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Alle Jahre wieder© by Tatjana ()
Hell klang das fröhliche Lachen in der mittäglichen Sommerhitze auf und wie ein aufgescheuchter Schmetterling huschte zwischen den reichblühenden Sträuchern ein junges Mädchen im flatternden weißen Kleid umher und spielte Haschen mit dem Chevalier, der ihr ausgelassen folgte. Nun lief sie weiter, hinein in den kleinen Irrgarten, bis der junge Mann sie unter einem verwachsenen Gang aus Rosen einholte und lachend zu Boden riß. Spielerisch rollten sie über das weiche Gras, bis er von ihr ließ. Schweratmend blieb das Mädchen auf dem Rücken liegen und ihre strahlenden Augen blickten auf das Gewölbe aus Rosenzweigen über sich. "Versprich mir, daß du mich unter einem dieser Rosenbüsche begräbst, wenn ich einmal sterbe!" sagte sie dann unvermittelt, worauf der Chevalier in Lachen ausbrach, sich auf die Seite wälzte und mit zärtlichem Lächeln auf die junge Adelige neben sich herunter blickte. "Ich werde dich unter einem Meer von Rosen begraben, Mireille, solltest du einmal sterben!" versprach er inbrünstig, worauf sie ihn lächelnd ansah und ihm auch den Kuß nicht verweigerte, zu dem er sich nun herab neigte.
"Wie geht es ihm?" "Das Fieber ist hoch und er scheint schlecht zu träumen, doch er wird es überleben, sei unbesorgt." Sanft griff die junge Frau Athos beim Arm und führte ihn hinaus. "Du solltest dich auch ein wenig ausruhen. Was macht deine Wunde?" "Wie kann eine so harmlose Verwundung solch Auswirkungen haben?" Schmerzlich verzog Athos das Gesicht, als Henriette dem Degenstich an seinem Arm einer eingehenden Untersuchung unterzog, die Wunde anschließend säuberte und endlich verband. Eigentlich konnte er froh sein, daß die Männer des Kardinals ihnen hier aufgelauert hatten. Ganz in der Nähe zu dem Gasthaus, das Henriette von ihrem Vater geerbt hatte, waren sie in einen Hinterhalt geraten und hatten sich nach einem köstlichen Gefecht hierher zurückgezogen, um ihre mehr oder weniger derben Blessuren bei einem Becher Wein auszukurieren. Vielleicht war die eisige Winterluft Aramis nicht bekommen, vielleicht war er in schlechter Verfassung; sicher war, daß er auf dem Weg das Bewußtsein verloren und bisher nicht wiedererlangt hatte. Und nun lag er mit hohem Fieber in einer der beheizten Kammern und obwohl Athos Henriette vertraute, so machte er sich doch Sorgen um seinen Freund, der sich unruhig hin und her warf.
"RenÉ, wie schön, daß du da bist! Nimm dir ein Glas und stoß mit uns an!" "Was gibt es denn zu feiern, Vater?" Der Chevalier lächelte etwas verstört, nichtsdestotrotz nahm er sich eines der feingeschliffenen Kristallgläser, ließ sich einschenken und wandte sich fragend an seinen Vater, der mit seiner Frau und dem älteren Sohn im Wintergarten des elterlichen Anwesens saß und in sehr aufgeräumter Stimmung war. RenÉ, gerade von einem Verwandtschaftsbesuch zurückgekehrt, beschlich ein merkwürdiges Gefühl, als er seinen älteren Bruder wissend vor sich hin lächeln sah. "Dein Bruder wird sich im Frühjahr vermählen!" Das Familienoberhaupt platzte förmlich vor Stolz und RenÉ entspannte sich etwas. Ach so! "Das freut mich zu hören. Ich hoffe, sie ist deiner würdig, Bruder?" Es war kein Geheimnis, daß die d'Herblay-Brüder sich nicht leiden konnten, doch wurde es oft als jugendliches Ungestüm bezeichnet. RenÉ, jung, hübsch und gebildet, war bei den Mädchen und Damen der Gesellschaft äußerst gern gesehen und er wußte sich selbstsicher unter ihnen zu bewegen. Henri war um einige Jahre älter, von eher herberem Aussehen, nach einem Reitunfall im Gehen eingeschränkt und dementsprechend gehemmt. Er beneidete den Jüngeren um die Leichtigkeit, mit der dieser mit seiner Umwelt umging und ließ keine Gelegenheit vorbeiziehen, sich über RenÉ lustig zu machen oder ihm anderweitig einen auszuwischen. Meist begegnete RenÉ diesem Betragen mit stoischer Ruhe - wohl auch auf Bitten der besorgten Mutter - und ignorierte die kleinen Ränkespiele Henris. Und eingedenk des Charakters, den sein älterer Bruder sein eigen nannte, hoffte RenÉ, ja wünschte er es sich regelrecht, daß Henri eine Frau bekam, die seiner ebenbürtig war und mindestens ebenso falsch und launisch wie er. "Oh, sie ist eine entzückende junge Dame!" Aus der Stimme von Madame sprach helle Begeisterung. " Du kennst sie übrigens." Warum grinste Henri jetzt so hämisch? "Mireille Fontainebleu!" RenÉ d'Herblay verschwamm für einen Herzschlag lang alles vor Augen und er fürchtete, in Ohnmacht fallen zu müssen, als seine Mutter den Namen der Braut nannte. Das Glas entglitt seinen kraftlosen Fingern und zerschellte mit einem überlauten Klirren auf dem Fußboden. Alles um ihn herum drehte sich, doch vor sich sah er klar das Gesicht seines Bruders und dessen wissendes, bösartiges Lächeln...
Alarmiert schrak Athos hoch, als Aramis auf seinem Lager einen wehklagenden Laut von sich gab, der sich wie ein erstickter Schrei anhörte. Rasch sah er nach dem Kranken, ehe er sich erleichtert auf seinen Stuhl zurückzog, auf dem er Posten bezogen hatte, um bei Aramis zu wachen. Im Kamin knisterte leise das Holz und erst jetzt fiel dem Musketier auf, daß Henriette wohl von Zeit zu Zeit nachlegen mußte, um es so am brennen zu halten. - Er hatte es gar nicht gehört! Seine Hand fuhr an seinen Gürtel, als ihn jemand an der Schulter berührte, doch bereits an der Sanftheit der Hand erkannte er die Besitzerin der Herberge. Schweigend reichte sie ihm einen Becher Bier und eine Schale mit einem schmackhaften Eintopf, und während er bedächtig aß, beugte sie sich über Aramis und begutachtete dessen Wunde.
"Vielleicht morgen, spätestens jedoch übermorgen könnt ihr weiterreiten. - Vorausgesetzt, es zieht kein Schneesturm auf." Sorgfältig stopfte sie die Decke fest, da griff Aramis nach ihrem Handgelenk. "Mireille..." flüsterte er dabei, worauf die junge Frau Athos unsicher ansah. Der indes hob die Schultern und vorsichtig ließ Henriette sich auf der Bettkante nieder, ohne dem Musketier ihre Hand zu entziehen. "Ich bin hier." sagte sie dabei leise. "Es tut mir leid... es tut mir so leid..." Zärtlich strich die junge Frau dem Mann das Haar aus der schweißnassen Stirn, kühlte leicht seine Wange mit der Berührung. Als spürte sie die Pein, die ihn quälte, lächelte sie und sprach leise weiter: "Es ist gut. Es muß dir nichts leidtun, sei unbesorgt. Schlaf.... Wir werden morgen weiter reden." Ob er sie wirklich verstand, das wußte Henriette nicht zu sagen, doch mit beiden Händen umklammerte er ihre, hob sie an seine Wange, schmiegte sein Gesicht daran und schlief tatsächlich weiter.
Am nächsten Morgen brachen die beiden Musketiere zeitig auf und schlugen den Weg nach Poitiers ein. Nachdem Aramis erwacht war, hatte er es sehr eilig gehabt, die Herberge zu verlassen und nach einem hastigen Frühmahl hatten sie ihre Pferde bestiegen...
"Wirst du uns den Preis stunden, bis wir das nächste Mal hier vorbeikommen?" Lächelnd winkte Henriette ab, ohne mit ihrer Tätigkeit - dem Trocknen einiger Teller - aufzuhören. Nachdem sie den beiden Freunden ihres Vaters ein reichhaltiges Frühstück serviert hatte, hatte sie sich hinter den Tresen zurückgezogen und sich unauffällig im Hintergrund gehalten. Als die beiden Anstalten machten, aufzubrechen, hatte sie ihnen stillschweigend zwei gutgefüllte Satteltaschen hingestellt und einen ledernen Beutel. "Falls die Wunde wieder aufbricht." Fast waren die beiden Soldaten schon aus der Tür, da drehte Aramis sich noch einmal um, eilte auf Henriette zu und hauchte ihr einen Kuß auf die Wange. "Hab Dank!" raunte er ihr dabei zu, ehe er Athos fast überstürzt folgte. Verwundert runzelte die junge Frau die Stirn, dann lächelte sie und ging ihrer Arbeit weiter nach.
Aramis' Hand zitterte leicht, als er die halberblühte Rose auf das Grab legte. Hinter sich, in angemessenem Abstand, wußte er Athos, der mit den Pferden am Zaun wartete.
Man bewundert mich für meine Wortgewandtheit und meine Bildung und dafür, daß ich immer die richtigen Worte zur richtigen Zeit finde; doch jetzt sitze ich hier und mir will nichts einfallen, was ich dir sagen könnte. Es gab da so vieles, was ich dir sagen wollte, aber ich habe dich im Stich gelassen. Ich habe mich in die Obhut der Kirche geflüchtet, um nicht mit ansehen zu müssen, wie du seine Frau wirst. Ich hatte gehofft, der Dienst am Einzigen würde mir Frieden bringen und ich könnte wenigstens so tun, als würde ich mich mit euch... nein, mit ihm freuen. Ich hab dich im Stich gelassen. Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid. Ich konnte nicht sein, was du dir wünschtest.
Aramis erahnte hinter sich eine Bewegung. Zögernd streckte er die Hand aus und fegte den Schnee vom kunstvoll behauenen Grabstein: Mireille d'Herblay, 1612 - 1631. Stumm starrte er auf die Buchstaben, die langsam wieder vom herabfallenden Schnee zugedeckt wurden. Er erwachte erst aus seiner Erstarrung, als Athos ihn leicht an der Schulter berührte; rasch wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen und erhob sich steif. Nachdenklich blickte er über die Schulter hinweg auf das Grab nieder. "Ich habe ihr versprochen, sie unter einem Meer von Rosen zu begraben." Athos schwieg und merkwürdigerweise war dies tröstender, als wenn er tausend Worte gesagt hätte. "Wir sprachen bereits von Vermählung, bis... bis mein Bruder bei ihren Eltern um ihre Hand anhielt!" Heftig kamen die Worte über Aramis' Lippen und all der Groll, den er noch immer gegen seine Familie hegte, sprach aus ihnen. "Er.. hat einfach wieder geheiratet, sie hat ihm gar nichts bedeutet!" Man sah dem Musketier an, wie er sich zwang, Fassung zu gewinnen. "Jedes Jahr am 24. Dezember, ihrem Todestag, komme ich hierher und bringe ihr eine Rose." "Warum pflanzt du nicht einen Busch, so wie du es ihr versprochen hast?" "Weil ich Angst habe, daß ich sie dann vergesse und irgendwann nur noch einen Rosenbusch sehe, wo viel mehr liegt." Abrupt drehte Aramis sich weg, nahm die Zügel seines Pferdes und saß schwungvoll auf. Schweigend folgte Athos dem Freund. Am Zaun drehte er sich noch einmal im Sattel um und warf einen sinnenden Blick zurück, ehe er sich auf den Weg konzentrierte, der vor ihnen lag.
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