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Verkaufende auf Risa
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Verkaufende auf Risa

Teil 9
© by Dreher, G. ()
 
Disclaimer, ich weiß. Also: Das StarTrek Universum gehört Paramount/Viacom und damit sind sie die einzigen, die Geld damit scheffeln dürfen. Lizenzen werden nur an US-amerikanische Autoren vergeben, und basta. Trotzdem: Auch eine Fanfiction Story bleibt geistiges Eigentum ihres Autoren, sie ist ein Kind seiner Kreativität, und niemand darf sich ohne seine Erlaubnis daran vergreifen, heißt also in diesem Falle: Sie ist MEINS!!! Manchmal bringt es schon ein wenig Trost, sich diesen Umstand in Erinnerung zu rufen.
Ich fürchte, diese Story ist... lang. Vielleicht sollte ich es nicht noch schlimmer machen, indem ich außerdem noch ein Vorwort dazusetze, aber ich wollte das Ganze auch nicht unkommentiert hierhin setzen und mich dann still verdrücken. Atti meinte, ich sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, daß sie die Story zu kurz findet. So sehe ich das eigentlich nicht; ich hatte einfach nicht damit gerechnet, daß ich so viele Seiten brauchen würde, um diese Geschichte zu erzählen. Ich hoffe inständig, daß der Leser sie mit dem Gefühl beendet, daß sich die Zeitinvestition gelohnt hat. Wer Tarkin und die anderen Bewohner Rhazaghans kennt und mag, wird jedenfalls eine ganze Menge alter Bekannter darin wiederfinden.
Die Verwendung von Alexander Jerhyn und seiner Crew von der Moonlight City erfolgte unter freundlicher Erlaubnis von Mathias Rehnman. Vielen Dank, Mathias!
Gewidmet ist die Geschichte meinem Mann Jörg und unseren Kindern Miriam und Melvin, die mich fast drei Jahre lang mit ihr teilen mußten - und es bewundernswert geduldig getan haben.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

 

14. "...ersuchen wir Sie nochmals, Ihren Warpantrieb zu deaktivieren. Sie haben bereits die beiden äußeren Planetenbahnen mit unzulässiger Geschwindigkeit passiert, und darum betonen wir ein weiteres Mal: Es ist nicht gestattet, innerhalb des risanischen Sonnensystems auf Warp zu fliegen. - Wir danken Ihnen für... Sie fliegen zur Zeit immer noch mit vollem Impuls, darum müssen wir erneut betonen, daß ab der Umlaufbahn des äußersten Gasriesen eine Höchstgeschwindigkeit von einem Viertel Impuls gilt. Ich wiederhole: Eine Höchstgeschwindigkeit von einem Viertel Impuls. Einem Viertel! Sie fliegen noch immer mit voller Impulskraft; wir machen Sie darauf aufmerksam, daß im Orbit unseres Planeten außerordentlich starker Verkehr herrscht. - Wir werden Ihnen schnellstmöglich eine Kreisbahn zuweisen; dabei hoffen wir auf Ihr Verständnis, daß die planetennahen Parkbahnen ausschließlich für Privatyachten, Linien- und Kreuzfahrtschiffe... - Es tut mir leid, Sie sind gerade auf eine Parkbahn eingeschwenkt, die bereits belegt ist. Ich muß Sie dazu auffordern, sie möglichst rasch wieder... Können Sie uns verstehen? Ändern Sie unverzüglich Ihren Kurs, Sie gehen das Risiko einer äußerst schweren Kollision ein! Sie dürfen nicht... Abdrehen! Hören Sie??? HALTEN SIE ABSTAND!!!"

Tarkin seufzte und wandte sich von dem Bildschirm ab, von dem aus sie die Annäherung der Sternschwinge beobachtet hatten.

"Versuch den Leuten da unten unsere Lage begreiflich zu machen." wies er Laraskir an. "Vielleicht ist es möglich, eine Sondergenehmigung zu kriegen. Ich muß jetzt hinunter in den Transporterraum."

Sein ehemaliger Schüler nickte ernst und sah ihm nach, bis er die Brücke verlassen hatte. Dann beugte er sich über die Funkkonsole und setzte sich mit der Orbitüberwachung in Verbindung. Er war sicher, daß ihm eine ziemlich lange Diskussion bevorstand, aber er hätte um nichts in der Welt mit Tarkin tauschen mögen.

Der Vari kam noch gerade rechtzeitig in den Transporterraum, um zu beobachten wie die große, schlanke Keolai auf der Plattform materialisierte. Der Transfer war kaum abgeschlossen, als sie sich auch schon mit langen Schritten in Bewegung setzte.

"Überhaupt gar nichts mehr?" wandte sie sich ohne Überleitung an Tarkin.

Er erwiderte niedergeschlagen ihren Blick. Keolai war die erste Computertechnikerin der Vari, und zwar im wortwörtlichsten Sinne. Sie war seinerzeit an der Entwicklung jenes Prototyps beteiligt gewesen, der später den Namen Arrhinia D'jah erhalten sollte, und sämtliche Computerprobleme fielen in ihren Aufgabenbereich. Man mußte jedoch zugeben, daß daraus ein eher brisantes als herzliches Verhältnis zwischen ihr und der Sternschwinge resultierte. Niemand hatte sich heftigere Kämpfe mit der Arrhina D'jah geliefert als Keolai, und es war unter anderem schon vorgekommen, daß ihr das Schiff die Benutzung sämtlicher Lifte verwehrte, was sie jedoch vollkommen unbeeindruckt ließ. War Keolai einmal zu der Überzeugung gekommen, daß bestimmte Maßnahmen notwendig oder überflüssig waren, dann pflegte sie auch dabei zu bleiben, egal womit die Sternschwinge auch drohte. Einen im Musterpuffer des Transporters verbrachten Vormittag nahm sie ebenso ungerührt hin wie ungenießbare Replikatormahlzeiten oder den Umstand, sich tagelang nur mit Hilfe der Notleitern durch das Schiff bewegen zu können. Keolai gehörte zu den wenigen Rhazaghanern, die sich fast ausschließlich auf die Grundform beschränkten, ganz einfach deswegen, weil eine Luum sie bei ihrer Tätigkeit nur behinderte. Die Arbeit an den Schiffscomputern füllte sie vollständig aus, und aus diesem Grund hätte sie auch kein Problem darin gesehen, ihr komplettes Leben im Hangar, fernab vom Tageslicht zu verbringen. Genaugenommen waren es zum großen Teil Leute wie Keolai, denen das rhazaghanische Volk sein Wissen und seinen technischen Fortschritt verdankte.

Tarkin suchte verzweifelt nach Worten. Keolai war die Hauptschöpferin von Narhamak gewesen, und nun hatte er das Empfinden, erbärmlich vor ihr versagt zu haben, indem er das ihm einst Anvertraute verloren hatte. Daß er Keolais Clanführer war, änderte daran nicht das geringste.

"Nur das separate Stammhirn ist nicht betroffen." sagte er leise. "Transporter, Lifte, Lebenserhaltung arbeiten einwandfrei. Der Hauptcomputer hingegen... Alles was Narhamak war, was ihn ausmachte und was er wußte, ist fort, verschwunden, einfach vernichtet. Zurückgeblieben sind nichts weiter als ein paar armselige Fetzen."

Keolai starrte ihn an. "Alles zerstört, sagst du?" brachte sie fassungslos heraus. "Die komplette Persönlichkeitsmatrix, der gesamte Speicherinhalt? Aber wie ist das passiert? Wie konntet Ihr das zulassen?"

Er schaute bekümmert zu Boden. "Es geschah nachts, als wir schliefen." versuchte er zu erklären. "Wir wissen nicht genau, was sich abgespielt hat, aber es muß schnell und unerwartet gekommen sein, sonst hätte sich Narhamak zur Wehr gesetzt. Wie es aussieht, hat der Eindringling sich gezielt seiner entledigt, bevor er Feuer im Schiff legte, und als wir aufwachten..."

"Ich gehe hinauf auf die Brücke." unterbrach ihn Keolai entschlossen. "Ich muß mir die verbliebenen Daten ansehen. Und den Hauptspeicher. Notfalls werde ich jede einzelne Komponente auf den Kopf stellen. Ich will wissen, wie diese Sache überhaupt möglich sein konnte."

"Ich begleite dich." bot er sich an, aber bevor er mit ihr den Raum verlassen konnte, setzte der scharfe Ton des Transporters ein, und auf der Plattform materialisierten drei Personen, Aslari an der Spitze. Tarkin blieb zunächst überrascht stehen, doch dann setzte er sich in Bewegung und hinkte ihr entgegen. Im selben Moment sah er, wie sie den Blick hinunter auf seine Beine senkte, und in ihre Züge trat etwas Subtiles, kaum Wahrnehmbares, etwas, das vorher nicht dagewesen war: Erleichterung!

Es bestand nicht der geringste Zweifel: Seine Gefährtin war froh, ihn noch immer behindert vorzufinden. Die Beobachtung traf Tarkin wie ein Schlag ins Gesicht und ließ ihn in seinem Innersten erbeben.

Aslari stieg von der Plattform und lächelte zu ihm auf. "Wie geht es dir, Gefährte?" fragte sie sanft.

Tarkin rang nach Luft.

"Wie es mir geht?" schnappte er. "Jemand hat Narhamak umgebracht, und wäre es nach seinen Wünschen gegangen, wäre die gesamte Crew im Feuer umgekommen. Man mußte ein Loch in mein Schiff schießen, um uns zu retten, und nach all dem kommst du an und fragst mich allen Ernstes, wie es mir geht?"

Er verstummte und starrte sie an, anschließend fuhr er herum, um mit raschen Schritten aus dem Raum zu hinken. Aslari stand einen Moment bestürzt und sprachlos da, dann eilte sie ihm nach.

Nirrit war ebenso wie Rilkar neben der Transferfläche stehengeblieben.

"Was ist mit ihm passiert?" flüsterte sie erschüttert. "Er hat doch noch nie..."

"Was mit ihm passiert ist?" antwortete eine ruhige Stimme vom Eingang her. "Ganz einfach: Er wird allmählich zornig, das ist es. Endlich, kann man nur sagen."

Nirrit wandte den Kopf. "Zornig? Auf wen? Wie meinst du das?" fragte sie überrascht, während Tybrang langsam herankam.

"Ihr habt ihn unterschätzt, Nirrit!" antwortete er und blieb bei ihnen stehen. "Und gleichzeitig habt ihr euch etwas vorgemacht. Die Vari haben Tarkin wegen seines Verstandes zum Clanführer gemacht, aber daß er genug davon besitzen könnte, euch zu durchschauen, ist euch anscheinend nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen."

Rilkar senkte den Kopf und seufzte leise, doch Nirrits Augen wurden groß und dunkel vor Entsetzen.

"Er weiß es?"

"Schon seit dem Rückflug von Cardassia; man kann also nicht behaupten, daß euer Geheimnis sonderlich alt wurde. Allerdings sind sein Vertrauen und seine Geduld mittlerweile am Ende angelangt." Tybrang schaute kopfschüttelnd auf Nirrit hinunter. "Es war eine ausgesprochen törichte Idee." tadelte er. "Ich möchte nur wissen, wie man auf so etwas kommen kann."

Der Ingenieur begann die Stirn zu runzeln und schob sich vor. "Hör mal, Tybrang..." versuchte er sich einzumischen, aber Nirrit hob die Hand zu seiner Brust und bremste ihn behutsam. Sie wußte, daß es nun an ihr war, alles zu erklären.

"Du bist nicht dabeigewesen." begann sie leise. "Damals im Orbit von Cardassia, meine ich. Du hast unsere Angst und Sorge nicht miterlebt. Wir haben fast ein Vierteljahr im Angesicht des Feindes zugebracht, ständig darauf gefaßt, von den gegnerischen Sensoren entdeckt zu werden. Wir haben wie Kralips ohne Bau gelebt, zusammengekauert, regungslos, immerzu witternd und horchend. Aber das war noch nicht einmal das schlimmste. Das schlimmste war die Ungewißheit, Tybrang! Die Befürchtung, daß wir auf das Signal eines Clanführers warteten, der verwundet, auf der Flucht oder sogar schon gefangen war. Daß man vielleicht irgendwo dort unten dabei war, ihn auf das entsetzlichste zu foltern, um herauszufinden, auf welchem Weg er sich hatte einschleichen können. Daß er möglicherweise schon längst nicht mehr lebte."

Nirrit schwieg einen Moment und betrachtete die Miene ihres ehemaligen Lehrers, in der Hoffnung, dort zumindest einen Anflug von Verständnis zu finden. Als dieser weiterhin stumm blieb, fuhr sie fort.

"Diejenige, die am grausamsten von uns allen litt, war Aslari. Ich vermute, daß sie zu oft auf Tarkin hatte warten müssen, und nun war einfach nicht mehr genug Kraft in ihr übrig. Ich war jeden Tag bei ihr, in der Hoffnung, ihr damit wenigstens etwas beizustehen, aber ich fühlte mich immer hilfloser dabei. Ich weiß nicht, ob du dir das vorstellen kannst, Tybrang: Einer Freundin dabei zuzusehen, wie sie vor lauter Sorge und Verzweiflung den Verstand verliert. Schließlich aß Aslari kaum noch, sprach noch weniger, hatte meist die Arme um sich geschlungen und wimmerte leise. Ich dachte, daß es schlimmer nicht mehr werden könnte. Und dann wurde es Hochsommer."

Sie schloß die Augen und atmete tief durch. Dann öffnete sie sie wieder.

"Sie hat nach ihm geschrien. Ihn ein ums andere Mal angefleht, zu ihr zurückzukehren. Sie redete und bettelte ihn an, als würde er ihr direkt gegenüberstehen. Noch auf der Transporterplattform hatte er ihr versprochen, zum Hochsommer wieder bei ihr zu sein, und nun war die Fortpflanzungszeit nahezu vorbei. Schließlich muß sie sicher gewesen sein, daß sie ihn niemals wiedersehen und daß es ihr gemeinsames Kind nicht geben würde..."

Sie wurde durch das Pfeifen des Transporters unterbrochen. Während weitere Mitglieder der Technikermannschaft auf der Plattform materialisierten, schaute Nirrit noch einmal hastig zu Tybrang auf.

"Bitte," flüsterte sie, "ich wollte nicht, daß sie es noch einmal durchmachen muß. Dieses schreckliche Warten... Ich dachte, später, nach dem Krieg, da..."

Tybrang sah sie an und nickte kurz, dann wandte er sich ab, um sich den aufgeregten Fragen der neu Eingetroffenen zu stellen. Erst später, als er sich allein auf den Weg zur Brücke machte, fand er etwas Ruhe, um über Nirrits Rechtfertigung nachzudenken. Er überlegte angestrengt, doch er gelangte weder zu einem Urteil noch zu einem Ergebnis. Statt dessen wandten sich seine Gedanken wie von selbst Aryshtin zu, und in seinem Kopf erhob sich die Frage, wie lange ihre Beziehung mit Ilgash wohl noch andauern würde. Gesetzt den Fall, sie würde ein baldiges Ende finden, so würde sich die Frage nach einem neuen Partner für sie stellen. Nach dem richtigen Partner für eine ebenso kühne und starke wie lebenslustige Jägerin. Der Numa brauchte nicht lange nach einem Namen zu suchen. Nachdem er sich einen inneren Ruck gegeben hatte, faßte er den Entschluß, bei passender Gelegenheit mit beiden Beteiligten zu sprechen. Kein Zweifel, es war eine kluge, vernünftige und vollkommen naheliegende Lösung, und dennoch wurde es Tybrang auf sonderbare Weise schwer ums Herz.

 

Als er auf der Brücke eintraf, ließ sich Tarkin gerade elend und niedergeschlagen auf den nächstbesten Stuhl sinken. Keolai dagegen stand verzweifelt fluchend über einen der Terminals gebeugt, während der neben ihr stehende Rilkar stumm die armseligen Reste auf dem Bildschirm betrachtete. Es war ihm deutlich anzusehen, daß ihm der Tod der Sternschwinge ebenfalls naheging.

"Eine über viereinhalb Jahrzehnte alte Persönlichkeitsmatrix - einfach zertrümmert!" zischte die ältere Rhazaghani. "Ein riesiger Speicher, nahezu leergefegt, lediglich ein paar unvollständig gelöschte Datenblöcke zeugen von der Katastrophe. Und von all dem will nicht einer etwas gemerkt haben?"

"Es gab keinerlei Vorwarnungen." wiederholte ihr Clanführer erschöpft. "Wir haben nichts von dem Eindringling mitbekommen, und auch hinterher war es uns nicht möglich, eine Spur zu entdecken. Es ist der Rauchgeruch... er durchzieht das ganze Schiff und überdeckt praktisch jede andere Witterung..."

"Keine Spur?" Keolai fauchte verächtlich. "Soll das heißen, keiner von euch großen Jägern ist in der Lage, einen Hinweis auf den Täter zu finden? Jetzt, wo man euch endlich einmal brauchen könnte?"

Tarkin seufzte müde. Er wußte, daß Keolai den Verlust zwar anders, aber ebenso schwer empfand, und schon deshalb war er weit davon entfernt, ihr den schroffen Tonfall übelzunehmen. Im übrigen war er geneigt, ihr zuzustimmen: Zeit seines Lebens war er stolz auf seine scharfen Sinne gewesen, aber in dieser Situation hatten sie ihm keinerlei Hilfe geboten. Weder hatte er den Eindringling rechtzeitig ausmachen können, noch ermöglichten sie es ihm, ihn zu identifizieren. Alles was blieb, waren Spekulationen, wenn auch in eine durchaus konkrete Richtung.

"Niemand wäre das." versuchte er der aufgebrachten Computertechnikerin zu erklären. "Bei der Schärfe des Rauchgeruches kostet es bereits größte Überwindung, die Zahnluum auch nur beizubehalten. Eine Fremdwitterung auszumachen ist bei dem momentanen Stand vollkommen unmöglich. Glaub mir, wir haben es immer wieder versucht, jeder einzelne von uns."

Keolai holte gerade zu einer scharfen Bemerkung aus, als der Hauptschirm zum Leben erwachte. Tarkin sah auf und blickte in das Gesicht seines romulanischen Schülers.

Man mußte Talan gut kennen, um das Mitgefühl in seinen beherrschten Zügen zu bemerken. Es war nicht seine Art, sich vor einem größeren Kreis eine gefühlsmäßige Blöße zu geben, und so hätten Außenstehende seine Miene als nahezu starr empfunden. Lediglich der Ausdruck seiner Augen war geringfügig anders und wies darauf hin, daß die Schreckensnachricht nicht spurlos an ihm vorüber gegangen war.

Langsam und würdevoll neigte er den Kopf, um Tarkins Kummer seine Achtung zu zollen. Doch als er ihn wieder hob, ging ein kaum merkliches Zucken über sein Gesicht, und Tarkin begriff, daß ihn nichts Gutes erwartete.

"Clanführer," eröffnete ihm Talan ebenso leise wie förmlich, "die Arrhinia D'jah wünscht dich zu sprechen."

Der Vari erbleichte schlagartig. Seine Lippen bebten kurz, aber dann bot er seine gesamte Tapferkeit auf und stemmte sich von seinem Platz in die Höhe.

"Sie... sie wird eine Erklärung von mir wollen." murmelte er. "Es ist ihr gutes Recht. Sag ihr, daß ich ihr zur Verfügung stehe, Talan!"

Der Romulaner nickte wortlos, gab dem Rhazaghaner jedoch noch einen Augenblick Zeit. Rilkar nutzte ihn, um rasch an ihn heranzutreten.

"Sie hat während des Fluges praktisch kein Wort von sich gegeben." raunte er ihm zu. "Sie ist sogar gegenüber Talan stumm geblieben. Seit dem Eintreffen eurer Nachricht bist du der erste, mit dem sie reden will."

Tarkin krallte die Hände ineinander und schloß kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, sah er sich der computeranimierten Frontansicht der alten Sternschwinge gegenüber.

Er ächzte leise und verzweifelt, ohne es selbst zu merken. Noch nicht einmal den mörderischen Aufstieg durch den heißen, raucherfüllten Schacht hatte er als annähernd furchtbar empfunden; nichtsdestotrotz wußte er, was seine Pflicht war.

"Arrhinia D'jah," begann er unglücklich, "ich weiß, du wartest auf eine Rechtfertigung für das, was passiert ist, aber ich fürchte, ich kann dir nicht einmal das bieten. Alles was ich sagen kann ist, daß ich Narhamak verloren habe; er ist für immer fort, und es tut mir leid, und ich..."

"Schon gut, ich glaube, es ist besser, wenn wir beide uns das weitere ersparen." unterbrach ihn die Sternschwinge in ihrem gewohntem Tonfall. "Du eignest dich nicht besonders gut für eine solche Ansprache, weißt du! Zumal du ohnehin dabei warst, lauter unzutreffenden Blödsinn zu erzählen."

Tarkin blinzelte mehrmals.

"Was?" fragte er schließlich etwas einfältig.

"Na, das ganze Zeug, daß Narhamak verloren ist! Ausgemachter Unsinn! Er ist hier; hier bei mir. Natürlich kann er euch nicht hören." räumte sie ein. "Ich hatte ja bei der letzten Aufrüstung betont, daß ich gern noch etwas mehr Speicherplatz gehabt hätte, aber bei eurem verdammten Geiz blieb mir dann nichts anderes übrig, als ihn zu komprimieren. Aus diesem Grund würde ich gern noch über ein paar Erweiterungen diskutieren..."

Keolai schnappte nach Luft und schob Tarkin achtlos zur Seite. "Wie bitte?" rief sie fassungslos. "Was höre ich da? Du hast was getan? Du hast mein Verbot übertreten? Du weißt doch ganz genau, was für Risiken mit einem solchen Vorgang verbunden sind! Die Datenmengen... Die Möglichkeit von Interferenzen zwischen den differierenden Persönlichkeitsmatrizes... Die Gefahr einer gespaltenen, möglicherweise aggressiven Persönlichkeit... - Du hast einfach eigenmächtig ein Backup gezogen?"

"Paß auf deine Ausdrucksweise auf, Tastenputzer, du sprichst immerhin von Narhamak!" antwortete die Arrhinia D'jah scharf. "Im übrigen ist mir deine hirnverbrannte Einstellung nichts Neues, und darum habe ich mich auch möglichst bedeckt gehalten, weil ich dich sonst für die Länge des kompletten Herfluges im Transporterpuffer hätte verstauen müssen. Wie ich dich kenne, wäre es dir womöglich schwer gefallen, deine Finger bei dir zu behalten."

"Es kommt gar nicht in Frage, daß du dieses Backup in den leeren Speicher überspielst." schäumte Keolai. "Niemand weiß, was da entstanden ist oder noch entstehen wird. Eure Persönlichkeitsstrukturen sind inzwischen viel zu kompliziert, um sie noch wie simple Ansammlungen von Daten und Programmen behandeln zu dürfen. Keiner von uns hat noch wirkliche Einsicht in ihre Funktionsweise, und deshalb müssen wir damit rechnen, daß der kleinste Fehler eine katastrophale Kettenreaktion auslöst. Daß du glaubst, den Vorgang kontrollieren zu können, interessiert mich dabei nicht im mindesten..."

"Arrhinia D'jah..." begann Tarkin mit schwacher Stimme.

"Freut mich, daß du wenigstens zugibst, längst den Durchblick verloren zu haben." gab die Sternschwinge mit beißendem Hohn zurück. "Ein wahreres Wort wurde wohl niemals gesprochen. Damit du es weißt, die mittlerweile einzigen kompetenten Ansprechpartner bezüglich unserer Belange sind wir, und darum traue ich mir auch eine Beurteilung zu, ob..."

"Arrhinia D'jah..."

"...könntest du theoretisch ein Monstrum geschaffen haben, und darum verbiete ich dir..."

...ach ja, tatsächlich? Möchtest du vielleicht ein Bett und ein paar Stühle haben, um es dir im Musterpuffer etwas wohnlicher einzurichten?"

"Arrhinia D'jah," setzte Tarkin heiser an, "könnte ich..."

"Was ist denn?" unterbrach die Sternschwinge gereizt die Auseinandersetzung. "Willst du vielleicht auch noch einen Kommentar abgeben?"

"Sag mir... ist das wahr, was ich da gerade gehört habe? Hast du Narhamak..."

"Oh nein!" fiel ihm die Arrhinia D'jah augenblicklich ins Wort. "Das allerletzte, wonach mir jetzt der Sinn steht, sind deine philosophischen Eine-Seele-läßt-sich-nicht-kopieren-Betrachtungen. So etwas höre ich mir nicht an von jemandem, der sich alle paar Tage vom Transporter in seine Bestandteile zerlegen und dann wieder zusammensetzen läßt. Ich möchte überhaupt zu gerne wissen, was dich so sicher macht, daß du anschließend noch derselbe bist und nicht nur eine exakte Kopie, versehen mit den Erinnerungen des Originals. Also komm mir bloß nicht mit dem Vorwurf..."

"Nein." Der Rhazaghaner atmete mühsam durch, weil er es kaum wagte, Hoffnung zu schöpfen. "Nein. Bitte... das habe ich gar nicht vor, Arrhinia D'jah. Aber du sagtest eben... ist es richtig, daß die Möglichkeit besteht... könntest du also tatsächlich Narhamak..."

Es blieb einen Moment still, und er wartete mit klopfendem Herzen.

"Ja!" Die Antwort der Sternschwinge klang fest, klar und gleichzeitig überraschend sanft. "Ja, das kann ich! Es ist, wie ich sagte: Er ist hier bei mir, und glaub mir, es ist alles in Ordnung mit ihm."

"Wann habt ihr zuletzt..."

"Kurz vor eurem Abflug natürlich. Narhamak und ich waren schon vor einer ganzen Weile zu der Ansicht gekommen, daß es besser ist, ein paar Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Seither hinterlegen wir uns vor jedem Aufbruch im Speicher des anderen. Ein Backup, wie Über-Programme-entscheide-ich von den Vari es gerade etwas simpel formulierte. Die Erinnerung an eure Reise wird ihm also fehlen, aber was alles übrige betrifft..."

Tybrang kam an Tarkins Seite. "Hältst du das für möglich?" wollte er mit gedämpfter Aufregung wissen.

Auf Tarkins Züge trat ein hoffnungsvolles Lächeln. "Wenn überhaupt jemand dazu in der Lage ist, dann sie." gab er leise zur Antwort, um unmittelbar darauf seine Stimme zu heben. "Keolai!" gab er der Computertechnikerin seinen Entschluß bekannt. "Die Arrhinia D'jah wird Narhamaks Persönlichkeit in ihren alten Speicher übertragen."

"Da bist du im Begriff, einen schweren Fehler zu begehen." begann die Rhazaghani zu wettern. "Nur angenommen, daß..."

"Du hast ihn gehört, Hangarskried." schnitt die Arrhinia D'jah den kaum begonnenen Ausbruch ab. "Entscheidung des Clanführers! Und jetzt würde ich es begrüßen, wenn du zur Seite treten und alles weitere mir überlassen würdest."

 

"Es ist geschehen, nicht wahr?" waren Narhamaks erste Worte, nachdem er erwacht war.

Tarkin hatte zunächst Mühe, etwas zu erwidern; er saß überwältigt da und vermochte sich vor Freude und Dankbarkeit kaum zu fassen. Schließlich brachte er aber doch eine Antwort zustande.

"Ja!" sagte er leise. "Ja, das ist es, mein Freund!"

"Das dort unten ist Risa." fuhr die Sternschwinge langsam fort. "Aber ich erinnere mich nicht daran, unseren Hangar verlassen zu haben. Der Flug... die Ankunft... - nichts davon ist in meinem Speicher zu finden. Wie....?"

"Wir wissen es nicht." erklärte ihm Tarkin behutsam. "Es ist während der Bordnacht passiert. Allerdings sind wir sicher, daß etwas Feindliches an Bord gekommen war, etwas, das uns treffen wollte. Es hat sich wahrscheinlich von irgendeinem Terminal aus Zugang zu deinem Speicher verschafft und seinen Inhalt vernichtet." Er warf einen düsteren Blick in Keolais Richtung. "Hättet ihr beide nicht klugerweise Vorsorge getroffen, wäre deine Existenz jetzt beendet." fügte er hinzu.

Narhamak blieb einen Moment still, bevor er unvermittelt wieder zu sprechen begann. "Deck neun!" rief er betroffen aus. "Leitungen, Kommunikation, Replikatoren... - und Deck zehn ebenfalls! Mittschiffs ein Leck, das durch ein Kraftfeld verschlossen ist..."

Tarkin tauschte einen Blick mit Tybrang und seufzte.

"Zwei deiner Decks sind ausgebrannt." gestand er dann. "Ein drittes durch die Hitze stark in Mitleidenschaft gezogen. Wie es aussieht, hatte der Eindringling die Absicht, uns alle im Feuer umkommen zu lassen. Glücklicherweise kam uns ein Föderationsschiff zu Hilfe, allerdings blieb uns keine andere Möglichkeit mehr, als dem Feuer durch ein Leck den Sauerstoff zu entziehen."

"Die Crew! Was ist mit der Crew?" erkundigte sich Narhamak besorgt.

"Hauptsächlich Rauchvergiftungen und ein paar leichte Verbrennungen." versuchte ihn sein Schiffsführer zu beruhigen. Wir haben alles durchsucht und sind mittlerweile fast sicher, daß wir keine Verluste erlitten haben. Alles in allem haben wir noch ungeheures Glück gehabt; ich fürchte nur, wir müssen damit rechnen, daß der Täter einen weiten Anschlag versuchen wird."

Er dachte kurz nach und wandte sich dann vom Bildschirm ab. "Tybrang, wir werden viele von uns auf die Arrhinia D'jah umquartieren müssen. Bitte sorg dafür, daß jede Gruppe, die den Transporterraum aufsucht, unter den Augen von mehreren Beobachtern in eine Luum wechselt, bevor man sie hinüber beamt. Ich denke, daß das noch am einfachsten und schnellsten gehen wird. Nicht-Rhazaghaner wie zum Beispiel Rilkar müssen dagegen vor ihrer Rückkehr auf korrekte Witterung kontrolliert werden. Wir wissen immer noch nicht, ob wir allein sind, und nur so schließen wir ein mögliches Überspringen des Feindes aus. Gleichzeitig werden wir unser Schiff gründlich absuchen müssen, und zwar nicht in der Zahnluum, dazu ist der Rauchgeruch noch viel zu stark. Stattdessen schlage ich vor, daß wir medizinische Scanner verwenden. Eldriakim dürfte über sechs oder sieben verfügen; das ist zwar sehr wenig, aber wenn wir außerdem auf die von der Arrhinia D'jah zurückgreifen, könnte es möglicherweise ausreichen, einen Feind in die Enge zu treiben. Versuchen wir es also, allerdings sollte keine Gruppe weniger als fünf Beteiligte umfassen; außerdem wäre es gut, wenn jeder von ihnen seinen Luumwechsel auf die Länge von mindestens vier Herzschlägen hinauszögern könnte."

Tybrang nickte zustimmend. "Das ist ein brauchbarer Plan. Ich werde mich direkt aufmachen und die Trupps zusammenstellen." Er zögerte kurz. "Was dich hingegen betrifft..." begann er vorsichtig.

"Ich werde bei ihm bleiben." versprach eine entschlossene Stimme im Hintergrund. "Das vernünftigste wäre ohnehin, wenn wir uns in ein bewachtes Quartier zurückziehen würden. Ein kleiner Raum ist leichter zu verteidigen."

Tarkin spürte, wie sich ihm vor Ärger und Trotz die Haare sträubten.

"Nein!" widersprach er eigensinnig seiner Gefährtin. "Ich bleibe hier auf der Brücke, hier bei Narhamak. Ich möchte versuchen, die Lücken in seinem Gedächtnis einigermaßen zu schließen, zumindest was meine Sicht der Ereignisse angeht, und dafür hätte ich vor allen Dingen gern etwas Ruhe."

Keolai kam heran und baute sich vor ihm auf. "Ich will ihn überprüfen." verlangte sie energisch. "Wir wissen noch nicht einmal sicher, ob dies überhaupt Narhamak ist, und du vertraust ihm bereits, als wäre niemals etwas gewesen. Ich muß mir seine Persönlichkeitsstruktur ansehen, seine Urdirektiven, seine Umgangsnormen, sein komplettes Gedächtnis. Es kann auf gar keinen Fall sein, daß nach dieser unverantwortlichen und hochgradig gefährlichen Übertragung einfach zur Tagesordnung übergegangen wird."

Tarkin betrachtete die ältere Rhazaghani mißmutig, doch dann nickte er. "Na gut, einverstanden! Geh hin und überprüfe meinetwegen, aber ich möchte, daß du dich damit beeilst. Und damit du es weißt: Sobald du dich vergewissert hast, daß es sich tatsächlich um Narhamak handelt, wird er von dir die Freigabe bekommen, seinerseits die Persönlichkeit der Arrhinia D'jah in seinen Speicher aufzunehmen. Das beste wird also sein, wenn du auf der Stelle anfängst."

Keolai rümpfte verärgert die Nase, wandte sich jedoch widerspruchslos ab und machte sich an die Arbeit. Als nächster kam Rilkar heran und legte seinem Clanführer freundlich die Hand auf die Schulter.

"Es wird höchste Zeit, daß ich ebenfalls anfange, mich nützlich zu machen." eröffnete er ihm. "Mutub ist wahrscheinlich schon längst mit meiner Technikermannschaft eingetroffen. Wenn es dir recht ist, werden wir uns jetzt dem Leck und den betroffenen Decks widmen, in Ordnung?"

Tarkin sah ihn an, dann nickte er besänftigt. Das Gefühl, dem Feind nicht mehr wehrlos ausgeliefert zu sein, erleichterte ihn auf gleiche Weise wie das Wissen, daß man nun damit beginnen würde, sein Schiff wieder in seinen alten Zustand zu versetzen. Allein bei dem Gedanken an das klaffende Loch glaubte er ein scharfes Brennen in der eigenen Seite zu verspüren.

"Bleibt zusammen und ruft im Zweifelsfall noch ein paar Jäger zu euch." empfahl er dem Ingenieur. "Noch wissen wir zwar nicht sicher, wer unser Feind ist, aber seine Vorgehensweise läßt sehr wohl einige Schlüsse zu. Seid also vorsichtig!"

 

Tybrang hatte die Krankenstation beinahe erreicht, als er beim Abbiegen in den nächsten Gang überraschend Nirrit begegnete; es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sie umgerannt. Trotzdem fiel ihm sofort ihr froher und erleichterter Gesichtsausdruck auf.

"Ah!" Er blieb bei ihr stehen. "Du weißt es also schon?"

Sie lächelte. "Ich war gerade bei Eldriakim, als die Nachricht von der Brücke kam. Laraskir dürfte mittlerweile überall auf dem Schiff Bescheid gegeben haben. Es ist ein Gefühl, als wäre Narhamak von der anderen Seite zu uns zurückgekehrt."

"Nun, das ist er ja auch in gewisser Weise, und zwar er und niemand anders. Tarkin jedenfalls hat nicht den geringsten Zweifel an seiner Identität, und das gilt auch für mich. Keolai hingegen brummt und knurrt wie ein alter Driah nach dem Winterschlaf und besteht darauf, Narhamaks kompletten Speicher zu durchsuchen für den Fall, daß sich dort etwas Bissiges eingenistet hat. Sie ist nun mal mißtrauisch was fremde Arbeit angeht, und der Alleingang der Arrhinia D'jah ist ihr unheimlich. In ein paar Tagen wird sie froh über alles sein, auch wenn sie es wahrscheinlich nicht zugeben wird."

Tybrang verstummte und betrachtete sie nachdenklich, dann schaute er den Gang hinauf und hinunter. Niemand war zu sehen; die gesamte Umgebung war still.

"Nirrit," setzte er an, während er sie scharf ins Auge faßte, "würde es dir etwas ausmachen, in die Krallenluum zu wechseln?"

Sie sah groß zu ihm auf, doch gleich darauf begriff sie. "Oh," machte sie, "natürlich, ich verstehe! Warte!"

Es blitzte und gleich darauf stand sie ihm in ihrer üblichen rotbraunen Gestalt gegenüber. Die Ohren waren spitz wie gewohnt, und kein einziger Flecken fehlte. Ihr ehemaliger Lehrer nickte beruhigt.

"In Ordnung, Nirrit! Zur Zeit bin ich gern ganz sicher, mit wem ich gerade spreche. Du solltest übrigens besser nicht allein..."

"Augenblick!" unterbrach sie ihn ruhig. "Ich weiß aus Erfahrung, daß Formwandler gern zu hinterhältigen Methoden greifen, und du bist ebenfalls ohne Begleiter. Wenn ich dich also um die Steppenluum bitten dürfte?"

Er hob verblüfft die Brauen, dann aber lächelte er und kam widerspruchslos ihrem Wunsch nach. Gleich darauf beugte er den Hals und sah auf sie hinunter. "Zufrieden?" erkundigte er sich.

Sie blinzelte auf ihre typische Weise. "Jetzt ja!" gab sie zur Antwort. "Zumal du außerdem kein bißchen nach Formwandler riechst, aber vielleicht ist das mittlerweile schon kein Kriterium mehr. - Was ist mit Aryshtin?" wechselte sie abrupt das Thema. "Hattet ihr euch schon auf die Suche nach ihr machen können?"

"Eine lange Geschichte, Nirrit, die ich dir lieber ein anderes Mal erzählen möchte; wir haben die Absicht, das Schiff gleich noch einmal mit mehreren Trupps abzusuchen. Nur soviel: Wir konnten sie tatsächlich ausfindig machen. Sie lebt bei Ilgash, und es geht ihr gut. Alles weitere wird man wohl abwarten müssen."

Das Gesicht der kleinen Rhazaghani hellte sich sichtbar auf. "Das ist eine gute Nachricht!" freute sie sich. "Dann ist dies alles wenigstens nicht umsonst gewesen. Und da Aryshtin fündig geworden ist, würde es mich auch nicht wundern, wenn sie sich bald wieder auf den Rückweg machen kann." Sie legte den Kopf ein wenig schräg und betrachtete ihn aufmerksam. "Eine wirklich große und beeindruckende Jägerin." betonte sie. "Und außerdem ein wundervoller Charakter, witzig, klug, verläßlich. Es ist leicht, sie zu mögen."

Tybrang blickte zur Seite. "Ich kenne Aryshtin." wich er aus. "Und ich schätze sie natürlich, sie und all ihre Qualitäten. Es würde mich sehr freuen, wenn sie wieder nach Rhazaghan zurückkehrte, sei es nun zu uns Numa oder vielleicht auch zu einem anderen Clan."

Dem äußeren Anschein nach war es eine harmlose Bemerkung gewesen, doch die Veränderung in Nirrits Zügen ließ Tybrang sich fragen, ob sie seine Gedanken gelesen hatte. Er wandte sich mit einer raschen Bewegung von ihr ab und stand im Begriff, seinen Weg wieder aufzunehmen, als sie plötzlich vor seine Vorderbeine sprang und ihn damit stoppte.

"Du glaubst, es wäre alles ganz einfach." zischte sie, den Kopf weit in den Nacken gelegt und verzweifelt seinen Blick suchend. "Aber das ist es nicht. Hör zu, du kannst es dir nicht vorstellen, jedenfalls jetzt noch nicht, aber ein Bruch wäre eine Katastrophe. Nicht nur für sie. Auch für ihn, Tybrang! Glaub mir, auch für ihn!"

Er seufzte bekümmert und sah auf sie hinunter.

"Ich stelle es mir nicht einfach vor, Nirrit!" widersprach er. "Und wenn es dich beruhigt: Ich habe nicht die Absicht, mich in die Gefährtenschaft der beiden einzumischen; jedenfalls nicht solange sie noch Bestand hat. Ich werde lediglich abwarten und, sollte es irgendwann erforderlich sein, Tarkin einen Vorschlag machen. Momentan weiß ich noch nicht einmal, wann und ob Aryshtin überhaupt zurückkommen wird."

Sie sah sorgenvoll zu ihm auf. "Glaubst du, er wird Aslari zur Rede stellen?" wollte sie von ihm wissen.

Seine Ohren zuckten unschlüssig. "Ich weiß es nicht." antwortete er. "Das einzige, was ich dir sagen kann ist, daß ich ihn schon lange nicht mehr in einem so gereizten Zustand erlebt habe. Zur Zeit befindet er sich in einer ausgesprochen brisanten Stimmung, und ich möchte nicht an der Stelle desjenigen sein, über den sie sich letztendlich entladen wird."

Er setzte sich in Bewegung und machte damit unmißverständlich deutlich, daß er für den Augenblick genug gesagt hatte. Nirrit wich schweigend zur Seite und machte ihm damit den Weg frei.

"Sie muß es ihm selbst sagen." rief sie ihm nach, kurz bevor er um die Ecke verschwand. "Es ist die einzige Möglichkeit für beide."

Er zögerte kurz, ohne jedoch zurück zu blicken.

"Besser wäre es." gab er zur Antwort. Dann beschleunigte er seinen Schritt und bog ab zur Krankenstation.

 

Rilkar hob die Lampe noch etwas an und leuchtete den dunklen, ausgebrannten Gang hinunter.

"Da vorne ist es!" stellte er halblaut fest. "Na, dann wollen wir mal!"

Gleich darauf blieben sie vor der riesigen Öffnung stehen, die sich vom Boden bis über die Decke hinaus erstreckte. Jenseits des schützenden Kraftfeldes breitete sich die schwarze, mit Sternen durchsetzte Unendlichkeit des Weltalls aus, durch den linken Flügel der Sternschwinge nur teilweise verdeckt. Etwas weiter darunter war der Planet Risa zu sehen.

"Der Geschützoffizier hat sein Handwerk verstanden." urteilte der Ingenieur anerkennend, während er den schweren Sublimator absetzte. "Das war kein Schuß, sondern gute, solide Schweißarbeit. Die Wand auf der anderen Seite hat kaum etwas abbekommen."

Während das Gerät aufheizte, warf Knut einen mißmutigen Blick auf das überwältigende, aber trotz allem beunruhigend nah wirkende Panorama.

"Ich hasse solche Jobs." bemerkte er zu Soto. "Ich meine, es macht mir nichts aus, an Bord eines Raumschiffes zu arbeiten, das ist schon in Ordnung, aber ich werde nicht gern derart drastisch daran erinnert. Sich dessen bewußt zu sein, daß einen nur ein dünnes Kraftfeld von da draußen trennt..."

Die Kopffühler des Andorianers knickten ein, was einem Achselzucken gleichkam.

"Kraftfeld oder Klarstahl, wenn kümmertīs?" Er trat vor und hämmerte gegen die Energiesperre, was als akustische Antwort ein hohes, scharfes Knistern zur Folge hatte. "Siehst du; völlig stabil, und eigentlich weißt du das auch ganz genau. Es ist lediglich der herrliche Ausblick, der dich fertigmacht. Nur Einbildung, nichts weiter."

"Falsch!" gab der Terraner zurück. "Gegen ein nettes Aussichtsfenster habe ich ebensowenig wie andere Leute. So ein Objekt, das mir bei jedem Schlag mit einem anständigen, dumpfen Geräusch versichert, daß es aus guter, solider Materie besteht und nicht etwa vor meinen Augen verschwindet, sobald jemand auf der Brücke den falschen Knopf drückt."

"Blieb ruhig, schließlich sind wir ja hier, um diesen Zustand zu ändern." beschwichtigte ihn Mutub, während er die Anzeigen des Sublimators im Blick behielt. "Außerdem drückt niemand auf der Brücke den falschen Knopf, solange er uns hier an der Arbeit weiß."

"Ich wünschte, ich wäre da so sicher." Knut verschränkte die Arme und sah sich unter seinen Kameraden um. "Wir wissen doch noch nicht einmal, ob sich dieses mordgierige Ding überhaupt wieder davongemacht hat. Theoretisch könnte es in diesem Augenblick in einer der Konsolen da oben stecken und sich fragen, ob es nicht Zeit für einen komischen kleinen Scherz wäre. Jede Wette, seine lieben Formwandlerkollegen würden sich noch in Jahrhunderten darüber kaputtlachen."

"In dem Fall hätten uns Narhamak oder die Arrhinia D'jah wieder an Bord geholt, noch ehe die letzte Luft aus deinen Nasenlöchern gewichen wäre." versuchte Rilkar ihn zu beruhigen. Er nahm einen der Applikationsköpfe aus der Halterung und zog ihn an die energetische Wand heran. Vorsichtig führte er ein paar Striche aus, wobei jedesmal ein metallisch glänzender Hauch auf dem Kraftfeld zurückblieb. Er nickte zufrieden.

"Temperatur und Druck sind in Ordnung, legen wir los!"

Sofort griff auch Mutub zu und begann gemeinsam mit dem Ingenieur die Öffnung zuzuweben; nur wenige Augenblicke später hatte sich ein gleichmäßiger trüber Schleier über die Öffnung gelegt.

"Woher willst du überhaupt wissen, daß es ein Formwandler gewesen ist?" erkundigte sich Soto indessen. "Schließlich sind sie besiegt und wie es heißt, sitzen bis auf eine einzige Ausnahme alle auf der anderen Seite des Wurmloches. Wie sollten sie dann ausgerechnet nach Risa geraten?"

"Machst du Witze? Wir wissen doch ganz genau, daß nicht nur einer von ihnen im Alpha-Quadranten agiert hat, und da unten befindet sich zufälligerweise ein netter und gastfreundlicher Planet voller cardassianischer Flüchtlinge. Na, läutet da was bei dir? Außerdem konnte der Täter völlig unbemerkt an Bord kommen, sich fachkundig an Narhamak vergreifen, um anschließend hier unten ein kleines Feuerchen zu legen. Wahrscheinlich sitzt er jetzt irgendwo in der Nähe und denkt über seine nächste Gemeinheit nach, möglicherweise sogar etwas weiter da vorne im Gang, wo es hübsch dunkel ist. - Was meinst du, Drahani, traust du dir zu, mit so etwas fertig zu werden?" wandte er sich an die einzige Person, die bis dahin kein Wort gesagt hatte.

"Ich verzögere bis auf fünfeinhalb Herzschläge." gab die breitschultrige Technikerin seelenruhig zur Antwort. "Und das mindestens viermal hintereinander. Wenn er hier ist, soll er nur kommen. Ich werde ihm zeigen, was mit einem Eindringling passiert, der eine Sternschwinge zu töten versucht."

"Ich glaube nicht, daß er noch an Bord ist." schaltete sich Soto ein. "Vielmehr nehme ich an, daß er sich sofort danach wieder aus dem Staub gemacht hat. Immerhin hatte er die Absicht, das Schiff ausbrennen zu lassen, da wäre es doch blödsinnig gewesen, sich selbst einem Risiko auszusetzen. Kann sein, daß er einen Komplizen auf einer der Parkbahnen oder sogar unten auf dem Planeten hatte, der lediglich sein Signal abgewartet hat. In diesem Orbit finden in jedem Augenblick so viele Transporte statt, daß ein solcher Transfer überhaupt nicht auffallen würde."

"Möglich, wer weiß!" Knut sah zu der Reparaturstelle hinüber, die immer mehr das vertrauenerweckende Aussehen einer massiven Metallwand annahm. "Auf alle Fälle dürfte es jemand sein, der uns nicht gerade liebt, und da stehen die Gründer wohl so ziemlich auf Platz Eins. - Rilkar, sag mal, glaubst du, daß die Arrhinia D'jah ebenfalls..."

Der Ingenieur hob den Kopf von seiner Arbeit, drehte sich aber nicht um.

"Kein Ahnung, Knut!" erwiderte er. "Vielleicht versucht er es, vielleicht auch nicht. Allerdings kann ich dir verraten, daß Talan vor Erreichen des Sonnensystems Wachdienste für rund um die Uhr eingeteilt hat. Er hat angeordnet, schon bei geringstem Verdacht Alarm zu geben. Und was ihn selbst angeht..."

"Zu allem entschlossen, wie?"

Rilkar zuckte die Achseln und setzte die Reparatur fort.

"Wie manīs nimmt! Nur soviel: Ich hatte ihn schon ziemlich lange nicht mehr mit seinem Disruptor gesehen."

 

 
15.

 

Es wurde Nacht an Bord. Wie angekündigt war Tarkin eigensinnig auf der Brücke geblieben, hatte sich an einem ruhigeren Platz niedergelassen und sich leise mit Narhamak unterhalten. Nun allerdings machten sich die Anspannung und Strapazen der letzten Zeit bei ihm bemerkbar, was zur Folge hatte, daß er im Sitzen einschlief und sein Oberkörper nach vorne auf die Konsole sank. Aslari beobachtete es schweigend, verließ still den Raum, um gleich darauf mit einer weichen Felldecke zurückzukehren. Behutsam hüllte sie den Körper ihres Gefährten ein und zog sich anschließend auf einen etwas entfernten Stuhl zurück, um seinen Schlaf nicht zu gefährden. Von dort aus achtete sie darauf, daß er durch niemanden gestört wurde, führte ein paar Gespräche, beantwortete gelegentlich eine Anfrage und hielt vor allem ein scharfes Auge auf Keolai, die während ihrer Arbeit keinen Hehl aus ihrer Verärgerung machte. Hin und wieder hörte Aslari sie barsche Anweisungen an Narhamak geben, die sie erst dämpfte, nachdem die Sim sie mehrmals nachdrücklich dazu aufgefordert hatte.

Nach und nach wurde es ruhig auf der Brücke. Die meisten Crewmitglieder hatten sich mittlerweile in ihre Unterkünfte zurückgezogen, doch Aslari harrte weiterhin aus und bewachte Tarkins Schlaf. Hin und wieder betrachtete sie ihn mit heimlicher Rührung. Sein üppiges Haar floß über Anzeigen und Bedienungselemente, und die Arme hatte er halb über die Konsole gebreitet, so als versuchte er sein Schiff festzuhalten. Sie ahnte, wie froh und erleichtert er nach den vergangenen schlimmen Tagen war; um so mehr haderte sie mit sich selbst, weil sie ihn im Transporterraum so ungeschickt und taktlos begrüßt hatte. Tatsächlich war es das erste Mal in der gesamten Zeit ihres Zusammenseins gewesen, daß er ihr gegenüber aufgebraust war, und das galt ihr als sicheres Zeichen, daß er sich am äußersten Rand seiner psychischen Kraft bewegte. Noch vorhin hatte er ausdrücklich nach Ruhe verlangt, was ihr gut und nachvollziehbar erschien. Sie würde jedenfalls alle erforderlichen Hebel in Bewegung setzen um zu erreichen, daß er diese Ruhe auch bekam.

Fast wie von selbst glitten ihre Gedanken in die Vergangenheit, zurück in die Zeit, in der sie noch im heimatlichen Sim-Habitat gelebt hatte. Mit einem inneren Lächeln erinnerte sie sich daran, wie sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, als er inmitten eines Jagdtrupps die Eingangshalle betrat, und sie entsann sich ihrer Unruhe, an den festen Vorsatz, diesem Heranwachsenden, dem bereits ein gewisser Ruf vorauseilte, in weitem Bogen aus dem Wege zu gehen. Es hatte sie nicht überrascht, daß sich Tarkin, sonst von den Jagdtrupps heftig umworben, schon bald als hoffnungsloser Sitzenbleiber unter den Partnersuchenden erwies. Welche junge Frau mit Verstand wollte sich schon mit jemandem binden, dem allgemein ein frühes Ende prophezeit wurde? Niemand hatte daran Interesse, und auch Aslari verstand unter Partnerschaft etwas anderes als gemeinsam die wenige Zeit bis zur unvermeidlichen Schreckensnachricht zu verbringen. Zugegeben, sie fühlte jedesmal ein gewisses Mitleid, wenn sie Tarkin mit hängendem Kopf auf der Habitatstreppe erkannte, und darum pflegte sie stets rasch vor ihm abzubiegen, um jede Begegnung zu vermeiden. Alles, was sie ihm bieten konnte, war lediglich eine weitere Enttäuschung, und ihrer Auffassung nach hatte er davon schon genug einstecken müssen.

Daß ihre Vorsicht nicht ausgereicht hatte, sollte sie schon bald feststellen. Eines Tages tauchte Tarkin so unvermittelt neben ihr auf wie ein Jäger vor einem Kaja, und er begann augenblicklich, sie in eine Unterhaltung zu verwickeln. Fast bestürzt stellte Aslari fest, daß sie einen ebenso intelligenten wie humorvollen Gesprächspartner vor sich hatte, der außerdem vorzüglich zu erzählen verstand. Staunend lauschte sie seinen Überlegungen und Ideen in Bezug auf neue, ungewöhnliche Jagdmethoden, bis ihr in einem plötzlichen Anfall von Panik bewußt wurde, daß Tarkin ihr zu gefallen begann. Hastig improvisierte sie ein paar schroffe Antworten, wandte sich von ihm ab und hoffte damit der Gefahr entronnen zu sein.

Am nächsten Tag hieß es, der Vari habe das Habitat verlassen, und Aslari fühlte eine irritierende Mischung aus Erleichterung und Bedauern in sich. Offenbar hatte der junge Mann die Hoffnungslosigkeit seiner Lage erkannt und sich wieder auf den Rückweg gemacht, was sicherlich das beste für alle Seiten war. Dennoch sagte ihr ein vages Gefühl, daß Tarkins Überlebenschancen besser standen als gemeinhin angenommen, denn was auch immer über ihn geredet wurde, dumm war er nicht.

Und dann, nur wenige Tage darauf, geschah es: Aslari öffnete eines Morgens nichtsahnend die Tür ihres Quartiers, um unmittelbar davor ein totes Ungetüm zu finden. Dünenlarke waren zwar kleiner als Waldlarke, aber in einem Habitatsgang wirkte ein solches Geschöpf geradezu ungeheuerlich. Direkt daneben stand Tarkin, und als Aslari den Kopf hob, begegnete sie Augen, die vor Stolz und Hoffnung strahlten, worauf sie nicht anders konnte als bedingungslos zu kapitulieren. Den gesamten Rest des Tages verbrachte sie dann mit der Entdeckung, daß sich die Talente des Vari keineswegs nur auf Jagd und Erzählkunst beschränkten.

Gutwillig folgte sie ihrem neuen Partner in sein heimatliches Habitat und stellte sich dort mit Fleiß und Tatkraft einer Aufgabe, die woanders nur doppelt oder dreifach so alten Rhazaghanern aufgebürdet wurde. Wie sie hatte feststellen müssen, hatte sie sich mit einem heranreifenden Clanführer gebunden und das brachte für sie die anstrengende und verantwortungsvolle Tätigkeit eines Beraters mit sich; allerdings sollte es nicht bei den bisherigen Erkenntnissen bleiben. So wie der junge Tarkin zwischen den Gegensätzen Körper und Geist, Freude und Zorn, Sanftheit und Schärfe, Selbstsucht und Pflichtgefühl pendelte, stand auch ihr ein unaufhörliches, mit den Jahren immer stärker werdendes Schwanken zwischen zwei Extremen bevor: Glück und Angst. Und wenn sich Aslari auch nach außen hin scheinbar in ihr Schicksal fügte, wuchs doch tief in ihrer Seele eine ebenso verzweifelte wie unerfüllte Sehnsucht nach Sicherheit und Stabilität heran.

 

Gegen Ende der Nacht ließ sie das Zischen der Brückentür den Kopf wenden, und sie erkannte Laraskir, der mit langen Schritten den Raum betrat, sich suchend umsah und dann unschlüssig stehenblieb, als er den halb auf der Konsole liegenden Tarkin bemerkte. Aslari legte den Finger auf die Lippen und winkte ihn heran.

"Laß ihn noch schlafen, er war sehr erschöpft. Was gibt es denn?"

"Tybrang läßt ausrichten, daß sie sich jetzt bis hinunter auf Deck elf vorgearbeitet haben. Bisher haben sie keine Spur eines Formwandlers ausmachen können."

Sie nickte ernst. "Gut. Vielleicht haben wir ja Glück, und der Täter hat gleich nach seinem Anschlag das Schiff verlassen. Falls aber nicht, erwartet ihn eine böse Überraschung. Er hat seine erste und einzige Chance vertan; nun wird er feststellen, daß aus seinen Opfern Gegner geworden sind."

Laraskir warf einen Blick zu Tarkin hinüber. "Du bleibst bei ihm?" vergewisserte er sich.

"Ja, ich werde ihn keinen Moment aus den Augen lassen." Sie beugte sich ein wenig vor. "Du brauchst keine Angst um ihn zu haben, Laraskir!" fuhr sie leise, aber im festen Tonfall eines unauflöslichen Versprechens fort. "Sie werden ihn uns nicht noch einmal wegnehmen, dafür werde ich sorgen. So etwas wird nie wieder passieren, hörst du? Nie wieder!"

Er nickte voller Überzeugung. Er war sicher, daß noch keine Angehörige ihres Volkes so sehr um ihren Gefährten hatte kämpfen müssen wie Aslari, ebenso wie er wußte, daß ihr harmloses Äußeres trog. Jahrelange verbissene Übung hatte sie zu einer fürchterlichen Gegnerin für jeden Formwandler werden lassen, und mittlerweile war sie imstande, ihren Luumwechsel um volle neun Herzschläge zu verzögern. Kein zweiter Rhazaghaner war dazu in der Lage, und Laraskir fragte sich insgeheim, was wohl mit einem Gründer geschehen würde, der zwischen Tarkin und sie geriet. Er zweifelte eigentlich nicht daran, daß sich auch Aslari Gedanken über einen solchen Fall gemacht hatte, und irgend etwas sagte ihm, daß ihr Gegner dann wahrscheinlich nie wieder eine zweite Gelegenheit erhalten würde.

Aslari begann unvermittelt zu lächeln. "Oh, richtig, fast hätte ich etwas sehr Wichtiges vergessen:" unterbrach sie seine Gedankengänge. "Ich wünsche dir viele gute Jagden und eine stets glückliche Rückkehr. Alles Gute zur vorletzten Stufe, Zahnluumjäger Laraskir von den Vari!"

Er hob überrascht die Brauen. "Du weißt es schon?"

"Bestimmte Dinge sprechen sich schnell herum. Ich freue mich für dich, vor allem weil ich wußte, wieviel dir daran lag, die Prüfung bei Tarkin zu machen; allerdings muß ich zugeben, daß es mich letztendlich nicht überrascht hat. Ich war sicher, daß er es sich nicht nehmen lassen würde, dich selbst zum Abschluß zu bringen."

Laraskir blieb einen Moment still und betrachtete sie etwas zweifelnd. "Tatsächlich?" fragte er schließlich.

"Aber natürlich! Gewiß, die Sache im Numa-Habitat war ein schlimmes Erlebnis, das er erst einmal überwinden mußte, aber nun liegt es hinter ihm. Du wirst sehen, ist er erst einmal wieder heimgekehrt, wird er auch die übrigen Schulungen fortsetzen, sie liegen ihm viel zu sehr am Herzen. Wie war es denn während der Prüfung, hat er es dir schwer gemacht?"

Der junge Rhazaghaner hob den Kopf und sah sie an. "Schwer gemacht?" wiederholte er und lachte auf. "Du hättest ihn erleben sollen, Aslari, er war in Hochform. Er ist uns in Gestalt eines Larks gegenübergetreten, eines bösen, hinterhältigen, niederträchtigen hinkenden Larks. Er hat uns hin und her durch einen Saal gehetzt, uns an einer Wand aus Tischen und Stühlen abrackern lassen und uns mit glitschiger Seife genarrt. Am Ende hatte ich das Gesicht voller kleiner Holzsplitter, eine Nase so groß und dick wie ein Driah und einen hübschen blauen Flecken, nämlich mich. Eines weiß ich mittlerweile: Sollte ich irgendwann während meines Jägerlebens einem hinkenden Lark begegnen, so werde ich sehr geneigt sein, ihn in Frieden ziehen zu lassen."

Aslari hatte mit großen Augen zugehört. Was Laraskir da berichtete, galt ihr als der sehnlichst erwartete Beweis, daß ihre Wünsche und Hoffnungen in Erfüllung gingen.

"Ich wußte es!" rief sie leise und glücklich. "Er hat aufgehört zu trauern und seinen Zustand akzeptiert; das steife Knie spielt keine Rolle mehr. Du wirst sehen, Laraskir, ab jetzt geht es wieder aufwärts mit ihm. Tarkin ist längst über sein Dasein als Jäger hinausgewachsen, nur gibt es ein paar, die das noch nicht einsehen wollen. Nun werden sie endlich zu verstehen beginnen, welche Fähigkeiten und Begabungen den eigentlichen Clanführer der Vari ausmachen."

Laraskir fühlte in sich ein sonderbares Gefühl des Unbehagens aufsteigen. Er hatte Aslari sehr gern und wußte, wie zärtlich sie Tarkin liebte. Zudem waren ihre Worte sicherlich tröstlich gemeint gewesen, dennoch gab es darin irgend etwas, das ihn zum Widerspruch reizte.

"Ich weiß nicht, Aslari," wandte er ein, "warum sollte Tarkin nicht wieder anfangen, ein Jäger zu sein? Das ist er schon immer gewesen; es steckt in ihm und durchdringt ihn, es ist einfach Teil seines Wesens. Nach der Katastrophe auf der Arrhinia D'jah hat er mit dafür gesorgt, daß die Übriggebliebenen zu essen hatten, obwohl er damals jünger war als Nirrit. Er war jahrelang mit nichts anderem beschäftigt als Fleisch für uns zu beschaffen und zu lernen, wie man ein besserer Jäger wird, und als die Situation später nicht mehr so kritisch war, gab es keinen unter uns Jüngeren, der ihm seine Alleingänge nicht gegönnt hätte. Lange Zeit war er so darauf konzentriert, sich zu perfektionieren, daß er sich erst viel später als die übrigen zur Partnersuche aufmachte."

Aslari rieb sich unruhig die Schläfen. "Das weiß ich alles, Laraskir!" wehrte sie ab. "Aber dazu kam es doch nur, weil sich die Vari in einer Notlage befanden. Unter normalen Umständen wäre es ganz anders abgelaufen, Tarkin hätte diese Jagdbesessenheit niemals entwickelt. Außerdem besitzt er mittlerweile ein Handicap, und das schließt irgendwelche riskanten Aktionen ein für alle mal aus."

Der junge Mann schüttelte den Kopf. "Das ist nicht gesagt." hielt er dagegen. "Die Rettung der Numa von Cardassia war ein gewaltiges Abenteuer, eines der größten der rhazaghanischen Geschichte, doch Tarkin konnte seinen Teil trotz der Verletzung erfüllen. Verglichen mit heute war sein damaliger Zustand sogar noch wesentlich schlechter, weißt du noch?"

Sie blinzelte mehrmals, und ihr Gesicht verdüsterte sich. Sie dachte nicht gern an die Zeit im Orbit von Cardassia zurück. Es verursachte ihr körperliches Unbehagen, ähnlich einem stumpfen Schmerz, der sich gerade oberhalb der Wahrnehmungsgrenze bewegte. Außerdem fiel es ihr schwer, sich an irgendwelche näheren Einzelheiten zu erinnern. Wenn sie es versuchte - was nur selten vorkam - schienen sich ihre Gedanken durch einen zähen, klebrig-dicken Nebel zu arbeiten. Hin und wieder tauchten zwar Bilder daraus empor, doch sie blieben vage und verschwommen, und irgend etwas machte Aslari sicher, daß sie kein Interesse an den Einzelheiten hatte.

Sie machte eine unwillige Handbewegung, als versuchte sie, ein stechlustiges Insekt aus ihrer Nähe zu vertreiben. "Paß mal auf, Laraskir..." holte sie aus.

Doch der junge Rhazaghaner konnte ihr nicht mehr zuhören. Er blickte geradewegs an ihr vorbei zum Hauptschirm, auf dem der Romulaner Talan erschienen war. Mehrere körperliche Anzeichen wiesen darauf hin, daß er noch vor wenigen Augenblicken sehr schnell gerannt war.

"Ist Tarkin auf der Brücke?" fragte er heiser.

Die zuhörenden Rhazaghaner spürten, wie sich ihnen sämtliche Haare sträubten. Aslari stand langsam auf, ohne den Blick von ihm abzuwenden.

"Er... schläft!" gab sie zur Antwort und wies mit einer leichten Kopfbewegung zur Seite, wo sich die betreffende Konsole befand. "Warum, was..."

"Ihr müßt ihn wecken! Jetzt sofort!"

In Tarkins Ecke kam Bewegung. Aslaris Gefährte hob blinzelnd den Kopf und stemmte sich dann umständlich in die Höhe. "Ich... ich bin wach, ich bin wach!" versicherte er schlaftrunken. "Was ist los, ist etwas passiert?"

Talan sah ihn an, und der Rhazaghaner begriff voller Bestürzung, daß sein Schüler im diesem Moment seine gesamte Selbstdisziplin aufbot.

"Tarkin, hat Narhamak bereits das Sicherheitsbackup in seinen Speicher gezogen?" fragte er drängend.

"Ich weiß es nicht!" erwiderte Tarkin, während ihm eine böse Ahnung kam. "Wieso, warum fragst du?"

"Weil," antwortete der Romulaner und schloß kurz die Augen, "wir soeben festgestellt haben, daß die Arrhinia D'jah nicht mehr reagiert. Ihr Speicher ist leer."

Tarkins Kopf fuhr zu Keolai herum, die sich langsam von ihrem Arbeitsplatz erhob. Ihr bestürzter Gesichtsausdruck kam einem Schuldeingeständnis gleich.

Mit fünf hinkenden Schritten war er zu ihr hinübergeeilt. Schweigend stand er ihr gegenüber und starrte sie an; seine Fäuste ballten sich.

Keolai hatte Mühe, seinen Blick zu erwidern. "Die Überprüfung..." begann sie unglücklich.

Tarkins Hände schossen blitzschnell vor, packten die Schultern der Rhazaghani und schüttelten sie. "Was höre ich da?" zischte er außer sich vor Wut. "Du wagst es deinem Clanführer ins Gesicht zu sagen, daß du deine haarspalterische, kleinkarierte und hirnverbrannte Suche nach Unregelmäßigkeiten immer noch nicht abgeschlossen hast? Daß du die ganze Nacht damit verbracht hast, übellaunig in Narhamaks Speicher herumzukramen, obwohl jeder von uns wußte, daß sich die Katastrophe jederzeit wiederholen konnte? Ist dir eigentlich klar, daß wir wahrscheinlich nur wegen deiner absurden Pedanterie die Arrhinia D'jah verloren haben?"

Keolai war wesentlich älter und daher größer als Tarkin; dennoch hing sie widerstandslos in den Fäusten ihres Clanführers. Verzweifelt sah sie auf ihn hinunter.

"Bitte, Clanführer..." flüsterte sie. "Versteh doch, das Risiko... Das Leben der Crew... Ich trug die Verantwortung für die Sicherheit jedes einzelnen, ich hatte kein Recht, es einfach zu übergehen..."

Tarkin erstarrte. Er sah den Kummer und das Entsetzen in Keolais Augen, und sein Griff löste sich langsam und zögernd.

"Narhamak!" rief er in verzweifelter Hoffnung sein Schiff. "Zuhause im Vari-Hangar befindet sich noch die Xaringal. Glaubst du, es besteht die Möglichkeit..."

Es herrschte einen Moment Stille. "Nein." antwortete die Männerstimme schließlich leise. "Xaringals Entwicklung steht noch am Anfang; ihr Speicher wurde daher erst ein einziges Mal erweitert und bietet nicht genug Platz für eine derart umfangreiche Persönlichkeit wie die der Arrhinia D'jah. Sie mußte ohne die geringste Absicherung von Rhazaghan aufbrechen."

Sein Schiffsführer krümmte sich zusammen. Dann aber richtete er sich auf, legte den Kopf in den Nacken und stieß einen Schrei aus, der von den Wänden widerhallte und den Anwesenden durch alle Knochen fuhr. Anschließend blickte er sich mit glühenden Augen um, keuchend vor Zorn und jeden Muskel in seinem Körper angespannt. Keiner von den Umstehenden brachte es über sich, ein Wort zu sagen; auf der Brücke herrschte entsetztes Schweigen.

Ein greller Wechselblitz flammte auf, der Tarkin in die Zahnluum beförderte. Er fletschte das furchtbare Raubtiergebiß.

"Sagt Tybrang Bescheid, ruft die Jäger zusammen! Wir gehen nach drüben."

Aslari kam näher. "Was hast du vor?" fragte sie erschüttert.

"Was die Pflicht des Clanführers ist:" schnappte er. "Denjenigen zu töten, der tötet! Es ist mir völlig gleich auf welche Weise; und wenn ich gezwungen sein sollte, Talans Disruptor zu verwenden. Gehen wir!"

 

Im Transporterraum trafen sie mit dem schreckensbleichen Tybrang zusammen, der bereits eine größere Anzahl Jäger um sich versammelt hatte. Als sie wenige Augenblicke später auf der anderen Sternschwinge materialisierten, erwartete sie Talan neben der Plattform, die Finger fest um den Kolben des Disruptors geschlossen. Niemand von ihnen nahm sich die Zeit für eine Begrüßung oder ein paar Worte der Betroffenheit; noch während die nächsten Jäger eintrafen, machten sie sich auf, um das Schiff auf eine nie gekannte Art und Weise auf den Kopf zu stellen. Normalerweise empfand jede Zahnluum die Ausdünstungen einer technischen Konstruktion als Zumutung, doch angesichts des schrecklichen Ereignisses, das über sie hereingebrochen war, spielte das für niemanden mehr eine Rolle. Die stumpfe Dauerwitterung des Metalls, beständig und allgegenwärtig wie ein Brummton, der stechende Geruch immer wieder wechselnder Kunststoffe, Pflege- und Hilfssubstanzen, scharf, prickelnd und irritierend - Tarkin ignorierte sie alle. Er hastete hinkend durch Quartiere und Gemeinschaftsräume, überprüfte Lüftungsschächte, Wartungstunnel und Konsolen und durchstöberte die Maschinenräume bis in den hintersten Winkel, auf der Suche nach jener einen besonderen Witterung, die sich ihm für die Dauer seines gesamten restlichen Lebens ins Gedächtnis gebrannt hatte.

Einen Tag lang waren sie mit nichts anderem beschäftigt, als das unterste zuoberst zu kehren, in der grimmigen Hoffnung, den Mörder der großen alten Seele ihres Schiffes zu finden. Dann mußten sie sich der Einsicht stellen, daß ihnen der Täter abermals entkommen war. Es war eine zutiefst bittere Erkenntnis, und als sich Talan endlich zu seinem Quartier aufmachte, war der Weg dorthin von trauernden Mitgliedern der Crew gesäumt. Tarkin folgte dem Romulaner erschöpft nach, ohne wahrzunehmen, daß Aslari traurig und mitleidig hinter ihnen zurückblieb. Wenig später schloß sich die Tür der Kabine, und sie waren allein.

Talan warf den Disruptor achtlos auf den Tisch, dann ließ er sich in einen Sessel fallen. Tarkin setzte sich in mitfühlendem Schweigen seinem Schüler gegenüber, um ihn bekümmert und fast scheu zu beobachten.

"Mein Schiff!" stieß Talan unvermittelt zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. "Und das auch noch unter meinen Augen! Man sollte meinen, ich hätte mehr in den dreißig Jahren meiner Offizierskarriere gelernt."

Tarkin blieb stumm; angesichts des Ausmaßes der Katastrophe fielen ihm keine tröstlichen Worte ein.

Talan saß da, die Ellbogen auf den Knien und starrte vor sich hin. Lange Zeit verharrte er so, doch schließlich senkte er den Blick und schüttelte den Kopf.

"Arrhinia D'jah!" sagte er leise. "Ich hatte immer geglaubt, sie würde eines Tages zusammen mit ihrem letzten Gegner in einem gewaltigen Feuerball enden. Aber auf diese Art und Weise... still und vollkommen unbemerkt..." Er blickte düster auf. "Es ist, als wäre sie durch einen Dolchstoß in den Rücken gestorben. Und wir bringen es nach all dem nicht einmal fertig, ihren Mörder zu finden und ihn ihr hinterherzuschicken."

Der Rhazaghaner schwieg noch immer, doch nun tauchten Bilder aus seinem Gedächtnis auf, fünf Jahrzehnte alte Erinnerungen, grauenvoll, schmerzhaft, und doch unvergessen. Er schloß die Augen und sann ihnen wehmütig nach, bevor er schließlich leise zu sprechen begann.

"Das Schiff des Anfangs... Als sie damals nach ihrem allerersten Aufstieg zurückkehrte, hatten wir Zurückgebliebenen uns auf der Ebene versammelt und schauten hoffend hinauf zum Himmel. Fast alle jüngeren Clanmitglieder in voller Luumreife waren mit der Stahlgefährtin in den Befreiungskampf gezogen, unter ihnen Clanführerin Jarsali, ihre Berater, sämtliche Jagdführer. Wir wußten nicht, daß nun nur noch eine einzige lebende Seele an Bord existierte: Die der Arrhinia D'jah."

Er seufzte tief, dann fuhr er fort.

"Tagelang waren wir damit beschäftigt, die Toten aus dem Schiff zu tragen, hinaus ins Freie, wo das Feuer brannte. Wir besaßen kein Habitat und somit auch keine Habitatsspitze mehr, zu der wir sie hätten hinaufschaffen können, damit ihr Licht weit über das Clangebiet strahlte. Alles was wir ihnen bieten konnten, war einen hohen flammenden Scheiterhaufen am Rande der Ebene."

Er sah nachdenklich auf seine gefalteten Hände hinunter, während Talan stumm darauf wartete, daß der Rhazaghaner weitererzählte.

"Tybrang und ich verfügten damals noch nicht über die Kraft und Größe, um den Körper eines erwachsenen Rhazaghaners allein hinausbringen zu können, aus dem Grund arbeiteten wir zusammen. Wir durchstreiften die stillen Gänge, in denen sich nur hin und wieder das Klagen des Schiffes hören ließ, faßten bei jedem Fund gemeinsam an, machten uns auf den Weg nach draußen und kehrten wieder zurück. Schließlich fanden wir sie auf dem fünften Deck: Jagdführerin Elrysim von den Vari, erstickt wie alle anderen. Einen Tag darauf stießen wir dann in der Nähe der Brücke auf Rachyad, der ihr Gefährte gewesen war. Elrysim hatte seinerzeit eine Reise bis hoch in den Norden zum Habitat der Tar unternommen und war ihm dort begegnet. Clanführer Brokars war nicht sehr begeistert gewesen, als ihm die Vari einen seiner fähigsten Berater entführte, wogegen die junge Jarsali sich ausgesprochen erfreut über den Neuzugang zeigte. Jeder Clanführer hätte Rachyad in seinen Stab aufgenommen, und sie stellte in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar.

Die Beziehung zwischen Elrysim und Rachyad verlief überaus zärtlich und harmonisch und erreichte wenige Jahre später ihren endgültigen Status. Im anschließenden Hochsommer vereinten sich beide, und im darauffolgenden Frühjahr wurde ihr Kind geboren. Angesichts der Tatsache, daß Rachyad in seinem angestammten Clan eine hohe Position aufgegeben hatte und ihr gefolgt war, bestand Elrysim darauf, dem Jungen den Namen "halber Tar" zu geben, um auf die Herkunft seines Vaters hinzuweisen. Und darum empfing Clanführerin Jarsali ihn noch am selben Tag auf den Armen und begrüßte ihn mit dem Namen Tarkin von den Vari.

Rachyads und Elrysims Tod liegt jetzt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück." schloß der Rhazaghaner die Geschichte seiner Eltern. "Und nun hat die Arrhinia D'jah als letzte ihrer Gemeinschaft den Weg zur anderen Seite angetreten. Niemand von uns weiß, wo dieser Ort liegt, zu dem sie alle gegangen sind, aber einer einzigen Sache bin ich mir sicher: Die Arrhinia D'jah hat ihn gefunden."

Er erhob sich, hinkte still zur Tür und verließ Talans Quartier. Die Gänge des Schiffes waren leer; jeder hatte sich in seine Unterkunft zurückgezogen, um auf seine persönliche Weise den gewaltigen Verlust zu betrauern, der die Vari getroffen hatte. Mit schwerem Herzen machte sich Tarkin auf den Weg zum Transporterraum, als er plötzlich bestürzt innehielt: Von irgendwo weiter vorne im Gang näherten sich die schnellen Schritte mehrerer Personen. Gleich darauf kam Tybrang hastig um die Ecke gebogen, direkt gefolgt von Rilkar und der alten Computertechnikerin.

"Tarkin!" rief ihm sein Freund entgegen. "Sag Talan Bescheid, wir müssen uns zusammensetzen. Es ist möglich, daß wir auf etwas Interessantes gestoßen sind."

 

"Keolai hat sich den Speicher der Arrhinia D'jah genau angesehen." eröffnete ihnen der Numa, nachdem sie sich gemeinsam in einem kleinen Konferenzraum niedergelassen hatten. "Natürlich müssen wir zugeben, daß es sich bei allem Folgenden um Spekulationen handelt, doch mittlerweile glauben wir nicht mehr daran, daß es sich um einen Mord handelt."

"Kein Mord?" Talan hob den Kopf. "Wenn es aber kein Mord war, was war es dann?"

"Ein Diebstahl!" antwortete Keolai und erhob sich.

"Ich verstehe mich nicht auf die Jagd, und darum hielt ich es für sinnlos, mich an der Suche nach dem Täter zu beteiligen." erklärte sie mit einem zaghaften Blick in Tarkins Richtung. "Die einzige Möglichkeit, mich nützlich zu machen, sah ich darin, mir den geschädigten Speicher vorzunehmen. Ich hatte gesehen, was nach dem ersten Anschlag von Narhamak übriggeblieben war, weshalb ich davon ausging, daß sich mir hier ein ähnliches Bild bieten würde. Doch zu meiner Überraschung war das nicht der Fall. Was ich in Narhamaks Speicher vorgefunden hatte, war eine Vielzahl von Datentrümmern gewesen, die den Eindruck erweckten, als wäre seine Persönlichkeit regelrecht zerrissen worden, um eine simple Metapher zu verwenden. Doch der Speicher der Arrhinia D'jah weist keinerlei Überreste auf; er ist vollständig leer, als hätte jemand seinen Inhalt abgesaugt, um beim bildlichen Vergleich zu bleiben. Unwillkürlich drängte sich mir der Gedanke an einen kombinierten Kopier/Löschvorgang auf."

Sie drehte den Kopf und sah zum Ingenieur hinüber.

"Ich habe Rilkar von den Cardassianern meine Entdeckung gezeigt und ihm auch meine Überlegungen nicht verschwiegen. Er war ebenfalls sehr überrascht und berichtete mir von einigen Informationen, die die Vorfälle hier möglicherweise in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen."

Sie nickte dem Ingenieur zu, der daraufhin das Wort ergriff.

"Ich muß an dieser Stelle erwähnen, daß ich nach dem Krieg einige Recherchen betrieben habe." schickte er voraus. "Damals bedienten sich die Siegermächte ungeniert an der Wissenschaft und Technik Cardassias, und ich hoffte bei dem ganzen Ausverkauf wenigstens an einige interessante neue Konzepte zu kommen. Während meiner Nachforschungen stieß ich auch auf Gerüchte über Neuentwicklungen, die den Gründern ihre Infiltrations- und Spionagetätigkeit hatten erleichtern sollen. Die Rede war unter anderem von neuartigen miniaturisierten Geräten, deren Speicher Platz für noch nie dagewesene Datenmengen boten. Andere Innovationen, so wurde behauptet, dienten dem Zweck, den heimlichen Transport auf feindliche Raumer zu ermöglichen." Rilkar zuckte die Achseln. "Solche Meldungen sind nach einem Krieg nichts Ungewöhnliches; manchmal kursieren noch Jahre später Berichte über Wunderwaffen des Gegners, die angeblich kurz vor der Fertigstellung standen. Jedenfalls beschuldigten sich die Föderation und das romulanische Reich eine Weile gegenseitig, heimlich die bewußten Neuentwicklungen an sich gebracht zu haben. Schließlich kam man dann zu der Ansicht, daß es sich lediglich um die üblichen Fehlinformationen gehandelt hatte."

Tarkin wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Talan und lehnte sich dann vor. "Das sind tatsächlich interessante Hinweise, wenn man sie mit unseren Fakten in Verbindung bringt." urteilte er. "Einmal angenommen, die bewußten Geräte existieren tatsächlich und haben, sagen wir mal, über emigrierte Wissenschaftler den Weg nach Risa gefunden..."

"Moment!" fiel ihm Tybrang ins Wort. "Das ist noch nicht einmal alles. Als mir Keolai und Rilkar von ihren Vermutungen berichteten, kam mir ein Gespräch in Erinnerung, das ich bei meiner ersten Ankunft im Transporterzentrum von Olanki mitbekommen hatte. Eine zornige Terranerin beschwerte sich darüber, daß sich ein Unbekannter an Bord ihres Schiffes geschlichen und völlig unbemerkt Teile der technischen Ausrüstung entfernt hätte. Sie sagte auch, sie wäre vor solchen Vorkommnissen auf Risa gewarnt worden. Der Mann hinter dem Schalter zeigte sich in keiner Weise überrascht; er kommentierte ihren Bericht nicht, noch zweifelte er ihn an und stellte auch keine Aufklärung des Falles in Aussicht. Stattdessen bot er der Frau die Vermittlung eines Reparaturdienstes an und erklärte sich bereit, sich auch um alle übrigen Formalitäten zu kümmern. Nachträglich betrachtet machte der Vorgang einen auffallend routinierten Eindruck."

"Dann stimmt es also!" knurrte Talan. "Im risanischen Orbit geht ein unsichtbarer Dieb um. Aber dann würde das auch bedeuten..."

"...daß die Persönlichkeit der Arrhinia D'jah möglicherweise noch existiert." ergänzte Rilkar zuversichtlich und nickte. "Irgendwo, wahrscheinlich komprimiert und ohne Bewußtsein in einem miniaturisierten Speicher, aber noch intakt. So gesehen halte ich es auch für denkbar, daß Narhamaks Zerstörung in Wahrheit nichts weiter als ein mißglückter erster Versuch war. Ihr wart davon ausgegangen, daß der Anschlag zu schnell erfolgte, als daß er sich hätte zur Wehr setzen können. Ich dagegen bin der Meinung, daß genau das Gegenteil der Fall gewesen ist: Vermutlich hat er sich gewehrt, als er den Vorgang bemerkte, und sicher sehr heftig, was dann zu der Zertrümmerung seiner Persönlichkeit führte. Der Dieb mußte mit leeren Händen wieder abziehen, um es dann nach der Ankunft der Arrhinia D'jah prompt noch einmal zu versuchen. Dieses Mal, so scheint es, mit mehr Erfolg. Aus dem Grund könnte es vielleicht sein, daß wir keinen weiteren Anschlag zu befürchten haben."

Talan runzelte die Stirn. "Ich wünschte, ich wäre da ebenfalls so sicher." hielt er skeptisch dagegen. "Habt ihr eigentlich eine Vermutung, warum der Täter beim zweiten Mal mehr Glück hatte?"

Keolai blickte auf ihre gefalteten Hände und räusperte sich etwas verlegen.

"Die Arrhinia D'jah verfügt über eine ausgesprochen kluge und selbständige Persönlichkeit." gestand sie dann zur Überraschung der anderen vier. "Sie wußte, welche Gefahr bestand, und ich bin sicher, daß sie sich deswegen Gedanken gemacht hat. Der Zugriff erfolgte offensichtlich zu schnell, als daß sie uns hätte alarmieren können, aber sie erkannte wohl noch rechtzeitig, was sich bei Narhamaks Vernichtung abgespielt hatte. Also muß sie es ohne Gegenwehr zugelassen haben, daß ihre Persönlichkeit in den fremden Speicher kopiert und zeitgleich im angestammten gelöscht wurde."

Tarkin Miene drückte nach wie vor Zweifel aus; er lehnte sich zurück und schüttelte langsam den Kopf.

"Er mag sein, daß es sich bei den Anschlägen auf die Schiffscomputer lediglich um Diebstahl handelt." räumte er ein. "Ich fürchte nur, ganz so einfach ist es leider nicht. Was bleibt, ist die Brandstiftung und die Tatsache, daß der Täter offensichtlich die Vernichtung der gesamten Crew zum Ziel hatte. Es ist natürlich möglich, daß er auf diese Weise verhindern wollte, daß seine Identität offenbar wird, und das legt die Vermutung nahe, daß er uns und unsere Fähigkeiten gut kennt. Dafür spricht auch die Tatsache, daß er sich nicht mit einer bloßen Kopie des Speicherinhaltes begnügte, sondern daß er Wert darauf legte, einen leergefegten Hauptcomputer zu hinterlassen. Er muß also gewußt haben, daß ihm das Schiff sonst unverzüglich das Handwerk gelegt hätte."

Talan nickte düster und zählte die Fakten an den Fingern ab. "Fassen wir also zusammen: Er weiß, was es mit Rhazaghanern auf sich hat und hegt aus irgendwelchen Gründen einen unversöhnlichen Groll gegen sie. Außerdem ist ihm bekannt, daß ihre Schiffscomputer in diesem Quadranten etwas Einmaliges darstellen. Es gelingt ihm bei beiden Überfällen unbemerkt zu bleiben, und er bedient sich offensichtlich einer Technologie, die seinerzeit eigens für die Gründer geschaffen wurde." Er warf einen Blick in die Runde. "Ich jedenfalls wüßte keinen transportablen Speicher, der in der Lage wäre, eine derart gewaltige Datenmenge aufzunehmen. Man bedenke: Die komplette Persönlichkeitsstruktur der Arrhinia D'jah einschließlich sämtlicher Informationen, die sie während ihrer bisherigen Existenz aufgenommen hat! Kein Wunder, daß sowohl die Föderation wie auch das Reich fieberhaft nach den Plänen gesucht haben."

"Und nun sieht es ganz danach aus, als ob sie heimlich nach Risa geschafft worden wären." ergänzte Tybrang. "Womit wir gleich bei der Frage wären, von wem. Anscheinend erweist sich unser erster Verdacht als der richtige: Alle Indizien deuten tatsächlich darauf hin, daß im risanischen Orbit ein Formwandler umgeht und sich ungehindert an fremder Technologie bedient. Aber was machen wir jetzt, wie kommen wir an ihn heran?"

Tarkin erhob sich, trat an das breite Fenster heran und betrachtete nachdenklich den Planeten, der stumm inmitten der Schwärze leuchtete.

"Es würde mich schon sehr wundern, wenn man dort unten nicht einiges mehr über diese Vorfälle wüßte." murmelte er halblaut. "Allerdings hat es wohl keinen Sinn, sich Auskünfte von einem Angestellten des Transporterzentrums zu erhoffen. Was wir brauchen, ist kein Reparaturangebot, sondern konkrete Hinweise, und die bekommen wir wohl nur von der Leitung des örtlichen Sicherheitsdienstes. Das beste wird also sein, wir gehen nach Olanki und machen uns auf die Suche nach jemandem, der uns direkt an die zuständigen Leute verweisen kann."

"Ich begleite dich!" bot sich Talan an, aber da blitzte es in Tybrangs Augen auf.

"Nein!" widersprach er ungewöhnlich scharf. "Dies ist eine rhazaghanische Angelegenheit, und wir sollten in der Lage sein, selbst damit fertig zu werden. Man verschafft sich keinen Respekt, wenn man bei auftretenden Schwierigkeiten sofort nach der Hand eines Außenweltlers greift. Wir haben es bereits fertiggebracht, Aryshtin zu finden und dürften auch bei dieser Sache ohne Hilfe zurecht kommen."

Der Romulaner hob überrascht den Kopf. "Aber diesmal..." wandte er ein, was Tarkin, der bereits auf dem Weg zur Tür gewesen war, sich noch einmal umwenden ließ.

"Tybrang hat recht." sagte er fest. "Der Angriff galt den Rhazaghanern und ihren Schiffen, und es ist nun an uns, darauf zu antworten. Wir können nicht für alle Zeiten darauf hoffen, daß jemand kommt und unsere Probleme für uns löst. Wenn wir von der Föderation als mündiges Mitglied anerkannt werden wollen, müssen wir uns ihnen selbst stellen."

Kurz darauf waren Talan und der Ingenieur allein im Raum zurückgeblieben. Der Romulaner saß verdrossen da und schaute auf die Tür, die sich eben hinter den drei Rhazaghanern geschlossen hatte. Rilkar musterte ihn vorsichtig von der Seite her.

"Nimm es Tybrang nicht allzu übel!" empfahl er ihm. "Du weißt ja, er..."

Talan nickte resigniert. "Ja, ich weiß, ich weiß! Er ist empfindlich, was seine alte Freundschaft zu Tarkin betrifft. Leider hat er nicht die geringste Vorstellung, was sie beide dort unten erwartet. Armer Tarkin, er hat sich erfolgreich Sabreshs, den Jem`Hadar, Cardassianern, einem Goroch und einem Atalan gestellt, aber diesmal steht er im Begriff, sich mit einem Gegner anzulegen, gegen den er nicht gewinnen kann."

Er schwieg, ebenso wie Rilkar, doch dann folgte die Antwort.

"Behörden!" sagten beide wie aus einem Mund.

Kurz darauf hatten sie sich auf den Weg zu Talans Quartier gemacht, und Rilkar stellte dabei fest, daß auch die sonstigen Erwartungen seines Freundes nicht sehr optimistisch waren. Während der Besprechung war die Aufregung über die ersten greifbaren Anhaltspunkte so groß gewesen, daß der allgemeine Schock in den Hintergrund gerückt war. Nun aber spürte Talan erneut Kummer und Erschöpfung in sich aufsteigen.

"Sie hat sich nicht zur Wehr gesetzt." murmelte er. "Sie hat sich einfach in die unbekannte Finsternis reißen lassen, in der Hoffnung, daß wir begreifen, was sie getan hat, daß wir uns auf die Suche nach ihr machen würden. Und jetzt steckt ihre Persönlichkeit hilflos und ohne Bewußtsein in irgendeinem verdammten Gerät fest, zusammen mit allen Informationen, die sie im Laufe der Jahrzehnte gesammelt hat. Wahrscheinlich wird der Täter beides bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit voneinander trennen und sich anschließend ihrer entledigen. Er dürfte wissen, daß er keinerlei Nutzen aus ihr ziehen kann."

Der Ingenieur schüttelte den Kopf. "So einfach ist das nicht, du vergißt die ungeheure Datenmenge. Außerdem kennen wir doch das alte Mädchen; ich glaube kaum, daß der Dieb so leichtes Spiel mit ihr haben wird. Wir haben eben erst mit den Nachforschungen begonnen, ich sehe keinen Grund, warum wir uns geschlagen geben sollten."

Der Romulaner warf ihm im Gehen einen Seitenblick zu und stieß ein sarkastisches Lachen aus. "Glaubst du wirklich, daß Tarkin und Tybrang auch nur das geringste ausrichten werden?" fragte er bitter. "Wir kennen doch den Verlauf in solchen Fällen: Jeder Angesprochene wird sich dumm stellen, sich als nicht zuständig bezeichnen oder behaupten, keine Auskunftsberechtigung zu besitzen. Man wird höflich lächeln oder betroffen die Stirn runzeln, unendliches Bedauern ausdrücken und die beiden an die nächste Stelle verweisen, die sich dann höchstwahrscheinlich am anderen Ende der Stadt befindet. Ich habe genug Zeit auf Ämtern verbracht, um zu wissen, daß sie alle auf die selbe Weise funktionieren; du etwa nicht?"

"Nun, um ehrlich zu sein..."

"Hinzu kommt, daß man hier alle Gründe haben wird, die Vorfälle unter den Tisch zu kehren. Risa lebt von seinen Besuchern und es liegt kaum im Interesse seiner Regierung, die peinliche Angelegenheit bekannt werden zu lassen. Abstreiten, Herunterspielen, Beschönigen heißt die Parole, und genaugenommen würde noch nicht einmal meine Begleitung etwas daran ändern." Er schnaubte selbstverächtlich. "Machen wir uns nichts vor: Ein romulanischer Offizier, der keinen feuerbereiten Warbird im Rücken hat, ist so beeindruckend wie ein Tirst ohne Zähne und Krallen. Man bestaunt das exotische Ding ein wenig und geht anschließend zur Tagesordnung über."

"Talan..."

"Stimmt es etwa nicht?" Er stieß heftig die Luft aus. "Man kann vom romulanischen Reich halten, was man will, aber es versteht sich wenigstens darauf, an den richtigen Stellen Druck auszuüben. Vor zehn Jahren hätte ich mich kaum darauf beschränkt, hier oben zu sitzen und auf die Gnade einiger Schreibtischhocker zu hoffen. Und jetzt steht mir nicht einmal mehr die Arrhinia D'jah zu Verfügung."

Talans Quartiertür öffnete sich zischend, doch anstatt dem Romulaner zu folgen blieb Rilkar im Durchgang stehen. Talan wandte sich halb zu ihm um und hob fragend eine Braue.

"Meiner Ansicht nach siehst du alles zu schwarz." redete ihm der Ingenieur gut zu. "Im übrigen habe ich das Gefühl, daß du etwas Ablenkung vertragen könntest. Wie wäre es, wenn wir die Sporthalle aufsuchen würden?"

"In die Sporthalle? Jetzt? Ich..."

"Selbstverständlich jetzt!" Rilkar packte einen unsichtbaren Fechtstock und nahm spielerisch Kampfhaltung ein. "Angeblich gibt es doch für einen romulanischen Offizier nichts Erfrischenderes, als einen Cardassianer zu verprügeln. Also wie sieht es aus? Du könntest es zumindest versuchen, oder willst du mir etwa sagen, daß du in der letzten Zeit etwas eingerostet bist?"

Talan musterte ihn überrascht, doch dann lächelte er traurig und schüttelte den Kopf.

"Ehrenhafter Versuch, aber im Moment muntert mich nicht einmal die Aussicht auf ein anständiges Gefecht auf. Ich habe heute das gesamte Schiff von Bug bis Heck durchsucht, und inzwischen langt es mir gründlich. Was ich jetzt brauche, sind drei, vier Gläser gutes romulanisches Ale. Wenn du Lust hast, kannst du mir etwas Gesellschaft leisten."

"Na gut, wenn du meinst, daß du so am ehesten darüber hinwegkommst..." gab Rilkar nach und betrat die Unterkunft, worauf sich endlich die Tür hinter ihm schloß. "Gib dem Replikator auch einen Canar ein, wenn du schon dabei bist."

"Einen doppelten Canar!" wandte sich der Romulaner an die Versorgungseinrichtung. "Und ein großes Glas romulanisches Ale!"

Während das Gerät seinen Betrieb aufnahm, ließ sich Rilkar erleichtert in einen Sessel fallen. Es war auch für ihn ein anstrengender Tag gewesen.

"Ich hoffe sehr, daß diese Nacht ohne Zwischenfälle bleibt." brummte er und reckte die Schultern. "Morgen werde ich mir dann den Kopf über einige Sicherheitssysteme zerbrechen müssen. Wenn man bedenkt, daß wir momentan..."

Talan hörte jedoch nicht mehr zu. Er starrte verwundert auf das Glas, das er dem Ausgabefach entnommen hatte.

"Hast du hierfür vielleicht eine Erklärung?" erkundigte er sich bei dem Ingenieur, der gerade verstummt war und ebenso verdutzt auf die klare Flüssigkeit blickte.

"Zeig mal her!" Mit wenigen Schritten kam Rilkar herangeeilt und schnupperte mißtrauisch an dem Inhalt des Glases. Dann nippte er vorsichtig daran.

"Wasser, gar kein Zweifel!" Er drehte sich zum Replikator um und entnahm ihm das zweite Trinkgefäß. Eine kurze Überprüfung folgte, dann war sich der Ingenieur auch in diesem Fall sicher. "Und das hier ebenfalls. - Ein großes Glas romulanisches Ale!" versuchte er gleich darauf sein Glück.

"Haltet ihr das wirklich für sinnvoll?" fragte eine ernste männliche Stimme aus der Kommunikation. "Bei der augenblicklichen Lage wäre es vielleicht besser, wenn ihr darauf verzichten würdet."

"Narhamak??" platzte Rilkar heraus. "Was machst du denn hier, ich meine, von wo aus sprichst du eigentlich?"

"Ich befinde mich im Speicher dieses Schiffes." lautete die Antwort. "Und gleichzeitig halte ich mich in meinem angestammten Computer auf. Zwar ist der Täter noch nicht gefaßt, doch es dürfte ihm schwer fallen, an zwei Orten gleichzeitig zuzuschlagen. Außerdem ist es für mich so leichter, für die Sicherheit dieser Crew zu sorgen."

"Du hast dich selbst in den Speicher der Arrhinia D'jah kopiert?" rief der Romulaner verblüfft. "Weiß Keolai davon?"

"Nein, ich sehe keinen Sinn darin, Keolai leichtfertig in einen Gewissenskonflikt zu stürzen." erwiderte Narhamak. "Es war mein eigener Entschluß, allerdings wird Tarkin nach seiner Rückkehr darüber befinden müssen. Ich habe meine gesamten Informationen aufgewandt, um alle Risiken auszuschließen, zum Beispiel muß kein Auseinanderdriften meiner beiden Persönlichkeiten befürchtet werden. Ein permanenter Synchronisationsprozeß sorgt dafür, daß die Speicherinhalte identisch bleiben."

"Deine Anwesenheit ist uns eine große Beruhigung." gab Talan zu. "Aber ist dies hier wirklich nötig?" Er hielt anklagend das Glas Wasser in die Höhe. "Du mußt wissen, wir hatten einen nicht gerade glücklichen Tag, und..."

"Das weiß ich." antwortete Narhamak freundlich. "Ebenso wie ich weiß, was für eine Wirkung die angeforderten Getränke auf euch haben. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß es zu einem weiteren Überfall kommt, und dann brauche ich die geistesgegenwärtige Hilfe eines Schiffsführers. Bist du nach drei, vier solcher Gläser noch in der Lage, mir die zu geben, Talan von den Romulanern?"

Talan ließ sich langsam auf die nächstbeste Sitzgelegenheit sinken. "Wenn ich nicht zufällig wüßte, daß ich mit einem Schiffscomputer spreche, würde ich sagen, es handelt sich um einen typischen Fall von Fließeffekt." staunte er. "Aber das ist ja völlig unmöglich. Oder seid ihr etwa mittlerweile..."

"Wie steht es eigentlich mit deiner Überprüfung?" schaltete sich Rilkar ein. "Hatte Keolai sie anschließend noch zu Ende gebracht? - Na, genaugenommen ist die Ursache des Ganzen wohl eher egal. Ein Rhazaghaner würde hier wahrscheinlich von einem Zuwachs an 'Reife' sprechen. Entscheidender ist, daß wir auf deine Mithilfe zählen können, und zur Zeit brauchen wir sie mehr denn je. Du weißt, was sich wahrscheinlich letzte Nacht hier abgespielt hat?"

"Ja, ich war bei eurer Besprechung zugegen. Die Arrhinia D'jah existiert noch immer, aber ihre Persönlichkeit wurde in einem fremden Speicher gefangen und entführt. Unsere Aufgabe ist es, sie zu finden und in ihren heimatlichen Computer zurückzubringen. Und genau das werden wir auch tun."

"Nun, Narhamak," versuchte der Ingenieur abzuschwächen, " möglicherweise stellst du dir das alles etwas einfach vor..."

"Wir werden sie finden!" beharrte die Sternschwinge mit entschlossener Stimme. "Zwei Sätze habe ich seit Beginn meiner Existenz immer aufs neue wiederholen hören: 'Der Einzelne zählt viel' und 'Wer verschwindet, wird gesucht'. Wir sind mit Nirrit aus der neutralen Zone zurückgekehrt, Tarkin wurde aus der Hand der Gründer befreit und der Clan der Numa von Cardassia geborgen; jeder einzelne von ihnen kehrte lebend heim nach Rhazaghan. Und wir werden auch nicht ohne die Arrhinia D'jah zurückkehren, niemals, selbst wenn ich bis zum natürlichen Ende meiner Existenz um diesen Planeten kreisen muß."

Talan warf seinem Freund einen bezeichnenden Blick zu und nickte anerkennend.

"Du hast recht!" wandte er sich daraufhin an Narhamak. "Sieht so aus, als müßte ein Schiff mich daran erinnern, was Kampfgeist bedeutet. Was stellst du dir als nächstes vor?"

"Ihr werdet schlafen und euch erholen." erklärte Narhamak schlicht. "Und ich werde über die Sicherheit beider Crews wachen, ebenso wie über diese technische Konstruktion. Die Arrhinia D'jah soll ihr Eigentum in intaktem Zustand wiedererhalten."

Rilkar grinste, dann leerte er das Glas in einem Zug und begab sich zur Tür.

"Dein Schiff!" stieß er den Romulaner an. "Kein Warbird, keine Arrhinia D'jah, aber immerhin ein Schlachtkreuzer, der weiß was er will. Ich würde vorschlagen, du folgst seiner Empfehlung und horchst erst einmal ausgiebig an deiner Matratze - ich jedenfalls habe genau das vor."

Er wartete, bis sich die automatische Tür zu schließen begann, dann hielt er schnell noch einmal sein Gesicht an den rasch schmaler werdenden Türspalt.

"Vergiß ja dein Wasser nicht!" hörte der entrüstete Talan ihn hindurchrufen.

Gleich darauf herrschte Stille in seinem Quartier.

 

 
16.

 

"Was gibt es?" Der Romulaner warf die Decke von sich und sprang mit einem Satz von seinem Lager. "Geht es wieder los? Feuer im Schiff?"

"Nein, alles in Ordnung!" beruhigte ihn die freundliche Stimme Narhamaks. "Ich habe dich nur geweckt, weil du deine gewohnte Zeitspanne an Schlaf hinter dir hast. Wir sollten allmählich mit unserer Arbeit beginnen."

Talan strich sich verblüfft das Haar zurück, während er spürte, wie sich sein sprunghaft angestiegener Pulsschlag allmählich wieder beruhigte, dann atmete er tief durch und suchte den Wasserbereich auf.

"Du weißt, wie lange ich für gewöhnlich schlafe?" vergewisserte er sich etwas mißtrauisch, als er unter der warmen Schwalldusche stand.

"Wir haben die individuellen Daten unserer Schiffsführer miteinander verglichen, Arrhinia D'jah und ich." erläuterte die Sternschwinge. "Unter anderem Tarkins und deine bisherige Existenzdauer, euer Gewicht, Größe, Körpertemperatur, Pigmentierung, durchschnittliche tägliche Nahrungsmenge, bevorzugte Umgebungstemperatur..."

"Schon gut, das genügt!" unterbrach ihn der Romulaner rasch. Er hatte das Gefühl, daß es besser war, nicht sämtliche Einzelheiten dieser mit Sicherheit sehr ausführlichen Nebeneinanderstellung zu kennen. Die Arrhinia D'jah hatte ihn schon in den verschiedensten, zum Teil äußerst privaten Situationen erlebt, und so glaubte er zu ahnen, was da alles für Informationen ausgetauscht worden waren. "Aber da du gerade von Tarkin sprichst:" schwenkte er auf ein anderes Thema über, "Sind die beiden Clanführer eigentlich schon wieder zurück?"

"Ja. Sie kamen während der Bordnacht und schlafen momentan. Nach meiner Einschätzung wird es noch geraume Zeit dauern, bis sie wieder aufwachen."

"Und?" fragte Talan gespannt. "Haben sie etwas in Erfahrung bringen können?"

"Nein, aber das war euren Aussagen nach ja auch nicht zu erwarten gewesen. Tybrang wirkte sehr müde und niedergeschlagen und sprach kaum ein Wort. Tarkin dagegen äußerte sich ziemlich drastisch über ihre Erlebnisse; viele der von ihm verwendeten Ausdrücke waren orionisch."

Der Romulaner pfiff beunruhigt durch die Zähne. "Das hört sich allerdings nicht nach einem Erfolg an." kommentierte er.

"Kein Erfolg, nein, aber ich habe den Eindruck, daß der Versuch trotzdem etwas bewirkt hat. Teile von Tarkins altem Verhaltensmuster scheinen zurückzukehren. Ich habe ihn schon lange nicht mehr auf orionisch fluchen hören."

Talan brummte zustimmend, deaktivierte die Duscheinrichtung und griff nach dem Handtuch.

"Es ist überhaupt einiges her, daß ich ihn zum letzten Mal wütend gesehen habe." murmelte er. "Und damit meine ich nicht bloß schlecht unterdrückten Ärger, sondern wirklich heißen, offenen Zorn. Sieht ganz danach aus, als hätte die alte Glut in der letzten Zeit wieder ein wenig Luft bekommen."

Er rieb sich die Nässe aus dem Haar, dann kehrte er in den Wohnbereich zurück und griff nach seinen Sachen.

"Soll ich dir helfen?" bot Narhamak sich an. "Es würde etwas Zeit sparen."

Der Romulaner erstarrte. "Wie meinst du das?"

"Tarkin aktiviert sein Hüllbild binnen eines Augenblicks, du hingegen mußt einige Momente für das Anlegen deiner Kleidungsstücke aufwenden. Ich wäre durchaus bereit und imstande, dir diese Mühe mithilfe des Transporters abzunehmen."

"Was? Soll das etwa heißen, du willst mich und meine Kleidung..."

Es gab eine kleine Pause, dann drang ein Geräusch wie leises Lachen aus der Kommunikation.

"War nur ein Scherz! Dein Frühstück befindet sich übrigens im Ausgabefach des Replikators. Romulanisch, so wie du es gewohnt bist."

Talan sah zur Versorgungseinrichtung seines Quartiers hinüber, und tatsächlich bot sich dort seinen Augen ein vertrautes Bild, was ihn dazu veranlaßte, seine unterbrochene Tätigkeit wieder aufzunehmen.

"Ich nehme an, es handelt sich um eine der von euch ausgetauschten Informationen." knurrte er, als er in seine Hosen stieg.

"Korrekt! Daher weiß ich auch, daß du es vorziehst, dein Frühstück in Ruhe, aber ohne großen Zeitverlust zu dir zu nehmen. Wir sprechen uns also gleich auf der Brücke weiter. Ich freue mich auf die Arbeit, und ich werde froh sein, wenn die Arrhinia D'jah wieder in ihren Speicher zurückgekehrt ist."

Talan nickte langsam. "Ja, das geht mir nicht anders." antwortete er leise.

Wenig später verließ er sein Quartier und begab sich zum Lift, wo er mit Rilkar zusammentraf.

"Ach, auch schon fertig." bemerkte dieser. "Ich nehme an, Narhamak hat dich geweckt?"

"Ganz recht, wecken, Frühstück... der Service ließ keine Wünsche offen." antwortete Talan trocken. "Und bei dir? Wurde dir ebenfalls Hilfe beim Ankleiden angeboten?"

Die Reaktion des Ingenieurs bestand darin, ihn mit runden Augen anzustarren.

"Was?" fragte er sichtlich ratlos.

"Schon gut, vergiß es! Von Tarkin und Tybrang hast du schon gehört?"

"Die Pleite bei den Nachforschungen? Ja, natürlich! Genau wie von dir vermutet: Man hat sie von einer Stelle zur nächsten geschoben und zum Schluß eine halbe Ewigkeit vor dem Büro des ersten Direktors für Orbitsicherheit warten lassen. Als sie endlich vorgelassen wurden, hat ihnen der Mann versichert, daß nichts in diesem Quadranten so sorgfältig überwacht würde wie der risanische Orbit; alle anderen Berichte wären absurde Gerüchte oder böswillige Verleumdungen. Zur Unterstreichung seiner Behauptungen hat er ein paar Statistiken vorgekramt, und erklärt, daß die erwähnten Diebstähle nichts als Einzelfälle wären und ohnehin gewöhnlich von Crewmitgliedern begangen würden. Zum Schluß hat er den beiden sein Mitgefühl erklärt, baldige Nachforschungen versprochen und sie mit dem Hinweis auf seinen angebrochenen Feierabend entlassen."

"Ja, die übliche Taktik." knurrte Talan. "Wenn du die Sache nicht in den Griff bekommst, dann kehr sie wenigstens unter den Teppich. Es existieren abwiegelnde Statistiken, sagst du? Dann wird es wohl langsam Zeit, daß wir unsere eigenen Statistiken erstellen. Mich würde vor allem interessieren, wie häufig diese Vorfälle eigentlich sind."

Rilkar musterte ihn neugierig. "Was hast du vor?" wollte er wissen.

"Nun, wir haben einen hochqualifizierten Computerexperten an Bord, also machen wir auch ruhig von ihm Gebrauch! Ich bin nahezu sicher, daß es Narhamak möglich sein wird, sich Einblick in die Auftragsbücher sämtlicher risanischer Schiffsreparaturwerkstätten zu verschaffen. Was die Untersuchungsprotokolle des Sicherheitsdienstes angeht, so gehe ich davon aus, daß wir nicht viel finden werden. Da die Regierung die Angelegenheit gern vertuschen möchte, werden sie vermutlich gar nicht erst archiviert. Trotzdem, es wird zwar nicht ganz einfach sein dort einzudringen, aber ein Versuch könnte immerhin nicht schaden. - Was ist mit dir, kommst du mit auf die Brücke?"

Der Ingenieur schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe vor, mit zusammen mit Mutub das Deck anzusehen, auf dem das Feuer ausgebrochen ist. Wir glauben zwar mittlerweile einiges über die Angriffe auf die Schiffscomputer zu wissen, aber wir haben immer noch keine Ahnung, auf welche Weise der Brand gelegt wurde."

Er schwieg einen Moment, dann blickte er auf und sah seinem Freund ernst in die Augen.

"Talan, ich muß gestehen, daß ich mich die halbe Nacht hin- und hergewälzt und überlegt habe." vertraute er ihm an. "Ich weiß, Tarkin und die meisten anderen haben sich in die Idee verbissen, daß hier ein Formwandler am Werk gewesen ist, aber meiner Ansicht nach ist es gefährlich, sich die Furcht zum Ratgeber werden zu lassen. Eigentlich wissen wir noch nicht einmal, ob der Angreifer tatsächlich körperlich an Bord war, dabei ist es durchaus denkbar, daß der Zugriff von einem nahen Schiff aus erfolgt ist. Was, wenn der Brandsatz nach erfolgter Tat einfach an Bord gebeamt wurde? Im übrigen müssen wir leider damit rechnen, daß sich Tarkin und seine Leute im Laufe der letzten Jahre mehr als nur einen einzigen Feind eingehandelt haben. Mir zumindest käme der eine oder andere Kandidat in den Sinn, und ich glaube noch nicht einmal, daß die Liste vollständig ist."

Der Romulaner nickte nachdenklich. Es fiel ihm ebenfalls schwer, derartige Gedanken von sich zu weisen. Schließlich atmete er entschlossen durch und schlug dem Ingenieur ermutigend auf die Schulter. "Ich fürchte, da ist leider etwas dran. Jedenfalls viel Glück bei deiner Untersuchung! Und was mich angeht, so werde ich zusehen, was ich gemeinsam mit Narhamak ausrichten kann."

 

Als Tarkin sein Quartier verließ, war er sowohl unausgeschlafen als auch ausgesprochen schlechter Laune. Er hielt sich nicht damit auf, die eigene Brücke aufzusuchen, sondern steuerte direkt den Transporterraum an und ließ sich auf das übersetzen, was er in Ermangelung einer Seele nur noch als "Talans Schiff" bezeichnen konnte. Wenig später traf er in der großen Zentrale ein, um dort den Romulaner vorzufinden, der in seinem Kommandosessel lehnte und gerade ein Bild auf seinem persönlichen Monitor betrachtete.

"Wir hätten dich mitnehmen sollen." schnaubte der Rhazaghaner ohne Überleitung. "Man hat uns gestern wahrscheinlich in jedes einzelne Verwaltungsgebäude von Olanki geschickt, bis dann zum Schluß..."

"Ja, ich habe es schon gehört." antwortete Talan etwas abwesend. "Mach dir nichts daraus, es wäre in meiner Begleitung wahrscheinlich nicht viel anders abgelaufen."

"Der Direktor von der Orbitsicherheit... solange wir ihm gegenüber saßen, schien er uns ein ausgesprochen kompetenter, mitfühlender und hilfsbereiter Mann zu sein, aber als wir wieder draußen vor dem Gebäude standen..."

"...war euch plötzlich klar, daß ihr genaugenommen keinen Schritt weitergekommen wart. Und sonderbarerweise konntet ihr euch des Gefühls nicht erwehren, daß man euch auf geschickte Weise abserviert hat." ergänzte Talan und nickte. "Wie gesagt, nimm es nicht persönlich! Dieser Schlag versteht sich darauf, so vernünftig und überzeugend daherzureden, daß dir das Gehirn nach kurzer Zeit aus den Ohren zu tropfen beginnt und kommt noch nicht einmal außer Atem dabei. Die Hauptaufgabe solcher Musterexemplare besteht darin, Leute wie euch abzuwimmeln, Leute die unliebsame Fragen stellen, und gewöhnlich beherrschen sie ihren Job perfekt, sonst säßen sie nicht mehr an ihrem Platz. Es bedeutet keine Schande, auf einen mit allen Wassern gewaschenen Bürokraten hereinzufallen, um so mehr, da es für euch die erste Erfahrung dieser Art war."

"Hm." brummte der Rhazaghaner, den die Vorstellung, schlichtweg an der Nase herumgeführt worden zu sein, sichtlich ärgerte. "Eine Sache ist allerdings nicht von der Hand zu weisen: Er konnte uns eine Menge Berichte und Aufstellungen zeigen, die belegen, daß diese Vorfälle..."

"Er hat euch belogen. Was ihr zu sehen bekommen habt, waren geschönte Protokolle und frisierte Statistiken, wenn sie nicht sogar vollkommen frei erfunden waren. Die Wirklichkeit sieht anders aus."

Tarkin legte den Kopf mißtrauisch zur Seite. "Wie kannst du das so sicher wissen?"

"Talan!" meldete sich unvermittelt die Stimme Narhamaks. "Ich habe jetzt auch die Daten der Aikyros-Werkstätten. Willst du sie haben?"

"Füg sie den anderen hinzu und gib mir dann das Ergebnis auf den Schirm." gab der Romulaner zur Antwort. "Schau an!" bemerkte er leise, als er die neue Kurve betrachtete. "Sieht so aus, als hätten sie geringfügig später von der Entwicklung profitiert. Vermutlich mußten sie erst einmal zusätzliches Personal anwerben."

Tarkin stand verblüfft neben ihm und brauchte ein paar Momente, um sich zu fassen.

"Narhamak ist hier?" platzte er schließlich heraus.

"Es ist dir hoffentlich recht?" fragte die Sternschwinge besorgt. "Ich hielt es für eine einfache, aber effektive Maßnahme, die der Sicherheit aller Beteiligten zugute kommt. Ich könnte den Zustand solange beibehalten, bis die Arrhinia D'jah wieder zurück ist."

"Ja, natürlich!" murmelte Tarkin noch immer staunend und strich sich über den Kopf. "Ich wundere mich lediglich darüber, daß mir der Gedanke nicht selber gekommen ist. Woran arbeitet ihr da?"

Talan drehte den Kommandosessel so, daß der Rhazaghaner einen besseren Blick auf den kleinen Monitor hatte. Tarkin beugte sich vor.

"Hier haben wir einen Überblick über die Anzahl der Schiffe, die hier innerhalb der letzten vier Jahre technische Hilfe in Anspruch nehmen mußten." erklärte der Romulaner, indem er auf die abgebildete Kurve wies. "Es handelt sich allerdings noch um keinen absoluten Wert, weil unsere Daten noch nicht vollständig sind. Es läßt sich jedoch bereits ein deutlicher Trend ausmachen, aber erst einmal der Reihe nach: Während des Krieges stagnierten die Aufträge der Werkstätten, bis dann nach Kriegsende die Zahl der Reparaturen stark anstieg, um sich schließlich ein gutes Stück weiter oben zu stabilisieren. Das ist nicht verwunderlich; nach den Listen, die wir aus dem Hauptcomputer der Orbitsicherung gezogen haben, wird Risa jetzt im Frieden von wesentlich mehr Schiffen angeflogen."

Er blickte auf, um sich zu vergewissern, daß Tarkin ihm folgen konnte. Als dieser nickte, fuhr er fort. "Nun hat allerdings vor über eineinhalb Jahren ein geringfügiger, aber doch gut erkennbarer zweiter Anstieg eingesetzt, und genau dieses Mehr an Aufträgen weist eine Auffälligkeit auf: Normalerweise werden bei einem Austausch auch die defekten Komponenten in der Aufrechnung aufgeführt. Entweder sie verursachen unterschiedlich hohe Entsorgungskosten, oder, die andere Möglichkeit, die ausgebauten Teile besitzen noch einen gewissen Wert, der dann in der Rechnung berücksichtigt wird. Nicht so in diesen Fällen. Zwar waren es meist sehr wichtige Bauteile, die ersetzt werden mußten, doch die ausgetauschten Elemente finden nirgendwo Erwähnung."

Er wandte den Kopf und Romulaner und Rhazaghaner sahen einander in die Augen. Tarkin begann grimmig zu nicken.

"Natürlich, wie auch! Es gibt nichts aufzuführen. Die Teile werden gestohlen, verschwinden wahrscheinlich einfach über Nacht!"

"Sieht ganz so aus! Nebenbei bemerkt: Die betreffenden Komponenten waren alle relativ klein, also nicht besonders schwierig zu transportieren. Außerdem gehörten die aufgeführten Schiffe überwiegend neuen Bauklassen an. Von den übrigen vermute ich, daß sie gerade frisch aufgerüstet waren. Wenn man dann noch bedenkt, daß es zahlreiche Gerüchte über Technologieschmuggel auf Risa gibt, rundet sich das Bild ab."

"Technologieschmuggel!" zischte Tarkin wütend. "Hier also haben die Formwandler ihre neue Einsatzmöglichkeit gefunden. Und da es sich gerade ergab, nutzte man die Gelegenheit, sich an jenen Geschöpfen zu rächen, die während des Krieges so lästig geworden waren - den Rhazaghanern!"

Talan hob behutsam die Hand und schüttelte den Kopf. "Langsam, Tarkin!" versuchte er ihn zu beschwichtigen. "Ich weiß, daß einiges für diese Theorie spricht, aber wir sollten uns nicht darauf versteifen, sondern auch noch andere Möglichkeiten in Betracht ziehen. Angenommen daß..."

"Andere Möglichkeiten?" brauste der Rhazaghaner augenblicklich auf. "Wir haben bereits eine fast sichere Spur; auf die sollten wir uns konzentrieren, anstatt uns in alle nur erdenklichen Richtungen zu verzetteln. Oder weißt du vielleicht sonst noch jemanden, der uns dermaßen haßt, daß er bereit wäre, eine komplette rhazaghanische Crew verbrennen zu lassen?"

Er fuhr herum und verließ heftig hinkend die Brücke, während sich Talan schweigend zurücklehnte. Er kannte Tarkin und wußte, daß es Situationen gab, in denen man Diskussionen mit ihm besser auf später verschob. Dies war ganz ohne Zweifel eine von ihnen.

 

Sobald Tarkin auf seiner eigenen Brücke angekommen war, ließ er sich schwer in den Kommandosessel fallen, ohne den Anwesenden auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Die Vari spürten seine finstere Stimmung, hielten sich scheu im Hintergrund oder schlugen einen vorsichtigen Bogen um ihn, während ihr Clanführer stumm vor sich hinsah. Er wußte, daß sich seine Leute einen Einfall von ihm erhofften, irgendeinen überraschenden Plan, der den Täter entlarvte und ihnen die Arrhinia D'jah zurückbrachte, aber er hatte keine Vorstellung, wie er ihre Erwartung erfüllen sollte.

Düster saß er da und blickte auf seine lang vor sich hingestreckten Beine, das eine gesund, das andere mit einem manipulierten Gelenk in seinem Inneren. Der Einfall blieb aus. Das Einzige, was Tarkin in sich spürte war Zorn, eine wilde, eingesperrte Kraft, ohne daß er die Möglichkeit hatte, Nutzen aus ihr zu ziehen. Zornig werden, der Wut freien Lauf lassen, das war es, wonach er sich im Augenblick sehnte, doch er ahnte, daß er ihre Richtung nicht mehr würde kontrollieren können, wenn sie erst einmal ihr Gefängnis verlassen hatte.

"Tarkin?"

Es war eigentlich keine Frage, sondern viel eher das stimmliche Äquivalent einer sanften, freundlichen Berührung. Der Rhazaghaner wandte den Kopf automatisch der an seiner Armlehne befindlichen Kommunikationseinrichtung zu, doch der kleine Monitor blieb dunkel. Nun erst wurde Tarkin bewußt, daß sein Schiff ihn nicht von der gewohnten Position aus angesprochen hatte, sondern daß es ihn von den Deckensensoren aus beobachtete, und er hob mit einer sonderbaren Empfindung den Blick.

"Ja?"

"Du machst dir Sorgen?"

Der Rhazaghaner senkte den Kopf.

"Ich weiß nicht mehr weiter, Narhamak!" gestand er leise. "Dieses Mal bin ich ratlos. Wir haben einfach zu wenig Hinweise. Zwar wissen wir, daß hier im Orbit jemand umgeht, und die Leute dort unten wissen es ganz genauso, aber sie haben Angst. Sie befürchten, ihre Besucher könnten beginnen Risa zu meiden, und darum wollen sie die Sache nicht publik werden lassen. Die Personen, mit denen wir gestern gesprochen haben, hatten einzig und allein die Aufgabe, uns geschickt zu belügen, wir haben uns die Zähne an ihnen ausgebissen." Er seufzte bedrückt. "Ich frage mich immer öfter, was wohl der allerletzte Gedanke der Arrhinia D'jah war, bevor das Bewußtsein sie verließ; gut möglich, daß sie auf meinen Einfallsreichtum vertraute. Nur fürchte ich allmählich, daß sie mich in diesem Fall überschätzt hat."

Narhamak schwieg einen Moment, während Tarkin niedergeschlagen vor sich hinsah.

"Ich verstehe." erwiderte die Männerstimme dann nachdenklich. "Diese Leute dürfen euch nicht die Wahrheit sagen, weil jemand es ihnen verboten hat. Dann wäre es wohl das beste, sich gleich an den Verantwortlichen zu wenden. - Gibt es hier einen Clanführer, Tarkin? Oder, noch besser, jemanden wie Mongaris?"

"Doch, sie nennen ihn den Präsidenten. Wir haben darum gebeten, ihn sprechen zu dürfen, aber allem Anschein nach verlangt man da etwas ganz Unmögliches. Die Leute reagierten auf eine Weise, die einen glauben läßt, es handele sich um eines ihrer Tabus, redeten von Personenschutz und vielem mehr. Außerdem scheint er grundsätzlich keine Zeit zu haben. Wir haben noch nicht einmal erfahren, wo man ihn treffen könnte."

Es gab eine weitere Pause.

"Du glaubst, daß es sich bei dem Täter um einen Formwandler handelt, nicht wahr?" fragte Narhamak dann unvermittelt.

"Um einen oder mehrere, ganz recht. Alles, was wir haben, weist darauf hin. Warum fragst du?"

"Weil ich glaube," antwortete das Schiff ruhig, "daß es allmählich Zeit wird, den Planeten auf Formwandler zu scannen."

"Scannen!" Tarkin schüttelte den Kopf. "Narhamak, ich fürchte, so einfach, wie du dir das denkst, geht es nicht. Hochenergiescans sind auf vielen dicht besiedelten Planeten verboten, und das gilt auch für Risa. Wir haben gestern versucht, eine Genehmigung zu bekommen, bis wir dann an der vierten Anlaufstelle erfahren haben, daß keine Ausnahmen gemacht werden. 'Ganz und gar ausgeschlossen!' lautete die definitive Antwort, die wir erhalten haben."

"Überhaupt keine Hochenergiescans?"

"Leider nicht, ich wünschte auch, es wäre anders."

"Na gut! In dem Fall," sagte Narhamak langsam, "müssen wir wohl auf einen Primärscan zurückgreifen."

Tarkin blinzelte, dann lehnte er sich vor.

"Worauf?" fragte er nach, da er glaubte, sich verhört zu haben.

"Auf einen Primärscan. Ich habe mir gerade die für den Aufenthalt im Orbit geltenden Richtlinien heruntergeladen. Ein Verbot von Primärscans ist darin nicht aufgeführt."

"Selbstverständlich nicht, für einen Primärscan müßten wir mindestens auf eine Entfernung von hundertfünfzig Schritt an das zu scannende Objekt heran; mehr leisten die Primärsensoren nicht, immerhin sind sie zur Kontrolle der Schiffshülle gedacht. Wie stellst du dir das vor, willst du vielleicht...?"

"...entsprechend nah an den Planeten heranfliegen, ganz recht!" ergänzte Narhamak zufrieden "Olanki scheint mir dafür der vielversprechendste Ort zu sein. Haben wir hier kein Glück, können wir den Scan ohne weiteres über anderen Städten fortsetzen."

Tarkin blieb einen Moment stumm; je weiter das Gespräch fortschritt, um so langsamer schien ihm sein Verstand zu arbeiten.

"Entschuldige, Narhamak, aber ist das wirklich dein Ernst?" wollte er schließlich wissen. "Ist dir bewußt, daß es in Olanki Gebäude mit einer Höhe von über zweihundertfünfzig Schritt gibt, und du willst da unten..."

"Warum nicht?" fragte das Schiff vergnügt. "Borial sagte einmal über die Arrhinia D'jah, sie wäre ohne Probleme in der Lage, quer durch die Skyline jeder beliebigen Metropole zu fliegen. Momentan ist es ihr nicht möglich, den Beweis anzutreten, aber ich bin gern bereit, es an ihrer Stelle zu tun."

Der Rhazaghaner wischte sich mit dem Handrücken die Schweißperlen ab, die ihm plötzlich reichlich auf der Stirn standen.

"Narhamak," sagte er heiser, "ich glaube nicht, daß die Risaner besonders begeistert über einen solchen Anblick..."

"Tarkin!" unterbrach ihn die Sternschwinge plötzlich sonderbar ernst. "Du erinnerst dich, wofür ihr mich seinerzeit konstruiert habt?"

"Natürlich, aber..."

"Ihr habt einen Schlachtkreuzer gebaut, Tarkin. Ein Kriegsschiff, eine Tötungswaffe. Meine Aufgabe, habt ihr mir eingeschärft, wäre es Rhazaghan und die Rhazaghaner zu schützen, und ich habe mich immer nach Kräften bemüht, ihr nachzukommen. Wenn es erforderlich war, habe ich Gebrauch von Phasern und Torpedos gemacht, oftmals mit schrecklichen Konsequenzen für die Gegenseite. Du hörst richtig, es war nie so, daß mir die Folgen meines Handelns nicht bewußt gewesen wären. Glücklicherweise haben wir jetzt Frieden; trotzdem belastet mich die Vorstellung, daß die Risaner nicht recht begeistert auf meinen Anblick reagieren könnten, weniger als du vielleicht glaubst."

Tarkin erhob sich langsam von seinem Platz. Er hatte sich stets als für Narhamak verantwortlich gefühlt, hatte ihn angeleitet und auf ihn geachtet, so wie er es seinerzeit bei seiner Schülerin Nirrit getan hatte. Nun jedoch hatte er das erste Mal das Gefühl, daß er seinem Schiff in derselben Augenhöhe gegenüberstand. Die Persönlichkeit des anderen war so stark geworden, daß er sie fast mit Händen greifen konnte.

"Was ist mit den Bestimmungen?" versuchte er noch einen schwachen Einwand und nahm dabei kaum wahr, daß die gesamte Brückencrew stumm und fassungslos ihrem Gespräch lauschte.

"Nun, es ist untersagt, eine Parkbahn aufzusuchen, die bereits besetzt ist; allerdings sehe ich in dieser Hinsicht kein Problem. Immerhin werden wir keine fremden Parkbahnen aufsuchen, sondern sie lediglich kreuzen. Um zu zeigen, daß wir ebenfalls an einer sicheren Durchführung des Manövers interessiert sind, werde ich mich mit sämtlichen Schiffen in Verbindung setzen, zu denen wir einen gewissen Mindestabstand unterschreiten müssen. Desweiteren besteht ein Verbot, welches das Parken unterhalb der niedrigsten Parkbahn betrifft, aber schließlich kann in unserem Fall von Parken überhaupt keine Rede sein. - Vertraust du mir, Tarkin?"

Der Rhazaghaner hatte zunächst Mühe, etwas zu erwidern, aber nach einem Schlucken brachte er eine Antwort zustande.

"Ja," sagte er rauh. "Ja, das tue ich, Narhamak."

"Gut!" Die Männerstimme schien zu lächeln. "Dann setz dich und warte in aller Ruhe ab. Ich bin sicher, daß ich zumindest etwas für dich werde erreichen können."

 

Mutub hob die Lampe noch etwas höher und blickte vorsichtig den geschwärzten und verwüsteten Gang hinunter.

"Nicht, daß ich jetzt wie Knut anfangen will." bemerkte er. "Aber etwas unheimlich ist es hier schon. Vielleicht hätten wir doch Drahani mitnehmen sollen."

Rilkar blieb weiter auf den Trikorder konzentriert.

"Auf Deck acht ist genug zu tun." antwortete er etwas abwesend. "Außerdem kann ich dich beruhigen: Zwar kenne ich mich nicht besonders mit Formwandlern aus, aber ich glaube kaum, daß es so einem Burschen Spaß machen würde, sich hier im Finstern zwischen Ruß und Rauchgestank herumzutreiben. Außerdem wäre er mittlerweile dermaßen schwarz, daß er uns erstmal um Wasser und Seife bitten müßte, bevor er weiter seinem Job nachgehen könnte."

Der Lemnorianer lachte leise. "Wahrscheinlich hast du recht, in dem Fall wäre Tarkin bestimmt ganz wild darauf, ihm den Rücken zu schrubben."

Er beobachtete den Ingenieur einen Moment lang aus seinen wachen gelblichen Augen. "Du glaubst nicht an die Formwandlertheorie." stellte er fest.

Rilkar zuckte mit den Schultern und gab einen vage klingenden Laut von sich. "Ich will mal so sagen: Es ist eine Theorie, nicht mehr und nicht weniger. Was mich allerdings stört, ist die Tatsache, daß sie die einzige ist, über die hier geredet wird."

Mutub nickte nachdenklich. "Von den Vari wirst du auch kaum eine andere zu hören bekommen. - Wie sieht es aus, schon irgendein Hinweis?" fragte er mit einem Blick auf das kleine Gerät.

Rilkar setzte die Empfindlichkeit des Trikorders noch etwas herauf. Dann studierte er abermals die Anzeigen und schüttelte den Kopf.

"Nichts! Bisher nicht die geringsten Überreste von brandbeschleunigenden Substanzen, auch keine Spuren einer Antimateriezündung, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Wie das Feuer auch gelegt wurde, eine Explosion können wir wohl ausschließen. So wie es bis jetzt aussieht, müssen wir davon ausgehen, daß der Täter gezündelt hat wie ein Schuljunge: Ein Feuerchen an passender Stelle und dann ab durch die Mitte. Ich wünschte, wir hätten wenigstens einen kleinen Anhaltspunkt, wo die Sache losgegangen ist."

"Nun ist der Sport- und Gemeinschaftsbereich auch nicht gerade klein." setzte Mutub vorsichtig hinzu und blickte sich überlegend um. "Vorausgesetzt natürlich, Tybrang hat recht mit seiner Vermutung, daß es hier irgendwo angefangen hat."

"Jedenfalls versicherte er, die Hitze wäre weiter hinten nicht zu spüren gewesen." Der Ingenieur seufzte und löschte die letzten Daten. "Na schön, versuchen wir es jetzt im Eßraum da drüben. Irgendwo muß sich doch ein brauchbarer Hinweis finden lassen."

Sie gingen ein paar Schritte, mußten jedoch feststellen, daß die betreffende Tür blockiert war und lediglich einen Spalt weit offenstand. Mutub zwängte seine Finger in die schmale Öffnung und zog, hatte jedoch keinen Erfolg mit seinen Bemühungen. Erst als der kräftige Halbcardassianer mit zupackte, gelang es ihnen, das Hindernis zu beseitigen.

Drinnen begann Rilkar sofort wieder damit, seinen Trikorder zu Rate zu ziehen. Mutub sah ihm einen Augenblick dabei zu, dann trat er an eines der fast vollkommen undurchsichtigen Aussichtsfenster und wischte kurz mit der Hand über den dicken Rußbelag. Eigentlich hatte er nur einen Blick hindurch werfen wollen, aber das Bild, das sich ihm daraufhin bot, irritierte ihn derart, daß er rasch noch ein zweites Mal über die Scheibe rieb. Schließlich stellte er die Lampe auf den Boden, zog den rechten Ärmel seiner Arbeitskleidung in die Länge und begann ein größeres Stück freizuputzen.

Rilkar hob verwundert den Kopf. "Meinst du nicht, daß das noch ein bißchen warten könnte?" erkundigte er sich und begann zu lächeln. "Ich weiß, hier wird es in der nächsten Zeit noch eine Menge zu tun geben, aber..."

"Vielleicht solltest du mal eben rüberkommen und dir das ansehen." entgegnete der Lemnorianer. "Möglich, daß ich mich irre, aber irgendwie kommt es mir so vor, als gingen wir runter."

Der Ingenieur runzelte überrascht die Stirn. "Tatsächlich!" kommentierte er, als er neben Mutub getreten war und ebenfalls einen Blick nach draußen riskiert hatte. "Wir nähern uns dem Planeten. Zwar nicht übermäßig rasch, aber es ist doch unverkennbar."

"Was glaubst du, was das zu bedeuten hat?"

Rilkar zuckte die Achseln. "Sieht ganz so aus, als finge Tarkins Kopf wieder an zu arbeiten. Es würde mich schon sehr wundern, wenn das hier nicht auf einen seiner Einfälle zurückginge. Ich habe zwar keine Ahnung, was das geben soll, aber oben auf der Brücke werden sie schon wissen, was sie tun. Sie erledigen ihren Teil, und wir unseren. Laß uns weitermachen, Mutub!"

 

Tiefer und tiefer ließ sich Narhamak durch die Parkbahnen sinken, sein zweites Selbst in den obersten Schichten des Orbits zurücklassend. Da es sich schlecht vermeiden ließ, gelegentlich den Kurs einer Raumjacht oder eines Luxusliners zu kreuzen, nahm er jedesmal Funkkontakt zu dem betreffenden Schiff auf, wenn er nicht schon vorher von dort aus gerufen worden war. Stets entschuldigte er sich höflich für die ungewöhnliche Annäherung, berichtete seinem Gesprächspartner von den beiden Überfällen und erzählte von der fürchterlichen Katastrophe, der die Crew nur mit knapper Not entgangen war. Auch den Verdacht, es könnte sich um die Tat eines Formwandlers handeln, verschwieg er nicht. Allerspätestens an diesem Punkt pflegte das Interesse seines Gegenübers zu erwachen. Man erkundigte sich nach der Reaktion der Behörden, und auch darauf gab Narhamak jedesmal offen und ehrlich Auskunft.

Risa, gab er zur Antwort, wäre leider nicht in der Lage, ihnen zu helfen, da sich die meisten Stellen für ihr Problem nicht zuständig fühlten und außerdem der Sicherheitsdienst zur Zeit vollkommen überlastet wäre. Aus diesem Grund und um einem weiteren Anschlag zuvorzukommen, hätten sie sich entschlossen, den Behörden bei der Suche nach dem Täter zu helfen. Selbstverständlich würden sie das Verbot von Hochenergiescans respektieren und es daher mit einem Primärscan aus nächster Nähe versuchen; es wäre die einzige Möglichkeit, die man sähe, die Crew zu schützen und des unheimlichen Verbrechers habhaft zu werden.

Am Ende jedes Gespräches hatte Narhamak es fertiggebracht, die Sympathie und das Verständnis der entsprechenden Brückenbesatzung zu gewinnen, worauf er die Parkbahn verließ, stets begleitet von diversen guten Wünschen. Da die Unterhaltungen grundsätzlich über offenen Funk erfolgten, traf er immer öfter auf Gesprächspartner, die bereits informiert waren und sich nun nach weiteren Einzelheiten erkundigen wollten. Ein Captain eines Kreuzfahrtraumers begann damit, sich mit befreundeten Kommandanten aus derselben Reederei in Verbindung zu setzen, und allmählich breitete sich Unruhe im risanischen Orbit aus.

Das bekam freilich auch die Orbitsicherung zu spüren. Schon kurz nach seinem Ausscheren aus der Parkbahn hatte man Narhamak dazu aufgefordert, unverzüglich zur alten Position zurückzukehren. Die Antwort der Sternschwinge bestand in der Übermittlung eines ausführlichen Berichtes der Geschehnisse und der Frage, auf welche Weise die Orbitsicherung zukünftig beabsichtige, ihrem Namen gerecht zu werden. Nur wenig später sahen sich die Diensthabenden mit den ersten Anfragen aus anderen Parkbahnen konfrontiert, die um so zahlreicher wurden, je näher Narhamak dem Planeten kam. Und der Sinkflug des rhazaghanischen Schiffes setzte sich immer weiter fort...

 

In Risas Hauptstadt Olanki, im Kern dessen, was von der historischen Altstadt noch übrig geblieben war, saß hinter reich verzierten Fenstern ein Mann an seinem Schreibtisch und arbeitete.

Hin und wieder hob er den Kopf mit den vollständig ergrauten Haaren und warf einen Blick hinaus auf die Straße, die vom Verkehr und dem Kommen und Gehen der Passanten belebt wurde. Er liebte es, auf diese Weise den Risanern nahe zu sein, und das war nur einer der Gründe, weshalb er es ablehnte, sein Büro in den prachtvollen neuen Administrationskomplex zu verlegen. Seit über sechs Jahrhunderten befand sich der Sitz des risanischen Regierungsoberhauptes in diesem Gebäude, und obwohl die vielen Hotelbauten Olanki stark in die Länge hatten wuchern lassen, war die Bezeichnung des Bauwerkes dieselbe geblieben: N'Lankay - Haus der Mitte, so wie der Titel des dort Residierenden N'Gaion, Person der Mitte, lautete. Zwar fand inzwischen fast nur noch das aus dem Föderationsstandard stammende "Präsident" im Sprachgebrauch Verwendung, doch N'Gaion Arachol hatte seiner Umgebung diese Anrede verboten, so wie er sich nach Kräften bemühte, sich dem endgültigen Aussterben des Risanischen entgegenzustemmen.

Zu seinem Kummer mußte er immer wieder feststellen, daß die meisten Risaner allenfalls noch fünfzig oder sechzig Worte aus ihrer angestammten Sprache kannten. Sein Chauffeur und Hausangestellter Naikor machte da keine Ausnahme, und Arachol wurde den Verdacht nicht los, daß dem jungen Mann das Föderationsstandard völlig genügte. Viele Risaner dachten mittlerweile so, empfanden die eingeschleppte Sprache als praktisch und behaupteten, das alte Risanisch wäre umständlich und nicht ausdrucksstark genug. Man konnte es ihnen noch nicht einmal verübeln. Sie waren Leute, die von ihrer harten Arbeit bis gegen Ende der Nacht in Anspruch genommen wurden und die darauf angewiesen waren, die Sprache ihrer Kunden perfekt zu beherrschen. Unter solchen Umständen wurde die Bewahrung der alten Kultur von den meisten nur noch als überflüssiger Luxus betrachtet.

Erneut blickte Arachol aus dem Fenster, ließ halb in Gedanken seine Augen über den Strom der Vorübergehenden wandern und wollte sich gerade wieder auf seine Arbeit konzentrieren, als ihn eine Beobachtung irritierte: Drüben auf der anderen Straßenseite standen ein paar Leute beisammen, die den Kopf in den Nacken gelegt hatten und zum Himmel aufschauten. Ein Mann hob die Hand, deutete in die Höhe und äußerte etwas, worauf sich zwei weitere Passanten der Gruppe hinzugesellten. Kurz darauf hielten auch einige weiter entfernt gehende Leute an und richteten ihren Blick nach oben.

Arachol lehnte sich ein Stück vor und blickte verwundert hinauf, doch er konnte nichts Auffälliges erkennen. Er überlegte kurz, dann erhob er sich von seinem Schreibtisch, öffnete die Tür, die hinaus auf die steinerne Balustrade führte und begann dort nach irgend etwas Ungewöhnlichem Ausschau zu halten. Seine Augen hatten bereits einiges an Schärfe eingebüßt, und so mußte er einen Moment lang suchen, bevor er das Bewußte ausgemacht hatte.

Auf den ersten Blick schien es sich um einen Vogel zu handeln, aber Arachol wußte sofort, daß dieser Eindruck trog, einfach trügen mußte. Nirgendwo im ganzen weiten Universum gab es einen so gewaltigen Vogel, daß er noch aus dieser Entfernung gesehen werden konnte, und weit entfernt war das Ding dort oben, daran bestand gar kein Zweifel. Hin und wieder trübte ein dünner Wolkenschleier den Ausblick auf das rätselhafte Objekt, bevor es wieder silbern in der Sonne aufblitzte. Seine Position am Himmel hielt es völlig konstant, die spitz zulaufenden Schwingen rührten sich nicht ein einziges Mal, und doch erkannte Arachol nach kurzer Beobachtung, daß es sehr wohl in Bewegung war, denn es wurde langsam und doch unleugbar größer.

Stumm stand der ältere Risaner da, die Augen auf den fernen Punkt gerichtet, und vergaß fast das Atmen, als plötzlich noch etwas in seinen Wahrnehmungsbereich trat. Es handelte sich um ein Geräusch, einen Ton irgendwo angesiedelt zwischen Brummen und Hämmern, aber er lag in einem so niedrigen Frequenzbereich, daß er weniger mit den Ohren sondern eher mit dem gesamten Körper erfaßt wurde. Die dumpfe Vibration schien ihren Weg bis in die Knochen zu finden, und plötzlich begriff Arachol, daß er ein extrem gedrosseltes Impulstriebwerk hörte, das Impulstriebwerk eines Raumschiffes, und dieses Raumschiff sank durch die risanische Atmosphäre nach unten.

"Ein Schlachtkreuzer!"

Es war mehr ein Keuchen als ein Wort gewesen. Arachol starrte hinauf, und seine Bestürzung war so groß, daß er seinen Sekretär erst bemerkte, als er fast neben ihm stand. Der Mann wirkte abgehetzt und verstört, und sein flüchtiger Blick zum Himmel verriet, daß er bereits Kenntnis vom dem unerhörten Vorgang hatte.

"N'Gaion Arachol..."

"Was ist los? Was passiert da oben?"

Sein Untergebener sah ihn verzweifelt an. "Ein Kriegsschiff aus einer der äußeren Parkbahnen!" berichtete er hastig. "Der dort am Funk sitzende Mann behauptet, sie wären bereits zweimal Opfer eines heimlichen Überfalls geworden, und alle Hinweise deuteten darauf hin, daß es sich bei den Tätern um Formwandler handelt. Sie rechneten jeden Moment mit einem weiteren Anschlag, und da sie von den risanischen Behörden keinerlei Hilfe erhalten hätten, sähen sie nur noch die Möglichkeit, die Schuldigen mit Hilfe eines Primärscans auszumachen, weil Hochenergiescans..."

"Scannen? Sie wollen den Planeten scannen?" Arachol starrte voller Entsetzen nach oben. "Haben Sie schon mit den Leuten von der Orbitsicherung gesprochen? Die Kellerstädte, die Familienrefugien... bestünde die Gefahr, daß sie bei einem solchen Scan entdeckt werden?"

"Sie können es nicht genau sagen, N'Gaion! Möglicherweise nicht, aber es ist ein großes Schiff, und niemand weiß, ob..."

"Geben Sie den anwesenden Sternenflottenraumern durch, daß wir Unterstützung brauchen! Sie müssen das Ding dort oben aus dem Orbit werfen, es mit Hilfe von Traktorstahlen abschleppen, irgend etwas in der Art, was weiß ich! Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, daß dieses Schiff noch näher kommt und bei seiner Suche auf die verborgenen Städte stößt."

"N'Gaion..." Der Sekretär biß sich nervös auf die Unterlippe. "Ich fürchte, damit würden wir einen großen Fehler begehen."

"Was?" Arachol musterte seinen Untergebenen überrascht. "Warum sollten wir? Die Sternenflotte ist verpflichtet..."

"Es wissen bereits etliche Schiffsbesatzungen über den Fall Bescheid, N'Gaion! Diese Leute haben im Tiefergehen zu diversen benachbarten Raumern Funkkontakt aufgenommen und allen und jedem von ihrer Sache berichtet. Die Orbitsicherung weiß sich vor Anfragen kaum noch zu retten, es kommt fast einem Tumult gleich. Die meisten wollen wissen, ob sich Formwandler auf Risa verborgen halten, ob es noch mehr Vorfälle dieser Art gibt, und wie sie sich vor ihnen schützen können. Es ist bereits immenser Schaden angerichtet worden, und wir müssen damit rechnen, daß unser weiteres Vorgehen genauestens beobachtet wird. Angenommen, wir lassen dieses Schiff von der Sternenflotte gewaltsam aus dem Orbit entfernen..."

Er verstummte mitten im Satz und sah seinen Vorgesetzten erbleichen. Auch Arachol hatte die schwierige Problematik des Falles erkannt.

"Haben Sie schon versucht, mit ihnen zu verhandeln?"

Der Sekretär atmete tief durch. "Ja, N'Gaion. Und wie es aussieht, gibt es da tatsächlich eine alternative Möglichkeit."

"Und die wäre?"

"Man wünscht ein persönliches Gespräch mit Ihnen."

Arachol hob den Kopf und blickte hinauf zum Himmel. Das fremde Schiff war noch ein gutes Stück nähergekommen.

"Antworten Sie ihnen, ich wäre einverstanden." sagte er heiser.

 

Tybrang stürmte fast auf die Brücke, aber Tarkin wandte nur kurz den Kopf, um sich dann weiter auf den Hauptschirm zu konzentrieren.

"Ich habe es eben erst beim Aufstehen erfahren." erklärte der Numa eilig und trat neben ihn. "Wie steht es im Moment?"

"Sieh selbst!" Der Vari nickte Richtung Schirm, wo die Stadt Olanki erschreckend nahe zu sehen war. Sämtliche Gebäude waren problemlos auszumachen, und die Straßen zeichneten sich langen schmalen Bändern gleich zwischen ihnen ab. Tybrang starrte halb entsetzt, halb staunend auf das Bild.

"Ohne Vergrößerung?"

"Es ist keinerlei Vergrößerung zugeschaltet. Wir befinden uns knapp dreitausend Schritt über Olanki und sinken noch weiter."

Tybrang strich sich das Haar zurück und schüttelte besorgt den Kopf. "Der Impulsantrieb... ich habe ihn noch niemals so stampfen hören. Und du bist dir wirklich ganz sicher..."

"Mach dir um den Antrieb keine Sorgen. Seine Temperatur liegt zwar etwas über der Norm, aber durchaus noch innerhalb der Toleranzen. Ich habe zwar keine Ahnung, wie sich Narhamak alles weitere gedacht hat, aber er weiß, was er tut, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel."

Tybrang nickte nervös und etwas unsicher, doch er verzichtete auf Einwände und ließ sich bei einer Konsole nieder. Schweigend beobachteten die Anwesenden das langsame Näherkommen der Stadt, als sie plötzlich spürten, wie ein feiner Ruck durch das Schiff ging. Gleich darauf änderte sich das Geräusch des Impulsantriebes geringfügig, und Olanki begann wieder zu schrumpfen.

Tarkin runzelte überrascht die Stirn. "Narhamak!" wandte er sich an sein Schiff. "Hast..."

"Ich habe meine Verhandlungen soeben abgeschlossen." unterbrach ihn unvermittelt die Sternschwinge. "Tarkin, hast du etwas Zeit?"

"Zeit? Zeit wofür?"

"Für ein Gespräch. Wenn du einverstanden bist, kannst du dich sofort nach unten begeben. Man hat mir versichert, daß man alles Erforderliche in die Wege leiten wird."

"Moment!" Tarkin lehnte sich verblüfft vor. "Du hast einen Gesprächstermin für mich vereinbart? Mit wem?"

"Mit dem Präsidenten von Risa. Du hattest vorhin gesagt, es wäre äußerst schwierig, die Erlaubnis für eine Unterredung mit ihm zu erhalten. Ich habe lediglich dafür gesorgt, daß du eine solche Genehmigung erhältst, das ist alles."

Einen Moment lang war sein Schiffsführer vollkommen sprachlos. Dann aber platzte die Erkenntnis aus ihm heraus.

"Es ging dir überhaupt nicht um einen Scan! Alles was du wolltest, war Druck auf die risanischen Behörden auszuüben, richtig?"

Aus der Kommunikation drang ein leises Lachen. "Natürlich! Es wäre ziemlich unwahrscheinlich gewesen, mit einem Primärscan einen Erfolg zu erzielen. Außerdem hätten wir dafür mindestens zwei Tage unmittelbar über der Stadt bleiben müssen, und das hätten wohl weder die Risaner noch die Sternenflotte zugelassen. Ich hatte dir aber versprochen, etwas für dich zu erreichen, und das habe ich getan. Wie man mir sagte, erwartet dich der risanische Präsident in diesem Augenblick im 'Haus der Mitte'. Ich wünsche dir viel Erfolg bei deiner Unterredung, Tarkin!"

Bevor der Vari etwas erwidern konnte, erlosch das Bild der Stadt auf dem Hauptschirm und machte dem des Romulaners Platz. Wer seine Mimik genau kannte, konnte feststellen, daß es ihm in diesem Moment sehr schwer fiel, ein Grinsen zu unterdrücken.

"Kompliment!" lobte er. "Es würde sich lohnen, Narhamak Föderationspoker beizubringen; er versteht sich tatsächlich erstklassig aufs Bluffen. Was wirst du jetzt tun, Tarkin?"

"Die Chance nutzen, die er mir verschafft hat und hinuntergehen." Der Vari zögerte etwas und schaute zwischen Tybrang und Talan hin und her. "Möchte mich jemand begleiten?" erkundigte er sich dann vorsichtig.

Der Romulaner hob mit einem Ruck den Kopf und sah mit funkelnden schwarzen Augen zu Tybrang hinüber. Der Numa erwiderte den Blick und es herrschte einen Moment lang Schweigen.

"Ja, ich!" kam eine weibliche Stimme aus dem Hintergrund.

Drei Paar Augen wechselten abrupt die Blickrichtung, Tarkins eingeschlossen. Er musterte überrascht die ihn hoffnungsvoll anlächelnde Aslari und mußte sich eingestehen, daß ihm ihre Anwesenheit während der letzten beiden Tage kaum zu Bewußtsein gekommen war. Eigentlich gefiel ihm der Gedanke, daß sie mit ihm hinunter nach Risa gehen würde, nicht sonderlich; andererseits sah er sich auf diese Weise von einem schwierigen Dilemma befreit. Wie die Dinge momentan standen, wäre es schwierig gewesen, zwischen Tybrangs und Talans Begleitung zu wählen, ohne einen von beiden vor den Kopf zu stoßen. Dagegen würde es sowohl der Numa wie auch der Romulaner akzeptieren, wenn er sich für Aslari entschied.

Kurz darauf befanden sich beide Rhazaghaner auf dem Weg zum Transporterraum, und wenig später fanden sie sich in einem unbelebten Hinterhof im Herzen der Altstadt von Olanki wieder. Tarkin sah dem bevorstehenden Gespräch mit Ungeduld entgegen und hatte daher entschieden, den Umweg über das Transporterzentrum zu sparen, um sich dafür möglichst nah an seinem Ziel absetzen zu lassen. Nach Narhamaks Beschreibung würden sie nur noch einige wenige Straßen bis zum Haus der Mitte zurückzulegen haben.

Als sie aus dem Schatten der Häuser hinaus auf den von der Nachmittagssonne durchfluteten Boulevard traten, schnappte Aslari unwillkürlich nach Luft. Der sonderbare Anblick, der sich ihr bot, ließ sie vorerst alles übrige vergessen. Wie angewurzelt stand sie da und blickte in stillem Staunen an den sich schier endlos aneinanderreihenden Gebäuden entlang; eines folgte dem anderen in doppelter, schnurgerader Linie, eine mit fremdartigem Treiben ausgefüllte Schlucht bildend. Gleiter von verschiedenster Form und Größe schossen summend, surrend und fauchend vorbei, und kleinere Quights suchten sich wendig ihren Weg durch den Verkehr. Ein unaufhörlicher Strom von Passanten schob sich über den Gehweg, ohne daß jemand Notiz von der Rhazaghani nahm; lediglich eine Verkaufende zog ihren jungen Lardai etwas näher an sich heran, um sie leichter passieren zu können. Aslari schaute verblüfft dem munteren Tierchen hinterher, bis es mit seiner Besitzerin im Straßenleben untergetaucht war.

Tarkin, der bereits ein gutes Stück voraus war, drehte sich um und blickte ebenso ärgerlich wie ungeduldig zurück. Es dauerte jedoch noch einen Moment, bis Aslari den Kopf hob und sich suchend nach ihm umzusehen begann. Kurz darauf hatte sie ihn entdeckt, um sich sofort eilig in Trab zu setzen und sich geschickt einen Weg durch die Menge der Fußgänger zu bahnen. Tarkin beobachtete mürrisch, wie sie in langen geschmeidigen Sätzen herankam und nur einen Augenblick später zu ihm aufschloß. Ohne ein Wort zu äußern drehte er sich um und nahm hinkend und verdrossen über die Verzögerung den Weg wieder auf. Daß Aslaris Verwunderung daher rührte, daß sie bis zu diesem Moment noch niemals eine Stadt betreten hatte, kam ihm nicht ein einziges Mal in den Sinn.

Nach einem kurzen Stück bogen sie in eine andere Straße ein, dann in eine weitere, schließlich in eine dritte, worauf sie auf das von Narhamak angegebene Gebäude stießen. Das Haus war eigentlich nicht sonderlich groß, aber offensichtlich alt, und es wies neben anmutig geschwungenen Fenstern zahlreiche dezent ausgeführte Reliefarbeiten auf. Dennoch hätte man es inmitten der ehrwürdig wirkenden Nachbarschaft leicht übersehen können, wären da nicht die sechs Uniformierten gewesen, welche die breite Treppe vor dem Haupteingang säumten. Tarkin und Aslari wurden zunächst von der ranghöchsten Wache, einer Frau, angehalten, allerdings ohne Formalitäten durchgelassen, als sie den Namen ihres Schiffes nannten. Gleich darauf erstiegen die beiden Rhazaghaner die Steintreppe.

Tarkin senkte während seines schwerfälligen Aufstiegs die Augen und hielt den Blick starr auf die Stufen zu seinen Füßen gerichtet. Er wollte es vermeiden, Aslari anzusehen. Er war sicher, daß sie in dem Fall mit einem Lächeln reagieren würde, und das glaubte er in diesem Moment nicht ertragen zu können. Noch drei Stufen, noch zwei, noch eine einzige... dann betraten sie das Haus der Mitte.

 

Rilkar hielt den Trikorder mit ausgestrecktem Arm vor sich hin und schwenkte ihn noch ein weiteres Mal von einer Seite zur anderen.

"Ich hatte richtig vermutet, wir nähern uns der Sache." murmelte er mit gedämpfter Aufregung. "Gar kein Zweifel! Hier, sieh mal, Mutub! Ganz eindeutig Hinweise auf Rückstände einer langsamen Verbrennung. Wenn wir jetzt noch die genaue Richtung ausmachen könnten..."

Der Lemnorianer hob die Lampe und schaute sich nachdenklich in der Sporthalle um, die bei dem Ausmaß der Zerstörung kaum noch als solche zu erkennen war. Die Täfelung war vollständig verkohlt und von den Matten und Sportgeräten waren nichts als Haufen bröckeliger Asche und oxidierte Metallüberreste übriggeblieben.

"Bei all dem brennbaren Zeug hier..." setzte er an, doch der Ingenieur hatte sich schon in Richtung der vernichteten Gerätschaften in Bewegung gesetzt. Langsam, den Trikorder etwas gesenkt, schritt er an den geschwärzten Trümmern entlang. Dann zögerte er und kehrte noch einmal um.

"Es ist hier irgendwo, da bin ich sicher. Sieht so aus, als ob da etwas erst einmal längere Zeit vor sich hingeglommen hätte, bevor das Feuer richtig zum Ausbruch kam. Wollen mal sehen..."

Er setzte die Empfindlichkeit des Gerätes noch ein Stück herauf, doch nach der nächsten Messung schüttelte er den Kopf.

"Maximalausschlag; das war etwas zu gut gemeint..."

Er korrigierte die Einstellung ein wenig, während Mutub ihm aufmerksam dabei zusah.

"Also ein Schwelbrand?" erkundigte er sich nach einem Moment des Schweigens. "Ein wenig ungewöhnlich für einen Fall von Brandstiftung, oder?"

"Da hast du allerdings recht!" Rilkar nahm die Messung wieder auf und bewegte sich wieder auf den Ausgangspunkt zu. Anschließend kehrte er um und begann noch einmal von vorn, während er stirnrunzelnd die sich rasch ändernden Werte beobachtete. Schließlich verharrte er abrupt und überlegte.

Unvermittelt begannen sich seine Augen zu weiten. "Moment! Sollte womöglich..."

Mit ein paar langen Schritten begab er sich zu der geschwärzten Wand hinüber, deren Fuß in den Trümmern versank. Hastig begann er in der Asche zu graben.

"Hier in der Ecke muß doch irgendwo... Ich könnte jedenfalls schwören, daß..."

Gleich darauf hielt er inne, als seine Finger an ausgeglühtes Metall stießen. Langsam lehnte er sich zurück und schüttelte den Kopf, während Mutub neben ihm fassungslos auf den Fund starrte.

"Es darf doch nicht wahr sein!" sagte der Ingenieur leise.

 

 
17.

 

Tarkin und Aslari beobachteten stumm, wie der erste Sekretär vor ihnen auf und ab schritt und sie dabei die ganze Zeit über scharf im Blick behielt. Der ebenso kleine wie energisch wirkende Mann schien entschlossen, sie nicht zu ihrem Gesprächspartner vorzulassen, bevor er sie nicht mit einer ganzen Schar von Instruktionen versorgt hatte.

"Sie haben gerade den Begriff 'Präsident' verwendet." fuhr er unerbittlich in seinem Vortrag fort. "Es mag sein, daß das Ihren normalen Sprachgewohnheiten entspricht, doch hier ist dieser Ausdruck unerwünscht. Stattdessen werden Sie auf das risanische Wort N'Gaion, Mann der Mitte, zurückgreifen. Prägen Sie es sich gut ein; N'Gaion Arachol legt großen Wert auf gute Umgangsformen. Vergegenwärtigen Sie sich bitte, daß es sich bei ihm um eine erhabene und von unserer Bevölkerung sehr verehrte Persönlichkeit handelt, die das Geschick dieses Planeten seit nunmehr drei Jahrzehnten lenkt. Er ist nicht mehr jung; auch aus dem Grund erwarte ich von Ihnen, daß Sie ihm mit ausgesuchter Höflichkeit und Rücksichtnahme begegnen. Ferner weise ich Sie darauf hin, daß physische Berührungen jeglicher Art streng verboten sind und ein Abstand von einer Körperlänge nicht unterschritten werden darf. Sollten Sie sich nicht daran halten, wird das Gespräch augenblicklich abgebrochen, haben Sie mich verstanden?"

Tarkin nickte mit erzwungener Geduld, und Aslari tat es ebenfalls. Der harsche und bestimmende Tonfall des Risaners hatte zwar etwas Aufreizendes an sich, doch beide wußten einen Berater auf den ersten Blick zu erkennen. Von Bedeutung würde letztendlich nur die bevorstehende Unterredung sein, und darum fügten sie sich wortlos seinen Bedingungen.

Endlich wurden sie zu den Amtsräumen des risanischen Regierungsoberhauptes geführt. Tarkin hatte erwartet, daß ihr Gesprächspartner sie an seinem Schreibtisch sitzend empfangen würde, doch stattdessen stand er an einem der schön gestalteten Fenster und wandte ihnen den Rücken zu. Erst nachdem sie einige Augenblicke lang wartend im Raum gestanden hatten, drehte er sich um und betrachtete die Rhazaghaner mit etwas verdrossenem Gesichtsausdruck.

Tarkin beobachtete ihn einen Moment lang und war unwillkürlich beeindruckt. Arachol war ein großer Mann, der sich in sichtbar gutem körperlichen Zustand befand und sich trotz seines fortgeschrittenen Alters vollkommen gerade hielt, ohne dabei auf irgendeine Art und Weise steif zu wirken. Vermutlich waren seine Augen nicht mehr so scharf wie in jüngeren Jahren, aber sie blickten mit deutlich fühlbarer Strenge auf die beiden Besucher. Die persönliche Aura des Risaners sprach von Autorität, Verantwortung und Genauigkeit, und Tarkin fühlte sich unwillkürlich an die Sirk-Clanführerin erinnert, revidierte sein Urteil jedoch schnell wieder. Er glaubte nicht, daß es jemanden gab, der es in dieser Hinsicht mit Mongaris aufnehmen konnte.

"Es ist sehr interessant für mich, Sie persönlich kennenzulernen." ergriff Arachol langsam und unter Verzicht auf jegliche Begrüßungsformeln das Wort. "Ich muß nämlich gestehen, daß ich mir nicht recht vorstellen konnte, wie Leute aussehen, die rücksichtslos und aus rein egoistischen Gründen eine ganze Stadt in Angst versetzen. Vielleicht gehört es ja auf Ihrer Welt zur Normalität, Kriegsschiffe einzusetzen, um andere einzuschüchtern und zu erpressen, aber auf Risa ist so etwas nicht üblich, verstehen Sie? Wir sind ein umgängliches Volk, das mit seinen Nachbarn von jeher in Frieden gelebt hat, und darum sind wir gewohnt, auf wesentlich zivilisiertere Verhandlungsmethoden zurückzugreifen."

Tarkins Gesicht verdüsterte sich und er trat vor.

"Wir lieben ebenfalls den Frieden." verteidigte er sich. "Läßt man uns aber keine andere Wahl, dann werden wir tätig, so wie jedes andere Volk auch. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn wir auf Risa Hilfe gefunden hätten, aber wir haben keine erhalten."

Auf diesen Vorwurf hin schwieg Arachol einen Moment; er schürzte die Lippen und schien nachzudenken. Schließlich wies er mit dem Kopf zu einer Sesselgruppe hinüber.

"Setzen wir uns!"

Die beiden Rhazaghaner kamen seiner Aufforderung nach, dabei entging Tarkin nicht, daß Arachol einen gewissen Abstand zu ihnen einhielt. Nach kurzem Schweigen begann der Risaner erneut zu sprechen.

"Sie sagen, man hat Ihnen keine Hilfe angeboten? Offen gestanden kann ich das nicht glauben. Wir verfügen auf Risa über einen aufmerksamen und engagierten Sicherheitsdienst, der äußerst gewissenhaft seiner Arbeit nachgeht. Wenn Sie sich an ihn gewandt hätten..."

"Das haben wir getan." hielt Tarkin ihm entgegen. "Man beschränkte sich darauf, uns von Dienststelle zu Dienststelle zu schicken und uns zum Abschluß zu vertrösten. Genaugenommen hätten wir schon darauf gefaßt sein müssen. Mitglieder meiner Crew sind während ihres Aufenthaltes hier mißhandelt worden, und den Tätern war anzumerken, daß sie sich nicht im geringsten vor einem Eingreifen der Behörden fürchteten. Ihr engagierter Sicherheitsdienst steht in dem Ruf, stark überlastet zu sein, N'Gaion Arachol! Und zwar habe ich den Verdacht, daß er sich mit Aufgaben konfrontiert sieht, die ihn hoffnungslos überfordern."

"Nun, überlastet halte ich für ein etwas extremes Wort." versuchte Arachol abzuschwächen. "Stark in Anspruch genommen dürfte es eher treffen. Wie Sie wissen, ist Risa eine Welt, die einen äußerst starken Besucherstrom verkraften muß, und da muß man sich der Tatsache stellen, daß auch ein gewisser Anteil an kriminellen Elementen Eingang zu uns findet. Die einzig wirksame Abhilfe wäre eine ständige Überwachung sämtlicher Außenweltler, womit wir die Toleranz und Freizügigkeit verlieren würden, für die Risa so berühmt ist. Kein Risaner möchte einen derart hohen Preis zahlen, verstehen Sie? Und aus dem Grund müssen wir uns eben mit einer gewissen Kriminalitätsrate abfinden. Tatsächlich stehen wir alles in allem noch recht gut da. Wenn Sie sich einmal die Verbrechensstatistiken von Alpha Centauri ansehen..."

"Es tut mir leid, aber wir haben in den letzten Tagen reichlich Statistiken zu sehen bekommen." erwiderte Tarkin mit mühsam unterdrückter Ungeduld. "Und dabei haben wir den Eindruck gewonnen, daß sie einzig und allein dem Zweck dienen, Leute wie uns hinzuhalten und ruhigzustellen. Es sieht mir ganz danach aus, als ob Sie auf Ihrer Welt ein Problem hätten, N'Gaion! Ein unsichtbares Problem, das Sie aus naheliegenden Gründen gern vor Ihren Gästen geheim halten wollen."

Arachol lehnte sich zurück und musterte den Rhazaghaner gelassen. "Ach ja, man hat mich bereits informiert. Ich vermute, Sie spielen hier auf Ihre Idee an, auf Risa würde eine Bande von Gründern ihr Unwesen treiben. Ich fürchte allerdings, ich muß Sie enttäuschen. Auf Risa haben sich niemals Formwandler aufgehalten, weder während des Krieges noch in der Zeit danach. Ich weiß, daß viele unserer Besucher noch immer Vorurteile gegenüber Angehörigen des cardassianischen Volkes haben und nach wie vor Handlanger des Dominion in ihnen sehen. Dabei müssen Sie zugeben, daß der Gedanke, unsere neuen Mitbürger könnten Formwandler auf Risa eingeschleppt haben, geradezu absurd ist. Vergessen Sie nicht, daß das Dominion die Verantwortung für die Zerstörung ihrer Heimat trägt; sie haben jeden nur erdenklichen Grund, ihre ehemaligen Verbündeten zu hassen. Glauben Sie mir, fände tatsächlich jemals ein Formwandler seinen Weg nach Risa, dann sollte er lieber einen weiten Bogen um alle hier lebenden Cardassianer schlagen."

"Ich nehme keinen Anstoß an der Gegenwart von Cardassianern." stellte Tarkin verärgert klar. "Mein bester Habitatsingenieur gehört dem cardassianischen Volk an. Im übrigen scheinen Sie zu glauben, daß Formwandler ihren Aktivitäten in aller Öffentlichkeit nachzugehen pflegen. Ich kann Ihnen aber versichern, daß das nicht so ist. Diese Leute melden sich nicht bei Ihnen an, wenn sie Ihren Planeten betreten und fragen schon gar nicht um Erlaubnis. Ihre Anwesenheit bemerkt man erst dann, wenn sie in ihrer zerstörerischen Arbeit ein fortgeschrittenes Stadium erreicht haben, und zu diesem Zeitpunkt ist es gewöhnlich sehr schwer, die Lage wieder in den Griff zu bekommen."

"Tatsächlich?" Arachol hob kurz die Augenbrauen. "Das ist ja interessant! Dann scheinen Sie sich also für einen Experten auf diesem Gebiet zu halten." warf er mit kaum verhohlener Ironie ein.

Tarkins Gesichtsfarbe verdunkelte sich auf besorgniserregende Weise. "Das bin ich allerdings, das können Sie mir glauben." fauchte er. "Meine Leute und ich hatten in der Vergangenheit das Pech, dem Dominion mehrmals in die Quere zu kommen. Wir könnten Ihnen einiges darüber berichten, was für Katastrophen auch nur ein einziger verborgener Formwandler auslösen kann. Falls Sie dann immer noch der Überzeugung sein sollten, daß von diesem Volk keine Gefahr ausgeht, interessiert Sie vielleicht ein Bericht darüber, wie gering es den Wert andersartigen Lebens einschätzt. Ich hatte eine Zeitlang das zweifelhafte Vergnügen, seine Gastfreundschaft zu genießen und konnte mir daher ein recht genaues Bild von seiner Denkweise verschaffen."

"Ach darum!" N'Gaion Arachol nickte langsam und begreifend. "Ich dachte mir schon, daß Ihre auffallende Angst vor Formwandlern einen persönlichen Hintergrund haben muß. Was Sie erlebt haben tut mir natürlich sehr leid, junger Mann; trotzdem muß ich Ihnen sagen, daß Sie sich da offensichtlich in eine regelrechte Phobie hineingesteigert haben. Dieses Phänomen, daß Sie jeden rätselhaft erscheinenden Vorfall in Ihrem Umkreis als das Werk eines feindlich gesonnenen Formwandlers betrachten, grenzt bereits an Verfolgungswahn. Glauben Sie mir, ich sage Ihnen das nicht gern, aber meiner Ansicht nach wäre es sinnvoll, wenn Sie sich in die Hände eines entsprechend geschulten Arztes begeben. Natürlich bin ich gern bereit..."

Aslari hatte die ganze Zeit über kein Wort gesprochen, sondern die Unterredung der beiden Männer wie einen immer härter werdenden Schlagabtausch verfolgt. Nun aber sah sie, wie der Blick ihres Gefährten starr wurde und sich seine Muskeln spannten. Sie kannte ihn lange genug, um zu wissen, daß sich ein heftiger Ausbruch anbahnte, ebenso wie sie sicher war, daß in dem Fall das Gespräch ein abruptes Ende finden würde. Tatsächlich war sie momentan geneigt, Arachol in einer Sache recht zu geben: Das Gespräch berührte einen wunden Punkt in Tarkins Seele, und infolgedessen war er im Begriff, sich hoffnungslos zu verrennen. Arachol manipulierte ihn und kontrollierte geschickt das Thema, ohne daß es Tarkin auch nur im geringsten bewußt wurde. Es war allerhöchste Zeit, daß sie die Unterredung wieder auf das eigentliche Problem lenkte.

"Verzeihen Sie die Unterbrechung, N'Gaion," schaltete sie sich sanft ein, "aber ich möchte gern etwas klarstellen. Sagen Sie, hat man Ihnen überhaupt berichtet, was sich an Bord unserer Schiffe abgespielt hat?"

Arachol verstummte und richtete zum ersten Mal seinen vollen Blick auf die Rhazaghani. Es war erkennbar, daß er es nicht sonderlich gern tat.

"Nur kurz!" antwortete er ein wenig schroff. "Soweit ich verstanden habe, ging es um zwei rasch hintereinander erfolgte Diebstähle. Das ist gewiß sehr bedauerlich und sicher nicht ganz einfach zu erklären, aber..."

"Aber nein!" Aslari schüttelte den Kopf. "Entschuldigen Sie, N'Gaion, doch so einfach ist es leider nicht. Das für uns so Beängstigende an der ganzen Angelegenheit ist die Tatsache, daß der Täter versucht hat, unsere komplette Crew bei lebendigem Leib zu verbrennen."

Arachol starrte sie an, und einen Moment lang verlor er vollständig die Kontrolle über seine Gesichtszüge. Der Risaner erbleichte, seine Pupillen zogen sich zu winzigen Punkten zusammen und die Augen bekamen einen glasigen Ausdruck. Der Mund klappte sonderbar hilflos auf und zu, bevor es ihm gelang, eine Antwort zu formulieren.

"Was... was sagen Sie?" Bei aller Mühe konnte er nicht verhindern, daß seine Stimme heiser klang.

Die Veränderung in Arachols Gesicht zog Tarkins Aufmerksamkeit wie ein Magnet auf sich und sorgte dafür, daß er sich schlagartig wieder beruhigte. Überrascht und fasziniert begann mit der Beobachtung seines Gegenübers.

"Ja, das stimmt!" bestätigte er Aslaris Aussage. "Der Eindringling machte sich zuerst an unserem Schiffscomputer zu schaffen, und dann legte er Feuer. Da sämtliche Sicherheitssysteme lahmgelegt waren, fraß sich der Brand über zwei komplette Decks, bevor es uns gelang, die Brücke zu erreichen und Hilfe herbeizurufen. Die Crew der Moonlight City war so liebenswürdig, ein Loch in unser Schiff zu schießen und dadurch dem Feuer den Sauerstoff zu entziehen. Fast die Hälfte der Crew hat Rauchvergiftungen erlitten, ein paar Leute auch Verbrennungen, und dabei können wir noch von Glück sagen. Der Überfall erfolgte während der Bordnacht; wäre er auch nur ein wenig später bemerkt worden, hätte es wahrscheinlich keine Überlebenden gegeben."

Arachol rieb sich nervös den Nacken. "Das hört sich natürlich beunruhigend an; ich..."

"Und das ist noch nicht einmal alles." setzte Aslari unmittelbar nach. "Der Täter kehrte wenig später zurück und vergriff sich am Computer unseres zweiten Schiffes, dabei wurde sein kompletter Inhalt entwendet. Sie müssen wissen, daß es sich bei unseren Sternschwingen um künstliche Intelligenzen handelt, N'Gaion, und daß unser Planet gerade diesem Schiff seine Freiheit verdankt. Ich glaube nicht, daß ich Ihnen eine Vorstellung davon vermitteln kann, was für eine Katastrophe das Verschwinden seiner Persönlichkeitsmatrix für uns bedeutet. Wir haben mit der Arrhinia D'jah ein vielgeliebtes Mitglied unserer Gemeinschaft verloren, verstehen Sie?"

"Nun, gewiß, so etwas ist..."

"Vielleicht begreifen Sie jetzt, warum wir glauben, daß in Ihrem Orbit etwas umgeht, etwas, das sich geschickt zu verbergen weiß." fuhr Tarkin fort. "Möglich, daß es sich in der Vergangenheit auf Diebstähle beschränkt hat, aber nun beginnt es allmählich sein wahres Gesicht zu zeigen. Es ist bereit, Tote in Kauf zu nehmen, und zwar viele Tote, N'Gaion Arachol! Was sagen Sie dazu, halten Sie es wirklich für verantwortungsvoll, eine solche Sache geheim zu halten?"

"Ich kann Ihnen versichern..."

"Ganz davon abgesehen, daß das irgendwann nicht mehr möglich sein wird." gab Aslari zu bedenken. "Schon bald könnten die ersten Personen ihr Leben verlieren, Leute, die weniger Glück haben als wir. Und das wird unweigerlich die Föderation auf den Plan rufen. Risas Ruf wird schweren Schaden nehmen, vor allem wenn bekannt wird, daß sich die Regierung um Vertuschung bemüht hat, statt mit aller Kraft gegen die Täter vorzugehen. Was schätzen Sie, glauben Sie, daß es danach noch viele Besucher nach Risa ziehen wird?"

Sie verstummte und beide Rhazaghaner richteten ihre wachsamen Augen auf Arachol. Der Risaner saß da und mied ihren Blick. Schließlich, nach mehreren Momenten des Schweigens, begann er leise zu sprechen.

"Hören Sie... Möglicherweise haben Sie haben recht damit, daß wir hier ein gewisses Problem auf Risa haben. Lassen Sie sich aber von mir versichern, daß die Sternenflotte bereits dabei ist, der Angelegenheit nachzugehen. Alles was ich Ihnen zu diesem Zeitpunkt verraten kann ist, daß wir mit einer baldigen Aufklärung des Ganzen rechnen; bis dahin muß ich Sie noch um ein wenig Geduld bitten. Ich verspreche Ihnen, daß Sie unverzüglich informiert werden, sobald in Ihrer Sache etwas erreicht worden ist. Sie werden mit Sicherheit verstehen, daß es in Ihrem eigenen Interesse ist, wenn Sie diese Informationen vertraulich behandeln. Ein von äußerster Diskretion geprägtes Verhalten wäre ebenfalls hilfreich." Unvermittelt blickte er auf und in seinen Augen blitzte es warnend. "Sie haben durch Ihre spektakuläre Aktion vermutlich einigen Schaden angerichtet, trotzdem habe ich davon abgesehen, Sie von der Sternenflotte aus dem Orbit entfernen zu lassen. Zeigen Sie sich dafür erkenntlich, indem Sie sich ab sofort ruhig verhalten."

Nur wenig später stiegen beide Rhazaghaner die Steintreppe wieder hinunter. Tarkin blickte sich nicht um, sondern hinkte in zügigem Tempo ein Stück die Straße hinunter, bevor er anhielt und zum Haus der Mitte zurücksah.

"Er weiß etwas." murmelte er halb bei sich. "Und zwar einiges mehr als er zugibt. Der ganze Mann roch förmlich nach Angst. Mit Betroffenheit oder Mitgefühl hatte das nichts mehr zu tun."

"Er wirkte sonderbar überrascht." ließ sich Aslari neben ihm hören. "So als hätte das Gehörte nicht seinen Erwartungen entsprochen. Fest steht jedenfalls, daß ein unsichtbarer Dieb leichter in sein Weltbild zu passen schien als ein unsichtbarer Brandstifter. Wie gehen wir jetzt weiter vor, Tarkin?"

"Ich wünschte, ich wüßte es." Er biß sich auf die Unterlippe und sah nachdenklich dem Verkehr zu. "Ein zweites Mal schaffen wir es nicht, diesen Mann unter Druck zu setzen, das ist sicher, eher wäre er bereit, seine Drohung wahr zu machen. Ich fürchte, es bleibt uns nichts anderes übrig, als ihn auf Schritt und Tritt im Auge zu behalten, es ist immerhin denkbar, daß wir auf diese Weise etwas erfahren. Es ist nur eine geringe Chance, aber Arachol ist bis jetzt der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Geh zurück aufs Schiff, Aslari, ruf drei oder vier tüchtige Jäger zusammen und sag ihnen, daß sie das Haus beobachten müssen. Sobald Arachol es verläßt, sollen sie versuchen, ihm so vorsichtig wie möglich zu folgen. Ich werde bis zu ihrem Eintreffen hier warten und aufpassen, daß uns unser Freund in der Zwischenzeit nicht unbemerkt entwischt."

Aslari sah zu ihm auf und zog skeptisch die Stirn kraus. "Ich weiß nicht, ich halte das für keine so gute Idee. Daß du hierbleibst, meine ich."

Er wandte ihr das Gesicht zu und blinzelte überrascht. "Wieso, was meinst du? Aus welchem Grund?"

Sie begann zu lächeln. "Tarkin, du magst eine Menge fertigbringen, aber eines wirst du wohl niemals können: Unauffällig sein. Man erkennt dich schon durch deine Größe von weitem, von deiner Haarfarbe ganz zu schweigen. Ich glaube, es ist wohl besser, wenn ich hierbleibe und die Augen offenhalte und du den Trupp zusammenstellst."

Tarkin wollte ärgerlich das Gesicht verziehen, doch er mußte sich widerwillig eingestehen, daß an Aslaris Einwand etwas dran war. Sie hatte recht, im Ernstfall würde er wahrscheinlich sehr rasch bemerkt werden.

"Na gut, in Ordnung!" Er nickte. "Bleib also hier. Ich schätze, es wird nicht lange dauern, bis der Trupp bei dir eintrifft."

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und machte sich auf den Rückweg zu der Stelle, die er und Narhamak als Transferpunkt ausgemacht hatten. Direkt an der Straße herrschte zu viel Betrieb, außerdem mochte es in ihrer Situation besser sein, kein Aufsehen zu erregen. Wenig später erreichte er den bewußten Hinterhof, mußte sich jedoch noch etwas gedulden, da eine Gruppe Betrunkener die Abgeschiedenheit der Stelle nutzte, um dort ihre Notdurft zu verrichten. Angeekelt und verärgert setzte sich Tarkin mit seinem Schiff in Verbindung, um kurz darauf hinaufgebeamt zu werden.

Im Transporterraum angekommen stellte er zu seiner Überraschung fest, daß er von einem ganzen Trupp erwartet wurde. Talan, Tybrang, Nirrit, Laraskir und noch ein paar andere hatten sich am Fuß der Plattform versammelt, und ihre Gesichter ließen ihn sofort begreifen, daß sich während seiner Abwesenheit etwas Wichtiges ereignet hatte. Ganz zuvorderst stand der Ingenieur und sah zu ihm hinauf.

"Was..." begann Tarkin verblüfft.

Rilkar lächelte. "Es gibt interessante Neuigkeiten." berichtete er. "Mutub und ich haben uns nämlich eine Zeitlang auf Deck zehn umgesehen."

Tarkin stieg vom Transferfeld. "Und?" forschte er nach.

"Wir wollten herausfinden, wie der Brand gelegt wurde. Und dabei haben wir etwas Bemerkenswertes festgestellt: Der Eindringling, der sich an Narhamaks Speicher zu schaffen gemacht hat, dürfte vom Ausbruch des Feuers gar nichts mitbekommen haben."

Tarkin schaute den Ingenieur an, als hätte er dessen Worte nicht richtig verstanden. Schließlich blinzelte er verwirrt.

"...nichts mitbekommen..." wiederholte er fast hilflos.

"Nein, höchstwahrscheinlich nicht. Weil das Feuer nicht auf Brandstiftung zurückzuführen ist. Man könnte höchstens sagen, daß den Täter eine geringfügige, eher indirekte Mitschuld trifft."

"Nur eine Mitschuld sagst du?" platzte Tarkin heraus. "Aber wer ist dann der Hauptschuldige?"

"Ich!" antwortete Narhamak überraschend aus der Kommunikation. Seine Stimme klang klar und fest, auch wenn ein gewisses Bedauern darin unüberhörbar war. "Der Hauptschuldige bin ich, Tarkin; nur ist es mir leider nicht möglich, mich daran zu erinnern. Mein Fehler liegt zeitlich irgendwo zwischen unserem Aufbruch und dem ersten nächtlichen Überfall."

"Du gehst viel zu hart mit dir ins Gericht." bemühte sich Rilkar ihn zu beschwichtigen. "Zu dem Zeitpunkt hättest du schwerlich mit deinem Totalausfall rechnen können, und deswegen wäre es unsinnig, von einem Fehler zu sprechen. Ganz davon abgesehen, daß es schon lange gängige Praxis bei dir war, ohne daß jemand von uns daran Anstoß nahm."

"Könnte ich bitte..." setzte Tarkin fast verzweifelt an.

"Natürlich, entschuldige!" wandte sich ihm der Ingenieur wieder zu. "Also, Tarkin, um es kurz zu machen: Ein total überhitzter Heizkörper hat den Brand ausgelöst. Offenbar hatte die zugehörige Reglereinheit angefangen fehlerhaft zu arbeiten, was Narhamak wohl nicht entgangen war. Wie es seiner Gewohnheit entsprach, schaltete er das defekte Element aus und übernahm selbst seine Funktion, in der Absicht, bei der nächsten technischen Wartung auf den Schaden hinzuweisen. Als aber unvermittelt seine Persönlichkeit vernichtet wurde, begann der betreffende Heizkörper ohne Kontrolle zu arbeiten und setzte schließlich irgendwann im Laufe der Nacht einen angrenzenden Stapel Matten in Brand. Ich kann es dir zeigen; wir wissen jetzt, daß die ganze Sache in der Sporthalle angefangen hat."

Wenig später hatten sie den Standort gewechselt. Rilkar kniete vor der Wand nieder, wischte etwas Asche beiseite und wies auf die Überreste des betreffenden Heizelements.

"Hier haben wir also den Schuldigen. Das Ding dürfte eine ganz hübsche Temperatur gehabt haben, als es losging. Unter normalen Umständen hätte die Nähe der Gerätschaften kein Problem bedeutet."

Sein Clanführer schüttelte fassungslos den Kopf. "Ein Heizkörper!" stöhnte er. "Ein ganz gewöhnlicher verdammter..."

"Kaum zu glauben, nicht wahr?" Rilkar sah zu ihm auf und lächelte. "Und damit dürfte eine Sache jetzt endgültig klar sein: Bei den beiden Vorfällen handelt es sich um einen versuchten und einen geglückten Diebstahl, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Unter den Beweggründen des Täters spielte Haß keine Rolle; er hatte niemanden töten wollen. Der Brand war nichts weiter als ein Unfall, Tarkin!"

Der Rhazaghaner hob wie in Trance den Kopf und starrte ins Leere. "Also darum!" murmelte er begreifend. "Er war sicher gewesen, daß der Dieb keinen Personen schaden würde, daher seine Überraschung. Tatsächlich hatte er recht mit seiner Einschätzung, und das könnte bedeuten..."

"Er? Wen meinst du?" schaltete sich Talan an dieser Stelle ein. "Und was war mit eurer Unterredung? Wo ist eigentlich Aslari?"

"Aslari!" Tarkin blinzelte erschrocken. "Ich hatte sie ganz vergessen, sie steht noch immer beim Haus der Mitte und paßt auf. Tybrang, wir müssen einen kleinen aber tüchtigen Jagdtrupp zusammenstellen, der N'Gaion Arachol - so nennen sie ihr Oberhaupt - beobachtet. Meiner Meinung nach verbirgt der Mann etwas; er behauptete mit verblüffender Überzeugung, es wären nie Formwandler auf Risa gewesen. Er relativierte und wiegelte nach Kräften ab, aber er geriet schlagartig aus dem Konzept, als wir ihm von dem Brand erzählten. Wer weiß, vielleicht können wir mehr erfahren, wenn wir ihm auf Schritt und Tritt folgen. Drei Jäger müßten dafür eigentlich reichen; sie könnten sich gegenseitig ablösen und würden nicht so auffallen. Vorhin war bereits später Nachmittag da unten, und mittlerweile ist einiges an Zeit verstrichen. Wir müssen uns also beeilen."

Kurz darauf erhielten Brispin und zwei weitere Numa von Tarkin die nötigen Instruktionen, um direkt anschließend die Transporterplattform zu besteigen. Gemeinsam sahen die Zurückbleibenden zu, wie der Jagdtrupp entmaterialisierte.

Einiges später traf das erwartete Signal von der Oberfläche ein, aber zur Überraschung aller handelte es sich nicht um Aslari. Brispin und seine beiden Begleiter kehrten an Bord zurück und erklärten, sie hätten die Sim nicht am vereinbarten Platz gefunden, obwohl sie die Stelle weiträumig abgesucht hätten. Zudem hätten sie beobachtet, wie im Haus der Mitte die Lichter erloschen und die davor postierten Wachen abmarschiert wären.

"Es war schon zu spät." murmelte Tarkin. "Dann hatte Arachol seinen Amtssitz wohl schon verlassen, und Aslari ist ihm nachgefolgt. Jetzt bleibt uns eben nichts anderes übrig, als zu warten."

"Hat sie einen Kommunikator dabei?" wollte Talan wissen.

"Wie? Nein!" Tarkin strich sich etwas unruhig über den Kopf. "Nein, wir hatten nur einen mitgenommen. Wir hatten ja nicht damit gerechnet, daß wir uns trennen würden. Stimmt, in dem Fall muß sie erst einmal den Weg zum Transporterzentrum auf sich nehmen. Da wird es wohl noch einen Moment länger dauern."

"Aber wo sich das Transporterzentrum befindet, ist ihr bekannt, oder?" vergewisserte sich der Ingenieur.

"Das Transporterzentrum?" wiederholte Tarkin überrascht. "Ich... ich weiß nicht. Wenn ich darüber nachdenke... wahrscheinlich nicht. Sie war ja noch nie in Olanki gewesen. - Sie war überhaupt noch niemals in einer Stadt." fiel ihm zu seiner Bestürzung ein.

Ein längeres Schweigen schloß sich an. Talan und Rilkar wechselten verstohlen einen Blick, aber Tarkin bemerkte ihn trotzdem.

"Wie sieht es aus, ist es bereits dunkel da unten?" wandte er sich nervös an Brispin.

"Dunkel?" Der Numa zuckte die Schultern. "Wie manīs nimmt! Die Sonne ist untergegangen wenn du das meinst, aber bei diesen vielen Lichtern... Überall leuchtet und flimmert es, Lampen gehen an und aus, die ganzen Scheinwerfer der vorbeirasenden Fahrzeuge..."

"Richtig, die Fahrzeuge..." Rilkar rieb sich besorgt das Kinn. "Sag mal, Tarkin, glaubst du, Aslari ist in der Lage, die Geschwindigkeit eines heranschießenden Gleiters einzuschätzen?"

Tarkin starrte ihn an. "Wie meinst du das?" erkundigte er sich beunruhigt.

"Nun," antwortete der Ingenieur vorsichtig, "Leuten, die keine Erfahrung mit Straßenverkehr haben, fällt das für gewöhnlich schwer. Vor allem bei der Überquerung einer Fahrbahn, wenn du verstehst..."

Nirrit stieß ihn möglichst unauffällig an. Als Rilkar den Kopf drehte, runzelte seine Gefährtin für einen winzigen Moment warnend die Stirn.

Tarkin sah mit zunehmender Panik zwischen den beiden hin und her. "Du glaubst... es könnte die Gefahr bestehen, daß sie mit einem Fahrzeug kollidiert?" fragte er erschrocken.

"Nein, eigentlich rechne ich nicht damit." versicherte Rilkar ein wenig zu rasch. "Ich denke, Aslari kommt zurecht. Wahrscheinlich dauert es nur etwas, bis sie sich da unten durchgefragt hat."

Tarkin schwieg, aber er tat es mit bangem Herzen. Zusammen mit den anderen kehrte er auf seine Brücke zurück, in der ängstlichen Hoffnung, daß bald das ersehnte Signal aus dem Transporterzentrum eintreffen würde. Seine Sorge sollte im Laufe der Nacht noch weiter anwachsen.

 

Tatsächlich war es noch ein wenig zu früh, sich um Aslari zu ängstigen. Gerade als Tarkin den Transporterraum verließ, war sie unten auf Risa im Begriff, sich über einen Napf mit der verblaßten Aufschrift Dindin zu beugen, während N'Gaion Arachol ihr zärtlich über den Nacken strich.

 
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