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Und das Leben geht weiter
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
 
 

... und das Leben geht weiter

Teil 6
© by Aisling ()
 
Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Mit über 300 Word Seiten ist es meine bisher längste Fanfiction.
Bis vor einem Jahr hätte ich auch noch nicht gedacht, dass ich jemals so verrückt sein würde, so eine lange Geschichte zu schreiben.
Geplant hatte ich sie jedenfalls nicht in diesem Umfang. Sie sollte 'nur' 100 Seiten lang werden. Trotz Storyline wurden es wesentlich mehr.
Dank: An Birgitt. Ohne sie und ihre Begeisterung (ganz zu schweigen von ihrem Beta) wäre ich noch nicht mal über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 16: Eddies Neuer

 

Normalerweise war es immer Chris, der als letzter Feierabend machte. Aber heute hielt er es nicht mehr aus. Denn seine Neugierde war ins Unermessliche gestiegen.

Deshalb packte er bereits um kurz vor sechs seinen Kram zusammen und machte sich auf den Weg zum Fitnesscenter. Engin hatte nur kurz hochgeschaut und ihm eine gute Jagd gewünscht.

Bevor Chris das Center betrat, wartete er einige Zeit in sicherer Entfernung im Auto und beobachtete das Gebäude. Auch wenn es nieselte, die Zeit nahm er sich. Er konnte nichts Verdächtiges feststellen. Auch all die Leute, die um diese Uhrzeit hineinströmten, wirkten ganz normal.

Alles im grünen Bereich.

Doch Chris ging auf Nummer sicher. Er funkte kurz das Team an, das gerade Bechthold observierte, und fragte nach, wo dieser sich aufhielt. Da er dies auch während der Arbeitszeit immer wieder mal machte, fiel es niemandem auf. Dann stieg er aus, zog seinen Staubmantel an und suchte den Hintereingang, den er auch schnell fand. Seit dem Fiasko bei der Vernissage mied er Gebäude, wo er keinen Fluchtweg hatte.

Als er dies gecheckt hatte, kehrte er zum Auto zurück und holte seine Sporttasche. Er wollte nach einem Probetraining fragen und sich unauffällig umhören. Er hegte keine Hoffnung, dass er direkt am ersten Abend etwas Wichtiges erfahren würde. Aber er hatte vor, sich in den nächsten Wochen jeden Abend dort blicken zu lassen.

Falls sie ein gutes Kampfsporttraining hatten, wäre es eventuell sogar eine Alternative zum Kampfsportcenter, denn er hatte das Gefühl, dass die Trainer ihm dort nicht mehr viel beibringen konnten.

Peinlich für sie, denn ihr Niveau ist nicht so hoch, wie ich damals gedacht hatte.

Nachdem er jedoch hineingegangen war und zum Empfang ging, wurde ihm klar, dass sein Plan nicht gut genug war.

Scheiße! Das ist ein Buzz!

Der Drang, sich nach dem anderen Unsterblichen umzusehen, war groß. Bei seinem Anruf vorhin war Bechthold noch in einem Meeting. Und für die Strecke von seiner Firma bis zum Fitnesscenter brauchte man mindestens eine halbe Stunde

Ich bin reingekommen, also ist klar, dass ich der Unsterbliche bin. Scheiße verdammte. Na, zumindest kann ich mir das Versteckspiel sparen... Und vielleicht ist der andere dumm oder überrascht genug, sich zu verraten.

Aber er sah niemanden, der sich in irgendeiner Art und Weise seltsam verhielt.

Um bei den restlichen Besuchern nicht weiter aufzufallen, ging Chris zur Rezeption, um sich anzumelden.

Doch dann bemerkte er einen großgewachsenen Mann, der zum Hinterausgang ging. Allerdings ohne sich vorher umzuziehen und mit der Sporttasche in seiner Hand. Und dieser Typ hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Eddies neuem Freund.

Sag, dass das nicht wahr ist! Eddie, du hast einen lausigen Geschmack!

Wenn er nicht sofort reagieren würde, dann wäre der Kerl weg. Er schenkte dem verdutzten Mädel, bei dem er gerade einchecken wollte, noch ein entschuldigendes Lächeln, schnappte sich seine Tasche und ging raus.

Die Tasche ließ er direkt am Eingang fallen und joggte zum Hinterausgang. Chris war froh, dass er inzwischen mit dem Schwert im Mantel laufen konnte, so dass man weder man weder seine Bewaffnung sah, noch dass er sich verhedderte und über sein Schwert stolperte, im schlimmsten Fall sogar hinfiel. Anfangs war ihm das oft genug passiert.

So sehr er auch übte, mit einer Tasche als zusätzliches Handicap konnte er es immer noch nicht.

Als er um die Ecke bog, war Thomas noch in Sichtweite. Chris beschleunigte seinen Schritt, um ihn einzuholen. Doch er wurde bemerkt und Thomas ließ seine Tasche fallen und sprintete los. Chris ließ ihn laufen und achtete nur darauf, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Da er sich in der Gegend auskannte, bestand für Chris keine Gefahr, in eine Falle zu geraten.

Und da er immer noch den Buzz im Kopf hatte, wusste er, dass er den Richtigen verfolgte.

Thomas bugsierte sich selbst ins Aus, als er nach einer Viertelstunde in eine Sackgasse einbog.

Chris legte an Tempo zu und versuchte, ihn einzuholen, bevor er sich in die Spielhalle am Ende der Straße rettete.

Aber er hatte nicht mit der Reaktion seines Gegners gerechnet.

Gerade wollte er ihn am Arm fassen, als dieser sich umdrehte und mit einem Messer zustach.

Chris, du bist ein Idiot! Du läufst gerade zum zweiten Mal in ein Messer rein!

Im Vergleich zu dem, was Chris jeden Sonntag mit Adam erlebte, war dieser Schmerz harmlos, auch war der Stich nicht wirklich gezielt gewesen. So wie es sich anfühlte, war das Messer an der untersten Rippe abgeglitten, und hatte nur eine Fleischwunde verursacht, ohne irgendwelche Organe zu verletzen.

Und mein Mantel hat die meiste Wucht abgefangen.

Chris ignorierte den Schmerz und griff an. Er vergaß vollkommen, dass er sich den Typen eigentlich nur hatte anschauen wollen und dass er ihn in die Enge getrieben hatte.

Mit einem Tritt entwaffnete er ihn und ein Schlag in den Magen ließ seinen Gegner gegen die Wand prallen. Eine Sekunde später hatte er sein Schwert gezogen und hielt es an Thomas' Kehle.

Ich bin schneller!

Doch was er sah, als er Thomas so in die Mangel nahm, verschlug ihm fast den Atem. Der Kerl schaute ihn mit einem flehenden Blick an, so dass er wie ein unschuldiger kleiner Junge wirkte.

Dabei war der Körper alles andere als unreif. Chris schätzte ihn auf knapp 1,90 Meter. Und jeder Zentimeter strahlte Sex pur aus. Und doch wirkte Thomas so unschuldig. Als ob er darauf warten würde, von ihm entjungfert zu werden.

Was überlege ich da gerade?

Dieses Mal musterte Chris sein Gegenüber kritischer und versuchte, ihn zu fassen. Aber es ging nicht. Da war diese Mischung aus Panik, Unschuld und Sexappeal, die dieser Mann ausstrahlte, aber Chris hielt es für eine Fassade.

Denn jemand, der so schnell auf eine mögliche Bedrohung reagierte und sich aus dem Staub machen wollte, der hatte mehr Erfahrung im Wegrennen, als Chris jemals bekommen wollte.

Und in seinem Hinterkopf spuckte noch die Erinnerung an sein erstes Training mit Adam herum. Da war er der Unterlegene gewesen und hatte versucht, genau diesen Trick anzuwenden. Nur war er noch nicht einmal halb so gut gewesen wie Thomas. Im Nachhinein wunderte sich Chris, dass Adam überhaupt darauf reingefallen war.

Oder hat er mir damals etwas vorgespielt, um herauszufinden, wie weit ich gehe?

"Bitte!"

Die Stimme hatte ein samtiges Timbre, bei dem Chris normaler Weise ein Schauer über den Rücken gelaufen wäre. Aber nicht jetzt. Jetzt wollte er wissen, was hinter der Fassade steckte. Andererseits interessierte ihn auch, wie weit Thomas gehen würde. Schließlich war er ja Eddies Lover. Deswegen ging Chris erst mal auf dieses 'Spiel' ein.

"Bitte was?"

Sein Tonfall war noch härter und rauer, als er beabsichtigt hatte. Aber es hatte eine Wirkung auf Thomas. Er zuckte zusammen und schien vor Angst zu schrumpfen.

"Bitte töten Sie mich nicht!"

"Und was für einen Grund sollte ich haben, dich nicht zu töten?"

"Ich bin unbewaffnet, das wäre kein fairer Kampf. Ich gebe Ihnen, was Sie wollen, aber bitte lassen Sie mich am Leben."

Sicher doch, mein 'Kleiner', aber aus anderen Gründen, als du denkst.

Dass Thomas' Zunge rein zufällig in einer äußerst erotischen Art und Weise die Lippen befeuchtete, hatte Chris fast schon erwartet.

Sämtliche Aggressionen waren verflogen. Dafür war die Show, die ihm gerade geboten wurde, einfach nur zu gut. Und Chris gestand sich ein, dass er sie genoss, auch wenn er nicht vorhatte, mit Eddies Freund etwas anzufangen. Aber der Gedanke, etwas zu besitzen, was auch Eddie besaß, war verführerisch.

Doch Chris widerstand dieser Versuchung, denn er hatte sich geschworen, dass nur ein einziger Mann für ihn in Frage kam.

Und dass er diesen Mann irgendwann zurückbekommen würde.

Auch wenn es nur ein Wunschtraum ist.

Mit einem Grinsen ging er bei Thomas auf Tuchfühlung.

"Ich wüsste da etwas, was ich von dir haben will."

Dabei glitt seine freie Hand fast schon liebkosend über dessen Körper. Thomas wehrte sich nicht. Er blieb passiv und schien trotzdem den Eindruck zu erwecken, Chris' Berührungen zu genießen. Doch nicht lange. Denn als Chris das erste Messer aus einer verborgenen Tasche am Oberschenkel zog, da versteifte er sich. Und als Chris sein Schwert senkte, es wieder in den Mantel verstaute und Thomas in den Polizeigriff nahm, da ließ der die Maske fallen und versuchte, sich zu wehren.

Doch er hatte keine Chance. Dafür war er einfach nicht gut genug. Er schien schon mal trainiert zu haben, aber gemessen an Chris' Trainingsstand waren seine Reflexe einfach nur lausig.

Nachdem Chris seine Durchsuchung beendet und alle Waffen entfernt hatte, ließ er ihn los, achtete aber darauf, Thomas keine Fluchtmöglichkeit zu bieten.

"So, du wolltest mir alles geben, was ich will. Steht dein Angebot immer noch?"

"Verdammt! Wer sind Sie und was wollen Sie? Wenn Sie meinen Kopf wollen, dann nehmen Sie ihn. Aber mich bekommen Sie nur, wenn Sie mich auch anschließend laufen lassen."

"Ich will weder dich, noch deinen Kopf."

Ganz gelassen verschränkte Chris seine Arme vor der Brust und wartete ab.

Er wurde mit einem taxierenden Blick belohnt, der so gar nicht zu diesem jungen Körper passte. Und der unschuldige Ausdruck war auch verflogen.

"Was wollen Sie denn? Geld habe ich keins und irgendwelche besonderen Fähigkeiten auch nicht. Ich bin ein schlechter Schwertkämpfer und meine Selbstverteidigung ist auch miserabel. Meine Ausweispapiere habe ich noch nicht mal selbst gefälscht, sondern von einem Profi machen lassen."

"Nein, das will ich auch nicht. Aber deine Körpersprache ist einfach nur genial. Bring mir bei, wie man so unschuldig und unerfahren wirkt. Dann lass ich dich laufen."

Bechthold wird sein blaues Wunder erleben.

"Was soll denn das? Sie haben es doch gar nicht nötig, so eine Show abzuziehen! Ich dagegen muss all meine Fähigkeiten einsetzen, um überhaupt am Leben zu bleiben. Ich weiß nicht, wie Sie Ihre ersten Jahre als Unsterblicher überlebt haben, aber für mich ist das der einzige Weg, da selbst mein Lehrer meinte, dass ich in einem ehrlichen Kampf auch nach einhundert Jahren Training keine Chance hätte, weil ich zu langsam bin."

"Wie lange hat er dich denn unterrichtet?"

"Was interessiert es Sie denn? Verdammt! Ich hasse es, solche Tricks anzuwenden, aber ich will nicht sterben. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass ich mich für mein Überleben prostituiere und bestimmt nicht das letzte Mal. Und doch..."

Aber Thomas sprach nicht weiter. Und Chris wusste 'dank' seines ersten Trainings mit Adam viel zu genau, was jetzt in dessen Kopf vorging. Dabei war der Ekel, so etwas zu machen, noch das geringere Problem.

"Komm, ich lad' dich zu einem Bier ein. Du kannst dir aussuchen, wo wir es trinken. Ich bin übrigens Christoph Schwenk, aber du kannst mich Chris nennen."

Thomas' Blick war abschätzend. Doch dann nickte er.

"Irgendwo hier in der Nähe gibt es einen kleinen Pub. Ich kenne mich aber nicht gut genug aus, um zu sagen, wo es ist. Man ist dort ungestört und kann sich gut unterhalten. Und ich bin Thomas Patane. Ob du mich Thomas, Tom oder Tommy nennst, ist mir egal. Ich mag alle Versionen."

"Meinst du den Irish Pub, 'The Puddys'?"

Thomas nickte wieder.

"Dann bist du eben in die falsche Richtung gelaufen. Wir müssen am Fitnesscenter vorbei, um dorthin zu kommen. Dann können wir auch gleich unsere Sporttaschen wieder einsammeln. Vorausgesetzt, sie haben keine Beine bekommen."

Ohne einen weiteren Kommentar von Thomas abzuwarten, drehte Chris sich um und ging zurück zum Fitnesscenter. Er ließ Thomas die Möglichkeit, sich jederzeit aus dem Staub zu machen, aber dieser tat es nicht.

Erstaunlicher Weise waren beide Taschen noch da und Chris und verstaute seine im Auto. Dann wartete er auf Thomas, der auf der Rückseite des Gebäudes geparkt hatte.

Ich sollte auch in der Nähe des Hinterausgangs parken.

Als dieser ihn eingeholt hatte, wollte Chris sich umdrehen und mit ihm zum Pub gehen. Doch Thomas hielt ihn am Arm fest.

"An deiner Stelle würde ich in diesem Aufzug nicht in eine Kneipe gehen."

"Wieso? Was stimmt daran nicht?"

"Dein Hemd ist voller Blut!"

"Scheiße! Schon wieder eins ruiniert! Und ich hasse es, Hemden zu kaufen."

Eddie hatte es ausgesucht. Damals in San Francisco, kurz bevor...

Von diesem Einkaufsbummel waren nur noch wenige Teile übrig geblieben. Wenn Chris geahnt hätte, dass es zu einer Konfrontation kommen würde, dann hätte er es niemals angezogen.

Um nicht weiter nachzudenken, öffnete Chris den Kofferraum und wühlte in der Tasche. Das schwarze T-Shirt, das er herauszog, war zwar nicht wirklich warm, aber würde weniger Aufsehen erregen. Zwei Minuten später war er umgezogen. Er warf nur einen kurzen Blick auf die Stelle, die Thomas mit seinem Messer erwischt hatte. Die Wunde musste ein Kratzer gewesen sein, denn sie war verheilt. Dabei spürte er die ganze Zeit Thomas' Blicke auf seinem Körper.

Als Chris sich umdrehte und Thomas ansah, erwiderte er den Blick. Und Chris fragte sich, wie lange Thomas schon auf diese Art und Weise um sein Überleben kämpfte.

Dann verliere ich lieber meinen Kopf als so zu leben.

Doch er fand nicht die richtigen Worte, deswegen hielt er seinen Mund und ging schweigend vor.

 

Im Pub setzten sie sich in eine Nische. Links und rechts von ihnen waren die Tische unbesetzt. Das erste Bier tranken sie schweigend. Chris wusste nicht, wie er das Gespräch beginnen sollte. Und Thomas schien ähnliche Probleme zu haben.

Irgendwann verlor Chris die Geduld.

Jetzt oder nie.

"Es tut mir leid."

"Bitte?"

"Dass ich dich verfolgt habe. Ich bin kein Kopfjäger. Aber ich musste einfach wissen, wer hinter dem Buzz steckte. Da du mich erkannt hast, als ich reinkam, musste ich herausfinden, wer du bist."

Thomas spielte mit seinem Bierglas und schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein. Langsam machte Chris sich Sorgen. Sorgen um diesen Mann, den er vor einer halben Stunde fast umgebracht hatte, weil er ein anderer Unsterblicher war und ganz besonders weil er etwas mit Eddie hatte.

Ich bin verrückt! Und sollte mich von Mike fern halten. Das Helfersyndrom ist ansteckend.

Doch dann sah Thomas auf und schaute ihn an. Es war ein offener und ehrlicher Blick.

"Ich kann es verstehen. Und zu entschuldigen brauchst du dich auch nicht. Schließlich habe ich auch versucht, dich niederzustechen."

Chris machte eine abwehrende Handbewegung.

"Das war gar nichts. Eigentlich nur ein Kratzer, der ziemlich geblutet hat. Ich habe beim Training schon schlimmere Verletzungen gehabt."

"Das ist etwas, was ich immer vermeiden will. Es tut Hölle weh, wenn ich mich verletze, und ich hasse Schmerzen. Gott, wieso kann ich nicht in Ruhe mein Leben leben? Wieso muss es dieses verdammte Spiel geben? Es ist doch schon Strafe genug, dass ich alle paar Jahre alle Brücken hinter mir abbrechen und wieder von vorne anfangen muss."

Er ist also älter als ich.

"Das kann ich nur zu gut verstehen. Denn es dauert nicht mehr lange, bis ich hier meine Brücken abbrechen muss und ich habe jetzt schon Angst vor diesem Moment."

Dass Amanda ihn davor gewarnt hatte, einem anderen Unsterblichen sein wahres Alter zu verraten, war Chris sehr wohl bewusst. Aber er hatte das Gefühl, dass Thomas diese Information nicht gegen ihn verwenden würde.

Eddie vertraut ihm. Und ich weiß, warum weder Mike noch Klaus ihn fassen können, er ist halt unsterblich.

"Einen Moment!"

Thomas hatte seine passive Haltung aufgegeben und sah Chris ganz genau an.

"Willst du damit sagen, dass-"

"Das Geburtsdatum in meinem Personalausweis der Wahrheit entspricht. Ja, das wollte ich damit ausdrücken."

"Du willst mich verarschen. So schnell wie du dich bewegt hast und vor allem WIE du dich bewegt hast, so kämpft kein Anfänger."

Bei meinem Lehrer bleibt man nicht lange ein Anfänger.

Aber das behielt Chris für sich. Er wollte Thomas ja nicht seine ganze Lebensgeschichte erzählen.

"Ach? Wie viele Kämpfe hast du denn schon überstanden, um das beurteilen zu können?"

Die Antwort wurde von Thomas fast geflüstert. Es schien ihm peinlich zu sein.

"Noch keinen einzigen. Ich habe jahrelang wie ein Besessener trainiert, doch gebracht hat es nichts. Deswegen habe ich immer meine Beine in die Hand genommen und bin gelaufen, wenn ein anderer Unsterblicher auftauchte. Und wenn ich nicht schnell genug war, dann habe ich mich angeboten. Egal, ob es eine Frau oder ein Mann war. Ich bin halt für alle interessant. Besonders weil ich als Unsterblicher nicht so leicht kaputt gehe wie normale Menschen. Irgendein Vorteil muss mein Aussehen ja haben. Aber manchmal wünsche ich mir, hässlich zu sein, du hast keine Ahnung, was das bedeutet..."

Chris war froh, dass in diesem Moment der Wirt kam und ihnen neue Getränke brachte. So kam er um eine Antwort herum.

Und wünschte sich gleichzeitig weit weg, denn sie begaben sich auf Terrain, das Chris einfach nur unangenehm war.

Nicht wegen des Themas an sich. Das hatte ihm Eddie damals abgewöhnt. Aber er verfluchte seine Unfähigkeit, die passenden Worte zu finden.

Das passiert mir im Moment viel zu oft. Ich sollte mal wieder den Macho herauskehren, dann erwartet niemand von mir eine .

"Ich habe eine Ahnung, denn mir ist beinah etwas Ähnliches passiert. Und es hat gereicht, um mir regelmäßige Albträume zu bescheren. Und ich bezweifele, ob man sich jemals daran gewöhnt."

"Ich habe mich jedenfalls noch nicht daran gewöhnt. Und dabei passiert es mir viel zu oft. Gott, jetzt sitze ich zum ersten Mal seit Jahren mit einem anderen Unsterblichen zusammen und ich lamentiere über meine Probleme. Dabei müsstest du doch auch genügend Sorgen haben, wenn du wirklich noch so jung bist, wie du gerade behauptest."

"Dafür hatte ich bis vor kurzem eine Lehrerin. Auch wenn sie nicht auf alles eine Antwort wusste, sie war auf ihre Art und Weise eine große Hilfe. Und in der letzten Zeit bin ich jedem Problem aus dem Weg gegangen."

Adam bringt mir zwar bei, was ich zum Überleben brauche, aber mit ihm werde ich bestimmt nicht über meine Probleme reden.

"Mein Lehrer ist tot. Er ist nie einem Kampf aus dem Weg gegangen und irgendwann traf er dann auf einen Besseren. Ich hasse dieses gottverdammte Spiel."

"Ich auch, denn wenn es das nicht geben würde, dann hätte ich wenigstens eine Beziehung."

So, jetzt war es raus. Chris hoffte, dass Thomas darauf reagieren würde.

Doch dieser schaute ihn nur an und schwieg.

"Habe ich einen Fettnapf erwischt? Oder warum schaust du mich so an?"

"Nein, mein schlechtes Gewissen regt sich gerade wieder."

"Komisch, ich kenne dich noch nicht lange, aber ich habe nicht unbedingt den Eindruck, dass du ein Gewissen hast."

Zum ersten Mal sah er Thomas grinsen. Nicht so wie auf dem Foto mit Eddie, aber er war eindeutig sehr amüsiert.

"Stimmt. Nicht solange es irgendwelche unsterblichen Ärsche betrifft. Aber Edgar..."

Er stockte und schien nach Worten zu suchen, trank etwas, lehnte sich zurück und sprach dann weiter.

"Du hast Recht. Besonders für mich ist es sehr riskant, eine Beziehung einzugehen. Ich wollte es auch nicht, aber es hat mich volle Kanne erwischt. Zuerst waren wir Freunde mit einem gemeinsamen Hobby. Gemeinsam einen Oldtimer zu restaurieren verbindet. Und dabei hat er mir sein Herz ausgeschüttet, was in seiner Vergangenheit beziehungsmäßig gelaufen ist. Dem Arsch, der ihm das Herz gebrochen hat, möchte ich mal gegenüberstehen. Den mach ich fertig. Und wie es dann ums Ganze ging, da brachte ich es einfach nicht über mich, ihn zurückzuweisen. Ich wollte einfach nicht, dass er schon wieder eine Enttäuschung erlebt."

Es ist meine Schuld. Und du weißt gar nicht, wie weh mir das getan hat.

Der Schmerz saß tief. Und das Wissen, dass ein andere Unsterblicher Eddie tröstete, die Nächte mit ihm verbrachte und auch neben ihm aufwachte, machte es nicht leichter.

"Liebst du ihn?"

"Es gibt Tage, da mache ich mir Vorwürfe, weil ich so egoistisch bin und bei ihm bleibe. Dann glaube ich, dass ich ihn nicht genug liebe, denn dann müsste ich in der Lage sein, ihn aufzugeben. Doch wenn er noch im Halbschlaf seinen Namen murmelt, er heißt übrigens auch Chris, und bei mir Trost sucht, dann weiß ich, dass er ohne eine Stütze kaputt geht. Deswegen bleibe ich."

Oh Gott, Eddie. Was habe ich dir angetan?

Thomas schien ein ganz anderes Problem zu haben.

"Gott, wieso erzähle ich dir das? Ich bin doch sonst keine Plaudertasche und zuviel getrunken habe ich auch nicht. Und was ich dir gerade erzähle, kannst du gegen mich verwenden. Hast du eine Droge in das Bier getan?"

Ja, das Wissen über einen Lover macht dich angreifbar. Aber ich bin der letzte, der eine Gefahr für Eddie sein könnte.

Chris schüttelte den Kopf.

"Nein, keine Drogen. Vielleicht liegt es daran, dass du weder deinen Kopf verloren hast, noch in meinem Bett bist. Wann trifft man schon einen Unsterblichen, der kein Interesse am Spiel hat? Bechthold hat es."

"Wer ist Bechthold?"

"Georg Bechthold. Er ist Russe und Inhaber der Bechthold Im- und Export GmbH mit Sitz in Frankfurt. Und leider auch ein ziemlich unangenehmer Unsterblicher. Da er sogar besser ist als meine Lehrerin Amanda, habe ich ein größeres Problem, sollte ich in seine Finger geraten..."

Thomas' Gesichtsausdruck wurde sehr nervös und alarmiert.

"Ist er groß, massig gebaut, wirkt, als ob er irgendwo zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt wäre und hat eine Glatze?"

Die Beschreibung stimmte und Chris nickte. Thomas' Gesichtsausdruck veränderte sich. Chris konnte es fast schon panisch nennen."

"Verdammte Scheiße, den Mistkerl kenn' ich. Ich bin ihm vor zwanzig Jahren so gerade eben entkommen. Aber ich kann doch jetzt nicht weg!"

Thomas' Panik wich Resignation, aber Chris begriff seine Reaktion nicht.

"Bitte?"

"Ich habe zusammen mit Edgar einen Vertrag mit einem Oldtimer-Salon abgeschlossen. Der bindet mich für ein Jahr. Wenn ich das nicht durchziehe, dann geht Edgar Pleite und ich befürchte, dass er dann niemandem mehr traut. Da lasse ich mich zum ersten Mal seit Jahrzehnten auf einen Sterblichen ein und dann passiert mir das. Scheiße, Merde, fucking Bullshit."

Hatte Thomas recht? Würde sich Eddie wirklich abkapseln, wenn dieser ihn verlassen würde? Diese Frage stellte sich Chris eher rhetorisch. Er wusste, dass Thomas Recht hatte.

Wieso nur? Wieso konntest du dir keinen normalen Liebhaber aussuchen? Nur ein einziges Mal.

"Ich habe Frankfurt auch noch nicht verlassen. Auch wenn der Gedanke an Bechthold wie ein Damoklesschwert über mir hängt."

"Und wieso bist du so bescheuert? Der Kerl ist gewissenlos und ein guter Kämpfer. Normaler Weise würdest du jetzt nur noch einen Kondensstreifen von mir sehen, so schnell wäre ich weg. Wenn ich mich nicht mit Leib und Seele auf Edgar eingelassen hätte. Dabei kenne ich ihn gerade mal zwei Monate."

"Vielleicht ist er etwas Besonderes?"

"Ja und? Mein und sein Überleben sollte wichtiger sein. Aber er knabbert doch noch an dem Ende der letzten Beziehung. Wie soll er es denn verkraften, wenn ich auch noch seine berufliche Zukunft zerstöre?"

Chris rang mit sich. Wenn er Thomas dieses Angebot machte, dann würde er noch mehr Verantwortung auf sich nehmen und wenn es schief ging, dann wäre auch Eddie dran.

Wieso immer ich? Wieso pack' ich nicht einfach meine Sachen und haue ab?

Aber so einfach ging das nicht. Das fiel auch nicht mehr unter dem Begriff Helfersyndrom. Es entsprang seinem Schuldgefühl, das er Eddie gegenüber hatte. Allein wie er damals die Beziehung beendet hatte.

Amanda lag falsch. Sie kannte Eddie nicht. Vielleicht hätte ich mit ihm reden sollen. Dann wären wir jetzt noch glücklich und würden Gott-weiß-wo leben.

Doch für diese Vorwürfe war es zu spät. Jetzt musste er aus dem ganzen Schlamassel das Beste machen. Das Beste für Eddie.

"Hast du keine Reserven? Als Schweizer hast du doch keine Probleme, ein Nummernkonto zu bekommen! Und so alt wie du scheinbar bist, hast du doch genug angespart. Erzähl ihm was von einer Erbschaft in Amerika, die du nur dort antreten kannst. Und biete ihm an mitzukommen."

Thomas lachte auf. Es war ein sehr bitteres Lachen.

"Tja, meine letzte Begegnung mit einem Unsterblichen endete nicht nur in seinem Bett, sondern er hat auch mein Konto leer geräumt. Das Geschäft, das ich mit Edgar aufziehen will, hat auch egoistische Hintergründe. Ich brauche das Geld, um wieder Reserven aufzubauen. Deswegen wollte ich auch für eine gewisse Zeit sesshaft werden."

"Was ist denn an eurem Geschäft so besonders?"

"Dass ich schon an den Oldtimern geschraubt habe, als es noch Neuwagen waren. Ich kenne die Kisten in- und auswendig. Wenn ich schon nicht zum Kämpfen tauge, das kann ich. Dazu kommt Edgars Talent und eine bereits sehr gut gehende Werkstatt."

Chris hatte den Eindruck, dass Eddie sehr wichtig für Thomas war. Das war ein Grund, ihm zu vertrauen und ein Angebot zu machen.

"Was hältst du von einem Deal?"

"Ein Deal unter Unsterblichen? Vergiss es. Denn da ziehe ich immer den Kürzeren."

Damit hatte Chris nicht gerechnet.

Ich muss über Unsterbliche noch sehr viel lernen.

"Willst du es denn gar nicht hören?"

Thomas beugte sich vor und sah Chris direkt in die Augen.

"Jetzt hör mir mal gut zu. Es ist sehr angenehm, mit dir in dieser Kneipe zu sitzen und dir von meinen Sorgen zu erzählen. Aber gib mir einen guten Grund, warum ich dir in irgendeiner Art und Weise vertrauen sollte. Du bist ein Unsterblicher und somit mein Feind. Ich bin nur hier, weil ich dir dankbar bin, dass du weder meinen Arsch noch meinen Kopf wolltest. Aber erwarte keinen Deal. Never."

"Oh, dann hast du deine herzzerreißende Liebesgeschichte nur erzählt, weil du mich unterhalten wolltest? Und du hast dir alles aus den Fingern gesogen. Verdammter Mistkerl! Und ich glaube dir auch noch? Du bist ein begnadeter Schauspieler!"

Ich bringe ihn um!

Chris versuchte verzweifelt, die Wut, die in ihm hochkochte, unter Kontrolle zu bringen. Am liebsten hätte er sich auf Thomas gestürzt. Doch das ging nicht. Nicht in der Öffentlichkeit. Dafür musste er sich einen anderen Ort suchen.

Der Palmengarten wäre nicht schlecht. Eine Parkanlage, die nachts abgeschlossen war. Mit Schlössern, die er innerhalb weniger Sekunden knacken konnte.

"Und? Wie ist da oben die Aussicht?"

Erst da merkte Chris, dass er aufgestanden war. Und Thomas schien das gar nicht zu stören, denn er hatte sich bequem zurückgelehnt und die Arme vor seiner Brust verschränkt.

"Nun komm wieder von deiner Palme runter. Ich habe dich nicht angelogen, aber das Misstrauen sitzt tief. Besonders wenn du einen Lehrer hattest, der für jede Unterrichtsstunde eine ganz besondere Gegenleistung verlangte. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich dir sofort und bedingungslos vertraue. Irgendwie nehme ich dir nämlich den jungen und unerfahrenen Unsterblichen nicht ab. Dazu bist du zu..."

Thomas stockte. Er schien nach Worten zu suchen.

"Naja, du hast dafür die falsche Ausstrahlung. Du bist einfach zu aggressiv und zu dominant, als dass ich dir die Story abnehmen würde."

Oh Mann, und gleich erzählt er mir noch, dass ich steinalt sein soll. Wenn ich schon so auf ihn wirke, wie will ich dann jemals Bechthold davon überzeugen, dass ich von nix Ahnung habe?

"Was meinst du, warum du mir das beibringen sollst, jung und unschuldig zu wirken? Ich bin über vierzig und seit fast zwanzig Jahren im Polizeidienst. Was meinst du, wie lange man da unschuldig bleibt? Vergiss es, das gewöhnt man dir ab, wenn du als Bulle auf die Straße gehst."

"Das soll also mein Anteil an dem Deal sein. Dass ich dir beibringe, die Maske eines jungen, unschuldigen Unsterblichen aufzusetzen?"

Genau das wollte Chris von Thomas. Und keinen Deut mehr. Außer vielleicht einigen Informationen über Eddie. So konnte er nur zustimmend nicken.

"Und was kannst du mir als Gegenleistung anbieten?"

"Ich arbeite inzwischen beim Zoll im Bereich Drogenhandel und Organisierte Kriminalität. Rein zufällig überwacht meine Einsatzgruppe Georg Bechthold, der wahrscheinlich der Chef einer Russenmafia ist. Wir überwachen jeden seiner Schritte und ich kann dich warnen, wenn er in deine Nähe kommt."

Thomas schien interessiert, winkte aber nach kurzem Nachdenken ab.

"Warum solltest du das tun? Es wäre doch viel praktischer, zu diesem Bechthold zu gehen und meinen Kopf anzubieten, dafür, dass er dich in Ruhe lässt. Ich könnte es auch machen. Dann wäre ich dich und Bechthold los und brauchte noch nicht mal mit einem von euch ins Bett zu steigen."

"Das ist nicht mein Stil. Ich mache so was nicht."

Wie sollte er Thomas überzeugen, ohne preiszugeben, dass er es nur tat, um Eddie zu schützen?

"Ich mache so was nicht...", äffte Thomas Chris nach. "Oh Mann, du musst wirklich noch sehr jung sein. Denn merk dir eins: Für das Überleben macht man früher oder später alles. Egal, ob du mit jemanden ins Bett steigst oder deinen besten Freund verrätst. Das Überleben ist wichtiger."

Wieso hört er sich genauso an wie Adam? Gab es keinen anständigen Unsterblichen? War Amanda nur die Ausnahme gewesen?

Doch Thomas war noch nicht fertig. Er warf noch mal einen Blick in die Runde. Chris' Augen folgten seinen. Da sich die anderen Anwesenden aber nicht für sie interessierten, fuhr er fort.

"Glaubst du wirklich, dass ich noch keinen Kopf genommen habe, weil ich keinen Kampf hatte? Oh nein, mein Lieber. Was meinst du, wie schnell ich die Ärsche im Bett abgelenkt bekomme? Und wenn die dann denken, dass ich ihnen 'liebevoll' durchs Haar wuschel, dann macht es knack und ihr Genick ist gebrochen. Denn die meisten wollen mich ficken und sich dann auch noch meinen Kopf holen. Und da spiele ich nicht mit. Also, gib mir einen guten Grund, warum du glaubst, dass ich dich nicht verrate und mir hinterrücks deinen Kopf hole?"

Chris hatte das Gefühl, dass Thomas ihn am liebsten anschreien würde, es aber ließ, um kein Aufsehen zu erregen. Und doch war diese Stimme eindringlich und forderte eine sofortige Antwort.

"Eddie vertraut dir. Und du sorgst dich um ihn."

Oh Scheiße! Das wollte ich doch gar nicht sagen.

Chris konnte an Thomas' Mienenspiel ganz genau erkennen, dass er Eins und Eins zusammenzählte und erkannte, was diese Zwei bedeutete.

"Das erklärt alles."

Mehr brauchte Thomas nicht zu sagen. Chris sprang auf, nahm seinen Mantel, suchte Geld raus, legte es auf den Tisch und rannte raus.

Aus dem Nieselregen war inzwischen ein Dauerregen geworden, kalt und unangenehm. Genauso wie Chris sich fühlte.

Doch nach wenigen Schritten blieb er stehen. Wegrennen brachte es nicht. Denn dazu war es zu spät.

Er hatte Thomas seine schwache Stelle preisgegeben. Und gefährdete damit Eddie. Mehr als jemals zuvor.

Aber wieso habe ich tief im Innern das Gefühl, ihm trauen zu können? Nach all dem, was er mir gerade erzählt hat. Ist meine Menschenkenntnis so falsch? Oder sind Unsterbliche wirklich nicht mit normalen Maßstäben messbar?

Dann fühlte er eine Hand auf seiner Schulter.

"Tja, ich habe heute wohl meinen sozialen Tag, denn normaler Weise wärst du jetzt tot."

Und ich wäre keine Gefahr mehr für Eddie.

"Das wäre für mich das geringere Problem. Denn wenn du genauso schlecht zielst wie eben, dann würde ich dich killen, bevor ich an der Verletzung sterbe."

Die Hand schüttelte Chris ab.

"Bei einem Kampf bestimmt, denn da gerate ich immer in Panik, aber jetzt hätte ich alle Zeit der Welt gehabt..."

Chris hoffte, dass Thomas gehen würde, wenn er ihm lang genug den Rücken zudrehte und ihn ignorierte. Aber diesen Gefallen tat er ihm nicht. Er blieb einfach neben ihm stehen und wartete ab.

Irgendwann hielt es Chris nicht mehr aus und drehte sich um.

"Und? Warum stichst du nicht zu?"

"Hat man dir schon mal erzählt, dass du verrückt bist? Du glaubst an das Gute im Menschen. Und dann... dann erzählst du mir den wahren Grund, warum du mich schützen willst, und auf einmal will ich, dass du Grund hast, an mich zu glauben. Nur wegen Edgar."

"Das ist Eddie. Er hat Iris' Talent geerbt, Unmögliches möglich zu machen. Nur nutzt er es nicht hemmungslos aus."

Die Straßenbeleuchtung spendete nur ein trübes Licht, es regnete und es war schweinekalt. Trotzdem wurde Chris warm. Ob das an dem Grinsen auf Thomas' Gesicht lag?

"Stimmt, Iris ist sehr anstrengend. Sie mag mich nicht. Und mit Edgar hat sie deshalb mehr oder weniger den Kontakt abgebrochen. Selbst Weihnachten will sie nicht mit ihm verbringen. Edgar gibt es nicht zu, aber es tut ihm weh. Kannst du mir eine Frage ehrlich beantworten?"

"Ich versuche schon die ganze Zeit, ehrlich zu dir zu sein. Aber scheinbar bin ich überzeugender, wenn ich lüge."

"Tja, wenn du dein Leben damit verbringst, deine Unsterblichkeit zu verheimlichen, dann wirst du wirklich gut im Lügen. Wie stehst du zu Edgar?"

Musste Thomas ausgerechnet das fragen? Die Wahrheit würde ihm wahrscheinlich nicht wirklich gefallen. Deswegen schwieg Chris.

"Weißt du es nicht oder willst du nichts sagen, weil du Edgar in Gefahr bringst? Mann, ich will hier nicht ewig im Regen rumstehen. Wenn du wirklich das willst, was ich denke, dann hilft dir das Schweigen nicht."

"Du bist ein Mistkerl!"

Wieso musste Chris in den letzten Tagen nur so ein Chaos der Gefühle durchleben? Erst Mike, dann Engin und jetzt auch noch Thomas, der ihn eigentlich gar nicht kannte.

Dieser quittierte Chris' Kommentar mit einem Hochziehen der Augenbrauen, jedenfalls glaubte Chris, dies erkennen zu können.

"Stimmt, aber ich glaube nicht, dass du viel besser bist. Also spuck's aus. Schließlich weißt du ja auch, was ich für ihn empfinde."

"Eben das ist das Problem."

"Ach so ist das... Ts, dabei dachte ich, dass du um ihn kämpfen würdest."

Verspotten kann ich mich auch alleine.

"Sag mal, seit wann meinen alle, mit mir über meine Gefühle sprechen zu wollen? Ich bin nicht der Typ dafür. Das ist nicht mein Ding. Und wird es auch nie sein."

"Das ist mir egal. Und ich habe keine Lust mehr. Schau zu, mit wem du den Deal machst. Mit mir nicht."

Und Thomas drehte sich um und ging und ließ Chris im Regen zurück.

Verdammt, der kann mich doch nicht so stehen lassen.

Es ging Chris nicht mehr um einen Deal und Unterricht, sondern um die Tatsache, dass Eddie mit einem anderen Unsterblichen zusammen war. Das Problem war nicht die Beziehung, sondern die Gefahr, die von Thomas ausging.

Okay, auch die Beziehung.

Doch als Thomas keine Anstalten machten, anzuhalten oder sich umzudrehen, da merkte Chris, dass er vielleicht der bessere Kämpfer war, aber Thomas ihm ansonsten haushoch überlegen war.

"Verdammt Thomas! Bleib stehen."

Doch der bog um die Ecke, als hätte er Chris nicht gehört. Wenn Chris noch irgend etwas erreichen wollte, musste er Thomas folgen. Er überwand sich und lief hinter ihm her. Doch auch als er Thomas eingeholt hatte, machte dieser keine Anstalten, stehen zu bleiben.

Dass Gewalt keine Lösung war, wurde Chris regelmäßig von Engin gepredigt; besonders wenn er seinem Computer einen harten und grausamen Tod androhte, aber hier hatte er das Gefühl, keine andere Wahl zu haben.

Und so packte er Thomas an der Schulter und drängte ihn in den nächsten Hauseingang.

"Ach? Hast du es dir anders überlegt und willst mein Angebot doch noch annehmen?"

Die Körpersprache war eindeutig. Und Chris ließ ihn los, als ob er sich verbrannt hätte.

"Thomas, lass den Scheiß! Warum spielst du mit mir?"

"Wird nicht unser ganzes Leben von einem Spiel bestimmt, in dem ich sonst nur der Looser bin?"

Aber der amüsierte Unterton schwächte die bitteren Worte ab. Doch dann wurde Thomas wieder ernst.

"Doch diesmal ist der Einsatz für dich höher. Oder niedriger. Das hängt von deiner Antwort ab."

"Gut, du bekommst, was du willst. Mein sehnlichster Wunsch ist, Eddie zurück zu bekommen. Aber ich habe weder aktive Kampferfahrung, noch bin ich ein so begnadeter Schauspieler wie du es bist. Und durch ihn oder mit ihm bin ich angreifbar und wenn ich daran denke, was Bechthold mit ihm anstellt, sollte er es jemals erfahren, wird mir übel. Also sag mir, was ich machen soll?"

"Das ist doch ganz einfach. Trainiere weiter und wenn du meinst, mit ihm fertig werden zu können, dann forderst du Bechthold heraus. Wenn du ihn besiegst, dann wirst du auch mit anderen Unsterblichen keine Probleme haben. Jedenfalls solange du es schaffst, den Typen aus dem Weg zu gehen, die meinen, dass es das Spiel wirklich gibt und dementsprechend auf der Jagd sind. Und solange bleibe ich bei Edgar und passe auf ihn auf. Ich bin eh nicht der Typ, der länger als zwei, vielleicht drei Jahre an einem Platz bleibt. Du brauchst mit mir nicht um ihn zu kämpfen, ich trete da freiwillig zurück. Und wenn Edgar die Wahl hätte... Ich weiß, wer da der Gewinner ist."

Chris ließ Thomas los und trat einen Schritt zurück.

"Und was ist, wenn Bechthold dich will, und dafür Eddie als Druckmittel nimmt? Die Gefahr ist doch immer noch da."

"Stimmt, aber im Gegensatz zu dir kann ich ihm aber deutlich klar machen, dass Edgar zwar eine nette Bettgeschichte ist, ich aber nicht mein Leben für ihn riskiere. Ein - wie sagt man es so schön? - Restrisiko ist immer noch vorhanden. Aber genauso gut kann er bei einem Autounfall sterben."

Da hatte Thomas sicher recht und Chris fragte sich, ob es irgendeine Alternative gab. Aber die fand er nicht. Genauso wenig, wie er den Haken an der Sache fand. Deswegen stimmte er nach kurzem Nachdenken zu.

"Anders werde ich ihn nicht zurückbekommen, das stimmt. Aber ich frage mich, warum du mir dieses Angebot machst. Da ist doch irgendetwas faul."

"Nö, dafür habe ich bei dir einen Gefallen gut. Und das kann irgendwann für mich überlebenswichtig sein. Du weißt, was und wie ich bin. Schlag ein und Eddie ist bei mir in den besten Händen."

"Und was ist mit dem Unterricht?"

"Vergiss es. Unschuld ist nicht dein Ding. Das kriegst du nicht hin, aber ich kann dir einige Tricks zeigen, mit denen du Bechthold überzeugst, dass du absolut untrainiert bist und vom Spiel keine Ahnung hast. Den Deal würde ich eingehen."

Thomas hielt Chris seine Hand hin.

"Wieso nur habe ich das Gefühl, einen Pakt mit dem Teufel abzuschließen, wenn ich jetzt einschlage?"

Doch Thomas grinste nur und Chris ergriff dessen Hand.

Eddie ist es wert.

"Und was hast du jetzt noch vor?", wollte Chris wissen.

"Ich fahre nach Hause und nehme eine heiße Dusche. Denn mir ist kalt. Was du machst, ist mir ziemlich egal. Ich gebe dir noch meine Handynummer und wir telefonieren, wann wir uns treffen. Jetzt hab' ich meinen Planer nicht mit. Sonst noch was?"

"Wenn du so fragst... Du kannst mein Gewissen nicht beruhigen und eine heiße Dusche klingt sehr gut."

 

Erst als Chris zu Hause unter der Dusche stand, realisierte er, dass der Wunschtraum, Eddie irgendwann einmal in seinen Armen zu halten, sich an diesem Abend zu einer berechtigten Hoffnung gewandelt hatte.

Trotz der damit verbundenen Gefahren für Eddie.

Falls Eddie bereit ist, das Risiko einzugehen.

Denn noch einmal würde Chris seine Unsterblichkeit nicht verheimlichen und dieses Mal Eddie die Entscheidung überlassen. Er hoffte, dass sich Eddie für ihn entscheiden würde.

Aber um ihn wiederzubekommen, musste er sich selbst beweisen, dass er gut genug war, um ihn auch zu schützen.

Das bedeute aber, dass er sich einem Kampf stellen musste, wäre es nun Bechthold oder irgendein anderer Unsterblicher. Und das bedeutete, dass er einen anderen Menschen töten musste.

Kann ich das? Kann ich töten, um selber zu überleben? Oder besser, kann ich töten, um Eddie zu schützen?

Ohne zu zögern, beantwortete Chris diese Frage mit Ja und verschwendete daran keinen weiteren Gedanken; schließlich hatte er beim Training mit Adam oft genug versucht, diesen zu erwischen und umzubringen. Und wenn es ihm irgendwann gelingen würde, Adams Deckung zu durchbrechen, dann würde er hemmungslos zustechen und keine Gnade kennen.

Auch wenn er Adam nicht endgültig töten würde, hielt Chris es doch vergleichbar und war sich bewusst, jemanden umbringen zu können.

Jetzt noch mehr als jemals zuvor, denn statt des 'einfachen' Kampfes ums Überleben hatte er jetzt wieder ein Ziel in seinem Leben. Er wollte zurück zu Eddie. Und das so schnell wie möglich.

Als er wenige Minuten später erfrischt ins Schlafzimmer kam, da schien ihn der Teddy auf seinem Bett anzugrinsen.

"Keine Bange, mein Junge, du kommst bald wieder nach Hause."

Dann merkte Chris, was er da tat und stockte.

Ich bin wirklich schon zu lange allein.

Kopfschüttelnd drehte er sich um und ging in seinen Trainingsraum. Den restlichen Abend verbrachte er mit dem Durcharbeiten komplizierter Schritt- und Bewegungsfolgen, und er machte weniger Fehler als jemals zuvor.

 
Kapitel 17: Zwischenspiel

 

Am nächsten Morgen war er schon kurz vor acht im Büro. Da Engin noch nicht da war, fuhr er die Computer hoch und kochte den ersten Kaffee. Er hatte sich gerade an seinen Schreibtisch gesetzt, als Engin hineingestürmt kam, seinen Aktenkoffer auf den Schreibtisch schmiss und sich mit einem strahlenden Lächeln auf seinen Stuhl fallen ließ.

"Du hattest einen schönen Abend? Sehr erfolgreich? Lass mich raten, die Blonde aus dem Schwimmbad!"

Chris fragte sich, ob Engin nach dem Fiasko mit Claudia überhaupt noch Lust auf eine feste Beziehung hatte.

Aber so wie er Carola gestern angesehen hatte...

"Spielverderber! Woher weißt du das?"

Engin versuchte wohl, eine ernste Mine zu machen, aber das gelang nicht so ganz. Seine Augen funkelten immer noch verdächtig und auch seine Mundwinkel zuckten nach oben.

"Nimm dir erst mal einen Kaffee, er ist gerade erst durch. Du bist schon viel zu oft mit diesem Gesichtsausdruck hier reingekommen. Wie heftig ist es?"

Jetzt wurde Engin ernst.

"Ich glaube, mich hat es schlimmer erwischt als die letzten Male. Wir waren gestern zusammen essen, danach habe ich sie nach Hause gebracht und bin nicht mit hoch gegangen. Dafür haben wir uns fürs Wochenende verabredet."

"Das hört sich wirklich sehr ernst an. Das zweite Treffen und nichts passiert. Mann, das kenn' ich gar nicht von dir."

"Ich auch nicht. Sie ist bei der Wachpolizei. Endlich mal eine Frau, die es versteht, dass ich nicht viel über meine Arbeit erzählen kann."

"Dann wird sie bestimmt auch vollstes Verständnis haben, dass du im Januar keine Zeit mehr für sie hast."

Der ironische Kommentar war Chris einfach so rausgerutscht.

"Mann, Chris! Hat man dir schon mal gesagt, dass du ein absoluter Pessimist bist? Wie hält das Amanda bloß mit dir aus?"

Engin stand auf, ging zur Kaffeemaschine und füllte seine Tasse.

"Sehr gut, sonst würde sie mir nicht die Tickets nach Paris bezahlen."

Engins Blick sagte alles.

"Deine Bonusmeilen möchte ich haben, damit kommt man inzwischen doch bestimmt in die Südsee."

"Vergiss es, die bekommst du nicht. Die habe ich mir hart erarbeitet."

Engin genoss die Kabbeleien offensichtlich genauso wie Chris. Meist fing er damit an und glücklicher Weise machte es ihm nichts aus, dass er oft den Kürzeren zog.

"Aber jetzt mal zum Dienstlichen. Ist gestern noch was Besonderes vorgefallen?"

"Es geht. Müller vom Drogendezernat hat angerufen, als ich gerade Feierabend machen wollte. Die haben vor zwei Tagen einen kleinen Dealer festgesetzt. Gestern beim Verhör hat er ein schönes Lied von einem gewissen Bechthold gesungen. Ich habe mit Müller ausgemacht, dass wir gegen zehn vorbeikommen und uns das Tape vom Verhör anschauen. Um elf ist der Anwalt von dem Typen da, dann können wir ihn noch mal verhören, wenn wir noch Fragen haben."

"Schön, was für einen Eindruck hatte Müller?"

"Der glaubt, dass der Dealer auch nicht mehr weiß als alle anderen. Und ich wette, dass er Bechthold noch nie persönlich getroffen hat, sondern nur mal seinen Namen gehört hat. Und jetzt glaubt er, sich mit einem Märchen seine Freiheit zu erkaufen. Wir haben zwar schon genug, um Bechthold zu verhaften, aber wenn du Bernhard aus der ganzen Geschichte raushalten willst, dann brauchen wir mehr Beweise, damit es für ein Lebenslänglich reicht."

"Ich weiß. Aber wenn wir ihn mit reinziehen, dann werden wir für ihn das Zeugenschutzprogramm in Anspruch nehmen müssen, und ich möchte ihm ersparen, noch einmal von vorne zu beginnen. Ich wünschte mir, wir hätten schon Februar und den ganzen Scheiß hinter uns. Wieso nur habe ich immer die Sorge, dass Bechthold uns im letzten Moment durch die Finger gleitet und uns auslacht?"

"Tja, das weiß ich auch nicht. Doch ich habe ähnliche Albträume. Aber das war gestern noch nicht alles."

Mach' ich ein Mal pünktlich Feierabend und dann steppt hier der Bär.

Doch Chris reagierte nur mit einem Hochziehen der Augenbraue.

"Dann hattest du ja noch richtig viel zu tun."

"Nicht wirklich, ehrlich gesagt, habe ich noch mal beim Schießstand angerufen und um einen Termin gebettelt. Ich kann es mir nicht leisten, noch weiter auf ein Training zu verzichten. Jetzt hör auf, so zu grinsen. Zum Schützenverein werde ich nicht gehen. Never ever."

Entgegen Chris' Erwartungen schmiss Engin keinen Stift, sondern erzählte einfach weiter.

"Ich habe von meinen schlechten Trefferquoten erzählt und man hatte wirklich ein Einsehen und uns für heute Nachmittag um vier einen Termin gegeben. Egal was heute passiert, ich werde dann da sein."

"Bist du sicher, dass deine Waffe überhaupt noch funktioniert? Die liegt doch schon seit Wochen im Schließfach, weil du es als lästig empfindest, sie im Büro zu tragen."

"Deine doch auch, du hattest doch das letzten Mal dein Schulterhalfter an, als wir bei Bernhard waren. Du bist in der Hinsicht richtig faul geworden. Bevor wir zur Kripo rübergehen, werde ich meine P6 holen und durchchecken. Das solltest du auch machen."

"Mach ich. Keine Sorge."

Außerdem habe ich noch eine Waffe im Auto. Nicht registriert, aber geladen.

 

Kurz vor sechs waren sie vom Training zurück. Engins Trefferquoten waren zwar nicht berauschend, aber lagen noch im Bereich des Zulässigen. Chris hingegen musste aufpassen, dass seine Ergebnisse nicht zu gut wurden. Ansonsten würde Engin hellhörig, er war schon misstrauisch genug. Er brauchte ihm keinen weiteren Grund zu geben.

Der Besuch im Drogendezernat hatte genau das ergeben, was Engin vorhergesagt hatte. Gar nichts.

Lust noch weiter zu arbeiten hatte Chris überhaupt nicht. Zudem wollte er sich das Fitnesscenter etwas genauer ansehen. Er hatte das Gefühl, sich bei dem Mädel an der Rezeption noch entschuldigen zu müssen, weil er gestern einfach so weggelaufen war. Außerdem wollte er schauen, ob das Kampfsportangebot in diesem Laden was taugte.

Deswegen fuhr er seinen Computer gar nicht erst hoch, sondern räumte seinen Schreibtisch etwas auf. Er blätterte in den Berichten, die in den letzten Tagen reingekommen waren und die er noch nicht gelesen hatte. Einige fanden ihren Weg auf Engins Schreibtisch.

Dieser schien eine ähnliche Motivation zu haben wie Chris, denn er hatte sich hingesetzt und las in dem aktuellen Heft der Polizeigewerkschaft, schaute aber kurz auf, als er sah, wie der Aktenberg auf seinem Tisch noch höher wurde.

"Sach mal Chris, was soll das? Ich habe doch eh schon genug Arbeit. Du brauchst mir nichts von deiner abzugeben."

"Will ich auch nicht. Aber in den beiden obersten Berichten ist ein ziemliches Fachchinesisch über Bechtholds Firma. Irgendwelche Marktanalysen und Rentabilitätsstatistiken. Du kennst dich doch mit so 'nem Kram aus. Und der Rest... die Techniker versuchen wohl, Bechtholds Mails abzufangen, aber das ist mit so einem Fachvokabular gespickt, dass ich da auch nicht durchblicke. Wäre nett, wenn du das durchlesen würdest und es in ein für mich verständliches Deutsch übersetzt."

Mit einem genervten Blick schmiss Engin das Heft auf seinen Schreibtisch und suchte sich einen Bericht raus, um darin zu lesen. Nachdem er die erste Seite durch hatte, blickte er hoch.

"Es wird Zeit, dass du endlich mal einen vernünftigen Computerkursus machst, die werden regelmäßig angeboten. Denn was die hier schreiben, ist ziemlich leicht verständlich. Seine T-Online-Adresse ist sauber. Alles nur ganz normale geschäftliche Mails, aber die vermuten, dass er noch andere Mailaccounts hat, die er nicht auf seinen Computer herunterlädt, sondern online speichert. Da kommen die nicht dran."

Währenddessen hatte sich Chris das Heft geangelt und blätterte es gelangweilt durch.

"Das ist alles? Und dafür brauchen die so viele Seiten? Seit wann bist du eigentlich in der Gewerkschaft? Wir sind beim Zoll und nicht bei der Polizei."

"Ich? Ich bin doch nicht in der Gewerkschaft. Nicole aus dem PSV hat mir das Heft geliehen, die haben dieses Mal einen interessanten Artikel über unsere Schwertkampfgruppe geschrieben und den wollte ich lesen."

Bevor Chris noch etwas sagen konnte, klopfte es an der Tür und Mike kam rein.

"Tach ihr zwei. Stör ich?"

Chris hatte fast geahnt, dass Mike heute wieder da reinschneien würde.

"Tach! Wann kommt Klaus wieder zurück? Morgen? Ich werde ihm sagen, dass er sich intensiv um dich kümmern muss, denn du hast wirklich zu viel Zeit."

"Lass das bloß sein. Denn Carola hat das auch schon angekündigt."

Engin hatte Mike nur kurz zugenickt, den Bericht auf seinen Schreibtisch zurückgelegt und seinen Aktenkoffer geschnappt.

"Tach Mike. Wenn du uns öfters beehren willst, dann solltest du einen Stuhl beantragen. Aber ich mach für heute einen Abflug, du kannst meinen haben."

"Danke fürs Angebot, aber ich wollte dich nicht vertreiben."

"Tust du nicht, für heute reicht es mir. Wie hatten heute Schießtraining und meine Trefferquoten waren kein Grund zur Freude. Das muss ich erst mal verarbeiten. Tschüs zusammen."

Damit hatte sich Engin auch schon an Mike vorbei geschoben und war zur Tür raus. Chris und Mike schauten sich nur kurz an und schüttelten den Kopf.

"Los, setz dich, einen Kaffee kann ich dir nicht mehr anbieten, der ist alle. Was hast du auf dem Herzen?"

"Kannst du dir das nicht denken?"

Mike hatte sich hingesetzt und nahm sich das Heft, das Chris gerade wieder auf Engins Schreibtisch geworfen hatte.

"Eigentlich gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder hast du heute Kallenbach krankenhausreif geschlagen, weil er sich wieder daneben benommen hat. Aber das kann es eigentlich nicht sein, weil du zu ruhig bist. Also tippe ich auf zwei. Klaus ist immer noch nicht da, du hast nichts besseres vor und willst wissen, ob ich schon was über Thomas erfahren habe. Lieg' ich richtig?"

Ein schiefes Lächeln erschien auf Mikes Gesicht.

"Du hast Recht. Obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste, schließlich bin ich lang genug im Job."

"Stimmt. Aber zu deiner Beruhigung. Ich war gestern im Fitnesscenter und habe ihn gesehen, aber ich kann dir im Moment nur sagen, dass er sehr gut aussieht und ganz nett zu sein scheint. Aber ich werde heute wieder hingehen und wenn die ein vernünftiges Kampfsporttraining anbieten, dann hat mich der Laden als neuen Kunden. Und dann kann ich auch mehr über Thomas sagen."

"Seit wann achtest du denn bei Männern auf's Aussehen? Aber danke, dass du dich da überhaupt reinhängst."

Einen Augenblick überlegte Chris, ob er das kommentieren sollte, ließ es aber, um keine Diskussionen aufkommen zu lassen.

Das Heft wurde von Mike ungelesen auf den Schreibtisch zurückgelegt und Chris bekam irgendwie den Eindruck, dass da noch mehr war.

Toll, was will er jetzt wieder? Ich ahne Schreckliches.

"Was ist los, Mike? Du willst doch noch was!"

"Naja, Carola hat nach unserem Abstecher in dein Büro natürlich keine Ruhe gegeben. Du weißt, wie sie ist, sie hat einfach nicht locker gelassen. Nachdem sie es aus mir rausgequetscht hatte, meinte sie, dass du alt genug bist, um zu wissen, was du tust, und ich mich mit dem, was ich dir Dienstag an den Kopf geknallt habe, etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt habe."

Gott, bist du umständlich, aber glaub nicht, dass ich es dir leicht mache.

"Kannst du mir das bitte übersetzen? Ich verstehe nicht genau, was du willst."

"Mann! Du stehst doch sonst nicht auf dem Schlauch! Ich will damit sagen, dass ich dich nicht mehr bedrängen werde, was dein Privatleben angeht. Weder werde ich die anderen dazu anstiften, dich in Paris zu besuchen, noch werde ich irgendwelche Anspielungen machen, dass du besser zu Eddie passt."

"Carola hat nicht mit dir gesprochen, sie hat dir den Kopf gewaschen."

"Ja, hat sie. Und das nicht zum ersten Mal in dieser Woche. Mir reicht es. Ziemlich endgültig. Macht doch alle, was ihr wollt, und ich halte mich raus."

Damit stand Mike auf und wollte gehen. Doch Chris ließ es nicht zu, sprang auf und hielt Mike fest. Denn wenn er Mike jetzt weg lassen würde, dann würde dieser zwar im Moment Ruhe geben, aber spätestens in einem Monat würde er wieder versuchen, ihn mit Eddie zu verkuppeln. Eddies 'Glück' war ihm wichtiger als fast alles andere. Aber genau das konnte ihn und Eddie in Gefahr bringen und das würde Chris nicht zulassen.

"Mike, stopp! Lauf doch jetzt nicht einfach weg!"

Dieser drehte sich um und versuchte, sich aus Chris' Griff zu befreien.

Keine Chance, mein Junge. Du kommst erst dann los, wann ich es will.

"Lass mich los, verdammt noch mal."

"Wenn du mir versprichst, dich einfach wieder brav hinzusetzen, dann ja. Ansonsten..."

Chris zuckte nur mit seinen Schultern.

"Das ist Erpressung."

Aber als Chris nicht reagierte und Mike weiter festhielt, gab er auf.

"Gut, du hast gewonnen. Was willst du denn noch? Wir haben doch schon alles beredet."

Erleichtert ließ Chris los.

"Lang werde ich dich nicht mehr aufhalten, aber ich kann dich so einfach nicht gehen lassen. Komm, setz dich."

Chris ging hinter Mike, bis dieser sich wieder auf den Stuhl setzte, dann lehnte er sich an Engins Schreibtisch.

Wie fass' ich es nur richtig in Worte? Und wie bekomme ich ihn dazu mitzuspielen?

"Carola hatte Unrecht, als sie dir den Kopf gewaschen hat. Denn du liegst mit deinen Beobachtungen richtig."

Komm, jetzt lass mich nicht hängen, bitte kapiere, was ich dir sagen will. Es ist so schon schwer genug.

Dann bemerkte Chris, dass er wohl schon mehrfach mit den Fingern durch seine Haare gefahren war. Er zwang sich dazu, seine Hand runter zu nehmen und Mike anzusehen. Dieser begriff auch sofort, was Chris von ihm wollte.

"Du willst also sagen, dass du für Eddie immer noch mehr empfindest als Freundschaft? Aber ich verstehe nicht, warum du dann nicht zu ihm zurück gehst. Was meinst du, wie schnell er diesen Thomas abschießt?"

"Weil es noch nicht geht. Ich kann es noch nicht. Nicht Eddie ist das Problem, sondern ich bin es. Und bitte, stell jetzt keine Fragen, die ich dir nicht beantworten kann."

"Und warum erzählst du es mir?"

"Weil ich dich um etwas bitten will."

"Und um was?"

"Halt dich raus. Dränge weder Eddie noch mich und versuche auch keine Pfeile gegen Thomas zu schießen, denn wenn du dich einmischst, dann kannst du alles kaputt machen."

Mike sah Chris einfach nur an. Chris fühlte sich zwar unbehaglich, aber zwang sich, Mike mit einem offenen und ehrlichen Ausdruck anzuschauen. Bis Mike wohl überzeugt war und nickte.

"Gib mir ein gutes Argument und ich spiele mit."

Ganz überzeugt war er wohl doch nicht.

"Ach verdammt! Wie soll ich bei so einem gefühlsmäßigem Kram irgendwelche Argumente anbringen? Du kennst mich lang genug, um zu wissen, dass so was nicht mein Ding ist. Ich kann es einfach nicht in Worte fassen."

Wenn ich so weiter mache, dann stehe ich morgen noch da und stottere rum. Verdammt Mike! Warum erinnerst du mich immer mehr an Iris?

"Stimmt, das ist noch nie dein Ding gewesen. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass du mich hinhalten willst. Ich weiß nicht, was du planst, aber ich habe da so ein ganz komisches Gefühl im Bauch."

Mist! Mikes Instinkt hat angeschlagen!

"Ich will irgendwann in naher Zukunft wieder mit Eddie zusammen sein. Das plane ich. Aber noch geht es einfach nicht."

"Erpresst dich Amanda?"

"Sag mal spinnst du?"

Wofür hielt ihn Mike? Und wie kam er jetzt auf die Idee?

"Also nicht, dein Blick spricht Bände. Aber so gut, wie du freitags immer drauf bist, könnte man meinen, du fliegst zu deiner Hinrichtung und nicht zu deiner Freundin."

"Amanda ist weniger das Problem. Wie du dir vielleicht denken kannst, liebe ich Amanda nicht, aber sie ist in einer Situation, wo ich sie nicht im Stich lassen kann, und deswegen kann ich noch nicht zu Eddie zurück."

"Wie tief steckst du da drin? Ich dachte, du hängst an deinem Job."

Mike schien wohl zu befürchten, dass Chris in irgendwelche illegale Machenschaften verwickelt war. Aber da konnte Chris ihn beruhigen.

"Nicht so tief, wie du gerade befürchtest. Aber sie braucht meine geistige oder seelische Unterstützung, wie auch immer du es nennen magst. Und deswegen kann ich nicht weg. Du würdest doch auch Klaus nicht verlassen, nur weil Eddie dir sagen würde, dass er ein Idiot gewesen ist und dich liebt... Guck mich nicht so an!"

Das hatte gesessen. Nur nach Mikes Gesichtsausdruck zu urteilen, saß es zu gut. Jetzt stand Mike auf und fing an, unruhig auf und ab zu laufen.

"Das ist unfair. Das ist eine ganz andere Situation. Nicht einmal für Eddie würde ich Klaus verlassen. Die Zeiten sind schon lange vorbei."

"Ich weiß es. Denn die Blicke, die du Klaus regelmäßig zuwirfst, sagen alles. Aber du wolltest ein Argument. Wie soll ich dir denn sonst klar machen, was mit mir los ist?"

Mike drehte sich zu Chris und hob beide Hände.

"Gut, das hat du jetzt. Viel zu deutlich. Du hast gewonnen. Ich lass es und werde mich nicht mehr einmischen. Nicht jetzt und auch nicht in der näheren Zukunft. Aber ich darf doch ab und zu nachfragen, wie Stand der Dinge ist?"

Chris konnte sein Glück kaum fassen. Er hatte es tatsächlich geschafft, Mike davon abzuhalten, ihn aktiv mit Eddie zu verkuppeln. Dass er dafür in einen mehr oder weniger regelmäßigen Abstand nachhaken würde, war noch das geringere Übel. Eddie konnte sich glücklich schätzen, so einen Freund zu haben.

"Du lässt auch nie locker? Wenn es um Klaus oder Eddie geht, dann stellst du wirklich alles andere zurück. Wie schaffst du es, dein Herz in zwei Stücke aufzuteilen und beide zu lieben? Ohne dass Klaus eifersüchtig ist?"

"Klaus weiß, dass ich viel für Eddie empfinde, aber er weiß auch, dass ich nie wieder zu Eddie zurück gehen werde. Und das reicht ihm. Doch immer wenn er gerade nicht in der Nähe ist, frage ich mich, wieso er eigentlich bei mir bleibt, denn er hat einen Besseren als mich verdient. Dabei brauche ich ihn. Mehr als ich bereit bin, zuzugeben. Und dann ist da diese Angst. Meistens stelle ich dann irgendwelche Dummheiten an, um nicht weiter darüber nachzudenken."

"Du meinst solche Storys wie mit unseren drei Buchhändlern?"

Um die muss ich mich ja auch noch kümmern. Samstag spreche ich Joe darauf an.

"Nein, so heftig nun auch nicht. Wenn es ganz schlimm wird, dann 'leihe' ich mir von Carola Thorsten aus und unternehme was mit ihm. Das lenkt mich ab. Aber letzte Woche hatte der Lütte die Grippe und da hatte sich das erledigt. Und da brauchte ich eine andere Ablenkung und hab mich um die Buchhändler gekümmert."

Darüber konnte Chris nur den Kopf schütteln.

"Und ich hab' dich früher mal für einen netten, höflichen, zuvorkommenden Partner gehalten. Mann, hab' ich mich in dir getäuscht."

"Damals warst du ja auch der König der Schwulenwitze..."

"Und jetzt... Aber bist du mir böse, wenn ich dich jetzt rausschmeiße? Wie gesagt, das Center wartet."

"Kein Problem, Carola hat mich zum Abendessen eingeladen. Ich muss auch los."

"Na dann, guten Hunger."

"Den hab ich, sie macht einen Auflauf. Du kannst mitkommen, wenn du willst."

"Nee, lass mal. Aber danke für das Angebot."

Chris stieß sich vom Schreibtisch ab, holte sich sein Jackett, zog es über und ging zur Tür. Diese hielt er Mike auf.

"Du bist wohl froh, jetzt deine Ruhe zu haben."

"Ja, aber ich weiß dein Engagement trotzdem zu schätzen. Jetzt komm, Carola wartet bestimmt schon. Tschüs bis morgen."

"Seit wann bist du so diplomatisch?"

"Ich werde halt älter und weiser."

"Und das soll ich dir glauben?"

"Du schließt ja immer von dir auf andere, kein Wunder, dass du mir nicht glaubst."

"Das glaubst du vielleicht. Und morgen werde ich mich garantiert nicht bei dir blicken lassen. Klaus hat angekündigt, dass er im Laufe des Nachmittags nach Hause kommt."

Erst in der Tiefgarage hörten sie auf, sich zu kabbeln.

 

Im Fitnesscenter passierte nichts Ungewöhnliches. Eine andere Frau saß an der Rezeption, und Thomas war auch nicht da. Dafür war das Probetraining sehr gut. Der Kampfsportlehrer machte einen sehr kompetenten Eindruck, und Chris beschloss, seinen Vertrag in der Kampfsportschule nicht zu verlängern und zu wechseln.

 
Kapitel 18: Die Beobachter

 

In Paris hatte er die Privaträume des 'Sanctuary' für sich. Myers hatte ihm eine Nachricht hinterlassen, dass er für einige Tage in die Staaten musste. Die Heizung hatte er natürlich runtergedreht, und Chris empfand es einfach nur als 'schweinekalt'. Er drehte die Heizkörper auf und kochte sich einen Kaffee. Um sich aufzuwärmen, machte er noch einige Übungen mit dem Schwert. Da es schon sehr spät war, beließ er es bei Lockerungsübungen, um sich aufzuwärmen, und ging kurz darauf ins Bett.

Am nächsten Tag stand Chris früh auf. Bevor Adam auftauchte, wollte er noch die örtlichen Trödelmärkte abklappern und Trainingsklamotten besorgen. Pro Wochenende ruinierte er dank Adams Unterrichtsmethoden zwei Jeans und zwei T-Shirts. Chris hoffte nur, dass die französische Polizei niemals einen Grund hatte, die Mülleimer des 'Sanctuary' zu durchsuchen. Denn ansonsten würde Myers ganz schnell Besuch von der Mordkommission bekommen und die würde nach mindestens einer Leiche suchen.

Aber da das Risiko, erwischt zu werden, wenn er die ruinierten Sachen anderswo entsorgte, einfach zu groß war, musste er weiter hoffen, dass alles gut ging.

Als er wieder zurück war, machte er sich eine Kleinigkeit zu essen und dann fing das Warten an. Warten, bis sein Lehrer sich bequemte, aufzutauchen und ihn zu unterrichten. Normalerweise gab sich Adam irgendwann zwischen eins und drei die Ehre und erschien im 'Sanctuary', dann spielte er zwei Stunden mit Chris, brachte ihn um und wartete dann drei Stunden, bis Chris wieder aufwachte. Dann ging es zu Joe's, wo sie etwas aßen und sich Rededuelle lieferten.

Als Adam um fünf noch nicht da war, reichte es Chris. Er ging in die Katakomben und begann mit seinem normalen Trainingsprogramm, das er sonst an jedem Wochentag machte. Je länger er trainierte, desto wütender wurde er. Wütend auf Adam, weil er mal wieder machte, was er wollte. Wütend auf sich selbst, weil er das einfach so hinnahm. Und wütend im Allgemeinen und überhaupt. Die Woche war für ihn schon so verfahren gewesen, dass er seine Aggressionen irgendwie loswerden musste. Und jetzt tauchte Adam noch nicht mal auf.

Nach etwa einer Stunde spürte er den Buzz in seinem Kopf. Aber entgegen seiner üblichen Gepflogenheiten ging er nicht hoch, um Adam die Türe zu öffnen, sondern machte mit seinem Training weiter. Nur achtete er darauf, dass er den Eingang zur Halle im Auge behielt, um so keine unangenehme Überraschung zu erleben.

Kurz darauf war Adam in den Katakomben. Doch Chris war es im Moment egal, wie er es geschafft hatte, ins Gebäude zu kommen. Er beendete erst seine Übung, bevor er ihn begrüßte.

"Hallo Adam! Du bist heute aber spät dran!"

"Du hast Glück, dass ich gute Laune habe, denn sonst wäre ich jetzt nicht hier, sondern wieder zu Hause. Du solltest Myers sagen, dass er sich um eine bessere Alarmanlage kümmern soll."

Ich bringe dieses arrogante Arschloch um. Ganz langsam und ganz grausam.

Dabei fiel Chris auf, dass er heute gar nicht gegen seine Angst kämpfen musste. Ganz im Gegenteil, er war so sauer, dass er sich beherrschen musste.

"Lass mich raten. Du bist so eingestiegen, dass es garantiert extra teuer ist. Die Rechnung werde ich nicht bezahlen. Aber ich hab's nicht anders von dir erwartet. Aber da du schon mal da bist, können wir auch mit dem Training anfangen."

Der Tonfall entsprach genau seiner Stimmung. Und auch Adam entging dies nicht. Er quittierte es mit einem Hochziehen der Augenbraue, sagte aber nichts, sondern stellte sich gegenüber von Chris auf und wartete, dass dieser ihn angriff.

Doch diesen Gefallen tat Chris ihm nicht. Er fing an, ihn langsam zu umkreisen, und Adam folgte jedem seiner Schritte. Beide waren hochkonzentriert und angespannt.

Dann wurde Adam aktiv. Er fing seinerseits an, Chris zu umkreisen und zu belauern. Keiner wollte den ersten Angriff starten und keiner wollte vom Angriff des anderen überrascht werden. Bis es Chris nicht mehr aushielt.

Er täuschte einen Schlag auf Adams rechtes Bein vor, wich aber zurück, als Adams Armbewegung zeigte, dass er in die Parade ging. Mit einem raschen Schritt zur Seite und einer Drehung zielte Chris' Klinge nun auf Adams ungeschützten Rücken. Doch bevor er traf, hatte Adam sich mit einer Hechtrolle in Sicherheit gebracht. Keine Sekunde später stand er wieder auf den Beinen, war in Abwehrhaltung gegangen.

Das Belauern ging weiter. Mal versuchte Chris einen Angriff, mal Adam, doch keinem gelang es, die Deckung des anderen zu durchbrechen. Zum ersten Mal hatte Chris das Gefühl, Adam ebenbürtig zu sein, doch das reichte ihm nicht.

Er wollte ihn besiegen. Falls es ihm jemals gelingen sollte, seinen Lehrer zu besiegen, dann wäre das der erste Schritt auf dem Weg zurück zu Eddie.

Und dafür durfte er keine Sekunde in seiner Aufmerksamkeit nachlassen. Er schob alle Gedanken zur Seite und konzentrierte sich auf den Kampf. Er wägte alle Chancen ab und griff wieder an. Als er sich bücken musste, um Adams Konterangriff zu entgehen, zog er ein Messer aus seinem Schuh und stach mit links auf Adam ein. Er zielte auf dessen Bauch, wollte ihn aufschlitzen und die Gedärme rausreißen. Aus eigener Erfahrung wusste Chris, wie schmerzhaft das war.

Es war das erste Mal, dass er versuchte, den Meister des unfairen Kampfes mit einem miesen Trick zu erwischen. Er hatte nicht wirklich mit einem Erfolg gerechnet und war bereit gewesen, jederzeit zurückzuweichen. Adam bemerkte im letzten Moment die hinterhältige Attacke und versuchte, dem Stich zu entgehen, indem er sich bückte. Doch er schaffte es nicht ganz. Chris fühlte den Widerstand und spürte, wie sich das Messer in Adam bohrte. Er versuchte gar nicht erst, die Waffe wieder herauszuziehen, denn damit hätte er Adam Zeit für einen Gegenstoß gegeben, sondern sprang zurück. Er hatte zwar nur die rechte Schulter getroffen und Adam nicht kampfunfähig gemacht, aber es würde ihn behindern.

Bevor Adam das Messer aus der Wunde ziehen konnte, griff Chris wieder an. Gnadenlos prasselten seine Hiebe auf Adam. Doch dieser versuchte gar nicht, Chris soweit abzulenken, um das Messer zu entfernen. Er ignorierte es einfach. Er bewegte sich, als wäre er gar nicht verletzt.

Aber Chris sah, dass Adams Hemd mit Blut getränkt wurde und wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis dieser davon so geschwächt war, dass er eine weitere Chance erhielt. Und das wollte er nutzen.

Doch auch Adam schien ganz klar zu sein, was los war, und griff seinerseits an. Mit allen linken Tricks, die Chris kannte. Und noch einigen weiteren, die Chris nicht kannte. Er verteidigte sich so gut es ging, doch als auch Adam ein Messer zückte und ihn gleichzeitig damit und mit seinem Schwert angriff, da hatte er verloren. Keine zehn Sekunden später spürte er die Wand in seinem Rücken und Adams Schwert an seiner Kehle.

Schweratmend wartete er darauf, dass Adam zustechen würde, doch er wartete vergeblich.

Schließlich ließ Adam von ihm ab und senkte seine Klingen. Mit einem anerkennenden Grinsen trat er einen Schritt zurück.

"Gratulation! Zum ersten Mal hast du es geschafft, anständig zu kämpfen. Bald kann ich dir nichts mehr beibringen, ohne in Gefahr zu laufen, dass du mich irgendwann besiegen könntest."

Mit einer fast schon lässigen Bewegung zog Adam das Messer aus seiner Schulter und reichte es Chris.

Nur das leichte Zucken um seine Mundwinkel ließ Chris erahnen, dass die Verletzung mehr schmerzte, als Adam bereit war zuzugeben.

"Heute bin wohl ich derjenige, der frische Kleidung braucht. Kann ich mich oben aus deinem Schrank bedienen? Wir müssten etwa die gleiche Größe haben."

"Kein Problem. Wie komme ich zu der Ehre, dass du mich heute nicht umgebracht hast?"

Adam hatte sich schon umgedreht und war auf dem Weg nach oben. Wohl oder übel trabte Chris hinter ihn her.

Warum bin ich immer derjenige, der den anderen hinterherrennt?

Als er Adam eingeholt hatte, bekam er doch noch eine Antwort.

"Weswegen hätte ich dich umbringen sollen? Du warst heute wesentlich besser als jemals zuvor, da du mit einer Portion Wut im Bauch gekämpft hast statt mit deiner üblichen Angst."

Dieser Mistkerl! Er wusste es die ganze Zeit!

Und Adam schien auch noch ganz genau zu wissen, was in Chris vorging.

"Ja, ich wusste es, aber Mut bedeutet, dass man sich einer Situation stellt, wenn man die Risiken kennt und Angst hat. Und du hast in den letzten Monaten sehr viel Mut gezeigt. Und wie ich dir eben schon gesagt habe: Viel kann ich dir nicht mehr beibringen. Du kommst inzwischen mit all meinen Kampfstilen zurecht und scheust dich auch nicht, linke Tricks zu verwenden, um zu siegen. Du bist reif für deinen ersten echten Kampf."

Chris war wie vor den Kopf gestoßen und blieb auf der Treppe stehen. Er hatte doch noch kein Jahr trainiert! Das Gefuchtel beim PSV zählte er einfach nicht dazu. Er hatte eigentlich damit gerechnet, noch mindestens ein bis zwei weitere Jahre trainieren zu müssen, bis Adam - bei seinen extrem hohen Ansprüchen - zufrieden war.

Adam war inzwischen oben angekommen und drehte sich zu Chris um.

"Nun schau mich nicht so entgeistert an. Wenn du dir einen alten Hasen und erfahrenen Kämpfer wie es Bechthold ist für deinen ersten Kampf 'aussuchen` solltest, dann würde ich zwar nicht auf dich wetten, aber die englischen Buchmacher würden dir keine zu schlechten Quoten machen. Und jetzt komm."

Befehle geben, ja, das kann er gut.

Chris verkniff sich jedoch einen Kommentar und trottete brav hinter ihm her. Es wäre müßig, jetzt deswegen einen Streit vom Zaun zu brechen. Die Sachen für Adam waren schnell herausgesucht und da es mehrere Duschen gab, brauchte Chris nicht zu warten, bis Adam fertig war.

Chris schaffte es sogar, vor ihrem Aufbruch zu kontrollieren, welchen Schaden Adam bei seinem 'Einbruch' angerichtet hatte. Erstaunlicher Weise hatte er sich darauf beschränkt, das Schloss zu knacken und die Alarmanlage kurzzuschließen. Nichts, was Chris nicht innerhalb weniger Minuten reparieren konnte.

 

Eine Stunde später waren sie in der Blues Bar. Inzwischen hatten sie ihren Stammplatz, der jeden Samstag für sie reserviert wurde. Sie konnten beide mit dem Rücken zur Wand sitzen und hatten einen guten Überblick.

Joe hatten sie auch schon kurz gesehen, aber er hatte sie nur kurz begrüßt und gesagt, dass er sich nach seinem Auftritt zu ihnen gesellen würde.

Auch wenn sie sich sonst immer hitzige Diskussionen über Gott und die Welt und in der letzten Zeit ganz besonders über die amerikanische Politik und ihre Folgen für Unsterbliche lieferten, heute kam kein wirkliches Gespräch auf. Sie waren mit ihren Gedanken ganz woanders. Chris fragte sich zwar, woran Adam dachte, aber war auch dankbar dafür, da er heute kein wirklich schlagfertiger Kontrahent war. Der Kampf beschäftigte ihn noch viel zu sehr.

Er glaubte nicht wirklich daran, dass Adam ihn absichtlich hätte gewinnen lassen. So sehr dieser es auch liebte, andere Menschen zu manipulieren und zu beeinflussen, die Reaktion nach dem Kampf hatte ehrlich gewirkt.

Aber wenn er des Trainings überdrüssig ist und mich los werden will...

Am einfachsten wäre es für Adam, Chris zu überzeugen, dass er gut genug war, um sich alleine durchs Leben zu kämpfen.

Und doch... Chris war sich bewusst, dass er in den letzten Monaten, besonders seit Adam ihn trainierte, sehr große Fortschritte gemacht hatte. Nicht nur im Schwertkampf, auch im Kampfsport.

Es lag nicht nur daran, dass er soviel trainierte. Irgendwie hatte er auch den Eindruck, dass sich sein Körper seit seinem ersten Tod verändert hatte. Seine Reaktionszeiten waren stark gesunken, und hatte er vor jenem denkwürdigen Tag befürchtet, sich eine Brille zulegen zu müssen, so war seine Sehfähigkeit jetzt besser als jemals zuvor.

"Worüber grübelst du?"

Chris blickte hoch und sah direkt in Adams Augen. Der Blick war nicht hart oder aggressiv, wie er es sonst von ihm kannte, sondern eher nachdenklich.

"Ich frage mich, ob du es satt hast, mich zu unterrichten, und gerade dabei bist, mich auf eine möglichst elegante Art und Weise los zu werden."

"Du meinst, weil du heute Widerworte geben hast und dir nicht mehr alles gefallen lässt? Nein, das macht mir sogar Spaß. Wenn du immer nur lieb, nett und angepasst wärst, dann würde ich mich in deiner Gegenwart langweilen. Doch so... ich bin gespannt, wie du die nächsten Jahre überlebst und mit wem du dich alles anlegst. Ich habe meinen Spaß dabei, sei dir dessen sicher."

"Klar. Und deswegen wirst du immer bei mir bleiben, um alles hautnah mitzuerleben. Oder erwartest du, dass ich dir alles brühwarm erzähle?"

"Nicht doch! Das ist viel zu gefährlich. Womöglich willst du nach deinem ersten Kampf auch noch meinen Kopf."

Chris schüttelte entsetzt den Kopf. Was dachte Adam von ihm? Doch der winkte ab.

"Du behauptest zwar, dass du nur dann kämpfen wirst, wenn es nicht anders geht, aber warte mal ab, bis du deinen ersten Kampf überstanden und dein erstes Quickening erlebt hast. Denn dieses Gefühl ist einmalig. Besser und intensiver als jeder Trip, auch wenn es höllisch schmerzt. Was meinst du, wie viele den Kampf suchen, nur um wieder ein Quickening zu erleben? Und das hat gar nichts mit dem Spiel zu tun."

Auch Amanda hatte es mal erwähnt, doch Chris konnte und wollte sich nicht vorstellen, dass er irgendwann einmal töten würde, nur um eine 'Sucht' zu befriedigen. Es war ja immer noch schlimm genug, dass er für sein Überleben andere Menschen töten musste. Auch wenn Adams Training geholfen hatte, das zu akzeptieren.

"Du scheinst aus Erfahrung zu sprechen."

Doch er erntete nur ein spöttisches Lächeln von Adam.

"Du gibst nicht auf? Du kennst doch das ungeschriebene Gesetz, dass man andere Unsterbliche nicht über ihre Vergangenheit ausfragt!"

"Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Und außerdem finde ich es unfair, dass du alles über mich weißt und ich gar nichts über dich."

Diese Diskussion hatten sie regelmäßig, doch bisher war Adam allen Fragen erfolgreich ausgewichen.

Ich hoffe nur, dass er sich irgendwann einmal verplappert. Aber egal wie viel er trinkt, seine Zunge hat er immer unter Kontrolle.

"Du willst es auch nicht wirklich wissen. Niemand will es wirklich wissen. Denn wenn jemand mein wahres Ich kennen lernt, dann läuft er schreiend vor Angst weg."

Wieso musste er immer versuchen, ihm Angst einzujagen? Aber Chris war Adam heute beim Training ohne Furcht entgegengetreten und hatte nicht vor, sich noch einmal einschüchtern zu lassen.

"Wieso muss ich da an unser erstes Training denken? War das etwa dein wahres Ich?"

Adam beugte sich vor und sah Chris durchdringend an. Seine Augen strahlten eine Kälte aus, wie sie Chris noch nie zuvor erlebt hatte. Seine Nackenhaare richteten sich auf und am liebsten hätte Chris sich abgewandt. Doch diese Augen ließen es nicht zu.

"Nein, das war nur ein Hauch meines wahren Selbst. Weißt du, was für ein Gefühl es ist, wenn man Macht hat, über Leben und Tod von Zehntausenden zu bestimmen? Besonders, wenn jeder davon bereit ist, alles zu tun, um zu überleben? Und wenn dann der eine oder andere Unsterbliche dabei ist, der keine Möglichkeit hat, sich zu wehren, wenn du seinen Kopf nimmst?"

Die Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken, so dass selbst Chris Mühe hatte, ihn zu verstehen.

"Du kennst mich nicht, Chris. Und du wirst mich auch nicht verstehen können, da du in der falschen Zeit geboren worden bist. Reicht dir das? Oder soll ich noch mehr erzählen? Aber ich warne dich, danach wirst du Albträume haben, wie du sie noch nie zuvor gehabt hast."

Noch schlimmer?

Dann ließ Adam von ihm ab und ließ seinen Blick schweifen, und Chris hatte einen Moment Zeit zu realisieren, was er da gerade erlebt hatte. Aber er konnte es nicht in Worten fassen. Da war nur diese unheimliche Aura gewesen, die Adam ausgestrahlt hatte, beängstigender als alles andere, was er zuvor erlebt hatte. Und Chris wurde klar, dass er Adam immer noch falsch eingeschätzt hatte.

Besser ich frage nicht weiter nach.

"Was ist denn mit euch los? Sonst brüllt ihr euch schon mal so laut an, dass man euch selbst hinterm Tresen versteht, und heute brütet ihr vor euch hin. Ist irgendetwas passiert?"

Chris war dankbar, dass Joe ausgerechnet in diesem Augenblick aufgetaucht war.

Auch Adam schien über Joes Erscheinen nicht unglücklich zu sein. Er schob den leeren Stuhl an seiner Seite zurück und machte eine einladende Geste.

"Mir ist heute einfach nicht nach streiten. Und Chris ist klug genug, das zu akzeptieren."

"Ich hatte ja keine andere Wahl. Du hattest die überzeugenderen Argumente."

Auch wenn deine Vorstellung beeindruckend war, ich kusche nicht.

"Wenn du noch nicht genug hast, dann kann ich ja gerne weiter machen."

Doch Adam klang nicht mehr halb so hart, wie noch vor wenigen Minuten. Chris hatte in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, dass sich Adam Joe gegenüber sehr freundschaftlich und rücksichtsvoll benahm. Auch wenn er nicht mit ironischen und sarkastischen Kommentaren sparte, setzte er dann immer eine ganz andere Maske auf als sonst.

Und Chris fragte sich jedes Mal, welches dieser Gesichter dem wahren Adam ähnlich war.

Doch so sehr ihn die letzten Minuten verstört hatten, Adam musste ihn inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, dass er jetzt erst recht weitersticheln würde.

"Bitteschön, kannst du gerne, aber das wird meine Meinung nicht ändern."

Was Adam kann, das kann ich schon lange.

Chris verschränkte seine Arme vor seiner Brust und starrte Adam herausfordernd an.

Na komm, mach weiter. Ich bin gespannt, was Joe davon hält.

Doch Adam wich wie erwartet aus.

"Vergiss es, Chris. Sonst wird es irgendwann dein Tod sein."

"Wenn ich mich schon zu euch setze, dann möchte ich doch wenigstens wissen, worüber ihr euch jetzt wieder in die Haare gekriegt habt."

Joes Blick war eindeutig belustigt.

"Er meint, dass er mehr über meine Vergangenheit erfahren sollte. Ich habe ihn, nett und höflich, wie ich nun einmal bin, darauf hingewiesen, dass ihn das nichts angeht. Mehr läuft hier nicht."

"So stimmt das nicht. Wenn du bei meinem Kommentar, dass du wohl aus Erfahrung sprichst, so ausrastest, dann befürchte ich, dass ich einen wunden Punkt erwischt habe."

Chris starrte Adam an. Er wollte nicht klein beigeben. Nicht wenn Joe in der Nähe war und er deswegen eine Chance hatte. Doch Joe ergriff jetzt das Wort.

"Chris, lass es. Es ist besser für dich, wenn du es nicht erfährst. Ich habe eher zufällig mehr über ihn erfahren, als mir lieb ist. Die Albträume reichen mir."

"Ach? Was war er denn? Ein Massenmörder? Die Geißel der Menschheit? Ich weiß nicht, welchen Adam du kennengelernt hast, aber ich traue es ihm zu."

Joes Reaktion war kaum merklich, aber sie war da. Und auch Adams Haltung verriet eine gewisse Anspannung.

Oh mein Gott, was war Adam wirklich?

Es war besser, erst mal zurückzustecken.

"Aber wenn ihr darauf besteht..." Chris' Blick fixierte Joe. "Wirst du mir dann einige Geheimnisse verraten? So als kleinen Ausgleich?"

Die Anspannung fiel merklich von den beiden ab und Chris bemerkte die Blicke, die sie austauschten.

"Was willst du denn von mir wissen? Ich habe keine Geheimnisse."

"Wie bist du zu uns Unsterblichen gekommen? Oder besser, wann hast du zum ersten Mal einen Unsterblichen getroffen?"

"Da gibt es nichts zu verheimlichen."

Joe lehnte sich entspannt in seinem Stuhl zurück und orderte noch etwas zu trinken.

"Es war im Vietnamkrieg in dem Gefecht, bei dem ich nicht nur meine Einheit, sondern auch meine Beine verloren habe. Naja, nicht die ganze Einheit. Mein damaliger Kompaniechef Andrew Cord rettete mich und brachte mich ins Lazarett. Er hat mich sechzehn Meilen getragen. Jedenfalls auf dem Weg dorthin habe ich erfahren, dass er unsterblich ist, und seitdem gehe ich mit offenen Augen durch die Welt. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele Unsterbliche gibt. Aber durch meine Behinderung bin ich keine Gefahr für sie und... es hat sich halt ergeben, dass ich inzwischen mehrere Unsterbliche als meine Freunde bezeichne. Adam gehört dazu."

"Und wieso hast du es mir nie erzählt?"

"Du hast mich nie gefragt. Ihr zwei seid immer so mit euren Streitereien beschäftigt, dass ich für euch nur nebensächlich bin."

Doch Joe schien den letzten Kommentar nicht ernst zu meinen, denn er zwinkerte Chris zu. Und als der Kellner mit den neuen Getränken kam, da nahm er seins und prostete in die Runde. Dabei war seine Tätowierung sehr schön zu sehen. Und sie sah genau so aus wie die der Buchhändler.

Das war für Chris die Chance.

"Ganz Unrecht hast du nicht. Da will ich dich schon ewig fragen, was dieses ungewöhnliche Tattoo an deinem Handgelenk bedeutet, und ich denke immer daran, wenn du gerade nicht in Reichweite bist."

Joe schien gar nicht glücklich über diese Frage zu sein. Dass er dann auch noch kurz zu Adam blickte und dieser eine nicht laut ausgesprochene Frage mit einem unmerklichen Kopfschütteln verneinte, fiel Chris natürlich auf.

Für wie doof haltet ihr mich? Ich bin Bulle! Und wenn ich nicht merken würde, dass hier was ganz gewaltig zum Himmel stinkt, dann hätte ich den falschen Beruf.

"Das stammt auch aus Vietnam. Alle aus meiner Einheit hatten diese Tätowierung. Ein Kumpel hatte das Muster entworfen."

Klar, sicher. Ich glaub's nicht.

Doch Chris wusste, dass es im Moment besser war, nicht weiter zu fragen. Denn gegen Joe und Adam kam er nicht an. Denn wenn er den Blick richtig interpretiert hatte, dann schien Adam Bescheid zu wissen und auf Joes Seite zu stehen.

Wenn Adam informiert ist, aber der Meinung ist, dass es mich nichts angeht... Hat das etwas mit der Unsterblichkeit zu tun?

"Etwas einfach gestaltet ist es ja. Doch mir gefällt es. Aber das mit dem Tätowieren kann ich ja vergessen, das verheilt ja sofort."

Und Joe schien erleichtert zu sein, dass Chris nicht weiter nachfragte.

"Aber heutzutage kannst du Tattoos vortäuschen, da gibt es inzwischen viele Möglichkeiten. Die sind gar nicht mal so teuer und sehen auch noch gut aus."

"Danke, Adam. Ich werde daran denken, wenn es irgendwann modern ist, dass jeder Mann ein Tattoo trägt."

"Seid nur froh, dass niemand von euch verlangt, dass ihr euch Piercings zulegt."

Joe schien froh zu sein, dass er kein Piercing brauchte.

"Die Teile sind hässlich und verstümmeln nur das Aussehen."

Chris erinnerte sich an eine Arbeitskollegin, die im Gesicht mehrere von diesen Teilen hatte. Er empfand die Metallteile in ihrem Gesicht als äußerst unattraktiv.

"Ja, und bei uns ist es besonders hässlich, weil dann ständig Blitze aus der Wunde züngeln."

So ein Kommentar konnte nur von Adam kommen.

"Hey, das ist dann bestimmt absolut hip. So was hat dann keiner."

Joe und Adam schüttelten darauf nur ihre Köpfe. Der Gedanke mit dem Piercing war für sie einfach nur zu absurd.

"Ja, ja, die Jugend von heute..."

Adams nicht zu Ende gesprochener Satz wurde von einem grinsenden Joe vervollständigt.

"... frech und vorlaut und weiß nie, wann sie mal die Klappe zu halten hat."

"Oh ja, mit meinen zweiundvierzig Jahren bin ich wirklich noch ein Kleinkind. Danke, ihr seid wirklich nett zu mir."

Chris nahm sein Glas, prostete den beiden zu.

"Im Vergleich zu uns bist du noch ein Kleinkind!"

"Und wenn ich dich jetzt nach deinem Alter fragen sollte, dann beziehe ich noch eine Tracht Prügel. Irgendwie bin ich total froh, euch zwei zu kennen, denn sonst würde mir etwas fehlen."

Den betont sarkastischen und ironischen Unterton hätte selbst ein Baby erkennen können, doch weder Joe noch Adam reagierten darauf, sondern tranken ihr Bier.

Als Joe sein Glas geleert hatte, stemmte er sich hoch und drehte seine Runde, bei der er die Gäste in der Bar begrüßte. Da er nach diesem Rundgang normalerweise einen Abstecher in sein Büro machte, war dies für Chris der geeignete Augenblick, ihn unter vier Augen auf seine Tätowierung anzusprechen. Denn er glaubte weder Joes Vietnamstory noch Andreas Michells Geschichte über eine durchzechte Nacht und ihre Folgen. Er hatte seit einigen Minuten den Verdacht, dass das Ganze irgendetwas mit Unsterblichen zu tun hatte. Aber was genau, das wollte er von Joe erfahren. Falls er ihn dazu bewegen konnte, etwas darüber zu sagen.

Wie er es genau anstellen wollte, wusste Chris noch nicht. Es würde sich aus dem Gespräch mit Joe ergeben.

Kurz bevor Joe mit seiner Runde durch war, entschuldigte sich Chris bei Adam und verschwand Richtung Toilette. Als er sicher war, dass weder Adam noch Joe ihn beobachteten, ging er ins Büro. Die abgeschlossene Tür war für ihn kein Hindernis. Chris brauchte keine zwei Minuten, um das Schloss zu knacken, schloss aber hinter sich wieder ab, um Joe nicht vor dem Betreten des Raumes misstrauisch zu machen.

Chris war zum ersten Mal im Büro und hatte sich keine Gedanken gemacht, wie es aussehen könnte. Es war nichts besonderes. Im hinteren Teil des Raumes stand ein Schreibtisch mit einem Stuhl dahinter. Seitlich davon an der Wand stand ein weiterer Stuhl und sonst war das Büro leer. Nur einige Bilder hingen an der Wand. Ein Schrank an der Seitenwand vervollständigte das Mobiliar. Auffällig war nur der große Flachbildschirm, der auf dem Schreibtisch stand. Chris pfiff anerkennend, denn so ein Teil wünschte er sich auch.

Wenn Engin hier wäre, dann würde er versuchen, alle notwendigen Informationen aus dem Computer rauszuholen. Das gäbe bei mir bestimmt ein Fiasko.

Trotzdem wurde er von dem Teil fast schon magisch angezogen. Und er hatte Glück, der Computer war bereits hochgefahren. Als Chris kurz die Maus berührte, da wurde auch der Bildschirm lebendig.

Er zeigte einen geöffneten Browser und Chris konnte erkennen, dass auch die Internetverbindung noch aktiv war. Doch Joe hatte keine Seite aufgerufen.

Die Versuchung war groß und Chris gab ihr nach. Er checkte sämtliche Favoriten, die Joe gespeichert hatte. Viele Lesezeichen waren es nicht und bis auf eine Adresse waren es nur Homepages, wie GMX und Amazon, die Chris kannte oder von denen Engin schon mal gesprochen hatte. Da sich draußen nichts tat, überprüfte er auch noch den Verlauf. Aber ohne Ergebnis.

Tja, Joe ist ein kluger Junge. Selbst den Verlauf scheint er regelmäßig zu löschen.

Chris notierte die Adresse der ihm unbekannten Homepage auf einem kleinen Zettel und verstaute ihn in seiner Brieftasche. Er versuchte noch nicht einmal die Seite zu starten, da er Sorge hatte, dass Joe sonst noch etwas bemerken könnte. Dann stellte er den ursprünglichen Zustand wieder her, schaltete den Bildschirm aus und setzte sich provokant auf den Schreibtisch.

Keine Sekunde zu früh, denn Joe schloss die Tür auf und trat ein. Im ersten Moment schien er Chris nicht zu bemerken, erst als er die Tür wieder verschlossen hatte, sah er zu seinem Schreibtisch.

"Auch wenn du bei mir Stammkunde bist, Chris, mein Büro ist für dich tabu. Raus mit dir. Ich habe keine Lust, mich mit dir zu streiten."

Joe sah in diesem Moment sehr alt und müde aus und er verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere, als ob seine Prothesen schmerzen würden.

Doch Chris ließ sich davon nicht beeindrucken. Er verschränkte seine Arme vor der Brust und sah Joe an.

"Nicht, bevor du mir die Wahrheit erzählt hast."

Mit einem leisen Seufzen ging Joe einige Schritte weiter, bis er den Stuhl neben dem Schreibtisch erreichte. Dann setzte er sich langsam und vorsichtig hin.

"Wenn du mir sagst, welche Wahrheit du hören willst. Ich kenne viele und jede hat ein anderes Gesicht."

"Die Wahrheit über deine Tätowierung."

"Ich habe dir eben die Wahrheit erzählt. Und selbst wenn nicht, ich wüsste nicht, was es dich angeht."

Doch Joes Körpersprache sagte etwas ganz anderes. Er war angespannt und schaute zu Boden. Chris sprang vom Schreibtisch, legte seine Hand unter Joes Kinn und zwang ihn hochzusehen.

"Ich mag zwar in euren Augen ein Kleinkind sein. Aber ich bin nicht dumm. Also hör auf, mich zu verarschen, und sag mir, was das Tattoo bedeutet."

"Ach, jetzt bist du mutig! Warum hast du mich nicht eben gefragt, wo wir in der Kneipe saßen? Oder hast du Angst, dass dein Lehrer nicht mit deinem Verhalten einverstanden ist? Vielleicht ist er dann sogar so sauer, dass er deinen Kopf haben will. Überleg dir gut, was du machst."

Das glaube ich nicht. Wieso sollte Adam für dich seinen Kopf riskieren? Das ist nicht sein Stil.

"Ich glaube nicht, dass du in der Position bist, mir zu drohen. Schließlich hast du die Tür selbst hinter dir abgeschlossen. Und was Adam angeht... Er mag zwar mein Lehrer sein, aber er ist nicht mein Babysitter und weiß, dass ich in der Lage bin, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Also los, ich warte."

Jetzt war es Joe, der die Arme vor seiner Brust verschränkte und sich zurücklehnte. Mit einer ruckartigen Kopfbewegung befreite er sich aus Chris' Griff.

"Es tut mir leid, Chris, aber von mir bekommst du keine Informationen. Schade, dass unsere Freundschaft so enden muss."

Ach? Eine Freundschaft ist für mich etwas anderes.

"Das ist mir egal. Ich habe demnächst in Frankfurt einen Einsatz zu leiten. Und da dort einige seltsame Gestalten einen gewissen Unsterblichen namens Georg Bechthold beobachten und auch so eine süße, kleine Tätowierung haben, habe ich mir meine Gedanken gemacht."

Mit Genugtuung beobachtete Chris, dass Joe unruhig wurde.

"Und du hältst deine Überlegungen für logisch?"

Der blufft. Ich bin ganz nah dran. Mal schau'n, ob er auf meinen Bluff reinfällt.

"Ich bin mir noch nicht sicher, mir fehlen da einige Informationen. Aber es hat was mit uns Unsterblichen zu tun. Ihr beobachtet uns. Aber wieso und weshalb? Ich hoffe, dass du mir eine Antwort geben kannst."

Bingo! Volltreffer!

Es war nur das leichte Zucken von Joes Augenbraue, die Chris von seiner Idee überzeugte.

"Chris, du spinnst. Wieso sollten wir euch beobachten? Dafür gibt es doch keinen Grund."

Wir? Da gibt es also wirklich noch mehr.

"Tja, wenn ich den Grund kennen würde, dann würde ich mich wohler fühlen. Aber wenn du ihn mir nicht sagst, dann werde ich wohl oder übel Andreas und Ursula fragen müssen... Schade, sie sind eigentlich sehr nett."

Ganz bewusst drehte sich Chris um und betrachtete scheinbar interessiert die wenigen Fotos an der Wand.

"Was willst du damit sagen?"

"Es wird bestimmt nicht angenehm sein, wenn ich sie verhaften lasse und eine Hausdurchsuchung veranlasse. Wenn das ihre Kunden mitbekommen, dann könnte das ihren Ruin bedeuten."

"Das kannst du nicht machen!"

Chris drehte sich wieder um, beugte sich zu Joe hinab und sah ihm in die Augen.

"Doch, das kann ich. Vielleicht hast du es noch nicht mitbekommen, aber ich bin Einsatzleiter in einem internationalen Fall von Drogenschmuggel und organisierter Kriminalität. Und wenn ich das Team, das gerade Bechthold observiert, anrufe und ihnen sage, dass sie denjenigen verhaften sollen, der auch Bechthold beobachtet, dann werden sie das machen. Und derjenige wird nicht eher aus dem Knast rauskommen, bis der Fall abgeschlossen ist. Das kann noch einige Monate dauern."

"Und du glaubst wirklich, dass du mich damit beeindrucken kannst?"

Joe zögerte einen Moment, doch in diesem Moment zweifelte Chris, dass er von Joe etwas erfahren würde. Seine nächsten Worte bestätigten es.

"Vergiss es, Chris, von mir erfährst du nichts."

Das gab Chris zu denken. Joe war bereit, diese Leute zu opfern, nur damit das Geheimnis gewahrt blieb. Aber wie konnte er mehr herausbekommen? Er wollte bei dem alten Mann nicht über Drohungen hinausgehen. Das war einfach nicht sein Stil.

"Joe hat eine Tochter. Sie heißt Amy und lebt in Paris. Du musst sie schon in deine Hände bekommen, um ihn erpressen zu können."

Chris brauchte sich gar nicht erst umzudrehen. Er konnte wetten, dass Adam mit verschränkten Armen im Eingang stand und ein Grinsen auf seinen Lippen hatte.

Und das Schloss hatte er wahrscheinlich auch geknackt. Und durch die Geräuschkulisse der Kneipe war dieser Lärm untergegangen.

Aber es war interessanter, Joes Reaktion auf Adams Kommentar zu beobachten. Er stand auf und ging auf Adam zu.

"Du verdammter Mistkerl! Warum bringst du Amy in Gefahr? Sie hat dir nichts getan!"

"Stimmt. Aber darf ich dich daran erinnern, dass du damals bereit warst, mich für sie zu opfern? Dass du es nicht getan hast, lag nur daran, dass ich erkannt hatte, dass du mich angelogen hast und dich solange bearbeitet habe, bis du mir die Wahrheit gesagt hast."

"Das ist unfair!"

"Habe ich jemals behauptet, fair zu sein, Joe? Das müsstest du doch inzwischen wissen. Also entscheide dich. Entweder du gibst ihm die gewünschten Informationen oder ich gebe ihm Amys Adresse."

Der Ausdruck auf Joes Gesicht war unbeschreiblich. Chris hatte schon fast Mitleid mit ihm, fragte sich allerdings, warum Adam jetzt diese Show abzog.

"Wieso habe ich dir jemals vertraut? Ich dachte, wir wären Freunde."

"Sind wir auch. Denn ich glaube nicht, dass Chris Amy umbringt. Er wird sie nur recht höflich nach ihrer Tätowierung fragen. Obwohl... wenn sie genauso störrisch ist wie du, dann könnte es sein, dass er die Geduld verliert. Dann garantiere ich für nichts."

Chris wusste zwar nicht, was Adam wollte, aber er spielte mit und musterte Joe mit einem harten Blick.

"Warum willst du auf einmal, dass ich Chris davon erzähle? Du warst doch bisher immer der Meinung, dass so wenige wie möglich davon erfahren."

"Stimmt, aber er hat dir eben nicht geglaubt. Und er hat jetzt schon mehr als jeder andere herausbekommen. Es ist besser, er erfährt es jetzt von dir, als dass er euch später für Feinde hält. Die Folgen könnten verheerend sein. Und ich vertraue ihm, dass er seine Klappe hält. Also solltest du ihm auch vertrauen."

Wenn ich nur wüsste, worum es geht.

Joe schien mit sich zu ringen. Er musterte Chris mehrere Minuten und dann schien er eine Entscheidung getroffen zu haben.

"Gut. Ich werde es ihm erzählen. Aber glücklich bin ich damit nicht."

Er drehte sich um und ging zu seinem Schreibtisch. Aus dem Untertischcontainer holte er eine Flasche Whiskey und ein Glas, bevor er sich hinstellte. Er schüttete sich das Glas halbvoll und leerte es in einem Zug, füllte es wieder auf und stellte es auf dem Schreibtisch ab. Dann wandte er sich seinem Computer zu.

Natürlich bemerkte Joe, dass der Bildschirm ausgeschaltete war. Dem vorwurfsvollen Blick begegnete Chris mit einem Achselzucken. Joe drehte den Bildschirm so, dass auch Chris etwas sehen konnte. Dann rief er über die Favoriten genau den Link auf, den Chris notiert hatte. Doch statt sofort eine Homepage freizugeben, wurde erst ein Passwort abgefragt.

Chris konnte nur erkennen, dass es achtstellig war, aber nicht, welche Kombination Joe verwendete.

Das wäre eine Herausforderung für Engin.

Jetzt erschien eine Startseite. Das Emblem war das Muster der Tätowierung.

"Wir sind jetzt auf der offiziellen Seite der Beobachter. Deine Vermutung stimmt. Das Tattoo hat etwas mit den Unsterblichen zu tun. Wir beobachten euch und schreiben eure Geschichte auf. Seit über viertausend Jahren wird dieses Wissen von einer Generation an die nächste weitergegeben und bisher war es immer am wichtigsten, dass kein Unsterblicher von uns erfährt. Wenn ich erfahren sollte, dass du einem anderen darüber erzählst, dann ist das dein Tod."

Wirklich überrascht war Chris nicht. Denn etwas in der Art hatte er sich auch schon gedacht.

"Und was steckt wirklich dahinter? Es kann doch nicht sein, dass ihr uns einfach nur beobachtet."

"Doch, so ist es. Der Gründer der Organisation, Ammaletu, war der Meinung, dass das Leben der Unsterblichen zu wichtig für die Menschheit ist, als dass sie einfach im Verborgenen leben und sterben sollten. Das Problem ist allerdings, dass die Menschheit einfach noch nicht reif genug ist, um von euch zu erfahren. Deswegen arbeiten wir im Geheimen und das Wissen bleibt in den Händen der Beobachter."

Joe nippte von dem Glas bevor er fortfuhr. Weder Adam noch Chris dachten daran, dazwischenzureden.

"Einige von euch haben in den letzten Jahrhunderten entscheidenden Einfluss auf die Geschichte der Menschheit gehabt. Das und eure Kämpfe werden von uns aufgezeichnet und archiviert. Unser Motto lautet 'immer beobachten, niemals eingreifen'. Egal, wie schwer es manchmal fällt."

"Und das soll ich euch glauben?"

Es war zu simpel. Das konnte es nicht sein. Welcher Mensch war schon so verrückt und würde Unsterbliche aus rein idealistischen Gründen beobachten? Allein der Zeitaufwand. Aber wenn er dann an die drei Buchhändler dachte... Ganz so abwegig war es doch nicht.

Joe hatte scheinbar mit so einer Reaktion gerechnet.

"Das hier ist unsere Homepage. Ich kann dir natürlich nicht alle Seiten zeigen. Aber du kannst dir den Lebenslauf von Sean Burns anschauen. Da er tot ist, ist es für mich ungefährlich, dir seine Daten zu zeigen. Er hat fast zwölfhundert Jahre gelebt und es gibt nur wenige Monate, die uns in seiner Biographie fehlen. Wir haben wirklich keine andere Aufgabe."

Chris klickte sich durch den Lebenslauf und war fasziniert. Am interessantesten war, dass Sean Burns es geschafft hatte, ohne Kampf zu überleben und ein friedliches Leben zu führen. Doch dann sah Chris, dass Burns von Duncan MacLeod enthauptet worden war. Und er verstand überhaupt nichts mehr.

Der Kerl gehört doch zu den Guten... und MacLeod auch. Verdammt, immer glaube ich, etwas zu wissen, und dann, dann stehe ich wieder ganz am Anfang.

Frustriert wandte er sich ab.

"Ja und? Was soll das beweisen? So eine Seite kann jeder programmieren. Das ist doch heutzutage ein Kinderspiel."

Er drehte sich wieder zu Joe und bekam noch den Blick mit, den dieser Adam zuwarf. Er konnte ihn mit 'Ich hab' dir doch gesagt, dass er es nicht glaubt' interpretieren.

"Adam, was soll dieses Spiel? Du hast es doch eingefädelt, dass ich Joe kennen gelernt habe, und du hast ihn überredet, mir diese Story zu erzählen. Was heckst du gerade aus?"

Adam hatte es sich inzwischen auf dem Schreibtisch gemütlich gemacht. Jetzt lehnte er sich zurück, klaute Joe sein Glas und trank einen Schluck.

"Nichts. Da du Bechthold observieren lässt, habe ich erwartet, dass du eher früher als später auf Beobachter triffst. Das habe ich doch schon beim ersten Training angedeutet. Sie sind nicht unsere Feinde und ich habe ihre Ergebnisse schätzen gelernt. Obwohl ich nicht immer mit ihren Methoden einverstanden bin. Ich schreibe schon seit langem Tagebuch. Falls ich irgendwann einmal sterben sollte, dann bekommen die Beobachter diese Bücher, denn ich will nicht einfach vergessen werden. Nenne es Eitelkeit, aber so ist es nun mal."

Wer will schon vergessen werden?

Statt Chris anzuschauen, betrachtete Adam die bernsteinfarbene Flüssigkeit in dem Glas. Das brachte Chris noch weiter zum Kochen.

"Und? Wie viele Leute observieren mich? Wie viele Beobachter überwachen jeden meiner Schritte? Gibt es überhaupt noch Momente, die ich als privat bezeichnen könnte, oder wird alles, was ich mache, für die Nachwelt aufgezeichnet?"

Der Gedanke, dass irgendjemand aus rein wissenschaftlichem Interesse seine Beziehung zu Eddie dokumentiert hatte, war für Chris fast schon unerträglich. Allein die Vorstellung, dass er es nicht mitbekommen hatte, dass ihn jemand observiert hatte...

"Du hast noch keinen Beobachter."

Joe schien irgendwie zu ahnen, was Chris empfand, denn er stand auf, ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter

Plötzlich überkam ihn das Bedürfnis wegzulaufen, doch Chris unterdrückte es. Genau so wie den Drang, hysterisch zu lachen

Er schüttelte lediglich die Hand ab und drehte sich zu Joe, damit er ihm in die Augen schauen konnte.

"Wieso nicht? Ihr wollt doch alle Unsterblichen beobachten! Warum nicht mich?"

Werde ich jetzt verrückt? Das ist alles zu viel für mich. Wie soll ich das verarbeiten?

Joe beantwortete seinen Blick offen und ehrlich.

"Weil wir Personalmangel haben. In den letzten zwanzig Jahren sind mehr Beobachter in Rente gegangen als junge und engagierte Leute nachgerückt sind. Zwar gibt es auch weniger Unsterbliche, aber nicht so viel weniger. Und bis du deinen ersten Kampf hinter dir hast, wirst du mehr oder weniger über Adams Beobachter im Auge behalten. Und außerdem werden wir hoffentlich niemals einen Unsterblichen lückenlos überwachen. Wenn kein anderer Unsterblicher da ist, dann ist an der Haustüre Schluss. Wir sind Beobachter und keine Voyeure."

"Das beruhigt mich jetzt aber unheimlich. Vorausgesetzt, ich nehme euch die Story ab. Wie soll es denn weitergehen?"

Joe schien erleichtert zu sein, dass Chris nicht mehr ganz so misstrauisch war wie noch vor wenigen Minuten.

"Genau so wie bisher. Und was die Beobachter um Bechthold angeht: Du lässt die drei Bechthold beobachten und wir lassen euch in Ruhe. Wir haben so unterschiedliche Interessen und können uns nicht wirklich in die Quere kommen. Ich frag mich nur, wie du es bisher geschafft hast, einen Kampf mit Bechthold zu vermeiden. Er ist dafür bekannt, dass er jeden Unsterblichen, den er trifft, gnadenlos jagt, bis er seinen Kopf hat."

"Ganz einfach. Als Leiter der ganzen Aktion stehe ich im Hintergrund und bleibe auf Abstand. Da ich noch lange nicht gut genug für einen Kampf bin, will ich ihn in den Knast bringen, bevor er mir wirklich gefährlich werden kann."

Ein zweifelnder Blick von Joe sagte genau, was dieser darüber dachte, aber er sagte nichts dazu.

"Glaubst du uns?"

Dass diese Frage von Adam kam, war für Chris selbstverständlich.

Er nahm sich die Zeit darüber nachzudenken. Das, was Joe und Adam ihm gerade aufgetischt hatten, war eigentlich unglaublich, aber da Chris hatte sich angewöhnt, auch solche Sachen zu überdenken, schließlich war die Tatsache, dass er unsterblich war, noch wesentlich ungewöhnlicher. Dementsprechend fiel auch seine Antwort aus.

"Habe ich eine andere Wahl? Ich kenne dich und ich weiß, dass du gerne mit anderen spielst und sie manipulierst. Ich bin mir bei dir nur sicher, dass du es nicht auf meinen Kopf abgesehen hast. Und selbst da besteht die Gefahr, dass du deine Meinung noch änderst."

Chris schüttelte den Kopf.

"Glauben ist etwas anderes, aber ich habe keine andere Alternative. Nur habe ich noch eine Frage."

"Dann stell sie und ich werde sie dir, wenn es geht, beantworten."

"Ich stelle mir die Beobachter jetzt als ziemlich großes Unternehmen vor. Viele Leute, die im Außendienst die Unsterblichen observieren und wahrscheinlich noch mehr Personen im Innendienst, die alles verwalten und archivieren. Wie finanziert ihr das? Ich kann einfach nicht glauben, dass es alle ehrenamtlich machen. Sorry, aber soviel Idealismus gibt es heutzutage nicht mehr."

Joe überlegte einen Moment und gab dann eine ausweichende Antwort.

"Ehrenamtlich können nur die wenigsten arbeiten, besonders wenn sie einen Unsterblichen beobachten, der sehr reiselustig ist. Da kommen dann auch noch die ganzen Spesen dazu. Aber zur Finanzierung kann ich dir nicht viel sagen. Ich weiß nur, dass wir einige sehr reiche Förderer haben. Ich bin nur ein einfacher Beobachter und um solche Sachen kümmere ich mich nicht."

Einfacher Beobachter? Tut mir leid, Joe, aber das glaube ich dir nicht. Nicht bei den unsterblichen Freunden, die du hast.

Aber für heute hatte Chris definitiv genug gehört. Verarbeiten musste er es auch erst mal.

"Okay, ich hab's kapiert. Mehr will ich auch gar nicht mehr hören. Ich gehe jetzt nach Hause und hoffe, dass ich nicht zu viele Albträume bekomme. Ich wünsche noch einen schönen Abend."

Chris ging an Joe vorbei und nickte Adam kurz zu.

"Adam, sehen wir uns morgen zum Training?"

"Noch habe ich keine andere Verabredung."

"Alles klar, bis morgen."

In der Tür drehte er sich noch einmal kurz um. Trotz des Lärms aus der Bar konnte er verstehen, dass Joe Adam Vorwürfe machen wollte.

Da konnte er sich einen letzten Kommentar nicht verkneifen.

"Joe!"

Dieser drehte sich halb zu Chris.

"Grüß mir doch bitte noch unbekannterweise deine Tochter. Wenn sie auf den Vater gekommen ist, dann ist sie bestimmt sehr intelligent. Das mit der Schönheit kann ich allerdings noch nicht beurteilen."

Und er war aus dem Büro, bevor Joe irgendwie reagieren konnte. Aber aus dem Augenwinkel konnte er Adams selbstgefälliges Grinsen erkennen.

 

Wieder zurück im 'Sanctuary' ging Chris in die Küche, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging in sein Zimmer. Dort setzte er sich an den Schreibtisch und versuchte, die Informationen, die er über die Beobachter hatte, zu ordnen. Viel war es nicht, aber immer noch verwirrend genug.

Nachdem er nun das dritte Blatt Papier vollgekritzelt, alles durchgestrichen und weggeschmissen hatte, weil ihm die Querverbindungen falsch erschienen, war er nah dran aufzugeben. Er konnte sich einfach nicht mehr konzentrieren und am Computer würde es sowieso einfacher sein.

Aber hier hatte er keinen und Chris bereute es inzwischen, dass er sich letzten Monat nicht an der Sammelbestellung für Apple-Laptops beteiligt hatte, die Engin organisiert hatte.

Alle Dateien hätte ich passwortgesichert und ich könnte immer darauf zurückgreifen.

Aber er hatte es gelassen, weil er Engin nicht verraten wollte, wie viel er inzwischen über Computer wusste. Zu Hause hatte er die ganzen Magazine und Fachbücher, die neben seinem Bett lagen, durchgearbeitet und dank Amandas Vorarbeit auch verstanden. Nur Engin gegenüber mimte er immer noch den DAU. Chris wusste nicht genau, warum er sich so verhielt, entweder, weil er so viel von den Sachen, die er in der letzten Zeit gelernt hatte, verheimlichen musste, damit niemand merkte, dass er sich noch mehr verändert hatte, als sie schon dachten. Oder war es vielleicht einfach nur, weil es Engin Spaß machte, ihn ständig damit aufzuziehen?

Dafür saß er jetzt hier und verzweifelte, weil er alles mit der Hand schreiben musste.

Er nahm sich vor, am nächsten Arbeitstag in der Mittagspause beim Saturn einzukaufen. Engin würde er irgendwie abhängen müssen, damit dieser nichts mitbekam. Schließlich wusste Chris ganz genau, was er brauchte, und das würde Engins Misstrauen nur bestärken.

Dieser Vorsatz besserte seine Laune. Es reichte aus, um sich wieder auf die Beobachter zu konzentrieren, doch bevor er weiterschrieb, holte er sich noch ein Bier.

Um drei Uhr morgens, mehrere Flaschen Bier, einen Whiskey und mindestens zehn Entwürfe später, war er dann mit seinen niedergeschriebenen Ideen zufrieden. Der Schreibtisch sah zwar aus wie ein Schlachtfeld - überall waren Blätter und Flaschen -, aber er war fertig und hatte nicht die geringste Lust, auch nur noch einen einzigen Handschlag zu tun. Aufräumen kann ich auch noch morgen, bevor Adam kommt.

Bevor er ins Bett ging, las er noch einmal seine Notizen. Das große Fragezeichen war Joe Dawson. Mit seiner Behinderung war er eigentlich niemals in der Lage gewesen, als aktiver Beobachter zu arbeiten. Doch wenn er alles berücksichtigte, was er über Joe wusste, dann war er Duncan MacLeods Beobachter gewesen, bevor dieser von der Bildfläche verschwand. Und Duncan MacLeod hatte ihn nicht nur gekannt, sondern schien auch über dessen eigentlichen Job informiert gewesen zu sein. Amanda kannte Joe auch, er war wohl ihre Quelle für den ganzen Unsterblichen-Klatsch und -Tratsch gewesen. Aber wenn Joe soviel über Unsterbliche wusste, die auf der ganzen Welt verstreut waren, dann konnte er kein einfacher Beobachter sein. Denn um die Sicherheit aller zu gewährleisten, dann sollten diese so wenig wie möglich wissen.

Jedenfalls würde Chris es so machen, wenn er die Beobachter zu organisieren hätte. Aber er beschloss, alle Fragen, die sich jetzt aufgetan hatten, Adam zu stellen, wenn dieser auftauchte.

Wenn er dann Lust hatte, sie zu beantworten, und mich nicht gleich dafür umbringt...

Chris hatte sich bei Adam angewöhnt, immer vom schlimmsten Fall auszugehen. Manchmal wurde er positiv überrascht und Adam ließ sich tatsächlich dazu herab, ihm einige Informationen zu geben. Fast immer, wenn sie andere Leute und nicht Adam selbst betrafen. In der Hinsicht war ihr Verhältnis mehr oder weniger wie das zwischen einem Lehrer und einem Schüler.

Ein strenger Lehrmeister war er. Manchmal sogar ein zu strenger.

Denk nicht darüber nach, sonst bekommst du wirklich wieder Angst vor ihm.

Chris stand auf, streckte sich und entschied, dass es dringend Zeit war, ins Bett zu gehen, denn fürs Training am nächsten Tag musste er fit sein. Auch wenn Adam, so wie er ihn kannte, nicht vor Mittag da sein würde.

 
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