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Und das Leben geht weiter
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
 
 

... und das Leben geht weiter

Teil 7
© by Aisling ()
 
Ich besitze keine Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Rechte gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keinerlei Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Mit über 300 Word Seiten ist es meine bisher längste Fanfiction.
Bis vor einem Jahr hätte ich auch noch nicht gedacht, dass ich jemals so verrückt sein würde, so eine lange Geschichte zu schreiben.
Geplant hatte ich sie jedenfalls nicht in diesem Umfang. Sie sollte 'nur' 100 Seiten lang werden. Trotz Storyline wurden es wesentlich mehr.
Dank: An Birgitt. Ohne sie und ihre Begeisterung (ganz zu schweigen von ihrem Beta) wäre ich noch nicht mal über die ersten 50 Seiten hinausgekommen.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Kapitel 19: Gut und Böse

 

Nicht das Rasseln des Weckers riss Chris aus seinem Schlaf, sondern ein stechender Kopfschmerz. Er fuhr hoch und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren.

Shit, da ist ein Unsterblicher!

Chris stellte einen Rekord auf. Noch nie war er so schnell aufgestanden und in seine Jeans geschlüpft.

Auch wenn das 'Sanctuary' Heiliger Boden war... Er ging lieber auf Nummer sicher, griff sich das Schwert, das neben dem Bett lag, und ging runter. Dabei versuchte er, sich lautlos zu bewegen, was ihm auch einigermaßen gelang. Selbst die Treppenstufen meisterte er geräuschlos, inzwischen wusste er die knarrenden Dielen zu umgehen.

Unten angekommen blickte er den Gang entlang und horchte. Es war weder etwas zu sehen, noch konnte er ein verräterisches Geräusch hören. Doch dann klingelte es an der Hintertür. Chris zuckt zusammen.

Dann entschied er sich und ging zum Hintereingang. Er sicherte die Tür, bevor er sie einen Spalt öffnete.

Zu seiner Überraschung war es Adam. Es konnte eigentlich nicht viel später als neun sein. Soweit er seinen Lehrer kannte, war es für ihn eine absolut ungewohnte Zeit.

"Moment. Ich muss die Sicherung abmachen."

Chris schloss die Tür wieder, entfernte die Kette und ließ Adam rein. Dieser zog die Augenbraue hoch, als er sah, dass Chris kaum bekleidet, mit nackten Füßen und dem Schwert in der Hand vor ihm stand.

"Ich habe dich wohl geweckt."

"Ja, wie spät ist es denn?"

So bissig, wie er jetzt nach der Zeit gefragt hatte, war es nicht mehr nötig, einen weiteren Kommentar zu Adams Feststellung abzugeben. Denn dies hätte Adam nur provoziert und Chris fühlte sich nicht wach genug, um Adam irgendwie standhalten zu können.

"Es ist viertel nach acht. Ach, habe ich dir nicht gesagt, dass ich heute recht früh vorbei kommen wollte, weil ich um sechs einen Flug nach New York habe? Entschuldige bitte, das war keine Absicht. Aber du warst gestern so schnell weg, dass ich es glatt vergessen habe."

Arschloch! Du kannst mich jetzt nicht ärgern. Ich gehe wieder ins Bett.

Chris drehte sich um, ignorierte Adam und ging wieder die Treppe hoch. Es war ihm egal, ob Adam ihm folgte oder nicht. Er hatte diese Machtspielchen im Moment einfach nur über. Vielleicht später, wenn er wach war. Aber Adam am frühen Morgen... Das war nichts, was Chris ertragen konnte.

In seinem Zimmer angekommen schlug er einfach die Tür hinter sich und vor Adams Nase zu. Er war froh, dass das dicke Holz Adams Flüche dämpfte. Chris drehte den Schlüssel im Schloss um, schob einen Stuhl unter die Klinke und zögerte.

Wenn er das jetzt durchziehen würde, dann wäre er seinen Lehrer los. Und das konnte er sich noch nicht leisten. Es war ja schon ein Wunder, dass Adam ihm überhaupt hinterhergelaufen war. Resigniert stellte er den Stuhl wieder an den Schreibtisch, drehte den Schlüssel und öffnete.

So wie ihn Adam angrinste, bedeutete es garantiert nichts Gutes.

Chris versuchte, dem zu entgehen.

"Lass mir zehn Minuten, um mich umzuziehen, dann bin ich bereit zum Training. Aber erwarte von mir um diese Uhrzeit nicht, dass ich wirklich gesprächig bin."

Adam schob Chris zur Seite und betrat das Zimmer. Doch dieses Grinsen wollte nicht von seinem Gesicht verschwinden.

"So, du bist also nur nach oben gegangen, um dich umzuziehen? Ja, ja, dann hast du auch bestimmt nichts dagegen, wenn ich im Zimmer warte?"

Wenn das meine einzige Strafe ist...

"Solange du deine Hände bei dir behältst, nicht."

"Ts, das ist nun schon so lange her... Du bist wirklich nachtragend."

Jetzt lehnte sich Adam an den Schreibtisch und kreuzte die Arme vor der Brust. Das Grinsen hatte sich gewandelt. Es war amüsierter. Und eben wegen dieses Lächelns hätte Chris ihm jetzt am liebsten noch einmal die Türe vor seiner nicht allzu hübschen Nase zugemacht. Aber da war ja noch die Tatsache, dass er sein Lehrer und Chris auf das Training angewiesen war.

"Nicht wirklich, aber bei dir... Ich habe da so meine Erfahrungen gemacht."

Chris war nicht prüde, aber so, wie er von Adam beobachtet wurde, während er sich aus dem Schrank seine Sachen suchte und als er den ersten Knopf der Jeans öffnete, um sie auszuziehen, war es ihm wirklich unangenehm.

So hat mich noch nicht mal Eddie angeschaut.

Chris stockte und sah Adam an.

Wenn er nicht besser und mein Lehrer wäre... dann wäre meine Faust schon längst in seinem Gesicht.

"Hättest du vielleicht die Güte wegzuschauen, während ich mich umziehe?"

Adam hob abwehrend die Hände, aber das Grinsen war von seinem Gesicht nicht wegzubekommen.

"Du bist wirklich ein Morgenmuffel. Gut, ich schau ja schon weg."

Als Adam sich zum Schreibtisch umdrehte, begriff Chris seinen Fehler.

Verdammt, da liegen noch die ganzen Blätter!

Doch es war schon zu spät. Adam hatte sie schon entdeckt. Trotz des Chaos. Er blickte zwar kurz auf die Bierflaschen und warf Chris einen bezeichnenden Blick zu, widmete sich aber dann den vollgeschriebenen Seiten. Und das Grinsen verschwand und wich einem neugierigen Ausdruck.

Natürlich war es Chris' letzter Versuch gewesen, seine Gedanken zu sortieren, der obenauf lag. So wie Adam darauf starrte, war es zu spät, um ihn davon wegzulocken. Wenn etwas Adams Interesse geweckt hatte, dann war Chris die falsche Person, um ihn aufzuhalten. Er bezweifelte, dass es überhaupt jemanden gab.

Ich wollte ihn doch eh über Joe Dawson ausfragen. Vielleicht ist das der richtige Aufhänger.

Deswegen nutzte er den Moment und zog sich unbeobachtet um und war keine zwei Minuten später trainingsbereit.

"Du kannst dich wieder umdrehen, Adam. Wir können in die Katakomben."

Doch dieser hob nur abwehrend die Hand, angelte nach dem Stuhl, setzte sich hin und fing an, Chris' Notizen intensiv zu studieren.

Morgen kaufe ich mir ein Notebook. Garantiert.

So sehr Chris auch mit Adam über die Beobachter sprechen wollte, langsam machte er sich Sorgen, ob es wirklich richtig war, Adam seine Notizen lesen zu lassen. Am liebsten hätte er Adam vom Schreibtisch weggezerrt, aber er bezweifelte, dass er damit etwas erreichen konnte. Ganz im Gegenteil. Also versuchte er, Adam auf andere Gedanken zu bringen.

"Was ist jetzt? Erst tauchst du zu so einer nachtschlafenden Zeit auf, weckst mich, erwartest, dass ich gute Laune habe, und jetzt, jetzt liest du meine privaten Sachen. Und falls ich auch nur auf die Idee kommen sollte, dich davon abzuhalten, dann kann ich mir jetzt schon eine nette Todesart aussuchen, die du gleich an mir ausprobieren wirst. Das machst du zwar ständig mit mir, aber ich stehe immer noch nicht auf so was, genauso wenig wie auf die Art und Weise, in der du mich eben angestarrt hast."

Doch Adam reagierte nicht. Er schien gar nicht hinzuhören. Er blätterte durch die einzelnen Seiten und verglich sie miteinander. Dann hob er den Kopf und sah Chris an.

"Privat ist anders. Ich hätte nicht gedacht, dass du schon so viel über die Beobachter weißt und dass du daraus die richtigen Rückschlüsse gezogen hast."

"Ich bin Bulle und es ist mein Job, Puzzle zu lösen. Auch wenn sie noch so schwierig sind. Aber was meinst du genau? Ich habe mir gestern noch viele Gedanken gemacht."

"Das hier", dabei wedelte Adam mit einem Blatt. "Du hast scheinbar verstanden, was die Beobachter wollen und welche Ziele sie haben."

"Naja, ich würde bei denen eher sagen, dass der Weg das Ziel ist. Auch wenn das nicht meine Philosophie ist."

"Gut, du hast es also verstanden. Und was wirst du jetzt machen?"

Chris fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Am liebsten würde er jetzt auf und ab laufen, aber dazu war der Raum zu klein, besonders, wo Adam sich vor dem Schreibtisch so breit machte.

"Was kann ich schon machen? Gar nichts. Ich werde dafür sorgen, dass die Buchhändler Bechthold weiter observieren können, und falls ich selber mal in den Genuss eines Beobachters komme, kümmere mich darum, dass er nur das zu sehen bekommt, was ich will."

Adam nickte. "Ja, so mach ich es auch. Aber du hast Joes Namen mit sehr vielen Fragezeichen verziert. Wieso?"

"Er behauptet von sich, nur ein kleiner 08/15 Beobachter zu sein. Aber das nehme ich ihm nicht ab. Wegen seiner Behinderung und weil er inzwischen zu alt ist, kann er einfach nicht mehr im aktiven Dienst sein."

"Und wofür hältst du ihn?"

So hatte sich Chris das Gespräch mit Adam wirklich nicht vorgestellt.

Aber was habe ich erwartet? Das ist typisch Adam

Chris spielte mit, in der Hoffnung, dass dieser seine Vermutungen bestätigte oder verneinte und er nicht weiter im Dunkeln tappen musste.

"Ich bin mir nicht sicher. Aber wenn ich das ganze mit der Hierarchie vergleiche, in der ich arbeite, dann ist er mindestens ein Einsatzleiter, wenn nicht mehr."

"Er koordiniert den Einsatz der Beobachter in Europa."

Gut, ich habe Joe unterschätzt.

"Wow, dann ist er ja ein richtig hohes Tier. Wie kommt es dann, dass er sich mit einfachen Unsterblichen abgibt?"

"Wer sagt dir dann, dass ich ein 'einfacher' Unsterblicher bin?"

"Wenn ich jetzt nachhake, dann bekomme ich wieder zu hören, dass ich zu neugierig bin und dass ich mich nicht für deine Vergangenheit interessieren soll. Und wenn ich nicht frage, dann ist es auch wieder falsch."

Wieso schaffte Adam es immer, ihn mit seinen Kommentaren auf hundertachtzig zu bringen? Chris musste sich beherrschen, Adam nicht anzubrüllen.

"Gut, du hast gestern deine Lektion gelernt."

So trocken wie Adam antwortete, umso mehr musste Chris um seine Beherrschung kämpfen. Aber er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

"Dann können wir ja runtergehen und trainieren. Du willst doch früh weg."

Chris nahm sein Schwert und wollte den Raum verlassen, als Adam ihn zurückrief.

"Ich glaube, heute sollten wir weniger kämpfen. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir etwas besprechen."

So müde, wie Chris noch war, sollte er eigentlich froh darüber sein. Aber er wusste nicht, worüber Adam mit ihm reden wollte. So oft sie auch in der Blue's Bar ihre Meinungsverschiedenheiten austrugen und obwohl er - zumindest bis zu diesem Wochenende - fast schon Panik vor den Treffen mit Adam gehabt hatte, er hatte nie das Gefühl gehabt, dass es etwas gab, was sie besprechen mussten. Aber ein Blick in Adams Gesicht zeigte ihm, dass er daran nicht vorbei kam.

"Gut, aber dann lass uns in die Küche gehen und ich koche uns einen Kaffee. Wenn ich den intus habe, dann bin ich wesentlich aufnahmefähiger."

"Gibt es auch ein Frühstück dazu?"

"Klar doch! Meine Omeletts sind einzigartig. Und sonst haben wir noch Toast da. Und wenn du darauf bestehst, dann kriegst du auch ein Bier."

"Was denkst du von mir?"

"Nur das Beste, Adam. Nur das Beste."

 

Eine halbe Stunde später fühlte Chris sich wesentlich besser. Der Kaffee wirkte und er war satt. Auch Adam schien nach dem Frühstück friedlicher aufgelegt zu sein. Auch wenn Chris bezweifelte, dass dies der richtige Ausdruck für Adam war.

Währenddessen hatten sie mal wieder eine ihrer üblichen Diskussionen über Gott und die Welt gehabt, aber es war bestimmt nicht das, was Adam mit Chris besprechen wollte.

Und jetzt wartete Chris darauf, dass Adam anfing. Nicht dass dieser Anstalten machte zu reden. Adam starrte in seinen Becher und schien mit seinen Gedanken ganz weit weg zu sein.

Um sich irgendwie zu beschäftigen, stand Chris auf, holte die Kaffeekanne und schüttete Adam und sich noch einmal die Tassen voll. Dieser bedankte sich sogar mit einem Nicken.

Chris brachte die Kanne zurück und setzte sich wieder gegenüber von Adam an den Tisch.

"Wie weit wärst du gestern bei Joe gegangen?"

Mit dieser Frage hatte Chris überhaupt nicht gerechnet. Um ehrlich zu sein, hätte ihn jede Frage überrascht.

"Wie meinst du das?"

Chris konnte sich denken, was Adam meinte, aber er wusste nicht, warum er - ausgerechnet er - ihn fragte. Adam sollte doch froh sein, dass er einen so guten Schüler hatte.

"Du weißt ganz genau, was ich meine. Wenn ich nicht ins Büro gekommen wäre, hättest du mehr gemacht, als nur zu drohen, seine Leute in den Knast zu stecken?"

"Ich wollte nur sichergehen, dass ich dich richtig verstanden habe. Wieso interessiert es dich? Dir war doch sonst immer daran gelegen, mir alles beizubringen, was ich brauche, um die Menschen in meiner Umgebung zu manipulieren. Warum ist es auf einmal so wichtig, dass du mit mir darüber sprechen musst?"

"Stimmt, ich habe dir alles beigebracht, was du wissen musst. Und doch habe ich meine Gründe für dieses Gespräch. Unter anderem hat Joe mich gefragt, auf welcher Seite du stehst und ob du eine Gefahr für die Beobachter werden könntest. Ich habe ihm zwar gesagt, dass er sich darüber keine Gedanken machen muss, aber ich brauche jetzt eine Antwort."

Bevor Chris antwortete, trank er einen Schluck Kaffee und starrte in die Tasse. Diese Frage hatte er sich noch nie gestellt, es war bisher für ihn klar gewesen, dass er auf der Seite der Gerechtigkeit stand - was nicht unbedingt identisch mit irgendwelchen Gesetzestexten sein musste.

Ich will nicht über die unsichtbare Grenze gehen, auch wenn es schon passiert ist...

Ihm war bewusst, dass er sehr oft nah dran war, einen Schritt zu weit zu gehen und die unsichtbare Linie zu überschreiten. Und dass es auch schon Momente gegeben hatte, wo er diese Grenze überschritten hatte. Nur um es entsetzt festzustellen und anschließend wieder zurück zu springen.

Chris wusste, dass Adams Frage berechtigt war.

Denn gestern, gestern hatte er wieder vor der Grenze gestanden. Doch mit Adams Auftauchen war ihm auch die Entscheidung abgenommen worden, ob er die Linie überschreiten wollte oder nicht. Doch er entschied sich für eine neutrale Antwort.

"Wenn ich auf der anderen Seite stehen würde, dann hätte ich Bechthold schon längst beseitigt. Möglichkeiten hatte ich genug, ihn aus der Distanz zu erschießen und ihn dann endgültig zu erledigen. Aber auch wenn er nicht fair ist, ich werde ihm nur entgegentreten und ihn töten, wenn er es herausfordert. Ich bin kein eiskalter Killer. Ich will so etwas auch nicht werden. Genauso wenig, wie ich einem alten und fast schon hilflosen Mann Gewalt androhen würde. Gut, ich habe gestern versucht, ihn einzuschüchtern. Aber nicht mehr, als ich es auch bei einem Verhör machen dürfte. Da soll er sich keine Gedanken machen."

Adams Blick machte Chris unsicher. Er hatte den Eindruck, dass er nicht das gesagt hatte, was dieser hatte hören wollen oder erwartet hatte. Doch Adams Worte standen im Gegensatz dazu.

"Ja, so was in der Art habe ich als Antwort erwartet. Aber du solltest in anderen Dimensionen denken. So wie du dich dieses Wochenende verhältst, hast du in der letzten Woche in Frankfurt etwas gefunden, was dir Halt und den Mut gibt, mir zu widerstehen."

Chris wollte Adam stoppen, ihm sagen, dass seine Vermutung nicht stimmte. Und dabei brauchte er noch nicht mal zu lügen. Schließlich war er noch nicht mit Eddie zusammen. Er hatte nur den Entschluss gefasst, alles zu tun, um ihn zurückzugewinnen.

"Jetzt widersprich nicht, ich stelle für sie oder für ihn keine Gefahr da. Aber denk mal nach, was du machen würdest, wenn ein anderer Unsterblicher diese Person als Geisel nimmt und versucht, dich damit zu erpressen. Wie weit würdest du dann gehen?"

Chris ließ die Worte auf sich wirken und dann, dann stimmte er zumindest gedanklich zu.

Seine Befürchtungen treffen zu. Ich würde für Eddie gewissenlos über Leichen gehen. Scheißegal, wie viele dafür sterben würden.

Diese Erkenntnis gefiel ihm gar nicht. Er wollte nicht so werden. Er wollte immer zu den 'Guten' gehören, auch wenn er seine selbstaufgestellten Regeln manchmal sehr stark strapazierte. Aber er wollte niemals zu einem Menschen werden, der über Leichen ging. Und jetzt machte ihm Adam klar, dass er in Extremsituationen diese Grenze ohne Hemmungen überschreiten würde.

So saß er einige Minuten schweigend da. Seine Ellbogen hatte er auf dem Tisch abgestützt und sein Gesicht verdeckte er mit seinen Händen. Er konnte Adam einfach nicht in die Augen sehen.

"Schön, du hast also kapiert, was für berechtigte Sorgen sich Joe macht."

Adam überraschte Chris, als er plötzlich anfing zu lachen. Er ließ seine Hände sinken und sah seinen Lehrer erstaunt an.

"Was für einen Grund hast du, jetzt zu lachen?"

"Ich amüsiere mich über deine Gewissensbisse. Du scheinst immer noch nicht kapiert zu haben, was du bist. Und auch nicht, was ich von dir will"

"Ich weiß, was ich bin! Aber du bist mir wirklich ein Rätsel."

"Nein, du weißt es noch nicht. Aber sag mir, was du glaubst zu sein."

Chris überlegte einen Moment, bevor er antwortete. Schließlich hatte er keine Lust, dass Adam seine Antwort mit irgendwelchen sarkastischen Kommentaren auseinandernahm.

"Zuallererst bin ich immer noch ein Mensch. Da ich unsterblich bin, habe ich die Möglichkeit, mehr zu erleben und mehr zu lernen als jeder andere. Aber wenn ich die Wahl gehabt hätte, dann hätte ich mich gegen die Unsterblichkeit entschieden. Dieses gottverdammte 'Spiel' macht mich zu einem Monster. Denn alles, was ich im Moment lerne, hat nur ein Ziel. Zu lernen, wie ich andere meiner Art töte, und das ist einfach nur Wahnsinn."

Nun sah er Adam herausfordernd an.

Dagegen kannst du nichts sagen.

"Du hast dabei vergessen, dass du selbst bestimmen kannst, wie weit du gehst."

"Ach ja? Gut, ich könnte mich auf Heiligen Boden zurückziehen, damit mich niemand köpft und ich auch niemanden töten muss. Aber das ist kein Leben und ich würde es als Dahinvegetieren bezeichnen. Und wie will ich jemals eine Beziehung haben, wenn ich ständig Angst haben muss, dass alleine durch mein Wesen mein Partner gefährdet ist und ich noch nicht mal in der Lage wäre, ihn zu verteidigen? Ich habe keine Lust, den Rest meines Lebens einsam zu sein. Dann lerne ich lieber zu kämpfen und muss mit den Folgen klar kommen."

"Nun reg dich wieder ab und setz dich hin. So habe ich es nicht gemeint."

Chris war sich gar nicht bewusst gewesen, dass er aufgestanden war. Er wollte sich aber noch nicht wieder hinsetzen, dazu war er zu aufgewühlt. Er schob seinen Stuhl zur Seite, nahm seine Tasse, ging zur Anrichte und füllte den noch fast vollen Becher auf. Auf einen fragenden Blick von Chris schüttelte Adam den Kopf. Erst dann ging Chris zurück und setzte sich hin. Nach und nach leerte er seine Tasse. Und jedes Mal, wenn er auf seine Hände blickte, sah er keine Finger mehr, sondern Waffen. Er fühlte sich elend.

Adam brach nach einigen Minuten das Schweigen.

"Gut, ich versuche, es dir zu erklären. Du alleine bist für deine Moralvorstellungen verantwortlich. Du bist derjenige, der sagt 'bis hierher und nicht weiter', und der auch entscheidet, wann du diese Grenze zwischen 'Gut' und 'Böse' überschreitest. Konntest du mir soweit folgen?"

Chris nickte und blickte dann wieder auf seine Kaffeetasse.

"Du bist dir bewusst, dass du gestern Abend, kurz bevor du gegangen bist, Joe nicht wirklich subtil bedroht hast? Ich meine deinen Kommentar wegen Amy."

"Stimmt, das habe ich. Es war... wie soll ich es ausdrücken... ja, die Retourkutsche für seinen 'einfachen Beobachter'. Ich mag es nicht, wenn man mich für dumm verkauft."

"Damit hast du ihn aber härter rangenommen, als du es in einem deutschen Polizeiverhör darfst."

Woher kennt der die Vorschriften?

Gerade eben noch konnte Chris ein genervtes Aufseufzen verhindern.

"Stimmt, da hast du Recht."

"Gut. Gehe ich recht in der Annahme, dass du damit deine ganz persönliche Grenze ein klein wenig überdehnt hast?"

"Eigentlich schon. Aber das passiert mir hin und wieder. Normalerweise habe ich dann immer ein sehr schlechtes Gewissen und reiße mich zusammen und die nächsten Monate bleibe ich hinter der Linie."

Bei diesem Seelenstriptease fühlte Chris sich sehr unwohl. Aber was für eine andere Möglichkeit hatte er? Zumal er immer noch nicht wusste, was Adam von ihm wollte. Das war ihm einfach ein Rätsel. Doch er hatte das ungute Gefühl, dass Adam damit ein Ziel verfolgte. Und er würde nur davon erzählen, wenn Chris mitspielte.

"Hast du schon einmal deine persönliche Grenze verschoben? Gibt es Punkte, die du nicht mehr so... 'eng' siehst wie noch vor einigen Jahren?"

"Wer macht das nicht? Am Anfang meiner Polizeikarriere da hatte ich wirklich hohe Moralvorstellungen. Damals war ich ein Idealist, der an das Gute im Menschen glaubte und mit seinem Job die Welt verändern wollte. Und inzwischen würde ich mich als Realisten bezeichnen. Der härter durchgreift, weil er weiß, dass er bestimmte Sachen einfach nicht ändern kann. Genauer kann ich es nicht beschreiben. Und ich weiß auch nicht, ob es das ist, was du wissen wolltest. Kommt darauf an, worauf du hinaus willst."

Adam antwortete nicht sofort. Er trank seinen inzwischen wohl kalten Kaffee und hielt Chris anschließend auffordernd seine Tasse hin. Dieser stand auf und füllte nach. Erst als Chris wieder saß, redete Adam.

"Überleg mal, wie sich deine Ansichten in den letzten zwanzig Jahren verändert haben. Aber du bist kein normaler Mensch mehr. Du bist unsterblich. Was denkst du, wie deine Grenzen in zweihundert oder in fünfhundert Jahren aussehen? Es geht mir nicht wirklich um Ausnahmesituationen, wie die Entführung einer wichtigen Bezugsperson und wenn du dich anschließend rächen willst, sondern wie deine alltägliche Einstellung zu 'Gut' und 'Böse' aussieht. Du musst eben akzeptieren, dass du für Personen, die dir wichtig sind, notfalls über Leichen gehen kannst, aber in zweihundert Jahren gehst du vielleicht ohne jeden Grund über Leichen. Einfach weil du es kannst."

Und jetzt endlich verstand Chris, was Adam wollte. Es würde nichts bringen, Adams Spekulationen abzustreiten, denn sie waren noch nicht mal so unwahrscheinlich. Und das war das Erschreckendste. Er hatte ja selbst gemerkt, wie er sich in den letzten Monaten verändert hatte. Dass er inzwischen bereit war, andere Unsterbliche zu töten, nur um selbst zu überleben.

Ich will es nicht und werde doch zum Monster.

Aber das konnte doch nicht alles sein, was Adam wollte. Das passte nicht zu ihm.

"Warum machst du mich darauf aufmerksam? Was willst du?"

"Ich will nichts von dir. Ich dachte nur, dass es an der Zeit ist, dass du dir dessen bewusst bist. Denn jetzt kannst du daran arbeiten, dass du dir über deine Grenzen klar bist und sie einhältst."

"Aber warum sagst ausgerechnet du es mir? Du bist doch derjenige, der immer so tut, als ob er das Böse für sich gepachtet hat."

Entgegen Chris' Erwartungen blieb Adam ernst.

"Ich bin dein Lehrer. Auch wenn du vielleicht einen anderen Eindruck hast, nehme ich diesen Job doch sehr ernst. Und ich wünsche mir, dass es bei mir eine Person gegeben hätte, die mich früher einmal darauf aufmerksam gemacht hätte."

Und da war wieder einmal Chris' übliches Problem mit Adam. Wenn er jetzt nachhaken würde, dann würde er wieder einen Anschiss von Adam bekommen. Aber würde er nicht fragen, würde er monatelang darüber grübeln. Aber er fand eine Formulierung, mit der er das Problem umschiffen konnte.

"Hätte es denn etwas geändert? Und bereust du wirklich, was du früher gemacht hast? Du wirkst nicht so."

Zum ersten Mal, seit sie dieses seltsame Gespräch begonnen hatten, umspielte ein Grinsen Adams Lippen.

"Deine Formulierungen werden ja richtig, hmm, ja... diplomatisch. So gefällt es mir. Du lernst."

Hab' ich denn eine andere Chance? Gott, was bist du für ein arroganter Arsch.

Aber Chris beherrschte sich. Er war einfach nicht in der Stimmung für einen Streit. Das eben Gehörte beschäftigte ihn viel zu sehr.

"Ich kann ja behaupten, dass du ein guter Lehrer bist. Aber bis ich unliebsame Antworten so elegant umschiffen kann wie du, muss ich noch viel lernen."

"Gut, mit diesem Spruch hast du dir die Antwort verdient."

Doch entgegen seiner Zusage ließ Adam ihn zappeln. Er starrte einen Augenblick in seinen Becher und Chris hatte den Eindruck, dass er sich an längst vergangene Ereignisse erinnern wollte.

"Es ist nicht so, dass ich meine Vergangenheit bereue. Ich habe damals jeden Augenblick intensiv gelebt. Nie war ich so lebendig wie damals. Weißt du, ich hatte die Macht, die absolute Macht, aber wenn du zehntausend Menschen ohne irgendwelche Schuldgefühle getötet hast, dann ist es irgendwie... du wirst es nicht glauben, aber es langweilt. Es gibt nichts Neues mehr. Und dann, dann habe ich gemerkt, dass ich anfing, andere Prioritäten zu setzen. Diese Macht, alles zu tun, was immer ich wollte, ohne Rücksicht zu nehmen, war nicht mehr wichtig."

Adam stockte, stand auf und ging ans Fenster. Chris sah nur noch seinen Rücken. Wagte aber nicht, eine Zwischenfrage zu stellen. Aus Sorge, dass Adam dann wieder sämtliche Rollos runterfahren und blocken würde.

Eine Minute später drehte Adam sich wieder um und Chris wurde von seinem Gesicht eingefangen. Es war nicht mehr die kühle und fast schon emotionslose Maske, die er kannte. Nein, dieser Gesichtsausdruck war... Chris fand nur ein Wort, das diesen Ausdruck auch nur annähernd beschreiben konnte. Er war wild. Wild und ungezügelt. Und auch wenn Chris es nie gedacht hatte. Adam wirkte gefährlicher als jemals zuvor.

Ist das der wahre Adam? Gott, den will ich gar nicht kennen.

Und eine Sekunde später war es weg. Adam hatte wieder seine übliche Maske aufgesetzt, ging zum Küchentisch, setzte sich hin, nahm die Kaffeetasse und sprach weiter.

"Ich konnte zwar vorher schon lesen, aber zu diesem Zeitpunkt entdeckte ich die Faszination von Büchern. Ich habe Dante, Plato und so viele andere kennen und schätzen gelernt. Und auf einmal kapierte ich, dass es so etwas wie Moral und Wertvorstellungen gab. Und dass es Unrecht ist, Menschen zu töten, nur weil ich gerade Lust darauf hatte. Du hast es zwar als Scherz bezeichnet, aber der Ausdruck 'Geißel der Menschheit' passt. Und heute wünsche ich mir, dass ich auch einen Lehrer gehabt hätte, der mir das gesagt hätte, was ich dir heute gesagt habe. Reicht dir das?"

"Eine Frage hab ich noch. Wie kommst du heute mit diesem Teil deiner eigenen Geschichte klar? Es gibt da den Spruch, dass einen die Vergangenheit immer einholt."

Das Lachen von Adam war kalt und humorlos und die ersten Nackenhaare richteten sich bei Chris auf.

"Gott, bist du hartnäckig. Gibt man dir den kleinen Finger, dann nimmst du den ganzen Mann."

Das ist Eddies Spruch, nicht deiner!

"Dich will ich nicht ganz. Ganz sicher nicht. Doch wenn du mir schon so viel zum Verdauen gibst, dann interessiert mich, wie du mit deiner Vergangenheit, vor der du mich ja warnst, klarkommst."

Statt Chris irgendwie fertig zu machen, schaute Adam auf seine Tasse. Dann blickte er wieder hoch.

"Im Gegensatz zu dir hatte ich kein Gewissen, als ich zu dem - wie nennst du es, ach ja Monster - wurde. Und ich kann im Gegensatz zu den Leuten, die glauben, über meine Vergangenheit Bescheid zu wissen, sehr gut damit klarkommen. Es gibt manchmal Jahre, in denen ich überhaupt nicht mehr daran denke. Doch dann, dann wache ich irgendwann mitten in der Nacht schreiend aus einem Albtraum auf...Du brauchst gar nicht erst zu raten, wovon ich geträumt habe... Diese seltenen Momente reichen mir voll und ganz. Aber jetzt noch eine Frage. Kommst du mit meiner Vergangenheit klar?"

Muss er mir solche Fragen stellen?

Es war ja nicht so, dass Adam gerade etwas erzählt hatte, was Chris nicht schon längst vermutet hatte. Aber zwischen vermuten und sicher wissen war immer noch ein Unterschied.

Chris wusste keine Antwort. Denn der Mann, der vor ihm saß, hatte sich ja nicht wirklich verändert. Er war immer noch das zynische Arschloch, das ihm jedes Wochenende das Leben zu Hölle machte. Und doch sah er ihn mit anderen Augen.

Aber was hat er eigentlich über sich erzählt? Ich weiß im Endeffekt keinen Deut mehr über ihn. Nur frage ich mich immer mehr, wie alt er wirklich ist.

Doch Adam wollte jetzt etwas hören. Und Chris hatte keine Antwort. Er entschied sich, ehrlich zu sein.

"Ich weiß es nicht. Tut mir leid, Adam, aber ich weiß es wirklich nicht. Du erzählst mir, dass du mal ein Massenmörder warst, es nicht wirklich bereust, aber dann wünschst du dir doch, es anders gemacht zu haben. Dabei kenne ich noch nicht mal irgendwelche Zusammenhänge. Was soll ich jetzt denken?"

Chris zuckte mit den Schultern. Im Moment wusste er wirklich nicht weiter. Er blickte Adam an, konnte aber nicht erkennen, was dieser dachte.

"Die Zusammenhänge sind unwichtig. Es ist ja nicht nur so, dass ich damals anders war. Es waren ganz andere Zeiten und bis vor zweihundert Jahren war ein Menschenleben nicht wirklich etwas wert. Natürlich dachten die Adeligen über sich selbst anders. Wenn sich die Welt so weiter entwickelt, wie ich befürchte, dann werden wir in spätestens einhundert Jahren wieder ähnliche Zustände haben. Dann wird Anarchie und Chaos herrschen. Aber ich werde nie wieder so werden, wie ich damals war."

Chris hatte das dumpfe Gefühl, dass sein Lehrer mit seiner Vision von der Zukunft recht haben könnte, schob den Gedanken aber schnell wieder zur Seite, da er sich anderweitig konzentrieren musste.

"Adam, gib mir etwas Zeit zu verdauen, was du mir heute vor den Bug geknallt hast. Es ist einfach zu viel und ich habe das Gefühl, dass mir der Kopf platzt."

Der Blick, mit dem ihn Adam jetzt musterte, gab Chris das Gefühl, nackt und hilflos zu sein. Doch dann nickte Adam.

"Was hältst du davon, wenn ich dir bis nächsten Samstag Zeit gebe? Ich komme Freitag aus den Staaten zurück und wir treffen uns Samstagabend bei Joe auf 'neutralem Boden'."

Und was wird mit meiner Ausbildung, wenn ich nicht damit klarkomme? Ich habe doch keine andere Wahl, als zu akzeptieren.

Doch Adam schien mal wieder Chris' Gedanken zu lesen.

"Wenn du dir Sorgen wegen des Schwerttrainings machst... An deiner Technik gibt es nicht mehr viel auszusetzen. Es fehlt nur noch der Feinschliff und du musst an deiner Geschwindigkeit arbeiten. Also nichts, wozu du mich noch wirklich brauchst. Es wird halt nur einige Monate länger dauern. Und der Rest... Das kannst du nur in einem wirklichen Kampf auf Leben und Tod und durch jahrhundertelange Erfahrung lernen. Da kann ich dir nicht helfen."

Bevor sich Chris eine Antwort zurechtlegen konnte, stand Adam auf und ging. Die Tür schloss er leise und ließ einen mehr als nur nachdenklichen Chris zurück.

Einige Minuten später stand er auf und räumte die Küche auf. Dann ging er in die Katakomben.

Chris hatte in den letzten Monaten die Erfahrung gemacht, dass das Durcharbeiten der unterschiedlichsten Schlag- und Stichtechniken seinen Kopf frei machte.

Doch heute half es nicht. Nichts konnte Chris von dem ablenken, was Adam ihm gesagt hatte. Immer wieder hörte er Stimmen in seinem Kopf, auch wenn es nur einzelne Worte waren. Es war grausam.

Gut...

Ausfallschritt nach rechts. Angriff. Chris versuchte, seinen imaginären Gegner in die Brust zu treffen. Dann ging er wieder in die Ausgangsposition, wartete ab und machte Abwehrbewegungen, als würde er angegriffen.

Böse... Grenze...

Er griff seinen unsichtbaren Feind hart an, als könne er so die Stimmen vertreiben.

Macht... Unsterblichkeit... Gewissensbisse...

Doch sie waren immer noch da, lauter als vorher. Chris arbeitete sich durch eine Stichkombination mit besonders aufwendiger Beinarbeit.

Grenze... Prioritäten... Heiliger Boden... Monster...

Er hob sein Schwert zur Abwehr.

Schuldgefühle... Leiche... Mord... töten... Vorschriften... Waffen... Macht... Schwerter... köpfen... Gut... Böse... Hemmungen... Schuld... Sühne... Verantwortung... Gut... Böse... Grenze...

"Stopp!"

Chris realisierte, dass er in embryonaler Haltung in einer Ecke kauerte und in den leeren Raum geschrieen hatte. Aber in diesem Moment konnte er nicht anders reagieren. Er hatte das Gefühl, dass sich zu der gehässigen kleinen Stimme, die immer in seinem Kopf herumspukte, noch ein ganzer disharmonischer Chor hinzugesellt hatte.

Gut... Böse... Grenze...

"Hört auf!"

Und dann herrschte Stille. Wohltuende Stille.

Chris wusste nicht, wie lange er in dieser Ecke gehockt und versucht hatte, seine eigenen Dämonen zu bekämpfen. Doch scheinbar war er im Moment der Sieger geblieben.

Fragt sich nur, wie lange.

Das erste, was er wieder ganz bewusst wahrnahm, war ein Klappern. Dann merkte er, dass es seine Zähne waren, die vor Kälte aufeinander schlugen. Obwohl es in dem Gewölbe eher kühl war, seine Kleidung war durchgeschwitzt und verdreckt. Es war aber nicht die äußere Kälte, die Chris zu schaffen machte, dank Adam hatte er damit Erfahrung. Erstmalig fühlte er auch tief in seinem Inneren eine eisige Kälte. Dazu kam, dass er nicht genau wusste, wie lang er schon unten war, aber er befürchtete, dass es zu lange war. Chris versuchte aufzustehen und fiel stöhnend zurück, da seine Beine eingeschlafen waren und einfach die Arbeit verweigerten.

Es dauerte einige Minuten, bis das Blut wieder soweit zirkulierte, dass er aufstehen konnte.

Dann suchte er das Schwert und ging hoch. Als erstes stellte er sich unter die Dusche, um sich wieder aufzuwärmen. Dass er sich dabei sehr gründlich abseifte, war fast schon ein Ritual. Normalerweise bedeutete Aufwärmen in Paris immer, dass er vorher gestorben war. Und getrocknetes Blut abzuwaschen, war weder angenehm noch schön.

Mit dem Badetuch um die Hüften ging er einige Minuten später in sein Schlafzimmer, um sich frische Kleidung zu holen. Die Sachen, die er vorher getragen hatte, waren schmutzig und klamm. Nebenbei angelte er sich aus der Schreibtischschublade seine Notreserve. Neunzigprozentige Leysieffer Schokolade. Kalorienbombe pur und angeblich sollte es ja auch eine Ausschüttung von Glückshormonen bewirken. Obwohl sich Chris in den letzten Monaten dazu zwang, neben Kaffee auch noch andere Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, musste er ständig kämpfen, sein Gewicht zu halten. Durch sein intensives Training verbrannte er mehr Energie als jemals zuvor in seinem Leben und Glücksgefühle brauchte er jetzt ganz dringend.

Nachdem Chris die Schokolade ausgewickelt hatte und das erste Stück im Mund hatte, schaute er zum ersten Mal auf die Uhr. Und erstarrte. Schaute weg und schaute wieder hin. Doch die Anzeige hatte sich nicht verändert. Es war immer noch zehn Uhr abends. Viel später, als er befürchtet hatte.

Wo ist nur die Zeit geblieben?

Chris wusste es nicht und versuchte, den Tag zu rekonstruieren. Adam war am Morgen kurz nach acht aufgetaucht. Sie hatten zusammen gefrühstückt. Das Gespräch, das sie anschließend geführt hatten, war zwar sehr intensiv gewesen, hatte aber bestimmt nicht länger als eine Stunde gedauert. Also war Adam etwa zwei Stunden geblieben. Dann war er in die Katakomben gegangen, um das Gehörte in irgendeiner Art zu verarbeiten. Chris konnte sich aber nur an die erste halbe Stunde seines Trainings erinnern. Und dann, dann waren da nur noch die Stimmen in seinem Kopf gewesen.

Dass ihm die bewusste Erinnerung an den Großteil des Tages fehlte, wollte ihm nicht in den Kopf. Und seinen Flug nach Frankfurt konnte er auch vergessen. Laut Flugplan musste die Maschine seit zehn Minuten in der Luft sein.

Verdammte Scheiße. Ich muss doch morgen wieder arbeiten.

Die Telefonnummer der Flugreservierung der Lufthansa hatte Chris abgespeichert. Denn er hatte in den letzten Monaten mehrfach umgebucht, da sich seine Trainingszeiten nach Adam richteten. Und wenn dieser sonntags nur zwei Stunden mit ihm trainierte, dann hatte Chris einen früheren Flug nach Frankfurt genommen. Auch wenn er sich manchmal fragte, warum er das tat. Schließlich war er in Frankfurt genauso allein wie in Paris.

Selbst wenn er jetzt zum Flughafen fahren würde, es war zu spät für den letzten Flug. Chris konnte nur noch hoffen, dass am Montag der erste Flug nicht ausgebucht war.

Doch er hatte Pech und konnte erst für elf Uhr reservieren.

Engin wird gar nicht glücklich sein.

Deswegen versuchte Chris, Engin zu erreichen, um ihn vorzuwarnen. Doch dessen Handy war ausgeschaltet. Chris hinterließ einen Spruch auf dessen Mobilbox und hoffte, dass Engin sie auch abhören würde.

Sein nächster Weg führte in die Küche, wo er sich etwas zu essen machte. Dabei überlegte er, welche Ausrede er Engin präsentieren konnte, warum er seinen Flug verpasst hatte, und beschloss, keine Erklärung abzugeben.

Er denkt dann sicher, dass ich mich nicht von Amanda trennen konnte oder dass wir nicht aus dem Bett gekommen sind...

Auch wenn das Fleisch in der Pfanne brutzelte, Chris hatte das Gefühl, von der Stille erdrückt zu werden. Die Ruhe war fast schon unheimlich. Selbst die Bässe aus der Kneipe waren heute nicht zu hören. Deswegen schaltete er das Radio ein. Doch zehn Minuten später nervte ihn das Gedudel und er machte es wieder aus. Da war die Stille doch noch angenehmer.

Zwanzig Minuten später war Chris fertig. Das Geschirr war abgeräumt und es war spät genug, um ins Bett zu gehen. Müde war er auch.

Als er im Schlafzimmer das Chaos auf seinem Schreibtisch sah, wurde ihm klar, dass er im Moment versuchte, seine Probleme zu verdrängen. Und er wusste auch, dass das Aufschieben nichts brachte. Sonst würde er irgendwann noch größere Probleme haben.

Wenn die eine Methode nicht funktioniert... dann muss ich es mir halt erarbeiten. Es geht doch nichts über eine gute Polizeiausbildung. Ich schreib jetzt alles auf, was ich weiß, und dann kommt das Ergebnis wie von selbst.

Entschlossen nahm Chris die leeren Bierflaschen, brachte sie in die Küche und kam mit einer Wasserflasche zurück.

Die Notizen über die Beobachter sah er kurz durch und vernichtete sie anschließend. Es reichte, wenn er sein Wissen im Kopf hatte.

Dann saß er vor einem leeren Blatt und wusste nicht weiter. Polizeiausbildung schön und gut, aber wie sollte er anfangen? Was wollte er sich erarbeiten? Auf welche Grundlagen konnte zurückgreifen und was konnte er als Fakten niederschreiben?

Einer Sache war er sich sicher. Er wollte niemals die Seiten wechseln und 'böse' werden. Chris war sich bewusst, dass zwischen Gut und Böse sehr viele Graustufen existierten. Die Frage war nur, wo er seine persönlichen Grenzen setzte.

Bin ich eigentlich noch ein 'Guter'?

Das war Knackpunkt, vielleicht die Grundlage, auf die er aufbauen konnte.

Systematisch schrieb Chris alle Punkte auf, die er an sich als positiv oder negativ bewertete.

Um zwei Uhr morgens und zwei Flaschen später war er damit fertig. Genau so fertig war er auch mit seinen Nerven. Denn noch nie waren ihm die kurzen Momente aufgefallen, in denen er rücksichtslos seinen Kopf durchsetzte, nur auf ein Ziel fixiert. Mochte dieses Ziel noch so leuchtend sein, so ging es nicht weiter. Denn wenn er weiter nach dem Standpunkt 'Der Zweck heiligt viele Mittel' gehen würde, dann würde er über kurz oder lang genau so werden, wie Adam angedroht hatte. Und das wollte Chris nicht. Niemals.

Chris ging in die Küche und schüttete sich frischen Kaffee auf. Schwarz und sehr stark. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch. Und um acht Uhr morgens hatte er drei Kannen geleert, war mit seinen Notizen zwar noch nicht fertig, aber sich sicher, dass er einen guten Anfang geschafft hatte.

Mein ganz persönlicher Leitfaden fürs Weiterleben... und ausarbeiten werde ich es am Laptop.

Auch wenn Chris unsterblich war, seine Hand schmerzte von der übermäßigen Belastung. Er legte den Stift zur Seite und massierte sein Handgelenk. Er streckte und dehnte sich, stand auf, ging unter die Dusche und zog sich frische Klamotten an.

Zwischendurch versuchte er noch, Engin zu erreichen und hatte Glück. Er teilte seinem Partner mit, dass er heute einen Tag Urlaub nehmen müsste, was Engin kommentarlos akzeptierte. Schließlich hatte Chris noch alte Urlaubstage auf seinem Konto und vor zwei Wochen von der Personalabteilung eine Aufforderung bekommen, diese endlich zu nehmen. Als Chris Engin den Brief gezeigt hatte, hatte dieser nur müde gelächelt und seinen Brief mit gleichlautenden Inhalt vorgezeigt. Die Arbeit ließ ihnen einfach keine Zeit, um Urlaub zu machen.

Zwanzig Minuten später war er auf dem Weg zum Flughafen. Hundemüde, aber doch mit dem guten Gefühl, einen weiteren Schritt geschafft zu haben.

Aber ich will nie wieder einen Schritt zu weit gehen.

Doch Chris wusste ganz genau, dass nur der Vorsatz bei ihm nicht ausreichen würde. Er hatte es sich doch schon oft genug vorgenommen und immer wieder damit gebrochen. Harte Arbeit war angesagt, damit er in der Zukunft sein Temperament unter Kontrolle bekam und nicht noch einmal in die Nähe der Grenzen kommen würde.

 

 
Kapitel 20: Erster Kontakt

 

 
24. Dezember 2004, Frankfurt

 

Chris wartete auf Engin. Dieser hatte den Dienstwagen mit nach Hause genommen und versprochen, ihn um sieben abzuholen.

Seit dem letzten denkwürdigen Gespräch mit Adam war Chris nicht mehr zum Training in Paris gewesen. Es lag nicht an Adams Vergangenheit, sondern schlicht und einfach daran, dass Adam immer noch in den Staaten war. Er hatte sich nur einmal bei Chris gemeldet und wissen lassen, dass Amerika kein Land mehr war, in dem er leben wollte, und er jetzt seine Sachen packen und den Umzug nach Europa organisieren müsste. Adam hatte durchblicken lassen, dass es bis Ende Januar dauern würde und dass sie anschließend wieder trainieren könnten, falls Chris es noch wollte.

Es hatte ihm einige schlaflose Nächte bereitet. Doch inzwischen hatte sich Chris durchgerungen. Egal, was Adam in seiner Vergangenheit verbrochen hatte, er würde weiter mit ihm arbeiten. Auch wenn er immer noch ein Arschloch war, Chris glaubte nicht daran, dass Adam heutzutage einen anderen Menschen einfach so ermorden würde. Dass Adam völlig andere moralische Grundsätze hatte, war da ein ganz anderes Thema.

Seit seinem letzten Aufenthalt in Paris hatte Chris einige Nächte durchgearbeitet. Grund war der 'Leitfaden für junge Unsterbliche' - wie Chris seine Ausarbeitung nannte - gewesen. Das Teil war inzwischen fertig und einige Dutzend Seiten stark. Es beinhaltete Chris' persönliche Moralvorstellungen und die Grenzen, die er nicht überschreiten durfte. Besonderes letzteres auszuformulieren war gar nicht so einfach gewesen, da Chris einige Dinge, die er bisher als 'Grauzonen' behandelt hatte, neu definieren musste.

Chris bemühte sich, nach diesem Leitfaden zu leben. Bisher hatte er es auch geschafft. Auch wenn er dadurch auf seine Mitmenschen ruhiger, gelassener und kälter wirkte.

Als hätte ich eine Maske übergezogen.

Eine Maske wie sie auch Amanda und Adam zu tragen schienen.

Fragt sich nur, ob Eddie mich jetzt noch lieben könnte.

Aber Chris weigerte sich, weiter darüber nachzudenken. Das würde kommen, wenn er seinen ersten Kampf überstanden hatte. Er wollte einen Schritt nach dem anderen angehen und nicht alles auf einmal erreichen.

Engin hatte aus Chris' verändertem Verhalten und der Tatsache, dass er nicht mehr nach Paris flog, kombiniert, dass er sich von Amanda getrennt hatte. Chris sah keinen Grund, ihn etwas anderes glauben zu lassen. Er war nur froh, dass Mike es noch nicht erfahren hatte, sonst würde dieser ihm auf der Pelle hängen.

Außer Arbeit und Fitnesscenter unternahm Chris nicht viel und als Engin das spitzkriegte, bekam Chris ständig Einladungen von seinem Partner, mit ihm am Wochenende etwas Zeit zu verbringen. Chris lehnte aber immer ab.

Denn Engin war wohl weniger derjenige, von dem die Einladungen ausgingen. Er hatte sich damit abgefunden, dass Chris aus irgendwelchen nicht verständlichen Gründen seine Freizeit allein verbrachte. Nur eine Ausnahme hatte Chris gemacht: Zu Engins Geburtstag hatte er kein Buffet gezaubert, sondern ein romantisches Viergänge-Menü für Engin und seine neue Freundin gekocht. Aus der Schwimmbadbekanntschaft hatte sich eine feste Beziehung entwickelt und Chris mochte Sabine.

Aber irgendwie schien sie der Meinung zu sein, dass er Trost und Freunde brauchte, weil er gerade solo war. Chris hatte den Eindruck, dass er nicht nur ständig zu irgendwelchen Sachen von ihr eingeladen wurde, nein, er hatte den Verdacht, dass sie auch noch sämtliche Freundinnen nacheinander einladen würde, sollte er zusagen. Er wollte weder seine Freunde in Gefahr bringen, noch sich selbst so einen 'Heiratsmarkt' antun. Deswegen sagte er immer ab.

Als ob ich nicht genug zu tun hätte.

Im Fall Bechthold hatte es doch noch einige Erfolge gegeben.

'Schuld' daran war eine eifrige Sozialarbeiterin. Es war eigentlich Zufall, dass sie bei den Ermittlungen half. Und wie sie es herausfand, wusste keiner und sie weigerte sich auch, ihre Quellen zu nennen.

Jedenfalls konfrontierte diese Frau Bernhard Neuendorf mit der Tatsache, dass er Inhaber eines Obst- und Gemüseimportes wäre und dass dieses Unternehmen sogar Gewinn machte. Und da Sozialhilfeempfänger keine Firmen besitzen, strich sie Bernhards Unterstützung.

Bernhards erster Anruf galt Chris und der ließ Engin auf diese dubiose Sache los. Einige Stunden später wussten sie Bescheid und Chris fuhr nach Feierabend zu Bernhard und teilte ihm persönlich mit, dass er wirklich Inhaber dieser Firma war. Und dass Bechthold höchstwahrscheinlich hinter dieser Sache steckte. Dass dies auch Bechtholds nicht nachlassendes Interesse an Bernhard erklären würde, war in diesem Moment allen Beteiligten klar. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten sie noch keine Beweise. Doch einen wirklich Ansatzpunkt, der neue Recherchen zuließ.

Eine Woche später wurde aus der Vermutung, dass Bechthold dahinter steckte, Gewissheit.

Sie wussten jetzt nicht nur, dass die Drogen über den Hamburger Containerterminal kamen, sie hatten auch genügend Beweise.

Die Container, die unter anderem auch mit Drogen beladen waren, wurden von unterschiedlichen Speditionen in Hamburg abgeholt und zu verschiedenen Kühlhäusern nach Mainz gebracht, wo die heiße Ware von Bechtholds Leuten abgeladen wurde. Die Drogen machten mengenmäßig nur den geringsten Teil der Ladung aus und die restliche Ware - tiefgekühltes Obst und Gemüse - wurde in den Kühlhäusern eingelagert und weiterverkauft. Die Drogen wurden sofort an die ortsansässigen Hehler verteilt.

Dass die Wirtschaftsexperten nicht herausbekommen hatten, dass Bechthold Mitinhaber des Obst- und Gemüseimportes war, war für Chris nicht überraschend. Denn das Importgeschäft lief laut Handelsregister ursprünglich auf Bernhards Eltern und nach deren Tod erbte es Bernhard.

Chris ärgerte sich nur, dass er es nicht selber herausgefunden hatte. Aber die Firma hatte ihren offiziellen Sitz in Mainz und dort hatte er nicht recherchiert. Doch Bernhards Eltern waren ziemlich wohlhabend gewesen und hätten ihrem Kind einiges vererben müssen. Er hätte merken müssen, dass etwas nicht stimmte, als er Bernhard in seiner ärmlichen Wohnung antraf und von seinen finanziellen Schwierigkeiten erfuhr.

Bei diesem Erbe gab es allerdings auch einen Haken. Die Eltern hatten ein Testament hinterlassen. Und darin war festgelegt, dass Bechthold Bernhards Vormund war, bis dieser das einundzwanzigste Lebensjahr vollendet hatte. Bis dahin hatte der Junge keinerlei Zugriffsrechte auf die Firma. Und es sah so aus, als ob Bechthold dafür sorgen wollte, dass sich dies auch in Zukunft nicht ändern würde. Bernhard bekam regelmäßig Mails von ihm, die er an Chris weiterleitete. Da der Inhalt ziemlich oberflächlich gestaltet war, konnten die Mails nicht als Beweis verwertet werden. Und einen Scheck zur finanziellen Unterstützung hatte Bechthold Bernhard auch zukommen lassen. Doch diesen hatte Bernhard postwendend zurückgeschickt. Er wollte nichts mehr mit Georg Bechthold zu tun haben, egal, wie ärmlich er leben musste, und trotz der Angst, dass Bechthold ihm auflauern würde.

Diese Angst war begründet. Anfang Dezember hatte Bechthold versucht, Bernhard in seinen Einflussbereich zu zerren. Als Bernhard nach der Arbeit zu seinem Auto wollte, da sah er, dass sich sein Patenonkel auch auf dem Parkplatz aufhielt. Auch wenn dessen Leibwächter nicht zu sehen waren, bekam Bernhard Angst. Deswegen ließ er Auto Auto sein, lief zur Bushaltestelle, die keine hundert Meter entfernt war, und stieg in den dort wartenden Bus. Von unterwegs unterrichtete er Chris, der alles stehen und liegen ließ und Bernhard einige Stationen später aufsammelte.

Danach musste er sich etwas überlegen, damit so etwas nicht noch einmal passieren konnte. Denn der Junge war in diesem Zusammenhang als Zeuge wichtiger denn je. Chris hatte für Bernhard Personenschutz organisiert und im Rahmen des Zeugenschutzprogrammes auch dafür gesorgt, dass er wieder etwas Geld hatte. Aber da sich Bernhard weigerte, seinen Ausbildungsplatz aufzugeben und unterzutauchen, war immer noch ein Risiko vorhanden, über das sich Chris viele Gedanken machte. Aber er hatte keine bessere Lösung gefunden.

Den Ermittlungsergebnissen verdankte Chris, dass er die letzten Wochen auch samstags im Büro war und sämtliche Informationen ordnete. Engin hatte er davon nichts erzählt, da dieser sonst darauf bestanden hätte, auch zu arbeiten. Solange Engin offiziell nichts davon wusste, konnte er sich auch davor drücken. Chris war mit dieser Regelung zufrieden. Denn so brauchte er in dieser Zeit seine Computerkenntnisse nicht zu verheimlichen und konnte ohne Engin wesentlich effektiver arbeiten. Genauso wenig hätte er sein Laptop mitbringen können, das er an ihr internes Netzwerk angeschlossen hatte und auf das er alle wichtigen Daten übertragen hatte.

Nur die Sonntage hielt Chris sich jetzt frei. Die verbrachte er im Fitnesscenter. Aber nicht nur mit Kampfsporttraining. Er nahm auch das Meditationsangebot wahr und besuchte immer sonntags abends einen zweistündigen Kursus, der ihm tatsächlich half, sein Temperament zu zügeln.

 

An einem Sonntag hatte er auch das Mädchen, das er bei seinem ersten Kontakt mit Thomas an der Rezeption stehen gelassen hatte, wiedergetroffen. Sie hieß Manuela und war sehr nett. Als Entschuldigung für das erste Zusammentreffen hatte Chris sie zum Abendessen eingeladen. Sowohl der Abend als auch ihr gemeinsames Erwachen war sehr angenehm. Denn Manuela hatte keine Beziehung erwartet und machte keinen Stress. Wenn sie sich jetzt im Center trafen, dann hatte sie ein echtes Lächeln auf den Lippen, nicht eines, das für Kunden reserviert war.

Mit Thomas Patane hielt er auch Kontakt. Sie trafen sich gelegentlich im Center und einmal die Woche zum 'Schauspielunterricht'. Es war für Chris recht seltsam, dass jemand seine Gestik und Mimik beobachtete und auch noch korrigierte, aber da er laut Thomas Fortschritte machte, wollte er es wagen, Bechthold gegenüber zu treten. Von Angesicht zu Angesicht. Der heutige Tag, Heiligabend, schien ihm ideal.

Auch wenn ich schauspielern muss, um ihn in Sicherheit zu wiegen. Es ist ein Schritt weiter, um wieder zu Eddie zurück zu können.

Der erste von einer ganzen Reihe und am Ende war es doch Eddies Entscheidung, ob er das Risiko eingehen wollte.

Als Gegenleistung brachte Chris Thomas einige Tricks bei, die er von Amanda gelernt hatte. Chris' Leitlinien betrafen nur das Verhalten gegenüber anderen Menschen, aber nicht die Einstellung zu deren Besitztümern.

Amanda hat da auf mich abgefärbt. Auch wenn ich selbst kein Dieb bin.

Das Klingeln an der Haustür riss Chris aus seinen Gedanken. Engin. Überpünktlich.

Okay, jetzt geht es los. The show must go on.

Einmal atmete Chris noch tief ein, dann nahm er seine Jacke - den Staubmantel ließ er besser zu Hause -, verließ seine Wohnung, schloss ab und lief die Treppe runter. Unten lehnte Engin an der Wand und schien alle Zeit der Welt zu haben. Kein Wunder, sie waren fünf Minuten früher zu früh dran.

"Guten Morgen. Hat dich jemand aus dem Bett geschmissen? Du bist doch sonst nicht so pünktlich."

"Sabine musste früher weg, die machen heute ein Weihnachtsfrühstück und dafür muss sie noch was einkaufen."

Auch wenn es noch dunkel war und er nicht wirklich viel erkennen konnte, Chris machte, bevor sie mit dem Dienstwagen starteten, einen Kontrollgang um seinen Audi. Er hatte zwar eine kleine Maglite, aber die brachte nicht viel. Bisher war noch nichts passiert, bei seiner Nachbarschaft ging er lieber auf Nummer sicher.

"Du kannst ja froh sein, dass ihr heute gleiche Schichten habt, dann könnt ihr ja anschließend noch etwas feiern."

"Wir werden uns einen ganz gemütlichen Abend machen. Ich soll dir von Sabine ausrichten, dass du herzlich eingeladen bist, falls dir die Decke auf den Kopf fallen sollte."

"Wenn ich die Konfrontation mit Bechthold hinter mir habe, dann werde ich mich besaufen, das kannst du mir glauben. Das ist dann meine Weihnachtsfeier."

Das Klacken am Dienstwagen zeigte Chris, dass Engin aufgeschlossen hatte. Nach einem kurzen Seitenblick auf seinen Partner öffnete Chris die Beifahrertür und setzte sich. Engin stieg gleichzeitig ein.

"Ich verstehe immer noch nicht, was das Ganze soll. Wenn du schon Bechthold treffen willst, dann hättest du es doch auch ohne Probleme die letzten Tage machen können. Aber wie schon gesagt, eher früher als später schuldest du mir für diese seltsame Tour noch eine Erklärung. Und zwar eine, die ich auch verstehe."

Chris seufzte. Diese Diskussion hatten sie in der letzten Zeit öfters gehabt. Hatte er inzwischen Ruhe vor Mike, jetzt drängte Engin. Und das war noch viel schlimmer als die ständigen Einladungen, die Sabine übermitteln ließ.

"Das Problem ist einfach, dass ich wirklich nicht weiß, wie ich es dir erklären soll. Wie kann ich es auch, wenn-"

"... ich es selber nicht verstehe. Ja, ich weiß, das hast du mir schon oft genug gesagt. Klingt immer noch nicht glaubhafter als all die anderen Male. Versuch's doch mal mit einem anderen Text. Vielleicht glaube ich es dann."

Engin startete den Wagen und rangierte aus der Parklücke, bevor er weitersprach.

"Ich finde es absolut rätselhaft, wie du auf der einen Seite soviel Panik vor Bechthold hast, dass du überhaupt so ein Treffen planen musst, und dann schaffst du es auf der anderen Seite, so absolut unvoreingenommen gegen ihn zu ermitteln. Eigentlich müsstest du doch alles dran setzen, dass er nicht erst nächsten Monat, sondern jetzt und sofort verhaftet wird und du dann in Sicherheit bist. Ich versteh' das nicht."

Ich auch nicht. Aber das kann ich dir nicht sagen und wenn ich dir meinen Leitfaden in die Finger drücke, dann bringst du mich persönlich in die Klapse.

Es war still im Wagen. Chris wusste einfach nicht, was er noch sagen sollte. Nichts war wirklich sinnvoll und logisch.

Es gab nur einen Grund, warum er Bechthold so behandelte, und Chris gefiel dieser Gedanke gar nicht. Aber in den letzten Wochen hatte er sich angewöhnt, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Trotzdem war er nicht wirklich glücklich über seine Motive. Fakt war, dass er Bechthold schonte, weil er ihn als ersten Gegner wollte.

Wenn ich Bechthold besiegen kann, komm' ich auch mit jedem anderen Unsterblichen zurecht und dann kann ich zu Eddie zurück.

Viel Zeit hatte Chris nicht mehr, um sich auf den Kampf vorzubereiten. Ende Januar sollte der Zugriff sein. Und bis dahin hatte er noch so viel zu lernen. Besonders, sich Bechhold in einer Art und Weise zu präsentieren, dass dieser von seinen Fähigkeiten im Schwertkampf vollkommen überrascht werden würde.

Das Treffen in der Kirche diente nur diesem Zweck, aber Chris wusste nicht, wie er Engin dies klar machen sollte. Denn von seiner Unsterblichkeit wollte er seinem Partner nichts erzählen. Nicht, solange es sich irgendwie vermeiden ließ.

Ein Seufzen von Engin brachte Chris wieder in die Gegenwart. Chris blickte ihn an, konnte aber nicht erkennen, was mit seinem Partner los war, da die Lichtverhältnisse im Auto dafür nicht ausreichten.

Dass Engin aber auf eine Antwort wartete, war ihm klar.

"Ich verstehe es auch nicht. Nicht wirklich. Besser gesagt, ich fange gerade an zu verstehen, was das soll, aber es ist alles noch so ungeordnet in meinem Kopf. Bevor ich das nicht sortiert habe, erzähle ich doch nur Unsinn."

"Mehr Unsinn als normal?"

"Jetzt bist du derjenige, der vom Thema ablenkt. Ja, mehr Unsinn als normal, denn ich erzähle keinen Unsinn."

Engins Prusten sagte Chris ganz genau, was dieser davon hielt.

"Klar, ich nehm's beim nächsten Mal auf, wenn du mal wieder meinst, mir am Computer einen vom Pferd zu erzählen... Jetzt aber wieder ernsthaft. Wie hast du dir das Zusammentreffen mit Bechthold im Detail vorgestellt? Irgendeinen Plan musst du ja haben."

Wegen einer roten Ampel musste Engin bremsen. Danach drehte er sich zu Chris und sah ihn an. Dieser Blick brauchte keine Interpretation.

Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen.

"Ich habe keinen Plan."

Auf diese Entgegnung würgte Engin den Wagen ab. Da nicht viel los und auch kein Wagen hinter ihnen war, gab es kein Hupkonzert und Engin startete das Auto neu.

Er fuhr aber nur bis zur nächsten Parklücke, hielt an und drehte sich zu Chris. Dann erst sagte er etwas.

"Sag, dass das nicht wahr ist. Ich kann das einfach nicht glauben."

Mit dieser Reaktion hatte Chris gerechnet, er hatte sich auch schon eine passende Antwort zurecht gelegt.

"Es ist nicht wirklich ein Plan, was ich mir da ausgedacht hab. Fakt ist, dass Bechthold wie jedes Jahr um sechs Uhr abends zur Christmette gehen wird. Vorher wird er sich wahrscheinlich noch mit anderen Kirchgängern unterhalten. Die Zeit werde ich nutzen und vor ihm reingehen. Ich werde mich ziemlich weit nach hinten setzen, aber so, dass er mich sofort sieht, wenn er reinkommt. Ich wette mit dir, dass er sich zu mir setzen wird. Aber seine Bodyguards werden verhindern, dass wir nebeneinander sitzen, so dass er mich nicht ansprechen kann, ohne den Gottesdienst zu stören. Du bleibst auf Abstand und suchst dir einen Platz, wo dich Bechthold nicht sehen kann."

Dass Bechthold Chris spüren würde, noch bevor er die Kirche betrat, verschwieg Chris natürlich.

"Das ist wirklich noch kein Plan und lässt Platz für eine Menge Spekulation. Und wie geht es denn weiter? Was für eine Rolle hast du mir zugedacht?"

"Du bleibst außen vor und beobachtest alles. Ich will nicht, dass du dich einmischst. Denn dann werden auch seine Muskelpakete aktiv und wir werden große Probleme bekommen. Bechthold wird wohl nach der Messe versuchen, mich in ein Gespräch zu verwickeln, das ich abblocken werde. Ich will ihn nur sehen und meine Panik unter Kontrolle bekommen. Deswegen werde ich mich auch mit einem Taxi absetzen und noch einige andere Tricks anwenden, die dafür sorgen, dass seine Bodyguards meine Spur verlieren. In der Zwischenzeit observierst du Bechthold. Ich schätze, dass es dann halb acht sein wird. Die halbe Stunde bis zur Ablösung wirst du hoffentlich ohne mich überstehen. Bechthold darf nicht unbeobachtet sein. Ich rufe dich dann später wieder an, wenn ich die Jungs abgehängt habe."

So, hoffentlich macht Engin mit, ich will ihn nicht in Gefahr bringen.

Engin starrte eine Minute auf das Lenkrad und schien Chris' Vorschlag zu verarbeiten. Dann sah er seinen Partner wieder an.

"Das hört sich soweit ganz gut an, aber warum musst du das ausgerechnet heute machen und warum musst du diese Show abziehen, wenn wir Bechthold observieren? Und warum hast du nicht deinen Wagen in der Nähe der Kirche abgestellt? Das wäre doch viel einfacher."

Ich kann dir nicht sagen, wie wichtig Heiliger Boden ist, damit ich das Treffen hinter mich bringe, ohne dass ich meinen Kopf verliere.

"Was meinst du, was mir Kallenbach erzählt, wenn ich so ganz plötzlich auftauche und mich eventuell mit Bechthold anlege? Und die anderen Jungs werden dann auch stutzig. Nein, das geht nicht."

Auch Engin schien Chris' Meinung zu sein, denn Chris konnte erkennen, wie er den Kopf schüttelte, hinderte ihn aber nicht weiterzureden.

"Und für meine eigene Sicherheit treffe ich Bechthold lieber in einer großen Menschenmenge. Er kann es sich nicht leisten, mir in seiner Gemeinde etwas anzutun, und er weiß zu wenig über mich, um mich weiter verfolgen zu können. Und meinen Wagen nehme ich nicht, weil Bechthold mich anhand des Kennzeichens ausfindig machen kann. Das Risiko gehe ich nicht ein. Reicht dir das?"

"Noch nicht. Hast du keine Angst, dass du mit der Show heute Abend unsere ganze Ermittlung gefährdest? Du bist der leitende Ermittler und Bechthold darf nicht erfahren, wie nah wir dran sind, sonst macht er die Flatter und setzt sich nach Russland oder wohin auch immer ab. Du bewegst dich am Rande der Legalität."

Mit diesen Fragen hatte Chris auch schon gerechnet. Auch wenn Chris es oft behauptete: Engin war alles, nur nicht dumm.

"Du riskierst mit deinen kopierten DVDs auch regelmäßig deinen Job. Lass das bitte außen vor. Wie sollte Bechthold erfahren, dass ich beim Zoll bin? Er kennt mich nicht und ich werde den Teufel tun, damit er irgendetwas über mich heraus bekommt, denn dann könnte ich gleich Selbstmord begehen. Bist du jetzt zufrieden?"

"Rein theoretisch schon, aber eine Frage hab ich noch: Würdest du diese Show auch abziehen, wenn ich nicht in der Nähe wäre, um dir im Notfall Rückendeckung zu geben?"

Eigentlich brauchte Chris keinen Moment zu überlegen, denn die Antwort war klar. Aber Engin wäre nicht wirklich glücklich darüber. Deswegen formulierte Chris es etwas anders. Das würde ihn zwar auch nicht erfreuen, aber es war besser verpackt.

"Ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Keine Ahnung... Ich glaube, ich habe keine andere Wahl, als Bechthold zu treffen, denn sonst kann ich nicht mehr ruhig schlafen. Doch, ich würde es auch ohne dich machen. Nur hätte ich ein verdammt schlechtes Gefühl dabei."

Die Dunkelheit des frühen Morgens wich langsam der Dämmerung und Chris konnte Engins Gesichtszüge zu erkennen. Er sah nicht halb so ernst aus, wie er sich angehört hatte.

"Ich hab' irgendwie mit so einer Antwort gerechnet. Du bist ein unverbesserlicher Sturkopf. Wenn du aber von mir erwartest, dass ich einfach nur zusehe, wenn du irgendwelche Probleme bekommst, dann hast du dich geschnitten. Aber ich bin dabei."

Ich werde dafür sorgen, dass du dich raushältst.

Doch Chris sagte nichts dazu. Ein Grinsen umspielte seine Lippen, als Engin den Wagen startete und losfuhr.

 

Sie fuhren erst ins Präsidium, um ihre Waffen abzuholen, dann holten sie sich noch einen Kaffee und um kurz nach acht lösten sie die Nachtschicht ab. Gegenüber von Bechtholds Haus hatten sie eine Einliegerwohnung im Erdgeschoss gemietet, wo sie einen guten Überblick über das komplette Grundstück hatten, inklusive des überdachten Parkplatzes, der etwas abseits lag.

Wenn Bechthold Anstalten machen würde, das Gelände zu verlassen, dann hatten sie noch genügend Zeit, um zum Auto zu kommen und sich an seine Fersen zu heften. Der Morgen versprach ereignislos zu werden, alle Jalousien waren noch unten und Chris packte sein Buch über die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts aus, das er nebenbei lesen wollte. Auch Engin hatte sich etwas zu lesen mitgebracht und suchte sich einen bequemen Platz.

So vergingen die ersten Stunden in einträchtigem Schweigen. Um zehn Uhr waren immer noch alle Rollläden unten und es schien auch nicht so, als ob sich in der nächsten Zeit etwas tun würde.

Aber Chris hatte fast schon damit gerechnet. Denn in Kallenbachs Bericht vom letzten Jahr stand auch, dass bis kurz vor zwölf Uhr alles ruhig gewesen war. Erst dann wurden die Jalousien hochgezogen und um fünf Uhr hatte damals Bechthold das Haus verlassen, um die Christmette zu besuchen. Vor zwei Jahren hatten Engin und Chris ihn privat beschattet - sehr zu Eddies Verdruss - und Bechthold hatte am vierundzwanzigsten auch nichts anderes getan. Auch Bernhard hatte Chris erzählt, dass er nach dem Tod seiner Eltern am Heiligen Abend mit seinem Onkel in die Christmette gegangen war.

Um kurz nach elf verließ Chris kurz den Raum, um zur Toilette zu gehen. Als er wieder zurückkam, hörte er Engins Stimme. Und da waren plötzlich wieder die Bilder ihres ersten gemeinsamen Einsatzes in seinem Kopf. Wie sein damaliger Partner Esser so besoffen gewesen war, dass er Engin mit seiner Waffe bedrohte, und wie sie es zusammen geschafft hatten, ihn zu überwältigen. Es hatte sie in einer Art und Weise zusammen geschweißt, die Chris nie für möglich gehalten hätte. Neben Eddie war Engin der wichtigste Mensch in seinem Leben. Auch wenn sie in der letzten Zeit einige Differenzen hatten, weil Engin nichts über seine Unsterblichkeit wusste, Chris wollte nicht riskieren, dass sich Engin für ihn in eine Gefahr begab, die dieser gar nicht einschätzen konnte.

Und wenn ich dich persönlich niederschlagen muss. Ich werde dafür sorgen, dass du aus der Schusslinie bleibst.

Kurz darauf hatte Chris seine Emotionen wieder so weit unter Kontrolle, dass er Engin gegenübertreten konnte. Als er ins Zimmer trat, saß sein Partner immer noch dort, wo er ihn vor einigen Minuten verlassen hatte. Er telefonierte und beobachtete das Gebäude.

An Engins Stimme konnte Chris erkennen, dass er Sabine am Apparat hatte.

Ein Blick aus dem Fenster überzeugte Chris, dass die Dienstboten die Jalousien inzwischen hochgezogen hatten, es aber sonst noch ruhig war.

Dann hatte auch Engin sein Gespräch beendet und sah Chris an.

"Weißt du, dass ich eben, als sie die Rollläden hochgezogen hatten, ein DÉjÀ Vue hatte? Ich war kurz davor, in Panik auszubrechen. Und das, obwohl eigentlich gar nichts an die damalige Situation erinnerte."

"Meinst du unseren ersten gemeinsamen Dienst? Als ich gerade zurückkam und deine Stimme hörte, da habe ich auch daran gedacht."

"Und wie eben die Rollläden hochgezogen wurden... Mir fiel ein, dass wir bei den Jaku... Jako... ach verdammt, mir fällt der Name nicht mehr ein. Jedenfalls haben wir damals zum ersten Mal die Rücklichter von Bechtholds Wagen bewundern können."

Im Geist rechnete Chris zurück. Das war im Juni oder Juli 2002 gewesen.

Damals, an jenem verrückten Wochenende. Eddie und ich... Gott, das ist eine Ewigkeit her.

"Das sind fast zweieinhalb Jahre, die wir jetzt zusammenarbeiten. Weißt du, dass mich in den ersten Tagen einige Kollegen zur Seite genommen und mir empfohlen haben, mich von dem Greenhorn fern zu halten?"

Engin schaute Chris an.

"Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mich das überrascht. Aber wir haben denen ja das Gegenteil bewiesen."

"Stimmt, als kurz darauf bekannt wurde, dass ich mit Eddie zusammen war... mein Gott, das waren noch Zeiten. Wir gegen den Rest der Welt. Und ich habe es nicht bereut. Keine einzige Sekunde. Ich möchte keinen anderen Partner haben."

"Bereut habe ich es auch nicht. Aber das letzte halbe Jahr..."

Nicht schon wieder.

Dieser Gedanke schien ihm ins Gesicht geschrieben zu sein, denn Engin reagierte dementsprechend.

"Nein, du brauchst jetzt nichts zu sagen. Ich habe da nur ein kleines Problem. Ich glaube nicht, dass du dir über die ganze Angelegenheit noch nicht so im Klaren bist, dass du mir es nicht erklären kannst."

Chris setzte zu einer Erklärung an, aber Engin ließ ihn gar nicht zu Wort kommen.

"Lass mich jetzt ausreden. Jetzt haben wir noch die Ruhe dazu. Du hast vor einigen Wochen mal angedeutet, dass es für mich schon gefährlich sein kann, nur weil du mir erzählt hast, dass zwischen dir und Bechthold irgendeine Verbindung besteht. Und deswegen benutzt du diese Ausrede, denn du weißt inzwischen ganz genau, was abläuft..."

Engin wandte sich von Chris ab und drehte sich zum Fenster.

"Ich erzähle gerade Schwachsinn. Ich glaube, dass du mir nichts erzählst, weil du mich schützen willst. Wovor ist mir zwar ein Rätsel, aber gut, es muss wohl ziemlich übel sein, sonst hättest du dich in der letzten Zeit nicht so verändert. Du bist ja fast schon eine Kampfmaschine. Wenn ich mich an den kleinen Zwischenfall im Sommer bei der Vernissage erinnere, du hättest mich ohne Probleme töten können. Aber das hat nichts mit dem zu tun, was ich dir sagen wollte."

Es war nicht angenehm für Chris, dass Engin ihm immer noch den Rücken zudrehte. Besonders, wo Engin ihm genau das sagte, was er niemals herausbekommen sollte. Doch sein Partner war noch nicht fertig.

"Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich bin erwachsen und kein kleines Kind mehr. Und ich hasse es, wenn irgendjemand meint, mich zu bevormunden. Und das tust du. Du triffst für mich die Entscheidung, mich aus dieser Gefahr mit allen Mitteln raushalten zu wollen."

Nach diesen Worten drehte sich Engin um und maß Chris mit einem durchdringenden Blick. Chris fühlte sich gar nicht wohl und es wurde noch schlimmer, als Engin fortfuhr.

"Ob du es glaubst oder nicht, du hast mich bei unserem ersten gemeinsamen Dienst mehr beeindruckt, als ich es jemals zugeben wollte. Du hast einfach so, ohne groß nachzudenken, dein Leben für mich riskiert. Verdammt! Und jetzt verlangst du, dass ich neben dir stehe und zusehe, wie du dich in Lebensgefahr bringst. Schlimmer noch, du verlangst, dass ich mich raushalte. Da mach ich nicht mit. Akzeptiere es. Du hast keine andere Wahl. Egal wogegen du auch kämpfst, ich stehe an deiner Seite und gehe auch nicht weg. Denn wenn du es nicht akzeptierst, dann werde ich versuchen, dir zu helfen und draufgehen, weil du mir entscheidende Informationen vorenthalten hast. Willst du das?"

Ein Albtraum wurde für Chris wahr. Auf der einen Seite war er froh, dass Engin ihm immer noch so weit vertraute, dass er ohne Wenn und Aber zu ihm hielt. Doch dann war da noch das Risiko, Engin zu verlieren. Der Kampf zwischen zwei Unsterblichen war eine ganz andere Liga.

Nicht deine Liga, Engin.

"Glaubst du, mir fällt es leicht? Aber ich kann meinen Kampf einfacher kämpfen, wenn ich weiß, dass du in Sicherheit bist. Es geht nicht darum, dass ich dir das nicht zutraue, sondern dass ich ein Problem habe, wenn ich weiß, dass dir etwas passieren kann."

"Hat man dir schon mal gesagt, dass du ein elender Sturkopf bist? Du brauchst dir darum keine Gedanken zu machen, ich kenne zwar nicht den Einsatz, um den ihr spielt, aber ich bin dein Partner. Auch wenn es bei uns kein 'Bis das der Tod uns scheidet' gibt, du wirst mich nicht so schnell los. Ich bin zäher als du denkst."

Sicher, aber Bechthold und ich haben mehr als sieben Leben.

Inzwischen kannte Chris seinen Partner gut genug, um zu wissen, dass Engin im Moment nicht bereit war, seine Meinung zu ändern. Deswegen gab Chris nach und bemühte sich um Schadensbegrenzung.

"Du lässt mir keine andere Wahl?"

"Stimmt. Und wie sehen jetzt deine Pläne aus?"

Engins Blick war irgendwie sanfter geworden. Er drehte sich aber um und schien zu beobachten, ob sich bei Bechthold etwas tat. Chris ging einen Schritt nach vorne und stand jetzt neben Engin. Drüben war alles ruhig.

Engin wartet auf eine Antwort... aber was soll ich ihm sagen?

Besser gesagt, wie konnte er Engin überzeugen, dass er ihn mit ins Boot nahm, ihn aber immer noch auf Abstand hielt? Einfach war es nicht.

Plötzlich sprang eine rotgetigerte Katze auf das Fensterbrett. Chris konnte sich so gerade eben davon abhalten, seine Waffe zu zücken, so sehr hatte ihn das Tier überrascht. Ein Blick zu Engin überzeugte Chris, dass dieser sich genauso erschrocken hatte. Doch die Katze schien nicht zu ahnen, in welcher Gefahr sie sich eben befunden hatte, denn sie stolzierte auf der Fensterbank und schaute durch die Scheibe in den Raum.

Gott, das Vieh mustert uns, als ob wir in einem Käfig sitzen würden.

Doch bevor Chris etwas sagen oder machen konnte, sprang das Tier mit einem eleganten Satz herab und war in den Büschen verschwunden.

"Ich warte noch auf eine Antwort."

Engins drängende Stimme holte ihn wieder in die Realität.

Es ist doch nur noch ein Monat... Entweder habe ich Bechthold besiegt oder ich bin tot. Warum konnte er nicht warten?

Chris beschloss, dass er es versuchen würde. Mit etwas Glück würde er den Köder schlucken.

"Wenn wir den Fall Bechthold abgeschlossen haben, dann lade ich dich zum Essen ein und sag dir alles. Lass mir den Monat, bitte, ich will nicht nur dein Vertrauen, sondern auch deine Geduld... und die Zusage, dass du in den nächsten vier Wochen nichts Unüberlegtes tust. Ich brauche noch etwas Zeit."

"Du wirst mir dann all meine Fragen beantworten? Ohne Wenn und Aber oder irgendwelche vagen Ausreden?"

Gut, er hat angebissen, jetzt muss er nur noch schlucken.

Entweder überlebte Chris den Kampf mit Bechthold und zählte dann nicht mehr zu den Anfängern, die einfach so von einem Kopfjäger getötet werden konnten, und war wirklich in der Lage, seine Freunde zu schützen, oder er verlor. Dann konnte er keine Antworten mehr geben. Aber er weigerte sich, überhaupt an eine Niederlage zu denken.

Und wenn ich Eddie einweihe, ist es nur mehr als fair, dass Engin es auch erfährt.

"Ja, das werde ich."

"Beantworte mir jetzt noch eine Frage offen und ehrlich und dann wirst du deine Ruhe haben."

Da ist ein Haken bei. Ich kenne Engin gut genug, um das zu wissen.

Engin schien zu ahnen, warum Chris zögerte und nicht einfach so zusagte.

"Ich werde keine Frage stellen, die sich um Bechthold oder um dein Geheimnis dreht. Es ist eher etwas Privates."

Jetzt wurde Chris neugierig.

"Gut, dann rück raus."

Das Grinsen auf Engins Gesicht erzeugte bei Chris Magenschmerzen. Engin hatte ihn. Aber er wusste noch nicht, was sein Partner wollte. Doch die Frage kam wie aus der Pistole geschossen.

"Warum hast du damals mit Eddie Schluss gemacht?"

Verdammt! Dieser Scheißkerl hat mich reingelegt! Chris, beruhige dich, so kommst du nicht weiter.

Er schloss die Augen, versuchte, sein Temperament unter Kontrolle zu bekommen. Dank der Meditationsübungen aus dem Center gelang es auch.

Dann sah er Engin an, der diesem Blick mit einem süffisanten Grinsen begegnete.

"Du hast mich reingelegt!"

"Nein, aber ich frage mich schon eine ganze Weile, ob du die Beziehung beendet hast, weil du das Gefühl hattest, für ihn eine Gefahr zu sein."

Chris gab sich geschlagen.

"Ja, du hast Recht. Ich habe damals einen Grund gesucht, um mich von Eddie zu trennen, weil ich Angst hatte, dass man Eddie meinetwegen etwas antut. Ich hätte mit diesem Gedanken nicht leben können. Ehrlich gesagt, liebe ich ihn immer noch, aber mir ist wichtiger, dass er glücklich und nicht in Gefahr ist."

Dass ich daran arbeite, ihn zurück zu bekommen, werde ich dir aber nicht erzählen.

Doch Engin gab sich mit dieser Antwort nicht zufrieden. Er versuchte, weiter zu bohren.

"Und was ist mit Amanda?"

"Du hattest nur eine Frage frei, keine zwei. Vergiss es, darauf geb' ich dir keine Antwort. Und wenn wir noch etwas essen wollen, bevor Bechthold zur Kirche fährt, dann sollte ich mich langsam in die Küche bewegen und mit dem Kochen anfangen."

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Chris mittags kochen würde, wenn die Observation ihnen die Zeit und die Ruhe ließ, und die letzten zwei Tage hatte er einige Zeit in der Küche verbracht. Mit Ergebnissen, die Engin sehr geschmeckt hatten. Der einzige Nachteil war nur, dass sie sich nicht an den Esstisch setzen konnten, weil sie sonst Bechtholds Haus nicht mehr im Blick hatten. So hatten sie es sich an ihrem Fenster recht gemütlich eingerichtet und auch für einen Beistelltisch gesorgt.

Engin sah ein, dass er heute wohl nicht weiter kam, denn er ging nur auf das Essen ein.

"Na dann... an den Herd mit dir, Küchensklave."

Chris versetzte ihm einen Klaps auf die Schulter, Engin schüttelte sich nur und scheuchte ihn grinsend zur Tür. Erleichtert, das schwierige Thema überstanden zu haben, wehrte er sich nicht weiter.

Während Chris die Möhren putzte und das Essen vorbereitete, dachte er über das soeben geführte Gespräch nach und entschied, dass er richtig gehandelt hatte. Obwohl er bezweifelte, dass Engin überhaupt ahnte, was er erfahren würde, und dass er es so einfach würde verarbeiten können.

Das ist Engins Problem, nicht meins.

Eine halbe Stunde später war das Essen fertig und als Engin und Chris es zusammen verzehrten, wählten sie bewusst ungefährliche Gesprächsthemen. Keiner wollte diesen Frieden gefährden. Für den Rest des Nachmittags waren beide bemüht, die kommenden Stunden nicht weiter anzusprechen.

Auch bei Bechthold blieb es recht ruhig. Zwar fuhren kurz vor Mittag einige der Bediensteten weg und kamen eine Stunde später mit vollen Einkaufstaschen zurück. Aber Bechthold blieb den ganzen Tag zu Hause.

Als Bechthold um kurz vor fünf Anstalten machte, das Haus zu verlassen, zogen auch Chris und Engin ihre Jacken an.

Sie wussten, dass Bechthold zur Bartholomäuskirche in Zeilsheim fahren würde. Es war ja nicht so, dass er nur Weihnachten die Messe besuchte, mindestens zweimal im Monat ging Bechthold sonntags in die Kirche.

Wieso er als russisch-orthodoxer Christ einen katholischen Gottesdienst in einer entfernten Gemeinde aufsuchte, war Chris ein Rätsel. Im Rahmen ihrer Ermittlungen hatte er versucht, herauszufinden, ob es etwas mit dem Drogenhandel oder anderen illegalen Machenschaften zu tun hatte, und privat hatte Chris nachgeprüft, ob der Priester vielleicht unsterblich war - ständiges Leben auf heiligen Boden war ein nicht zu unterschätzendes Argument dafür. Aber beide Vermutungen trafen nicht zu.

Wie Chris es schon fast erwartet hatte, ließ sich Bechthold heute von einem seiner Leibwächter chauffieren. Der andere, er fiel durch seine flammend roten Haare auf, nahm auf dem Beifahrersitz Platz und Bechthold setzte sich nach hinten.

Die Herrschaft geruht, sich dem Volk zu zeigen.

Ganz stimmte es nicht, denn sie nahmen den schweren Mercedes, der auch noch gepanzert war, und die Scheiben waren verspiegelt. Chris fragte sich, wozu Bechthold so ein Geschütz überhaupt brauchte, hakte es aber unter 'Prestigeobjekt' ab. Es dauerte aber einige Minuten, bis der Leibwächter losfuhr, und so mussten sich Engin und Chris in Geduld üben. Als es dann endlich losging, folgten sie in größerem Abstand. Da Chris früher aussteigen wollte, war er der Beifahrer.

Sie brauchten etwa zwanzig Minuten, bis sie in Zeilsheim waren. Währenddessen herrschte in ihrem Auto gespanntes Schweigen. Chris hoffte nur, dass alles so lief, wie er es sich vorstellte, denn sonst gefährdete er nicht nur sich, sondern auch Engin.

Direkt an der Kirche hatte Engin allerdings ein ganz anderes Problem. Bechtholds Wagen fuhr ein ganzes Stück vor ihm in die allerletzte Parklücke. Ansonsten war die ganze Straße bereits zugeparkt.

"So ein verfluchter Mist!", fluchte er vor sich hin. "Und was machen wir jetzt?"

Die Erleichterung bei Chris war groß. Er hatte nicht zu hoffen gewagt, dass diese Situation eintreten würde.

"Ich steige aus und du bleibst beim Wagen und achtest darauf, dass er nicht zugeparkt wird. Denn wenn Bechthold nach der Messe los will und du könntest nicht folgen, dann wäre das sehr übel."

"Ich bin kein Anfänger, Chris. Ich weiß, dass ich den Wagen nicht einfach so hier abstellen kann. Ich habe nur das dumme Gefühl, dass du wusstest, wie viel hier los ist und dass du mich deswegen reingelegt hast."

Erwischt.

In den letzten Tagen hatte Chris sich gewünscht, Engin ganz elegant raushalten zu können. Dass Gott so auf seine Bitte reagierte, hatte er aber nicht gedacht.

"In den Berichten der letzten Wochen stand nicht drin, dass es irgendwelche Parkplatzprobleme gibt. Wie hätte ich es ahnen können?"

"Du bist hier der Christ, du musst wissen, wie viele Menschen bei euren Feiertagen in die Kirche gehen, nicht ich!"

"Träum weiter! Das letzte Mal hab ich eine Kirche von innen gesehen, als Klaus und Mike geheiratet haben. Und davor... keine Ahnung, das ist wirklich schon ewig her."

"Aber diese Situation kommt dir sehr gelegen. So bin ich nicht im Weg!"

Chris hatte sich inzwischen schon losgeschnallt und wollte eigentlich los, damit er vor Bechthold in die Kirche kam, denn dieser war bereits ausgestiegen und unterhielt sich noch mit anderen Kirchenbesuchern. Aber das konnte er nicht unkommentiert lassen. So drehte er sich zu seinem Partner.

"Ja, ich bin irgendwie froh drüber. Aber nicht, weil du mir im Weg bist, sondern weil du dadurch nicht in Gefahr bist. Kapier bitte, dass diese Situation nichts mit unserem üblichen Räuber- und Gendarmspiel zu tun hat, sondern etwas ganz anderes ist. Und bevor du fragst: Ende Januar erfährst du alles von mir. Und jetzt muss ich los, sonst geht Bechthold noch vor mir rein."

"Das ist nicht fair."

Engin wirkte auf Chris diesem Moment wie ein schmollender kleiner Junge und deswegen ging er auch nicht länger auf ihn ein.

"Das war ich noch nie. Ich melde mich, wenn ich seine Gorillas abgehängt habe. Bis später."

Damit wandte Chris sich ab, stieg aus und ging zur Kirche. Er ging durch einen Seiteneingang in das Gebäude und wäre im ersten Moment fast zurückgeprallt. Dafür, dass die Messe erst in einer halben Stunde begann, war es schon sehr voll. Noch voller, als die Parkplatzsituation ahnen ließ.

Chris musste suchen, um im hinteren Bereich noch eine Reihe zu finden, wo nicht nur für ihn, sondern auch noch für Bechthold und seine Leibwache Platz war. Er hatte sich gerade neben eine kleine alte Frau mit strengem Gesichtsausdruck und weißen Haaren gesetzt, als ihm das Dröhnen in seinem Kopf anzeigte, dass auch Bechthold die Kirche betreten hatte. Er hob seine Hand und fing an, die schmerzende Stirn zu massieren. Nach wenigen Sekunden hörte er damit auf und senkte seinen Arm. Eine halbe Minute später wiederholte er die Geste. Dabei achtete er darauf, sich weder umzudrehen, noch zur Seite zu schauen. Wichtig war, dass Bechthold die Gesten mitbekam und dass diese möglichst unbefangen wirkten. Chris hatte die Hand noch an seiner Stirn, als er von der Seite angestupst wurde. Er nahm den Arm runter und schaute zur Seite. Wie erwartet stand dort Bechthold mit seinen Leibwächtern. Einer der Gorillas stand zwar zwischen ihnen, aber das schien Bechhold nicht zu stören. Er hob seine Stimme, damit auch Chris ihn verstehen konnte.

"Was wollen Sie denn hier?"

Mit so einer Frage hatte Chris gerechnet, mimte aber den Überraschten. Da sie ja schon mehrfach aufeinander getroffen waren, konnte er aber schlecht vorgeben, ihn nicht zu kennen.

"Ich besuche die Messe. Es ist Weihnachten. Und ein Bier kann ich mir schlecht bestellen. Aber ich könnte Sie Ähnliches fragen, Herr... wie-auch-immer."

Er antwortete genauso laut, was ihm ein Räuspern und ein Stirnrunzeln seiner Nachbarin einbrachte.

"Bechthold. Eigentlich müssten Sie das wissen, denn Ihr werter Kollege hatte sich damals sogar meinen Namen notiert. Ich wette, dass er die Unterlagen bestimmt noch irgendwo hat. Und wie heißen Sie?"

"Nun seien Sie ruhig. Wir sind hier in einer Kirche und nicht auf dem Jahrmarkt."

Danke Oma, ich habe gehofft, dass du so etwas sagst.

Normalerweise regte sich Chris über so engstirnige Leute auf, aber heute war er dem alten Mütterchen dankbar. Denn so lange es ging, wollte er Bechthold seinen Namen nicht verraten, aber um sich an Thomas' Rat zu halten, wollte er ihn auch nicht anlügen.

Er warf ihr einen entschuldigenden Blick zu und zuckte Bechthold gegenüber mit den Schultern.

Thomas hatte Chris immer wieder eingeimpft, Bechthold so weit wie möglich zu ignorieren und die Kopfschmerzen öffentlich zu zeigen. Denn jeder Unsterbliche, der nur einen Hauch von Intelligenz hatte, würde Bechthold nicht aus den Augen lassen und den Teufel tun sich seine Kopfschmerzen anmerken zu lassen.

Die nächsten Minuten beschäftigte sich Chris damit, im Gebetbuch zu blättern, die umstehenden Personen - ausgenommen Bechthold und seine Gorillas - zu mustern und sich hin und wieder die Schläfe zu massieren, als ob er damit seine Schmerzen lindern könnte.

Chris wunderte sich, wo seine Angst geblieben war. Hatte er sich beim letzten Zusammentreffen noch wie die Haselmaus vor einem Habicht gefürchtet und war erstarrt, so war dieses Gefühl heute nicht mehr da. Es war nur noch die Spannung übrig geblieben, ob Bechthold auf sein Schauspiel reinfallen und ihm den jungen und ahnungslosen Unsterblichen abnehmen würde. Auch wenn er diese Situation noch so oft mit Thomas durchgespielt hatte, Chris wurde unruhig.

Die Tatsache, dass er mehr oder weniger direkt neben Bechthold saß und im Moment einfach nur abwarten konnte, zerrte an seinen Nerven. Er war einfach nicht der Typ, der in so einer Situation ruhig blieb. Aber er hatte keine andere Wahl. Denn er wollte, dass Bechthold ihn beim nächsten Aufeinandertreffen unterschätzte und Chris dadurch beim Kampf einen entscheidenden Vorteil bekam.

Er schloss die Augen und versuchte, sich auf ein Bild in seinem Kopf zu konzentrieren, um sich zu beruhigen. Genau, wie er es gelernt hatte. Und nach einigen Minuten klappte es auch. Er öffnete die Augen und sah sich wieder um.

Viel geändert hatte sich nicht, aber hatte er beim Eintreten den Eindruck gehabt, die Kirche wäre voll gewesen, so bekam Chris jetzt, um kurz vor sechs, fast schon Klaustrophobie. Obwohl seine Bankreihe eigentlich schon voll war, hatte sich noch ein Pärchen hineingequetscht und Chris saß jetzt dicht an dicht mit einem Bodyguard und der - wie Chris sie insgeheim titulierte - alten Schnepfe.

So ruhig, wie es sich seine Nachbarin wünschte, war es nicht. Überall wurde getuschelt und sich begrüßt, dann fing noch ein kleines Kind an zu schreien. Kurz gesagt, mit zunehmender Besucherzahl wurde es auch immer lauter.

Erstaunlicher Weise versuchte Bechthold nicht weiter, Chris in ein Gespräch zu verwickeln. Er hatte wohl eingesehen, dass es viel zu viele gespitzte Ohren gab, die begierig jedem Wort lauschten.

Um sechs Uhr wurde es ruhiger, es breitete sich eine gespannte Stille aus. Nur die Kirchenglocken fingen an die volle Stunde zu läuten. Als diese aufhörten, setzte der Kirchenchor mit dem Gesang ein und die Messe begann.

Chris war evangelisch erzogen worden und hatte keine Ahnung, wie er sich während des Gottesdienstes verhalten sollte. Aufstehen, hinsetzen und hinknien wechselten sich ab und dann sang immer wieder der Chor. Er hielt sich an seine Nachbarin und schaffte es, keinen Einsatz zu verpassen. Und nebenbei griff er sich immer wieder an die Stirn und massierte seine Schläfe.

Und trotz dieses Stresses, die Erhabenheit der Messe beeindruckte ihn.

Bis zur Wandlung. Alle Personen im näheren Umkreis machten mit und da Chris nicht auffallen wollte, schloss er sich an. Und erlebte eine kleine Überraschung, als er wieder an seinen Platz zurückkehrte. Zu seiner Rechten war immer noch die ältere Frau, aber an der linken Seite saß nicht mehr der Bodyguard, sondern Bechthold war gerade dabei, sich direkt neben ihm hinzuknien.

Das ist nicht gut. Scheiße, Mist, so eine Kacke.

Einatmen, ausatmen. Beruhige dich, sonst hast du keine Chance.

Um Bechthold nicht zu nahe zu kommen, blieb Chris stehen.

Kurz darauf stand Bechthold auf, aber bevor er Chris in ein Gespräch verwickeln konnte, setzte der Chor wieder ein und machte jede Unterhaltung unmöglich.

Langsam bildeten sich die ersten Schweißperlen auf Chris' Stirn. Es lag weniger daran, dass es warm war - im Gegenteil, es war schweinekalt in der Kirche - sondern dass Chris kurz vor einem Panikausbruch stand. So schön er sich das Ganze auch ausgedacht hatte, es war etwas ganz anderes, wenn Bechthold neben ihm stand und den Blick nicht von ihm abwandte.

Und dann beugte sich Bechthold auch noch zum ihm rüber und flüsterte in sein Ohr.

"Haben Sie irgendein Problem? Sie wirken so verkrampft."

Chris vermied es Bechthold anzusehen, aber er konnte sich denken, dass er ein ganz süffisantes Grinsen auf seinen Lippen hatte.

"Es geht Sie zwar nichts an, aber ich habe kurz vor Beginn Kopfschmerzen bekommen, wohl weil ich den Weihrauch nicht so gut vertrage und meine Tabletten habe ich natürlich zu Hause vergessen. Ich bin froh, wenn ich die Messe und den Lärm hinter mir habe."

Bechthold kam nicht mehr dazu, noch irgend etwas zu sagen, da der Priester mit dem Segen einsetzte und ein lautes Räuspern von Chris' Nachbarin zur Ruhe mahnte.

Dafür lade ich dich zum Essen ein.

Nach dem Segen forderte der Priester die Gemeindemitglieder auf, ihren Nachbarn 'als Zeichen des Friedens und der Freundschaft' die Hand zu reichen.

Bingo, Volltreffer. Ich hätte mich besser über die Rituale informieren sollen. Chris, du bist zu dämlich.

Doch er biss in den sauren Apfel. Erst reichte er seiner Nachbarin die Hand, dann drehte er sich zu Bechthold. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, schließlich hatte er doch ganz andere Absichten mit Bechthold, die den Begriffen Frieden und Freundschaft nicht wirklich entsprachen, doch Chris wollte um keinen Preis auffallen.

Was macht schon diese eine kleine Geste?

Bechthold jedoch ignorierte seine ausgestreckte Hand, besser gesagt, er beachtete Chris gar nicht. Er schien sich so sehr mit seinen Bodyguards zu beschäftigen, dass er es vollkommen vergaß, dass auch auf der anderen Seite ein Nachbar auf das Zeichen des Friedens und der Freundschaft wartete.

Für Chris bedeutete dies aber die Bestätigung einer Vermutung, die er im Laufe der Ermittlung aufgestellt hatte: Egal in was für Machenschaften Bechthold auch verstrickt war und wie viele Menschenleben er auf seinem Gewissen hatte, ein Handschlag war ihm etwas wert.

Und aus diesem Grund weigerte sich Bechthold wohl, ihm die Hand zu geben. Chris war dies nur recht, so brauchte er ihm nicht in die Augen zu schauen und brauchte sich wegen eines Händeschüttelns keine Gedanken zu machen.

Als auch das letzte Lied verklungen war, drängten alle zum Ausgang. Bis auf Bechthold, der setzte sich ganz gemütlich hin und schien zu warten, bis der schlimmste Ansturm vorbei war.

Dies war Chris gar nicht recht. Schließlich wollte er in der Menge verschwinden und mit etwas Glück dort schon seine Verfolger abschütteln. Dass Bechthold einen seiner Gorillas auf ihn ansetzen würde, war für ihn gar keine Frage. Das Problem war nur, dass er ihn nicht nur abhängen musste, nein, er musste ihn so loswerden, dass es wie ein Zufall aussah.

Schon wieder rettete ihn seine Nachbarin. Denn auch sie schien nicht warten zu können und verließ die Bankreihe auf der anderen Seite, um sich rücksichtslos zum Ausgang vorzudrängen. Da Chris jetzt nicht mehr eingekeilt war, folgte er ihr und kämpfte sich in ihrem Windschatten hinaus. Als er endlich aus der Kirche war, blieb er einen Moment stehen, um sich zu orientieren. Er hatte sich natürlich erkundigt und wusste, dass es zwei Straßen weiter eine Bushaltestelle gab, die auch am Heiligen Abend alle fünf Minuten eine Abfahrt hatte. Chris wollte entweder nach Höchst oder nach Liederbach, da er von da aus in die Regional- oder U-Bahn Richtung Zentrum umsteigen konnte.

Wenn er es bis dahin nicht geschafft hatte, den Bodyguard abzuhängen, nach einer ausgedehnten Kneipentour wäre er ihn garantiert los. Trotz Feiertag hatten mehr als genug Kneipen in Frankfurt geöffnet. Schließlich gab es genug Singles, die die Feiertage nicht mit Trübsal blasen oder mit der Familie verbringen wollten.

Und vielleicht kann ich das Notwendige mit dem Angenehmen verbinden und brauche die Nacht nicht alleine zu verbringen.

Doch bevor Chris soweit plante, musste er erst mal einen Bus bekommen. Doch zu seiner Überraschung er war nicht der einzige, der nach dem Besuch der Messe zur Bushaltestelle ging, aber bei der Parkplatzsituation war es verständlich.

Als er um die Ecke bog, stand schon ein Bus an der Haltestelle. Und es war genau der richtige, denn er fuhr auch Höchst an. Chris lief die letzten Schritte, um auch noch hinein zu kommen, bevor er losfuhr.

Obwohl sich die Leute schon bis an die Tür drängten, quetschte sich Chris auch noch rein.

Doch bevor sich nicht die Türen schlossen und der Bus abfuhr, konnte Chris nicht hoffen, auch wirklich ohne Verfolger zu sein. Und er hatte auch Recht mit seiner Befürchtung.

Denn Chris hatte kaum Platz geschaffen und sein Ticket, das er schon einige Tage vorher gekauft hatte, entwertet, als sich auch der unauffälligere von Bechtholds Leibwachen hineindrängte. Chris hatte nach dem Einsteigen versucht, sich etwas Platz zu schaffen, aber so voll wie der Bus war funktionite es natürlich nicht. Dafür stand er jetzt dem Gorilla genau gegenüber. Um ihn ins Gesicht zu schauen, musste Chris hochblicken. Denn der war fast zwei Meter groß. Dafür beherrschte er die Kunst, alle anderen im Bus zu ignorieren.

Jedenfalls machte er sich so breit, als ob er der einzige Fahrgast wäre.

Irgendwie erinnert er mich an den Informatiker, für den mich Uschi damals rausgeschmissen hatte.

Beinahe hätte Chris sich durch ein unkontrolliertes Grinsen verraten, aber er konnte sich so gerade eben noch beherrschen. Nicht dass ihn das Grinsen verraten hätte, aber alleine in einem überfüllten Bus hätte man ihn bei diesem Grinsen sehr seltsam angesehen.

Schließlich musste sich seiner Rolle entsprechend verhalten und so versuchte er, sich so weit wie möglich von dem Bodyguard fern zu halten. Was bei der Enge nicht wirklich gelang.

Die Busfahrt nach Höchst dauerte zwar nur zehn Minuten, aber mit dem Gorilla vor der Nase hatte Chris nach zwei Minuten wieder Mal ein mehr als nur flaues Gefühl im Magen. Aber Chris riss sich zusammen und als sich der Bus bei der nächsten Station merklich leerte, ergatterte er einen Sitzplatz direkt an der hinteren Tür.

Auch wenn er zwei Station später aussteigen musste: Alles sollte so normal wie möglich wirken.

Nach der nächsten Station setzte sich Bodyguard auf den freigewordenen Sitzplatz hinter Chris. Und der hatte das Gefühl, von dessen Blicken aufgespießt zu werden.

Nur ruhig bleiben. Du hast eben Bechthold überstanden, also wirst du auch noch seinen Gorilla überleben.

Um sich nicht ständig nervös durch die Haare zu fahren, fing er an, seine Taschen zu durchwühlen. Und er wurde fündig. Fast schon im Futter seiner Jacke ertastete er einen Kaugummi. Er nahm ihn raus, entschied, dass die Verpackung nicht mehr als eine Wäsche überstanden hatte, packte ihn aus, schob ihn in den Mund und kaute drauf rum.

Dann waren sie auch schon in Höchst angekommen. Chris gehörte zu den ersten, die ausstiegen.

Er hatte sich im Vorfeld schon nach den Abfahrtszeiten erkundigt und musste sich beeilen, um noch den Nahverkehrszug ins Zentrum zu bekommen. So fiel es auch nicht auf, dass er die Hälfte der Strecke im Laufschritt zurücklegte und immer wieder auf die Uhr schaute.

Chris hatte Glück und bekam seinen Zug, weil der Schaffner ihm die letzte Tür noch auf hielt, doch der Gorilla, der ihm auf den Fersen gewesen war, hatte Pech. Als er auf dem Bahnsteig erschien, da fuhr der Zug vor seiner Nase ab. Chris hatte von seinem Fensterplatz einen wunderbaren Blick auf dessen frustrierten Gesichtsausdruck, verkniff es sich aber, ihm hinterherzuwinken. Dafür sah Chris, dass der andere sein Handy zückte und telefonierte.

Wenn du jetzt erst Verstärkung orderst, dann ist es zu spät, aber wenn die Verstärkung unterwegs ist und du sie zum nächsten Bahnhof lotst, dann habe ich ein kleines Problem.

Deswegen hielt Chris an seinem Plan, eine ausgedehnte Kneipentour zu machen, fest.

 
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