|
Kanalratten© by Birgitt ()
Detlef Maria Kallenbach, Hauptkommissar der Frankfurter Kriminalpolizei, Abteilung KFZ-Delikte, trat hinaus auf den Balkon, in der Hoffnung, hier nicht nur frische Luft, sondern auch etwas Ruhe zu finden. Für einen - dienstfreien - Sonntagmorgen war es ungewöhnlich hektisch. Sogleich wurde die erste seiner Hoffnungen zerstört: Die Luft bewegte sich nicht einen Hauch, und die drückende Schwüle, die das Apartment schon seit Tagen zu einem nicht gerade angenehmen Aufenthaltsort degradiert hatte, schien das gesamte Universum zu erfüllen. Seufzend begab sich Kallenbach zum Balkongerüst, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ seinen Blick über die Skyline schweifen. Frankfurt. Nun waren schon über sieben Jahre ins Land gegangen, seitdem er in die Metropole gezogen war, um sein Glück zu machen, und er war immer noch nicht an sein Ziel gelangt. Auch wenn sich in den letzten Tagen Dinge ereignet hatten, die eine Aussicht auf Besserung versprachen, fand er sich nur schwer mit seiner momentanen Situation ab. Die Augenblicke, wo er liebend gern seine Frustration in die Welt hinausgeschrien hätte, häuften sich mit jedem Tag. Im Moment schluckte er seine Wut allerdings hinunter; die Nachbarschaft wäre wenig begeistert, wenn er sie mit einem Urschrei kurz vor sechs Uhr morgens aus dem Schlaf holen würde. Stattdessen fuhr er sich durchs dunkle Haar, das sich feucht vom Schweiß in seine Stirn lockte. Wie konnte es sein, dass ein kompetenter Beamter wie er nach jahrelangen Bemühungen noch immer auf den unteren Stufen der Karriereleiter herumturnte? Er musste mitansehen, wie andere, weit unfähigere Männer, auf die Überholspur namens Beziehungen ausscherten und an ihm vorbeizogen! Er trat noch einen Schritt weiter nach vorn, packte das Geländer fest mit beiden Händen, spürte, wie sich die Muskeln in seinen Armen anspannten. "Detlef? Würdest du bitte..." "Was?" Kallenbach ließ von seinen Überlegungen ab und drehte sich um. Unbemerkt war seine Verlobte hinter ihn getreten; er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Balkontür zu schließen. Trotzdem hätte er sie hören müssen. Bei einem Einsatz hätte er sich eine solche Gedankenlosigkeit nicht leisten wollen. Sandra Bulthaupt hielt ihm ihre Perlenkette hin. Als er zögerte, hob sie leicht die linke Augenbraue. Damit zerstob auch seine zweite Hoffnung. Seine Zeit der Muße war abgelaufen. Sandra drehte ihm den Rücken zu, und er legte ihr die Kette um den Hals, ließ dann seine Hände auf ihren makellos weißen Schultern ruhen. Gern wäre er bei dieser Geste einem inneren und echten Impuls gefolgt, doch die Berührung war das Ergebnis purer Kalkulation. Wie auch der sanfte Kuss, den er auf ihren Nacken hauchte. Das Aroma des Parfums, das sie trug, überlagerte den Schweißgeruch, der in der Luft hing. "Du bist etwas unaufmerksam heute Morgen, Detlef. Und letzte Nacht... Irgendetwas nicht in Ordnung, mein Lieber?" Sandra beherrschte dieses Spiel so perfekt wie er selbst. Sie hatten eine Abmachung, und keiner von ihnen würde sich die Blöße geben, sie zu brechen. Er hatte es satt, darauf zu warten, dass seine Vorgesetzten seine fachlichen Qualitäten anerkannten: Sandra war für ihn die Chance auf den Eintritt in Kreise, die seine Karriere voranbringen konnten. Und Sandra konnte mit ihm einen ansehnlichen Partner an ihrer Seite vorzeigen, der ihr dieses gewisse Etwas an Unkonventionalität verlieh, das bei ihrer Clique als chic und in galt. "Wie immer kann ich dir nichts vormachen." Sie drehte sich zu ihm um, als er nicht weitersprach. "Und? Erfahre ich auch, was es ist?" "Nichts, was dir Sorgen machen müsste. Rein dienstlich. Und nicht mal ein wirkliches Problem. Eher eine Chance." Sandra hob wieder eine Augenbraue. Ihr Interesse war offensichtlich. Manchmal fragte sich Kallenbach, ob ihre Ambitionen bezüglich seiner Karriere nicht größer waren als seine eigenen. Denn eines Tages würde es nicht mehr ausreichen, dass er als Ordnungshüter in den Straßen Frankfurts sein Leben riskierte. Nur zu bald würde Sandra - und vor allem ihre einflussreiche Familie - eine Beförderung erwarten. Seine Beziehung zu einer Bulthaupt würde sich bezahlt machen, sobald er sich mit einem erfolgreich abgeschlossenen Fall ins Gespräch brachte... "Hat es etwas mit diesem Faux-pas zu tun, den sich euer Neuzugang geleistet hat?" Ihre anfängliche Eifersucht auf die Neue in Kallenbachs Abteilung, Helen Renmark, hatte sich schnell gelegt. Kallenbach hatte Sandra überzeugt, dass Renmark weder sein Typ war, noch direkt mit ihm und seinem Partner Deichsel zusammenarbeiten würde. Er hätte trotzdem nichts dagegen gehabt, derjenige zu sein, der Renmark in die Abteilung und in ihre Arbeit einführte. Schließlich hatte sie die richtigen Beziehungen, wenn die Gerüchte stimmten. Und so hatte Kallenbach ihre Zuteilung zum Team Niemcek/Schwenk als weiteres Indiz dafür gewertet, dass die lieben Kollegen in der Abteilung die erste Geige spielten. Noch. Renmarks Ausrutscher - die versehentliche Verhaftung eines russischen Stardirigenten - sah Kallenbach als absolutes Glück im Unglück an. Kein Ruhmesblatt für die Abteilung, gewiss nicht, aber der meiste Dreck würde an Niemcek und Schwenk hängenbleiben. Zudem hatte deren Partnerschaft nach diesem Fiasko erstmals deutliche Risse gezeigt. Es kam nicht oft vor, dass Niemcek laut wurde, schon gar nicht gegenüber Schwenk, aber diesmal hatte man es deutlich hören können, wie sauer er auf Schwenk war. "Der Chef ist nicht begeistert von diesem Zwischenfall. Dieser Nikolajew muss an den richtigen Stellen Druck gemacht haben, und Ehrenberg ist nicht der Typ, der Druck einfach so von seinen Leuten abhält." "Es wundert mich nicht, dass es Ärger gegeben hat. Das Konzert war unbestritten das Highlight der Sommersaison. Alles, was in Frankfurt Rang und Namen hat, war im Saal zugegen und hat es sich nicht nehmen lassen, Nikolajew stehende Ovationen zu geben. Nicht auszudenken, wenn der Mann seinen Auftritt abgesagt hätte!" Gesichtsausdruck und Tonfall machten deutlich, dass Sandra dieses worst case-Szenario liebend gern erlebt hätte. Es war Kallenbach nicht entgangen, dass Sandra dem Publikum mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte wie dem Kulturereignis selbst. Er ließ sie nicht umsonst Unternehmungen dieser Art planen: Er hatte keine Ahnung, wann man wo zu sein hatte, auch wenn er sich noch so oft vor den Kollegen als wandelndes Feuilleton aufspielte. Kallenbach verließ sich da ganz auf die Erfahrungen und Instinkte seiner Verlobten. "Hmm, ich könnte mir da einiges vorstellen. Wie gesagt, Ehrenberg kann bei solchen Gelegenheiten ziemlich unangenehm werden." Sandra neigte den Kopf und lächelte zufrieden. "Ich muss mir also keine Sorgen machen, während ich in Hamburg bin?" Sandra hatte ihre Firma auf einer Messe zu vertreten und würde die kommende Woche unterwegs sein. Diese Tatsache stimmte Kallenbach keineswegs traurig. Im Gegenteil, es erschien ihm fast wie ein Wink des Schicksals, dass er für die nächsten Tage keine privaten Termine hatte. In den letzten Stunden hatte sich ein Plan in seinem Kopf geformt - Schlaflosigkeit hatte seine Vorteile. Schließlich galt es, einen Weg zu finden, Niemcek und Schwenk bei den Vorgesetzten auszustechen. "Keineswegs, meine Liebe, keineswegs. Ich denke, ich werde die Zeit sinnvoll nutzen können." Kallenbach trat einen Schritt zurück und betrachtete die attraktive Erscheinung Sandras mit einem schon fast taxierenden Blick. Ihre dichten, fast schwarzen Haare fielen in Locken auf ihre Schultern, das schwarze trägerlose Top schuf einen reizvollen Kontrast zum eng geschnittenen roten Kostümrock. Sie war keine klassische Schönheit; ihr Mund war etwas zu groß, die Augen standen etwas eng beisammen, doch das gekonnt aufgetragene Make-up kaschierte diese leichten Makel mühelos, ja, ihr Gesicht wirkte interessant und anziehend. "Und ich werde dich vermissen." Diese Halbwahrheit kam ihm leicht von den Lippen; schließlich bewunderte er ihre Entschlossenheit und die Mühelosigkeit, mit der sie ihre Ziele zu verwirklichen schien. Schnell hatte er erkannt, dass er von Sandra eine Menge lernen konnte, und da sein Ehrgeiz größer war als seine Eitelkeit und sein männlicher Stolz, folgte er ihr in allen Situationen, wo es ihm nutzte. "Schwindler." Sie legte ihre schmale Hand auf seinen Unterarm, ihre Fingernägel drückten für einen Moment in seine Haut, hinterließen ein paar Sekunden lang hellere Abdrücke. "Aber charmant. Und das ohne Publikum. Wie schade, dass wir keine Zeit mehr haben." Kallenbach lächelte und nickte. Abmachung hin, Abmachung her, keiner konnte ihnen verbieten, Spaß an ihrem Tun zu haben. Sandra stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn leicht auf die Lippen. Erneut sog er ihren Geruch ein. "Es ist nur eine Woche." Leicht war es nicht, die deutlichen Reaktionen seines Körpers, die ihre Nähe und ihre Berührungen auslösten, zu ignorieren, aber er wollte es nicht riskieren, dass Sandra ihren Flug und damit ihren Termin in Hamburg verpasste. Er wollte den Kopf frei haben für seinen Plan, konnte keine Ablenkungen brauchen. "Und du musst wirklich los." Wie auf Kommando klingelte die Türglocke: das Taxi, das Sandra zum Flughafen bringen würde. Fast hätte Kallenbach vor Erleichterung geseufzt. Wenn Sandra es sich in den Kopf gesetzt hätte, noch zu bleiben... Sandra küsste ihn nochmals, nur ein flüchtiger Hauch, und lief dann barfüßig zurück in die Wohnung. Kallenbach folgte ihr ins Schlafzimmer, ergriff den Rollkoffer und hängte sich die Handgepäcktasche um. "Ich bringe deine Sachen schon nach unten." "Warte, ich bin gleich fertig." Kallenbach drehte sich in der Tür um. Sie zog ihre rechte Sandale an, stand von der Bettkante auf und schlüpfte in die Kostümjacke, die auf dem Bett lag. Dann ergriff sie ihre Handtasche, öffnete sie. "Portemonnaie, Papiere, Tickets. Wir können."
Auf dem Weg nach draußen nahm er seinen Schlüsselbund vom Haken und steckte ihn in die Hosentasche, hielt dann Sandra die Wohnungstür auf, ging selbst hinaus und zog die Tür zu. Sie ließ ihm den Vortritt auf der Treppe. Kallenbach musste sich zusammenreißen, dass er nicht bereits jetzt seine Gedanken schweifen ließ. Ein paar Minuten noch und Sandra war auf dem Weg nach Hamburg. Der Taxifahrer nahm ihm die Gepäckstücke ab, sobald er aus dem Haus trat. Kallenbach öffnete für Sandra die Wagentür. Sie hielt inne, als sie einsteigen wollte, kam noch einmal zu ihm. "Ich muss zugeben, dein Verhalten macht mich überaus neugierig. Doch ich begnüge mich damit, alles zu erfahren, wenn ich zurück bin. Was immer du tust, ich wünsche dir - uns - Erfolg." Kallenbach war überrascht, nicht nur von ihren Worten, sondern auch von ihrem weichen Tonfall und der Art, wie sie ihn ansah. Er hatte das Gefühl, er hätte irgendetwas verpasst. Einen Blick oder eine Bemerkung vielleicht? Doch bevor er reagieren konnte, stieg Sandra in den Wagen und schloss die Tür. Der Taxifahrer schlug den Kofferraum zu und stieg ebenfalls ein. Sandra nickte Kallenbach noch einmal zu, er hob unwillkürlich die Hand zum Gruß, sah dem Fahrzeug nach, bis es um die Ecke bog. "Was hatte dieser Abgang zu bedeuten?" Fast schrak er bei dem Klang seiner eigenen Stimme zusammen, überrascht, dass er den Gedanken laut geäußert hatte. Und er sprach weiter vor sich hin. "Wie war das noch gleich? Mögest du in interessanten Zeiten leben..." Ein chinesischer Geschäftsmann hatte Kallenbach auf der letzten Party von Sandras Eltern in ein Gespräch verwickelt und ihm von diesem seltsam anmutenden Fluch erzählt. Kallenbach zog den Schlüsselbund aus der Hosentasche und warf ihn hoch, fing ihn wieder auf. "Diese Geschichte scheint wirklich interessant zu werden. Muss nur aufpassen, dass der Fluch mich nicht trifft."
***
Die Spielkarten lagen ausgebreitet vor ihm auf dem Tisch, und Kallenbach schob sie mehrfach hin und her. In regelmäßigen Abständen - einem durch Gewohnheit geprägten Rhythmus - nahm er den Zigarillo auf, der neben ihm im Aschenbecher lag, und zog daran, blies den Rauch genüsslich durch die Nase. Noch ein Vorteil seines zeitlich terminierten Junggesellendaseins, den er auszukosten gedachte. Sandra rauchte nicht und verlangte von ihm, dass er in der Wohnung Rücksicht nahm. Kallenbach streckte seine linke Hand aus und legte den Mittelfinger auf die Pik-Dame, zog die Karte zu sich heran, nahm sie dann in die Hand. Er griff nach dem Zigarillo, nahm einen Zug und blies den Rauch langsam auf die Karte, der Königin mitten ins Gesicht. "Auszeit, meine Liebe. Den nächsten Schritt mache ich zur Abwechslung mal allein." Mit diesen Worten legte er die Karte auf den Stapel zu seiner Rechten. Er hatte keine Sekunde überlegt, als er die Pik-Königin für Sandra bestimmt hatte. Herzdame? Das passte doch wohl eher zu- "Kollegin Renmark", murmelte Kallenbach und schob die entsprechende Karte in die Mitte des blankpolierten Holztisches, an dem er seit etwa einer Viertelstunde saß. Zwar war es noch früh, doch in der Wohnung war es unerträglich warm. Er hatte sich den Kampf mit der Schlaflosigkeit erspart, in der Gewissheit, dass er ohnehin unterliegen würde. Stattdessen hatte er geduscht und sich frische Sachen angezogen. Während der Kaffee durchlief, hatte er das Skatspiel aus dem Küchenschrank geholt und die Karten aussortiert. Er hatte der Versuchung widerstanden, für sich selbst das Pik-As herauszulegen. Schließlich sollte diese kleine Übung nur dabei helfen, seine Gedanken zu ordnen, nicht, um irgendwelchen Wunschvorstellungen nachzuhängen. Das Kreuz-As für Ehrenberg als Chef der Abteilung passte. Die vier Könige... Pik für sich selbst und Kreuz für Deichsel. Da es keine Null in dem Spiel gab, war es ihm gleich, welche Karte sein Partner abbekam. Karo für Niemcek und Herz für Schwenk. Christoph Schwenk definierte sich so sehr über seine amourösen Abenteuer, dass für ihn nichts anderes in Frage kam. Jetzt noch die Spielkarten für die beiden Schwuchteln, die überraschender Weise in diesem Spiel aufgetaucht waren. Am besten nahm er Buben für die beiden Jungs. Und wenn der Schwenk sich schon mit dem Autoschrauber öffentlich zeigte, dann war für den Herz naheliegend. Karobube für diesen Bengel vom Schrottplatz, Reifert. Kallenbach trank einen Schluck Kaffee, den er sich in eine große Tasse geschüttet hatte. Schwarz, ohne Zucker. Er musste dafür sorgen, dass sein Mangel an Schlaf sein Denken nicht beeinträchtigte. Er durfte sich keinen Fehler erlauben.
Donner ließ ihn zusammenzucken. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie dunkel es geworden war. Er stellte die Tasse ab, ging zum Fenster und öffnete es. Ein heftiger Windstoß riss es ihm fast aus der Hand, und er schloss es wieder. Ein Blitz zuckte für Sekundenbruchteile über den Himmel. Kallenbach schaltete die Deckenbeleuchtung ein und setzte sich zurück an den Tisch. Die Ehrenbergkarte landete ebenfalls auf dem Stapel. "Vermutlich ist es dir recht, wenn ich dich nicht mit Details in dieser Sache belaste. Und außerdem wäre es mir äußerst unangenehm, Kollegen völlig unbegründet zu beschuldigen oder auch nur zu verdächtigen. Mit Beweisen in der Hand sieht die Sache natürlich anders aus." In der nächsten Sekunde, fast synchron mit einem weiteren Donnergrollen, schob er Schwenk neben Renmark. Es war ein offenes Geheimnis, dass Schwenk von seiner Verlobten vor die Tür gesetzt worden war, und früher oder später würde Schwenk begreifen, dass das nächste Beutetier ganz in der Nähe auf ihn wartete. Oder vielleicht sogar lauerte: Renmarks Interesse für den Kollegen war mehr als nur offensichtlich, auch wenn sie versuchte, die kühle Blonde zu spielen. Für Kallenbach war Renmark eine Frau voller Widersprüche. Die Geschichten, die schon Tage vor ihrem Eintreffen in der Abteilung kursiert hatten, ließen sie als eine Art Wunderkind erscheinen, das alle möglichen und unmöglichen Aus-, Fort- und Weiterbildungen genossen hatte. Die Dame trug den Stempelabdruck Karriereschnalle bereits auf der Stirn, bevor sie auch nur ein Kollege zu sehen bekommen hatte. Die Gerüchte über einflussreiche Verwandtschaft und eine intime Beziehung zum Polizeirat hatten der Sache noch zusätzliche Würze verliehen. Letztere Behauptung hatte Sandra allerdings mithilfe ihrer Kontakte schnell durchleuchtet und entkräftet, als Kallenbach sie darum bat, in dieser Richtung nachzuforschen. Ergebnis von Sandras Recherchen: Renmark war die intelligente und zielstrebige Tochter aus gutem Hause, die alle Voraussetzungen für eine Position ganz oben mitbrachte. Das erklärte allerdings nicht, warum sie sich einer Abteilung anschloss, bei denen endlose, öde Überwachungen, oft erfolgloses Klinkenputzen und meist wenig spektakuläre Fälle an der Tagesordnung standen. Da gab es doch weit illustere Betätigungsfelder. Und wenn dieser Einsatz eine unvermeidliche Pflichtübung war, so nahm Renmark diese überaus ernst. Schon am zweiten Tag war sie nach Beendigung ihrer Schicht in dem Büro aufgetaucht, das Kallenbach sich mit Deichsel teilte... teilen musste, und hatte um Hilfe gebeten. Amtshilfe, um genau zu sein. Am Tag zuvor, bei der offiziellen Vorstellung durch Ehrenberg, hatte sie Kallenbach kaum eines Blickes gewürdigt. Bei der Szene in seinem Büro war sie ihm ob ihres Ehrgeizes und ihrer Arroganz fast schon sympathisch gewesen. Aber nur fast.
"Die Frau Kollegin. Womit verdienen wir die Ehre dieses unerwarteten Besuches? Haben Sie bereits genug von den Stars unserer Abteilung?" Sie hatte sich umgesehen, die Tür geschlossen und sich mit dem Rücken dagegen gelehnt. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich muss Sie leider enttäuschen. Und sparen wir uns diesen Sarkasmus. Ich will was lernen und diesen Job gut machen. Aber ich bin jetzt nicht hier, um euch zwei davon zu überzeugen, dass ich meinen Aufenthalt hier nicht als coole Freizeitbeschäftigung ansehe." Sie hielt inne und sah kurz zu Deichsel, dann starrte sie wieder ihn an. Renmark hatte klar erkannt, wer hier den Ton angab. "Sondern?" "Ich brauche Informationen, wenn ich euch irgendwann - möglichst bald - nicht mehr nur im Weg stehen will. Die Fälle der letzten zwölf Monate sollten genügen. Kollege Niemcek hat mich schon mit einem Teil des relevanten Materials versorgt; ich bräuchte nur noch eure Unterlagen." Sie steckte die Hände in die Taschen ihrer Jeans. "Wenn es die Kollegen nicht überfordert." Kallenbach schluckte leicht bei ihrem Anblick. Renmark war eine besonders attraktive Frau. Derzeit schien sie diese ihre Vorzüge nicht ausspielen zu wollen, ging den schwereren Weg, mit Leistung überzeugen zu wollen. Wenn sie eines Tages lernte, beides miteinander zu kombinieren, würde es nichts und niemanden geben, der ihren Weg nach oben aufhalten könnte. Und sie würde es dann auch nicht mehr zulassen. "Wer wollte denn da ohne Sarkasmus?" Kallenbach wartete ihre Erwiderung gar nicht ab. "Natürlich stellen wir Ihnen die Unterlagen zur Verfügung, verehrte Frau Kollegin. Gehört doch gewissermaßen zur Nachwuchsförderung." Bevor Renmark reagieren konnte, mischte sich Deichsel ein. "Und vielleicht brauchen wir ja auch mal Hilfe." Renmarks Haltung versteifte sich merklich, und Kallenbach hätte Deichsel in diesem Moment treten können. Nicht, dass er etwas gegen anzügliche Bemerkungen oder doppeldeutige Formulierungen hatte, aber so plump, wie Deichsel auftrat, konnte Renmark nicht anders und würde sie in die Schublade 'hirnlose Dreibeine' stecken. Er hatte keine Gelegenheit mehr, die Bemerkung auszubügeln, denn Renmark presste nur noch ein "Danke" heraus und war im nächsten Augenblick verschwunden. "Bisschen empfindlich die Kleine." "Ich würde eher sagen, sie hat's nicht nötig, sich mit uns abzugeben. Und freiwillig wird sie das auch nicht mehr tun."
Ein paar Tage später - nach Renmarks russischer Heldentat - war nicht mehr viel von ihrer Selbstsicherheit übrig gewesen. Kallenbach hatte es nicht selbst miterlebt, aber gab genügend Kollegen, die bereitwillig mit Einzelheiten rausgerückt waren. Wie nicht anders zu erwarten, hatten Niemcek und Schwenk dicht gehalten, aber es hatte trotzdem nicht lang gedauert, bis die Geschichte mit Nikolajew von der gesamten Abteilung - und wahrscheinlich darüber hinaus - diskutiert und immer mehr ausgeschmückt wurde. Ehrenberg hatte die drei Kollegen antanzen lassen und sich zuerst alle drei vorgenommen. Dann hatte er Renmark hinausgeschickt, und schließlich, als er mit Niemcek und Schwenk durch war, Renmark noch einmal allein in sein Zimmer zitiert. Nach diesem Gespräch war sie verschwunden, und am nächsten Tag hatte sie sich krank gemeldet. Mit den Zeigefingern trommelte Kallenbach auf die Karten von Renmark und Schwenk. Seit dem Vorfall mit Nikolajew ging Schwenk merklich rücksichtsvoller mit Renmark um, ließ seine schlechte Laune nur noch an den anderen Kollegen aus. Dienstlich gesehen lief nach dem Verweis von Ehrenberg alles mehr oder weniger normal. Die fehlgeschlagene Verhaftung hatte genug Aufsehen erregt, dass Petrow spurlos von der Bildfläche verschwunden war. Ehrenberg hatte ihnen einen neuen Fall zugeteilt. Zuerst hatte Kallenbach vor einem Wutanfall gestanden, als Ehrenberg ihn und Deichsel mit der Überwachung eines Nobelwagens betraut hatte. Eingebunden in ein Schichtteam, zu dem auch die Schwenktruppe gehörte. Ein Routinejob wie er im Buche stand. Wenig Risiko, etwas falsch zu machen, wenig Möglichkeit, sich zu profilieren. Die Tatsache, dass er so die ideale Gelegenheit hatte, Niemcek, Renmark und Schwenk auf die Finger zu sehen, hatte ihn seinen Ärger herunterschlucken lassen. Falls sich die drei noch einen Ausrutscher leisten würden, säße er dabei in der ersten Reihe. Aber bestimmt nicht nur zum Zuschauen. Er nahm die Deichselkarte und seine eigene und begann eine zweite Reihe, legte die Karten parallel zu Schwenk und Renmark. Niemcek schob er neben Schwenk, aber in leicht größerem Abstand als die Renmark-Karte. Alle Instinkte sagten Kallenbach, dass Schwenk der Schwachpunkt war, und er wusste auch, dass er über Niemcek nicht an Schwenk herankam. Schon bei dem Versuch würde der sofort abblocken. Oder - noch schlimmer - schweigen und mit der Sache zu Schwenk laufen. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die beiden Streit hatten - Kallenbach wusste, dass Niemcek gerade bei ihm Schwenk gegenüber loyal bleiben würde. Nein, es war sinnvoller, sich auf Schwenk zu konzentrieren. Nicht zuletzt wegen der zwei... Buben. Edgar Sänger. Die Karte landete oberhalb von Schwenk. Schwenk war nicht so blöd, sich privat mit einem ganz und gar nicht koscheren Autoschrauber einzulassen, schon gar nicht, wenn besagter Schrauber eine Schwuchtel war. Schwenk war nicht überrascht gewesen, als Kallenbach ihn auf die Spritztour angesprochen hatte. Doch waren weder er und Niemcek weiter auf seine Bemerkung eingegangen. Blieb also die Erklärung, dass Sänger für Schwenk als Informant unterwegs war. Das war Niemceks Spezialgebiet, aber gerade Schwenk war immer für eine Überraschung gut. Falls Sänger seinem Namen alle Ehre machte, würde sich das bald herausstellen. Und konnte es ein Zufall sein, dass dieser Reifert wieder in Frankfurt aufgetaucht war? Kallenbach legte den Karobuben oberhalb von Sänger ab. Das Bild war komplett, doch einen richtigen Reim konnte sich Kallenbach darauf noch nicht machen. Schwenk war das Zentrum, aber er hatte nichts in der Hand, um dieses Zentrum anzugreifen. Vielleicht über eine der Randfiguren? Renmark war ihm viel zu unsicher; er kannte sie und vor allem ihren Hintergrund viel zu wenig, um sich an die Frau heranzuwagen. Niemcek? Wie gesagt - keine Chance, da konnte er sich fast genau so gut mit Schwenk direkt anlegen. Sänger? Nicht, solange nicht klar war, was da zwischen ihm und Schwenk ablief. Blieb noch Reifert. Den hatten sie schon öfter aufgespürt, und wenn der sich nicht um hundertachtzig Grad gedreht hatte, würde er bei den geeigneten Anreizen seinen Mund schnell aufmachen. Reifert. Vor einem Jahr war der noch Stammgast im Kater Karlo gewesen. Und hatte nicht nur bildlich mit Sänger unter einer Decke gesteckt. Höchste Zeit, dass Kallenbach sich den Club mal wieder näher ansah. Mit Deichsel natürlich. Schließlich musste diese Geschichte wasserdicht sein. Schließlich ging es hier gegen einen Kollegen.
Kallenbach stand auf und trug die inzwischen leere Tasse und den Aschenbecher in die Küche, stellte beides auf der Spüle ab. Zurück im Wohnzimmer knipste er das Licht aus, ging dann hinaus auf den Balkon, ließ die Tür hinter sich offen. Das Gewitter war vorüber und hatte ganze Arbeit geleistet - im krassen Gegensatz zur Schwüle des Morgens war die Luft nun wunderbar erfrischend. Kallenbach atmete tief ein; schloss dabei die Augen für ein paar Sekunden, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Augenwinkel. Die verdrängte Müdigkeit eroberte verlorenes Terrain zurück. Es gab keinen guten Grund, die ohnehin nur eine Woche andauernde Freiheit und den heutigen freien Tag nicht auszunutzen. Keine fünf Minuten später lag er auf einer der Liegen, die auf dem Balkon standen, Cognacschwenker, -flasche und die unvermeidlichen Zigarillos neben sich auf dem Boden angeordnet, alles in Reichweite. Und er glitt übergangslos von der vergnüglichen Vorstellung, wie er über die Kollegen triumphierte, ins Reich der Träume.
***
Was für ein Scheißjob! Kallenbach hatte diesen Gedanken mindestens ein Dutzend mal formuliert und ihn auch mehrfach ausgesprochen. Nicht nur, dass sich die Beobachtung eines einzelnen PKWs als die sprichwörtliche und befürchtete gähnende Langeweile herausgestellt hatte: Dazu kam auch noch die entnervende Beschallung aus den unteren Räumen, einem Pornokino mit 24-Stunden-Programm. "Guten Morgen, Kollegen. Ich hoffe, ihr könnt noch an was andres als das eine denken. Täte mir sonst leid um eure armen Partnerinnen." "Lass den Scheiß, Niemcek", knurrte Kallenbach, als Niemcek erschreckend wach und gutgelaunt in das Großraumbüro der ehemaligen Spielzeugfirma kam, um sie abzulösen. Endlich. Diese Observation war wirklich das Letzte. "Sei lieber froh, dass Deichsel dir wegen dieses Standortes nicht schon die Fresse poliert hat." "Kann ich dafür, wenn Deichsel funktioniert wie ein Pawlowscher Hund? Und ein Gutes hat die Umgebung ja - ihr braucht diesmal keine Angst zu haben, bei der Arbeit einzuschlafen, nich'?" Kallenbach blickte auf Deichsel, der jetzt wirklich so aussah, als wollte er sich auf Niemcek stürzen. Er unterdrückte den Impuls, seinem Partner freien Lauf zu lassen, aber das hätte womöglich seinem Plan geschadet. Bevor Deichsel auch nur einen Schritt machen konnte, stellte er sich zwischen die beiden. "Verschwinde, Niemcek, während wir unsere Sachen zusammenpacken. Du musst ja ein einsames Privatleben haben, wenn du so oberpünktlich hier auftauchst. Oder hat dich jemand - verständlicher Weise - aus dem Bett geschmissen?" Deichsel grinste zufrieden, als Niemceks Gesicht sich leicht verfärbte. Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte Niemcek etwas erwidern, aber dann verschwand er wortlos aus dem Raum. Mit leichtem Bedauern sah Kallenbach ihm nach. Wäre zu schön gewesen, wenn die Provokation funktioniert hätte. "Schade. Dem hätte ich wirklich gern eins mitgegeben." Kallenbach packte Deichsel am Hemd, starrte ihn an, bis der dem Blick nicht mehr stand hielt. "Was ist denn?" "Halt dich zurück, Deichsel. Lass dich von Niemcek oder Schwenk nicht provozieren - ich hab' keine große Lust auf eine Unterredung mit dem Chef." "Aber du hast doch gerade selbst-" "Kapierst du nicht, dass es mir darum geht, dass die sich aufs Glatteis begeben? Ehrenberg hat die schon auf dem Kieker, da will ich nicht, dass irgendwas seine Aufmerksamkeit ablenkt. Schon gar nicht du." "Aber-" "Halt die Klappe jetzt", zischte Kallenbach. "Ich erklär's dir, wenn wir unterwegs sind. Jetzt lass uns hier endlich zusammenpacken und verschwinden." Deichsel öffnete nochmals den Mund, und Kallenbach fuhr ihn an. "Feierabend, kapiert?" Deichsel nickte und sammelte seine Habseligkeiten ein. Kallenbach beobachtete ihn ein paar Sekunden, packte dann selbst die Aktentasche. Während der Nachtschicht hatte er sich entschieden: Sie würden sich Reifert vorknöpfen. Heute Abend im Kater Karlo. Deichsel musste mit dabei sein. Er brauchte einen geeigneten Zeugen für alle seine Schritte. Deichsel war perfekt - wenn er ihm die Sache richtig präsentierte, würde er keine unangenehmen Fragen stellen. "Morgen!" Kallenbach steckte sein Handy ein und drehte sich um. Renmark. Sie sah aus wie eine Mensch gewordene Gewitterwolke. Er beschloss, ein bisschen vorzufühlen. "Guten Morgen, Frau Kollegin. Fühlen Sie sich nicht wohl? Vielleicht würde Ihnen ein freier Tag gut tun? Sie wissen ja schon, wie man den beantragt." Die Anspielung saß: Renmark warf ihm einen giftigen Blick zu, sagte aber nichts. Bevor er nachhaken konnte, tauchte auch Schwenk auf. Auch der hatte große Ähnlichkeit mit einem wandelnden Unwetter. Schade, dass ich nicht bleiben und mir das Spektakel in voller Länge anschauen kann! "Komm, Deichsel, lassen wir die lieben Kollegen allein. Ich will nicht riskieren, dass wir hier stören." Deichsel lachte, aber Kallenbach war überzeugt, dass er keine Ahnung von dem hatte, was er eigentlich mit seiner Bemerkung gemeint hatte. Schwenk und Renmark tauschten lediglich einen raschen Blick, sahen dann betont aneinander vorbei. Kallenbach riss sich los, folgte Deichsel aus dem Büro. Da war definitiv was im Busch: Sie kamen fast zeitgleich zur Arbeit, in derselben miesen Stimmung, und warfen sich solche Blicke zu. Und das nach den letzten Tagen zwischenmenschlicher Annäherung. Kallenbach hätte gern gewettet, dass in der letzten Nacht zwischen Schwenk und Renmark was gelaufen war. Beziehungsweise etwas gründlich schiefgelaufen war. Auf der Treppe kam ihnen Niemcek entgegen. Vorsorglich schob sich Kallenbach an Deichsel vorbei, um eingreifen zu können, falls Deichsel sich doch nicht beherrschen konnte. Aber Niemcek hatte wohl inzwischen mitgekriegt, dass er vorhin fast in Kallenbachs Provokation getappt war, denn er würdigte sie nicht eines Blickes. Als sie aus der Tür waren, atmete Kallenbach durch. Am besten er schleifte Deichsel in ein CafÉ: Eine Großportion Koffein und er könnte versuchen, Deichsel seinen Plan soweit klarzumachen, dass der Idiot entsprechend seiner Vorstellungen mitspielte. Deichsel stand schon neben dem Auto, spielte mit der Hand am Türgriff. "Bist du bekloppt, mich da oben so anzumachen?" Kallenbach rollte mit den Augen, öffnete den Wagen und stieg ein. Er wartete, bis Deichsel neben ihm saß. "Ich lad' dich auf 'nen Kaffee ein, dann erklär' ich's dir." "Was, jetzt? Ich will in die Waagerechte. Und Kaffee ist das letzte, worauf ich jetzt Bock hab'." "Meinetwegen auch was anderes." Deichsel sah ihn von der Seite an - Kallenbach ignorierte den Blick und fuhr los. Er wollte ein paar Straßen zwischen sich und die Kollegen bringen. Die kamen bestimmt eher früher als später auf die Idee, dass sie einen frischen Kaffee brauchten. Und erwischen lassen wollte er sich auf keinen Fall. "Na dann... Wenn du mich einlädst-" Kallenbach sah Deichsel kurz an. "Hab ich doch gesagt, oder?" Er atmete tief durch. Es brachte nichts, wenn er jetzt die Nerven und die Geduld mit Deichsel verlor. Er konzentrierte sich auf die Vorstellung, was ihm diese Aktion einbringen könnte, und das half tatsächlich. An der Kreuzung bog er links ab. "Hey, das Präsidium liegt in der anderen Richtung." "Stell dir vor, das ist mir bekannt, Deichsel." Der Kerl konnte auch nicht zehn Sekunden seine Klappe halten. Kallenbach war drauf und dran, ihn aus dem Auto zu werfen und die Sache doch allein anzugehen. "Ich dachte nur-" Kallenbach warf alle guten Vorsätze über Bord und blaffte Deichsel an. "Denken! Erspar' uns das, ja? Mann, ich habe nicht vor, in einem der Läden zu landen, die von Kollegen frequentiert werden." Das brachte Deichsel zum Schweigen. Er sah aus dem Fenster, zog schließlich einen seiner unvermeidlichen Stumpen aus der Hosentasche und steckte ihn in den Mund. Endlich Ruhe! Wenn Deichsel das durchhält, bis ich den ersten Cognac im Magen habe, geschieht vielleicht kein Unglück. Deichsel hielt durch und Kallenbach segnete den Moment, als er ein paar Minuten später an einem kleinen CafÉ vorbeikam. Und in Sichtweite des CafÉ Rosa einen Parkplatz fand. Fünf Minuten später saßen sie in einer kleinen Nische. In der ziemlich düsteren Ecke des CafÉs hatte Kallenbach einen guten Blick auf den Eingang, und die Tische rechts und links neben ihnen waren nicht besetzt. Die wenigen anderen Gäste hatten Plätze am großen Fenster eingenommen. So langsam entwickle ich bei der Sache eine ungesunde Paranoia. Die Bedienung tauchte auf und kritzelte ihre Bestellung auf einen Block, den sie dann samt Bleistift in ihre fleckige Schürze verschwinden ließ. "Ich wäre auch überrascht gewesen, wenn sie sich diesen Riesenauftrag hätte merken können", murmelte Kallenbach. "Was?", fragte Deichsel. "Schon gut." Kallenbach lehnte sich in seinem Stuhl zurück und ließ seine Hände in den Hosentaschen verschwinden. Sonst hätte er sich garantiert an einem der Bierdeckel zu schaffen gemacht und den in seine Moleküle zerlegt. "Sagst du mir endlich, was los ist?" In dem Moment tauchte die Bedienung wieder auf, ebenso lustlos wie sie die Bestellung aufgenommen hatte. Sie war nicht mal vierzig, sah aber so aus, als könnte sie das Rentenalter kaum erwarten. Kallenbach entschied, dass ihr Besuch im CafÉ Rosa der einzige seiner Art bleiben würde. "Bier, Schnaps, 'nen Kännchen Kaffee und 'nen Cognac. Macht zwölf Mark vierzig." Auf Kallenbachs fragenden Blick fügte sie hinzu: "Ich hab' gleich Feierabend und muss abrechnen." Kallenbach seufzte und zog sein Portemonnaie aus der Hosentasche. Er legte einen Schein und ein paar Geldstücke auf den Tisch. "Stimmt so." Sie ließ das Geld in der Schürze verschwinden und murmelte etwas, das er großzügig als "Danke" interpretierte. Ihm war bei ihrem Anblick zwar nicht nach Trinkgeld gewesen, aber er wollte nicht riskieren, dass sie eine halbe Ewigkeit nach dem Wechselgeld kramte. Sie schien die versteckte Botschaft verstanden zu haben oder wollte vielleicht einfach nur nach Hause, denn sie verschwand sofort aus ihrem Blickfeld. "Tolle Hütte hier, Kallenbach." Deichsel kippte den Kurzen in einem Schluck runter und spülte im nächsten Augenblick mit Bier nach. "Aber das Pils ist okay." "Wenn du nur zufrieden bist." Kallenbach murmelte wieder, schenkte sich einen Kaffee ein. Dann trank er seinen Cognac, genoss die Sekunden, als sich eine wohlige Wärme in ihm ausbreitete. Jetzt könnte ich bei einem gemütlichen Frühstück sitzen, zu Hause, ganz in Ruhe... Mit einem Kopfschütteln riss er sich aus dem einsetzenden Tagtraum und drehte mit den Handflächen das Cognacglas hin und her. Schließlich sah er hoch und Deichsel an. "Vergiss meine Stimmung von grade. Schwenk, Niemcek und die neue Tussi gehen mir an die Nieren." "Nicht nur dir", kam es wie aus der Pistole geschossen von Deichsel. Wie üblich zögerte er keine Sekunde, Kallenbachs halbgare Entschuldigung anzunehmen. "Was glaubst du, hat Schwenk die Renmark schon flachgelegt?" Für Deichsel war es offensichtlich keine Frage, dass das früher oder später passieren musste. Kallenbach war geneigt, ihm zuzustimmen. Nicht nur die Szene von vorhin sprach dafür. Auch die Tatsache, dass die Renmark klar Schwenks Typ war und Schwenk in der Hinsicht selten etwas anbrennen ließ, passte ins Bild. "Laufen da irgendwelche Wetten, von denen ich wissen sollte?" Kallenbach nahm einen Schluck Kaffee, verzog das Gesicht, schob die Tasse von sich. Gebräu war für dieses Zeug noch eine schmeichelhafte Bezeichnung. Deichsel grinste. "Das übliche halt. Wenn du noch einsteigen willst... Wäre allerdings das erste Mal, dass du für so was Geld locker machst." "Sichere Wetten sind immer interessant." Kallenbach zwinkerte Deichsel zu, froh, dass er ihn bei guter Laune hatte. "Ich fürchte nur, dass es etwas spät kommt. So wie die beiden sich vorhin angesehen haben. Oder besser: angefunkelt." "Kein Wunder, dass mit seiner Alten Schluss ist. Lässt sich doch keine lange gefallen, was der Schwenk so treibt." Kallenbach schluckte einen bissigen Kommentar runter. Deichsel war der Letzte, der sich Bemerkungen dieser Art erlauben konnte. Was der so zu Hause mit seiner Frau anstellte, war nichts, worüber Kallenbach groß nachdenken wollte. Es genügte, dass er Bescheid wusste - und dieses Wissen bei Gelegenheit ausspielen konnte, wenn es notwendig werden würde. Stattdessen ergriff er die Gelegenheit zur optimalen Überleitung. "Apropos treiben... Mir lässt diese Sache mit dem Autoschrauber keine Ruhe." "Was?" Kallenbach gab Deichsel ein paar Augenblicke, dem Themenwechsel hinterherzukommen. "Ach, die Sache mit den Nummernschildern." Deichsel leerte sein Bierglas und sah sich nach der Bedienung um. Er drehte sich wieder zu Kallenbach, runzelte die Stirn. "Ich dachte, das wolltest du vergessen." Kallenbach beugte sich vor und gab dem Mann hinter der Theke ein Zeichen mit der Hand, lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück. "Ja. Nein. Ich bin davon ausgegangen, dass der Typ als Informant für Schwenk arbeitet." "Ja und?" Der Kellner tauchte selbst neben ihrem Tisch auf - er schien jetzt allein zu sein. "Bringen Sie uns noch ein Bier und einen Cognac." Der Kellner nickte knapp und ging zurück zur Theke. "Schwenk ist nicht der Typ, der sich mit Informanten einlässt. Selbst wenn, ist es reichlich blöd, sich mit dem Typen am helllichten Tag sehen zu lassen. Wir haben vielleicht die Möglichkeit, in der Sache sicher zu gehen." "Ach ja?" Wieder sah sich Deichsel um, und Kallenbach blickte wie um Hilfe suchend kurz zur Decke. Besser er wartete ab, bis Deichsel Nachschub hatte, sonst hörte er ihm ohnehin nur mit halber Aufmerksamkeit zu. Gottseidank war der Kellner schon auf dem Weg zu ihnen, stellte die Getränke ab und verschwand wieder. Kallenbach wartete, bis Deichsel getrunken hatte. "Dieser Reifert ist wieder in der Stadt. Arbeitet bei seinem Onkel auf dem Schrottplatz. Und letztes Jahr war er doch ziemlich enge mit Schwenks Autoschrauber." Deichsel nickte, wischte sich mit dem Handrücken Bierschaum vom Mund, und Kallenbach wünschte, er hätte diese Sache bereits hinter sich. "Wenn wir uns diesen Reifert vornehmen, kriegen wir vielleicht was über den Sänger raus. Ohne dass Schwenk was von unserer Einmischung merkt." "Wenn der das mitkriegen sollte..." Deichsel schüttelte den Kopf. "Nee, das will ich auch nicht erleben." Kallenbach war nicht überrascht von dieser Reaktion. Deichsel hatte eine große Klappe, sah aus wie ein Stier, aber bei Schwenk zog er meist schnell den Schwanz ein, sobald die beiden aneinandergerieten. Nur in der Gruppe gab er nicht zu, dass er einen Heidenrespekt vor Schwenk hatte. "Da mach dir keine Sorgen. Der kriegt davon nichts mit. Und eigentlich sind wir ja nur besorgt um das Wohlergehen eines Kollegen, wenn wir Reifert auf den Zahn fühlen." Wieder zwinkerte er Deichsel zu. "Oh klar." Deichsel nickte. "Wir wollen nur das Beste für den Schwenk." "Genau. Deshalb werden wir uns heute Abend im Kater Karlo umschauen. Will wetten, dass Reifert sich da früher oder später blicken lässt." "Wir könnten doch zum Schrottplatz-" "Das ist viel zu auffällig, Deichsel. Die kennen uns dort noch vom letzten Jahr - wenn wir auftauchen und Reifert ist nicht da, kriegt der den Tip und macht sofort die Biege. Im Karlo ist zumindest nicht sofort klar, von wem wir was wollen." "Aber heute Abend? Noch vor der Nachtschicht?" "Anscheinend hast du vor, bis an dein Lebensende solche Observationen wie heute aufgebrummt zu kriegen. Ehrenberg vergisst nicht so leicht, wenn einer von uns Scheiße baut, aber er ist bestimmt auch dankbar, wenn wir ihn vor dem Polizeirat gut aussehen lassen. Ich hol' dich um zehn Uhr ab - vorher ist im Karlo nichts los, und wir haben noch ein paar Stunden, bevor unsere Schicht anfängt." Deichsel seufzte. Er sah nicht begeistert aus, aber Kallenbach war sicher, dass er mitmachen würde. "Also gut." Er leerte sein Glas. "Kann ich noch 'en Pils haben?"
***
Kallenbach lehnte mit beiden Händen gegen die Kacheln in der Dusche, genoss das Gefühl des heißen Wasser, das seinen Körper herunterrann. Er spannte verschiedene Muskeln an und entspannte sie wieder. Nach ein paar Minuten regulierte er die Temperatur nach. Mittlerweile war die Kabine mit Wasserdampf ausgefüllt. Kallenbach ließ den Kopf für ein paar Augenblicke hängen, wollte eigentlich nicht aufhören. Doch er brauchte noch ein paar Stunden Schlaf. Energisch drehte er das Wasser ab und öffnete die Tür. Kühlere Luft schlug ihm entgegen, und er zog das Handtuch vom Haken, begann sich abzutrocknen. Er sehnte sich nach seinem Bett. Mitten in diesen Gedanken schrillte das Telefon. Deichsel! Mist, der hatte nicht lange gebraucht, sich die Sache anders zu überlegen. Kallenbach schmiss das Handtuch auf den Boden und rannte aus dem Bad, rutschte an der Tür fast aus und konnte sich noch am Rahmen abfangen. Langsam!, befahl er sich selbst. Willst doch nicht noch im Krankenhaus enden. Der Anrufer bewies Geduld. Kallenbach hob ab. "Kallenbach." "Hallo, mein Lieber, ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt." Sandra. Nicht Deichsel. Sehr schön. "Sandra." Er räusperte sich, um die Erleichterung aus seiner Stimme zu verbannen. "Nein, du hast mich nicht aus dem Bett geholt. Aber ich bin auf dem besten Weg dorthin." "Ich will dich auch nicht lange stören. Mein nächstes Meeting hat sich um eine halbe Stunde verschoben. Und ich wollte wissen..." Sie unterbrach sich selbst, aber Kallenbach hatte nicht die Absicht, ihr entgegenzukommen. "Ich wollte wissen, ob es etwas Neues gibt." "Nichts, das berichtenswert wäre. Noch nicht. Morgen weiß ich sicherlich mehr, meine Liebe. Ich werde dich auf dem Laufenden halten." Kallenbach merkte, wie die Entspannung, die die Dusche hinterlassen hatte, mit jeder Sekunde verflog, die er hier stand. Er war müde und er vermisste Sandra. Jetzt, wo er ihre dunkle Stimme hörte... Wenn sie jetzt hier wäre... Er ballte die freie Hand zur Faust. Sie ist nicht hier. Und wenn du so weitermachst, kannst du gleich noch mal duschen. Eiskalt. "Oh." Sie schwieg wieder für einen Augenblick. "Ich wäre jetzt wirklich lieber bei dir, Lieber." Kallenbach schloss die Augen. Gott, warum tut sie mir das an? Er war auf dem besten Weg, hart zu werden. Er brauchte nicht nach unten zu schauen, um sicher zu gehen, was mit ihm los war. "Glaub' mir, das wünsche ich mir auch." Seine Stimme brach fast vor Anspannung. Das musste Sandra sogar über das Telefon mitbekommen. Das tat sie auch. Sie lachte leise. "Das kann ich hören. Ich glaube, wir machen besser Schluss, bevor noch ein... Missgeschick passiert. Schlaf gut, Detlef." Das nächste, was er hörte, war das Klacken in der Verbindung. Er knallte mit einem Seufzer den Hörer auf die Gabel. In Rekordzeit war er zurück im Bad, sprang fast in die Duschkabine. Das Risiko gebrochener Körperteile war ihm egal - besser gesagt, es ging ihm nur noch um das Wohl eines ganz bestimmten Körperteils. Fast gleichzeitig griff er mit der rechten Hand nach seinem Schwanz und mit der linken drehte er wieder das Wasser auf, das immer noch heiß war. Perfekt! Langsam begann er, seinen Schwanz zu massieren, bewegte seine Hand aber bald schnell auf und ab. Er hatte weder die Geduld noch die Kraft, das hier hinauszuzögern. Wenn Sandra wirklich hier gewesen wäre... Vor seinem geistigen Auge sah er sie nackt auf ihrem Bett liegen, lächelnd, halb einladend, halb überlegen, wie immer, wenn sie sicher war, dass er sie brauchte, haben wollte, verdammt - musste! Er packte seinen Schwanz härter, instinktiv, schrie auf bei dem schönen Schmerz, der ihm bis ins Mark ging. Eine Sekunde später kam er, so stark, dass er sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen ließ. Langsam rutschte er längs die Kacheln, bis er mit den Hintern auf dem Boden saß, zitternd trotz des heißen Wassers, das immer noch auf ihn niederprasselte. Mit letzter Kraft drehte Kallenbach das Wasser ab. Er lehnte den Hinterkopf an die Kacheln. Langsam beruhigte sich seine Atmung, und er streichelte mit der rechten Hand wieder seinen Schwanz, der - eben noch erschlafft - bei der Bewegung zuckte. Mit einem Fluch zog Kallenbach seine Hand weg, schüttelte den Kopf, um ihn klar zu kriegen, schloss wieder seine Augen. Die Müdigkeit war wieder da, jetzt so stark, dass er glaubte, sie greifen zu können, als wäre sie kein Gefühl, sondern ein Teil seines Körpers. Wenn er sich jetzt nicht ins Bett verzog, würde er hier in der Dusche einschlafen, und auf das Erwachen, das folgen würde, hatte er keine Lust. Und er konnte es auch nicht riskieren, seinen Termin mit Deichsel zu verpassen. Auf allen Vieren kroch er aus der Duschkabine, griff sich das Handtuch, das er vorhin weggeschleudert hatte. Auf den Knien hockend trocknete er sich ab, stützte sich beim Aufstehen auf der Toilettenschüssel ab. Der Weg ins Schlafzimmer kam ihm unendlich weit vor und als er sich auf das Bett fallen ließ, wusste er nicht genau, wie er es dorthin geschafft hatte. Er aktivierte den Digitalwecker und kroch dann unter die Bettdecke. Doch so müde er auch war, der Schlaf wollte nicht kommen. Die Geschehnisse der letzten Stunden hatten sich entschieden, in seinem Kopf ein Theaterstück aufzuführen. Schwenk und Renmark, Deichsel und Niemcek, die schwulen Jungs, sie alle spielten mit. Und dann noch als lebendige Spielkarten. Sogar Ehrenberg und Sandra tauchten kurz auf. Kallenbach grunzte, als Spielkarten-Deichsel ihm ein Bier anbot. "Detlef im Wunderland", murmelte er in die Kissen. Und dann fiel der Vorhang. Endlich.
***
Das Brummen des Weckers ließ Kallenbach im Bett kerzengerade aufsitzen: Er hasste diese Methode, geweckt zu werden, wie die Pest. Nur wenn Sandra nicht da war, stellte er diese Funktion ein, sonst verließ er sich darauf, dass Sandra von dem sanften Gedudel des Radioweckers wach wurde. Nach einer Minute hatte er wieder beisammen, wer und wo er war und was jetzt vor ihm lag. Erst die Aktion mit Reifert, dann Nachtschicht. Seufzend ließ er sich zurücksinken. Noch ein paar Minuten... Was tat er nicht alles für die Karriere. Er hätte die Woche ohne Sandra wirklich für ein paar nette Abenteuer nutzen können, aber nein, er entschied sich für diesen Plan, von dem er nicht mal wusste- "Mach, dass du aus dem Bett kommst, bevor dir jetzt noch Zweifel kommen. Du ziehst das durch und die Sache wird klappen und im besten Fall würgst du Schwenk ein ganz dickes Ding rein." Es klang in seinen Ohren nicht wirklich überzeugt, schon gar nicht begeistert, aber es reichte, um sich selbst dazu zu bringen, aus dem Bett zu klettern und sich ins Bad zu verziehen. Das sah natürlich genau so aus, wie er es am späten Vormittag verlassen hatte. Nachdem er sich erleichtert hatte, öffnete er das Fenster und hängte das Handtuch zum Trocknen auf. Nach einem Blick in den Spiegel entschied er, dass er sich eine Rasur sparen konnte. Und geduscht hatte er heute auch schon oft genug. Der Gedanke an die Dusche allein machte ihn bereits wieder an. Es würde ihm bestimmt zu Gute kommen, dass er heute Morgen Dampf abgelassen hatte, spätestens wenn er mit Deichsel ins Kater Karlo ging. Da liefen nicht selten Typen rum, die selbst gestandene Männer wie ihn dazu bringen konnten, einen zweiten oder dritten Blick zu riskieren. Und die Tatsache, dass Sandra noch ein paar Tage unterwegs war, würde ihn bestimmt nicht standhafter machen. Seltsamer Weise hatte Kallenbach diese grauenhafte Geräuschkulisse im Observationsgebäude recht schnell ignorieren können; die hatte ihn eher abgeturnt. Im Gegensatz zu Deichsel, der gleich zwei Mal für auffallend lange Zeit in einem der kleineren Büros verschwunden und mit einem fetten Grinsen auf dem Gesicht wieder aufgetaucht war. Kallenbach hatte bei diesen Gelegenheiten jede Bemerkung Deichsels mit einem kalten Blick im Keim erstickt. Kallenbach machte sich keine großen Gedanken darüber, dass ihm allein die Vorstellung von den Jungs, die im Kater Karlo verkehrten, gefährlicher wurde als das Gestöhne eines gemischten Doppels in Dolbysurround. Im Gegensatz zu Deichsel ließ er seine Schwulenwitze nur deshalb vom Stapel, weil es unter den Kollegen halt dazugehörte. Solange sie ihm nicht zu nahe kamen, hatte er nichts gegen die Homos - die Vorstellung von zwei Kerlen im Bett ekelte ihn nicht an. Bis zu einem gewissen Grad fand er sie sogar prickelnd. Sie machte ihm Appetit, und seinen Hunger stillte er dann bei Sandra. Und was den Job anging, hatte er einige gut funktionierende Kontakte unter den Jungs. Einer davon war Reifert gewesen, bis der letztes Jahr im Sommer versucht hatte, in einem großen Spiel mitzumachen. Mit dem Ergebnis, dass er plötzlich von der Bildfläche verschwinden musste. Und jetzt war er wieder da. Kallenbach war entschlossen, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen. Reifert war ziemlich verschossen gewesen in diesen Sänger. Wenn er nicht schon wieder mit ihm rummachte, so wusste er zumindest Bescheid, was der Kerl so trieb. Und mit wem... Die kleine Stimme in seinem Hinterkopf ließ wieder diese absurde Idee wach werden, für die es so viele kleine Anzeichen gab. Wenn nun der Schwenk wirklich was mit diesem Schrauber angefangen hatte... Diese Spritztour und seine Bemerkung über die sexuellen Präferenzen von Sänger... Die Tatsache, dass Schwenk von seiner Verlobten auf die Straße gesetzt worden war... Schwenks abgekühltes Verhältnis zu Niemcek, seine offensichtlichen Schwierigkeiten, bei Renmark den großen Wurf zu landen... Kallenbach drehte den Hahn auf, wartete, bis das Wasser eiskalt war, und wusch sich dann gründlich das Gesicht, richtete sich nach Atem schnappend wieder hoch. Während er sich abtrocknete, sah er sein Spiegelbild zweifelnd an. "Vergiss diese blöde Idee ganz schnell, bevor du dich verrennst. Die Chance, dass Supermacho Schwenk einen Mann an sich ranlässt, ist geringer als ein Sechser im Lotto." Doch alle Vernunft und all das kalte Wasser hatten die Idee nur für den Moment verdrängt. Kallenbach hoffte, dass er sie so lange ignorieren konnte, bis er etwas Handfesteres hatte als ein Gefühl in der Magengegend. Nach einem Imbiß, bestehend aus belegten Broten und Kaffee, war es Zeit, Deichsel abzuholen. Er wohnte nicht weit entfernt, keine fünf Minuten mit dem Wagen. Kallenbach missachtete alle Anstandsregeln, drückte einfach auf die Hupe, als er vor dem Mehrfamilienhaus anhielt. Es war ihm egal, dass es bereits nach zehn war. Diese blöde Geschichte jagte ihn regelrecht durch Stimmungsschwankungen. Hoffentlich war Deichsel so rücksichtsvoll und nervte nicht auf seinem gewohnt hohen Niveau. Dann kamen sie vielleicht unbeschadet durch die Nacht. Nach zwei Minuten - Kallenbach war drauf und dran, nochmals die Hupe zu betätigen - öffnete sich die Haustür und Deichsel tauchte auf. Er hob kurz die Hand zum Gruß und kam zum Auto gelaufen, stieg ein. Als er sich in den Beifahrersitz fallen ließ, überrollte Kallenbach eine regelrechte Duftwolke. "Mann, Deichsel, was hast du denn angestellt? Du stinkst wie'n ganzer Puff!" Deichsel starrte ihn entgeistert und vielleicht ein bisschen erschrocken an. "Geduscht hab' ich halt, was denn sonst. Hab' vielleicht ein bisschen viel von dem Duschgel genommen-" Er brach ab und schnüffelte an seiner rechten Hand. "Isses so schlimm?" "So schlimm, dass ich mich frage, ob du das Gel von deiner Frau erwischt hast. Und dass ich überlege, ob du gleich nicht lieber im Wagen warten solltest." "Blödsinn! Ist dir lieber, wenn ich stinke?" Heute Abend schon. Kallenbach schüttelte den Kopf und startete den Wagen. Deichsel hatte ein untrügliches Gespür für Fettnäpfchen und ein geniales Timing bei solchen Geschichten. Er betete, dass Reifert tatsächlich und möglichst zeitig aufkreuzen würde, bevor Deichsel - noch mehr als sonst - im Kater Karlo auffiel. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Irgendwann hatte Deichsel ihn mal gefragt, ob sie sich nicht mehr darum bemühen sollten, sich dem Karlo-Publikum anzupassen. Damals hatte Kallenbach für eine Millisekunde überlegt, ob Deichsel überhaupt wusste, dass es eine Schwulenkneipe war, bevor er die Frage ignoriert hatte. "Sag mal... du hast das doch wohl nicht mit Absicht gemacht, oder?" Deichsel fuchtelte immer noch mit der Hand vor seiner Nase herum. "Was?" "Vergiss es. Und mach dir keine Sorgen, bis wir da sind, ist der Geruch bestimmt verflogen." "Meinst du?" Deichsel klang erleichtert, und Kallenbach verwarf seine absurde Idee von gerade wieder. Dies schien der Abend für skurrile Gedanken zu sein. "Vielleicht fährst du zur Sicherheit ein paarmal um den Block." Kallenbach war drauf und dran, ins Lenkrad zu beißen. Selbst wenn er bis morgen früh Runden drehen würde- "Ich habe mir da was überlegt", brach Deichsel in seine Gedanken ein, und Kallenbach wünschte sich in seinen Wunderland-Traum zurück. Deichsel schien aber nicht mitzubekommen, dass Kallenbach kurz vor der Explosion stand, denn er sprach fast fröhlich weiter. "Vielleicht ist der Schwenk ja hinter dem Reifert her. Vielleicht hat der Schrauber dem Schwenk was gesteckt." "Das wäre allerdings ein guter Witz. Der Krieg der Informanten sozusagen." Wie immer, wenn ihm Deichsel mit Theorien kam, dachte Kallenbach sie nur oberflächlich an. "Ja und vor allem würde das erklären, warum die Neue mich gestern gefragt hat, ob wir noch mehr Informationen über Reifert haben." Kallenbach musste sich beherrschen, dass er nicht voll auf die Bremse stieg. Er sah sich nach einer Parkmöglichkeit um, und keine zwei Minuten später standen sie in einer Lücke. Kallenbach schaltete die Innenbeleuchtung ein und starrte Deichsel an. "Du redest von der Kollegin Renmark." "Klar, haben wir noch 'ne Neue?" Deichsel hatte keine Ahnung, dass Kallenbach drauf und dran war, ihn zu würgen. "Und woher weiß die, dass wir an Reifert dran sind?" "Vermutlich aus den Unterlagen, die wir ihr gegeben haben." "Sag, dass das nicht wahr ist. Du hast ihr die kompletten Unterlagen rausgesucht? Auch von den Geschichten, die noch laufen?" "Ja klar. Danach hat sie doch gefragt. Hat ganz schön gedauert, bis ich die alle zusammen hatte. Ich wollte dir schon länger sagen, dass du ein ziemliches Durcheinander in deiner Ablage hast." Das war ja geradezu klassisch. Durcheinander in der Ablage. Hatte Deichsel doch tatsächlich seinen Schreibtisch durchwühlt. Sie versorgten die Konkurrenz auch noch mit Informationen. Und er selbst hatte Schwenk die Unterlagen zugeworfen, damit er sie an Renmark weitergibt. Einfach genial. "Ist was nicht in Ordnung?" Kallenbach brauchte ein paar Minuten, bis er sich soweit im Griff hatte, dass er die Hände entspannen konnte, um weiterzufahren. Ohne Deichsel vorher eine reinzuschlagen. Wenn er Pech hatte, lag Deichsel mit seiner Vermutung sogar richtig, dass die anderen drei hinter dem Reifert her waren. Dann konnte er seinen schönen Plan vergessen. Und die Aussicht auf eine Beförderung auch. Nur ändern konnte er jetzt nichts mehr. Er konnte nur hoffen, dass er Reifert so schnell wie möglich zu fassen kriegte. Und dass dieser Schrauber nicht sauber war. Und dass Chris Schwenk nicht - oder nicht nur - beruflich darin verwickelt war, sondern... Vielleicht sollte ich doch ein paar Lottoscheine ausfüllen!
***
Für einen Werktag war die Kneipe sehr gut besucht: Schon seit mehr als einem Jahr war dieser Treff bei der fast ausschließlich schwulen Klientel in. Homosexuelle fanden sich hier zu einem festen Date ein oder zur Eröffnung der Jagd in der noch jungen Nacht. Kallenbach wunderte sich immer wieder, wie beliebt das Karlo war: Die Einrichtung war nichts Außergewöhnliches, die Musik nichts Extravagantes, das Publikum nichts Extremes. Für eine Schwulenkneipe war es hier fast schon spießig. Zwar tauchte der eine oder andere in Leder auf, ein paar der Jungs zeigten etwas mehr nackte Haut als vielleicht unbedingt nötig war. Aber sonst? Nichts Besonderes. Aber vielleicht war es genau das, was die Männer hierhin zog: das Ambiente einer stinknormalen Kneipe. An der Bar fand sich kein freier Platz mehr, und auch die meisten der Tische waren von Gruppen oder Pärchen besetzt. Kallenbach sah sich nach Deichsel um, der ihm dicht auf in die Kneipe gefolgt war. Er schob seinen Stumpen von der einen zur anderen Ecke des Mundes, dann wieder zurück. Kallenbach bemerkte erst jetzt, dass er selbst auf einem Zahnstocher kaute. Blöde Angewohnheit, aber er hatte sich das Rauchen im Dienst abgewöhnt. Er mochte den Geschmack von Tabak und Alkohol in Form hochwertiger Drinks zu sehr, als diesen Genuss mit etwas so wenig Erfreulichem wie dem Job in Verbindung bringen zu wollen. Langsam gingen sie durchs Karlo, sahen sich unter den Gästen um. Kallenbach war klar, dass sie beide auffielen wie die Spinne auf der Geburtstagstorte. In dem Moment, als sie die Kneipe betreten hatten, hatten sie die Blicke auf sich gezogen. Kein Wunder bei Deichsels Outfit. In mehr als einer Unterhaltung hatten sich Tonfall und Lautstärke merklich geändert, als sie an den Tischen vorbeiliefen. Kallenbach war es gleich, er wollte nur Reifert und das möglichst schnell. War er nicht hier, würde er mit Deichsel doch noch den Schrottplatz anfahren, auch auf die Gefahr hin, seine Beute zu verschrecken. Er konnte nicht riskieren, dass die drei Kollegen ihm zuvorkamen. Und das würden sie, sobald Niemcek Gelegenheit bekam, eine seiner Quellen anzuzapfen. Sie waren fast durch, noch ein paar Tische, die in der Nähe des Hinterausganges plaziert waren. Einer Eingebung folgend hatte Kallenbach auf dem Weg zum Karlo eine Streife alarmiert, die während der nächsten halben Stunde besagten Ausgang im Auge behalten sollten. Sollte Reifert wirklich im Karlo sein und versuchen, abzuhauen... Reifert war nirgendwo zu entdecken. Kallenbach erkannte ein paar der Gäste, aber niemanden, der ihm bei der Suche nach Reifert hätte helfen können. Wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Wenn er jetzt nur noch ein paar Tage zur Verfügung hätte... Eine Bewegung aus den Augenwinkeln ließ ihn einen der Tische genauer betrachten, oder besser, das Pärchen, das daran saß. Die beiden Männer hielten sich eng umschlungen, waren in einen Kuss vertieft. Auf keinen Fall Reifert. Mist. Er sah sich zu Deichsel um, der - genau wie Kallenbach - den Kopf schüttelte. Sie gingen weiter, bis sie ihre Runde durch hatten. Kallenbach hatte plötzlich das dringende Bedürfnis nach frischer Luft. Die Enttäuschung nagte an ihm, und die Atmosphäre der Kneipe zerrte an seinen Nerven. Je eher sie zum Schrottplatz kamen, umso besser standen die Chancen, Reifert zu erwischen. Er nahm den Zahnstocher aus dem Mund und warf ihn in den nächsten Aschenbecher. Draußen drehte er sich zu Deichsel um. "Ich will diesen Reifert, Deichsel. Wir fahren zum Schrottplatz. Wir informieren die Streifenhörnchen, dass wir hier fertig sind, dann fahren wir raus." "Und wenn er nicht da ist?" "Ist mir jetzt erst mal egal." "Aber du hast doch selbst-" "Ist mir jetzt egal, was ich gesagt habe. Komm schon!" Es half etwas, seine Wut an Deichsel auszulassen, die kühle Nachtluft tat ein übriges. Gemeinsam mit Deichsel betrat er die Gasse, auf die der Hinterausgang führte. Die drei Kollegen von der Streife waren interessanter Weise beschäftigt. Kallenbach und Deichsel blieben abrupt stehen. Deichsel öffnete den Mund, aber Kallenbach legte ihm kurz die Hand auf den Arm. Deichsel begriff und hielt die Klappe. Hauptkommissar Schwenk in einer Polizeikontrolle. Und er ist nicht allein. Sänger! Keine zwei Minuten später war es vorbei, und Schwenk verschwand mit seiner Begleitung die Gasse runter. Kallenbach schluckte. Schwenk und Sänger waren im Kater Karlo gewesen. Und er hatte die beiden nicht gesehen. Die einzigen, dessen Gesichter er nicht hatte erkennen können- Er brach diesen neuen absurden Gedanken ab, bevor er Gefahr lief, dieses neue Mosaiksteinchen überzubewerten. Nur eines war ihm klar: Es war nicht mehr relevant, was Reifert wusste oder wissen konnte. Plötzlich fiel ihm Deichsel wieder ein, der bewegungs- und sprachlos neben ihm stand. "Der Schwenk? Mit einem Informanten, auf den die Beschreibung des Mechanikers passt. Deichsel, was soll uns das?" "Ich glaube-", setzte Deichsel zu einer Antwort an, die Kallenbach weder interessierte noch zulassen wollte. "Wir sollten uns diesen Mechaniker mal'n bisschen näher beäugen." Diesen Mechaniker und Christoph Schwenk. Von Deichsel kam kein Widerspruch, und er zeigte sich auch nicht weiter verwundert über diesen merkwürdigen Zufall, dass Schwenk samt Informant hier aufgetaucht war. Er folgte ihm wortlos, als Kallenbach zu den Kollegen von der Streife hinüberging, Dienstausweis bereits in der Hand. "Vielen Dank, Kollegen, für eure tatkräftige Unterstützung. Wir sind hier fertig." Der Beamte, der Schwenk kontrolliert hatte, tippte sich an die Stirn. "Alles klar, Herr Hauptkommissar." Er schwieg, machte aber keine Anstalten, mit seinen Kollegen das Feld zu räumen. "Ist noch irgendetwas?" "Sollten wir in der nächsten Zeit diesen Laden etwas im Auge behalten? Ich meine, weil-" Der Beamte hatte offensichtliche Schwierigkeiten, seine Zweifel zu formulieren, aber sein kurzer Blick in die Richtung, in der Schwenk samt Begleitung verschwunden war, sprach Bände. Kallenbach hatte weder Lust noch einen guten Grund, dieses merkwürdige Zusammentreffen zu erklären, und beschloss, die Sache kurzerhand abzuwürgen. "Das ist nicht nötig, Herr Kollege. Das Ganze hat sich ein für alle mal erledigt." Der Beamte zögerte immer noch, und Kallenbach schob ein "Danke noch mal!" hinterher. Der Tonfall war herablassend und bestimmt genug, dass der Beamte schließlich begriff, dass die Diskussion beendet war. Er tippte noch einmal an seine Stirn und machte sich mit seinen Kollegen auf den Weg. "Na endlich", murmelte Kallenbach und atmete tief durch. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass sie noch eine Stunde bis Schichtbeginn hatten. "Komm, Deichsel, darauf brauche ich ein Bier." Das Karlo kam natürlich nicht in Frage, aber in dieser Gegend gab es keinen Mangel an geeigneten Kneipen. Fünf Minuten später saßen Kallenbach und Deichsel am Tresen. Als der Wirt das frisch Gezapfte vor ihnen abstellte, griffen sie synchron nach ihren Gläsern, prosteten sich zu und tranken auf ex. Der Nachschub ließ nicht lange auf sich warten. Kallenbach hielt sich zurück, während Deichsel einen weiteren tiefen Schluck nahm. Kallenbach wunderte sich über die ungewohnte Schweigsamkeit seines Partners: Seitdem sie das Karlo betreten hatten, hatte Deichsel keinen ganzen Satz mehr rausgebracht. Möglicherweise hatte er mehr mitbekommen, als er verkraften konnte. Aber Kallenbach konnte die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen, sonst würde Deichsel mit der Sache bestimmt im falschesten aller Augenblicke ankommen. "Stell dir vor, Deichsel, wir wären in Schwenk und seinen Informanten hineingelaufen. Je länger ich darüber nachdenke... Deine Idee hat was, und es wäre bestimmt nicht besonders geschickt, diesem Reifert nachzulaufen. Da kommen wir den andern bestimmt in die Quere." "Wär' nicht gut." "Eben. Deshalb hängen wir uns an den Mechaniker ran, dann haben wir alles im Griff." "Wie stellst du dir das vor? Der Schwenk ist doch nicht doof." Da bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, wenn er sich mit einem so halbseidenen Typen wie Sänger abgibt... "Tja, wie wäre es mit guter alter Polizeiarbeit? Im Überwachen von Verdächtigen haben wir ja wohl genug Erfahrung. Wir behalten die Werkstatt von diesem Sänger im Auge. Morgen Abend sehen wir uns in der Gegend um, ob da ein geeignetes Gebäude steht, in das wir uns einnisten können. Zur Not organisiere ich einen adäquaten Ersatz - der Dienstwagen fällt ja aus." "Klar, den kennt der Schwenk!" In Deichsels Stimme lag soviel Begeisterung, dass Kallenbach ihn überrascht ansah. Das konnte doch wohl nicht an den Bieren liegen. Schließlich hatte er Deichsel ein paar Stunden seiner Freizeit für offensichtlich nichts und wieder nichts versaut. Offen gestanden hatte er mit mehr Protest gerechnet. Er beschloss, der Sache noch etwas auf den Grund zu gehen. "Tut mir leid, dass das heute Abend ein Schlag ins Wasser war." "Lass mal, Kallenbach, war ja ganz spannend." Deichsel grinste. "Und dass Schwenk in eine Polizeikontrolle läuft, direkt an so'ner Schwulenkneipe... Mann, wenn ich das den Kollegen erzähle!" Kallenbach stöhnte auf. Da saß er hier und bildete sich ein, dass Deichsel endlich mal mitdachte und zu kapieren schien, was sich ihnen für eine Chance bot, Schwenk eins auszuwischen... Wäre ja zu schön gewesen, um wahr zu sein. "Wenn du auch nur ein Wort über heute Abend verlierst, Deichsel, dann stopfe ich dir das Maul mit deinen stinkenden Stumpen, bis du dran erstickst." Er stand auf, schmiss einen Geldschein auf die Theke und riss Deichsel beinahe von seinem Barhocker runter. "Und jetzt los, sonst kommen wir zu spät zur Schicht." "Mann, Kallenbach, der Schwenk macht dich wohl völlig bekloppt! Entscheid' dich mal, was du willst! Dieses ständige Gerenne geht mir langsam auf den Sender!" Kallenbach ignorierte Deichsels Kommentar - schließlich hatte er nicht den Hauch einer Antwort. Und er konnte nur hoffen, dass Deichsel trotz des Gemeckers weiter hinter ihm hertrottete. Unterwegs zum Observationsgebäude versuchte er vergeblich, nicht daran zu denken, wie viele spannende Stunden mit Deichsel an seiner Seite noch vor ihm lagen. Es wurde höchste Zeit, dass er sich hocharbeitete. An der Spitze war es bekanntlich einsam. Süße Vorstellung.
***
Kallenbach brauchte nicht lang, um festzustellen, dass eine Observation der Werkstatt von einem der umliegenden Gebäude aus wenig - oder besser: gar keinen - Sinn machte. Gegenüber der Werkstatt befanden sich lediglich einige Stellflächen. Würde er eines der Nachbarhäuser wählen, hätte er einen höchst miserablen Ausblick auf einen Teil der Straße. Also doch ein Wagen. Aber nichts, was irgendwie nach Polizei roch. Schwenk war ein alter Hase, und auch Sänger hatte so seine Erfahrungen. Vielleicht ein Lieferwagen. Der würde in der Gegend nicht weiter auffallen, und von außen konnte man auch nicht ohne weiteres einsehen, ob sich jemand in dem Wagen aufhielt. Ja, Lieferwagen ist perfekt. Kallenbach nickte zu sich selbst, als er die Wielandstraße verließ, und zurück zum Präsidium fuhr. Bevor er in der Nähe der Werkstatt aufgetaucht war, hatte er mit einem Telefonanruf sichergestellt, dass Sänger nicht dort war. Und Schwenk war bekanntlich damit beschäftigt, einem bestimmten Mercedes beim Rosten zuzusehen. Im Büro fand er Deichsel, der ihre Berichte der letzten zwei Tage ins Reine schrieb. Nicht, dass es viel gab, was eine Niederschrift lohnte, aber die Aufgabe hielt Deichsel genug in Atem, dass er nicht mal aufsah, als Kallenbach das Zimmer betrat. "Bald fertig?" Deichsel rutschte mit dem Zeigefinger ab und fluchte lautstark. "Du spinnst wohl, mich so zu erschrecken." "Bestimmt nicht dein erster und gewiss nicht dein letzter Tippfehler. Wie weit bist du überhaupt?" Kallenbach trat hinter Deichsel und überflog die Ausführungen. "Doch schon so weit..." Kallenbach sah betont umständlich auf seine Armbanduhr. "Oder sind irgendwelche Notfälle dazwischengekommen, von denen du mir erzählen willst, Deichsel?" "Jetzt nicht mehr!" "Wir werden einen Lieferwagen brauchen für die Observation." "Ich hab' keinen!" Phantastisch. Deichsel machte einen auf bockig. Kallenbach hatte nach all den Jahren ihrer Partnerschaft nicht herausgefunden, wann er - Kallenbach - zu weit ging und Deichsel in diese rebellische Stimmung brachte. Um eine Entschuldigung kam er wohl nicht herum. Lieber beiße ich mir die Zunge ab... Die Stille im Büro ließ die Anschläge auf der Schreibmaschine überdeutlich in seinen Ohren klingen. Jede Sekunde zerrte an seinem ohnehin strapazierten Nervenkostüm. Kallenbach begann, hinter Deichsels Stuhl auf und ab zu laufen, aber es half nichts, er musste da durch. "Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe, aber jetzt hör mit diesem Getippe auf. Es gibt jetzt Wichtigeres." "Schreibt sich nicht von allein, der Bericht." "Okay, ich mach's gleich, recht so?" Deichsel drehte sich um und nickte. Kallenbach schloss für eine Sekunde die Augen. Gott sei Dank. "Also, Räumlichkeiten auf der Wielandstraße kannst du vergessen. Wir müssen die Straße von einem Wagen aus beobachten. Von einem Lastwagen. Oder Lieferwagen." "Und wo willst du den herkriegen?" "Nicht aus dem Fuhrpark, das ist schon mal klar." Deichsel verschränkte die Arme vor der Brust. Kallenbach begriff, dass Deichsel ihm kein Stück entgegenkommen würde. Also gut. "Du kennst niemanden, der uns so ein Teil leihen würde?" "Das kostet aber." Klar, so was kostet immer etwas. Vor allen Dingen meine Nerven. "Wie viel?" "Kann ich noch nicht sagen. Wann und wie lange brauchen wir den Wagen?" "So bald wie möglich. Während unserer Freischichten. Und so lange, bis wir diesen Schrauber am Arsch haben." "Ich kümmere mich darum." Das klang seltsam aus Deichsels Mund, und Kallenbach machte sich bereits jetzt Sorgen, dass die Sache nicht klappte. Aber hatte er eine Wahl? "Gut." Deichsel stand auf, nahm seine Jeansjacke von der Stuhllehne und deutete auf die Schreibmaschine. "Viel Spaß." "Und was ist mit dem Wagen?" Die Frage war raus, bevor er sich zurückhalten konnte. "Ich ruf' dich an, wenn ich Bescheid weiß. Wir sehen uns spätestens heute Nacht." In der nächsten Sekunde war Deichsel aus dem Zimmer. Kallenbach starrte die geschlossene Tür an. Am liebsten wäre er Deichsel hinterhergelaufen, um ihn zurückzuhalten. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, er hätte die Sache mit dem Wagen selbst in die Hand genommen. Aber das wäre bestimmt teuer geworden - und wenn Deichsel jemanden kannte, der ihm seinen LKW für einen Freundschaftspreis lieh... Vielleicht hätte ich mich auch etwas mehr zurückhalten sollen... Deichsel war zwar mit einem ziemlichen Brett vor dem Kopf gesegnet, aber es gab Situationen, in denen er einfach auf stur schaltete und Kallenbach auflaufen ließ. Egal, wie die Konsequenzen aussehen mochten. Vorhin war wieder so ein Moment gewesen, wo Deichsel plötzlich entschieden hatte, dass er sich Kallenbachs ätzende Bemerkungen nicht gefallen zu lassen brauchte. In diesen Augenblicken schien es Deichsel auch nicht zu interessieren, welche netten und nicht so netten Details Kallenbach über ihn wusste. So als hätte er ein Gespür dafür, wann Kallenbach es nicht riskieren wollte, seine Überlegenheit auszuspielen. Überlegenheit. Eigentlich sollte es keine Frage sein, wer der Überlegenere in dieser sogenannten Partnerschaft war. Aber solche Auseinandersetzungen - wenn man es überhaupt so nennen konnte - ließen ihn mit dem unbehaglichen Gefühl zurück, dass Deichsel ihn viel besser kannte, als ihm lieb sein konnte. Kallenbach war sicher, dass es Deichsel an der Intelligenz mangelte, um ihn bewusst und kontrolliert zu manipulieren. Dennoch war ihm Deichsels Instinkt schon gefährlich genug. Zumal er regelmäßig diese fast schon animalisch anmutende Fähigkeit ignorierte. Umso erschreckter war er dann, wenn Deichsel ihn damit überraschte. So wie vor einigen Minuten. Mit beiden Händen fasste sich Kallenbach in den Nacken und massierte seine verspannten Muskeln. Dabei ließ er sich auf Deichsels Stuhl nieder und sah auf den Bericht, den Deichsel so abrupt abgebrochen hatte. Mit einer Hand rückte er den Block mit den handschriftlichen Notizen gerade, während er sich mit der anderen Hand weiter massierte. Kallenbach hatte keine Mühe, die Aufzeichnungen von Deichsel zu entziffern. Er selbst hatte eine Sauklaue, wenn er sich nicht die Mühe und die Zeit nahm, leserlich zu schreiben. Deichsel schrieb klar und deutlich, in jeder Situation. Kallenbach verglich die Notizen mit dem bereits Getippten und begann dann, den Bericht zu vervollständigen. Die Observation war die reine Zeitverschwendung und entsprechend kurz fiel auch ihr Rapport aus. Nach nicht mal einer Viertelstunde zog er mit einem befriedigten Grunzen das Papier aus der Maschine und legte es in dem Ordner ab. Dann lehnte er sich zurück. Und seine Gedanken wanderten wieder zu Deichsel. Warum riskierte er mit seinen ständigen ironischen Bemerkungen und seinen nicht immer geschickt versteckten Beleidigungen, dass er Deichsel derart in die Enge trieb? Schließlich war er doch das Hirn in ihrem Team. Es gab keinen Grund, sich Deichsel gegenüber dauernd als Supermann aufzuspielen. Das brachte ihn immer wieder in diese Situation, wo er sich... unterlegen vorkam. Und das gefiel ihm überhaupt nicht. Sicher. Vielleicht magst du es ja doch. Unterbewusst. Und dein Unterbewusstsein treibt dich dazu, Deichsel immer wieder zu reizen, bis er blockt. Wo kam denn das jetzt her? Kallenbach saß mit einem Mal kerzengerade auf dem Stuhl, schockiert über seinen eigenen Gedanken. Vielleicht mochte er was? Vor Deichsel einen Rückzieher zu machen, sich bei ihm zu entschuldigen, wofür er sich nicht schuldig fühlte? Blödsinn. Doch die Alternative wären Dummheit und Ignoranz - und ein totaler Mangel an Einfühlungsvermögen, wenn es um seinen Partner ging. Kein Blödsinn, sondern gefährlich. Bisher hatte Deichsel in solchen Situation mit Sturheit reagiert, mit Verweigerung, mit Bockigkeit. Nichts was Kallenbach wirklich weh tun konnte, von seinem verletzten Stolz und einem angeschlagenen Sicherheitsempfinden einmal abgesehen. Doch würde es immer so enden, würde er immer so glimpflich davonkommen? Wieder starrte Kallenbach auf Deichsels sorgfältige Notizen. So kontrolliert. Er sollte darauf achten, dass Deichsel das auch blieb. Kontrolliert. Schließlich wusste er, was passieren konnte, wenn Deichsel die Kontrolle verlor. Er hatte die Spuren an Deichsels Frau, Maria, gesehen. Ein Schauer lief ihm über den Rücken, und er sprang auf, ging zum Fenster und sah hinaus, ohne wirklich zu wahrzunehmen, welche Aussicht sich ihm da bot. Es war wohl das beste, sich seinem Partner gegenüber in Zukunft etwas mehr zurückzuhalten. Zumindest bis er sicher wusste, warum es ihn so reizte, Deichsel zu reizen.
Der Anruf kam keine halbe Stunde später. Kallenbach war bereits auf dem Weg aus dem Büro, als das Klingeln des Telefons ihn noch einmal zurückholte. "Das mit dem LKW klappt. Ab morgen Abend." Kallenbach schluckte einen Fluch herunter - heute wäre ihm bedeutend lieber gewesen - aber er erinnerte sich an seine guten Vorsätze und fand sich mit dem Ergebnis ab. "Ist gut." Er wollte schon auflegen, als ihm etwas einfiel. "Was kostet uns das?" "Ach, ich hatte noch einen Gefallen gut." Deichsels schnoddrige Entspanntheit schwang wieder in seiner Stimme mit, und Kallenbach schlussfolgerte, dass die Organisation des LKWs keine großen Schwierigkeiten bereitet hatte. Wenigstens etwas. "Danke. Dann wollen wir mal sehen, was der Herr Mechaniker im Schutz der Dunkelheit so treibt. Bis heute Abend." Kallenbach legte langsam auf. Noch ein paar Tage und er hätte die ganze Sache hinter sich. So oder so. Inzwischen war es ihm nicht mehr ganz so wichtig, Schwenk eins auszuwischen. Vielmehr wollte er die Geschichte einfach zu Ende bringen. Die chinesische Weisheit kam ihm wieder in den Sinn. Mehr und mehr bekam er das Gefühl, dass er sich selbst in diesen interessanten Zeiten wiederfand. Nicht mal Deichsel funktionierte so berechenbar, wie er sich das vorgestellt hatte, als er vor ein paar Tagen die Karten vor sich ausgebreitet hatte. Leider war die Realversion dieses Spiels nicht ganz so einfach zu bewältigen. Jetzt hoffte er, dass wenigstens das Ergebnis seine ganzen Mühen lohnen würde. Und Deichsels! "Meinetwegen auch Deichsels", murmelte Kallenbach. Und fragte sich, warum er der Stimme in seinem Hinterkopf plötzlich so bereitwillig nachgab.
***
Kallenbach schaltete sein Handy aus und steckte es in die Manteltasche. "Ausgeflogen. Der Vogel ist ausgeflogen." "Tja...." Deichsel gähnte ausgiebig und machte es sich in seinem Sitz so bequem wie möglich. "Du kannst mich ja wecken, wenn sich hier was tut. Zwei Minuten später hörte Kallenbach tiefe Atemzüge. Es war ihm durchaus recht - so brauchte er keine nervige Konversation zu betreiben. Sie hatten vor einer Viertelstunde Position bezogen, konnten von ihrem Standort aus die Wielandstraße ohne Schwierigkeiten einsehen. Deichsels LKW hatte sich als Lieferwagen einer Geflügelfirma herausgestellt. Kallenbach wollte gar nicht wissen, welche Kontakte Deichsel so pflegte. Es reichte ihm, dass er davon profitierte. Es war bereits dunkel - es hatte sie fast zwei Stunden gekostet, den LKW von der Firma abzuholen und zurück in die Innenstadt zu kommen. Und natürlich war Sänger nicht da. Früher oder später würde er auftauchen. Kallenbach ließ noch einmal die Einzelheiten Revue passieren, die er in den letzten Tagen über Sänger gesammelt hatte. Er war entschieden eine kleine Nummer, ähnlich wie Reifert. Einer von diesen kleinen Fischen, die viel besser dazu geeignet waren, größere Fische zu ködern statt selbst als Mahlzeit herzuhalten. Und auch Kallenbach hielt es jetzt nicht viel anders, interessierte ihn doch Sänger nur als Mittel zum Zweck. Liefe alles nach Plan, würde natürlich auch Sänger auf der Strecke bleiben. Kallenbach hatte keine Bedenken oder gar Skrupel, schließlich war Sänger kriminell, kleine Nummer hin oder her. Den Informationen hatte Kallenbach entnommen, dass sich Sänger nach der Geschichte im letzten Jahr für ein paar Monate bedeckt gehalten hatte. Im Gegensatz zu Reifert hatte er wohl begriffen, dass er mit den Großen im Geschäft nicht mithalten konnte oder das Risiko nicht eingehen wollte. Und er hatte die Gunst der Stunde genutzt, dass sie ihm damals nichts hatten nachweisen können. In den letzten Wochen war er wieder aktiv geworden, hatte Bekanntschaften und Kontakte erneuert. Fast schien es, als würde er seine nicht ganz so sauberen Geschäfte nur betreiben, um seinen Laden vor dem Konkurs zu bewahren. Das konnte sich natürlich schnell ändern. Der Junge hatte offensichtlich Talent und ein Händchen für Motoren, so der einhellige Tenor von Kallenbachs Informanten. Sänger konnte jederzeit tiefer in das Geschäft einsteigen - es schien, als wollte er sich seine Unabhängigkeit bewahren. Nicht der Typ, der sich als Informant benutzen ließ. Aber auch keiner, der sich von der anderen Seite schlucken lassen wollte. Umso erstaunlicher sein Kontakt zu Schwenk. Zumal Schwenk spätestens seit dem Tag, als sie ihn über die illegalen Nummernschilder informiert hatten, über Sänger Bescheid wissen musste. Die Voraussetzungen sprachen dagegen, dass Schwenk sich privat mit ihm abgab. Aber Kallenbachs eigene Beobachtungen... Er rief sich das Bild des knutschenden Pärchens aus dem Karlo in Erinnerung. Die beiden hätten durchaus Schwenk und Sänger sein können. Natürlich war es nicht besonders hell in der Kneipe gewesen, aber auch nicht extrem düster. Und er hatte nur ein paar Schritte entfernt gestanden. Er verfluchte sich dafür, nicht genauer hingesehen zu haben, dass er sich nicht getraut hatte, das eigentlich Unmögliche zu denken. Jetzt saß er hier in einem stinkenden LKW neben einem schlafenden Deichsel und schlug sich halbe Nächte um die Ohren, nur weil ihm dieses Unmögliche doch möglich schien. Er sah auf seinen Partner und seufzte. Bin gespannt, was er sagt, wenn der Schwenk tatsächlich mit dem schwulen Schrauber rummacht. Kallenbach schüttelte den Kopf, besser, er wartete mit dieser Art von Spekulation ab, bis er eindeutige Beweise hatte. Der Gedanke an einen Schwenk, der mit einem Mann ins Bett stieg... Genau so gut konnte dann die Hölle zufrieren. Wenn der Schwenk- Mit einem Fluch brach Kallenbach seine Gedanken ab. Besser er lenkte sich ab, sonst würden ihn seine Überlegungen noch wahnsinnig machen. Doch in dieser Gegend wurden abends die Bürgersteige hochgeklappt. Es war kaum Verkehr, und nur wenige Fußgänger waren noch unterwegs. Nichts, was seine gesteigerte Aufmerksamkeit verlangte. Dann blieb wohl doch nur Small Talk mit Deichsel. Kallenbach stieß ihn mit dem Ellbogen an. Der reagierte nur mit einem Grunzen. Kallenbach packte seinen Arm und schüttelte ihn. "Was?" Deichsel setzte sich auf und sah sich um. "Was ist denn?" "Noch nichts, aber ich habe keine Lust darauf, Langeweile zu schieben. Ich dachte eigentlich, wir ziehen diese Aktion gemeinsam durch." "Aber solange noch nichts-" "Sänger kann jeden Moment hier auftauchen, und da kann ich mit einem verschlafenen Partner nichts anfangen." "Bin ja schon wach." "Wie du in diesem Teil hier überhaupt schlafen kannst, ist mir ein Rätsel." "Wieso?" Deichsel schob sich einen Stumpen in den Mund. "Hier stinkt's nach Hühnerkacke." Den penetranten Geruch hatte Kallenbach bereits wahrgenommen, als er in den LKW eingestiegen war, doch da hatte er sich noch soweit in der Gewalt gehabt, dass er sich jeden Kommentar verbissen hatte. Mittlerweile war seine Geduld aber wieder am Ende. Deichsel ging nicht weiter auf seine Bemerkung ein. "Findest du nicht, wir übertreiben etwas?" Damit hatte Kallenbach nun nicht gerechnet. Sie standen hier noch keine Stunde, und schon nörgelte Deichsel herum. Klasse. Der ist nur mit halben Herzen dabei. Nur konnte er nicht riskieren, dass Deichsel ihn womöglich einfach hier allein sitzen ließ. "Irgendwas ist hier faul. Hab 'nen guten Riecher." "Schön für dich", kam es von Deichsel. Kallenbach schluckte trocken. Besser er hielt jetzt die Klappe, oder er hatte Deichsel wirklich bald soweit, dass er einfach abhaute. Scheinwerfer erhellten in diesem Moment die Straße, und Kallenbach atmete innerlich auf. Der Wagen - ein Jeep - bremste ab und bog in die Wielandstraße ein, hielt in der Nähe von Sängers Wohnhaus. Die Insassen waren deutlich zu erkennen. Und Kallenbach glaubte wieder an Sechser im Lotto. "Na schau mal..." "Der Informant und sein Meister." Ja, glaub du nur an eine rein geschäftliche Beziehung... Wird Zeit, dass ich dir ein bisschen auf die Sprünge helfe... "Man könnte glauben, die wären ein Team." Das konnte funktionieren. Besser er machte nur doppeldeutige Bemerkungen. Er sah zu Deichsel, der ihn ebenfalls anblickte. Aha, das Interesse ist geweckt... Von Übertreiben ist keine Rede mehr. Ich leg' mal nach... "Tja, da stell' ich doch einfach mal die Frage in den Raum: Warum wurde unser Kollege von seiner Schnecke so plötzlich auf die Straße gesetzt?" Sänger und Schwenk kletterten aus dem Jeep. Deichsel kratzte sich am Kinn, blickte Kallenbach an. "Duuuu-" Kallenbach konnte ihm geradezu beim Denken zusehen. Endlich. Er nickte Deichsel zu. "Mmmh." Schwenk und Sänger gingen zum Hauseingang, und Sänger hatte seinen Arm um Schwenks Schultern gelegt. Bingo! "Ich glaub', ich krieg' einen an die Mappe. Der Schwenk? Uh?" Kallenbach zählte in Gedanken von zehn runter auf null. Jetzt, wo er es mit eigenen Augen gesehen hatte, kam ihm diese Geschichte noch viel unwahrscheinlicher vor als in seinen irren Vermutungen. Chris Schwenk ließ sich von einem Schwulen im Arm halten! Die beiden hatten offensichtlich eine Menge Spaß - miteinander! Sie genossen die Gesellschaft - die Nähe! - des anderen. "Sach mal, träumst du?" Ein unsanfter Stoß riss Kallenbach aus seinen Überlegungen. Ja, das war es wahrscheinlich. Er saß jetzt nicht hier in einem stinkenden Lieferwagen neben Deichsel, hatte nicht beobachtet, wie Macho Schwenk sich von einem Schwulen anfassen ließ, hatte nicht das Gefühl, gerade Zeuge gewesen zu sein, wie ein nettes Paar nach Hause gekommen war. Das war alles nur ein Traum, und bestimmt lag er in seinem eigenen Bett, war über seinen Phantasien eingeschlafen. "Ich hab' dich gefragt, was wir jetzt machen!" Verdammt! Deichsel ließ nicht locker und bestand darauf, dass dies alles Realität war. Und er stellte wohl die entscheidende Frage in dieser Angelegenheit. Was sollten sie jetzt machen? Wenn Schwenk mit dem Autoschrauber... Wenn er mit ihm in die Kiste stieg... Kallenbach schluckte schwer. Das war wohl das Beste, was ihnen überhaupt passieren konnte. Ein Bulle, der mit einem schwulen Kleinkriminellen unter der sprichwörtlichen Decke steckte. Sie mussten sich weiter still verhalten, weiter ihre Nachforschungen anstellen, bis sie dem Sänger etwas nachweisen konnten. Dann hatten sie auch Schwenk. Klassischer Fall von Femme Fatale - nur dass es hier ein Homme war. Noch besser, weil noch schlimmer. Kallenbach konnte ein Grinsen nicht mehr zurückhalten. Bingo! Lottogewinn! "Was wir jetzt machen? Wir bleiben dran an der Sache. Und solange wir Sänger nichts nachweisen können, hältst du schön die Klappe über das, was wir hier gesehen haben, klar? Das ist viel zu gut, um als Klowitz im Präsidium zu enden." "Du meinst-" "Ich meine, wir können die Karriere des Herrn Schwenk ein für alle mal den Bach runtergehen lassen."
***
Fast glaubte Kallenbach an ein DÉjÀ Vu. Wieder saßen sie in diesem stinkenden Lieferwagen, wieder warteten sie darauf, dass sich in der Werkstatt etwas tat, wieder moserte Deichsel miesmutig herum. "Wieviel Stunden willst du in die Sache hier noch reinstecken? Ich hab' langsam die Schnauze voll." "Die Sache ist es wert, Deichsel." "Kann ich nicht finden. So wie ich das seh', mach' ich jeden Tag Doppelschichten, und die Hälfte davon unbezahlt. Und passieren tut hier auch nix. Der Typ schraubt schon seit Stunden an diesem Wrack rum. Und gerade mal ein paar Anrufe in der ganzen Zeit." "Telefonüberwachung konnte ich ja wohl schlecht beantragen. Was glaubst du, wie schnell sich das bei den Kollegen rumspricht." "Is' mir langsam egal, ob die was merken. Wir drücken uns hier nur die Ärsche platt." "Nicht mehr lange, denke ich." "Ach ja?" "Ja. Schließlich läuft heute Abend die Einweihungsfeier der lieben Kollegin Renmark. Glaubst du, Schwenk lässt sich die Gelegenheit entgehen, sich zum Nulltarif zu besaufen?" Deichsel schüttelte langsam den Kopf. "Na und? Der wird doch kaum diesen Typ da mitschleppen!" "Hast du noch gar nichts begriffen, was hier läuft? Ich bin sicher, Schwenk wird sich genau hier seine Begleitung für dieses gesellschaftliche Ereignis abholen. Wart's nur ab." "Der Schwenk ist doch nicht so blöd-" "Der Schwenk glaubt, dass niemand was von seinem kleinen Techtelmechtel mitbekommen hat. Hat ja auch keiner. Außer uns." "Aber-" "Kein Aber, Deichsel. Vertrau auf meinen Instinkt. Unser Kollege hält sich für Supermann, völlig unantastbar. So wie der sich mit dem Sänger in der Öffentlichkeit zeigt." Kallenbach zuckte mit den Achseln. Es war ihm gleich, ob er Deichsel überzeugen konnte. Der würde weiter mitziehen, das war alles, was er brauchte: Rückendeckung - dafür nahm er auch dieses nervige Gerede in Kauf. "Und was ist mit uns? Ich wollte mir diese Feier eigentlich auch nicht entgehen lassen." "Wirst du auch nicht. So wie die Dinge stehen, ist es doch fast schon ein beruflicher Einsatz." Deichsel stierte Kallenbach an, hob dann langsam eine Augenbraue. Kallenbach schickte einen kurzen Dank an die himmlischen Mächte. "Und wenn Schwenk nicht hier aufkreuzt?" Kallenbach setzte gerade zu einer bissigen Antwort an, als sein Handy vibrierte, das in der hinteren Hosentasche steckte. "Ja!", bellte er in die Muschel. "Max hier. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie Informationen über diesen Reifert und seinen Spezi Sänger suchen." "Du hast gute Ohren, Kleiner." "Sie funktionieren noch besser, wenn sie ab und an dem Klang knisternder Scheinchen lauschen können." "Das können sie haben, wenn dieser Anruf nicht nur Small Talk ist." "Sie glauben doch nicht, dass ich hier am Telefon-" "Raus mit der Sprache, Max. Du kriegst deine Kohle, wenn deine Info es wert ist." Kallenbach wusste, dass Max reden würde. Schließlich konnte er - Kallenbach - es sich kaum erlauben, einen Informanten reinzulegen. Das sprach sich in der Branche schnell rum. Schneller als jedes Lauffeuer. "Der Reifert hat sich aus dem Staub gemacht. Hatte wohl einen ziemlichen Streit mit dem anderen Schwanzlutscher. Jedenfalls isser weg aus Frankfurt. Mit unbekanntem Ziel." "Ist das alles?" "Noch nicht ganz. Der Sänger gilt im Moment als zu heißes Eisen. Der hängt in letzter Zeit zu viel mit Euresgleichen ab. Und solange wir nicht sicher sind, was genau da läuft, ist der Sänger raus aus den Geschäften, die euch so interessieren. Das wär's." Stimmt. Das war's. Sie konnten hier einpacken. "Okay, Max. Wir sehen uns in den nächsten Tagen." "Lassen Sie sich nicht zu viel Zeit. Es gibt noch andere Kunden." "Was redest du da?" "Sie kennen die Spielregeln. Wer am besten zahlt, kriegt die Ware." Scheiße. Max war skrupellos genug, mit dieser Information weiter hausieren zu gehen. Und auch mit der Information, dass er und Deichsel sich für Sänger interessierten. Selbst wenn er Max jetzt drohen würde, keiner konnte garantieren, dass er nicht weiterplauderte. Trotzdem musste er es versuchen. "Du hältst besser die Klappe, Max. Du weißt, wohin Gier führen kann. Ein Wort von mir-" "Keine Sorge, ich kann verschwiegen sein, wenn's sich lohnt. Und Vertrauenswürdigkeit ist eine Voraussetzung, um in diesem Job zu überleben." Bevor Kallenbach antworten konnte, legte Max auf. Und Kallenbach wusste, dass er alles konnte, außer Max zu vertrauen. Und unabhängig davon, ob Max fair spielte: Seine Beförderung konnte er in den Wind schreiben. Dreck verfluchter! Er war drauf und dran, seinem Handy den Garaus zu machen. "Was'n los?" Kallenbach sog scharf die Luft ein. Er musste sich jetzt zusammenreißen und durfte keinesfalls seine Laune an Deichsel auslassen. Das konnte wer-weiß-wie enden. Schließlich war Deichsel ohnehin schon sauer genug über diese Extratouren. "Wir können hier einpacken, das ist los. Sänger ist aus dem Spiel raus. Zumindest im Moment. Mit dem dreht keiner krumme Dinger mehr." Deichsel sah erstaunlicher Weise weder beeindruckt noch enttäuscht aus. "Keiner außer dem Schwenk." Kallenbach öffnete den Mund, schloss ihn langsam wieder. Jetzt, als Deichsel darauf anspielte, wurde ihm klar, dass ihm wirklich nichts geblieben war, als Schwenks neu entdeckte sexuelle Orientierung. Er umklammerte die Rand des Sitzes, fuhr mit dem Daumen die angerauhte Gummibespannung entlang. Er hatte den Fisch schon in den Händen gehalten, und im letzten Moment war er ihm doch noch entglitten und in die Untiefen der Zukunft abgetaucht. Wieder fluchte Kallenbach innerlich. Hätte er nur nicht in der Illusion des sicheren Sieges mit Sandra telefoniert. Aber er hatte einfach mit jemandem sprechen müssen, der auf einer Wellenlänge mit ihm lag und der weder Gelegenheit noch die Absicht hatte, ihm irgendwie in die Quere zu kommen. Und nun blieb ihm lediglich Plan B, die Kollegen gegen Schwenk aufzuhetzen. Nach dem Motto: Ein schwuler Bulle bei der Truppe? - Eher friert die Hölle zu! Aber diese Aussicht konnte ihn nicht trösten oder von seiner Niederlage ablenken. Es war billig und unbefriedigend. Was noch schwerer wog: Es war das einzige, das ihm noch blieb. Und Kallenbach hasste es, auf einen bestimmten Plan festgelegt zu sein. Natürlich konnte er die ganze Sache auch vergessen und Schwenk und seinen Typ einfach in Ruhe lassen. Sollte sich Deichsel doch darauf stürzen und ausweiden. Ein Knuff in die Seite ließ ihn aufschrecken. "Da isser, der Schwenk!" Kallenbach sah in die Richtung, in die Deichsel deutete. Vor der Werkstatt hielt der Wagen von Niemcek und Schwenk stieg aus und warf die Tür zu. Er ging um das Auto herum, drehte sich dann noch einmal zu Niemcek um, der sich etwas aus dem Fenster lehnte. Es war nicht zu verstehen, worüber die beiden sich austauschten. Schwenk hob schließlich die Hand zum Gruß und wandte sich Richtung Werkstatt, wo jetzt Sänger auftauchte und sich an einem Lappen die Hände abrieb. Niemcek grüßte ebenfalls, fuhr dann los. "Deckung!", zischte Kallenbach und ließ sich zurück und zur Seite fallen, prallte dabei gegen Deichsel, der etwas langsamer reagierte, sich den Bruchteil einer Sekunde später duckte. Kallenbach zählte die Sekunden, orientierte sich dabei an dem Pulsschlag von Deichsel, den er unter seiner Hand spüren konnte. Er versuchte, ruhig und tief zu atmen und der Geruch von Deichsel stieg ihm dabei in die Nase. Der roch nicht nach Hühnerkacke - und da war auch keine Spur eines parfümierten Duschgels. Nur leichter Schweißgeruch, gemischt mit Tabakaroma. Vertraut. Deichsel roch so viel angenehmer, wenn er nach... Deichsel roch. Was denkst du da für einen Blödsinn! Kallenbach schloss die Augen, versuchte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen, versuchte, an irgendetwas anderes zu denken. Und das nächste, was er wieder bewusst mitbekam, war, dass Deichsel ihn an der Schulter packte. "Hey, Kallenbach, der Niemcek ist weg! Geh endlich runter von mir." Kallenbach richtete sich auf, als hätte er sich an dem Körper seines Partners verbrannt. "Glaubst du, der hat uns gesehen?", frage er, um seine Verwirrung zu überspielen. Es misslang gründlich. "Glaub' ich nicht." Glauben ist nicht wissen. Kallenbach schluckte die Bemerkung runter und sah in Richtung Werkstatt. Schwenk und Sänger waren nicht mehr zu sehen. Sie konnten hier verschwinden. Er rückte noch ein Stück weiter von Deichsel weg. "Lass uns fahren." Er brauchte einen Drink. Deichsel kletterte auf den Vordersitz. "Was ist mit heute Abend?" "Heute Abend?" Kallenbach hatte Schwierigkeiten, den Kopf klar zu kriegen. "Mann, die Fete bei der Renmark!" Sein erster Impuls war es, sich in seiner Wohnung zu verbarrikadieren, und einer Flasche Cognac als Gesellschaft den Rest des Tages zu verbringen. "Wäre doch die ideale Gelegenheit, die beiden Turteltäubchen zu beobachten. Dazu noch Freibier. Wird bestimmt 'ne klasse Show." Kallenbach starrte Deichsel an. Wann hatte er eigentlich die Kontrolle über diese Situation verloren? Aber er hatte weder die Kraft noch Interesse, sich mit Deichsel groß auseinanderzusetzen. Es war viel leichter, diesmal seinem Partner die Führung zu überlassen. "Von mir aus." "Ich setz' dich zu Hause ab, bring' den Lieferwagen weg und hol' dich dann ab." Kallenbach nickte. Es war nicht nur leichter, die Kontrolle aufzugeben, es war sogar angenehm. Er brauchte wirklich einen Drink. Vielleicht konnte er sich ja schon etwas in Stimmung bringen, bevor Deichsel in abholte.
***
Kallenbach warf Deichsel immer wieder Seitenblicke zu. Es war erstaunlich. Keine ganze Stunde saßen sie jetzt hier und Deichsel hatte ihn alkoholtechnisch tatsächlich eingeholt. Und das bei dem Vorsprung, den Kallenbach sich zu Hause herausgearbeitet hatte. Die Cognacflasche war bis auf ein Drittel leer gewesen, als die Türschelle ging. Im letzten Moment, bevor er die Tür zuzog, hatte er die Schlüssel vom Haken genommen. Ohne genau zu wissen wie, war er die Treppen heruntergestiegen. Und dann hatte er neben Deichsel im Auto gesessen. Dessen Kommentar "Mann, du hast ja schon kräftig geladen" hatte er unbeantwortet gelassen. Wie er auch den blinkenden Anrufbeantworter und die SMS auf seinem Handy, die von Sandra stammten, ignoriert hatte. Er wollte von Sandra im Moment nichts wissen. Eigentlich auch nichts von Deichsel oder dieser Einweihungsparty, aber allein in der Wohnung zu hocken, war keine verlockende Aussicht gewesen. Sein Leben wurde von der Taktik kleinere Übel dominiert. Und jetzt hockte er neben Deichsel an der Theke, und sie kippten ein Pils nach dem anderen. Kallenbach kannte den Typen, der wohl die erste Schicht als Kellner übernommen hatte, nicht. Es reichte, dass er zuverlässig und ohne dumme Sprüche für Nachschub sorgte. Deichsels Tempo war erstaunlich, Kallenbach machte sich gar nicht die Mühe mitzuhalten. Wie gesagt, sein Vorsprung war groß genug gewesen. Viel betrunkener konnte er gar nicht mehr werden. Er war aber noch klar genug gewesen, um das Auftauchen von Schwenk und Sänger mitzubekommen. Sie waren etwa eine halbe Stunde nach ihnen eingetroffen. Und hatten sich nach einer kurzen Begrüßung der Gastgeberin mit Bier versorgt und einen eigenen Tisch gesucht. Sie taten nichts Auffälliges oder gar Verräterisches. Sie unterhielten sich, tranken ihr Bier. Und sahen so aus, als würden sie sich schon seit Jahren kennen. Kallenbach begriff erst, dass der Kellner gewechselt hatte, als Niemcek sie ansprach. "Sagt mal, täusch' ich mich, Kollegen, oder stinkt's hier'n ganz klein wenig nach Hühnerkacke?" Kallenbach starrte Niemcek an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. Dann sah er zu Deichsel rüber, der ihn ebenso verständnislos anblickte, und schnüffelte. Schließlich klickte es. Der Niemcek hatte sie doch gesehen. Na, is' ja jetzt eh egal. "Sehr witzig", nuschelte Deichsel um seinen Stumpen herum. "Zischt doch erst mal 'nen kühles Bierchen, hm?" Kallenbach hätte Niemcek am liebsten eins in die Fresse gegeben. Aber in seinem Zustand war das keine so gute Idee. Und es gab was Besseres, um dem eins auszuwischen. Wurde Zeit, dass der begriff, was sein Partner so trieb. "Das ist auch notwendig. So schwul wie's hier ist." "Was is' los?" Aua, das hat offensichtlich gesessen. Kallenbach konnte ein befriedigtes Grunzen nicht unterdrücken. Auch wenn ihn Niemceks Reaktion etwas überraschte. Eigentlich hatte er nicht damit gerechnet, dass der bei dem Thema gleich so heftig wurde. Aber schön war's. Und Deichsel plapperte schon los. "Der Schwenk wohnt neuerdings bei dem Autofummler." Kallenbach legte nach. "Dessen Fahrzeugpark wollten wir uns gestern mal 'nen bisschen näher anseh'n. Und wer kommt da spät nachts Arm in Arm nach Hause, eng umschlungen wie'n junges Liebespaar?" Niemcek sah rüber zu den Turteltauben, die sich ganz prächtig zu amüsieren schienen. "Kollege Schwenk und der Typ." Und als hätten sie diese Szene vorher einstudiert, übernahm Deichsel. "Pass auf, dass er dir beim Observieren nicht zu nahe kommt, was?" Deichsel griff nach Niemceks Hemd, der völlig entgeistert wieder zu Schwenk und Sänger rüberstarrte. Die Saat war gesät. Aber bei Niemcek wusste man nie, besonders nicht, wenn es um seinen Partner ging. Zeit zu verschwinden. Und sie hatten auch genug intus, dass es für den Rest der Nacht reichte. "Komm, Deichsel." Kallenbach war erleichtert, dass Deichsel keinen Aufstand machte, sondern ihm nach draußen in den Hof folgte. Die kühle Nachtluft war fast wie ein Schlag ins Gesicht, aber nach einer Schrecksekunde atmete Kallenbach tief ein. "Mann, den hat's umgehau'n." Deichsel gluckste - wohl vor Vergnügen - und in der nächsten Sekunde lag sein Arm schwer auf Kallenbachs Schulter, der eine Sekunde lang schwankte, bevor er sein Gleichgewicht wiedererlangte. "Ja, hat es." Er grinste und machte keine Anstalten, sich von Deichsel zu befreien. Jetzt, wo er richtig stand, kam der ihm nicht mehr so schwer vor. Im Gegenteil, es fühlte sich sogar gut an. "Bin ge-gespannt, wie's weitergeht." "Weiß nicht. Der Niemcek kann Lügereien nich' leiden. Und dann bei so was..." Kallenbach legte langsam den Kopf in den Nacken. Schade. Keine Sterne zu sehen... "Und jetzt?" Kallenbach sah Deichsel an. "Was meinst du?" "Na, was machen wir beiden Hübschen jetzt? Is' doch noch früh, oder?" "Vergiss es, Deichsel, da geh' ich nich' mehr rein. Kein Bock, zwischen die Fronten zu geraten." Er schob Deichsels Arm von seiner Schulter und ging auf die Einfahrt zu. "Ich such' mir 'nen Taxi. Komm schon, Mann, ich lad' dich zu Hause ab. Bevor dein Frauchen dich vermisst meldet." "Pas-passiert nich - die is über's Wochenende bei ihrer Mutter." "Ich lad' dich trotzdem ab. Ich will morgen Mittag die Frühschicht abpassen - die Kollegen müssen doch wissen, was der Schwenk nachts so treibt."
***
"Was is'n jetzt wieder los, Deichsel?" "Mein Schlüssel... der is weg." "Kann ja nich' sein, ich hab' doch gesehen, wie du vorhin den Wagen abgeschlossen hast." "Vielleicht inner Kneipe." "Idiot!" Kallenbach beugte sich zum Fahrer vor, der in aller Seelenruhe beobachtete, wie Deichsel wieder und wieder seine Taschen erfolglos umkrempelte. "Fahren Sie weiter zur Rößlerstraße. Und dann bringen Sie den Kollegen zurück zum Ausgangspunkt." "Soll mir recht sein, ich hab' Zeit, Meister." Kallenbach grunzte nur und ließ sich zurück in den Sitz fallen. "Hör mit dem Kramen auf, du machst mich wahnsinnig, Deichsel." "In die Kneipe geh' ich nich' zurück - schon gar nich allein!" "Glaubst du, ich komm' noch mal mit?" "Kann ich nich' bei dir pennen? Du has' doch'en Bett frei." "Bei mir pennen? Jetzt setzt es total bei dir aus!" "Ich nehm' auch die Couch. Aber auf die Party geh' ich nich' mehr." Kallenbach überlegte kurz, ob er Deichsel nicht einfach im Taxi zurücklassen sollte. "Okay. Couch is' okay." Deichsel schlug ihm auf die Schulter. "Kallenbach, du has' was gut bei mir." Keine fünf Minuten später kletterten sie aus dem Wagen, und Kallenbach bezahlte den Fahrer. Ohne Trinkgeld. Der trat ohne weiteren Gruß aufs Gaspedal, kaum das Deichsel draußen war. "Hey! Hat der sie noch alle?!" "Mach' hier nicht den Aufstand!", raunzte Kallenbach ihn an. "Muss ja nicht die ganze Nachbarschaft mitkriegen, dass du bei mir übernachtest." Kallenbach ging ins Haus und das Treppenhaus hoch, Deichsel folgte ihm dichtauf. An der Wohnungstür fing Deichsel zu kichern an. "Was!", zischte Kallenbach. "Ni-nichts. Is' nur das erste Mal." "Was?" "Dass ich deine Wohnung zu sehen kriege, seit du mit der Tussi zusammen bist." Kallenbach öffnete die Tür und packte Deichsel an der Schulter, schob ihn in die Wohnung. Er schloss die Tür und knipste das Licht an. Deichsel blinzelte, schwankte leicht. Und grinste immer noch. "Hör mal, Deichsel, ich will nur noch in die Waagerechte. Du verschwindest ins Wohnzimmer und hältst die Klappe, ja?" "Jawoll, Herr Ha-Hauptko-kommissar!" Deichsel kicherte wieder. Kallenbach seufzte innerlich, ging ins Schlafzimmer und zog eine Decke aus dem Schrank. Im Wohnzimmer fand er Deichsel, wie er sich abmühte, seine Schuhe auszuziehen. Kallenbach warf ihm die Decke zu, sie landete auf Deichsels Kopf, was einen weiteren Heiterkeitsausbruch zur Folge hatte. "Gute Nacht!" Im Schlafzimmer zog er sich aus, ließ die Klamotten einfach fallen, wo er stand, löschte dann das Licht. Nur mit Slip bekleidet schlüpfte er unter die Bettdecke. In seinem Kopf begann es leicht zu hämmern; jetzt, wo er zur Ruhe kam, machte sich der Stress der letzten Tage bemerkbar. Er zog mit einer Hand die Schublade des Nachttisches auf, wühlte darin herum, bis er den Blister mit den Aspirin gefunden hatte. Er drückte zwei Tabletten heraus und steckte sie sich in den Mund, zerkaute sie und schluckte sie trocken runter. Mit geschlossenen Augen und auf dem Bauch liegend wartete Kallenbach auf den Schlaf, der nicht kommen wollte. Er fühlte sich todmüde und gleichzeitig hellwach. Verdammt! Seufzend drehte er sich auf die Seite und lauschte auf die Geräusche in der Wohnung. Zuerst schien alles still, dann hörte er ein Husten. Erst leise und erstickt, dann immer lauter. Klasse! Das konnte eine lange Nacht werden. Das Hämmern in seinem Kopf wurde heftiger, und er zog sich das Kissen über den Kopf. Aber das wurde ihm bald zu warm. Er drehte sich auf den Rücken und starrte an die Decke. Vielleicht wartete er einfach so, bis die Nacht vorbei- Klatsch! Mit einem Satz war Kallenbach aus dem Bett und stürzte aus dem Schlafzimmer. Aus der Küche fiel Licht in die Diele. Deichsel! "Was machst du hier, Mann?", schnauzte Kallenbach los, als er die Küchentür weiter aufstieß. Deichsel stand aus der Hocke auf, drehte sich langsam zu Kallenbach um. "Tschuldige, ich hab' so'n Hunger." Im nächsten Augenblick biss er von der Frikadelle ab, die er in der linken Hand hielt, kaute hastig und schluckte einen offensichtlich viel zu großen Bissen runter. Deichsels T-Shirt war mit Senf beschmiert, auch seine Hände trugen deutliche Spuren seines Fressanfalls. "Und bist zu besoffen, deinen Mund zu treffen!" "Mir is' das Glas runtergefallen." Jetzt erst bemerkte Kallenbach das ganze Ausmaß der Bescherung: Deichsel stand mit nackten Füßen in einer gelben Lache, war bis zu den Knien mit Flecken bespritzt. Erstaunlich, wieviel in so ein Senfglas passte. Kallenbach trat zurück, lehne sich gegen den Türrahmen. Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. "Ich geh besser schlafen", kam es kleinlaut von Deichsel, und er schob den Rest der Frikadelle in den Mund. "Du spinnst wohl. Ab ins Bad mit dir! So versaust du mir die komplette Einrichtung. Am besten stellst du dich in voller Montur unter die Dusche - du hast sogar Senf in den Haaren!" Deichsel sah ihn an, als hätte es gedonnert und geblitzt. "Na los! Ich mach' hier inzwischen sauber." Große Lust hatte er nicht, aber Deichsel würde alles nur noch schlimmer machen und schlafen konnte er ohnehin nicht. Erstaunlich wie Adrenalin gegen Trunkenheit wirkt...
Fünf Minuten und eine halbe Zewarolle später hatte er die gröbsten Spuren beseitigt; den Rest musste er sich bei Tageslicht ansehen. Bei dem Muster der Einbauküche war es fast unmöglich, Schmutzflecken vom Dekor zu unterscheiden. Im Bad hörte er Deichsel rumoren, dann ging die Spülung der Toilette. Er wird ein Badetuch brauchen... Kallenbach suchte im Schlafzimmerschrank nach aussortierten Badelaken und fand ein ausgesprochen hässliches im Design der siebziger Jahre. Dünne Streifen in allen Farben des Regenbogens. Für Deichsel genau richtig. Kallenbach machte sich nicht die Mühe anzuklopfen. Schließlich hatte er Deichsel öfter nackt gesehen als die meisten seiner Freundinnen. Außerdem lief bereits das Wasser der Dusche - wenn er nicht mit den Fäusten gegen die Tür trommelte, würde Deichsel ihn ohnehin nicht hören. Dampfschwaden füllten den Raum. Nach ein paar Augenblicken konnte Kallenbach die ersten Umrisse erkennen. Rindvieh. Deichsel hatte die Tür zur Dusche nicht ganz geschlossen und erste Wasserlachen bildeten sich auf den Fliesen. Kallenbach hing das Laken auf, griff nach der Kabinentür und wollte sie schließen, als eine Hand sein Handgelenk packte. "Hey!" "Nett, dass du mich besuchst!" "Lass mich los, Mann!" "Nö!" Bevor Kallenbach sich losreißen konnte, stieß Deichsel mit einem Fuß die Tür ganz auf, zielte mit dem Wasserstrahl Kallenbach direkt ins Gesicht. Dessen Protest ertrank in einem Schwall heißen Wassers. "Jetzt, wo du nass bis', kannste auch reinkommen!" Mit einem Klatschen landete der Duschkopf in der Duschwanne und Deichsel zog Kallenbach in die Kabine. Für einen Augenblick überlegte Kallenbach, wie Sandra ausflippen würde, falls sie eine Macke in der Wanne entdeckte. Dann versuchte er wieder, von Deichsel wegzukommen. Vergeblich. Zwischen seinen Beinen spritzte immer noch das Wasser, und er hatte alle Mühe, nicht auszurutschen. "Komm schon, Deichsel, lass den Scheiß. Du bist ja besoffen." "Spielverderber!" Es hätte belustigt klingen können, tat es aber nicht. Da war ein Ton in Deichsels Stimme, der Kallenbachs Blut gefrieren ließ, dem heißen Wasser und Deichsels fast schon bedrückender Nähe zum Trotz. Und Deichsels nächste Worte machten alles nur schlimmer. "Vermisst du deinen kleinen Betthasen nicht, Kallenbach? Muss doch schrecklich sein, so eine ganze Woche... ohne." Kallenbach wehrte sich nicht mehr. Deichsel ließ ihn los, griff nach dem Kran hinter sich und drehte das Wasser ab. Langsam verzogen sich die Schwaden, mischten sich mit der kühleren Luft, die in die Duschkabine drang. Kallenbach sah an Deichsel runter, realisierte, dass der einen Steifen hatte. Er fand es nicht erschreckend oder gar abschreckend. Nur... interessant. "Kann ja keiner was gegen ein bisschen Spaß haben, oder? Muss ja keiner wissen..." Kallenbach nickte wortlos, konnte sich aber nicht überwinden, den nächsten Schritt zu tun. Er wünschte, er könnte sich einfach umdrehen und zurück in sein Schlafzimmer gehen, doch sein bestes Stück meldete bereits Ansprüche an. "Da will jemand mitspielen." Kallenbach zuckte nicht einmal, als Deichsel nach seinem Slip griff und diesen runterzog; er unterdrückte ein Stöhnen, als sein Schwanz den plötzlichen Freiraum nutzte. In der nächsten Sekunde packte Deichsel zu und Kallenbach stieß einen heiseren Schrei aus. Er stolperte, prallte hart gegen die Fliesen hinter sich. Aber er verspürte keinen Schmerz, nur ein Herzrasen, das ihm den Atem nahm, während Deichsel seinen Schwanz bearbeitete. Besser, er schloss die Augen, bevor er begriff, was er hier mit wem trieb. Was er mit sich treiben ließ. Vielleicht träumte er das nur; alles war nur ein Traum, seit dem Zeitpunkt- Er wusste nicht mehr seit wann, ließ sich einfach in diesen Traum fallen. Eine Hand, fast schon eine Pranke, packte sein Kinn, umfasste es und drückte seinen Kopf nach hinten. Kallenbach wusste, was zu tun war, was von ihm erwartet wurde, und öffnete den Mund. Deichsel schob seine Zunge hinein, so tief und kraftvoll, dass Kallenbach kaum Luft bekam - als wollte Deichsel ihn zwingen, die Zunge zu schlucken. Kallenbach mühte sich, durch die Nase zu atmen. Gleichzeitig versuchte er halbherzig, Deichsel wegzuschieben, aber er wollte nicht riskieren, dass der seinen Schwanz losließ. Also drückte er mit einer Hand gegen Deichsels Brustkorb, der sich rasch hob und senkte, mit der anderen versuchte er, Deichsels Hand zu umfassen, die seinen Schwanz hielt, wollte Deichsel dazu bringen, dass er ihn massierte. Hart und schnell und dann noch härter und schneller. Und wundersamer Weise folgte Deichsel seiner unausgesprochenen Aufforderung. Es dauerte eine Ewigkeit und keinen bewussten Moment lang, bis Kallenbach kam. Er riss die Augen auf und sein Schrei wurde von Deichsels Zunge erstickt. Kallenbach begann zu würgen. Deichsel ließ ihn los und zog seine Zunge zurück. Bevor Kallenbach auf die Knie ging, fing Deichsel ihn auf, drehte ihn um und drückte ihn gegen die Fliesen. Im letzten Moment konnte Kallenbach seinen Kopf zur Seite drehen und bewahrte sich vor einem Nasenbeinbruch. Doch die Erleichterung wandelte sich in ein Panikgefühl, als Deichsels Knie seine Beine auseinanderdrückte und ein Finger sich zwischen seine Backen schob. Es fühlte sich einzigartig an: Kallenbach spürte alles in diesem Moment - Herzschlag, Atem, Deichsels Atemzüge an seinem Ohr, den Finger, der sich langsam in seinen After schob. Ein Zittern durchlief ihn, aber Deichsel hielt ihn mit einem Arm aufrecht. Dann zog er den Finger zurück, und für ein paar Sekunden wartete Kallenbach, hielt den Atem an. Nichts geschah - Deichsel war hinter ihm, dicht hinter ihm, drückte ihn immer noch mit dem Arm gegen die Wand, machte ihn wahnsinnig mit seinem Atem, der über die feuchte Haut seines Nackens strich. Hey, mach weiter, du Arsch! Kallenbach hoffte, dass er diesen Gedanken nicht laut ausgesprochen hatte; er wollte nicht erleben, was passierte, wenn Deichsel jetzt sauer werden würde. Aber wenn er die Kontrolle verliert, vielleicht- Spinnst du! Du bist ja völlig wahnsinnig. Er atmete tief durch und schob sein Gesäß nach hinten, hoffte, auf Widerstand zu stoßen. Als Deichsel seinen Hintern packte, quiekte er laut. Vor Schreck oder Entzücken: das war ihm nicht klar und herzlich egal. Deichsels Hand rieb fest erst über die rechte, dann die linke Pobacke, ein Finger fuhr immer wieder über seinen After. Kallenbach wimmerte leise. Komm schon, komm schon, komm schon! "Wie sagt man?" Kallenbach stöhnte und schloss die Augen. Er hatte wohl doch laut gedacht. Du wirst mich nicht betteln hören! "Los, Kallenbach, du bist doch so ein... höflicher Mensch!" Bei den letzten Worten stieß Deichsel seinen Finger grob in Kallenbachs Anus. "VERDAMMT! BITTE!" Kallenbach verschluckte sich und begann zu husten. Als er wieder zu Atem kam, sprach er leise weiter. "Bitte! Bitte, bitte, bitte." "Geht doch!" Deichsel zog den Finger weg und Kallenbach schluckte seinen Protest herunter. Dann war da wieder etwas an seinem After, im nächsten Augenblick darin. Es fühlte sich größer an als alles, was Kallenbach sich vorstellen konnte, alles, was er sich jemals gewünscht hatte. Als Deichsel sein Becken vor und zurück schob, drückte er Kallenbach dabei im selben Rhythmus gegen die Fliesen. Kallenbach suchte Halt, fand keinen, rutschte mit den Händen an der nassen Wand ab. Er wollte sich festkrallen, sich festbeißen. Er führte seine Hand zum Mund, biss in den Ballen, um sich von dem Schmerz und dem Verlangen abzulenken. Vergeblich. Deichsels Rhythmus füllte seinen Körper und seinen Verstand, und er verlor jedes Gefühl für die Zeit. Er war in der Ewigkeit. Aufhören! Deichsel hielt plötzlich inne und Kallenbach war in Panik, dass die Stimme in seinem Kopf sich irgendwie bemerkbar gemacht hatte, doch dann stieß Deichsel den Atem aus und stieß gleichzeitig mit aller Kraft sein Becken nach vorn. Kallenbach fühlte, wie Deichsel seinen Schwanz herauszog. Für eine Millisekunde war Kallenbach schwerelos, rutschte dann zu Boden: Deichsel hatte ihn einfach fallen gelassen. In diesem Augenblick begriff er, dass dies kein Traum war. Niemals ein Traum gewesen war. Aber es ist ein klasse Stoff für Alpträume! Kallenbach drehte sich um, blieb mit angezogenen Beinen auf dem Wannenboden hocken und sah zu Deichsel hoch. Der achtete nicht auf ihn, schnappte sich den Schlauch und hängte ihn ein. Er drehte das Wasser wieder an. Schwer atmend seifte er sich ein, ließ das Wasser an sich herablaufen. Kallenbach beobachtete ihn, wagte kaum zu blinzeln. Deichsel wusch sich die Haare, fuhr mit beiden Händen übers Gesicht, massierte sich mit einer Hand den Nacken. Jetzt war die Brust an der Reihe, Achselhöhlen, Rücken. Als Deichsel beim Schwanz anlangte, merkte Kallenbach, dass er wieder hart wurde. Er rührte sich aber immer noch nicht. "Hey, schläfst du mit offenen Augen?" Wieder nahm Deichsel den Schlauch und zielte mit dem Strahl auf ihn. Kallenbach erwachte aus seiner Trance: Er sprang auf, verlor fast das Gleichgewicht, und hatte in der nächsten Sekunde Deichsel den Schlauch entrissen. Mit gezielten Schlägen seiner freien Hand prügelte er Deichsel aus der Kabine. "Raus hier! Raus!" Er brüllte es und es interessierte ihn nicht, ob die Nachbarn ihn hören konnten. Er wollte nur noch seine Ruhe. Deichsel schnappte sich das Badelaken und verschwand lachend aus dem Bad. Kallenbach stellte das Wasser ab und atmete ein paarmal durch. Er hing den Duschkopf zurück in die Aufhängung, seifte sich ein. Gründlich. Und fragte sich die ganze Zeit, was eigentlich passiert war. Oder besser: Wie es eigentlich passiert war. Und fand nur eine Erklärung: Er hatte jeden einzelnen Augenblick genossen. Zeit für eine Abkühlung: Er drehte den Temperaturregler runter und drehte den Hahn bis zum Anschlag auf.
***
Kallenbach hätte sich und Deichsel den Tag danach gern erspart. Doch Deichsel war nun mal ohne Schlüssel. Also war die Chance gleich Null gewesen, dass Kallenbach aufwachte und das nächtliche Abenteuer einfach das Weite gesucht hatte. Deichsel saß am Küchentisch und kippte eine große Tasse Kaffee in sich hinein. "Da ist noch mehr in der Kanne." "Erstaunlich wie gut du dich in meiner Wohnung zurecht findest." Deichsel zuckte mit den Achseln. "Ich hab' halt auch 'nen guten Riecher." Kallenbach holte tief Luft - diese Bemerkung nährte die Vermutungen, die er in der Nacht - vorm Einschlafen - durchdacht hatte. Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf bestand darauf, dass Deichsel nicht einfach nur im Suff mit ihm gespielt hatte. Aber er hatte kein Verlangen gehabt, der Sache auf den Grund zu gehen, hatte sich zu Stillschweigen und Ignoranz durchgerungen. "Was machen wir wegen dem Schwenk?" Kallenbach erstarrte, Kaffeekanne in der einen, Tasse in der anderen Hand. "Was meinst du denn?" "Die Kollegen werden ihren Spaß haben, wenn sie erfahren, dass der Schwenk ein Schwanzlutscher is'." Schwanzlutscher... Letzte Nacht ist einiges passiert, aber nicht alles, was möglich gewesen wäre... Kallenbach schüttelte den Kopf, wünschte, er könnte die fiese Stimme darin zum Schweigen bringen. "Du willst ihnen also davon erzählen." "Klar, du denn nich' mehr?" "Doch, schon." "Ja dann..." Deichsel sah auf die Uhr. "Wir müssen los. Es ist schon nach sechs." Letzte Nacht war Kallenbach überzeugt gewesen, nicht einschlafen zu können, war dann aber erst aufgewacht, als die Nachmittagssonne in sein Schlafzimmer schien. Anstatt zeitig ins Präsidium zu kommen und die Enttarnung von Schwenk ganz entspannt zu inszenieren, mussten sie sich ranhalten, pünktlich zum eigenen Dienst zu erscheinen. "Ich muss noch duschen." Kallenbach ärgerte sich, dass er rot wurde. "Können wir im Präsidium, da hab' ich auch frische Klamotten - ich will mich noch umziehen. Du müsstest mir nur ein Badelaken leihen, ich hab' keins mehr da." "Was ist eigentlich mit morgen früh, nach der Schicht? Wo willst du da schlafen? Im Büro?" "Ich hab' 'nen Wohnungsschlüssel im Büro deponiert." Deichsel stiefelte aus der Küche. Kallenbach starrte hinter ihm her und begriff gar nichts mehr. Außer, dass er sich nicht vorstellen wollte, dass Deichsel die ganze Sache wirklich geplant hatte. Aber da meldete sich der Rest seines Verstandes. Kallenbach, du tickst nicht ganz richtig! Deichsel ist einfach zu doof dafür. Und schließ nicht immer von dir auf andere!
***
In der Umkleide warf Kallenbach Deichsel ständig Blicke zu. Während der Fahrt ins Präsidium hatte Deichsel nur Belanglosigkeiten von sich gegeben. Eigentlich hatte er wie immer - wie sonst - geklungen. Kallenbach fragte sich, ob er das Ganze nicht doch geträumt hatte. Doch es gab ein paar Körperstellen, die überzeugend das Gegenteil behaupteten - es war ein mittleres Wunder, dass er keine blauen Flecken abbekommen hatte. Wahrscheinlich hatte Deichsel einige Übung darin, so wenig Spuren zu hinterlassen wie möglich. Klar, der übt mit seiner kleinen Frau. Die Stimme in seinem Hinterkopf ließ ihn schaudern. Im Nachhinein betrachtet kam ihm die letzte Nacht wie ein Tanz auf dem Vulkan vor. Und er stellte sich vor, wie er die Sache erlebt hätte, wenn ihm die Gefahr bewusst gewesen wäre... Er zweifelte, dass er es weniger genossen hätte. Im Gegenteil... Zumindest war die Geschichte Schwenk schon im vollen Umlauf und auf dem Weg in alle Abteilungen. Besonders Jakobi hatte gegrinst wie ein Honigkuchenpferd, als Kallenbach ihm erklärt hatte, er müsste bei Schwenk aufpassen, da der sein Beuteschema auf dunkel, lockig und vor allem männlich umgestellt hatte. In der Dusche trafen sie einige Kollegen, die ihre Schicht hinter sich hatten. Herzog pfiff leise, als sie eintraten. "Ich hätte gewettet, dass ihr heute nicht pünktlich hier auftaucht. Muss ja 'ne dolle Fete gewesen sein. Was man so hört, sind da einige ganz schön abgestürzt." Kallenbach runzelte die Stirn, stellte dann die Dusche an. "Wer erzählt denn solche Märchen? Der Niemcek?" "Nee!" Herzog shampoonierte seine Haare. "Wenn überhaupt, ist der einer der abgestürzten. Der hat nämlich vorhin angerufen und sich entschuldigt, dass er später zu euch stößt. Hat noch was zu erledigen. Die Details von der Fete haben wir von dem Schwatten hier." Er deutete auf Pauly. "Der war bis zum Schluss da." Kallenbach schnappte sich das Duschgel und seifte sich ein, langsam und an einigen Stellen sehr vorsichtig. Er stellte sich wieder unter den heißen Strahl, drehte nach ein paar Minuten das Wasser ab. "Hmm, seltsam, dass Niemcek sich hier meldet und nicht bei seinem Spezi Schwenk." Er begann sich abzutrocknen - langsam und vorsichtig. Herzog zuckte mit den Achseln. "Der Schwenk interessiert sich jetzt halt mehr für die Kollegin als für den Kollegen." Kallenbach jubilierte innerlich, schlang sich sein Handtuch um die Hüften. "Ach quatsch, nicht der Schwenk!" "Warum nicht der Schwenk!? Gerade der Schwenk. Die ist doch genau sein Typ, er ist solo-" Deichsel lachte laut los. "Solo? Solo würd' ich das nicht nennen. Der hat sich 'nen Kerl eingefangen!" Für einen Augenblick hörte man nur noch das Wasser rauschen. "Blödsinn!", kam es schließlich von Pauly. "Wenn ich's euch sage. Der macht mit 'ner Schwuchtel rum. Kallenbach kann's bezeugen." Deichsel war ebenfalls fertig und legte sich das Handtuch um, das Kallenbach ihm geliehen hatte. Nicht, dass er es zurück haben wollte... "Schwenk ist nicht schwul", beharrte Pauly. Deichsel setzte nach. "Ach? Wohnt bei'ner Tunte und umarmt die Schwuchtel. Öffentlich!" "In der letzten Zeit hat der Schwenk schon 'nen Hüftschwung drauf, da wird selbst Madonna schwach", kam es von Herzog. Die Kollegen brachen in Gelächter aus - Kallenbach rieb sich im Geiste die Hände. Und bemerkte im nächsten Augenblick Schwenk. Perfektes Timing - erscheint pünktlich zur eigenen Beerdigung. "Jungs, haltet eure Verlobungsgeschenke fest, wir kriegen Damenbesuch", flötete er. Schwenks Gesichtsausdruck war unbezahlbar - es half, die Erinnerung an letzte Nacht zu verdrängen. "Hey Schwenk! Hier ist nur für Männer. Wir wollen hier unter uns sein", setzte Herzog nach. Schwenk verschwand wortlos. Kallenbach war entschlossen, sich diese Gelegenheit nicht entgehen zu lassen, ging zu Schwenks Umkleide, Deichsel im Schlepptau. "Hey Schwenk, nun mach dich nicht verrückt. Solang du deinem kleinen Mechaniker und seinen Kumpels keine Tips gibst gegen 'ne Freifahrtstunde, ist doch alles paletti. Und er sieht doch wirklich gut aus." Das musste reichen. Schwenk kochte bestimmt schon - es war besser, etwas Abstand zu gewinnen. Und die Sicherheit der Gruppe. Der Schwenk musste begreifen, dass er allein stand. Und vielleicht würde Kallenbach nachher Pauly noch etwas bearbeiten, der würde als erster den Schwanz einziehen, wenn es zur Konfrontation käme - er wartete gerne ab, wie sich die Dinge entwickelten, bevor er zeigte, auf welcher Seite er stand. In der Umkleide nahm Kallenbach sein Handtuch ab, hängte es auf den Haken der Bank. Jemand tippte ihm auf die Schulter. Er drehte sich um- Schwenk! Bevor er irgendeinen Ton von sich geben oder sonst reagieren konnte, griff Schwenk ihm in die Eier. Ihm wurde weiß vor Augen, die Knie gaben nach, aber er konnte nicht weg, sich nicht mal fallen lassen. Schwenks Griff war fest und unnachgiebig. Kallenbach wollte protestieren, schreien- und Schwenk griff mit der anderen Hand seinen Kopf, zog ihn zu sich und presste einen Kuss auf seine Lippen. Gleichzeitig schien sich der Schmerz in seinen Genitalien noch zu verstärken. Verdammt, er reißt sie ab! Schwenk brach den Kuss ab, und Kallenbach schnappte unwillkürlich nach Luft. "Dabei stehe ich doch eher auf harte Männer, wie dich oder Deichsel." Schwenk ließ Kallenbachs Genitalien los, um in der nächsten Sekunde noch härter zuzupacken. Kallenbach rang nach Luft, sank auf die Bank, als Schwenk endlich von ihm abließ. In Kallenbachs Kopf schwirrten Bilder. Von Schwenk, wie er in der Duschkabine auftauchte, wie er ihn vorhin konfrontiert hatte und... und... Dann war da Deichsel, Deichsel, der nach seinem Schwanz griff. Und er wünschte sich, dass er härter anpackte. Kannst du haben! Aber das war Schwenks Stimme. Kallenbach war eiskalt, aber er konnte nicht mal zittern, konnte nicht mehr atmen. "Kallenbach! Kallenbach!" Da war er wieder - Deichsel. Verschwinde aus meinem Kopf! "Was is' los, Mann? Hat dich der Schlag getroffen?" Kallenbach blinzelte und konnte schließlich erkennen, dass jemand vor ihm stand, mit seiner Hand vor seinem Gesicht hin und her wedelte. Er schluckte, verschluckte sich, begann zu husten. Er rang nach Atem und packte die Hand, die begonnen hatte, ihm auf den Rücken zu schlagen. "Verdammt, lass mich in Ruh'!" "Du lebst ja doch noch! Lass mich los, Mann!" Deichsel. Deichsel stand vor ihm. Vollständig angezogen. Kallenbach sah sich um; sie waren allein. In der Umkleide, wo gerade noch die Kollegen gewesen waren. Er sah an sich herunter, er war immer noch völlig nackt. Und eiskalt war ihm. "Was ist denn passiert?" "Du warst völlig weggetreten." "Wie lange?" "Vielleicht ein paar Minuten. Die andern haben alle gemacht, dass sie wegkommen. Hatten wohl Angst, dass der Schwenk noch mal aufkreuzt." Deichsel rieb sich die Nase. "Der Schwenk?" "Klar, der Schwenk. Der hat hier noch 'nen Mordsterror gemacht, nachdem er dir... dich..." "Schon gut, ich weiß, was der Schwenk gemacht hat, ich bin doch nicht verblödet." Kallenbach schüttelte vorsichtig den Kopf, er hatte wohl wirklich einen Aussetzer gehabt. Langsam begann er sich anzuziehen. Es tat immer noch weh und ihm war noch immer eiskalt. Bis auf die Lippen, wo der Schwenk- "Was starrst du mich so an?", fuhr er Deichsel an, der sich wieder die Nase rieb. "Und was ist mit deinem Zinken passiert? Bist du gegen die Wand gelaufen?" Deichsel nahm blitzschnell die Hand von der Nase. "Nix ist damit. Ich warte im Wagen." Deichsel verschwand aus der Umkleide. Kallenbach ging zur Tür und schmiss sie zu. Verdammt! Ist denn hier niemand mehr normal? Dieser bekloppte Schwenk! Verdammte Schwuchtel! Was glaubt der, wer er ist? Kallenbach zog sich fertig an, schlüpfte in seinen Trenchcoat. Eine lange Nacht lag vor ihm, eine lange Schicht mit Deichsel. Vielleicht sollte er sich krankmelden... "Verflucht nein!", brüllte er los. Er öffnete die Spindtür, betrachtete sich im Spiegel. "Okay, du hast die Schlacht verloren, Mann, aber du wirst keinesfalls kneifen. Du gehst da raus und stehst das durch." Er fuhr sich durch die Haare und erstarrte wieder. Übrigens solltest du dich vor Schwenk in Acht nehmen, Jakobi. Der hat sein Beuteschema geändert: dunkel, lockig - und eindeutig männlich! Mit aller Kraft knallte Kallenbach die Spindtür zu. "Ihr könnt mich alle mal!"
***
"Willst du noch 'ne Tasse?" "Hab' noch." Kallenbach nahm einen weiteren Schluck, fügte dann hinzu: "Danke." Und meinte es ehrlich. Deichsel hatte ihm den Gefallen getan und war wieder völlig der Alte. So langsam beruhigte Kallenbach sich, kam langsam zu Verstand. Irgendwie und irgendwann hatte er in den letzten Tagen die Kontrolle über die ganze Geschichte verloren. Aber damit war jetzt Schluss. Und nach allem, was Deichsel ihm vorhin über Schwenks Auftritt in der Umkleide erzählt hatte - über die Details, die ihm irgendwie entgangen waren, - lagen die Dinge besser denn je. Schwenk war wirklich schwul. Eine Tatsache, die Kallenbach tief im Innern bis zur letzten Sekunde angezweifelt hatte. Bis zu der Sekunde, als Schwenk ihn geküsst hat - vor versammelter Mannschaft. Wer konnte garantieren, dass er - Schwenk - nicht irgendwann wirklich was von ihm - Kallenbach - wollte? Mit so einem konnte er nicht zusammenarbeiten. Und ein Nestbeschmutzer war Schwenk auch. Die Kollegen würden es sich nicht bieten lassen, dass Schwenk den Lauten machte. Über gewisse Dinge wurde geschwiegen. Basta. Zumindest solange man im Strom mitschwamm. Schwenk hatte die Richtung gewechselt und würde mit den Konsequenzen leben müssen. "Da ist Niemcek!" Kallenbach stellte die Tasse ab und sah in die Richtung, in die Deichsel zeigte: Niemcek verschwand gerade in der Eingangstür. Kallenbach war froh, dass er mit Deichsel für die kommenden Stunden das Außenteam bildete - er hatte wirklich kein Interesse daran, der Dauerbeschallung des Kinos zu lauschen. "Reichlich spät." Er sah auf die Uhr. "Die Schicht ist fast rum." "Wo der wohl war?" "Vielleicht bei einem seiner Informanten." Kallenbach fiel Niemceks Gesichtsausdruck von gestern Abend ein und lachte leise. "Oder er fühlt sich in Schwenks Gegenwart nicht mehr ganz wohl. Vielleicht muss sich Schwenk einen neuen Partner suchen." "Vielleicht hat der Schwenk schon wen. Die Renmark is' hundert Pro auf seiner Seite." "Ach ja? Bist du dir sicher?" Deichsel rieb sich die Nase. "Naja, die hat das vorhin in der Umkleide mitgekriegt und ist dann wie der Blitz dem Schwenk hinterher." "Na, wenn der schwul geworden ist... Vielleicht ist er plötzlich auch Frauenversteher." Für einen Augenblick herrschte Stille, dann brachen beide in Gelächter aus. "Nee, nicht der Schwenk." Deichsel wischte sich die Tränen aus den Augen. "Hast Recht. Ist kein Mann, der zweimal vom Blitz getroffen wird." Kallenbach genoss die entspannte Stimmung, schloss die Augen. Eigentlich war das eine Observation, die sich aushalten ließ. Es war immer noch angenehm warm und vor allem trocken. Wenn er da an all die Nächte dachte, die sie bei Regen, Schnee und Eis verbracht hatten... Und der Kaffee war nicht nur heiß, sondern schmeckte auch. Gut, dass Deichsel gleich zwei Thermoskannen hatte abfüllen lassen. "Hey, schlaf nicht ein." Deichsel boxte ihm leicht in die Seite. "Hier nimm noch 'ne Tasse." Als Kallenbach trinken wollte, raste ein Wagen in eindeutig zu hoher Geschwindigkeit die Straße runter. Verdammt, der Mercedes! Kallenbach schmiss seine Tasse weg, schnappte sich sein Walkie-Talkie und sprintete hinter dem Wagen her. Deichsel war dicht hinter ihm. Von der anderen Straßenseite stießen Schwenk und Niemcek zu ihnen. Sie hatten keine Chance, die Autoknacker aufzuhalten. Zwecklos! Der ist auf und davon! Das durfte einfach nicht wahr sein, nicht nach den endlos langen Stunden, die er sich den Hintern platt gesessen hatte. Auch Renmark, die aus der nächsten Seitenstraße gelaufen kam, war zu spät. Einen Fluch unterdrückend blieb Kallenbach stehen. "Ihr habt sie abhau'n lassen, ihr Penner!", brüllte Deichsel los, stemmte die Hände in die Hüften. "Darf man vielleicht erfahren, was die Damen und Herren Kollegen davon abgehalten hat, mal eben ihre Walkie-Talkies zu benutzen?" Kallenbach hatte Mühe, ruhig zu bleiben. Am liebsten hätte er einen nach dem anderen gewürgt und geschüttelt. Wieder hatten Schwenk und Niemcek einen Bock geschossen - und jetzt war er mittendrin in der Geschichte. "Wir haben grade... Wir haben grad' Pause gemacht." "Ja", kam es ungewöhnlich einsilbig von Schwenk. Kallenbach sah zu den beiden rüber. Die sahen wirklich so aus, als wären sie gerade aus dem Bett gefallen. Und als hätten sie sich vorher ausgezogen, denn beide hatten damit zu tun, ihre Hemden in die Hosen zu stopfen. Machen die tatsächlich während des Dienstes ein Schläfchen! Nicht mit mir. Ich werd' dafür sorgen, dass jedem klar ist, wer hier mal wieder Mist gebaut hatte! "Diese Pause wird euch eventuell noch einigen Ärger bereiten, wenn die Staatsanwaltschaft das mitkriegt." Plötzlich mischte sich Niemcek ein. "Aber Kallenbach, Kallenbach, mmmh?" Er legte ihm einen Arm um die Schulter. Was kommt denn jetzt? "Das is' mir in so'ner schönen lauen Sommernacht doch so was von scheißegal. Guck mal, ich hab' jetzt Dienstschluss - hier!" Niemcek tippte auf seine Armbanduhr. "Feierabend! Jetzt beginnt das Privatleben." Es hatte sich nichts geändert - nichts, was Schwenk anstellte, konnte Niemcek aus der Ruhe bringen. Dass der nicht kapierte, dass Schwenk ihnen mal wieder alles versaut hatte. Aber das konnte er haben - Kallenbach würde keine Rücksichten nehmen. Schwenk war ein Nestbeschmutzer, die Renmark würde kein Bein an die Erde kriegen, wenn sie sich auf dessen Seite stellen würde. Und der Niemcek auch nicht mehr. Wenn er zu seinem schwulen Partner hielt, war er noch schlimmer als die Tunte. Am besten schnappte er sich Deichsel und dann ab ins Präsid- Ein rotes Cabrio hielt vor ihnen an. Kallenbach traute seinen Augen nicht. Der Autofummler! Was hat der denn hier zu suchen? Diese Nacht wird immer verrückter... Niemcek ging zum Wagen. "Ja, das ist übrigens mein neuer Freund." Und toppt so langsam letzte Nacht! Was hat denn der Niemcek mit- "Ja, aber den kennt ihr ja schon." Und weiter? Kallenbach war sicher, dass das hier nur ein Alptraum war. So was gab es nicht einmal im Film. "Ach, hab' ich euch eigentlich schon mal gesagt, dass ich schwul bin?" Kallenbach konnte sich nicht daran erinnern, dass Niemcek jemals zuvor so viel geredet hatte. Oder dass es Schwenk jemals die Sprache verschlagen hatte. "Tschuldigung, Freunde, das muss ich in der Eile irgendwie vergessen haben." Was vergessen? Was hat der Niemcek gerade gesagt? Er ist schwul? Als hätte er Kallenbachs Gedanken gehört, kam Niemcek auf ihn zu. "Ja, und wenn ihr zwei Schnuckelhasen dazu irgendwelche dummen Bemerkungen machen möchtet, dann hau' ich euch ganz kurz und trocken auf die Fresse, klar?" Kallenbach nickte, automatisch. Ohne weiter nachzudenken. Ohne weiter nachdenken zu können. Ist ja völlig egal. Das ist ein irrer Traum. Das nächste, was er mitbekam, war, dass Niemcek, Schwenk und Renmark bei dem Autofummler im Wagen saßen, ihnen zuwinkten und abrauschten. Gegen jede Vorschrift: mit roten Nummernschildern auf eine nächtlichen Spritztour, mit Passagieren, für die es keine zugelassenen Sitzplätze gab... Aber es ist ja nur ein Traum, oder? Deichsel war noch da. Der konnte ihm bestimmt weiterhelfen. "Blickst du's noch?" "Keinen Meter." Wäre auch zu schön gewesen... Kallenbach war nur noch müde. "Ist dir eigentlich aufgefallen, wie kompliziert die Welt geworden ist in den letzten paar Jahren?" "Ja. Man kommt kaum noch mit. In Griechenland, also da kann man sich schon nach fünfzehn Jahren Staatsdienst frühpensionieren lassen." Manchmal hatte sein Partner gar keine schlechten Ideen. Langsam gingen sie die Straße entlang, völlig im Gleichschritt. Aber Deichsels Vorschlag hatte einen Nachteil: Sie waren hier nicht in Griechenland. "Hier reicht's höchstens für 'ne Kur." Die schlechte Nachricht schien Deichsel gar nichts auszumachen. "Bad Salzufflen soll ganz schön sein." "Ehrlich? Ich war mal in Bad Orb. Gar nicht übel." Warum erzähle ich ihm das? Das hab' ich bisher noch niemandem erzählt... Nicht einmal Sandra- Oh, Mann, was erzähle ich der denn?! Die glaubt doch immer noch, sie könnte mit mir demnächst Beförderung feiern! Wenn die das erfährt- Gott, bin ich fertig! Aber ist ja egal, ich träume ja nur! Und Deichsel ist ja da! "Ja, da kann man im Park die Rehe füttern." Deichsel schlug ihm auf den Rücken. Das tat richtig gut. Aber er träumte ja auch. Und Deichsel kannte Bad Orb? Wohl sogar besser als er selbst, denn das mit den Rehen war ihm neu. "Rehe?" Kallenbach sprach so sanft, wie es ihm möglich war. Er wollte nicht aufwachen - nicht, solange er keinen neuen Plan hatte.
Epilog Der Alltag hatte ihn wieder. Hatte sie wieder. Deichsel saß ihm gegenüber und stöhnte und ächzte über der Reisekostenabrechnung. Es war schwer, sich dabei auf irgendetwas zu konzentrieren, doch Kallenbach war nicht so dumm, eine Bemerkung zu machen. Er war heilfroh, dass sich Deichsel bereit erklärt hatte, die Formalitäten ihres dreiwöchigen Aufenthaltes in Bad Orb zu erledigen. Eigentlich war es ein Wunder, wie schnell und glatt ihr Antrag durchgegangen war. Wahrscheinlich hatte Ehrenberg seine Finger im Spiel gehabt: Nach dem... Zwischenfall mit Schwenk waren die Fronten in der Abteilung derart verhärtet gewesen, dass selbst die einfachsten Einsätze nicht reibungslos abliefen. Kallenbach war sicher, dass der Chef mehr getan hatte, als nur die Anträge auf Kur für ihn und Deichsel zu unterzeichnen. Alles hatte gepasst: Sie hatten wunderbares Wetter gehabt - der sprichwörtliche goldene Oktober hatte das Orbtal in ein wahres Paradies auf Erden verwandelt. Und die Kur selbst lief wundervoll. Sogar die Anwendungen hatten Spaß gemacht: Von wegen Tango statt Fango - auf ihrem Programm standen Moor- und Solebäder und eben Fangopackungen. Kallenbach war erstaunt gewesen, wie sehr er die Tage an Deichsels Seite genoss. Vielleicht hatte er es auch nur gebraucht, aus dem Trott und von dem ganzen Druck in Frankfurt wegzukommen. Tatsache blieb, dass sie einen Traumurlaub erlebt hatten. Deichsel war brillanter Laune gewesen - eine wahre Wohltat nach den Meckereien, mit denen Sandra Kallenbach nach ihrer Rückkehr aus Hamburg gequält hatte. Kallenbach stützte den Kopf auf die Handfläche, spielte mit dem Kuli. Die Akte lag aufgeschlagen vor ihm, aber Erinnerungen verdrängten die Berichte, die er durcharbeiten musste. Vor seinen Augen materialisierten sich die Wege des Spessart-Wildparks, die an den Tiergehegen vorbeiführten. Rehe. Deichsel hatte den Ausflug am zweiten Wochenende organisiert und Kallenbach damit überrascht. Ein wundervoller Tag. Kallenbach hatte nicht eine Sekunde bereut, dass er Sandra abgewimmelt hatte, die ihn an dem Wochenende hatte besuchen wollen. Und es war ihm auch egal gewesen, dass sie ihm seine Ausrede mit dem Meditationskurs nicht abgenommen hatte. Er hatte keinen Gedanken an sie verschwendet, während er mit Deichsels Apparat Hunderte von Fotos gemacht hatte. Und er freute sich schon darauf, wenn die aus dem Labor kommen würden. Nächstes Wochenende war Sandra auf einem Kongress - da konnte er sich die Bilder gemeinsam mit Deichsel anschauen. Er seufzte auf. "Is' was, Det- Kallenbach?" Kallenbach musste ein Grinsen unterdrücken. Während der Kur hatten sie sich tatsächlich mit Vornamen angesprochen. Es war irgendwie... angemessen gewesen. Aber er hatte Deichsel eingebläut, wieder zur Routine zurückzukehren. Nicht, dass irgendjemand auf dumme Gedanken käme. Bad Orb ging keinen etwas an. "Ich überlege nur, ob wir uns nicht am nächsten Wochenende sehen könnten." Deichsel öffnete langsam den Mund, doch er sagte kein Wort. "Bis dahin müssten die Bilder doch fertig sein." "Ach, die Fotos... Ich dachte, ich bring' die einfach mit ins Büro." "Auf keinen Fall. Die will ich mir ungestört ansehen. Nächstes Wochenende ist Sandra unterwegs, da haben wir alle Zeit der Welt." "Tja-" Kallenbach riss der Geduldsfaden. "Sie ist das ganze Wochenende weg. Du kannst bei mir übernachten, Mann!" "Ach so, übernachten. Ja, dann... Gut, abgemacht." Deichsel machte sich wieder an sein Formular. Na endlich! Manchmal bist du wirklich schwer von Begriff, Deichsel! In Bad Orb war das anders gewesen. Da hatte Deichsel regelmäßig die Initiative ergriffen. Und Kallenbach hatte es Spaß gemacht: die unverkrampften Unterhaltungen, wenn sie sich in nebeneinander stehenden Badewannen entspannten, die lauwarmen Abende in den Biergärten, die heißen Nächte, als Deichsel ihm zeigte, dass er nicht nur Sex von ihm wollte, wenn er besoffen war. Kallenbach war inzwischen ziemlich sicher, dass Deichsel auch bei ihrem... ersten Mal mehr nüchtern als betrunken gewesen war. Ich freue mich auf das Wochenende... Gott, was denk' ich denn hier! Seit diesem vermaledeiten Urlaub gehe ich wie auf Wolken, rosa Wolken noch dazu. Mist! In dem Kurort war's ja ach okay, da kennt uns ja keiner. Aber hier in Frankfurt? Kallenbach sah wieder zu Deichsel, schüttelte den Kopf. Ich begreif's nicht! Der sieht nicht anders aus als vor ein paar Wochen, redet immer noch Stuss- und ich freu' mich trotzdem auf Samstag! Fast hätte er wieder geseufzt. Im letzten Moment hielt er inne und widmete sich wieder den Akten. Die brachten ihn schnell vom Land der Träume in die Realität zurück. In ihrer Abwesenheit war es Schwenk, Renmark und Niemcek tatsächlich gelungen, einen Coup in der Autoschieberszene zu landen. Renmark hatte sogar eine Belobigung für ihr umsichtiges Vorgehen bei Meißners Verhaftung erhalten. Mist! Die kann man nicht für eine Sekunde aus den Augen lass- "Hallo, Kollegen! Na, wie war die Kur? Schattig?" In der Tür des Büros standen Pauly und Herzog. Herzog stieß seinem Partner spielerisch in die Rippen und grinste. Das hat mir noch gefehlt! Als wenn's nicht reicht, dass Sandra mich löchert und versucht, mir mit ihren Fragen eine Falle zu stellen. Warum die rauskriegen will, ob ich einen Kurschatten hatte, ist mir schleierhaft. Schließlich ist es mir auch egal, was sie auf ihren Geschäftsreisen so treibt... "Sehr witzig, Kollegen. Da spricht wohl der Neid!" Kallenbach sah zu Deichsel rüber, dessen Gesicht eine ziemliche Rotfärbung angenommen hatte. Er funkelte ihn an und hoffte, dass er seine Klappe hielt. Wie gesagt, Bad Orb ging keinen etwas an. "Kein Stück, Kallenbach. Hier war ja 'ne Menge los." Herzog deutete auf die Akte, die Kallenbach vor sich liegen hatte. "Aber das weißt du ja bestimmt schon." "Ja, ja, liest sich spannend wie ein Krimi", brummte Kallenbach und trat Deichsel auf den Fuß, nickte ihm auffordernd zu. Wenn der nicht bald was sagt, fällt's noch auf! "Blinde Hühner finden auch mal 'nen Korn." Na endlich... "Seit wann seid ihr denn Fans vom Schwenk?", ergänzte Kallenbach. "Seitdem der Chef Fan ist, is' doch klar!" Herzog lachte leise. "Aber mach' dir keine Sorgen, sobald Schwenk seine Versetzung durch hat-" "Seine was?" "Seine Versetzung. Bist du taub geworden, dass du die Buschtrommeln nicht mehr hörst, Kallenbach?" Pauly verschränkte die Arme vor der Brust. "Der will zum Zoll. Lieber heute als morgen. Offiziell sucht er eine neue Herausforderung." "Und inoffiziell?" "Hechelt er seiner neuen Flamme hinterher." Kallenbach lehnte sich zurück. Das sind ja reizende Aussichten! "Und der Niemcek?" Herzog zuckte mit den Achseln. "Da läuft nix. Is' halt kein Vergnügen, so als fünftes Rad am Wagen." "Drei sind nun mal einer zuviel", fügte Pauly hinzu. Er sah auf die Uhr. "Gleich Schicht. Wie lange macht ihr hier noch? Wir wollten noch in die Kantine. Ihr könnt uns einen ausgeben oder zwei." "Wieso sollten wir das tun?" "Tja, wir beide haben eben keine Informationsdefizite, die es aufzuholen gilt. In 'ner Viertelstunde holen wir euch ab!" Damit verschwanden Herzog und Pauly den Flur runter. Der Schwenk geht zum Zoll! Was für Neuigkeiten! Wunderbare Neuigkeiten! "Der Schwenk macht die Biege!" Kallenbach schrak aus seinen Gedanken. "Was?" "Der Schwenk macht die Biege. Mann, bin ich froh, wenn ich seine Fresse nich' mehr sehen muss." "Ja. Ich auch." Er beugte sich vor und tippte auf das Formular. "Wie weit bist du?" "Fertig. Nur noch unterschreiben." "Gib her!" Bevor Deichsel reagieren konnte, hatte er sich das Blatt geschnappt und kritzelte seine Unterschrift darauf, schob es zurück. "Bin gespannt, was Herzog und Pauly zu berichten haben." Wieder lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Heute Abend hatte er endlich gute Neuigkeiten für Sandra. Das wird sie von dieser fixen Idee mit dem Kurschatten ablenken! Hoffentlich... Wär' ja blöd, wenn sie mir das Wochenende versauen würde!
|