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Wie konnte es anders sein, kaum war Chris auf der A648, da stand er auch schon im Stau. Seine Flüche waren nicht jugendfrei und leise war er auch nicht. Doch Engin reagierte nicht darauf. Chris knipste die Innenbeleuchtung an, um seinen Partner zu beobachten. Er saß auf seinem Sitz, starrte nach vorne und kaute abwesend auf seiner Unterlippe. Chris machte das Licht aus und drehte die Musik lauter, jetzt konnte er nur hoffen, dass der Spuk so schnell wie möglich vorbei war. Zwanzig Minuten später hatte er zwei Kilometer zurückgelegt und fuhr an zwei ineinander verkeilten PKW vorbei. Und während der ganzen Zeit hatte Engin kein Wort gesprochen, nur vor sich hin gestarrt und als Chris ihn vorsichtig berührt hatte, hatte er dies noch nicht mal wirklich wahrgenommen. Kurz darauf waren sie an der Abfahrt Eschborn und drei Ampeln später kamen sie bei Chris an. Der Parkplatz direkt vor der Haustür war wie immer frei und Chris war erleichtert, als er endlich den Motor abstellen konnte. Jetzt mussten sie nur noch ungesehen in seine Wohnung kommen. Das durfte aber kein Problem sein, denn seine Nachbarn neigten dazu, immer wegzuschauen. Chris stieg aus, zog seinen Staubmantel aus und nahm alles war er noch brauchte aus dessen Taschen. Zusammen mit den Plastikfolien entsorgte er den Mantel im Müllcontainer, der nur wenige Meter entfernt stand. Wenn es hell war, würde er kontrollieren, ob Blutspuren im Auto waren. Engin blieb während dieser Aktion regungslos sitzen. Chris ging zur Beifahrertür und öffnete sie. Er packte Engin am Arm und zog ihn mit sanfter Gewalt hinaus. Das schien Engins Lebensgeister zu wecken. Er starrte nicht mehr verständnislos durch Chris, sondern blickte ihn an. "Alles klar, Mann? Schaffst du es noch bis nach oben?" "Wo sind wir? Und was ist passiert?" "Du hast dir eine kleine Auszeit genommen und wir stehen vor meiner Haustür. Woran kannst du dich noch erinnern?" Chris hoffte nur, dass Engin sich an die letzten Stunden erinnern konnte, wenn er das nicht konnte, dann hatte er ein größeres Problem. "Wir waren am Bahnhof und haben Bernhard abgesetzt. Und vorher, vorher hatten wir eine kleine illegale Auseinandersetzung mit Bechthold, dabei..." Engin brach ab, schüttelte den Kopf und ging zur Haustür. Schwein gehabt. Erst als Chris die Luft langsam wieder ausatmete, merkte er, dass er sie kurz zuvor angehalten hatte. "Dann fehlt dir ja nur die Heimfahrt und da hast du nicht viel verpasst. Jetzt komm erst mal hoch, dann reden wir weiter. Mir ist kalt." Engin nickte nur und folgte Chris nach oben. Sie schafften es, von den Nachbarn unbeobachtet Chris' Wohnung zu erreichen. Als Chris die Tür hinter Engin abgeschlossen und das Flurlicht angemacht hatte, hatte er das Gefühl, dass ihm ein Stein vom Herzen gefallen war. "Oh mein Gott!" Engins Ausruf wirkte fast schon panisch. Chris hob seinen rechten Arm, um Engin zu berühren, aber dieser wich zurück. "Ruhig Engin, alles ist gut. Was ist los?" Dieser zeigte mit den Fingern auf Chris und setzte zum Reden an. Stockte und schaffte es dann doch noch, die Wörter rauszupressen. "Deine Schulter. Du hast soviel Blut verloren. Du musst zum Arzt." Uups, ich glaub, da hab ich was vergessen. Chris schob seinen Partner zur Seite und ging ins Bad, um in den Spiegel zu schauen. Engin hatte recht. Wenn er nicht unsterblich wäre, dann hätte ihn der Blutverlust gewaltig geschwächt. Die rechte Seite seines Hemdes war voll mit getrocknetem Blut. Auch am Hals konnte Chris einige Flecken sehen. "Das sieht schlimmer aus, als es wirklich ist, Engin. Ich gehe kurz unter die Dusche und dann kannst du es verarzten. Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen." "Und was ist, wenn du mir umkippst? Und die Verletzung muss desinfiziert werden. Du kannst nicht duschen!" "Engin, ich hab schon Schlimmeres überstanden. Jetzt komm mit in die Küche. Während ich dusche, schüttest du uns einen Kaffee auf und danach werde ich dir einiges erklären müssen. Und jetzt brich nicht in Panik aus. Das kriegen wir schon geregelt." Die Küche war gleichzeitig auch der wohnlichste Raum, da Chris mittlerweile einen Tisch und zwei Barhocker gekauft hatte. Er zeigte Engin kurz, wo er was finden konnte, nahm sich noch einen Energy-Drink und ging, nachdem er zur Beruhigung von Engins Nerven noch eine Oldie-CD eingeworfen hatte, ins Bad. Chris beeilte sich mit dem Duschen. Das Blut ließ sich auch problemlos abwaschen. Als er anschließend den beschlagenen Spiegel abputzte, da fühlte er in der Schulter weder Schmerzen, noch waren anschließend irgendwelche Verletzungen oder Narben zu sehen. Und wenn ich mir in den nächsten Tagen die Kugel rausgepult habe, dann sieht man auch auf'm Röntgenbild nichts mehr. Im Schlafzimmer zog er sich eine frische Jeans an und ging mit nacktem Oberkörper in die Küche. Der Kaffee war schon durch und Engin hatte sich wohl zur Ablenkung das Computerbuch gegriffen, das Chris am morgen auf dem Küchentisch liegen gelassen hatte. Aber Chris hatte den Eindruck, dass sein Partner lediglich auf eine Seite starrte, ohne wirklich zu lesen. Engin blickte hoch, als Chris in der Tür erschien, schaute hinab auf das Buch und blickte Chris wieder an. Mit einem sehr ungläubigen Blick. "Was geht hier ab? Ich will wissen, was los ist. Du müsstest eine ziemlich üble Schulterwunde haben. Willst du mich verarschen?" Dabei war Engin aufgesprungen und berührte Chris' Schulter. "Nein, ich verarsche dich nicht. Aber hinter dir in der Schublade ist ein Küchenmesser. Kannst du mir das bitte geben?" Engin war wohl zu sehr aus seinem Konzept gebracht, denn er suchte Chris ein Messer raus, ohne Fragen zu stellen. Währenddessen hatte sich Chris eine Küchenrolle genommen und sie auf den Tisch gelegt. Das Messer nahm er an sich. "Danke. Und jetzt schau dir ganz genau meine linke Hand an. Ich werd's nur einmal machen. 'kay?" "Ich weiß zwar nicht, was du vorhast, aber schlimmer kann es nicht mehr kommen. Ja, ich schau zu." Bevor Engin irgendetwas unternehmen konnte, zog Chris das Messer mit voller Kraft durch seinen linken Handballen. Dass das Blut nicht herausspritzte, war alles. Auch wenn Chris inzwischen sehr viel Erfahrung mit Verletzungen jeglicher Art gemacht und eben erst den Treffer in der Schulter verarbeitet hatte... Es tat weh und er musste einen Aufschrei unterdrücken. "Chris! Verdammt! Was soll das?" "Halt die Klappe und schau hin. Dann wirst du's kapieren." Die Worte konnte Chris nur rauspressen. Mit seiner Rechten hielt er die verletzte Hand direkt über die Küchenrolle, damit sie das Blut aufsaugte. Schließlich sollte das nicht in einer Putzaktion enden. Er ärgerte sich, keine Schüssel genommen zu haben. Engin brauchte zum Hinschauen keine Aufforderung. Chris hatte den Eindruck, dass die Verletzung eine morbide Faszination auf ihn auswirkte. Und als die erste kleine blaue Energiezunge den einsetzenden Heilungsprozess zeigte, keuchte Engin entsetzt auf. Zwei Minuten später war die Wunde verheilt und das Spektakel vorbei. Chris sah direkt in Engins Augen. Diese waren ungläubig geweitet und starrten immer noch auf Chris' Hand. "Was soll das? Was für eine Show ziehst du jetzt ab?" "Das, was du gerade gesehen hast, ist keine Show. Meine Verletzungen heilen so schnell. Egal, wo's mich erwischt." Engin packte Chris' Hand und untersuchte sie, konnte aber außer dem Blut weder eine Verletzung, noch irgendeinen Trick entdecken. Er ließ die Hand los und Chris konnte seinen misstrauischen Blick fast schon spüren. Dann antwortete Engin. "Klar, ich jag' dir 'ne Kugel ins Herz und zwanzig Minuten später stehst du quicklebendig wieder auf." "Dafür brauch' ich zwei Stunden." "Bitte?" Mit dieser Information hatte Engin garantiert nicht gerechnet. Aber was sollte Chris anderes sagen? Schließlich wollte sein Partner die Wahrheit wissen. "Wenn du willst, kannst du nach unten gehen, dir deine Dienstwaffe holen und mich damit töten. Wenn du anschließend etwas über zwei Stunden wartest, dann wirst du mir beim Aufwachen zusehen können. Aber das ist mit Schmerzen verbunden, die ich eigentlich vermeiden will." Währenddessen holte Chris aus dem Eisfach eine Flasche hochprozentigen Rums und kippte einen guten Schuss in Engins Kaffee. "Trink das. Ist zwar nicht so gut wie'n richtiger Grog, aber du brauchst das jetzt." "Nein, ich will wissen, was für ein Spielchen du mit mir treibst. Das kann doch einfach nicht wahr sein!" Und gleich ruft er die Jungs mit der Zwangsjacke. Doch Engin tat nichts dergleichen. Er stand auf und lief unruhig auf und ab. "Das ist einfach zu viel. Erst töte ich einen Menschen und jetzt erzählst du mir, dass du nicht sterben kannst. Verdammt noch mal! Bin ich jetzt reif für die Klapsmühle?" "Nein, das bist du nicht. Was meinst du, wie ich mich fühlte, als ich vor zwei Jahren in San Francisco in einer Leichenhalle aufgewacht bin." Engin stoppte seine Wanderung und blickte Chris entgeistert an. Dieser erwiderte den Blick. "Du bist was?" "Auf der Jagd nach einem Taschendieb niedergestochen worden und gestorben. Amanda hat mich aus der Leichenhalle geholt und mir empfohlen, alle Brücken abzubrechen, doch ich wollte wieder zurück zu Eddie und war nicht bereit, ihn aufzugeben. Hätte ich damals auf sie gehört, dann säße ich jetzt nicht vor diesem Scherbenhaufen." Bei der Erwähnung von Amanda hatte Engin den Kopf geschüttelt und seine Wanderung wieder aufgenommen. "Und was soll mir das jetzt sagen?" "Engin", Chris hatte es satt, seinen Partner bei seiner Wanderung zu beobachten. Er stand auf und nahm Engin in seine Arme und schaute ihm tief in die Augen. Irgendwie muss er doch begreifen, dass ich es ernst meine. Ich muss ihn überzeugen. Chris vermutete, dass Engin einfach nicht aufnahmefähig war, weil in seinem Gehirn wahrscheinlich immer wieder die Szene ablief, in der er den tödlichen Schuss abgegeben hatte. Und bevor Engin nicht von dieser Last befreit war, konnte er auch alles andere nicht akzeptieren. "Du hast heute keinen Mord begangen. Bechthold ist auch ein Unsterblicher. Genauso wie Amanda und ich. Du hast ihn nur recht schmerzhaft außer Gefecht gesetzt. Und auch das nur für ein paar Stunden." "Ach, ja?" Engins Miene war nicht mehr ganz so abwehrend, sie war eher zweifelnd. Chris ließ ihn nicht los und redete weiter. "Warte nur ab. Ich wette mit dir, dass ich irgendwann in der Nacht einen Anruf von Carola bekomme, dass Bechthold zu Hause aufgetaucht ist und dass sie ihn wieder observieren." "Aber die Bodyguards haben doch seine Leiche gefunden und seine Wiederauferstehung wird echt gruselig gewesen sein..." "Stimmt, genau so wie ich dir jetzt mein Geheimnis erzählt habe, wird er auch nicht drum herum kommen, andere einzuweihen. Es kann sein, das Gesse schon vorher über sein kleines Geheimnis informiert war. Auch denke ich, dass Bechthold die beiden Bodyguards für ersetzlich hält und sie beseitigen wird." Als Chris Engins zustimmendes Nicken sah, ließ er seinen Partner los, trat aber nicht zurück, sondern redete weiter. "Ich bezweifle, dass er bereit ist, seine Rolle als Mafiaboss jetzt schon aufzugeben. Der giert nach Macht. Und da wir sonst einen Mord an der Backe hätten, vertraut er darauf, dass wir dicht halten." "Woher weißt du das? Dass Bechthold unsterblich ist?" Jetzt suchte Engin den Körperkontakt, als ob er sich an Chris festhalten wollte. Und Chris gab ihm den Halt. "Wir können uns spüren. Wann immer ein anderer einen gewissen Sicherheitsabstand unterschreitet, dann geht in meinem Kopf eine Alarmanlage los." "Ach, deine Migräne?" Chris lachte kurz und humorlos auf. "Genau die. Bechthold soll glauben, dass ich weder von der Unsterblichkeit noch von dem Spiel eine Ahnung habe." Auf Engins ungläubigen Blick setzte er noch eine Erklärung hinzu. "Leider ist es so, dass ein Unsterblicher einen anderen Unsterblichen töten kann. Einfach ist es nicht, aber Bechthold kann mir einen endgültigen Tod bereiten. Wenn du willst, dann erklär ich dir, wie's geht. Und solange er glaubt, dass ich in der Hinsicht absolut unerfahren bin, habe ich einige Asse im Ärmel. Ich habe dann gute Chancen, ihn zu besiegen und zu töten." Ein bitteres Lachen begleitete Chris' Worte. Schließlich erklärte er gerade Engin, dass er Bechthold wirklich ermorden wollte. "Ich will gar nicht wissen, wie ihr euch tötet, mir ist jetzt schon schlecht. Aber warum? Warum willst du ihn töten?" "So ist es nun mal bei den Unsterblichen. Wie ich es dir schon gesagt habe. ,Es kann nur Einen geben.' Wir bringen uns gegenseitig um, bis nur noch einer übrig bleibt. Und der gewinnt angeblich den Preis des Spiels. Ironischerweise kennt niemand den Preis." Jetzt löste sich Chris von Engin, wanderte einmal durch den Raum und presste dann seine Finger in die Stuhllehne. "Ich will diesen gottverdammten Preis nicht. Ich will noch nicht einmal unsterblich sein. Und kämpfen will ich auch nicht. Aber wenn ich überleben will, dann habe ich keine andere Wahl. Ich muss töten können, um zu leben. Wie ich das hasse. Und dabei bin ich eine Gefahr für alle, die mir wichtig sind, denn ich werde dadurch erpressbar. Du hast ja gesehen, was Bechthold mit Bernhard angestellt hat." "Deswegen hast du dich in den letzten Monaten so abgekapselt?" "Ja, wie soll ich weiterleben, wenn einem von euch etwas passiert?" "Aber eins versteh ich nicht. Du sagst, dass ihr euch gegenseitig jagt. Was für eine Rolle spielt dann Amanda? Ich habe sie zwar nur einmal gesehen, aber ihr scheint doch Freunde zu sein. Sie ist doch auch unsterblich. Oder etwa nicht?" "Doch, ist sie. Mehr noch. Sie ist meine Lehrerin. Sie hat mir alles beigebracht, was ich zum Überleben brauche. Und ansonsten spielt sie nicht mit. Sie würde niemals von sich aus einen Kampf beginnen. Nur wer sie herausfordert, der hat ein Problem, denn sie ist verdammt gut." "Seit wann weißt du eigentlich, dass du unsterblich bist? Und was bedeutet das genau?" Chris ließ die Stuhllehne los und setzte sich hin. Der Kaffee stand noch immer unangerührt auf seinem Platz. Auch wenn er inzwischen fast kalt war, es war besser als nichts. Zumal Engins Fragen Chris zeigten, dass er anfing, die Story zu glauben. "Komm setz dich. Ich werde dir alle Fragen beantworten. Und wie ich dich kenne, wird das noch Stunden dauern." Engin setzte sich zu ihm, roch an seinem Kaffee-Rum-Gemisch und trank einen Schluck. Dabei verzog er sein Gesicht zu einer angeekelten Miene. "Da hast du wahrscheinlich recht. Aber ich will es jetzt wissen. Egal, wie lange es dauert." Auch Chris leerte seine Tasse und holte sich dann heißen Nachschub. Und füllte auch Engins Tasse wieder auf. "Ich weiß leider auch nicht alles, schließlich bin ich noch nicht allzu lange dabei, aber alles fing mit einem unangenehmen Erwachen in einem Leichenschauhaus in San Francisco an..."
Zwei Stunden später schienen Engin die Fragen ausgegangen zu sein. Chris hatte sie ihm beantwortet. Bis auf die Sachen, die er nicht als sein Geheimnis betrachtete. So schwieg er sich über die Beobachter aus und vergaß auch zu erwähnen, dass Eddies neuer Freund ein Unsterblicher war. Chris beobachtete, wie sein Partner mit seiner Kaffeetasse spielte und irgendwie versuchte, die ganzen Informationen zu verarbeiten. Ein leises Knurren erinnerte Chris daran, dass nicht nur er hungrig war, sondern auch Engin. Er stand auf ging zum Kühlfach, nahm zwei Fertigpizzen heraus und schob sie in den Backofen. Dann deckte er den Tisch. Engin hatte ihn in den letzten beiden Stunden nicht aus den Augen gelassen und beobachtete auch jetzt seine Bewegungen. Chris konnte seinen Blick fast schon spüren. Als Chris Gläser hinstellte, stellte Engin doch noch eine Frage. "Und? Wie geht es weiter?" Chris wusste ganz genau, dass sein Partner nicht die nähere Zukunft meinte, doch es war einfach zu verlockend, ihn hinzuhalten. "Erst mal essen wir was und dann übernachtest du bei mir. In dem Zustand lass ich dich nicht nach Hause. Und morgen früh erscheinen wir ziemlich verkatert auf der Arbeit und niemand wird uns irgendwelche Fragen stellen." Wie erwartet erschien der Hauch eines Lächelns auf Engins Gesicht und er schüttelte den Kopf. "Das meine ich nicht. Ich meine dein Leben überhaupt. Und was ist mit Eddie?" Hast du keine anderen Probleme? Warum interessiert es dich so sehr? Chris stellte die Gläser ab. "Damit gibst du wohl nie Ruhe?" Engin schüttelte den Kopf. "Ich weiß, wie glücklich ihr wart. Ich verstehe nicht, wieso du Eddie damals nicht die Entscheidung überlassen hast." "Ich war ein blutiger Anfänger und hätte es mir nie verziehen, wenn Eddie etwas zugestoßen wäre. Besser sicher auf Abstand als tot." "Ein Anfänger bist du jetzt aber nicht mehr..." Nein, er war wirklich kein Anfänger mehr, aber Chris kannte all seine Schwächen besser als jeder Gegner. "Toll, ich habe gerade mal ein Jahr Training hinter mir. Und meine Gegner hatten Jahrhunderte Zeit gehabt. Ich bin immer noch ein Frischling. Da kannst du sagen, was du willst. Zudem habe ich noch keinen wirklichen Kampf gehabt. Ich weiß noch nicht mal, ob ich wirklich töten kann!" Obwohl die Pizzen noch lange nicht gar waren, hockte Chris sich hin und blickte in den Ofen. "Vielleicht ist Bechthold deswegen bei mir zu einer fixen Idee geworden. Denn der Arsch ist gut, verdammt gut, und wenn ich ihn besiege, dann habe ich mir selbst bewiesen, dass ich gut genug bin, um Eddie zu beschützen." "Und wenn du verlierst?" Die Stimme in meinem Kopf fragt das auch immer. Leise antwortete Chris. "Daran denke ich nicht. Ich werde nicht verlieren... Möchtest du Wein zur Pizza?" "Versuch nicht, das Thema zu wechseln. Ich nehm' 'nen roten. Was ist mit Eddie?" "Wenn ich Bechthold besiegt habe, werde ich zu Eddie gehen und ihm alles erklären. Ob er mich dann noch will, ist seine Entscheidung. Aber ich wünsche es mir so sehr." Chris stand auf und holte eine Flasche aus dem Weinregal. Es war besser, als Engins Blick zu begegnen. "Wenn er nein sagt, dann statte ich ihm einen Besuch ab und prügle Verstand in seine Birne." Da musste Chris lachen. "Du gegen Eddie? Keine Chance, der ist zu gut für dich." "Kommt ja auf einen Versuch an. Aber du hast einen schweren Stand. Du hast ihn so erfolgreich vertrieben, dass er in einer festen Beziehung ist." Über seinen Deal mit Thomas schwieg Chris, das ging Engin auch nichts an. "Ich weiß, trotzdem geb' ich die Hoffnung nicht auf." Den Korken zog Chris mit einem leisen ,Plopp' aus der Flasche, dann ging er zu seinem Partner und schüttete ihm ein Glas ein. Wortlos prosteten sie sich zu.
Die Ruhe hielt nicht lange. Beim Essen vermieden sie das Thema Unsterblichkeit, stattdessen berieten sie, wie sie ohne Bernhard als Kronzeugen weiterarbeiten konnten. Gleichzeitig machte Engin Chris klar, dass er mit Bechthold machen konnte, was er wollte, solange es nicht die restliche Ermittlung gefährdete. Engin wollte die gesamte Führungsriege haben. Das konnte Chris leicht versprechen. Sie kamen zu der Entscheidung, dass Bernhards Verschwinden überhaupt keinen Einfluss auf die Ermittlungen und wahrscheinlich nur wenig Einfluss auf das Gerichtsverfahren haben würde. Schließlich sollte er nur gegen Bechthold aussagen. Und wenn die Kripo, die das Verschwinden des Jungen untersuchen würde, keine Spuren von ihm fanden, dann würde es in der Verhandlung bestimmt negative Auswirkungen auf Bechtholds Urteil haben, falls dieser dann noch lebte. Vorausgesetzt sie fanden keinen Hinweis, dass Chris und Engin für Bernhards Untertauchen verantwortlich waren. Falls die Jungs von der Kripo gut waren, dann würden sie herausfinden, dass Chris nach dem ,Unfall' Bernhards Handy erreicht hatte. Deswegen arbeiteten Chris und Engin an einer Erklärung. Und zwischendurch fielen Engin immer noch einige Fragen ein, die Chris beantwortete. Um drei Uhr morgens waren drei Weinflaschen geleert und der Schlachtplan stand in den Grundzügen, als Chris' Handy bimmelte. Er schaute aufs Display und nahm ab. "Hallo Carola! Du solltest doch längst Feierabend haben." "Habe ich, ich liege gerade gemütlich im Bett und hoffe, dass der Lütte nicht aufgewacht ist, als mein Handy klingelte. Und du wolltest dich besaufen und ins Bett gehen. Was ist aus deinem Plan geworden?" "Besoffen bin ich noch nicht ganz. Engin hat mir immer alles weg getrunken. Aber du hast doch bestimmt einen triftigen Grund, bei mir um die Uhrzeit anzurufen." "Reicht es, wenn ich dir sage, dass ich mir Sorgen gemacht habe? Ich kenn' euch doch." Hatte Carola am frühen Abend nur Andeutungen gemacht, so war es nun mehr als deutlich, dass sie vermutete, dass Chris und Engin ohne rechtliche Absicherung gearbeitet hatten. Doch Chris würde ihr auch keine Auskunft geben. Es war schon schlimm genug, dass Engin Bescheid wusste. "Du bist zwar sehr fürsorglich, aber so schlimm bist du nun auch nicht. Wer hat dich angerufen? Ist Bechthold aufgetaucht?" "Ja, vor zwanzig Minuten ist er mit Gesse zu Hause aufgeschlagen. Ohne seine Gorillas. Schneider hat mich deswegen angerufen und gemeint, dass ich jetzt doch besser schlafen könnte." Zwei Probleme weniger. Bin gespannt, wo Bechthold sie entsorgt hat. "Schön, dass er wieder da ist. Hattest du eigentlich die Nobel-Puffs überprüfen lassen, ob er vielleicht dort ein Schäferstündchen hatte?" "Mike hatte das auch schon vorgeschlagen, als er aus dem Meeting kam, aber wir haben dafür nicht genügend Leute gehabt. Wir haben nur ein Team die Parkplätze vor den Bordellen absuchen lassen, ob sein Wagen irgendwo stand. Aber Fehlanzeige." "Und was ist mit Bernhard Neuendorf? Hat er sich bei dir gemeldet? Ich hab noch einige Male versucht, ihn zu erreichen. Einmal hatte ich ein Rauschen in der Leitung und ich dachte, da wäre was, aber Fehlanzeige. Und sonst hatte ich nur die Mailbox dran." Diese Erklärung wollten Chris und Engin auch der Kripo präsentieren. Vorausgesetzt Carola würde sie ohne Kommentar schlucken. Wenn nicht, dann hatten sie ein Problem. Doch Carola schöpfte keinen Verdacht. "Tut mir leid, Chris. Die Spurensicherung ist noch dran, aber du weißt ja aus eigener Erfahrung, wie es läuft. Das ist jetzt ein Fall für die Kripo und wenn wir zu oft anrufen, dann blocken die ab. Aber das BKA wird schon genug Dampf machen, da zwei von ihren Leuten verletzt wurden. Mike will eine seiner Quellen anzapfen, aber vor morgen früh hat er auch keine Infos." "Scheiße, ich hasse es, auf irgendwelche Ergebnisse zu warten und mich mit Brosamen abspeisen zu lassen. Aber lass uns aufhören. Ich will die Weinflasche noch leeren und muss Engin noch ins Bett bringen." Chris kannte Carola gut genug, um genau diese Formulierung zu wählen. Schließlich wollte er sie ablenken. "Läuft da etwas, von dem ich noch nichts weiß?" "Sicher. Ich hab noch 'ne heiße Nacht vor mir." Doch Engins empörtes Gebrüll "Carola, glaub ihm kein Wort" konnte diese bestimmt auch am anderen Ende der Leitung verstehen. Und zog daraus ihre eigenen Schlüsse. "Ihr seid ja wirklich betrunken. Trinkt aus und geht ins Bett. Wir sehen uns um zehn. Dann ist die nächste Besprechung angesagt." "Oh Scheiße! Die habe ich ganz vergessen. Danke. Bis später." "Schlaft gut. Ich bring euch zum Frühstück was gegen den Kater mit." Bevor Chris noch etwas sagen konnte, legte Carola auf. Nachdenklich nahm er die Weinflasche und die Gläser. "Fühlt man sich immer so beschissen?" "Bitte?" Chris wusste jetzt wirklich nicht, was Engin meinte. "Ich habe weder das ganze Gespräch mitbekommen, noch habe ich sie mit meinem Zwischenruf angelogen. Aber ich fühle mich absolut mies." Mit einem Schluck leerte Chris sein Glas, nahm auch Engins Glas, stellte beide in die Spüle und fing mit dem Abwasch an. Nach einigen Minuten des Schweigens nahm Chris den Faden wieder auf. "Du bist nicht der einzige, der sich so mies fühlt. Frag mich mal. Aber je weniger von meinem Geheimnis wissen, umso besser." Bevor Chris mit dem Spülen fertig war und sich ein Handtuch zum Abtrocknen nahm, stand Engin auf und half ihm. "Aber wieso? Was ist daran so schlimm, wenn auch Mike und Carola erfahren würden, dass du... du..." "Unsterblich, unverletzbar, fast schon ein Supermann bin? Oder was wolltest du sagen? Das ist doch gerade das Problem. Je mehr Leute es erfahren, um so eher besteht die Gefahr, dass einer eifersüchtig, neidisch, wie auch immer wird. Was passiert dann? Und was meinst du, was passiert, wenn erst die Wissenschaftler auf mich aufmerksam werden und mich als Versuchskaninchen benutzen?" Die wollen doch auch ewig leben, und werden mit mir die hässlichsten Experimente anstellen. "Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ist das denn schon mal passiert?" "Naja, angeblich soll die Geschichte von Frankenstein auf Experimenten mit einem Unsterblichen basieren. Allerdings ist laut Amanda alles stark verfremdet worden." Die Küche war jetzt wieder sauber und aufgeräumt und Chris nahm Engin das Handtuch aus den Fingern. "Und jetzt ist Schluss. Wir müssen noch einige Stunden schlafen. Wenn wir um neun Uhr im Büro sein wollen, dann bekommen wir wenigstens noch vier Stunden Schlaf." Engin schien noch an dem letzten Brocken zu kauen, den Chris ihm serviert hatte, denn er nickte abwesend. Er sagte auch nichts, als Chris ihm im Wohnzimmer aus zwei Matten ein Bett machte. Als Engin kurz darauf in seinem Bett lag, schaute Chris noch einmal ins Wohnzimmer. Das Licht war noch an und sein Partner starrte an die Decke. "Es hilfst nichts, wenn du dir den Kopf über meine Probleme zerbrichst. Ich denke schon zu viel darüber nach." "Ich frage mich nur, warum ich dich dazu gedrängt habe, mir alles zu erzählen. Denn mit so einem Geheimnis habe ich nicht gerechnet. Du hast mir eine große Bürde aufgehalst." "Jetzt weißt du wenigstens, warum ich so gezögert habe. Aber ich bin mir sicher, dass du mein Vertrauen nicht enttäuschen wirst... Ganz sicher. Und jetzt schlaf. Wir werden nachher schon schlimm genug aussehen." "Nacht Chris!" "Nacht Engin." Chris machte das Licht aus, bevor er das Wohnzimmer verließ, und schloss auch leise die Tür. In seinem Bett wälzte er sich von einer Seite auf die andere, bis das Klingeln des Weckers ihn erlöste.
Die vergangene Woche war genauso hektisch verlaufen, wie Chris es befürchtet hatte. Wenn er irgendwann zwischen neun und zehn Uhr abends Feierabend machte, dann war es zu spät, um noch ins Center zu gehen. Und das, wo er eigentlich auf jede Trainingsstunde angewiesen war. Um wenigstens noch etwas zu trainieren, schränkte er sein Lauftraining ein und konzentrierte sich auf den Schwertkampf. Er wiederholte alle Tricks, die ihm Adam beigebracht hatte. Besonders die Kombination rechte Hand Schwert, linke Hand Messer übte er verbissen. Auch wenn er immer noch Probleme hatte, synchron zu arbeiten, irgendwann musste er Erfolg haben. Neben den ganzen Koordinierungsarbeiten im Büro war da auch noch Helen. Helen, die garantiert dann in sein Zimmer kam - natürlich ohne anzuklopfen -, wenn Chris es garantiert nicht gebrauchen konnte. Eigentlich hatte er gedacht, dass seit dem letzten Gespräch die Fronten geklärt waren. Aber Helen war da wohl anderer Ansicht. Immer hatte sie irgendeine ganz wichtige, unheimlich dringende Sache, bei der Chris sofort seinen Kram stehen und liegen lassen musste, um ihr zu helfen. Dabei hätten Engin, Mike, Kallenbach, Carola oder Deichsel genauso gut helfen können, aber nein, immer hielt sie Chris auf. Er wusste ganz genau, dass Helen dies nur machte, um ihn zu sehen und mit ihm zur reden. Sie wollte von ihm mehr als Freundschaft, ihre Kommentare waren eindeutig genug. Aber Chris wollte nicht. Gut, gegen eine nette Nacht mit Helen hätte er nichts einzuwenden gehabt, aber da sie auf eine Beziehung aus war... Zu viele Komplikationen und zu viel Stress. Ich habe dafür keine Zeit und wenn ich wegen Eddie mit ihr Schluss mache, würde sie mir das - zu Recht - nie verzeihen. Chris fing an, Helen zu meiden; wann immer er die Möglichkeit hatte, wimmelte er sie ab und schickte sie mit ihren Fragen zu den Kollegen. Und wurde dabei immer gereizter. Dies fiel natürlich auf. Engin schüttelte nur den Kopf, wenn Chris Helen erfolgreich abgewimmelt hatte und anschließend genervt die Augen verdrehte. Doch von Mike und Carola bekam Chris einige sehr eindeutige Kommentare zu hören. Aber besser dies, als dass sie wegen Bernhard Verdacht geschöpft hätten. Das war aber nicht der Fall. Sogar die Kripo hatte sich an Bechtholds Fersen geheftet. Er war ihr Hauptverdächtiger bei Bernhards mysteriösem Verschwinden. Nicht nur, dass Bechthold urplötzlich einen neuen Wagen hatte und den alten als gestohlen meldete. Natürlich bevor die Spurensuche den Mercedes hatte untersuchen können. Den Jungs von der Konkurrenz war auch aufgefallen, dass Bechthold zwei neue Leibwächter hatte, und sie stellten nun berechtigter Weise die Frage, ob Bernhards Verschwinden, der Diebstahl des Autos, die fristlose Kündigung der Gorillas und die Tatsache, dass Bernhards Gemüsegeschäft große Gewinne machte, in einem Zusammenhang stehen würden. Die Kripo war wirklich nah dran an Bechthold. Allerdings nicht so sehr, wie sie wollten, dem hatte Chris mit einem dezenten Hinweis auf eine internationale Aktion Ende Januar - geplant war der 26. - einen Riegel vorgeschoben. Einzig der Sonntagabend war für Chris ein kleiner Lichtblick gewesen. Er war zwar auch am Wochenende im Büro gewesen, aber nicht ganz so lang wie die anderen Tage. Und Sonntagabend war Thomas zum ersten Mal seit Weihnachten auf einen Kaffee vorbeigekommen. Er hatte Chris nicht nur die Kugel aus der Schulter geholt, sondern ihn auch noch mit dem neuesten Tratsch und Klatsch aus Eddies Umfeld versorgt. Und so ganz nebenbei hatte Thomas erzählt, dass er den Heiligen Abend nicht mit Eddie verbracht hatte, weil sie sich wegen einer Kleinigkeit gestritten hatten. Thomas äußerte die Vermutung, dass es wohl eher daran lag, dass Eddie wohl an diesem Feiertag zu viele Erinnerungen mit Chris verknüpfte und deswegen einen Grund gesucht hatte, ihn, Thomas, zu vertreiben. So sehr sich Thomas auch bemühte, Chris hörte heraus, dass es ihn geschmerzt hatte. Deswegen verschwieg Chris auch den tatsächlichen Ablauf des Weihnachtsabends. Er wollte Thomas nicht noch mehr verletzen. Es musste für Thomas schlimm genug sein, dass er Eddie liebte, aber nicht sein Herz besaß. Und trösten konnte er Thomas nicht. Wie auch, wenn er derjenige war, den Eddie liebte. Chris wusste nicht genau, ob er sich als Thomas' Freund bezeichnen konnte. Chris mochte den anderen Unsterblichen. Und dieser hatte in den letzten Wochen seine misstrauisch-ablehnende Haltung abgelegt und war richtiggehend offen geworden. Es ist ein Anfang, vielleicht werden wir irgendwann Freunde. Ich mag ihn und seinen Humor. Thomas schien das ähnlich zu sehen, sonst würde er nicht einfach so vorbei kommen. Auch wenn er immer betonte, dass er dies nur tat, weil Chris' Wohnung auf heiligem Boden lag und er so sicher war.
Heute Abend war Chris mit Engin verabredet. In einem Nobelrestaurant. Schließlich wollte Engin unbedingt seine Wettschuld begleichen. Chris vermutete, dass sein Partner eine Möglichkeit suchte, mit ihm in Ruhe zu reden. Seit jener Nacht war die Arbeit über sie eingestürzt und hatte ihnen keine Möglichkeit zu einem privaten Gespräch gelassen. Selbst wenn sie in ihrem Büro waren, konnte jeden Moment Helen hereinplatzen. Engin hatte sich seit der Konfrontation mit Bechthold verändert. Er war stiller geworden, in sich gekehrt und sagte nicht mehr das, was er gerade dachte. Er ist erwachsen geworden. Fehlt nur noch, dass er graue Haare bekommt. Um Engins Mundwinkel hatte sich in dieser Woche eine neue Falte eingegraben. Sie ließ ihn reifer und härter erscheinen. Ob diese Veränderung an der Tatsache lag, dass Engin gemerkt hatte, dass er in der Lage war zu töten, oder ob Chris' Geheimnis auf ihm lastete, konnte Chris noch nicht beurteilen. Eigentlich sollte es ihm egal sein. Und doch, irgendwie war Engin für ihn - genauso wie Eddie - seine Familie und er sorgte sich um ihn. Ich habe ein Helfersyndrom. Wenn ich Amanda noch mal sehe und sie's merkt, wird sie mich mit MacLeod vergleichen. Wie Engin so kurzfristig eine Tischreservierung für das ,Dorade' bekommen hatte, war Chris schleierhaft. Der Laden war nicht nur für seine hervorragenden Fischgerichte, sondern auch für seine langen Reservierungslisten bekannt. Sie machten um sieben Uhr Feierabend und fuhren gemeinsam hin. In der Gartenstraße gab es auch noch einen freien Parkplatz. So brauchten sie nicht weit zu laufen. So schön das Restaurant auch war, Chris hasste inzwischen Gebäude mit großen Fensterfronten. Besonders wenn es dunkel war, kam er sich vor wie auf einem Präsentierteller. Als der Kellner ihm auch noch einen Platz am Fenster zuweisen wollte, da war Chris in Versuchung, sich wieder umzudrehen und zu gehen. Doch Engin zuliebe beherrschte er sich und bat um einen Platz im hinteren Teil des Restaurants, den sie auch anstandslos bekamen. Der Tisch war zwar nur drei Tischreihen von der Fensterfront entfernt, aber Chris wurde nicht mehr sofort von außen gesehen und er hatte zwei Wände im Rücken. Engin hatte die Aktion beobachtet, aber erst, als sie Platz genommen hatten, sagte er etwas dazu. "Du bist schon ein wenig paranoid?" "Wundert dich das?" Da schüttelte Engin nur den Kopf und nahm seine Speisekarte. "Inzwischen nicht mehr, aber ,Du-weißt-schon-wer' spürt dich trotzdem noch, wenn er hier auftauchen sollte." Dieser Kommentar zauberte ein Grinsen auf Chris' Lippen. Das war trotz allem typisch für seinen Partner. Und leider war der Vergleich noch nicht einmal unpassend. "Stimmt, aber hier hat er Probleme, seine Gorillas auf mich zu hetzen. Ich sitze nicht mehr auf dem Präsentierteller, wie weiter vorne." "Klar, aber glaubst du, dass ihn das wirklich hindern würde? Was meinst du, wie morgen die Schlagzeile aussehen würde, wenn er meint, hier und jetzt zuschlagen zu müssen?" Auch Chris hatte seine Speisekarte aufgeklappt, er wusste genau wie Engin, was die ,Bild' am nächsten Tag schreiben würde. "Anschlag auf ein Restaurant. Unter den Toten auch zwei Zollbeamte. Durch die Wucht der Explosion wurden die Leichen verstümmelt. War es ein Anschlag der Schutzgeldmafia? ... Und dabei bräuchten wir noch nicht mal ein Ministerium, das einen Gedächtniszauber anwendet." Chris stockte, da der Kellner an ihren Tisch kam. Diese makabere Unterhaltung war nicht für fremde Ohren bestimmt. Der allgemeine Geräuschpegel hatte bisher verhindert, dass die Nachbartische ihre fast schon gemurmelte Unterhaltung mitbekam. "Haben Sie sich schon für ein Getränk entschieden? Wir haben einige exzellente Weine, die ich Ihnen sehr empfehlen kann." Chris legte die Speisekarte beiseite und nahm die Weinkarte. "Was meinst du, Engin? Sollen wir uns eine Flasche teilen? Wenn ich die Fischkarte so sehe, dann habe ich Lust auf einen Weißwein." Auch Engin nahm die Weinkarte und studierte die verschiedenen Sorten. "Und an welchen hättest du gedacht?" "So die Ahnung hab ich auch nicht, aber der Assyrtiko von 2002 hört sich gut an. Können Sie den empfehlen?" Damit wandte Chris sich an den Kellner. "Ja, sehr sogar. Der Assyrtiko ist ein griechischer Wein, hat einen frischen Geschmack mit einer feinen Säure und sein Aroma ist sehr fruchtig." Du hast wohl die Weinkarte auswendig gelernt. Lesen, was unter dem Wein steht, kann ich auch. Auch Engin hatte gemerkt, dass der Kellner nicht wirklich Ahnung hatte. Doch er stimmte Chris' Auswahl zu. "Das hört sich gut an. Den nehmen wir." Mit einem Senken des Kopfes akzeptierte der Kellner ihre Bestellung. "Wünschen Sie auch noch einen Aperitif?" "Nein, und wir bestellen, wenn Sie uns den Wein bringen." "Wie Sie wünschen." Engin wartete, bis der Ober sie nicht mehr hören konnte. "Wow, was für eine Weinkenntnis! Ich bin beeindruckt." Die Ironie triefte aus jedem einzelnen Wort. "Du hast den Laden ausgesucht, nicht ich." Dabei griff Chris wieder zur Speisekarte und versuchte, sich für ein Gericht zu entscheiden, was bei der Auswahl gar nicht so einfach war. "Deswegen kann ich auch darüber lästern. Aber das Essen ist wirklich fantastisch." Sie unterhielten sich einige Minuten über das für und wider der einzelnen Gerichte, bis der Kellner mit dem Wein zurückkam und ihre Bestellung aufnahm. Natürlich musste Engin den Wein kosten, bevor ihre Gläser gefüllt wurden. Als der Kellner wieder weg war, trank Chris einen Schluck und genoss die harmonische Atmosphäre. Er hatte das vermisst. "Ich habe über unser letztes Gespräch nachgedacht." Das war's mit dem Frieden und der Harmonie. Konnte er nicht bis nach dem Essen warten? "Ja... Muss ich mir jetzt Sorgen machen?" Der Seufzer war zwar ein klein wenig übertrieben, aber das Ergebnis war es wert. Engins Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. "Jetzt lass mal deine Ironie. Die wirkt bei mir nicht mehr. Das müsstest du doch inzwischen wissen." "Ich weiß, aber ein Versuch war's wert." "Nicht bei mir. Damit kannst du vielleicht Amanda oder diesen Joe Dawson beeindrucken, aber mich nicht." Was will er jetzt noch wissen? Ich hab ihm schon mehr erzählt als ich eigentlich wollte. Engin schien zu merken, dass Chris allein die Erwähnung dieser Namen Bauchschmerzen bereitete. "Beruhig' dich und deinen Magen. Ich werd' dich nicht vor dem Essen nerven. Schließlich will ich dir nicht den Appetit verderben." Danke, du bist ein wahrer Freund. "Und wieso glaub ich dir das jetzt nicht?" "Weiß ich doch nicht. Vielleicht, weil ich schon die ganze letzte Woche keinen Appetit hatte. Sabine hat mich schon gefragt, was mit mir los ist." Engin spielte einen Moment mit seinem Glas. Dann sprach er weiter. "Weißt du, sie ist ein Schatz. Obwohl sie selbst sehr viele Überstunden macht, kocht sie abends für mich. Und ich... ich habe keinen Appetit. Und wenn sie mich fragt, was los ist, dann sage ich, dass mir der Stress auf der Arbeit nicht bekommt. Das Schlimmste ist, dass sie mir glaubt. Was soll ich jetzt machen?" Erwartet er wirklich ein Patentrezept von mir? Chris wusste nicht, was er antworten sollte, schließlich hatte er vor nicht allzu langer Zeit auch dieses Problem gehabt. Und eine wirkliche Lösung hatte er auch nicht gefunden. "Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Ich habe damals angefangen, Sport zu treiben. Und irgendwann ist der Körper so ausgehungert, dass er sämtliche Gewissensbisse ignoriert, und ich alles gegessen habe, was ich kriegen konnte. Aber ich glaube nicht, dass dies eine Lösung für dich ist." Ein Kopfschütteln zeigte Chris, dass Engin seine Meinung teilte. "Ich? Sport? Exzessiv? Nein danke, das ist nichts für mich." Doch bevor Chris antworten konnte, fühlte er in seinem Kopf einen fast schon vertrauten Schmerz. Scheiße verdammte. Hat man denn nie seine Ruhe. Chris atmete einmal tief ein und aus. Hochblicken würde er nicht. Er hatte keine Lust, sich zu verraten. "Was ist los, Chris? Hab ich was Falsches gesagt?" "Nein, ich habe nur plötzlich Migräne bekommen." "Oh, Scheiße!" Bevor Engin sich umdrehen konnte, legte Chris seine Hand auf Engins Arm. "Nicht, solange es nicht ,Du-weißt-schon-wer' ist, kann derjenige mich nur finden, wenn ich mich auffällig verhalte. Also blick' dich nicht um, sonst hält man dich womöglich für ,Du- weißt-schon-was'." Engin stutzte und dann verstand er, was Chris meinte. Kopfschüttelnd gab er einen Kommentar ab. "Du bist ganz schön verrückt. In so einer Situation auch noch zu scherzen." "Ich bin nicht verrückt. Sonst hättest du mich schon längst in die Klapse eingewiesen." "Glauben Sie etwa, dass Sie dorthin gehören?" Dieser Akzent. Chris hörte ihn inzwischen oft genug in seinen Albträumen, um zu wissen, wer dort neben ihrem Tisch stand. Scheiße, scheiße, scheiße! Er kann nur die letzten Sätze verstanden haben. So leise, wie wir gesprochen haben. Ganz langsam, keine hektischen Bewegungen machend, ließ Chris Engin los und drehte sich zu Bechthold. Er musterte seinen Feind. "Ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen. Eigentlich sollten Sie sechs Fuß unter der Erde liegen..." "... oder zumindest auf der Intensivstation. Ich hatte nicht gedacht, dass ich so schlecht gezielt hatte", fügte Engin hinzu. Doch Chris hatte noch eine andere Version parat, die er Bechthold unterschieben wollte. "Aber vielleicht hatten Sie ja eine kugelsichere Weste an. Da Sie recht schnell Verstärkung bekamen, konnte ich das nicht überprüfen. Ich hatte andere Prioritäten." "Glauben Sie wirklich? Sie haben doch nichts dagegen, dass ich mich einen Moment zu Ihnen setze? Nicht lange, ich bin von Geschäftspartnern eingeladen worden und ich muss mich gleich wieder um sie kümmern." Jetzt weiß ich, warum uns niemand informiert hatte, wo du Arsch heute Abend bist. Schließlich hatte Chris aus gutem Grund die Anweisung gegeben, informiert zu werden, wenn Bechthods Terminkalender sich änderte. Bechthold ließ Chris gar keine Zeit, eine Antwort zu geben, und setzte sich einfach und beugte sich zu den beiden. "Langsam verstehe ich, warum Sie unzertrennlich sind. Dieses stillschweigende Einverständnis und diese vertrauliche Art. Es hat mich nur irritiert, dass ihr Partner mit dem ungewöhnlichen Namen bei unserem ersten Zusammentreffen eine Freundin hatte. Leider hatte diese ja vor einigen Monaten einen Unfall, so dass sie mir bei euch nicht mehr weiterhelfen konnte. Aber jetzt ist mir alles klar." Was war mit Claudia? Verdammt, ich kann mich nicht genau erinnern. Ich weiß nur, dass ich sie abgehakt hatte. Doch dann lächelte Bechthold sehr anzüglich und lenkte Chris damit ab. Zu oft schon hatte dieser in seiner Zeit mit Eddie diese Blicke spüren müssen und am liebsten hätte seine Faust ihren Weg in Bechtholds Gesicht gesucht. Aber das ging nicht. Er musste sich beherrschen. "Ach, ist es das? Sie haben also einen Blick für die Feinheiten. Kein Wunder, schließlich sind Sie ein Kunstliebhaber." Aus dem Augenwinkel sah Chris, dass Engin sich zurücklehnte und versuchte, sich herauszuhalten. "Das eine bedeutet nicht, dass ich auch einen Blick für das Zwischenmenschliche habe. Aber ich werde heute Abend noch ein Rendezvous mit einem feigen Schwulen und seinem Lover haben. Und ich habe heute Nachmittag einige Aufnahmen von ihm bekommen, auf denen er sich genau so verhalten hat wie Sie gerade eben. Und da habe ich eins und eins zusammengezählt." Bechtholds Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, aber es erreichte nicht seine Augen. "Der Gute weiß nur noch nichts von seinem Glück. Schließlich hat er nicht mitbekommen, dass ich ihn beobachten lasse. Eigentlich ist er es gar nicht wert, dass ich mich um ihn kümmere, aber ich habe noch eine alte Rechnung mit ihm zu begleichen. Es wird sicher eine böse Überraschung für ihn werden, wenn er von seinem Fitnesscenter nach Hause kommt und eine heiße und innige Begegnung mit Gesse haben wird. Und dann gehören die beiden mir." Fast schon entschuldigend zuckte Bechthold mit seinen Achseln. "Irgendwoher muss ich ja meine Befriedigung bekommen, wenn Sie mir ständig entwischen. Manchmal frage ich mich, ob Sie wirklich so unwissend oder einfach nur ein begnadeter Schauspieler sind." Die Leitung war nicht lang. Fast sofort begriff Chris, auf wen Bechthold da anspielte. Er konnte es einfach nicht glauben. Bechthold hatte Thomas aufgespürt und wollte ihn und Eddie umbringen. Nicht Eddie! Alles nur das nicht! Bleib' ruhig, Chris, reg' dich nicht auf, sonst merkt er noch was. Bei dem Chaos, das in Chris' Kopf herrschte, brauchte er sich keine Mühe zu geben, um zu schauspielern, damit er verwirrt aussah. "Aber so wie Sie mich jetzt ansehen, das kann man nicht schauspielern. Wissen Sie, wenn ich nicht mit meinen Geschäftsfreunden essen müsste, dann... aber ich habe schon zu viel Zeit bei Ihnen verbracht." Ich muss Zeit schinden. Irgendwie. Bevor Bechthold aufstehen konnte, legte Chris eine Hand auf seinen Arm. Auch wenn ihm dabei eine Gänsehaut über den Rücken lief. "Was wollen Sie eigentlich von mir? Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen, wenn ich weiß, warum Sie diesen Zirkus veranstalten." "Ich will mit Ihnen kämpfen. Auf Leben und Tod. Sie scheinen ein angemessener Gegner zu sein und das reizt mich. Heutzutage gibt es nur wenige Menschen, die das gewisse Ewas haben." Nette Umschreibung für ,Du bist auch unsterblich'. "Ah, angemessen nennt man das." Chris sagte nichts mehr, nahm seine Hand von Bechtholds Arm, hob das Weinglas, trank einen Schluck und wartete, bis Bechthold sich erhob. Erst dann ließ er die Bombe platzen. Seine Stimme war genau so leise wie schon den ganzen Abend. Doch jetzt hatte sie noch einen harten und bestimmten Unterton, der nicht zu überhören war. "Wenn Sie wirklich Interesse haben... Ich werde um zehn Uhr im Palmengarten auf Sie warten. Alleine. Vorausgesetzt, Sie haben den Mut, sich mit mir zu messen, ohne dass Ihre Gorillas nachhelfen." Bechthold drehte sich um und musterte Chris. Die Überraschung war ihm deutlich anzusehen. Und von Engin hörte Chris einige hektische Atemzüge. "Der Palmengarten ist groß." "Die Steppenwiese dürfte klein genug sein, dass wir uns nicht verfehlen. Und? Sind Sie wirklich daran interessiert? Oder haben Sie nur geblufft?" "Wenn Sie mir jetzt sagen, an welche Waffen Sie gedacht haben. Ja, ich bin dabei." Wenn Chris jetzt das Schwert vorschlagen würde, dann würde er sich verraten. "Ich habe die Zeit und den Ort bestimmt, also haben Sie die Waffenwahl. Aber bitte keine, die viel Lärm machen. Ich habe keine Lust, plötzlich mit dem Sicherheitsdienst konfrontiert zu werden." "Das will ich auch nicht. Sie haben doch letzte Woche mein Schwert mitgenommen. Haben Sie es noch?" Chris wusste ganz genau, was Bechthold wollte, und nickte. "Gut. Hervorragend. Dann wähle ich Schwerter als Waffe. Sind Sie einverstanden?" Bevor Chris antworten konnte, kam der Kellner und brachte die Vorspeise. Hatte sich Chris noch vor wenigen Minuten auf die Scampi gefreut, so hatte er jetzt das Gefühl, dass ihm die Henkersmahlzeit gebracht wurde. Chris wartete, bis sie wieder unter sich waren, bevor er weitersprach. "Sie scheinen geradezu einen Schwerttick zu haben. Aber meinetwegen. Um zehn Uhr. Nur wir zwei. Seh' ich einen ihrer Schoßhündchen, dann hat sich die Vereinbarung erledigt. Palmengarten an der Steppenwiese. Mit... Schwertern." Mit einem Kopfschütteln wollte Chris deutlich machen, wie seltsam die Wahl der Waffen für ihn war. Dann reichte er Bechthold die Hand. Der Heilige Abend hatte Chris gezeigt, wie wichtig der Handschlag für diesen Mann war. Deswegen wollte er auf Nummer sicher gehen. Der andere Unsterbliche zögerte einen Moment und blickte auf Chris' ausgestreckten Arm. Dann schlug er ein. "Einverstanden. Wenn ich gewusst hätte, dass man mit Ihnen reden kann..." "... dann hätten Sie den Umweg über Bernhard nicht gemacht. Ja, das kann ich verstehen." "Apropos. Wie geht es dem Jungen eigentlich." "Gut, sehr gut." Bechthold schien noch etwas sagen zu wollen. Doch dann wurde er gerufen. Chris hob den Kopf und sah, dass es Gesse war. "Sie sollten sich besser um Ihre Geschäftspartner kümmern. Wir sehen uns später." "Ja, das werden wir." Damit drehte Bechthold sich um, ging zu seinem Tisch am anderen Ende des Raums und widmete sich seiner Begleitung. "Was soll das jetzt..." Doch Chris achtete nicht weiter auf Engin. Er stand auf und ging auf die Toilette. Den Drang zu laufen konnte er gerade eben noch unterdrücken. Engin hatte ihn eingeholt, als Chris seine Handgelenke unter dem Wasserstrahl kühlte. Dabei versuchte er, seine Gedanken wieder in geordnete Bahnen zu lenken, um einen Plan zu entwickeln. Er musste seine Gefühle wieder unter Kontrolle bekommen, sonst war er verloren. Chris schloss seine Augen uns konzentrierte sich auf seine Meditationsübungen. Erstaunlicher Weise wirkte es fast sofort. Dabei konnte Chris Engins Präsenz spüren. Zuerst blieb sein Partner hinter Chris stehen und schwieg. Dafür war er ihm sehr dankbar. Auch schienen sie die einzigen zu sein, die auf der Toilette waren. Doch Engin ging wohl auf Nummer sicher, dass auch wirklich niemand ihr Gespräch mithören konnte, denn Chris hörte, wie er sich umdrehte und die Toilettenkabinen überprüfte. Danach hörte Chris Engins Stimme hinter sich. "Immer dann, wenn ich das Gefühl habe, dich zu verstehen, dann überraschst du mich wieder. Warum bist du auf die Herausforderung eingegangen?" Chris öffnete seine Augen und sah seinen Partner an. Engin hatte sich neben dem Waschbecken an die Wand gelehnt und beobachtete den Eingang. Vor Kälte waren seine Finger fast weiß geworden, doch Chris hatte es nicht gemerkt. Er drehte den Wasserhahn ab und trocknete sich die Hände ab. "Weißt du, wer der feige Schwule und sein Lover sind?" Dabei drehte er sich zu Engin um. Dieser setzte zu einer Antwort an, stutzte aber, als er Chris' Gesichtsausdruck sah. Dann schien er zu verstehen. "Sag nicht, dass-" "Doch, Eddie hat wirklich einen ganz besonderen Geschmack, in allen Dingen." Es dauerte einige Sekunden, bis Engin seinen Mund wieder schloss. "Und woher weißt du, dass Thomas..." Du stehst wirklich auf'm Schlauch, mein Freund. "Wie du dich vielleicht erinnern kannst, hatte mich Mike im November gebeten, mich ein wenig um Eddies Neuen zu ,kümmern'. Und dabei habe ich halt herausgefunden, was mit ihm los ist, und dass dies wahrscheinlich der Grund ist, warum Mike ihm nicht traut." "Er ist also schon etwas länger im Geschäft." "Kann man wohl sagen." Auf Engins Blick schüttelte Chris den Kopf. "Frage niemals einen von uns nach seinem wahren Alter. Du wirst keine Antwort bekommen." "Noch so ein ungeschriebenes Gesetz?" "Ja, so ungefähr." Chris betrachtete sich einen Moment im Spiegel, dann fiel ihm noch etwas ein. "Sag mal, was hat Bechthold da von Claudia erzählt? Habe ich da irgendetwas verpasst?" "Ja, ich hab' dir Ende September ein Memo geschickt, weil sie ja auch irgendwie in den Fall verwickelt war. Sie ist doch auf eine ganz blöde Art und Weise bei einem Autounfall gestorben. Es gab genügend Zeugen und so, wie es passiert ist, war es absolut typisch für sie." Stimmt, ich wollte sie für den Darwin-Award vorschlagen.
"Ich hatte mich damals gewundert, dass du nicht mit mir darüber geredet hattest." Darauf zuckte Engin mit den Schultern. "Was gab' es darüber groß zu bereden. Die Beziehung war vorbei und sie war tot. Und doch hat es irgendwie weh' getan, so dass ich einfach nicht in der Stimmung war, darüber zu reden. Aber inzwischen habe ich es verdaut und es ist egal." Engin schien auch heute nicht weiter darüber sprechen zu wollen. Stattdessen wechselte er das Thema. "Und was machen wir jetzt?" "Essen. Es wäre eine Schande, diese leckeren Sachen wieder zurückgehen zu lassen. Und mit etwas im Magen kämpft es sich leichter." "Und dann? Wie geht es weiter?" "Das kann ich dir noch nicht sagen. Aber vielleicht fällt mir ja gleich was ein. Und jetzt lass uns zurück gegen, sonst denken die wirklich noch, dass wir ein Paar wären." "Du spinnst. Wie kannst du nur in so einer Situation essen?" "Ich muss." Chris hatte schon die Tür geöffnet und drehte sich noch mal um. "Und außerdem lenkt es ab." Seufzend stieß sich Engin von der Wand ab und folgte Chris.
Wieder im Speisesaal hätte sich Chris am liebsten für seine eigene Dummheit in den Allerwertesten getreten. Auch wenn die Observation vorrangig das Ziel hatte, Bechthold nicht aus den Augen zu lassen, es würde die Jungs schon interessieren, mit wem dieser gesprochen hatte. Und ich Esel bin danach auch noch aufgestanden. Hoffentlich war gerade der Pizzabote an ihrem Auto und sie haben's nicht gesehen. Schweigend setzte er sich hin und versuchte zu essen. Er musste nicht nur Bechthold in wenigen Stunden gegenübertreten. Nein, er musste auch noch Thomas und Eddie aus der Schusslinie bringen und dafür sorgen, dass Bechthold sämtliche Beobachter abhängte. Und die Scampi sind kalt. Ich mag keinen kalten Fisch. Nach zwei Bissen schob er den Teller zur Seite. Engin hatte gar nicht erst seine Fischsuppe probiert. Er rührte nur mit dem Löffel in der Suppentasse. Er schien zu spüren, dass Chris ihn musterte und blickte hoch. "Eigentlich solltest du doch froh sein, dass du keinen Appetit hast, Engin. Einfacher kannst du nicht abnehmen, auch wenn du gerade dein Geld zum Fenster rauswirfst." Chris war sich bewusst, dass der Kommentar nicht nett war, aber irgendwie musste er Dampf ablassen. Und Engin war dafür das passende Opfer. "Danke, du bist mal wieder sehr mitfühlend. Und ich überlege gerade, wie ich dir schonend beibringe, dass Kallenbach und Deichsel heute Nachtschicht haben werden." Den Löffel hielt Engin fast schon drohend in Chris' Richtung, aber sein Tonfall war nicht wirklich verärgert. Eher verständnisvoll. "Das ist mir auch schon eingefallen, schließlich habe ich den Schichtplan gemacht. Und ich Idiot bin eben auch noch aufgesprungen, gerade als Bechthold von uns weggegangen ist. Wenn Schneider und Richter nicht komplett blind gewesen sind, dann habe ich morgen früh die Mordkommission am Hals." "Ich glaube nicht, dass sie uns gesehen haben. Schräg gegenüber ist 'ne Pommesbude. Die werden sich auch den Magen voll schlagen. Schließlich wissen sie, mit wem Bechthold rein gegangen ist. Im Moment müssen die doch nur darauf achten, dass er ihnen nicht abhaut." "Dann ruf ich die zwei mal an und frag sie, wo sie sind. Wenn sie uns gesehen haben, dann muss ich das Treffen mit Bechthold verschieben und mich erst mal drum kümmern, Eddie und Thomas aus der Schusslinie zu bringen." Engin wollte antworten, aber Chris stoppte ihn, weil der Kellner im Anflug war. Er bediente zwar nur am Nachbartisch, hätte aber mithören können. Als er wieder weg war, nahm Engin den Faden auf. "Sag mal, reicht es nicht, wenn du Thomas einfach anrufst? Der ist doch alt genug, um zu wissen, was es bedeutet, wenn sich Bechthold an seine Fersen geheftet hat." "Man hat ihm letzte Woche sein Handy geklaut. Im Fitnesscenter rufen die niemanden ans Telefon und was meinst du, was los ist, wenn ich Eddie anrufe und ihm bitte, Thomas etwas auszurichten?" "Oh!" Dann realisierte Engin, was Chris gerade gesagt hatte. "Ein Moment, woher weißt du, dass sein Handy geklaut ist? Du hast doch gesagt, dass du im November auf Mikes Wunsch-" "Stimmt, aber wir verstehen uns ganz gut und können voneinander lernen. Wir treffen uns in unregelmäßigen Abständen." Engins Blick verriet Chris alles. Er fragte sich, wie viele Geheimnisse Chris noch in Petto hatte, schwieg aber dazu. Er wendete sich wieder dem aktuellen Problem zu. "Und wie geht es jetzt weiter?" "Ich rufe jetzt Schneider an. Und danach entscheide ich." Chris nahm sein Handy und wählte Schneiders Nummer. Engins Vermutung bestätigte sich. Sie saßen in der Pommesbude gegenüber und hatten nichts von dem mitbekommen, was sich im Restaurant abgespielt hatte. Sie hatten nur den Eingang im Auge behalten. Erleichtert legte Chris kurz darauf auf. "Du hattest Recht, Engin. Ein Problem weniger. Kannst du dich um Eddie und Thomas kümmern? "Wie das?" "Wenn Gesse nachher den Laden verlässt, dann folgst du ihm und schaltest ihn aus. So, dass er nicht mitbekommt, dass du es bist. Ich weiß, dass ich viel von dir verlange, aber ich weiß nicht, wie ich das alles zeitlich unter einen Hut bekommen soll." "Mach dir darüber keine Sorgen. Mit Gesse werde ich fertig. Und ich habe vor, ihm eine dicke fette Beule zu verpassen. Ich werde nicht noch einmal töten. Wie geht's weiter?" Engin bemühte sich, sehr leise zu sprechen. Chris musste sich vorbeugen, um ihn verstehen zu können. Ich hab dich gar nicht verdient. "Anschließend fährst du zu Eddies Wohnung und wartest auf Thomas. Dir wird er öffnen. Wenn Thomas da ist, richtest du ihm schöne Grüße von mir aus und sag ihm, dass Bechthold auf seiner Spur ist. Er weiß schon, was er dann zu tun hat." "Und was mache ich anschließend?" "Du bringst Eddie in Sicherheit. Fürs erste in meine Wohnung. Ich geb' dir meine Schlüssel und meld' mich anschließend. Falls ich..." Chris schluckte, es fiel ihm schwer weiterzureden. "Falls ich nicht zurückkehren sollte, dann sorg' dafür, dass er solange abtaucht, bis die offizielle Show gelaufen ist. Scheißegal, wo Bechthold in dem Moment steckt." "Ist das nicht eigentlich Thomas' Job?" Wie sollte Chris Engin begreiflich machen, dass Thomas in anderen Maßstäben dachte. So sehr dieser auch Eddie liebte, Chris ging davon aus, dass Thomas erst sich in Sicherheit brachte und dann irgendwann an Eddie denken würde. Für Eddie ist es auch besser so. "Ich bezweifle, dass Eddie in seiner Nähe sicher wäre. Und außerdem wird Thomas schneller das Land verlassen als du Piep sagen kannst. Glaubst du, dass Eddie freiwillig seine Werkstatt aufgibt?" "Ich wage es zu bezweifeln. Aber was ist mit dir? Wer kümmert sich im Palmengarten um dich? Du brauchst doch jemanden, der dir den Rücken freihält." Da konnte Chris nur den Kopf schütteln. Mit einer Antwort musste er allerdings warten, denn der Kellner kam und räumte mit einem Stirnrunzeln die fast vollen Teller ab, sagte aber nichts. "Bechthold ist auf seine Art und Weise ein Ehrenmann und wird alleine kommen. Und du hältst mir den Rücken am besten frei, indem du dafür sorgst, dass Eddie in Sicherheit ist. Ich hoffe, du verstehst mich." "Verstehen ist anders. Aber ich mach's. Und was ist mit Bechtholds Eskorte, von der er gar nichts weiß? Wenn Kallenbach herausfindet, was läuft, dann wird er auch dafür sorgen, dass du lebenslänglich bekommst." "Ich weiß, noch ist mir nichts Vernünftiges eingefallen. Bechthold über seinen Anhang zu informieren, ist keine wirklich gute Idee, aber wenn mir nichts anderes einfällt, dann werde ich's machen." Den Wein, den Engin trinken wollte, hustete er aus. Als er sich beruhigt hatte, machte er Chris' Vorwürfe. "Du bist verrückt! Damit gefährdest du die ganze Aktion. Der wird sich doch absetzen, falls er dich überlebt." Stimmt, aber er denkt, dass du mich rächen wirst. Und er hält dich für verdammt gut. Der Seitenblick, mit dem Bechthold Engin gemustert hatte, war Chris nicht entgangen. "Und was wird er machen, wenn er mich besiegen sollte, und nichts davon weiß?" "Hmm, versuchen, Thomas auch noch zu erledigen. Und wenn er wirklich glaubt, dass wir beide was miteinander haben, dann hat er ein Problem, weil er denkt, dass ich seinen Kopf haben will. Und von mir hat er keine Adresse. Also wird er Frankfurt verlassen und warten, bis Gras über die Sache gewachsen ist." "Yeep! Und wo ist der Unterschied?" "Chris, du bist ein Arschloch." "Für dich doch immer. Und außerdem, Bechthold weiß, dass gegen ihn wegen Bernhard ermittelt wird. Soll er doch denken, dass er beschattet wird, weil die Kripo denkt, dass er den Jungen entführt hat." Da konnte Engin nur noch nicken. Als der Kellner mit dem Hauptgericht - Dorade im Salzteig für zwei Personen - kam, bestellte Chris Wasser. Weder er noch Engin konnten es sich jetzt leisten, Alkohol zu trinken. So lecker das Essen auch roch. Es kostete Chris einiges an Überwindung zu essen. Aber er brauchte eine Grundlage für den restlichen Abend. Nichts war schlimmer, als mit knurrendem Magen zu kämpfen.
Chris war sich sicher, dass Bechthold in der Nähe der Steppenwiese auf ihn wartete. In der Nähe von Bechtholds Wagen, den Chris gesucht und in der Sismeyerstrasse gefunden hatte, konnte er nichts Verdächtiges entdecken. Weder Schneiders Audi noch Kallenbachs VW waren dort. Auch von den Beobachtern hatte er noch nichts gesehen. Doch Chris wartete noch, bevor er selbst in den Palmengarten ging. Zum einen hatte Engin noch nicht angerufen und Chris musste auch noch auf Nummer sicher gehen, dass niemand Bechthold gefolgt war. Weder einer seiner Bodyguards, noch einer aus dem Observationsteam. Es könnte fatale Folgen für Chris haben, falls irgendjemand mitbekam, was jetzt passieren würde. Dass die Wagen nicht da waren, reichte ihm nicht als Beweis, dass er den Rücken freihatte. Ich hab' keine Lust, die nächsten Jahre im Knast zu verbringen Er fuhr an dem Mercedes vorbei und suchte sich zwei Straßen weiter einen Parkplatz. Er hatte die Hand schon am Türgriff, als sein Handy klingelte. Zuerst dachte er, dass es Engin wäre, doch es war die Nummer von Kallenbach. Entsprechend kurzangebunden meldete er sich. "Schwenk hier!" "Hallo! Hier ist Kallenbach. Ich wollte dir mitteilen, dass Schneider und Richter kurz vor dem Schichtwechsel Bechtholds Wagen verloren haben." Ich habe nichts anderes erwartet. Bechthold, du bist gut. Doch das konnte Chris nicht laut äußern. "Und wo haben sie ihn verloren?" "Frag' besser wie." Chris wusste ganz genau, was Kallenbach andeutete, stellte sich aber dumm. "Kallenbach! Lass das Theater, erzähl' einfach, was passiert ist." "Bechthold muss gewusst haben, dass er verfolgt wurde. Ich befürchte, dass er irgendwie auf Schneider und Richter aufmerksam geworden ist. Jedenfalls hat er sich nach Verlassen eines Restaurants von Gesse und seiner Begleitung verabschiedet und ist alleine weggefahren. Er im vorderen Wagen und Gesse folgte mit einem anderen Auto. Und bei der ersten Ampel ist Bechthold bei Rot durchgefahren, während Gesse stehengeblieben ist. Und damit hatte Richter die Arschkarte. So lange, wie wir ihn schon beobachten, ist es ein Wunder, dass er uns nicht schon früher bemerkt hat." Und du rufst jetzt an, weil du ganz genau weißt, wie sehr ich mich darüber ärgere. Du bist der letzte Arsch. Doch Chris wusste auch ganz genau, dass es keinen Zweck hatte, Kallenbach deswegen zur Schnecke zu machen. Ändern würde der sich nicht. Deswegen tat er Kallenbach den Gefallen und gab vor, sich über diese Informationen aufzuregen. "Scheiße! Mist verfluchter! Das passiert in der letzten Zeit viel zu oft." "Da hast du Recht. An deiner Stelle würde ich darüber nachdenken, den Zugriff früher zu starten." Ich weiß, wie ich meinen Job machen muss. Danke für den Tipp. "Das brauchst du mir nicht zu sagen. Das erzähl' ich den andern schon seit dem Vorfall mit Neuendorf. Aber die wollen ja nicht hören. Was habt ihr unternommen?" Kallenbach ratterte alle Punkte runter, die in diesem Fall vorgesehen waren, doch er hatte keine Eigeninitiative gezeigt und irgendeine neue Idee gehabt, wie man Bechthold finden konnte. Deswegen war nichts dabei, was Chris gefährden konnte. Er beendete das Gespräch, stieg aus seinem Auto, nahm sein Schwert aus dem Kofferraum und ging zum Palmengarten. Noch hatte er keine Zeit gefunden, sich einen neuen Mantel zu kaufen. Und einen Schwertgurt hatte er nicht. So musste er die blanke Waffe offen in der Hand tragen. Auch wenn es dunkel war, ein seltsames Gefühl hatte er schon dabei und hielt sich auf dem Weg zur Grünanlage möglichst im Schatten. Eigentlich hatte Chris damit gerechnet, dass er Angst vor seinem ersten Kampf empfinden würde. Doch er spürte eher eine gewisse Erleichterung, dass diese Ungewissheit bald vorbei sein würde. Gleich weiß ich, ob ich gut genug bin. Ach verdammt, ich bin gut genug! Da der Palmengarten um diese Uhrzeit geschlossen war, musste Chris über einen Zaun klettern, um hinein zu kommen. Kein leichtes Unterfangen mit einem Schwert in der Hand. Bei dem Wetter, es war kalt und vereinzelt fielen Schneeflocken vom Himmel, hatten auch jugendliche Randalierer keine Lust, sich in den Palmengarten zu schleichen - es war alles ruhig und verlassen. Chris wusste aber, dass der Sicherheitsdienst regelmäßig seine Runden drehte, um zu verhindern, dass die Kids die Scheiben der Gewächshäuser einschlugen. Aber er konnte nicht sagen, wann sie ihre Kontrollgänge machten und in die Nähe der Steppenwiese kamen. So machte er einen Gang durch die Anlage, um einen Überblick zu bekommen. Chris hielt sich im Schatten, um nicht gesehen zu werden. Zwanzig Minuten später hatte er einen ersten Eindruck. Bechthold war an der Steppenwiese, weit und breit kein Bodyguard in der Nähe und der Sicherheitsdienst saß in seinem Aufenthaltsraum, der am anderen Ende des Parks war, und trank Kaffee. Jetzt fehlte nur noch eine Nachricht von Engin und er konnte Bechthold entgegentreten. Ohne das Wissen, dass Eddie in Sicherheit war, hatte Chris einfach nicht die nötige Ruhe für den Kampf. So schlich er weiter um die Steppenwiese. Immer darauf bedacht, Bechthold nicht aus den Augen zu verlieren und trotzdem außer Reichweite zu bleiben. Bechthold tat ihm natürlich nicht den Gefallen tat, einfach nur mitten auf der Steppenwiese auf ihn zu warten, sondern blieb auch in Bewegung. Aber Chris war schon dankbar, dass der Russe nicht einfach aufgab und ging. Schließlich ließ er ihn schon seit einer halben Stunde warten. Erschwerend kam hinzu, dass die einzige Beleuchtung des Geländes die Lampen eines Gewächshauses waren, das in der Nähe stand. Bechthold war nur ein dunkler Schatten in der Nacht. Mit viel Konzentration konnte Chris auch Bewegungen erkennen. Fast schon zu wenig für einen Kampf. Aber nur fast. Endlich vibrierte sein Handy. Chris nahm es aus der Hosentasche und las die Mitteilung, die Engin geschickt hatte. ,Ich bin vor deiner Wohnung! Wo steckst du? Wir wollten doch noch ein Bier trinken.' Du lernst schnell. Selbst wenn Chris durch einen dummen Zufall auffliegen und man das Handy überprüfen würde, niemand konnte anhand dieser Nachricht vermuten, dass Engin eingeweiht war. Aber dazu würde es nicht kommen. Mit einem grimmigen Lächeln löschte Chris die Nachricht, schaltete sein Handy aus, steckte es in die Hosentasche und ging auf die Steppenwiese. Schon nach wenigen Metern fühlte er Bechtholds Präsenz. Ganz bewusst rieb sich Chris die Stirn, so dass sein Gegner es sehen konnte, als sie sich gegenüberstanden. "Ach, haben Sie schon wieder Kopfschmerzen? Ist das der Grund für Ihre Verspätung?" Bechthold hatte es wohl als Provokation gedacht. Schließlich wusste er, woher die Schmerzen kamen. "Ja, die hab' ich. Und irgendwie bezweifle ich inzwischen, dass es Zufall ist. Was soll das bedeuten? Wie schaffen Sie es, mich so zu beeinflussen?" "Ihre Kopfschmerzen sind der wahre Grund, warum ich mit Ihnen kämpfen will. Es zeigt, dass wir von derselben Art sind." "Und ich kann mich selbst am besten verarschen. Tolle Story, haben Sie noch mehr davon auf Lager?" Es war zu dunkel, um eine Regung in Bechtholds Gesicht zu erkennen, aber Chris war sich sicher, dass dieser hämisch grinste. Abwehrend hielt Chris sein Schwert hoch. Er wollte nicht von seinem Gegner überrascht werden. Er hatte ganz bewusst sein eigenes und nicht Bechtholds Waffe mitgebracht. Es war so dunkel, dass Bechthold nicht erkennen würde, was für ein Schwert er dort hielt, und diese Waffe lag nun mal besser in der Hand als alle anderen Schwerter, mit denen Chris bisher trainiert hatte. Ich sollte ihr doch einen Namen geben. Amanda hatte Recht. Aber das mach' ich nach dem Kampf. "Ahhh, Sie haben sich an unsere Vereinbarung gehalten und das Schwert mitgebracht. Können Sie eigentlich damit umgehen?" "Das fällt Ihnen ja früh ein. Aber seien Sie unbesorgt, ich mache seit einigen Jahren asiatischen Kampfsport. Dazu gehören auch Schwertkampfkurse. Ganz so einfach können Sie mir Ihr Schwert nicht in die Brust rammen. Ich weiß mich zu wehren." Und meinen Kopf bekommst du schon mal gar nicht. Ich habe noch ein paar andere Überraschungen für dich. Jetzt lachte Bechthold leise. "Ich wusste schon, warum ich Sie als Gegner haben wollte. Sie sind wirklich eine Herausforderung. Ich bereue nicht, mein Programm für heute Nacht geändert zu haben." Und wenn du das ernst meinst, dann fress' ich 'nen Besen. "Ich fühle mich sehr geschmeichelt." Sie hatten begonnen, sich langsam zu umkreisen. Bechthold war scheinbar auf der Suche nach einem Angriffspunkt. Chris wusste, dass er nur einen einzigen Versuch hatte, Bechthold zu überlisten. Wenn er es nicht sofort schaffte, Bechthold zu töten oder mindestens schwer zu verletzen, war seine ganze Tarnung aufgeflogen und er hatte im Kampf keinen Vorteil mehr. Ganz im Gegenteil, Bechthold würde sehr misstrauisch sein. "Ja, schließlich erweise ich nicht jedem die Ehre, ihn persönlich umzubringen. Sie sind etwas Besonderes." Ja, sonst macht Gesse die schmutzigen Jobs. "Stimmt, Sie sind sich ja sonst zu fein, sich die Finger dreckig zu machen. Wie fühlten Sie sich eigentlich letzte Woche, als mein Partner eingegriffen hat und Sie am Boden lagen? Muss doch sehr deprimierend gewesen sein. Schließlich lagen Sie im Dreck und nicht ich." "An Ihrer Stelle wäre ich mit dem, was Sie sagen, vorsichtig. Denn sonst töte ich Sie langsam und qualvoll." Doch der stärkere Akzent in Bechtholds Stimme verriet Chris, dass dieser sich über den Kommentar ärgerte. So legte er noch einmal nach. "Was ist eigentlich mit Ihren Leibwächtern passiert? Sie hatten Ihnen durch ihr Auftauchen das Leben gerettet. Aber ich hab' sie heute nicht gesehen. Haben sie Urlaub?" "Glauben Sie wirklich, dass Sie mich damit provozieren können? Da kennen Sie mich schlecht." Aber in dem Moment, als Bechthold die letzten Worte aussprach, griff er an. Es war ein verdeckter Schlag, der auf Chris' rechten Unterschenkel zielte. Chris erkannte die Bewegung im letzten Moment, parierte und ließ den Hieb an seinem Schwert abgleiten. Gleichzeitig bewegte er sich zur Seite und vorwärts, so dass er neben Bechtholds ungeschützter rechter Seite stand, bevor dieser sein Schwert wieder in Position bringen konnte. Mit seiner Klinge konnte er Bechthold leider nicht erwischen, das hätte zuviel Zeit gekostet. So stieß er mit voller Kraft den Knauf des Schwertes in dessen Rippen. Ein hässliches Geräusch war die Antwort. Dieses Knacken hatte Chris bisher immer nur dann gehört, wenn Adam seine Rippen brach. Aber dieses Mal war es Bechthold, den es erwischt hatte. Und so wie es sich anhörte, hatte Chris mindestens zwei Knochen gebrochen. Tja, nicht immer ist die scharfe Seite die gefährlichere. Er wollte direkt nachsetzen und Bechthold an der Schulter treffen, aber dieser war trotz seiner Verletzung schneller und wich mehrere Meter zurück. Die Klingen berührten sich nicht einmal. Als Chris wieder aufgeschlossen hatte, hatte Bechthold das Schwert in Verteidigungshaltung erhoben. "Wer hat Ihnen denn diesen Trick beigebracht? Kaum zu glauben, dass es ein Asiate war." "Nicht nur Asiaten geben Kampfsportunterricht." Doch Chris hatte nicht vor, Bechthold Zeit zu geben, indem er mit ihm diskutierte. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass Rippen recht schnell heilten. So griff er an. Nicht mit seiner ganzen Kraft und auch nur den Techniken, die er im Kampfsportcenter gelernt hatte. Schließlich hatte er eine Rolle zu spielen. Bechthold schien zwar zu zweifeln, aber Chris hoffte, dass er unvorsichtig wurde. Wie erwartet war Bechthold in der Lage, alle Schläge zu parieren. Doch er ging dabei rückwärts. Es war so laut. Jedes Mal, wenn die Schwerter sich berührten, gab es ein klirrendes Geräusch. Chris war es früher nie so aufgefallen. Hoffentlich hat der Sicherheitsdienst den Fernseher laut aufgedreht. Revolver sind leise im Vergleich zu dem Krach, den wir hier veranstalten. Im Gegensatz zu den Katakomben gab es im Palmengarten keine Mauer und auch keinen Zaun, der Bechthold irgendwann aufhalten würde. So hatte Chris keine Chance, ihn die Enge zu treiben. Wenn Bechthold im angeschlagenen Zustand schon in der Lage war, sämtliche Schläge zu parieren, was würde erst passieren, wenn seine Verletzung wieder verheilt war? Auch wenn Chris noch einige Tricks in Reserve hatte, sie kämpften eigentlich schon viel zu lange. Wenn nicht ganz schnell ein Wunder geschehen würde, war Bechtholds Wunde verheilt und dann hätte er einen mehr als nur schweren Stand. Als dieser Gedanke in ihm hochstieg, verdrängte Chris ihn ganz schnell. Ich werde gewinnen und ich werde zu Eddie zurückgehen. Das einzige Hindernis ist Bechthold, also muss ich es beseitigen. Es ist Zeit, etwas tiefer in die Trickkiste zu greifen. Als wäre er durch diese Angriffsserie erschöpft, wurde Chris in seinen Bewegungen langsamer. Nicht viel, aber genug, dass Bechhold es bemerken musste. Das tat er auch. Nach einem der nächsten Angriffe blockte er nun nicht mehr ab, sondern ging seinerseits dazu über, Chris zu attackieren. Als die Schwerter direkt neben Chris' Ohr aufeinander prallten, da entstand ein hoher, fast sirrender Ton, der ihm durch Mark und Bein fuhr. Weder Adams noch Amandas Schwerter hatten sich jemals so angehört. Aber Chris ignorierte es und konzentrierte sich auf Bechthold. Dieser bewegte sich fließend und elegant, berücksichtigte aber nicht, dass er selber durch die Verletzung noch recht langsam war. Ja, so ist brav. Erwisch' ich dich nicht im fairen Kampf, so hat mir Adam doch noch genügend miese Tricks beigebracht. Zwei Minuten später standen sie fast wieder an der Stelle, wo sie den Kampf begonnen hatten. Und Chris war darauf bedacht, heftig zu atmen, als ob er erschöpft wäre. Auch Bechthold hatte Probleme, genügend Luft zu bekommen. Scheinbar hatte sich eine Rippe in seine Lunge gebohrt. "Ich habe Sie... unterschätzt, Chris. Sie sind ein sehr... guter Schauspieler, aber im Kampf... müssen Sie noch einiges lernen. Wer sind Sie wirklich?" "Erwarten... Sie wirklich... eine Antwort?" Chris bemühte sich, genauso atemlos zu klingen wie Bechthold. Ein leises Lachen war Bechtholds Reaktion. "Nicht wirklich, aber so wie Sie... kämpfen, ist das nicht... Ihr erster Kampf um Ihren Kopf... Aber beruhigen Sie... sich, es wird garantiert Ihr letzter." "Sie erlauben, dass ich anderer Meinung bin." "Sicher, aber das wird am Ergebnis nichts ändern." Innerlich hatte sich Chris schon darauf vorbereitet. Und als Bechthold während seiner letzten Worte wieder zum Angriff überging, da wurde Chris nicht überrascht, sondern war ein klein wenig schneller. Schneller, als seine letzten Reaktionen und sein hektisches Atmen erwarten ließen. Zudem war er nicht zurückgewichen, wie Bechthold wohl kalkuliert hatte, sondern war in seinen Angriff hineingesprungen. Mit einem Messer, das er plötzlich in seiner Linken hielt. Dabei deckte er seinen Körper mit dem Schwert. Bechtholds Schwert prallte in Höhe der rechten Brust an Chris' Klinge ab, rutschte nach unten und hinterließ einen Schnitt am Schienbein. Tief konnte er nicht sein. Chris' Adrenalinspiegel war so hoch, dass er die Verletzung gar nicht richtig mitbekommen hatte. Sie schmerzte noch nicht einmal. Viel wichtiger war ihm, dass sein Messer sein Ziel nicht verfehlt hatte. Es steckte in Bechtholds Herz. Chris konnte Bechtholds ersticktes Gurgeln hören, dann erschlaffte der Körper seines Gegners. Er war tot. Ich hab's getan, ich hab's wirklich getan. Fassungslos stand Chris vor der Leiche. Jetzt wusste er, wie Engin sich letzte Woche gefühlt hatte. Jetzt hatte er auch einen Menschen getötet. Aber er verdrängte die aufkommende Panik - er brauchte jeden Nerv, für das, was er jetzt tun musste. Den Kopf vom Rumpf trennen und Bechthold endgültig ins Nirwana schicken. Chris schluckte, schluckte noch mal. Er stellte sich so hin, dass er es mit einem Schlag hinter sich hatte, zögerte aber trotzdem. Verdammt, wieso ausgerechnet ich? Schließlich würde er jetzt zum Mörder werden. Auch wenn Adam ihn seit Monaten darauf vorbereitet hatte und er es letzte Woche beinah getan hätte. Die Situation war eine ganz andere. "Tja, wenn's ein Krimi wäre, dann hättest du noch berühmte letzte Worte stammeln können, bevor du gestorben bist, aber so... Ich denke, ich sollte dem hier ein Ende bereiten, bevor mir wieder irgendjemand in die Quere kommt." Chris holte aus und bevor sich sein Gewissen noch weiter regte, trennte er mit einem sauberen Hieb den Kopf von Bechtholds Rumpf. Der Gedanke an das, was er da gerade getan hatte, ließ ihn würgen. Er unterdrückte den Brechreiz, aber die Magensäure wollte hoch. Es dauerte einen Moment, bis Chris seinen Magen wieder unter Kontrolle hatte, dann trat er einen Schritt zurück. Er sog die Luft scharf ein, als ein stechender Schmerz durch sein verletztes Bein fuhr, sackte zusammen und fiel auf den kalten Boden. Alles, woran er denken konnte, war, dass es die Spurensicherung freuen würde, wenn sie sein Blut auf dem Boden finden würde. Irgendwie schaffte Chris es, sich aus seiner Jacke zu schälen und sie unter das Bein zu schieben. Dann wickelte er die Ärmel wie einen Verband über die Wunde. Scheiße verdammte. Und warum muss es so höllisch weh tun! Eine Veränderung in seiner Umgebung ließ Chris innehalten. Es war nicht so, als ob sich irgendjemand näherte. Nein, eher, als ob sich die Atmosphäre statisch aufladen würde. Anders konnte Chris es nicht beschreiben. Ob das die Vorboten des Quickenings sind? Er wusste nicht, was auf ihn zukam. Adam hatte immer nur von dem Quickening geredet und dass es suchterzeugend sein könnte, aber er hatte nie beschrieben, was wirklich passierte. Nur, dass es Aufsehen erregte und den Empfänger geschwächt zurückließ. Und so war es ein Schock für Chris, als plötzlich kleine Blitze, fast schon Flammenzungen aus Bechtholds Rumpf stiegen. Sie ballten sich zusammen und drangen in seinen Körper ein. Das Gefühl war unbeschreiblich. Es war Schmerz. Wahnsinniger Schmerz. Aber nicht nur das. Das Quickening aktivierte Sinne, von denen Chris noch nicht einmal gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab. Er hörte sich schreien und hatte das Gefühl, in der Luft zu schweben, als ob sein Körper von einer unsichtbaren Hand emporgehoben wurde. Dann wurde er wieder von einem Blitz getroffen und die ganze Gefühlspalette ging von vorne los. Als es vorbei war, wusste Chris, was das Wort Ewigkeit bedeutete. Und doch, es war nicht genug, um auszudrücken, was er gerade empfunden hatte. Ich werde es nie beschreiben können. Zurück blieb nur die Erschöpfung und die Leere. Eine Leere, die er nie zuvor empfunden hatte. Obwohl in seinem Geist eindeutig mehr war als noch vor wenigen Minuten. Bechtholds Quickening. Er versuchte, sich zu orientieren. Seinen Körper neu kennenzulernen. Und stellte fest, dass er wieder auf dem Boden lag. War er vorhin mehr oder weniger zu Bechtholds Füßen gestürzt, so war er jetzt fast zehn Meter von ihm weg - genau dort, wohin auch der abgeschlagene Kopf gerollt war. Chris schaute schnell weg, bevor ihm von dem Anblick schlecht wurde. Er stellte fest, dass er auf dem Bauch lag und nicht mehr auf dem Rücken. Sein provisorischer Verband bedeckte erstaunlicher Weise immer noch seine Wunde. Du musst aufstehen. Du musst weg. Es ist zu gefährlich, hier zu bleiben. Sein Gefühl sagte Chris, dass er schon eine ganze Weile auf dem Boden lag. Auch wenn er eigentlich noch fix und fertig war, wusste er, dass er weg musste. Er versuchte, seine Schmerzen zu ignorieren, und erhob sich auf die Knie. Aber mit einem unterdrückten Schrei sank er wieder zurück. Die Wunde in seinem Bein war noch nicht verheilt und er konnte es nicht belasten. Wie lange lieg' ich hier eigentlich schon? Adam hatte nie erwähnt, dass das Quickening die Heilung von Wunden verzögerte, und es war auch noch niemand vom Sicherheitsdienst aufgetaucht. Das konnte aber auch daran liegen, dass im etwa hundert Meter entfernten Gewächshaus sämtliche Scheiben und Lampen zerbrochen waren. Chris konnte sich nicht daran erinnern, wie das passiert war. Doch das Geräusch, das die zerspringenden Gläser erzeugt hatten, schmerzte noch immer in seinen Ohren Also kann ich noch nicht zu lange hier liegen. Ich kann noch einen Moment Atem schöpfen. Ein stechender Kopfschmerz ließ ihn erneut hochfahren, aber mit einem Stöhnen sank er zurück. Herrgott verdammte Scheiße! Das fehlte jetzt. Warum tauchen Unsterbliche immer dann auf, wenn ich sie garantiert nicht brauchen kann? Durch das Quickening war Chris viel zu ausgelaugt, um sich groß zu bewegen. Ein Kampf mit einem anderen Unsterblichen war in diesem Zustand undenkbar. Und für eine Flucht war es zu spät. So blieb Chris nur die Hoffnung, dass der andere ihn nicht finden würde. Chris legte sich ins Gras und hoffte, dass er wenigstens dieses eine Mal Glück haben würde. Aber es schien nicht so. Ein Schatten näherte sich dem Kampfplatz und schien das Gelände abzusuchen. Dabei kam er Chris immer näher. Aber zuerst fand er Bechthold. Besser gesagt das, was von ihm übrig geblieben war. Der Unbekannte beugte sich hinunter und schien nachzuschauen, wer denn der Tote war. Dann richtete er sich auf. Mit einem Schwert in der Hand. Wo sein eigenes Schwert war, wusste Chris nicht. Und selbst wenn er es gewusst hätte, er war noch viel zu schwach, um sich zu wehren. Dann war die Gestalt über ihm. Irgendwie war sie Chris vertraut. Und dann wusste er, wer da vor ihm stand. "Thomas!" Das war nicht seine Stimme. So rau und kratzend sprach er nicht. Aber es musste seine sein, denn das Sprechen hatte geschmerzt. "Ach, du erkennst mich?" Das ist gar nicht gut. Verdammt, was will er hier? So sehr sich Chris dagegen wehrte, sein Verstand sagte ihm, dass Thomas gekommen war, um sich das Quickening des Überlebenden zu holen. Schließlich kannte er ihn gut genug, um ihm diese Tat zuzutrauen. Jetzt beugte sich Thomas hinab und leuchtete Chris mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Geblendet schloss er die Augen. Er konnte nur fühlen, wie Thomas seinen Körper abtastete und dabei auf diverse Waffen stieß. Zu seiner Überraschung ignorierte er sie. Thomas stockte erst, als er die Verletzung am Bein ertastete. Dann ließ er von Chris ab. "Mach endlich die Augen wieder auf. Ich bin nicht auf deinen Kopf aus." Jetzt versteh' ich gar nichts mehr. Vorsichtig, um nicht geblendet zu werden, öffnete Chris seine Augen. Thomas hatte seine Taschenlampe ausgeschaltet und hielt ihm stattdessen seine Rechte hin. Chris ergriff sie und ließ sich von ihm hochziehen. Als er stand, musste er gegen ein Schwindelgefühl ankämpfen. Thomas stützte ihn, bis Chris losließ. Die Schmerzen waren erstaunlicher Weise nicht halb so schlimm, wie er befürchtet hatte. Auch das Bein schien zu heilen. Jedenfalls fühlte es sich so an. Und als er es vorsichtig belastete, knickte es nicht mehr ein. Adam hatte mich schon schlimmer zugerichtet und ich konnte noch kämpfen. Was, verdammt noch mal, ist los mit mir? "Komm, wir müssen hier weg, bevor die Polizei auftaucht." "Und was ist mit dem da?" Dabei deutete Chris auf den Rumpf. "Den lassen wir liegen, sollen sich die Bullen doch den Kopf zerbrechen, was hier abgegangen ist. Dein Messer." Dabei hielt Thomas Chris das Messer hin, das dieser nahm und in seinem Gürtel verstaute." "Jetzt haben sie noch nicht mal eine Tatwaffe. Die Verletzung am Bein hat so gut wie gar nicht geblutet und auch keine Spuren hinterlassen. Wenn du beim Kampf intensiven Körperkontakt vermieden hast, dann hat die Polizei keine Chancen, DNS von dir zu finden. Und die restlichen Spuren wird in wenigen Stunden der Schnee überdeckt haben. Sammel dein Schwert auf und wir können hier weg." Chris hörte gar nicht richtig hin. Ihn interessierte nur eins. "Was machst du hier?" "Eigentlich wollte ich mir Bechtholds Kopf holen, nachdem er dich besiegt hatte. Ich konnte nicht zulassen, dass er weiterlebt, denn ich hab' da noch eine kleine Rechnung mit ihm offen. Ich habe ehrlich gesagt nicht mit diesem Ausgang gerechnet. Aber da du gesiegt hast, würde ich sagen, dass wir quitt sind. Du hast einmal mein Leben verschont und ich jetzt deins. Reicht das?" Es reichte nicht. Chris kannte Thomas gut genug, dass er normalerweise nie jemanden verschonen würde. Aber er fragte nicht weiter nach. Sonst überlegt er es sich noch anders und holt sich doch noch meinen Kopf. Das Risiko wollte er nicht eingehen. "Mir reicht es vollkommen." Um sein Unwohlsein zu verbergen, suchte Chris sein Schwert. Und wurde kurz darauf fündig, es lag neben Bechthold. Ich kann mich nicht daran erinnern, es losgelassen zu haben. Das Schweigen zwischen ihnen empfand Chris als unangenehm. Und doch wusste er nicht so recht, wie er es brechen sollte. So versuchte er es mit einer banalen Frage. "Wo hast du geparkt?" "Direkt am Haupteingang. Auf dem Weg hierhin hab' ich auch noch den Typen vom Sicherheitsdienst niedergeschlagen, aber der hatte schon die Polizei angerufen. Und du?" "In der Friedrichstrasse." "Dann trennen sich hier unsere Wege. Richte Edgar schöne Grüße aus. Sag ihm, dass ich ihn vermissen werde." Jetzt begriff Chris gar nichts mehr. "Was soll das? Warum willst du nicht mit zurück?" "Du willst doch zu Edgar zurück. Und da du Bechthold besiegt hast, hindert dich nichts mehr daran. Also warum sollte ich noch bei ihm bleiben?" "Und was ist mit deinem Job?" Doch statt etwas zu erwidern, packte Thomas ihn an den Schultern und schüttelte Chris durch. Erst als er ihn los ließ, redete er weiter. "Bist du jetzt wieder klar im Kopf? Wir müssen hier weg, bevor die Polizei auftaucht, und können nicht über irgendwelche Beziehungen diskutieren. Ich kann nicht mit Edgar arbeiten, wenn er mit dir zusammen lebt, das geht nicht. Und jetzt lass mich gehen." Wieso musste Thomas nur Recht haben? Hab' ich einmal einen unsterblichen Freund gefunden, da verlier' ich ihn gleich wieder. "Wenn wir uns in hundert Jahren über den Weg laufen, wirst du dann versuchen, mich umzubringen?" Ein Lachen war die Antwort. "Bin ich wahnsinnig? Deine Reaktionen sind jetzt schon viel zu schnell für mich. Und ich bezweifle, dass du freiwillig mit mir ins Bett steigst, damit ich dich außer Gefecht setzen kann. Aber sollten wir uns noch mal über'n Weg laufen, dann werde ich dich zu einem Bier einladen. Einverstanden?" "Einverstanden!" Doch Chris bezweifelte, dass Thomas die Antwort mitbekam. Denn er hatte sich umgedreht und tauchte im Schatten der Bäume unter. Als sich Chris umsah, da machte auch er, dass er weg kam. Die Polizei war nicht nur im Anmarsch, sie war schon da. Jedenfalls sah Chris einige uniformierte Gestalten, die auf das Gewächshaus zugingen. Er musste aufpassen, ihnen nicht in die Arme zu laufen. Wenn sie auch Bechthold noch nicht gefunden hatten, Vandalismus war ebenfalls ein Grund, ihn mit auf die Wache zu nehmen. Erst als er in den Schatten der Bäume eintauchte, bemerkte Chris, dass es inzwischen heftig schneite und sich ein weißer Mantel über die Wiese legte. In wenigen Minuten würde die Polizei Probleme haben, irgendwelche Spuren zu erkennen und Bechthold zu finden.
Zehn Minuten später hatte Chris den Palmengarten verlassen und war unterwegs zu seinem Auto. So wie es sich anfühlte, waren seine Haare voller Schnee und ihm war einfach nur kalt. Er kam nicht so schnell voran, wie er gedacht hatte, da er sich vollkommen zerschlagen fühlte. Selbst ein Kampf mit Adam hat mich nicht so geschlaucht. Auch wenn ich da immer gestorben bin. Als er in der Friedrichstrasse war, torkelte er beinahe. Aber das Wissen, weg zu müssen, trieb Chris voran. Dann war er an seinem Wagen. Als er die das Schloss per Funk öffnen wollte, da funktionierte es nicht. Er verschwendete keinen weiteren Gedanken daran, stecke den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Doch bevor er sich auf seinen Sitz fallen lies, holte er noch eine Plastikfolie aus dem Kofferraum und breitete sie auf dem Sitz aus. Chris schloss die Augen und versuchte, Atem zu schöpfen, denn in diesem Zustand konnte er nicht fahren. Es lag nicht daran, dass er erschöpft war. Vielmehr hatte Chris Probleme mit den Bildern, die durch seinen Kopf schwirrten. Er sah Szenen aus längst vergangenen Zeiten. Hauptsächlich von irgendwelchen Schwertkämpfen, Enthauptungen und von Blitzen, die auf ihn zurasten. Das ist nicht meine Erinnerung! Ich will sie nicht. Nicht jetzt. Wieso hatte Adam nie erwähnt, was für Auswirkungen das Quickening hatte? Chris merkte, wie Bechtholds Erinnerungen anfingen, seine eigenen zu überlagern. Es fühlte sich so an, als ob der eigentliche Kampf um die Vorherrschaft im Körper jetzt erst beginnen würde. Und Bechthold war stark. Er war wesentlich älter als Chris und hatte unzählige andere Unsterbliche getötet. Und dann kommt so ein Jungspund an und überlistet dich. Bildete Chris es sich ein, oder wurde Bechtholds Präsenz in seinem Kopf wütend? Er hatte keine Ahnung. Und war eigentlich viel zu erschöpft, um noch ernsthaft Widerstand zu leisten. Dann erinnerte sich Chris, dass Adam irgendwann mal etwas von einem ,Bad Quickening' erwähnt hatte, bei dem der körperliche Sieger im Endeffekt die Kontrolle über seinen Körper verlor. NEIN! Ich werde es nicht zulassen! Doch mit Wut und Gewalt würde er nicht weiterkommen, das fühlte Chris. Er versuchte, es sich in seinem Sitz bequem zu machen und zu meditieren. Es war nicht einfach, sich auf seine geistigen Übungen zu konzentrieren, während in seinen Kopf Bechtholds Erinnerungen herumwirbelten. Er versuchte, die Präsenz zu ignorieren, doch das funktionierte nicht. Irgendwann fing Chris an, eine geistige Mauer um sich zu errichten und das, was von Bechthold in seinem Kopf war, hinter diesen Wall zu verdrängen. Es half. Je mehr er ihn zurückdrängte, umso weniger Erinnerungen kamen durch. Und kurz darauf hatte er das Gefühl, wieder die volle Gewalt über sich zu haben. Bechthold hatte er scheinbar soweit verdrängt, dass er keine Gefahr mehr war. Auch wenn das, was er gerade gemacht hatte, keine wirkliche Meditation gewesen war, es hatte geholfen. Seine Augen hielt Chris noch einen Moment geschlossen. Er fühlte sich wie nach einem Marathonlauf, nur dass die Hormonausschüttung fehlte. Gut fühlen war wirklich anders, aber er musste Engin informieren, dass er noch lebte. Aber vorher nahm er aus dem Handschuhfach noch einen Energieriegel, den er aß. Danach ging es besser. Chris kramte in seiner Hosentasche und holte sein Handy raus und schaltete es ein. Besser gesagt, er versuchte es, aber es ging nicht. Scheißding, Mistteil. Braucht man dich, dann funktionierst du nicht. Ohne die Innenbeleuchtung anzumachen - schließlich wollte Chris nicht auffallen, da genügend Polizisten im Palmengarten waren -, wollte er den Akku abnehmen. Sein Handy war nicht das neueste Modell und es hatte seine Macken. Bisher hatte es immer geholfen, den Akku neu einzusetzen und es sprang wieder an. Aber Chris schaffte es noch nicht mal, den Akku zu entfernen. Doch er bezweifelte, dass es an seinen zitternden Fingern lag. Irgendwas klemmt. Verdammt! Engin sitzt sicher auf glühenden Kohlen. Frustriert warf er das Handy auf den Beifahrersitz. Auch wenn er noch nicht wirklich in der Lage war, Auto zu fahren, bleiben konnte er nicht. Chris wollte Engin nicht im Ungewissen lassen und je länger sein Wagen hier rumstand, umso eher würde er jemandem auffallen. Doch bevor er startete, nahm er aus dem Handschuhfach die Taschenlampe, beleuchtete sein Bein und entfernte die Jacke. Sie war ruiniert. Auch wenn sie nicht voller Blut war, die Flecken, die sie abbekommen hatte, würde er mit dem Feinwaschprogramm nicht rausbekommen. Auch die Jeans war hin. Am Schienbein war ein Riss und die Ränder blutverkrustet. Ich hasse es, Klamotten kaufen zu gehen. Scheiße. Dieses Mal wollte Chris die Sachen nicht in seiner Mülltonne entsorgen. Er wollte sein Glück nicht unnötig herausfordern. Im Keller vom Zoll stehen einige Müllcontainer. Denen werd' ich morgen einen Besuch abstatten. Chris steckte den Schlüssel in die Zündung, drehte ihn um und atmete erleichtert auf, als die Tachobeleuchtung anging. Nach dem, was dem Handy und der Funkfernbedienung passiert war, hatte er befürchtet, dass auch der Audi irgendeine Macke hatte. Aber alles schien zu funktionieren. Die Uhr zeigte an, dass es gerade mal halb zwölf war.
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