Ich glaube nicht, dass du willst, dass deine Kumpels erfahren, dass du gute Verbindungen zur Polizei hast."

Doch Bernhard schüttelte nur den Kopf.

"Den gibt es nicht. Und zudem sind das nicht meine Kumpels. Ich wohne hier und teile mir mit denen Bad und Küche. Wenn einer von denen seinen Schlüssel vergessen haben sollte, ist das sein Problem. Sie sind mir scheißegal. Außerdem erwarte ich keinen Besuch, also brauch' ich unten gar nicht aufzumachen."

In Gedanken ging Chris alle Flüche durch, die er kannte. Als das nicht reichte, versuchte er es auf Englisch und Französisch. Dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Er bezweifelte, dass Bechthold sich von einer verschlossenen Haustüre aufhalten lassen würde. Eine wertvolle Minute verrann, während Chris eine Lösung suchte. Bevor er eine gefunden hatte, klopfte es an der Wohnungstür.

Jetzt bin ich verloren. Wie komme ich da nur raus?

"Tja, dein Besuch erweist sich als sehr hartnäckig. Du solltest die Tür aufmachen, bevor er versucht, sie mit Gewalt aufzubrechen. Dann machen wir uns auch gleichzeitig auf den Weg."

Es hörte sich in Chris' Ohren so falsch an. Die anderen mussten doch merken, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Aber weder Engin noch Bernhard schien etwas aufzufallen.

Als der hartnäckige Besucher zum zweiten Mal klopfte, öffnete Bernhard die Tür. Chris wollte sich eigentlich einfach seitlich durchdrängeln, aber es ging nicht. Bechthold blockierte den Ausgang und drängte sich sofort in die Wohnung, ohne Bernhard eine Möglichkeit zu geben, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

"Hallo, mein Junge! Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Ich habe dich sehr vermisst."

Obwohl Bechthold den Eindruck machte, auf Bernhard fixiert zu sein, wusste Chris es besser.

"Ich dich aber nicht. Ich will nichts mehr mit dir zu tun haben. Bitte geh."

"Warum willst du denn nichts mehr mit mir zu tun haben? Ich habe es damals nicht verstanden, habe es auf deine Pubertät geschoben und dass du vielleicht die falschen Freunde hattest. Deswegen möchte ich dich bitten, mir alles zu erklären."

Wenn Chris es nicht besser gewusst hätte, dann hätte er Bechthold wirklich für den rechtschaffenen Mann gehalten, den er gerade spielte. Auch Bernhard glaubte kein Wort.

"Vergiss es. Wir werden nicht reden. Ich lass mich nicht von dir einwickeln. Und jetzt geh."

Sie standen immer noch im Flur. Chris fühlte sich der Situation ausgeliefert. Wenn er jetzt durch die Tür verschwinden würde, dann würde er Bernhard im Stich lassen. Wenn er aber bliebe und sich einmischte, dann würde er nicht nur sich selbst gefährden, sondern bei Bechthold den Eindruck erwecken, dass der Jung wichtig für ihn war. Die Folgen wollte er sich nicht ausmalen.

Doch jetzt mischte sich Engin ein.

"Ich möchte mich nicht in Ihre Auseinandersetzung einmischen, aber wir müssen jetzt los. Herr Neuendorf, ich denke, dass Sie in den nächsten Tagen einen positiven Bescheid von uns erhalten werden. Und um der Polizei Arbeit zu ersparen, nehmen wir Ihren unerwünschten Besuch gleich mit."

"Sie halten sich gefälligst aus unseren Angelegenheiten raus. Das ist eine Sache zwischen mir und meinem Patenkind. Was machen Sie hier? Ich habe Sie doch schon mal gesehen!"

Und Chris fragte sich, warum Engin im falschen Moment mutig war und so etwas sagen musste. Denn ihm schwante sehr Übles.

"Wir sind Außendienstmitarbeiter des Sozialamtes und bearbeiten einen Antrag von Herrn Neuendorf. Wenn Sie so freundlich wären, uns zu begleiten."

Seit wann tragen Sozialarbeiter Schulterhalfter? Halt die Klappe, bevor du uns endgültig ruinierst!

Jetzt schenkte Bechthold Engin seine ungeteilte Aufmerksamkeit und musterte ihn von oben bis unten.

"So, so, mein Patenkind hat beim Sozialamt einen Antrag gestellt. So weit hat er es also gebracht. Er schnorrt vom Staat Geld. Wenn er noch bei mir wohnen würde, dann gäbe es dieses Problem nicht. Das sollten Sie in Ihren Akten vermerken."

Engin war wohl entschlossen, diese Nummer durchzuziehen, er nahm aus seiner Jacke seinen kleinen Notizblock und einen Stift.

"Können Sie uns bitte Ihren Personalausweis zeigen, Herr... Entschuldigung, aber Sie haben uns Ihren Namen noch nicht genannt. Wir werden die Daten aufnehmen und prüfen, ob Herr Neuendorf tatsächlich Ihnen gegenüber anspruchsberechtigt ist."

"Bechthold, Georg Bechthold. Wir sind nicht miteinander verwandt, aber er ist mein Patenkind. Wenn Sie diesen Starrkopf auch noch bewegen können, mir zuzuhören, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden. Aber bevor Sie Ihre Kollegen von der Polizei bemühen, gehe ich selber. Mich wundert nur, dass Ihr werter Partner nichts zu sagen hat. Wir haben uns doch damals auf der Vernissage getroffen, da war er doch der Wortführer."

"Ich habe ab und zu Migräne und kurz bevor Sie eintrafen, fing es wieder an. Dann ist mir nicht nach Reden. Wenn ich nachher eine Tablette genommen habe, dann bin ich wieder fit. Aber mein Kollege ist mindestens genauso kompetent wie ich es bin."

Dann lass uns spielen. Irgendwie muss ich uns aus dieser Situation retten. Schließlich habe ich das Spiel von einem Meister der Täuschung gelernt.

Engin hatte die Daten von Bechtholds Personalausweis abgeschrieben und reichte ihn wieder seinem Besitzer. Bechthold nahm ihn, steckte ihn aber nicht in seine Ausweismappe, sondern spielte damit. Währenddessen musterte er Chris und blickte ihm direkt in die Augen.

Dieser wusste, was von ihm erwartet wurde. Er schaute recht schnell zur Seite und massierte seine Stirn.

Bechthold ging auf das Spiel ein.

"Haben Sie oft diese Schmerzen?"

"Eigentlich sehr selten. Ich habe das Gefühl, dass Messer in meinen Kopf stechen und dann wird es zu einem dumpfen Dröhnen. Wenn ich so darüber nachdenke, zum letzten Mal hatte ich diese Schmerzen vor einiger Zeit gehabt. Das war auf dieser Vernissage! Zufälle gibt es."

Chris ließ seine Hand sinken und schaute Bechthold verblüfft an.

Doch dieser ließ nur den Hauch eines Lächelns sehen, drehte sich um und verließ kommentarlos die Wohnung.

Ob er mir den unwissenden Unsterblichen abnimmt?

Es war als Ablenkungsmanöver gedacht, damit Bechthold sich nicht auf Bernbard konzentrierte. Auch wenn er damit einen Tanz auf dem Drahtseil riskierte. Sollte er zuviel Interesse an Bernhard zeigen, würde er ihn in Gefahr bringen.

 

Eigentlich gab es noch etwas, was er unbedingt loswerden musste, bevor er explodierte.

Der Drang einfach loszubrüllen war groß. Aber Chris beherrschte sich. Schließlich war Bernhard in der Nähe und es war das erste Mal, dass sich Engin so einen Fehler erlaubt hatte. Und Chris selber hatte sich auch nicht durch besondere Schlagfertigkeit hervorgetan.

Doch Bernhard stand immer noch an der Tür und starrte auf einen imaginären Punkt an der Wand. Er durfte auf keinen Fall mitbekommen, dass da gerade etwas schief gelaufen war.

Deswegen schluckte Chris alles runter. Fürs erste jedenfalls.

"Ph, sag mir, dass das nicht wahr ist. Hatte Bechthold in seinen Mails geschrieben, wann er vorbeikommen wollte?"

Damit wandte Chris sich an Bernhard, der noch unter Schock zu stehen schien.

"Nein, das hat er nicht. Wenn er sich angekündigt hätte, dann wäre ich bestimmt nicht hier gewesen. Ich habe keinen Besuch erwartet. Wie denn auch, wenn ich noch nicht mal 'ne Freundin habe. Woher wusste Georg, dass ich jetzt zu Hause bin? Das ist ziemlich unheimlich."

"Bei seiner Organisation ist das kein Wunder. Der hat bestimmt einen seiner Handlanger auf dich angesetzt. Wir können nicht all seine Leute beobachten."

"Das stimmt. Und wie geht es weiter?"

Das war selbst für Chris eine sehr gute Frage.

"Das hängt von einigen Punkten ab. Zum einem, ob du wirklich einen Antrag beim Sozialamt gestellt hast."

Bernhard errötete und nickte verlegen.

"Ich drehe jeden Cent dreimal um und trotzdem komme ich vorne und hinten nicht klar. Dabei hab ich noch nicht mal ein Handy. Wenn das nicht wäre, dann hätt' ich doch nie bei Benny mitgemacht. Aber selbst mit dem Geld reichte es nicht wirklich. Mein Wagen braucht demnächst eine neue Kupplung und ich habe keine Ahnung, wovon ich's bezahlen soll."

Er sah sehr deprimiert aus.

"Ein Arbeitskollege, der mitbekommen hat, dass meine Eltern tot sind und ich keine andere Unterstützung habe, meinte, dass ich mit meinem Ausbildungsgehalt ein Anrecht auf Mietbeihilfe habe und auch noch andere Leistungen vom Staat in Anspruch nehmen kann. Vor zwei Wochen war ich da und seitdem warte ich auf Antwort. Ihr werdet es nicht glauben, aber da ich beim Bund übers Wochenende nie nach Hause gefahren bin, sondern immer Stallwache gemacht habe, konnte ich etwas Geld sparen. Aber davon ist nichts mehr übrig. Denn die Lichtmaschine von meinem Wagen war letzten Monat kaputt. Und wenn das Sozialamt nicht bald in die Gänge kommt, werde ich wohl die Lehre abbrechen müssen und jobben gehen."

In Chris kochte es. Wieso wurde dieser Junge bloß so ungerecht behandelt? Dabei wollte er doch ehrlich leben.

"Das wirst du nicht!"

"Wieso nicht?"

"Weil Engin und ich jetzt zum Sozialamt fahren und uns die Verantwortlichen vorknöpfen werden. Ich kann dir keinen Geldsegen versprechen, aber ich werde dafür sorgen, dass dein Antrag mit größter Priorität behandelt wird. Irgendwie muss es sich doch auszahlen, dass du ehrlich sein willst."

"Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?"

"Weißt du, an irgendjemand muss ich doch den Frust auslassen, dass Bechthold vor mir stand, ich aber nichts unternehmen konnte. Und so kannst du allen gegenüber behaupten, dass wir nur aus diesem Grunde hier gewesen sind. Du weißt nicht, dass wir von der Polizei sind. Egal, wer dich fragt. Hast du das kapiert?"

Bernhard nickte zustimmend.

"Gut, dann machen wir uns auf dem Weg. Die werden uns kennen lernen. Und um die Sache mit den DVDs kümmern wir uns auch."

Während der letzten Worte fühlte Chris, wie seine Kopfschmerzen verschwanden. Bechthold war also außer Reichweite. Und Chris wusste nicht, ob er es als gutes oder schlechtes Zeichen deuten sollte.

Aber falls er einige seiner Handlanger dagelassen hatte, dann würden die feststellen, dass sie wirklich zum Sozialamt fuhren. Aber ob das reichte, war die andere Frage.

Das einzig beruhigende war, dass ihr Dienstwagen auf die Stadt Frankfurt zugelassen war. Wenn Bechthold nicht noch weitere Quellen hatte, würde er anhand ihres Kennzeichens nichts erfahren.

Sie verabschiedeten sich von Bernhard und machten sich dann auf den Weg.

 
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