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Verkaufende auf Risa Teil 1 Teil 2 Teil 3 Teil 4 Teil 5 Teil 6 Teil 7 Teil 8 Teil 9 Teil 10 Teil 11 Teil 12 Teil 13
27. Bei der Kildar handelte es sich um einen terranischen Mittelklassefrachter vom Typ G 3050, eines der gängigsten Modelle des Sektors, wie Tybrang und Tarkin noch am selben Tag erfahren sollten. Das Schiff war erst vor acht Jahren fertiggestellt worden und verfügte über eine technische Ausrüstung, die es von jedem anderen Frachter seiner Art abhob. Ähnliches ließ sich über seine Crew sagen. Sie war jung, eindeutig kompetent, engagiert - und sie bestand ausnahmslos aus Cardassianern. Die beiden Rhazaghaner hatten die Transporterplattform noch nicht verlassen, als sie auch schon von mehreren Positionen aus neugierig beobachtet wurden. SiliphÉ hingegen nahm sofort ihre technischen Erklärungen wieder auf, die sie bereits vor dem Transfer begonnen hatte. Bereitwillig erzählend führte sie ihre besonderen Gäste von Konsole zu Konsole und sparte dabei nicht mit technischen Details. "...was uns dazu brachte, uns gegen den sonst obligatorisch vorgeschalteten Biofilter zu entscheiden. Stattdessen wird der CSG-Operator bei jeder Rückkehr einem medizinischen Scan unterzogen. Die kurzen Distanzen ermöglichen es uns, mit lediglich sechs der üblichen siebzehn Emitterphalanxen zu arbeiten, außerdem gelang es uns, den Eindämmungsstrahl auf ein kaum meßbares Minimum zu reduzieren, mit dem Ergebnis, daß fremde Sensorsysteme den Materiestrom schon ab einer Entfernung von dreizehn Lag nicht mehr erfassen können. Allerdings hat das von uns verwendete Prinzip dadurch den Nachteil, daß wir beim Eindringen in das fremde Objekt Hindernisse von einem halben Lag nicht überschreiten dürfen, was uns dazu zwingt, den Rematerialisierungsprozeß..." Gleich darauf verließen sie gemeinsam den Transporterraum, wobei sich Tybrang immer noch angestrengt bemühte, den Ausführungen der Cardassianerin zu folgen. Tarkin hingegen war anzusehen, daß er mit seinen Gedanken nicht bei der Sache war. Kurz vor ihrem Aufbruch hatte er noch einmal die Krankenstation aufgesucht, sich leise an das Lager seiner schlafenden Gefährtin gesetzt und ihr Gesicht betrachtet. Natürlich hatte er gewußt, daß ihre Genesung nicht gefährdet werden durfte, dennoch war es quälend für ihn, daß er sich nicht hatte verabschieden können. Es war ein gefährliches Unternehmen, das da vor ihnen lag, und darum hätte er gern noch einmal mit Aslari gesprochen, ihr Talans verzweifelte Lage erklärt und sich ihres Verständnisses vergewissert. Eigentlich war er sich ihrer Antwort fast sicher gewesen. "Geh, hilf ihm, bring ihn und die Arrhinia D'jah zu uns zurück!" hätten ihre Worte gelautet, aber sich mit dieser Hoffnung auf den Weg zu machen war etwas anders als ihre Stimme noch im Herzen nachklingen zu fühlen. Gerade jetzt verlangte es ihn nach einer Quelle, aus der er Trost und Zuversicht schöpfen konnte, denn er konnte nicht vor sich verleugnen, daß er sich vor dem, was vor ihm lag, fürchtete. Im nächsten Moment wurde Tarkin aus seinen Gedanken gerissen, denn SiliphÉ unterbrach kurz ihre Erläuterungen, um sie auf die Brücke zu führen. Mehrere Gesichter wandten sich interessiert zu ihnen um, unter ihnen das einer jungen Cardassianerin, die an einer etwas abgesondert stehenden Konsole saß. SiliphÉ brachte die beiden Rhazaghaner direkt zu ihr hinüber. "Natürlich setzen unsere Operationen ein stark verfeinertes Sensorensystem voraus." erklärte sie dabei. "Wir haben uns vor allem auf die normalerweise nicht so relevante Thermalabbildung und die Schmalwinkel-EM-Scanner konzentriert. Unser Hauptaugenmerk galt der Fernerfassung von Lebensformen mit möglichst geringem Energieaufwand, und wir wollten unter anderem in der Lage sein, aktive Organismen von solchen in inaktivem Zustand zu unterscheiden. Zu diesem Zweck haben wir die bestehende Software für Lebensformanalyse noch weiter ausgefeilt, die ihre volle Leistungsfähigkeit jedoch erst im Zusammenspiel mit einer exzellent ausgebildeten Fachkraft entfaltet. Ich muß hierbei betonen, daß Intipalea unsere Erwartungen in jeder Hinsicht übertroffen hat." Intipalea winkte ab. "Meine Fähigkeiten nehmen sich neben SiliphÉs bescheiden aus." hielt sie dagegen. "Ich glaube, es gibt kaum ein technisches Problem, das in ihr nicht seinen Meister finden würde." Sie lächelte verschmitzt. "Überhaupt sind cardassianische Ingenieure die besten des Universums, haben Sie das gewußt?" Ihre kecke Behauptung brachte Tarkin unwillkürlich zum Schmunzeln. "Damit erzählen Sie mir nichts Neues." konterte er. "Mein Chefingenieur ist Halbcardassianer." Die junge Frau sah überrascht und beeindruckt zu ihm auf. "Ein Halbcardassianer? Wirklich? Sagen Sie bloß, er arbeitet auf einem Ihrer beiden ulkigen Dinger dort drüben?" Die beiden Rhazaghaner hoben den Blick und schauten hinauf zum Hauptschirm. Im Vordergrund hob sich silberglänzend, von der Sonne Risas angestrahlt, die Narhamak ab; etwas schräg dahinter war der Rumpf der Arrhinia D'jah zu erkennen. Einen Augenblick lang schaute Tarkin wie versunken auf die beiden Sternschwingen, dann nickte er. "Doch, ganz genau! Im Moment befindet er sich an Bord des Schiffes, das Sie da vorne sehen. Also können Sie in dem ruhigen Bewußtsein leben, daß er nicht gehört hat, wie Sie unsere Schlachtkreuzer gerade genannt haben. Meiner Einschätzung nach sind Ihnen damit ein paar ziemlich derbe Antworten erspart geblieben." Intipalea lachte, doch bevor sie etwas erwidern konnte, meldete sich eine männliche Stimme zu Wort, die eine gelungene Mischung aus selbstsicherer Arroganz und übermütigem Humor darstellte. "Der Ryaichan hatte Anweisung gegeben, Ihre beiden Vögel in Ruhe zu lassen. War verdammt schade, ich hätte sie mir gern mal in aller Ruhe von innen angesehen." Die Rhazaghaner drehten sich um. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt lehnte mit verschränkten Armen ein Cardassianer an einer Konsole und grinste. Er war schlank und drahtig, und um den Hals trug er eine auffallende, aus den verblüffendsten Gegenständen zusammengestellte Kette. Tarkin erkannte unter anderem einen funkelnden Rangknopf und einen Sternenflottenkommunikator. Intipalea sah lächelnd zu dem jungen Mann hinüber. "Das ist Kadjak, unser CSG-Operator." stellte sie ihn mit unüberhörbarem Stolz vor. "Es gibt nichts, was vor seiner Fingerfertigkeit sicher wäre. Vor kurzem hat er aus dem Transportercontroller eines Schiffes der Intrepid-Klasse den diagnostischen Verifikator ausgebaut, während der Chefingenieur gleich daneben mit zwei Technikern Poker spielte. Ihre Reaktion konnte er allerdings nicht mehr beobachten; als er fertig war und ging, begannen sie gerade mit der vierten Runde." "...und dabei kann man noch nicht einmal sagen, daß wir das Teil brauchten." wurde eine leise, tadelnde Stimme hörbar. "Es ging ihm einzig und allein um ein neues spektakuläres Stück für seine Trophäensammlung." Die junge Frau sah zu der Konsole hinüber, hinter welcher der Eigentümer der Stimme saß. Es handelte sich um einen hochgewachsenen Cardassianer, der sich ungefähr in Kadjaks Alter befand und dessen ernstes Gesicht momentan etwas verdrossen wirkte. "Azared, Zielauswahl und technische Auswertung." erklärte sie den beiden Rhazaghanern. "Nennen Sie ihm sechs beliebige Schiffstypen, und er stellt Ihnen eine vierseitige technische Bedarfsliste zusammen, noch bevor Sie zu Ende gesprochen haben. Er nimmt seine Arbeit sehr genau und sorgt dafür, daß unser Risiko so klein bleibt wie nur möglich." "Wenn es irgend eine Möglichkeit für Azared gäbe, würde er mich zu meinen Jobs begleiten, damit er drüben Gouvernante für mich spielen kann." behauptete Kadjak und kam mit gutmütigem Grinsen heran. "Er glaubt, ich empfände zuviel Spaß bei der Ausübung meiner Tätigkeit und hat aus der Sorge um mich eine Art persönlichen Leistungssport entwickelt. Außerdem hält er mich für eitel und behauptet, ich ginge zu viele Wagnisse ein." Azared lehnte sich zurück und betrachtete ihn mit verschränkten Armen. "Jedenfalls sehe ich es kommen, daß du eines schönen Tages vergißt, vor einem Job deine verrückte Kette abzulegen." erwiderte er ruhig. "Und anschließend dürfen wir hier spekulieren, ob es wohl das Geklimper war, was dich verraten hat, oder ob du ganz einfach irgendwo hängengeblieben bist. Meiner Ansicht nach ist dieses Ding nicht nur überflüssig sondern auch gefährlich, da kannst du sagen, was du willst." Die Rhazaghaner hatten das Geplänkel mit großen Augen verfolgt. Nun wandten sie langsam die Köpfe und sahen einander an. Es war zu merken, daß sie beide trotz ihrer inneren Anspannung Mühe hatten, nicht lauthals loszuplatzen. Schließlich richtete Tybrang seine Aufmerksamkeit wieder auf Kadjak. "Sie sind wohl Jäger?" wandte er sich an ihn, was den Cardassianer überrascht verstummen ließ. Doch gleich darauf begann er wieder zu grinsen. "So gesehen... - doch, gewissermaßen schon!" gab er zu. "Das könnte man sagen. Eigentlich gar kein schlechter Vergleich, gefällt mir!" "Nicht einfach, für ihn die Vernunft zu wahren, oder?" erkundigte sich Tarkin mitfühlend bei Azared, was den Angesprochenen dazu brachte, verzweifelt die Augen zu verdrehen. "Nicht einfach? Fast unmöglich trifft es wohl eher. Man muß ständig darauf gefaßt sein, daß er sich aus Leichtsinn in irgend eine gefährliche Situation begibt. - Bitte verzeihen Sie!" unterbrach er sich dann schuldbewußt. "Wir reden hier und reden, und dabei... Nach dem, was man uns sagte, geht es Ihnen darum, einen Mann aus der Hand von Romulanern zu befreien. Ist das richtig?" Der Rhazaghaner nickte. "Ja, es stimmt. Ihr Freund Kadjak wird allerdings nichts mit der Sache zu tun bekommen. Wir haben mit dem Ryaichan ausgehandelt, lediglich auf Ihre technische Hilfe zurückzugreifen und Sie ansonsten nicht in die Sache hineinzuziehen. Wie gehen Sie bei solchen Angelegenheiten gewöhnlich vor?" "Sie geben mir als erstes die Nummer der Parkbahn des betreffenden Schiffes." informierte ihn der Cardassianer. "Die haben Sie doch hoffentlich?" "Fünf-zwei-zwei-sieben-null-zwei." antwortete Tarkin prompt. Azared wandte sich unverzüglich seinem Monitor zu und rief sich eine Aufstellung auf den Schirm. Nachdenklich rieb er sich das Kinn. "Hmmm..." brummte er. "Bißchen weit weg! Und in Anbetracht der Tatsache, daß es sich um Romulaner handelt... Es wird wohl besser sein, wir sind vorsichtig und gehen näher ran. Sehen wir also erst einmal zu, daß wir einen günstigeren Platz zugeteilt bekommen." Tybrang horchte überrascht auf. "Einen Wechsel der Parkbahn beantragen?" wunderte er sich. "Würde uns das nicht bei der Orbitsicherung verdächtig machen?" "Tja," machte Azared, "die Orbitsicherung!" Er schaute sich gelassen unter seinen cardassianischen Freunden um. "Was meint ihr dazu? Was haltet ihr von der Orbitsicherung?" "Oh ja, die Orbitsicherung!" nickte Intipalea ernsthaft und strich ihre schwarzen Locken zurück. "Wunderbare Sache, die Orbitsicherung!" "Nichts zu sagen gegen die Orbitsicherung." stimmte Kadjak zu und hielt den Daumen hoch. ".Ist in Ordnung, die Orbitsicherung. Ein dreifaches Hoch auf die Orbitsicherung!" "Die Orbitsicherung erleichtert uns einen großen Teil unserer Arbeit." erläuterte Azared, indem er sich wieder den beiden Rhazaghanern zuwandte. "Wir arbeiten hier mit kurzen Reichweiten, und manchmal ist das Ziel einfach zu weit weg. Dann helfen sie uns da unten weiter, indem sie uns eine bessere Ausgangsposition verschaffen, verstehen Sie? Im übrigen fällt es nicht weiter auf, wenn es im Frachterbereich zu Verschiebungen kommt, weil die Bahnen immer wieder optimiert werden müssen. Hin und wieder kommt es auch vor, daß man uns eine kleine Runde drehen und dann mit einer anderen Kennung nach Risa zurückkehren läßt. Die gute Kildar gehört einer derart gängigen Klasse an, daß wir das Spiel beliebig oft wiederholen können. Allein in diesem Moment teilen wir den Orbit mit siebenundzwanzig Frachtern des Typs G 3050." "Gut organisiert, in der Tat!" murmelte Tybrang anerkennend. "Die wichtigste Basis für Erfolg." meinte SiliphÉ zufrieden. "Die Annäherung an das Zielobjekt ist aber erst der Anfang. Sobald wir gleich unsere neue Position erreicht haben, werden wir mit dem Scan beginnen. Sie werden sehen, wir bemühen uns, so wenig wie möglich dem Zufall zu überlassen." "Was mich zu einer Frage bringt, die mich schon die ganze Zeit über beschäftigt." meldete sich Tarkin interessiert. "Wie Sie sagten, sorgen Sie zunächst für eine möglichst geringe Distanz, um dann Ihren Operator mit einem Minimalaufwand an Energie auf dem Zielschiff absetzen zu können. Wie aber bringt er es fertig, dort unbemerkt zu bleiben?" "Da haben Sie einen wichtigen Aspekt angesprochen." Kadjak wandte sich von der Gruppe ab und gab dem Rhazaghaner einen Wink ihm zu folgen. "Kommen Sie, Sie können mir helfen, die Ausrüstung durchzuchecken, wenn Ihr Freund sich erstmal den Scan ansehen möchte. So wie die Sache steht, wird es ohnehin sicherer sein, unseren dritten CSG noch mal zu überprüfen; er ist zum letzten Mal vor vier Dekaden eingesetzt worden." Gleich darauf hatten sie die Brücke verlassen und bewegten sich gemeinsam durch die in dämmeriges Licht getauchten Gänge des Frachters. Bereits nach wenigen Schritten wandte der Cardassianer den Kopf und warf seinem Begleiter einen neugierigen Seitenblick zu. "Kennen Sie den Ryaichan schon lange?" erkundigte er sich. "Kennen tut ihn eher Tybrang." antwortete Tarkin vorsichtig. "Sie sind sich auf Cardassia begegnet und hatten dort eine Zeitlang miteinander zu tun. Ihr Arbeitgeber hat damals nicht wenig von der Anwesenheit meines Freundes profitiert, wofür er sich jetzt revanchieren möchte." Kadjak stieß einen leisen, staunenden Pfiff aus. "So ist das also, verstehe! Wir werden jedenfalls alles tun, um Ihnen zu helfen, das kann ich Ihnen versprechen. Ist ein toller Kerl, der Ryaichan, sorgt fast wie ein Vater für uns. Er ist sogar schon einige Male an Bord gewesen und hat die jeweiligen Operationen persönlich geleitet; dabei hat er sich mit uns unterhalten und jeden gefragt, ob er mit seinem Job zufrieden ist. Schließlich kam sogar jemand, um die Bordreplikatoren um eine Anzahl von Wunschgerichten zu erweitern, die ein paar unserer Leute erwähnt hatten. Er hatte sie sich tatsächlich gemerkt, können Sie sich das vorstellen? Ich sage Ihnen, es gibt keinen hier, der nicht bereit wäre, für den Ryaichan durch Feuer und Wasser zu gehen." Nach diesem beeindruckenden Bekenntnis betraten sie einen Raum, der offenbar der Aufbewahrung verschiedener technischer Geräte diente. Kadjak ging ohne Zögern zu einem hohen Gestell und nahm eine Vorrichtung herunter, die in erster Linie aus langen flexiblen Kunststoffbändern und einer Vielzahl von darauf angebrachten silbernen Scheiben zu bestehen schien. "Hier ist das gute Stück, mit dem ich arbeite." erklärte er dabei und reichte Tarkin den Gegenstand. "Ein CSG oder genauer Cerebral-Skotom-Generator wie SiliphÉ ihre Schöpfung bezeichnet. Wir hier an Bord nennen es eigentlich nur 'das Geschirr'. Genaugenommen bildet jeder dieser Metallpunkte einen separaten CSG für sich, aber nur in Zusammenschaltung kommt es zu dem Effekt, den wir benötigen. SiliphÉs Team arbeitet bereits an einem einteiligen Anzug mit integrierten Mini-CSGs, aber bis es soweit ist, bin ich auch mit diesem Modell hier zufrieden." Tarkin ließ die Gurte fasziniert durch die Hände gleiten. "Wie funktioniert es?" wollte er wissen. Kadjak lächelte. "Wenn Sie es ganz genau wissen wollen, müssen Sie sich schon an SiliphÉ wenden, aber davon würde ich Ihnen abraten. Ich meine, sie ist wirklich in Ordnung, aber sie hat den unstillbaren Drang, jeden Zuhörer in einen Wissenschaftler zu verwandeln. Vielleicht reicht es aber aus, wenn ich Ihnen sage, daß dieses Gerät zielgerichtete Gesichtsfeldausfälle verursacht. Fachleute nennen diese blinden Flecken Skotome, und sie können durch verschiedene pathologische Ursachen hervorgerufen werden. In diesem Fall entstehen sie aber durch die Beeinflussung des Gehirns und werden noch nicht einmal bewußt wahrgenommen. Anders ausgedrückt: Die Augen des Beobachters sehen zwar den CSG-Träger, aber sein Bild wird cerebral unterdrückt. Der Betroffene begreift nicht, daß sein Gesichtsfeld nicht vollständig ist, aber offenbar schafft der Effekt instinktives Unbehagen oder eine Art Schutzverhalten. Zum Beispiel konnte ich immer wieder feststellen, daß die Leute den Blick auf eine andere Stelle richten und mir ausweichen." Der Rhazaghaner hob den Kopf und sah den Cardassianer verblüfft an. "Das Ding hier macht Sie für einen Betrachter unsichtbar?" vergewisserte er sich. "Und das funktioniert wirklich bei jedem?" Kadjak nahm ihm das Gerät ab und hängte es an das Gestell zurück. "Bei fast jedem." räumte er ein, dann öffnete er einen Wandschrank und entnahm ihm einen zweiten CSG. "Bei Geschöpfen wie zum Beispiel den Gorn und einigen anderen folgt die optische Wahrnehmung anderen Prinzipien; außerdem müssen wir uns vor Spezies in acht nehmen, bei denen die Orientierung nicht vornehmlich über das Auge erfolgt. Das ist einer der Hauptgründe, weshalb wir unsere Zielobjekte einem sorgfältigen Scan unterziehen müssen. - So," unterbrach er seine Erklärungen, "wollen mal sehen, ob unsere Modelle überhaupt für Leute wie Sie lang genug sind. Warten Sie, ich helfe Ihnen gleich beim Anlegen." "Woher haben Sie Ihre Informationen?" fragte Tarkin, während Kadjak die Gurte verstellte. "Wem Sie aus dem Weg zu gehen haben und wem nicht, meine ich." Dann bückte er sich ein wenig, damit der junge Cardassianer ihm die Vorrichtung überstreifen konnte. "Wir haben es in den Bars von Barioncy ausgetestet, indem wir systematisch festgehalten haben, welche Spezies in der Lage sind, einen CSG-Träger wahrzunehmen." Kadjak lachte. "Fragen Sie nicht, was meine Füße in der Zeit alles auszuhalten hatten. Ein paarmal bin ich glatt umgerannt worden, aber die Betreffenden waren meist so betrunken, daß sie sich nicht einmal über den Zusammenprall gewundert haben. Wie ich Ihnen schon sagte, bringt das Unterbewußtsein den Betroffenen gewöhnlich dazu, dem CSG-Operator auszuweichen." Er zog die Riemen kreuzweise über die Brust des Rhazaghaners zum Rücken. "Für Riesen waren unsere Exemplare eigentlich nicht gedacht." bemerkte er dabei. "Sie können von Glück sagen, daß Azared ziemlich groß ist und SiliphÉ ihn als Maximalbeispiel genommen hat. So wie es aussieht, kriegen wir es hin, aber viel mehr hätten es auch nicht sein dürfen." Tarkin spürte, wie sich die Gurte fest um seinen Körper schlossen. "Eine andere Methode gibt es nicht?" fragte er unbehaglich. Ich meine, kann der CSG nicht auch auf flexiblere Weise befestigt werden?" "Tut mir leid, die einzelnen Komponenten müssen direkt an Ihnen dran sitzen. Warum fragen Sie?" "Nun ja..." erwiderte Tarkin mit einer gewissen Sorge. "Es schränkt meine Möglichkeiten etwas ein..." Kadjak klopfte ihm beruhigend von hinten auf die Schulter. "Machen Sie sich keine Sorgen, das geht schon. Zugegeben, an Anfang ist es etwas ungewohnt, aber man stellt schnell fest, daß sich das Geschirr in keiner Weise behindernd auswirkt." Er bückte sich und setzte die Befestigung der Riemen an den Beinen des Rhazaghaners fort. "Übrigens," bemerkte er nach einer kleinen Pause, "ich habe gesehen, daß Sie hinken. Das ist nicht besonders ideal für diesen Job, wissen Sie? Wenn Sie möchten, bin ich gern bereit, für Sie einzuspringen und Ihren Freund nach drüben zu begleiten." Tarkin drehte den Kopf und blickte nach rückwärts über die Schulter. "Das ist ein sehr großzügiges Angebot, Kadjak!" antwortete er freundlich. "Allerdings haben wir eine Vereinbarung mit dem Ryaichan geschlossen, und ich möchte auf keinen Fall dagegen verstoßen. Es bleibt dabei: Sie helfen uns, und wir halten Sie im Gegenzug aus der Sache heraus." Er lächelte. "Nebenbei gesagt: Es mag schon sein, daß ich hinke. Aber haben Sie mich auch nur ein einziges Mal hinken hören?" Kadjak hielt inne und sah verblüfft zu ihm auf. "Ehrlich gesagt - nein, ich glaube nicht!" gestand er ein. "Zumindest kann ich mich nicht erinnern. Sie sind also wirklich ganz sicher, daß..." "Machen Sie sich keine Sorgen, wir sind gewohnt uns leise zu bewegen. Daß wir uns durch ein Geräusch verraten, können Sie getrost ausschließen. - Wie sieht es aus, sind Sie fertig?" "Die Arme noch!" antwortete der Cardassianer und machte sich an die Arbeit. Anschließend ging er einmal prüfend um den Rhazaghaner herum. "Na, wer sagtīs denn? Sitzt ganz gut." befand er zufrieden. "Dann können Sie die Vorrichtung jetzt aktivieren?" fragte Tarkin, gespannt auf das Folgende. "Nicht so schnell, da fehlt noch was." Kadjak öffnete ein weiteres Wandfach und förderte einen matt schimmernden Metallreifen zutage, den er nach einem Blick auf den Kopf des Rhazaghaners verstellte. Tarkin warf einen ratlosen Blick auf den Gegenstand. "Wozu dient der?" erkundigte er sich. Kadjak grinste. "Haben Sie schon einmal versucht, ein Krüger-Kühlelement auszubauen, obwohl Sie Ihre Hände nicht sehen können? Ein kurioses Gefühl, sage ich Ihnen! Der CSG wirkt sich natürlich auch bei seinem Träger aus, darum hat SiliphÉs Team dieses hübsche Ding ersonnen. Es dient dazu, Ihr Gehirn abzuschirmen. Wenn Sie sich mal eben bücken wollen, dann können wir sehen, ob mein Augenmaß stimmt..." Er setzte dem Rhazaghaner den Reifen fest aufs Haar, wo er wie ein Schmuckstück auf Höhe der Stirn sitzenblieb. Der Cardassianer schaute prüfend hinauf. "Na bitte, steht Ihnen doch nicht schlecht! So, und jetzt wollen wir mal sehen, ob Ihr CSG einwandfrei arbeitet. Drücken Sie mal gleichzeitig die beiden Aktivierungspunkte an Ihren Schultern, aber nicht zu früh loslassen!" Tarkin gehorchte. Er spürte nichts, doch als er seine Hand vor die Augen hob, um sie prüfend zu betrachten, erstahlte sie in einem sanften Blauton. Verwundert drehte er sie hin und her und warf dann einen Blick hinunter auf seine Beine, wo sich der gleiche Effekt zeigte. Fasziniert machte er ein paar Schritte. Sein kompletter Körper schien in mildem blauen Licht zu erstrahlen. "Und, wie ist es?" erkundigte sich Kadjak, der noch immer in dieselbe Richtung blickte. "Ich wirke etwas bläulich. Ist das auch bei Ihnen der Fall, wenn Sie arbeiten?" "Keine Sorge, das ist völlig normal und in Ordnung." Er wandte den Kopf Tarkins Stimme zu. "Nicht übel, ich hatte von Ihrem Positionswechsel überhaupt nichts mitgekriegt. Wenn Sie sich tatsächlich immer so lautlos bewegen, haben Sie mich überzeugt." Der Rhazaghaner ging einmal auf und ab und umrundete dann den wartenden Kajak. "Wie schaltet man es wieder aus?" fragte er schließlich. "Dieselben Stellen wie beim Einschalten. Wieder ein bißchen länger drücken, sonst tut sich nichts." Gleich darauf wurde Tarkin für Kadjak wieder sichtbar. Der junge Mann nickte zufrieden. "Tja, sieht jedenfalls so aus, als wäre das gute Stück in Ordnung. Jetzt werden wir erstmal den Scan abwarten um zu sehen, ob Sie zusätzlich noch Cam-Blocker brauchen. Auf Frachtern ist so etwas eigentlich nicht nötig, aber wenn Ihre Romulaner da drüben den gleichen Überwachungsfimmel haben wie die Spinner von der Sternenflotte, werden Sie sich vor Kameras in acht nehmen müssen." Der Rhazaghaner runzelte beunruhigt die Stirn. "Da haben Sie wohl recht!" stimmte er zu. "Aber da fällt mir noch etwas ein: Wie sieht es eigentlich mit Schiffen aus, die mit Biosensoren ausgestattet sind?" Kadjak trat vor und tippte auf die Metallplatte, die sich über Tarkins Brust am Kreuzungspunkt der Gurte befand. "Dafür gibt es schon seit einiger Zeit Vorrichtungen, die Biosignale maskieren können. Haben Sie schon mal was davon gehört?" Tarkin nickte erleichtert. "Doch allerdings. Vor etwa vier Jahren war ich selbst einmal mit so einem Gerät unterwegs. Ich kann nur sagen, daß es mir sehr von Nutzen war." "Ja, keine üble Erfindung, dabei stammt sie nicht einmal von uns. Ich werde den Verdacht nicht los, daß SiliphÉ sich ein wenig darüber ärgert. Na gut, ich würde sagen, Sie behalten Ihren CSG am besten gleich an, um sich an das Gefühl zu gewöhnen. Unseren zweiten überprüfen wir dann in Zusammenarbeit mit Ihrem Freund, und meinen hier nehmen Sie für den Mann mit, den Sie rausholen wollen. Was schätzen Sie, werden wir die Gurte für ihn verstellen müssen?" Der Rhazaghaner sah ihn an, und sein Gesicht wurde schlagartig ernst. Niedergeschlagen schüttelte er den Kopf. "Nein." sagte er leise. "Er hat ungefähr Ihre Größe." Kadjaks Lächeln erlosch, als er die Veränderung in den Zügen seines Gegenübers bemerkte. "Verstehe!" murmelte er mitfühlend. "Wohl ein Freund von Ihnen, wie? Eine Frage: Warum konnten Sie sich eigentlich seinetwegen nicht an die Sternenflotte wenden? Wird er wegen irgendeiner Sache gesucht?" "Er ist kein Föderationsbürger." antwortete Tarkin, und seine Brust hob und senkte sich in einem lautlosen Seufzer. "Er ist Romulaner." "Romulaner?" Kadjak starrte ihn überrascht an, wandte aber dann rasch den Kopf und blickte rücksichtsvoll zur Seite. "Ach so ist das. Natürlich, die Föderalen würden keinen Finger rühren. Hören Sie," begann er behutsam, "Sie wissen, daß...?" Tarkin nickte stumm. "Ja! Ja, ich weiß." sagte er schließlich und biß unwillkürlich die Zähne zusammen. Der junge Cardassianer nickte. "Azareds Heimatstadt liegt in der romulanischen Zone." erzählte er in gedämpftem Tonfall. "Sie wissen vermutlich, daß die Siegermächte Cardassia unter sich aufgeteilt haben. Vom großen Kuchen war zwar nur noch ein verdammt armseliger Rest übrig, aber gab keinen, der auf sein Stück verzichten wollte. Na, wie auch immer, der Krieg war endlich vorbei, und darum versuchte Azared, sein Studium wiederaufzunehmen. Nicht einfach unter diesen Bedingungen sage ich Ihnen, aber er war sicher, es nach und nach schaffen zu können. Eines Morgens kamen sie dann und haben ihn abgeholt." Kadjak schwieg einen Moment und atmete tief durch. "Er hatte noch Glück." fuhr er dann fort. "Sie behielten ihn nur zweieinhalb Tage. Irgend einem romulanischen Schlaukopf war klargeworden, daß es sich um nichts weiter als eine Namensverwechslung gehandelt hatte." Er zuckte etwas hilflos die Schultern. "Ich weiß, wenn man Azared reden hört, glaubt man zuerst, er könnte nichts weiter als technische Analysen herunterrattern, aber da täuscht man sich; er ist ein zäher Bursche und verfügt über einen geradezu unglaublich harten Willen. Trotzdem, als er wieder auf den Beinen war, hatte er ein für alle Mal genug. Er packte ein paar Sachen zusammen und verließ Cardassia." Er sah zu dem Rhazaghaner auf und versuchte einen vorsichtigen Blickkontakt. "Wie lange..." erkundigte er sich zaghaft, sprach die Frage aber nicht zu Ende. "Acht Tage." Tarkin starrte einen Moment lang an ihm vorbei ins Leere, dann wandte er sich abrupt um. "Kommen Sie, gehen wir wieder auf die Brücke!" forderte er den Cardassianer auf. Es ist immerhin möglich, daß Ihre Freunde in der Zwischenzeit schon etwas erreicht haben." Als sie beide die Kommandozentrale des Frachters betraten, blickte Tybrang sich zu ihnen um und lächelte. "Gute Nachrichten!" kündigte er an, als Tarkin herankam. "Die Kildar liegt jetzt nur noch acht Bahnen von unserem Ziel entfernt, was Intipalea als ideale Entfernung für einen Scan bezeichnet. Mittlerweile gibt es sogar schon ein paar interessante Informationen: So wie es aussieht, befinden sich lediglich sieben Romulaner an Bord." "Was?" brachte sein Freund verblüfft heraus. "Nicht mehr? Aber bei einem Schiff dieser Größe..." "Eigenartig, nicht?" stimmte ihm Azared zu und blickte zu ihm herüber. "Die Crew ist eindeutig zu klein, selbst für einen Frachter. Es handelt sich übrigens um einen Aries 920, ein älteres terranisches Modell, das vor ein paar Jahren aus der Produktion genommen wurde. Trotzdem fliegen immer noch eine Menge davon Risa an. Kein schlechtes Schiff also, um hier unentdeckt zu bleiben." "Sieben." murmelte Tarkin. "Sechs, wenn ein Signal von Talan stammt." Er drehte sich zu Intipalea um. "Sind Sie sicher, daß sich nicht ein weiterer Teil der Crew unten auf dem Planeten befindet?" "Ich habe bereits eine Thermalabbildung gemacht." erwiderte sie. "Vulkanoiden bevorzugen im Wohn- und Schlafbereich eine recht hohe Temperatur, wenn man sie mit anderen Humanoiden vergleicht. Nach unseren Ergebnissen sind es jedoch lediglich die Brücke und sechs Kabinen, die so stark geheizt sind. Der Rest bewegt sich eher im Mittelbereich, abgesehen von den Frachträumen, die relativ kühl sind. Einer davon, auf Deck vier, ist allerdings geringfügig wärmer als die übrigen." Sie sah den Rhazaghaner ernst an. "Wie wir festgestellt haben, stammt eines der aufgefangenen Biosignale aus dem bewußten Raum." "Kälte." sagte Tarkin leise. "Natürlich." Tybrang blickte unterdessen Azared über die Schulter und betrachtete dessen Datensammlung. "Sechs Personen." meinte er dabei. "Wenn dann noch zwei oder drei von ihnen schlafen, dürfte das Risiko ziemlich gering sein. Wissen Sie schon etwas Näheres, Intipalea?" "Das Ergebnis des zweiten Bioscans kommt gerade rein. Da haben wir ihn schon!" Sie lehnte sich zurück und betrachtete nachdenklich die angezeigten Werte. "Also wenn ich das, was ich hier sehe, richtig interpretiere, müßten zur Zeit vier der sieben angezeigten Personen aktiv sein." "Wie steht es mit dem... Mann in den Frachträumen?" fragte Tarkin drängend. Die Cardassianerin wandte den Blick nicht von ihrem Monitor. Sie schüttelte den Kopf. "Inaktiv." sagte sie kurz. Sie blieb einen Moment still, aber dann streckte sie die Hände aus und gab schnell und routiniert einen neuen Befehl ein. "Na gut, wollen mal sehen, was uns der technische Scan zu sagen hat." murmelte sie. "Ist dieser Frachter da vorne wirklich nur das, was er scheint, oder müssen wir mit bösen Überraschungen rechnen? Ist natürlich zu befürchten, daß sie das ganze Ding aufgerüstet haben. Darauf gefaßt sein sollte man auf alle Fälle..." Sie warteten. Kadjak nutzte die Gelegenheit, um Tybrang mit in den Materialraum zu nehmen, während Tarkin nichts anderes übrig blieb, als sich auf der Brücke in Geduld zu fassen. In der Zwischenzeit versuchte der Bordcomputer, die aus dem Hauch eines Scans entstandenen Daten auszuwerten und zu interpretieren. Schließlich füllte sich Intipaleas Bildschirm erneut mit Ergebnissen, worauf die Cardassianerin sich vorbeugte und konzentriert zu lesen begann. "Und?" erkundigte sich der Rhazaghaner, als er schließlich glaubte ihr Schweigen nicht mehr ertragen zu können. Sie schüttelte verwundert den Kopf. "Wenn das, was ich hier sehe, tatsächlich stimmt, sieht es für Sie ganz gut aus. Es scheint sich wirklich nur um einen normal ausgestatteten Frachter zu handeln: Herkömmliche Sensorenphalanx, keine Kameras, keinerlei zusätzliche oder in irgendeiner Weise als auffällig zu bezeichnende Kraftfelder. Komisch, da hätte ich unseren romulanischen Freunden mehr Einfallsreichtum zugetraut. Eine Sache gibt es da allerdings: Sieht mir ganz nach einem Transporterblocker oder so etwas in der Art aus, und bezeichnenderweise befindet sich das Ding gerade in dem bewußten Frachtraum. Anscheinend möchten sie sicher gehen, daß ihnen die Person dort nicht abhanden kommt." "Technik gegen Technik!" knurrte Tarkin. "Ja, natürlich!" ließ sich Azared völlig selbstverständlich hören. "Überhaupt findet man solche Geräte jetzt immer häufiger. Hauptsächlich werden sie von Leuten mit Geld eingesetzt, die Entführungen oder Attentaten vorbeugen wollen. Aber uns kann das Ding sowieso egal sein, weil wir es mit unserem Leichtenergietransporter eh nicht bis in den bewußten Raum hinein schaffen. Wir werden Sie hinüberbeamen und hübsch unauffällig direkt jenseits der Bordwand absetzen. Den Rest schaffen Sie dann auch zu Fuß." "Wie sieht es mit dem Rückweg aus?" wollte der Rhazaghaner wissen. "Genauso, nur andersherum. Wir halten an der bewußten Stelle ein Transporterfenster für Sie offen, und sobald unsere Scans zeigen, daß Sie dort angekommen sind, holen wir Sie zurück." Er wandte sich von seiner Konsole ab und sah Tarkin offen an. "Nehmen Sie es mir nicht übel, aber sollte etwas schiefgehen, werden wir auf keinen Fall einen normalen Transporter verwenden, um Sie zu bergen. So ein Einsatz würde uns mit hoher Wahrscheinlichkeit verraten, und einem Gegenbesuch der Romulaner müssen wir unbedingt aus dem Weg gehen, selbst wenn es nur sechs sind. Wir waren nie für solche Fälle ausgerüstet und haben keine Waffen an Bord, wissen Sie?" "Natürlich, dafür habe ich volles Verständnis." antwortete Tarkin ernst. "Wie sähe es dann mit den CSGs aus?" "Nun," sagte Azared langsam, "sollte man Sie tatsächlich erwischen, dann kann ich Ihnen nur raten, unsere Geräte möglichst bald abzulegen. Wir haben Anweisung, sie per Fernzündung zu vernichten, falls der CSG-Operator nicht zurückkehren sollte. Andererseits, wenn ich bedenke, wem Sie da einen Besuch abstatten wollen, wäre es vielleicht sogar zu überlegen, sie anzubehalten. Es ginge wenigstens schnell, wenn Sie verstehen, was ich meine." Tarkin sah den einstigen Studenten nachdenklich an. Dann nickte er. "Absolut. Trotzdem," erklärte er nachdrücklich, "diese Möglichkeit kommt für uns nicht in Frage. Unsere Leute auf den beiden Schiffen da drüben wissen Bescheid. Wer weiß, es wäre immerhin denkbar, daß ihnen dann noch etwas einfällt, um uns zu retten. Aber Sie können sicher sein, daß wir alles tun werden, um einen solchen Fall zu vermeiden." Kurze Zeit später kehrte Kadjak mit dem frisch ausgerüsteten Tybrang und dem dritten CSG zurück. Der Numa ließ sich kurz über die neu gewonnenen Erkenntnisse informieren, dann winkte er Tarkin ein Stück beiseite. "Ich weiß ja nicht, wie du dir das weitere vorgestellt hat." wandte er sich gedämpft an ihn. "Immerhin werden wir neben Talan auch noch die Arrhinia D'jah zurückholen müssen. Hast du irgend einen Plan?" Tarkin schüttelte den Kopf. "Nicht den geringsten." bekannte er. "Wir haben einfach viel zu wenig Informationen. Eine kleine Hoffnung habe ich, daß Talan vielleicht in der Lage sein wird, uns zu verraten wo sie sich befindet. In dem Fall wäre zu überlegen, ihn so schnell wie möglich auf die Kildar zu schicken und sich dann weiter auf die Suche nach ihr zu machen." Tybrang nickte nachdenklich. "Ja, so in etwa sahen auch meine Überlegungen aus. Aber was wollen wir machen, wenn wir es gar nicht erst schaffen, zu Talan vorzudringen; was ist, wenn sie diesen Frachtraum irgendwie gesichert haben..." "Das werden wir sehen, wenn wir dort sind." sagte Tarkin schnell. "Es hat keinen Sinn, jetzt schon über mögliche Probleme zu spekulieren. So wie die Dinge stehen werden wir uns überraschen lassen müssen. Ich denke, unsere cardassianischen Freunde haben alles getan, um uns so gut wie möglich vorzubereiten; jetzt ist es an uns zu zeigen, daß wir den Aufwand wert sind. Wir werden immerhin unbemerkt dort eintreffen und uns ungesehen bewegen können, damit haben wir einen enormen Vorteil auf unserer Seite." Tybrang sah ihn an und lächelte. "Das haben wir allerdings. Was meinst du, wann wollen wir nach drüben gehen?" Der Vari verschränkte die Arme und überlegte einen Moment. "Ich würde sagen, wir warten nur noch ab, bis sich mindestens die Hälfte der jetzt noch aktiven Romulaner zum Schlaf zurückgezogen hat." entschied er dann. "Sobald das geschehen ist, legen wir sofort los." Es verging etwas Zeit. Tarkin merkte, daß sich auch die junge Brückenbesatzung von der Aufregung hatte anstecken lassen; Intipalea wiederholte ihre Scans in immer kürzeren Abständen, und jedes der Ergebnisse wurde von ihren Kameraden kommentiert und interpretiert. Trotzdem verließ Kadjak nach einer Weile den Raum und kehrte mit einem bis obenhin beladenen Tablett zurück. "Längeres Warten schlägt mir immer auf den Magen." verkündete er. "Wie sieht es aus, sonst noch jemand, der Appetit auf einen zünftigen Ulab-Teller hat?" Initipalea erhob sich sofort und ging auf das Angebot ein, während Azared wie selbstverständlich ihren Platz an der Scankonsole übernahm. Kadjak ging zu den beiden Rhazaghanern hinüber und hielt ihnen einladend die noch dampfenden Speisen unter die Nase. "Wie steht es mit Ihnen?" fragte er ermunternd. "Greifen Sie ruhig zu, ich könnte mir vorstellen, daß Sie ebenfalls eine Kleinigkeit vertragen könnten." Tarkin schaute nachdenklich auf das braune Etwas hinunter, das jeden der quadratischen Teller bedeckte. Es war nicht etwa so, daß er keinen Hunger verspürte, aber der Geruch, der von der amorphen Masse aufstieg, hatte für ihn etwas Besorgniserregendes an sich. Offenbar handelte es sich teilweise um Fleisch, allerdings bezweifelte der Rhazaghaner, daß das Geschöpf, von dem es stammte, sich gern in diesem Zustand wiedergefunden hätte. Ein Blick auf Tybrang zeigte, daß ihn ganz ähnliche Gedanken bewegten: Sein Gesicht war merklich blasser geworden und er versuchte möglichst unauffällig, der aufsteigenden Duftwolke aus dem Weg zu gehen. Der Vari sah dem Cardassianer freundlich in die Augen und schüttelte den Kopf. "Vielen Dank für Ihr liebenswürdiges Angebot, aber ich glaube..." begann er, doch im gleichen Augenblick beugte sich Azared nach vorne. "Hier!" rief er den Anwesenden zu. "Es tut sich was! Anscheinend findet momentan eine Art Schichtwechsel statt, jedenfalls könnte man das so deuten. Nach den Werten, die gerade hier reingekommen sind, sind zur Zeit sechs der sieben Romulaner aktiv." Schon im nächsten Moment fand er sich von seinen Freunden und den beiden Rhazaghanern umringt. Auch SiliphÉ kam sichtlich gespannt heran. "Korrekt!" stimmte sie nach einem kurzen Kontrollblick zu. "Es werden sechs aktive Romulaner angezeigt, und sie halten sich ohne Ausnahme auf der Brücke auf. Möglich, daß sie gerade eine Lagebesprechung abhalten, doch es könnte sich auch um eine Schichtübergabe handeln. Jetzt heißt es hoffen und weiter sorgfältig beobachten." Azared wartete nur ein wenig, bis er den nächsten Versuch startete. Die ersten beiden Scans blieben ohne Ergebnis, aber schon der dritte zeigte, daß sich die Romulaner getrennt hatten. Drei waren auf der Brücke zurückgeblieben, während die übrigen in Richtung der Kabinen unterwegs waren. Kurze Zeit später wurde die Geduld der Beobachter belohnt: Offenbar waren zwei der abgelösten Romulaner bereits eingeschlafen. "Wollen Sie noch so lange warten, bis..." setzte Azared an, doch Tarkin schüttelte den Kopf, während er sich bereits abwandte und nach dem für Talan bestimmten CSG griff. "Nein!" sagte er entschlossen. "Es hat keinen Sinn darauf zu hoffen, daß sich die Situation noch weiter zu unseren Gunsten entwickelt. Es wird jetzt Zeit zu handeln. So wie die Dinge stehen, denke ich, daß wir drüben klarkommen werden." "Alles Gute!" rief der Cardassianer den beiden Rhazaghanern hinterher, dann schloß sich auch schon die Tür der Brücke. "Denken Sie dran, wir können keinen Kontakt mit Ihnen aufnehmen." schärfte Kadjak seinen beiden Schützlingen ein, während er mit ihnen zum Transporterraum eilte. "Sie sind also ganz auf sich allein gestellt. Wir können Sie erst wieder orten, wenn Sie in den Erfassungsbereich unseres Transporterfensters kommen. Wenn es soweit ist, dann sehen Sie zu, daß Sie sich an der betreffenden Stelle möglichst ruhig verhalten, alles weitere machen wir dann schon." Die Anlage, die Tarkin und Tybrang auf den gegnerischen Frachter hinüberschicken sollte, befand sich in einem anderen Raum als jene, mit deren Hilfe sie auf die Kildar gelangt waren. Wie sie außerdem feststellten, war die Plattform ziemlich klein und ließ die übliche Aufteilung in Transfersäulen vermissen. Zwei Personen fanden bequem auf der Fläche Platz, doch drei würden deutlich zusammenrücken müssen. "Das Ganze ist eigentlich nur für einen einzelnen CSG-Operator und seinen Fang konzipiert." entschuldigte sich Kadjak, während die Rhazaghaner hinaufstiegen. "Aber keine Angst, das kriegen wir hin. Sehen Sie nachher einfach zu, daß Sie möglichst eng beisammen bleiben, dann holen wir Sie schon wieder zu uns zurück." Tarkin hängte sich den dritten CSG über die Schulter, dann sah er wieder zu Kadjak und nickte zur Bestätigung. Seine Anspannung war zu groß, um noch ein paar Abschiedsworte zu finden, doch der junge Cardassianer brachte trotzdem ein ermutigendes Lächeln zustande. "Viel Glück!" rief er den beiden Rhazaghanern zu, gerade bevor ihre Gestalten zu verschwimmen begannen. Still stand er da und beobachtete, wie sich die Abreise des kleinen Rettungstrupps in vollkommener Lautlosigkeit vollzog, dann wirbelte er förmlich herum und machte sich im Laufschritt auf zur Brücke. "Wie steht es?" rief er, noch bevor er dort zum Stillstand gekommen war. Azareds Augen blieben weiterhin auf den Monitor fixiert. "Sie sind aus dem Erfassungsbereich heraus." gab er zur Antwort. "Unterwegs sind sie, jetzt kommt es vor allem darauf an, daß sie keine Dummheiten machen." "Ich glaube, da kannst du beruhigt sein." meinte Kadjak und zog sich einen Stuhl heran. "Die zwei sind entschlossen, ihren Kumpel zu retten und auf mich machen sie keinen leichtsinnigen Eindruck. Außerdem kann man sagen, daß sie da drüben komfortable Bedingungen vorfinden. Ich würde das jedenfalls als einen geschenkten Job bezeichnen." "Mag sein!" gab sein Freund zu. "Aber im Gegensatz zu dir haben die beiden noch nie mit dem Geschirr gearbeitet und nicht die allergeringste Erfahrung. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, daß es sich bei den sechs Männern um romulanische Soldaten handelt. Ich hoffe nur, daß die Sache gut geht." Intipalea stieß ihn freundschaftlich an. "Was denn?" fragte sie ihn in neckendem Unterton. "Machst du dir etwa Sorgen um unsere herrlichen CSGs?" Azared wandte sich gereizt zu ihr um. "Man kann vielleicht mit Recht behaupten, daß ich ein Dieb bin." antwortete er mit mühsamer Beherrschung. "Aber wer mir damit ankommt, ich hätte kein Gewissen, der lernt mich von einer anderen Seite kennen. Zufällig weiß ich, in was für einer üblen Lage der arme Kerl da auf dem Frachter steckt, und darum ist es mir auch völlig gleichgültig, daß es sich um einen Romulaner handelt. Ich werde jedenfalls erst wieder ruhig durchatmen, wenn sie alle drei hier bei uns auf der Plattform stehen, egal ob mit oder ohne CSGs. Sonst noch irgendwelche Fragen?" "Ist schon gut, Azared, tut mir leid!" Intipalea klopfte ihm begütigend auf die Schulter. "Rutsch mal eben, meine Pause ist vorbei. Wenn wir sie auch nicht orten können, so dürften wir doch feststellen, wenn das Signal des Mannes in den Frachträumen verschwindet. Es ist zwar noch ein wenig früh dafür..." "Hmmm...." brummte sie gleich darauf mit einer gewissen Beunruhigung. "Das sieht allerdings nicht mehr so ideal aus. Zwei von den Romulanern haben sich auf den Weg nach unten gemacht. Bleibt jetzt nur zu hoffen, daß sie nicht prompt unseren beiden Freunden begegnen." "Und selbst wenn!" hielt Kadjak dagegen. "Ich habe ihnen erklärt, worauf es ankommt. Alles, was sie in so einem Fall tun müssen, ist sich ruhig zu verhalten. Wenn sie die Nerven behalten, kann da eigentlich nichts schiefgehen." "Sicher, wahrscheinlich hast du recht..." Sie biß sich auf die Unterlippe und wiederholte gleich noch einmal den Scan. "Jetzt sind die Romulaner auf Deck vier." stellte sie fest. "Ziemlich nah an dem Gefangenen dran. Wahrscheinlich wollen sie - Augenblick mal, was ist denn das hier?" Mehrere Momente lang starrte sie auf ihre Ergebnisse, dann drehte sie sich zu der älteren Cardassianerin um. "SiliphÉ, ich fürchte, ich brauche deine Hilfe. Für was würdest du das hier halten?" Die Wissenschaftlerin kam sofort heran und beugte sich stirnrunzelnd über die Konsole. Schweigend studierte sie den Monitor, dann war sie sich sicher. "Ein gerade begonnener Transfer." lautete ihr Urteil. "Von der Brücke aus eingeleitet. Irgend eine Person steht kurz davor, im Transporterraum des Frachters zu materialisieren." Intipalea tauschte einen nervösen Blick mit den beiden anderen. "Ja, es trifft jemand ein, zu dem Schluß war ich auch gekommen. Aber wer, um wen könnte es sich handeln? Wir haben doch festgestellt, daß lediglich sechs der Kabinen bewohnt werden..." "Reines Überlegen bringt uns jetzt nichts." wurde sie hastig von Azared unterbrochen. "Ist natürlich möglich, daß sich doch noch ein Romulaner auf dem Planeten aufgehalten hatte, aber Sicherheit verschafft uns nur ein weiterer Scan. Wenn du also..." "Ich bin schon dabei!" Intipaleas Finger flogen förmlich über die Bedienungselemente. Gleich darauf starrten die vier Cardassianer voller Unruhe auf den Bildschirm. Als das Ergebnis eintraf, fuhr sich Azared unwillkürlich mit dem Handrücken über die feuchte Stirn. "Also wenn ich das, was ich hier sehe, richtig deute," sagte er langsam, "dann heißt das kaum etwas Gutes für unsere Freunde dort drüben..."
Als Tarkin und Tybrang auf Deck vier eintrafen, glaubten sie anfangs, in vollständiger Finsternis zu stehen. Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich ihre Augen an die bestehenden Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, und so merken sie schnell, daß von irgendwoher ein schwacher Lichtschein in den Raum drang. Tarkin griff nach seinen eigenen Aktivierungspunkten sowie denen von Talans Gerät, dann stieß er seinen Freund behutsam an und bedeutete ihm, auch seinen CSG einzuschalten. Azared hatte ihnen erklärt, daß sie in einem an der Außenwand liegenden Frachtraum abgesetzt werden würden. Die Rhazaghaner hatten sich die Stelle gut eingeprägt, so daß sie ungefähr wußten, welchen Weg sie einzuschlagen hatten, doch als erstes galt es hier hinaus zu finden. Vorsichtig bewegten sie sich um ein paar Container herum, die schattenhaft und riesig vor ihnen aufragten und erkannten gleich darauf einen etwas helleren Durchgang, der in eine weitere große Räumlichkeit führte. Auf diese Weise durchquerten sie mehrere Frachthallen und bewegten sich immer weiter dem Licht entgegen, bis ihnen im letzten Raum die Beleuchtung eines der drei Hauptgänge entgegen schien. Der Vari sah vorsichtig nach draußen und lauschte, dann wandte er sich zu dem in einem sanften Blau erstrahlenden Tybrang um. Bei seinem Anblick schien es kaum vorstellbar, daß sie vor fremden Blicken geschützt sein sollten, doch Tarkin erinnerte sich an Kadjaks Blick, der an ihm vorbei ins Leere gegangen war, und so trat er vertrauensvoll ins Licht hinaus. Der Numa folgte ihm, ohne zu zögern. Sie orientierten sich zunächst einen Moment, dann wandten sie sich Richtung Heck und folgten dem Gang, bis sie eine Möglichkeit zum Abbiegen fanden. Nur wenig später hatten sie den mittleren Hauptgang gefunden, der das Frachtdeck der Länge nach in zwei Hälften teilte. Die Rhazaghaner wechselten einen hoffnungsvollen Blick. Ab diesem Punkt hatten sie nur noch einen kurzen Weg vor sich, und bis jetzt waren ihnen unangenehme Überraschungen erspart geblieben. Sie hatten sich erst wenige Schritte weiter bewegt, als sie beide abrupt stehenblieben. Hinter ihnen waren sprechende Stimmen hörbar geworden, zwar sehr fern noch, aber nach kurzem gemeinsamen Lauschen stand fest, daß sich die Personen rasch näherten. Tarkin sah verzweifelt den Gang hinauf und hinunter. Ein Versteck war nirgendwo in Sicht, und eine hastige Flucht würde sich zumindest in seinem Fall nicht lautlos abspielen. So wie es aussah, blieb ihm nichts anderes übrig, als auf die Tauglichkeit seiner Ausrüstung zu vertrauen. Er drehte den Kopf zu dem bläulich schimmernden Tybrang hinüber und gab ihm durch stumme Zeichen zu verstehen, daß es nun an ihm war, sich in Sicherheit zu bringen. Der Numa schüttelte jedoch eigensinnig den Kopf und wich zur Seite an den Rand des Ganges. Tarkin seufzte unhörbar, doch dann lächelte er und folgte dem Beispiel seines Freundes. Dicht nebeneinander, den Rücken fest an die Wand gepreßt, warteten sie auf das Erscheinen der Romulaner. Schon wenige Herzschläge später begann Tarkin die Stimmen zu unterscheiden. Kein Zweifel, es handelte sich um einen Mann und eine Frau, und gleich darauf war es ihm nicht nur möglich, die beiden kommen zu sehen, sondern auch ihrer Unterhaltung zu folgen. Mehr als fünf Jahre waren verstrichen, seitdem Talan mit seinen Leuten ins Vari-Habitat gezogen war; Zeit genug für den Clanführer der Vari, sich solide Kenntnisse der romulanischen Sprache anzueignen. "...daß dieser Weichling aus dem Süden allmählich die Nerven verliert." entrüstete sich der Mann gerade. "Mit jedem Tag versinkt er weiter in dem Dreck, den er verzapft hat, aber er weigert sich hartnäckig, Vernunft anzunehmen. Verdammt, wofür hält er mich eigentlich? Für einen schäbigen Folterknecht? Und dann noch die Anschuldigung, ich hätte ihm vor dem Zuschlagen Zeichen gegeben. Na und, und wenn? Dieses Muttersöhnchen hat doch nicht die geringste Vorstellung, was passiert, wenn so ein Hieb auf eine unvorbereitete Bauchdecke trifft. Aber dafür weiß ich genau, auf wen sein Finger zeigen wird, wenn wir mit nichts als einer Kommandantenleiche nach Hause kommen: Auf mich nämlich, auf mich wird er zeigen, und da wird nichts sein, das mich vor dem Zorn des Oberkommandos schützt, glaub mir!" Die Romulaner waren nun so nahe, daß Tarkin mühelos die Disruptoren an ihren Gürteln erkennen konnte. Er beobachtete, wie die Frau in ihre Richtung schaute, und einen Moment lang war er sicher, daß ihre Augen sie beide erfaßt hatten, daß sie nun unwiderruflich entdeckt waren, doch dann sah er, wie ihr Blick sich trübte und sie den Kopf zur Seite drehte. Noch im Vorbeigehen übernahm sie das Wort. "...ist es doch leicht ersichtlich, was in Wahrheit hinter der ganzen Affäre steckt. Immerhin weiß jeder, daß er damals eine Wahnsinnssumme auf Ragor gesetzt hatte. Seine Familie soll nach Talans Sieg ein Vermögen ausgegeben haben, um ihn vom Haken zu holen." Sie kicherte boshaft. "Ich schätze, sie waren nicht sehr begeistert nach dem kolossalen Betrag, den schon seine Karriere gekostet haben muß. Der Nichtskönner war tagelang das Gespött der ganzen Hauptstadt; klar, daß ihm die Geschichte wunderbar in den Kram gepaßt hat, obwohl sie zehn Lichtjahre weit nach Lügen stinkt. Ich meine, sieh dir diesen zwielichtigen Burschen doch an! Schon die Art, wie der einen anschaut - eher würde ich einem verlotterten Klingonen über den Weg trauen. Und wenn dann am Ende alles auffliegt, sind wir es, die den Kopf dafür hinhalten müssen." Tarkin nickte kurz zu Tybrang hinüber, dann verließ er seinen sicheren Platz und schlich so rasch er konnte den Romulanern nach. Er war sicher, daß sie Talans Gefängnis zustrebten, und gleich darauf sah er seine Vermutung bestätigt: Beide hielten vor der verschlossenen Tür eines Frachtraums, worauf sich der Mann an der Ambienteneinstellung zu schaffen machte. "Gefährlich ist und bleibt es." meinte die Frau dabei unbehaglich. "Es ist ohnehin erstaunlich, daß er es noch nicht gemerkt hat. Wenn er dahinterkommt..." Der Mann wandte ihr den Kopf zu und lachte verächtlich. "Dieser Idiot von einem Südler würde es noch nicht einmal kapieren, wenn ich es vor seinen Augen täte. Außerdem stelle ich es immer vor Ende meiner Schicht wieder zurück. Ist auch so schon fast ein Wunder, daß der arme Kerl noch nicht erfroren ist. Ich sage dir, ich würde es nicht einen Tag in dieser verdammten Kälte aushalten. Überhaupt hätte ich spätestens am dritten Tag jedes beliebige Geständnis abgelegt, nur damit er mich in Ruhe läßt. Daß er es nicht getan hat, ist für mich der absolute Beweis, daß an der Sache nichts dran ist." "Seine Leute soll er immer anständig behandelt haben." brummte die Romulanerin, während sich beide wieder auf den Rückweg machten. "Ein guter Mann hieß es immer, schon allein deshalb stinkt mir die Sache. Es lief natürlich alles hinter verschlossenen Türen ab, aber Drayos soll es auch nicht gepaßt haben. Und wenn Drayos..." "Ja, das ist es eben!" stimmte der Romulaner zu. "Aber mittlerweile hängen wir alle so tief drin, daß noch nicht einmal er uns da wieder rausholen könnte. Du kennst doch das Oberkommando, erst folgt die Bestrafung, dann die Anhörung. Und gewöhnlich stellt es dabei auch sicher, daß es anschließend nicht mehr viel anzuhören gibt. Oder hast du vielleicht schon mal gehört, daß jemand aus unserer Rangstufe..." Tybrang und Tarkin lösten sich langsam wieder von der Wand und sahen den Romulanern nach. Ein paar Augenblicke noch hörte man die beiden diskutieren, dann verhallten ihre Stimmen in der Ferne. "Hast du etwas davon verstehen können?" fragte Tybrang flüsternd. "Genug!" antwortete Tarkin leise, dann drehte er sich um und eilte hinkend der Tür des nahen Frachtraumes entgegen. Gleich darauf musterte er die elektronische Tafel, die Ambientenkontrolle und Verriegelungsanlage in sich vereinte und drückte schließlich entschlossen auf einen separat liegenden Schalter. Tybrang war nahe dran, vor Überraschung laut aufzuschreien. Die klobigen Türhälften glitten anstandslos zur Seite und zeigten damit an, daß sie nicht verriegelt waren. Als der Numa sich anschickte, den etwas dämmrigen Raum zu betreten, warf er einen frohen und erleichterten Blick auf die Schalttafel. Natürlich, es handelte sich um einen biederen, etwas älteren terranischen Frachter! Es hatte nie einen Grund gegeben, die Frachträume mit codierten Schlössern zu versehen. Sie brauchten nicht lange zu suchen. Nur wenige Schritte vom Eingang entfernt erkannten sie auf dem Boden einen halb zusammengekrümmten, auf der Seite liegenden Körper. Tarkin kniete sofort bei ihm nieder, doch Tybrang fühlte sich schlagartig zu keiner Bewegung mehr fähig. Entsetzt und fassungslos stand er da und starrte. "Das ist er nicht." brachte er schließlich mit Mühe heraus. "Doch." widersprach Tarkin leise. "Das ist er. Komm, hilf mir, wir müssen ihn so schnell wie möglich hier herausschaffen." Tybrang spürte, wie er vor Mitleid am ganzen Leib zu beben begann. Unbeholfen nahm er den Teil des CSGs entgegen, der für die Beine bestimmt war. "Sie müssen versucht haben, ihn umzubringen. Und seine Hände..." Tarkin nickte und breitete die Gurte aus. "Er ist Fechter, darum haben sie ihm die Finger zertrümmert." antwortete er unter größter Selbstbeherrschung. "Und glaub mir, sie wollten ihn nicht töten. Was sie hier auch taten, es geschah in der festen Absicht, ihn am Leben zu erhalten." Behutsam begann er, die Riemen um Talans fast völlig entblößten Körper zu befestigen. "Viel zu kalt für einen Romulaner." murmelte er bekümmert, doch als er mit den Armen begann, hielt er urplötzlich inne. "Nein, bitte nicht das!" stöhnte er auf. Tybrang beugte sich sofort vor und schaute zu ihm hinüber. "Was ist los?" fragte er mit banger Sorge. "Was ist das?" Tarkin zerrte in verzweifelter Wut an den Metallringen, die die Handgelenke des Romulaners mit ungeheurer Kraft an den Boden nagelten. "Grav-Spangen!" knirschte er. "Wir bekommen ihn nicht hier heraus. Und das, wo wir es schon so weit geschafft hatten..." Unvermittelt ging ein Zucken durch Talans Körper. Er keuchte erschreckt und riß die Augen weit auf. Tarkin sah die Angst in den Zügen des Romulaners, deaktivierte sofort seinen CSG und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. "Talan, wir sind es, Tybrang und ich!" sprach er leise auf ihn ein. "Keine Sorge, sie sind im Moment nicht hier. Ich fürchte nur, so wie die Dinge stehen, müssen wir uns etwas einfallen lassen, um dich hier wegzubringen." Talan starrte ungläubig hinauf in Tarkins Gesicht. Schließlich versuchte er mühsam zu lächeln. "Il... torn." murmelte er. "Ich hätte nicht... gedacht, daß wir uns noch einmal begeg..." "Talan, wir brauchen unbedingt den Sender, der zu deinen Spangen gehört." unterbrach Tarkin ihn eilig. "Kannst du uns vielleicht sagen, wo er sich befindet? Weißt du, ob er hier irgendwo in der Nähe aufbewahrt wird?" Der Romulaner schüttelte kraftlos den Kopf. "Irgendwo oben." krächzte er. "Wahrscheinlich hat er ihn." "Wir werden ihn finden." erklärte Tarkin sofort. "Und wenn wir uns in jede einzelne Kabine schleichen müssen." Er sah Talan entschlossen an und wies auf die Riemen, die sich über seiner Brust kreuzten. "Das Gerät hier stellt sicher, daß wir nicht gesehen werden, verstehst du? Mit seiner Hilfe werden wir den Sender herbringen, und nicht nur ihn. Haben sie dir irgend etwas darüber gesagt, wo sie die Arrhinia D'jah gefangen halten?" "Ein silberner Apparat." antwortete Talan heiser. "Eine Art Kasten. So lang wie ein Unterarm und eine Handbreit dick." Er hüstelte und verzog vor Schmerzen das Gesicht, dann kehrten seine Augen zu Tarkin zurück. "Sie steckt da drin. Ihr müßt sie rausholen, Tarkin!" "Das werden wir!" versprach ihm sein Lehrer. "Und dich ebenfalls. Sobald wir beides gefunden haben, kehren wir zu dir zurück. Halt durch, Talan!" Er wollte aufstehen, aber der an den Boden gefesselte Romulaner hob unter Aufbietung sämtlicher verbliebener Kraft den Kopf und versuchte den Blickkontakt zu halten. "Tarkin, nein, hör zu!" bat er hastig. "Falls ihr den Sender nicht finden solltet..." Als sich der Rhazaghaner erneut über ihn beugte, sank er wieder zurück und sah seinen Lehrer eindringlich und verzweifelt an. "Ich habe alles abgestritten." keuchte er leise. "Aber wenn es so kommen sollte, daß ihr die Spangen nicht öffnen könnt... Auf Romulus haben sie andere Methoden, verstehst du? Sie werden mich zum Reden bringen, sie bringen jeden zum Reden. Wenn ihr also keinen Erfolg haben solltet, dann bitte ich dich..." "So weit kommt es nicht!" unterbrach Tarkin ihn sofort. "Egal was geschieht, wir werden dich hier rausholen. Gib nicht auf, Talan!" Er drückte noch einmal die Schulter des Romulaners, dann erhob er sich schnell und gab Tybrang einen Wink ihm zu folgen. Gleich darauf sah der Numa zu, wie Tarkin den Zugang des Frachtraumes wieder schloß. "Worum wollte er dich bitten?" flüsterte er, während ein entsetzlicher Gedanke in ihm Gestalt anzunehmen versuchte. "Um etwas, das nicht eintreten wird." antwortete Tarkin abweisend; anschließend wandte er sich um und ging voran.
Nach der letzten ungeheuren Anstrengung war der Romulaner wieder in einen betäubten Zustand gesunken, doch kurz darauf geschah etwas, und sein Verstand begann noch einmal an die Oberfläche des Bewußtseins zurückzukehren. Irgend etwas hatte Talan durchzuckt, ein Wissen, eine Erinnerung, die ihn trotz seiner Benommenheit beunruhigte. Auf einmal wußte er, daß er vergessen hatte, Tarkin etwas Wichtiges mitzuteilen und riß erschrocken die Augen auf. "Tarkin, da ist etwas, das ihr wissen müßt!" keuchte er. "Hier gibt es einen..." Schweigen herrschte; ihn umgab nichts als leere Dämmerung. Die Rhazaghaner hatten sich bereits auf den Weg gemacht.
Tarkin und Tybrang mußten Deck vier fast in seiner gesamten Länge durchwandern, bevor sie den Wartungsgang fanden, der zum vorderen Notschacht führte. Kadjak hatte ihnen geraten, sich den Grundriß des Frachters gut einzuprägen, und darum wußten sie ungefähr, an welchen Stellen es abzubiegen galt. Vor der Benutzung eines Aufzuges hatte der Cardassianer sie ausdrücklich gewarnt, so daß ihnen nichts anderes übrig blieb, als die Notleitern zu benutzen. Der Aufstieg vollzog sich wegen Tarkins Behinderung nur langsam, weshalb sich Tybrang immer wieder unruhig zu seinem Freund umwandte, doch seine Sorge erwies sich als unbegründet. Beharrlich und mit eiserner Geduld erkletterte der Vari Sprosse für Sprosse, bis sie schließlich das Mannschaftsdeck erreichten. Dennoch atmete der Numa heimlich auf, als sie den Schacht verließen. Es wäre kaum auszudenken gewesen, wenn ihnen aus irgend einem Grund jemand auf der Leiter begegnet wäre. Zwei Gänge weiter trafen sie auf die Räumlichkeiten, die einst der Bequemlichkeit der Frachtercrew gedient hatten. Freizeiträume, die Reste eines Fitneßraumes und eine kleine Kantine lagen links und rechts des Ganges und legten die Vermutung nahe, daß die Kabinen nicht mehr weit entfernt sein konnten. Tybrang schlich behutsam voran, aber Tarkin blieb unvermittelt stehen, hob den Kopf und lauschte. Eigentlich war er sicher, daß er nichts wahrgenommen haben konnte. Das ganze Deck schien in vollständiger Stille zu liegen, und doch spürte der Rhazaghaner, wie sich ihm vom Nacken aus die Haare zu sträuben begannen. Angespannt blickte er zurück und beobachtete die bereits zurückgelegte Strecke, in dem irrationalen Gefühl, daß gleich ein Angreifer in einem der Durchgänge erscheinen und sich auf sie stürzen würde, aber es blieb alles ruhig. Schließlich setzte sich Tarkin wieder in Bewegung, um festzustellen, daß Tybrang bereits mit fragendem Gesicht auf ihn wartete. Lautlos schloß er sich ihm an, blickte aber doch noch einmal über die Schulter zurück, in der halben Erwartung, jemanden zu sehen. Es war niemand da. Nach der nächsten Biegung erkannten sie, daß sie ihr Ziel erreicht hatten. Türmelder längs der beiden Gangseiten zeigten an, daß die zugehörigen Räumlichkeiten privaten Zwecken dienten. Tybrang blieb ratlos stehen. "Wahrscheinlich hat er ihn." hatte Talan erwidert, als Tarkin ihn nach dem Sender gefragt hatte, und ohne sich darüber abzusprechen waren beide Rhazaghaner davon ausgegangen, daß es sich um die führende Persönlichkeit unter den Romulanern handeln mußte. Nun, da sie an dieser Stelle angekommen waren, stellte sich allerdings die Frage, wo der Mann seine Unterkunft hatte. Wenn sie tatsächlich gezwungen waren, jede der Kabinen zu betreten und zu durchsuchen, würde das Entdeckungsrisiko um ein erhebliches Maß anwachsen. Der Numa war noch am Überlegen, als Tarkin auch schon an ihm vorbeistrich. Tybrang beobachtete überrascht, wie sein Freund jede einzelne Tür genau ins Auge faßte, in zügigem Tempo in den Quergang am Ende abbog und verschwand. Anschließend kam er wieder in Sicht und gab durch Zeichen zu verstehen, daß er etwas gefunden hatte. Gleich darauf musterte Tybrang verwirrt die Tür, vor der Tarkin stehengeblieben war. Sie schien sich ihm weder durch ihre Farbe noch durch sonst etwas von den anderen zu unterscheiden, so daß es ihm zunächst ein Rätsel war, was der Vari entdeckt hatte. Dann aber kam er auf den Gedanken, den Abstand der Quartiereingänge miteinander zu vergleichen und verstand: Diese Unterkunft mußte ein wenig größer als die übrigen sein. Es konnte sich nur um die Kabine handeln, die einst dem Captain des Frachters gehört hatte. Romulaner dachten streng hierarchisch; die Notwendigkeit der Hierarchie war Teil ihres Weltbildes. Es war kaum anzunehmen, daß sich der Anführer dieser Gruppe mit einer gewöhnlichen Unterkunft begnügt hatte. Der Numa atmete erfreut auf, aber seine Zuversicht schwand sofort, als er einen Blick auf die Schalttafel warf, die sich unter dem Türmelder befand. Diese Räumlichkeit verfügte über ein codiertes Schloß. Sie wechselten einen verzweifelten Blick. Die Wahrscheinlichkeit, hier Einlaß zu finden, war äußerst gering, dennoch blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihr Glück zu versuchen. Tarkin streckte den Finger aus und drückte auf den Öffner - und die Tür glitt zur Seite. Fassungslos standen sie da und starrten auf den entstandenen Durchgang, doch dann setzte sich Tarkin in Bewegung und schlich vorsichtig hinein. Zwar stand fest, daß man sie nicht sehen konnte, aber die Tür war geöffnet worden, und Romulaner waren von Natur aus mißtrauisch. Im Wohnraum war niemand zu sehen, doch es war zu erkennen, daß jemand die Kabine bewohnte; auf dem Bett lag eine frisch aufbereitete Uniform. Tarkin genügte ein Blick für die Gewißheit, daß sie einem Offizier der höheren Rangebene gehörte. Drinnen angekommen trat Tybrang an die Schalttafel der Gegenseite und verschloß das Quartier. Sofort fühlte er sich besser, und er machte sich wie Tarkin daran, die Unterkunft in näheren Augenschein zu nehmen. Der Vari war bereits dabei, Wandschränke und Fächer zu öffnen, aber außer diversen Kleidungsstücken und privaten Utensilien kam nichts Interessantes zum Vorschein. Nachdem beide den Schreibtisch ohne Erfolg durchsucht hatten, begaben sie sich ins Bad hinüber, dem Tarkin zuvor nur einen kurzen Blick geschenkt hatte. Auch hier gab es mehrere Schränke, aber noch bevor sie dazu kamen, sich den Inhalt anzusehen, brachte sie ein leises, scharfes Geräusch aus dem Nebenraum zum Erstarren: Die Kabinentür war geöffnet worden. Einen Augenblick lang blieb es still, dann hörte man zwei Schritte. "Zeigen Sie sich!" forderte eine scharfe männliche Stimme. Die beiden Rhazaghaner tauschten einen bestürzten Blick, aber noch bevor sie eine Entscheidung treffen konnten, erklang die Stimme von neuem. "Ich sagte, Sie sollen sich zeigen! Ich weiß, daß Sie beide hier sind. Wenn Sie sich weigern, sich zu erkennen zu geben, werde ich anfangen, diese Räumlichkeiten mit meinem Disruptor zu beharken." Tybrang sah Tarkin fragend an, aber der Vari schüttelte den Kopf. Er griff hinauf zu seinen Schultern und deaktivierte den CSG. "Schon gut, das wird nicht nötig sein!" rief er nach drüben. Dann hob er die Hände und verließ das Bad, während Tybrang seinem Beispiel folgte. In der Eingangstür stand ein schlanker, überaus korrekt gekleideter Romulaner, der sich ungefähr in Talans Alter befand. Neben seinem verächtlichen Gesichtsausdruck waren vor allem drei Dinge an ihm bemerkenswert: Der Disruptor in seiner Linken, ein kleiner Sender an seinem Gürtel und das silberfarbene kastenförmige Gerät, das er unter dem rechten Arm trug. "Na bitte!" knurrte er befriedigt. Er wandte die Waffe nur kurz, um hinüber zu dem ominösen Apparat zu weisen. "Und jetzt werden Sie mir den Code verraten, mit dem das Ding, das hier drin steckt, verschlüsselt ist." kam er sofort zur Sache. "Ich rate Ihnen, keinen Ärger zu machen, ansonsten darf einer von Ihnen dabei zusehen, wie der andere auf äußerst unangenehme Weise sein Leben verliert." Die Rhazaghaner starrten ihn an. "Code?" fragte Tarkin verständnislos. "Von was für einem Code reden Sie?" "Versuchen Sie nicht, mich für dumm zu verkaufen!" zischte der Mann wütend. "Sie wissen doch genau, daß es völlig unmöglich ist, auf den Inhalt Ihres Schiffscomputers zuzugreifen. Das was wir erhalten haben, hält selbst unseren besten und intelligentesten Decodierungsprogrammen stand. Also los, raus damit, ich will den Schlüssel dafür!" Tarkin wechselte einen flüchtigen Blick mit Tybrang. Nun hatten sie die endgültige Antwort auf die Frage, weshalb sich die Romulaner noch immer im Orbit Risas aufhielten. Zwar war ihnen die Entführung der Arrhinia D'jah geglückt, aber die alte Sternschwinge hatte offenbar ganz eigene Vorkehrungen für diesen Fall getroffen. Sie hatte dafür gesorgt, daß niemand an sie und ihr Wissen herankam. "Was wollen Sie überhaupt mit unseren Daten?" fragte Tarkin vorsichtig. "Sie dürften kaum etwas darin finden, das für Ihr Volk von Interesse wäre, das müßten Sie doch von Ihren eigenen Leuten wissen. Es ist überall bekannt, daß Kommandant Talan ein äußerst kompetenter und zuverlässiger Mann ist, der..." "Hören Sie auf damit!" schnappte der Romulaner und lief beunruhigend dunkel an. "Dieser Mann ist ein Hochverräter und verdient hundertfach den Tod; er hat unschätzbare militärische Geheimnisse des romulanischen Reiches weitergegeben. Er hat mit einem niederen und wertlosen Volk paktiert, er hat das Oberkommando betrogen und damit gezeigt, daß er von jeher unwürdig war, auch nur die Uniform eines einfachen Soldaten zu tragen. Aber heutzutage gehört es ja zum guten Ton, sich bei minderwertigen Spezies anzubiedern, anstatt sie zu unterwerfen, wie es für unser Volk noch vor wenigen Jahren selbstverständlich gewesen wäre. Wahrhaft tüchtige Männer, die dem Reich von Kindheit an die Treue gehalten haben, werden verachtet und in ihrer Karriere behindert. Es wird endlich Zeit, daß wir zu unseren alten Tugenden zurückkehren und diesen Quadranten vor unserer Macht erzittern lassen." Er hatte zum Schluß seiner Tirade fast geschäumt. Tarkin verständigte sich noch einmal verstohlen mit Tybrang. Ganz offensichtlich lief dieser Mann derart vor Haß und Selbstmitleid über, daß es allmählich dem Wahnsinn nahe kam. Wenn ihm nicht irgend etwas Einhalt gebot, würde er sie beide töten. "Ich verstehe Sie nicht." versuchte er das Gespräch in Gang zu halten. "Ich versichere Ihnen, daß wir Ihrem Volk niemals etwas Böses getan haben. Sagen Sie, wer sind Sie eigentlich?" "Ich bin Lemnokat, Vertreter des romulanischen Reiches auf Terra im Range eines Vizebotschafters." antwortete der Romulaner hochnäsig. "Damit wissen Sie also, mit wem Sie es zu tun haben. Und jetzt frage ich Sie noch ein allerletztes Mal, bevor ich tätig werde: Wo befindet sich der Schlüssel zu Ihren Daten?" Tarkin stand ihm verzweifelt mit erhobenen Händen gegenüber. Er wußte nicht, wie er diesen Mann von seinem Vorhaben abbringen sollte, aber noch bevor ihm eine Erwiderung einfiel, wurde vor der Tür ein leises Geräusch hörbar. Lemnokat Kopf ruckte kurz zur Seite. "Endlich!" knurrte er. "Na los, komm her! Wo bleiben die anderen?" Ein hochgewachsener Mann mit schlichtem, graubraunem Haar kam herein und stellte sich neben Lemnokat. Tarkin und Tybrang starrten ihn mit großen Augen an und konnten das, was sie sahen, nicht fassen, doch es gab nicht den allergeringsten Zweifel: Der Neuankömmling war ein Rhazaghaner. "Zwei sind noch drüben und bekleiden sich." beantwortete er leise die Frage des Romulaners. "Die anderen müßten gleich hier sein." Lemnokat fluchte und wütete. "Faules und selbstzufriedenes Pack aus dem Norden! Dieser aufsässige Haufen glaubt, ich wäre von ihm abhängig, ich käme ohne ihn nicht klar. Aber die werden sich wundern!" Er deutete mit dem Disruptor auf Tybrang. "Also los, du weißt ja inzwischen, wie es gemacht wird! Nimm ihn dir vor, aber so, daß er das Sterben fühlt. Möglicherweise kommt seinem Freund ja noch rechtzeitig der Gedanke, daß es besser wäre, mit den Informationen rauszurücken." Der fremde Rhazaghaner drehte sonderbar langsam den Kopf und sah den Romulaner an. Dann trat er mit zwei raschen Schritten auf ihn zu und brach ihm mit einer ungeheuer gewandten Bewegung das Genick. Der tote Lemnokat fiel etappenweise wie eine Puppe in sich zusammen. Doch noch bevor der silberne Apparat ihm entgleiten und zu Boden stürzen konnte, griff der Rhazaghaner zu. Behutsam zog er das Gerät an sich und barg es fast zärtlich unter dem eigenen Arm. Anschließend griff er nach rückwärts zur Schalttafel und schloß die Kabinentür, um sich dann wieder umzuwenden. Stumm und aufrecht stand er den beiden anderen Rhazaghanern gegenüber. Tybrang hatte die Hände sinken lassen, stand aber noch immer wie erstarrt. Tarkin dagegen duckte sich langsam, während er den anderen aus schmalen Augen beobachtete. "Noch einmal überraschst du mich nicht, Kiardal!" brach er knurrend das Schweigen. Tybrang Kopf flog zu ihm herum. "Was? Was sagst du da? Dieser Mann hier ist Kiardal?" fragte er verstört. Tarkin hielt den Blick fest auf den großen Rhazaghaner gerichtet.. "Ja, frag ihn ruhig, es gibt keinen Zweifel! Er war das Phantom, und nicht etwa ein Romulaner mit fremder Technologie. Er hat sich bei uns an Bord geschlichen, um etwas auf Risa zu verkaufen, und es war Talan, den er verkaufen wollte. Jeder Rhazaghaner weiß, daß die Arrhinia D'jah im Besitz der Tarnvorrichtung ist, und den meisten ist auch bekannt, daß das Reich nie etwas davon erfahren darf. Anscheinend hat er es fertiggebracht, sich von hier aus mit den romulanischen Diplomaten auf Terra in Verbindung zu setzen." Er nickte dem Mann grimmig zu. "Es stimmt doch, nicht wahr, Kiardal? Und jetzt möchte ich gerne wissen, worin der Preis für all das bestand. Was gibt es, was Romulus einem rhazaghanischen Jäger bieten könnte?" Der Achaji schien nach Worten zu suchen. Schließlich begann er zögernd zu sprechen. "Als ich damals in jener Nacht auf der Flucht war und kurz davor stand, dir den Tod zu geben... da kam dein Schüler und riß mich von dir fort." erzählte er langsam. "Wir kämpften miteinander, er und ich, und im ersten Moment fühlte ich nichts als verzehrenden Zorn. Aber schon nach wenigen Augenblicken merkte ich, daß er anders ist, nicht so beschaffen wie euresgleichen. Oh, gewiß, auch ein Rhazaghaner wäre gegen mich angegangen," gab er zu, "aber eben nur deswegen, weil er dein Leben schützen wollte oder sein eigenes. Der Romulaner jedoch kämpfte wie ich, er wollte mich töten, ebenso zielbewußt wie ich ihn töten wollte. Ich habe die Entschlossenheit in seinen Augen gesehen." Er sah nachdenklich vor sich hin und gab etwas von sich, das fast einem leisen Lachen ähnelte, dann hob er wieder den Blick und sah Tarkin und Tybrang an. "Seit Jahrtausenden sind es allein die Clanführer, die über die Triebkraft verfügen, unseresgleichen zu töten. Und nun kam da dieser Fremde, nicht größer als ein Heranwachsender, und griff mich an, so aggressiv, so mörderisch..." "Ich glaube, ich begreife!" schaltete sich Tybrang verblüfft ein. "Aus deiner Sicht wart ihr gleich und darum hast du angenommen, Romulaner würden über eine zumindest ähnliche Wesensart verfügen wie du. Schließlich hast du daraus gefolgert, daß Romulus eine Welt ist, die jemanden wie dich aufnehmen würde. Und da unser Kontakt mit Außenweltlern gewöhnlich über Handel läuft... Du wolltest ihnen etwas anbieten, damit sie dich willkommen heißen, ist das richtig?" "Willkommen heißen, ja!" Kiardal seufzte tief. "Keine Furcht, kein Verstecken mehr. Kein ständiger Kampf um Kontrolle, kein Leben in selbst gewählter Einsamkeit. Unter meinesgleichen sein..." Tybrang sah den Verlauf der Tragödie immer deutlicher vor sich und fühlte, wie ihn das Mitleid packte. "Aber dann kam alles anders, oder?" fragte er leise. "Sie waren nicht so, wie du es dir erhofft hattest." "Nein." Kiardal schaute hinunter auf den toten Lemnokat. "Die Information genügte ihm nicht. Er verlangte Beweise und schickte mich mit dem Gerät auf die Narhamak zurück. Narhamak..." Auf dem Gesicht des Achaji zeigte sich zum ersten Mal Bekümmerung. "Ich hatte ihm keinen Schaden zufügen wollen. Frosthauch, die Sternschwinge in unserem Hangar, sprach immer voller Hochachtung von ihm. Frosthauch war die einzige Person, mit der ich reden konnte, ohne mich vor Schwierigkeiten fürchten zu müssen." Er verstummte und schien einen Moment lang seiner Vergangenheit nachzusinnen, erst dann sprach er weiter. "Als ich mit leeren Händen kam, wurde Lemnokat zornig. Er schickte mich unter Drohungen wieder zurück mit dem Befehl, es noch einmal zu versuchen. Zu jenem Zeitpunkt wußte ich noch nicht, was das Gerät bei Narhamak angerichtet hatte. Meinen nächsten Versuch unternahm ich dann auf der Arrhinia D'jah. Meine einzige Hoffnung war, daß ihr der Vorgang nichts anhaben würde." "Sie ist wirklich dort drin?" vergewisserte sich Tarkin. Kiardal sah auf den Kasten unter seinem Arm hinunter und lächelte. "Ja. Sie ist tatsächlich so klug, wie Frosthauch erzählt hat. Sie wurde nicht beschädigt, als ich sie einfing, aber als ich wieder hier ankam, stellte sich heraus, daß sie mich überlistet hatte. Sie hatte den gesamten Inhalt ihres Gedächtnisses codiert, und zwar so geschickt, daß Lemnokat nichts mit ihr anfangen konnte. Er tobte, es war zu merken, daß er Angst bekam, und als er schließlich von mir erfuhr, daß Talan den Planeten aufsuchen würde, gab er seinen Leuten den Befehl, ihn zu entführen. Und dann..." Tybrang atmete tief durch. "Ich vermute, er hat dich dabei zusehen lassen." Der Achaji gab ein leises Stöhnen von sich. "Auf der Habitatstreppe hatte ich ihn töten wollen, aber das... Und es war einer aus ihrem Volk, einer ihrer eigenen Leute, dem sie diese Dinge antaten. Auf einmal begann ich zu ahnen, was sie mit mir, dem Fremden, anfangen würden, sobald sie mich nicht mehr brauchten. Wenn sie mich ansahen... ihre Augen waren voller Verachtung, so als sähen sie ein Lishbrak, das sich an einem Kralip festgesaugt hat. Sie würden mich nie unter sich dulden." "So hat sich also alles abgespielt." sagte Tybrang leise und sah vor sich hin. Schließlich hob er den Blick wieder. "Vieles von dem, was du erzählt hast, kann ich verstehen und verzeihen. Aber eine Sache..." Er schüttelte den Kopf. "Laskani... Kiardal, was hast du nur getan? Du hast deine Clanführerin getötet." Kiardal krümmte sich auf diese Worte hin regelrecht zusammen. Sein Gesicht verzerrte sich vor Qual und er schlang in hilflosem Kummer die Arme um sich. "Laskani!" klagte er verzweifelt. "Unsere weise Clanführerin! Sie war diejenige, die mich einst mit meinem Namen im Habitat begrüßte, und ich, ich habe ihr das Leben genommen." Er sah Tybrang verzweifelt an. "Ich hätte es nie gewollt. Warum hatte sie mich nur wecken müssen, warum? Wenn sie..." Der Numa erbleichte schlagartig. "Was? Sie hat dich geweckt, sagst du?" brachte er heraus. "Ja!" ächzte der Achaji, dem man ansah, daß ihn die Schuld fast erdrückte. "Sie sagte zu mir, sie wolle mit mir reden, es mir erklären. Sie meinte, es stimmte, es wäre wichtig, daß ich verstünde, warum es sein müßte, und da packte mich die Furcht vor dem Ende." Er stand da und wiegte sich vor Schmerz. "Warum hat sie nicht in aller Stille ihre Pflicht an mir erfüllt und mir den Frieden gebracht? Es wäre ganz einfach vorbei gewesen, es wäre niemals so weit gekommen..." Tybrang spürte, wie er vor Entsetzen schwankte und griff fahrig nach einem Stuhl, der in der Nähe stand. Laskanis letzter Abend stand ihm vor Augen, und er hörte sich selbst, wie er die alte Clanführerin verzweifelt beschwor. "Man sollte wenigstens mit ihm sprechen, ihm erklären..." "Aber... aber dann habe ich..." begann er, als er begriff, wie katastrophal und entsetzlich weitreichend sich seine Fürbitte ausgewirkt hatte. Tarkin, der ihn beobachtet hatte, trat hastig an ihn heran. "Das ist jetzt alles nicht wichtig." sprach er auf ihn ein. "Wir müssen vor allen Dingen sehen, daß wir hier wegkommen. Wer weiß, wann sie beginnen, nach Lemnokat zu suchen oder hinunter in den Frachtraum gehen. Talan muß unbedingt..." "Geh!" unterbrach Tybrang ihn heiser. "Geh hinunter und bring ihn hier weg. Sag Azared und den anderen, daß ich nachkomme." Tarkin sah unruhig zwischen dem Numa und Kiardal hin und her. "Du willst hier bei ihm bleiben?" fragte er und schüttelte dann ablehnend den Kopf. "Nein! Nein, das kommt nicht in Frage! Es ist zu gefährlich, außerdem traue ich ihm nicht. Es ist sicherer, wenn..." Tybrangs Gesicht wurde hart, und er starrte Tarkin an wie einen Fremden. "Ich sagte, geh!" schnappte er. "Na los, worauf wartest du? Steig hinunter und rette Talan, er hat schon genug gelitten." "Aber du..." "Diese Angelegenheit betrifft dich nicht, hörst du?" zischte Tybrang außer sich, trat zur Schalttafel und öffnete demonstrativ die Tür, bevor er sich wieder zu ihm umdrehte. "Sie geht dich nichts an, nicht das geringste, Tarkin von den Vari, also verschwinde und kümmere dich um deine eigene Pflicht. Dies hier ist ganz allein Sache der Numa." Tarkin sah ihn einen Augenblick stumm an, dann bückte er sich widerspruchslos, um dem Toten den Sender abzunehmen. Anschließend verließ er das Quartier, während er gleichzeitig den CSG aktivierte. Draußen auf dem Gang beschleunigte er und lief, so leise und schnell sein Knie es zuließ, dem Wartungsschacht entgegen.
Drinnen in der Kabine standen sich die beiden Zurückgebliebenen stumm gegenüber. Schließlich legte der Achaji vorsichtig das Gerät mit der Arrhinia D'jah auf dem Boden ab, richtete sich dann auf und sah dem Clanführer in die Augen. "Laß mich nicht hier!" bat er leise. Tybrang schüttelte den Kopf. "Das werde ich nicht, das verspreche ich dir." antwortete er mit erstickter Stimme. Er wartete noch einen Moment, dann atmete er tief durch, trat an den still wartenden Kiardal heran und legte ihm beide Hände auf die Schultern. "Sei willkommen im Clan, Kiardal von den Numa!" intonierte er heiser. "Bereichere uns durch dein Selbst, finde, was du ersehnst und erfülle deine Bestimmung. Möge dein Name für immer mit unserer Gemeinschaft verbunden sein."
Nach dem nicht ganz so mühseligen Abstieg hatte Tarkin die Frachträume erreicht, wo er rasch hinkend den Hauptgang folgte. Er begegnete unterwegs niemandem, und so gelangte er ohne Schwierigkeiten zu dem Frachtraum, in dem Talan gefangen lag. Als er eintrat, fand er ihn besinnungslos, weshalb er ihm hastig die Spangen ablöste, um ihm anschließend den dritten CSG anzulegen. Es kostete ihn keine Mühe, den Körper des Romulaners anzuheben; so leicht wie ein Kind trug er seinen Schüler hinaus und eilte mit ihm der Stelle zu, an der er das Transporterfenster wußte. Bei seinem Eintreffen auf der Kildar erkannte er die Gesichter von Intipalea, Kadjak und Azared, die bleich und besorgt zur Plattform hinaufstarrten. Tarkin deaktivierte augenblicklich die CSGs und verließ mit dem besinnungslosen Talan die Transferfläche. "Das Transporterfenster noch nicht schließen!" rief er den Anwesenden lauthals zu. "Tybrang ist noch drüben." Gleich darauf legte er den Romulaner behutsam auf den Boden nieder. Azared beugte sich sichtlich betroffen über den Bewußtlosen und bemühte sich, seinen Zustand zu überprüfen. "Wir müssen ihn so schnell wie möglich zu Ihrem Schiff hinübertransportieren." meinte er zu Tarkin. "Wir verfügen nur über ein paar Medikamente und eine kleine Ambulanz, nicht über das, was hier nötig wäre." Der Rhazaghaner nickte, aber noch bevor er etwas erwidern konnte, zeigte ein grelles Aufleuchten, daß der Transporter seine Arbeit aufnahm. Hoffnungsvoll schauten Tarkin und die drei Cardassianer hinauf. Dann stand Tybrang auf der Plattform, die Augen starr, das Gesicht unbewegt. Er hatte den CSG nicht aktiviert, sondern die Riemen lediglich dazu benutzt, das silberfarbene Gerät an seiner Schulter zu befestigen. Auch er trug wie Tarkin zuvor einen regungslosen Körper auf den Armen, doch in dem hochgewachsenen Mann steckte kein Leben mehr. Schlaff und sonderbar lose wirkend baumelte der Kopf des Toten. Kiardals einsames, angsterfülltes Leben war vorbei. Die Aufgabe der alten Laskani war durch den Clanführer der Numa zu Ende gebracht worden.
Tarkin saß still in seinem Kommandosessel und beobachtete den Hauptschirm. Eigentlich gab es nicht viel zu sehen, doch auch seine Augen richteten sich gewohnheitsmäßig immer dorthin, wo sich Bewegung zeigte, selbst wenn es nur vorüberziehende Sterne waren. Zwischenzeitlich wandte sich Laraskir von seinem Platz aus zu ihm um und lächelte, und dann erwiderte Tarkin das Lächeln. Es ging nach Hause, und darum begriff er die Freude sehr gut, die beide Crews erfaßt hatte, auch wenn er sie kaum teilen konnte. Ihn bewegten nach wie vor ernste Sorgen, und daß ihn nicht einmal der Gedanke an Rhazaghan aufzuheitern vermochte zeigte deutlich, wie sehr sie ihn belasteten. Tarkin wußte, daß ihre Probleme noch lange nicht vorbei waren. Irgendwann beugte er sich zu dem kleinen Monitor hinüber, der Bestandteil seiner linken Armlehne war. "Wie sieht es mit ihm aus?" fragte er leise. "Unverändert." antwortete Narhamak gedämpft. "Er hat seine Unterkunft immer noch nicht verlassen. Die meiste Zeit über liegt er auf seinem Lager, schläft aber kaum dabei. Wie wäre es, wenn du einmal zu ihm gehen und mit ihm reden würdest?" Sein Schiffsführer schüttelte den Kopf. "Es würde nichts nützen. Ich kenne ihn gut genug um zu wissen, daß er mich hinauswerfen würde. Tybrang hat es sich nie sonderlich leicht gemacht, und dies ist eine Sache, die Zeit zum Heilen braucht. Gönnen wir ihm erst einmal etwas Ruhe." Es gab eine Pause, dann seufzte er. "Wie steht es mit Eldriakim?" wechselte er das Thema. "Ist sie jetzt bereit, mir die Erlaubnis für einen Krankenbesuch zu geben?" "Einzelne Personen dürfen ab heute wieder zu ihm. Du wirst dich allerdings hinter Rilkar anstellen müssen, er hat mich vorhin schon gefragt und sich gleich danach von mir anmelden lassen. Übrigens sagt Eldriakim, sie bestünde darauf, daß Talan nach jedem Besuch eine längere Pause einlegt." Tarkin nickte ergeben. "Na gut, in Ordnung! Meine Schicht dauert ohnehin noch eine Weile. Sie hütet ihn wie eine Larkmutter ihr Junges, das muß ich ihr lassen." "Ich habe sie noch nie so entsetzt gesehen wie bei seiner Einlieferung." kommentierte Narhamak. Unvermittelt trat in seine Stimme eine unüberhörbare Schärfe. "Wenn du meine Meinung hören willst, so lag die Ursache gar nicht so sehr im Ausmaß seiner Verletzungen sondern viel eher in der Erkenntnis, auf welche Weise sie ihm beigebracht worden waren." Sie schwiegen eine Weile, der Clanführer und sein Schiff, bis Tarkin schließlich wieder zu sprechen begann. "Wie geht es Aslari im Moment?" "Eldriakim wird es nicht mehr lange schaffen, sie in der Krankenstation zu halten. Deine Gefährtin meinte heute, es ginge ihr zu gut, um auch nur etwas ärztliche Aufmerksamkeit von Talan abzuziehen. Sie ist fest entschlossen, so bald wie möglich in ihr Quartier zurückzukehren." "Ah, das ist eine gute Nachricht." freute sich Tarkin. In diesem kurzen Augenblick brachte er es tatsächlich fertig, die Sorgen bis an den Rand seines Bewußtseins zu verdrängen, etwas, das man in dieser Situation als beachtliche Leistung anerkennen mußte. Es war nicht leicht zu vergessen, daß sie Talan zwar gerettet, aber dabei die Leiche eines romulanischen Vizebotschafters zurückgelassen hatten.
Zwölf Decks weiter unten war Rilkar gerade dabei, seine Unterkunft zu verlassen. Eigentlich hatte er vorgehabt, den kürzesten Weg zum Lift einzuschlagen, doch dann überlegte er es sich anders und bog im nächsten Quergang nach links ab. Einige Schritte weiter blieb er vor einer breiten Fensterreihe stehen und blickte nach draußen. Sie lag präzise mit Narhamak auf gleicher Höhe und schien den einzigen festen Bezugspunkt in einem vorbeistreichenden Universum zu bilden. Der geschwungene Rumpf erstrahlte in einem lichten Blau und gab mit den ausgebreiteten Schwingen ein herrliches Bild der Stärke ab. Der Ingenieur betrachtete es zufrieden, dann lenkte er den Blick zum Raubvogelkopf, um gleich darauf den irritierenden Eindruck zu gewinnen, daß die scharfe, strenge Physiognomie noch energischer wirkte als sonst. Natürlich besaßen Sternschwingen keine Mimik, dennoch überkam ihn das Gefühl, als spiegelte das Gesicht der Arrhinia D'jah ihren nur unvollständig verrauchten Zorn wider, was ihn unwillkürlich zum Schmunzeln brachte. Rilkar und Keolai hatten den romulanischen Hochleistungsspeicher zunächst studiert und analysiert, bevor sie es schließlich wagten, ihn an den Computer der alten Sternschwinge anzuschließen. Die gesamte Crew war nervös und angespannt gewesen, und so war es kein Wunder, daß jeder an Bord Befindliche erschreckt zusammenfuhr, als sämtliche Sirenen des Schiffes zu schrillen begannen. Unmittelbar darauf schloß sich eine lange Reihe überlauter deftiger Flüche an, die allesamt aus der Kommunikation drangen. Anscheinend hatte die Arrhinia D'jah unmittelbar davor gestanden Alarm zu geben, als der feindliche Kopiervorgang sie abrupt von sämtlichen Verbindungen abschnitt. Für Keolai folgte daraufhin eine ebenso arbeitsreiche wie anstrengende Bordnacht, während derer sie die Schmähungen und Verwünschungen der alten Sternschwinge auszuhalten hatte. Sie ertrug sie lächelnd und wirkte während der Tests ganz so, als hätte sie ein totgeglaubtes Kind wiedergefunden; dennoch war Rilkar froh, als er sich aus der Schußbahn zurückziehen und sich wieder an Bord Narhamaks begeben konnte. Den von den Romulanern entwendeten Speicher nahm er mit sich, in der Absicht, ihn möglichst bald technisch auszuwerten. Ein schlechtes Gewissen hatte er dabei nicht; immerhin war die zugehörige Technologie dem cardassianischen Volk entwendet worden. Seiner Auffassung nach war es nur recht und billig, daß sie nun auf Umwegen zu einem seiner Angehörigen zurückgekehrt war. Er wandte sich ab und machte sich nun endgültig auf zur Krankenstation, während er spürte, wie ihn ein mulmiges Gefühl überkam. Er war sehr unsicher, in was für einem Zustand er Talan vorfinden würde, und dabei galt seine Sorge nicht so sehr dem körperlichen Befinden seines Freundes. Eine schlimme Zeit lag hinter dem Romulaner, und niemand wußte recht zu sagen, was noch alles auf ihn zukommen würde. Selbst Rilkar mußte zugeben, daß sein sonst recht unverwüstlicher Optimismus schwand, wenn er an die Zukunft dachte. Als er die Krankenstation betrat, nahm er gedämpft Eldriakims Stimme wahr, die aus einem Nebenzimmer drang. Offenbar diskutierte sie gerade mit einer zweiten Person, wobei zu merken war, daß ihr etwas mißfiel. Nach kurzem Lauschen hatte der Ingenieur auch die andere Stimme erkannt. Aslari sprach ein wenig leiser als die Ärztin, aber ruhig und bestimmt, und der Ingenieur hegte keinen Zweifel daran, daß sie sich letztendlich durchsetzen würde. Er kannte Tarkins Gefährtin und wußte, daß sie trotz ihrer sanften Art über einen ausgesprochen starken Willen verfügte. Vorsichtig näherte er sich Talans Krankenzimmer, um festzustellen, daß der Verletzte wach war. Der Romulaner saß halb aufrecht gegen einige große Kissen gelehnt und wandte den Kopf, als er eintrat, was Rilkar zu einem erfreuten Lächeln ermutigte. Sofort kam er heran und nahm am Bett Platz. "Schön, daß man dich endlich wieder zu sehen bekommt." meinte er dabei. "In den letzten Tagen hatte Eldriakim jedem Beine gemacht, der auch nur den Versuch unternahm, sich der Krankenstation zu nähern. Frag Tarkin, sogar er hatte sich fügen müssen." Talan sah ihn mit ruhigen, dunklen Augen an, und schon im nächsten Moment mußte sich Rilkar anstrengen, daß sein Lächeln nicht zur Maske gefror. Es war eindeutig, daß ihn sein nervöses Vorgefühl nicht getrogen hatte. Sein Freund hatte sich erstaunlich gut im Griff, dennoch trugen seine Züge den unverkennbaren Ausdruck eines Mannes, der wußte, daß er bis obenhin in Schwierigkeiten steckte. Genaugenommen hatte Rilkar es nicht anders erwartet; Talan war zu intelligent, um sich in dieser Situation etwas vorzumachen. "Ja, Eldriakim." sagte der Romulaner langsam. "Sie geht ganz in ihrer Arbeit auf, das muß man ihr lassen. Und sie versteht sich auf die typisch rhazaghanische Chirurgenkunst. Heute morgen machte sie mir sogar Hoffnungen, daß ich nach Darrabs Endbehandlung wieder voll einsatzfähig sein werde." Der Ingenieur schaute rasch zu den Regenerationsmanschetten, die Talans Hände umgaben und war froh um die Möglichkeit, sein Gesicht abwenden zu können. Sein Freund sprach zwar von Hoffnungen, aber es war zu merken, daß er keinerlei Hoffnung mehr empfand. Rilkar gewann etwas Zeit, indem er scheinbar interessiert die beiden Behandlungsgeräte begutachtete, dann gab er sich einen Ruck. Es wurde Zeit, daß sie redeten. Er wandte sich Talan wieder zu und sah ihn mitfühlend an. "Sie haben sich wohl ganz schön an dir ausgetobt, wie?" fragte er behutsam. Der Romulaner blickte geradeaus. "Lemnokat hat sich ausgetobt." korrigierte er trocken. "Die übrigen gehorchten nur ihren Befehlen." "Ja, richtig, der Vizebotschafter! Was hatte der Bursche eigentlich gegen dich?" Talan leistete sich ein dünnes Lächeln, das frei von jeglichem Humor war. "Lemnokat stand schon lange im Ruf, ein Stümper zu sein und konnte Leute, die aus eigener Kraft Karriere gemacht haben, nicht ausstehen." setzte er Rilkar auseinander. "Seine Familie stammt wie viele reiche Romulaner aus dem Süden, Leute die beim Militär nicht sonderlich angesehen sind, weil sie sich Offiziersränge zu erkaufen pflegen. Für Lemnokat mußten sie allerdings eine ansehnliche Summe hinblättern. Ich habe mehrfach erzählen hören, er wäre ehrgeizig, aber vollkommen unfähig und hätte in seinen letzten Positionen einen militanten und brutalen Führungsstil gepflegt. Auf Khotar soll er sich keine Freunde gemacht haben, weder bei den Ureinwohnern noch bei unseren eigenen Leuten." "Tatsächlich? Und das war also der ganze Grund? Daß du es durch Tüchtigkeit zu deinem Rang gebracht hast und er nicht?" "Nicht ganz!" schränkte Talan leise ein. "Die andere Sache ist, daß ich auch noch die Stirn besaß, den Wettbewerb im Fechtkampf zu gewinnen, obwohl Lemnokat auf Ragor gesetzt hatte. Es war seinerzeit von einem Betrag im Zehntausenderbereich die Rede." Rilkar schwieg betroffen. Es war leicht vorstellbar, mit welch hämischer Freude Lemnokat den Körper jenes Mannes hatte verwüsten lassen, dessen sportliches Können ihn so viel Geld gekostet hatte. "Wie kommt so ein Mann in den Rang eines Vizebotschafters?" fragte er schließlich. "Das übliche Abschiebeverfahren." Talan zuckte wie gleichgültig die Achseln. "Die blutigen Unruhen und die heimlichen Beschwerden seiner direkten Untergebenen nahmen allmählich überhand. Schließlich kam man zu der Ansicht, daß er als Diplomat unter einem Mann wie Drayos nicht viel Schaden anrichten konnte und beorderte ihn nach Terra. Lemnokat wußte natürlich, daß die angebliche Beförderung in Wahrheit einer Degradierung gleichkam; nichtsdestotrotz blieb ihm nichts anderes übrig als mit den Zähnen zu knirschen. Die Soldaten, die ihn nach Risa begleitet hatten, schienen ihn nicht sonderlich zu schätzen. Ich muß ihnen jedenfalls zugestehen, daß sie während der Verhöre längst nicht so viel Eifer an den Tag legten wie er." Der Ingenieur spürte, wie es ihn kalt überlief. Es widerstrebte ihm zutiefst, daß sein Freund die Dinge, die man ihm angetan hatte, als Verhör bezeichnete und nicht mit dem einzigen Wort, das ihm hier passend erschien. Es waren Momente wie dieser, in welchen ihm besonders bewußt wurde, wie verschieden die Welten waren, aus denen sie stammten. Die unterschiedlichen Namen ihrer Heimatplaneten spielten dabei eine viel geringere Rolle als die Tatsache, daß Rilkar überzeugter Zivilist war, während Talan aus dem Militär stammte und einen Offiziersrang belegte. Man hatte ihm schon früh beigebracht, daß ein Mann, den das Oberkommando als Verräter bezeichnete, nichts weniger als das schlimmste von seinesgleichen zu erwarten hatte. "Tarkin hat übrigens gestern eine Zusammenkunft abgehalten." erzählte Rilkar unvermittelt, in der festen Absicht, das Thema zu wechseln und seinen Freund auf andere Gedanken zu bringen. "Es nahmen zwar nur Tarkin, Nirrit und ich daran teil, aber wir glauben, es ist uns gelungen, Kiardals Weg einigermaßen nachzuzeichnen." Talan hob den Kopf und zeigte zum ersten Mal ein wenig Interesse. "Tatsächlich? Und was habt ihr herausgefunden?" hakte er nach. "Wir nehmen an, daß er sich schon ziemlich bald nach seiner Flucht zum Vari-Gebiet aufgemacht hat. Kiardal wußte, daß ihm auf Rhazaghan nur noch Einsamkeit oder Tod erwartete, und vermutlich war er der erste Achaji in der Geschichte seines Volkes, dem der Gedanke kam, seine Heimatwelt zu verlassen. Es war bereits Gesprächsthema im Numa-Habitat gewesen, daß ein Suchtrupp mit einem Vari-Schiff aufbrechen sollte um Aryshtin zu finden; damit stand also das Wie seiner Flucht für ihn fest. Und da er nach dem Kampf mit dir geglaubt hatte, daß Romulaner ähnlich geartet sind wie er, hatte er auch gleich ein Ziel gefunden. Offenbar war er von deinem Willen ihn zu töten völlig überrumpelt und gleichzeitig sehr beeindruckt worden." Talan dachte auf diese Eröffnung hin kurz nach, dann nickte er begreifend. "Er hielt mich also für einen Achaji, einen Achaji, der allerdings auf seiner Heimatwelt nichts Außergewöhnliches darstellt." faßte er seine Erkenntnis zusammen. "Der Glaube, daß er irgendwo ein ganz normales, akzeptiertes Leben führen könnte, muß für ihn einer Offenbarung gleichgekommen sein. Aber wie gelangte er an Bord der Narhamak? Soviel ich weiß, hatte Wrigand eine Dral-Jägerin zu uns ins Habitat geschickt, die seinem Eindringen vorbeugen sollte." "Ins Habitat schon, aber nicht runter in den Hangar. Du vergißt den kleinen Eingang im Habitatswäldchen, das Relikt aus der cardassianischen Besatzungszeit. Wahrscheinlich traf Kiardal irgendwann nachts vor der Abreise dort ein, um sich dann dort unten zu verstecken. Schließlich mischte er sich beim Aufbruch unter Tybrangs Leute, was kein allzu großes Risiko war, immerhin sind die Numa durch die ständigen Neuzugänge an fremde Gesichter gewöhnt. Hinzu kam auch noch, daß sich ihnen eine ansehnliche Zahl unternehmungslustiger Rhazaghaner angeschlossen hatte. Sobald alle an Bord waren, brauchte sich Kiardal nur noch in eine Kabine zurückzuziehen und sich einigermaßen unauffällig zu verhalten." "Kein großes Problem für ihn." brummte Talan. "Seit seiner Jugend hing sein Leben davon ab, daß man nicht auf ihn aufmerksam wurde. Irgendwann muß er erkannt haben, daß er mit einer tödlichen Veranlagung geboren worden war, und ab da glich seine Existenz einem Versteckspiel. In den folgenden Jahrzehnten entglitt ihm viermal die Kontrolle: Er tötete im Streit seinen Iltorn, doch es gelang ihm, die Tat zu vertuschen. Er stürzte den jungen Mann in den Tod, den er für schuldig hielt, ihn um seine erste und wahrscheinlich einzige Beziehung gebracht zu haben. Er geriet bei der Arbeit an der Dral-Sternschwinge mit einem Ingenieur der Manu aneinander, brach ihm im Zorn das Genick und ließ ihn in seiner Not vom Gerüst fallen. Schließlich fiel ihm die alte Laskani zum Opfer, die ihre Pflicht an ihm erfüllen wollte. Die ständige Angst muß ihn mit feinen Ohren ausgestattet haben." "Mag sein." räumte der Ingenieur ein, erleichtert, daß es ihm gelungen war, Talan ein wenig abzulenken. "Allerdings spielte Angst in diesem Fall keine Rolle. Es war Laskani, die den Entschluß gefaßt hatte, Kiardal zu wecken und mit ihm zu reden." "Was?" platzte sein Freund verwundert heraus. "Aber sie sagte doch an jenem Abend..." "Ja, ich weiß, Tarkin hat uns davon erzählt. Sie war zunächst entschlossen gewesen, die unselige Sache wie immer rasch und in aller Stille hinter sich zu bringen. Die Vorstellung einer lautlosen Hinrichtung entsetzte jedoch Tybrang derart, daß er Laskani ersuchte, mit Kiardal zu reden. Seine Bitte muß trotz allem Eindruck auf sie gemacht haben, und wahrscheinlich war die alte Clanführerin es einfach müde, alle paar Jahrzehnte aufs neue den Tod bringen zu müssen. Vielleicht erhoffte sie sich tatsächlich Verständnis von einem Achaji - und Vergebung." "Aber der arme Kerl geriet in Panik." murmelte Talan. "Er tötete Laskani, und sicherlich war er fast rasend vor Angst, als er Tarkin begegnete. Tarkin schaltete fast augenblicklich, und Kiardal begriff seinerseits, daß er erkannt worden war, worauf es zum Kampf kam. Schließlich griff ich ein, und ab da war der Lauf des Schicksals nicht mehr aufzuhalten." "Tybrang nimmt die Sache sehr schwer." erzählte Rilkar. "Er zog sich unmittelbar nach eurer Rückkehr in seine Kabine zurück und hat sie seither nicht mehr verlassen. Von Narhamak weiß ich allerdings, daß er sich mehrmals nach deinem Zustand erkundigt hat. Offenbar gibt er sich am Verlauf der Ereignisse die Schuld und klagt sich an, Laskanis Tod und all die anderen nachfolgenden Unglücke verursacht zu haben. Es ist natürlich leicht zu sagen, das wäre vollständiger Blödsinn, vor allem, wenn man gerade nicht in seiner Haut steckt. Ehrlich gesagt habe ich Mitleid mit ihm. Er hatte nichts als Gutes gewollt und mußte nun erkennen, daß er damit den Anstoß zu einer langen Folge von Katastrophen geliefert hat." Talan gab ein ablehnendes Brummen von sich und schüttelte den Kopf. "Niemand wäre in der Lage gewesen, diese Ereigniskette vorauszusehen." urteilte er. "Neue Wege bringen es manchmal mit sich, daß sie zu ungeahnten Ergebnissen führen. - Was passierte eigentlich nach der Ankunft Narhamaks im risanischen Orbit?" wollte er dann wissen. "Habt ihr auch darüber etwas herausgefunden?" "Eigentlich gibt es nur wenig Beweise, aber ich denke, daß wir uns das meiste zusammenreimen konnten. Nachdem sie hier eingetroffen waren, hatte Tybrang den Planeten für bis zu sechs Landungstrupps pro Tag freigegeben. Er war so umsichtig gewesen, seinen Leuten Geld zur Verfügung zu stellen und sie zu ermahnen, vorsichtig damit umzugehen. Kiardal muß diese Gelegenheit genutzt haben, um sich mit euren Diplomaten auf Terra in Verbindung zu setzen. Wahrscheinlich hatte er sich einfach durchgefragt und war dann an eine Subraumfunkstelle verwiesen worden." "Und in der Botschaft reagierte man natürlich sofort auf seine Nachricht." Talan nickte grimmig. "Lemnokat muß über die Aussicht, etwas gegen mich in die Hand zu bekommen, außer sich vor Entzücken gewesen sein. Drayos erübrigte ein paar seiner Wachen für das Unternehmen und dann wurde ein älterer, unauffälliger Frachter gechartert. Auf Risa kam es dann zu dem Zusammentreffen. Pech nur für Kiardal, daß Lemnokat sich nicht mit seiner Aussage begnügen wollte." "Ja, er wußte, daß die Behauptungen eines Fremden ihm nicht viel nützen würden, also strebte er nach handfesten Beweisen. Nachdem er Kiardal entsprechend lange ausgequetscht hatte, war er sicher, sie im Schiffscomputer Narhamaks finden zu können. Die auf Cardassia entwendete Technologie sollte dabei helfen, ihm das Gewünschte zu beschaffen." Der Ingenieur lächelte vielsagend. "Eigentlich bemerkenswert, daß Lemnokat im Besitz eines solches Gerätes war. Ich schätze, er hatte sich rehabilitieren wollen und seinen Vorgesetzten in Aussicht gestellt, auf Terra nützliche Informationen zu beschaffen." Talan änderte vorsichtig seine Position und bemühte sich, dabei nicht das Gesicht zu verziehen. "Da dieses kleine Ding in der Lage war, die gesamte Persönlichkeit der Arrhinia D'jah aufzunehmen, dürfte man ungeheure Datenmengen darin fortschaffen können." stimmte er zu. "Und anscheinend verfügt es über allerhand Möglichkeiten, immerhin war es darauf programmiert worden, sowohl den Inhalt des Schiffsspeichers zu kopieren, wie auch die Originaldaten zu löschen. Damit wurde ein Alarm von vornherein ausgeschlossen." "Ja, Narhamak sollte keine Chance erhalten, die Besatzung zu informieren. Aber er setzte sich gegen den Kopiervorgang zur Wehr, und am Schluß blieben nur noch ein paar Datenfetzen von ihm übrig. Kiardal wußte anscheinend gar nichts davon, als er auf Lemnokats Frachter geholt wurde. Wir nehmen an, daß sie ihn direkt zu sich an Bord gebeamt und hinterher auf gleiche Weise wieder zurückbefördert haben. Wegen des Totalausfalls des Computers bestand keine Gefahr mehr, daß der Transportvorgang bemerkt wurde. Schwieriger sah es allerdings nach der Ankunft der Arrhinia D'jah aus. Ab diesem Zeitpunkt wachten ständig zwei aktive Schiffscomputer über die Crews. Kiardal blieb wieder nur der Umweg über den Planeten." Der Ingenieur verstummte, weil Talan zu einem Glas Wasser hinüberblickte, das auf einem Tischchen am Ende des Raumes stand. Sofort erhob er sich und half seinem Freund beim Trinken. Der Romulaner nickte dankend und schnitt eine Grimasse. "Eldriakim wollte vermeiden, daß ich in Versuchung komme, selbst danach zu greifen." erklärte er. "Sie hat mich angewiesen, sie im Bedarfsfall zu rufen. Wie es aussieht, werde ich mich wohl damit abfinden müssen, daß meine Hände bis Rhazaghan in diesen Hülsen stecken. Eigentlich schade um ihre ganze Mühe. - Und wie lief nun die Sache auf der Arrhinia D'jah ab?" Rilkar stutzte einen Moment und schaute seinen Freund unbehaglich an, doch der Romulaner schien lediglich mit neutralem Gesichtsausdruck zu warten. Schließlich berichtete der Ingenieur weiter. "Du weißt ja, daß viele Quartiere durch den Brand unbewohnbar geworden waren." rief er Talan noch einmal in Erinnerung. "Darum siedelten eine Menge Rhazaghaner auf die Arrhinia D'jah über. Zu dem Zeitpunkt glaubten die meisten, ein Formwandler wäre Urheber des Brandes, deshalb hatte Tarkin bestimmt, daß jeder, der nach drüben wollte, sich vorher ausweisen mußte. Für einen Rhazaghaner genügte es zu wechseln, um durchgelassen zu werden, Gepäckstücke wurden während des Beamvorganges einer chemischen Analyse unterzogen. Leider kam keiner auf den Gedanken, die Art des Gepäcks zu untersuchen. Es ist eben typisch für Rhazaghaner, daß sie Rhazaghanern vertrauen; ihrer Gewohnheit entsprechend blicken sie bei der Suche nach Gefahren stets nach außen und kaum je nach innen. Wahrscheinlich genügte es Kiardal, den romulanischen Speicher in einer Tasche unterzubringen um ohne Probleme hinüber auf die Arrhinia D'jah zu gelangen. Die Folge davon haben wir dann anschließend erlebt. Wenig später ging Aslari verloren, und die Suchtrupps, die das Schiff verließen, waren eine günstige Gelegenheit für Kiardal, Lemnokat seine Beute zu überbringen; er brauchte sich ihnen nur anzuschließen. Allerdings stellte sich auch die zweite Aktion als Fehlschlag heraus, weil unser altes Mädchen einen unlösbaren Knoten um ihr Wissen geschlungen hatte. Dem sauberen Herrn Vizebotschafter gingen allmählich die Nerven durch. Er wußte, daß er sich für diese Operation würde rechtfertigen müssen, und nun hatte er immer noch nichts als in der Hand außer der wertlosen Aussage eines vermeintlichen Wilden. Schließlich gab er seinen Leuten den Befehl, dich zu entführen. Wahrscheinlich haben sie uns gegen Ende der Nacht in Barioncy aufgestöbert und sind uns dann gefolgt. Sie hatten dir eine Falle gestellt, oder?" "Ja, es war noch nicht einmal sonderlich schwer." Unvermittelt stellte Rilkar fest, daß Talan seinen Blick mied. "Lemnokat wußte durch Kiardal, was bei uns an Bord los war. Als wir uns am Schluß in jener Kneipe niederließen, engagierte er einen einigermaßen nüchternen Gast, versah ihn mit ein paar simplen Instruktionen und gab ihm den Auftrag, mich nach draußen zu locken. Der Mann machte seine Sache noch nicht einmal schlecht. Ich vermute, daß Lemnokat ihn sofort anschließend aus dem Weg räumen ließ. Immerhin hätte er auf den Gedanken kommen können, dir sein Wissen zu verkaufen." Der Ingenieur schwieg beklommen. Da waren sie wieder, gerade bei dem Thema, das er eigentlich gern gemieden hätte. Einmal mehr stellte er sich die Frage, ob er seinem Freund die grausamen Erlebnisse nicht hätte ersparen können, wenn er aufmerksamer gewesen wäre. Stattdessen hatte er sich mit der Frau von Tamas unterhalten, während wenige Schritte entfernt Talan seinen Folterern in die Hände gefallen war. In gewisser Weise ging es Rilkar wie Tybrang; jedenfalls hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung, wie dem Numa zumute sein mußte. "Und draußen...?" setzte er schließlich zaghaft an. Es half nichts, er mußte wenigstens ungefähr wissen, was sich danach abgespielt hatte. "Da wartete Lemnokat." erzählte der Romulaner fast unnatürlich ruhig, aber er blickte weiterhin starr geradeaus. Rilkar wußte, daß er sich auf keinen Fall eine gefühlsmäßige Blöße geben wollte, nicht, was diese Angelegenheit betraf. Talan war stolz; Shadar hatte es niemals geschafft, ihn einzuschüchtern und selbst zum Schluß war es ihm nicht gelungen, ihn zu brechen. Dennoch ahnte der Ingenieur, daß Lemnokat seinen Freund entsetzlich nahe an diese Grenze herangebracht hatte. "Als ich ihn erkannte, wußte ich sofort, daß es um die Tarnvorrichtung ging." fuhr Talan nach einer kurzen Pause fort. "Es hatte keinen Sinn, Gegenwehr zu leisten; sie wäre wie ein Schuldeingeständnis gewertet worden. Später stellten sie mich Kiardal gegenüber, und als ich alles abstritt, gab Lemnokat Befehl, meinem Geständnis nachzuhelfen. Er blühte merklich dabei auf, während die Wachen Mühe hatten dafür zu sorgen, daß er die Sache nicht übertrieb. Der eine von ihnen gab mir sogar kleine Hilfen und handelte sich prompt Ärger mit Lemnokat ein. Ich bekam die Rechtfertigung des Mannes noch mit, in der er sagte, einem Toten könne man keine Informationen mehr entlocken." Hier war Rilkar an einem Punkt angelangt, an dem er keine Details mehr ertrug. Talan berichtete zwar scheinbar kühl und emotionslos, aber wer ihn gut kannte, konnte merken, wieviel Kraft ihn die Erinnerung an seine Mißhandlung kostete. Das Gesicht des Romulaners war ungewöhnlich blaß, und auf seiner Stirn begannen sich bereits erste feine Schweißperlen abzuzeichnen. "Wir hatten eigentlich zunächst Arachol in Verdacht gehabt." begann der Ingenieur hastig zu erzählen. "An seinen Verbindungen zu den Technologiehändlern zweifelten wir kaum noch, und darum glaubten wir, daß er dich über seine Beziehungen in seine Gewalt gebracht hatte. Erst als Tarkin es hinunter in die Kellerstadt zu Aslari geschafft hatte, stellte sich heraus, daß die letzte Vermutung falsch war." "Aslari, richtig!" Talans Gesicht hellte sich unvermittelt ein wenig auf. "Sie kam gestern zu mir, um mir alles zu erzählen, auch wenn Eldriakim protestierte und meinte, es wäre noch zu früh für einen Besuch. Trotzdem haben wir ziemlich lange miteinander gesprochen. Sie wird heute die Krankenstation verlassen, mit oder ohne Eldriakims Erlaubnis, da bin ich sicher." "Eldriakim hat übrigens Kiardals Leiche untersucht." griff Rilkar spontan das Stichwort auf. "Dabei konnte sie Spuren eines Impfstoffes nachweisen, den sie der Crew kürzlich verabreicht hat - einer der wenigen Beweise, die wir haben. Kiardal muß also zwischenzeitlich wieder an Bord gekommen sein. Wahrscheinlich hatte Lemnokat ihm befohlen, uns und unsere Nachforschungen zu überwachen." Talan hatte mit großen Augen zugehört. "Kiardals Leiche ist hier an Bord?" fragte er sichtlich überrascht. "Aber wie haben die beiden es fertiggebracht...?" "Tybrang hat sie von dem Frachter runtergeschafft. Mit dem Toten hatte er weder den Wartungsschacht hinunterklettern noch auf den Schutz des Tarngerätes zurückgreifen können, und da hat dieser Wahnsinnige tatsächlich den Aufzug für den Transport benutzt. Ich vermute, daß ihm zu diesem Zeitpunkt alles egal war. Man muß ihn verstehen; Kiardal hatte von Tarkins und Tybrangs Rettungsversuch erfahren, worauf er sich von Narhamak auf den Planeten und dann von dort aus auf den Frachter transportieren ließ. Er hatte genug und wußte, daß alles für ihn vorbei war. Vor seinem Tod wollte er nur noch das wieder gutmachen, was er angerichtet hatte." Er schwieg und eine längere Stille folgte. Sie wußten beide, daß der unglückliche Kiardal nicht jede seiner Taten hatte rückgängig machen können. "Was schätzt du, werden sie tun?" fragte Rilkar leise. Talan lehnte sich in seine Kissen zurück und sah vor sich hin. "Drayos müßte mittlerweile Bescheid wissen." antwortete er dann. "Sein Bericht dürfte wohl morgen, spätestens übermorgen fertig sein und anschließend als Subraumnachricht Romulus erreichen. Gewöhnlich läßt sich unser Verwaltungsapparat Zeit, aber mit Priorität Eins hat die Meldung eine gute Chance, es binnen fünf oder sechs Tagen vor das Oberkommando zu schaffen. Die Entscheidung selbst wird dort allerdings sehr schnell fallen. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, daß sie sofort ein Schiff losschicken, zumal so eine Maßnahme erst einmal mit der Föderation abgeklärt werden muß. Stattdessen nehme ich an, daß zunächst eine Auflistung der Anklagepunkte bei uns eintrifft mitsamt dem Befehl, mich unverzüglich zu den Anschuldigungen zu äußern. Meine Stellungnahme wird freilich keine große Bedeutung mehr haben, dazu brauchte die Beweislast noch nicht einmal so erdrückend zu sein, wie es bei mir der Fall ist. Wenn man also alle Formalitäten und Verzögerungen miteinberechnet, denke ich, daß in ungefähr siebzig oder achtzig Tagen ein Abgesandter auf Rhazaghan eintrifft, der mich auffordern wird, mein Kommando an Borial abzugeben und ihn nach Romulus zu begleiten." Rilkar fühlte, wie sich ihm die Haare sträubten. Er wußte nicht, was ihn mehr bestürzte: Die Vorstellung, daß der romulanische Militärjustizapparat schon in diesem Augenblick seine Geschütze auf Talan auszurichten begann oder die Tatsache, daß sein Freund in gelassener Resignation davon berichtete. "Moment mal!" hielt er protestierend dagegen. "Du weißt ja wohl hoffentlich, daß du nicht zu gehen brauchst. Der Begriff politisches Asyl ist zwar neu auf Rhazaghan, aber ich zweifle nicht daran, daß Tarkin und auch Mongaris ihn sehr schnell in ihr Vokabular aufnehmen werden. Wenn Tarkin sich weigert dich auszuliefern, kann euer Abgesandter nichts weiter tun als wieder abzuziehen. Ich glaube kaum, daß das romulanische Oberkommando mal eben seine Flotte auf Föderationsgebiet schickt, um einen einzelnen Mann vors Kriegsgericht zu stellen. Das schlimmste was passieren könnte wäre, daß du in ein anderes Habitat übersiedeln müßtest, um deinen Leuten Loyalitätskonflikte zu ersparen. Ich bin sicher, Tybrang wäre bereit..." Talan wandte den Kopf und sah ihm ruhig und eindringlich in die Augen. "Rilkar," sagte er leise, "ich habe einen Vater auf Romulus." Der Ingenieur verstummte schlagartig. Mit einem Mal wurde ihm das ganze Ausmaß von Talans Dilemma bewußt. Auf Cardassia war es früher gang und gäbe gewesen, in solchen Fällen auf eine ganz bestimmte Weise zu verfahren, und wenn es auf Romulus genauso aussah... Talan und sein Vater. Rilkar wußte, daß der Kontakt der beiden eher sporadischer Natur war, aber hin und wieder pflegte Talan doch eine Subraumnachricht nach Romulus abzusetzen. Nach dem Wenigen, was der Romulaner hatte durchblicken lassen, war die Beziehung von Vater und Sohn eher von wohlwollendem Respekt als von Herzlichkeit geprägt. Es war für Talan eine Selbstverständlichkeit, daß er streng erzogen worden war, und auch wenn er nicht viel über dieses Thema sprach, glaubte Rilkar doch verstanden zu haben, daß sein älterer Herr nicht sonderlich begeistert auf Talans Stationierungsort reagiert hatte. "Du meinst, sie würden ihn..." brachte er kraftlos heraus. Talan nickte langsam. "Ja, das würden sie. Es ist so üblich bei uns. Und es würde nicht die geringste Rolle spielen, daß Keliat mehr als acht Jahrzehnte treu und zuverlässig dem Reich gedient hat. Vielleicht verstehst du jetzt, daß es mir nicht möglich ist, mich meiner Strafe zu entziehen. Genaugenommen war ich bereits in dem Augenblick, als Kiardals Nachricht in der Botschaft eintraf, ein toter Mann." "Talan..." "Nein, bitte hör mir zu! Es ist mir klar, daß Tarkin sich auf alle Fälle weigern wird, mich an den Abgesandten auszuliefern. Es hat sein Bestes getan, um mich zu retten, und ich muß zugeben, daß ich ihm neulich auf dem Frachter nicht dankbarer hätte sein können. Allerdings war ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, vernünftig zu denken. Hier und jetzt bin ich es wieder, und darum weiß ich, daß ich mich auf alle Fälle stellen muß." Rilkar sah ihn hilflos und verzweifelt an. Er wußte, daß Talan recht hatte, daß er in der Falle saß, aber er brachte es nicht über sich, diese Tatsache hinzunehmen. "Das ist doch nicht dein Ernst, oder?" fragte er leise. "Du willst dein Leben doch nicht einfach so wegwerfen? Hör mal, wir haben schon früher in Situationen gesteckt, die..." "Ich weiß. Aber nie waren sie so aussichtslos gewesen wie diese." Der Romulaner warf einen vorsichtigen Blick Richtung Tür, dann beugte er sich vor, so gut er es vermochte. "Hör zu, Rilkar!" wandte er sich mit stark gedämpfter Stimme an den Ingenieur. "Tarkin ist mein Iltorn, und ihn um Verständnis für meine Entscheidung zu bitten würde bedeuten, ihn hoffnungslos zu überfordern. Du aber bist mein Freund, wir haben einiges zusammen durchgestanden, und ich vertraue dir. Es wäre das beste, wenn ich mich aufmache, bevor Tarkin etwas zu ahnen beginnt. Du hast ein Schiff, du wärst in der Lage, mich nach Terra zu bringen, und das ist es, worum ich dich bitten möchte. Dir würde mit Sicherheit irgendein Vorwand für den Flug einfallen, und ich könnte mich heimlich an Bord begeben. Auf Terra würde ich dann zur Botschaft gehen und mich der romulanischen Gerichtsbarkeit ausliefern. Versprich mir, daß du darüber nachdenken wirst. In deiner Eigenschaft als mein Freund, Rilkar!" Der Ingenieur sah in die flehenden dunklen Augen und fühlte seine Kehle eng werden. Von allen Bitten, die jemals an ihn gerichtet worden waren, war dies die entsetzlichste. "Talan," ächzte er, "wenn ich..." Er kam nicht mehr dazu, seine Antwort auszusprechen. Völlig unvermittelt und ohne das typische Knacken als Vorwarnung hörten sie die Arrhinia D'jah durch die Kommunikation. "Talan!" schrie sie mit erschreckend gellender Stimme. "Du mußt herüberkommen auf meine Brücke, und zwar so schnell wie möglich! Drayos von der romulanischen Botschaft auf Terra verlangt dich zu sprechen." Ihr Schiffsführer erbleichte. "Schon?" brachte er heraus. "Aber er..." "Du verstehst nicht." mischte sich Narhamaks Männerstimme hastig ein. "Er hatte sich gar nicht an uns gewandt, sondern an Rhazaghan, an das Vari-Habitat. Borial schaltete sofort und behauptete, du hättest gerade Dienst im Orbit, bot sich aber an, ihn zu dir durchzustellen. Wer weiß, vielleicht können wir ihn zu der Überzeugung bringen, daß es sich bei der Sache nur um einen Irrtum, eine Verleumdung oder etwas Ähnliches gehandelt hat. Nur mußt du schnell nach drüben, damit er nicht doch noch mißtrauisch wird." Der Romulaner schüttelte fassungslos den Kopf. "Das klappt nie!" stammelte er. "Sie werden merken, daß das Signal nicht von Rhazaghan kommt, sie..." "Es WIRD von Rhazaghan kommen!" fauchte die Arrhinia D'jah. "Wir schicken es zu Xaringal, sie ist zur Zeit im Orbit. Von dort aus geht es direkt zur Botschaft, verstehst du?. Und jetzt sieh zu, daß du auf die Beine kommst." Rilkar begann sofort mit zitternden Fingern die Regenerationsmanschetten zu öffnen. Talan stöhnte unwillkürlich auf, als ihm sein Freund die Geräte von den Händen zog. Der Ingenieur biß die Zähne zusammen. Die Finger des Romulaners waren zwar kaum noch dunkel verfärbt, aber stark geschwollen und ließen ahnen, wie schwer die Verletzungen in ihrem Inneren gewesen waren. "Was geht denn hier vor?" kam eine aufgebrachte Stimme von der Tür her, doch Narhamak brachte sie sofort zum Schweigen. "Etwas, das ihm das Leben retten soll." gab er zurück. "Und jetzt rate ich dir keinen Ärger zu machen, Eldriakim, wenn du nicht vorübergehend im Musterpuffer meines Transporters untergebracht werden möchtest." Talan hatte sich mittlerweile mit Rilkars Hilfe auf die Beine gestemmt. Der Ingenieur warf einen verzagten Blick auf den halbnackten Körper des Verletzten und sah sich dann suchend um. "In diesem Zustand..." begann er, doch Narhamak fiel auch ihm ins Wort. "Die Kleidung, ich weiß! - Was wäre hier angebracht?" wandte er sich an den Romulaner. Talan schwankte und blinzelte hilflos. "Ich... willst du etwa..." "Ich sagte dir doch, daß ich es kann, oder?" antwortete die männliche Sternschwinge scharf. "Also los, sag mir, was du brauchst!" "Meine gepanzerte Uniform." flüsterte Talan heiser. "Tritt zurück, Ingenieur!" kommandierte das Schiff und Rilkar gehorchte sofort. Im nächsten Augenblick verschwamm sein Freund in einem strahlenden Leuchten, um gleich darauf vollständig und tadellos gekleidet wieder Gestalt anzunehmen. Einen Moment stand zu befürchten, daß Talan unter dem plötzlichen Gewicht in die Knie sank, aber dann drückte er die Beine durch und stand. Rilkar sprang ihm sofort zur Seite, stützte ihn und führte ihn vorsichtig Richtung Tür. "Nein! Nicht da lang, ihr Narren!" kreischte die Arrhinia D'jah. "Es würde viel zu lange dauern. Bleibt stehen, alle beide, sofort!" Als sie wieder zu denken begannen, fanden sie sich auf der Brücke der alten Sternschwinge wieder, Rilkar neben dem Sessel des Schiffsführers, Talan unmittelbar davor. Der letztere wollte schon haltsuchend nach den Armlehnen tasten, als er sich gerade noch seiner verletzten Hände erinnerte. Die Konsequenz war, daß er regelrecht in den Sitz hineinstürzte. Der Ingenieur blickte sich staunend um. Der Hauptschirm war noch dunkel, aber auf sämtlichen Seitenmonitoren war zu sehen, wie langsam und majestätisch Meere und Landmassen vorbeizogen - Rhazaghan. Eine der Vari, die Dienst auf der Brücke hatten, trat an Talan heran und wollte etwas sagen, doch sie schloß den Mund sofort wieder. Der große Frontmonitor war zum Leben erwacht und zeigte einen älteren, jedoch in jeder Weise gesund und robust wirkenden Romulaner, der hinter einem Schreibtisch saß. Alle Anwesenden spürten, wie der Mann seinen ungewöhnlich aufmerksamen Blick in den Raum lenkte. Einen Moment lang betrachtete er schweigend die Szene, die sich ihm bot; die große, mitten in der Bewegung erstarrte Rhazaghani, den Halbcardassianer, der wie beschützend neben dem Kommandosessel Aufstellung bezogen hatte und zum Abschluß den uniformierten Romulaner, der darin lehnte. Die wachsamen dunklen Augen erkannten leicht zerzaustes Haar, verharrten merklich auf dem blassen Gesicht des jungen Mannes und glitten dann hinunter auf seine Hände, die steif auf den Oberschenkeln ruhten. Schließlich lehnte er sich ein wenig vor und schuf dadurch unvermittelt eine seltsam vertrauliche Atmosphäre. "Ich freue mich Sie zu sehen, Kommandant Talan!" sagte er leise. "Ich hoffe sehr, daß es Ihnen gut geht." Talan war unterdessen noch eine Idee bleicher geworden. "Botschafter Drayos!" brachte er mit einer gewissen Mühe heraus. "Seien Sie versichert, daß die Freude ganz auf meiner Seite ist. Was verschafft mir die unerwartete Ehre?" Drayos lehnte sich wieder zurück und lächelte. "Als erstes möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen, daß ich Sie so abrupt aus dem Bett reißen ließ. Seien Sie ehrlich zu mir: Sie hatten Ihre Schicht bereits beendet, nicht wahr?" "Ja!" antwortete Talan heiser, während er das Gefühl hatte, sich unter dem Blick des anderen allmählich aufzulösen. "Ja, das ist richtig, aber es ist völlig ohne Bedeutung. Sie hatten mich sprechen wollen, Botschafter?" Der ältere Romulaner hob tadelnd die Hand. "Ohne Bedeutung? Oh, das sollten Sie nicht sagen!" widersprach er in scherzhaftem Tonfall. "Das Wohlergehen fähiger Leute ist etwas, dem man stets genügend Aufmerksamkeit schenken sollte. Aus dem Grund bin ich auch so erfreut, Sie hier gesund und in treuer Ausübung Ihrer Pflicht vorzufinden. Das ist leider etwas, das ich nicht von jedem Untergebenen sagen kann. Gerade vorhin erreichte mich eine traurige Nachricht: Stellen Sie sich vor, mein Stellvertreter, Vizebotschafter Lemnokat wurde tot auf Risa aufgefunden." Talan blinzelte unwillkürlich. Es dauerte einen Moment, bis er zu einer Antwort fähig war. "Auf Risa, sagen Sie?" krächzte er. "Aber wie...?" Der Botschafter sah ihn nachdenklich an. "Eine schlimme Sache, nicht wahr? Sie können sich sicher vorstellen, wie betrübt ich darüber bin. Es ist immer eine Tragödie, einen so eifrigen und bemühten Mann zu verlieren. Ich hatte ihm die Genehmigung gegeben nach Risa zu reisen, weil er dort mit jemandem sprechen wollte. Angeblich sollte die Person im Besitz von Beweisen sein, die schwerwiegende Indiskretionen innerhalb der Truppe betreffen, aber es hatte sich offenbar um eine Falle gehandelt. Der Vizebotschafter hatte den Informanten unter vier Augen in einem recht verrufenen Viertel der Hauptstadt treffen wollen, aber er kehrte nicht wie verabredet auf unser Schiff zurück. Gegen Morgen wurde seine Leiche dann mit gebrochenem Genick im Hinterhof einer Bar entdeckt." "Botschafter, ich..." "Gewiß, Sie fragen mich natürlich nach dem Motiv, und wie es aussieht, gibt es da schon einen konkreten Verdacht. Meine Leute haben unverzüglich damit begonnen Nachforschungen anzustellen, und sie erhielten tatsächlich Aussagen, nach denen zwei Khotaraner in der betreffenden Bar gesehen worden waren. Wie ich hörte, haben einige khotaranische Partisanengruppen dem Vizebotschafter den Tod geschworen, und offenbar ist Risa ein Auffangbecken für Flüchtlinge und Gesetzlose jeder Art. Die Sache dürfte also nichts anderes als ein gut vorbereiteter Racheakt gewesen sein. Sie wissen ja sicherlich, daß Lemnokat in seiner vorherigen Position auf Khotar stationiert war." "Ja." sagte Talan schwach. "Das wußte ich." Drayos nickte. "Selbstverständlich, ein Mann wie Sie ist immer gut informiert. Leider befürchte ich, daß die Suche nach den Attentätern erfolglos bleiben wird. Meine Leute sind zwar tüchtig und motiviert, aber es ist sehr wahrscheinlich, daß die Mörder Risa längst wieder verlassen haben. Von daher wird der Tod des Vizebotschafters wohl ungesühnt bleiben. Alles was uns bleibt, ist unsere Leute einmal mehr darauf hinzuweisen, wie riskant Alleingänge sind." Er faßte Talan scharf ins Auge und hob warnend die Brauen. "Sie denken doch hoffentlich ebenfalls daran, Kommandant?" Talans eben noch so bleiche Wangen begannen zu glühen. "Ich verspreche Ihnen, daß ich Ihre Mahnung beherzigen werde, Botschafter." antwortete er hastig. "Sehr gut, das freut mich zu hören." Noch einmal beugte sich Drayos vor, während sein Blick sich milderte. "Es würde mich nämlich sehr schmerzen, Sie zu verlieren, Talan! Etliche unserer Leute begreifen es immer noch als ihre Hauptaufgabe, allmählich veraltende Technologien mit allen erdenklichen Mitteln zu verteidigen. Sie dagegen verkörpern etwas Neues, Frisches, etwas, das Romulus braucht: Ein Image, das es uns ermöglicht durch Sympathie zu überzeugen und nicht durch Gewalt." Er lächelte und seine Augen funkelten. "Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihren Vater bei Ihrer nächsten Subraumnachricht grüßten. Sie wissen vermutlich nicht, daß ich drei Jahre unter ihm gedient habe, oder? - Nun, das habe ich mir gedacht. Ein guter Mann. Streng, aber immer anständig zu seinen Leuten. Sagen Sie ihm, ich wünschte ihm ein langes Leben. Ebenso wie ich es Ihnen wünsche, Kommandant Talan!" Das Bild auf dem Hauptschirm erlosch. Trotzdem dauerte es noch eine ganze Zeit, bis sich Talans Erstarrung löste. "Er hat tatsächlich..." murmelte er schließlich fassungslos. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. "Was auch immer zu Lemnokats Stärken gehörte - die Fähigkeit, sich beliebt zu machen war wohl nicht darunter." hörte er Rilkars leise Stimme. "Sieht ganz so aus, als hättest du einige Verbündete in der Botschaft. Willkommen unter den Lebenden, mein Freund."
"Tarkin!" meldete sich die Stimme aus der Kommunikation. "Wir haben etwas mit dir zu besprechen, Arrhinia D'jah und ich. Und zwar unter uns, wenn es dir nichts ausmacht." Der Rhazaghaner hob überrascht den Kopf. Er sah zunächst hinüber zu Laraskir, der verwundert seinen Blick erwiderte, dann schaute er sich unter den übrigen Anwesenden um. "Ist es etwas Eiliges?" fragte er mit einer gewissen Beunruhigung. Das Schiff zögerte kurz. "Nein, sonderlich eilig ist es jetzt eigentlich nicht mehr." antwortete es dann. "Aber wenn du..." "Na gut, wenn das so ist, dann unterhalten wir uns am besten in meinem Quartier." entschied Tarkin und erhob sich. "Ich möchte ungern die gesamte Brückenbelegschaft hinauswerfen." Er zeigte einladend in den Sessel des Schiffsführers. "Laraskir, er gehört dir!" "Ich soll die Brücke übernehmen?" vergewisserte sich sein ehemaliger Schüler und begann ungläubig zu lächeln. "Bist du ganz sicher?" "Ja, natürlich! Du bist Zahnluum, schon vergessen? Wer vom Reifestand her Clanführer werden könnte, der ist auch weit genug, den Schiffsführer zu ersetzen. Ich habe jedenfalls keine Zweifel, daß du der Aufgabe gewachsen bist." Kurz darauf hatte er die Brücke verlassen und hielt auf den Lift zu, doch schon nach wenigen Schritten begannen ihn erneut seine Sorgen einzuholen. Es war ungerecht, daß noch nicht alles vorbei sein sollte. Ilgash hatte seine Macht in die Waagschale geworfen, die Crew der Kildar ihr Bestes gegeben, Tybrang und er sich auf feindliches Gebiet gewagt und schließlich Kiardal seine Taten mit dem Tod gesühnt, um Talan und die Arrhinia D'jah zu retten. Und trotzdem standen sie wahrscheinlich erst am Anfang einer langen Kette von Schwierigkeiten. Manches davon sah Tarkin bereits voraus, doch das meiste lag noch jenseits aller Ahnungen, und das war ein Gedanke, der ihm wenig gefiel. Dennoch mußten sie glücklich sein, es überhaupt so weit geschafft zu haben. Jeder an Bord wußte, daß die Bergungsaktion ohne die Leute von der Kildar überhaupt nicht durchführbar gewesen wäre. Insbesondere Kadjak, Intipalea, Azared und SiliphÉ hatten sich wie zuverlässige Freunde in der Not verhalten, was in Tarkin das Bedürfnis geweckt hatte, seine Dankbarkeit durch ein Abschiedsgeschenk auszudrücken. Nirrit war es dann, die den Vorschlag machte, dazu einige besonders schöne Pelze und Häute auszuwählen. Tarkin hatte sich für die Stücke entschieden, welche von ihm persönlich erjagt worden waren. Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er seine komplette Trophäensammlung zusammengerafft und zum Dank auf die Kildar geschickt. Auf Deck fünf verließ Tarkin den Aufzug und machte sich auf den Weg zu jener Kabine, die er nach dem Brand als Unterkunft ausgewählt hatte. Er hatte erst ein paar Schritte hinter sich gebracht, als er in einiger Entfernung etwas bemerkte, das ihn stutzen ließ. Wenige Augenblicke später hatte er jedoch begriffen, was für ein Schauspiel es war, dessen er gerade Zeuge wurde, und so lächelte er und näherte sich hinkend. Aryshtin musterte skeptisch die flaumigen Federn an ihren Schultern, dann runzelte sie unwillig die Stirn und ordnete ihr Hüllbild noch einmal neu um. Anschließend zupfte sie sorgfältig den weiß und ockerfarben gemusterten Pelz über den nackten Oberarmen zurecht, wandte jedoch nur flüchtig den Kopf, als Tarkin bei ihr anhielt. "Was hältst du davon?" erkundigte sie sich. Der Vari legte den Kopf schräg und betrachtete mit genießerischem Schmunzeln das Ergebnis ihrer Bemühungen. "Ein paar von deinen dunkelbraunen Flecken würden sich recht gut darin machen." urteilte er dann. "Und vielleicht noch zwei, drei schlanke, braun und ocker gemusterte Federn im Haar." "Meinst du wirklich? Wäre das nicht etwas übertrieben?" "Nicht in deinem Fall. Eine Jägerin sollte sich unbedingt als Jägerin zeigen und nicht als etwas anderes." Er lachte leise. "Es ist nur fair, wenn Tybrang weiß, wofür er sich entscheidet, oder etwa nicht?" "Na gut, das klingt zumindest nicht gänzlich verrückt, also sehen wir uns das Ganze ruhig einmal an. Ich hoffe nur, daß Tybrang nicht im falschen Augenblick einen Blick nach draußen wirft, um mich bunt wie ein Tschilk-Männchen im Frühling vor seiner Tür zu finden." Sie vollzog die Änderungen, nahm aber anschließend nicht sich selbst, sondern das Gesicht ihres alten Freundes in kritischen Augenschein. Sie musterte seine lächelnden Züge und beobachtete aufmerksam seine Augen, dann nickte sie. "Diesem Spiegel nach zu urteilen geht die Sache in Ordnung. Trotzdem, streng dich ein bißchen an, mich zu überzeugen! Wonach sehe ich aus, Tarkin von den Vari?" Tarkin verschränkte die Arme und ging aufreizend langsam einmal um die wartende Numa herum, während er sie von oben bis unten betrachtete. Schließlich blieb er wieder vor ihr stehen. "Nach der großen rhazaghanischen Jägerin, die ich Sabreshs, Larke, Skriede und einmal die weißgraue Kehle eines Uraukhs habe packen sehen." meinte er voller Anerkennung. "Du könntest nicht stärker und hinreißender aussehen. Trotzdem -" er wiegte vorsichtig das Haupt "bist du auch sicher, daß dies der richtige Zeitpunkt für deine Werbung ist, Aryshtin?" "Vielleicht der richtige, vielleicht der falsche, wahrscheinlich etwas von beidem." antwortete sie achselzuckend. "Augenblicke fließen und sind so wenig das eine oder andere wie ein Fluß nur aus Wasser besteht. Wir schöpfen daraus, und ob Augenblick oder Fluß - bei beiden müssen wir ein wenig aufpassen, nichts Unrechtes in den Mund zu nehmen. Ich glaube, es ist Zeit, daß etwas geschieht, Tarkin!" Er nickte nachdenklich. "Ja, ist gut möglich, daß du recht hast. Ich hoffe sehr, daß du erfolgreich bist, Aryshtin. Wenigstens einer sollte jetzt bei ihm sein, und wer weiß, vielleicht wird er sogar bereit sein, deinen Trost anzunehmen." Sie sah ihm hinterher, wie er den Gang hinunterhinkte und um die nächste Biegung verschwand, dann wandte sie sich der Tür zu, hinter der sie Tybrang wußte. Nach einem tiefen, entschlossenen Durchatmen klopfte sie an. Sie wartete ein wenig, aber es rührte sich nichts, und sie begriff, daß es keinen Sinn hatte, es ein zweites Mal zu versuchen. Ebensogut hätte sie zweihundert Mal anklopfen können. "Schläft er, Narhamak?" erkundigte sie sich bei der Sternschwinge. "Nein. Er hat dich sehr wohl gehört. Er sitzt nur wenige Schritte von dieser Tür entfernt." "In dem Fall wäre ich dir dankbar, wenn du sie mir öffnen würdest." Das Schiff schien zu überlegen. "Du bist dir ganz sicher?" fragte es dann wie schon Tarkin zuvor. "Auch wenn ich mir nicht sicher wäre, würde das doch nichts daran ändern, daß ich dort hinein muß. Tu es einfach und überlaß alles andere mir!" Es blieb einen Moment still, aber dann öffnete sich lautlos das Quartier, und Aryshtin betrat es ohne Zögern. Tybrang lehnte nur wenige Schritte entfernt in einem tiefen Sessel, ganz wie Narhamak gesagt hatte. Er blickte nicht einmal auf. "Ich bitte dich, geh wieder." sagte er leise, als sie vor ihm stehenblieb. Sie betrachtete einen Moment lang sein ungeordnete Haar, sein fahles Gesicht und die Schatten unter seinen Augen. Wie sie vermutet hatte, sah er aus wie jemand, der zu wenig aß, zu wenig schlief und zuviel an Dinge dachte, die nicht sonderlich gut für ihn waren. Schließlich legte sie andeutungsweise den Kopf zur Seite. "Du müßtest mich schon hinauswerfen." erwiderte sie ruhig. "Fühlst du dich dazu in der Lage?" Er hob den Kopf und blickte sie mit einer erschütternden Mischung aus Zorn und hilfloser Verstörtheit an. "Warum denn nicht?" fuhr er auf. "Erst vor wenigen Tagen habe ich einem meiner eigenen Leute das Genick gebrochen. Mit diesen Händen. Demzufolge müßte ich auch noch zu einigen anderen Dingen fähig sein, oder etwa nicht?" Er begann erneut vor sich hinzustarren. "Ich habe ihm in die Augen gesehen." murmelte er. "so lange, bis das Licht darin erlosch. Er wäre so gern am Leben geblieben, aber wir wußten beide, daß das nicht möglich war. Dabei war es einzig und allein mein verfluchter Starrsinn, der alles verursacht hat. Laskani hat ihre Aufgabe gekannt, aber ich hatte mich einmischen, sie überreden, ihr meine arrogante Meinung aufdrängen müssen. Ebensogut hätte ich ihr selbst das Leben nehmen können..." Er verstummte hastig, und ein fremder, eigenartig hustenähnlicher Laut verließ seine Kehle. Aryshtin ging vor ihm in die Hocke, so daß er nicht anders konnte als sie anzusehen. Freundlich und geduldig sah sie zu ihm auf. "Ja, Laskani kannte ihre Aufgabe." stimmte sie zu. "Aber ich bin mir ebenso sicher, daß sie diese Aufgabe haßte. Sie war eine weise, von allen geachtete Clanführerin, und ich glaube nicht, daß du sie von etwas hättest abbringen können, an dem sie nicht selber zweifelte. Die Achajis sind ein Problem auf Rhazaghan, und seit Tausenden von Jahren sehen wir die Lösung darin, den Betroffenen den Tod zu geben, um die Gemeinschaft vor ihnen zu schützen. Was wir jedoch dabei außer acht lassen, ist der verzweifelte Wunsch der Achajis nach dem Leben. Wir bilden uns ein, Mitleid mit ihnen zu empfinden, doch erst Kiardals Fall hat gezeigt, wie mitleidlos wir sie mit ihrer Angst allein lassen. Wir haben geglaubt, unser Problem im Griff zu haben, aber wie sich zeigte, glich es dem Ei eines Atalans, das nur die Wärme einer fremden Sonne brauchte, um aufzubrechen und seinen unheilvollen Inhalt freizugeben. Diesmal waren wir selbst unser Feind, nicht etwa Formwandler, Technologiehändler oder Risaner, und einer Sache bin ich mir mittlerweile gewiß: Sollten wir uns weiter unfähig zeigen, dieses Problem auf barmherzige Weise zu lösen, dann wird es eines Tages ins Uferlose wachsen und uns verschlingen." Sie schaute ihm eindringlich in die Augen, und er lauschte ihr stumm. "Für Kiardal gab es keine Rettung mehr." fuhr sie fort. "Trotzdem sollte nicht vergessen werden, daß er zu dir kam, dem Clanführer der Numa, in der Hoffnung, deine Hilfe und das Ende seiner Angst und Einsamkeit zu finden. Es war ein uraltes Problem, was er in unser junges Habitat trug, und es war kaum zu erwarten, daß du es an einem Abend würdest lösen können. Dennoch hast du einen Anfang gewagt, du hast Mitgefühl gezeigt und versucht, dich dem Lauf der Dinge entgegenzustemmen. Dein Gefühl hat dich nicht getrogen: Der Weg, den wir da seit etlichen Jahren beschreiten, ist falsch, und er ist außerdem gefährlich, weil er die Betroffenen in ihrer Not zum Äußersten treibt. Es wird Zeit, daß jemand seine Stimme für sie erhebt, Tybrang, auch wenn es vielleicht noch viele weitere Jahre dauern wird, bis wir zu einer echten Lösung gelangen." Stille trat ein. Tybrang widersprach nicht; er saß da und schaute sie lange an, während sie ahnte, daß der schmerzvolle Heilungsprozeß gerade erst begann. Dennoch wußte Aryshtin, daß tatsächlich sie es war, die er anblickte und keines der traurigen Bilder in seinem Inneren. Schließlich begannen seine Augen zu wandern, sahen den weichen Pelz an ihren Schultern, die dunkelbraunen keilförmigen Flecken, die darin zu tanzen schienen und die hübschen geschmeidigen Federn zwischen ihren Haarsträhnen. Er seufzte tief, und der Atemzug schien zaghafte Bereitschaft zu einem Neuanfang zum Ausdruck zu bringen. "Ich danke dir, Aryshtin, auch wenn deine Worte wahrscheinlich Zeit brauchen, bis sie einen Weg in meine Seele gefunden haben. - Eigentlich warst du wegen etwas ganz Anderem gekommen, nicht wahr?" "Wegen etwas Anderem." bestätigte sie. "Tarkin meinte vorhin, es könnte vielleicht der falsche Augenblick dafür sein. Soll ich also wieder gehen?" Sie machte erste Anstalten, sich zu erheben, aber Tybrangs Hand schoß hastig vor und griff nach der ihren. "Nein! Bitte bleib." sagte er leise.
Tarkin lauschte lange den sich abwechselnden Stimmen der beiden Sternschwingen. Schließlich verstummten beide. "Du hättest es doch wohl nicht zugelassen, oder?" brach die Arrhinia D'jah nach einer Weile das Schweigen. Tarkin atmete mit einer tiefen, kaum in Worte zu fassenden Erleichterung durch, dann schüttelte er nachdrücklich den Kopf. "Nein!" sagte er. "Nein, niemals, das kann ich euch versichern. Ich hätte mir etwas einfallen lassen. Talan gehört jetzt zu uns; sie werden ihn nie mehr zurückbekommen." "Ich danke dir." antwortete die Arrhinia D'jah. "Glaub mir, ich werde dir das nicht vergessen." Sie blieb einen Moment still, was Narhamak zum Anlaß nahm, wieder das Wort zu ergreifen. "Wie steht es mit dir, Tarkin - möchtest du jetzt Aslari sehen?" Sein Schiffsführer hob ruckartig den Kopf. "Was? - Ja, aber ja!" stammelte er hastig. "Wieso, ist sie..." "Sie steht vor der Tür." ließ das Schiff ihn wissen. "Sie hatte unser Gespräch nicht unterbrechen wollen und meinte, es wäre kein Problem für sie zu warten." "Du hast sie..." Tarkin schoß so rasch in die Höhe, wie es sein Knie erlaubte. "Laß sie herein, sofort! Wenn ich gewußt hätte..." Die Kabinentür öffnete sich und gab den Blick auf Aslari frei. Sie hatte die Hände ineinander verkrampft und sah ein wenig blaß und nervös aus. "Ich störe doch nicht?" fragte sie zaghaft. Tarkin ging gar nicht erst auf ihre Frage ein. Strahlend hinkte er ihr entgegen. Aslari sah ihn lächelnd auf sich zukommen. Ihr inneres Auge jedoch zeigte ihr eine schwere, eiserne Kette, die ihr Gefährte an seinem rechten Bein hinter sich her zerrte, und die Beklemmung in ihrem Herzen wich unverhofft einer tapferen Entschlossenheit. "Aslari, Arrhinia!" begrüßte er sie, lachte und schloß sie überglücklich in die Arme. "Ich bin so froh, dich wieder gesund zu sehen." Gleich darauf führte er sie wie eine zerbrechliche Kostbarkeit herein. "Narhamak hatte mir bereits Hoffnungen gemacht, daß Eldriakim dich heute aus ihrer Obhut entlassen würde." berichtete er dabei. "Komm und setz dich und erzähl mir, wie es dir geht!" Sie lehnte in einer Mischung aus Rührung und Schuldbewußtsein ab. "Gefährte, ich glaube, es ist besser, wenn du dich setzt." gestand sie aufrichtig. "Mir dagegen wäre es lieber, hier vor dir stehenzubleiben. Du mußt wissen, daß es da etwas sehr Wichtiges gibt, etwas, das ich dir schon lange hätte sagen sollen."
Botschafter Drayos saß zurückgelehnt in seinem Büro und beobachtete, wie die Sonne über San Francisco unterging. Zugegeben, sie war kein besonders imposantes Gestirn, und der blaue Planet, den sie beschien, gab sich größtenteils naßkalt und ungemütlich; dennoch wies er durchaus einige Gegenden auf, in denen es sich aushalten ließ. Und er war interessant, oh, das war er ohne Zweifel! Auf dem Wasser zu reisen... niemals wäre Drayos der Gedanke gekommen, daß man auf eine derart verrückte Idee verfallen könnte. Der Reiz des Andersartigen, die Faszination des Fremden, sie hatten seinem Leben stets eine ganz besondere Qualität verliehen. Als Soldat hatte er Jahrzehnte damit verbracht, die Gewohnheiten und Schwächen der auf Terra ansässigen Spezies zu studieren, und die Neugier auf dieses eigenartige Volk war mit der Zeit immer mehr zu einer Art Leidenschaft geworden. Er träumte davon, sie zu sehen, diese erstaunlichen Städte, über die sich angeblich beständiger Regen ergoß und die sogar zuweilen knietief in kristallisiertem Wasser versanken. Und er wollte sich näher mit ihren Bewohnern beschäftigen, die anscheinend den größten Teil ihrer Lebenszeit damit verbrachten, ihre Meinung und ihr Tun zu erklären. Reden war es, was die menschliche Natur vor allem ausmachte; sich mitteilen, sich des Verständnisses anderer vergewissern, sie bekehren, überreden, unterweisen, von der eigenen Großartigkeit überzeugen. Eigentlich war es ein Wunder, daß man den ganzen Planeten nicht noch Lichtjahre entfernt wie ein Insekt brummen hörte. Trotzdem hatte Drayos festgestellt, daß die Spezies Mensch auch über einige ausgesprochen anziehende Eigenschaften verfügte. Er fühlte sich wohl auf Terra, und er wußte, daß das auch für seine Untergebenen galt. Nicht ohne Grund hatte er bei seiner Versetzung Leute ausgewählt, von denen er sicher war, daß sie auf einer fremden Welt würden heimisch werden können. Drayos legte Wert auf Treue und Zuverlässigkeit, und die bisher vergangenen Jahre hatten sich durch gegenseitiges Vertrauen und eine sehr gute Zusammenarbeit ausgezeichnet. Bis ihm Romulus diesen schmierigen kleinen Denunzianten geschickt hatte. Lemnokat hatte Terra gehaßt, was nicht unbedingt viel zu bedeuten hatte, weil er alles haßte, was nicht Lemnokat war. Das Wissen um seine eigene Unfähigkeit hatte bei ihm zu ständiger Unzufriedenheit und notorischem Selbstmitleid geführt, und er lechzte spürbar nach einer Gelegenheit, sich zu profilieren. Drayos hatte sofort begriffen, daß man diesem Mann nicht einmal einen kurzen Moment lang den Rücken zukehren durfte. Es war kein angenehmes Gefühl gewesen, diese lauernden Augen ständig in der Nähe zu wissen. Drayos erinnerte sich an das blasse, immer noch elend wirkende Gesicht des jungen Mannes auf seinem Bildschirm. Ihm war klar, daß er jetzt einen Schützling hatte, aber der Gedanke bereitete ihm kein Unbehagen. Es gab nun einmal Fälle, in denen man sich für eine Seite entscheiden mußte, und er war froh gewesen, den Sohn des alten General Keliat vor dem Tod bewahren zu können. Ganz davon abgesehen, daß er Talan tatsächlich für einen nützlichen und wertvollen Offizier hielt. Daß Drayos seinerzeit anders als Lemnokat auf den richtigen Mann gewettet hatte, spielte für ihn dabei nur eine untergeordnete Rolle. Es klopfte, und er nahm an, daß es sich um Kirsal handelte. Momentan hatten seine Untergebenen mehr zu tun als sonst, weil sie außer ihren eigenen Pflichten auch noch die Arbeit der abwesenden Soldaten erledigen mußten. Drayos hatte die Hilfe für Lemnokat so klein gehalten wie möglich, aber das Fehlen der Leute wirkte sich trotzdem aus. Das gesamte Botschaftsteam würde erleichtert sein, wenn sie zurückgekehrt waren, und Drayos zweifelte nicht daran, daß das ganz besonders für die fünf Betroffenen galt. Auf seine Antwort hin blickte sein weiblicher Verbindungsoffizier in den Raum und lächelte. "Verzeihen Sie die Störung, Botschafter, aber Mrs. Fernandez ist gerade eingetroffen. Darf ich sie direkt zu Ihnen hereinschicken?" "Oh, aber ja, selbstverständlich!" Er erhob sich erfreut und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. "Ich danke Ihnen, Kirsal! Ich denke, Sie können jetzt ebenfalls Feierabend machen." Er hob ermahnend die Hand. "Sehen Sie aber zu, daß Sie es im Quantentorpedo nicht übertreiben." neckte er sie freundlich. "Sie wissen ja, daß wir im Moment etwas knapp besetzt sind." Die Romulanerin lachte und zog sich zurück, während eine ältere, aber durchaus attraktive Terranerin den Raum betrat. Sie strahlte, als Drayos auf sie zukam, denn ihm war anzumerken, daß ihr die Überraschung gelungen war. "Die Wachen haben mich direkt durchgewunken, und Kirsal sagte mir, daß du in deinem Büro bist." erzählte sie ihm. "Ich dachte mir, ich nutze es aus, daß dein mürrischer junger Mitarbeiter noch nicht wieder hier ist und hole dich heute einmal von der Arbeit ab. Du hast doch hoffentlich keine Bedenken deswegen?" Er griff nach seiner Uniformjacke und zog sie über die Schultern. "Aber natürlich nicht, nicht im entferntesten!" antwortete er liebenswürdig. "Du wirst das sogar in der nächsten Zeit öfter tun können. Der mürrische junge Mitarbeiter, wie du es ausdrückst, wird nämlich nicht zurückkehren." Ihre sanften Züge spiegelten deutlich wider, wie sehr sie sich für ihn freute. "Oh, tatsächlich nicht? Das ist aber schön zu hören. Was ist denn passiert?" "Nun," antwortete Drayos, öffnete weit die Tür und bot ihr galant seinen Arm. "wie sagen deine Leute noch in solchen Fällen? Er wurde abberufen. Komm, meine Liebe, gehen wir nach Hause!"
Tarkin öffnete die Tür des Quartiers einen Spalt und lauschte hinaus auf den Gang, um gleich darauf festzustellen, daß vollständige Stille herrschte. Weder Stimmengemurmel noch fernes Gelächter erklang, nicht ein einziger Schritt war zu hören. Alle Geräusche der Arbeit und des Lebens schienen zum Erliegen gekommen zu sein, obwohl der Abend gerade erst begonnen hatte. Das Habitat schwieg. Er zog den Kopf zurück und ging hinüber zu seiner Gefährtin, die gerade den letzten Rest ihrer Mahlzeit zu sich nahm. "Ich glaube, es ist soweit." teilte er ihr mit, was sie dazu bewog, den Teller rasch von sich zu schieben. "Dann sollten wir auf keinen Fall länger zögern." antwortete sie. "Gehen wir und gesellen uns zu ihnen." Sie verließen die Unterkunft und folgten gemeinsam den stillen, verwaisten Gängen, bis schließlich der letzte und größte in eine jener weiten Hallen mündete, welche die Absätze der Habitatstreppe umgaben. Die große Ansammlung von Rhazaghanern war bereits von weitem zu erkennen; sie standen dort dicht an dicht, doch keiner sprach, kaum jemand machte eine Bewegung; die Menge stand in andächtigem Schweigen und wartete. Als die Numa auf Tarkin und Aslari aufmerksam wurden, rückten sie zusammen und machten ihnen bereitwillig Platz, um ihnen einen Weg in die vorderste Reihe zu ermöglichen. Gleich darauf hatten die beiden Gefährten eine Stelle gefunden, von der aus sie die Treppe ohne Schwierigkeiten einsehen konnten. Auf den höher liegenden und den tieferen Absätzen, sogar auf den Stufen, überall standen Rhazaghaner, nur ein breiter Gang in der Mitte der Habitatstreppe war sorgfältig freigelassen worden. Der Vari und die Sim wußten, daß er sich über ihre komplette Länge hinweg durch alle Ebenen zog, angefangen von der Eingangshalle ganz unten bis hinauf zur obersten Spitze. Von diesem leeren Korridor abgesehen war jeder umgebende Fleck von wartenden Numa belegt. Es verging eine Weile, doch dann war zu merken, daß weiter unten leichte Unruhe in die Menge kam. Begrüßung wie auch Abschied erhielt ein Rhazaghaner in den Armen seines Clanführers, und so stieg Tybrang mit seiner Last langsam die Treppe hinauf. Die Habitatsbewohner hingegen senkten auf beiden Seiten die Köpfe, um ihre Ehrfurcht vor dem Toten zu bezeugen. Wie eine Welle pflanzte sich die Bewegung immer weiter fort, hielt Schritt mit dem Clanführer und begleitete ihn auf seinem Weg nach oben. Tarkin reckte sich ein wenig und erkannte, daß der Leichnam mit dem schimmernden Fell einer Nirong umhüllt war - eine Gabe der Dral, die die schönste von Kiardals Trophäen ausgewählt hatten, um sie zu den Numa zu schicken. Auch wenn es von seinen Artgenossen kaum bemerkt worden war, war der Tote doch ein außergewöhnlicher Jäger gewesen. Tybrang sah geradeaus auf die Stufen, die vor ihm in die Höhe führten. Rings von seinen Leuten umgeben war er allein mit seinem Schmerz und der Trauer um den, dessen Körper er auf den Armen trug. Starren Blickes ging er vorbei, ohne wahrzunehmen, daß auch Tarkin und Aslari in direkter Nähe ihre Achtung bekundeten. Schweigend stieg er weiter Schritt für Schritt hinauf, der Habitatsspitze entgegen. Mit schweren Herzen blickten die beiden Gefährten ihm nach und standen auch noch an ihrem Platz, als die Menge sich schon aufzulösen begann. Die Numa kehrten in ihre Quartiere zurück, um dort in aller Stille um einen zu trauern, dem die Schöpfung ein Leben unter Seinesgleichen versagt und der nun seinen einsamen Kampf beendet hatte. Zusehends leerten sich Hallen und Treppen, und schließlich sah Tarkin seine Gefährtin an. "Wollen wir uns aufmachen?" Sie nickte ihm zu. "Ja! Laß uns nicht mehr länger warten." Zusammen stiegen sie die Habitatstreppe bis zur Eingangshalle hinunter, um dort zu ihrer Überraschung jemanden vorzufinden: Aryshtin stand in der Nähe des großen Portals und sah ihnen entgegen. "Du bist hier?" fragte Tarkin verwundert, als sie bei ihr stehenblieben. "Ich hatte angenommen, du stündest bei ihm dort oben." Sie schüttelte den Kopf. "Er hatte uns gebeten, mit Kiardal allein sein zu dürfen, und es blieb uns nichts anderes übrig, als ihm den Wunsch zu erfüllen. Wenn er zurückgekehrt ist, werde ich zu ihm gehen, aber zuvor wollte ich euch verabschieden. Ihr brecht jetzt auf?" "Ja!" bestätigte Aslari. "Wir gehen. Ein etwas ungewöhnlicher Zeitpunkt, aber..." Die Numa schmunzelte ein wenig. "Nun, warum auch nicht? Zu einer ungewöhnlichen Reise sollte man besser nicht zu gewöhnlicher Zeit aufbrechen, was bedeutet, daß etwas Ungewöhnliches nicht unbedingt unpassend sein muß. Jedenfalls wünsche ich euch alles Gute." "Vielleicht ist es ganz gut, daß wir uns hier noch einmal begegnen." schaltete sich Tarkin ein, der kurz nachgedacht hatte. "Ich würde dich gern um etwas bitten, Aryshtin: Mongaris hatte mir den Auftrag gegeben, mich auf Risa umzusehen und ihr nach meiner Rückkehr meine Erfahrungen mitzuteilen. Nun hat niemand von uns auch nur annähernd so viel Erfahrungen mit Risa gesammelt wie du, und von daher..." Sie musterte ihn aus klugen Augen. "Du meinst, ich sollte gehen und ihr von Kal-Jinn erzählen?" "Von Kal-Jinn, seiner Familie und den anderen Verkaufenden, von denen du uns berichtet hast. Ich glaube, daß Mongaris von ihnen erfahren sollte. Wenn ich schließlich wieder zurück bin, werde ich auch noch meine eigenen Erlebnisse beisteuern, aber neben deinen dürften sie sich bescheiden ausnehmen. Ich weiß, daß Mongaris sich Informationen erhofft, um weitreichende Entscheidungen treffen zu können, und du dürftest diejenige sein, die sie ihr liefern kann." "Gut, in Ordnung, du kannst dich auf mich verlassen. Ich fürchte nur, daß ich Mongarisī Geduld auf eine harte Probe stellen werde, denn die Geschichte von den Verkaufenden auf Risa wird eine lange Erzählung werden. Gut möglich, daß mich Trijat irgendwann an Armen und Beinen aus dem Habitat werfen läßt, weil ich die kostbare Zeit seiner Clanführerin überbeansprucht habe." Tarkin lächelte. "Schon möglich, aber ich glaube, du machst dir zu viele Sorgen. Ich bin sicher, daß Mongaris die Geschichte von Kal-Jinn sehr aufschlußreich finden wird. Du hattest ihm zum Dank das gesamte Wettgeld aus dem Club geschickt, nicht wahr? Ja, ich weiß davon! Es ist schwer, etwas vor einem Schiffsführer geheimzuhalten, vor allem, wenn sein Schiff den Namen Narhamak trägt." "Sieh an!" murmelte die Numa, doch dann zuckte sie die Achseln. "Nun, ich hätte mit dem Zeug ohnehin nichts anfangen können, darum schien es mir richtig, es im 'Frühling' für ihn zu deponieren. Er und Miarla können es für eine gute Ausbildung ihrer Kinder verwenden. Auf diese Weise erfüllt es wenigstens einen vernünftigen Zweck." "Ja, das wird es ohne Zweifel. Du hast schon recht, es war ein schöner Gedanke." Er nickte ihr zum Abschied zu. "Wir sehen uns wieder, Aryshtin!" "Hier oder auf der anderen Seite. Lebt wohl und einen frohen gemeinsamen Weg, Tarkin und Aslari!" Still beobachtete sie, wie die beiden Gefährten sich abwandten und das Portal durchschritten. Gleich darauf hatte sie die Dunkelheit des Winterabends verschluckt, doch Aryshtin blieb noch einen Moment an den großen Fenstern der Eingangshalle stehen, als warte sie auf etwas.
Draußen empfing sie die würzige klare Luft der Südbarriere und ließ sie tief und glücklich durchatmen. Ein von Sternen übersäter Himmel stand über dem Habitat, und nicht weit von ihnen bildete der Numa-Paß eine breite, vom Schnee erhellte Straße, die sich zwischen den Bergen emporschlängelte um schließlich jenseits von ihnen zu verschwinden und irgendwo im Land der Atalane zu enden. Die Herbstwanderung der Sabreshs war vorbei; nun lebten sie wieder dort drüben, aber eines Tages im Frühjahr würden sie zurückkehren und die Clangebiete der Numa, der Vari, der Dana und der Laro mit ihren massigen Leibern überschwemmen. Tarkin wandte sich von den dunklen Bergen ab und sah Aslari an. "Wohin wollen wir gehen?" Sie schaute nachdenklich und sehnsuchtsvoll in die Weite der Nacht. "Laß es einen langen Weg sein." bat sie schließlich leise. Sein Blick kehrte zum weißen gewundenen Band des Passes zurück. "Vertraust du mir, Gefährtin?" hörte sie ihn fragen. "Ja!" antwortete sie voller Überzeugung. "Ja, das tue ich!" "So wie ich dir vertraue." erwiderte er liebevoll. "Komm, Aslari, laß uns gehen!" Gleich darauf warf der Schnee das Licht von zwei Blitzen zurück und Aryshtin hinter den Fenstern lächelte. Tarkin und Aslari begannen ihre große gemeinsame Reise. Gewiß, der steinige, schneebedeckte Hang war nicht unbedingt das, was man als ideales Gelände für eine Steppenluum bezeichnet hätte, und so wäre es eigentlich angebracht gewesen, zumindest den Tagesanbruch abzuwarten. Jedoch wäre keine Macht der Welt imstande gewesen, die beiden Gefährten noch länger im Habitat zu halten. Seite an Seite nahmen sie ihren Weg über den Paß auf, er ebenso leicht, mühelos und federnd wie sie. Kein einziger Widerstand störte die Harmonie seiner Bewegungen, denn wie Eldriakim überall berichtete, war die Reise äußerst lehrreich für sie gewesen. Und so hatte Risa ihnen Tarkin den Jäger zurückgebracht. Die beiden Gefährten waren schon ein weites Stück hinaufgestiegen, als sie gemeinsam innehielten und zurückblickten. Weit unten, gerade noch sichtbar, funkelte das Meer von Lichtern, welche die Silhouette des Numa-Habitates übersäten. Oben aber, auf der höchsten Spitze des kristallförmigen Bauwerkes, brannte Kiardals Flamme und leuchtete. Schweigend standen Tarkin und Aslari da und schauten hinunter von der Höhe des Passes, während Tybrang allein und voller Gram und Trauer zusah, wie der Leib des Toten zu seinen Ursprüngen zurückkehrte. Ohne eine Bewegung stand er beim Feuer, dachte an das Leben, das er mit eigenen Händen beendet hatte und fühlte die Bürde des Clanführers mit niederdrückender Gewalt auf seinen Schultern. Schließlich fuhr ein kräftiger Windstoß in die Flammen, ließ die Funken emporstieben und wehte sie in einem stürmischen Wirbel von der Plattform. Leicht und spielerisch tanzten sie über der Habitatsspitze, zogen wie suchend auf und nieder. Dann schwebten sie langsam über das Haupt des Numa hinweg und hinauf zu den Sternen.
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