Raskh blickte aus dem Fenster seines Büros auf das Panorama des Regierungsviertels. Normalerweise pflegte er den Anblick der elegant gebogenen Türme zu genießen, immerhin hatte er erst vor einem guten Jahr diese Räume beziehen können. Und wenn er sich in der Regierungshierarchie Cardassias auch noch nicht ganz oben befand, nun, so doch ziemlich weit oben. Zugegeben, er hatte sich durch seine Geburt als der Sohn eines einflußreichen Guls bereits an einem günstigen Ausgangspunkt befunden, und vieles hatten die Veränderungen auf Cardassia Prime bewirkt, aber der größte Teil des Weges in dieses Büro war harte Arbeit gewesen. Er hatte diese Position in deutlich jüngeren Jahren erreicht als alle seine Vorgänger und war sicher, daß seine Karriere noch lange nicht beendet war.
Vorausgesetzt, er verärgerte nicht die falschen Leute.
Er hatte von Anfang an gewußt, daß er auf diesem Weg mehr als einmal würde die Faust in die Tasche stecken müssen. Bestimmte Dinge konnte man sich einfach nicht leisten, wenn man seine Position nicht gefährden wollte. Trotzdem haßte er sich selbst für das, was er zu tun im Begriff war.
Ein Geräusch an der Tür unterbrach seine Gedankengänge. Sein Sekretär warf einen vorsichtigen Blick in den Raum.
"Ingenieur Rilkar ist eingetroffen und möchte Sie in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Allerdings habe ich gesehen, daß Sie alle Termine dieses Morgens gestrichen haben. Soll ich ihm sagen, daß Sie sich nicht wohl fühlen und ihn bitten, ein anderes Mal wiederzukommen?"
Raskh seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Er fürchtete dieses Gespräch mehr als jemals eine Prüfung während seiner Ausbildung, aber die Zeit war einfach zu knapp.
"Das ist nicht nötig!" hörte er sich erwidern. "Sagen Sie meinem Bruder, ich hätte Zeit für ihn."
Der Sekretär hob überrascht die Augenbrauen. Taktvollerweise hatte er stets einen Hinweis auf die verwandtschaftliche Beziehung zwischen seinem Vorgesetzten und Ingenieur Rilkar vermieden - zu dessen Zufriedenheit, wie er sich sicher war.
"Selbstverständlich! Wie Sie wünschen!" brachte er heraus und verschwand ins Vorzimmer.
Raskh blieb keine Zeit, sich ein paar beruhigende Eingangsworte zurechtzulegen, da sein Bruder gleich darauf im Raum stand. Ihm genügte ein Blick in Rilkars Gesicht, um festzustellen, daß dieser verstört und verzweifelt war, und es war ihm fast peinlich, ihn so zu sehen. Raskh hatte seinen jüngeren Bruder stets um dessen innere Kraft und Furchtlosigkeit beneidet. Rilkar, der sich nie unterkriegen ließ. Rilkar, der nie mit seinem Schicksal haderte. Rilkar, der Bastard, der alle Beleidigungen so ungerührt ablaufen ließ, daß Raskh fast an seine Unverwundbarkeit geglaubt hatte.
"Aber dieses Geschoß hat einen Volltreffer gelandet!" dachte Raskh bekümmert. "Er darf auf keinen Fall merken, daß ich bereits informiert bin."
Sein Bruder überging die Begrüßung und jegliches Vorgeplänkel.
"Ich brauche deine Hilfe!" brachte er hervor.
Raskh schauspielerte ein leichtes Schmunzeln, für das er sich verabscheute.
"Nun, das wäre eine Uraufführung. Setz dich erst einmal und erzähl, was passiert ist! Dann will ich gerne sehen, was ich für dich tun kann."
Der Ingenieur zögerte einen Moment, dann ließ er sich widerwillig in den angebotenen Besuchersessel sinken. Man sah ihm deutlich an, daß er lieber im Zimmer auf und ab gelaufen wäre.
"Ein Freund hat mir gerade die Nachricht zukommen lassen, daß der Industrieschutz in wenigen Tagen gefälschtes kompromittierendes Material "entdecken" wird. Dieses soll beweisen, daß ich in Verhandlungen mit der Föderation über den Verkauf des wirkungsgradverbesserten Warptriebwerks stehe. Du weißt, wie es danach weitergehen wird! Wenn kein Wunder geschieht, bekomme ich lebenslänglich wegen Industrieverrats und der Prototyp wandert ganz selbstverständlich an die CAMB."
Raskh gab sich erschrocken.
Sein Bruder stöhnte leise.
Raskh nickte. "Damit ist jedenfalls endgültig bewiesen, daß dein Warptriebwerk ernst genommen wird. Immerhin gehen fast 98 % aller Regierungsaufträge für den Bau von Schiffstriebwerken an die CAMB. Der größte Rüstungsriese auf Cardassia samt Nebenwelten. Die lassen sich nicht gern von einem einzelnen Ingenieur Konkurrenz machen. Ich schätze, da wird einiges Geld an den Industrieschutz geflossen sein."
Er holte tief Luft, denn er wußte, was jetzt kommen würde.
"Ich werde sehen, was ich tun kann. Ich glaube aber, bis spätestens heute abend kann ich falsche Pässe für dich besorgt haben. Such am besten eine der Nebenwelten auf und verhalte dich ruhig! In ein paar Jahren ist Gras über die Sache gewachsen."
Rilkar sah überrascht auf.
"Du hast mich falsch verstanden. Ich habe nicht vor, davonzulaufen. Fast mein halbes bisheriges Leben habe ich an diesem Triebwerk gearbeitet. Ich habe geplant, berechnet und wieder verworfen, habe an nichts anderes denken können, bis es endlich perfekt war. Mein einziger Wunsch war, eines Tages ein Schiff mit meinem Antrieb fliegen zu sehen. Einundzwanzig gute Leute haben mit mir zusammen fast zwei Jahre lang hart gearbeitet. Niemand weiß, was die CAMB mit ihnen anstellt, wenn ich einfach verschwinde. Schließlich wissen sie über den Antrieb fast ebensogut Bescheid wie ich. Ich bin fast hundertprozentig sicher, daß sie auf die eine oder andere Art aus dem Weg geräumt würden.
Nein, worum ich dich bitten wollte, ist um deine Unterstützung in der Öffentlichkeit und Geld für einen Rechtsbeistand. Du weißt, daß ich das Geld, das mir Vater vererbt hat, komplett in den Prototyp gesteckt habe. Mir stehen kaum noch flüssige Mittel zur Verfügung, zu wenig für einen solchen Prozeß." Er warf seinem Bruder einen flehenden Blick zu. "Ich bitte dich nicht, mir das Geld zu schenken, das weißt du! Wenn die Sache überstanden ist..."
Peinlich berührt unterbrach Raskh ihn mit einer Handbewegung.
"Rilkar, darum geht es nicht! Natürlich würde ich dir das Geld leihen. Aber du mußt doch einsehen, daß du nicht die geringste Chance hast, einen Prozeß zu gewinnen, in dem ein Rüstungskonzern seine Finger hat. Es handelt sich hier um Leute, die ihr Geld und ihre Beziehungen überall haben und es absolut nicht mögen, wenn sich ihnen jemand in den Weg stellt. Die sind auf ihre Art genauso gefährlich wie der Obsidianische Orden. Was du dir da vorstellst, wäre der reinste Selbstmord, und das kann ich nicht zulassen. Ich bitte dich, nimm die Pässe an!"
"Nein!" Kopfschüttelnd stand sein Bruder langsam auf. "Nein, Raskh, das wäre ein Rückfall in das alte Cardassia, auf dem in öffentlichen Schauprozessen der Angeklagte als lebender Toter seiner Verurteilung entgegensah. Dieses Cardassia sollte der Vergangenheit angehören! Du hast bei unserer letzten Begegnung selbst gesagt, daß sich die Dinge geändert haben auf Cardassia Prime. Vielleicht schon genug, um eine Chance zu haben. Ich gebe den Antrieb und meine Leute nicht auf, Raskh! Ich gehe das Risiko ein. Es wäre nicht der erste scheinbar aussichtslose Kampf, den ich gewinne."
In Raskh keimte Ärger auf. Es war genau das eingetreten, was er befürchtet hatte.
"Natürlich willst du wieder mal mit dem Kopf durch die Wand!" sagte er scharf. "Mein Bruder, der nie klein beigibt. Hast du immer noch nicht gelernt, daß es Dinge gibt, gegen die ein Kampf aussichtslos ist? Dies ist keine Prügelei mit Straßenjungen oder einem streitlustigen Kasernengrobian, der sehen will, was der Mischling so draufhat. Du bist immer ein guter Kämpfer gewesen, ich weiß! Aber hier helfen dir weder Kraft noch breite Schultern, noch nicht einmal das pfiffige Mundwerk, von dem du als Junge so gern Gebrauch gemacht hast. Hier wirst du dir einen blutigen Kopf holen, ach was, man wird dir im Vorbeigehen das Rückrat brechen ohne den Kopf zu wenden. Begreifst du das nicht? Du reißt dich unrettbar da rein, ohne daß ich dir helfen kann. Im Gegenteil, wenn du dich hier stur stellst, kannst du auch mich in ärgste Schwierigkeiten bringen. Glaube ja nicht, daß diese Leute wegen meiner Position vor mir Halt machen werden! Ich könnte alles verlieren, wofür ich gearbeitet habe."
Rilkar, der schon auf dem Weg zur Tür gewesen war, drehte sich zu ihm um.
"Richtig, das könntest du!" nickte er langsam. "Aber wofür hast du all die Jahre gearbeitet? Für das neue Cardassia, auf dem auch der Einzelne Rechte besitzt und von dem du mir früher so viel erzählt hast? Oder für diesen schönen Sessel da hinter dem Schreibtisch?"
Er kniff die Augen zusammen und sah Raskh prüfend ins Gesicht.
"Das ist es, nicht wahr? Diese hübschen Annehmlichkeiten, diese Macht, an die man sich so schnell gewöhnt und von der man sich nur ungern trennen will. Die kleinen Launen und Eitelkeiten, denen man auf einmal nachgeben kann. Seit dir dein Informant auf Deep Space Nine vor einem Vierteljahr von der Rhazaghani berichtete, die dort ihren Dienst aufgenommen hat, hast du alle Beziehungen spielen lassen, um das Austauschprogramm zwischen Cardassia und der Föderation in deinen Zuständigkeitsbereich zu bekommen. Als du es hattest, hast du gegenüber dem Botschafter der Föderation so lange Druck ausgeübt, bis gerade jene junge Frau dem Austauschprogramm zugeteilt wurde. Und an dem Begrüßungsabend vor sieben Tagen sitzt kein Diplomat dir gegenüber am Tisch, sondern, man stelle sich vor, eben jene Rhazaghani aus der Xenobiologieabteilung von Deep Space Nine!"
Raskh öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch der Ingenieur blockte mit einer Handbewegung ab.
"Woher ich das alles weiß? Es gibt eben Dinge, die sogar bis zu mir durchdringen. Jedenfalls dürfte hinter der ganzen Angelegenheit ja wohl etwas mehr stecken als bloße Völkerverständigung und die Faszination für ein Volk, das sich nach wenigen Jahrzehnten fast ruhiger Besatzungszeit aus scheinbarer Primitivität erhoben und uns Cardassianer einfach rausgeschmissen hat. Mach mir nichts vor! Es brächte für dich einen enormen Prestigegewinn unter gewissen Leuten, wenn du eine Geliebte von einer Spezies vorführen könntest, über die auch heute noch auf Cardassia die wildesten Halbwahrheiten kursieren. Dafür also der ganze Aufwand! Dafür kannst du ungeheure Energien mobilisieren. Mir scheint, du hast deine Prioritäten gesetzt, Raskh!"
Seinem Gegenüber war das Blut ins Gesicht geschossen. Es war ihm deutlich anzusehen, wie unangenehm es ihm war, daß sein Bruder so gut über ihn Bescheid wußte. Mühsam kämpfte er seine Verlegenheit nieder.
"Mag sein!" brachte er heraus. "Fest steht aber, daß ich mit meinen Kompetenzen bestimmte Dinge erreichen kann und andere nicht. Dein Fall gehört in den letzteren Bereich, das ist einfach eine Tatsache. Nimm die Pässe, Rilkar! Nimm sie und bring dich in Sicherheit!"
Der Ingenieur lachte bitter. "In Sicherheit, sagst du? Woher willst du wissen, daß ich woanders in Sicherheit sein werde? Wenn die CAMB über einen so langen Arm verfügt, wie du sagst, werden sie mir ohnehin jemanden hinterherschicken und mich bequemerweise da töten lassen, wo es nicht weiter auffällt."
"Nein, Rilkar!" Raskh trat hastig auf ihn zu. "Das glaube ich nicht! Warum sollten sie dich töten, wenn du gehst, ohne Probleme zu machen? Ich bin sicher, sie werden dich in Ruhe lassen. Nur mußt du gleich gehen! Du darfst es nicht hinauszögern! Rilkar?"
Er verstummte, weil sein Bruder ihn aus zusammengekniffenen Augen anstarrte.
"Wie lange weißt du es schon?" hörte er ihn hinter zusammengebissenen Zähnen fragen.
Raskhs Herz setzte einen Schlag aus. Er sah die geballten Fäuste des Ingenieurs, die Haltung seiner Schultern und wußte, daß jeder Muskel in diesem Körper angespannt war. Einen Moment lang fragte er sich, ob sein Bruder dazu fähig war, auf ihn loszugehen, da er nun begriffen hatte, wie sehr er mit dem Rücken zur Wand stand.
Raskh schluckte. Es war eine Weile her, daß er eine Trainingshalle von innen gesehen hatte. Und selbst wenn er in Hochform gewesen wäre, so hätte ihm das nichts genützt. Rilkar war zur Hälfte Tamasi und hatte die hohe Muskeldichte seiner Mutter geerbt.
"Seit gestern abend!" Raskh sah seinen Bruder niedergeschlagen an. "Sie sagten mir, wenn ich dich dazu brächte, Vernunft anzunehmen, hätten weder du noch ich Schwierigkeiten zu befürchten."
"Schwierigkeiten!" Rilkar spuckte das Wort förmlich aus. "Dann, mein lieber Bruder, paß auf, ob du dich aus Schwierigkeiten heraushalten kannst!"
Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verließ er mit langen Schritten das Büro.
2.
Die Besetzung Tamas durch cardassianische Truppen war eine eher kurze Episode gewesen. Man kam auf der Suche nach Bodenschätzen, vor allem Dilithium, und fand eine industrialisierte Präwarpkultur auf einem Planeten mit harten klimatischen Bedingungen und einer verhältnismäßig hohen Schwerkraft vor. Als sich die Hoffnung auf eine lohnende Ausbeutung der Kruste des Planeten nicht erfüllte, kam man auf Cardassia zu der Ansicht, daß hier nur Zeit und Geld verschwendet wurden und beorderte die Besatzer zurück nach Hause, unter ihnen auch Gul Riab, einen der leitenden Offiziere der Operation. Dieser führte seine tamasianische Geliebte und ihren zweijährigen Jungen mit sich, ungeachtet der Tatsache, daß auf Cardassia Prime seine Ehefrau Lumai und ein siebenjähriger Sohn seine Rückkehr erwarteten.
Als Riab sein Haus betrat und seine Frau die Lage begriff, drohte sie ihm lautstark mit einem öffentlichen Skandal, was ihn jedoch vollkommen unbeeindruckt ließ. Die Tamasi, eine stille hochgewachsene Frau mit Namen Asa, stand ihren Sohn Rilkar an der Hand haltend daneben und beobachtete stumm die Auseinandersetzung der Eheleute.
Schließlich erkannte Lumai, daß weder weitere Drohungen noch Tränen etwas nützen würden, und sie fügte sich, da sie ihren Mann nicht verlieren wollte, widerwillig in die Situation. Um so überraschter war der Heimgekehrte, als einige Tage später Asa an ihn herantrat und ihrem Geliebten ruhig und fest eröffnete, daß sie den Wunsch hätte, selbständig für das gemeinsame Kind zu sorgen. Sie hatte es fertiggebracht, eine Arbeit in einer lebensmittelverarbeitenden Fabrik anzunehmen und eine kleine Wohnung in einer der zahlreichen Mietskasernen am Stadtrand angezahlt. Daß sie wenige Tage zuvor an Lumai herangetreten und sie um ihre Unterstützung gebeten hatte, erfuhr er jedoch nie.
Die erste Zeit blieb Rilkar in der Obhut einer alten Cardassianerin, doch schon nach wenigen Jahren prügelte er sich auf der Straße mit den Jungen der näheren und weiteren Nachbarschaft herum, die ständig einen Grund suchten, den "Bastard" zu reizen. Durch seine nur schwach ausgeprägten Gesichtsknochenwülste und seine eher hellbraune als graue Haut war seine gemischte Herkunft für jedermann leicht ersichtlich, und so war er fast täglich in irgendwelche Kämpfe verwickelt.
Asa nahm daran keinen Anstoß. Ihr war klar, daß ihr Sohn lernen mußte, sich durchzusetzen. Im übrigen hätte seine Kindheit auf Tamas, wo die Kinder bereits früh sich selbst überlassen wurden, nicht viel anders ausgesehen.
Rilkar litt nicht unter seiner Situation, zumal die anderen Jungen nach einiger Zeit lernten, seine Kraft und Schnelligkeit zu fürchten und ihm daraufhin eine Art widerwilligen Respekt zollten. Dieses slumähnliche Viertel mit den schmuddeligen, endlos erscheinenden Mietskasernen war sein Zuhause, er paßte seiner Auffassung nach hierher. Zwar wird oft behauptet, uneheliche Kinder hätten auf Cardassia keinen Status, aber all die alleinstehenden Mütter mit ihren von den Vätern verleugneten Sprößlingen, Mischlinge, Ungewollte, aus Scham Abgeschobene, auch die Gescheiterten, Verarmte, Trinker und Drogensüchtige - hier gab es sie! Fast jeder trug in dieser Gegend irgend einen Makel mit sich herum, und so perlten die Spottnamen und Beschimpfungen an dem Jungen ab wie Wassertropfen. Auch fand er Gefallen an den Ringkämpfen und Schlägereien, provozierte sie nicht selten selbst und suchte sich dabei aus Prinzip Gegner aus, die größer waren als er selbst.
In der öffentlichen Lehranstalt des Viertels beschränkte man sich in der Körpererziehung darauf, die Jungen das Stockfechten zu lehren, um die Aggressionen der Jugend zu kanalisieren, wie es hieß, und um die Ausbildung zu guten cardassianischen Soldaten vorzubereiten. Der Erfolg bestand darin, daß die Jungen abends statt mit Nasenbluten und Blutergüssen mit Kopfplatzwunden und geschwollenen Fingergelenken heimkehrten.
In dieser Zeit schleppte sich Rilkar zum ersten Mal wirklich übel zugerichtet nach Hause. Seiner Gewohnheit folgend, grundsätzlich gegen größere Gegner anzutreten, hatte er nicht bedacht, daß dieser ihm zwar nicht kräftemäßig, dafür aber in der Technik dieser neu erlernten Kampfart drei Jahre voraus war. Als er einige Tage später wieder zur Schule gehen konnte, hatte er aus diesem Erlebnis gelernt, befolgte sorgfältig die Anweisungen des Lehrers, beobachtete die älteren Jahrgänge beim Training und suchte sich seine Gegner, seine Fähigkeiten langsam steigernd, sorgfältig aus.
Eine weitere Neuerung für sein Leben kündigte sich an, als ein Wohnungsnachbar, der schon des längeren einen Blick auf Asa geworfen hatte, begann, zudringlich zu werden. Rilkar selbst wurde Zeuge, wie der Mann vor ihrer Haustür handgreiflich wurde, worauf ihn Asa kurzerhand die Treppe hinunterwarf. Der so nachdrücklich Zurückgewiesene entschloß sich wenige Tage später, auszuziehen.
Sein Nachfolger war ein älterer Cardassianer, der den größten Teil seines Lebens auf Frachtschiffen gearbeitet hatte und so bis an den Rand des klingonischen Reiches gekommen war. Wenn er betrunken war, was nicht selten vorkam, pflegte er lautstark klingonische Lieder zu singen, die mühelos durch die dünnen Wohnungswände drangen. Verspürte Rilkar keine Lust auf seine Streifzüge, ging er hinüber und ließ sich von den Erzählungen des Alten über seine Reisen fesseln: Prahlereien von einer angeblichen klingonischen Geliebten, phantastisch anmutende Schilderungen von Aliens und vor allem die Beschreibungen von Raumschiffen, die er im Laufe der Jahre gesehen hatte.
Rilkar war fasziniert von Raumschiffen und wollte alles über sie wissen: Wie groß sie waren, wie schwer ihre Bewaffnung, welche Besatzungsstärke sie hatten, vor allem aber wie schnell sie waren. Tauchte in den Erzählungen des alten Raumfahrers ein neuer Schiffstyp auf, bat ihn der Junge, diesen aufzuzeichnen und seine Besonderheiten zu erklären, eine Bitte, der der Alte jedesmal sachkundig nachkam.
Als der für Rilkars Altersgruppe vorgeschriebene Besuch eines Kriegsschiffes der Flotte durchgeführt wurde, begeisterte er sich vor allem für den Maschinenraum. Der Chefingenieur, den das Interesse des Jungen freute, führte ihn persönlich herum, beantwortete geduldig die zahlreichen Fragen und gab ihm zum Abschluß den freundlichen Rat mit auf den Weg, über eine technische Laufbahn nachzudenken. Cardassia brauchte fähige Ingenieure, mochten sie nun reinrassig sein oder nicht.
In mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kam Riab zu Besuch, blieb dann über Nacht und machte Asa Vorwürfe, sie würde Rilkar verwildern lassen. Diese zuckte dann jedesmal die Achseln und steckte den Tadel ein. Für ihren Sohn änderte sich dadurch nichts, was diesem nur recht war, denn er schätzte Asas toleranten Erziehungsstil. Obendrein empfand er die Besuche seines Vaters eher als Störung, und dessen Versuchen, an ihm herumzuerziehen, begegnete er mit hartnäckigem Widerstand, was Riab nur in seinen Ansichten bestärkte. So begann er damit, seinen jüngeren Sohn hin und wieder in sein Haus mitzunehmen.
Beim ersten Mal schloß sich Lumai in ihrem Zimmer ein und kam erst wieder heraus, als Rilkar das Haus am Abend wieder verlassen hatte. Später gewöhnte sie sich an diese Besuche und begegnete ihm mit der Zeit in einer Art von zurückhaltender Freundlichkeit.
Raskh dagegen, der wie stets versuchte, es seinem Vater recht zu machen, gab sich zu Anfang in einer großer-Bruder-Manier, die Rilkar sofort rasend machte. Asas Sohn war sich der Situation genau bewußt, und er hätte eher Verständnis dafür gehabt, wenn Raskh den Versuch unternommen hätte, ihn aus dem Haus zu prügeln. In der jovialen Art, die dieser ihm entgegenbrachte, witterte er Feigheit und er sagte es Raskh in wenigen beißenden Worten - er hatte Übung darin, andere aus der Reserve zu locken.
Als Riab seine Söhne später verhörte, der eine ein heranwachsender Junge, der andere schon fast ein junger Mann, aber beide gleichermaßen derangiert, war es ihm nicht möglich zu erfahren, wer die Schlägerei angefangen hatte. Selbst sein sonst so überaus gehorsamer älterer Sohn preßte auf die an ihn gerichteten Fragen hin eigensinnig die Lippen zusammen. Schließlich ließ Riab die Sache auf sich beruhen, bestrafte beide und mußte sich widerwillig eingestehen, daß er eigentlich recht zufrieden mit ihnen war.
Seit diesem Vorfall betrachteten sich die Halbbrüder gegenseitig mit wohlwollender Achtung. Sooft sie sich in Zukunft auch sahen, kam es doch nie wieder vor, daß sie sich prügelten, wenn sie auch keineswegs immer der gleichen Ansicht waren.
Mit der Zeit kristallisierte sich in Rilkar immer stärker der Wunsch heraus, Ingenieur zu werden und Raumschiffe zu bauen. Er besorgte sich selbständig Lehrmaterial über Warpfeldtheorie und Schiffsbau und verbrachte viel Zeit lesend zu Hause. Die Schlägereien auf der Straße, nach denen er fast süchtig gewesen war, nahmen nach und nach ab und hörten schließlich ganz auf. Statt dessen besuchte er abends die öffentlichen Trainingshallen des Viertels und übte sich im Ringen und ganz besonders im Stockfechten, den ältesten Kampfdisziplinen Cardassias sowie der meisten intergalaktischen Völker. Und da es nach einer Weile von ihm hieß, es sei fast unmöglich, den Bastard zu schlagen, brauchte er sich über einen Mangel an Gegnern nicht zu beklagen. Der Verlauf war so gut wie jeden Abend gleich: Wenn Rilkar die Halle betrat, kam meist irgendein kampflustiger junger Bursche auf ihn zu, warf ihm ritualhaft eine Beleidigung an den Kopf, die Asas Sohn ruhig entgegennahm, und der Kampf begann. Auch der Ausgang war schließlich im großen und ganzen immer gleich, was jedoch nur wenige davon abhielt, ihr Glück zu versuchen.
Eines Tages erhielt Rilkar Besuch von seinem Vater, der ihn über Raskhs Einziehung in den Militärdienst informierte. Dieser würde nach seiner Ausbildungszeit als Offiziersanwärter nach Bajor zur Verstärkung der Besatzungstruppen geschickt werden. Riab wäre es durch seine Beziehungen ein Leichtes gewesen, seinen Sohn auf Cardassia zu behalten, jedoch war es sein Wunsch, daß Raskh eine Militärlaufbahn einschlug, und er war der Ansicht, daß der Dienst auf Bajor ein guter Anfang dafür wäre. Schließlich kam er auf Rilkars Ausbildung zu sprechen, erinnerte ihn daran, daß auch für ihn in wenigen Jahren die Einberufung zum Soldaten folgen würde und äußerte die Erwartung, sein jüngerer Sohn möge sich von dort aus hochdienen. Von Rilkars Absicht, die Ingenieursschule zu besuchen, wollte er nichts wissen und kündigte an, er werde dessen Aufnahme dort verhindern.
Glücklicherweise war Asa anwesend, der es im letzten Moment gelang, eine körperliche Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn zu verhindern. Sie schickte Rilkar in die Trainingshalle und sprach den ganzen Abend mit ihrem Geliebten. Danach erklärte Riab sich einverstanden, seinem Sohn eine Ingenieursausbildung zu ermöglichen, machte es jedoch zur Bedingung, daß dieser dazwischen seine Militärzeit absolvierte. Rilkar wußte, daß er um die obligatorische Zeit auf Bajor, wo die Truppen zunehmend mit Widerstand zu kämpfen hatten, nicht herumkam, und er stimmte erleichtert zu.
Als Raskhs Ausbildung fast beendet war, faßte Asas Sohn den Entschluß, seinen Bruder vor dessen Verschickung nach Bajor noch einmal zu sehen. Zu diesem Zweck suchte er die Trainingshalle des eleganten Stadtteils auf, in dem sich das Haus seines Vaters befand. Er wußte, daß Raskh regelmäßig mit anderen Offiziersanwärtern dort trainierte. Rilkar war kaum eingetreten, als er auch schon von einer Gruppe junger Burschen aus guten Familien bemerkt wurde. Man verstellte ihm den Weg, und der Anführer machte sich einen Spaß daraus, ihn zu verhöhnen.
Rilkar reagierte sorglos. Gewohnt, mit jedem Gegner fertig zu werden und einem Kampf durchaus nicht abgeneigt, ließ er keine der Beleidigungen unerwidert und legte dabei wesentlich mehr Schlagfertigkeit als sein Gegenüber an den Tag.
Hier jedoch schätzte er die Situation völlig falsch ein. Im heimatlichen Stadtviertel war es Ehrensache gewesen, Mann gegen Mann zu kämpfen. Diese jungen Cardassianer hier empfanden Rilkar als so weit unter sich stehend, daß für sie Gesetze der Fairneß in diesem Fall keine Gültigkeit hatten.
Raskh bemerkte den Tumult am Eingang der Halle, bahnte sich einen Weg dorthin und erkannte entsetzt seinen Bruder, der von zwei Burschen festgehalten wurde, während die übrigen im Begriff waren, ihn krankenhausreif zu schlagen. Ohne ein Wort der Erklärung abzugeben, stürzte er dazwischen und entriß Rilkar der Horde, die, als sie Raskhs Uniform erkannten, es vorzogen, sich aus dem Staub zu machen.
Ein Jahr später bewarb Rilkar sich an der Ingenieursschule und wurde anstandslos aufgenommen, ob nun aufgrund seiner Begabung oder durch die Beziehungen seines Vaters vermochte er nicht zu sagen. Von Anfang an hatte er keinerlei Schwierigkeiten. Für Rilkars Ausbilder, fast alle verliebt in ihre Materie, zählte in erster Linie Sachkompetenz. Provokationen und Schlägereien wurden erbarmungslos unterbunden. Asas Sohn begann, Freundschaften unter einigen Ingenieursanwärtern zu pflegen, bemühte sich mit Erfolg um ein Mädchen seines Heimatviertels und begann, an dem Konzept eines verbesserten Warpantriebs zu arbeiten.
Als die Hälfte seiner Ausbildungszeit herum war, erreichte ihn dann der erwartete Ruf zum Militär, worauf etwas später seine Verschickung nach Bajor erfolgte. Rilkar hatte Glück: Er wurde in eine bajoranische Provinzstadt versetzt, in der man ein halbes Jahr zuvor ein Widerstandsnest der Shakaar-Bewegung ausradiert und dabei gründliche Arbeit geleistet hatte. Die Bevölkerung war dementsprechend eingeschüchtert und verhielt sich ruhig, so daß hier nichts von den blutigen Unruhen bemerkt wurde, die ansonsten einen großen Teil Bajors betrafen.
Als Rilkar auf Bajor eintraf, erregte sein Äußeres, wie zu erwarten gewesen war, sofort die Aufmerksamkeit seiner Regimentskameraden, worauf er beschloß, das Verfahren abzukürzen. Nach kurzer Beobachtungszeit machte er unter ihnen den anerkannt stärksten Schläger aus und ließ es auf eine Konfrontation ankommen. Danach hatte er endgültig Ruhe.
Wie gründlich die Lektion gewesen war, merkte er, als eines Abends einer der Soldaten ein etwa sechzehnjähriges bajoranisches Mädchen mit sich in die Kaserne zerrte. Rilkar versperrte ihm den Weg und forderte sie für sich, woraufhin der Mann sie ihm kampflos überließ. In dieser Nacht schlief sie auf dem Bett seines zellenartigen Quartiers, während er sich, wie so oft, seinen Berechnungen widmete.
Da er von seiner Mutter her auch die Seite der Eroberten kannte, empfand er das Unrecht, das der bajoranischen Bevölkerung angetan wurde, wesentlich stärker als die Gemäßigteren unter seinen Truppenkameraden, und er zweifelte nicht daran, daß Bajor früher oder später seine verhaßten Besatzer abschütteln würde.
Einige Male traf er sich mit Raskh, dessen Regiment immer wieder die volle Wucht des Shakaar-Widerstandes zu spüren bekam. Bei einem Anschlag war er wie durch ein Wunder nur leicht verletzt worden, während sieben seiner Kameraden den Tod fanden. Wenn die beiden Brüder zusammensaßen, pflegte Raskh sich jedesmal zu betrinken, verfluchte Bajor und dessen Besetzung und sprach über die Notwendigkeit eines Neuanfangs für Cardassia. Rilkar beobachtete dann stets aufmerksam die Umgebung, denn diese Reden hätten seinen Bruder leicht den Kopf kosten können, wenn sie an die falschen Ohren gelangt wären.
Gegen Ende seiner Dienstzeit erreichte ihn dann die Nachricht Riabs, daß Asa an einer verschleppten Infektion gestorben war. Die Trauer seines Vaters, dessen Selbstbeherrschung in Rilkars Gegenwart immer eine vollkommene gewesen war, wurde darin erschütternd deutlich, und der junge Mann, selbst hart getroffen, erkannte, daß er die Art der Beziehung, die seine Eltern verbunden hatte, wohl nie würde verstehen können.
Nach seiner Rückkehr nach Cardassia machte er sich daran, seine Ausbildung zu beenden, ohne jedoch dabei seinen Warpantrieb zu vernachlässigen. Auch nahm er die Gewohnheit wieder auf, an den Abenden die Trainingshalle aufzusuchen, wo er einige seiner früheren Gegner wiedertraf, aber auch etliche neue, und bald stellte er zufrieden fest, daß er zu seiner alten Form zurückgefunden hatte. Nicht allzulange danach war er dann soweit, daß er sich Ingenieur nennen durfte, während der Warpantrieb im Begriff war, konkrete Formen anzunehmen.
Als Riab starb, traf dies Rilkar nicht unerwartet. In den letzten Jahren war die Gesundheit seines Vaters immer schlechter geworden. Sein Herz wurde schwächer, und der Magen bereitete ihm Probleme. So verstarb er eines Nachmittags friedlich im Schlaf. Als sein letzter Wille verlesen wurde, stellte sich heraus, daß er auch Rilkar berücksichtigt hatte, was diesen sehr überraschte, denn dies kam seiner offiziellen Anerkennung als Sohn gleich. Er trat das Erbe ohne schlechtes Gewissen an, denn er nahm damit weder dem vom befreiten Bajor zurückgekehrten Raskh, der inzwischen einen Posten bei der Regierung innehatte, noch Lumai etwas weg: Nach dem cardassianischen Erbschaftsrecht konnte jedem Familienmitglied nur eine bestimmte Maximalsumme vererbt werden, während der Rest Cardassia zufiel.
Damit standen dem Ingenieur nun die Mittel zur Verfügung, die er brauchte, um seinen Traum zu verwirklichen. Er interessierte Freunde aus seiner Ausbildungszeit für das Projekt und warb einige Kameraden aus der Zeit auf Bajor an, von denen er wußte, daß sie über die erforderliche Geschicklichkeit verfügten. Ein paar Leute kamen von selbst auf ihn zu.
Der wirkungsgradverbesserte Warpantrieb war in der Planung fertig. Als Rilkar das geeignete Schiff fand, begannen sie zu bauen.
3.
Es war bereits Mittag, als Rilkar auf dem Gelände der Werft eintraf. Er sah den Bug seines Schiffes schon von weitem, der schwach an einen irdischen Rochen erinnerte, während der hintere Teil schlank auf das Warptriebwerk zulief. Die Sorong war ein ehemaliges Schmugglerschiff, wahrscheinlich auf einer orionischen Werft gebaut. Als sie aufgebracht wurde, erhielt ihr ursprüngliches Triebwerk einen Treffer, was ihr weitere Schäden ersparte und sie erschwinglich machte. Ihre Vorteile waren ihre hohe Stabilität, die schnellen Warpflug ermöglichte und eine geringe Größe, die es ihr erlaubte zu landen. Der Umbau wäre in einer Orbitalwerft nicht zu bezahlen gewesen. Ein weiteres Extra, das sie aufzuweisen hatte, war ein schnelles Beiboot, das in ihrem Hangar ruhte.
Der Ingenieur seufzte. Sie hatten vorgehabt, dem Schiff nach dem ersten erfolgreichen Testflug einen cardassianischen Namen zu geben. Einer seiner Männer hatte ständig behauptet, Sorong sei der Name einer orionischen Ungezieferart und damit die ganze Belegschaft geärgert.
Als er näher herankam, sah er seine Leute um das Schiff versammelt stehen. Nurak, sein Werkmeister, kam auf ihn zu.
"Sind alle da?" rief Rilkar ihm entgegen.
"Die letzten kamen eben vor dir an. Was ist denn los?"
"Gleich! Steht nicht hier draußen um das Schiff herum! Rein mit euch!"
Etwas später stand Rilkar, von seinen Leuten umringt, im Mannschaftsraum des Schiffes und besprach mit den fassungslosen Männern die Situation.
"Ihr werdet verstehen, daß es das Beste ist, wenn ihr sofort aufbrecht." sagte er zum Schluß. "Ich halte es für unwahrscheinlich, daß eure Familien etwas zu befürchten haben. Sie wissen nichts und die CAMB will garantiert größeres Aufsehen vermeiden. Sagt zuhause nur, daß ihr zu einem längeren Testflug aufbrecht! Wie sieht es mit den Replikatoren aus?"
"Gestern von den Werftarbeitern installiert!" meldete sich einer der Männer. "Auf Vorräte ist das Schiff nicht mehr angewiesen."
"Gut! Die medizinische Ausrüstung?"
"Komplett!" nickte ein anderer.
"Ausgezeichnet! Sagt also der Werftleitung Bescheid, daß der Testflug vorgezogen wurde. Und noch etwas: Fliegt den Antrieb nicht aus! Schließlich hatten wir mit den Tests noch gar nicht angefangen. Keinen schnellen Warpflug, es sei denn, ihr werdet verfolgt, haben wir uns verstanden?"
Seine Leute nickten.
"In Ordnung! Ich werde jetzt das Beiboot aus dem Hangar holen. Ihr wißt, wo wir uns treffen. Viel Glück!"
Nurak trat auf ihn zu.
"Was genau hast du vor?" fragte er.
"Etwas Wahnsinniges! Ich möchte lieber nicht darüber reden, dann könnt ihr später sagen, ihr hättet nichts gewußt. Ihr seid auf Testflug, vergeßt das nicht!"
Sein Werkmeister nickte beunruhigt.
Wenig später hob das kleine Beiboot auf dem Werftgelände ab. Der Ingenieur warf noch einen Blick auf die Sorong. Er bedauerte, daß er ihren Start nicht miterleben konnte, aber die Zeit lief ihm davon.
Sicher war es denkbar, daß man erst einmal seine Reaktion abwarten würde, immerhin hatte man offensichtlich gezielt Informationen an ihn durchsickern lassen, in der Hoffnung, daß er kampflos das Feld räumte. Aber darauf konnte er sich nicht verlassen.
Als das kleine Schiff den Orbit erreicht hatte, parkte er es synchron zur Planetenumdrehung und wandte sich an den Bordcomputer.
"Zeig mir alle Informationen über Rhazaghan, die du in deinem Speicher hast!"
Als der Bildschirm sich füllte, begann er konzentriert zu lesen. Schließlich nickte er und machte sich daran, mit Hilfe des Computers den Fluchttransporter zu programmieren.
Wenig später materialisierte er in einem Lagerraum des xenobiologischen Instituts. Auf den Korridoren suchte er dann so lange, bis er an der Wand eine Orientierungshilfe fand. Er studierte sie aufmerksam und fand seine Vermutung bestätigt. Alle Einrichtungen dieser Art hatten solche Anlagen. Als kurz darauf ein Institutsgehilfe vorbeikam, hielt Rilkar ihn an.
"Entschuldigung, wo finde ich die Xenobiologin aus dem Austauschprogramm?"
Der junge Bursche verlagerte das Gewicht eines Nanoskops mühsam auf die andere Seite.
"Die Rhazaghani? Treppe rauf, vorletzte Korridortür links!"
Er begann zu grinsen.
"Passen Sie aber auf, daß Sie von ihr nicht gefressen werden!"
Rilkar grinste zurück.
"Vielen Dank für den Rat!"
Auf dem bezeichneten Korridor sah er vorsichtig in den nächstbesten Raum. Er war leer. Leise schloß er die Tür hinter sich und gab der internen Sprechanlage den Code des ihm bezeichneten Zimmers ein.
"Die rhazaghanische Xenobiologin wird aufgefordert, in Raum Siebzehn rot zu kommen!" sagte er fest. Jetzt konnte er nur hoffen, daß er Glück hatte.
Nirrit von den Vari sah gereizt vom Bildschirm hoch und blickte zur Sprechanlage.
"Noch einer, der es nicht für nötig hält, sich meinen Namen zu merken!" murmelte sie.
Sie fühlte sich hier ohnehin völlig fehl am Platz. Kaum hatte sie sich auf Deep Space Nine eingelebt, da kam dieser Sternenflottenbürokrat und teilte ihr mit, daß sie vollkommen ungefragt dem Austauschprogramm zugeteilt worden war. Dabei nahmen eigentlich nur Freiwillige, die später eine diplomatische Laufbahn anstrebten, daran teil. Als sie sich weigerte, hatte der Kerl die Brauen hochgezogen und war mit "Ich nehme, an daß sie auch weiterhin hier arbeiten wollen!" angekommen. Sie hatte sich natürlich sofort über Subraum mit Rhazaghan in Verbindung gesetzt und Tabantani die Lage geschildert.
"So geht es nicht!" hatte diese aufgebracht gefaucht. "Die können dich nicht einfach für ein halbes Jahr nach Cardassia zerren! Wir legen Protest ein! Mach dir keine Sorgen, bald bist du wieder zurück! Versuch in der Zwischenzeit, das Beste daraus zu machen!"
Und dann, nach Nirrits Ankunft, hatte auf der Begrüßungsveranstaltung dieses hohe Tier ihr gegenüber gesessen, war fast unerträglich freundlich gewesen und hatte sie mit durchdringendem Blick gemustert. Da war sie endgültig sicher gewesen, daß hier etwas nicht stimmte. Als man sie dann ins Institut brachte, war die Institutsleiterin übereilt angestürzt gekommen und es war leicht ersichtlich, daß sie über Nirrits Ankunft nicht informiert worden war. Überhaupt machte das ganze Institut den Eindruck, als sei man hier noch nicht lange über das Stadium hinaus, in dem man fremde Lebensformen vor allem daraufhin untersucht hatte, ob man sie entweder nutzbringend verwenden oder aber versklaven konnte.
Nirrit blickte hilfesuchend auf den Plan.
"Siebzehn rot, wo liegt das nun wieder?" seufzte sie. Als sie sich orientiert hatte, stand sie auf und machte sich auf den Weg ins Untergeschoß.
Die Evolution der Säugetiere hatte auf Rhazaghan unter erschwerten Bedingungen stattgefunden. Da alle ökologischen Nischen zum Zeitpunkt ihres Erscheinens von zum Teil riesigen reptilienähnlichen Warmblütern besetzt waren, kamen die Säuger etliche Jahrmillionen nicht über ein Stadium von kleinen, primitiven Geschöpfen hinaus. Das änderte sich, als sich in der Brust einer Spezies ein sternförmiges Gewebe aus abgewandelten Nervenzellen entwickelte. Auf biologischem Wege konnte von ihm ein Effekt erzeugt werden, der Ähnlichkeit mit einem natürlichen Transporterfeld hatte, was es ermöglichte, bei Bedrohung kurzfristig eine abschreckende Gestalt anzunehmen.
Zunächst wurde der Körperzustand blitzartig erfaßt und gespeichert. Daraufhin erfolgte die Umwandlung auf energetisch-atomarer Ebene, allein das entsprechende Organ wurde davon nicht betroffen. Kurz darauf fiel der Körper in den gespeicherten Zustand zurück.
Diese Innovation brachte den Vorteil, der bisher gefehlt hatte: Nur wenige Millionen Jahre später gab es bereits mehrere Gattungen, die in der Lage waren, von der Grundform gewisse Zeit in unterschiedliche Alternativformen zu wechseln, darin zu jagen, sich zu verteidigen oder zu flüchten. Durch Selektionsdruck wurde diese Eigenschaft perfektioniert bis hin zu der Fähigkeit, notfalls blitzartig die ökologische Nische zu wechseln und die neue Gestalt beliebig lange zu halten.
Diese Kombination aus Spezialisierung und Flexibilität wurde ein Erfolgsrezept. Der neue Säugertypus hatte keinerlei Schwierigkeiten, sich neben seinen Konkurrenten zu halten, ja, etliche wurden durch ihn sogar verdrängt. Und war auch das Artenspektrum der Säuger schmaler als auf vielen anderen Planeten, so prägte sich doch eine Formenvielfalt innerhalb dieser wenigen Arten aus.
Die Erlernung und der Einsatz der verschiedenen Wandelmöglichkeiten machten bei immer höherer Entwicklung eine lange Kindheitsphase, sorgfältige Brutpflege und Intelligenz zur Bedingung. So kam es schließlich auch zur Entwicklung von Primaten und letztendlich von Humanoiden. Am Ende seiner Entwicklung standen dem Rhazaghaner die humanoide Grund- und vier verschiedene Alternativformen, die Luuma, zur Verfügung, die auch bewußt leicht variiert werden konnten.
Die sogenannte Krallenluum, die gewöhnlich als erstes erlernt wurde, glich einem beweglichen vierbeinigen Raubtier eher geringer Größe, das die Fähigkeit zu klettern besaß, und das über ein besonders scharfes Gehör verfügte. Deutlich größer war die muskulöse und ausdauernde Zahnluum. Bei ihr war der Geruchssinn stark ausgeprägt und sie konnte vor allem in Gemeinschaftsjagden sehr große Beutetiere erlegen. Das Äußere der Steppenluum entsprach dem eines hochgebauten Huftiers, dessen Vorteil seine Schnelligkeit war sowie die Fähigkeit, pflanzliche Nahrung auszunutzen. Dennoch verfügte sie über ein Allesfressergebiß und war auch zur Jagd fähig, wobei sie sich vor allem mit der Zahnluum hervorragend ergänzte.
Die Schwingenluum war flugfähig und ähnelte stark den reinen Vögeln, die es auf Rhazaghan gab. Allerdings wurde sie meist als letztes erlernt, da sie ein hohes Maß an Körperbeherrschung und -koordination verlangte. Mit ihrer Hilfe waren die Rhazaghaner in der Lage, zwei isolierte Kontinente zu besiedeln und untereinander Kontakt zu halten.
Die humanoide Grundform schließlich war durch die Geschicklichkeit ihrer Hände in der Lage, Schutzzonen für den hilflosen Nachwuchs zu schaffen.
Es dauerte lange, bis junge Rhazaghaner der Kindheit entwachsen waren, was zwangsläufig eine hohe Langlebigkeit zur Bedingung machte. Auch wuchsen sie ihr ganzes Leben hindurch, wenn auch nach der Hauptwachstumsphase nur noch sehr verlangsamt. Als für sich selbst verantwortlich galt jeder erst, wenn er eine Luum vollkommen beherrschte und eine zweite zu lernen begonnen hatte. Unter diesen Umständen war die Wachstumsrate der Bevölkerung nur sehr gering und stagnierte zeitweise ganz.
Als die Cardassianer auf Rhazaghan eintrafen, hatte sich die Lebensweise seiner Bewohner seit Jahrtausenden nicht verändert. Jeder Clan hielt ein inselartiges Gebiet von Raubtieren und größeren Nahrungskonkurrenten frei, pflegte jedoch freundschaftlichen Kontakt zu den Nachbarclans, bei denen man den Reifungs- oder Lebenspartner auswählte. Gelebt wurde in je nach Clangröße teilweise riesenhaften Habitaten, deren Form stets der Natur entlehnt war. Sie klebten wie Tropfsteinformationen an Felsen oder erhoben sich, gewaltigen Schneckenhäusern gleich, über der Ebene. Andere hatten die Form von Koniferenzapfen, Früchten oder Sukkulenten, aber immer boten sie dem ganzen Clan Raum, zeichneten sich durch hohe Beständigkeit aus und waren oft viele Jahrhunderte alt.
Die Cardassianer, die in der Planetenkruste hohe Dilithiumvorkommen orteten, beschlossen ihre Ausbeutung, auch wenn Rhazaghan von Cardassia weit entfernt war. In der Urbevölkerung sahen sie Wilde, von denen man keine Schwierigkeiten zu befürchten hatte. Durch Zufall stellten sie bald fest, daß man die Wandelfähigkeit der Bewohner durch fluktuierende Geonfelder unterdrücken konnte. Diese störten die Erfassung sowie die Speicherung des Körperzustandes durch das verantwortliche Organ, des Murandrals, und machten damit den Aufenthalt in einer Luum unmöglich. Allerdings mußte das entsprechende Feld im Falle von älteren und stärkeren Rhazaghanern eine hohe Intensität besitzen. So stellten die Besatzer in der Nähe ihrer Anlagen große Geongeneratoren auf, die bisher in erster Linie zum Luftrecycling eingesetzt worden waren.
Jahrzehnte später, als die Bewohner des Planeten ihre Besatzer abgeschüttelt hatten, flogen die ersten Föderationsschiffe Rhazaghan an und wurden mit großem Mißtrauen empfangen. Die Rhazaghaner begriffen jedoch rasch die Vorteile einer Föderationsmitgliedschaft und trafen betreffs des Dilithiums ein Handelsabkommen unter der Bedingung, daß das Dilithium nur von ihnen selbst mit schonenden Methoden und streng festgelegten Quoten abgebaut werden durfte.
Nicht sehr lange danach trafen auf der Erde die ersten lernwilligen jungen Rhazaghaner ein, die eine Ausbildung vor allem für den Wissenschaftsdienst der Föderation anstrebten, unter ihnen Nirrit vom Clan der Vari. Nach ihrer Ausbildungszeit wurde sie, wie von ihr erhofft, nach Deep Space Nine versetzt, dem Tor zu den unerforschten Lebensformen des Gamma-Quadranten. Sie hatte noch keinen Reifungspartner gewählt, wie es bei ihrem Volk eigentlich üblich gewesen wäre, denn sie hatte ihre Eigenverantwortlichkeit erst kurz vor ihrem Aufbruch von Rhazaghan erreicht. Auf der Erde hatte sie zwar ein paar Kandidaten ins Auge gefaßt, war aber nicht sicher gewesen, ob diese ihr Interesse nicht vielleicht mißverstehen würden. So hatte sie gehofft, im Laufe der Zeit auf Deep Space Nine fündig zu werden.
Nirrit folgte dem Verlauf des Korridors, die Markierungen an den Wänden im Auge behaltend. Kurz darauf fand sie den bezeichneten Raum und öffnete die schwere Metalltür. Unbesorgt trat sie ein, blieb jedoch nach wenigen Schritten ruckartig stehen. An diesem Ort wurde, wie es für solche Institute Vorschrift war, die Luft wiederaufbereitet, um bei einem Unfall ein Entweichen von Mikroben in die Außenwelt unmöglich zu machen. Nirrit spürte deutlich, daß selbst Tarkin aus ihrem Clan in diesem Raum nicht hätte wechseln können.
"Hier gibt es einen Geongenerator!" dachte sie begreifend. "Das ist eine Falle!"
Sie drehte sich zur Tür um und fand diese von einem großen, nur wenig cardassianisch wirkenden Mann versperrt, der einen starken und durchtrainierten Eindruck machte. Mit einem Blick in sein Gesicht erkannte sie, daß ihr Gegenüber zum Äußersten entschlossen war.
"Es tut mir leid!" sagte Rilkar ruhig. "Ich muß Sie bitten, mich zu begleiten!"
Er ging auf Nirrit zu, die mit aufgerissenen Augen dastand.
4.
Rilkar hielt sich die Seite, wo wie er wußte, eine Rippe mindestens geprellt war, und schalt sich im Stillen einen leichtsinnigen Dummkopf. Der Schiffscomputer hatte die Gravitationskonstante von Rhazaghan als ähnlich hoch wie die von Tamas und Vulkan angegeben. Und eine Spezies, die sich ständig mit großen Raubtieren auseinanderzusetzen hatte, mußte zwangsläufig schnell sein. Trotzdem war er davon ausgegangen, daß sich das Mädchen durch seine Größe würde einschüchtern lassen.
Er blickte zu Boden, wo Nirrit bewußtlos vor seinen Füßen lag. Er bedauerte sehr, daß er sie hatte niederschlagen müssen, aber er hatte keine andere Wahl gehabt.
Er bückte sich, und heftete ihr einen Transportermarker an, um sich daraufhin mit dem Schiffscomputer in Verbindung zu setzen. Als sie entmaterialisiert war, wartete er die erforderliche Zeitspanne ab, um ihr auf das Beiboot folgen zu können.
Wenig später verließ das kleine Schiff den Orbit Cardassias, um Kurs Richtung der neutralen Zone zwischen Föderation und Romulanischem Reich aufzunehmen.
Nirrit kam wieder zu sich mit dem Gefühl, daß Kopf und Hals bis hin zu den Schultern zu einem Stück verwachsen waren. Ihr Nacken schmerzte und hinter den Schläfen machte sich ein heftiges Klopfen bemerkbar. Als sie versuchte, die rechte Hand zur Stirn zu heben, hatte sie den Eindruck, daß diese irgendwo festhängen mußte, denn mitten in der Bewegung gab es einen Ruck, der sie zurückriß. Die junge Frau öffnete die Augen, schloß sie aber sofort wieder, denn das helle Licht ließ das Pochen auf ein unerträgliches Maß ansteigen.
"Wenn ich mich jetzt aufsetze, wird mir schlecht!" fuhr es ihr durch den Kopf. Also beschloß sie, zunächst einmal mit geschlossenen Augen liegen zu bleiben und ein Bild von ihrer Situation zu gewinnen.
Als erstes stellte sie fest, daß es in unmittelbarer Umgebung ein Geonfeld geben mußte. Es war deutlich schwächer als das in der Ambientenkontrolle des Instituts, aber es reichte. Wechseln würde sie vorerst nicht können. Auch wurde ihr nach einer Weile klar, daß es sich bei dem Geräusch in ihren Ohren, das sie zunächst den Nachwirkungen des Schlages zugerechnet hatte, um das Säuseln eines leichten Warptriebwerkes handelte. Schließlich atmete sie einige Male bewußt tief durch, blinzelte und schlug dann endgültig die Augen auf.
Ihren ersten Eindruck fand sie bestätigt: Sie befand sich an Bord eines kleinen Raumschiffes. Ihre Hand hatte sie ganz einfach darum nicht heben können, weil diese mit einem Paar Handschellen am Rahmen der Pritsche befestigt war, auf der sie lag. Mühsam drehte sie den Kopf zum vorderen Teil des Schiffes. An den Kontrollen saß der Mann, der sie niedergeschlagen hatte, und beobachtete sie ruhig.
"Freut mich, daß Sie aufgewacht sind!" sagte Rilkar. "Ich hatte mir schon Sorgen gemacht. Tut mir leid, ich hatte eigentlich nicht so stark zuschlagen wollen! Aber wie ich gemerkt habe, sind Sie ziemlich schnell, und ich hielt es für keine gute Idee, mir noch eine Rippe von Ihnen demolieren zu lassen. Immerhin habe ich keinen Regenerator an Bord."
Nirrit setzte sich vorsichtig auf.
"Gut!" sagte sie. "Raus damit! Dahinter steckt der Kerl vom Begrüßungsabend, nicht wahr?"
Der Ingenieur zog die Brauen hoch.
"Der Kerl vom Begrüßungsabend?" fragte er in gespielter Ahnungslosigkeit.
"Sie wissen genau, wen ich meine!" fauchte sie. "Dieses hohe Tier, dem bei einem diplomatischen Anlaß nichts anderes einfällt, als über das Haar und die Augenfarbe anderer Leute zu reden."
Rilkar lachte.
"Sie meinen Raskh! Ihre türkisfarbenen Augen werden ihn erstaunt haben, die Augenfarbe gibt es nicht bei uns. Um Ihre Frage zu beantworten: Nein, diese Sache hier geht nicht von ihm aus. Raskh wird sogar sehr aufgebracht sein, wenn er davon erfährt. Sie wird ihm nämlich ziemliche Schwierigkeiten bereiten."
"Sie kennen ihn also?"
Rilkar warf einen prüfenden Blick auf die Kontrollen.
"Natürlich, er ist mein Bruder!"
Er wandte sich wieder Nirrit zu.
"Mein Halbbruder, um genau zu sein! Wie Sie sehen, bin ich nur zur Hälfte Cardassianer."
"Und wie komme ich dabei ins Spiel?"
"Ein Konzern plant, in Kürze gefälschtes Belastungsmaterial gegen mich auffliegen zu lassen, um in den Besitz des von mir entwickelten Schiffsantriebes zu kommen. Ich habe meinen Bruder um Unterstützung gebeten, doch er lehnte ab, da er Probleme befürchtet. Er hätte es lieber gesehen, daß ich untertauche, aber ich lasse mir meinen Prototyp nicht wegnehmen. Raskh hatte sich viel Mühe damit gemacht, Sie von Deep Space Nine kommen zu lassen, daher kam mir der Gedanke mit Ihrer Entführung. Ich habe die Hoffnung, daß er seine Einstellung noch einmal überdenkt, da ihm sonst die Föderation bald unbequeme Fragen stellen wird."
"Und wenn er sich weigert, Ihnen zu helfen?"
"Dann kann ich nur hoffen, daß die Föderation so tüchtig ist, wie sie stets behauptet, und bei den Untersuchungen die Machenschaften der CAMB mit aufdeckt. "
Nirrit schnaubte verärgert. "Großartig! Und ich werde hierbei überhaupt nicht gefragt, was? Wer sagt mir denn, daß überhaupt stimmt, was Sie mir da erzählen?"
Der Ingenieur betrachtete sie ernst.
"Ich erwarte nicht von Ihnen, daß Sie Verständnis für meine Situation aufbringen. Glauben Sie mir, ich bedaure selbst, daß es hierzu gekommen ist, aber ich mußte schnell handeln. Bei dieser Sache geht es um viel für meine Leute und mich."
Die junge Frau schwieg eine Zeitlang. Plötzlich flog ihre linke Hand zum Hals und ertastete dort einen Gegenstand.
"Das ist der Ursprung des Geonfeldes! Was ist das?"
"Ein Halsband mit einem kleinen integrierten Geongenerator. Sie brauchen nicht zu versuchen, es zu öffnen! Das Schloß ist codiert."
"Woher haben Sie das?"
Rilkar zuckte die Schultern.
"Es war nicht schwer, es zu bauen. Schließlich bin ich Ingenieur!"
"Darf ich wenigstens fragen, wohin wir unterwegs sind, oder bleibt das ein Geheimnis?" fragte Nirrit wütend.
"Keineswegs! Wir fliegen an den Rand der neutralen Zone, um uns dort mit meinen Leuten zu treffen. Ich muß erst einmal eine gewisse Entfernung zwischen uns und Cardassia bringen, und wie Sie vielleicht verstehen, liegt mir auch nichts daran, von Föderationsschiffen angehalten zu werden. An der neutralen Zone ist es im Moment besonders ruhig, da die Föderation den Waffenstillstand mit den Romulanern nicht gefährden will. Sobald wir da sind, werde ich mich dann über Subraum mit meinem Bruder in Verbindung setzen."
"Schön und gut, aber Sie können mich ja nicht die ganze Zeit über hier angekettet lassen!"
Rilkar sah sie erstaunt an.
"Und warum nicht?"
Sie lächelte süßsäuerlich. "Weil es dann ein Problem gibt! Ich bin zwar keine Spezialistin für Ihr Volk, aber ich glaube doch zu wissen, daß auch beim cardassianischen Stoffwechsel Abfallprodukte entstehen, die entsorgt werden müssen."
Rilkar runzelte die Stirn.
"Wie? Ach so, ich verstehe!"
Er ging zu ihr hinüber und öffnete die Schelle an ihrem Handgelenk.
Diesmal war der Ingenieur vorbereitet, daher hatte er die Bauchmuskeln angespannt, als ihn der Schlag in Magenhöhe traf. Nach kurzem Handgemenge lag die Rhazaghani am Boden und Rilkar hielt sie fest.
"Das wird eine lange Reise!" seufzte er.
Eineinhalb Tage lang herrschte im großen und ganzen belastendes Schweigen zwischen ihnen. Nirrit griff Rilkar nicht mehr an, sprach aber nur das Nötigste mit ihm. Schließlich wandte er sich von den Kontrollen ab und ihr zu.
"Im Moment haben wir ja reichlich Zeit! Eigentlich könnten Sie mir erzählen, was damals nach unserer Landung auf Rhazaghan passiert ist."
"Nach Ihrem Einfall!" verbesserte sie.
"Nach unserem Einfall!" gab der Ingenieur sich geschlagen. "Jedenfalls sind die Berichte, die man über die Vorfälle auf Rhazaghan erhält, reichlich diffus. Also, was meinen Sie?"
Nirrit musterte ihn.
"Warum sollte ich Ihnen überhaupt irgend etwas erzählen?"
Er zuckte die Achseln und wandte sich wieder den Kontrollen zu.
"Bitte sehr! Wenn Sie glauben, daß es der interplanetarischen Völkerverständigung dienlich ist, wenn Teile unserer einfachen Bevölkerung immer noch glauben, daß es sich bei den Bewohnern Ihres Planeten um böse Geister handelt..."
"Wie bitte?"
"Natürlich! Was glauben Sie denn, wie es auf einfache Soldaten wirkt, wenn sie von einem Schiff angegriffen werden, dessen Besatzung nachweislich durch explosive Dekompression ums Leben gekommen ist."
Er drehte sich wieder zu ihr um.
"Immerhin könnten Sie mir ruhig sagen, von wem Rhazaghan plötzlich die fünf Schiffe hatte. Sie werden wohl kaum behaupten können, daß ein derart primitives Volk plötzlich zum Raumflug fähig ist."
Nirrit schluckte den Köder glatt.
"Wir waren nicht primitiv!" schnappte sie. "Wir haben schon Mathematik und Astronomie betrieben, als Ihr Volk noch in Fellröcken herumlief. Haben Ihre Leute sich denn keine Gedanken darüber gemacht, daß wir zum Bau unserer Habitate Berechnungen anstellen mußten? Das Habitat der Sirk auf dem Nordkontinent ist über einhundertundneunzig Rhazaghanerschritte hoch und fast achtzig Jahrzehnte alt! Glauben Sie, das baut man auf gut Glück?"
"Allerdings gab es nirgendwo Industrieanlagen auf Rhazaghan."
Sie zuckte die Achseln. "Wozu? Wir waren an unseren Planeten hervorragend angepaßt. Forschung wurde bei uns nur im kleinen Stil betrieben und diente dem erweiterten Verständnis des Universums, nicht der Verbesserung der Ernährung. Auch heute noch liegt die Bevölkerungszahl von Rhazaghan bei ein paar Millionen, obwohl der Planet ziemlich groß ist. Er hat uns immer mühelos getragen, bis Ihr Volk kam und begann, uns unsere Lebensgrundlage zu entziehen. Es blieb uns nichts anderes übrig, als tätig zu werden."
"Und Sie entschlossen sich zum Angriff!"
"Auf dem Gebiet der Numa, eines Nachbarclans von uns Vari, gab es besonders große Dilithiumvorkommen. Als die Numa begriffen, was vorging, setzten sie sich zur Wehr. Und dann geschah das Unfaßbare."
"Die Cardassianer beschlossen, ein Exempel zu statuieren!"
Nirrit nickte. "Fast der ganze Clan wurde ausgelöscht. Etwas Vergleichbares hatte es auf Rhazaghan in seiner ganzen Geschichte nicht gegeben. Der Einzelne gilt viel bei uns, und nun war ein Clan vernichtet. Es kam einem Schock gleich. Die Überlebenden fanden bei den Vari Aufnahme, die die Geschehnisse fast unmittelbar mitbekommen hatten. Sie begriffen, daß unser Volk im offenen Aufstand seinen eigenen Untergang heraufbeschwören würde und beschlossen daher, im wahrsten Sinn des Wortes in den Untergrund zu gehen. Es gab in unserem Clangebiet eine riesige natürliche Kaverne, die vom Wasser ausgewaschen worden war, und man richtete sich dort ein, nicht ohne sich mit den übrigen Clans in Verbindung gesetzt zu haben.
Wir hatten das Glück, daß Ihre Sensoren damals noch nicht so ausgereift waren. Außerdem werden Sie mit Sicherheit wissen, daß es auch heute noch in der Gegenwart bestimmter Mineralien Ortungsprobleme gibt. Dilithium gehört bekanntermaßen dazu.
Es lag eine gewisse Ironie darin, daß die Substanz, die Ihr Volk angelockt hatte, half, uns vor ihm zu verbergen. Ich glaube auch in der Tat, daß wir nicht vermißt wurden. Wir waren uns mit den anderen Clans darüber einig, daß wir zwar über Wissen, aber zuwenig technische Erfahrung verfügten, um es mit Ihnen aufnehmen zu können. Außerdem mußten wir erst eine industrielle Infrastruktur aufbauen, und so viel Zeit hatte unser Planet nicht. Irgendwie mußten wir es schaffen, unser Ziel mit möglichst einfachen Mitteln zu erreichen.
Wir begannen, indem wir ein cardassianisches Shuttle entwendeten. Wir studierten es sorgfältig und werteten seinen Schiffscomputer aus. Auf diese Weise erfuhren wir von den Ferengi, ihrer Gerissenheit, ihrer Gier und der Tatsache, daß man bei ihnen alles kaufen kann, auch Informationen jeglicher Art. Dann bauten wir einen Störsender, der dem Shuttle einen unbemerkten Start ermöglichen sollte, luden es voll mit reinstem Dilithium und schickten drei unserer erfahrensten Leute mit ihm los. Gleichzeitig begannen wir, bereits vorhandene natürliche Kavernen zu erweitern und neue, künstliche, in den Fels zu sprengen.
Der Plan gelang. Fast ein Jahr später kehrte das Shuttle zurück, ohne Dilithium, aber mit reichlich Informationen über Industrie, Schiffs- und Waffenbau, Computertechnik und interstellare Kampfführung aus allen Teilen des Quadranten. Nun begannen wir unterirdisch die Industrie hochzuziehen, die wir für unseren Plan benötigten und sammelten Erfahrungen im Computerbau. Fast der ganze Planet arbeitete entweder auf theoretischem oder praktischem Gebiet unbemerkt an dem Projekt. Vor allem die Computertechnik beschäftigte viele von uns sehr. Wir besaßen bereits durch unsere Forschungen einige Erkenntnisse darüber, aber nun hatten wir die Möglichkeit, sie mit denen anderer Völker zu vergleichen und zu ergänzen.
Durch die Computerdateien Ihres Shuttles wußten wir, daß das Dilithium regelmäßig durch einen Sechserverband Kriegsschiffe der Galorklasse abtransportiert wurde. Wie wir erfahren hatten, gab es Schwierigkeiten mit orionischen Piraten, und man wollte wohl die wertvolle Ladung auf der langen Heimreise keinen Gefahren aussetzen, indem man sie langsamen Frachtern anvertraute. Als die Kriegsschiffe erneut eintrafen, versteckten sich sechs aus Rhazaghanern bestehende Mannschaften zwischen dem Dilithium und ließen sich mit hochbeamen. Von den Frachträumen aus überfielen sie das jeweilige Schiff, töteten die Mannschaft - Sie wissen ja, daß wir gute Jäger sind - und steuerten die Oberfläche an, wo riesige hydraulische Systeme die vorbereiteten Kavernen öffneten und hinter den Schiffen wieder schlossen."
Rilkar starrte sie fasziniert an.
"Wollen Sie damit sagen, das sind unsere eigenen Schiffe gewesen, die uns damals vom Planeten aus angegriffen haben?"
Nirrit lächelte. "Sie haben sie nicht wiedererkannt, nicht wahr? Sie waren gründlich umgebaut und mit ergänzender Technologie versehen worden. Allerdings nur fünf davon. Das sechste benötigten wir für ein Kraftwerk."
"Dabei hatte man auf den Bodenstationen gedacht, die Schiffe wären von einer unbekannten Macht des Sektors aus dem Orbit geschossen worden! Und die Sache mit dem "Geisterschiff"?"
"Das ging auf eine Idee der Vari zurück! Bei uns wurde so lange mit der Elaborationskapazität eines angehenden Schiffscomputers experimentiert, bis er ein Bewußtsein entwickelte. Als dann in der Schlacht um Rhazaghan die Arrhinia D'jah ihre ganze Mannschaft verlor, entschloß sie sich, selbständig anzugreifen. Das entschied glücklicherweise den Kampf für uns. Ihre beschädigten restlichen vier Schiffe wandten sich zur Flucht. Uns blieben drei Schiffe, zwei davon schwer beschädigt, das andere mit einer toten Mannschaft. Seither werden alle Schiffscomputer nach dem Vorbild der Arrhinia D'jah gebaut. Die Persönlichkeit entwickelt sich dann von allein."
"Soll das heißen, Ihre Schiffe können denken?"
Die Rhazaghani breitete die Arme aus.
"Wenn Sie lieber an böse Geister glauben möchten... Jedenfalls machten wir uns sofort fieberhaft an die Reparatur der beschädigten und den Bau neuer Schiffe. Unsere unterirdische Industrie hatte angefangen, zu produzieren. Wir haben immer geglaubt, Ihr Volk würde zurückkommen, aber das geschah nicht. Warum eigentlich nicht?"
"Da gab es mehrere Gründe! Zum einen wurden unsere Kräfte immer stärker durch den bajoranischen Freiheitskampf gebunden. Desweiteren wollte man sich nicht gern an mehreren Fronten aufreiben lassen. Die Regierung war der festen Überzeugung, Ihr Volk hätte irgendwo Hilfe gefunden, anders konnte man sich nicht erklären, daß es plötzlich im Besitz von Schiffen war." Er grinste. "Und schließlich haben Sie uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt!"
"Mag sein! Jedenfalls haben wir den Schiffsbau nie wieder eingestellt. Wir entwickelten unseren eigenen Stil und bauten auch die Arrhinia D'jah noch einmal um. Wir hatten das Gefühl, das waren wir ihr schuldig. Inzwischen hat fast jeder zweite größere Clan einen eigenen Kavernenhangar. Und an der Oberfläche ist die Renaturierung fast abgeschlossen, man sieht Rhazaghan die Wunden nicht mehr an, die ihm zugefügt wurden. Außerdem umkreisen den Planeten stets zahlreiche Schiffe, die für die Feindabwehr zuständig sind."
Sie sah Rilkar mit entschlossenem Gesichtsausdruck an.
"Niemand," sagte sie mit Nachdruck, "wird je wieder Rhazaghan überfallen können!"
5.
Nach zwei weiteren ereignislosen Tagen meldeten die Sensoren ein Objekt in Ortungsreichweite. Rilkar hatte gerade Nirrits Essen dem Replikator entnommen. Er stellte es bei ihr ab und eilte zu den Kontrollen.
"Sieht wie eine Raumstation aus!" murmelte er. "Gar nicht mal so klein und ziemlich nah! In meinen Sternkarten ist sie nicht verzeichnet, obwohl ich aktuelle angefordert hatte. Ich möchte mal wissen, was das ist!"
"Ich glaube, ich kann es mir denken!" meldete sich Nirrit. "Entlang der neutralen Zone gibt es die eine oder andere private Raumstation. Die Föderation duldet sie, weil es schwierig ist, hier draußen die Versorgung zu gewährleisten, obwohl sie zu einem nicht geringen Teil von halblegalen Händlern und Schmugglern angeflogen werden. Vielleicht ist auch Berechnung dabei, denn es gibt Waffenhändler, die für einen entsprechenden Preis das Risiko eingehen, Planeten mit Separationsbestrebungen jenseits der neutralen Zone zu beliefern."
"Schön und gut, trotzdem hätten die Sensoren sie eher melden müssen!"
Er löste die Verkleidung unter den Kontrollen.
"Da stimmt was nicht! Ich werde mir die Sache mal ansehen müssen."
Vor der Konsole knieend untersuchte er die Verbindungen der Sensorenphalanx. Nirrit richtete sich auf.
"Rilkar?"
"Was?" Abwesend drehte er sich zu ihr um. Da wirbelte etwas Rundes an ihm vorbei in die geöffnete Konsole.
Der Ingenieur betrachtete das Bild der Zerstörung, das sich ihm bot.
"Bravo, gut gemacht!" knurrte er verärgert. "Der Navigationscomputer tut es nicht mehr. Sie haben mit Ihrem Tablett ganze Arbeit geleistet."
"Während meiner Zeit auf der Erde habe ich mit Freunden häufig auf dem Akademierasen Frisbee gespielt." erwiderte die junge Frau gutgelaunt.
"Und was glauben Sie, wie es jetzt weitergehen soll? Ein paar Ersatzteile habe ich zwar an Bord, aber das gibt bestenfalls ein Provisorium. Genaue Navigation ist uns jedenfalls nicht mehr möglich."
"Fragen Sie doch auf der Raumstation nach!" erwiderte sie unschuldig. "Einrichtungen dieser Art pflegen gut ausgestattete Ersatzteillager zu haben."
Rilkar sah sie an. Dann schüttelte er den Kopf.
"Das könnte Ihnen so passen! Nein, es ist nicht mehr allzuweit bis zum Treffpunkt. Den Rest müssen wir eben so schaffen."
"Sie wollen ohne voll funktionsfähigen Navigationscomputer weiterfliegen?"
"Sieht ganz so aus, als bliebe mir nichts anderes übrig, oder?"
Er machte sich an die Arbeit.
Ein weiterer halber Tag verging, während Rilkar immer wieder den Navigationscomputer überprüfte.
Er mißtraute ihm, und das beunruhigte ihn sehr. So nahe an der neutralen Zone war es ein unangenehmes Gefühl, nicht genau zu wissen, ob man sich wirklich dort befand, wo man annahm. Seit einiger Zeit gab es zwar Berichte über eine Verschlechterung der Beziehung zwischen romulanischem Reich und klingonischem Imperium, weshalb die romulanischen Warbirds größtenteils von der Grenze zur Föderation abgezogen worden waren, aber der Ingenieur wollte unbedingt vermeiden, in die neutrale Zone abzukommen.
Sie durchflogen ein kleines Sonnensystem und hatten gerade den zweiten Gasriesen passiert, als der Computer Annäherungsalarm gab. Rilkar stürzte zu den Kontrollen.
"Zwei romulanische Kampfgleiter!" rief er. "Da! Noch einer! Wo kommen die her? Wir können unmöglich auf romulanisches Gebiet abgekommen sein."
Es gab eine heftige Erschütterung.
"Sie setzen ihre Waffen gegen uns ein! Das halten wir nicht lange durch. Unsere Schilde sind nicht so massiv."
Er ließ das kleine Schiff wilde Ausweichmanöver fliegen und wandte sich an Nirrit, ohne den Blick von den Kontrollen zu nehmen.
"Hatten Sie eine Pilotenausbildung?"
"Gehört beim Wissenschaftsdienst dazu!"
"Sie haben mich die ganze Zeit hier beobachtet. Kämen Sie mit den Kontrollen zurecht?"
"Unbedingt!"
Er warf ihr den Öffnungsstift für die Handschellen zu.
"Übernehmen Sie hier, dann bediene ich die Geschütze!"
Das Schiff wurde abermals von einer Entladung gestreift. Die Rhazaghani warf sich auf den Sitz des Kopiloten und brachte das Schiff in einem weiten Bogen hinter die Kampfgleiter. Der Ingenieur feuerte mehrmals, dann landete er bei einem der drei kleinen Schiffe einen Treffer und es fiel zurück. Die anderen beiden Kampfgleiter aber blieben ihnen auf den Fersen.
"Sie treiben uns zu dem Klasse-M-Planeten dahinten!" rief Nirrit
"Ja, und das machen sie ganz ausgezeichnet! Wenn wir ausweichen, geraten wir genau in ihr Geschützfeuer."
Sie erreichten den Planeten und traten in den Orbit ein. Immer noch die feuernden Kampfgleiter hinter sich, rasten sie über Bergketten, Steppen und bewaldete Flächen.
"Sie drücken uns runter!"
Rilkar nickte. "Wir werden wahrscheinlich gleich da sein, wo sie uns hin haben wollen. Die verstehen ihr Handwerk! Ich übernehme die Kontrollen jetzt wieder, ich vermute..."
Im selben Moment gab es ein gewaltiges Krachen und das Schiff sackte ab.
"Das Triebwerk ist getroffen! Wir gehen runter! Halten Sie sich fest, das gibt eine harte Landung!"
Der Ingenieur wich einigen Baumriesen aus, während sie schon die ersten Spitzen der mittleren Vegetation streiften. Im Gleitflug stürzten sie in einen Bereich jüngerer Bäume, die splitternd umgemäht wurden. Es gab einen furchtbaren Ruck, dann herrschte Stille nach dem Knistern und Prasseln an der Außenhaut. Der Ingenieur stellte sofort das beschädigte Triebwerk ab, um die Vegetation nicht in Brand zu setzen.
Er wandte sich Nirrit zu.
"Alles in Ordnung?"
Sie nickte nur.
Er warf einen Blick auf die Sensoren.
"Atembare Atmosphäre, Klima mild! Hauptsächlich bewaldete Fläche, im Süden ein Fluß! Lebensanzeigen nur vage! Kein Wunder, die Anwesenheit von Dilithium wird angezeigt! Aber ganz nah im Südosten scheint es so etwas wie einen Energieschirm zu geben. Möglich, daß es da ein Lager oder eine Siedlung gibt. Wir werden bald Besuch kriegen. Gehen Sie nach hinten, da ist die Notausrüstung! Öffnen Sie die Klappe rechts!"
Nirrit gehorchte und untersuchte die zutagegeförderte Tasche.
"Wo sind die Trikorder?"
Rilkar wandte sich verärgert zu ihr um.
"Trikorder? Wissen Sie, wieviel solche Geräte kosten? Sie sind hier nicht auf einem Schiff der Galaxy-Klasse!"
"Wie kann man denn ohne Trikorder abfliegen?"
Der Ingenieur verließ die Kontrollen.
"Eigentlich hatte ich keine Planetenerkundung geplant."
Die junge Frau blickte nochmals von der Tasche auf.
"Jetzt sagen Sie bloß nicht, Sie haben auch keine Waffen!"
Er sah sie an.
"Können Sie schießen?"
"Ich? Wer ist denn hier der Cardassianer?"
Rilkar schüttelte den Kopf und hängte sich die Tasche um.
"Sie scheinen zu glauben, daß man bei uns auf Cardassia mit gezücktem Phaser durch die Straßen zu laufen pflegt. Ich war zwar Soldat, aber ich bin ein miserabler Schütze. Seien Sie froh, daß wir keine Waffen haben, denn so laufen Sie auch nicht Gefahr, bei einem Kampf versehentlich von mir erschossen zu werden!"
Sie verließen das Schiff und bahnten sich mühselig einen Weg durch das verfilzte Unterholz, dabei kamen sie nur sehr langsam voran. Nach einer Weile stießen sie auf mehrere schmale Pfade, die das Gestrüpp durchschnitten.
Die Rhazaghani bückte sich und untersuchte den Waldboden.
"Das sieht nach einem Wildpfad aus!"
Rilkar drehte sich um, wo ihr bisheriger Weg durch zertrampeltes Grün und geknickte Zweige leicht zu erkennen war.
"Mir ist nicht wohl bei der Sache, aber es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Wir kommen sonst viel zu langsam voran, und außerdem es ist für jedermann leicht ersichtlich, welchen Weg wir genommen haben. Gehen wir nach Westen und halten die Augen offen!"
Er bog in den Pfad ein und Nirrit folgte ihm.
"Was ist eigentlich mit Ihren Männern?" fragte sie nach einer Weile. "Was werden sie tun, wenn sie nichts weiter von Ihnen hören?"
"Das war ein weiterer Grund, sich für die neutrale Zone zu entscheiden!" antwortete Rilkar. "Wir mußten ja einen Alternativplan haben für den Fall, daß ich festgenommen werde oder mein Bruder seine Hilfe verweigert. Einer meiner Leute ist Lemnorianer und hat hier eine Weile geschmuggelt. Er hat Freunde in der Gegend, für die es kein Problem darstellt, ein Schiff zu verstecken. Meine Männer haben von mir die Anweisung erhalten, nicht über den veränderten Warpantrieb zu sprechen, damit sie keinen Ärger bekommen. Alle sind tüchtige Techniker, die man gerne aufnehmen wird. Wenn ich von heute an gerechnet in zwei Tagen nichts von mir hören lasse, tauchen sie unter."
Er hatte die letzten Worte kaum ausgesprochen, als er mit einem Aufschrei einknickte. Eine Art Fangeisen hatte die Zähne in seinen linken Fußknöchel geschlagen. Aus den kleinen Wunden begann Blut zu sickern.
Nirrit bückte sich und bemühte sich mit ihm gemeinsam, die Kiefer der Fangvorrichtung auseinanderzuzwingen. Nach kurzem schüttelte er den Kopf.
"Geben Sie sich keine Mühe! Das Ding ist arretiert, wir bekommen es nicht auf. Der Anker dürfte tief in den Boden hineingesprengt sein und ist wahrscheinlich mit einem Sender versehen, der bei Auslösung der Falle aktiviert wird. Wir Cardassianer benutzten auf Bajor ganz ähnliche Vorrichtungen; sie reagieren auf Annäherung von Humanoiden. Uns bleibt keine Zeit. Kommen Sie her!"
Er streckte die Hand aus und gab hastig den Code in das Schloß an Nirrits Halsband ein, dann nahm er es ab und warf es mit einem weiten Bogen ins Gebüsch.
Die junge Frau stand auf und wich ein paar Schritte zurück.
"Was haben Sie vor?" fragte sie erstaunt.
Ächzend richtete er sich auf, nahm sich die Tasche mit den Vorräten und Ausrüstungsgegenständen ab und warf sie ihr zu.
"Hier, nehmen Sie! Ich werde sie nicht mehr brauchen. Ich bin bei den Romulanern zum Essen eingeladen."
Nirrit starrte ihn fassungslos an.
"Stehen Sie nicht hier herum!" fuhr er sie verzweifelt an. "Oder wollen Sie herausfinden, ob die hiesigen Romulaner zur Ritterlichkeit gegenüber weiblichen Gefangenen neigen? Ich an Ihrer Stelle würde lieber nicht damit rechnen. Machen Sie, daß Sie wegkommen!"
Sie ging ein paar zögernde Schritte, sich noch einmal nach ihm umsehend. Schließlich wandte sie sich ab und verschwand im Dickicht. Sie lief vielleicht fünfzig Schritte, um gleich darauf anzuhalten und die Tasche unter Baumwurzeln zu verstecken. Dann musterte sie die Umgebung, konzentrierte sich auf eine bestimmte Tarnzeichnung und wechselte mit in einem kurzen Aufblitzen in die Krallenluum. Vorsichtig jede Deckung ausnutzend schlich sie dorthin zurück, wo sie den Ingenieur verlassen hatte und wählte einen dichten Baum aus. Mühelos kletterte sie hinauf und ließ sich auf einem Ast nieder, um die weiteren Ereignisse abzuwarten.
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