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Als sie wieder im Auto waren, konnte Chris sich nicht mehr beherrschen und sagte Engin seine Meinung. "Sach mal Engin, was hast du dir bei dem Scheiß eigentlich gedacht? Ich hatte zwar einen Blackout, aber das hatte wenigstens den Vorteil, dass ich meine Klappe gehalten habe." "Was hätten wir denn sagen sollen? Etwa die Wahrheit?" Ganz ruhig bleiben. Nicht aufregen. Wenn er selbst nicht versagt hätte, dann wären sie jetzt nicht in dieser Situation. Chris war hauptsächlich auf sich selbst wütend, weniger auf Engin. Und doch musste seinem Partner klar machen, dass er einen grundlegenden Fehler gemacht hatte. Nachdem er im Geiste bis zehn gezählt hatte, redete Chris weiter. Er sprach leise und sehr ruhig. "Etwas, das der Wahrheit so nahe kommt wie irgend möglich. Mensch, Bechthold ist ein alter Hase. Denkst du, der ist so blind und erkennt nicht, dass wir Schulterhalfter tragen? Es hätte doch gereicht, ihm zu erzählen, dass wir vom Zoll sind und wegen Produktpiraterie Nachforschungen über einen Klassenkameraden anstellen. Aber mir ist es ja auch erst eingefallen, als du schon dran warst. Schwamm drüber." Damit startete Chris den Wagen und fuhr los. Musik hatte er keine angestellt und nach einem Gespräch war ihm nicht zumute. Nach einigen Minuten unterbrach Engin das düstere Schweigen. "Chris, fahr zur Seite und halt an!" Dieser schaute in das ungewöhnlich ernste Gesicht seines Beifahrers und befolgte dessen Wunsch. Kurz darauf standen sie und Chris drehte sich zu Engin. "Verdammt noch mal, Chris. Du machst mich mit deinem Schweigen wahnsinnig! Das passt nicht zu dir. Es macht mich krank. Ich weiß, dass ich eben Scheiße gebaut habe, also hör bitte auf, lass dein Gewitter über mich kommen, und dann ist gut." "Wieso zum Geier sollte ich dich anbrüllen, wenn ich selber Scheiße gebaut habe? Ich habe durch mein Verhalten Bernhard mehr gefährdet, als du ahnen kannst." Scheiße! Das war zuviel! "Ach ja? Und warum sagst du mir nicht, was los ist? Verdammt! Ich bin dein Partner! Wenn du mir nicht vertraust und erzählst, was los ist, wie sollen wir denn noch vernünftig weiterarbeiten?" Bevor Chris antworten konnte, stieg Engin aus und lehnte sich gegen den Wagen. Chris folgte ihm, froh, dass es nicht regnete. Er lehnte sich auch an den Wagen und versuchte die richtigen Worte zu finden. Doch Engin kam ihm zuvor. "Denkst du, mir ist nicht aufgefallen, dass du nahe dran warst, in Panik auszubrechen, bevor Bechthold überhaupt in der Tür stand? Und dann hast du ihn wie eine verhuschte Haselmaus angesehen, die darauf wartete, dass die Eule zuschlagen würde. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Ausdruck irgendwann mal auf dich zutreffen würde. Du bist sonst der Jäger! Und jetzt will ich eine Erklärung hören!" Die Stille war trotz der vorbeifahrenden Autos da. Greifbar und bedrohlich. Konnte er es Engin anvertrauen? Oder gefährdete er ihn mit dem Wissen? Aber wenn selbst Adam einem Sterblichen wie Joe vertraute, dann konnte er es doch Engin erzählen. Oder doch nicht? "Es ist etwas Persönliches zwischen Bechthold und mir." "Bitte? Ihr kennt euch doch überhaupt nicht." Es war nicht leicht für Chris. Schließlich hatte er in den letzten Monaten niemanden gehabt, dem er außer Engin wirklich vertrauen konnte. Und er wollte Engin nicht verlieren. Trotzdem fragte sich Chris, ob es eine gute Idee war, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen. Es würde ihre Beziehung in einer Art und Weise verändern, die er nicht einschätzen konnte. Aber er konnte ja einige kleine Details auslassen. Und solange Engin nicht nachhakte, war's halt die Wahrheit. "Stimmt. Du weißt, dass ich ein Waisenkind bin und dass ich von Adoptiveltern großgezogen worden bin." "Ja, du hast es mir erzählt. Aber was hat es mit..." "Wenn du mich ausreden lässt, dann verstehst du die Zusammenhänge. Naja, verstehen ist zuviel gesagt, ich kapier's ja selbst nicht ganz." Chris fuhr mit den Fingern durch seine Haare. "Jedenfalls hat es mich nie losgelassen und ich habe immer wieder versucht, etwas über meine wahre Herkunft zu erfahren. Vor etwas mehr als einem Jahr bekam ich dann die ersten Informationen. Frag' mich bitte nicht, was es ist, ich bin einfach noch nicht so weit, um das weiterzuerzählen. Ich hab' es noch nicht verarbeitet. Aber hab's mir soweit zusammenreimen können, dass Bechthold versuchen wird, mich umzubringen, wenn er etwas über meine Herkunft erfährt. Und ich habe das üble Gefühl, dass allein mein Aussehen ihn schon auf die Fährte gebracht hat." Dabei wagte er nicht, Engin ins Gesicht zu sehen. Er hatte Angst, dass sein Partner ihm die Story nicht abnehmen würde, schließlich war das was er erzählte sehr wirr und nicht wirklich informativ. Seine größte sorge war, dass Engin deswegen die Zusammenarbeit kündigen würde. Engins Kommentar schien Chris' Befürchtungen zu bestätigen. Er schien ziemlich verärgert. "Und warum erzählst du mir das erst jetzt? Wie lange quälst du dich schon damit rum? Weißt du, dass du eigentlich gar nicht mehr an dem Fall recherchieren dürftest?" Engin hatte sich vor Chris aufgebaut und dieser hatte das dumpfe Gefühl, von ihm gepackt und durchgeschüttelt zu werden, wenn er etwas Falsches sagte. "Wir sind Schreibtischtäter, Engin! Ich weiß normalerweise ganz genau, wo Bechthold ist, und ich kann ihm aus dem Weg gehen. Aber was meinst du, wie du eben reagiert hättest, wenn du es gewusst hättest? Bestimmt nicht anders als ich. Es reicht doch schon, wenn einer von uns einen Blackout hatte. Und außerdem befürchte ich, dass Bechthold jeden umbringen wird, der über meine Herkunft Bescheid weiß. Ich wollte dich einfach nicht gefährden." "Und was weiß ich jetzt über dich? Gar nichts! Wieso sollte er mich deswegen umbringen?" Engin hatte doch tatsächlich Chris am Kragen gepackt und stieß ihn gegen den Wagen. Doch der drehte den Spieß um, riss sich los und presste Engin gegen das Auto. "Bechthold ist ein Psychopath. Ich weiß inzwischen Sachen über ihn, die du gar nicht wissen willst. Und ich werde es dir auch nicht erzählen, weil es reicht, dass einer von uns Albträume hat. Und weil er verrückt ist, würde er alles und jeden umbringen. Alleine nur um mich zu verletzen. Eigentlich sollte ich meine Koffer packen, mir falsche Papiere zulegen und sämtliche Brücken hinter mir abbrechen. Freunde sagen mir, dass Bora Bora eine sehr schöne Insel ist. Aber ich kann es nicht. Ich weiß nicht wirklich warum, aber ich bleibe hier. Aber es ist auch meine Entscheidung, dass ich niemanden gefährden will. Hast du das kapiert?" Chris brüllte Engin an. Er schrie all seinen Frust heraus und danach blieb nur noch eine Leere in ihm zurück. Er hatte das Gefühl, ausgelaugt zu sein und keine Energie mehr zu haben. Chris ließ Engin los, lehnt sich wieder ans Auto, schloss die Augen und wartete auf eine Reaktion von seinem Partner. Und Chris hatte nicht die geringste Ahnung, wie diese ausfallen würde. Engin schwieg. Doch es war nicht mehr die beängstigende Stille wie noch vor wenigen Minuten. Er war die Ruhe nach einem Gewitter, das die Luft gereinigt hatte. Aber ob Engin auch so dachte und wie es jetzt weitergehen würde, das wusste Chris nicht. Das hing ganz von Engin ab. Doch dieser überraschte ihn. "Ist das der Grund, warum du dich von Eddie getrennt hast? Um ihn nicht zu gefährden? Und was ist mit Amanda? Gefährdest du sie nicht auch?" Wieso musste Engin nur so intelligent sein und sich sofort die Schwachpunkte herauspicken? "Nein, nicht wirklich. Vielleicht hat mich Bechthold dazu gebracht, meine Beziehung mit Eddie eher zu überdenken, als ich es sonst getan hätte, aber er ist nicht der Grund gewesen... Vielleicht ein Auslöser. Und Amanda... Amanda lässt sich selbst von Bechthold nicht aufhalten, wenn sie etwas haben will. Und sie wollte mich. Das war noch ein Grund, um über mein Verhältnis zu Eddie nachzudenken. Ich habe Amanda gesagt, dass sie meinetwegen vielleicht Ärger mit Bechthold bekommen könnte, hat aber nur mit den Achseln gezuckt und gemeint, dass sie mir beim Untertauchen helfen könnte, wenn ich mich dazu entschließen würde." Bleibe so nah wie möglich bei der Wahrheit und niemand merkt die Lüge, die dahinter steckt. "Und wie soll es jetzt weiter gehen, Chris?" Er öffnete die Augen und sah Engin an. "Wir fahren zum Sozialamt und machen die Leute rund. Bernhard soll so schnell wie möglich seine Unterstützung bekommen. Dann muss ich mich beeilen, denn um fünf ist der Termin beim Staatsanwalt." Das war keine gute Antwort, denn Engin sah ihn böse an. "Das meine ich nicht. Und das weißt du ganz genau. Also versuch' nicht, mich hinzuhalten." "Wenn es nach mir ginge, dann würde sich nichts ändern. Ich will Bechthold in den Knast bringen. Nicht nur, damit ich vor ihm sicher bin. Denn dann hätten wir ihn schon vor einem halben Jahr verhaften können. Ich will alle haben. Ich habe mehr als genug Gründe dafür. Aber ich habe nicht vor, deswegen irgendwelche Beweise zu fälschen oder irgendetwas anderes Illegales zu machen, denn ich begebe mich nicht auf sein Niveau. Kannst du damit leben?" Als er es aussprach, wusste Chris, dass es die Wahrheit war. Ihm lag nichts daran, Bechthold herauszufordern, die Gefahr, selber den Kopf zu verlieren war viel zu groß. Doch nach allem, was er über Bechthold erfahren hatte, konnte er es auch nicht mit seinem Gewissen vereinbaren, diesen Mann frei herumlaufen zu lassen. Komm, Engin, akzeptier es. "Erzählst du mir irgendwann, warum Bechthold hinter dir her ist?" Der Stein, der Chris vom Herzen fiel, war Tonnen schwer. "Vielleicht. Wenn ich es jemals so weit verarbeitet haben sollte. Tut mir leid, aber da kann ich dir nichts versprechen." "Dafür musst du mir etwas anderes versprechen." "Was denn?" "Sei ehrlich zu mir. Und versuch nicht, dich zu verstellen, um mich zu schonen. Ich mag das nicht." "Wer mag das schon? Gut, ich verspreche es dir." Und im Geiste kreuzte Chris seine Finger.
Einige Minuten später waren sie auf dem Weg zum Sozialamt. Doch Chris hatte keinen Grund, sich aufzuregen, da für Bernhard schon alles in die Wege geleitet war und er in den nächsten Tagen einen positiven Bescheid erhalten würde. Wenigstens konnte Chris seinen Frust bei Schröder los werden. So wie Schröder bei ihm reingeplatzt war und rumbrüllte, so machte Chris es jetzt bei seinem Kollegen. Er machte ihn rund und empfahl ihm, demnächst gründlicher zu recherchieren und sich einmal bei Bernhards Klassenkameraden umzuschauen. Auch der Termin beim Staatsanwalt war schnell abgehakt. Die nächsten Tage verliefen recht ereignislos. Doch das, was Chris befürchtet hatte, war eingetreten. Engin verhielt sich ihm gegenüber anders. Es war nichts Offensichtliches. Oberflächlich betrachtet war ihr Verhältnis genauso ungezwungen und kumpelhaft wie vor der Begegnung mit Bechthold. Aber Chris ertappte Engin immer öfter dabei, dass dieser ihn anstarrte, wenn er sich unbeobachtet glaubte. Und er hatte das Gefühl, dass Engin seine Arbeit viel kritischer hinterfragte als bisher.
Zwei Wochen später hatte Chris den Eindruck, dass sein Leben wieder in gewohnten Bahnen lief. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen hatte Chris befürchtet, Bechthold könnte ihn aufspüren und zum Kampf fordern. Doch dieser hatte keinen Versuch unternommen. Weder die Telefonmitschnitte, noch die Observation ließen darauf schließen, ob Bechthold sich überhaupt dafür interessiert hatte, ihn - Chris - zu finden. Selbst Bernhard hatte seine Ruhe und die Unterstützung vom Sozialamt. Es war Montagabend und er hatte mal wieder ein Trainingswochenende mit Adam überlebt. Allerdings nur, weil er unsterblich war und sein Körper sich regenerieren konnte. Inzwischen benötigte er für seine Auferstehung keine drei Stunden mehr, wenn er einfach nur erschossen worden war. Auch wenn er es sich noch so oft einredete: Zu sterben und anschließend wieder von den Toten auferstehen würde niemals Routine werden. Doch er saß nicht alleine im Büro, weil er darüber nachgrübeln wollte, sondern weil Mike ihn Freitag gefragt hatte, ob es eine Möglichkeit gab, einmal miteinander in Ruhe und ohne Termindruck zu sprechen. Er hatte dabei ziemlich rumgedruckst und Chris hatte den Eindruck, dass dieses Gespräch ohne Carola und ohne Engin stattfinden sollte. Und da Engin inzwischen immer montags schwimmen ging, hatte Chris diesen Abend vorgeschlagen. Und jetzt wartete Chris, dass Mike nach seinem Schichtende bei ihm auftauchte. Um nicht weiter irgendwelchen trüben Gedanken nachzuhängen, nahm er sich den neuesten Bericht aus Hamburg vor. Doch leider hatten Bronski und Bernstein auch nichts Entscheidendes herausgefunden. Es war schon seltsam. Er arbeitete mit der Kripo in Hamburg zusammen, die den Verdacht hatten, dass einige Zollbeamte im Harburger Amt bestechlich waren. Aber wirkliche Beweise gab es keine. Selbst die Kontenabfrage der Verdächtigen brachte sie nicht weiter. Und dann war noch die Frist, die ihm der Staatsanwalt gestellt hatte. Wie hatte er das bei der letzten Besprechung formuliert? "Herr Schwenk. Wir werden Ende Januar zugreifen. Egal wie weit Sie dann sind. Sie wissen, wie kostenintensiv Ihre Recherchen sind. Und in den letzten Wochen haben Sie fast gar keine Fortschritte gemacht. Wir haben genügend Beweise vorliegen, um den Großteil der Verdächtigen in U-Haft zu nehmen. Wenn dann auch noch die Ergebnisse der Hausdurchsuchungen kommen, werden Sie sehen, dass Sie hervorragende Arbeit geleistet haben und alle langjährige Haftstrafen bekommen werden. Machen Sie sich keine Sorgen, das wird klappen." Und doch konnte er die Sorgen nicht verdrängen. Er traute der Ruhe nicht. Bechthold plante etwas. Aber was? Chris legte Bronskis Bericht zur Seite und nahm sich noch einmal die Dokumentation von Bechtholds Telefonaten, aber bevor er sich einlesen konnte, klopfte es an der Tür. "Komm rein!" Wie erwartet war es Mike. Nach kurzem Zögern setzte er sich auf Engins Platz. "Willst du einen Kaffee?" "Um die Uhrzeit? Nein, danke. Ich schlaf' zur Zeit eh schon schlecht genug." "Ist Klaus immer noch auf der Fortbildung? Wie lange geht das denn noch?" "Du kennst mich einfach zu gut. Diese Woche noch und dann ist er wieder zu Hause. Deswegen habe ich auch ein Attentat auf dich vor." "Stop! Bevor du weitererzählst, hole ich mir einen Kaffee, denn sonst bin ich unerträglich." "Ach, macht der Kaffee einen Unterschied? Das muss ich mir merken." Der Blick von Mike war eher erstaunt als neugierig und dann grinste er, als er sich erinnerte: Als sie damals noch Partner gewesen waren, hatte Mike ihm einmal Baldriantropfen in den Kaffee getan, um ihn zu beruhigen. Nicht dass es gewirkt hätte, aber eine Zeit lang war der Spruch, dass Kaffee seine Stimmung dämpfen würde, ein Running Gag zwischen ihnen gewesen. "Nicht wirklich, aber ich habe etwas zum Festhalten." Währenddessen stand Chris auf und holte sich seinen Kaffee. Statt sich wieder hinzusetzen, lehnte er sich an Engins Schreibtisch. Dabei schaute er auf Mike hinab. Sie kannten sich lange genug, als dass sich Mike deswegen unbehaglich fühlen würde. "Okay, jetzt kannst du losschießen." "Iris hat mich Donnerstag angerufen. Sie hat Carola, den Lütten, Klaus und mich über Weihnachten nach Norwegen eingeladen. Du wirst es nicht glauben, sie hat tatsächlich ihr Ferienhaus gekauft und will die Feiertage nicht alleine dort verbringen. Aber Carola und ich haben dann Dienst." "Und jetzt willst du wissen, ob ich da was für euch drehen kann?" Jetzt, wo Mike sein Anliegen geäußert hatte, wirkte er wesentlich entspannter. "Bevor ich mit Carola und Klaus über die Einladung rede, will ich wissen, ob es überhaupt die Möglichkeit gibt, Urlaub zu bekommen." "Kann ich verstehen. Acht von unseren zwölf Teams im Außendienst haben schon vor Monaten für die Feiertage Urlaub beantragt. Acht Leute brauche ich über Weihnachten, um wenigstens Bechthold rund um die Uhr zu überwachen. Was meinst du, was mir Deichsel und Kallenbach erzählen, wenn ich denen den Urlaub streiche? Das gilt auch für den Rest." Mike sah so aus, als ob er es nicht anders erwartet hatte. "Ich hab's mir gedacht. Aber du kennst ja Iris. Ein Versuch war's wert." "Ich könnte dir eine Lösung anbieten, aber ich muss vorher mit Engin drüber reden." "Und die wäre?" "Dass wir euren Feiertagsdienst übernehmen. Wenn Engin einverstanden ist, dann kannst du vom dreiundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten weg." "Ich dachte, dass du und deine Freundin die Feiertage in Paris-" "Vergiss es. Ich habe ihre Familie einmal getroffen und das reicht mir. Nicht nur, dass sie die ganze Zeit französisch sprechen und ich kein Wort verstehe. Ihre Mutter hat eine Stimme, dass mir die Ohren klingeln, wenn ich nur dran denke. Und nerven tut die... Nee..." Chris schüttelte den Kopf. "... da such ich mir doch besser eine gute Ausrede, plane mir einen schönen Dienst ein und bleibe hier." "Du hast aber auch ein Glück mit deinen Schwiegermüttern. Weißt du noch, als Gabis Mutter versucht hat, dich zu verführen..." Alleine der Gedanke an diese Frau verursachte bei Chris Bauchschmerzen. "Erinnere mich bloß nicht daran. Gabi belagerte ja schon jeden Morgen mindestens zwei Stunden das Bad, um ihre Kriegsbemalung aufzulegen. Und im Vergleich zu ihrer Mutter war sie noch dezent geschminkt. Und dann die Duftwolke, von der die umgeben war... So anstrengend Iris auch ist, sie war mir von allen die Liebste." Vorsichtig tastete Chris sich vor. Er witterte eine Möglichkeit, wieder etwas über Eddie zu erfahren. Mike kämpfte dagegen mit einem Lachanfall. "Iris hat mir aber erzählt, dass sie es auch mal versucht hat." "Versucht? Wenn sie damit die Sache beim Italiener meinte: Das war ein Frontalangriff erster Klasse. Damals wusste sie aber nicht, dass sich da was zwischen mir und Eddie anbahnte. Und sie hat den Korb mit Humor genommen." "Ja, so ist sie. Es hat lange gedauert, bis sie nicht mehr versucht hat, Eddie und mich wieder zu verkuppeln, aber seitdem ist sie die beste Freundin, die ich mir vorstellen kann. Damals, nach diesem verdammten Autounfall, hat sie mir einige fantastische Ärzte empfohlen. Ohne diesen Tipp hätte es noch Monate gedauert, bis ich wieder fit gewesen wäre. Ich verdanke ihr sehr viel." Auch Chris erinnerte sich an diese Zeit. Damals, als er merkte, dass Eddie der Richtige für ihn war und er bei Eddie einzog. Und Iris, die dem ganzen Chaos die Krone aufsetzte und sie heimsuchte. Aber dann hatte sie ein Einsehen und ließ sie für mehrere Wochen in Ruhe. Stattdessen nahm sie Mike unter ihre Fittiche und organisierte nicht nur bessere Ärzte für ihn, sondern plante auch seine Hochzeit. Eben typisch Iris. Seit diesen glücklichen Zeiten waren noch nicht einmal zwei Jahre vergangen. Für Chris war es eine Ewigkeit. Und durch seine Unsterblichkeit hatte sich alles geändert. Aber es brachte nichts, den alten Zeiten hinterher zu trauern, er musste sich mit der Gegenwart abfinden. Und Eddie war ein fester Teil davon. Auch wenn er ihn nur aus der Ferne beobachten konnte. "Wie bringt sie euch eigentlich in ihrem Ferienhaus unter? Wenn ihr vier dort aufschlagt und Iris und Eddie noch da sind, dann wird es doch sehr eng." Mike schnaubte nur verächtlich. "Eddie hat seit einigen Wochen einen neuen Lover. Und Iris hasst diesen Thomas. Keine Ahnung warum. Ich hab ihn bisher einmal gesehen, kann aber nichts über ihn sagen, da er sich zurückgehalten hat. Jedenfalls feiert Eddie Weihnachten in Frankfurt." So stur konnte auch nur Iris sein. Den Ex ihres Sohnes einladen, weil sie den Neuen nicht ausstehen konnte. Darüber konnte Chris nur den Kopf schütteln. "Wenn Iris ihn hasst, dann will ich nicht wissen, was er angestellt hat. Marco hatte sie damals auch nicht gemocht. Genauso wenig wie alle anderen, von denen sie denkt, dass sie Eddie auf eine schiefe Bahn bringen könnten." Dieser Kommentar schien bei Mike einige Überlegungen auszulösen. Er schwieg ein paar Minuten und stimmte Chris dann zu. "Das könnte es sein. So plötzlich wie der in der Szene aufgetaucht ist. Keiner kennt ihn und keiner weiß was über ihn. Vielleicht sollte ich ihn überprüfen." "Und wenn Eddie das rausbekommt, dann hast nicht nur du mit ihm Krach, sondern auch Klaus." "Und wenn Iris das auch noch mitbekommen sollte..." "... dann solltest du dich Weihnachten warm anziehen. Oder sie knutscht dich vor Dankbarkeit ab und vermittelt." Beide grinsten bei diesem Gedanken. Bis Mike den Faden wieder aufnahm. "Stimmt, bei Iris weiß man nie, was sie nun vorhat. Das macht sie ja so interessant." Und anstrengend. "Aber wenn wir über die alten Zeiten quatschen wollen, dann sollten wir uns doch besser eine gemütliche Kneipe suchen. Ich persönlich hocke schon lange genug in diesem Büro und will langsam raus." Doch Mike schüttelte den Kopf. "Sorry, aber ich habe auch noch was Dienstliches. Aber danach kannst du mich gerne zu einem Bier einladen." "Wieso sollte ich dich einladen? Dir fällt doch die Decke auf dem Kopf, weil du alleine bist." "Stimmt, das tut es. Und Carola und Klaus werden garantiert sauer sein, wenn sie herausfinden, was ich in der letzten Zeit gemacht habe." Das hörte sich nicht gut an. "Okay, dann beichte mal." "Zu beichten gibt es nichts. Nur..." Mike schien nach den passenden Worten zu suchen. Dann überlegte er es sich anders, griff in seine Jacke und zog einen Umschlag raus, den er auf den Schreibtisch warf. Den fragenden Blick von Chris beantwortete er mit einem Achselzucken. So blieb Chris nichts anderes übrig, als seine Kaffeetasse abzustellen, den Umschlag zu nehmen und zu öffnen. Er entnahm ihm drei Fotos. Es waren zwei Männer und eine Frau, aber er kannte sie nicht. "Und wer soll das sein?" "Das sind Ursula und Peter Meyer. Seit zwei Jahren verheiratet. Der andere Typ ist Andreas Michells, Ursulas Bruder. Laut meiner Recherchen haben sie in Rödelheim eine kleine Buchhandlung, die aber ziemlich gut läuft." "Und was hat das mit Bechthold zu tun?" "Tja, das weiß ich auch nicht so genau. Außer, dass sie Bechthold beschatten." "Bitte?" Das gibt es doch nicht! Wer ist denn so verrückt? "Doch, du hast richtig gehört. Sie arbeiten genauso im Schichtdienst wie wir. Sie sind mir vor etwas mehr als einem Monat durch einen Zufall aufgefallen und seitdem habe ich in meiner Freizeit recherchiert." "Weiß Carola davon?" Mike schüttelte den Kopf. "Sie hat doch manchmal schon Probleme, einen Babysitter für Thorsten zu bekommen, wenn wir dienstlich unterwegs sind. Auch wenn wir im letzten Jahr für unsere Verhältnisse sehr vorplanbare Dienste hatten." "Soll ich das so interpretieren, dass Carola dir die Ohren lang gezogen hätte und ihr jetzt zu zweit vor mir sitzen würdet, wenn du es ihr erzählt hättest?" "Ja, und Klaus wäre in den letzten Wochen tausend Tode gestorben. Du kennst ihn ja. Deswegen habe ich meine Klappe gehalten und alleine gearbeitet." "Und was wäre, wenn wirklich was passiert wäre?" Chris konnte nicht mehr ruhig sein. Er fing an, unruhig im Büro auf und ab zu gehen. "Okay, ich muss wohl akzeptieren, dass der einsame Wolf mal wieder unterwegs war. Aber da ich im Moment praktisch dein Vorgesetzter bin, kann ich solche Alleingänge einfach nicht gutheißen. Was soll ich jetzt tun?" Mike hatte sich umgedreht, um Chris' Bewegungen zu folgen. "Es ignorieren. Die Gefahr war verschwindend gering, da sie immer allein unterwegs waren. Und ich habe aufgepasst, in keine brenzlige Situation zu geraten. Ich bin lang genug dabei, um zu wissen, wie viel ich riskieren kann." Oh ja, ich werd's auf deinen Grabstein einmeißeln lassen. Er verkniff sich aber einen weiteren Kommentar. Es war eh zwecklos, wenn Mike dieses 'Ich muss die Welt retten'-Gesicht machte. Das sparte er sich für einen besseren Moment auf. "Gut, dann erzähl mal, was du sonst noch weißt." "Nichts. Außer dass mir Ursula zum ersten Mal vor etwa einem Monat aufgefallen ist, ich kann dir nicht mal sagen, in welchem Zusammenhang es war, keine Ahnung." Chris stoppte seine Wanderung, ließ sich auf seinen Stuhl fallen und hörte zu. "Einige Tage später sah ich sie dann wieder. Es war, als Bechthold einen Banktermin hatte. Sie war wie eine Bankangestellte gekleidet. Wenn ich sie nicht schon mal gesehen hätte, dann hätte ich sie noch nicht mal registriert. Ich weiß nicht wieso, aber bei mir schlug eine Alarmglocke an und da ich nichts in der Hand hatte, fing ich an zu recherchieren. Dabei habe ich festgestellt, dass entweder sie, ihr Mann oder ihr Bruder immer in der Nähe waren, wenn Bechthold unterwegs war. Verdammt, die müssen mehr über ihn wissen, als wir in unseren kühnsten Träumen jemals über ihn herausfinden. Denn sie überwachen ihn nicht jede Nacht. Weißt du, wenn sie Feierabend machen und abziehen, dann läuft wirklich nichts mehr. Und als vorige Woche Deichsel und Kallenbach Bechthold für einige Stunden verloren hatten, da haben sie ihn keinen Moment aus den Augen verloren." Das war etwas Neues. Chris erinnerte sich genau, wie angesickt die zwei wegen dieses Vorfalls gewesen waren. "Woher weißt du das?" "Ich habe Andreas Michells verfolgt. Es war einfach, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, da er sich ganz auf Bechthold konzentriert hat. Verdammt, ich kann unser Dream-Team nicht ausstehen, aber sie sind normalerweise die Besten, was Observation und Verfolgung betrifft." "Und dann hast du es nicht nötig gehalten, uns darüber zu informieren? Herrgott verdammtnochmal, Bechthold hätte in den Stunden den großen Deal drehen können." "Da ist nicht viel passiert. Ich kann dir keine Details liefern, weil ich mich halt hinter Michells geklemmt hatte und ihn im Auge behalten hatte, aber wenn etwas Wichtiges passiert wäre, dann hätte ich dich sofort informiert. Und außerdem wollte ich das mit dir alleine besprechen." Da seine Kaffeetasse auf Engins Tisch stand, nahm Chris einen Bleistift und spielte damit. Er brauchte etwas, um seine Finger zu beschäftigen. "Hast du ihre Akten überprüft?" "Die sind sauber. Alle drei haben einen lückenlosen Lebenslauf. Aufgewachsen sind sie in Frankfurt. Das zwischen Ursula und Peter ist wohl eine Art Sandkastenliebe, da ihre Eltern befreundet waren. Sie haben gemeinsam ihre Ausbildung zu Bibliothekaren in Paris gemacht und sind wieder nach Deutschland gekommen, um ihre Buchhandlung aufzumachen. Außer einem Ticket wegen überhöhter Geschwindigkeit findest du nichts. Ich frage mich wirklich, warum die hinter Bechthold her sind." "Nicht nur du. Warst du schon in der Buchhandlung?" Doch Mike schüttelte den Kopf. "Nee, das habe ich gelassen. Ich wollte nicht mehr Risiken eingehen als unbedingt notwendig." "Gut, dann werden Engin und ich das morgen übernehmen. Vorausgesetzt, du willst es nicht selber machen." "Danke fürs Angebot. Aber ich möchte nicht, dass Carola von meinem 'Hobby' der letzten Wochen erfährt." "Du meinst, sie hält dir sonst 'ne Standpauke?" "Sie wird mir, wie du es schon gesagt hast, die Ohren lang ziehen." Chris setzte sich gerade hin, legte den Stift zur Seite und sah Mike an. So lange, bis diesem unbehaglich wurde. "Tja, und das ist genau der Grund, warum ich es ihr erzählen werde. Denn eins schreib' dir hinter die Ohren. Wenn du noch einmal in irgendeiner Art und Weise meinst, als einsamer Wolf ermitteln zu müssen, dann hast du ein Disziplinarverfahren an der Backe, das es in sich hat." Eigentlich wollte Chris Mike nur klar machen, dass er Scheiße gebaut hatte. Er stand auf und wanderte wieder unruhig auf und ab. "Weißt du, dass fast alle Polizisten im Dienst verletzt werden, weil sie die Risiken falsch eingeschätzt haben? Weißt du, dass man bei einem Grossteil der im Dienst gestorbenen Beamten auf den Grabstein meißeln kann, dass sie auch dachten, die Situation im Griff zu haben? Verdammt noch mal! Ich habe keine Lust, noch einmal bei Klaus vor der Tür zu stehen und ihm zu sagen, dass dir was passiert ist. Besonders wenn es deine eigene Dummheit war. Warum vertraust du mir nicht?" Chris tat das, was er jetzt für angebracht hielt: Er schrie Mike zusammen, damit er es kapierte. Er wurde in seinem Stuhl richtig klein. "Aber ich vertraue dir!" "Und warum bist du dann nicht schon viel früher zu mir gekommen? Himmel noch mal! Ich vertraue dir, wenn du mir sagst, dass irgendwo etwas nicht stimmt, und ich hätte doch was gedreht, damit du in Ruhe und mit Rückendeckung der Sache nachgehen kannst. Aber nein, der Herr Niemcek musste sein eigenes Ding drehen. Warum, Mike? Warum hast du es wider besseres Wissen gemacht?" "Ich... Ich dachte... und ich hatte doch keinen Beweis. Und eine wirkliche Freundschaft verbindet uns in den letzten Monaten doch auch nicht mehr. Du hast mit Bechthold genug Stress und da wollte ich dich nicht mit dieser aberwitzigen Vermutung belästigen." Die erste Wut war verraucht, als Chris Mike ansah. Er wirkte richtig deprimiert. So war seine Stimme auch schon wesentlich ruhiger, als er weitersprach. "Erstens bin ich immer noch dein Freund. Dass du zwischenzeitlich anders von mir dachtest, hat damit nichts zu tun. Und bei unseren Ermittlungen treten wir seit über einem Monat auf der Stelle. Es ist fast schon langweilig. Da wäre ich über die Ablenkung wirklich dankbar gewesen, was meinst du, warum ich dir das Angebot mit Weihnachten gemacht habe? Ich muss mal was anderes machen, bevor ich noch wahnsinnig werde. Und so wie ich deinen Riecher kenne, könnten die drei sogar der entscheidende Fingerzeig in unserem Fall sein. Denn wer hatte damals die 'aberwitzige Vermutung', dass Bechthold ein großer Fisch sein könnte? Das warst doch du!" "Ja, und? Was hat es mir eingebracht? Verdammt, du bist fein raus. Seitdem du den Fall übernommen hast, ist es mit deiner Karriere doch steil bergauf gegangen. Bei mir hat sich doch seit Jahren in dieser Hinsicht nichts getan." Das hatte Chris nicht erwartet. Er hatte bei Mike den Eindruck gehabt, dass er mit seinem Leben und seinem Beruf zufrieden war. So zufrieden, wie man als Schwuler im Polizeidienst nun mal sein konnte. Aber die gelegentlichen Hänseleien nahm Mike immer mit viel Humor und er hatte letztendlich die Lacher auf seiner Seite. "Das ist doch nicht alles? Das kann doch nicht dein einziger Grund sein, so leichtsinnig zu sein!" "Ich weiß nicht, ob du es verstehst, es ist schwer zu begreifen." Ich habe in der letzten Zeit mehr begreifen müssen als mir lieb ist. "Ich habe heute Abend außer einer Trainingseinheit im Center nix vor und die ist schnell abgesagt. Ich höre." Es würde nichts bringen, weiter vor Mike hin und herzulaufen, deswegen hockte sich Chris auf den Schreibtisch. "Das ist auch ein Grund." "Was? Wenn du in Rätseln sprichst, dann werde ich dich nicht verstehen. Bitte, Mike, erzähl mir in einfachen, verständlichen Worten, was mit dir los ist." "Dann schau dich mal an. Du bist in den letzten Monaten nicht nur die Karriereleiter hochgestolpert, sondern hast auch sonst an dir gearbeitet. Auf den Fluren erzählt man sich inzwischen, dass du der Schwarm aller weiblichen Beamten bist und natürlich auch der schwulen Jungs. Selbst Carola hat letztens erwähnt, dass du dich verändert hast und mit der Eleganz eines Raubtiers bewegst." Adam ist das Raubtier, nicht ich. Mike schaute zur Seite, bevor er weitersprach. Es schien, dass er Chris nicht mehr in die Augen schauen konnte. "Ich dagegen kann noch nicht mal mehr vernünftig boxen, weil mein Knie nicht mehr voll belastbar ist und auch nie wieder sein wird. Für den normalen Dienst reicht es, aber wenn's denn mal wieder besonders stressig war, dann brauche ich abends Eisbeutel, damit es nicht mehr so schmerzt. Klaus dagegen hat es Ende Oktober beim Marathon-Festival geschafft, in die Top Ten seiner Altersklasse zu kommen. Und wenn er jetzt den Lehrgang hinter sich hat, dann wird er Filialleiter. Und was ist mit mir? Ich hatte vielleicht diese 'aberwitzige Idee' mit Bechthold, aber nicht den Mut, so weit zu gehen, wie du es getan hast. Du hast ja auch privat ermittelt. Und bist jetzt dafür befördert worden." Chris wusste nicht so recht, was er dazu sagen sollte. Früher hätte er so etwas als 'Schwulending' bezeichnet und an Eddie weitergereicht. Aber es gab keinen Eddie mehr in seinem Leben und er musste selbst da durch. Er sah auf Mike, der immer noch seinem Blick auswich und ziemlich verkrampft auf seinem Stuhl saß. Scheinbar wartete er darauf, dass er wie ein Donnerwetter über ihn kam. Aber das würde er nicht bekommen. Denn Chris wusste, dass er ihn für heute schon mehr als fertig gemacht hatte und jetzt schauen musste, dass er ihn wieder aufbaute. Wenn er vorher gewusst hätte, dass Mike solche Probleme mit sich rumschleppte, dann wäre er gar nicht erst laut geworden. Schlimm genug, dass Mike diese Selbstzweifel überhaupt hatte. Ich sollte mal mein Gehirn einschalten, bevor ich rumbrülle. "Im Gegensatz zu dem, was du dir die letzten Wochen geleistet hast, habe ich es mit Wissen und Duldung von Krause gemacht. Und Engin war als Rückendeckung immer dabei. Und was deine anderen Probleme betrifft-" Ein Grinsen wollte Chris einfach nicht gelingen. "Ich bin nicht gut in solchen Dingen. Da gibt es bestimmt Leute, die es wesentlich besser ausdrücken können. Ach verdammt!" Chris stand auf, wollte seine Wanderung wieder aufnehmen, besann sich eines besseren und ging zu Mike. Er legte eine Hand auf die Schulter seines Freundes. "Glaubst du, dass es irgendjemand, der dich kennt, wichtig ist, was für einen Dienstrang du hast und ob du körperlich topfit bist? Vergiss es. Dafür hast du so viele andere Eigenschaften, die zählen. Wenn du willst, dann zähle ich sie dir alle auf, aber dann übernachten wir besser hier, denn es wird Stunden dauern, bis ich damit fertig bin." "Ich will." "Bitte?" "Ich will, dass du mir meine ganzen positiven Eigenschaften aufzählst. Du hast es mir doch gerade angeboten." Wieso musste Mike ihn nur wörtlich nehmen? Konnte er nicht verstehen, dass das Ganze- Doch als Chris in Mikes Gesicht sah, wusste er, dass dieser ihn nur foppte. Der leicht verbitterte Ausdruck war aus seinem Gesicht verschwunden, stattdessen lag die Andeutung eines Lächelns auf seinen Zügen. Wieso habe ich diesen Stimmungswechsel nicht mitbekommen? Den Schlag gegen die Schulter wehrte Mike locker ab. "Verdammt, Mike. Warum kommst du eigentlich auf so dumme Gedanken?" "Klaus ist nicht da, um mir den Kopf zurechtzurücken." Wusste Mike eigentlich, was für ein Glück er hatte? Dass er einen Menschen hatte, den er über alles liebte und mit dem er zusammen alt werden konnte? "Du bist ein Glückspilz!" Der Kommentar war Chris herausgerutscht, bevor er ihn stoppen konnte. Dafür wurde er von Mike aufmerksam gemustert. Dieses Mal war es Chris, der sich unbehaglich fühlte. "Weißt du, die anderen mögen ja sagen, was sie wollen. Aber wenn ich dich näher betrachte, dann frage ich mich, was los ist. Denn so sollte ein erfolgreicher Mann, der eine glückliche Beziehung hat, nun wirklich nicht aussehen. Komm Chris, wir kennen uns lange genug. Wenn du mir schon meine Sorgen aus der Nase ziehst und mich aufbaust, dann kannst du mir auch erzählen, was dich bedrückt." Chris' einzige Antwort war ein Kopfschütteln. Er ging auf Abstand zu Mike, drehte sich um und schaute aus dem Fenster. Warum fiel es ihm in der letzten Zeit immer schwerer, seine Schilde hoch zu halten? Verdammt, er hatte Mike sogar zu einem Kneipenbesuch eingeladen. Aber er konnte ihm einfach nicht erzählen, wie es in seinem Herzen aussah. "Tja, da du nicht mal versuchst, es abzustreiten, gehe ich davon aus, dass ich Recht habe. Wenn du irgendwann jemanden zum Reden brauchst, dann bin ich für dich da. Und das mit dem Kneipenbesuch sollten wir heute besser lassen. Ich muss noch über die Sachen, die du mir an den Kopf geknallt hast, nachdenken. Danke und es wird nicht mehr vorkommen." Chris hörte, wie Mike aufstand und zur Tür ging. Bevor er das Büro verließ, hatte Chris den Eindruck, dass er sich noch mal umdrehte, sagte aber nichts mehr. Und dann hörte Chris nur noch, wie die Türe leise zugemacht wurde. Ich möchte wieder einen Sonnenaufgang erleben. Und dabei war es November. Es gab an diesem Abend keinen Sternenhimmel zu sehen, weil dichte Wolken über Frankfurt hingen, und in dem Moment, wenn sich die Sonne über den Horizont kämpfte, würde er wahrscheinlich unter der Dusche stehen. Auch wenn er einmal gedacht hatte, dass die Wunde in seinem Herz vernarbt wäre: Er hatte das Gefühl, dass sie gerade eben wieder aufgebrochen war. Eddie, ich vermisse dich so sehr.
Aber er war natürlich nach Hause gefahren, hatte seine üblichen Trainingseinheiten durchgearbeitet, hatte geschlafen, war aufgestanden und hatte einige Kilometer auf dem Laufband abgerissen. Und als die Wolken aufrissen und die Sonne über Frankfurt aufging, da stand er tatsächlich unter der Dusche. Dort plagte er sich mit ganz anderen Gedanken. Denn es würde nicht einfach werden, Engin davon zu überzeugen, Bechthold über Weihnachten zu observieren. Nicht, nachdem Engin den Eindruck hatte, dass Bechthold bei ihm Panikattacken verursachen würde. Womit er leider Recht hatte. Aber Chris war es leid. Adam würde zwar sagen, dass er noch lange nicht so weit war, um Bechthold in einem ehrlichen Kampf zu besiegen. Aber Adam hatte ihm auch genügend dreckige Tricks gezeigt, mit denen er Bechthold ganz locker beseitigen konnte. Vorausgesetzt Bechthold nahm ihm wirklich den absoluten Anfänger ab. Und dann war da noch dieses seltsame Trio. Aber das würde ihr Job für den Nachmittag werden. Ein Besuch in der Buchhandlung konnte bestimmt sehr interessant werden. Auch wenn Chris noch nicht wusste, was da genau auf ihn zu kam. Aber es war schon sehr seltsam, dass einer der übelsten Mafiabosse so erfolgreich von scheinbaren Zivilisten beobachtet wurde. Noch schlimmer war, dass seine Jungs das bisher noch nicht einmal mitbekommen hatten. Wenn Mike nur nicht diesen Alleingang gemacht hätte... aber Chris hatte da schon eine Idee, wie er ihm helfen konnte.
Im Büro wartete er erst einmal ab und lotete Engins Stimmung aus. Denn wenn er mies drauf war, dann konnte er seine Idee erst mal vergessen. Engin war an diesem Morgen blendender Laune. Er schwärmte von einer schönen Blonden, die er beim Schwimmen kennen gelernt hatte. So sehr es Chris auch reizte, aus diplomatischen Gründen hielt er seine Klappe und gab keine sarkastischen Kommentare ab. Irgendwann fiel es auch seinem Partner auf. "Chris? Alles in Ordnung mit dir? Du bist so ruhig und sagst zu allem nur ja und amen." "Ja, aber ich habe gleich ein Attentat auf dich vor und da ist es wohl besser, dass du mich vorher nicht mit deinem Kugelschreiber bewirfst." "Ich werfe nicht mit Kugelschreibern!" "Okay, dann halt mit Bleistiften und Textmarkern. Wo ist da der Unterschied?" "Versuch mal, die Flecken von Kugelschreibern in deinen Klamotten auszuwaschen, dann weißt du, wo der Unterschied ist. Und jetzt schieß los. Was willst du?" Engin saß ganz entspannt in seinem Stuhl und schlürfte Kaffee. "Ich habe Mike angeboten, über die Feiertage seinen Dienst zu übernehmen." Damit hatte Engin nicht gerechnet. Er verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall. Als er sich erholt hatte, sah er Chris forschend an. "Das ist doch nicht dein Ernst? Du willst Bechthold observieren?" "Doch, ist es. Was spricht dagegen?" Statt zu antworten, drehte sich Engin zu seinem Computer und gab einige Daten ein. Chris ahnte Schreckliches, als einen Moment später ein Post-it auf seinem Bildschirm erschien. Der Computerexperte hatte es sich schon lange abgewöhnt, Engin abzumahnen. Spätestens, seitdem Engin seinen eigenen Computer mitgebracht hatte, der internetfähig war und an dem er die meiste Zeit arbeitete. Und da Chris einen externen Rechner hatte, um den ihn alle beneideten, hatten sie die beiden Computer miteinander vernetzt. Der Link, den Engin ihm geschickt hatte, zeigte ganz genau, was dieser von seinem Plan hielt. Es war eine Google-Suche mit dem Begriff 'Chatraum für Selbstmörder'. "Was soll ich mit diesem Link?" "Gehe in die Chatrooms, quatsche mit den Leuten und wenn du dann immer noch Selbstmord begehen willst, dann such dir eine Methode, bei der du mich außen vor lässt. Du bist wahnsinnig, wenn du das machst. Du schlotterst doch vor Angst, wenn du Bechthold nur siehst." "So schlimm ist es auch nicht." "Bitte? Erinnere dich, wie du bei Bernhard reagiert hast. Was war das denn? Ich weiß zwar nicht, welche Gründe wirklich dahinterstecken, da du mir ja nichts Genaues erzählst, aber ich mache da nicht mit." Dieses Mal war es Engin, der aufstand und unruhig auf und ab ging. "Es tut mir leid, aber zum einen ist es sicherer, wenn du nicht die ganze Wahrheit erfährst, und zum anderen würdest du sie mir eh nicht glauben. Ich habe auch einige Zeit gebraucht, um es zu akzeptieren." "Erzähl es mir und dann wirst du es wissen." "Ich würde es gerne, Engin, aber so ist es besser. Aber zurück zum Thema. Ich bin es satt, Angst zu haben, wenn ich nur an ein Treffen mit Bechthold denke. Da er ein guter Christ ist und jeden Sonntag in die Kirche geht, wird er auch Heiligabend zur Messe gehen. Wenn wir dann auch in die Kirche gehen, dann kann ich ihn mir in Ruhe anschauen und meine Angst bekämpfen. Ich bin nicht der Typ, um darauf zu warten, dass Bechthold mir eine Falle stellt." Engin setzte sich wieder und musterte Chris. "Wenn ich nur wüsste, worum es wirklich geht. Ich habe doch gar keine Ahnung, um welchen Einsatz ihr da spielt. Und wie hast du dir das mit den anderen Tagen vorgestellt?" Was kann ich ihm anvertrauen? Die Entscheidung fiel Chris nicht leicht. Aber wenn es einen Menschen gab, dem er vertraute, so war es Engin. Und irgendwie hatte er damit gerechnet, dass diese Fragen kamen. "Der Einsatz ist mein Leben, oder auch Bechtholds. Es hört sich blöd an, aber auf uns trifft der Spruch 'Es kann nur einen geben' zu. Vorausgesetzt er erwischt mich, bevor ich ihn in den Knast schicke. Aber er ist nicht der Einzige, früher oder später werden andere aus unserer Familie auftauchen, die meinen Kopf wollen. Und deswegen sollte ich mich ganz schnell damit abfinden, gejagt zu werden. Falls ich nicht selbst zum Jäger werde. Und was den Rest der Feiertage angeht..." Chris zuckte mit den Achseln. "Wenn es so läuft wie letztes Jahr, dann wird er an den beiden Weihnachtsfeiertagen Hof halten und wir haben mehr als genug damit zu tun, seinen Besuch zu fotografieren und zu erfassen." "Und das soll ich dir glauben? Das mit deiner Familie? Tisch anderen dieses Märchen auf, aber nicht mir." "Ich habe dir doch gesagt, dass du es mir nicht glauben wirst. Aber ich lüge dich nicht an. Ehrenwort." Man konnte Engin ansehen, dass er mit sich rang, ob er ihm glauben sollte oder nicht. Dann schien er sich zu einer Entscheidung gekommen zu sein. "Es tut mir leid, Chris, aber ich glaube dir nicht. Wir sind seit über zwei Jahren Partner, aber wie du dich in der letzten Zeit verändert hast...Alleine der Zwischenfall bei Bernhard... Es tut mir leid, ich vertraue dir nicht mehr so sehr, dass ich mit dir auf die Strasse gehen könnte." Das tat weh. Dabei war Engin der einzige Mensch, zu dem Chris rückhaltloses Vertrauen hatte. Er hatte ihm mehr über sich erzählt als er irgendeinem anderen. Doch Engin sah es anders. Erst als der Bleistift zwischen seinen Fingern brach, merkte Chris, dass er damit gespielt hatte. Die beiden Stücke warf er zur Seite und blickte dabei Engin an. Dieser sah ihn an, als ob er eine Antwort erwarten würde. Doch was sollte er ihm sagen? Chris stand auf und ging zum Fenster. Nur keine Schwäche zeigen, denn das macht dich angreifbar. Ausgerechnet Engin... "Wenn du so denkst... Irgendwie kann ich dich verstehen. Wenn du mir diese Geschichte auftischen würdest, dann hätte ich dir wahrscheinlich auch einen Korb gegeben. Schade, dass es so endet. Können wir den Fall noch als Bürohengste zusammen abschließen oder wie hast du dir das gedacht?" Von Engin kam keine Antwort. Chris fragte sich, ob er damals nicht besser auf Amandas Rat gehört hätte, nach seinem ersten Wiedererwachen alle Brücken abzubrechen und ein neues Leben zu beginnen. Es hätte zwar geschmerzt, aber es wäre bei weitem nicht so schmerzhaft gewesen wie dieser Tod auf Raten, den er jetzt erlebte. Und Engin schwieg noch immer. Irgendwann hielt Chris diese Stille nicht mehr aus und drehte sich zu Engin. Der saß immer noch an seinem Schreibtisch, doch seine Augen folgten jeder seiner Bewegungen. "Und? Ist es so schwer, sich zu entscheiden? Mir macht es nichts aus, wenn ich die letzten Wochen alleine im Büro arbeiten werde. Danach werde ich den Dienst quittieren. Mich hält dann nichts mehr." "Du wirst dann nach Paris gehen?" Warum interessiert das Engin? "Das ist doch jetzt egal. Ich will wissen, wie du dich entscheidest." "Und ich frage mich, warum du so schnell aufgibst. Sorry, aber irgendwie habe ich in der letzten Zeit den Eindruck bekommen, dass du mich los werden willst. Dass wir schon seit einigen Monaten nichts mehr privat unternehmen, habe ich inzwischen akzeptiert. Aber auch beruflich schottest du dich immer mehr ab, deine Erklärungen, dass du irgendwie mit Bechthold verwandt sein sollst, empfinde ich als schlechten Witz. Denn dass der echte Georg Bechthold wahrscheinlich als Kleinkind gestorben ist, weißt du genau so gut wie ich. Also? Jetzt schuldest du mir eine Erklärung!" Verdammt, Engin. Was konnte er ihm sagen, ohne seine Glaubwürdigkeit zu verlieren? Aber egal, was Engin dachte, er wollte ihn nicht los werden. Alles nur das nicht. Dass er unruhig auf und ab lief, bemerkte er erst, als Engins Räuspern ihn wieder zurückbrachte. "Es stimmt nicht. Ich will dich nicht los werden. Wenn es nicht so schwer wäre, alles zu erklären." Chris blieb stehen und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. "Denn wie soll ich etwas erklären, das ich noch lange nicht verstanden habe? Gut, die Erklärung, dass zwischen Bechthold und mir eine Verwandtschaft besteht, stimmt nicht ganz, aber es kommt dem, was es vielleicht wirklich ist, am nächsten. Ach, verdammt, ich rede Schwachsinn." Chris ging zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf seinen Stuhl fallen, versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was er Engin klar machen musste. "Ich versuche es anders. Wenn du derjenige wärst, der mir so etwas Unlogisches erzählt hätte und der sich so verhält, wie ich es gerade tue, dann hätte ich auch das Vertrauen verloren. Nur leider weiß ich nicht, wie ich es dir anders verklickern soll. Und dank Esser habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, mit einem Partner zu arbeiten, dem man nicht vertraut. Deswegen werde ich deine Entscheidung akzeptieren, wenn du mir sagst, dass du auf dieser Basis nicht mehr mit mir arbeiten kannst. Doch ohne dich kann und will ich diesen Job nicht mehr machen." Engin stand auf, beugte sich über seinen Schreibtisch und stützte sich darauf ab. "Verdammt, Chris! Seit wann denkst du soviel nach? Sag mir doch in zwei einfachen Sätzen, was du willst." Auch Chris stand auf, beugte sich vor und imitierte damit Engins Haltung. So standen sie dort, wie Gegner. "Ich will, dass du mir vertraust. Und ich will mit dir das Ding durchziehen. Und ich will Weihnachten Bechthold gegenübertreten, damit ich wieder in den Spiegel schauen kann. Denn es reicht mir, die Haselmaus zu sein. Endgültig." "Warum sagst du das denn nicht gleich?" Mit einem Grinsen ließ sich Engin in seinen Stuhl zurückfallen. "Wie hast du dir für Weihnachten die Schichteinteilung gedacht? Nur damit ich was planen kann." Chris verstand jetzt gar nichts mehr. Woher kam der plötzliche Wandel? "Bitte? Seit ihr jetzt alle verrückt geworden? Verdammt, wie soll ich das verstehen?" "Wenn du mich nicht loswerden willst, dann werden wir das Ganze gemeinsam durchstehen. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht schaffen. Aber..." Engin machte eine Pause und sah Chris herausfordernd an. "Du willst mich also erpressen. Oder wie soll ich dein Schweigen deuten?" Das Grinsen auf Engins Gesicht wurde noch breiter und Chris ahnte Schreckliches. "Erpressen. Das ist aber ein sehr brutales Wort. Nein, aber ich brauche jemand, der für meine Geburtstagsfete nächste Woche das Buffet zaubert. Und da dachte ich doch direkt an dich." Das war mal wieder typisch Engin. Aber Chris sollte es recht sein. "Du bist verfressen. Wie viele Gänge soll es denn geben?" "Kann ich das als ja werten?" "Habe ich eine andere Wahl?" "Wenn du mich Weihnachten dabei haben willst..." Resigniert setzte sich Chris wieder hin. Engin hatte ihn reingelegt. Er ob er wirklich nur geblufft hatte, konnte Chris nicht beurteilen. Aber dafür war ihr Gespräch eigentlich zu ernst gewesen. Was habe ich mir da wieder eingebrockt? "Du bist ein Mistkerl. Und ja, ich werde für dich kochen. Wer hat dir bloß diese Hinterlist beigebracht?" "Das war keine Hinterlist. Ich vertraue dir nicht mehr so wie noch vor einigen Monaten. Trotz allem bist du aber von all meinen Kollegen immer noch derjenige, dem ich am ehesten mein Leben anvertrauen würde. Doch jetzt höre ich in meinem Hinterkopf eine kleine Stimme, die mir rät, hin und wieder meine Augen auf zu machen und dir nicht blind hinterher zu laufen. Ich musste nur wissen, wo du stehst." Beiläufig nahm Engin eine Akte von seinem Schreibtisch und fing an, darin zu blättern. "Ich habe zwar nicht alles verstanden, begreife aber auch, dass es dir nicht viel anders geht. Und ich verstehe deine Motivation. Nur deswegen kann ich mit dir weiterarbeiten. Und das mit dem Kochen... Ich will dich einfach endlich wieder privat treffen und bisher habe ich noch niemanden zu meiner Geburtstagsfeier eingeladen. Und da ich in der Woche feiern will, kannst du mit einem recht kleinen Rahmen rechnen." "Wenn du mit mir alleine im Kerzenlicht speisen willst, dann kriegst du Ärger!" "Nee, lass mal", winkte Engin entrüstet ab, konnte aber ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. "So gern habe ich dich nun auch nicht. Was ist jetzt, sagst du ja?" "So lieb wie du mich angrinst... Da kann ich doch nicht nein sagen. Ich bestimme das Menü, gehe einkaufen und koche und du bezahlst alles?" "Das hört sich richtig gut an. Vorausgesetz, du planst nicht, mich mit den Einkäufen zu ruinieren, weil du Kaviar servieren willst." "Tja, da bleibt dir nichts anders übrig, als mir zu vertrauen. Denn das Essen wird für dich eine Überraschung werden." Dass dieses Mal ein Kugelschreiber geflogen kam, war für Chris keine Überraschung. Er fing ihn aber in der Luft, bevor er irgendwelchen Schaden anrichten konnte, und legte ihn vor sich auf den Schreibtisch. "Ts, wie war das mit 'Ich werfe nicht mit Kugelschreibern!'? Aber hör auf, in deinen Akten zu blättern, wir haben heute noch einen Außentermin und müssen so langsam los." "Seit wann das denn? Das stand doch gestern noch nicht in meinem Terminplaner." "Aber jetzt. Mike hat Lunte gerochen und herausgefunden, dass wir nicht die Einzigen sind, die ein Auge auf Bechthold geworfen haben. Und diesen geheimnisvollen Beobachtern statten wir jetzt einen Besuch ab." Gleichzeitig warf Chris den Umschlag, den er von Mike bekommen hatte, zusammen mit einigen Notizen, die er sich noch gemacht hatte, auf Engins Schreibtisch. "Es sind drei Personen, ein Geschwisterpaar und der Ehemann. Sie beschatten ihn im Schichtdienst. Warum und seit wann ist unbekannt. Mike ist letzten Monat auf sie aufmerksam geworden und hat auf eigene Faust recherchiert." Engin, der sich durch die Unterlagen arbeitete, hob erstaunt den Kopf. "Spinnt der? Wieso hat er nicht vorher mit dir gesprochen? Ausgerechnet bei Bechthold ohne Rückendeckung zu arbeiten! Das ist doch Wahnsinn!" "Den Anschiss hat er schon von mir bekommen. Und ich habe ihm gedroht, dass ich es Carola überlassen werde, ihn zusammenzufalten, wenn er noch mal so einen Stunt bringt. Das hat gewirkt. Und er hat es auch eingesehen, dass es nicht in Ordnung war." "Klar, bei denen hat inzwischen Carola das Sagen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, was los ist, wenn sie von Mikes Alleingang erfährt. Im Vergleich dazu warst du bestimmt wirklich harmlos." Nicht wirklich, aber das ist eine Sache zwischen Mike und mir. "Aber zurück zu den dreien. Sie besitzen eine kleine Buchhandlung und ich denke, dass wir uns da mal umsehen sollten. Ich erwarte zwar keine großartigen Informationen, aber es ist besser als nichts." "Sonst willst du nichts gegen sie unternehmen?" "Was denn? So wie die Bechthold observieren, verstoßen sie gegen kein Gesetzt. Ich habe keine Handhabe. Ich kann sie mir nur vorknöpfen und ihnen empfehlen, sich von Bechthold fern zu halten, aber da ich nicht weiß, welche Rolle sie in dem Spiel spielen, ist es besser, dass sie nicht erfahren, dass wir ein sehr großes Interesse an ihm haben." "Da hast du auch wieder Recht. Gut, dann lass uns starten. Vielleicht haben sie ja Kochbücher im Angebot, dann kann ich mir eins kaufen und dir Vorschläge machen, was ich haben möchte." Lachend stand Chris auf. "Du kaufst dir ein Kochbuch? Das glaubst du doch nicht wirklich. Und außerdem wird das Geburtstagsbuffet eine Überraschung, fang gar nicht erst an, mich zu löchern, du bekommst keine Antwort." Auch Engin stand auf, nahm sein Jackett und schloss sich Chris an, der schon halb zur Tür raus war. "Ich habe schon ein Kochbuch. Ich benutze es nur recht selten. Ist es dir entgangen, dass es einen Trend zum Zweitbuch gibt? Man muss es nur besitzen, nicht lesen." Da konnte Chris nur den Kopf schütteln. "Wenn du meinst. Du fährst und ich denke schon mal über das Buffet nach. Ich habe da schon eine Idee. Ist es recht, wenn alles ohne Schweinefleisch ist?" Engin antwortete nur mit einem Schnauben.
Zwanzig Minuten später standen sie vor der Buchhandlung. Chris hatte während der Fahrt mit Engin abgesprochen, dass sie sich wie ganz normale Kundschaft verhalten und später denjenigen des Trios, der gerade im Geschäft war, in ein Gespräch verwickeln würden. Ein Bücherfan war Chris nicht, aber seitdem er Amandas Unterricht genossen hatte, stapelte sich neben seiner Matratze Fachliteratur. Angefangen bei Geschichtsbüchern, über diverse Waffenbücher bis zu den Magazinen über Hightech-Entwicklungen. Er zwang sich, jeden Abend und im Flugzeug die Bücher durchzuarbeiten. Auf den ersten Blick wirkte die Buchhandlung nicht anders als irgendein anderer Buchladen. Die aktuellen Bestseller, Kalender und Kochbücher waren strategisch günstig für die Laufkundschaft im Eingangsbereich deponiert. Den meisten Platz nahmen in den Verkaufsräumen die antiquarischen Bücher ein. Daneben gab es auch noch eine Abteilung mit französischen Büchern, die Chris ignorierte. Um den neugierigen Kunden zu mimen, schaute er sich die gebrauchten Bücher an. Nachdem er die ersten Titel gelesen hatte, brauchte er nichts mehr vorzutäuschen: Einige der Bücher, die sie zum Verkauf anboten, standen auch auf seiner ganz persönlichen Wunschliste. Sie waren so selten, dass es sie noch nicht mal in den verschiedenen Onlineantiquariaten gab. Auch Engin arbeitete sich durch die Regale über Waffenkunde und hatte einige Bücher zur Seite gelegt, die er wohl kaufen wollte. Ein Räuspern holte Chris aus seinem Kaufrausch und als er sich umdrehte, stand Andreas Michells neben ihm. "Sie haben schon etwas gefunden?" Mit einem innerlichen Aufstöhnen schob Chris den dicken Wälzer, den er gerade entdeckt hatte, wieder zurück ins Regal. Es war Nathanael Schlichtegrolls Buch über den Talhofer aus dem Jahre 1817. In einem sehr hervorragenden Zustand. Beim ZVAB hatte Chris es schon für vierhundert Euro gesehen. Hier konnte er es für zweihundertfünfzig bekommen. Aber wenn er die anderen Bücher, die er sich schon rausgesucht hatte, kaufen wollte, dann war es mehr Geld, als sein Budget diesen Monat zuließ. "Viel zu viel. Wenn ich heute alle Bücher kaufen würde, die mich interessieren, dann brauche ich einen Kredit." "Es tut mir leid, wenn Sie sich nicht alle Bücher leisten können. Aber ich kann Ihnen aber nicht garantieren, dass die Bücher nächste Woche oder im nächsten Monat noch da sind, da sie bei unseren Stammkunden sehr begehrt sind." "Sie wissen schon, wie Sie Ihre Kunden ködern!" "Nein, dafür ist meine Schwester Ursula zuständig, sie ist diejenige, die dafür sorgt, dass unsere Regale gut gefüllt sind. Ich verkaufe die Schätze nur." Und wenn der Dienstplan stimmt, den Mike von ihnen ausgearbeitet hat, dann observiert diese ach so harmlose Schwester genau jetzt Bechthold. "Wieso bieten Sie Ihre Bücher nicht online an? Ich suche dieses Buch schon seit einigen Monaten." Damit deutete Engin auf ein Fechtbuch aus dem neunzehnten Jahrhundert, das er aus dem Regal gezogen hatte. "Auch das ist die 'Schuld' meiner Schwester. Die meisten Bücher werden auch von uns über das ZVAB vertrieben, aber sie will bei einigen Exemplare, die sie selbst restauriert hat, den neuen Besitzer kennen lernen, um sich zu überzeugen, dass ihre Babys in gute Hände kommen. Wenn sie nicht da ist und ich die Bücher verkaufe, dann muss ich ihr nachher Bericht erstatten. Aber lassen Sie mich einmal raten-" Michells nahm Chris die Bücher aus der Hand, sah sich die Titel an und musterte ihn. Seine Inspektion wiederholte er bei Engin. "Sie sind Single, arbeiten bei der Polizei, beim Bundesgrenzschutz oder einer ähnlichen Institution und interessieren sich für historische Waffen. Vielleicht Reenactment? Und? Stimmen meine Vermutungen?" Wortlos sahen sich Chris und Engin an und schüttelten den Kopf. Was war das für ein Typ? Engin schien ähnlich zu denken und reagierte zuerst. "Nicht ganz. PSV, Abteilung 'Historisches Fechten', und wir arbeiten beim Zoll. Wie kommen Sie darauf?" Michells kratzte sich am Hinterkopf und blickte von Engin zu Chris. "Das ist Erfahrung." Chris räusperte sich vernehmlich. "Das können Sie mir glauben. Ich kenne meine Kundschaft. Und wenn zwei Jungs mit Schulterhalfter bei mir reinspazieren, dann kommen nur wenige legale Jobs in Frage. Und ich glaube nicht, dass sie bei irgendeinem Sicherheitsdienst arbeiten. Die Jungs treten anders auf. Besonders, wenn man sich dann auch noch für unsere Waffenbücher interessiert, und bei dem Stapel, den Sie zur Seite gelegt haben, können Sie nur Single sein. Aber vom Zoll habe ich noch niemanden kennen gelernt. Was macht ihr denn so?" "Wir konkret? Oder meinen Sie das Aufgabengebiet des Zolls im Allgemeinen?" Michells schien zu merken, dass dieses Gesprächsthema seinen Gegenübern unangenehm war, denn er lenkte ein. "Ich möchte Sie nicht belästigen. Aber wenn Sie diese Bücher kaufen, dann werde ich nachher von Ursula ausgequetscht und sie kann wirklich schrecklich sein. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie schauen sich noch etwas hier um und wenn ich um zwölf Mittagspause mache, dann lade ich Sie zu einem Kaffee ein. Sie werden mir doch bestimmt etwas über Ihre Hobbys erzählen können. Denn ich interessiere mich sehr für historische Waffen, auch wenn ich keine Zeit für diese Leidenschaft habe und mein Wissen nur aus Büchern hole." Wow, einfacher geht es nicht. "Wenn Sie mir dafür das Buch bis zum nächsten Monat zurücklegen, dann finde ich eine gute Ausrede, warum unsere Pause so lang ausgefallen ist." Chris zeigte auf das Talhofer-Buch. "Und welche Bücher soll ich für Sie zurücklegen?" Engin zog aus seinem Bücherstapel zwei raus, die er Michells in die Hand drückte. Als dieser die Bücher in Empfang nahm, konnte Chris an seinem rechten Handgelenk eine Tätowierung erkennen. Die kenn ich doch! Verdammt, wer hat auch noch dieses Tattoo? Chris sah den Arm des anderen vor sich, konnte aber kein Gesicht zuordnen. Aber er musste diese Person recht gut kennen. "Sie können mich übrigens Engin nennen. Wenn ich mit dem Regal durch bin, dann entscheide ich mich vielleicht noch anders." "Ich bin Andreas Michells. Aber bitte sagen Sie Andreas. Sonst fühle ich mich so alt. Aber warten Sie ab. Den Kaffee bekommen Sie im Hinterzimmer und dort zeige ich Ihnen einige Bücher, von denen wir uns einfach nicht trennen können. Es sind echte Raritäten." Im Hintergrund ertönte die Türglocke. "Oh Gott, wissen Sie, was Sie mir damit antun werden?" Chris fragte sich, was Engin mit diesem Kommentar meinte. Bücher waren zwar gut und schön, aber dass er jetzt darum so einen Wirbel machte, verstand er nicht. Aber was tat man nicht alles für seinen Job... "Dasselbe wie jedem anderen, der sich auch für Bücher interessiert. Es wird Ihnen gefallen. Ich habe einige Originale aus dem sechzehnten Jahrhundert, durch die Sie blättern können. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, da kommt noch andere Kundschaft." Damit ließ Andreas sie stehen und kümmerte sich um die anderen Kunden. Während Engin fröhlich weiter nach Büchern suchte, war Chris mit seinen Gedanken bei der Tätowierung. Er kannte dieses Muster. Es war ihm sehr vertraut, aber er konnte es einfach keiner Person zuordnen. Immer wieder wanderte Chris' Blick zu Andreas. Er beobachtete, wie er verkaufte und wie er die Sachen als Geschenk einpackte. Um einen weiteren Blick auf die Tätowierung werfen zu können, war er zu weit weg. Wieso kann ich mich nicht daran erinnern und wieso ist es mir so vertraut? Engin schien zu merken, dass sein Partner ein Problem hatte. Jedenfalls stand er plötzlich vor ihm und schaute ihn fragend an. "Du wirkst nicht gerade glücklich, Chris. Was ist denn los?" "Hast du das Tattoo auf seinem Handgelenk gesehen?" "Ja, da war eine Tätowierung, ich habe nicht näher darauf geachtet. Ist es was besonderes?" "Ich kenne jemanden, der auch so eine hat. Auch auf dem Handgelenk, aber ich kann mich verdammt noch mal nicht daran erinnern, wer es ist." "Das ist ungewöhnlich. Normalerweise will man sein Tattoo doch so individuell wie möglich haben. Mein Cousin Achmed hat seinen Rücken voll mit diesen Dingern und behauptet, dass jedes Teil ein Unikat ist." Chris befürchtete schon, dass Engin anfing, endlose Geschichten von seinem Cousin zu erzählen, aber erstaunlicher Weise hielt er nach diesem Kommentar seinen Mund. "Was ist eigentlich so besonders an den Büchern, die er uns zeigen will?" "Ich habe noch keine Ahnung, aber ich liebe alte Bücher. Schau dir nur mal an, was die hier zum Verkauf anbieten. Was meinst du, was für Exemplare dann im Hinterzimmer sind? Alleine die Vorstellung, so alte Bücher in der Hand zu halten und in ihnen blättern zu können..." Doch irgendwie konnte Chris Engins Begeisterung nicht verstehen. "Gut, dann kannst du ihn gleich mit Fragen löchern, während ich versuche, etwas über seine Tätowierung herauszubekommen." "Kein Problem. Sach mal, kannst du mir etwas Geld leihen? Ich bin diesen Monat etwas knapp bei Kasse, aber ich habe hier einige Bücher gefunden, die ich haben muss. Und ich will keine Massen reservieren. Ich will sein Entgegenkommen nicht ausnutzen." "Dann zeig doch mal, was du kaufen willst." Zögernd reichte Engin den Stapel rüber. Er schien sich nur ungern von seiner 'Beute' zu trennen. Es erstaunte Chris, wie weit Engins Interessen gefächert waren. Er hatte nicht gewusst, dass sich sein Partner auch für die jüngere Militärgeschichte begeisterte. Aber die Bücher über die amerikanischen Waffen im Koreakrieg und im Vietnamkrieg bewie- Joe Dawson hat so eine Tätowierung! Und jetzt fehlte Chris nur noch die Bedeutung der Tätowierung und dann wäre das Rätsel gelöst. Er würde ein Monatsgehalt verwetten, dass dieses Zeichen eine Bedeutung hatte. Stellte sich jetzt noch die Frage, was die drei mit Joe Dawson verband. "Chris? Was hast du? Wenn du meinst, das Buch über den Vietnamkrieg als Pfand für den Kredit zu bekommen, dann hast du dich geschnitten. Das wird mein Buch!" Wie kann man nur so ein Büchernarr sein? "Du brauchst keinen Streit anzufangen. Das Buch will ich gar nicht haben. Wie viel Geld brauchst du denn?" Engin nahm Chris den Bücherstapel ab und schaute die Preise durch. "Wenn du mir einen Hunni leihen könntest... Ach, verdammt vergiss es. Die hundert Euro muss mein Konto auch noch ab können. Dafür fällt meine Geburtstagsfeier etwas kleiner aus. Die Bücher sind wichtiger." Verstehen konnte Chris diese Einstellung nicht, aber wenn Engin es so wollte. "Dann brauche ich also nicht zu kochen?" "Doch! Alles andere wäre wesentlich teuerer. Ich werde wohl doch nur den engsten Freundeskreis einladen." "Dann hast du ja einen sehr einsamen Abend vor dir!" "Hat man dir schon mal gesagt, dass du ein absolutes Arschloch bist?" "Ich doch nicht!" "Doch du!" "Nein!" "Doch!" "Nein!" "Chris, kann ich wenigstens ein Mal das letzte Wort haben?" Kannst du... wenn ich nicht in der Nähe bin. Doch Chris wartete noch einen Moment und als Engin sich entspannte und durchatmete... "Eigentlich müsste ich jetzt was sagen." "Mistkerl!" "Yeep!" Während ihrer kleinen Auseinandersetzung war es Mittag geworden und Andreas verschloss die Eingangstüre. Chris sah, wie er sich näherte und amüsiert ihre Kabbelei beobachtete. "Darf ich euch unterbrechen, ohne von zwei Seiten Prügel zu beziehen? Der Laden ist dicht und der Kaffee müsste jetzt auch durch sein. Wenn mich die Herrschaften bitte begleiten wollen? Eure Einkäufe könnt ihr auf den Tresen legen. Darum kümmern wir uns später." Der Kommentar brachte Chris zum Grinsen. Die Kollegen reagierten genauso, wenn er sich mit Engin kabbelte. Auch Engin grinste und gemeinsam folgten sie Andreas in das Hinterzimmer. Hinterzimmer war nicht der richtige Ausdruck für den Raum, den sie betraten. Es war eine kleine Werkstatt zum Reparieren von Büchern und an den Wänden standen Regale. Und in diesen standen - wie konnte es anders sein? - Bücher. Dass Engin beim Anblick dieser Bücher fast in eine Art Ekstase geriet, konnte Chris nicht verstehen. Gut, die Wälzer waren zwar alt und gut erhalten, aber nachdem er die ersten Titel gelesen hatte, da wusste Chris, dass diese Bücher für ihn unter die Kategorie 'totlangweilig' fielen. Dafür war der Kaffee schwarz, heiß und gut. Aber er ließ Engin seinen Spaß, setzte sich auf den Tisch und beobachtete Andreas und Engin. Scheinbar hatten sich da zwei gefunden. Engin schien total vergessen zu haben, dass er eigentlich dienstlich hier war und schwelgte im Betrachten der Bücher. Immer wenn Chris dachte, dass er es endlich hinter sich hatte, kramte Andreas noch ein anderes Buch oder ein weiteres Faksimile hervor, das von Engin mit Begeisterung aufgenommen wurde. Inzwischen hatte er es aufgegeben, auf die Uhr zu schauen, denn als er dachte, dass eine halbe Stunde vergangen war, da waren es laut seiner Uhr nur drei Minuten gewesen. Klamottenkaufen mit Eddie war nicht halb so nervend. Da hatte ich wenigstens was zu tun. Dass dieser Gedanke nicht stimmte, wusste Chris. Wenn er nur an jenen verhängnisvollen Tag in San Francisco dachte und daran, welche Folgen sein Einkaufsfrust gehabt hatte... Aber da waren ja noch die glücklicheren Tage mit Eddie gewesen: Allein das letzte Weihnachtsfest... Kein Wunder, dass ich Weihnachten nicht dumm rumsitzen will. Alles, nur nicht an diesen Tagen trüben Gedanken nachhängen und womöglich wieder das Fotoalbum raussuchen. Oder noch schlimmer, die Feiertage in Paris zu verbringen. Zusammen mit einem schlecht gelaunten Adam, der die Zeit nutzen wird, mich mindestens dreimal pro Tag zu killen. Es war nicht gut, wenn er schon am Dienstag wieder ans Wochenende dachte. Das führte nur zu Appetitlosigkeit und brachte gar nichts. Da waren die Erinnerungen an das letzte Weihnachtsfest schon die bessere Alternative, um sich die Zeit zu vertreiben. Wann hatte er sonst schon die Zeit für Tagträume? Er hatte in den letzten Monaten seinen Terminkalender bewusst so voll gepackt, dass er ständig beschäftigt war und nachts total erschlagen ins Bett fiel. Selbst in Paris hatte er sich, seit Amanda weg war, einen Zeitplan zusammengestellt, der sogar funktionieren würde, wenn Adam einmal pünktlich wäre. Aber da war dieser ja wie eine Primadonna. Wenn er sich schon dazu herabließ, einem anderen einen Teil seines Wissens zu vermitteln, dann musste Chris parat stehen, wenn Adam irgendwann im Laufe des Tages aufzutauchen geruhte.
Als die Tür zur Werkstatt geöffnet wurde und Ursula Meyer hereinkam, wurde Chris aus seinen Gedanken gerissen. Sie schien in Eile zu sein, denn sie war außer Atem und ihre Wangen waren gerötet. "Hallo Bruderherz! Du wirst nicht glauben, was ich heute herausgefunden habe! Wir sind nicht die einzigen, die-" Sie schwieg, als sie merkte, dass Andreas nicht allein war. Ihr seid nicht die einzigen? Wer denn noch? Kallenbach und Deichsel haben Dienst, aber die sind zu clever, um sich erwischen zu lassen, und Mike und sollten eigentlich das Objekt in der Hügelstraße observieren... Und ansonsten überwachen nur Wanzen und andere kleine Spielereien der Spezialisten Bechthold Oder gibt es da noch eine dritte Partei? Andreas versuchte, die plötzliche Stille zu überbrücken. "Hallo Schwesterchen! Wer ist denn noch hinter dem Buch her? Ich dachte, du wärst die einzige Interessentin." So schnell Ursula auch schaltete, den ersten verständnislosen Blick hatte Chris mitbekommen. Er vermied es aber, Engin anzuschauen, sondern er versuchte, genauso gelangweilt auszusehen, wie er sich gerade noch gefühlt hatte. "Dreimal darfst du raten! Natürlich das Antiquariat aus Bonn. Nathalie Beyer hat der Besitzerin der Handschrift ein Angebot gemacht... da können wir nicht mithalten. Schade und ich hätte es so gerne restauriert. Es war schon fast zu meinem Baby geworden. Und jetzt stell mir mal die beiden Herren vor." Es war bewundernswert, wie schnell Ursula sich eine plausible Ausrede ausdachte. "Natürlich. Das ist meine Schwester Ursula Meyer. Sie ist in diesem Laden die Restauratorin und verantwortlich, dass alle Bücher in einem anständigen Zustand sind, wenn sie verkauft werden sollen. Das sind Engin und..." Andreas zögerte, denn Chris hatte sich nicht vorgestellt. "Christoph, aber Sie können Chris zu mir sagen." Dabei stand Chris auf, stellte seine Kaffeetasse zur Seite und gab Ursula mit einem Lächeln auf den Lippen seine Hand. Diese ergriff und schüttelte sie. Chris bewegte sich so, dass er einen guten Blick auf ihr Handgelenk hatte. Und wurde nicht enttäuscht, denn dort war dasselbe Tattoo, das auch Andreas und Joe hatten. Langsam wird es wirklich interessant. Ursula ließ Chris' Hand los und begrüßt auch Engin, der sie direkt ausfragte. "Ihr Bruder hat uns in Ihrer Abwesenheit einige Bücher gezeigt und ich bin von Ihrer Arbeit restlos begeistert. Woher haben Sie dieses Wissen?" Chris war dankbar, dass Engins Enthusiasmus nicht gespielt war. So konnte er sie bestimmt mit tausend Fragen löchern. Auch wenn es ihn selber langsam ziemlich langweilte. Und Ursula ließ sich von Engins Überschwang anstecken. "Andreas kann es nicht lassen. Hat er Sie nicht damit gelangweilt? Normalerweise ergreift jeder Besucher nach spätestens einer halben Stunde die Flucht, weil es einfach zuviel wird." "Nein, auf keinen Fall, diese Bücher sind einfach... sie sind... unbeschreiblich. Diese Mengen und diese Qualität bekommt man doch sonst nur mit viel Glück in Museen zu Gesicht." Ich werde es überleben...Was tut man nicht alles für seinen Partner. Chris hielt sich zurück, obwohl Ursulas Blick auf ihm ruhte. "Sie scheinen die Meinung Ihres Freundes nicht zu teilen. Wie kommt es, dass Sie auf und davon sind?" "Wissen Sie, mit Büchern ist es bei mir wie mit der Kunst. Ich kann sie nur in wohldosierten Portionen ertragen. Und ich habe heute meinen Anteil für die nächsten zwei Jahre bekommen. Aber Engin erträgt auch meine Marotten, ohne zu murren, also muss ich da durch." "Das hört sich ja so an, als ob Sie schon ziemlich lange zusammen sind." "Knapp zweieinhalb Jahre." Als er sah, wie Ursula ihn und Engin musterte, fügte er noch eine Erklärung hinzu. "Wir sind Partner, kein Paar. Obwohl er sich manchmal so aufführt." "Das habe ich gehört, Chris." "Ja wer will denn immer, dass ich für dich koche? Ich ganz bestimmt nicht!" Während sie den Kabbeleien zuhörte, zog sich Ursula die Jacke aus und nahm sich eine Tasse Kaffee. Damit setzte sie sich neben Chris auf den Tisch. "Oh, ein altes Ehepaar ist im Vergleich zu euch harmlos." "Nicht wirklich!" "Gar nicht wahr!" Damit ernteten sie von Ursula nur ein Kopfschütteln. "Ich kenne das. Wartet mal ab, wenn ihr meinen Mann Peter und Andreas zusammen erlebt. Dagegen seid ihr Waisenknaben." "Können Sie die uns mal ausleihen? Damit unsere Kollegen merken, dass es noch schlimmer geht?" "Wenn ihr bitte damit aufhört würdet, über mich zu reden, als ob ich nicht da wäre. Und so schlimm sind Peter und ich wirklich nicht." Ursula warf Andreas einen Blick zu, den Chris sehr gut interpretieren konnte. Denn Eddie hatte diesen Ausdruck auch drauf, der besagte 'Warte ab, bis wir zu Hause sind, dann sage ich dir meine Meinung'. Aber wie zum Geier sollte er sie auf die Tätowierung ansprechen, ohne dass es auffiel? Und er musste mehr darüber wissen, bevor er Joe damit konfrontierte. Der alte Fuchs würde sich sonst sicher rausreden. "Schau mich nicht so an. Sonst lasse ich dich demnächst mit der Steuererklärung alleine." "Das ist gemein! Du weißt, dass ich mit Zahlen nichts anfangen kann." "Eben, aber wir sollten jetzt aufhören. Außerdem musst du noch entscheiden, ob ich den beiden einige deiner Babys verkaufen darf." "Solange du die Bücher, die hier stehen, nicht verkaufst... Wie lange hängt Engin dir schon an den Lippen? Du machst doch normalerweise um zwölf dicht. Wenn Sie diese Bücherorgie überstanden haben, dann müssen Sie wirklich ein Faible für Bücher haben. Meinen Segen hast du. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mich noch frisch machen, bevor der Laden wieder öffnet." Ursula hauchte ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange, reichte Engin und Chris die Hand und verschwand wieder. Ein Blick auf die Uhr zeigte Chris, dass es wirklich schon fast zwei war. Er hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen war, und dabei war es ihm eben noch wie eine Ewigkeit vorgekommen. "Stimmt, wir müssen auch langsam los. Sonst geben die Kollegen noch eine Vermisstenanzeige auf." "Was macht man eigentlich als Zollbeamter in Frankfurt? Ich bin vielleicht naiv, aber ich habe immer die Vorstellung gehabt, dass es diese Leute nur an der Grenze gibt." Darauf musste Chris eine Antwort geben, allerdings versuchte er, sie so allgemein wie möglich zu halten. "Kommt darauf an, wo man eingesetzt wird. Wir gehören zum Zollkriminalamt und unser Bereich ist dazu da, alles aufzuspüren, was illegal und nicht versteuert in Deutschland vertickt wird. Das fängt bei der Markenpiraterie mit gebrannten CDs an, geht über Zigarettenschmuggel und endet bei der Drogenfahndung. Das Aufgabengebiet des Zolls ist noch viel größer, aber ich habe keine Lust, darüber einen Vortrag zu halten, dafür gibt es inzwischen Webseiten, die ich Ihnen wärmstens empfehlen kann." Währenddessen hatten sie die Werkstatt verlassen und waren an der Kasse angekommen. Engin machte einen Abstecher zum Bücherregal und stöberte noch etwas. Andreas nahm Chris' Bücherstapel, sah auf die Etiketten und tippte die Beträge in die Kasse ein. Das hinderte ihn aber nicht, weitere Fragen zu stellen. "Kommen Sie dabei nicht der normalen Polizei ins Gehege? Denn das hört sich für mich als Laien mehr nach Polizeiarbeit als nach Zollarbeit an." Chris öffnete seine Geldbörse und nach kurzer Überlegung zückte er seine EC-Karte. "Eher weniger, in den Bereichen, wo es Berührungspunkte gibt, arbeiten wir Hand in Hand. Ich komme aus dem Polizeidienst und bin vor einigen Jahren zum Zoll gewechselt. An der Arbeit hat sich nicht viel geändert, nur das Klima ist anders." "Das hört sich richtig interessant an. Und wenn Sie mir jetzt noch zweihundertzehn Euro geben, dann können Sie den Bücherstapel auch mitnehmen." "So viel! Da muss ich ja wirklich noch einen Kredit aufnehmen. Kann ich auch mit meinem guten Namen zahlen?" "Sicher doch." Chris tauschte die EC- mit der Masterkarte und reichte sie Andreas. Als dieser sie annahm, konnte er ganz genau das Tattoo erkennen. Und Chris wusste, dass es die Gelegenheit war. "Ich überlege mir auch, ob ich mir so was zulegen soll." "Bitte?" "Ein Tätowierung, so wie Sie sie am Handgelenk haben. Nur habe ich mich bisher noch nicht getraut. Schließlich ist das eine Entscheidung für immer." "Ach das meinen Sie. Ich wünsch' mir, ich hätte damals auch darüber nachdenken können." Die Antwort überraschte Chris. "Wie meinen Sie das?" "Es ist in meiner Studienzeit passiert. Ursula und Peter haben auch dieses Muster am Handgelenk. Ich kann mich nur an eine feucht fröhliche Feier erinnern und dass am nächsten Morgen mein Arm schmerzte. Als ich dann nachschaute, da war das Tattoo da." "Oh, das ist nicht gut gelaufen. Ich hoffe, dass mir nie so etwas passiert. Bei meinem Glück verpasst man mir bestimmt irgendeinen üblen Spruch und nicht so ein nettes Muster, wie Sie es haben." "Das stimmt, deswegen habe ich es auch nicht entfernen lassen. Und irgendwie gefällt mir auch der Gedanke, dass jeder in meiner Familie so eine Tätowierung hat." "Da haben Sie ja wirklich Glück im Unglück gehabt." "Finde ich auch. Wenn Sie jetzt noch bitte hier unterschreiben." Damit reichte Andreas Chris den Beleg zusammen mit seiner Masterkarte. Chris unterschrieb, steckte seine Karte ein und reichte Andreas den Zettel zurück. "Reicht es, wenn ich den Schichtengroll nach dem nächsten Ersten abhole? Dann habe ich auch das Weihnachtsgeld auf meinem Konto. Sonst krieg' ich Ärger mit meiner Bank." "Kein Problem. Viel Spaß mit den Büchern." "Danke, den werde ich bei dem Preis nicht mehr haben." Engin war inzwischen auch zur Kasse gekommen und hatte seinen letzten Kommentar gehört. "Bei dem Preis wird das Lesen doch zu einem ganz besonderen Vergnügen." Dabei legte er noch einige weitere Bücher auf dem Tresen ab. "So, das ist im Moment alles. Sie brauchen mir nichts zurückzulegen, denn wenn ich richtig gerechnet habe, dann kosten sie insgesamt nicht mehr als zweihundert Euro. Und ich zahle mit meinem guten Namen." "Was ist an deinem Namen gut?" "Chris, übertreib nicht. Mich schmerzen meine Ausgaben schon genug, da brauche ich keine Kommentare mehr." "Und was ist mit deinem Lesevergnügen? Okay. Meinem Konto tut der Einkauf auch weh. Ich bin schon ruhig." "Schade!", mischte sich nun Andreas ein. Auf ihren verständnislosen Blick erklärte er ihnen: "Von euren Wortgefechten kann ich noch lernen. Ursula ist zwar meine kleine Schwester, aber dafür ist ihre Klappe um so größer, und wenn sie und Peter über mich herziehen, ist es nicht einfach, sich zu wehren. Habt ihr Emailadressen? Dann bekommt ihr einmal im Monat eine aktuelle Bücherliste von uns." Währenddessen hatte er die Beträge eingetippt und reichte Engin die Belege. Er schaute auf die Endsumme und wurde blass. Doch er unterschrieb kommentarlos. Chris entschied sich gegen die Bücherliste. "Nein, danke, es reicht, wenn ich hier ab und zu mal durchstöbere. Wenn ich auch noch einen Katalog bekomme, dann bin ich verloren." Engin zückte jedoch seine Brieftasche, steckte seine Masterkarte ein und holte eine Visitenkarte raus. "Okay, ich mach's. Und ich werde mich wohl nach einem Nebenjob umschauen müssen, damit ich das finanziert bekomme." Inzwischen war auch Ursula im Geschäft und öffnete die Eingangstüre. Bevor Engin noch irgendwie mit einem der beiden ins Fachsimpeln geriet, packte sich Chris die Tüten und schob ihn zur Tür hinaus. Denn er hatte genug von diesem Einkaufsbummel und er hatte auch das herausbekommen, was er im Moment wissen musste. Den Rest würde er am Wochenende mit Joe klären. Und eine vernünftige Erklärung für Engin musste er auch noch finden.
Nach einem kurzen Abstecher zu McDonalds fuhren sie wieder ins Büro. Dort packte Engin als erstes seine Beute aus und blätterte durch die Bücher, während Chris Wasser für die Kaffeemaschine holte. Als Chris wieder zurückkam, hatte Engin sich festgelesen und befand sich in einer anderen Welt. Erst als Chris sich räusperte, kam er wieder in die Realität zurück. "Sorry, ich bin schon wieder da. Ich frage mich nur, wie ich diese Buchhandlung die letzten Jahre übersehen konnte. Die haben einen neuen Stammkunden bekommen." "Schön, dass du jetzt weißt, wo du dein Geld lässt. Hast du denn auch was Dienstliches rausbekommen?" "Nur, dass die Buchhandlung nicht wirklich eine Tarnidentität sein kann. Die beiden sind mit Leib und Seele dabei und haben ein großes Fachwissen. So was kann man nicht nebenbei lernen. Das haben die wirklich studiert. Besonders wie Ursula die Bücher restauriert. Sie ist da sehr gut. Und was hast du über das Tattoo herausgefunden?" Die Kaffeemaschine war angestellt und Chris setzte sich an seinen Schreibtisch. "Dass Ursula auch so ein Ding hat. Laut Andreas ist das die Folge eines Besäufnisses in der Studienzeit." "Dann habe ich ja Glück gehabt, dass ich nie so abgestürzt bin. Ist dir denn eingefallen, wer auch noch so'n Ding hat?" "Ja, aber ob da wirklich ein Zusammenhang besteht, wage ich zu bezweifeln. Denn der Besitzer meiner Lieblingskneipe in Paris hat so eine Tätowierung." Wieso sagt mir meine Intuition, dass da doch ein Zusammenhang besteht? "Haben die drei nicht in Paris studiert?" "Ja, aber Joe ist Amerikaner und hat eine Blues Bar. Auch wenn er schon seit einigen Jahren in Paris lebt, sehe ich im Moment keine Verbindung zu unseren Buchhändlern." "Dann ist das ja doch eher ein Zufall. Schau dir das Tattoo am Wochenende noch mal an. Ist ja gut möglich, dass nur eine große Ähnlichkeit besteht. Check das doch mal, wenn du der Bar wieder einen Besuch abstattest. Und wie geht es weiter?" "Das kann auch sein - dass es doch nicht dasselbe Motiv ist, meine ich. Und woher soll ich wissen, wie's weiter geht? Ich trage noch keine Latschen an den Füßen." Auch wenn die Auferstehung von den Toten dank Adams Hilfe wunderbar klappt. Aber Chris hütete sich, diesen Gedanken laut auszusprechen. "Am besten prüfen wir mal nach, ob es in ihrem Freundes- und Familienkreis einen ungeklärten Mordfall oder seltsamen Unfall gegeben hat. Vielleicht sind sie aus so einem Grund hinter Bechthold her." "Du meinst, sie wollen jemanden rächen?" "Keine Ahnung, aber wenn wir rausbekommen wollen, warum sie Bechthold beschatten, sollten wir auch diesen Aspekt berücksichtigen. Und jetzt hör endlich auf, in diesen Büchern zu blättern! Denn ich fand das Ganze im Gegensatz zu dir ziemlich langweilig." "Du bist ein Kulturbanause." "Jo, ich bin Proll und du bist die Elite. Bist du jetzt zufrieden und wir können weiterarbeiten? Da sind noch einige Telefonmitschnitte, die analysiert werden müssen." "Sklaventreiber." "Ich bin's gerne. Komm, du hattest heute deinen Spaß und wir haben nur noch bis Ende Dezember Zeit." Engin legte mit einem bedauernden Blick das Buch zur Seite und wühlte sich durch seine Unterlagen, bis er die gesuchte Akte gefunden hatte. "Ich dachte, dass der Zugriff erst Ende Januar über die Bühne gehen soll." "Wird er auch, aber Carstensen von der Staatsanwaltschaft hat mir klar gemacht, dass die letzten Wochen für die Einsatzplanung drauf gehen werden und wir währenddessen nicht mehr viel Zeit zum Ermitteln haben. Das soll ja von hier aus international koordiniert werden." "Wow, dann sehe ich schon, dass wir uns hier die Nächte um die Ohren schlagen. Gut, dass ich solo bin. Hast du es Amanda schon gebeichtet?" "Ich muss ihr erst noch beichten, dass ich Weihnachten Dienst habe..." Dass Chris noch nicht einmal wusste, wo Amanda in diesem Moment steckte, brauchte Engin ja nicht zu wissen. "Wie kommt es eigentlich, dass du freiwillig für Mike auf ein langes Wochenende mit Amanda verzichtest?" "Du kennst ihre Mutter nicht, die Weihnachten zu Besuch kommt." "Oh!" Mehr sagte Engin nicht und widmete seine Aufmerksamkeit der Akte. Chris versuchte erst gar nicht, sich auf seine Unterlagen zu konzentrieren. Statt dessen notierte er auf einem Block, was er über Joe Dawson wusste. Irgendwann fiel ihm ein, dass dieser in einer ihrer wenigen Unterhaltungen erwähnt hatte, dass er früher eine gutgehende Buchhandlung besessen hatte, die er für seinen Traum von der Blues-Bar aufgegeben hatte. Ob das die Verbindung ist? Aber Chris war sich nicht sicher. Gut, es mochte Studentenverbindungen geben, aber das war doch eher ein deutsches Phänomen, und er hatte noch nie davon gehört, dass es da Tätowierungen gab. Und inzwischen ahnte Chris, warum dort soviel Wert auf Schmisse gelegt wurde. Die Internetrecherche brachte auch nicht viel. Denn Dawson war wohl in Amerika ein Allerweltsname und da sowohl ein Indy500- Gewinner und ein Basketballstar diesen Namen trugen, war es unmöglich, unter den unzähligen gelisteten Seiten in einem angemessenen Zeitrahmen eine vernünftige Information rauszusuchen. Eine Anfrage bei Interpol kam auch nicht in Frage, denn die wurde registriert. Und wenn jemand herausbekam, dass er ohne begründeten Verdacht gehandelt hatte, dann würde er ziemlichen Ärger bekommen. Und dann war da noch Mike, der bestimmt auf heißen Kohlen saß und wissen wollte, was sie herausgefunden hatten. Chris wusste, dass Mike mit dem Ergebnis bestimmt nicht zufrieden war. Kurz entschlossen griff er zum Telefon und wählte Mikes Handynummer. Dieser ging auch sofort dran. "Sorry Chris, ich kann nicht lange telefonieren, hier ist der Bär los. Bechthold ist heute Morgen aufgetaucht und scheint in dem Laden Inventur zu machen. Und ständig rennen sie hier rein und raus. Kann ich nach Feierabend vorbeischauen? Es dauert zwar noch einige Stunden, bis die Ablösung da ist, aber... verdammt, wer ist denn das? Sorry, ich muss aufhören." "Kein Problem, ich hab' noch genug zu tun. Bis nachher." Klack. Gott, ich hasse das! Da saßen Mike und Carola vor einem Bordell im Auto und beobachteten, was da los war. Und die Gefahr, entdeckt zu werden, war immer mit dabei. Besonders wenn sie relativ ungeschützt auf der Straße waren. Und er saß gemütlich hinter seinem Schreibtisch und konnte dem nur zusehen. "Scheißjob!" "Was ist?" Chris hielt es einfach nicht mehr an seinem Schreibtisch aus. Er stand auf, holte sich einen Kaffee und wanderte unruhig auf und ab. "Ich habe gerade versucht, Mike zu erreichen. Wie es aussieht ist Bechthold doch der Chef vom Ganzen, denn Mike observiert das Bordell auf der Hügelstraße und Bechthold ist dort aufgeschlagen und es geht zu wie in einem Taubenschlag. Verdammt! Und ich sitze hier rum und kann nichts tun!" "Er ist also nicht in Gefahr?" "Nicht mehr als sonst. Aber ich hasse es, andere Leute auf die Strasse zu schicken und zu wissen, dass sie nicht immer Glück haben können. Irgendwann passiert einem von den Jungs etwas. Und falls es Mike sein sollte..." Die Kaffeetasse war fast schon ein Rettungsanker, an dem sich Chris festhielt. "... ich könnte es mir nie verzeihen. Aber wenn ich ihn zurückpfeife, dann ist er zu recht verärgert. Schließlich sind ja auch noch Kallenbach und Deichsel da, die Bechthold observieren. Verdammt, warum musste ich mich auch so um diesen Fall reißen! Ich will diese Verantwortung nicht." "Mir ist nie ganz klar geworden, was für ein Verhältnis ihr habt. Manchmal bin ich fast schon eifersüchtig auf Mike, weil er dein Expartner ist. Ich habe das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, wenn ihr über irgendwelche alten Sachen redet. Ist schon verrückt, nicht?" "Nicht wirklich, denn ich weiß auch nicht immer, was da zwischen uns ist. Neben dir ist er der Mensch, dem ich am meisten vertraue. Auch wenn wir immer wieder Probleme mit unserer Freundschaft haben, weil wir beide schrecklich stur sein können. Es liegt wohl auch daran, dass ich damals, als Mike den Unfall hatte, vor Klaus' Tür gestanden habe. Wenn Eddie nicht bei mir gewesen wäre... ich habe mich so hilflos gefühlt. Und ich habe ehrlich gesagt Angst, dass ich jemand anderem so eine Nachricht überbringen muss. Ich kann so was einfach nicht. Aber wenn die mich wirklich befördern wollen..." "Tja, wenn wir diesen Fall wirklich so erfolgreich abschließen, wie es sich im Moment andeutet, dann haben die gar keine andere Wahl, als uns die Karriereleiter ein Stück nach oben zu schieben." Inzwischen hatte der Sturm in Chris' Inneren soweit nachgelassen, dass er den Kaffee auch trinken konnte. "Die Befürchtung habe ich auch. Eigentlich sollte ich froh darüber sein, denn wenn ich daran denke, wie oft ich mir die Nächte um die Ohren geschlagen habe, nur um irgend so einen Arsch zu erwischen, dann schieben wir im Moment eine richtig ruhige Kugel. Wenn da nicht die Verantwortung wäre..." "Willst du es ändern?" "Nein, und wenn ich Weihnachten hinter mir habe, dann bin ich garantiert wieder froh, im warmen Büro zu sitzen." Es war wirklich warm. Chris stellte seine Tasse auf seinen Schreibtisch, zog sein Jackett aus und hängte es über seinen Stuhl. Nach einem Moment überwand er sich und setzte sich auch wieder hin. Denn vom Rumrennen wurde seine Arbeit nicht getan. Doch für Engin war das Thema noch nicht durch. "Und ich werde heilfroh sein, wenn du in der Zeit nicht mit Bechthold zusammengerasselt bist und ihr euch nicht gegenseitig an die Gurgel gegangen seid. Ich frage mich, was für ein Spiel ihr wirklich spielt. Aber ich hab's dir heute Morgen schon mal gesagt. Irgendwann kommst du nicht mehr drum herum, mir die Wahrheit zu erzählen. Spätestens wenn alles vorbei ist." Es ist ein tödliches Spiel. Und solange ich lebe, wird es nie vorbei sein. Doch Chris schwieg, nahm sich den Telefonmitschnitt, den er gestern schon durcharbeiten wollte, und versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Engin schien auch nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet zu haben, denn auch er war schon wieder in seine Akten vertieft.
Bis Engin Feierabend machte, arbeiteten sie sich durch die Telefonmitschnitte. Hin und wieder legte Chris seine Unterlagen zur Seite, um sich einige Notizen zu machen oder um in anderen Akten nachzuschlagen. Selbst das Telefon klingelte nicht. Engin hatte um kurz nach sechs seinen Kram zusammengepackt - mit seinen neuen Büchern war er richtig schwer beladen - und sich vom Acker gemacht. Nun wartete Chris nur noch auf Mike. Der tauchte um kurz nach halb sieben auf. Er klopfte kurz an, kam rein und ließ sich auf Engins Stuhl fallen. Er hatte wohl vorher noch geduscht und sah trotzdem ziemlich fertig aus. "Naabend Mike! War es so schlimm, wie du aussiehst?" "Frag besser nicht. Es war viel schlimmer! Und lass mich Kallenbach zwischen die Finger kriegen und er ist tot. Carola will sich Deichsel vorknöpfen." Nicht schon wieder! Können die nicht einen Tag ohne Streit auskommen? "Was ist passiert?" "Die Ärsche haben so ganz rein zufällig vergessen, uns Bescheid zu sagen, dass Bechthold im Anmarsch war! Wir konnten gerade noch auf Tauchstation gehen, als wir seinen Wagen gesehen haben, aber das war haarscharf. Als wir den beiden über Funk den Marsch blasen wollten, da sagte uns Kallenbach in seinem scheinheiligsten Tonfall, dass er auf dem Einsatzplan übersehen hatte, wo wir heute eingesetzt waren. Wenn du ihn dir nicht vorknöpfst, dann werden wir das machen. Und dann wird einer von uns im Krankenhaus landen. Und ich werde es nicht sein. Das garantiere ich dir." Chris fuhr sich mit seinen Fingern durch die Haare. Das war gar nicht gut. Mike hatte sich in diesem Streit bisher immer zurückgehalten und Kallenbach abblitzen lassen, aber wenn jemand nicht nur sein Leben, sondern auch Carolas in Gefahr brachte, dann war es klar, dass er explodierte. Und Chris hatte versucht, sich soweit wie möglich zurückzuhalten, da er parteiisch war. "Ist Kallenbach noch unten?" "Nee, der ist gar nicht erst hier aufgetaucht. Der zählt wohl darauf, dass ich mich bis morgen wieder beruhigt habe und dass ich ihm dann nur ein paar Takte dazu sage. Aber da hat er sich geschnitten. Es reicht mir, endgültig. Das sind jetzt ein paar Jahre zuviel, in denen er meinte, mich terrorisieren zu können, nur weil ich schwul bin." "Lass ihn in Ruhe. Ich knöpfe ihn mir morgen vor. Und wenn er's nicht einsieht, dann werde ich ihm mitteilen, dass er sich wieder bei Ehrenberger melden kann. Ich bezweifle allerdings, dass wir dann Ersatz für die beiden bekommen. Verdammt! Ich habe doch schon versucht, eure Dienste so zu legen, dass ihr euch nicht in die Wolle kriegen könnt. Kann das nicht ein Mal gut gehen?" "Sag das nicht mir, sondern Kallenbach." "Das werde ich. Und zwar klar und deutlich. Denn Bechthold hat euch vielleicht übersehen, aber Ursula nicht." "So eine verdammte Scheiße! Woher weißt du das?" "Wir haben heute der Buchhandlung einen kleinen Besuch abgestattet. Außer, dass wir massig Geld für Bücher ausgegeben haben, haben wir nicht wirklich was rausbekommen. Und dass Ursula dich gesehen hat, ist auch nur eine Vermutung von mir." "Und wie wird es jetzt weitergehen?" "Ich werde deine Fotos auch an die anderen Kollegen weiterleiten, mit der Empfehlung, dem Trio aus dem Weg zu gehen. Wir können auch nicht zu denen hingehen und ihnen empfehlen, sich von Bechthold fernzuhalten. Wer weiß, was für Hintermänner die haben. Ansonsten kann ich im Moment nicht viel machen. Wie du selbst weißt, haben wir nichts gegen sie in der Hand. Und wir haben schon zu wenige Leute, um uns um Bechthold und Konsorten zu kümmern. Es tut mir leid. Dafür hast du bei mir noch einen gut." Mike nahm diese Entscheidung erstaunlich gelassen auf. "Irgendwie habe ich damit gerechnet. Ich weiß ja selbst, was los ist. Aber was genau habe ich bei dir gut?" Der will noch was. Chris kannte Mike lang genug. Und die Art, wie er jetzt herumdruckste, sagte ihm, dass es nichts Dienstliches war. "Sag einfach, was du von mir willst, und ich sage dir, ob ich's mache. Willst du einen Kaffee?" Die Kaffeekanne war zwar schon halb leer, aber für zwei Tassen würde es reichen. Auch wenn Chris nicht wirklich daran glaubte, dass Mike um diese Uhrzeit noch zustimmen würde. "Machst du ihn immer noch so stark, dass der Löffel stehen bleibt?" "Anders schmeckt er doch nicht!" "Gut, dann pack mir viel Milch und Zucker rein." "Und was ist mit deinen Schlafproblemen?" "Wenn ich es nicht besser wüsste, dann könnte man meinen, dass du dich um mich sorgst. Aber so hoch, wie mein Adrenalinspiegel jetzt ist, kann ich diese Nacht eh nicht schlafen." Adrenalinspiegel? Quatsch, du wirst die ganze Situation noch x-mal in Gedanken durchgehen und an dir selbst zweifeln. Deswegen wirst du nicht schlafen können. "Glaube ich nicht. Wenn du erst mal wieder von deiner Palme runter bist, wirst du tief und fest schlafen und davon träumen, wie du Kallenbach ein blaues Auge verpasst." "Klar, dann habe ich mich soweit beruhigt, dass ich morgen viel zu nett zu dem Arsch bin." Chris stellte die volle Tasse vor Mike ab und setzte sich wieder hin. Mike nippte einmal an dem Gebräu und verzog dann das Gesicht. "Du machst ihn inzwischen noch stärker. Aber er ist heiß und das ist doch schon mal was." "Okay und jetzt hörst du auf rumzuquatschen und sagst mir, was du willst!" Aber erst als Chris den ersten Schluck getrunken hatte, schien sich Mike zum Reden zu überwinden. "Ich habe gestern nach unserem Gespräch mit Klaus telefoniert. Und er hat dasselbe Gefühl. Es fällt mir wirklich nicht leicht, dich darum zu bitten." Jetzt war es für Chris klar, worum es ging. Hoffentlich merkt er nichts. "Wenn du so um den heißen Brei herumschleichst, dann kann es sich doch nur um Eddie handeln!" So ruckartig, wie Mike die Tasse absetzte, und die Art, wie dieser Chris ansah, machte deutlich, dass Chris voll ins Schwarze getroffen hatte. "Nun schau mich nicht so entgeistert an. Ich kenn' dich lang genug, um zu wissen, dass es außer Klaus nur noch einen anderen Menschen gibt, für den du dich so einsetzt. Worum geht es denn?" Bitte lass mich nicht mit Eddie zusammentreffen, das würde ich nicht ertragen. Mike brauchte einen Moment, bis er sich wieder unter Kontrolle hatte. "Ich habe dir ja gestern schon gesagt, dass Eddie einen Neuen, Thomas, hat und ich dabei ein seltsames Gefühl habe. Iris kann ihn nicht ausstehen. Sie behauptet, dass er kein Rückgrat hat, und Klaus sagte mir gestern, dass Thomas zu den Typen gehört, denen er niemals einen Kredit geben würde, egal wie viele Sicherheiten dieser hätte. Und da ich garantiert Ärger bekomme, wenn ich über diesen Kerl Nachforschungen anstelle-" "... da wäre es dir lieber, wenn ich das machen würde, da Eddie und Iris sowieso nicht mehr mit mir reden." Chris wusste nicht genau, was er sagen sollte. Mikes Bitte war verlockend. Es würde ihn wieder in Eddies Leben involvieren, konnte aber auch sehr viel Ärger bedeuten. Aber er wusste nicht, wie viel er riskieren konnte, ohne dass Bechthold aufmerksam würde. Nachdenklich trank er seinen Kaffee. Dann blickte er Mike an. Dieser war sichtlich erleichtert, dass er es hinter sich hatte, war aber nervös, weil Chris sich nicht äußerte. "Ich weiß, dass ich da viel von dir verlange, schließlich ist Eddie dein Ex..." Mehr wusste Mike nicht mehr zu sagen. Chris beschloss, ihm weiterzuhelfen. "Ist er nicht auch dein Ex? Und Eddie kann sich trotz allem, was er sich damals geleistet hat, keinen besseren Freund wünschen." Chris fuhr mit den Fingern durch seine Haare. "Ich habe eigentlich gehofft, dass bei Eddie und mir nach dem Ende der Beziehung eine ähnliche Freundschaft übrig bleibt wie bei euch beiden, aber ich war damals einfach nicht in der Lage, das vernünftig hinzubekommen. Leider." Wenn du den wahren Grund kennen würdest... "Ich mach's. Aber nicht deinetwegen, sondern für Eddie." Mike schien ein Stein vom Herzen zu fallen. "Danke, du weißt schon wofür." "Nicht dafür. Und jetzt musst du mir nur noch sagen, was du über diesen Thomas weißt." "Tja, du wirst mich für verrückt erklären, aber ich habe da schon was vorbereitet." Der Umschlag, den Chris wenige Augenblicke später in seinen Händen hielt, sah genauso aus wie der, den Mike ihn am Vortag gegeben hatte. Er balancierte ihn auf der Handfläche und schätzte die Seitenzahl. Dann sah er Mike an. "Du hattest wirklich zu viel Zeit." Mike hatte den Anstand, leicht zu erröten. "Soviel, wie du denkst, ist es nicht. Hauptsächlich einige Fotos, und das, was er in Frankfurt macht. Über seine Vergangenheit habe ich nichts rausbekommen können. Er ist Schweizer und scheint weder eine Schule besucht, noch irgendwo gearbeitet zu haben. Aber seine Ausweispapiere sind echt." Chris öffnete den Umschlag und als erstes fielen die Fotos heraus. Gutaussehend ist er ja, ob er auch so gut im Bett ist? Das Ziehen in seinem Magen kam nicht von ungefähr. Und Chris bereute es, auf Mikes Idee eingegangen zu sein. Denn für sein Seelenleben war diese Sache nichts. Er vergaß vollkommen, dass Mike noch vor ihm saß, und verlor sich in Erinnerungen, denn ein Foto zeigte Thomas Arm in Arm mit Eddie. Und Eddie lachte ihn in einer Art und Weise an, die Chris zu gut kannte. "Chris?" Als er zu Mike schaute, sah er den besorgten Ausdruck in dessen Augen. "Ja?" "Eigentlich ist es ja eure Sache, denn ihr müsstet ja alt genug sein, um zu wissen, was ihr macht..." Doch dann stockte Mike, schien nicht den Mut zu haben, weiter zu reden. "Was willst du damit sagen?" Egal was, es soll mich nur von dem Bild ablenken. "Gut, du bist mein Expartner und Eddie ist mein Exfreund. Und ich kenne euch beide lange genug. So wie du dich die letzten Monate verhältst, genauso hat Eddie sich verhalten, bevor ihr ein Paar wurdet. Du bist vielleicht etwas subtiler und verpackst es besser, aber du gierst nach jeder Information, die du über Eddie bekommen kannst. Scheißegal, ob er jetzt einen Neuen hat oder seine Werkstatt erweitert. Hauptsache irgendetwas. Und dein Blick, wenn ich über ihn rede... Lange Rede, kurzer Sinn: Ich nehme es dir nicht ab, dass du nur Freundschaft für ihn empfindest. Da steckt mehr hinter. Vielleicht ist es dir nicht bewusst. So, und jetzt schmeiß mich raus." Das saß. Mike kannte ihn viel zu gut. Und Chris wusste einfach nicht, was er dazu sagen sollte. Nur ruhig sitzen bleiben konnte er nicht. Er stand auf und lief unruhig auf und ab. Schließlich blieb er vor dem Fenster stehen und blickte hinaus. Ihm war bewusst, dass Mike ihn die ganze Zeit beobachtete. Irgendwann brach Mike das Schweigen. "Wieso machst du nicht mit Amanda Schluss und redest mit Eddie? Denn er liebt dich auch noch. Gut, er würde dir erst mal Feuer unterm Arsch machen und dich zappeln lassen, aber das müsste es dir doch wert sein." Doch Chris wusste, dass es nicht ging. So sehr er es sich auch wünschte, er war noch unerfahren und hatte noch keinen einzigen echten Kampf gehabt. Das Risiko für Eddie war einfach viel zu groß. Vielleicht, wenn ich meinen ersten Kampf überlebe, dann kann die Haselmaus wieder zum Habicht werden und ich werde um Eddie kämpfen. Aber noch ist es zu früh. "Es geht nicht, Mike. Es heißt ja, dass heutzutage alles möglich ist. Aber das stimmt nicht. Es stimmt einfach nicht. So sehr ich Eddie mag. Es würde nicht gut gehen. Es tut mir leid." Chris lehnte seinen Kopf an die Fensterscheibe. Sie war kalt und jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Vielleicht sollte ich einfach zu Bechthold gehen und ihn herausfordern. Wenn ich's überlebe, red' ich mit Eddie. "Mein Angebot von gestern steht noch." "Welches Angebot?" "Dass ich für dich da bin, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Du scheinst alles in dich reinzufressen. Und das ist nicht gut für dich." "Danke, vielleicht werde ich irgendwann darauf zurückkommen, aber rechne nicht heute, morgen oder irgendwann in der nächsten Zeit damit." Das mit Bechthold lasse ich besser. Meine Chancen sind einfach zu schlecht. Und ohne Kopf nimmt mich Eddie bestimmt nicht. "Dann werde ich halt warten. Aber ich denke, es ist besser, wenn ich mich um Thomas kümmere." "Wieso?" Chris drehte sich um und sah Mike direkt in die Augen. "Glaubst du wirklich, dass ich beim Anblick von Eddies Freund ausraste und ihn verprügele? Nein, ich will, dass Eddie glücklich wird. Und dazu braucht er einen neuen Partner. Aber da du dir schon solche Sorgen machst, überprüfe ich ihn. Was du machst, wenn der Junge wirklich Dreck am Stecken hat, ist dein Problem. Ich werde mich nicht einmischen." "Du hast dich im letzten Jahr sehr verändert, Chris. Du warst noch nie ein Weichei. Doch seitdem du dich von Eddie getrennt hast, bist du richtig hart geworden. Dir selbst gegenüber, nicht anderen gegenüber. Und ich frage mich, was dich dazu gebracht hat." Diesem erwartungsvollen Blick konnte Chris nichts entgegensetzen. Er drehte sich wieder um und starrte aus dem Fenster. Doch antworten konnte er nicht. "Verdammt Chris! Fahr nicht wieder alle Mauern hoch!" Chris hörte, wie Mike aufstand, doch statt zu gehen, kam er auf ihn zu. Dann spürte er, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte. "Klaus behauptet, dass ich mein Helfersyndrom von Iris habe. Und genau wie Iris kann ich inzwischen sehr hartnäckig sein, wenn ich glaube, dass es sich lohnt. Also glaub ja nicht, dass ich dich in Ruhe lasse. Ich habe damals gedacht, dass Eddie meine Hilfe braucht und du der Arsch bist. Aber das stimmt nicht. Und was da genau zwischen dir und dieser Amanda läuft, das werde ich auch noch herausbekommen. Denn mein Instinkt sagt mir, dass irgendetwas nicht stimmt. So, und jetzt geh ich. Die Unterlagen über Thomas lass ich dir da. Du kannst dich melden, wenn du was herausgefunden hast." Damit ließ Mike Chris' Schulter los und wollte gehen. Die Türe hatte er schon geöffnet, als Chris ihn zurück rief. "Hast du nicht was vergessen, Mike?" Dieser stoppte. Chris drehte sich um und grinste ihn an. Eigentlich war ihm gar nicht danach zumute, aber der verwirrte Gesichtsausdruck auf Mikes Gesicht war Belohnung genug. "Was denn?" "Vor lauter Helfersyndrom hast du vergessen, mich noch mal zu fragen." "Wovon redest du? Ich weiß nicht, was du willst." "Iris wird gar nicht glücklich sein, wenn du mich nicht fragst." Da ging Mike ein Licht auf. "Gott, Weihnachten! Stimmt. Was hat Engin gesagt? Hat er schon was vor?" "Ich könnte ja sagen, dass wir über die Weihnachtstage nur dann euren Dienst machen, wenn du dein Helfersyndrom bei mir auf Eis legst. Aber ich habe das komische Gefühl, dass Klaus, Carola und Iris dann auf mich sauer sein werden, weil du dich gegen den Urlaub entscheidest." Mike nickte zustimmend. "Sie werden zwar sauer auf dich sein, aber für mich haben sie vollstes Verständnis. Ich bin nicht bestechlich." "Ich weiß. Das ist eine der Eigenschaften, die ich an dir schätze. Engin hat zugestimmt. Buch den Flug und schick uns eine Postkarte." Chris sah, dass Mike zu einer Erwiderung ansetzte. "Und jetzt gehst du besser, bevor ich es mir noch anders überlege. Du und Engin. Ihr glaubt wirklich, dass ihr mir noch helfen könnt. Wieso solltet ausgerechnet ihr mir helfen können! Ich bin wirklich alt genug, um entscheiden zu können, dass ihr nicht die Hilfe seid, die ich brauche." Denn es ist für euch gefährlicher, als ihr denkt. Und ich bringe euch nicht in Gefahr. "Etwa Amanda?" Mikes Stimme hatte einen sehr ironischen Unterton. "Wenn du nicht zustimmst, dann müssen wir dich halt zu deinem Glück zwingen. Früher oder später haben wir Erfolg. Nacht Chris." Bevor Chris noch etwas sagen konnte, war Mike raus und hatte ihm die Türe vor der Nase zu gemacht. Er stand einen Moment vor der geschlossenen Tür. Dann drehte er sich mit einem Kopfschütteln um und ging zu seinem Schreibtisch. Zeit für den Feierabend. Ich muss noch zum Training. Als er seine Sachen zusammenpacken wollte, fiel sein Blick auf die Bilder von Thomas. Obenauf lag das Bild mit Eddie. Er hob es hoch und betrachtete es. Er studierte jede Linie von Eddies Gesicht. Dann nahm er auch die anderen Bilder und packte alles wieder in den Umschlag. Bevor er ins Bett ging, würde er sich alles in Ruhe anschauen. Wenn dieser Thomas eine Gefahr für Eddie werden war, dann würde er es herausfinden.
Als Chris zu Hause mit seinem allabendlichen Training fertig war, holte er sich in der Küche ein Bier und setzte sich an seinen Computer. Seine Neuerwerbungen hatte er auf dem Stapel neben seiner Matratze gelegt. Inzwischen war es schon ein beachtlicher Berg, den er abarbeiten wollte. Nach einer Stunde Recherche gab Chris auf. Entweder interessierte sich dieser Thomas nicht für Internet und Computer oder er schien wirklich nicht zu existieren. Aber es erklärte nicht, warum es für ihn eine gültige Geburtsurkunde aus Solothurn gab, sein Name aber weder in den Abschlussklassen der örtlichen Schulen auftauchte noch in irgendeinem Verein gelistet war. Nur in einem Frankfurter Fitnesscenter war er Mitglied. Dabei war er laut Ausweis gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt und gehörte eigentlich der Internetgeneration an. Viel zu jung für Eddie. In der Zwischenzeit hatte Chris auch die zweite Bierflasche geleert. Nicht, dass er in irgendeiner Art und Weise betrunken war, aber es entspannte ein wenig. Es war genau das, was er brauchte, um einschlafen zu können. Den Wecker für den nächsten Tag stellte er etwas früher, denn er wollte sich als erstes Kallenbach vorknöpfen. Chris kannte ihn lang genug, um zu wissen, dass er vor jeder Schicht im Büro einen Kaffee trank und mit Deichsel quatschte. Dabei fragte sich Chris, worüber die beiden eigentlich redeten. Deichsel war doof wie Brot, dagegen war Kallenbach wirklich intelligent. Nur schade, dass er sie nutzte, um Mike das Leben zur Hölle zu machen. Aber das werde ich ihm morgen austreiben. Endgültig. Bevor er sich hinlegte, nahm er noch einmal die Fotos von Thomas und betrachtete sie. Er nahm sich vor, dem Fitnesscenter am nächsten Tag auch einen Besuch abzustatten. Vielleicht würde er da ja etwas über Eddies mysteriösen Lover herausfinden. Das bin ich Eddie schuldig. Doch wirklich gut schlafen konnte er nicht, dazu hatte er viel zu seltsame Träume. Am nächsten Morgen konnte er sich aber nicht mehr an den Inhalt erinnern. Er wusste aber noch, dass er in einem dieser Träume Eddie in seinen Armen gehalten hatte. Es war ein Gefühl absoluter Geborgenheit gewesen. Und dann wachte er wieder alleine auf. Ohne Eddie. Dementsprechend gut war auch seine Laune, als er sich auf den Weg zur Arbeit machte. Vor dem Büro, das sich vier Teams teilen mussten, blieb Chris kurz stehen. Er hörte nur ein leises Gemurmel aus dem Raum, konnte die Stimmen eindeutig dem Dreamteam zuordnen. Sie schienen, wie Chris gehofft hatte, alleine zu sein. Chris klopfte kurz an, öffnete die Tür und trat ein. Kallenbachs und Deichsels Gesprächsthema schien zwar spannend zu sein, denn Deichsel rollte sein Zigarillo zwischen den Finger, aber scheinbar war ihre Unterredung nicht für fremde Ohren bestimmt, denn sie verstummten abrupt als Chris hineinkam. "Einen schönen guten Morgen. Wie kommt es, dass sich unser 'Chef' doch einmal bei uns blicken lässt? Oder wolltest du gar nicht zu uns, sondern hast dich in der Tür geirrt?" Kallenbach at his best. Du Arsch wirst gleich dein blaues Wunder erleben. "Ich weiß nicht, wie du mir nach dem gestrigen Tag noch einen guten Morgen wünschen kannst." "Meinst du wegen der Sache mit Mike und Bechthold?" Chris konzentrierte sich voll und ganz auf Kallenbach. Er brauchte keinen Blick an Deichsel zu verschwenden, denn der war nicht intelligent genug, um aus eigenem Antrieb zu handeln. Dafür spurte er nach Kallenbachs Befehlen. Kallenbach bräuchte nur mit der Augenbraue zu zucken und Deichsel würde springen. Egal, wie groß die Gefahr für ihn wäre. "Was sollte ich sonst meinen?" "Hätte ja sein können, dass die französischen Kollegen sich doch mal mit deiner Freundin beschäftigt hätten. Erst einen ehemaligen Autoschieber und jetzt eine Diebin. Und dabei fällst du auch noch die Karriereleiter nach oben. Ich frag' mich nur, wie du das machst." Kallenbach setzte seine Kaffeetasse ab und schaute Chris herausfordernd an. "Es tut mir leid, dass Bechthold beinahe über Mike und Carola gestolpert ist, ich habe es im Dienstplan übersehen." Doch diese stille Genugtuung in Kallenbachs Gesicht sagte etwas ganz anderes. "Ich hätte aber nicht gedacht, dass Niemcek wie ein braves Hündchen zu dir gelaufen kommt und alles petzt." "Er kam eher wie eine wütende Dogge angestürmt und hat gedroht, dass du Bekanntschaft mit seinem Haken machen würdest, wenn ich nicht mit dir rede. Wenn du es so ausdrückst, dann kann man sagen, dass ich ihn für heute an die Kette gelegt habe." "Ach? Und was willst du uns sagen? Ich habe mich auch schon bei Niemcek entschuldigt. Was soll ich denn sonst noch machen? Der gute Junge ist halt ein wenig empfindlich. Da kann ich doch nichts für." Es reicht. Das geht zu weit. Chris bewegte sich so schnell, dass Kallenbach zu spät merkte, was dieser vorhatte. Und als er es realisierte, da war es zu spät, denn Chris stand vor ihm, packte ihn am Kragen und schob ihn rückwärts durch den Raum, bis er die Wand im Rücken hatte. "Okay Kallenbach. Ich sage dir eins. Sollte ich noch ein Mal eine Beschwerde von Mike und Carola über dich bekommen, dann bist du dran. Dann wirst du am eigenen Leibe spüren, was es bedeutet, mit mir Ärger zu bekommen. Und mein Auftritt damals wird im Vergleich dazu nur kalter Kaffee sein. Hast du das verstanden?" Dass Kallenbach nur noch recht wenig Luft bekam, war Chris egal. Und als Kallenbach nicht reagierte, da drückte er ihm ganz bewusst noch ein ganz klein wenig mehr die Luft ab. Irgendwann nickte Kallenbach. Als die Türe geöffnet wurde, da zuckten alle zusammen. Keiner hatte mit einer Störung gerechnet. "Oh, Entschuldigung, ich komme später wieder." Carola, du bist ein Schnellmerker. Das Schloss schnappte ganz leise ein, als Carola die Tür von außen schloss. Genauso leise waren auch die nächsten Worte, die Chris an Kallenbach richtete. "Und sollte Mike und Carola auch nur ein Haar gekrümmt werden und ich habe den triftigen Verdacht, dass du daran nicht ganz unschuldig bist, dann pfeife ich auf sämtliche Vorschriften und mach dich so fertig, wie du es noch nie im Leben warst. Dann wirst du dir wünschen, dass ich Mike nicht an die Leine genommen hätte. Haben wir uns verstanden?" Dieses Mal nickte Kallenbach sofort. "Braver Junge, dann denke auch noch dran, dass ihr gut auf Bechthold aufpasst, und ich werde euch lobend in meinem Abschlussbericht erwähnen. Sind wir uns da einig? Wieder kam von Kallenbach ein zustimmendes Nicken. Jetzt ließ Chris los. Kallenbach griff sich an den Hals und schnappte fast panikartig nach Luft. "Deichsel, meinst du nicht, dass es an der Zeit wäre, dass du dich um deinen Partner kümmerst? Ich glaube, er könnte ein Glas Wasser vertragen. Ich wünsche euch noch einen schönen Tag." Damit drehte sich Chris um und ging an Deichsel vorbei nach draußen. Der schnappt ja fast genauso nach Luft wie Kallenbach. Das macht ihn aber auch nicht attraktiver. Wenn er doch nur etwas Hirn hätte... Die Tür schloss er fast lautlos. Und sah in die grinsenden Gesichter von Mike und Carola. "Wollt ihr einen Kaffee? Ich lad euch ein. Das Büro würde ich an eurer Stelle heute nicht betreten." "Wieso? Carola sagte mir gerade, dass du ihnen den Marsch geblasen hast." "Stimmt, aber man soll den beiden auch etwas Zeit geben, das Ganze zu verarbeiten. Deichsel ist da nun mal nicht der schnellste." Das Grinsen auf ihren Gesichtern wurde noch eine Spur breiter und sie folgten Chris kommentarlos in sein Büro. Engin war auch schon da und hatte den Kaffee aufgeschüttet. Als er sah, wer hinter Chris reinkam, zog er nur die Augenbraue hoch. "Morgen zusammen. Stimmt das, was die Buschtrommeln verkünden?" "Was sagen denn die Buschtrommeln?" "Die Kurzversion lautet, dass Mike gestern Kallenbach über Funk zusammenscheißen wollte, weil er euch gefährdet hat, er euch aber mit 'ner sehr lahmen Ausrede den Wind aus den Segeln genommen hat." Chris hatte zwischenzeitlich zwei Tassen für Carola und Mike gefüllt. Er selbst musste darauf verzichten, weil sie nicht mehr Geschirr hatten. Während sich Carola und Mike ans Fensterbrett lehnten, setzte Chris die Kaffeemaschine noch einmal an. Mike setzte zu einer Antwort an, bekam aber von Carola einen leichten Stoß in die Seite, der ihn verstummen ließ. "Das stimmt. Und es reicht uns endgültig. Die beiden sind reif, wenn die noch mal einen gehässigen Kommentar von sich geben. Aber so, wie Chris die beiden eben rund gemacht hat, werden wir wohl lange Ruhe haben." Den entrüsteten Blick seines Partners versuchte Chris zu ignorieren. Inzwischen hatte er sich hinter seinem Schreibtisch verschanzt. "Das ist gemein, Chris! Diese Show hätte ich zu gerne gesehen!" "Oh, ja! Du hast da was verpasst. Ich bin zufällig in ihre Auseinandersetzung hineingeraten, aber das was ich gesehen habe, hat mir sehr gut gefallen." Hörte er da richtig? War da in ihren Worten eine Anspielung? Fragend blickte Chris zu Mike. Der musste schließlich am ehesten wissen, was seine Partnerin dachte, doch der zuckte bloß mit den Schultern. "Soviel war doch da gar nicht zu erkennen. Würde mich wundern, wenn du mehr als meinen Rücken gesehen hättest." "Ja, aber auch ein schöner Rücken kann entzücken, besonders wenn die dazugehörige Hand Kallenbach die Luft abdrückt. Ach, ich wäre gerne geblieben, aber ich hielt es für ratsam, dass du das Ding alleine durchziehst." Wie lange ist Carola eigentlich schon solo? Sie braucht einen Mann! Unbedingt! "Danke." "Dafür brauchst du mir nicht zu danken. Aber der Blick auf Deichsels Gesicht war auch schon Gold wert." "Ja, wie ein Fisch auf dem Trockenen." Und alle lachten. Chris tat es leid, dass er diese fast schon ausgelassene Stimmung zerstören musste. "Mike, Carola! Müsst ihr nicht so langsam die Jungs von der Nachtschicht ablösen?" "Ich habe gestern Abend noch Schmidtchen angerufen und ihm gesagt, dass Mike und ich wahrscheinlich etwas später kommen würden, weil wir noch ein Hühnchen mit Kallenbach zu rupfen hätten. Da wusste ich aber nicht, dass Mike dich eingeschaltet hatte. Wir können also noch in Ruhe unseren Kaffee trinken." "Wow, du denkst aber auch an alles." Und Chris fing auch noch den bewundernden Blick auf, den Engin Carola zuwarf. Und die Art, wie sie zurückblickte. Oh nein! So dringend nun auch nicht! Nicht mit Engin. Da musste Chris noch ein ernsthaftes Wort mit Engin wechseln, denn wenn dieser wirklich auf den Gedanken kam, sich auf Carola einzulassen, dann würde er schneller unter dem Pantoffel stehen, als er Piep sagen konnte. Engin schien aber Chris' warnende Blicke nicht zu bemerken, denn er ging direkt zum Angriff über. "Sehr lange können wir hier aber trotzdem nicht mehr sitzen. Was haltet ihr davon, wenn wir heute Abend irgendetwas zusammen unternehmen? Zum Beispiel schwimmen gehen. Dann könnten wir auch Thorsten mitnehmen." Oh nein! Doch Carola stoppte ihn. Es schien aber Bedauern in ihrer Stimme zu liegen. "Tut mir leid, wir sind heute bei meiner Mutter zum Abendessen eingeladen. Da kann ich nicht absagen. Aber wir sollten mal einen Termin ausmachen, wenn wir alle Zeit haben." "Dann lass uns doch mal ein dienstfreies Wochenende raussuchen und wir fahren Chris in Paris besuchen. Es wird doch Zeit, dass wir seine Amanda nicht nur von irgendwelchen Fahndungsaufrufen kennen lernen." Du Mistkerl! Das gibt Rache. Mike wollte wohl seine Drohung vom Vortag unbedingt wahr machen und Chris blieb nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. "Sicher, sagt Bescheid, wann ihr aufschlagen wollt, dann bereite ich für euch die Gästezimmer vor." "Das hört sich doch richtig klasse an. Nur schade, dass ich solo bin, denn mit einem netten Mädel wäre es doch doppelt so schön." Dabei versuchte Engin, Carola einen schmachtenden Blick zuzuwerfen, den sie aber nicht bemerkte, da sie Chris anschaute. Dann schien sie seine Taktik durchschaut zu haben. "Und wo Chris jetzt weiß, was wir vorhaben, wird er unsere Dienste so legen, dass wir in den nächsten Monaten garantiert kein freies Wochenende haben." "Spätestens Weihnachten habt ihr frei!" "Klar, aber nur weil ihr dann unseren Dienst übernehmt und wir dann in Norwegen sind!" Dafür bekam Mike einen undefinierbaren Blick von Carola. "Was verschweigst du mir? Wieso übernehmen die zwei unseren Dienst und seit wann fährst du nach Norwegen?" "Nicht ich, wir!" Carola stellte die Kaffeetasse hinter sich, stemmte die Hände in die Seite und schaute Mike herausfordernd an. "Jetzt hör auf, in Rätsel zu sprechen, und sag, was los ist." "Ich wollte es dir heute erzählen, denn ich habe erst gestern Abend von Chris die Zusage bekommen, dass die Zwei wirklich für uns einspringen. Kurz gesagt, Iris hat ihr Traumhaus in Norwegen gekauft und will dort mit uns allen Weihnachten feiern. Sie war so intelligent, erst letzten Freitag mit dem Plan rauszurücken, wo eigentlich schon feststand, dass wir über Weihnachten Dienst haben. Und ich wollte es dir erst sagen, wenn ich irgendjemand gefunden hatte, der für uns die Schichten übernimmt. Ich wollte euch nicht enttäuschen, wenn es doch nicht klappt." Statt einer Antwort fiel Carola Mike um den Hals und knutschte ihn ab. "Hey! Was ist mit uns? Schließlich opfern wir uns für euren Urlaub." "Wenn du nicht so faul auf deinem Allerwertesten sitzen würdest, dann bekämst du auch eine Umarmung, aber so..." Carola schien Mike gar nicht los lassen zu wollen und knuddelte ihn durch. Was dieser sich auch gerne gefallen ließ. Engin sah ein, dass er im Moment keine Chancen hatte, und wandte sich zu Chris. "Dich brauche ich doch gar nicht zu fragen, ob du heute mit mir schwimmen gehst." "Stimmt, aber ich bin heute nicht im Kampfsportcenter. Mike hat einen Job für mich." Das ist die Rache für Paris. "Habe ich da irgendetwas verpasst? Wenn Mike dich überredet, den Urlaub zu tauschen, und dich dann noch für irgendetwas einspannt... Ich ahne Schreckliches. Wenn Klaus nicht da ist, dann kommt er immer auf dumme Ideen." Carola löste sich von Mike, nahm ihre Kaffeetasse und schaute Chris an. "Er macht sich Sorgen um Eddie und hat mich gebeten, mir seinen Neuen etwas näher anzuschauen." "Und macht dabei den Bock zum Gärtner. Mike, das war keine gute Idee von dir." Interessiert beobachtete Chris die Blicke, die die Zwei wechselten. Carola schien gar nicht mehr so glücklich zu sein. "Du mit deinem Helfersyndrom! Das wird ja immer schlimmer! Oder hast du es mir bisher immer erfolgreich verheimlicht? Komm, wir können Pauly nicht ewig warten lassen. Danke für den Kaffee und dass du Kallenbach zurecht gestutzt hast, Chris. Wir müssen jetzt..." Carola hatte sich vor Mike aufgebaut und sah ziemlich sauer aus. Auch Mike war das nicht entgangen. "Ähm, ja, ich glaube da verweigere ich die Antwort, Carola. Sonst petzt du alles Klaus." Damit drehte er sich um und stellte seine Tasse neben die Kaffeemaschine ab. "Rufst du mich denn an, wenn du was rausgefunden hast, Chris?" Chris fand es schon amüsant, wie resolut Carola inzwischen mit Mike umsprang und besonders witzig fand er Engins Gesicht nach dieser Szene. Das Kapitel Carola war abgehakt, noch bevor es begonnen hatte. "Sicher, ich habe gestern noch etwas im Internet recherchiert, aber nichts über seine Vergangenheit herausbekommen. Dafür aber ein Fitnessstudio, wo er gelistet ist. Das werde ich heute Abend persönlich überprüfen." "Noch mal danke für alles." "Schick mir eine Postkarte und dann sind wir quitt. Du hast mich mit deiner Bitte vor einem Drachen gerettet." Mike konnte nicht mehr viel sagen, denn Carola schob ihn vor sich zur Tür raus. Als sie weg waren, konnte sich Engin einen Kommentar nicht verkneifen. "Was meinst du? Grün-blau?" "Nee, ein fluffiges Gelb." "Kann auch sein. Fragt sich nur, ob er den Pantoffel von Klaus oder Carola bekommen hat. Was ist nur in ihn gefahren? Der weiß sich doch sonst zu wehren." Mit einem dicken Grinsen im Gesicht stand Chris auf, holte Mikes Kaffeetasse und füllte sie. Er war zu faul, um sie in der Küche zu spülen. "Ich denke, dass Carola Recht hat. Wenn Klaus weg ist, dann denkt er zuviel nach und kommt auf dumme Gedanken. Denk nur an seinen Alleingang, den er sich mit den Buchhändlern geleistet hat. Und jetzt hat er ein schlechtes Gewissen und versucht, alles mit viel Geduld zu überstehen." "Und wenn er sich auch noch in Eddies Leben einmischt... Wie kommt es, dass er ausgerechnet dich darum bittet, sich darum zu kümmern?" Chris setzte sich wieder hin und nahm die Akte, die er zuletzt bearbeitet hatte. "Weil Thomas mich nicht kennt und ich eh schon Streit mit Iris und Eddie habe..." "Und ich weiß, warum du Iris zuerst genannt hast. Warum müssen die interessanten Frauen eigentlich immer so anstrengend sein?" "Woher soll ich das wissen?" Engin schien auch nicht wirklich eine Antwort erwartet zu haben. Und Chris konnte sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren.
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