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Verkaufende auf Risa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13 Verkaufende auf Risa© by Dreher, G. ()
Der steinige, schneebedeckte Hang war nicht unbedingt das, was man als ideales Gelände für eine Steppenluum bezeichnet hätte, und so wäre es eigentlich angebracht gewesen, zumindest den Tagesanbruch abzuwarten. Als Tybrang jedoch gegen Morgen erwachte, hatte er das Gefühl, daß ihn keine Macht der Welt noch länger im Habitat halten konnte. Voller Ungeduld und Freude wechselte er die Gestalt; dann ließ er seine heimatliche Wohnstätte hinter sich, um ihre summende Betriebsamkeit gegen die feierliche Stille der Bergwelt einzutauschen. Der Rhazaghaner hatte die erste Anhöhe schon fast erklommen, als ihn ein entfernter Ruf noch einmal zurückhielt. Tybrang drehte sich um und schaute zurück auf das Meer von Lichtern, die funkelnd die Silhouette des Habitates übersäten. Weit unten hob sich eine winkende Gestalt vor dem warm leuchtenden Eingangstor des kristallförmigen Bauwerkes ab, und der Numa wußte, daß ihm sein ältester Berater seine guten Wünsche nachschickte. Tybrang sandte einen hellen Jagdruf zu Dylas hinunter, dann wandte er sich ab und stieg weiter hinauf in die Berge. Es war bereits im Spätsommer gewesen, als die ersten Kadaverüberreste gefunden wurden, und Tybrang hatte sofort begriffen, daß sich Ärger ankündigte. Skriede ähnelten großen schlanken Tirsten; wie diese waren sie kluge und schneidige zweibeinige Räuber, besaßen jedoch längere, mit Greifklauen bewehrte Vorderbeine, die sie zu geschickten Kletterern machten. Hinzu kam, daß sie ansehnliche Rudel bildeten, während sich ihre Vettern auf der Ebene nur selten einmal zu Gruppen von zwei oder drei Tieren zusammenschlossen. Von einem Rudel Skriede ging eine erhebliche Gefahr aus, und Tybrang, in dessen Habitat mittlerweile auch viele Heranwachsende lebten, entsandte zwei starke Jagdtrupps zu seiner Bekämpfung. Nur wenig später hatte man die räuberischen Eindringlinge versprengt, einen Teil der Tiere erlegt, die übrigen aus dem Clangebiet vertrieben. Kein Clanführer Rhazaghans war bereit, sich mit der Anwesenheit eines Skriedrudels zu arrangieren. Tybrang hatte die Sache für erledigt gehalten, bis dann am Vortag die Nachricht eintraf, ein gutes Stück weiter östlich läge der Kadaver eines Kajas im Schnee. Ein Kadaver, der ganz eindeutig von einem Skried angefressen worden war. Einer der Räuber war zurückgekehrt, und man konnte sich leicht vorstellen, was geschah, wenn es sich um ein befruchtetes Weibchen handelte. Bereits im Herbst kommenden Jahres würde man wieder vor dem alten Problem stehen. Während der Diskussion hatte Tybrang deutlich gespürt, daß er Bewegung brauchte, und deshalb hatte er die Jagd auf den Eindringling energisch für sich gefordert. Erwartungsgemäß wurden keine nennenswerten Einwände vorgebracht. Für einen Rhazaghaner in voller Luumreife war ein Skried ein achtbarer, doch kein lebensgefährlicher Gegner, darum hatten die Berater keine Bedenken gehabt, ihrem Clanführer die Jagd auf das unerwünschte Geschöpf zu gönnen. Tybrangs nächster Weg führte ihn in das neue Computerarchiv der Numa, wo sich bereits eine beachtliche Sammlung von Jagderzählungen befand. Nachdem sich der Rhazaghaner das erforderliche Wissen angeeignet hatte, begab er sich früh zur Ruhe, um noch vor dem ersten Tageslicht aufzubrechen. Tybrang hatte den Ehrgeiz, so lange wie möglich die Steppenluum beizubehalten und erst ein Stück weiter oben zu wechseln. Er sah es als willkommene Übung an, einen Teil des Aufstiegs unter erschwerten Bedingungen zu bewältigen, ganz davon abgesehen, daß ihm der Aufenthalt in der Steppenluum immer noch eine Menge Spaß bereitete. Auf den hochgelegenen Schneefeldern würde er dann auf das geringere Gewicht und die breiten Pranken der Krallenluum zurückgreifen.
Es war bereits Vormittag, ein dunkler Schneehimmel stand über den Bergen, als Tybrang es das erste Mal spürte. Er hielt an und blickte irritiert um sich, doch zwischen den verschneiten Hängen und Felsspalten zeigte sich nirgendwo ein lebendes Geschöpf. Der Rhazaghaner bleib eine Weile stehen, lauschte und witterte in die winterliche Stille, um sich dann wieder in Bewegung zu setzen. Dennoch glaubte er fast sicher, mehrere Momente lang etwas wahrgenommen zu haben, eine Präsenz, die ihn wachsam betrachtete und beobachtete. Gleich darauf schlug Tybrang ein schärferes Tempo an, und der seltsame Eindruck verging. Als der Numa die Schneefelder erreichte, wechselte er in die Krallenluum, wie er es beabsichtigt hatte. Kurz nach Mittag stieß er dann auf die gefrorenen Überreste des Kajas, von dem ihm seine Jäger berichtet hatten. Es schneite mittlerweile, doch der Skried hatte seine Beute vorsorglich in den Windschatten der Felsen gezerrt, und Tybrang erkannte auf den ersten Blick, daß er vor nicht allzu langer Zeit zu seinem Riß zurückgekehrt war. Eine Überprüfung in der Zahnluum brachte den Numa zu der Einschätzung, daß der letzte Besuch etwa einen halben Tag zurücklag. Natürlich würde es ihm möglich sein, die bereits stark zugeschneite Spur zu verfolgen, aber es würde eine recht zeitraubende Angelegenheit werden. Der Rhazaghaner überlegte. Wahrscheinlich suchte das Raubtier zwischen den Mahlzeiten einen Unterschlupf auf, einen Platz, der ihm Schutz vor Schnee und Wind gewährte. Mittlerweile kannte der Clanführer das Numa-Gebiet ziemlich gut, und darum wußte er einige Stellen in der Umgebung, bei denen sich eine Stichprobe lohnen mochte. Allerdings galt es vorsichtig zu sein, um das Raubtier nicht frühzeitig zu warnen. Er wandte sich von den Überresten des Kajas ab - und im nächsten Moment kehrte es zurück: Das Gefühl, daß irgend etwas anwesend war, etwas Lebendiges, das seinen scharfen Blick auf ihn gerichtet hielt. Tybrang pflegte seinen Instinkten zu vertrauen, und in diesem Moment hatte er die deutliche Empfindung, die Gegenwart eines klugen und verschlagenen Geistes in der Nähe wahrzunehmen. Voller Unruhe starrte er hinaus in das Schneegestöber, strengte noch einmal sämtliche Sinne an, doch vergeblich. Was es dort draußen auch geben mochte, er schaffte es nicht, es auszumachen. Als er sich schließlich wieder aufmachte, gewann er erneut den Eindruck, seinen Beobachter hinter sich zu lassen, und so beschloß er, vorerst abzuwarten. Noch fühlte er sich nicht bedroht, und zudem war er absolut nicht gewillt, seine Jagd einfach abzubrechen. Nur etwas später untersuchte er sorgsam Felsspalten und Streifen dornigen Gestrüpps, bis ihm schließlich der Wind einen Hauch der gesuchten Witterung in die Nase wehte. Etwas später hatte er sich so weit seinem Ziel angenähert, daß er einen Blick auf sein Jagdziel werfen konnte. Der Skried befand sich in einem kleinen Taleinschnitt, wo er sich inmitten einer Ansammlung von Strauchwerk niedergelassen hatte. Regungslos, den schlanken Hals eingezogen, hockte der Räuber im Schnee und schien zu dösen. Vorsichtig arbeitete sich Tybrang näher heran, bis er Einzelheiten des grauweißen Gefiederpelzes ausmachen konnte. Er erblickte nun das erste Mal ein solches Geschöpf in Wirklichkeit und stellte dabei voller Staunen fest, wie vorzüglich es durch sein Federkleid getarnt war. Hätte ihm nicht sein Geruchssinn den Weg gewiesen, wäre ihm die Anwesenheit des Tieres mit Sicherheit entgangen. Nachdenklich blickte der Rhazaghaner die nahe Felswand hinauf. Wenn es dem Skried gelang, sie noch vor ihm zu erreichen, würde es bedeuten, daß er seine Jagd an anderer Stelle von neuem beginnen mußte. Die Zahnluum mochte groß und stark sein, aber sie war kein Kletterer. Eine Krallenluum hingegen war zwar in der Lage, dem Raubtier in die Wand zu folgen, doch das würde bedeuten, sich ihm gegenüber in einen hoffnungslosen Nachteil zu begeben. Niemand erlegte einen Skried in der Krallenluum, obwohl Tybrang einen Jäger kannte, der sehr wahrscheinlich einmal dazu in der Lage gewesen war. Der Angriff des Rhazaghaners erfolgte vollkommen überraschend für den Räuber. Zwar war er blitzschnell auf den Beinen, doch als er sich der rettenden Felswand zuwandte, fand er den Weg bereits von seinem Gegner versperrt. In wütender Verzweiflung stieß das Tier einen gellenden Schrei aus, aber darauf war der Numa vorbereitet. Ihm war bekannt, daß Skriede ihre Beute mit Hilfe ihrer Stimme zu paralysieren suchten, und so hatte er vorsorglich die Ohren flach an den Kopf gelegt. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, stürmte er auf den Räuber los. Das Raubtier erkannte, daß ihm keine Fluchtmöglichkeit mehr blieb und griff an. Tybrang sah die gelben Augen funkeln, der lange Hals reckte sich vor und ein Rachen voller Reißzähne öffnete sich, doch der Rhazaghaner wich nicht zur Seite. Er nahm den Biß in seinen dicht bepelzten Nacken in Kauf, sprang vorwärts und schlug dem Räuber mit einem einzigen mächtigen Hieb seiner Pranke die Beine unter dem Körper weg. Das stürzende Tier schlug wild um sich, Schnee stob auf, als der Numa auch schon zupackte. Ein Knirschen von Halswirbeln wurde hörbar, dann kehrte Ruhe ein. Tybrang wechselte in die Grundform und schaute auf das Skriedweibchen, das mit gebrochenem Genick vor seinen Füßen lag. Langsam bückte er sich und strich mit der Hand über den herrlichen Federpelz. Skriede waren das schönste, was die Welt der Südbarriere zu bieten hatte, soviel stand für ihn fest.
Und dann war es wieder da: Das Wissen um die Gegenwart des anderen. Diesmal war Tybrang ganz sicher, daß er nur aufblicken mußte, um seinen Verfolger zu sehen. Langsam hob er den Kopf, blinzelte durch den Schnee hinauf zur Felswand - um dort zwei scharfen Augen zu begegnen. Sie gehörten Aryshtin. Die Rhazaghani blickte ruhig und bedächtig auf ihn herab. Im nächsten Augenblick sah Tybrang fassungslos, wie ein sonderbares, fast höhnisches Grinsen über ihr Gesicht glitt, ein Grinsen, das fremd und ihm dennoch vertraut war. Was Tybrang allerdings bestürzte, war der Umstand, es auf Aryshtins Zügen wiederzufinden. "Wird auch langsam Zeit, daß du mich entdeckst." kam es herablassend von seiner Beraterin. "Verdammt mäßige Leistung, würde ich sagen. Sieht wohl ganz so aus, als wärst du nicht mehr so vorsichtig wie damals." Der Rhazaghaner starrte stumm nach oben. Er brachte nicht ein einziges Wort heraus, es war, als hätten sich kalte Hände um seinen Hals gelegt. Während er noch bewegungslos dastand, erhob sich ein scharfer Wind, pfiff über Sträucher und Felsvorsprünge und trieb Schnee in sein Gesicht. Unwillkürlich hob er die Hand und fuhr sich über die Augen. Als Tybrang gleich darauf wieder aufblickte, war Aryshtin verschwunden.
Der Lift hielt mit kaum wahrnehmbaren Ruck, die Flügeltüren schoben sich auseinander und die Zentrale der Orbitkontrolle breitete sich vor Captain Philip Dashty aus. Sofort setzte er sich in Bewegung, achtete allerdings sorgfältig darauf, keinen Tropfen aus seinem Kaffeebecher zu verschütten. Die Station selbst war zwar keinem Tag-Nacht-Rhythmus unterworfen, doch sein persönlicher Tag hatte gerade eben erst begonnen, was für ihn bedeutete, daß er eine Starthilfe brauchte. Eleonora Bricks, der diensthabende Lieutenant Commander, warf einen Blick auf das Trinkgefäß in der Hand des Captains und schmunzelte. Der Henkel war einem Ferengi-Hörorgan nachgestaltet und der Becher selbst trug die Aufschrift "Warum ruinieren Sie sich den Blutdruck auf der Brücke - wenn es doch Koffein gibt?". Gerüchten zufolge begleitete das ominöse Gefäß Dashty bereits seit seinem Eintritt in die Sternenflotte und hatte selbst die Schlacht bei Antares ohne einen Sprung überstanden. "Guten Tag, Captain!" Bricks erhob sich und kam ihrem Vorgesetzten entgegen. "Haben Sie gut geschlafen?" "Hervorragend!" Dashty lächelte, trat mit ihr gemeinsam an das riesige Panoramafenster und schaute bewundernd hinaus. "Wie könnte es auch anders sein - mit dem schönsten und großartigsten Planeten des Universums vor der Tür!" Der Captain nahm einen Schluck aus seinem Becher, dann wies er mit einer kurzen Bewegung auf den Orbitraum, der von Schiffen verschiedenster Herkunft und Größe nur so wimmelte. "Schauen Sie sich das nur an! Seit dem Friedensschluß gibt sich hier das halbe Universum die Klinke in die Hand. Ein Ameisenhaufen und seine Königin! Wie sieht es denn aus, hatten Sie viel zu tun während der letzten Schicht?" Bricks drehte den Kopf und sah zu einem jungen Mann an den Kontrollen hinüber. "Da müssen Sie Lieutenant Erdogan fragen, ich bin erst seit zehn Minuten hier und habe die Liste mit den Neuankömmlingen noch nicht eingesehen. Was haben wir denn so dazubekommen, Lieutenant?" Der Mann sah kurz hoch, um dann eine Auflistung auf seinen Monitor zu rufen. "Einen Moment, Sir! Also... da hätten wir zunächst den andorianischen Raumer Aroakib mit diversen Handelsgütern. Zweieinhalb Stunden später lief das rigelianische Kreuzfahrtschiff Gadth Hidh ein. Eine Stunde darauf zwei kleine lemnorianische Raumjachten, die Ylyb und die Esiantrolarg. Dann hier, knapp vier Stunden danach: Die klingonischen Schlachtkreuzer Qarorl, Hyarrïdos, Hoïgaran und Konolad, Begleitgeschwader von General Rahorg, der wegen verschiedener Vertragsabschlüsse hierher gekommen ist. Nur kurz darauf dann das vulkanische Forschungsschiff Rhaiorhorrlph... Rhaihorhol... Rhariorho..." Er räusperte sich. "Das vulkanische Schiff Wissensquell, Sir! Die Klingonen sind übrigens zwei Wochen früher eingetroffen als angekündigt." fügte er schnell hinzu. "Volle zwei Wochen? Tatsächlich?" Dashty wandte den Kopf und lachte schadenfroh. "Jede Wette, da unten beim diplomatischen Dienst fegen sie in diesem Moment herum, als wäre ihnen ein Photonentorpedo unterm Sessel explodiert. Wird auch höchste Zeit, daß der Haufen Phrasendrescher zeigt, daß er sein Geld wert ist. Wir wissen jedenfalls, daß es nicht diese gelackten Typen waren, die den Krieg für die Föderation gewonnen haben." Zufrieden schmunzelnd blickte er wieder aus dem Fenster und beobachtete die unterschiedlichen Schiffe, die dort langsam ihre Bahnen zogen. Er wollte sich schon abwenden, als ein kleiner Punkt seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Verwundert kniff er die Augen zusammen, wartete jedoch erst einem Moment ab, bevor er sich an Erdogan wandte. "Hören Sie, Lieutenant, sind Sie ganz sicher, daß dem Schiff da drüben eine Kreisbahn zugeteilt wurde? Irgendwie habe ich den Eindruck, als befände es sich noch nicht auf einer Parkposition." Sein Untergebener sah überrascht auf, dann warf er einen Blick auf den Überwachungsschirm, um anschließend seine Tabellen zu befragen. "Das wundert mich jetzt, Sir! Als es vor knapp zwei Stunden eintraf, habe ich ihm die zwei-eins-fünf-null-null zugeteilt. Es sieht ganz so aus, als wäre es einiges vom Kurs abgekommen." Dashty starrte erneut aus dem Fenster, wo der Punkt ein gutes Stück größer geworden war. Mittlerweile konnte man erste Einzelheiten des Schiffes ausmachen. "Da stimmt doch etwas nicht!" knurrte er nach einer Weile. "Das Ding ist noch auf Impuls, und zudem scheint es vollkommen willkürlich den Kurs zu wechseln. Da, jetzt schon wieder! Sehen Sie das, Bricks?" Seine Untergebene schaute angestrengt nach draußen. "Sie haben Recht, Sir, es wechselt alle paar Augenblicke die Richtung. Was mag das zu bedeuten haben?" "Ich weiß es nicht, aber das werden wir gleich feststellen. Kontakten Sie das Schiff, Lieutenant!" Erdogan reagierte sofort und aktivierte den automatischen Ruf der Starbase. Er wartete eine Weile, dann schüttelte er den Kopf. "Tut mir leid, keine Reaktion, Captain!" Dashty beobachtete mit aufkommender Unruhe das fremde Schiff, das sich jetzt der Station annäherte. "Verfluchte Sch..., die werden doch wohl kein Sauerstoffproblem haben?" Er zögerte kurz, dann begab er sich mit wenigen entschlossenen Schritten zu Erdogan hinüber. "Also gut, ich nehme das jetzt auf meine Kappe. Scannen Sie die Brücke dieses merkwürdigen Dings! Ich will wissen, was da drüben vor sich geht." Sein Untergebener gehorchte. Gleich darauf breitete sich ein überraschter Ausdruck auf seinem Gesicht aus, und er führte den Scan ein zweites Mal durch. "Es ist niemand da!" meldete er verblüfft das Ergebnis. "Wie bitte?" "Der Sauerstoffgehalt in dem Raum entspricht den Toleranzen, Sir, aber es ist keine Person anwesend. Die Brücke ist vollkommen unbesetzt." Dashty fuhr herum und starrte wieder zu der auffälligen Konstruktion hinüber. "Ein Schlachtkreuzer!" entfuhr es ihm. "Diese verantwortungslosen Mistkerle haben einen Schlachtkreuzer einem halbdefekten Navigationscomputer überlassen und sich wahrscheinlich Richtung Kantine abgesetzt. Verdammt, wenn wir nichts unternehmen, riskieren wir noch eine Kollision." "Was schlagen Sie vor, Sir?" "Richten Sie den Traktorstrahl auf das Ding aus! Es geht nicht an, daß uns hier ein fremdes Kriegsschiff führerlos im Orbit herumschlingert. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als es so lange zu fixieren, bis unsere Freunde da drüben ihr Mittagsschläfchen beendet haben. Eines sage ich Ihnen, wenn ich den Kommandanten von diesem Vogel zu fassen bekomme, steht ihm kein angenehmes Gespräch bevor." Erdogan rückte zu einer benachbarten Konsole hinüber und gab mehrere Befehle ein. Gleich darauf lächelte er. "Der Traktorstrahl hat sein Ziel erfaßt, Sir!" "Sehr gut! Ziehen Sie das Schiff noch etwas näher an die Starbase heran. Es ist besser, wenn..." "Captain!" wurde er augenblicklich unterbrochen. "Das Ding bewegt sich rückwärts!" "Was? Völlig unmöglich! Haben Sie..." "Sehen Sie selbst! Als ob das Schiff versucht, sich unserem Zugriff zu entziehen. Und es erhöht jetzt die Energie! Ich kann es kaum noch halten." "Verstärken Sie das Feld, Mann!" "Ich bin schon dabei, Sir, aber das Ding hält mit. Wenn das so weitergeht, werden wir noch zusätzliche Energie aufwenden müssen, um die Starbase auf Position zu halten." Bereits im nächsten Moment erloschen die Bilder auf diversen umliegenden Monitoren, um gleich darauf der Frontansicht des Schiffes zu weichen. Eine unsagbar erbost klingende weibliche Stimme drang durch die Kommunikation. "ICH MÖCHTE AUGENBLICKLICH IHREN KOMMANDANTEN SPRECHEN!!!" "Was meinen Sie?" gab Dashty nach einer verblüfften Pause zur Antwort. "Ihren Kommandanten!" wiederholte die Stimme in einer etwas erträglicheren Lautstärke. "Die Person, die dieses pilzförmige Objekt befehligt, falls Ihnen der Begriff so gar nichts sagen sollte." Dashty blickte sich kurz unter seinen Untergebenen um, dann strafften sich seine Schultern. "Nun, ich würde sagen, Sie sind an der richtigen Adresse. Darf ich jetzt vielleicht erfahren, mit wem ich hier eigentlich spreche?" "Und ob Sie das dürfen! Dies ist die Arrhinia D'jah von den Vari, und nachdem Sie nun etwas klüger sind, schlage ich vor, daß Sie umgehend Ihren Traktorstrahl deaktivieren. Oder hat man Ihnen nicht beigebracht, daß man Gäste nicht auf diese Art und Weise behandelt?" "Sie waren von der Ihnen zugewiesenen Kreisbahn abgekommen." verteidigte sich der Captain und bedeutete Erdogan mit einer Handbewegung, dem Wunsch der Stimme nachzukommen. "Außerdem waren Sie im Begriff, sich der Starbase zu nähern, das konnten wir nicht zulassen. Sagen Sie, wer sind Sie eigentlich?" Durch die Kommunikation schien ein gereiztes Stöhnen zu dringen. "Das wissen Sie bereits! Dies ist die Arrhinia D'jah von den Vari!" Erdogan wies stumm auf seine Auflistung, und Dashty warf einen Blick über seine Schulter. Er nickte. "Das ist der Name Ihres Schiffes, ja! Ich hätte jedoch gern gewußt, mit welcher Person ich hier spreche. Laut unseren Sensoren ist Ihre Brücke zur Zeit unbesetzt." "Das trifft nicht zu! ICH bin auf der Brücke. Seit über fünf Jahrzehnten." "Moment mal..." begann der Captain, doch dann kam ihm ein fürchterlicher Verdacht, und er holte keuchend Luft. "Soll... soll das etwa heißen, ich spreche hier mit dem Schiffscomputer?" "In Person!" gab die Stimme spöttisch zur Antwort. "Sie haben die Ehre mit der Arrhinia D'jah, dem ersten Schiff der rhazaghanischen Flotte. In Bezug auf Ihre sogenannte Kreisbahn lassen Sie sich gesagt sein, daß ich allerhöchstens ein einziges Schiff wüßte, das sich einen derart stumpfsinnigen Kurs vorschreiben lassen würde. Für einen hochentwickelten Schiffscomputer stellt er schlicht und einfach eine Beleidigung dar. Was aber meine Annäherung an die Station angeht: Es kann natürlich sein, daß es sich noch nicht bis in diese Ecke herumgesprochen hat, und darum wird Sie folgende Information freuen: Der Krieg ist zu Ende! Wir haben Frieden, verstehen Sie das? Und deshalb ist es vollkommen überflüssig, sofort hysterisch zu werden, nur weil sich einmal jemand Ihre kuriose Starbase etwas näher ansehen will." "Ihre... Ihre Brückencrew!" begann Dashty um Fassung ringend. "Wo ist sie jetzt?" "Meine Brückencrew? Das kann ich Ihnen sagen! Sie befindet sich im Transporterraum, um die Clanführer zu verabschieden. Mittlerweile wartet sie seit einer halben Ewigkeit auf das Signal, daß unsere Leute runter auf Ihren Planeten gebeamt werden können. Was Sie hier oben an Voreiligkeit an den Tag legen, scheint Ihr Bodenpersonal durch Trödelei wieder wett machen zu wollen, mein Bester! So, und jetzt werde ich mich empfehlen. Ich denke, fürs erste habe ich genug neugierige Fragen beantwortet." Der Kontakt wurde unterbrochen, die Monitore zeigten erneut die üblichen Orbitdarstellungen und jenseits des Fensters wandte sich das Schiff langsam von der Station ab, um seinen eigenwilligen Kurs wieder aufzunehmen. Einen Moment lang herrschte verblüffte Stille in der Zentrale. "Da soll mich doch..." begann Bricks halb amüsiert. Sie hielt inne und sah zu ihrem Vorgesetzen hinüber, der entgeistert aus dem Fenster starrte. "Eine künstliche Intelligenz!" ächzte er entsetzt. "Wir haben eine künstliche Intelligenz im Erdorbit!" "Nun, das dürfte eigentlich keine Uraufführung sein. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es da einen Lieutenant Commander, der..." Dashty unterbrach sie mit einem wütenden Seitenblick. "Das weiß ich, und ich habe mich auch noch nie über diese Absonderlichkeit in der Sternenflotte geäußert. Ganz anders sähe es dagegen aus, wenn dieser - Mann - mit solchen Extras wie Phaserbänken und Photonentorpedos ausgerüstet wäre. Aber dieses Ding da draußen verfügt darüber, und darum ist das letzte was ich tun werde, hier tatenlos herumzusitzen." Bricks sah ihm nach, wie er mit langen Schritten seinem Raum zustrebte. "Was haben Sie vor, Captain?" "Ich werde mich jetzt mit dem Oberkommando in Verbindung setzen." gab er über die Schulter zurück. "Es wäre doch gelacht, wenn wir diese Gefahr da draußen nicht in den Griff bekämen. Während des Krieges sind wir mit noch ganz anderen Sachen fertig geworden." Sie mußten lange auf die Rückkehr ihres Vorgesetzen warten. Hin und wieder glaubten sie jemanden im Raum des Captains brüllen zu hören, was eigentlich kaum möglich war, denn nach offizieller Lesart hatten solche Türen vollkommen schalldicht zu schließen. Schließlich öffneten sich die Flügel wieder mit einem Zischen, und der Captain kehrte mit hochrotem Gesicht in die Zentrale zurück. "Was haben sie gesagt?" erkundigte sich Bricks sofort. Niemand wußte besser zu fluchen als Orioner, Klingonen vielleicht ausgenommen, und so bestand die Antwort des Captain in einem Bricks ziemlich geläufigen orionischen Kraftausdruck. "Was sie gesagt haben?" zischte er dann aufgebracht. "Nichts haben sie gesagt, sie haben sich darauf beschränkt, mich an den diplomatischen Dienst zu verweisen. Dort hörte sich dann einer von diesen weltfremden Anzugträgern meine Beschwerde geduldig lächelnd an, um mir anschließend mitzuteilen, daß meine Besorgnis vollkommen unnötig wäre. Es würde sich um friedliche und absolut zuverlässige Bündnispartner der Föderation handeln, die man auf gar keinen Fall vor den Kopf stoßen möchte." "Und was machen wir jetzt, Sir?" Dashty starrte wütend aus dem Fenster, dann stieß er einen weiteren Fluch aus, der Bricks bislang noch nicht untergekommen war. Erdogan dagegen schien er vertraut, denn sein Gesicht lief dunkel an, und darum nahm Bricks sich vor, den Begriff bei Gelegenheit einmal nachzuschlagen.
Als Samir Katanos an diesem Abend sein Büro im zwölften Stock verließ, prallte er fast gegen eine Person, die ihn offensichtlich gerade aufsuchen wollte. "Oh, verzeihen Sie bitte!" brachten beide Seiten gleichzeitig heraus, dann hatte Katanos in der kleingewachsenen Frau eine Kollegin erkannt. Es handelte sich um die um einiges ältere Alina Jhabvala, die ihre Räume weiter oben in der einundzwanzigsten Etage hatte. Katanos hatte gerade den Mund für eine Begrüßung geöffnet, als ihm Jhabvala auch schon zuvor kam. "Mr. Katanos, dem Himmel sei Dank, daß ich Sie noch antreffe!" platzte es aus ihr heraus. "Joubert ist noch nicht aus der Klinik zurück, und ich habe gerade erfahren, daß sich Eileen Szykora seit gestern im Mutterschaftsschutz befindet. Fitzgerald meinte eben, daß Sie im Augenblick frei wären, ist das richtig?" "Doch, das stimmt!" erwiderte Katanos, während er mit einer einladenden Geste in das Innere seines Büros wies. "Ich hatte lediglich bis vorhin mit dem Besuch einer vulkanischen Wissenschaftsdelegation zu tun, es hatte einige harmlose Mißverständnisse bei der Einquartierung gegeben. Wenn ich Ihnen also helfen kann?" "Allerdings, das können Sie! Das können Sie wirklich!" stöhnte seine Kollegin und ließ sich erschöpft in den angebotenen Sessel fallen. "Ich muß Sie nämlich dringend bitten, mir eine rhazaghanische Delegation abzunehmen, die sich in diesem Moment noch im Orbit befindet." Sie seufzte bekümmert. "Sechs Wochen, Mr. Katanos! Sechs Wochen habe ich nichts anderes getan, als mich auf diesen Besuch vorzubereiten. Zwei Wochen hat es mich allein gekostet, aus allen möglichen Quellen Material zusammen zu suchen. Ich habe mich über Subraum mit unseren auf Rhazaghan stationierten Offizieren in Verbindung gesetzt, und, Gott weiß es, ich habe mich wirklich auf diese Aufgabe gefreut. Vor einer halben Stunde wollte ich mich gerade zum Transporterzentrum am Union Square aufmachen, da bekomme ich die Nachricht, daß General Rahorg eingetroffen ist - zwei Wochen zu früh! Und da ich bereits die letzten beiden Male mit ihm verhandelt habe, lehnt er jede andere Kontaktperson ab. Sie kennen ja die Klingonen." "Ich verstehe!" warf Katanos voller Mitgefühl ein. "Selbstverständlich bin ich gern bereit, für Sie einzuspringen. Sind diese Leute schon einmal auf der Erde gewesen?" Jhabvala schüttelte den Kopf. "Noch nie! Es handelt sich hier um Verbündete, die jahrzehntelang auf das beschämendste von der Föderation vernachlässigt wurden, das ist ja das Schlimme bei der Sache! Die Beziehungen beschränkten sich allein auf den Handel, auf die Entsendung von Botschaftern wurde vollständig verzichtet. Erst vor gut drei Jahren entsandte die Sternenflotte eine Abteilung, deren Mitglieder mittlerweile die Position von Sonderbotschaftern einnehmen, und zwar erstaunlich gut für Militärangehörige, wie es aussieht. Trotzdem, die Rhazaghaner dürfen unter keinen Umständen merken, daß sie bei ihrem allerersten Erdaufenthalt in die zweite Reihe abgeschoben wurden." Katanos beugte sich mit gerunzelter Stirn vor. "Ich werde Informationen brauchen." Seine Kollegin sprang auf. "Natürlich, die Zeit drängt! Kommen Sie mit in mein Büro, ich übergebe Ihnen meine Unterlagen und das darauf basierende Besuchsprogramm." "Glauben Sie mir, ich bedaure es sehr, daß ich Ihnen diese Sache derart überstürzt aufhalsen muß," fuhr sie fort, während sie Seite an Seite den Gang entlanghasteten, "aber mir bleibt einfach keine andere Wahl. Das beste wird darum sein, Sie überfliegen das Material nur kurz, um sich dann an den darauffolgenden Abenden das genauere Wissen anzulesen. Ich weiß natürlich, daß Sie noch nicht viel Erfahrung sammeln konnten, aber ich habe bereits eine Menge Gutes über Sie gehört." "Tatsächlich?" warf Katanos überrascht ein. "Allerdings! Es heißt, Sie wären flexibel und verstünden es, zu improvisieren, außerdem hätten Sie gute Ideen. Alles lobenswerte Eigenschaften für einen Diplomaten, muß ich sagen" "Ich werde versuchen, Sie nicht zu enttäuschen." "Da hege ich nicht den geringsten Zweifel!" nickte Jhabvala, während sie beide den Lift betraten. "Wissen sollten Sie schon einmal folgendes: Es handelt sich um eine Spezies mit formwandlerischen Eigenschaften, allerdings werden diese Leute höchstwahrscheinlich in humanoider Gestalt auftreten. Es ist durchaus möglich, daß Sie während der gesamten Besuchsdauer nichts von den Fähigkeiten Ihrer Schützlinge zu sehen bekommen. Sollte es wider Erwarten doch zu einer solchen Situation kommen, so bewahren Sie unter allen Umständen die Ruhe. Es handelt sich wirklich um ein ungemein liebenswürdiges und kultiviertes Volk, das jedes nur denkbare Vertrauen verdient." "Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Jhabvala!" "Aber selbstverständlich nicht! - Freundlichkeit, Mr. Katanos! Ein freundliches und höfliches Verhalten ist sehr wichtig, darf aber keinesfalls mit geziertem Benehmen verwechselt werden. Verhalten Sie sich möglichst natürlich! Natürlich, offen und entspannt, jedoch nicht unbedingt lässig, verstehen Sie mich?" "Ich denke schon, Mrs. Jhabvala!" "Da bin ich ganz sicher! Sie werden sehen, Rhazaghaner sind intelligent, aufgeschlossen und in keiner Weise problematisch. Von ungewöhnlichen Tabus ist mir nichts bekannt. Außerdem sprechen alle Mitglieder der Delegation fließend Föderationsstandard, Sie werden also keinerlei Schwierigkeiten mit der Verständigung haben." Sie hatten den Lift gerade verlassen, als sich der Dienstkommunikator in Jhabvalas Tasche bemerkbar machte. Kaum aktiviert, drang bereits eine aufgeregte Stimme aus dem kleinen Gerät. "Alina, um Himmels Willen, wo bleiben Sie denn? Rahorg droht bereits, die Gespräche platzen zu lassen, wenn er nicht bald mit Ihnen zusammentreffen kann. Ich habe ihm gesagt, Sie wären unterwegs, aber ich kann nicht sagen, wie lange es mir noch möglich sein wird, ihn und seine Leute hinzuhalten." Katanos Kollegin schloß kurz die Augen, dann öffnete sie sie wieder. "Halten Sie durch, George, ich bin gleich bei Ihnen." gab sie knapp zur Antwort und deaktivierte das Gerät. Dann wandte sie sich zur Seite und schlug wütend mit der Faust gegen die Wand. "Dieser verdammte klingonische Teufel!" zischte sie aufgebracht. "Ihm ist vollkommen klar, daß ich bis obenhin voll Termine stecke. Ein Mal, ein einziges Mal ist mir ihm gegenüber der Kragen geplatzt, und ich habe ihm gesagt, was ich von Leuten halte, die ihre Gesprächspartner grundsätzlich zwei Stunden warten lassen. Rahorg hat dröhnend gelacht und war am nächsten Morgen pünktlich. Ich hätte mir denken müssen, daß der Hundesohn es nicht dabei bewenden lassen würde. Katanos, versuchen Sie bloß niemals, einen Klingonen zu erziehen!" "Die Unterlagen..." begann ihr jüngerer Kollege vorsichtig. Sie schüttelte verzweifelt den Kopf und rief den Lift wieder zurück "Es tut mir leid, Katanos, aber ich muß los, mir läuft einfach die Zeit davon. Ich weiß nicht genau, wozu dieser klingonische Halsabschneider fähig ist. Möglich, daß er blufft, aber wer weiß das schon! Und die Handelsvereinigung braucht die Passage durch den klingonischen Sektor. Gehen Sie einfach in mein Büro, es ist offen. Die Unterlagen müßten links auf dem Schreibtisch liegen, oder... warten Sie mal! Sollte ich sie heute morgen im Gleiter... - wie auch immer, spielt keine Rolle!" unterbrach sie sich. "Sie finden alles Nötige in meinem persönlichen Computer, er ist noch aktiv." Der Lift öffnete sich und sie trat eilig ins Innere. "Hotel Triton, acht Suiten, die Leute wissen Bescheid!" rief sie Katanos hastig zu. "Wie gesagt, geben Sie Ihr bestes! Wichtig ist vor allem, daß die Rhazaghaner ein gutes Bild von der Erde erhalten." Dann schlossen sich die Lifttüren und Katanos stand allein im Flur. Er verharrte lediglich einen kurzen Moment, dann wandte er sich ab und eilte im Laufschritt den Gang hinunter. Seine neue Aufgabe war natürlich etwas plötzlich an ihn herangetragen worden, aber Katanos hegte nicht den geringsten Zweifel, daß er sich der Herausforderung gewachsen zeigen würde. Zwar arbeitete er erst seit knapp zwei Jahren im Ministerium für extraterrestrische Beziehungen und verfügte demzufolge über keinen besonders reichen Erfahrungsschatz. Dennoch war er sicher, dieses Manko durch Tüchtigkeit, Einfühlungsvermögen und sein natürliches Improvisationstalent wettmachen zu können. Noch im Laufen zog Katanos seinen Dienstkommunikator aus der Tasche und gab schnell und geschickt einen Code ein. Er mußte sich nur einen Augenblick gedulden, dann erfolgte ein leiser Knackton. "Vendrell!" hörte er die Stimme seiner Assistentin aus dem Gerät dringen. "Hallo, Denise!" erwiderte Katanos eilig. "Sagen Sie, sind Sie noch im Gebäude?" "Ich stehe hier etwa fünfzehn Meter vom Haupteingang entfernt." kam die Antwort. "Was gibt es denn, Samir?" "Ich bedaure es sehr, aber ich fürchte, Sie werden umkehren müssen. Das Ministerium braucht uns." Aus dem Kommunikator drang ein verzweifeltes Stöhnen. "Oh nein! Bitte, Samir, tun sie mir das nicht an! Kate und ich wollten heute abend..." "Muß leider warten, Denise! Wir haben gerade eben eine Delegation bekommen und die Leute sitzen da oben wahrscheinlich schon die ganze Zeit und warten auf ihren Transport zum Union Square. Kommen Sie am besten direkt zu Mrs. Jhabvalas Büro." Er hielt an und verstummte kurz. "Bringen Sie auch gleich jemanden vom Haus mit!" fügte er dann hinzu. "Es sieht ganz so aus, als wären Mrs. Jhabvalas Räume bereits verschlossen." Es vergingen ungefähr zwanzig Minuten, dann erkannte Katanos seine Assistentin, die gemeinsam mit einem untersetzten Mann in der Uniform des Sicherheitsdienstes den Gang heraufkam. Der junge Diplomat atmete erleichtert auf. "Es tut mir wirklich furchtbar leid, Mr. Katanos!" begann der Sicherheitsmann etwas unglücklich. "Ich war davon ausgegangen, daß Mrs. Jhabvala ihre Arbeit für heute schon beendet hatte, darum habe ich das Büro vorhin verriegelt. Es kommt hin und wieder vor, daß sie vergißt, ihre Räume zu sichern, wissen Sie!" "Ist schon in Ordnung, Mr. Henry!" beruhigte ihn Katanos, während er beherrscht darauf wartete, daß sein Gegenüber den Öffnungscode eingab. "Sie konnten ja nicht ahnen... Wichtig ist jetzt nur, daß wir Zugang zu unseren Unterlagen erhalten." Gleich darauf öffnete sich die Tür mit einem Zischen und Katanos eilte zum Schreibtisch. Nach einem suchenden Blick begann er verschiedene Stapel durchzusehen. "Nein, hier ist nichts!" stellte er schließlich fest. "Jhabvala befürchtete ja schon... Na gut, nicht weiter schlimm! Dann eben zum Computer." Im nächsten Moment sah er zum bewußten Gerät hinüber und hielt die Luft an. "Der Computer!" brachte er nach ein paar Schrecksekunden heraus. "Der Computer ist deaktiviert." "Das war leider ich!" erklärte Henry zerknirscht. "Mrs. Jhabvala hatte mich darum gebeten, ihn abzuschalten, sollte sie es wieder einmal vergessen haben. Sie ist immer sehr beschäftigt, und daher..." Katanos atmete tief durch. "Nicht Ihre Schuld, Mr. Henry! Freilich bleibt uns jetzt nur noch eine letzte Möglichkeit. Zumindest versuchen sollten wir es." Er ließ sich vor dem Computer nieder, aktivierte das Gerät und wartete einen Moment. Dann erklang eine emotionslose Stimme. "Netzhautscan erforderlich!" Katanos seufzte und schaltete aus. "Versteht sich, heutzutage läßt niemand mehr seine Dokumente ungesichert. Nun, es war auch nur eine kleine Hoffnung." "Wenn Sie sich vielleicht mit Mrs. Jhabvala in Verbindung setzten?" versuchte der Sicherheitsmann zu helfen. "Ich kann Ihnen den Code von ihrem Dienstkommunikator heraussuchen, wenn Sie einen Moment warten wollen." Der Diplomat warf einen Blick auf seinen Chronometer und schüttelte den Kopf. "Diese Option steht uns leider nicht mehr zur Verfügung. Mrs. Jhabvala sitzt seit etwa zehn Minuten General Rahorg gegenüber, und ich möchte nicht einmal darüber nachdenken, was ein Kontaktversuch von uns dort auslösen würde. Höchstwahrscheinlich wird sie ihren Kommunikator während der gesamten Dauer der Gespräche abgeschaltet lassen." "Und was jetzt?" fragte seine Assistentin beunruhigt. Katanos sah nachdenklich zu ihr auf. Dann straffte sich seine Gestalt und er erhob sich entschlossen. "Was sollïs!" erklärte er optimistisch. "Wie heißt es so schön: Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben. Kommen Sie, Denise, es wäre doch gelacht, wenn wir nicht trotz allem ein achtbares Programm auf die Beine gestellt bekämen. Schauen wir erst einmal bei uns, was wir auf die Schnelle an Unterlagen über Rhazaghan zusammenbekommen, dann werden wir schon weitersehen."
In den eigenen Räumen angekommen, rief Katanos als erstes sämtliche einschlägigen Informationen aus dem Server des Ministeriums ab und begann damit, sie in rasender Eile zu studieren. Er war davon ausgegangen, daß er hier einiges über Kultur und Lebensweise der Rhazaghaner finden würde, doch er sah sich getäuscht. Schon nach kurzer Zeit runzelte er besorgt die Stirn. "Das ist keine Datensammlung, sondern ein hoffnungsloses Sammelsurium!" stellte er fest. "Jede Menge geologische Gutachten. Einschätzungen der rhazaghanischen Flottenstärke. Handelsverträge. Ein Bericht über ein romulanisches Regiment, das offenbar auf Rhazaghan stationiert ist - bemerkenswert, aber nicht unbedingt das, was uns weiterbringen würde. Dann haben wir hier einen staubtrockenen wissenschaftlichen Artikel über das rhazaghanische Wandlungsvermögen nebst einem ausführlichen Vergleich mit anderen wandlungsfähigen Lebensformen. Auch nicht gerade das, was ich mir erhofft hatte, aber wenigstens sind ein paar holographische Bilder beigefügt. Schade, daß wir keinen Holoprojektor haben! Nun, ich denke, zweidimensionale Darstellungen werden es wohl auch tun." Wenige Augenblicke später spuckte der Pictograf mehrere kleine Aufnahmen aus. Denise Vendrell nahm sie entgegen und betrachtete sie interessiert. "Alles ein- und dasselbe Geschöpf?" Sie verharrte bei einem der Bilder und hob respektvoll die Brauen. "Donnerwetter! Was schätzen Sie, wie groß ein Rhazaghaner in dieser Gestalt etwa sein wird, Samir?" Katanos warf einen raschen Seitenblick auf die Darstellung, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Bildschirm zu. "Nur geringfügig größer als ein Schäferhund, nehme ich an." antwortete er abwesend. "Schließlich dürfte immer nur dieselbe Masse kursieren. - Da, hier habe ich etwas! Eine Beschreibung des rhazaghanischen Regierungssystems. Allerdings sehr kurz und wirklich nicht das, was man erschöpfend nennen könnte. So allmählich verstehe ich, was Jhabvala meinte. Bislang interessierte an Rhazaghan wohl so ziemlich alles, nur nicht wie seine Bewohner dort eigentlich leben." "Hat Mrs. Jhabvala erwähnt, wie sie an ihre Informationen gelangt ist?" "Sie sprach davon, daß sie wochenlang damit beschäftigt gewesen wäre, Material aus allen möglichen Quellen zusammenzutragen. So hätte sie sich unter anderem mit unseren auf Rhazaghan stationierten Leuten in Verbindung gesetzt." "Und wenn..." "Nein!" Katanos schüttelte den Kopf. " Das kommt nicht in Frage. Jhabvala wies ausdrücklich darauf hin, daß die Delegation keinesfalls merken darf, daß man sie wegen Terminschwierigkeiten einfach weitergereicht hat. Stellen Sie sich die Konsequenzen vor, wenn durchsickern würde, daß wir uns in allerletzter Sekunde über Subraum nach den Lebensgewohnheiten von Rhazaghanern erkundigt haben! Ein falscher Zuhörer könnte bereits ausreichen. Außerdem ist es für eine solche Maßnahme auch viel zu spät." Vendrell starrte ihn voller Bestürzung an. "Aber Samir, das geht doch nicht!" rief sie verzweifelt aus. "Wie sollen wir denn unter diesen Umständen unseren Job machen? Wir sollten bereits vor über einer Stunde am Transporterzentrum sein, dabei wissen wir noch immer so gut wie nichts über Rhazaghaner. Du lieber Himmel, wir haben noch nicht einmal ein verdammtes Besuchsprogramm, und Sie wissen doch, wie lange es dauert, so etwas vernünftig zu organisieren. Was ist, wenn die Leute uns nach den geplanten Aktivitäten fragen, was sollen wir ihnen dann sagen? 'Ach wissen Sie, wir haben uns gedacht, Sie machen sich hier ein paar schöne Tage im Triton und genießen die gute Luft von San Francisco!'?" Katanos wandte sich vom Bildschirm ab und hob beschwichtigend die Hände. "Immer mit der Ruhe, Denise, verlieren Sie jetzt bloß nicht die Nerven! Ich verspreche Ihnen, daß wir das hinbekommen. Denken Sie nur einmal daran, was es für einen Eindruck weiter oben machen wird, wenn wir uns unter diesen Bedingungen bewähren! Wir werden uns da schon etwas einfallen lassen." Er verstummte kurz und nagte überlegend an seiner Unterlippe. Dann hellte sich sein Gesicht auf. "Hören Sie, Denise, soviel ich weiß, hat Fitzgerald letztens eine ziemlich große Anzahl von Opernkarten zurücklegen lassen, weil noch Unsicherheit darüber bestand, aus wieviel Personen die kyrimäische Abordnung bestehen würde. Gehen Sie am besten gleich hinüber und fragen Sie ihn, ob er wirklich alle benötigt, was ich allerdings kaum glaube. Fitzgerald steht im Ruf, grundsätzlich auf Nummer sicher zu gehen. Wenn er neun Plätze übrigbehalten hat, würde das genügen, zehn wären optimal. Vielleicht haben wir hier ja endlich einmal Glück." Vendrell verließ sofort mit banger Hoffnung den Raum, und Katanos widmete sich wieder der wirren Datensammlung auf seinem Schirm. Als er dann ein weiteres Dokument zu öffnen versuchte, stellte er überrascht fest, daß ihm der Zugriff verweigert wurde. "Autorisationscode erforderlich!" las er halblaut. "Was zum Teufel hat es denn damit wieder auf sich?" Er überlegte kurz, dann gab er sich einen Ruck, griff nach seinem Dienstkommunikator und gab den Code seines Vorgesetzten ein. "Nun komm schon!" murmelte er unruhig, als etwas Zeit verstrich, doch schließlich erklang das erlösende Knacken. "Shane!" "Katanos am Apparat, guten Abend, Mr. Shane!" begann Katanos sofort. "Entschuldigen Sie vielmals die Störung, aber ich sitze hier noch im Ministerium und komme nicht weiter. Mrs. Jhabvala war vorhin gezwungen, mir ihre Delegation abzutreten, und nun brauche ich noch einige Informationen über Rhazaghan. Leider ist eines der Dokumente gesichert, und darum wollte ich Sie fragen, ob Sie mir vielleicht in dieser Angelegenheit helfen könnten." Er lauschte einige Momente lang der Stimme seines Vorgesetzten, dann nickte er. "Gut, Mr. Shane, es ist wirklich sehr liebenswürdig, daß Sie es versuchen wollen. Hoffen wir also das beste! Für Sie und Ihre Frau noch einen schönen Abend, Sir!" Katanos hatte den Kommunikator noch nicht wieder deaktiviert, als auch schon seine Assistentin mit strahlendem Gesicht zurückkehrte. "Es hat geklappt, ich hab sie!" rief sie triumphierend. "Fitzgerald hatte ganze vierzehn Stück übrigbehalten." "Wunderbar!" Katanos erhob sich schwungvoll aus seinem Computersessel und lachte. "Wenn das kein Anfang ist! Jhabvala sagte, es wäre von entscheidender Bedeutung, daß die Leute einen guten Eindruck von der Erde erhalten, und ich bin sicher, daß wir, wenn schon kein brillantes, so doch zumindest ein beeindruckendes kulturelles Programm zustande bringen. Außerdem meinte sie noch, Rhazaghaner würden sich durch eine liebenswürdige und kultivierte Art auszeichnen, und darauf kann ich jetzt wirklich nur hoffen. Die Mitglieder einer klingonischen Delegation würden mir nach einer solchen Wartezeit wohl noch im Transporterzentrum sämtliche Knochen brechen."
Das Transporterzentrum am Union Square war in den vergangenen Jahrzehnten mehrmals erweitert worden, und seine Front nahm mittlerweile die komplette Breite der Nordwestseite ein. Fast im Minutentakt erschienen oder entmaterialisierten hier die unterschiedlichsten Reisenden auf den Transporterplattformen, wobei das hektische Kommen und Gehen nur zum Teil von Besuchern aus dem Rest des Universums bestritten wurde. Bei den meisten Personen handelte es sich schlicht und einfach um Berufspendler, die von verschiedenen Teilen der Erdoberfläche stammten. Katanos und Vendrell bahnten sich eilig einen Weg zum Informationsschalter, von wo man sie nach Terminal vierundzwanzig verwies. Nur kurz darauf trafen sie dann zwei Stockwerke höher in dem bezeichneten Raum ein. Der diensthabende Transfertechniker hob die Brauen, als sich Katanos an ihn wandte. "Die rhazaghanische Delegation - doch, allerdings, wir wissen Bescheid. Acht Personen aus dem Orbit, von der Arrhinia D'jah, nicht wahr? Also bei allem Respekt, Sir, aber ich möchte jetzt nicht unbedingt in Ihrer Haut stecken. Von da oben hat sich schon viermal eine Frau an uns gewandt, und fragen Sie mich bloß nicht, in was für einem Tonfall! Allerdings bin ich mittlerweile ziemlich weit davon entfernt, der Lady deswegen noch Vorwürfe machen zu wollen." Katanos nickte entmutigt. "Wir sind viel zu spät, ich weiß! Glauben Sie mir, die Verzögerung tut mir auch furchtbar leid, aber es hatte bei uns im Ministerium unerwartete Probleme gegeben. Wir mußten noch in allerletzter Sekunde umdisponieren." Der Mann verdrehte andeutungsweise die Augen. "Ja, ja, das Ministerium für extraterrestrische Kontakte! Sagen Sie mir bloß nichts, diese Art von Ärger kennen wir zur Genüge. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen erzählen würde, was wir hier schon alles wegen der Terminschwierigkeiten Ihrer Leute erlebt haben, kämen Sie hier vor Mitternacht nicht mehr weg. Na, egal, dann wollen wir mal zusehen, daß wir Ihre Gäste endlich auf festen Boden runterbringen." Der Techniker trat hinter die Konsole, schickte das Signal der Transferfreigabe an das wartende Schiff und gab nach erfolgter Bestätigung rasch hintereinander die notwendigen Daten ein. Gleich darauf korrigierte er die Einstellung noch etwas, um daraufhin den Transfer einzuleiten. Während der leise Heulton im Hintergrund anschwoll, beobachtete er wachsam die Transporterplattform, wo acht leuchtende Schemen im Begriff waren, Gestalt anzunehmen. Schließlich nickte er Vendrell und Katanos zu. "Bitte sehr! Da haben Sie Ihre Besucher, in voller Schönheit!" Katanos hörte die Bemerkung des Transfertechnikers nur noch mit halbem Ohr, denn er war bereits dabei, seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Ankömmlinge auszurichten. Sein rascher Blick flog über jedes Mitglied der Gruppe, dann begann er ohne Verzögerung mit einer ersten Einschätzung. Wie er feststellte, befanden sich eine Frau und ein Mann in etwas fortgeschrittenem Alter, zwei Frauen und ein Mann vertraten die mittlere Altersgruppe, während er eine Frau und zwei Männer als eher jung beurteilte. Zu Katanos' Erleichterung war keinem von ihnen auch nur eine Spur von Verärgerung oder Ungeduld anzumerken. Ruhig und entspannt standen sie auf der Plattform und begutachteten ihre neue Umgebung, was den Diplomaten dazu veranlaßte, sich noch etwas im Hintergrund zu halten. Nach der langen Wartezeit wäre es wohl der Gipfel der Unverschämtheit gewesen, nun auf Beeilung zu drängen, und so ließ Katanos seinen Gästen Zeit. Gleichzeitig konnte er die zusätzlichen Augenblicke nutzen, sich ein genaueres Bild von seinen Schützlingen zu machen. In dem wissenschaftlichen Artikel war irgendwo von lebenslangem Wachstum die Rede gewesen, wodurch sich Katanos Rhazaghaner unwillkürlich als lang vorgestellt hatte. Nun wurde ihm bewußt, daß dieses Bild nicht ganz stimmte: Diese Leute dort waren nicht einfach lang, sondern viel eher groß. Zwar wirkten ihre Gliedmaßen relativ langgestreckt, dennoch war jeder Körper in seiner Gesamtheit gut proportioniert und muskulös. Selbst die beiden Ältesten der Gruppe vermittelten den Eindruck, als gehöre sportliche Aktivität für sie noch lange nicht der Vergangenheit an. "Hohe Schwerkraft!" dachte Katanos bei sich, während sein Blick nun endgültig an der Person hängenblieb, die am weitesten vorn stand. Er zweifelte nicht einen einzigen Moment daran, daß es sich um die führende Persönlichkeit der Delegation handelte; fast glaubte er die Kraft, Autorität und Selbstbeherrschung körperlich zu fühlen, die von ihr ausgingen. Einige wenige Atemzüge lang sah sich die Frau noch aufmerksam im Raum um, dann wandte sie den Kopf und blickte direkt zu ihm herüber. Katanos hatte unwillkürlich das Gefühl, daß sein Herz einen Schlag aussetzte. Dann jedoch riß er sich zusammen, trat auf die Plattform zu und lächelte. "Willkommen auf der Erde!" sagte er in herzlichem Tonfall. "Und bitte verzeihen Sie uns diese enorme Verspätung! Glauben Sie mir, wir sind untröstlich, daß Sie so lange warten mußten." Die Frau reagierte mit keinem Wort auf seine vorgebrachte Entschuldigung, doch sie erwiderte sein Lächeln. Einen Moment lang blieb sie noch stehen und musterte ihn freundlich, dann stieg sie von der Plattform herunter, woraufhin auch die übrigen Mitglieder der Delegation in Bewegung gerieten. "Wenn ich mich vorstellen darf:" fuhr der Diplomat fort, als die Frau vor ihm anhielt. "Mein Name ist Samir Katanos und dies ist meine Assistentin Denise Vendrell. Wir kommen vom Ministerium für extraterrestrische Kontakte." Die Rhazaghani hörte sich in aller Ruhe seine Begrüßung zu Ende an, dann nickte sie. "Vielen Dank für Ihren freundlichen Empfang, Mr. Katanos." entgegnete sie in klarem Föderationsstandard. "Ich bin Mongaris von den Sirk." Sie wandte den Kopf und stellte der Reihe nach die Personen vor, die sich ihnen hinzugesellten. "Dies ist Tingrilorn von den Manu," - der Mann nickte und zeigte ein kaum wahrnehmbares Schmunzeln - "und dies Atrim von den Terab." Eine Frau trat ruhig und würdevoll neben den zuerst genannten Rhazaghaner. "Zarab von den Sim. Selembri von den Dana." Die Letztgenannte lächelte vergnügt auf ihn hinunter, und Katanos überkam einen Moment lang das seltsame Gefühl, unter dem Weihnachtsbaum zu stehen und zu seiner Großmutter aufzublicken. Noch bevor er sich wieder völlig gefaßt hatte, erfolgten schon die übrigen Vorstellungen. "Tarkin von den Vari. Tybrang von den Numa. Und dies ist Aryshtin, sie gehört ebenfalls zu den Numa." Die zweifache Nennung des Namenszusatzes war es, die Katanos endgültig half, seinen Blick von der lächelnden Riesin loszureißen. Er wandte sich der Frau zu, die ihm am Schluß vorgestellt worden war, und begegnete einem geradezu raubtierhaften Grinsen, das ganz und gar nicht zu dem ansonsten ausgesprochen vorteilhaften Äußeren seines Gegenübers paßte. Der leicht beunruhigende Gesichtsausdruck der Rhazaghani ließ den Diplomaten nach einem anderen Halt für seine Augen suchen, und so lenkte er seine Aufmerksamkeit fast automatisch auf das glänzende blonde Haar. "Nein, nicht blond - gelb!" berichtigte er sich im Stillen. "Das ist die einzig richtige Bezeichnung für eine solche Farbe." Die Frau hatte ihn, noch immer grinsend, beobachtet. "Nur nicht, daß Sie sich wundern:" richtete sie überraschend das Wort an ihn. "Ich bin lediglich Clanführer Tybrangs Beraterin. Ich war verdammt scharf darauf, einmal einen kleinen Blick auf die Erde zu werfen, und er war so großzügig, mir die Teilnahme an dieser Reise zu gestatten." Etwas in Katanos horchte alarmiert auf. "Ah, sehr erfreut! Sie sind also, äh...." "Clanführer Tybrangs Beraterin!" wiederholte die Rhazaghani mit einem Augenfunkeln, das ihm das Gefühl vermittelte, daß sie seine Bestürzung augenblicklich erkannt hatte. Sie wies mit einer Kopfbewegung auf die Runde ihrer Artgenossen. "Die übrigen Clanführer haben es alle vorgezogen, ohne Berater hierherzukommen, müssen Sie wissen." Katanos erstarrte innerlich, während er versuchte, das Lächeln auf seinen Gesichtszügen an der Flucht zu hindern. "Regierungsvertreter!" dachte er entsetzt. "Du lieber Himmel, es handelt sich um Regierungsvertreter, nicht um eine einfache Delegation. Langsam frage ich mich wirklich, was das alles für Informationen sind, die da heute nicht an mich weitergereicht wurden." Er sah nervös in die Runde, aber bisher gab es nicht die geringsten Anzeichen dafür, daß die Besucher an irgendeinem Sachverhalt Anstoß nahmen. Die Delegationen, die Katanos in der Vergangenheit betreut hatte, hatten zumeist aus Vulkaniern bestanden, und er wußte aus Erfahrung, daß ein solcher Job keineswegs so einfach war, wie es gemeinhin den Anschein hatte. Es gab Vulkanier, die es trotz ihrer beherrschten und zurückhaltenden Art mühelos verstanden, ausgesprochen unangenehm zu werden. Das waren dann die Momente, in denen Katanos zu der Ansicht gelangte, daß der Unterschied zwischen Vulkaniern und Romulanern genaugenommen nur in einer hauchdünnen Schicht Firnis bestand. Die Leute, die ihn nun umgaben, stellten in ihrer Heimat so etwas wie Staatsoberhäupter dar, wenn er alles richtig verstanden hatte, dennoch machten sie nicht den Eindruck, als vermißten sie den roten Teppich. Stattdessen sahen sie sich neugierig und erwartungsvoll um, fast wie Kinder auf einem Schulausflug. "Liebenswürdig, aufgeschlossen und in keiner Weise problematisch!" erinnerte sich Katanos an Jhabvalas Beschreibung. "Man kann nur von Glück sagen!" Probeweise setzte er sich Richtung Ausgang in Bewegung und stellte fest, daß Mongaris sich ihm ohne die geringsten Umstände anschloß. Erst draußen auf dem Gang wurde ihm dann bewußt, daß er an seinen Gästen keinerlei Gepäck bemerkt hatte. Offenbar hatte Jhabvala schon zuvor dafür gesorgt, daß die Sachen zum Triton gebracht wurden. Zumindest eine Sache, die hier reibungslos funktioniert hatte! Katanos schlug ein flottes Tempo an und hatte gerade eben den Ansatz für eine zwanglose Unterhaltung gefunden, als er spürte, daß er leicht von der anderen Seite angestoßen wurde. Der Diplomat wandte den Kopf und stellte fest, daß seine Assistentin sich verzweifelt bemühte, ihm möglichst unauffällig Zeichen nach rückwärts zu machen. "Wir haben einen Behinderten!" glaubte Katanos halb von ihren Lippen zu lesen. Er drehte sich um und erkannte, daß die übrigen Rhazaghaner bereits mehrere Schritte zurückgeblieben waren, um auf die beiden jüngeren Männer zu warten, die Seite an Seite der Gruppe hinterherkamen. Es war deutlich zu sehen, daß der größere von ihnen stark hinkte. Katanos verfluchte seine Unaufmerksamkeit. Er hatte nicht beobachtet, wie der Mann die Plattform verließ und war auch während der gegenseitigen Bekanntmachung zu sehr abgelenkt gewesen, um auf ihn zu achten. Er konnte sich nicht einmal an seinen Namen erinnern, dabei war es eigentlich schon wegen der Haarfarbe des Rhazaghaners ein Kunststück, ihn zu übersehen, wie er sich eingestehen mußte. Dezent bemühte er sich, sein Versäumnis nachzuholen. "Ein hinkender Zehnkämpfer!" faßte er schließlich in Gedanken seine optischen Eindrücke zusammen. Mit dem zweiten Rhazaghaner schien alles in Ordnung zu sein, er hielt sein Schrittempo offenbar bewußt zurück. Von den Gesichtszügen her sah er dem Hinkenden recht ähnlich, und er trug das Haar beinahe ebenso lang, wenn die Farbe auch um einiges abwich. Katanos vermutete, daß es sich bei den beiden Männern um Brüder handelte, bis ihm dann einfiel, daß nur der Begleiter des Hinkenden - Clanführer Tybrang? - und die gelbhaarige Frau - Aryshtin - den selben Namenszusatz getragen hatten. Verdammt, er brauchte einfach mehr Informationen! Als die beiden Männer zu der Gruppe aufschlossen, setzte sich Katanos erheblich langsamer wieder in Bewegung, in der ängstlichen Hoffnung, daß sich der kurze Weg zum Triton nicht als zu beschwerlich für den Behinderten erweisen würde. Er konnte nur froh sein, daß ihr bislang einziger fester Programmpunkt im Sitzen absolviert wurde. Was die Planung der weiteren Aktivitäten betraf, galt es nun zu berücksichtigen, daß auf längere Fußmärsche zu verzichten und unebener Untergrund unbedingt zu meiden war. Nun, er würde schon dafür sorgen, daß das Programm nur ausgemacht kurze Strecken mit reichlich Raum für Ruhepausen beinhaltete. Wenn man sich bei der Besichtigungstour vor allem auf das Innere von Gebäuden beschränkte, würde es wohl kaum zu Problemen kommen. Noch immer relativ optimistisch steuerte Katanos die Ausgänge an und trat gleich darauf an der Spitze seiner Gäste ins Freie. Ein kalifornischer Frühlingsabend empfing die Gruppe mit einer sanften goldenen Dämmerung, und Katanos empfand Dankbarkeit darüber, daß er die Besucher an einem solchen Ort begrüßen durfte. "San Francisco!" verkündete er mit einer Armbewegung, die alles von Starfleet Headquarter, Fishermanïs Wharf über North Beach, Starfleet Academy und Chinatown bis hin zu South Of Market einschloß. "Oder einfach Die Stadt, wie ihre Bewohner sagen." Die neben ihm befindliche Mongaris hatte abrupt angehalten, ohne jedoch seiner weitläufigen Geste Beachtung zu schenken. Fassungslos starrte sie auf den lebhaften, von beleuchteten ECars, Kleingleitern und Antigravs bestrittenen Verkehr. Neben und hinter ihr standen ihre Artgenossen und schnappten vernehmbar nach Luft. "Sind... sind das alles Krankentransporte?" brachte die Rhazaghani schließlich in deutlicher Bestürzung heraus. Katanos warf ihr einen überraschten Seitenblick zu, faßte sich jedoch schnell wieder. "Nein, nein, keineswegs! Es ist nur einfach so, daß San Francisco außerordentlich groß ist, was übrigens auch für sehr viele andere Städte auf der Erde gilt. Es wäre ganz unmöglich, solche Entfernungen aus eigenen Kräften zurückzulegen, ganz davon abgesehen, daß es für unsere Begriffe auch viel zu lang dauern würde. Darum pflegen die meisten Leute hier ein Individualverkehrsmittel zu unterhalten, um die eigene Mobilität zu gewährleisten. Menschen lieben es, mobil zu sein, verstehen Sie? Mobilität ist für die meisten von uns gleichbedeutend mit Freiheit." Mongaris sah ihn an und dachte über seine Worte nach. Schließlich nickte sie. "Natürlich, hier, und wenn man die Umstände bedenkt..." Sie begann wieder zu lächeln. "Außerdem ist es bei Rhazaghanern in gewisser Weise ähnlich. Wir sind glücklich um unsere Freiheit. Und wir schätzen es, beweglich zu sein." Sie nahmen ihren Weg wieder auf, während Katanos erneut die beunruhigende Tatsache zu Bewußtsein kam, daß er nicht sonderlich gut über seine Gäste Bescheid wußte. Nervös begann er zu hoffen, daß das Thema Besuchsprogramm erst am folgenden Tag zu Sprache kommen würde, und stellte sich noch nebenbei die Frage, wovon sich Rhazaghaner wohl ernährten. Er konnte nur hoffen, daß Jhabvala wie beim Gepäck Vorsorge getroffen hatte. Atrim von den Terab beobachtete, wie bei einem wenige Schritt entfernten Verkehrsmittel die Antigravitation aussetzte, worauf es sich mit einem Seufzer auf die Fahrbahn niederließ. Ein blökendes Geräusch aus dem Vehikel hinter ihm war die Folge. Nur wenige Augenblicke später hatte sich eine ganze Ansammlung weiterer Fahrzeuge dahinter gebildet. Atrim sah zu dem neben ihr gehenden Tingrilorn hinüber. "Mobilität?" fragte sie mißtrauisch. Tingrilorn und Atrim waren in ihrer Jugend einmal durch eine Reifungspartnerschaft verbunden gewesen. Sie waren recht unterschiedliche Naturen, was jedoch nichts daran änderte, daß sie sich noch immer gut verstanden. Tingrilorn drehte den Kopf und schaute im Vorbeigehen zu, wie der Pilot des havarierten Fahrzeugs ausstieg und hilflos die Schultern hob. Mehrere andere Piloten versuchten mit ihren Maschinen aus der Reihe hinter ihm auszuscheren um an ihm vorbeizukommen, doch das funktionierte nicht, weil sich zu viele Verkehrsmittel auf dem Streifen links daneben bewegten. "Also," begann der Rhazaghaner bedächtig, "ich könnte mir vorstellen, daß diese Fahrzeuge sogar ganz außerordentlich mobil sind." Er zuckte die Achseln und konzentrierte sich wieder auf den Weg. "Jedenfalls sobald sie genug Platz dafür haben." Als sie in der Empfangshalle des Triton eintrafen, kam sogleich eine Angestellte des Hotels heran und neigte höflich den Kopf. "Kann ich Ihnen helfen?" Katanos trat pflichtbewußt vor, um die Verhandlungen zu übernehmen. Nachdem er sich und seine Begleiter vorgestellt hatte, hellte sich das freundliche Gesicht der Frau noch etwas weiter auf und sie nickte. "Die rhazaghanische Delegation, selbstverständlich! Wir haben Sie schon erwartet und alles für Sie vorbereitet, zu Ihrer Zufriedenheit, wie wir hoffen. Wir sind gern bereit, Ihnen Ihre Suiten zu zeigen, aber natürlich können Sie auch erst einmal zu Abend essen, wenn Sie möchten." Mongaris sah sich fragend unter ihren Artgenossen um, dann wandte sie sich der Frau wieder zu. "Ich glaube, wir alle würden uns über eine Mahlzeit freuen. Durch unsere Ankunft im Erdorbit waren wir übereingekommen, das Essen erst einmal ausfallen zu lassen, und danach hatte sich der Tag etwas hingezogen. Von daher..." "Das ist überhaupt kein Problem! Wenn Sie mir dann folgen möchten, ich führe Sie in unser Restaurant." Kurz darauf nahmen sie dann an einer Tafel auf eleganten roten Polstern Platz. Wie Katanos zu seiner Erleichterung feststellte, war das Menü für die Rhazaghaner wohl schon vorbereitet worden, denn lediglich er und Denise Vendrell wurden nach ihren Wünschen gefragt. Nervös wie er war und in dem Wissen, daß er einen Teil der Nacht in die Planung des Besuchsprogramms würde investieren müssen, beschränkte er sich auf Tomatensuppe und Mineralwasser, während sich seine Assistentin für ein Nudelgericht entschied. Innerhalb von kürzester Zeit traf das Essen ein. Der Diplomat lehnte sich neugierig vor und stellte fest, daß einiges von dem Aufgetragenen Ähnlichkeit mit Sushi aufwies; so bemerkte er appetitlich wirkende rohe Fleisch- und Fischstückchen, mit Wildreis angerichtet und auf künstlerische Weise mit Obst und Gemüse verziert. Auch größere gebratene Fleischstücke befanden sich unter dem Angebotenen, deren Garzustand allerdings am ehesten mit dem Begriff "englisch" umschrieben werden mußte. Offenbar hielten Rhazaghaner nicht viel davon, ihre Mahlzeiten unnötig lange der Hitze auszusetzen. Katanos' Gäste betrachteten die Speisen mit sichtlichem Wohlgefallen, bevor sich jeder an den Platten bediente. Katanos wandte sich dankbar seiner Tomatensuppe zu - um schon im nächsten Augenblick den Löffel wieder sinken zu lassen. Wie es in den meisten Hotels mittlerweile üblich war, hatte man den Gästen freie Auswahl gelassen und neben die Teller ein Schälchen sowie Besteck als auch Eßstäbchen plaziert. Nun aber beobachtete Katanos, wie die ihm gegenüber sitzende Selembri nach einer Gabel griff und sie staunend in die Höhe hielt. Ihre Artgenossen versuchten auf ähnliche Weise, den Zweck der für sie offensichtlich völlig unbekannten Instrumente zu enträtseln. Katanos überlegte verzweifelt. Vulkanier waren grundsätzlich mit irdischen Tischsitten vertraut, aber bei diesen Leuten wußte er nicht einmal zu sagen, auf welche Weise sie in ihrer Heimat das Essen zum Mund beförderten. Was, wenn er ihnen erklärte, daß sie sich hier ohne weiteres ihrer Hände bedienen konnten? Möglicherweise verlangte er hier Undenkbares von seinen Gästen, wer wußte das schon zu sagen? Die von Ratlosigkeit geprägte Stille schien sich fast unerträglich in die Länge zu ziehen, als plötzlich vom einen Ende des Tisches ein leises Räuspern erfolgte. Auf der Stelle wandten sich die Augen sämtlicher Anwesenden der betreffenden Person zu. Schweigend und betont langsam griff der rothaarige Mann mit der Gehbehinderung zu Messer und Gabel, stach in das auf seinem Teller liegende Fleisch, schnitt ebenso bedächtig wie geschickt ein Stückchen davon ab und steckte es in den Mund. Es dauerte nur einige Sekunden, bis sein Freund neben ihm seinem Beispiel folgte. Auch die übrigen Rhazaghaner hatten das Bewegungsmuster nach wenigen Wiederholungen verstanden und griffen beherzt zu den Eßwerkzeugen. Katanos atmete auf. Offenbar hatte er einen Verbündeten, einen Rhazaghaner, der bereits Erfahrungen mit terranischen Gebräuchen gesammelt hatte. Er warf noch einmal einen Blick zu dem ruhig essenden Rothaarigen hinüber und griff erleichtert nach seinem Trinkglas. Fast im selben Moment, als die häßliche Mischung aus dumpfem Klirren und Platschen erklang, wurde ihm bewußt, daß sein Löffel noch immer in der Suppentasse gelehnt hatte. Der alte Zarab von den Sim ließ sein Besteck sinken und betrachtete beeindruckt das Ergebnis. "Sieht ganz so aus, als hielten diese Instrumente selbst für Geübte einige Tücken bereit." stellte er sachlich fest. Die neben ihm sitzende Selembri schmunzelte amüsiert. "Alle Achtung! Ich würde sagen, hier gibt es noch eine zweite Person, die diesen Farbton ganz außerordentlich gut tragen könnte. Möchtest du deine Entscheidung nicht noch einmal überdenken, Mongaris?" Der junge Diplomat starrte entsetzt zu seiner Tischnachbarin hinüber. Die überdurchschnittliche Körpergröße von Mongaris hatte es ihr erspart, den Löffelinhalt ins Gesicht zu bekommen, dafür prangte der Hauptteil der dicklichen Flüssigkeit auf der Höhe ihres Brustbeins. Diverse Exklaven verschiedener Größe verteilten sich über Hals, Schultern und Oberarme. "Bitte entschuldigen Sie, Clanführerin!" stammelte Katanos. "Das war wirklich furchtbar ungeschickt von mir. Ich hatte einen Moment nicht aufgepaßt, wissen Sie, und da..." Mongaris griff gelassen nach ihrer Serviette und beseitigte die gröbsten Spuren des Unfalls, dann erhob sie sich. "Machen Sie sich keine Gedanken, Mr. Katanos, mit etwas Wasser ist das rasch behoben. Hier gibt es doch sicher einen Wasserbereich in der Nähe?" Katanos blickte bekümmert auf das schlichte Outfit der Rhazaghani. Er bezweifelte stark, daß solche Flecken allein mit Wasser dazu bewogen werden konnten, sich aus Wildleder entfernen zu lassen. "Bitte... ersparen Sie sich doch die Mühe, Clanführerin! Vielleicht möchten Sie lieber hinaufgehen und die Kleidung wechseln? Das Ministerium wird selbstverständlich für die Reinigung aufkommen." Einen Moment lang hatte Katanos das Gefühl, daß die Rhazaghani ihn überrascht musterte. Dann schüttelte sie den Kopf. "Das wird nicht nötig sein, Mr. Katanos! Die Sache ist gleich wieder in Ordnung. Wenn Sie mich nur für einen Augenblick entschuldigen wollen?" Kurz darauf hatte die Rhazaghani einen Hotelangestellten ausgemacht, ein liebenswürdiges Hilfsangebot abgelehnt, sich nach den Waschräumen erkundigt und die betreffenden Örtlichkeiten gefunden. Nachdem sie sich vergewissert hatte, daß dort niemand anwesend war, schloß sie die Tür fest hinter sich und schaute nachdenklich in den blitzblanken Spiegel, der die komplette Wand hinter den Waschgelegenheiten einnahm. Gleich darauf warf der gesamte wie poliert erscheinende Raum einen Lichtblitz zurück. Es stimmte natürlich: Tomatensuppe ließ sich schlecht von Wildleder entfernen. Für bloße Haut galt dies allerdings nicht. Als Mongaris wieder auf den Gang hinaustrat, war ihr Hüllbild nicht nur frei von jeglichen roten Flecken, es war zudem nicht einmal eine Spur von Nässe daran zu finden. Nach wenigen Schritten begegnete die Rhazaghani einem noch ziemlich jungen Mann, den sie als einen der Personen erkannte, welche die Speisen aufgetragen hatten. "Ist alles in Ordnung?" erkundigte er sich besorgt. "Aber ja!" antwortete Mongaris freundlich, indem sie bei ihm stehenblieb. "Das Essen ist ganz ausgezeichnet und entspricht in wirklich jeder Hinsicht unseren Vorstellungen. Ich nehme an, man hat ihnen reichlich Informationen über uns zukommen lassen, oder?" Der junge Mann schwieg einen Moment und versuchte dem wachen Blick der Rhazaghani auszuweichen. "Nun, eigentlich nicht direkt!" antwortete er vage. Mongaris betrachtete ihn und legte den Kopf etwas auf die Seite. "Sie meinen, man hat Ihnen keine präzisen Angaben gemacht, welche Art von Nahrung wir bevorzugen?" forschte sie nach. Ihr Gesprächspartner sah zögernd hoch. "Naja, schon, das heißt genaugenommen nein. Man beschränkte sich darauf, uns mitzuteilen, daß Sie irdische Gerichte problemlos vertragen." Mongaris hob die Brauen. "Tatsächlich? Das überrascht mich! Eigentlich hatte ich geglaubt, daß terranische Nahrung meistens ausgiebig gegart würde. Daß außerdem Salz und Gewürze sehr starke Verwendung fänden. Auf die uns servierten Speisen trifft das aber in keiner Weise zu, wir sind alle sehr angetan von der Art der Zubereitung." Die Rhazaghani verstummte und wartete geduldig. Sie wußte aus Erfahrung, daß hier weiteres Nachhaken überflüssig sein würde. Der junge Mann antwortete nicht sofort, sondern sah prüfend den Gang hinauf und hinunter. Dann wandte er sich rasch wieder Mongaris zu. "Wissen Sie, Mr. Chaboko war über diese knappe Information nicht besonders glücklich. Er ist der Chefkoch unseres Hotels und nimmt solche Sachen sehr genau, außerdem fällt es natürlich grundsätzlich auf ihn zurück, wenn die Zubereitung keinen Anklang bei den Gästen findet. Also hat er sich mit dem Ministerium in Verbindung gesetzt und sich zu der mit Ihrer Betreuung beauftragten Person durchstellen lassen, in der Hoffnung, genaueres über die rhazaghanische Küche zu erfahren. Leider brachte man ihm nicht viel Verständnis entgegen. Stattdessen hieß es, man erwarte in den nächsten zwei Monaten noch drei weitere Delegationen und wäre absolut nicht bereit, Zeit und Kosten in zusätzliche Subraumgespräche zu investieren, nur um ihn mit rhazaghanischen Würztips zu versorgen." Er hielt einen Moment inne und sah unsicher zu der Rhazaghani auf, die ruhig und ernst zugehört hatte. Als sie verständnisvoll nickte, fuhr er ermutigt fort. "Naja, wohl unnötig zu sagen, daß Mr. Chaboko hinterher ziemlich geladen war. Danach beschloß er, sich die nötigen Informationen selbst zu besorgen und brachte es fertig, einen der bei Ihnen stationierten Offiziere ans Rohr zu kriegen, hatte einen russischen Namen, soviel ich weiß. Ich glaube, Chaboko hat dabei fast ein halbes Monatsgehalt auf der Subraumpoststelle gelassen, aber er meinte zu uns, das wäre ihm sein guter Ruf wert." Der junge Mann atmete tief durch und warf Mongaris einen besorgten Blick zu. "So lief das halt alles ab! Hören Sie, Sie werden mich doch nicht verraten, oder? Wir bekommen nämlich eine Menge Gäste übers Ministerium rein und solche Indiskretionen werden von der Hotelleitung ganz und gar nicht gern gesehen. Ich dachte nur bei mir, wo Mr. Chaboko doch soviel Kosten und Mühe hatte..." Mongaris lächelte. "Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, niemand wird von unserem Gespräch erfahren. Stattdessen möchte ich Ihnen für Ihr Vertrauen danken. Manchmal ist es gut, über solche Dinge Bescheid zu wissen." Ihr Gegenüber erwiderte ihr Lächeln. Bevor er sich abwenden konnte, hielt ihn die Rhazaghani noch einmal auf. "Sie mögen ihn gern, Ihren Mr. Chaboko, nicht wahr?" "Das will ich meinen! Er hat mir die Stellung hier verschafft." Mongaris nickte. "Grüßen Sie ihn ausdrücklich von uns! Und sagen Sie ihm, wir alle wären sehr beeindruckt von seinen Fähigkeiten." Der junge Mann grinste. Dann eilte er mit langen Schritten wieder zurück in Richtung Küche.
Knapp zwei Stunden später verließen die beiden Diplomaten das Triton und begaben sich zu dem benachbarten unterirdischen Parkplatz, wo Katanos sein kleines Antigrav stehen hatte. Schweigend ließen sie sich auf den vorderen Sitzen nieder, worauf sich mit leisem Summen das Personensicherungsfeld um sie schloß. "Hallo Samir!" wurde Katanos von der Automatik seines Fahrzeugs begrüßt. "Es ist zweiundzwanzig Uhr neunundvierzig. Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag. Wo soll es hingehen?" "Geradewegs ins nächste Mauseloch!" murmelte Katanos und überforderte damit hoffnungslos die Programmierung des Bordcomputers. "Nicht korrekt spezifiziertes Fahrziel!" lautete die Antwort. "Manuelle Steuerung aktivieren?" Der junge Diplomat seufzte. Vom Beifahrersitz her erklang ein unterdrücktes Prusten. Katanos warf einen vorwurfsvollen Seitenblick auf seine Assistentin, die sich die Fingerspitzen auf den Mund gepreßt hielt. Einen Moment noch hielt ihre Beherrschung an, dann brach sie in haltloses Gelächter aus. "Du lieber Himmel, Samir, Sie hätten Ihr Gesicht sehen sollen! Als das rote Zeug auf der Clanführerin landete und Sie zu stottern anfingen... Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre vor der kompletten Runde losgeplatzt. Erst der Gedanke an Mr. Shanes liebenswürdiges Gesicht ließ mich noch im letzten Augenblick die Beherrschung wiederfinden." Katanos nickte stoisch. "Vielen Dank, Denise, es ist immer schön, auf das Mitgefühl seiner Kollegen bauen zu können." Er atmete tief durch und strich sich das Haar zurück. "Du meine Güte, so habe ich mich nicht mehr gefühlt, seit mein verdammter Kaffee auf der Robe des vulkanischen Botschaftssekretärs gelandet ist. Zum Glück scheinen diese Leute wesentlich mehr Verständnis für linkische Volltrottel aufzubringen." Einen kurzen Moment dachte er mit vager Beklemmung an die gelbhaarige Aryshtin, als ihm Vendrell auch schon tröstend die Hand auf den Unterarm legte. "Kommen Sie, Samir, eigentlich ist doch alles ganz gut abgelaufen. Meiner Ansicht nach haben Sie es den Abend über wunderbar verstanden, bei unverfänglichen Themen zu bleiben, nicht ein einziger Rhazaghaner kam auf den Gedanken, sich nach dem Besuchsprogramm zu erkundigen. Fragen nach der Anreise, den jeweiligen Heimatstädten - mit so etwas kann man kaum etwas falsch machen." "Ja, auch wenn ich gestehen muß, daß ich nicht alles verstanden habe. Offenbar sind die rhazaghanischen Metropolen verhältnismäßig klein und in sich stark gedrängt. Viele Stadtteile scheinen durch Treppen miteinander verbunden zu sein, kein Wunder, daß Clanführerin Mongaris überrascht auf unseren Straßenverkehr reagiert hat. Den ersten Eindrücken nach würde ich Rhazaghan für eine noch rein agrarwirtschaftlich orientierte Welt halten, wäre da nicht der Vorfall mit dem Kleidungsstück gewesen. Die Sachen mögen ja für unseren Geschmack recht einfach gehalten sein, dennoch handelt es sich um hochmodernes Material, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Ich wüßte selbst bei uns nur wenig Kunstfasern, die sich derart rasch und rückstandslos säubern und trocknen lassen." "Sehr liebenswürdig und obendrein geschickt von Ihnen, die Qualität des Stückes zu loben und nach seiner Herkunft sowie dem Preis zu fragen. Clanführerin Mongaris sagte, es wäre ein rhazaghanisches Produkt, oder?" "Ja, allerdings scheint die Ausfuhr bestimmten Beschränkungen zu unterliegen. Nach dem, was sie mir verriet, stellt der Erwerb dieser Kleidung für Rhazaghaner kein Problem dar, kommt jeden anderen jedoch teuer zu stehen, wie sie sich ausdrückte. Vielleicht sollte ich mich bei Gelegenheit noch einmal genauer danach erkundigen." "Auf alle Fälle sind diese Leute sehr nett. Haben Sie es gemerkt? Clanführer Tarkin hat sich vorhin bemüht, Ihnen aus der Verlegenheit zu helfen. Offenbar wußte er bereits, wie man Messer und Gabel richtig handhabt." "Der Mann heißt Tarkin?" "Hatten Sie seinen Namen bei der Vorstellung nicht verstanden? "Ehrlich gesagt war ich kurz abgelenkt gewesen. Nur gut, daß Sie besser aufgepaßt haben." Vendrell nickte und schwieg einen Moment, was Katanos dazu nutzte, dem Bordcomputer die Wohnadresse seiner Assistentin einzugeben. Gleich darauf stieg das Fahrzeug vollkommen ruckfrei ein Stück in die Höhe und setzte sich in Bewegung, um wenig später die Parkebene zu verlassen. "Irgendwie rührend, daß Clanführer Tybrang neben ihm blieb." griff Vendrell ihr Gesprächsthema noch einmal unvermittelt auf. "Hielt sich die ganze Zeit konsequent an Tarkins Seite. Ist ein Jammer, das mit dem steifen Bein, nicht wahr? Ich meine, gerade in so einem Fall..." "So etwas ist immer ein Jammer, Denise!" wies Katanos sie freundlich zurecht. "Da macht es überhaupt keinen Unterschied, ob der Betroffene von Natur aus mehr oder weniger sportlich veranlagt ist. Es ist und bleibt in jedem Fall eine Behinderung." "Sicher, Samir, Sie haben natürlich recht... Was meinen Sie, ob irdische Mediziner das Problem vielleicht beheben könnten? Es gibt etliche Welten, deren Operationstechniken längst nicht so weit entwickelt sind, vielleicht sollte man..." "Ich rate Ihnen, vor unseren Gästen mit solchen Bemerkungen vorsichtig zu sein!" wurde sie von ihrem Kollegen unterbrochen. "So etwas könnte leicht als terranische Überheblichkeit mißverstanden werden. Wir sind Mitglieder des diplomatischen Dienstes und dürfen uns auf gar keinen Fall in die Angelegenheiten unserer Besucher einmischen. In den oberen Etagen des Ministeriums hätte man nicht das geringste Verständnis dafür, verstehen Sie, Denise?" Seine Assistentin seufzte und nickte. Danach herrschte eine Weile Schweigen zwischen ihnen, bis sie dann vor dem angegebenen Haus hielten. Vendrell stieg aus dem Fahrzeug, warf dann aber noch einen Blick ins Fahrzeuginnere. "Im Transporterzentrum war es irgendwie komisch." gestand sie. "Als die rhazaghanische Delegation eintraf, dachte ich eigentlich an gar nichts besonderes, war einfach nur gespannt auf unsere Gäste. Dann wandte sich der erste Rhazaghaner, Clanführer Tingrilorn, unvermittelt um und sah mich an, und stellen Sie sich vor, in diesem Augenblick bekam ich einen heillosen Schrecken. Ist das nicht albern? Ich meine, ein so gutaussehender und liebenswürdiger Mann..." "Bei Ihnen auch?" platzte Katanos heraus. "Ich muß zugeben, ich hatte eine ähnliche Empfindung. Ich hatte mich auf Clanführerin Mongaris konzentriert, als sie plötzlich den Kopf drehte und zu mir herübersah. In dem Moment, ja, ich weiß auch nicht, wie ich auf einen solchen Gedanken kommen konnte, jedenfalls hatte ich einen Atemzug lang das Gefühl, sie stünde kurz davor, mich anzugreifen. Verrückt, sage ich nur, völlig verrückt!" "Dabei sind es absolut reizende Leute, in keiner Weise furchterregend! Als Tingrilorn mir zulächelte, war der Eindruck auch sofort wieder verschwunden. Wie mag so etwas zustande kommen, Samir, ich meine, immerhin sind wir an Klingonen und Nausikaaner gewöhnt..." Ihr Kollege lachte. "Wer weiß? Es dürfte ziemlich schwierig sein, die Ursache für einen solchen Effekt festzustellen. Finden wir uns einfach damit ab, daß uns unser ererbtes Unterbewußtsein noch hin und wieder den einen oder anderen Streich spielt. Nichts, was irgend etwas zu bedeuten hätte! Gute Nacht, Denise, schlafen Sie gut!" Er winkte und ließ das Fahrzeug wenden, fuhr jedoch nicht gleich nach Hause, sondern kehrte noch einmal zum Ministerium zurück. In seinen Büroräumen angekommen, untersuchte er seinen Computer auf eingetroffene Nachrichten, sah sich allerdings enttäuscht: Der Autorisationscode, um den er Shane gebeten hatte, war noch nicht eingetroffen. Mit einem Seufzer erhob er sich, um sich auf den Weg zu seiner Wohnung zu machen, wo ihn noch einige Stunden Arbeit an seinem Schreibtisch erwarteten.
Die Vorsitzende der rhazaghanischen Clanführerversammlung stand am Fenster und sah hinaus auf das nächtliche, durch eine Vielzahl von Lichtern illuminierte San Francisco. Sie hatte noch immer Mühe, die ungeheuerliche Weitläufigkeit der irdischen Siedlung zu begreifen, zu sehr unterschied sich ihr scheinbar grenzenloses Auseinanderfließen von der kompakten Form eines rhazaghanischen Habitates. Doch auch wenn der fremdartige Anblick Mongaris erstaunte und verwirrte, änderte das nichts daran, daß sie sich im Stillen ärgerte. Sie wandte den Kopf und horchte. Die Türen in diesem Gebäude waren wesentlich dünner als ihre Gegenstücke auf Rhazaghan, daher hatte sie keine Probleme, den Schritt der Person dort draußen auf dem Flur sicher zu identifizieren. Kurz darauf erklang die vertraute Mischung aus Kratzen und Klopfen. "Komm nur herein, Zarab!" gab sie zur Antwort. Nachdem der ältere Rhazaghaner die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, warf er einen prüfenden Blick auf den Teppich. "Auch blau!" stellte er fest. "Sie scheinen hier eine Schwäche für diese Farbe zu haben." "Ich muß sagen, ich finde den Ton recht ansprechend." erwiderte seine Artgenossin. "Überhaupt macht das ganze Gebäude einen guten Eindruck." Zarab nickte zustimmend und trat neben sie. "Ja, ein kleines Habitat, zumindest in gewisser Weise. Freundliche Aufnahme, gutes Essen, behagliche Unterkünfte... Nur der Formgebung des Bauwerkes hätte etwas mehr Beachtung geschenkt werden können." Mongaris wies mit einer Kopfbewegung auf die Stadt. "Sie käme nicht zur Geltung. Schau, sie bauen dicht an dicht, es ist einfach nicht genug Platz, daß man um ein Bauwerk herumwandern könnte, um den Gesamteindruck zu prüfen. Es geriete immerzu etwas dazwischen. Wenn man sich allerdings vor Augen hält, wieviel Personen sie unterbringen müssen, ist das Ergebnis nur zu verständlich." Zarab strich sich nachdenklich über das Kinn. "Mich würde interessieren, was draußen ist. Richtig draußen, meine ich! Jedenfalls hoffe ich, daß dort überhaupt irgend etwas ist, was man bei diesem Anblick fast bezweifeln könnte. Möglicherweise haben sie auch einfach immer so weiter gemacht." Die Rhazaghani wandte sich vom Fenster ab und ließ sich in einem der komfortablen Sessel nieder. "Ich denke, das werden wir im Laufe der nächsten Tage erfahren. Katanos sprach von mehreren Städten, also sollte man meinen, daß jede einzelne irgendwo eine Art Abschluß findet." Sie schwieg einen Moment. Es war ihr wichtig, eine weitere, unbeeinflußte Meinung zu hören, und nun wartete sie gespannt auf Zarabs Einschätzung. "Du bist aus einem bestimmten Grund hierher gekommen, nicht wahr?" half sie nach. Der Rhazaghaner nickte bedächtig. "Doch, du hast recht! Da gibt es eine Sache, die mich ein wenig beunruhigt." Er hielt einen Augenblick inne und atmete tief durch. "Tarkin gefällt mir nicht!" erklärte er dann rundheraus. "Was?" Mongaris runzelte überrascht die Stirn. "Inwiefern?" fragte sie nach einer Pause. "Ist ungewöhnlich ruhig für seine Verhältnisse. Auf diese Weise kenne ich ihn gar nicht." Mongaris schwieg und Zarab suchte nach erklärenden Worten. "Du weißt schon: Tarkin. Hat immer gern und viel gelacht, temperamentvoll und gesprächig, ein unternehmungslustiger Charakter mit einer Vorliebe für spektakuläre Pläne und neue Ideen." "Und du findest, das ist er jetzt nicht mehr?" "Nun, um ehrlich zu sein..." Mongaris lächelte nachsichtig. Rhazaghanische Lehrer hörten niemals auf, sich für einstige Schüler verantwortlich zu fühlen. "Zarab, ich muß zugeben, daß du mich überraschst, immerhin habe ich deine Klagen von damals noch ziemlich deutlich im Ohr. Wie pflegtest du dich noch über ihn zu äußern? "Es ist ganz unmöglich, ihn zu schulen, er ist eigensinnig, undiszipliniert und besitzt nicht den allergeringsten Ernst. Außerdem ist er völlig verrückt. Wenn das so weitergeht, wird er sich noch vor dem Winter umgebracht haben, und dann bleibt nur zu hoffen, daß die Vari endlich wieder zu Verstand kommen." So oder ähnlich war das doch, nicht wahr? Nun, wie es aussieht, hast du dich seinerzeit völlig umsonst gesorgt, dein Schüler hat sich inzwischen die lang vermißte Ernsthaftigkeit und Selbstbeherrschung angeeignet. Meiner Ansicht nach eine Entwicklung, die dich mit Zufriedenheit erfüllen sollte." "Mongaris, ich glaube nicht..." Seine Artgenossin unterbrach ihn mit einer besänftigenden Handbewegung. "Du solltest langsam damit aufhören, in Tarkin immer noch den quirligen Heranwachsenden zu sehen, Zarab. Die Zeiten sind vorbei, Tarkin ist Clanführer, und zwar ein sehr erfolgreicher, wenn du meine Meinung hören willst. Daß er durch die Verantwortung ruhiger geworden ist, überrascht mich nicht im mindesten. Wir wissen doch beide recht gut, wieviel Umsicht und Selbstdisziplin dieses Amt seinem Träger abverlangt. Auch ein Charakter wie Tarkin lernt da nach einer gewissen Zeit, seine Energien nicht leichtfertig zu vergeuden, sondern nur ganz gezielt einzusetzen." Zarab runzelte die Stirn und betrachtete sie zweifelnd. "Meinst du wirklich?" brummte er. "Und was ist mit der Sache vor zweieinhalb Jahren?" Mongaris sah überrascht und verärgert auf. "Offen gestanden sehe ich da nicht den allergeringsten Zusammenhang." entgegnete sie mit ungewohnter Strenge. Gleich darauf beherrschte sie sich und setzte noch einmal etwas ruhiger an. "Sicher, manchmal kommt es zu Situationen, in die sich die Betroffenen erst einfinden müssen. Das ist allerdings ein Prozeß, den weder du noch ich beschleunigen könnten. Meiner Einschätzung nach gibt es in diesem Fall nichts, was uns irgendeinen Anlaß zur Sorge geben sollte." Sie faltete die Hände und sah Zarab mit etwas zur Seite gelegtem Kopf an. "Um ehrlich zu sein war ich ziemlich überrascht, daß du mich ausgerechnet in dieser Angelegenheit sprechen wolltest. Eigentlich hatte ich etwas anderes erwartet." Ihr Artgenosse schwieg einen Moment. "Hm! Du meinst Katanos?" ging er schließlich auf ihren Themenwechsel ein. "Was hältst du von ihm?" Zarab hob die Brauen und wiegte gedankenvoll den Kopf. "Nach außen hin scheint er ein eifriger und bemühter Junge zu sein, allerdings sieht es ganz so aus, als ob er nicht allzuviel Ahnung hätte. Und das läßt leider vermuten, daß Rhazaghan der Föderation noch immer nicht sonderlich wichtig ist." Mongaris nickte düster. "Das befürchte ich ebenfalls. Zumindest hat der junge Mann nicht gerade viel Engagement bewiesen, als er sich auf unseren Besuch vorbereitet hat. Vermutlich hielt er es einfach nicht für erforderlich." Die Rhazaghani erhob sich, ging zum Fenster und schaute über die Lichter der Stadt. "Es geht also weiter wie bisher!" stellte sie mit einem Seufzer fest. "Der Krieg ist vorbei, und wieder umkreisen sich die übriggebliebenen Mächte wie Uraukhs, die nicht wissen, ob sie sich paaren oder besser zerreißen sollten. Welten wie Rhazaghan stehen lediglich irgendwo am Rande, abwartend, welcher Zweck es wohl sein wird, für den man zukünftig ihre Rohstoffe einfordern wird. Wirkliche Aufmerksamkeit wird allein dem zuteil, der stark und bereit ist, seine Stärke woanders einzusetzen. Rhazaghaner dagegen schützen nur ihre eigene Welt, und damit sind sie uninteressant." Zarab hatte voller Ernst zugehört. "Meinst du nicht, es wäre noch zu früh für eine solch endgültige Schlußfolgerung?" wandte er ein. "Wir sind gerade erst eingetroffen, vielleicht sollten wir noch etwas abwarten." Mongaris dachte einen Augenblick darüber nach, dann wandte sie sich wieder zu ihm um und nickte. "Gut, warten wir ruhig noch ein wenig! Dies ist der erste Tag, und jeder hat das Recht auf eine Chance. Möglich, daß wir Katanos heute lediglich auf dem falschen Fuß erwischt haben, ich bin gespannt, wie gut sich der junge Mann auf unseren weiteren Aufenthalt hier vorbereitet hat. Vermutlich werden wir alle in ein paar Tagen klüger sein." "In Ordnung!" Zarab nickte zufrieden. "Lassen wir uns also überraschen! Was mich betrifft, so habe ich jetzt die Absicht, das terranische Lager in meiner Unterkunft zu testen. Einen ruhigen Schlaf, Mongaris!" "Dir desgleichen, Zarab!" Nach ein paar Schritten zögerte der ältere Rhazaghaner noch einmal, so als wäre ihm noch etwas eingefallen. "Was Aryshtin betrifft..." begann er unsicher. Mongaris seufzte tief. "Ich weiß, Zarab, und mich betrübt es ebenso wie dich. Es muß wirklich eine bittere Entscheidung für Tybrang gewesen sein, aber leider kann man hier nichts anderes mehr tun, als den Dingen ihren Lauf zu lassen." Ihre Antwort bedeutete keine Überraschung für Zarab. Er hatte lange nachgedacht ohne irgendeine andere Möglichkeit zu sehen, und darum blieb ihm nichts weiter übrig, als bekümmert zu nicken. Gleich darauf schloß er leise die Tür und begab sich zu seiner Unterkunft.
Patrick Fitzgerald lauschte zufrieden dem gedämpften Stimmengemurmel, während er seinen Schutzbefohlenen ausgiebig Gelegenheit gab, die ebenso elegante wie exklusive Umgebung zu bewundern. Momente wie diese pflegte er stets auszukosten, immerhin investierte er eine Menge Zeit und Arbeit in seine Besuchsprogramme. Alles in allem konnte man wirklich sagen, daß es ihm nicht schwer fiel, das zu tun, was das Ministerium von ihm erwartete: Seine Gäste zu beeindrucken. Die Wiener Staatsoper war einer jener Orte, bei denen sich Kommentare fast gänzlich erübrigten; man trat einfach zurück und ließ die prunkvolle Ausstattung wirken. Natürlich überraschte es Fitzgerald nicht sonderlich, daß bereits das Kassenvestibül helles Entzücken bei seinen Gästen hervorrief. Die von einer Nebelwelt stammenden Kyrimäer waren relativ kurzsichtig und liebten es daher, ihre nächste Umgebung mit reichlich schmückenden Details auszustatten. Auch ihre herrlich schimmernden Gewänder spiegelten diese Vorliebe wieder, und der Diplomat nahm voller Genugtuung die bewundernden Blicke zur Kenntnis, die ihm und seiner Gruppe aus der Menge der vorüberströmenden Opernbesucher zugeworfen wurden. Zwar wurde es nun langsam Zeit, sich in den Zuschauerraum zu begeben, doch Fitzgerald hatte sich eigens zu diesem Anlaß einen neuen handgefertigten Anzug zugelegt und gedachte diesen Auftritt noch ein paar Momente auszukosten. Im Zentrum dieser Welt aus stilvoller Eleganz zu stehen und das Aufsehen zu genießen, das er und seine exotischen Gäste hervorriefen, sah er als verdienten Lohn für seine aufwendige Vorbereitung an. Befriedigt beobachtete er die Reaktionen ringsum, als er bei den Eingangstüren etwas erblickte, das seine gute Stimmung schlagartig um einige Grade absinken ließ.
Katanos schaute zu wiederholtem Male auf seinen Chronometer, dann warf er einen fast verzweifelten Blick nach draußen. Schließlich wandte er sich Mongaris zu, die gelassen neben ihm stand. "Verzeihen Sie, Clanführerin, aber ich fürchte wirklich, wir haben nicht mehr allzuviel Zeit." Die Rhazaghani nickte ruhig, dann kehrte sie noch einmal um. Tarkin, Tybrang und Aryshtin passierten gerade den Eingang, doch die anderen waren noch immer damit beschäftigt, das im Licht der vielen Lampen erstrahlende Bauwerk in näheren Augenschein zu nehmen. Selembri und Zarab diskutierten angeregt die architektonischen Details, unterbrachen ihr Gespräch jedoch, als Mongaris sich bemerkbar machte. Kurz darauf hatten auch die übrigen den Weg ins Gebäude angetreten, lediglich Atrim verharrte kurz vor dem Eingang und schaute erwartungsvoll in den dunklen Himmel. "Geht ruhig schon vor!" rief sie ihren Artgenossen hinterher. "Es sollte mich schon sehr wundern, wenn es nicht in wenigen Augenblicken zu regnen beginnt. Das möchte ich mir gern einmal ansehen, so einen terranischen Regen." "Ich weiß, Atrim!" antwortete Mongaris bedauernd. "Leider wird das noch warten müssen, Mr. Katanos legt großen Wert darauf, daß wir jetzt das Innere des Bauwerkes aufsuchen." Atrim drehte sich zu ihr um und runzelte irritiert die Stirn. "Das Innere? Aber wir sind wir doch schon den ganzen Tag drinnen gewesen. Vom Hotel in ein Fahrzeug, vom Fahrzeug ins Transporterzentrum, vom Transporterzentrum in ein anderes Transporterzentrum und schließlich wieder in ein Fahrzeug. Offen gestanden ist mein Bedarf an Innenräumen momentan gedeckt, ich würde es vorziehen, nun etwas von diesem Planeten zu sehen." Mongaris nickte verständnisvoll. "Keine Sorge, Atrim, ich bin sicher, daß wir noch reichlich Gelegenheit dafür erhalten werden. Es ist nur anscheinend so, daß die Darbietung, die uns Mr. Katanos ankündigte, zu einem genau festgesetzten Termin beginnt. Wahrscheinlich würde es den Vortrag stören, wenn wir uns erst etwas später hinzugesellten, von daher sollten wir nicht unhöflich sein." Nun erst richtete Atrim ihre Aufmerksamkeit auf die Menschen, die zu den Eingängen strebten. Hier und dort traf sie ein befremdeter Blick. "Natürlich, du hast recht, Mongaris!" seufzte sie. "Es wäre unfreundlich, die Bewohner zu kränken. Gehen wir also hinein und fassen uns in Geduld! Wenn ich recht verstanden habe, übernachten wir nicht hier, oder?" Mongaris schüttelte den Kopf. "Nein, wir verlassen das Bauwerk später wieder und kehren zu unseren Quartieren nach San Francisco zurück." Vor den reich geschmückten Säulen des Kassenvestibüls stießen sie wieder auf die anderen, die sich staunend umsahen. Selembri drehte sich um, als sie herankamen. "Sieh dir das an, Mongaris!" rief sie begeistert. "Die Bewohner dieses Habitats haben sich wirklich etwas einfallen lassen. Zu schade, daß keiner von euren Architekten mitgekommen ist. Was würdest du von so etwas in eurer Eingangshalle halten?" Die Angesprochene zog zweifelnd die Brauen zusammen. "Sehr reizvoll, aber in der Form zu streng für das Sirk-Habitat. Vielleicht wenn man den Säulen eine leichte Neigung gäbe und sie mit einer Rindenstruktur versehen würde..." Atrim sah zu Tarkin und Tybrang hinüber, die in einiger Entfernung im Gespräch auf und ab gingen. "Nun sieh sich das einer an!" wandte sie sich in gedämpftem Tonfall an ihren früheren Partner. "Regelrecht unzertrennlich, die beiden, wie?" Tingrilorn folgte ihrem Blick und schmunzelte erheitert. "Das würde ich so nicht sagen! Möglicherweise mit der Hilfe eines Chirurgen..." "Es ist nicht sonderlich überraschend, daß Tybrang im Moment die Gelegenheit nutzt, sich viel mit Tarkin zu unterhalten." schaltete sich Mongaris in ihr Gespräch ein. "Die beiden treffen durch ihre Arbeit jetzt nur noch selten zusammen. Außerdem ist es ziemlich ungewöhnlich, daß ein rhazaghanischer Entscheidungsträger noch die Möglichkeit hat, mit seinem alten Clanführer zu reden. Bestimmt ein kurioses Gefühl für Tybrang, könnte ich mir vorstellen." Atrim wiegte ernst den Kopf. "Und natürlich ist da noch die Geschichte von vor zweieinhalb Jahren." gab sie zu bedenken. "Es muß schmerzlich für Tybrang sein, daß die Heimkehr der Numa auf diese Weise erkauft worden ist. Tarkin beginnt sich beim Gehen nach vorn fallen zu lassen, habt ihr es gemerkt? Wenn man bedenkt, was für eine makellose Haltung er früher hatte..." Mongaris unterbrach sie augenblicklich. "Das liegt lediglich daran, daß er sich neuerdings angewöhnt hat, die Hände auf den Rücken zu legen." schnaubte sie ungnädig. "Eine Unsitte, die sich immer mehr ausbreitet, wenn du mich fragst. Sogar Trijat geht mir seit kurzem damit auf die Nerven." "Mag schon sein, aber meiner Ansicht nach ist er schmaler geworden." wandte Tingrilorn ein. "Ich kenne Tarkin, er legte immer großen Wert darauf, sich in Bestform zu halten. Aber nun weiß ich nicht mehr so recht..." "In Bestform!" schnappte Mongaris. "Zeig mir einen Clanführer, der die Möglichkeit hat, sich in Bestform zu halten! Niemand von uns hat die Zeit dafür, Tingrilorn, das müßtest du doch wissen." Sie warf einen mürrischen Blick zu Tarkin hinüber. "Außerdem weiß ich nicht, was ihr habt. Meiner Meinung nach sieht er hervorragend aus." Abrupt wandte sie sich um und gesellte sich wieder zu Zarab und Selembri.
Fitzgerald stellte zu seinem Ärger fest, daß Katanos lächelnd auf ihn zusteuerte. "Hallo!" rief ihm der junge Mann ihm schon aus einiger Entfernung entgegen. "Schön, Sie noch hier vorne zu treffen, Mr. Fitzgerald. Es hatte bei uns noch ein paar kleine Verzögerungen gegeben, wissen Sie!" Gleich darauf hielt Katanos bei ihm an. Fitzgerald sah abschätzig an ihm herunter. Selbst der schäbigste Nausikaaner hätte gemerkt, daß es sich bei dem Anzug seines jüngeren Kollegen um Replikatorqualität handelte. Zu allem Überfluß war der Schnitt seit mindestens zwei Jahren überholt. "Verzögerungen?" wiederholte er unterkühlt. "Um was für Verzögerungen könnte es sich da wohl gehandelt haben? An einer sorgfältigen Auswahl der Garderobe hat es sicher nicht gelegen, nehme ich an." Katanos` Lächeln verblaßte. "Was meinen Sie?" Fitzgerald warf einen vielsagenden Blick zum Trüppchen der Rhazaghaner hinüber. "Hören Sie, mein Lieber!" wandte er sich mißgestimmt an Katanos. "Es ist schon schlimm genug, daß Sie nicht recht in der Lage sind, sich einem solchen Anlaß entsprechend zu kleiden. Aber daß Sie zulassen, daß diese Leute in einer derart armseligen Aufmachung in Erscheinung treten, kann man nur als erbärmliche Leistung betrachten. Sich auf diese Weise hier zu präsentieren, setzt unser Ministerium in äußerst schlechtes Licht, ist Ihnen das eigentlich nicht klar?" Katanos schwieg bestürzt. Er war selbst nicht sonderlich glücklich gewesen, als er erkennen mußte, daß sich die Bekleidung der Rhazaghaner in nichts von der vom Vortag unterschied. Ohne Zweifel handelte es sich um ein- und dieselben Sachen. Möglichst diplomatisch hatte er noch einmal die Besonderheit des Anlasses unterstrichen und daraufhin, als keine Reaktion auf den Hinweis erfolgte, die Möglichkeit des Umkleidens angesprochen. Clanführerin Mongaris hatte merkwürdig zurückhaltend reagiert, jedoch keine Anstalten unternommen, ihr Äußeres etwas festlicher zu gestalten. Offenbar legten Rhazaghaner nicht viel Wert auf attraktive Kleidung. Einen Augenblick blieb der junge Diplomat stumm, doch dann merkte er, wie Ärger über den arroganten Tadel seines älteren Kollegen in ihm aufstieg. Unwillkürlich verspürte er das Bedürfnis, seine Gäste in Schutz zu nehmen. "Mr. Fitzgerald!" begann er beherrscht. "Es mag schon sein, daß diesen Leute nicht so viel daran liegt, ihr Äußeres herauszustellen. Dennoch sehe ich gerade für Sie keinen Grund, darüber die Nase zu rümpfen. Wir beide arbeiten beim diplomatischen Dienst, Mr. Fitzgerald! Unsere Aufgaben konfrontieren uns mit Leuten, die in freundlichem Lächeln ein Anzeichen von Unreife sehen, mit Gästen, für die Schlägereien zum guten Ton gehören und Botschaftern, die Sklaverei für das selbstverständlichste auf der Welt halten. Wenn man sich all das vor Augen führt, ist ein wenig Toleranz wohl das mindeste, was man in unserem Beruf voraussetzen sollte." Fitzgerald war einen Moment sprachlos. Er war selbstverständlich davon ausgegangen, daß sein unerfahrener Kollege mit Zerknirschung auf die Zurechtweisung reagieren würde. Einen Moment suchte er nach Worten, dann bemerkte er, daß Unruhe bei der Gruppe der Rhazaghaner entstanden war. "Sie setzen Toleranz voraus?" knurrte er. "Dann erklären Sie das doch einmal den hier anwesenden Leuten! Für mich sieht es ganz so aus, als wären Ihre Gäste bereits unangenehm aufgefallen."
"Verzeihen Sie bitte!" hörte Mongaris eine klangvolle Stimme hinter ihrem Rücken. "Sie sind wohl das erste Mal auf der Erde?" Sie wandte sich um und erblickte einen Mann in mittleren Jahren, der die Eleganz selbst zu sein schien. Das hochgeschlossene topmodische Sakko des dunkelblau schimmernden Anzuges überspielte wirkungsvoll den Bauchansatz seines Trägers; die Vier-Bundfaltenhose im angesagten Zweiundzwanzigstes-Jahrhundert-Look saß buchstäblich wie angegossen. Gemeinsam mit dem darunterliegenden Zentaurus-Hemd, der dezenten Kette aus goldgepreßtem Latinum, dem aus dem gleichen Material bestehendem vulkanischen Chronometer und den "Made on Antares" - Lederschuhen von Xyjix bildeten sie ein harmonisches Ganzes und ließen nicht nur auf Geschmack, sondern auch vor allem auf das Vorhandensein von Geld schließen. Wäre Mongaris mit interplanetarer Mode vertraut gewesen, hätte sie dies alles erkennen können. Da das jedoch nicht der Fall war, sah sie nichts als einen relativ kleinen Terraner, dessen wesentlich jüngere und größere Begleiterin sich vorsichtig im Hintergrund hielt. "Doch!" antwortete sie freundlich. "Sie haben ganz recht, dies ist unser erster Besuch. Wie kommen Sie darauf?" In dem Lächeln des Mannes schien ein gewisses Mitleid zu liegen. "Nun, man könnte sagen, daß Sie hier ein wenig auffallen. Vielleicht haben Sie es selbst noch nicht gemerkt, aber im zentralen Bereich des Quadranten wird sehr viel Wert auf ein korrektes Erscheinungsbild gelegt. Ich gehe wohl recht in der Annahme, daß Ihre Welt etwas abgelegener ist?" "Unser Planet liegt ein gutes Stück von der Erde entfernt." gab Mongaris zu. Der Mann nickte wissend. "Ich dachte es mir. Anderenfalls wären Sie im Hinblick auf Ihre Garderobe natürlich wesentlich besser ausgestattet. Nun, ich wäre der letzte, der Ihnen daraus irgendeinen Vorwurf machen würde. Dennoch, und im Vertrauen gesagt, gibt es eine Menge Leute, die Ihnen aufgrund Ihrer Bekleidung mit einer gewissen Geringschätzung begegnen könnten." Die Sirk blickte verwundert an sich herab. "Was ist hiermit nicht in Ordnung?" erkundigte sie sich. Das Lächeln des Mannes wuchs ein Stück in die Breite. "Nicht doch, verstehen Sie mich nicht falsch, damit ist alles, wirklich alles in Ordnung." erwiderte er in einem Tonfall, in dem sich Anzüglichkeit und Galanterie knapp die Waage hielten. "Es ist nur sehr schade, daß diese Bekleidung Ihrer Attraktivität nicht gerecht wird. Wenn ich mich übrigens vorstellen darf: Mein Name ist Lorkant, Tris Lorkant. Ich gehöre zum Vorstand von Zyntania & Company, das ist eine der führenden Handelsvereinigungen in diesem Quadranten, falls Ihnen der Name nichts sagen sollte." Mongaris musterte ihn aufmerksam und dachte einen Moment nach. "Sie verkaufen Dinge?" vergewisserte sie sich schließlich. "Das ist richtig! Unser Angebot umfaßt nahezu alle käuflichen Produkte, wie zum Beispiel interplanetare Delikatessen und Spirituosen, Kunstgegenstände und Antiquitäten, Einrichtungsartikel sowie die neusten Antigrav-Modelle und Kleinraumer. Aktuelle Bekleidung gehört natürlich zu unseren besonderen Stärken, dabei reicht unsere Palette von preiswerter Replikatorware bis hin zu exklusiven maßgefertigten handmade-Modellen. Sagen Sie uns nur, was Sie sich vorstellen - bei uns bleiben keine Wünsche offen." Bis hierher war Lorkant gekommen, als Katanos mit zornig gerötetem Gesicht hinzutrat. Fast gleichzeitig schloß sich Vendrell wieder an. Sie hatte nach ihrer Rückkehr von den Waschräumen im Zuschauerraum nach den Rhazaghanern Ausschau gehalten, und sich schließlich noch einmal auf den Rückweg ins Vestibül gemacht. "Samir, was ist denn los?" fragte sie erstaunt. "Entschuldigen Sie," wandte sich der junge Diplomat an den Händler, "ich würde es begrüßen, wenn Sie diese Leute in Ruhe lassen würden. Das Ministerium für interplanetare Kontakte schätzt es nicht sonderlich, wenn Erdbesucher belästigt werden." Lorkant lächelte herablassend. "Da müssen Sie etwas falsch verstanden haben, junger Mann, von Belästigung kann hier gar keine Rede sein. Ich habe nur dieser bezaubernden Dame von der Leistungsfähigkeit unseres Handelshauses berichtet." "Wie auch immer, gehen Sie bitte woanders auf Kundenfang! Meine Gäste sind hierher gekommen, um die irdische Kultur kennenzulernen, nicht um Ihren Konzern noch reicher zu machen als er ohnehin schon ist." Der Händler lachte. "Aber nicht doch, regen Sie sich doch nicht derartig auf! Meiner Ansicht nach tragen gerade Unternehmen wie das unsere Erhebliches zur Verbreitung der irdischen Lebensart bei. Um genau zu sein, tue ich doch im Moment nichts anderes, als ein wenig kulturelle Entwicklungshilfe zu leisten." Tarkin hatte einige Schritte entfernt gestanden und war dem Gespräch ebenso ruhig wie konzentriert gefolgt. Nun jedoch hob er mit einem Ruck den Kopf. Mit hastigen, hinkenden Schritten begab er sich hinüber zu Mongaris und den beiden Terranern. Vor Lorkant hielt er an und legte die Hände auf den Rücken. "Unser Erscheinungsbild eignet sich also nicht für diese Umgebung, habe ich Sie da eben richtig verstanden?" wandte er sich an den Händler. Der Angesprochene sah zu dem großen Rhazaghaner auf und betrachtete ihn freundlich. "Nun, ich würde es so ausdrücken: Es wirkt gerade hier sehr unvorteilhaft. Ihre natürliche Ausstrahlungskraft kommt nicht im mindesten zur Geltung, und das ist wirklich bedauerlich. Hier rings um uns gibt es Personen, die bei weitem nicht so gut aussehen, und dennoch ein wesentlich beeindruckenderes Bild bieten. Es ist alles eine Frage der richtigen Aufmachung, wissen Sie!" Tarkin schaute auf die elegant gekleideten Leute, die neugierig in der Nähe stehengeblieben waren, dann nickte er verständnisvoll und hinkte einmal um Lorkant herum. "Richtige Aufmachung!" wiederholte er. "Damit meinen Sie so etwas wie das, was Sie da tragen?" "Sie haben ein gutes Auge! Dieser Anzug stammt ebenfalls aus unserem Hause, hochwertige Qualität, echt andorianische Sandspinnenseide, handgeschneidert. Wir liefern ihn in diversen Größen, aber es ist selbstverständlich auch Maßanfertigung möglich. Allerdings sind solch exklusiven Stücke nicht ganz billig, wie Sie sicher verstehen werden." Tarkin hatte seine Umkreisung beendet und blieb wieder vor Lorkant stehen. "Natürlich!" stimmte er zu. "Das verstehen wir vollkommen. Gut, wir sind uns also einig! Wenn Sie dann wohl so freundlich wären, uns aus der Verlegenheit zu helfen?" Lorkant staunte. Dann lachte er unsicher. "Was, hier und jetzt? Äh... ich bedaure, aber noch nicht einmal wir sind in der Lage so schnell zu liefern. Sie müßten erst einmal unser Angebot einsehen, eine Wahl treffen, Ihre Größen angeben und bestellen und beim nächsten Mal..." "Ach so, in dem Fall tut es uns leid!" unterbrach ihn der Rhazaghaner ernst. "Es ist uns wirklich nicht möglich, so lange zu warten." Ein Blitz ließ Lorkant geblendet die Augen schließen, ein erschrecktes Raunen erklang rings aus der Menge. Bereits der erste Blick, den der Terraner wieder riskierte, ließ ihn entgeistert die Augen aufreißen. Tarkin stand ihm nach wie vor gegenüber, doch nun trug er eine exakte Kopie von Lorkants Anzug. Dabei saß das Kleidungsstück auf eine derart perfekte Art und Weise, wie sie die liebevollste und aufwendigste Verarbeitung nicht hätte erreichen können. Der Händler schaute sprachlos an dem Rhazaghaner herunter, um jedes Detail an ihm wiederzufinden. Die Lage der Taschen, die Form des Kragens, das Hemd, sogar Schuhe und Kette waren präzise umgesetzt. Lediglich die Farbe des Anzugs war etwas ungewöhnlich. "Was glauben Sie?" erkundigte sich Tarkin. "Halten Sie dies für angemessen?" Der Terraner brauchte etwas, um zu antworten. "Doch!" krächzte er dann. "Tadellos, wirklich! Vielleicht ein wenig ausgefallen, aber sonst..." Er verstummte einen Moment. "Sind Sie Formwandler?" brachte er schließlich heraus. "Ich weiß, was für Leute Sie meinen." antwortete Tarkin ruhig. "Nein, wir sind keine Formwandler. Die meisten Dinge, zu denen sie fähig sind, bringen wir nicht fertig. Und sie verstehen sich auf nur wenig Sachen, zu denen wir in der Lage sind." Tybrang kam heran und lachte. "Laß dich anschauen!" verlangte er gutgelaunt. "Gut gemacht, Tarkin, du gibst einen prächtigen Terraner ab. Ich staune immer wieder, wie schnell du etwas an dir umsetzen kannst, ich brauche immer ein wenig Zeit dafür. Wollen einmal sehen! Doch, ich glaube, ich habe es jetzt!" Ein weiterer Blitz folgte und Tybrang stand in einem Anzug da, dessen Farbe man ebenfalls vergeblich im großen Sommerkatalog von Zyntania & Company suchen konnte. Zufrieden warf er das Haar zurück und schnippte ein nicht vorhandenes Stäubchen von seinem Ärmel. Mongaris warf einen triumphierenden Blick zu Atrim und Tingrilorn hinüber. "Nicht mehr er selbst, wie?" raunte sie Zarab aus dem Mundwinkel zu, als sie an ihm vorbeischritt, dann blieb sie bei den beiden jüngeren Männern stehen. "Das sieht gut aus!" bemerkte sie anerkennend. "Man müßte sich ein wenig daran gewöhnen, aber ansonsten gar nicht übel." Nach dem nächsten Lichtblitz konnte Lorkant die haselnußbraune Variante seiner Kleidung bewundern. "Das... das ist ein Herrenanzug!" protestierte er schwach. "Mir gefällt er!" antwortete Mongaris und lächelte. Selembri sah aufmerksam zu den zurückgewichenen Zuschauern hinüber. Die unzweckmäßig langen Gewänder, die manche der Frauen trugen, kamen für die Umsetzung in ein Hüllbild nicht in Frage, darum entschied sie sich ohne viel Bedenken für einen Hosenanzug in Goldbraun. Auch ihre übrigen Artgenossen hatten keine Mühe, eine rasche Wahl zu treffen. Katanos beobachtete stumm, wie Tingrilorn seine Beweglichkeit in dem neuen Outfit prüfte. Bisher hatte er noch keinen Mann in einem solchen Cardigan gesehen, obwohl er zugeben mußte, daß dem Rhazaghaner das Kleidungsstück stand. In gewisser Weise glich er darin einem altertümlichen indischen Großfürsten. Der junge Diplomat war noch in seine Überlegungen versunken, als er auch schon spürte, wie er von hinten an der Schulter gepackt wurde. "Ich gratuliere!" zischte die Stimme seines Kollegen neben seinem Ohr. "Ist Ihnen eigentlich klar, daß wir gerade einen Krieg gegen eine formwandlerische Spezies hinter uns haben? Ich wäre Ihnen dankbar gewesen, wenn sich Ihre Gäste ein wenig mehr Diskretion auferlegt hätten, anstatt mit einer solchen Vorführung sämtliche Leute nervös zu machen." Katanos schaute sich um. Die meisten Zuschauer hatten sich ein gutes Stück zurückgezogen und warteten nun wachsam die weitere Entwicklung ab. Es war unübersehbar, daß das Gesehene einigen Anwesenden einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte. Selbst die kyrimäische Delegation wurde inzwischen mißtrauisch beobachtet. Der junge Diplomat breitete hilflos die Arme aus. "Ich..." begann er, doch bevor er eine Erklärung vorbringen konnte, hallte ein langgezogener Klingelton durch das Gebäude. "Die Vorstellung!" zischte Fitzgerald erschrocken und fuhr zu seiner Gruppe herum. "Los, Katanos, sehen Sie zu, daß Sie sich mit Ihren Rhazaghanern in Bewegung setzen! Ich habe keine Lust, Ihretwegen auch noch das Mißfallen der übrigen Leute auf mich zu ziehen."
Auch Lorkant hatte das Klingelzeichen zum Anlaß genommen, gemeinsam mit seiner Begleiterin in Richtung Zuschauerraum zu streben, als sich eine weibliche Stimme an ihn wandte. "Einen Moment, Sir! Kann ich Sie mal eben sprechen?" Er drehte sich um und sah sich der jüngsten und attraktivsten Frau aus der Gruppe der Rhazaghaner gegenüber. Bemerkenswerterweise hatte sie sich nicht für irgendwelche Abendkleidung entschieden, sondern trug die Uniform eines Commanders der Sternenflotte. Lorkant musterte sie voller Interesse. "Wenn es wirklich nicht zu lange dauert... Sie sehen ja, daß die Vorstellung in wenigen Augenblicken beginnt." Die Frau nickte. "Natürlich, keine Umschweife! Sie sagen, Sie treiben Handel mit den unterschiedlichsten Dingen. Das heißt, daß Sie die Sachen erst einmal kaufen müssen, bevor Sie sie wieder verkaufen, oder?" Lorkant war Geschäftsmann, und daher zeichnete er sich nicht unbedingt durch Begriffsstutzigkeit aus. "Nun, eigentlich verfügt unsere Handelsvereinigung über feste Lieferanten." antwortete er vorsichtig, während sein Interesse wuchs. "Es sei denn, es handelt sich wirklich um etwas ganz Außergewöhnliches, wenn Sie verstehen." Die Augen der Frau blitzten, und sie begann zu grinsen. "Ich verstehe durchaus! Na gut, Sir: Wenn die Sache so ist, hätte ich Ihnen vielleicht ein Geschäft vorzuschlagen."
"Eine formwandlerische Spezies!" stöhnte Katanos im Flüsterton, während er zusammen mit Vendrell Fitzgeralds Gruppe nacheilte, die Rhazaghaner hinter sich. "Ich wußte ganz genau, daß es sich um eine formwandlerische Spezies handelt. Doch anstatt aus dieser Information meine Schlüsse zu ziehen, ergehe ich mich vor unseren Gästen in Lobeshymnen über ihre robuste 'Reisekleidung'. Und nicht genug damit, ich schlage den Leuten auch noch mehrmals einen Wechsel ihrer Garderobe vor. Clanführerin Mongaris muß mich für einen ausgemachten Idioten halten." Er spürte, wie sein Arm tröstend gedrückt wurde. "Machen Sie sich nichts daraus, Samir!" murmelte seine Assistentin. "Ich habe ebensowenig geschaltet wie Sie. Natürlich ist es völlig klar, wenn man einmal darüber nachdenkt: Ein Geschöpf, das zwischen fünf verschiedenen Daseinsformen wählen kann, wird sich kaum durch irgendeine Gewandung blockieren. Andererseits haben wir das erste Mal mit solchen Leuten zu tun; ich denke, das erklärt zumindest unsere Anfangsschwierigkeiten." Katanos seufzte bekümmert. "Nett, daß Sie mich trösten wollen, Denise! Leider ändert das nichts an der Tatsache, daß ich es war, der das ganze blamable Zeug von sich gegeben hat." Sie hielten an. Katanos hatte der Numerierung der Karten noch keine Beachtung geschenkt, doch nun stellte er zu seiner Überraschung fest, daß es sich um die erste Parkettreihe direkt am Orchestergraben handelte. Bereits im nächsten Moment begriff er den Grund für diese erstklassige Plazierung, und er konnte trotz seines Ärgers nicht umhin, Fitzgeralds Umsicht zu bewundern. Auch nur wenige Reihen weiter hinten wären die kurzsichtigen Kyrimäer nicht mehr in der Lage gewesen, der Vorstellung zu folgen.
Die Rhazaghaner blickten sich bewundernd in dem hufeisenförmigen Saal um, der in Weiß, Rot und Gold prangte. "Sieh nur, Mongaris!" bemerkte Selembri und wies zu den zahlreichen terrassenähnlichen Gebilden hinauf, die den Saal in weitem Bogen bis fast hinauf zur Decke umgaben. "Darum haben wir draußen keine Aussichtsplattformen bemerkt: Sie befinden sich im Inneren des Bauwerkes. Da oben müssen also die Quartiere sein." "Eine ausgefallene Idee, sie rings um den Versammlungssaal anzuordnen." befand Atrim. "Zudem ist dieser Bereich erstaunlich groß. Anscheinend sind solche Räumlichkeiten auf Terra sehr wichtig." Das Licht nahm ab und wich einer schwachen Dämmerung. Die Rhazaghaner beobachteten es interessiert. "Ganz wie bei uns!" stellte Zarab zufrieden fest. "Eine gute Geschichte sollte in jedem Fall durch eine passende Beleuchtung unterstrichen werden. So wie es aussieht, werden sie wohl eine Nachterzählung vortragen." "Warten wir erst einmal ab!" bremste ihn Mongaris. "Ich denke doch, daß auf Terra so manches anders sein wird." Vollkommen überraschend setzte ein prasselndes Rauschen ein, das seinen Ursprung im gesamten Saal zu haben schien. Verblüfft blickten die Rhazaghaner zur Decke, doch das Dach hatte sich nicht geöffnet, um den terranischen Regen einzulassen. Schon einen Augenblick später erkannte die Gruppe um Mongaris, daß sämtliche Anwesenden begonnen hatten, die Handflächen gegeneinander zu schlagen. "Das Signal für den Beginn!" nickte Atrim begreifend. "Irgendwie anrührend, daß es von der ganzen Gemeinschaft gegeben wird." Mongaris spürte eine Hand auf der Schulter und wandte sich um. Im schwachen Dämmerdunkel erkannte sie die Silhouette von Tarkin. "Ich glaube, Mr. Katanos möchte, daß wir uns setzen." erklärte er leise. Gleich darauf hatten sich die Rhazaghaner nebeneinander auf den noch freien Plätzen niedergelassen. Erst jetzt kam Mongaris dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die schwach erleuchtete Vertiefung zu richten, die sich direkt ihnen gegenüber befand. Sie hatte gerade festgestellt, daß sich dort unten eine größere Gruppe von Terranern mit verschiedenen Geräten aufhielt, als sich die im Zentrum des Ganzen stehende Frau auch schon aufrichtete. Ein dünner Metallstab blinkte im Licht - und im nächsten Augenblick erfüllte ein ohrenbetäubendes Dröhnen den Saal. Mongaris hatte in der ersten Überraschung die Armlehnen umklammert, nun löste sie langsam wieder ihren Griff, während eine Flut von fremdartigen Klängen auf sie einströmte. Die Töne steigerten sich rasch in durchdringende Höhen, stiegen auf und nieder, jagten sich wie junge Tirste, verwickelten sich in verwirrende Sequenzen, um sich gleich darauf wieder in zwerchfellerschütternde Tiefen zu stürzen. Manchmal schwoll das Klanggemisch ab, wurde trügerisch leise, um dann urplötzlich mit Gebraus wieder einzusetzen. Bereits nach kurzer Zeit spürte die Rhazaghani, wie ihre Ohren jeden einzelnen der eindringenden Laute mit einem dumpfen Knacken quittierten. Gleichzeitig wurde es ihr zunehmend schwer, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Dieser gebieterische akustische Sturm schien nur ungern Konkurrenz in einem Gehirn zu dulden. Tybrang hatte wie seine anderen Artgenossen die Augen aufgerissen. Einige Momente lang lauschte er bestürzt, dann wandte er sich an seinen neben ihm sitzenden Freund. "Tarkin, hättest du so etwas vermutet?" bemühte er sich das Dröhnen zu durchdringen. "Ich meine, hast du...?" Der Vari drehte ihm das Gesicht zu. "Ich hatte es geahnt!" antwortete er mit erhobener Stimme. "Nirrit erzählte einmal davon. Damals hatte ich es mir nicht recht vorstellen können, aber jetzt weiß ich, was sie meinte." "Weißt du, ob...?" setzte Atrim neben ihm an. Tarkin nickte bekümmert. "Es wird lange dauern!" antwortete er. "Nirrit sagte, es dauert immer lange." Atrim schwieg einen Moment. "Aber... aber es ist ziemlich laut - oder?" rief sie gegen das Getöse an. Jemand tippte ihr auf die Schulter. "Entschuldigen Sie bitte!" erboste sich der hinter ihr sitzende Terraner. "Würden Sie vielleicht Ihre Unterhaltung einstellen? Meine Frau und ich sind beim besten Willen nicht mehr in der Lage, der Musik zu folgen." Atrim und Tingrilorn wechselten einen fassungslosen Blick. "Sie müssen stocktaub sein!" stellte die Rhazaghani betroffen fest. Eine kleine Weile harrten die Rhazaghaner schweigend aus, dann hob sich überraschend die verzierte Wand vor ihnen in die Höhe und verschwand in dem geheimnisvollen Dunkel weiter oben. Ein Vorhang wurde sichtbar, der sich wiederum teilte, um den Blick auf eine hell erleuchtete Plattform mit einer ungelenk gemalten Felsenlandschaft im Hintergrund freizugeben. Nochmals schwollen die Töne an, unterwarfen jeden lebenden und toten Körper dem Diktat ihrer Schwingungen, fanden dann jedoch ein überraschendes Ende. Die Reaktion der Terraner bestand in erneutem brausenden Händeklatschen. Die Gruppe um Mongaris erhielt nur wenig Zeit zum Durchatmen, denn die Töne setzten gleich darauf in einer etwas erträglicheren Intensität wieder ein. Im nächsten Moment stürmte ein grün gekleideter Terraner auf die Plattform, verfolgt von einem schuppigen Geschöpf, welches das Maul bedrohlich aufgerissen hatte. Die Rhazaghaner lehnten sich erwartungsvoll vor. Mongaris betrachtete fasziniert den Gegenstand, den der Mann dort oben in Händen hielt. Sie hegte die starke Vermutung, daß es sich um eine Jagdwaffe handelte, als sie ihre Annahme auch schon bestätigt fand: Der Terraner hob das Objekt etwas nachlässig und schoß ein längliches Projektil auf seinen Gegner ab, das jedoch ein gutes Stück am Ziel vorbeiflog. Auch ein zweiter Versuch scheiterte. Mongaris glaubte allerdings, daß ein Treffer möglich gewesen wäre, hätte der Mann zumindest während des Zielens aufgehört zu singen. Anscheinend besaß der Terraner keine Projektile mehr, denn er unternahm keinen weiteren Versuch, das Raubtier zu töten. Während die Kreatur abwartend dastand, streckte der Mann bittend seine Arme in Richtung des Publikums aus, unablässig aus Leibeskräften singend. Mongaris begann sich zu fragen, ob ein Eingreifen von Seiten der Zuschauer erwartet wurde, während sie sich bemühte, den Gesang des Terraners zu verstehen. Doch obwohl Katanos betont hatte, daß die Darbietung in Föderationsstandard stattfinden würde, verstand die Rhazaghani nicht ein einziges Wort. Noch während Mongaris angestrengt grübelte, geschah es völlig unvermittelt, daß der Mann auf der Plattform zusammenbrach und regungslos liegenblieb. Die Rhazaghaner tauschten verwirrte Blicke. Sie alle hatten gesehen, daß das Raubtier den Terraner nicht berührt hatte. Zum Zeitpunkt seines Zusammenbruchs hatte es nicht einmal eine feindselige Bewegung gegen ihn unternommen. Im nächsten Moment tauchten weitere Figuren auf der Plattform auf. Drei Frauen huschten zwischen den Felsen herum, deren Gewänder womöglich noch unzweckmäßiger waren als alles, was Mongaris im Kassenvestibül gesehen hatte. Jede von ihnen sang mit gleicher Inbrunst wie der Terraner, freilich in einer Tonhöhe, welche die Rhazaghani wieder nach ihren Armlehnen greifen ließ. Dennoch blickte sie gebannt auf das Geschehen, denn die Frauen schwenkten Waffen in den Händen, Waffen, deren Aussehen Mongaris kannte: Mit genau solch einem Gegenstand pflegte Talan der Romulaner auf die Jagd zu gehen. Die Jägerinnen näherten sich ihrer Beute, die noch immer am alten Fleck stand und nicht die geringste Beunruhigung zeigte. Schließlich versammelten sich die drei feierlich um das Raubtier und hoben ihre Jagdwaffen triumphierend in die Höhe. Die geschuppte Kreatur wartete jedoch den Todesstoß nicht mehr ab, sondern sackte zusammen und gab zur großen Verblüffung der Rhazaghaner ihren Geist auf. Nach vollbrachter Tat rauschten die Terranerinnen zu dem zusammengebrochenen Mann hinüber, leisteten jedoch keinerlei ärztliche Hilfe, sondern umlagerten den Reglosen mit allen Anzeichen großen Entzückens. Kurz darauf bekam ihr hoher, spitzer Gesang jedoch immer zornigere Qualitäten und schließlich war offensichtlich, daß die drei miteinander stritten. Während Mongaris ersten Kopfschmerz hinter ihrer Stirn aufsteigen spürte, gelangte sie zu der Überzeugung, daß der Mann schon tot war. Vermutlich war der Suchtrupp bei der Verfolgung seiner Spur nicht schnell genug gewesen und nun machten sich die Beteiligten gegenseitig Vorhaltungen. "Ein völlig unreifes und nutzloses Verhalten!" dachte die Rhazaghani verärgert. Schließlich sprangen alle drei Frauen auf und verschwanden wieder zwischen den Felsen, ohne den Toten mit sich zu nehmen. Nur einen Moment später kam völlig überraschend wieder Leben in den Daliegenden; er rappelte sich hoch, bestaunte die erlegte Kreatur und versteckte sich hinter einem Baum. Als nächstes sahen die Rhazaghaner ein gefiedertes Geschöpf zwischen den Felsen hervorhüpfen. Tybrang beugte sich zu Aryshtin hinüber, welche die Arme verschränkt hielt und mit finsterem Gesicht auf die Bühne schaute. "Sieh nur, Aryshtin!" bemerkte er und lächelte aufmunternd. "Ein terranischer Skried!" Die Antwort bestand in einem gereizten Seitenblick und einem kurzen verächtlichen Lachen. Tybrang seufzte resigniert und lehnte sich wieder zurück, um die weiteren Vorgänge zu verfolgen. Leider mußte er feststellen, daß ihm der Inhalt dieser Erzählung zunehmend rätselhaft erschien. Auch Mongaris nagte an ihrer Unterlippe und versuchte angestrengt, sich einen Reim auf das Gezeigte zu machen, tappte allerdings dabei immer mehr im Dunkeln. Leute kamen und gingen; sie liefen herum, sangen und gestikulierten, wechselten hin und wieder ein paar Worte, um sich dann wieder hartnäckig aufs Singen zu verlegen. Dabei bewegten sich insbesondere die Stimmen der drei Frauen nahe an der Grenze dessen, was das rhazaghanische Gehör zu ertragen vermochte. Fast das ganze bisherige Leben von Mongaris war durch eiserne Selbstdisziplin geprägt gewesen, doch auch sie empfand den Aufenthalt in diesem Saal als harte Belastungsprobe. Selbstverständlich wies sie es weit von sich, sich auf beleidigende Weise mit den Händen die Ohren zuzuhalten oder gar einfach zu gehen und damit die Habitatsbewohner aufs tiefste zu kränken. Sie war sicher, daß zumindest noch sechs von ihren sieben Begleitern in jedem Fall durchhalten würden, und dieses Wissen füllte ihr Herz mit Entschlossenheit. Dann plötzlich kam es zu einer Veränderung auf der Bühne: Die Landschaft verfinsterte sich, es donnerte mehrmals und einer der Berge teilte sich. Eine Vielzahl von leuchtenden Sternen glühte am gemalten Himmel auf und eine Frau trat hervor, deren Gewand alles bisher Gesehene regelrecht verspottete. Es schien, als hätte man versucht, es aus soviel Stoff wie nur möglich herzustellen; hinzu kamen noch etliche durchsichtige Tücher, die man an allen Ecken und Enden befestigt hatte. Zusammen mit den zahllosen glitzernden Steinen, die das alles übersäten, glich das Ganze mehr einem Bauwerk als einem Kleidungsstück. Die Frau, die eine überdimensionierte gezackte Kopfbedeckung trug, lächelte. Dann begann sie zu singen. Nach nur wenigen Tönen spürte Mongaris, wie sich ihr die Nackenhaare sträubten. Neben ihr stöhnte Zarab auf. Auf der anderen Seite bemühte sich Selembri, tief und ruhig durchzuatmen. Tybrangs Hände krallten sich um die Armlehnen, und Atrim ächzte vor Entsetzen. "Tingrilorn, hättest du so etwas für möglich gehalten?" Ihr ehemaliger Partner hielt die Augen krampfhaft geschlossen. "Nein!" antwortete er ruhig. "Und ich glaube auch nicht, daß es gesund ist, was diese Frau da mit ihrer Stimme treibt. Allerdings habe ich nun eine gewisse Vorstellung, wie Terraner zu ihrer Schwerhörigkeit kommen. Es handelt sich ganz einfach um eine Anpassungserscheinung." Die Rhazaghaner bissen die Zähne zusammen und litten schweigend. Endlich stellte die funkelnde Terranerin ihren Gesang ein, worauf sich wieder der Berg um sie schloß. Lautes Händeklatschen und Jubel aus dem terranischen Publikum war die Folge. Den Rest erlebten sie wie betäubt. Die Landschaft änderte sich, wich abwechselnd Gärten oder dunklen Mauern, bunte Volksmengen erschienen und gingen wieder ab. Drei weiß gekleidete Kinder schwebten auf einer Wolke dahin, in Tierkostümen steckende Terraner hüpften über die Bühne, um später wieder zu verschwinden. Und über allem lag der allgegenwärtige Gesang, unterstützt von den an- und abschwellenden Tönen, die aus der Vertiefung kamen. Die Sache schien kein Ende zu nehmen. Endlich fiel ein goldener Vorhang vor die Szenerie, Beifall brandete auf, als auch schon die Darsteller Hand in Hand durch den Spalt nach vorne traten. Schreie der Begeisterung erklangen, die Terraner aus der Vertiefung erhoben sich mit ihren Geräten und die Frau in ihrer Mitte verbeugte sich. Mongaris atmete erleichtert auf. Tarkin lehnte sich zu ihr hinüber. "Vielleicht sollten wir die Gelegenheit ergreifen, etwas nach draußen zu gehen." sagte er matt. "Es ist Pause." Sie starrte ihn an. "Was sagst du da?" "Sie werden sich jetzt etwas ausruhen, und wir..." "Du meinst, sie machen gleich weiter?" Er erwiderte bedauernd ihren Blick. "Es tut mir sehr leid, aber ich fürchte ja. Die Hälfte haben wir allerdings geschafft." Die große Rhazaghani blieb einen Moment still. Ihr kam zu Bewußtsein, daß sie die Delegation führte und damit die Verantwortung für die übrigen trug. "Ich schlage vor, wir gehen hinaus und besprechen uns dort." erklärte sie dann. "Diese Entscheidung möchte ich nicht gern allein treffen." "Gut, Mongaris!" nickte der Vari zustimmend.
Katanos war noch immer dabei, begeistert zu applaudieren. Er war nicht gerade ein regelmäßiger Opernbesucher, aber man hätte taub sein müssen, um nicht zu merken, daß es sich hier um ein ganz erstklassiges Ensemble handelte. Noch einmal verdoppelte er seine Anstrengungen, als die Königin der Nacht vor den Vorhang kam und erinnerte sich voller Vorfreude an die berühmte Rachearie im zweiten Akt. Im nächsten Augenblick trat jedoch Mongaris in sein Blickfeld, was er sofort zum Anlaß nahm, sich zu erheben. Mittlerweile war ohnehin der größte Teil des Publikums aufgestanden. "Clanführerin!" rief er freudig. "Eine großartige Vorstellung, nicht wahr? Welcher Darsteller hat Ihnen denn bisher am besten gefallen?" Die Rhazaghani blinzelte mühsam im Licht, so als ob sie Kopfschmerzen hätte. "Der Skried, glaube ich!" antwortete sie nach kurzem Schweigen. "Der... der Mann mit den Federn. Er scheint recht sympathisch. Und er singt nicht so hoch. Bitte, Mr. Katanos, würden Sie uns für einige Momente entschuldigen? Meine Begleiter und ich müssen etwas miteinander besprechen." Gleich darauf sahen der Diplomat und seine Assistentin der kleinen Gruppe nach, wie sie den Gang hinaufstrebte. "Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?" stöhnte Katanos verzweifelt.
Sie hielten ihr Treffen im Kassenvestibül ab. "Also gut!" sagte Mongaris. "Zwei Möglichkeiten! Ich gebe zu bedenken, daß man unseren vorzeitigen Aufbruch bemerken wird, und der Gedanke, die ganze Gemeinschaft zu kränken stimmt mich nicht gerade glücklich. Außerdem halte ich es nicht für ausgeschlossen, daß man anschließend eine Stellungnahme von uns erwartet, möglicherweise sogar eine Darbietung unsererseits." "Ich glaube nicht, daß ich nach Ende dieser Angelegenheit noch in der Lage bin, bei einer Erzählung mitzuwirken." murmelte Zarab, der auffallend bleich und elend wirkte. "Soviel ich weiß, brauchen wir uns deswegen keine Gedanken zu machen." meldete sich Tarkin. "Sie werden voll und ganz mit ihrer eigenen Darbietung beschäftigt sein." "Das klingt mir plausibel, wenn man die Länge bedenkt." warf Tybrang ein. "Mag sein, doch ganz sicher ist es nicht." befand Mongaris. "Und in jedem Fall bliebe die Höflichkeitspflicht gegenüber unseren Gastgebern. Aber wie dem auch sei: Ich möchte auf gar keinen Fall, daß ihr gegen eure Überzeugung wieder dort hineingeht. Sagt mir nun bitte ganz offen eure Einschätzung: Glaubt ihr, daß ihr diese Sache noch bis zum Ende werdet durchhalten können?" Tybrang schaute fragend zu Aryshtin hinüber, die an der nächsten Säule lehnte. Sie erwiderte seinen Blick und zuckte gleichgültig die Schultern. "Macht was ihr wollt!" lautete ihre lakonische Antwort. "Das tut ihr doch sonst auch, oder?" Es war dann Zarab, der für sie alle sprach. Würdevoll straffte er seine große Gestalt und trat aufrecht Mongaris gegenüber. "Wir sind Clanführer!" erklärte er ernst. Die übrigen nickten, einer nach dem anderen, und ein kurzes, stolzes Lächeln glitt über Mongarisï Züge. "Ich habe nichts anderes von euch erwartet. Gehen wir also und stellen uns auch dem Rest!" Sie warteten buchstäblich bis zum letzten Augenblick, atmeten ruhig und gleichmäßig und sammelten Kraft für das, was sie erwartete. Erst als das Licht im Zuschauerraum wieder verglomm, nahmen sie erneut ihre Plätze ein. Katanos erhob sich halb und warf einen schüchternen fragenden Blick auf seine Gäste, kam aber nicht mehr dazu, etwas zu äußern, da der zweite Akt begann. Alles war genau wie zuvor. Wieder setzten die fremdartigen Klänge ein und überlagerten selbst die Stimmen von Mongaris eigenen Gedanken. Normalerweise hatte die Rhazaghani nichts gegen Musik; wie fast jeder Rhazaghaner wußte sie die klare, mitreißende Melodie eines Jagdliedes oder eine vertonte Erzählung zu schätzen. Das was allerdings hier auf ihre Ohren einstürmte, schien ihr ein akustisches Äquivalent des gleißenden, stoffbeladenen Kleides zu sein, das sie in der ersten Hälfte gesehen hatte. Die Musik wirkte auf sie hoffnungslos überfrachtet, so als wäre jemand von dem Ehrgeiz besessen gewesen, so viele unterschiedliche Klänge wie nur möglich in das Stück hineinzustopfen. Der Verlauf der Musik war unruhig, geradezu launisch und ließ eine überschaubare Linie vermissen; vor allem aber war das Ganze - und das galt nach Mongarisï Meinung insbesondere für die hohen Passagen - viel zu laut. Die Kopfschmerzen hatten sich mittlerweile beharrlich hinter ihrer Stirn festgesetzt und nahmen schneidende Schärfe an, wenn die singenden Stimmen eine gewisse kritische Tonhöhe überschritten. Ihr Gehör hatte begonnen, mit einem hartnäckigen Pfeifton gegen die Überstrapazierung zu protestieren, und selbst der Magen fing an, sich auf unangenehme Weise bemerkbar zu machen. Allmählich begriff die Rhazaghani, warum Zarab im Kassenvestibül so schlecht ausgesehen hatte: Vermutlich reagierte sein Nervensystem einfach etwas schneller oder empfindlicher auf diese Art von Belastung. Voller Mitleid warf sie einen Seitenblick auf den alten Rhazaghaner und stellte dabei fest, daß dieser zwar die Augen geschlossen hatte, aber dennoch fest entschlossen schien, die Darbietung bis zum Schluß durchzuhalten. Mongaris atmete bewußt mehrmals tief durch und konzentrierte sich wieder auf die Bühne. Die Erzählung war ihr zwar inzwischen vollkommen unverständlich geworden, doch die Vorgänge dort oben boten immerhin ein wenig Ablenkung und ließen außerdem darauf hoffen, daß das Ganze irgendwann ein Ende finden würde. Gerade jetzt zeigte der Hintergrund Bäume, blühende Sträucher und den weißlichen Mond von Terra, während sich weiter vorn ein singender Mann auf eine unverdrossen schlafende Terranerin zubewegte. Verglichen mit dem meisten anderen war das Lied gar nicht so sehr übel, und so hatte die Rhazaghani begonnen, sich etwas zu entspannen, als unvermittelt Donner ertönte. Urplötzlich und noch dazu völlig überraschend war die Frau in dem funkelnden Gewand erschienen. Mongaris brach der Schweiß aus. Auf der Bühne entspann sich ein kurzer Wortwechsel, doch dann folgte das Unvermeidliche. Die Rhazaghani starrte erschüttert hinauf und wußte nur eines: Wenn jemals eine Stimme mit weißglühendem Metall verglichen werden konnte, dann war es zweifellos diese. Sie brannte sich ihren Weg direkt bis ins Gehirn und wäre dazu wahrscheinlich selbst dann noch in der Lage gewesen, wenn die Zuschauer überhaupt keine Ohren besessen hätten. Einige Momente noch biß Mongaris die Zähne zusammen und bemühte sich, die Handlung weiter zu verfolgen, dann senkte sie den Kopf und schloß die Augen. Sie hatte nur die Hoffnung, daß sie ihren rebellischen Magen bis zum Ende der Darbietung würde unter Kontrolle halten können. Die glitzernde Frau kam zum Ende, und die Vorstellung nahm ihren Fortgang. Die Rhazaghani nahm es benommen zur Kenntnis. Klänge und Gesang schienen unaufhörlich wie Wasser über sie hinwegzuströmen, bis endlich, nach einer halben Ewigkeit, der goldene Vorhang ein zweites Mal fiel. Während die Terraner klatschten und jubelten, beugte sie sich behutsam vor und versuchte sich ein Bild vom Zustand ihrer Artgenossen zu machen. Wie es aussah, hatte jeder von ihnen die Strapazen überstanden, ohne dabei seine Würde zu verlieren. Erschöpft lehnte sie sich zurück und lauschte auf das durchdringende Pfeifen in ihren Ohren, als ihr irgendwann bewußt wurde, daß jemand sie ansprach. Sie hob den Blick und erkannte Katanos, der mit beunruhigtem Gesicht vor ihr stand. "Was sagten Sie?" murmelte Mongaris. "Ist alles in Ordnung mit Ihnen, Clanführerin?" Die Rhazaghani drehte vorsichtig den Kopf hin und her. "....Wie? Doch. Doch, ich denke schon. Sagen Sie, können wir zu unserer Unterkunft zurückkehren, oder sind im Moment noch weitere Programmpunkte geplant?" "Sie möchten wieder zurück?" Mongaris griff nach den Armlehnen und besann sich kurz, dann stemmte sie sich entschlossen in die Höhe. Eine Welle von Schmerz schien in ihrem Kopf zu explodieren. Die Rhazaghani unterdrückte ein kurzes Würgen, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. "Wenn es nicht zu viel Mühe macht... Ich glaube, etwas Ruhe würde uns nach diesem... interessanten Abend ganz gut tun." Sie wandte sich ab, und schloß sich wie ihre Artgenossen der herausströmenden Menge an. Katanos sah ihr ratlos nach, dann stieß Vendrell zu ihm, und beide beeilten sich, ihren Gästen zu folgen. "Tja, mein Lieber, sieht mir ganz so aus, als hätten Sie Ihre Hausaufgaben nicht gemacht." hörte der junge Diplomat unvermittelt eine Stimme neben sich. Katanos wandte den Kopf und erkannte seinen Kollegen. "Wieso, wovon reden Sie?" erkundigte er sich verwirrt. Fitzgerald wies mit einer etwas spöttischen Geste auf die Gruppe der Rhazaghaner vor ihnen. "Nun, ist das nicht offensichtlich? Schauen Sie sich doch die grünen Gesichter Ihrer Schützlinge an! Glauben Sie denn wirklich, daß Sie mit jedem x-beliebigen Gast in eine Opernvorstellung gehen können? Diese Leute da vorne haben ganz eindeutig ein übersensibles Nervensystem, vermutlich weist ihr Gehör sogar eine andere Frequenztoleranz als das von durchschnittlichen Humanoiden auf. Normalerweise zieht man entsprechende Erkundigungen ein, bevor man solche Aktivitäten plant, aber man merkt eben, daß Sie noch nicht lange dabei sind." Katanos und Vendrell wechselten einen betroffenen Blick. Hastig bahnten sie sich einen Weg nach draußen, um dort wieder auf die Rhazaghaner zu stoßen, die stumm im Regen standen. Die Bitte, sich wieder in den Schutz des Gebäudes zu begeben, um im Trockenen auf das Antigrav zu warten, beantworteten sie mit einem Kopfschütteln. Auch auf dem Rückweg blieben Katanosï Gäste auffallend wortkarg. Scheu blickte er von einem zum anderen und stellte fest, daß alle bleich und mitgenommen wirkten. In der Empfangshalle des Triton angekommen, verabschiedeten sich die Rhazaghaner höflich, um sich dann unmittelbar darauf in ihre Suiten zurückzuziehen. Schweigend verließen Katanos und seine Assistentin das Gebäude. Eine Weile gingen sie niedergeschlagen nebeneinander her, dann brach Vendrell das Schweigen. "Glauben Sie, daß Mrs. Jhabvala das gewußt hat?" Katanos hob und senkte ratlos die Schultern. "Ich habe nicht die allergeringste Ahnung. Möglicherweise ja, vielleicht auch nein. Ich habe ja nicht einmal einen einzigen Blick in ihre Unterlagen werfen können. Jedenfalls wäre mir nie der Gedanke gekommen, daß Rhazaghaner ein derart empfindliches Gehör besitzen könnten. Man bedenke, die Zauberflöte...! Verdammt, selbst Vulkanier haben mit klassischer Musik keine Probleme." "Fitzgerald sagte vorhin etwas von einer anderen Frequenztoleranz... Grämen Sie sich nicht, Samir! Morgen besuchen wir den Louvre, da ist es auf alle Fälle ruhig. Sie werden sehen, es wird ihnen bestimmt gefallen. Ich wüßte niemanden, der etwas an schönen Gemälden auszusetzen hätte." Ihr Kollege strich sich nervös über den Kopf, worauf sämtliche Haare ungeordnet in die Höhe standen. "Ihr Wort in Gottes Ohr, Denise! Hoffen wir das Beste! Vor allem wäre ich froh, wenn Mr. Shane es mittlerweile geschafft hätte, den Autorisationscode für die gesperrten Informationen aufzutreiben. Ich werde jedenfalls gleich noch einen Abstecher ins Ministerium machen, vielleicht haben wir ja Glück." Etwas später aktivierte Katanos erwartungsvoll seinen Computer, um ihn kurz darauf enttäuscht wieder abzuschalten. Der angeforderte Code war noch immer nicht eingetroffen. Resigniert und in unruhiger Erwartung des nächsten Tages fuhr der Diplomat nach Hause. (c) Gundhild Dreher, An der Tillyschanze 8, 38678 Clausthal-Zellerfeld Email: gundhild.dreher@t-online.de November 2004
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