Als sich beide aus der Halle aufmachten, prasselte aus dem Dunkel heftiger Regen auf sie herab. Talan, der das Gebäude als erster verlassen hatte, trat nach nur wenigen Schritten auf etwas Elastisches, das sich unter seinem Gewicht kraftvoll aufbäumte und wand. Während er den Halt verlor, gelang es ihm, sich zur Seite zu werfen, wobei er bereits im Fallen zur Waffe griff.
"Geh in Deckung!" schrie er dem erschrockenen Rilkar zu, und als er im nächsten Augenblick schoß, fühlte er auch schon ein heißes Brennen in seiner Seite. Während vor ihm der Zorl verglühte, nahm der Schmerz immer mehr zu. Der Ingenieur beugte sich über ihn, und begann, ihm die säuregetränkte Uniform vom Leib zu reißen.
"Paß auf deine Hände auf!" stieß Talan zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
"Du mußt deine Kleidung loswerden!" gab Rilkar knapp zurück.
Gleich darauf öffnete er das Oberteil der Montur und setzte den Körper des Romulaners dem strömenden Regen aus.
Vorsichtig half er Talan, sich zu erheben.
Der Verletzte keuchte, als er sich aufrichtete. Er nickte nur.
Gleich darauf langten beide vor der dunklen Krankenstation an. Der Romulaner lehnte sich schwer atmend gegen eine Wand. Rilkar stellte fest, daß sich der Arzt zur Ruhe begeben haben mußte.
Talan deutete stumm auf das Gebäude gegenüber. Kurz darauf hatte der Ingenieur den Lagerarzt geweckt und ihn zu dem Verletzten begleitet. Nilamon untersuchte behutsam die Verätzung und bereitete das geschädigte Gewebe auf die Behandlung vor.
"Sie haben noch Glück gehabt." bemerkte er dabei. "Der Zorl kann Sie nicht voll getroffen haben. Außerdem hat Rilkar sehr schnell die Kleidung entfernt und dafür gesorgt, daß ein Teil der Säure vom Regen abgespült wurde. Trotzdem werden Sie drei oder vier Tage hierbleiben müssen. Für solche Fälle ist es das Beste, auf die Verletzung ein schwach dosiertes Regenerationsfeld einwirken zu lassen."
Talan schüttelte den Kopf.
"Kommt nicht in Frage, Nilamon! Stellen Sie sich vor, was es für eine Auswirkung auf die Moral der Leute hätte, wenn sie erfahren, daß ihr Militärkommandant ebenfalls im Lazarett liegt! Daß Driskal noch nicht einsatzfähig ist, ist schon schlimm genug. Beginnen Sie mit der einfachen Regeneratortherapie, das wird genügen. Ich werde dann regelmäßig zu Ihnen in die Krankenstation kommen, damit Sie die Behandlung wiederholen können."
Der Arzt betrachtete ihn und runzelte unbehaglich die Stirn.
"Ich kann Ihnen da keine Vorschriften machen, aber ich muß sagen, daß ich nicht sehr glücklich mit dieser Lösung bin. Natürlich wird die Verletzung auch auf diesem Wege heilen, aber es wäre wesentlich besser für Sie, wenn Sie sich ruhig verhalten. Trotz der merkwürdigen Ehrbegriffe in Militärkreisen wäre ich dafür, Ihnen etwas gegen die Schmerzen zu geben, aber das wird vermutlich andererseits dazu führen, daß Sie glauben, es sei keinerlei Schonung notwendig."
Talan lächelte schwach. "Geben Sie mir nur ein leicht dosiertes Mittel! Ich hatte ohnehin nicht vor, mich betäuben zu lassen, schließlich möchte ich für meine Arbeit einen klaren Kopf behalten. Auf diese Weise können Sie sicher sein, daß ich den Heilungsprozeß nicht gefährde. Aber Sie werden verstehen, daß ich mir momentan keinen auch noch so kurzen Aufenthalt in der Krankenstation leisten kann."
Nilamon überlegte einen Augenblick, dann nickte er.
"Also gut! Wahrscheinlich ist dies ohnehin der einzige Weg, Sie dazu zu bringen, etwas Zurückhaltung zu üben. Ich bezweifle stark, daß Sie mir im Lazarett ein folgsamer Patient wären. Bevor Sie mir hier die Kranken rebellisch machen, ist es wohl das Beste, ich gebe Ihnen ein schwaches Medikament. Viel ist davon allerdings nicht zu erwarten. Schließlich wollen Sie nicht in Versuchung geraten, sich selbst zu schaden."
Nirrit warf sich im Schlaf unruhig hin und her, während sie von Alpträumen heimgesucht wurde. Sie befand sich erneut in der Arrestzelle. Shadar stand ihr gegenüber und ließ seinen durchdringenden Blick über ihren Leib wandern. Und sie wußte, das er sich dabei an ihrer Verzweiflung weidete, in einem Körper gefangen zu sein, der ihm gefiel.
Schweißgebadet wachte sie auf und stellte fest, daß ein Geräusch an der Tür sie geweckt hatte. Erschrocken erkannte sie Rilkar, der einen halb zusammengekrümmten Talan in das Quartier brachte und ihm dabei Halt gab. Für Nirrit genügte ein einziger Blick auf den entblößten Oberkörper des Romulaners, um die Zorlverletzung an der Seite zu erkennen. Nilamon hatte offensichtlich schon mit der Behandlung begonnen, aber es war noch immer deutlich vorstellbar, wie schmerzhaft die Verätzung sein mußte.
Sie eilte den beiden entgegen und half Rilkar, Talan zu stützen, obwohl sie wußte, daß der Ingenieur ihn leicht den ganzen Weg von der Krankenstation hätte hertragen können.
"Er wollte nicht die Ursache für ein erneutes Stimmungstief unter seinen Männern sein. Ich halte das bei der momentanen Situation für absolut nachvollziehbar."
Sie ließen Talan auf sein Bett nieder, was dieser ohne Widerspruch zuließ.
Sie wandte sich vorwurfsvoll an ihn.
Der Romulaner öffnete die Augen und sah sie mit einem leisen Lächeln an.
"Ich sagte schon einmal, daß auch eine Grundform über eine Menge Widerstandsfähigkeit verfügt. Ich werde es überstehen. Außerdem wird Nilamon mir tagsüber ein Schmerzmittel verabreichen."
Sie sah Rilkar an.
Dieser nickte. "Ein leichtes! Er soll daran erinnert werden, sich zu schonen. Nilamon hat ihm eben auch etwas Schmerzstillendes für die Nacht gegeben, konnte jedoch keine starke Substanz verwenden, weil Talan morgen früh wieder einsatzfähig sein will. Es scheint ganz so, als ob die romulanische Mentalität die Entwicklung von Schmerzmitteln etwas behindert hätte."
"Wir hatten gerade die Trainingshalle verlassen, als Talan direkt auf den Zorl trat. Nilamon sagt, er hätte Glück gehabt. Ich muß jetzt zurück ins Gefangenenlager. Die Wachen werden ohnehin recht erstaunt sein, daß ich allein komme. Könnten Sie etwas auf ihn achten?"
"Natürlich! Ich habe ausgeschlafen. Außerdem würde ich ohnehin nur schlecht träumen."
Rilkar nickte und ließ sie mit dem Romulaner allein, der sich bemühte, in der Nacht etwas Schlaf zu finden. Nirrit hatte sich auf der Decke niedergelassen und horchte im Dunklen auf seine Atemzüge, die zu schnell und zu heftig für einen Schlafenden gingen.
Am frühen Morgen erhob sich Talan von seinem Lager, wodurch Nirrit, die gegen Ende der Nacht ihrem Schlafbedürfnis erlegen war, erwachte. Stumm beobachtete sie ihn, wie er sich für seinen Dienst fertigmachte. Er war auffallend bleich und sein Gesicht wirkte angespannt, dennoch schienen ihm die Bewegungen bereits etwas leichter zu fallen. Sie hoffte inständig, daß seine Zähigkeit ihm helfen würde, den Tag durchzustehen.
Die nächsten drei Tage kamen Talan hart an, aber nach ein paar Behandlungen in der Krankenstation ließen die Schmerzen deutlich nach, und bald war die betroffene Seite endgültig verheilt. Nebenbei hatte der Vorfall Talans Ansehen bei den Soldaten noch vermehrt, da es sich rasch herumgesprochen hatte, daß der Militärkommandant wegen einer erlittenen Zorlverätzung regelmäßig die Krankenstation aufsuchte, eine stationäre Behandlung jedoch verweigerte. Talan selbst haderte nicht mit dem Vorfall, da er wußte, daß er viel Glück gehabt hatte, so lange von einer Verätzung verschont geblieben zu sein. Zudem verstand er nun die Gründe wesentlich besser, die zu Nirrits unantastbarem Status bei seinen Leuten geführt hatten.
Nirrits Zustand bereitete ihm nach wie vor Sorge. Fast jede Nacht hörte er, wie sie sich auf ihrem Lager herumwarf. Er war sicher, die Ursache dafür zu kennen, obwohl sie sich stets über den Inhalt ihrer Träume ausschwieg. Als sie in einer weiteren Nacht entsetzt hochfuhr, erhob er sich, gab den Kontrollen des Quartiers die Anweisung, die Beleuchtung zu aktivieren und setzte sich zu ihr.
"Wäre es für dich wirklich unerträglich, ein Leben in der Grundform zu führen?" fragte er sanft.
Nirrit schüttelte aufgewühlt den Kopf.
"Das kannst du nicht verstehen! Wir haben darauf verzichten können, unseren Planeten zu zähmen, weil er uns mit einer vielseitigen Natur ausgestattet hat. Darum werden wir von Kindheit an darauf vorbereitet, uns mit ihrer Hilfe ernähren und verteidigen zu können. Ohne sie könnte ich in meiner Heimat nicht überleben."
"Soll das heißen, das ihr Personen, die ihre Wechselfähigkeit verloren haben, ausstoßt?"
Sie sah Talan empört an.
"Natürlich nicht! Wofür hältst du uns? Sie genießen den Schutz sämtlicher Clanmitglieder, das ist eine Selbstverständlichkeit. Schließlich kann dieses Schicksal jeden von uns treffen."
"Es gibt also Personen bei euch, die nicht mehr in der Lage sind, zu wechseln?" forschte er nach.
Nirrit nickte. "Bei den Vari zum Beispiel gibt es zwei, eine Frau in mittleren Jahren und einen Mann in fortgeschrittenem Alter."
"Erzähl mir von ihnen! Ich kann mir nicht vorstellen, daß sie ihr Leben damit verbringen, ihrer verlorenen Fähigkeit nachzutrauern."
Nirrits Augen blickten in weite Ferne.
"Sie stürzte in ihrer Jugend von einem Felsen und hatte, als man sie fand, bereits einen so hohen Blutverlust erlitten, daß das Murandral irreparabel geschädigt war. Später schloß sie sich den Schiffsbauern an. Sie ist sehr begabt darin, Lösungen für technische Probleme zu finden."
"Er ist Arzt. Der Beste, den die Vari besitzen. Clanmitglieder haben ihn im letzten Augenblick gerettet, als ihm bei einer Jagd von einem Goroch die Brust zerfleischt wurde."
Talan erinnerte sich.
"Die Sache dürfte ihn außerdem einen Finger gekostet haben." vermutete er im Stillen.
Er sah ihr fest in die Augen.
"Ich habe den Eindruck, daß es bei euch für Personen ohne Wechselfähigkeit durchaus Aufgaben gibt. Angenommen, du kämst irgendwann zurück in deine Heimat! Könntest du dir nicht vorstellen, zu ihnen zu gehören?"
Sie schwieg. Dann hob sie den Kopf und sah ihn an.
"Für immer ist eine lange Zeit!" erklärte sie leise. "Darum ist es schwer, sich mit so etwas abzufinden."
Er widerstand der Versuchung, ihr über das Haar zu streichen, sondern warf ihr lediglich einen langen Blick zu. Dann erhob er sich, um zu seinem Schlafplatz zurückzukehren.
Als er sich hingelegt hatte, hörte er etwas später, daß sie ebenfalls aufstand und gleich darauf bei ihm niederkniete. Dann gab sie ihm auf ihre stille Art ihr Einverständnis.
Später schlief Nirrit an Talans Seite ruhig bis zum Ende der Nacht, doch gegen Morgen glitt sie erneut in einen Traum hinüber.
Sie war auf dem Weg zum Lager, wo sie dringend erwartet wurde. Die Bäume des Waldes warfen tiefe Schatten und wirkten sonderbar bedrohlich, bis Nirrit den Grund dafür erkannte. Irgendwo im Dickicht wartete der alte Panzerkopf auf sie, das wußte sie mit Gewißheit, und sie richtete sich auf, um seine Witterung aufzunehmen.
Im selben Moment, als sie merkte, daß die aufgenommenen Eindrücke von den stumpfen Sinnen ihrer Grundform stammten, trat ein Mann aus der Vegetation und kam auf sie zu. Es war Shadar.
"Sie scheinen erstaunlicherweise ständig zu vergessen, daß Sie nur noch auf Ihre Grundform beschränkt sind." bemerkte er mit einem mitleidigem Lächeln. "Es ist wirklich ein Jammer, nicht wahr? Ich habe vor, unser kleines Experiment an Ihrem Freund fortzusetzen, aber das werden Sie so kaum verhindern können."
Nirrit sah an ihm vorbei und erblickte Nardral, der einen Mann festhielt, den Nirrit nicht erkennen konnte. Zunächst glaubte sie, daß es sich um den Ingenieur handelte, um gleich darauf zu der Überzeugung zu gelangen, daß es Talan sein mußte. Dann begriff sie jedoch, daß es in gewisser Weise beide waren. Verzweifelt holte sie Luft und versuchte, in die Krallenluum zu wechseln, während Shadar sie zufrieden dabei beobachtete.
Da hörte sie Tarkins ungeduldige Stimme hinter sich, wie er vor vielen Jahren zu ihr gesprochen hatte.
"Du wirst es nicht lernen, in die Krallenluum zu gehen, wenn du dich insgeheim davor fürchtest, Nirrit! Konzentriere dich ausschließlich auf deine neue Gestalt! Es fehlt dir immer noch an Konzentration."
Nirrit bemühte sich angestrengt, ihrem Lehrer zu gehorchen.
Talan erwachte mit dem Eindruck, von hellem Licht geblendet worden zu sein. Als er die Augen öffnete, erkannte er direkt vor seinem Gesicht seidiges geflecktes Haar. Verblüfft stemmte er sich hoch, um gleich darauf zu verstehen, was passiert war. Lächelnd blickte er auf Nirrit, die von ihrem Wechsel in die Krallenluum nicht erwacht war. Sie schlief zusammengerollt zwischen den Decken, und ihre Seite hob und senkte sich leicht bei jedem ihrer Atemzüge. Ihr Äußeres erinnerte nun in keiner Weise mehr an jene Nirrit, die er in der Nacht berührt hatte.
Einen Augenblick lang betrachtete er sie, dann strich er zärtlich über das weiche Fell.
Durch die Berührung kam Leben in die Rhazaghani, sie streckte sich und schlug die Augen auf. Ganz offensichtlich brauchte sie einen Moment, um zu begreifen. Ungläubig starrte sie Talan an. Erst dann erhob sie sich leicht schwankend.
"Wie kann das sein?" fragte sie fassungslos. "Dies ist kein Traum, oder?"
Talan schmunzelte. "Nein, das ist es nicht! Aber ich nehme an, es wird im Traum passiert sein. Oder kommt das nicht bei euch vor?"
Nirrit machte vorsichtig ein paar Schritte, wie um zu prüfen, ob ihr Zustand stabil blieb.
"Eine Freundin erzählte mir, daß sie manchmal im Schlaf wechseln würde. Aber mir ist das noch nie passiert!"
Sie sah ihn mit ängstlich aufgerissenen Augen an.
Sie zögerte kurz, dann blitzte es. Nirrit wartete nicht lange ab, sondern holte wieder Luft und wechselte erneut in die Krallenluum. Talan fielen sofort Unterschiede zu ihrem üblichen Erscheinungsbild auf. Nirrit hatte sich diesmal für eine rotbraun und blaßgelb geflammte Tarnzeichnung entschieden.
Fragend sah sie ihn an.
"Anders als sonst!" Er lächelte. "Aber durchaus hübsch! Wofür ist das?"
Talan gehorchte erwartungsvoll, um nach dem nächsten Aufblitzen den Blick zu heben.
Zwar war Nirrit in der Steppenluum deutlich größer als in der Form, in der er sie so oft hatte jagen sehen, dennoch kam sie ihm im Vergleich zu Tarkin klein und zierlich vor. Der Kommandant der Sternschwinge hätte den Kopf senken müssen, um nicht an die Decke des Quartiers zu stoßen, während Nirrit ohne Schwierigkeiten aufrecht stehen konnte.
Als sie danach in die Grundform zurückgekehrt war, ging ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht.
Ihr Lächeln bekam etwas Grimmiges.
Kurz darauf blickte Talan ihr nach, wie sie im schwachen Morgenlicht zwischen den Gebäuden verschwand. Ein leichter Nieselregen ging über dem Lager nieder, aber der Romulaner wußte, daß Nirrit sich an diesem Umstand nicht stören würde. Kurz darauf drehte er sich um und machte sich für seinen Dienst fertig, während er daran dachte, daß unter seinen Männern die gute Nachricht schon bald die Runde machen würde.
Zunächst machte Nirrit einen Abstecher bei den diensthabenden Wachen, die sie mit freudigen Rufen empfingen und sorgte für ihre Sicherheit, indem sie ihre Umgebung absuchte. Dann fiel sie mit wilder Entschlossenheit über die übrigen Zorls im äußeren Lager her. Noch nie hatte sie es auf eine solche Jagdstrecke gebracht, und sie war bereits etwas außer Atem, als sie sich das Tor zum Gefangenenlager öffnen ließ. Doch das tat ihrem Diensteifer keinen Abbruch.
Man hatte sie am Morgen vom inneren Lager aus bemerkt, und sofort Rilkar benachrichtigt. Dieser hatte die Anweisung ausgegeben, daß vor dem Verlassen der Baracken erst Nirrits Rundgang abgewartet werden sollte.
Schließlich langte Nirrit todmüde aber glücklich vor der Unterkunft des Ingenieurs an, wo sie schon erwartet wurde.
"Mann, Nirrit, Sie haben aber aufgeräumt! Wieviele von den Biestern haben Sie denn heute ins Jenseits geschickt?" empfing sie Knut.
Nirrit schüttelte erschöpft den Kopf.
"Fragen Sie mich etwas Leichteres! Ich habe zum Schluß nicht mehr mitzählen können. Als ich über zwanzig kam, habe ich irgendwann den Überblick verloren. Die Zorls haben das Pech, daß ich das Lager inzwischen zu gut kenne. Langsam weiß ich, wo sie sich zu welcher Tageszeit bevorzugt verbergen."
"Hatten Sie sich heute Morgen entschlossen, Ihren Zustand noch einmal zu überprüfen?" fragte Mutub freundlich.
"Nein, dazu hat mir in der letzten Zeit der Mut gefehlt. Der Wechsel erfolgte im Schlaf. Ich selbst habe es gar nicht gemerkt, aber Talan muß davon erwacht sein. Als er mich weckte, habe ich es zuerst überhaupt nicht glauben wollen."
Rilkar sah einen Moment lang auf sie herab.
"Ich freue mich sehr für Sie." sagte er leise. "Ich weiß, wieviel Ihnen die Rückkehr Ihrer Fähigkeiten bedeutet."
"Ohne Ihre Hilfe stünde ich nicht mehr hier." erwiderte Nirrit. "Ich habe keine Erinnerung an das Unglück, aber Nilamon hat mir geschildert, was sich ereignet haben muß. Es tut mir leid, daß ich es bisher versäumt habe, Ihnen zu danken. Nilamon sagt, Sie wären ein großes Risiko für mich eingegangen. Ich werde Ihnen das niemals vergessen."
Nach diesem Tag normalisierten sich die Zustände rasch. Jeder Bewohner des Lagers genoß es, vom Druck der allgegenwärtigen Angst befreit zu sein, und Talan stellte zufrieden fest, daß die Moral seiner Leute auf den gewohnten Stand zurückkehrte.
Nirrit wurde auf ihren Kontrollgängen häufig von Soldaten angesprochen, die ihr für ihren Einsatz dankten, was Nirrits Romulanischkenntnisse manchmal arg strapazierte, denn längst nicht alle der Männer beherrschten Föderationsstandard. Voller Genugtuung stellte sie bei mehreren Gelegenheiten fest, daß Nardral offenbar im Lager geschnitten wurde. Da die Soldaten wußten, daß er Shadar über stattgefundene Ereignisse auf dem Laufenden hielt, hatte sich der Verhörtechniker ohnehin nie sonderlicher Beliebtheit erfreuen können. Aber nun machten die übrigen Romulaner keinen Hehl mehr aus ihrer Abneigung. Eines Morgens beobachtete Nirrit, wie Nardral sich den Unteroffizieren hinzugesellte, die sich in einem Gespräch befanden, mit dem Ergebnis, daß sich die Gruppe augenblicklich auflöste, um den Mann stehenzulassen.
Jeden Morgen verließ die Rhazaghani bereits früh Talans Quartier, da es durch das anhaltende Regenwetter viel für sie zu tun gab. Den späten Nachmittag pflegte sie dann nach alter Gewohnheit bei Rilkar und seinen Kameraden zu verbringen, wobei alle Beteiligten es vorzogen, in der Baracke zu bleiben. Nirrit war jedesmal froh darum, bei dieser Gelegenheit ihr Fell trocknen zu können, auch wenn sie in dieser Hinsicht nicht sehr empfindlich war.
Wenn Talans Arbeit es zuließ, kam er gegen Abend persönlich vorbei, um sie und Rilkar abzuholen und die Halle aufzusuchen. Manchmal beteiligte sich Nirrit am Training, aber häufig war sie durch ihre anstrengende Arbeit so ermüdet, daß sie es vorzog, sich zurückzuziehen und die beiden Männer ihren Übungen zu überlassen. Zwar gab es für jene nun kein konkretes Trainingsziel mehr, doch sie waren sich darüber einig, daß sie nicht bereit waren, auf ihre abendlichen Treffen zu verzichten. Dabei dachte Talan voller Unruhe an die Zeit, in der das angeforderte Material eintreffen und für die Gefangenen erneut die Arbeit im Bergwerk beginnen würde.
19.
An einem grauen Nachmittag wurden die Bewohner von Rilkars Unterkunft auf ein heiseres Fauchen aufmerksam, das zunehmend lauter wurde. Geschlossen traten sie vor die Baracke und hielten nach der Ursache Ausschau, konnten aber zunächst nichts erkennen, obwohl der Himmel lediglich bewölkt war. Kurz darauf wurden sie Zeuge, wie sich direkt über dem Lager ein kleines Schiff mit flachen Konturen enttarnte.
Knut pfiff durch die Zähne.
"Wenn ich mich nicht täusche, ist das ein romulanisches Kurierschiff. Das wars dann wohl mit unserem Urlaub, Leute! Ich gehe jede Wette ein, daß die Schinderei jetzt bald wieder losgeht."
Kurz darauf wurde der Hauptschild deaktiviert, und das Schiff steuerte den Platz vor dem Lagerhangar an. Nirrit seufzte.
"Ich muß jetzt leider wieder los! Ich werde den äußeren Ring entlang der Schildlinie noch einmal ablaufen müssen. Wenn ich zu lange damit warte, wird die Sicht auch für mich zu schlecht, und dann dringen die Zorls zu weit ins Lager ein. Es ist das Beste, wenn ich die Sache gleich hinter mich bringe."
Kurz darauf hatte sie sich verabschiedet und das Gefangenenlager verlassen. Mutub sah zu dem Ingenieur, der einen abwesenden Eindruck machte.
"Dich beunruhigt etwas?" fragte er.
Rilkar blickte weiter nachdenklich vor sich hin.
"Ich stelle mir nur die Frage, ob man es auf Romulus wirklich für notwendig hält, den Materialtransport umständlich anzukündigen." antwortete er. "Wie sah es die anderen Male aus? Wurde das Lager jedesmal vorher benachrichtigt?"
"Das war nicht der Fall!" erwiderte Silak. "Die Transportschiffe erschienen zunächst in rascher Folge, um Gefangene und Material zügig abzuladen. Sobald die Arbeit begann, blieben sie dann aus. Nach meinem Wissen fand keine vorherige Ankündigung statt. Offenbar hielt man eine solche Maßnahme für überflüssig."
Der Ingenieur nickte. "Das dachte ich mir! Aber wie auch immer, diesmal scheint die Angelegenheit so wichtig zu sein, daß man es für notwendig hält, einen Kurier zu schicken. Ich muß zugeben, daß mir die Sache nicht sonderlich gefällt."
"Frag am besten Talan heute Abend, was das Ganze zu bedeuten hat!" riet Soto. "Er wird bis dahin sicher Bescheid wissen."
Rilkar schüttelte den Kopf.
"Es würde mich gar nicht wundern, wenn Talan das Training heute ausfallen läßt. Bei einer Sache von solcher Wichtigkeit wird er kaum Zeit dafür finden. Wahrscheinlich werden wir uns noch etwas gedulden müssen."
Als Nirrit von der Schildlinie zurückkehrte, traf sie Talan wartend vor dem Quartier des Lagerkommandanten an, wobei ihr sofort sein wie eingefroren wirkendes Gesicht auffiel. Shadar hatte es demonstrativ vorgezogen, die Nachrichten allein entgegenzunehmen, anstatt seinen Militärkommandanten hinzuzuziehen. Talan war lediglich befohlen worden, sich zur Verfügung zu halten. Nach einer Weile verließ der Kurier das Gebäude, um zu seinem Schiff zurückzukehren und wieder zu starten.
Nirrit, die Talan beim Warten Gesellschaft leistete, knurrte verärgert, als erneut der Schild deaktiviert wurde. Als sie sich erhob, hielt er sie auf.
"Ich möchte nicht, daß du so spät noch einmal anfängst. Es ist fast dunkel und es wäre zu gefährlich. Geh zu Driskal und laß dir von ihm das Quartier öffnen! Du hast bereits einen harten Tag hinter dir, da halte ich es für angemessen, wenn du dich jetzt ausruhst."
Nirrit zögerte einen Moment, aber sie mußte Talan im Stillen recht geben. Sie war tatsächlich müde, und die Jagd wäre bei der schlechten Sicht riskant gewesen. Also nickte sie und folgte seinem Rat, dabei dachte sie bei sich voller Mitgefühl, daß Shadar es gewiß erheiternd fand, seinen Militärkommandanten noch eine Weile vor seinem Quartier warten zu lassen.
Talan mußte sich eine Zeitlang gedulden, bis es seinem Vorgesetzten gefiel, ihn hereinzubitten. Shadar ließ ihn vor seinem Schreibtisch stehen und nahm gemächlich dahinter Platz. Er schwieg zunächst, während sein Blick auf seinem Untergebenen ruhte, dann begann er zu sprechen.
"Ich habe tatsächlich gute Neuigkeiten erhalten. Es geht zurück nach Romulus."
"Man beabsichtigt, uns zurückzubeordern?" fragte Talan verwirrt. "Aber die Ablösung sollte nicht vor Ablauf von mindestens zweieinhalb Jahren durchgeführt werden."
"Sie verstehen nicht, mein Freund! Es handelt sich nicht um die reguläre Abberufung. Die Förderstätte wird aufgegeben."
Sein Gegenüber starrte ihn an.
"Die Arbeit soll abgebrochen werden? Aber bei dem Grubenausbau wurde noch nicht einmal die Lagerstätte erreicht. In den Gutachten der Sachverständigen war von reichen Vorkommen die Rede, und es wurde bereits eine Menge Material in das Projekt investiert. Von den persönlichen Opfern unserer Männer ganz zu schweigen! Wie kommt man zu dieser Entscheidung?"
Shadar lehnte sich zurück.
"Unser Geheimdienst ist an Informationen gelangt, die besagen, daß die Föderation bereits im Begriff ist, ihre Schiffe mit verbesserten Langstreckensensoren auszurüsten. Wie Sie wissen, liegt unser Standort bei weitem dem Föderationsgebiet am nächsten. Es ist also zu befürchten, daß wir durch die Restemissionen des Hauptschirms von einem Patrouillenschiff erfaßt werden. Sie werden vielleicht begreifen, daß man nicht bereit ist, dieses Risiko einzugehen."
"Und wie sehen die weiteren Maßnahmen aus?"
"Man wird uns binnen kurzem ein Schiff schicken. Wir sind dazu aufgefordert worden, in der Zwischenzeit die Aufgabe des Lagers vorzubereiten, dabei hat man mir ans Herz gelegt, keinerlei Spuren zu hinterlassen. Ich interpretiere die Anweisung dahingehend, daß auch die Gefangenen aus dem Weg geräumt werden sollen."
Talan schnappte nach Luft.
"Sie meinen, sämtliche Gefangenen sollen exekutiert werden?"
Shadar lächelte verständnisvoll. "Ich sprach dabei natürlich nicht von ihrer kleinen bekrallten Bettgenossin. Selbstverständlich erhalten Sie von mir die Erlaubnis, sie mit nach Romulus zu nehmen, wenn Sie in der Lage sind, sie während des Rückfluges unter Kontrolle zu halten. Schließlich verstehe ich, daß Sie nicht auf sie verzichten wollen, nachdem sie Ihnen ein wenig die Zeit hier versüßt hat. Sollten Sie ihrer in der Heimat überdrüssig werden, steht Ihnen immer noch die Möglichkeit offen, sie zu verkaufen. Ich selbst hätte kein geringes Interesse an ihr."
Talan stellte sich eine Nirrit vor, die für den Rest ihres Lebens dazu verurteilt war, offiziell als seine Sklavin zu leben. Sie würde dazu gezwungen sein, sich ausschließlich auf ihre Grundform zu beschränken und in der Gewißheit leben müssen, ihr Volk niemals wiederzusehen. Es war ein deprimierender Gedanke.
"Und die übrigen?"
"Wenn die Soldaten auf sie das Feuer eröffnen, wird alles sehr schnell vonstatten gehen."
So sollte also das Ende aussehen. Sein Freund und Trainingspartner Rilkar, der alte würdevolle Qo'hog, Knut, jung und voller Enthusiasmus, Silak, Soto, all die anderen, ausgelöscht, vernichtet in wenigen Augenblicken. Talans Gedanken rasten und in seinem Geist reifte ein Entschluß: Er würde diesen Befehl nicht hinnehmen.
"Es tut mir leid, Kommandant, aber ich interpretiere die Anweisungen anders."
Shadar runzelte die Stirn.
"Was wollen Sie damit sagen?"
"Meiner Meinung nach haben Sie keinerlei Befugnis, unter den Gefangenen ein Massaker anzurichten. Wenn Sie anderer Ansicht sind, bleibt mir keine andere Wahl, als die Funkstille zu brechen und eindeutige Befehle direkt beim Oberkommando einzuholen."
"Ist das Ihre Auffassung von Ihrer berühmten Lagersicherheit?"
"Es geht hier um lebende Personen. Meine Prioritäten stehen fest. Würden Sie mich entschuldigen?"
Als er sich abwenden wollte, erschien Shadars Hand oberhalb seines Schreibtisches. Sie hielt einen Disruptor.
"Dazu bin ich leider nicht bereit!" erwiderte Shadar mit ruhigem Lächeln. "Allerdings hätte ich dieses tatsächlich gern vermieden."
Im nächsten Augenblick entlud sich auch schon die Waffe.
Rilkar hatte noch eine Zeitlang auf Talan gewartet, ohne jedoch wirklich damit zu rechnen, daß dieser noch am selben Abend Gelegenheit finden würde, ihm von dem Inhalt der überbrachten Botschaft zu berichten. Als er seine Einschätzung bestätigt fand, faßte er den Entschluß, sich früh zur Ruhe zu begeben, konnte jedoch bald feststellen, daß er Mühe hatte, einzuschlafen. Nach kurzer Zeit stieß er seine Decke wieder von sich, um in die kühle Nachtluft zu treten und die wenigen Schritte zur Barriere zurückzulegen. Von dort aus blickte er nachdenklich über das ruhige Lager.
Er war sicher, daß Nirrit bereits in Talans Quartier lag und schlief. Sie sah aufgrund ihres rhazaghanischen Wesens keinen Sinn darin, dem Ruhebedürfnis zu widerstehen, wenn ihr Körper nach Erholung verlangte. Wahrscheinlich war Schlaflosigkeit in ihrer Heimat ein unbekanntes Phänomen, was unter den dortigen Lebensbedingungen nur verständlich war. Wer müde war, pflegte Fehler zu machen, und gerade das konnte auf Rhazaghan nur zu leicht zum Tode führen.
Der Ingenieur erinnerte sich an jenen Nachmittag, an dem er Nirrit behutsam nach ihren Eltern gefragt hatte, und an seine Erschütterung, als sie ihm unbefangen eröffnete, daß diese seinerzeit auf der Arrhinia D'jah gewesen waren. Ihm war zu diesem Zeitpunkt zwar bekannt gewesen, daß es sich dabei um ein Schiff der Vari handelte, jedoch hatte er sich nie vor Augen gehalten, welche Verluste dem Clan durch diese Katastrophe zugefügt worden waren. Allerdings trug Nirrit keinerlei Erinnerungen an den Vorfall und hatte durch ihn auch keine Entbehrungen erlitten, da sich die gesamte Clangemeinschaft für den Nachwuchs engagierte. Auch empfand sie ihre Kindheit keineswegs als ungewöhnlich, da etliche andere sich in der gleichen Situation befunden hatten. Außerdem konnte es immer wieder vorkommen, daß junge Rhazaghaner zu Halb- oder Vollwaisen wurden. Diesen Kindern wurde die gleiche liebevolle Betreuung wie den übrigen zuteil, wobei für sie vor allem jene Personen Bedeutung hatten, die sie den Umgang mit den Luuma lehrten. Ein Lehrer entsprach nach rhazaghanischen Begriffen einem nahen Angehörigen, der sich grundsätzlich für seinen Schüler verantwortlich fühlte.
Rilkar dachte an Talans Bericht über seine Begegnung mit den Rhazaghanern. Tarkin war Nirrits Lehrer gewesen, was bedeutete, daß dieser die Nachforschungen mit außergewöhnlicher Zähigkeit fortsetzen würde. Aber ob diese jemals zu einem Erfolg führen würden, war fraglich. Es war reichlich abwegig, die Vermißte mitten in der neutralen Zone zu vermuten, und selbst wenn man sich ausschließlich auf diesen Streifen interstellaren Niemandslandes konzentrierte, war es möglich, Jahre mit der Suche zu verbringen.
Rilkar warf noch einen letzten Blick auf die andere Seite der Barriere, dann drehte er sich um und kehrte zu seiner Unterkunft zurück.
Talan blickte erschüttert zu Shadar auf, der an ihn herangetreten war. Der Lagerkommandant schüttelte tadelnd den Kopf.
"Ich hatte schon so eine Reaktion vermutet. Mir sind Ihre Verbrüderungsbestrebungen mit dem Cardassianer keineswegs entgangen. Es enttäuscht mich wirklich, daß Sie sich derart haben manipulieren lassen."
Talan empfand heißen Schmerz, wo die Disruptorentladung die Oberfläche seines rechten Beines versengt und die darüberliegende Kleidung verbrannt hatte. Er hatte es Shadar gegenüber an Wachsamkeit fehlen lassen, tatsächlich war er jedoch überrascht, daß dieser bereit gewesen war, auf ihn zu schießen. Sein Vorgesetzter beugte sich über ihn und studierte aufmerksam sein Gesicht.
"Wie Sie gemerkt haben, habe ich die Emissionsstärke des Disruptors reduziert. Es liegt mir fern, Sie zu töten, auch wenn Ihr Verhalten meiner Ansicht nach an Verrat grenzt." Er lächelte. "Aber eigentlich hänge ich sehr an Ihnen, auch wenn noch einiges gegen Ihren Hang zur Insubordination unternommen werden muß. Allerdings werde ich mir damit Zeit lassen, bis wir wieder nach Romulus zurückgekehrt sind. Schließlich sollen Sie sich erst einmal erholen."
Talan unterdrückte ein Ächzen und unternahm einen vergeblichen Versuch, sich zu erheben. Das Bein gab sofort unter dem Gewicht seines Körpers nach. Shadar blickte sanft auf seinen Untergebenen hinab.
"Machen Sie sich keine Sorgen! Sie wissen ja, wie tüchtig Nilamon ist. Ich bin sicher, daß Ihr Bein nur geringfügige Schäden zurückbehalten wird. Wahrscheinlich werden Sie in der Trainingshalle nicht mehr so elegant wirken, aber mit Sicherheit wird sich dieser Umstand verbessernd auf Ihr Pflichtbewußtsein als Soldat auswirken."
Talan sah mit schmerzverzerrtem Gesicht zu ihm auf.
"Sie sind wahnsinnig!" stieß er hervor. "Sie können keinen Massenmord an den Gefangenen begehen! Die Männer können ohne Zweifel woanders eingesetzt werden. Man wird Sie auf Romulus für Ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen."
Shadar sah ihn mitleidig an.
"Das glaube ich kaum. Man wird im Gegenteil volles Verständnis für meine Entscheidung haben. Die Gefangenen sind seinerzeit nur in kleinen Gruppen hierhergebracht worden. Für unseren Rückflug steht dem Regiment sowie dem Gefangenentrupp nur ein einziger Warbird zur Verfügung. Sie wissen selbst, daß es nicht unproblematisch sein wird, diese Leute während des Rücktransportes unter Kontrolle zu halten, zumal es sich inzwischen um einen großen, meines Wissens nach durch den Cardassianer gut organisierten Verband handelt. Die Gefahr des Versuches einer Schiffsübernahme wäre zu groß. Ich traue Ihrem Freund durchaus zu, daß er bereits jetzt Pläne für diesen Fall entwickelt hat. So leid es mir für Sie tut, aber er ist der erste, den ich töten lassen werde. Natürlich verlange ich nicht von Ihnen, seine Exekution selbst zu beaufsichtigen. Nardral wird sich um ihn kümmern. Er erledigt den Fall still und unauffällig, bevor die Sache unter den Gefangenen bekannt wird."
Talan sah ihn entsetzt an. Im selben Moment trat Driskal in den Raum und blickte bestürzt auf den am Boden liegenden Militärkommanten.
Shadar wandte sich freundlich an ihn.
"Wie ich sehe, sind Sie pünktlich, Driskal! Eigentlich wollte ich Sie darum bitten, Nardral hierherzuschicken, aber gleichzeitig hatte ich schon vermutet, daß es noch eine weitere Aufgabe für Sie geben würde. Seien Sie bitte so liebenswürdig, Ihren Vorgesetzten in eine Arrestzelle zu bringen. Nilamon soll sich dann um ihn kümmern. Kommandant Talan hat im Gegensatz zu Ihnen noch einige Probleme mit dem Gehorsam, aber das wird sich mit Sicherheit bald geben."
Driskal zog vorsichtig Talans Arm über seine Schultern und half ihm auf. Talan stöhnte, als der Vorgang des Aufstehens ihn zwang, das Bein zu bewegen. Driskal sah noch einmal zu Shadar, aber dieser hatte sich bereits abgewandt.
Noch im Vorraum begann Talan zu sprechen.
"Driskal, bitte lassen Sie mich Kontakt zum Oberkommando aufnehmen! Ich kenne die Befehle, aber es ist sehr wichtig. Die Förderstätte soll aufgegeben werden, daher plant Shadar, sämtliche Gefangenen zu liquidieren, weil er einen Aufstand während des Rücktransportes befürchtet."
Driskal erstarrte.
"Er will die Gefangenen ermorden?"
"Rilkar soll zuvor als ihr Anführer durch Nardral beseitigt werden. Ich nehme an, der wahre Grund besteht darin, daß Shadar sich einen besonderen Genuß davon verspricht."
Driskal dachte nach.
"Warten Sie bitte einen Moment, Kommandant!"
Er ließ Talan vorsichtig zu Boden. Dann trat er ins Freie und beobachtete das Lager, das im Dunkel lag. Es befand sich niemand in der Nähe.
Sofort kehrte er zu Talan zurück und brachte diesen in das daneben liegende Gebäude, welches der Standort des Hauptschildgenerators war.
"Bleiben Sie bitte hier! Ich werde Nilamon holen!"
Talan nickte unter Schmerzen. Wenig später beugte sich der Lagerarzt über ihn und begann vorsichtig, sein Bein zu untersuchen.
"Er hat sie ganz schön erwischt! Das ist eine häßliche Verbrennung. Eigentlich gehörten Sie auf der Stelle ins Lazarett."
"Hat Driskal Sie über Shadars Pläne informiert?"
Nilamon nickte. "Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß diese eine Überraschung für mich darstellen. Sie hatten die Funkstille brechen wollen?"
"Jemand muß Shadar Einhalt gebieten. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man beim Oberkommando diese Tat billigen würde."
"Seien Sie sich nicht so sicher! Höchstwahrscheinlich wird man Shadars Befehle bestätigen. Die Gefahr, daß die Gefangenen versuchen werden, das Schiff unter ihre Kontrolle zu bringen, ist tatsächlich nicht von der Hand zu weisen. Man wird jedoch auf gar keinen Fall riskieren wollen, daß die romulanische Präsenz in der neutralen Zone bekannt wird. Um das zu gewährleisten, ist man garantiert bereit, über Leichen zu gehen, zumal es sich ja nur um Gefangene handelt."
Talan schwieg. Kurz darauf hob er den Kopf.
"Dann gibt es nur noch eine Möglichkeit. Sie wissen, daß die Föderation gefangene Angehörige von gegnerischem Militär auszutauschen pflegt, nicht wahr?"
Nilamon nickte. "Das ist mir bekannt. Ich verstehe, was Sie vorhaben, aber sind Ihnen die Konsequenzen für Sie klar?"
"Ich bin bereit, diese auf mich zu nehmen. Wir können keinen Massenmord an wehrlosen Gefangenen zulassen. Ich bitte Sie nur, mich gehen zu lassen. Es dürfte nicht schwer sein, meine Flucht vorzutäuschen. Sobald ich im Hangar bin, komme ich allein zurecht."
Driskal starrte ihn an.
"Sie wollen ein Föderationsschiff hierherbringen?"
"Ich weiß, es muß Ihnen wie Verrat vorkommen, Driskal! Aber ein solches Massaker würde Schande über die romulanische Ehre bringen. Wir können uns nicht zu Shadars Komplizen machen. Ermöglichen Sie mir nur die Flucht, indem Sie vortäuschen, ich hätte Sie niedergeschlagen! Für alles weitere werde ich die volle Verantwortung übernehmen."
"Man wird Sie wegen Verrats anklagen. Sie wissen, was das bedeutet."
"Sehen Sie eine Alternative?"
Driskals Gedanken rasten.
"Vielleicht gibt es eine Möglichkeit. Warten Sie!"
Er verließ in höchster Eile das Gebäude, um nach einiger Zeit zurückzukehren. In seiner Begleitung befand sich Velkat. Driskal beugte sich über seinen Kommandanten.
"Führen Sie Ihr Vorhaben durch! Es wird bald im Lager unruhig werden, dann kann Nilamon Sie unbemerkt zum Hangar bringen. Starten Sie erst, wenn Sie eine Explosion gehört haben! Ich werde dafür sorgen, daß niemand dazu kommen wird, das Schiff zu vermissen."
Talan sah zu seinem Untergebenen hoch.
"Was haben Sie vor, Driskal?"
Dieser lächelte. "Überlassen Sie das Velkat und mir! Ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht noch einmal enttäuschen werde. Vertrauen Sie mir! Ich habe alles gut überlegt."
Talan sah ihn an, dann nickte er.
Driskal trat aus dem Generatorgebäude und sah sich noch einmal sorgfältig um. Im Lager herrschte Stille. Bevor er zu Velkat gelaufen war, hatte er Nardral darüber informiert, daß der Lagerkommandant ihn zu sprechen wünschte. Dieser war der Aufforderung sofort nachgekommen.
Als Driskal vor dem Eingang von Shadars Unterkunft stand, hielt er noch einmal inne, um seinen Disruptor zu ziehen. Dann trat er ohne Zögern ein.
Nur wenig später verriegelte er das Quartier und machte sich auf den Weg ins Gefangenenlager. Rilkar erwachte sofort, als Talans Stellvertreter hastig die Baracke betrat. Während der Ingenieur noch im Begriff war, sich aufzurichten, wandte sich Driskal bereits an ihn.
"Ich brauche Ihre Hilfe!" stieß er hervor. "Ihre Leute werden sich um ihr Leben prügeln müssen."
Als Driskal etwas später in seinem Quartier saß, um die weitere Entwicklung abzuwarten, wußte er Velkat bereits an der Arbeit. Es würde einige Zeit dauern, die Überladung zu initiieren, aber der Lageringenieur verstand sein Fach. Als Driskal ihm sein Vorhaben geschildert hatte, bekam er dessen Unterstützung fast ohne Zögern zugesagt, und er war noch immer überrascht, wie leicht es gewesen war, Velkat zu überzeugen. Zwar hatte er häufig über diesen Weg nachgedacht, aber letztendlich hatte es ihm an Mut und Unterstützung gefehlt. Als er jedoch erfuhr, was Kommandant Talan bereit war, auf sich zu nehmen, wußte er, daß es an der Zeit war, seine zögernde Haltung abzulegen.
Kurz darauf trat atemlos einer der Unteroffiziere in sein Quartier.
"Driskal, wir brauchen Ihre Hilfe! Die Gefangenen scheinen allesamt durchgedreht zu sein, und ich weiß nicht, wo sich Kommandant Talan befindet."
Driskal erhob sich.
"Er wurde zum Lagerkommandanten gerufen und dieser will nicht gestört werden. Was ist passiert?"
"Im Gefangenenlager ist es zu einer wilden Massenschlägerei gekommen. Jeder scheint gegen jeden zu kämpfen. Vor kurzem ging es los, und Aufforderungen, wieder zur Ruhe zurückzukehren, werden nicht beachtet. Sogar der Cardassianer ist an dem Tumult beteiligt. Er prügelt sich zur Zeit mit dem Klingonen."
Driskal nickte. "Dann müssen wir eben das gesamte Regiment hineinschicken."
Der Mann starrte ihn an.
"Das gesamte Regiment?"
"Sehen Sie eine andere Möglichkeit? Man wird uns auf Romulus ohne Zweifel zur Rechenschaft ziehen, wenn die Arbeit wiederaufgenommen werden kann, allerdings keine Arbeiter mehr zur Verfügung stehen. Wir müssen die Gefangenen daran hindern, sich gegenseitig umzubringen. Sagen Sie den Leuten, daß Waffengebrauch strengstens untersagt ist! Wir werden die Lage so bereinigen müssen."
Nilamon sah vorsichtig aus dem Gebäude. Sämtliche Soldaten waren im Begriff, in höchster Eile dem Gefangenenlager zuzustreben, von wo ein lauter Tumult hörbar war.
"Es sieht so aus, als hätte Driskal die Unterstützung Ihres Freundes gewonnen." wandte er sich an Talan. "Kommen Sie! Ich rechne nicht damit, daß uns jemand begegnen wird."
Velkat blickte von seiner Arbeit hoch.
"Ich wünsche Ihnen viel Glück, Kommandant! Bringen Sie uns ein schönes Föderationsraumschiff mit, das in der Lage ist, uns von hier wegzubringen. Ich habe gehört, daß solch ein Gefangenenaustausch recht unproblematisch vonstatten gehen soll. Schließlich wird die Föderation kaum riskieren wollen, daß es zu einer Verschlechterung der ohnehin nicht sehr herzlichen Beziehung mit dem Reich kommt."
Talan nickte. "Ich danke Ihnen, Velkat! Bringen Sie sich rechtzeitig in Sicherheit!"
Dieser lächelte. "Keine Sorge!"
Dann wandte er sich wieder dem Generator zu.
Nilamon brachte den Kommandanten unbemerkt zum Hangar und half ihm, hinter den Kontrollen Platz zu nehmen.
"Sie glauben wirklich, daß Sie es schaffen? Ihre Verletzung wird Sie zwar nicht sofort umbringen, aber was ist, wenn Sie länger unterwegs sind, um ein Schiff zu finden?"
Talan lächelte mühsam. "Machen Sie sich keine Gedanken, Nilamon! Ich weiß, daß es ein Schiff da draußen gibt. Und es wartet auf mich."
Der Arzt sah ihn verwundert an, dann aber nickte er und verließ ihn. Talan lehnte sich erschöpft in dem Pilotensitz zurück und wartete, wie Driskal es ihm empfohlen hatte.
Im Gefangenenlager hatte sich die Situation keineswegs verbessert. Die Männer fuhren mit einer wahren Begeisterung fort, sich zu prügeln. Sobald die romulanischen Soldaten es geschafft hatten, auf der einen Seite des Lagers für Ruhe zu sorgen und die Beteiligten zu trennen, wurde es am anderen Ende um so ärger. Drohungen fruchteten nichts, und nun waren auch die ersten Romulaner in die Schlägerei verwickelt worden. Driskal stand auf der inneren Seite des Tors, beobachtete das Geschehen und gab Befehle, ohne irgendeine Wirkung damit zu erzielen.
Plötzlich erfolgte ein ohrenbetäubender Knall, und von der Richtung des Hauptschildgenerators stieg eine Flammensäule in die Höhe. Die Männer, Romulaner wie Gefangene, fuhren erschrocken zusammen und blickten in die Richtung des Infernos. Trümmer prasselten auf die Kuppel der inneren Barriere hernieder, aber sie wurden durch den Beginn eines heftigen Verbrennungsprozesses zurückgeschleudert, ohne die Möglichkeit, die Leute, die sich auf der anderen Seite aufhielten, zu verletzen.
Talan hatte bei dem Lärm der Explosion die Augen geöffnet. Er wußte, daß das Gebäude mit dem Hauptschildgenerator und das Quartier des Lagerkommandanten jetzt nicht mehr existierten. Kurz darauf erhob sich Rilkars Schiff mit dem gewohnten leisen Säuseln am äußeren Rand des Lagers und ermöglichte Talan einen Blick auf den Brand auf der gegenüberliegenden Seite. Zahlreiche Soldaten waren bereits auf dem Weg zum Schauplatz der Explosion. Der Kommandant war sicher, daß niemand von seinen Leuten auf den Gedanken kommen würde, zurückzublicken. Wenig später flog er auf Föderationsgebiet zu. Er hatte versucht, Nilamons Bedenken zu zerstreuen und nun hoffte er verzweifelt, daß er die Narhamak finden konnte, bevor ihn die Kräfte verließen. Allerdings hatte er großes Vertrauen in die Hartnäckigkeit ihres Kommandanten. Tarkin war irgendwo da draußen, da gab es keinen Zweifel.
Die Narhamak entfernte sich bei ihrer Suche niemals weiter als zwei Tagesreisen von Zemotecs Station. Nirrits Witterung war relativ frisch gewesen, und nun suchte man alle in Frage kommenden Sonnensysteme ab, wobei Klasse-M-Planeten besondere Beachtung fanden. Gleichzeitig waren die Hangarschwestern des Schiffes damit beschäftigt, die weiteren Randbereiche des betroffenen Gebietes abzusuchen.
Momentan bewegte sich die Sternschwinge auf ihrem Zick-Zack-Kurs wieder in Richtung neutrale Zone. Aslari hatte eben beschlossen, ihre Aufgabe einer anderen zu übergeben, um sich schlafenlegen zu können, als sie noch einmal die Sensoren überprüfte. Stirnrunzelnd beugte sie sich vor und wandte sich gleich darauf aufgeregt an Tarkin.
"Ich glaube, die Sensoren zeigen das kleine orionische Schiff an. Ich bin allerdings nicht ganz sicher, es hat gerade erst die Ortungsschwelle überschritten."
Tarkin stand hoffnungsvoll auf und blickte ihr über die Schulter.
"Ja, das ist er!" rief er nach kurzem Warten. "Und er befindet sich schon zu weit auf Föderationsgebiet. Diesmal kriegen wir ihn!"
Kurz darauf befand sich die Narhamak mit Höchstgeschwindigkeit auf Abfangkurs.
Talans Sensoren zeigten ihm ein Schiff in Ortungsreichweite an. Er war bereits seit fast einem Tag unterwegs und die ständige Unterdrückung der Schmerzen sowie die Erschöpfung machten sich immer stärker bemerkbar. Angestrengt versuchte er, bei Bewußtsein zu bleiben. In der Hoffnung, daß es sich um das rhazaghanische Schiff handelte, steuerte er auf den Ursprung des Signals zu.
"Er hat den Kurs geändert!" bemerkte Aslari.
Tarkin runzelte die Stirn.
"Versucht er zu fliehen?"
"Nein, im Gegenteil! Das Schiff hält auf uns zu. Außerdem scheint sein Pilot verletzt zu sein."
Tarkin sprang auf.
"Wie sieht es mit seinen Schilden aus?"
"Bis auf die Navigationsschilde unten. Wir können ihn herüberholen, wenn wir in Reichweite sind."
"Dann tut das, sobald es geht! Ich bin im Transporterraum."
Es fiel Talan inzwischen sehr schwer, nicht die Besinnung zu verlieren. Mühsam riß er die Augen auf und erkannte auf dem Bildschirm die heranrasende Narhamak. Erleichtert nahm er zur Kenntnis, daß er begann, zu entmaterialisieren
Gleich darauf spürte er, wie der Transportvorgang endete, worauf er an Ort und Stelle zusammenbrach. Als er die Augen öffnete, erkannte er Hufe und den Ansatz schlanker dunkelroter Beine.
"So sieht man sich wieder, Romulaner!" hörte er eine bekannte Stimme.
20.
Einen knappen halben Tag später wurde vom Lager aus die sich rasch nähernde Sternschwinge geortet. Tarkin funkte kurz darauf die romulanische Station an und verlangte von dem erschrockenen diensthabenden Soldaten, den führenden Offizier des Lagers zu sprechen. Es meldete sich Driskal., der ihn darüber unterrichtete, daß der Militärkommandant, dessen Aufgaben er zur Zeit wahrnahm, sich in der Abteilung für Schwerverletzte befand. Er habe bei einer Explosion Verbrennungen davongetragen und niemand dürfe zur Zeit zu ihm.
Tarkin verstand den Hinweis und ließ Talan hinunter in die Krankenstation beamen, wo Nilamon ihn empfing und zufrieden feststellte, daß die Rhazaghaner offensichtlich über einen tüchtigen Bordarzt verfügten. Dieser hatte die Behandlung bereits eingeleitet und dem Patienten ein wirksames Schmerzmittel verabreicht. Trotz der schwachen Proteste des Kommandanten sorgte der romulanische Arzt dafür, daß dieser sich auf einer Krankenliege ausstreckte, wo er sogleich in einen tiefen Erschöpfungsschlaf fiel.
Zur gleichen Zeit forderte Tarkin Driskal zur Kapitulation auf, ein Ansinnen, dem Talans Stellvertreter mit gutem Gewissen nachgab. Das Lager war ohnehin niemals auf eine Verteidigung eingerichtet worden, da man sich in einem solchen Fall auf verlorenem Posten wußte und Gegenwehr die Situation nur verschlimmert hätte. Im Reich war man momentan an keinem Grenzkonflikt interessiert, da ein großer Teil der romulanischen Kräfte zur Zeit woanders gebunden waren.
Mit den ausgelieferten Waffen verfuhren die Rhazaghaner auf ihre Art und Weise, indem sie beim Heraufbeamen den Transportvorgang nicht zu Ende durchführten und den Inhalt des Musterpuffers löschten. Gleich danach materialisierte Tarkin mit den ersten Mannschaftsmitgliedern im Lager.
Als Talan erwachte, mußte er feststellen, daß ein Regenerationsfeld auf sein Bein einwirkte. Sein Versuch, sich aufzurichten, erweckte die Aufmerksamkeit von Nilamon, der ihn sanft aber bestimmt wieder auf die Liege drückte.
"Sie können jetzt noch nicht aufstehen. Ihr Bein macht einen guten Eindruck, und Sie wollen doch sicher nicht, daß das sich das wieder ändert."
Talan entspannte sich notgedrungen.
"Wie sieht es draußen aus?"
"Das Lager wird zur Zeit unter der Aufsicht der Rhazaghaner geräumt. Ich muß zugeben, daß ich sehr verblüfft war, als ich feststellte, was für ein Schiff Sie da mitgebracht haben. Woher wußten Sie, daß diese Leute in der Nähe waren?"
"Ich bin ihnen kurz nach meinem Aufbruch nach Romulus begegnet. Ich war wegen fehlender Ersatzteile gezwungen gewesen, die Raumstation aufzusuchen, die sich auf Föderationsgebiet befindet. Wie verhalten sie sich gegenüber unseren Männern?"
"Freundlich! Nirrit scheint ein typisches Beispiel ihrer Spezies zu sein. Hinzu kommt, daß im Moment eine recht glückliche Stimmung unter ihnen herrscht, weil sie ihre Artgenossin wiedergefunden haben."
"Wie geht es Nirrit? Ich hoffe doch, daß sie von der Explosion weit genug entfernt war."
"Keine Sorge, in Ihrem Quartier ist ihr nichts passiert. Sie war nur von dem Explosionsknall aus dem Schlaf geschreckt und hatte für Sie das Schlimmste befürchtet. Dann hat sie von unseren Soldaten gehört, daß Sie auf dem Rückweg von Shadars Quartier von der Explosionswelle erfaßt worden seien und Verbrennungen davongetragen hätten. Ich habe ihr dann die Wahrheit erzählt."
"Hatte Driskal diese Version vom Zustandekommen meiner Verwundung ausgegeben?"
Nilamon nickte. "Bei dem Durcheinander nach der Explosion konnte auch gar kein Zweifel daran aufkommen. Niemand hat sich dafür interessiert, wer Sie letztendlich in die Krankenstation gebracht hatte. Es gab zwar besorgte Erkundigungen nach Ihrem Zustand, aber keiner der Männer hätte eine Möglichkeit gehabt, an mir vorbeizukommen. Sie haben von mir nur erfahren, daß Sie Verbrennungen am Bein erlitten haben und unbedingt Ruhe benötigen."
"Es sieht so aus, als hätte Driskal an alles gedacht. Ging die Übergabe problemlos vonstatten?"
"Driskal hatte zunächst einige Einwände, als die Auslieferung der Waffen verlangt wurde. Nachdem wir den Hauptschild verloren hatten, war Nirrit pausenlos im Einsatz gewesen, um die einfallenden Zorls zu töten, und mittlerweile war sie am Ende ihrer Kräfte angelangt. Als Driskal das Problem schilderte, hat dann der Anführer der Rhazaghaner zugesagt, sich mit seinen Leuten um den Schutz des Lagers zu kümmern. Sie kamen unmittelbar nach der Waffenübergabe herunter und begrüßten Nirrit überschwenglich. Der rothaarige Kommandant des Schiffes scheint ein Verwandter von ihr zu sein."
Talan lächelte. "Er war ihr Lehrer, Nilamon! Das ist auf Rhazaghan einer Verwandtschaft gleichzusetzen. Hatte Nirrit schon Gelegenheit, sich wieder zu erholen?"
"Nirrits Ruhebedürfnis war nicht so stark wie Ihres. Seit Ihrer Ankunft ist fast ein Tag verstrichen."
Talan riß die Augen auf.
"Sie haben mich einen Tag lang schlafen lassen?"
"Ich hielt das für mehr als angebracht. Die Räumung des Lagers geht bisher reibungslos vonstatten, und Driskal kümmert sich um alles. Vorhin war der rhazaghanische Kommandant hier, um nach Ihnen zu sehen, aber er hatte vollstes Verständnis dafür, daß ich Sie noch schlafen lassen wollte. Im Moment steht er zusammen mit Rilkar und Nirrit draußen. Sie spricht schon ziemlich lange mit ihm."
Talan seufzte erleichtert. Offenbar war seine Anwesenheit im Augenblick nicht vonnöten, obwohl er gern die Vorgänge draußen beobachtet hätte. Nach einer Weile warf Rilkar einen vorsichtigen Blick in den Raum, um erfreut festzustellen, daß Talan wach war. Er wandte sich zunächst an den Arzt.
"Wie geht es seinem Bein, Nilamon? Wird die Verletzung wieder ganz ausheilen?"
Der Angesprochene winkte ihn herein.
"Machen Sie sich keine Sorgen! Shadar wollte nicht das Risiko eingehen, wegen der Tötung seines ranghöchsten Offiziers zur Verantwortung gezogen zu werden. Das wäre nicht nach seinem Geschmack gewesen. Wahrscheinlich hatte er die Entladungsstärke des Disruptors auf die beinahe niedrigste Stufe eingestellt. Kommen Sie ruhig! Besuche sind ab jetzt wieder gestattet, wenn Sie mir versprechen, daß Sie nicht versuchen, ihn zum Aufstehen zu überreden."
Rilkar trat an Talan heran.
"Du bist ein verdammt hohes Risiko für uns eingegangen!" sagte er leise. "Nilamon hat mir erzählt, was passiert ist."
"Ich sah mich außerstande, dabei zuzusehen, wie er euch umbringt. Außerdem hast du anscheinend auch einiges zu meiner geglückten Flucht beigetragen. Ich hörte einen ziemlichen Aufruhr im Gefangenenlager. Gehe ich richtig in der Annahme, daß der auf dein Konto ging?"
Der Ingenieur grinste. "Da könntest du recht haben. Surin war übrigens hinterher gehörig damit beschäftigt, uns wiederherzurichten. Wir gaben einen mächtig derangierten Haufen ab. Laß dich nie dazu verleiten, mit Qo'hog eine Schlägerei anzufangen! In dem Alten steckt mehr, als man ihm ansieht."
Talan war einen Augenblick lang sprachlos.
"Willst du etwa damit sagen, daß du Prügel von ihm bezogen hast?"
"Sagen wir, daß ich es vorzog, ihm gegenüber kontrolliert zuzuschlagen. Klingonen scheinen keine solchen Hemmungen zu kennen. Jedenfalls war die Sache wohl sehr glaubhaft. Deine Leute haben nicht den geringsten Verdacht geschöpft."
"Wie ist die Stimmung jetzt unter ihnen?"
"Zwar sind sie über die Situation nicht sehr glücklich, aber Driskal hat ihnen in Aussicht gestellt, daß die Föderation sie wahrscheinlich bald nach Hause schicken wird. Außerdem ist die Erleichterung über Shadars Tod deutlich spürbar. Niemand weint ihm hier eine Träne nach, soviel steht fest."
"Ich hoffe, daß sich keiner meiner Männer zu einer Dummheit verleiten läßt. Ich möchte unter allen Umständen vermeiden, daß es noch zu einem üblen Zwischenfall kommt. Es dürfte nicht ganz einfach sein, die Lage unter Kontrolle zu halten."
Rilkar lachte. "Also da hätte ich keine Bedenken! Die Rhazaghaner haben sich bereits eine Menge Respekt bei deinen Soldaten verschafft. Bevor Nirrit sich schlafenlegte, hat sie ihren Leuten noch Instruktionen über die Zorljagd gegeben. Schließlich ist sie hier die Spezialistin dafür. Kurz darauf haben sich die Rhazaghaner mit Feuereifer daran gemacht, die einfallenden Tiere zu erlegen. Tarkin gibt in der Krallenluum einen beeindruckenden Jäger ab. Er ist fast doppelt so groß wie Nirrit in dieser Gestalt.
Im übrigen hat sich das Fehlen des Hauptschildes auch noch anders bemerkbar gemacht. Vermutlich wirkte seine Frequenz auf die Panzerköpfe in irgendeiner Art und Weise abschreckend, so daß sie von hier ferngehalten worden waren. Nach dem Zusammenbruch des Schildfeldes hatte sich dann ein Exemplar dem Lager genähert, allerdings wurde seine Witterung von zwei Rhazaghanern, die sich gerade in einer mächtigen Raubtiergestalt befanden, frühzeitig wahrgenommen. Sie kamen nach einer Weile aus dem Wald und zerrten seine Überreste hinter sich her. Nach der Sache glaube ich nicht, daß jemand von deinen Leuten daran denkt, Schwierigkeiten zu machen."
Kurz darauf trat Tarkin mit Nirrit ein.
"Ich wollte Sie nur darüber informieren, daß ich mich mit dem Oberkommando der Sternenflotte in Verbindung gesetzt habe. Sie schicken die Michail Gorbatschow unter dem Kommando von Admiral Hagman. Sie wird sich mit uns in vier Tagen treffen und Sie und Ihre Leute übernehmen. Ich versichere Ihnen, daß ich mich für Ihre problemlose Heimkehr einsetzen werde."
Der Romulaner nickte. "Ich danke Ihnen."
Tarkin, der sich in der Grundform befand, schüttelte den Kopf.
"Ich bin derjenige, der danken muß. Ich habe vorhin lange mit Nirrit und Ingenieur Rilkar gesprochen. Im übrigen sieht es ganz so aus, als müßte ich gegenüber Tybrang zugeben, daß er recht hatte. Ich war damals sehr aufgebracht gewesen, als sich durch die Witterung in der Krankenstation Ihre wahre Identität herausstellte."
Talan schwieg. Dann sah er zu Nirrit hinüber, aber über ihr Gesicht ging nur ein stilles Lächeln.
Nach dem Abflug der Narhamak holte Rilkar Tarkins Erlaubnis ein, die Funkstation der Sternschwinge benutzen zu dürfen und sendete den mit seinen Männern vereinbarten Code, der in regelmäßigen Abständen wiederholt wurde. Er mußte sich jedoch fast einen Tag lang gedulden, bis eine Reaktion darauf erfolgte. Dann bekam er von Tybrang die Nachricht, daß ihn ein Mann namens Nurak zu sprechen wünsche.
"Nurak?" rief der Ingenieur ihn an, sobald er vor der Funkstation Platz genommen hatte. "Ist alles in Ordnung bei euch?"
"Das fragst du uns?" hörte er die aufgeregte Stimme seines Werkmeisters. "Wir hatten schon geglaubt, daß dich die Leute von der CAMB erwischt hätten. Wo warst du die ganze Zeit?"
"Das erkläre ich euch lieber, wenn ihr hier seid. Ich warte am alten Treffpunkt auf euch. Wir können zurück nach Hause. Ich weiß aus sicherer Quelle, daß die CAMB einen Rückzieher gemacht hat."
"Junge, stimmt das wirklich?" schrie die Stimme Nuraks begeistert. "Ich hatte schon die Sorge, daß wir den Rest unseres Lebens in diesem Schmugglernest verbringen müssen. Zwar hat man uns gut aufgenommen, und es gibt auch genügend für uns zu tun, aber das ändert nichts daran, daß es sich bei diesen Leuten um Gesindel handelt. Jeder von uns denkt an seine Familie in der Heimat. Ich bin verdammt froh, wenn es wieder nach Cardassia geht."
"Wann könnt ihr euch aufmachen?"
"Noch heute! Ich bin schon mächtig gespannt auf die Gesichter der Mannschaft. Gib mir deine Position an! Du wirst dich wundern, wie schnell wir bei dir sind. Dein Triebwerk ist ein Prachtstück!"
"Ihr habt es ausgetestet?" fragte Rilkar fassungslos.
"Ich weiß, welche Anweisung du ausgegeben hast, aber die Versuchung war einfach zu groß. Der Energieverbrauch ist phantastisch niedrig und liegt sogar noch etwas unter den errechneten Werten. Die Leistungskapazität liegt um fast achtzehn Prozent über dem eines vergleichbaren Triebwerkes."
Rilkar schwieg einen Moment.
"Ich sollte jetzt eigentlich wütend auf euch sein, das weißt du!"
"Das ist mir klar, aber versetz dich einmal in unsere Situation! Wir mußten einfach wissen, ob sich die Arbeit der letzten zwei Jahre gelohnt hat. Nimm es uns nicht übel, Junge!"
Der Ingenieur schwieg einen Moment, während er versuchte, seine Gedanken zu sortieren.
"Ich schlage vor, ihr kommt erst einmal hierher, dann sprechen wir weiter. Es ist außerdem nötig, daß ich euch danach einige Instruktionen über eure Aussagen gebe. Ich freue mich darauf, euch hier zu sehen."
Dann schloß er den Funkkanal.
Admiral Hagman sah sich in dem großen, grünlich beleuchteten Raum um. Er war nicht gewohnt, daß man ihn warten ließ, aber man hatte ihn darüber informiert, daß der Kommandant seinen Schlaf in erfahrungsgemäß kurzer Zeit beendet haben würde. Dann würde man Schiffsführer Tarkin augenblicklich von seiner Anwesenheit unterrichten.
Hagman ging einige Schritte auf und ab. Er würde froh sein, wenn er die Möglichkeit hatte, dieses Schiff wieder zu verlassen. Zunächst hatte ihn ein Geschöpf im Transporterraum empfangen, das man normalerweise nicht an Bord eines Raumschiffes zu erwarten pflegte. Daß es ihn mit einer charmanten weiblichen Stimme angesprochen hatte, verbesserte die Sache in seinen Augen auch nicht gerade. Und als die Rhazaghani ihn zu diesem Raum führte, mußte er feststellen, daß das Innere des Schiffes wirkte, als habe man einen Zoo, ein Romulanerlager und eine interplanetarische Kneipe miteinander vermischt. Seine Begleiterin hatte ihn daraufhin über die genauen Umstände der Gefangennahme des romulanischen Regimentes unterrichtet und sich dann mit einem Hinweis auf ihre Pflichten entschuldigt.
Er seufzte und beschloß, sich in Geduld zu fassen. Während seines Herfluges hatte er sich leider nur eine Kurzinformation über Rhazaghan geben lassen. Allerdings wußte er, daß der Planet zu einem wichtigen Dilithiumlieferanten für die Föderation geworden war, daher war es angebracht, das Protokoll nicht allzu genau zu nehmen. Außerdem schienen die Vorgänge, die sich in der neutralen Zone abgespielt hatten, recht außergewöhnlich gewesen zu sein.
Kurz darauf nahm er hinter sich das Zischen der sich öffnenden Tür wahr, und er drehte sich um. Dann hielt er unwillkürlich die Luft an, als er den Blick deutlich heben mußte.
"Ich begrüße Sie an Bord unseres Schiffes, Admiral Hagman." wandte sich das dunkelrote Geschöpf freundlich an ihn. "Ich bin Tarkin. Hat Aslari Sie bereits über die Ereignisse der letzten Tage informiert?"
Der Admiral lächelte nervös.
"Sie meinen die orangebraune Dame mit den Streifen?"
Tarkin legte die Ohren nach vorn.
"Das ist Aslari."
"In dem Fall habe ich tatsächlich mit ihr gesprochen. Die ganze Sache ist wirklich bemerkenswert. Dennoch muß ich Ihnen sagen, daß ich es für sehr leichtsinnig halte, die Romulaner ohne Bewachung frei herumlaufen zu lassen. Immerhin steht zu befürchten, daß sie versuchen könnten, das Schiff zu übernehmen."
Tarkin lachte. "Darum mache ich mir keine Sorgen. Ich glaube nicht, daß die Narhamak ihnen das gestatten würde, und abgesehen von unseren Fähigkeiten haben wir keine Waffen an Bord. Außerdem möchten wir Kommandant Talan nur ungern das Gefühl geben, daß es sich bei ihm und seinen Leuten um Gefangene handelt. Schließlich hat er viel für unsere Clanschwester getan. Aus demselben Grund möchte ich Sie auch darum bitten, die Sache mit der angebrachten Diskretion abzuwickeln. Es ist äußerst wichtig, daß man auf Romulus nichts von der Handlungsweise Kommandant Talans erfährt. Zudem sollte die Repatriierung der Romulaner ohne Komplikationen vonstatten gehen."
"Nach dem, was mir geschildert worden ist, habe ich dafür vollstes Verständnis. Ich werde meinen ganzen Einfluß dafür geltend machen, daß der Kommandant keine Schwierigkeiten bekommt. Wir hatten ohnehin angenommen, daß es eine romulanische Präsenz in der neutralen Zone gibt."
"Daher rüsten Sie also neuerdings Schiffe mit neuen Langstreckensensoren aus? Ich muß Ihnen sagen, daß Rhazaghan es als Föderationsmitglied begrüßen würde, wenn man uns an den Innovationen beteiligte."
Der Admiral zögerte verlegen.
"Ich muß Ihnen gestehen, daß es sich hierbei um eine Falschmeldung handelt, die dem romulanischen Geheimdienst bewußt in die Hände gespielt wurde. Wir hatten darauf gehofft, daß Romulus auf diese Nachricht hin zumindest einige der Stützpunkte räumt."
"Wie es aussieht, hatten Sie damit Erfolg. Allerdings hätte dieser Winkelzug fast einen Massenmord verursacht. Daß es nicht dazu kam, haben Sie Talan und einigen seiner Leute zu verdanken. Schon allein darum ist ihm das Oberkommando der Sternenflotte etwas schuldig."
"Dem wird man Rechnung tragen, das versichere ich Ihnen. Wie ich hörte, ist die von Ihnen vermißte Person wohlauf?"
"Das ist richtig! Sie ist bereits auf dem Weg hierher. Sicherlich werden Sie ihr noch einige Fragen stellen wollen, nachdem die Föderation so viel Mühe in die Suche nach ihr investiert hat. Sie sind über den Fall informiert?"
"Ich weiß von der Entführungsgeschichte. Daher bin ich sehr dankbar für die Gelegenheit, die Hintergründe zu erfahren. Ehrlich gesagt hatte ich nicht mehr damit gerechnet, daß die Suche noch zu einem Erfolg führen würde. Daß Sie die Frau ausgerechnet in der neutralen Zone wiederaufgefunden haben, ist mehr als eine Überraschung."
Die Tür öffnete sich erneut, um Rilkar und Nirrit einzulassen.
"Guten Tag, Admiral Hagman!" lächelte die Rhazaghani. "Ich bin Nirrit. Darf ich Ihnen außerdem Ingenieur Rilkar vorstellen?"
Hagman hatte mit Erleichterung zur Kenntnis genommen, daß die eintretenden Personen einigermaßen menschlich aussahen. Sein Blick wanderte bei der Vorstellung zu dem Mann, der ihm gegenüberstand.
"Also Sie sind der Entführer, der uns so lange in Atem gehalten hat! Ich muß sagen, daß ich auf die Motive für Ihre Tat sehr gespannt bin."
Die junge Frau hob eine Braue.
"Admiral, ich muß Ihnen sagen, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Ingenieur Rilkar hat mich nicht entführt."
Hagmans Kopf fuhr zu ihr herum.
"Was bitte, soll das denn heißen?"
"Ich hatte ihn ausdrücklich darum gebeten, mich vom cardassianischen Institut für Xenobiologie abzuholen. Sie wissen sicher, daß man mich ohne meine Einwilligung dem diplomatischen Austauschprogramm zugeteilt hat?"
"Das ist mir bekannt. Der rhazaghanischen Protestnote wurde schon vor einiger Zeit stattgegeben."
Nirrit nickte. "Ich sah mich außerstande, gegen meinen Willen auf Cardassia zu bleiben. Ich hatte erfahren, daß Ingenieur Rilkar über ein Schiff verfügte, das binnen kurzem zu einem Testflug starten sollte. Auf meine Bitte, mich nach Rhazaghan mitzunehmen, informierte er mich darüber, daß die Tests aus Geheimhaltungsgründen in der Nähe der neutralen Zone stattfinden würden. Er steht auf Cardassia einer einflußreichen Konkurrenz gegenüber und wollte keinesfalls riskieren, daß Informationen über das neue Warptriebwerk durchsickern. Er bot mir jedoch an, mich mit dem Beiboot des Schiffes nach Rhazaghan zu bringen und seinem Schiff anschließend zu folgen."
Der Admiral starrte sie argwöhnisch an.
"Ein verdammt großzügiges Angebot!"
"Ingenieur Rilkar ist sehr hilfsbereit." erklärte sie und lächelte. "Ich muß natürlich gestehen, daß er nichts davon wußte, daß ich noch keine Freigabe hatte, Cardassia zu verlassen."
"Und wie gerieten Sie nun in die neutrale Zone?"
"Während unseres Fluges nach Rhazaghan riß der Funkkontakt zu dem Testschiff ab. Sie werden sicher verstehen, daß mein Begleiter sehr besorgt darauf reagierte. Ich stimmte mit ihm überein, daß die Suche nach seinen Leuten erste Priorität hatte. Daher nahmen wir Kurs in Richtung neutrale Zone, wo dann der Navigationscomputer ausfiel. Wir bemerkten daher nicht, daß wir das Föderationsgebiet verlassen hatten und wurden schließlich von romulanischen Maschinen dort abgeschossen, wo man uns letztendlich fand."
Der mißtrauische Blick Hagmans glitt zurück zu Rilkar.
"Und was war mit Ihrem Schiff passiert? Ich gehe ja wohl richtig in der Annahme, daß das da draußen Ihr Schiff ist! Ihr Chefingenieur hatte sich bei unserer Ankunft mit dem meinen in Verbindung gesetzt und ihm geradezu schadenfroh seine Energieverbrauchswerte genannt. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, daß diese Angaben der Wirklichkeit entsprechen. Um das zu erreichen, hätten Sie es schaffen müssen, den transitorialen Schwellenwert zu unterschreiten."
"Das ist korrekt!" erwiderte Rilkar ruhig. "Genau das wird durch meinen Antrieb möglich gemacht. Leider darf ich Ihnen keine Einzelheiten nennen, ohne cardassianisches Recht zu brechen. Sie müßten sich dafür an meine Regierung wenden."
"Was ich tun werde, darauf können Sie sich verlassen! Unsere besten Ingenieure suchen seit Jahrzehnten nach der Lösung dieses Problems. Glauben Sie, Ihre Regierung wäre bei dem Projekt zu einer Zusammenarbeit bereit?"
"Dazu kann ich keine Prognosen abgeben. Aber bei den augenblicklichen guten Beziehungen wäre es immerhin möglich."
"Gut, es sollte mich freuen, wenn es zu einer Einigung käme. Aber nun zurück zu Ihrem Schiff! Was war geschehen?"
"Die ursprünglichen Navigationsschilde der Sorong hatten der Belastung der hohen Warpgeschwindigkeiten nicht standgehalten. Sie erhielt einen schweren Meteoritentreffer, der unter anderem auch die Funkanlage zerstörte. Meine Männer waren gezwungen, auf einem Planeten notzulanden. Mit den Sensoren der Narhamak konnten sie jedoch vorgestern geortet und das Schiff mit Hilfe der fehlenden Ersatzteile wieder flugtüchtig gemacht werden."
Der Admiral blickte nochmals zu Nirrit.
"Und Sie verlangen von mir, daß ich Ihnen das alles glaube?"
Nirrit breitete die Arme aus. "Ich bitte Sie, ich muß es doch wissen! Wer ist denn hier die angeblich Entführte. Wenn das alles war, würde ich Sie übrigens bitten, uns zu entschuldigen. Wir würden uns noch gern in Ruhe von Kommandant Talan verabschieden. Er wartet in der Sporthalle auf uns."
Als die beiden gegangen waren, schüttelte Hagman den Kopf.
"Ich habe das Gefühl, daß die junge Dame allerhand verschwiegen hat. Allerdings bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als mich mit ihren Aussagen zufriedenzugeben. Ich muß Ihnen aber sagen, daß sie Schwierigkeiten bekommen wird, denn Protestnote oder nicht, sie hätte niemals ohne Erlaubnis ihren Posten verlassen dürfen."
Tarkin beugte den mächtigen Schädel zu ihm herunter und legte ihn leicht schräg.
"Lassen Sie mich bei der Gelegenheit eine Frage stellen: Glauben Sie, daß die Föderation auch weiterhin an rhazaghanischem Dilithium interessiert ist?"
"Was wollen Sie damit sagen?"
"Wie Sie möglicherweise wissen, wurden bei dem Beitritt Rhazaghans zur Föderation die Gegenstimmen einiger Clans laut. Aber die Vari, die die Vorreiterrolle im Aufstand gegen die Cardassianer einnahmen, haben diese dann überzeugen können. Inzwischen ist unser Planet dazu imstande, sich selbst zu verteidigen. Was glauben Sie, was geschehen würde, wenn sich unser Clan für einen Austritt stark machte? Wären Sie bereit, es ausprobieren zu wollen?"
Der Admiral stöhnte. "Nein, keinesfalls! Ich wüßte niemanden, der das wäre. Aber wären Sie tatsächlich nur wegen einer einzigen Person bereit, die Mitgliedschaft aufzugeben?"
Tarkin legte die Ohren nach vorn.
"Der Einzelne gilt viel bei uns!" antwortete er bedeutungsvoll, und sein Gesicht schien zu lächeln.
EPILOG
Rilkar blickte auf seinen Bildschirm und beobachtete, wie sein Reiseziel von einer flachen Scheibe zu einer blaugrünen gewölbten Kugel anwuchs, deren Oberfläche teilweise unter weißen Wolkenschichten verborgen lag. Ein Blick auf die Sensoren genügte, um festzustellen, daß es eine große Präsenz von Raumschiffen im Orbit des Planeten gab. Wenig später dann erkannte der Ingenieur eine Formation von drei Sternschwingen, die sich ihm näherte. Eine davon scherte aus dem Verband aus und bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zu, um unmittelbar vor ihm im Raum stehenzubleiben, was ihn dazu bewog, sein kleines Schiff abzubremsen. Gleich darauf wurde er angefunkt.
"Ich bin die Strandvogel!" hörte er eine Stimme, anhand derer er normalerweise Schwierigkeiten gehabt hätte, das Geschlecht ihres Eigentümers einzuschätzen. "Ich möchte den Namen dieses Schiffes sowie seines Piloten erfahren."
Rilkar warf einen Blick auf die Konturen der Sternschwinge, die in ihrem Äußeren leicht von der Narhamak abwich. Die Schwingen waren stärker ausgebreitet, und es gab Unterschiede, wie man sie sonst bei verschiedenen Vogelarten antraf.
"Die Nilamon!" antwortete er. "Ich bin Ingenieur Rilkar von Cardassia Prime und beabsichtige, den Vari einen Besuch abzustatten. Ich hatte mein Kommen bereits angekündigt."
Das Schiff vor ihm schwieg einen Moment, um sich kurz darauf wieder zu melden.
"Man hat mir Ihre Angaben bestätigt. Der Vari-Hangar wird Ihnen einen Leitstrahl senden. Guten Anflug!"
Das Schiff drehte ab, um wieder mit den zwei übrigen eine Formation zu bilden. Gleich darauf wurde die angekündigte Anflughilfe gesendet. Als Rilkar sich dem Planeten so weit angenähert hatte, daß seine Sicht bereits von der Wolkendecke behindert wurde, meldete sich eine Stimme, die definitiv weiblicher Natur war.
"Dies ist der Hangar der Vari. Deaktivieren Sie bitte Ihr Triebwerk! Wir holen Sie mit Hilfe eines Trägerstrahls herein."
Der Ingenieur gehorchte, und sofort zeigte eine leichte Erschütterung an, daß man ihn erfaßt hatte. Bald hatte er sich dem Planeten soweit genähert, daß er erkennen konnte, wie unter ihm unvermittelt ein großes Stück der von Vegetation bedeckten Oberfläche angehoben wurde, sich teilte und zur Seite glitt, um eine riesige Öffnung von länglicher Form im Boden freizugeben. Er passierte sie mit Hilfe des Trägerstrahls, und Rilkar war sicher, daß auch weitaus größere Schiffe keine Probleme haben würden, auf diese Weise in den Hangar zu gelangen.
Wenig später setzte er auf und verließ sein Schiff, um sich in der gewaltigsten Halle umzusehen, die er jemals betreten hatte. An Decke, Boden und Wänden bemühten sich zahlreiche Scheinwerfer, das Dunkel zu durchdringen, und vermittelten den Eindruck, als wären sie unendlich weit entfernt. Ein junger Mann hielt auf den Ingenieur zu und begrüßte ihn freundlich.
"Herzlich willkommen auf Rhazaghan, Ingenieur Rilkar! Ich bin Laraskir. Nirrit hatte mir von Ihrem Besuch erzählt. Aber sie rechnete eigentlich erst in zwei Tagen mit Ihnen."
Rilkar nickte. "Ich weiß, aber ich habe meine Reise ausgenutzt, um das Triebwerk meines Schiffes zu testen, daher bin ich etwas zu früh. Ich hoffe, daß dieser Umstand keine Probleme verursacht."
"Aber keineswegs! Allerdings ist Nirrit gerade auf einem Lehrausflug. Es macht Ihnen doch nichts aus, im Habitat ihre Rückkehr abzuwarten?"
"Wenn sie im Moment nicht hier ist, werde ich die Gelegenheit nutzen, mir Ihre Wohnstätte anzusehen. Ich habe schon viel darüber gehört."
Laraskir nickte, und beide begannen, die Kaverne der Länge nach zu durchwandern. Der Weg vor ihnen wurde von zusätzlichen Lampen erhellt, denn hier unten konnte aufgrund der ungeheuren Größe des Saales nie mehr als ein schwaches Dämmerlicht herrschen.
Rilkar konnte erkennen, daß weit, weit oben an der Decke des riesigen Gewölbes Platz für drei Raumschiffe geschaffen worden war. An dem ersten davon hing schattenhaft an mächtigen Andockklammern eine etwas kleinere Sternschwinge. Als die beiden Männer etwas später unter der zweiten Parkposition durchschritten, sah der Ingenieur, daß sie leer war.
"Die Narhamak hat noch drei Tage Dienst im Orbit." erklärte Laraskir im Weitergehen. "Für Tarkin heißt das, daß er sich vermutlich irgendwo in diesem Sonnensystem aufhält. Und auch das ist zu klein für ihn." fügte er lächelnd hinzu.
Der Ingenieur schmunzelte. Er hatte an Bord der Narhamak einen gewissen Einblick in das Wesen ihres Kommandanten bekommen und konnte sich vorstellen, daß Tarkin es als einengend empfand, sich auf die bloße Umkreisung des Planeten zu beschränken. Kurz darauf fiel sein Blick auf die letzte Parkposition und er bleib stehen.
Er legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die gewaltigen Schwingen, die sich hoch oben wölbten. Nichts an ihnen erinnerte noch an die einstige Galor-Klasse. Zahlreiche Lichter zeigten Tätigkeit im Inneren des Schiffes an.
"Ist sie das?" fragte Rilkar mit unwillkürlich gedämpfter Stimme.
Sein Begleiter, der seinem Blick gefolgt war, nickte.
"Die Arrhinia D'jah!" antwortete er ebenso leise. "Das Schiff des Anfangs! Sie wird ständig auf aktuellem technischen Stand gehalten."
Einige Zeit später hatten beide mit Hilfe eines Liftes die Oberfläche erreicht. Laraskir führte den Ingenieur durch ein Wäldchen mit aufgelockertem Bewuchs, während die Sonne allmählich durch die Wolkendecke brach und ein grünliches Licht zwischen der Vegetation schuf. Die hohe Schwerkraft des Planeten hatte Rilkar sofort bei seiner Ankunft gespürt. Allerdings störte sie ihn nicht, sondern erschien ihm auf eine gewisse Weise angemessen.
Der junge Rhazaghaner warf einen neugierigen Blick auf Rilkars Handgelenke.
"Das sind ungewöhnliche Schmuckstücke! Werden Sie von ihnen nicht behindert?"
Der Ingenieur lächelte. "Nein, sie schaffen keine Probleme, daher nehme ich sie nur selten ab. Sie stellen für mich die Erinnerung an eine sehr interessante Zeit dar. Vielleicht erzählt Nirrit Ihnen irgendwann einmal davon."
Gleich darauf teilte sich die Vegetation und gab den Blick auf das Habitat frei. Beeindruckt blieb Rilkar stehen. Die Vari hatten für ihre neue Wohnstätte den Auslaß eines hochgelegenen Sees als Errichtungsort gewählt. Ihr Aussehen entsprach einer riesigen, in sich gewundenen Molluskenschale, die sich zur Spitze hin verjüngte. Wasser strömte brausend durch den unteren Teil der Mündung, um als Fluß die Reise durch die grüne Ebene aufzunehmen.
Rings um den turmartigen Bau konnte Rilkar Plattformen und Aussichtsterrassen erkennen, die sich überall um das Habitat zogen und zum Teil sogar mit niedrigen Bäumen und Sträuchern bepflanzt waren. Als der Ingenieur seine Augen vor der Sonne abschirmte, um zur Spitze zu blicken, konnte er sehen, daß diese von Geschöpfen umkreist wurde, die man normalerweise für sehr große Vögel gehalten hätte. Allerdings wußte er, daß dieser Eindruck täuschte.
Er wandte sich an seinen Begleiter.
"Sie nutzen Wasserkraft?"
"Das ist richtig! Sie stellt für uns eine gute Möglichkeit zur Stromversorgung dar, auch wenn es bei uns auch andere Formen der Energiegewinnung gibt. Der cardassianischen Einfall hat bei uns sehr wohl einiges geändert."
Später brachte Laraskir den Ingenieur auf eine der Terrassen, die einen Ausblick über die Ebene boten. Rilkar war kaum ins Freie getreten, als er aus dem Augenwickel eine Annäherung aus der Luft wahrnahm. Reflexartig griff er nach dem Gegenstand, um festzustellen, daß es sich um ein riesiges, wie gefaltet wirkendes Blatt handelte, das in seiner Form einem Gleiter ähnlich war. Er drehte es um und bemerkte, daß an der Unterseite ein kleines Pflänzchen hing.
"Woher kommt das?" fragte er Laraskir verblüfft.
Der deutete zum Horizont.
"Von dem Darji dort hinten. Er schickt in dieser Jahreszeit die Windkinder auf die Reise."
Rilkar lenkte seinen Blick in die angegebene Richtung. Dort, weit hinten auf der Ebene, erhob sich ein Baum, dessen Konturen leicht im Dunst verschwammen und dadurch eine Vorstellung von seiner Größe vermittelten. Er hatte seine mächtige Krone weit über das Land ausgebreitet und vermittelte den Eindruck von Kraft und Erhabenheit.
"Es wundert mich, daß es einer Baumart bei der hohen Schwerkraft gelingt, diese Größe zu erreichen." bemerkte der Ingenieur erstaunt.
Laraskir zuckte die Achseln.
"Der Darji weiß, was er tut. Ab einem bestimmten Alter setzen diese Bäume in ihrem Inneren ein Enzym frei und erlauben es dadurch einer symbiotischen Bakterienart, ihren Stamm auszuhöhlen. Der Prozeß ist so gesteuert, daß in regelmäßigen Abständen schmale Bereiche stehenbleiben. Auf diese Weise haben die Darjis nur ein geringes Gewicht, allerdings eine hohe Stabilität. Manchmal brechen allerdings sehr alte Exemplare im Sturm zusammen, daher dulden wir sie nicht in der Nähe unserer Habitate."
Rilkar blickte noch einen Moment schweigend auf den Baumriesen am Horizont, dann wandte er sich ab, um sich den anwesenden Rhazaghanern vorstellen zu lassen.
Der Ingenieur mußte die vollen zwei Tage abwarten, bis Nirrit von dem Lehrausflug zurückkehrte. Erst dann sah er von einer der tiefergelegenen Terrassen aus zwei Gestalten, die sich über die Ebene auf das Habitat zubewegten. Beide befanden sich in der Steppenluum, wobei die eine in einer Farbe dunklen Bernsteins glänzte, während die deutlich kleinere hauptsächlich Rotbraun gefärbt war. Rilkar erhob sich, verließ die Wohnstätte und ging ihnen entgegen.
Als Nirrit ihn bemerkte, stutzte sie einen Augenblick, dann warf sie ihre Beute, die sie auf dem Rücken trug, auf den Boden und kam ihm freudig entgegengeeilt. Noch im Laufen wechselte sie in die Grundform.
"Sie sind schon da!" rief sie mit leuchtenden Augen. "Ich hatte noch nicht mit Ihnen gerechnet."
"Ich habe das neu eingebaute Triebwerk der Nilamon ausgeflogen." lächelte der Ingenieur. "Das gab mir die Gelegenheit, einige interessante Gespräche mit den Schiffsbauern des Clans zu führen. Ich brauchte mich über einen Mangel an Gesellschaft nicht zu beklagen."
"Sie haben Ihr kleines Schiff nach dem Lagerarzt benannt? Ich hätte eher auf den Namen Talan getippt."
"Wir haben die Sorong umgetauft." erwiderte er. "Es ist ein guter Name für ein schnelles und elegantes Schiff. Wie macht sie sich, Tybrang?" rief er Nirrits Begleiter zu, der inzwischen mit der Beute herangekommen war.
"Nirrit lernt schnell, wenn man nur ein bißchen Geduld investiert." antwortete dieser. "Ich denke, es wird nicht mehr allzulange dauern, bis sie die Rückstände aufgeholt hat. Unter den gewesenen Umständen hatten sich ihre Fähigkeiten einfach nicht weiterentwickeln können."
Rilkar ging neben Nirrit her.
"Ich habe gehört, daß Sie sich entschlossen haben, auf Rhazaghan zu bleiben."
"Das stimmt! Man hätte mir beim Wissenschaftsdienst der Sternenflotte goldene Brücken gebaut, aber ich habe in der neutralen Zone erkannt, daß ich nicht den Wunsch habe, dauerhaft meine Natur zu unterdrücken. Inzwischen sind auch zwei andere Rhazaghaner zurückgekehrt. Unser Planet wird allerdings in absehbarer Zeit Schiffe für eigene Forschungsexpeditionen ausrüsten. Wie ist es Ihnen auf Cardassia ergangen?"
"Die Anklage wegen Entführung hatte man ja dank Ihrer Aussage fallengelassen. Die Nachfrage von Admiral Hagman nach meinem Triebwerk hat mir dann einen Regierungsauftrag eingebracht. Allerdings zog man es vor, die Bitte der Föderation um Beteiligung an dem Projekt höflich aber bestimmt abzulehnen. Im Moment rüsten wir die ersten Testschiffe der Regierung aus und werden bald noch mehr Leute brauchen. Ich habe Mutub, Soto und Knut eingestellt. Alle drei verstehen einiges von Raumschiffen und ich freue mich, daß sie sich entschieden haben, zu bleiben. Knut meint, wenn er es fertiggebracht hätte, unter Romulanern zu leben, könnte er auch einen Planeten voller Cardassianer ertragen."
Nirrit lachte. "Das klingt nach Knut! Hat Ihnen die CAMB eigentlich noch Schwierigkeiten gemacht?"
"Sie hat es vorgezogen, keine weiteren Aktivitäten gegen mich zu starten. Allerdings wurde mir eine deutliche Warnung zugespielt, in der man mir riet, über die Begebenheiten damals zu schweigen. Ich sehe in der Tat auch keinen Sinn darin, mich anders zu verhalten. Was Raskh angeht: Er ist noch immer bei der Regierung. Ihre Leute haben wie versprochen seine Rolle in der Affäre nicht erwähnt. Er war keineswegs begeistert, als ich ihn aufsuchte, aber inzwischen haben sich die Wogen einigermaßen geglättet."
Ihre Unterhaltung fortsetzend gingen sie nebeneinander her, bis sie das Habitat erreicht hatten. Auf einer der Aussichtsterrassen angekommen, beschloß Rilkar dann, nicht länger mit seiner Überraschung zu warten.
"Talan hat mir übrigens über ziemlich verwegene Kanäle Nachrichten geschickt."
Sie fuhr herum und starrte ihn an.
"Sie wissen etwas über Talan? Wie geht es ihm? Ist seine Heimkehr gut vonstatten gegangen?"
"Admiral Hagman hat Wort gehalten und dafür gesorgt, daß die Repatriierung Talans sowie seiner Leute ohne großes Aufsehen vonstatten ging. Natürlich gab es nach ihrer Rückkehr eine Untersuchung der Vorgänge. Talan hat es aus Vorsichtsgründen vermieden, die wahren Hintergründe beim Namen zu nennen und mir stattdessen den kompletten Bericht über das Verfahren geschickt. Darin kommt man zu der Ansicht, daß das Regiment sowie seine Führungsoffiziere keine Schuld an der Entdeckung des Lagers trifft. Man hat festgestellt, daß eine Beschwerde Talans über die mangelhafte Versorgung mit Ersatzteilen vorlag. Außerdem fand ein technischer Bericht Velkats über den Zustand des Schildgenerators besondere Aufmerksamkeit.
Schließlich kam man zu der Überzeugung, daß eine verzögerte Bearbeitung der Anträge durch die Behörden die Schuld an dem Vorfall trug und beantragte, dort ein paar Köpfe rollen zu lassen. Die Schilderung der vermeintlichen Umstände von Shadars Tod hat man lediglich zur Kenntnis genommen. Mit Sicherheit war man erleichtert, ihn auf so einfache Art und Weise losgeworden zu sein. Sollten einige von den Soldaten die Wahrheit ahnen, so bin ich sicher, daß sie darüber nichts verlautbaren lassen. Shadars Regiment versteht es, zu schweigen.
Als man den Fall zu den Akten gelegt hatte, entschloß man sich, Talan zu Shadars Nachfolger zu machen, wie es wohl auch von einigen Stellen geplant gewesen war. Er ist ein fähiger Offizier und versteht es, sich Achtung zu verschaffen. Ich könnte mir gut vorstellen, daß eine steile Karriere vor ihm liegt. Er ist jetzt mit seinem Regiment auf Romulus stationiert, was ich nach dem, was er und seine Leute durchgemacht haben, nur angemessen finde. Für Sie hat er übrigens eine handschriftliche Nachricht mitgeschickt."
"Ich freue mich darauf, sie zu lesen. Ich denke viel an ihn. Wußten Sie, daß er mir an Bord der Narhamak einen romulanischen Trikorder geschenkt hat?"
"Er hatte von dem Gerät gesprochen, war aber nicht ganz sicher gewesen, ob Sie nicht vielleicht Probleme damit haben würden."
"Die romulanischen Einheiten waren zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber inzwischen komme ich damit zurecht. Glauben Sie, daß Sie auf dem gleichen Weg ebenfalls eine Nachricht durchbekommen?"
"Ich denke schon! Sie können mir Ihre Botschaft an ihn mitgeben. Ich finde es immer noch bedauerlich, daß es keine Möglichkeit gibt, ihn zu sehen."
Nirrit lachte. "Wer weiß! Seitdem die Narhamak vor der romulanischen Grenze haltgemacht hat, liegt Tarkin unseren Schiffsbauern mit der Forderung nach einer Tarnvorrichtung in den Ohren. Außerdem ärgert es ihn, daß er keine Gelegenheit mehr hatte, sich mit Talan zu messen. Er wird mit Sicherheit die nächsten Tage an Sie herantreten."
"Es wird mir ein Vergnügen sein, für Talan einzuspringen." antwortete er.
Da Rilkar inzwischen die rhazaghanische Art kannte, an ein bestimmtes Thema heranzugehen, beschloß er, eine Frage an sie zu richten.
"Haben Sie eigentlich wieder einen Reifungspartner gewählt?"
Nirrit sah ihn neugierig an.
"Tarkin hat mir bereits mehrere Kandidaten vorgeschlagen, aber ich habe sie alle abgelehnt. Er war ziemlich verärgert deswegen und meinte, der Aufenthalt in der neutralen Zone hätte meinen rhazaghanischen Geschmack verdorben. Wie wäre es mit Ihnen?"
"Fragen Sie das nicht zu laut, sonst sage ich noch ja!"
"Überlegen Sie es sich! Es ist mir absolut ernst damit. Außerdem sagte Talan einmal, daß es auch für Personen ohne Wechselfähigkeit Aufgaben auf Rhazaghan gibt, und er hat recht. Wir können immer fähige Schiffsbauer gebrauchen. Sollten sich die politischen Verhältnisse also irgendwann wieder bei Ihnen ändern, wissen Sie, wo Sie mit Ihren Leuten hingehen können."
Er sah ihr lange in die Augen, dann merkte er, daß es angefangen hatte, zu regnen.
"Komm mit hinein!" forderte Nirrit ihn auf. "Ich würde jetzt gern Talans Nachricht lesen und mich danach etwas schlafen legen."
Rilkar schickte sich an, ihr nach drinnen zu folgen, doch an der Terrassentür zögerte er noch einen kurzen Moment. Er konnte nicht anders, als sich noch einmal umzudrehen und einen Blick zum Horizont zu werfen. Weit draußen hinter Regenschleiern erhob sich in verschwommener Pracht der Darji und schickte seine Windkinder auf die Reise.
Ende
ANMERKUNG FÜR NICHT-DEEP-SPACE-NINE-SEHER
Etwa ein Vierteljahr später kommt es auf Cardassia zu einem Umsturz. Gul Dukat reißt die Macht an sich und führt die Cardassianer an der Seite der Jem'Hadar-Krieger des Dominion in einen Krieg gegen die Föderation. Später gelingt es Captain Benjamin Sisco, Kommandant der Raumstation Deep Space Nine, die Romulaner auf die Seite der Föderation zu ziehen.
Was unter diesen Umständen ein friedliebender Halbcardassianer unternimmt, der ein schnelles Schiff besitzt und einen Ort weiß, an dem man ihn willkommen heißen wird, überlasse ich Eurer Phantasie...
Ende
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