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Beim Erwachen hatte ich ein DÉjÀ vu: Harry hatte sich wieder an mich gekuschelt. Es war noch sehr früh am Morgen, die Dämmerung hatte gerade eingesetzt. Dieses Mal schob ich Harry vorsichtig zur Seite und stand auf. Er gab nur ein protestierendes Grummeln von sich, drehte sich um und schlief weiter. Ein oberflächlicher Blick zeigte, dass es ihm schon wesentlich besser ging, auch hatte er einiges an Gewicht zugenommen. Mit Zaubertränken kann man nun mal mehr erreichen, als wenn man nur den Zauberstab schwingt. Aber irgendwie will das keiner verstehen. Deswegen ist Zaubertränke auch immer so ein undankbares Fach. Die Kinder wissen die Kunst des Tränkebrauens gar nicht zu schätzen. Ich habe versucht, es ihnen beizubringen, aber die Schüler sind voller Vorurteile gegenüber dem 'Gepansche', wie sie es nennen, dass sie es in meinem Unterricht gar nicht schätzen lernen. Einzig Granger ist da eine Ausnahme, aber sie saugt alles in sich auf, was Wissen bedeutet, und ist nicht mit dem Herzen dabei. Vielleicht wollte ich deswegen 'Verteidigung gegen die dunklen Künste' unterrichten. Etwas lehren, wo die Kinder das Gefühl hatten, etwas fürs Leben zu lernen. Vielleicht lag es auch daran, dass es ein prestigeträchtiges Unterrichtsfach war. Aber es war müßig, jetzt darüber nachzudenken. Ich ging ins Bad, stellte mich unter die Dusche und genoss den heißen Wasserstrahl auf meinem Körper. Muggeltechnologie hatte wirklich nicht nur Nachteile. Als ich fertig war, erfüllte der Dampf den ganzen Raum. Anschließend untersuchte ich meine Verletzungen, besser gesagt, das, was davon übrig geblieben war. Selbst der Zeh war fast vollständig verheilt, nur fehlte noch ein Stück des Zehennagels, aber der würde wohl in den nächsten Tagen nachwachsen. Meine Kleidung belegte ich mit einem Reinigungszauber. Wenige Minuten später war ich fertig angezogen. Ein Blick in die verschiedenen Schlafzimmer zeigte mir, dass außer mir noch keiner wach war. So ging ich hinunter in die Küche und setzte die Kaffeemaschine an. Der Kaffe war noch nicht fertig, als es an der Haustür ein seltsames Geräusch gab. Mit gezücktem Zauberstab ging ich in den Flur, aber es war nur die Tageszeitung, die gerade eingeworfen wurde. So dick wie sie war, musste es wohl Samstag sein. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, hob ich sie auf, ging wieder in die Küche und las die Zeitung, während ich Tasse für Tasse die Kanne leerte. Nichts wies auf den Krieg in unserer Welt hin. Es wurde zwar berichtet, dass aus den Trümmern eines Großbrandes, der letzte Woche in London gewütet hatte, inzwischen mehrere hundert Tote geborgen worden waren, aber man vermutete als Ursache einen Terroranschlag und nicht einen Krieg in der magischen Welt. Das Ministerium existierte zwar nicht mehr, aber die Muggel würden noch eine ganze Weile brauchen, bis sie die Zauberwelt wenigstens wahrnahmen. Wie es dann allerdings weitergehen würde... einen Spion würde die magische Welt dann ganz bestimmt brauchen. Selbst wenn wir es schaffen würden, Voldemort zu besiegen, ich hätte immer eine Aufgabe. Diese Gedankengänge zauberten ein sehr ironisches Lächeln auf mein Gesicht. Nein, nach Voldemorts Fall würde ich alles machen, aber ganz bestimmt keine Spionage mehr. Dafür hatte ich zu viele Flüche abbekommen. Ich fühlte mich zu alt für diesen Beruf. Da unterrichtete ich lieber Zaubertränke. Kopfschüttelnd vertrieb ich diese Gedanken und widmete mich den weiteren Zeitungsartikeln. Die zweite Kanne Kaffee war gerade neu aufgeschüttet, als Petunia in die Küche kam. Mit einem kurzen Nicken begrüßte ich sie. Von ihr kam ein gemuffeltes "Morgen!" zurück. Wortlos reichte ich ihr eine Tasse Kaffee und den Teil der Zeitung, den ich durch hatte. Genauso wortlos nahm sie den Kaffee, setzte sich hin und stierte auf die Artikel. Ich bezweifelte, dass sie auch nur ein Wort las, geschweige denn, dass irgendetwas bis zu ihrem Gehirn durchdrang. Als Petunia ihre zweite Tasse ausgetrunken hatte, schien sie ihre Umwelt wahrzunehmen und mit neu erwachtem Interesse die Zeitung zu lesen. Irgendwie genoss ich diese Art der Zweisamkeit. Als ich mit dem Rest der Zeitung durch war und auch der Inhalt der Kaffeekanne nur noch aus Luft bestand, tauchte ein verschlafener Harry auf. Zu meiner absoluten Überraschung deckte er freiwillig, und vor allem ohne ein Wort zu sagen, den Frühstückstisch und briet den Speck. Inzwischen hatte ich ja herausbekommen, dass er nicht der verwöhnte Bengel war, für den ich ihn immer gehalten hatte. Aber das, was ich jetzt erlebte, schien so unwirklich. Da war ich mit einem Muggel und Harry Potter in einem Raum, und wir stritten uns nicht. Selbst Petunia und Harry feindeten sich nicht an. Ich hatte keine Lust, diesen Frieden durch einen meiner sarkastischen Kommentare zu zerstören - um meinem guten Ruf gerecht zu werden, hätte ich es machen müssen. Stattdessen stand ich auf und half Harry, indem ich neuen Kaffee aufsetzte. Kurz darauf saßen wir am Frühstückstisch. Zu erwarten, dass wir uns normal unterhielten, war zu viel. Wir schafften es aber, uns nicht zu streiten. Erst als wir fertig gefrühstückt hatten, erschien Vernon. Mit einem scheuen Seitenblick zu mir setzte er sich auf den einzigen freien Platz. Er schaute auch Harry an, aber ich konnte den Blick nicht deuten. Harry stand aber auf. Ich dachte schon, dass der Junge die Küche verlassen wollte, als ich sah, dass er für seinen Onkel Besteck aus der Schublade holte und es ihm wohl bringen wollte. Das konnte ich nicht durchgehen lassen. Harry war ein Zauberer und hatte es nicht nötig, einen dahergelaufen Muggel zu bedienen. "Potter! Lassen Sie das. Entweder setzen Sie sich wieder oder Sie gehen nach oben." Vernon sah aus, als ob er etwas sagen wollte, aber ich stoppte ihn mit einer herrischen Handbewegung. "Harry ist nicht da, um dich zu bedienen. Er ist hier, um gesund zu werden. Und selbst wenn nicht: Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass es irgendwann eine Zeit geben wird, wo sein Zaubern nicht nur auf die Schule beschränkt ist? An deiner Stelle würde ich es mir gut überlegen, wie ich den Jungen behandle." Das wirkte. Vernon erbleichte, schluckte einmal und stand dann auf, um sich sein Geschirr zu holen. Gleichzeitig setzte Harry sich wieder hin und sah seinen Onkel herausfordernd an. Er hatte verstanden, wie der Hase lief. Petunia sah dem Ganzen amüsiert zu, rührte aber keinen Finger. Ich setzte gerade zu einer sarkastischen Bemerkung an, als ich die plötzliche Leere in mir fühlte. Es dauerte einen Moment, bis ich es identifizieren konnte. Der Schutzbann um den Ligusterweg 4 war gefallen. Dumbledore war tot. Dabei war er der einzige Mensch in meinem Leben gewesen, dem ich vertraut hatte. Er war für mich in den letzten Jahrzehnten zu einer Art Mentor geworden. Und jetzt war er tot. Und ich hatte noch nicht einmal die Zeit zu trauern. Denn fast gleichzeitig mit dem Fall des Schutzbannes fing mein Mal an zu schmerzen. Es war nicht der gewöhnliche Schmerz, mit dem Voldemort sein Anhänger zu rufen pflegte, nein, es war ein heimtückischer Angriff, mit dem er mich verletzen, wenn nicht sogar töten wollte. Es fühlte sich wie ein Crucio an, und ich presste meine Rechte auf die schmerzende Stelle. Ich hatte einmal miterlebt, wie ein anderer Todesser auf diese Art und Weise zu Tode gefoltert wurde. Es war unmenschlich gewesen, und ich konnte noch Tage später nichts essen, ohne dass mir schlecht wurde. Wieso hatte Voldemort nicht schon früher versucht, mich so anzugreifen? Die letzten Tage war ich viel zu schwach gewesen, um ihn überhaupt abzuwehren, aber heute... Bei Zaubern, die mit einem Zauberstab gesprochen wurden, hatte ich keine herausragenden Fähigkeiten, auch wenn ich mehr verbotene Sprüche beherrschte, als die meisten Zauberer, aber wenn es darum ging, etwas nur mit der reinen Kraft des Geistes zu schaffen, dann war ich sehr gut. Sonst hätte ich meine Gedanken nicht jahrelang vor Voldemort verschließen können. Trotz allem, Voldemort hätte ich nie freiwillig angegriffen - denn ich hatte keine Chance gegen ihn -, aber jetzt hatte ich keine Wahl.
Ich konzentrierte mich und griff mit meinem Geist hinaus, verfolgte den kaum erkennbaren Faden, der von dem Mal abging, bis ich in Voldemorts Geist eindrang. Ich gab mir keine Mühe, zu verheimlichen, wer der Eindringling war. Ich schlug zu, hart und grausam. Ich kannte keine Gnade. Zuerst gelang es mir, Voldemort in seinem eigenen Körper zurückzudrängen. Doch dann schlug Voldemort zurück. Hatte ich schon vor einigen Tagen gedacht, niemals schlimmere Schmerzen empfunden zu haben, es war harmlos gegen die Pein, die ich jetzt erlitt. Und dabei war ich noch nicht mal in meinem eigenen Körper. Doch ich wich nicht zurück, ließ Voldemort toben und wüten, blieb aber in seinem Geist präsent. Er musste ähnliche Schmerzen erleiden wie ich. Ich zahlte ihm alles zurück, was ich jemals unter seiner Herrschaft erlitten hatte. Ich vergaß nicht einen einzigen Penny. Es tat so gut. Ich genoss es. Doch irgendetwas irritierte mich. Es war zu einfach. Und dann begriff ich. Voldemort hatte mir eine Falle gestellt. Raffiniert gebaut und sehr schwer zu erkennen. Und dann war es zu spät. Es war wie ein Raum ohne Fenster und Tür. Kein Wunder, dass er mich die letzten Tage in Ruhe gelassen hatte. Es brauchte Zeit, so etwas im eigenen Geist zu konstruieren. Ich suchte einen Ausweg, versuchte, dieser Falle zu entkommen. Doch sie schien perfekt gebaut und fing auch noch an, sich zusammenzuziehen. Ich kam mir vor wie... Am treffendsten war der Vergleich mit Han Solo in der Müllpresse. Doch ich musste in meinen Körper zurück, bevor die Verbindung getrennt wurde. Denn das konnte ich nicht überleben. Irgendetwas musste Voldemort abgelenkt haben, denn plötzlich bekam eine der Wände einen Riss. Mit Gewalt erweiterte ich ihn und schaffte es zu entkommen.
Als ich meine Augen öffnete, sah ich direkt in Petunias Gesicht. Ob dieser Ausdruck Besorgnis zeigen sollte? Mich erinnerte es an einen zerknirschten Hauself. "Sind Sie in Ordnung? Was ist passiert?" Sie schien wirklich besorgt zu sein, und ich realisierte, dass ich nicht mehr auf dem Stuhl saß, sondern auf dem Boden lag. Keine imposante Haltung. Ich beschloss, es zu ändern, und versuchte, mich zu bewegen. Erstaunlicher Weise hatte ich kaum Schmerzen. Nichts, was auf einen Kampf mit Voldemort hindeutete. Auch das Mal spürte ich nicht mehr. Petunia war einen Schritt zurückgetreten und hielt mir nun ihre Hand hin, um mir aufzuhelfen. Bei Harry oder Vernon hätte ich diese Geste ignoriert. Aber bei Petunia... Ich hätte sie gekränkt, wenn ich die Hilfe nicht akzeptiert hätte. Innerlich seufzend ergriff ich die Hand und gestattete ihr, mir zu helfen. Ich stand noch nicht ganz, als ich in meinem Rücken ein leises 'Plopp' hörte. Es war das Zeichen, dass ein anderer Zauberer appariert war. Dann ertönte noch ein 'Plopp', und ich bekam eine Gänsehaut. Jetzt durchschaute ich Voldemort. Er hatte gar nicht vorgehabt, mich zu besiegen. Er wollte mich nur ablenken, um ungehindert Harry angreifen zu können, jetzt, wo der Schutzbann nicht mehr existierte. Und er war erfolgreich, denn ich war nicht schnell genug. Ich hatte mich noch nicht umgedreht, als Harry schon seinen Zauberstab gezückt hatte und ohne zu zögern "Avada Kedavra" rief. Ich konnte fast wie in Zeitlupe sehen, wie sich ein grüner Strahl von seinem Stab löste und auf den Todesser - ich vermutete Nott - zubewegte. Dann erlosch der Strahl, und der Todesser gab ein heiseres Röcheln von sich. Fast schon in einer Pirouette drehte er sich einmal und fiel dann in sich zusammen. In der Kategorie 'elegantes Sterben' gab ich ihm eine 6,0. Der andere Todesser hatte seinen Stab auf Harry gerichtet und sprach auch "Avada Ked-" - er kam aber nicht dazu, seinen Spruch zu vollenden, denn ich war mit meinem "Avada Kedavra" schneller. Er war aber noch nicht mal eine 4,8 wert. Er fiel um wie ein Mehlsack. "Sie waren zwar schon schnell, Potter, aber nicht schnell genug, um auch den zweiten zu erledigen. Wenn Sie Voldemort wirklich besiegen wollen, müssen Sie besser sein." Erstaunlicher Weise hatte er heute Morgen die Intelligenz bewiesen, seinen Zauberstab einzustecken. Der Junge starrte mich einen Augenblick mit offenem Mund an, dann wurde er sich der Tatsache bewusst, presste seine Lippen zu einem Strich zusammen und seine Augen funkelten mich wütend an. Ich hatte nichts anderes erwartet. Ein Schrei erinnerte mich daran, dass wir nicht allein in der Küche waren. Nun, Petunia hatte nicht geschrieen. Sie war zwar sehr blass, hielt aber den Mund. Es war Vernon, der schrie und kein Ende zu finden schien. Merlin, er war noch schlimmer als eine Erstklässlerin, die einen Zaubertrank über ihr wunderhübsches, neues Kleid gekleckert hatte. Ich ging zu ihm - dabei musste ich über eine Leiche hinwegsteigen - und gab ihm eine kräftige Ohrfeige. Das wirkte. Er hielt den Mund und starrte mich einfach nur an. Ich wandte mich zu Harry, um ihm einige Instruktionen zu geben. Er schien nicht wirklich geschockt zu sein. Im Gegenteil, es schien ihn nicht zu kümmern, dass er gerade einen Menschen umgebracht hatte. Wieso auch? Es war Krieg und Todesser waren Feinde. Ich war da auch nicht anders. Aber eigentlich sollte er ein strahlender Held sein, und zu dessen Eigenschaften gehörte es, auch über den Tod des Feindes zu trauern, oder wenigstens betroffen zu sein. Er hatte sogar die Ruhe, sich seine Kaffeetasse zu nehmen und sie zu leeren. Ein Todesser hätte sich nicht abgebrühter verhalten können. Und vielleicht gerade deswegen störte mich dieses Verhalten und meine Anweisungen fielen etwas härter aus, als ich geplant hatte. "Potter, gehen Sie nach oben und holen Sie unsere Sachen runter. Auf dem Schreibtisch in unserem Zimmer stehen auch noch zwei Flaschen, in denen ich einige Zaubertränke abgefüllt hatte. Vergessen Sie sie nicht. Und beeilen Sie sich. Wir müssen hier schnellstmöglich weg." Erstaunlicher Weise muckte er nicht auf und sah ein, wie sinnvoll die Anweisung war, er nickte nur kurz und verschwand dann. "Denken Sie noch an das, was Sie mir gestern versprochen haben?" Da konnte Petunia unbesorgt sein, ich hatte es nicht vergessen. "Ja, aber dafür müssen Sie sowohl Ihren Mann als auch Dudley unter Kontrolle halten. In fünf Minuten ist Aufbruch und wer dann nicht in der Küche ist, bleibt hier. Es wird zu gefährlich", setze ich als Erklärung hinzu. Sie nickte nur, dann ging sie zu Vernon. Er sah sie nur mit einem unbeschreiblichen Blick an. Petunia packte ihn und schüttelte ihn so lange, bis er wieder zu sich gekommen war. Er wirkte sehr unglücklich. "Vernon, geh' nach oben in unser Schlafzimmer. Im Wandschrank auf meiner Seite findest du einen Koffer. In den habe ich alles Nötige eingepackt. Ich kümmere mich um Dudley." Vernon riss sich von ihr los und starrte sie an. "Was ist los mit dir, Petunia? Du hasst und verachtest diese ... diese... Und jetzt? Die beiden haben zwei Menschen umgebracht, und du denkst daran, mit diesem Abschaum zu gehen. Ich versteh' dich nicht." Wenn der Anlass nicht so ernst gewesen wäre... es machte mir Spaß, diese beiden beim Streiten zu beobachten. Denn Petunia war wirklich wütend. Ihre Stimme hatte einen richtig biestigen und ironischen Klang. "Im Gegensatz zu dir habe ich aber immer einen guten Grund dazu gehabt, mein lieber Vernon. Du hast es nie kapiert, aber diese komischen und verschrobenen Wesen, die sich Zauberer nennen, sind viel gefährlicher, als du es dir in deinen wildesten Träumen vorstellen kannst. Sie haben meine Eltern und Lily getötet. Und wenn Harry und sein Begleiter nicht so schnell gewesen wären, dann wären wir jetzt auch tot. Und jetzt geh'! Wir haben keine Zeit zu streiten!" Aua, Vernon sah aus wie ein geprügelter Hund, kein Wunder, hatte Petunia die letzten Worte gebrüllt. Diese Szene kam mir sehr bekannt vor. Ich hatte einmal erlebt, dass Lilly James so runtergeputzt hatte, als er dachte, einen besonders gelungen Streich ausgeheckt zu haben. Vernon dachte gar nicht mehr an Widerstand und schlich fast schon aus dem Raum, direkt dahinter folgte Petunia, die zur Besenkammer ging, die Tür aufriss und Dudley herauszog. Wieso brauchte sie mich, um den Jungen unter Kontrolle zu bekommen? Denn so wie sie jetzt aussah, erinnerte sie mich an einen wilden Drachen. Einen, der Feuer spuckte. Dudley empfand wohl Ähnliches, denn er folgte, ohne Widerstand zu leisten. Harry traf fast gleichzeitig mit ihr in der Küche ein. Ohne ein Wort zu sagen, reichte er mir den Todesserumhang und die beiden Flaschen. Am liebsten hätte ich den Umhang liegen gelassen, aber er hatte die letzten Tage gute Dienste geleistet, und vielleicht brauchte ich ihn noch mal. Aber damit er nicht zu auffällig wirkte, richtete ich meinen Zauberstab auf ihn, und mit einem Spruch sah er aus wie ein ganz normaler Umhang. Die beiden Flaschen verstaute ich bruchsicher in der Innentasche, die auch die anderen Phiolen beherbergte. Dann legte ich den Umhang um und war fertig. Vernon fehlte noch, aber ich konnte hören, wie er die Treppe hinunterpolterte. Jede Sekunde, die wir hier blieben, war eine Sekunde zuviel. Voldemort hatte zwar nicht mehr viele Speichellecker, aber jetzt wo Dumbledore tot war, musste er nur noch Harry Potter besiegen, um von England aus die Welt zu erobern. Die beiden Toten hatten wohl das Pech gehabt, in dem Moment, als der Schutzbann brach, bei Voldemort zu sein. Bis er die anderen gerufen und zu uns geschickt hatte... es konnte nicht mehr lange dauern. Fragte sich nur, wie sie herausgefunden hatten, wo wir waren. Aber da Trelawney schon für Dumbledores Tod verantwortlich war, war es ein leichtes für sie gewesen, auch dieses Geheimnis auszuplaudern - Dumbledore hätte zusätzlich noch einen Geheimniswahrer einsetzen sollen, aber jetzt war es zu spät, darüber zu grübeln... Es war Zeit, sich um die Zukunft zu kümmern und nicht, um in der Vergangenheit zu hängen. Ich sah Harry an. "Potter, wissen Sie, wo Ihre Tante wohnt?" Er schaute mich sehr misstrauisch an. "Meinen Sie Tante Magda mit ihrer Hundezucht? Ja, ich weiß, wo sie wohnt." So wie er aussah, liebte er sie heiß und innig. Ich mochte Magda jetzt schon. Doch es war keine Zeit, sich die Sache noch einmal zu überlegen. "Kennen Sie den Ort gut genug, um mich beim Apparieren zu leiten?" Der Junge wusste sofort, was das bedeutete: Um ihm folgen zu können, musste ich in seinen Geist eindringen und dem Bild in seinen Kopf folgen. Wenn es nicht ganz deutlich war, dann kam ich nicht in einem Stück dort an. Ganz zu schweigen von Vernon und Petunia. Er atmete einmal tief ein, dann nickte er und berührte Dudley. Ich tat das gleiche mit Vernon und Petunia, schloss meine Augen und konzentrierte mich auf Harry. Zuerst stieß ich in seinem Geist auf eine sehr dicke, undurchdringbare Mauer, sie war selbst für Voldemort ein undurchdringbares Hindernis. Wie hatte der Jung das ohne Unterricht hinbekommen? Ich machte mir schon Gedanken, ob er mir wirklich den Zugang erlauben würde - schließlich hatten wir ein sehr inniges Verhältnis zueinander - doch dann erschuf Harry in dieser Mauer eine kleine Tür. Ich öffnete sie und konnte sehen, wo wir hin mussten. Doch nicht mehr, alles andere war immer noch abgeschirmt. Harry hatte wohl nur auf diesen Augenblick gewartet und apparierte. Ich folgte sofort.
Ich spürte die übliche Kälte, die das Apparieren mit sich brachte, und acht Sekunden später kamen wir an. Ich öffnete die Augen und blickte mich um. Petunia stand noch neben mir und hatte ihre Hand in meinen Arm verkrampft. Ihre Augen waren geschlossen, und sie war recht blass. Doch bevor ich irgendetwas unternehmen konnte, öffnete sie ihre Augen, blickte mich an, und mit einem schuldbewussten Lächeln löste sie ihre Finger von meinem Unterarm. Ich war mir sicher, dass ihre Nägel Abdrücke hinterlassen hatten. Vernon hatte das Apparieren nicht annähernd so gut überstanden. Auch seine Augen waren geschlossen, doch sein Gesicht war leichenblass, und Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er schien kurz vor einer Panikattacke zu stehen. Doch mich interessierte es nicht, denn von Dudley ging wieder einmal ein ekelhafter Geruch aus, er hatte sich nass gemacht. Auch Potter hatte es gemerkt, denn er gab ein abfälliges Schnauben von sich und entfernte sich von Dudley, er war doch intelligent genug, es gegen den Wind zu tun. Der Platz zwischen den Hundezwingern war weit genug. Ich wollte ihm schon nachfolgen, als mein Blick an einem recht großen, kräftigen Hund hängen blieb, der mich irgendwie an Black erinnerte. Das Tier stand genau vor mir und knurrte mich an. Und dann machte er noch einen Schritt auf mich zu, als ob er mich angreifen wollte. Das war zu viel. Was bildete sich dieses Vieh nur ein? Ich ging einen halben Schritt auf den Köter zu. Das Wehen meines Umhangs ließ den Hund stocken, und als ich mich auch noch vorbeugte und meine Zähne fletschte, da hatte er genug. Er zog seinen Schwanz ein, duckte sich und ging leise jaulend einige Schritte zurück. Ich folgte ihm, denn das reichte mir nicht. Den Zauberstab hatte ich inzwischen gezückt, um mich notfalls mit einem 'Stupor' gegen ihn wehren zu können. Aber das brauchte ich nicht. Der Hund gab sich endgültig geschlagen, legte sich hin und präsentierte mir seinen Bauch. Hach, wie schön wäre es gewesen, wenn dieses Tier wirklich Black gewesen wäre! Zufrieden richtete ich mich wieder auf und drehte mich um. Höchste Zeit, mit Harry nach Hogwarts zu apparieren! "Was haben Sie mit meinem Hund gemacht?" Konnte in dieser Familie niemand eine halbwegs normale Stimme haben? Von diesem Gekeife bekam ich bestimmt noch Kopfschmerzen. Mir reichte es. Also drehte ich mich wieder um und sah mir die Frau an. Ja, die Verwandtschaft mit Vernon war unübersehbar. Sie war fett und hässlich. Und sie nervte. Sie blickte mich an, und ich grinste. Ich weiß ja, dass ich eine besondere Wirkung auf Frauen habe, aber dass sie meinetwegen direkt in Ohnmacht fallen... Musste sie vorher auch noch so laut schreien? Jedenfalls war das Letzte, was sie sah, bevor sie umkippte, mein Lächeln. Dann hörte ich hinter mir ein Glucksen. Zum wievielten Mal drehte ich mich jetzt wieder um? Es war Harry, der sich mit der Hand seinen Mund zuhielt und doch nicht verhindern konnte, dass er laut lachte. Lachte er mich etwa aus? Ich wollte ihn schon anbrüllen, als ich sah, dass er mich gar nicht ansah, sondern diese Magda. Es war immer dasselbe: Ich bezog jede negative Äußerung direkt auf mich. Wenn ich ehrlich zu mir war, dann war es ein ziemlicher Minderwertigkeitskomplex, den ich mir in den letzten Jahren zu gelegt hatte. Bei meinem Job als Spion und so, wie Voldemort mich behandelt hatte, war es kein Wunder, dass ich ihn hatte. Doch mitbekommen sollte es keiner, denn dazu war ich zu stolz. Und Albus wäre vielleicht auf die Idee gekommen, sich in einer Art und Weise um mich zu kümmern, die ich einfach nur als Krone der Demütigung empfand. Der Gedanke schmerzte, schließlich war er gerade erst ein paar Minuten tot. Und doch hatte ich mich schon mit der Tatsache abgefunden. Aber wir mussten weiter und ich konnte bestimmt nicht meinen Gedanken nachhängen. "Petunia!" Sie wirkte recht amüsiert und blickte abwechselnd von dieser Magda zu ihrem Mann, denn der lag auch auf dem Boden und war aus Solidarität zu seiner Schwester auch in Ohnmacht gefallen. Darüber konnte ich nur den Kopf schütteln. Im Gegensatz zum Rest ihrer Familie, den ich einfach nur schrecklich fand, hatte ich einen Respekt Petunia gegenüber entwickelt. Sie war keine Frau, die ich wirklich mögen würde, dafür war sie viel zu sehr Slytherin und mir in einigen Sachen viel zu ähnlich, als dass wir uns lange vertragen würden. Aber sie kennen zu lernen, war eine interessante Erfahrung, die ich nicht hätte missen wollen. "Ja, Mister?" Stimmt, ich hatte den Dursleys immer noch nicht meinen Namen genannt! "Ich heiße Snape. Serverus Snape. Aber Sie können mich Serverus nennen." "Ja, Serverus?" Sie sah mich an, als ob ihr dieser Name etwas sagen würde, nicht wirklich etwas Positives, und am liebsten hätte ich ihr einen Fluch an den Hals gehetzt. Sie schien es auch zu merken und setzte zu einer Erklärung an. "Lily hat früher von Ihnen erzählt." Ein Hochziehen meiner Augenbraue reichte. "Nicht besonders gut, aber auch nicht wirklich schlecht. Sie erzählte nur, dass Sie James' Erzfeind waren, aber Lily war der Meinung, dass ihr Verhalten nur eine einstudierte Show war, und sie fragte sich, wie Sie wirklich waren." Schade, dass Lily so früh gestorben war, sie war eine fantastische Frau gewesen und hätte noch viel mehr bewirken können. Nicht, dass ich jemals Interesse an ihr gehabt hätte. Wir waren noch nicht mal befreundet gewesen. Dafür hing Harry an Petunias Lippen, es schien, dass er wirklich nicht viel über seine Eltern wusste. Inzwischen wunderte es mich nicht mehr. Es war lächerlich und es war kitschig und doch, um mich zu verabschieden, nahm ich Petunias Hand und hob sie hoch, dann verbeugte ich mich vor ihr und gab ihr einen Handkuss. Als ich mich aufgerichtet hatte, sah ich, dass sie errötet war. Und ich verbiss mir ein Lächeln, das tief aus meinem Inneren aufgestiegen war. "Es wäre eine Schande, wenn sie ein Opfer dieses Krieges würden. Nehmen Sie Ihren Mann und verlassen Sie die Insel. Und Dudley... Stecken Sie ihn in ein Internat. Vielleicht wird doch noch ein brauchbarer Mensch aus ihm. Ich kann Ihnen nicht auf Wiedersehen sagen, denn das werden wir nicht. Leben Sie lang und glücklich." Ihre Hand hielt ich immer noch. Nur gab ich ihr jetzt einen festen Händedruck. Sie lächelte und erwiderte ihn. Das Ganze hatte schon viel zu lange gedauert. "Potter, Sie kennen die Stelle am Verbotenen Wald, wo der Weg zu Hagrids Hütte abgeht?" Er hatte sich wieder beruhigt und sah mich ernst an. "Ja, ist das unser nächstes Ziel?" "So ist es." Ich nahm seine Hand und gemeinsam apparierten wir.
Dort angekommen, wollte ich mich direkt von ihm lösen, schließlich war er immer noch Harry Potter, den ich nicht wirklich mochte, aber ich konnte nicht. Denn ich bekam einen Schwächeanfall, und mein ganzer Körper schien wie Espenlaub zu zittern. Es war eine Nachwirkung des 'Crucio'. Merlin, war mir das peinlich. Der Junge sollte doch gar nicht merken, wie schwach ich war. Aber der Kampf gegen Voldemort und das mehrfache Apparieren waren wohl zu viel gewesen. Die Sternchen drehten ihre Runden um meinen Kopf und pulsierten hellgelb. Ohne die stützende Hand von Harry wäre ich wohl zusammengebrochen. Es dauerte einen Moment, bis ich meinen rebellischen Körper wieder unter Kontrolle hatte und meine Augen öffnen konnte. Ich erwartete, dass mich der Junge spöttisch anblickte. Stattdessen meinte ich, einen Ausdruck von Sorge in seinem Gesicht zu sehen, der aber sofort verschwand. "Geht es wieder, Sir?" Um zu beweisen, dass es wieder ging, ließ ich seine Hand los und trat einen Schritt zur Seite. Ich atmete tief ein und bereute es sofort. Es stank. Es stank bestialisch nach Tod und Verwesung. Es war kein Wunder, dass es so stank, schließlich lag zwischen dem verbotenen Wald und Hogwarts das Schlachtfeld. Und die Schlacht war erst vor wenigen Tagen geschlagen worden. Ich nahm ein Tuch, das nach Eisenkraut roch - der Esoterikladen hatte Petunia eine große Portion eingepackt, und ich hasse es, wenn mein Taschentuch nach Rose duftet - und hielt es mir vor mein Gesicht. Harry tat es mir gleich. Als ich das Gefühl hatte, wieder atmen zu können, sah ich mich um. Wo einst eine Wiese und Hagrids Hütte gewesen waren, war... ja, ich konnte es nicht anders als ein Schlachtfeld nennen. Nicht, dass noch irgendwo Leichen und Kadaver lagen. Die waren wohl schon aus Angst vor Seuchen von den Überlebenden irgendwo verscharrt worden. Schließlich hatten nicht nur Menschen gegeneinander gekämpft, nein, fast alle magischen Geschöpfe hatten sich für die eine oder die andere Seite entschieden und mitgekämpft. Der Gestank ging mehr von der Erde aus, die wohl auf Jahrzehnte verseucht war. Und die verkohlten Stümpfe der Bäume des 'Verbotenen Waldes' sorgten für eine ganz pikante Duftnote. Zudem war die Luft auch noch magisch aufgeladen, und ich konnte fast die ganzen 'unverzeihlichen' Flüche, die hier ausgesprochen worden waren, fühlen. Genauer konnte ich die Ausstrahlung des Ortes nicht beschreiben. Es würde Jahrhunderte dauern, bis man dieses Gelände ohne ein Gefühl der Angst und der Panik betreten konnte. Wir hatten aus unserer Geschichte nichts gelernt. Es gab auf der Erde genügend verseuchte Orte, jetzt würde auf dieser ganz besonderen Karte ein neuer roter Punkt auftauchen. Hogwarts selber stand noch. Auch wenn die Türme nicht unbeschädigt aussahen, war nichts eingestürzt. Doch ich bezweifelte, dass das Zauberministerium, wenn es denn noch existierte, an dieser Schule festhalten würde. Nicht mit einem verfluchten Feld vor der Haustür, wo demnächst auch noch die verschiedensten bösartigen Geister auftauchen würden. Tausend Jahre Tradition waren an einem einzigen Tag, an dem auch noch die Sonne geschienen hatte, zerstört worden. Im Gegensatz dazu lag heute eine Dunstschicht über dem Gebiet und verstärkte noch die bedrohliche Ausstrahlung. Dass er Hogwarts zerstört hatte, war allein schon ein Grund, Voldemort zu hassen. "Oh mein Gott!" Auch Harry schien das Ausmaß der Zerstörung begriffen zu haben. Er hatte dafür ja auch lang genug gebraucht. "Daran ist kein Gott schuld. Das ist Voldemorts Werk. Bedank' dich bei ihm, dass 'Die Geschichte von Hogwarts' mit dieser Schlacht endete." Da war es mir rausgerutscht. Ich wollte es nicht, aber da wir nun mal 'Kampfgefährten' waren, war es für mich selbstverständlich geworden, ihn in Gedanken zu duzen. Ich hoffte nur, dass Harry es nicht gemerkt hatte. "Hogwarts ist meine Heimat." Glück gehabt, er war zu sehr abgelenkt. "Es war Ihre Heimat. Dieses Feld ist verflucht, und Hogwarts ist zu nah. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Schule aufgegeben wird. Machen Sie sich keine Hoffnungen." "Ich habe mal gelesen, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, also lassen Sie mir wenigstens diese Illusion. Was bleibt mir sonst?" Nichts, gar nichts. Voldemort hatte alles zerstört, was dem Jungen wichtig war. Jetzt auch noch Hogwarts. "Der Glaube an eine bessere Zukunft. Mit vereinten Kräften können wir Voldemort besiegen. Und Sie sind noch jung, Ihnen steht dann die ganze Welt offen." Merlin, was redete ich schon wieder? Aber es war besser, in die Zukunft zu schauen. Hier konnten wir nicht bleiben. Deswegen lief ich los. Am Rand des 'Verbotenen Waldes' entlang. Ich wagte es nicht, über das Schlachtfeld zu gehen. Die Gefahren waren zu groß. Dabei musste ich regelmäßig Pausen einlegen, weil die Sternchen wieder verwirrende Reigen meinen Kopf tanzten. Gleichzeitig änderten sie ihre Farbe. Von einem leuchtenden Gelb wurden sie zu einem strahlenden Grün. Ich versuchte sie zu ignorieren, aber das schaffte ich nicht. Ich wusste nicht, ob Harry genauso erschöpft war, oder einfach nur vorsichtig: jedenfalls wartete er immer auf mich. Nach etwa drei Meilen und viel zu vielen Stopps wurde mir plötzlich leichter ums Herz. Dabei hatte ich vor wenigen Minuten noch nicht mal gemerkt, dass ich das Gefühl hatte, als hätten sich Eisenklammern um mich gelegt... Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, aus einer geheimnisvollen Quelle neue Kraft zu schöpfen. Auch wenn ich erleichtert war, dass ich nicht mehr ganz so erschöpft war, so beunruhigt es mich sehr. Die Gefahr, die von dem Schlachtfeld ausging, war noch größer, als ich sie bisher eingeschätzt hatte. So entschloss ich mich, einen noch größeren Bogen um das Gebiet zu machen. Auch die Luft schien immer noch zu stinken, deswegen hielten wir weiter die Tücher vor unseren Gesichtern. Harry war die ganze Zeit schweigend neben mir her gelaufen, auch er hatte scheinbar gegen den Einfluss des verfluchten Geländes angekämpft. Jetzt hatte er sich aber gefangen und führte das Gespräch weiter. "Sie glauben nicht an Trelawneys Prophezeiung?" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. "Nein, ich glaube grundsätzlich nicht an solchen Unsinn, und selbst wenn, sie war einfach nur unfähig, ich habe ihr nie geglaubt." Aber Dumbledore hatte nicht auf mich gehört. Jetzt war er tot, und ich konnte ihm noch nicht einmal mehr Vorwürfe machen. Inzwischen verachtete ich Trelawney nicht nur, nein, ich hasste sie, und mir tat es fast schon leid, dass ich sie so schnell getötet hatte. Für ihre Tat hätte Trelawney den Kuss eines Dementors bekommen müssen. "Nicht nur das, wissen Sie, wie oft sie in ihrem Unterricht meinen Tod vorhergesehen hatte?" Ach, hatte sie das? Nun, es überraschte mich nicht. "Lassen Sie mich raten... Mindestens ein Mal pro Woche?" Hinter dem Tuch verzog sich Harrys Gesicht zu einem Grinsen. Dabei bezweifelte ich, dass er wirklich amüsiert war. "Mindestens einmal pro Stunde und wenn sie zwischendurch ihren Turm verließ und sich unsere Wege kreuzten, dann hat sie mich festgehalten und mir noch einmal meinen Tod prophezeit. Es waren unzählige Todesarten, manche einfach nur banal, andere grausam und fast schon wie aus einem schlechten Albtraum. Auch wenn ich es als Humbug abgetan habe, irgendwie hatte es mich doch belastet." Ja, im Nachhinein verstand ich Trelawneys Verhalten. Sie hatte für ihren wahren Meister gute Arbeit geleistet. "Wir sind aber nicht hier, um über die gute alte Zeit zu reden, wir müssen Überlebende des Ordens finden." "Möglichst solche, die Sie nicht für einen Verräter halten und erst mal abwarten, bis sie ihren Zauberstab gegen Sie richten." Kluger Junge, er hatte es erfasst. "Gibt es die? Dumbledore ist tot. Und außer ihm wussten nur Sie über meine wahre Einstellung Bescheid." Von Harry kam nur ein zustimmendes Nicken. Mir war klar, dass ich sehr vorsichtig sein musste, wenn ich erst einmal Hogwarts betreten hatte. Schließlich sollte auf meinem Grabstein nicht 'Sein Tod war ein Versehen' stehen. Aber es war müßig, weiter darüber zu reden, deswegen wechselte ich das Thema. "Wissen Sie eigentlich, dass Trelawney uns verraten hatte?" Da Harry in den letzten Tagen außer Gefecht gewesen war, wusste er weder darüber Bescheid, noch hatte er mitbekommen, dass ich sie getötet hatte. Er war aber nicht wirklich überrascht von der Tatsache. Während ich ihn über alles aufklärte, was ich wusste, waren wir endlich weit genug vom Schlachtfeld entfernt und konnten uns auf das Schloss zubewegen. Wir diskutierten, wie die Lage auf Hogwarts sein könnte, und kamen zu der Erkenntnis, dass es nicht gut aussah, wenn wir uns jetzt noch ungehindert dem Schloss nähern konnten. Eigentlich hätten wir zumindest die Schutzzauber spüren müssen, die über mehrere Meilen gestaffelt waren. Aber da war nichts. Es war erstaunlich. Zum ersten Mal seit Jahren konnten Harry und ich uns unterhalten, ohne uns von irgendwelchen Aversionen leiten zu lassen. Ein wenig überraschte es mich, dass wir so vernünftig miteinander umgehen konnten. Gut, ich hatte noch nie wirklich Probleme mit Harry gehabt. Gemocht hatte ich ihn zwar nicht, aber er war es, der meinte, mich hassen zu müssen. Obwohl ich ihm mehrfach das Leben gerettet hatte. Vielleicht war er in der letzten Woche doch einsichtig geworden, alt genug war er ja dafür. Und genug erlebt hatte er auch. Doch dann unterbrachen mehrere leise 'Plops' unsere Unterhaltung.
Es war eine instinktive Handlung, die uns beiden das Leben rettete. Wie wir in diese Position kamen, weiß ich nicht, aber wir standen, noch bevor das letzte 'Plop' ertönt war, mit gezückten Zauberstäben Rücken an Rücken, bereit, uns zu verteidigen. Das war auch nötig, denn Voldemort war mit fünf Todessern aufgetaucht, die uns nun angriffen. Ich hatte keine Zeit, mich zu wundern, warum es nur so wenige waren, aber inzwischen weiß ich, dass es der klägliche Rest seiner einstmals so stolzen Armee war. Die anderen Überlebenden der Schlacht hatten seine Raserei nach Harrys und meiner Flucht nicht überlebt. Es erstaunte mich schon, dass Harry Voldemort mit einem "Rictusempra" bekämpfte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, ihn zu kitzeln. Aber es wirkte, Voldemort kicherte vor sich hin - es hörte sich wirklich fröhlich an - und hatte dadurch keine Möglichkeit, uns anzugreifen. Harry und ich gewannen Zeit, die Todesser außer Gefecht zu setzen. Wir hatten den Vorteil, dass sie scheinbar den Auftrag bekommen hatten, Harry nichts anzutun, denn sie verwendeten nur vergleichsweise harmlose Sprüche wie 'Stupor', 'Expelliarmus' oder 'Petrificus Totalus', die wir abblocken konnten. Wir dagegen hatten keine Skrupel und schalteten innerhalb kürzester Zeit vier von ihnen mit 'Avada Kedavra' aus. Nur der letzte war zu schnell und wich meinem Angriff aus. Dabei erkannte ich ihn noch nicht mal, obwohl die Auswahl der Überlebenden nicht wirklich groß war. Als er bemerkte, dass seine Genossen von uns getötet wurden, hatte er keine Hemmungen, ebenfalls die 'Unverzeihlichen' anzuwenden. Er ließ aber Harry damit in Ruhe, sondern sprach sie gegen mich aus. Dabei bewegte er sich so schnell, dass meine Sprüche ihn nicht trafen. Die ersten zwei Angriffe konnte ich abwehren, ohne dass ich getroffen wurde. Da ich aber Harrys Rücken als Deckung nutzte und dem Jungen auch gleichzeitig Schutz gab, hatte ich nicht so eine große Bewegungsfreiheit und war gebunden. Und dann... dann überkam mich wieder einer dieser verfluchten Schwächeanfälle. Als ob ich nicht genug Probleme hätte, sah ich auf einmal wieder nette grüne Sternchen. Achtzackig, versteht sich. Und dann, dann spürte ich nur noch den Schmerz. Es war kein 'Crucio', sondern der Todesfluch hatte mich gestreift. Es war so schlimm, dass ich noch nicht einmal schreien konnte. Und alles drehte sich um mich. Ich lag schon auf der Erde und wunderte mich, dass ich noch sehen konnte, als Harry sich umdrehte und in der Bewegung "Avada Kedavra" schrie. Und damit war auch dieser Todesser Vergangenheit. Auch wenn ich nicht tot war, eingreifen konnte ich nicht. Ich lag hilflos auf der Erde und wartete, dass die Schmerzschauer, die durch meinen Körper jagten, nachließen. So kam es doch noch zum Duell Harry gegen Voldemort, genau wie Trelawney es vorhergesagt hatte. Inzwischen hatte der dunkle Lord hatte es geschafft, den 'Rictusempra' abzuschütteln, und stand nun Harry mit erhobenem Zauberstab gegenüber. Viel sehen konnte ich nicht, Harry stand, wie um mich zu beschützen, vor mir. "Hallo Harry! Schön, dass wir uns so schnell wiedersehen." "Hallo Tom! Ja, denn es wird unser letztes Treffen sein." Stimmt, einer von beiden würde diesen Ort nicht lebend verlassen. Ich hoffte nur, dass es nicht Harry war, denn ich konnte mir Schöneres vorstellen, als von Voldemort zu Tode gefoltert zu werden. "Lass deinen Zauberstab fallen." "Wieso sollte ich, Tom? Ich sehe keinen Grund dafür." "Weil eine Bewegung mit meinem Zauberstab reicht, um den Giftmischer, den du gerade zu schützen versuchst, umzubringen. Wirf deinen Zauberstab weg!" Statt Voldemorts Forderung nachzukommen, trat Harry einen Schritt zu Seite. Und ich lag ungeschützt vor Voldemort. Danke, vielen herzlichen Dank. Berücksichtigte der Junge einmal meinen Ratschlag, dann musste ich darunter leiden. "Nein, Tom! Du kannst ihn vielleicht töten, aber die Zeit werde ich nutzen, dich umzubringen. Ich werde mich nicht für ihn opfern, sondern dafür sorgen, dass du Vergangenheit bist." Woher nahm Harry den Mut, Voldemort mit seinem wahren Namen anzureden? Wollte er ihn zu einer unbeherrschten Tat reizen? Da kannte er ihn aber schlecht. "Mutige Worte von Dumbledores Schoßhündchen. Wie willst du mich denn umbringen? Lass mich raten, mit einem 'Avada Kedavra'?" Es herrschte einen Moment Stille. Dann kam Harrys Antwort. Seine Stimme war hart und fest. Und ich war dazu verdammt, Zuschauer zu sein. "Nein, ich glaube nicht, dass dich das endgültig töten würde. Und ich habe keine Lust, in einigen Jahren wieder gegen einen Geist anzutreten. Du wirst heute endgültig sterben." Voldemort benahm sich wie ein Bösewicht in einem wirklich schlechten Film: Er diskutierte mit dem Held. Wie langweilig. Konnten die nicht langsam zur Sache kommen? "Accio Gryffindors Schwert!" Was sollte das jetzt? Auch Voldemort schien überrascht. "Was willst du mit einem Schwert? Du kannst doch gar nicht damit umgehen." Doch bevor Harry antworten konnte, kam vom Schloss aus ein Sirren, das immer lauter wurde. Das Schwert war tatsächlich Harrys Ruf gefolgt. Jetzt wollte ich wissen, was wirklich passierte. Auch wenn es noch so sehr schmerzte, ich hob meinen Kopf. Zu den grünen Sternen gesellten sich noch siebenzackige hellweiße, aber es war mir egal. Wenn ich schon im Sterben lag, dann wollte ich vorher wissen, wer siegte. Das Sirren verstummte. Harry hatte die Waffe aufgefangen und hielt sie in seiner rechten Hand. Den Zauberstab hielt er, drohend auf Voldemort gerichtet, in seiner linken Hand. "Tja, das kannst du jetzt ja ausprobieren. Vorausgesetzt, du traust dich." "Ein kleiner Junge versucht, ganz stark zu sein. Dabei vergisst du, dass mich dein Blut zum Leben erweckt hat und ich Macht über dich habe." "Ach ja?" Tropfte da Ironie aus Harrys Stimme? Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, fuhr er fort. "Durch unzählige Gefahren und unsägliche Widerstände habe ich mir meinen Weg durchs Leben erkämpft und stehe jetzt am Rande des Schlosses, um dein Leben als Vergeltung dafür einzufordern! Und du, du behauptest, Macht über mich zu haben! Aber mein Wille ist eben so stark wie deiner. Du hast keine Macht mehr über mich, und du wirst sie nie wieder haben!" Musste er schreien? Mir tat schon alles weh, und jetzt hallte seine Stimme auch noch in meinen Ohren wider. Wenn es mir nicht so dreckig gegangen wäre, dann hätte ich bestimmt gegrinst, denn bei dieser Formulierung kam in meinen Kopf das Bild von einem Koboldkönig auf. Die pikante Note war, dass die Todesser dann die selten dämlichen Kobolde waren. Fehlte nur noch jemand, der die Rolle des Babys übernahm. Und Harry als Mädchen war auch eine interessante Idee. Aber ich kam nicht dazu, diesen Gedanken fortzuführen und mir weitere Boshaftigkeiten auszudenken, weil Harry gleichzeitig Voldemort angriff. Mit einem gezielten Stich auf dessen Herz. Voldemort blieb nichts anderes übrig, als zurückzuweichen. Harry griff noch einmal an. Jetzt zielte er auf die Beine seines Gegners. Dabei bewegte er sich so schnell, dass Voldemort keinen Fluch auf ihn schleudern konnte. Dann verwandelte sich der Zauberstab in Voldemorts Hand in ein Schwert, und der Kampf begann. Der Lärm der aufeinanderprallenden Schwerter tat mir weh. Sie bewegten sich so schnell, dass ich aus meiner Perspektive nicht erkennen konnte, wer der bessere war. Zudem wurde mein Blick unscharf, ich konnte nur vage ihre Umrisse erkennen und noch nicht mal sehen, ob einer von ihnen getroffen wurde. So hatte ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Ich lag im Sterben, und so ganz nebenbei tanzten Harry und Voldemort in einem tödlichen Kampf um mich herum. Da ich nichts mehr erkennen konnte, schloss ich meine Augen, um der Helligkeit zu entgehen. Den pulsierenden Sternen entkam ich nicht, sie leuchteten besonders hell, als mich ein Tritt in die Seite traf. Scheinbar hielten sie mich für tot und benutzten mich als Stolperfalle. Ein wirklicher Karrieresprung für mich! Es tat nicht wirklich weh, mein ganzer Körper war bereits ein Meer von Schmerzen, da machte diese kleine Verwundung auch nichts mehr aus, aber es weckte mich aus meiner Lethargie. Ich öffnete meine Augen und versuchte wieder, das Kampfgeschehen zu verfolgen. Praktischer Weise waren Voldemort und Harry direkt in meinem Sichtfeld. Sie standen einander gegenüber und belauerten sich, ohne jedoch anzugreifen. Einer schien auf einen Fehler des andern zu warten, und keiner wollte den ersten Schritt machen. Ich konnte ihr lautes Atmen hören. Meinen Zauberstab hatte ich noch in meiner Hand. Es dauerte einen Moment, bis ich ihn auf Voldemort ausgerichtet hatte, und es schien eine Unendlichkeit zu dauern, bis ich endlich den Spruch aussprechen konnte. Es war eher ein Flüstern. "Stupor." Und bevor ich eine Wirkung erkennen konnte, fiel ich in Ohnmacht. Mein Körper ließ mich mal wieder im Stich.
Merlin, mir tat alles weh. Ich war kaum wach, als ich das Gefühl hatte, in der Hölle zu schmoren. Dann waren da noch die vielen bunten Sternchen, die einen munteren Reigen um meinen Kopf tanzten. Doch als ich meine Augen öffnete, war es hell, viel zu hell. Deswegen schloss ich sie wieder. Dann hörte ich eine angenehme Frauenstimme, die etwas murmelte. Da ich weder an einen bestimmten Gott noch an irgendwelche Göttercliquen glaubte, konnte ich nicht in einen Himmel, Walhalla oder Ähnliches kommen. Und für eine Hölle war es trotz der Schmerzen zu angenehm. Blieb also nur die Schlussfolgerung, dass ich noch am Leben war. Aber nicht in Voldemorts Händen, denn jetzt spürte ich, wie jemand ganz sanft meinen Kopf hob und mir etwas zu trinken einflößte. Viel zu sanft für Voldemorts Speichellecker. Erst als ich schluckte, merkte ich, wie ausgedörrt meine Kehle war. Und dass man mir einen Heiltrank einflößte, denn die Schmerzen ließen nach. Dann wurde es wieder dunkel, und mein Geist versank im Nichts.
Als ich das nächste Mal aufwachte und meine Augen öffnete, wurde ich von einer tief stehenden Sonne geblendet. Wer auch immer mich in dieses Bett verfrachtet hatte, wollte mich wohl quälen. Es war einfach zu hell. Ganz langsam versuchte ich, mich zu bewegen. Ich hatte in den letzten Tagen genug Erfahrung mit den Sternen gesammelt und wollte ein erneutes Auftauchen und das obligatorische Kreisen um meinen Kopf vermeiden. Erstaunlicher Weise hatte ich recht wenige Schmerzen, als ich mich aufsetze. Man hatte mir wohl einen sehr effektiven Trank eingeflößt. Und die Sterne blieben auch weg. Mutiger geworden schaute ich mich um, und fand mich alleine in einem einfachen, weiß gestrichenen Raum. Eindeutig eine Krankenstation, fragte sich nur, welche. Ich schaute mich nach einer Möglichkeit um, dem Pflegepersonal zu signalisieren, dass ich wach war, doch es war noch nicht mal eine Klingel zu finden. Auf dem Nachttisch stand ein Krug, daneben ein volles Glas mit Wasser und mein Zauberstab lag daneben. Wenn ich wirklich gewollt hätte, dann wäre es für mich ein Leichtes gewesen, durch einen Spruch auf mich aufmerksam zu machen, aber ich wusste nicht, wie viele Reserven ich noch hatte, deswegen ließ ich es. Stattdessen war ich in Versuchung, aufzustehen und mich umzuschauen, doch nach reiflicher Überlegung verzichtete ich auch darauf. Es war wahrscheinlich, dass ich zusammenklappen würde, bevor ich die Tür erreicht hatte und ich hatte keine Lust, von anderen hochgehoben und wieder ins Bett verfrachtet zu werden. Ich bemühte mich, gegen die Sonne aus dem Fenster zu schauen und mich zu orientieren. Ich wollte wissen, auf welcher Krankenstation ich war. Ich bekam einen spektakulären Sonnenuntergang geboten, konnte aber nicht viel von der Umgebung erkennen. Erst wurde ich geblendet, und als die Dämmerung einsetzte, waren überall nur noch Schatten. Ich konnte zwar eine Wiese und Bäume erkennen, aber nichts wirklich Vertrautes. Als die Sonne endgültig hinter dem Horizont verschwunden war, hörte ich ein leises Räuspern. Da es im Raum fast dunkel war, konnte ich nicht erkennen, wer eingetreten war. Ich ärgerte mich, dass ich nicht mitbekommen hatte, dass jemand hereingekommen war. Es konnte doch nicht sein, dass mich so ein kitschiger Sonnenuntergang derart abgelenkt hatte. "Accio mein Zauberstab!" In weniger als einer Sekunde hielt ich ihn sicher in meiner Hand. "Ich dachte, dass wir uns nicht mehr bekämpfen würden." Es war Harry, eindeutig amüsiert. Womit hatte ich das verdient? Ich war krank und benötigte meine Ruhe. "Stimmt, aber wenn Sie sich so lautlos anschleichen..." "Ich wusste nicht, ob Sie schon wach waren, und wollte Sie nicht wecken. Als Sie so versunken in den Sonnenuntergang gestarrt haben, da wollte ich auch nicht stören und habe gewartet, bis das Spektakel vorbei war." Es hörte sich so an, als ob er nicht glaubte, was er gerade gesehen hatte. Ich fand es auch unglaublich, sah aber keinen Grund, ihm zuzustimmen. "Sehr nett von Ihnen. Wenn Sie schon mal da sind, dann können Sie mir auch sagen, wie viel Zeit vergangen ist und wo ich bin." Denn es war ganz bestimmt nicht mehr Samstag, dafür fühlte ich mich einfach zu gut. "Wir sind auf Hogwarts. Da die Krankenstation noch immer viel zu voll ist, hat man Sie in angrenzende Räume untergebracht. Sie haben fast sechsunddreißig Stunden im Heilschlaf verbracht. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?" Woher hatte der Bengel nur diese selbstherrliche Ausstrahlung? Gut, da er noch lebte, hatte er Voldemort besiegt, aber das war kein Grund, sich so zu verhalten. Aber ich konnte ihn nicht zusammenstauchen, erst brauchte ich mehr Informationen. "Setzen Sie sich doch, Potter. Wenn Sie noch Zeit für mich erübrigen können, dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir erzählen, was ich verpasst habe." Leider war es zu dunkel, um zu erkennen, ob mein Ton gewirkt hatte. Ich hatte mich bemüht, nicht zu ironisch zu sein. Harry nahm jedenfalls einen Stuhl und setzte sich zu mir ans Bett. "Lumos!" Von meinem Zauberstab ging ein sanftes Licht aus, und ich konnte jetzt in Harrys Gesicht sehen. Er hatte eine fast schon steinerne Miene aufgesetzt, die nicht erkennen ließ, was er gerade dachte. Er sah nicht so aus, als ob er mir bereitwillig etwas erzählen wollte. Wenn ich meinem Ruf gerecht werden sollte, dann müsste ich jetzt mit Folter drohen, nein, besser, ohne Vorwarnung ein 'Crucio' aussprechen, um aus Harry alle Informationen herauszupressen. Ich war wirklich weichherzig geworden, denn stattdessen redete ich ihm gut zu. "Fangen Sie am besten damit an, was passierte, nachdem ich bewusstlos wurde." "Ich weiß nicht genau, wann Sie nichts mehr mitbekommen hatten. Ich war zu sehr mit Voldemort beschäftigt, um mich darum zu kümmern." Wollte er mich unbedingt zur Weißglut bringen? Auch wenn ich einen Ruf zu wahren hatte... Ich schluckte meinen Ärger runter und bemühte mich, ruhig zu bleiben. Es brachte mir nichts, wenn wir uns stritten, schließlich musste ich erfahren, in welcher Position ich mich befand. Denn wenn man in mir immer noch einen Verräter sah, war er meine einzige Hoffnung. "Harry, jetzt erzähl mir doch einfach, was passiert ist. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich versucht habe, einen Fluch gegen Voldemort zu sprechen, aber ich weiß noch nicht mal, ob er überhaupt gewirkt hat." Jetzt lächelte Harry. Es war dieses Mal kein selbstherrlicher oder eitler Gesichtsausdruck, sondern wirkte offen und ehrlich. "Er hat nicht seine volle Wirkung entfaltet, aber es hat gereicht, Voldemort langsamer werden zu lassen. Und dann war ich schneller." Er schien nicht erzählen zu wollen, wie er ihn getötet hatte, ehrlich gesagt, wollte ich auch keine blutigen Details wissen. Und doch, ich hatte einen Zweifel. "Und Sie sind sicher, dass er endgültig besiegt ist?" Ich wünschte es so sehr. Aber es war Voldemort schon einmal gelungen zurückzukehren, und ich hatte Angst, dass es wieder passieren konnte. "Ja, ich bin sicher. Ich kann spüren, dass er weg ist. Jetzt wo er nicht mehr da ist, da weiß ich, dass er seit meiner frühesten Kindheit in mir, nein, in meinem Geist", verbesserte er sich, "präsent war. Ich habe das Gefühl, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich frei bin." War ich wirklich so angespannt gewesen? Jedenfalls merkte ich, dass ich mich nach dieser Antwort entspannte und in meine Kissen zurücklehnte. "Professor?" "Was ist, Harry?" "Wissen Sie, dass Sie der einzige waren, der nicht an die Prophezeiung geglaubt hatte? Ohne Sie hätte ich Voldemort nicht besiegen können. Auch wenn Sie keinen Dank hören wollen, verdanke ich Ihnen mein Überleben." Und ich hatte meine Rache vollendet. Nach über zwanzig Jahren war der Tod meiner Mutter gesühnt. Und jetzt fühlte ich keine Zufriedenheit oder Genugtuung, sondern einfach nur eine Leere in mir. Rache war bisher mein einziger Lebensinhalt gewesen, und ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Aber ich hatte auch keine Lust, darüber nachzudenken. Erst mal musste ich wissen, was überhaupt in der Welt los war. "Wissen Sie, Sie brauchen mir nicht zu danken, Potter. Sagen Sie mir nur, wie die Lage in der Zauberwelt ist und welche Rolle ich im Moment spiele, und dann bin ich zufrieden." "Können Sie sich bitte erst entscheiden?" Was wollte er? "Wofür entscheiden?" "Ob Sie mich nun Harry oder Potter nennen. Aber es würde mich freuen, wenn es bei Harry bliebe." Es war mir gar nicht aufgefallen, dass ich ihn geduzt hatte, ich musste wirklich noch ziemlich mitgenommen sein. "Solange du nicht verlangst, dass wir Freunde werden..." Was sagte ich da? Hatte man mir irgendeinen Trank eingeflößt, dessen Wirkung ich nicht kannte? "Nein, das wäre doch etwas zu viel des Guten, aber..." Doch Harry schwieg und schüttelte den Kopf, als ob er den Gedanken, den er gerade hatte, verscheuchen wollte. "Was für ein Aber..." "Nichts... Sir." Hatte ich jemals erwähnt, dass dieser Junge die Pest war? Frech und aufsässig. Und inzwischen wusste ich, dass er es von seiner Mutter und nicht von seinem Vater hatte. Und deswegen nervte es nicht mehr so sehr. Denn James war einfach nur selbstgefällig gewesen. "Gut, Harry, wie du willst, aber hättest du ganz zufällig und wenn es dir überhaupt nichts ausmacht, die Güte, mir zu sagen, was das soll?" Diesen zuckersüßen Ton kannte er. Denn soweit hatte er mich schon viel zu oft getrieben. Abwehrend hob er seine Hände. "Professor Snape, aber nicht doch. Ich werde Ihnen alles sagen. Es ist nur so schwierig, einen Anfang zu finden." Dieses 'Professor' hörte sich aus seinem Mund so falsch an. Schließlich nannte ich ihn jetzt ja auch Harry. "Serverus, bitteschön. Und solltest du meinen, diese Vertrautheit jemals in meinem Unterricht auszunutzen, dann wirst du die nächsten zwei Monate nicht wissen, wie du dein Pensum an Strafarbeit schaffst, das ich dir dafür aufbrummen werde." "Dankeschön, ich weiß es zu würdigen. Aber das mit dem Unterricht hat sich wohl erledigt." Jetzt war es an mir, ihn fragend anzuschauen. "Ich fange wirklich am besten von vorne an. Als ich mit Ihnen, entschuldige, mit dir, gestern hier ankam, da wollten sie dich ohne große Diskussionen ins Verließ werfen und einfach vergessen. Sie dachten wirklich, dass du die Seiten gewechselt hattest." Sie wollten wohl den Schlüssel wegwerfen und mich vergammeln lassen. Und es hörte sich gerade so an, als ob Harry mir schon immer vertraut hatte! Ich konnte nur mühsam ein Schnauben unterdrücken. Ich erinnerte mich da nur zu gut an diverse Ereignisse in den letzten Jahren. Er musste wohl meine Gedanken erkannt haben. "Auch wenn ich Sie... dich, nicht gemocht hatte, im letzten Jahr ist mir klar geworden, dass du wirklich nicht zu Voldemort gehören konntest. Es fühlte sich einfach falsch an. Aber das gehört jetzt nicht zum Thema. Kann ich fortfahren?" Ich nickte. "Es kostete mich einige Mühe, 'sie'", er hatte einen bitteren Unterton in der Stimme, "davon zu überzeugen, dass du unschuldig bist. Besser noch, dass ich ohne Ihre, deine Hilfe nicht in der Lage gewesen wäre, Voldemort zu besiegen. Man wollte mir einfach nicht glauben, schließlich gab es da ja noch diese dämliche Prophezeihung. Und da sich Voldemorts Körper in Luft aufgelöst hatte, nachdem ich den Kopf vom Rumpf getrennt hatte, gab es noch nicht mal einen Beweis dafür." "Du hast sie aber überzeugt?" Es war eine rhethorische Frage, denn sonst wäre ich jetzt tot oder was noch schlimmer wäre: lebendig begraben. "Nein, auch als ich erzählte, dass ich Voldemort mit Gryffindors Schwert besiegen konnte, weil du seine Bewegungen mit einem 'Stupor' verlangsamt hattest, glaubten 'sie' mir nicht. Sie dachten, du hättest mich manipuliert. Verdammt!" Harry war inzwischen aufgestanden und lief auf und ab. "Es ist ja nicht das erste Mal, dass man mir nicht glaubt, ich hätte mich inzwischen daran gewöhnen müssen, aber es tut so weh." Ja, das war 'Der-Junge-der-lebt': verbittert und viel zu hart für sein Alter. Merlin, er hatte in den letzten Tagen Menschen töten müssen. Und niemand in diesem Schloss hatte es scheinbar für nötig gehalten, sich um ihn zu kümmern. Wieder schien Harry meine Gedanken zu erraten. "Wenn Hermine nicht gewesen wäre... sie drängte alle anderen dazu, dass man dich erst medizinisch versorgt. Und dass sie dann anschließend munter weiter diskutieren konnten, statt zu handeln." Es freute mich für Harry und ganz besonders auch für mich, dass Hermine überlebt hatte. Sie war nicht nur intelligent, nein, sie wusste ihr Wissen auch anzuwenden. Aber irgendwie wurmte es mich, jetzt in ihrer Schuld zu stehen. Ein bitteres Lachen riss mich aus meinen Gedanken. "Hermine war gar nicht nett zu ihnen. Sie bezeichnete alle als Herde, die ohne Leithammel kopflos durch die Gegend rennen würde und keine eigenen Entschlüsse fassen konnte." Und Dumbledore war der Leithammel gewesen, ja, der Vergleich passte. "Wer sind denn 'sie'?" Harry wusste erstaunlicher Weise sofort, was ich meinte. "McGonagall, sie ist jetzt die neue Direktorin, Professor Sinistra, Hagrid, Mad Eye Moody, Tonks, Remus Lupin und die überlebenden Sechst- und Siebtklässler." "Nicht wirklich viele." "Nein, nur wenige haben den Kampf überlebt. Und von den Schülern der beiden obersten Klassen haben auch nur fünfundzwanzig überlebt." So wenige? Es war schlimmer, als ich gedacht hatte. Auch Harry war sich dessen bewusst. "Der Sieg über Voldemort hat einen zu hohen Preis gefordert. Aber wo war ich stehen geblieben? Nachdem wir dich Poppey anvertraut hatten, gab es eine außerordentliche Sitzung des Ordens." "Immer noch eine Hammelherde oder glichen sie jetzt gackernden Hühnern?" Dieser Satz brachte Harry zum Grinsen, und er setzte sich wieder hin. Jetzt wirkte er wesentlich entspannter. "Nein, sie waren überraschend vernünftig. Arthur Weasley hat man zum neuen Zaubereiminister bestimmt. Und erstaunlicher Weise hat er auch sofort an ihre Unschuld geglaubt. Er hat veranlasst, dass du jetzt als freier Mann hier liegst." Was wäre dieser Mann ohne seine Frau? Im Endeffekt hätte man direkt Molly zum Minister ernennen müssen. "Ihm habe ich es zu verdanken, dass keine Auroren mit gezücktem Zauberstäben vor meinem Bett stehen?" "Ja, und er wird dich bitten, wieder als Lehrer für Zaubertränke zu arbeiten, wenn Hogwarts nach den Ferien eröffnet wird." Doch so wie Harry es ausgesprochen hatte, war da noch ein Haken. "Und was verschweigst du mir?" "Man hat mir angeboten, 'Verteidigung gegen die dunklen Künste' zu unterrichten." Bei dieser Antwort konnte er mir nicht in die Augen sehen. Stattdessen stand er auf, ging zum Fenster und blickte in die Dunkelheit. Ich war erst einmal sprachlos. Nicht dass es mich überraschte, dass man mich übergangen hatte. Das war nichts Neues, doch dass Harry es mir erzählte, war schon eine Sensation. "Und warum erzählst du es mir?" "Weil ich der Meinung bin, dass du den Job bekommen solltest. Du hast wesentlich mehr Erfahrung und Voldemort jahrelang getrotzt. Ich dagegen... was habe ich denn in meinem Leben getan? Ich habe doch nur versucht zu überleben. Das habe ich auch McGonagall gesagt." "Und? Wie hat sie reagiert?" "Dass du als ehemaliger Todesser nicht wirklich tragbar für diesen Job wärst." Wieder war da dieser bittere Ton in der Stimme. Aber da war noch etwas, was mich viel mehr störte. "Harry! Schau mich an." Nach einem Augenblick drehte er sich um und kam näher, damit ich ihn ansehen konnte. "Auch wenn ich dir das Leben gerettet habe, brauchst du meine Kämpfe nicht auszutragen. Ich bin alt genug, um das selber zu machen. Und es ist bestimmt nicht so, dass es mir an Schlagfertigkeit fehlt." Er war einsichtig genug, dass er den Kopf senkte, um sein Grinsen zu verbergen. Und ich tat so, als ob ich es nicht mitbekommen hätte. "Und was soll ich jetzt machen?" "Wenn du dir sicher bist, dass du den Job möchtest, dann nimm ihn an. Ich will ihn nicht mehr. Ich habe in der letzten Zeit so viele Flüche eingesteckt, dass ich endgültig genug davon habe. Ich bin zufrieden damit, Zaubertränke zu unterrichten, da explodieren zwar Kessel, aber ich kann keine Flüche abbekommen." Es war mir noch nicht bewusst gewesen, aber als ich es aussprach, wusste ich, dass es die Wahrheit war. Vielleicht war ich auch zu alt dafür. "Ich weiß, dass ich kein Auror werden möchte. Ich will niemanden mehr töten. Und professionell Quidditch zu spielen, damit tausend Verehrerinnen um mich rum tanzen, ist auch nicht mein Ding." Harry drehte sich wieder um und schaute aus dem Fenster. Kurz darauf sprach er weiter. "Ich habe nie wirklich damit gerechnet, den letzten Kampf gegen Voldemort zu überleben. Mir ging es eigentlich darum, dafür zu sorgen, dass meine Freunde in Sicherheit sind. Und jetzt ist er noch keine vierundzwanzig Stunden tot und man will, dass ich über meine Zukunft entscheide. Das ist so unfair!" Hatte der Junge nicht bei Gringotts ein Verließ mit mehr als genug Geld, um die nächsten Jahre unbesorgt leben zu können? Und warum erzählte er mir von seinen Zweifeln? "Kann es sein, dass du hier bist, um dir einen Rat zu holen? Und warum glaubst du, dass du bei mir, ausgerechnet bei mir, Hilfe bekommst?" Harry besaß die Unverschämtheit, sich noch nicht mal umzudrehen und nur mit den Schultern zu zucken. "Es war ja einen Versuch wert. Ich wusste eben nicht, wen ich fragen sollte." Danke, und da war ich die absolute Notlösung. Am liebsten hätte ich Harry für sein anmaßendes Verhalten Punkte abgezogen. "Schön, dass Sie da an den Tränkemeister gedacht haben, der ja hilflos auf der Krankenstation liegt und nichts Besseres zu tun hat." Dass ich ihn in diesem Moment nicht duzte war eine bewusste Handlung. Denn mit so einer Handlung hatte er jedes Recht dazu verwirkt. Auch Harry schien zu merken, dass der Fettnapf, in den er gerade getrampelt war, sehr groß war und verteidigte sich. "So war das doch nicht gemeint. Ich hatte überlegt, Remus Lupin, Hermine oder Molly Weasley zu fragen. Aber sie sind nicht objektiv genug. Ich weiß jetzt schon, was sie sagen werden. Lupin wird mir empfehlen, Lehrer zu werden, Molly wird mir raten, eine Ausbildung zum Auror zu machen, und Hermine, tja, sie wird mir sagen, dass ich erst mal einen richtigen Abschluss machen soll, bevor ich über so was nachdenke." Jetzt hatte er mich. Um mein Gesicht zu wahren, musste ich ihm tatsächlich einen Rat geben. Und den Fettnapf hatte er damit auch aus dem Weg geräumt. Dieser gerissene Bengel! "Willst du denn weiter lernen?" Er schien überrascht, dass ich ihm die Frage stellte, und dachte einen Moment nach. "Nein, ich habe im letzten Jahr so viele Sonderstunden gehabt, dass ich manchmal das Gefühl hatte, mein Kopf würde platzen. Wussten Sie, dass mir Dumbledore den Zeitumkehrer gegeben hatte?" Das wusste ich nicht, aber es erklärte einiges. "Du willst nicht kämpfen, hast keine Lust auf Groupies und vom Lernen hast du auch genug. Habe ich dich richtig verstanden?" Gut, ich hatte es nicht nett formuliert. Aber ich wollte auch nicht nett sein, denn inzwischen waren die Schmerzen zurückgekehrt und auch mein Kopf fing wieder an zu dröhnen. "Ja, das hast du. Wenn du es so formulierst, dann bleibt nur eine Möglichkeit offen..." "Stimmt, Lehrer zu werden. Aber beruhig' dich, du bist nicht der erste, der diesen Beruf wählt, weil er nichts anderes kann." Ich wartete darauf, dass er hoch ging oder einen biestigen Kommentar von sich gab, doch er tat es nicht. Stattdessen starrte er in die Dunkelheit. "In DA hat es mir Spaß gemacht, den anderen beizubringen, wie man sich gegen Todesser verteidigt, und Lupin hat mir in meinem dritten Schuljahr gezeigt, wie man den Unterricht spannend gestalten kann. Es wäre wirklich eine Möglichkeit..." Scheinbar hatte er nicht wirklich daran gedacht, Lehrer zu werden, und schien sich gerade mit dieser Vorstellung anzufreunden. Es lag mir auf der Zunge, ihm zu erzählen, dass pubertierende Mädchen viel schlimmer sein konnten als der schlimmste Groupie, aber ich unterließ es. Rache musste sein. "Du weißt ja, dass es auf Hogwarts inzwischen eine Tradition gibt." Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass er sich umdrehte. Aber jetzt tat er es. Inzwischen kannte er mich gut genug, um zu wissen, dass er antworten musste, um von mir eine Information zu bekommen. "Welche Tradition meinst du?" Hermine hätte es gewusst, aber sie war auch ein Ausnahmetalent. Ich merkte, dass ich die Unterhaltung beenden musste. Denn ich spürte, wie sehr mich das Sprechen anstrengte und ich immer schwächer wurde. Ich befürchtete, bald wieder Sterne zu sehen. Und mir tat einfach nur alles weh. Aber diese Blöße wollte ich nicht zeigen. Deswegen musste ich Harry abwimmeln. "Dass es kein Verteidigungs-Lehrer länger als ein Jahr aushält. Es ist deine Entscheidung, ob du dieser Tradition folgst oder eine neue beginnst." Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, doch bevor er antwortete, öffnete sich die Tür und Pomfrey kam ins Zimmer. Sie hatte wohl weder erwartet, dass ich wach war, noch, dass Harry immer noch da war. Wen sah sie jetzt strafender an? Mir war es ehrlich gesagt egal. Ich kannte diese Miene und ignorierte sie. Und nahm mir fest vor, am nächsten Tag wieder in meine Räume zurückzukehren. Gleich, welche Konsequenzen Pomfrey mir androhte. Und wenn sich tausend Sterne um meinen Kopf drehten. In diesem Zimmer, das tagsüber viel zu hell war, würde ich nur eine Nacht schlafen. Harry dagegen schien bei ihrem Eintreten um einige Zentimeter geschrumpft zu sein. Er hatte wohl ziemlichen Respekt vor ihr, kein Wunder, so oft, wie er schon bei ihr in Behandlung gewesen war. "Harry, ich hatte Ihnen doch gesagt, dass Sie Professor Snape nur für fünf Minuten besuchen dürfen. Und jetzt, jetzt sind Sie fast eine halbe Stunde bei ihm geblieben. Bitte lassen Sie uns jetzt allein." Und als der Bengel nicht zu reagieren schien, da schob sie noch ein energisches "Sofort!" hinterher. Es wirkte. Harry nickte mir nur kurz zu und war dann auch schon verschwunden. Wieso tat er das nicht bei mir? Einfach so, ohne große Diskussionen, meinen Anordnungen folgen? Aber es war ein Wunschtraum, einen fügsamen Harry zu kennen. Denn mit so einem Charakter hätte Voldemort ihn sehr schnell beseitigt. "Und nun zu Ihnen, Serverus." War da etwa ein Vorwurf in ihrer Stimme? Was konnte ich dafür, dass Harry mich die ganze Zeit belästigte? Aber darum ging es nicht. Sie nahm aus den Weiten ihres Umhangs eine Flasche und einen Löffel. Die grünbraune Flüssigkeit, die sie mir anschließend zum Einnehmen unter meine empfindliche Nase hielt, stank bestialisch. Nun, leider musste es so stinken. Es war meine Spezialkreation, die die Schäden der 'Unverzeihlichen' stark linderte. Und genau das, was mein Körper jetzt brauchte. Ohne zu zögern nahm ich ihr den Löffel ab und schluckte den Trank runter. Ich schaffte es sogar, die Ekelschauer zu unterdrücken, und gab Pomfrey den Löffel zurück, ohne dass meine Hand zitterte. "Müssen Sie wieder diese Spielchen spielen, Serverus?" Oh, wie hasste ich diesen leicht vorwurfsvollen Ton. "Mir brauchen Sie nicht vorzuspielen, wie stark Sie schon sind. Ich habe Sie gestern untersucht und weiß, wie viele Flüche man Ihnen in den letzten Tagen angehext hat. Es ist ein Wunder, dass sie noch leben. Und eigentlich hätten Sie bei den Schmerzen, die Sie überstanden haben wahnsinnig werden müssen. Wussten Sie das?" Nun, bei ihrem Tonfall war ich nahe daran, wahnsinnig zu werden. Und wenn ich nicht so schwach gewesen wäre, dann hätte ich garantiert eine entsprechende Antwort gegeben. Stattdessen fühlte ich, wie ich auf ein Mal unheimlich müde wurde und mir fast die Augen zufielen. Kein Wunder bei dem Trank. In dem Moment war es mir auch egal, dass sich Pomfrey an meiner Bettwäsche zu schaffen machte. Ich wollte nur noch schlafen. Meine letzten Gedanken galten Harry. Nicht dass ich den Jungen jetzt mochte, er war immer noch eine Plage. Aber zuzuschauen, wie er sich als Lehrer machte, würde mein Leben bestimmt interessanter machen. Wie hieß noch mal der asiatische Fluch? 'Mögest du in interessanten Zeiten leben'. Ich war wohl verflucht, aber da die schlimmsten Zeiten vorbei waren, war es immer noch besser, als vor Langeweile zu sterben. Und dann, dann schlief ich ein und träumte von einer Zukunft ohne Voldemort. 14
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