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The Uncanny X-Mortals
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Teil 3
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The Uncanny X-Mortals

Teil 1
© by Jimaine ()
 
Disclaimer: Einige der Charaktere sind Eigentum von Rysher/Panzer, die anderen gehören MARVEL Comics (ob es jemandem auffallen würde, wenn ich am Ende Gambit für mich allein behielte? *seufz*) - nehmt die exakte Zuteilung bitte selbst vor, ja?
Der zeitliche Rahmen ist das MARVEL-verse wie es bis Oktober 2000 existierte und wo die X-Men nur ein paar Spieler unter vielen sind. So direkt nach UXM#386 /XM#106 bzw. in der Zeit zwischen den Heften Gambit #21 und #23.
Den Vierteiler "Dream's End" und seine katastrophale Storyline ignoriere und vertage ich, denn ich brauche einfach die Charaktere noch! Gleichermaßen ist hier bei mir Shadowcat mit dabei und nicht auf einer privaten Mission unterwegs mit Destinys Tagebüchern unterm Arm.
Bitte wundert euch nicht über einige Anspielungen auf vergangene Ereignisse, von denen ihr nirgendwo gelesen habt! Zwischen "Schlaflos in Paris" und dieser Story ist ein noch unvollendetes weiteres Werk angesiedelt, das Methos' Australien-Aufenthalt, uhm, dokumentiert.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Samstag, der 28. Oktober 2000

 

Sich peinlichst genau an das bundesstaatlich vorgeschriebene Tempolimit von 55 Meilen haltend, folgte der Mietwagen der Landstraße durch die Wälder von Westchester County, New York, die in der rotgoldenen Pracht des ersten Indian Summer des neuen Jahrtausends erstrahlten. Die Insassen waren dementsprechend von der Schönheit der Landschaft Neu-Englands an diesem klaren, kalten Oktobertag verzaubert und mit ihren Gedanken weit außerhalb des Autos. Was auch seine Gründe hatte. Gerade hatten sich nämlich drei von ihnen entschlossen, dem Fahrer mit vereinten Kräften nahezulegen, seine Musikwahl noch einmal gründlich zu überdenken.

"Also ich bin mir sicher, daß es auch noch andere Sender gibt, die das Radio in diesem Topmodell eines amerikanischen Mietwagens - made in Japan - empfangen kann!" ereiferte sich der Mann auf der Rückbank hinter dem Beifahrersitz, und Ermüdung und Gereiztheit ließen die angenehmen Nuancen seines britischen Akzents verpuffen. An sich selbst richtete er die leise Bemerkung, "Wenn ich bis zum Ende des Jahres zu irgendeinem Zeitpunkt noch einmal über längere Zeit - sprich länger als vier Stunden - klassische Musik ertragen muß, verlege ich meinen Wohnsitz in die Bronx...oder nach Brixton."

Die neben ihm angeschnallte Frau, genauso angegriffen von der Übermacht zweier gegeneinander ansingender Tenöre, unterstützte ihn ohne Zögern, "Oh bitte! Es muß ja nicht gleich KISS sein, aber wenigstens etwas weniger...hochfrequentes...viel-saitiges..."

Daraufhin bedachte sie der dunkelhaarige Mann am Steuer mit einem Killerlächeln auf dem Umweg über den Rückspiegel, seine Augen unsichtbar hinter seiner Sonnenbrille, und wiederholte mit einer unerschütterlichen Ruhe den Satz, den er seit zwei Stunden im Zehn-Minuten-Rhythmus von sich gab, "Der Fahrer wählt die Musik aus, Amanda. Wenn du fährst, hast du freie Senderwahl. Ansonsten Ruhe, bitte."

"Aber ich *habe* das Angebot gemacht zu fahren!" protestierte sie und lehnte sich vor, die Hand erhoben als wolle sie ihn mit dem manikürten Zeigefinger von hinten erdolchen. "Mehr als einmal! Wie so ziemlich jeder von uns, sogar Joe!"

"Und das auch mehr als einmal", brummte der vierte Fahrgast und machte keine Anstalten, seinen gequälten Gesichtsausdruck zu verbergen. "Ehrlich, Mac, ich bitte dich, hab' Erbarmen! Ich mag den 'Figaro', das steht außer Diskussion, aber zwei Stunden-und-mehr pro Tag sind auch für mich das Limit. Probier' doch einen anderen Lokalsender aus, etwas *geringfügig* anderes, vielleicht etwas Country", schlug er vor und achtete nicht darauf, wie die hinten Sitzenden den Mund zu erneutem Protest öffneten, "oder leg' eine Kassette ein. Hier, schau' mal...da hätten wir zum Beispiel..." Er öffnete das Handschuhfach und kramte wahllos ein halbes Dutzend Musikkassetten hervor. Selbst Zydeco würde im Moment eine willkommene Abwechslung darstellen. Doch seine Freude sollte nicht von langer Dauer sein. "Ich weigere mich, das zu glauben! Mozart...?! Händel? Komm', MacLeod, ist das ein Scherz? Was zur Hölle ist mit meinen John Hiatt-Bändern passiert?" Erst neulich hatte er auf hartnäckiges Anraten von Methos "Good Omens" von Neil Gaiman und Terry Pratchett gelesen und fühlte sich stark an den Bentley des Dämonen Crowley erinnert, ein Fahrzeug, in dem jede Musikkassette, ob Klassik oder Rock, nach einer bestimmten Zeit zu "Best of QUEEN" mutierte - dieses Auto stellte offenbar das exakte Gegenbeispiel dar! Von QUEEN zu Klassik.

Duncan MacLeods Augen hinter den RayBans verließen kein einziges Mal die Straße, als er Joe zulächelte - ein Lächeln abzüglich des Charmefaktors, den er für Amanda und andere Damen reservierte - und ihn sanft und bestimmt informierte, "Deine Kassetten sind im Haus, Joe, auf dem Tresen in der Küche. Genau dort, wo ich sie heute Morgen hingelegt habe."

"Findest du nicht, daß du dieses *Fahrer-wählt-Musik*-Prinzip etwas zu genau nimmst, Highlander?" kam die leicht undeutliche Anfrage von hinten; Methos klang als stände er kurz vor dem Einschlafen. In Wirklichkeit bemühte er sich nur intensivst, die Welt um sich herum aus seinem Bewußtsein auszuschließen, speziell den Teil, der Oper enthielt, und versuchte gleichzeitig, das Verlangen nach einem kalten Bier zu unterdrücken. Zu seiner Rechten starrte Amanda wie hypnotisiert aus dem Fenster auf die Bäume, deren Farben im Sonnenlicht des frühen Nachmittags fast unnatürlich erschienen. So erweckte sie den Anschein als ob sie sie zählte. _Baum. Baum... Wirklich klasse._ Er hatte von Anfang an geahnt, daß dieser Urlaub einen Haken haben würde. Die Idee hatte nett genug geklungen. Sie würden für drei Wochen aus Paris rauskommen, ein Haus im ländlichen Neuengland mieten, Zeit miteinander verbringen, die sie sonst nicht hatten, selbst kochen... Nun, ihm würde nie einfallen, MacLeods Kochkünste zu kritisieren, schließlich war der Highlander am Herd ein Virtuose und die Pfanne seine Stradivari - _Womit wir dann wieder bei klassischer Musik wären!_ - aber es bestand ein himmelweiter Unterschied zwischen einem Leben in derselben Stadt und dem Leben unter ein und demselben Dach. Über einen längeren Zeitraum war es ein Ding der Unmöglichkeit und für Unsterbliche, wie sie es waren, umso mehr, waren sie doch etwas...territorialer als der Durchschnittsmensch.

Nachdem er mehr als ein Dutzend Mal morgens vor der Badezimmertür Wurzeln geschlagen hatte (darauf wartend, daß MacLeod seinen Pflege-Zehnkampf beendete, an dessen Anfang die Disziplin des Dauerduschens stand und am Ende das ausgiebige Föhnen und Freistil-Stylen seiner Haare), spürte auch der älteste Unsterbliche, normalerweise ein Mann von nahezu unbegrenzter Geduld und Ruhe, daß nicht mehr viel fehlte, bis bei ihm irgendeine Sicherung durchbrannte.

Amanda war kein Deut besser. Allerdings mußte er hier gewisse Zugeständnisse machen, denn sie war für diese Gegend eine erstklassige Führerin, die ihr umfangreiches Wissen dazu nutzte, ihren Begleitern die wirklich schönen Ecken zu zeigen und die Ausflüge denkbar interessant zu gestalten. Nur...die charmante Diebin hatte so ihre Launen und unerklärlichen Macken und trug somit nach bestem Können zur Strapazierung von Methos' Geduldsfaden bei.

Die konstante Opern-Berieselung führte nicht dazu, daß sich seine Anspannung lockerte. Was er brauchte, war ein Tag ganz für sich - gerne auch nur ein Abend - an dem er sich zurückziehen konnte, sei es auf eine Wanderung in den Wäldern oder einige stille Stunden auf der Couch mit einem Buch und einer Kanne Tee. _Und etwas *richtiger* Musik..._

Das einzige, was seine Stimmung geringfügig verbesserte, war die Gewißheit, daß seinem langjährigen Freund und ehemaligen Kollegen Joe Dawson, dem einzigen Sterblichen in ihrer Gruppe, die sich verschlechternde Lage ihres ménage à quatre genauso aufstieß wie ihm.

 

Sie passierten die Grenze einer weiteren Stadt entlang der Route, und MacLeod bremste ab und ließ seinen Blick schweifen. "Salem Center. Nettes Städtchen."

Methos beantwortete dies mit einem undefinierbaren Brummen und lehnte sich behaglich in den bequemen Sitz zurück. In seinem langen Leben hatte er schon mehr als genug Architektur des 18.Jahrhunderts gesehen und bewundert, da brauchte er das hier echt nicht. So entgingen ihm die kunstvollen Fassaden der Stadthäuser, die Vorgärten und Parks, wo die Farben des Herbstes Einzug gehalten hatten und sich in ihrer gesamten Palette in Blumen, Laub und Sträuchern zeigten. Viel lieber wäre er zurück im Haus; heute gab es die Wiederholung einer 'X-Files'-Folge, die er immer wieder aus irgendwelchen Gründen verpaßt hatte, und mit der Ausstrahlung der neuen Staffel würde man hier vor Ort leider genau einen Tag nach ihrer Abreise nächste Woche Freitag beginnen. Lausiges Timing, wie üblich. Wenn er nur jemanden überreden könnte, die Serie für ihn aufzunehmen...nur müßte er dafür erstmal diesen *jemanden* haben...

Im Gegensatz zum unbestritten ältesten Insassen des Autos verfolgten Amanda und Joe interessiert das Geschehen in dem zentral gelegenen Park zu ihrer Rechten, wo sich ein relativ steiler Hügel erhob, der im Winter bestimmt Anlaufpunkt Nr. 1 zum Rodeln und sonstigem Schneevergnügen war. Auch jetzt schon tobten Kinder über den Spielplatz und durch Laubhaufen, spielten Fangen oder Ball, und alles sprühte so vor Vitalität, daß Duncan die Sonnenbrille hoch auf die Stirn schob und mit Amanda ein weiteres, fast melancholisches Lächeln über den Rückspiegel wechselte.

Sie ahnte, was ihm durch den Kopf ging. Ach, Duncan MacLeod vom Clan MacLeod, hoffnungsloser Romantiker...und das war etwas, was sie an ihm geliebt hatte. Und es noch immer tat. Es war ihre inständige Hoffnung, daß er, egal wie alt er wurde, niemals so zynisch und gleichgültig im Bezug auf das ihn umgebende Leben werden würde wie Methos es sein konnte. Niemals sollte er die Fähigkeit verlieren, sich an solchen alltäglichen, fast unbemerkbaren Momenten zu erfreuen, Momente, wo einfach nur Frieden herrschte und Glück.

 

Mac hatte indes einige Blocks weiter ein "Ben & Jerry's"-Schild erspäht und den Entschluß gefaßt, daß er die Laune seiner Begleiter vielleicht mit einem Eis wieder zum Positiven wenden konnte. Schwungvoll bog er rechts ab, gab leicht Gas, der Kurve der Einbahnstraße um den Park herum folgend, und ordnete sich dann in die Linksabbiegerspur ein.

Kaum zurück auf der Hauptstraße, wurde er jäh daran erinnert, weshalb er seine Sonnenbrille überhaupt aufgesetzt hatte. Die Sonne schien ihm genau in die Augen, blendete ihn, und obwohl er sofort reagierte und sich beeilte, die Brille wieder auf seine Nase herunterzuziehen, war der Unsterbliche für einen kurzen Moment ohne jegliche Orientierung. Das führte dazu, daß er auch nicht daran dachte, den Fuß vom Gas zu nehmen und fast die rote Ampel vor sich übersah. Allein Amandas schriller Warnschrei veranlaßte ihn, scharf auf die Bremse zu treten. Das Pedal grub sich in die Fußmatte. Stotternd erstarb der abgewürgte Motor.

Wie er sich noch die Tränen aus den Augen rieb und versuchte, den Würgegriff seines Gurtes zu lockern, sah er nach vorne. Vor der Motorhaube, nur durch Zentimeter vom Auto getrennt, stand ein Mädchen wie angewurzelt auf dem Fußgängerüberweg. Der Inhalt der Einkaufstasche, die sie vor Schreck hatte fallen lassen, war in Teilen auf dem Asphalt verstreut, und sie hatte ihre ausgestreckten Hände vor sich erhoben. Eine Abwehrgeste, die lächerlich erschien, wenn man bedachte, daß das zierliche asiatische Mädchen keine Chance gegen das Fahrzeug hätte.

Duncan fühlte sich etwas benebelt, die Bilder von draußen erreichten sein Gehirn nur mit einem seltsamen, surrealen Unterton und zudem in Zeitlupe, was er als sehr unangenehm empfand. Das war ja gerade noch einmal gutgegangen. "Duncan?" hörte er Amanda hinter sich und spürte im nächsten Moment ihre Hand auf seinem Arm. "Duncan, bist du okay?"

Der Nebel in seinem Bewußtsein lichtete sich etwas und erlaubte ihm eine Antwort. "Ja...ja, klar. Alles bestens." Das Mädchen starrte ihn immer noch mit weit aufgerissenen mandelförmigen Augen an. Mit etwas Anstrengung brach der Schotte aus seinem Moment der Trance und beeilte sich, das Fenster herunterzufahren und sich zu entschuldigen, doch kam er dazu nicht mehr. Just in dieser Sekunde kehrte das Leben in das Mädchen zurück und sie ließ die Arme sinken. Sie rieb sich die behandschuhten Hände als wäre ihr kalt und fuhr sich durch das wuschelige schwarze Haar, sich gleichzeitig vergewissernd, daß die pinke Sonnenbrille ihren Halt dort nicht eingebüßt hatte. Ganz offensichtlich war sie unverletzt und mit dem Schrecken davongekommen. Jetzt hielt sie inne und verstaute die Sonnenbrille in der Tasche ihres auffälligen gelben Regenmantels, bevor sie sich daran machte, ihre Einkäufe einzusammeln. Möglichst noch vor der Grünphase für die Autofahrer. "Hey", rief sie wütend zu MacLeod herüber, der kein Wort über die Lippen brachte, "haben Sie keine Augen im Kopf, Sie Penner? Oder überhaupt einen Führerschein? Touristen..." Schnell eilte sie über die Straße, doch nicht ohne Mac mit einem vernichtenden Blick bedacht zu haben.

Darüber verärgert, daß sein versuchtes Nickerchen jäh unterbrochen worden war, konstatierte Methos in einem Ton, der Duncans Blutdruck schon nach der zweiten Silbe in schwindelnde Höhen trieb, "Nun, mit dem Touristen liegt sie ja durchaus richtig..." Aus dem Seitenfenster beobachtete er, wie sich das Mädchen - vermutlich Teilchinesin, spekulierte er - wieder zu ihren Freundinnen gesellte, die vor einem Laden warteten, der hochwertige Halloween-Kostüme zu Niedrigpreisen anbot.

Dem stimmte Amanda mit einem schwachen "Hm" zu; ihr Augenmerk war ganz auf die Frisuren der Freundinnen des Fast-Unfallopfers gerichtet. Sie konnte nicht umhin als sich selbst in Kastanienbraun vorzustellen, schulterlang...und eventuell auch mit der ungewöhnlichen weißen Strähne darin. Oder wie wäre es, der Einfachheit zuliebe, mit komplett weißen Haaren, so wie die gutaussehende farbige Frau sie hatte, die nun auf das Mädchen im gelben Mantel einredete und auf etwas im Schaufenster zeigte? Die dritte im Bunde, eine Rothaarige, die in Amandas Jugend garantiert in Rekordzeit auf dem Scheiterhaufen gelandet wäre, machte eine Bemerkung, die alle anderen in Gelächter ausbrechen ließ.

Gut für das Mädchen, daß es gleich von diesem Vorfall abgelenkt wurde und nicht lange darüber nachdenken konnte. Amanda nickte zustimmend. Und was sie selbst anging...sie würde sich, wenn sie nach Paris zurückkehrte, mit ihrem Friseur beraten. Der kurze, weißblonde Raspelschnitt ("G.I. Jane"isch, um sich aus Methos' Vokabular zu bedienen) hatte seinen Reiz verloren und ihr stand der Sinn nach Veränderung. Bloß weil Duncan mit kurzen Haaren besser ausgesehen hatte, brauchte dieser Standard ja nicht gleich für alle gelten. _Was wäre eigentlich, wenn sich Methos die Haare wachsen ließe...? Hm, besser gar nicht darüber nachdenken!_ Sie riß ihre Gedanken vom Thema Frisuren los und meinte, "Hattest du vorhin eigentlich auch das "Ben & Jerry's"-Schild gesehen, Duncan?"

"Hervorragende Idee", pflichtete ihr Dawson bei, der heilfroh war, daß dieser kleine Zwischenfall so glimpflich verlaufen war. Hinter ihnen begannen andere Autos bereits zu hupen. Für einen Augenblick fragte er sich, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn Unsterbliche alle paar Jahrzehnte mal wieder die eine oder andere Fahrstunde nähmen. So zur Auffrischung. Die Idee verwarf er allerdings ganz schnell wieder, schließlich war es noch zig Mal sicherer mit MacLeod zu fahren als wenn Amanda hinter dem Steuer saß. Die Vorstellung, daß Frauen die vorsichtigeren Fahrer seien, hatte er an dem Tag aufgegeben, als er zum ersten Mal in Amandas Wagen Beifahrer gewesen war. Jeder, der sie jemals gesehen hatte, wie sie durch die Haarnadelkurven von Monaco navigierte, würde ohne Zögern seine Lebensversicherung verdreifachen. "Laß uns Eis essen gehen, Mac. Anlasser. Gas. Ganz langsam, ja?"

Der Highlander nickte betreten und drehte den Schlüssel.

 

********
 

Vor dem Kostümladen beobachtete die kleine Damengruppe, wie sich das Auto mit den Jersey-Kennzeichen (ein Mietwagen, keine Frage), das soeben fast ihr jüngstes Mitglied angefahren hätte, in Bewegung setzte und langsam die Hauptstraße hinunterfuhr. Dann wandten sie ihre Aufmerksamkeit wieder dem Grund für ihre Heiterkeit zu.

"Vielleicht gehen sie mit dem Preis noch um weitere zwanzig runter, wenn wir es ohne die Klauen nehmen. Die brauchen wir schließlich wirklich nicht..."

"Zugegeben, 'Ro, es ist ein Schnäppchen", bejahte Jean Grey Summers und strich ihre langen Haare über die Schulter zurück. Ihr rechter Mundwinkel zuckte verräterisch, als sie versuchte, ein neuerliches Lachen zu unterdrücken. "Aber ich möchte dich sehen, wie du versuchst, ihn dazu zu überreden, es auch zu tragen! Ich bezweifele außerdem, daß es die richtige Größe hat." Das Freddie Krueger-Kostüm, komplett mit Klauenhandschuh, kostete nur verführerische vierzig Dollar.

Rechts von ihr stehend gab Jubilation Lee ein nicht zu deutendes Geräusch des Zweifels von sich. "Wissen wir denn, ob er überhaupt kommt?" fragte sie. "Er hat schließlich nie was gesagt...zumindest nicht direkt..." Sie spürte, wie ihre Stimmung von gut zu trübsinnig wechselte, und beeilte sich, dem Prozeß entgegenzuwirken, indem sie sich der vierten Frau zuwandte, die ihr Spiegelbild im Schaufenster studierte. Und das Kostüm direkt dahinter. "Spielst du mit dem Gedanken, als Prinzessin Leia zu gehen, Rogue?"

"Mag sein." Rogues rauchiger Mississippi-Akzent mit den langgezogenen Vokalen färbte ihre Worte wie schwerer süßer Honig, und sie schien sogar kurz ernsthaft darüber nachzudenken. "Müßte dann aber meinen Han Solo von der Änderung in unseren Kostümplänen informieren. Nein, Süße, ich bleib' bei der Vampir-Garderobe."

Jubilee verdrehte die Augen mit all der grausamen Verachtung wie nur ein Teenager sie aufbringen konnte. "Vampir? Ich krieg' 'ne Krise! Erwachsene! Ihr habt ja überhaupt keine Phantasie! Und was für ein Kostüm gedenkt dein Herzblatt zu tragen, eh? Auch etwas aus *Interview mit dem Vampir*? Mann, wie unendlich originell!"

"Wer weiß, vielleicht bekommt er in New Orleans für solche Kostüme Sonderrabatt", unterstützte Jean ihre Freundin und klopfte Rogue aufmunternd auf die Schulter. Zumindest hatte Rogue eine Verabredung für Halloween, und das war mehr als sie von sich selbst behaupten konnte.

"Jede Wette!" Jubilee war nicht willens, das letzte Wort in dieser Sache jemand anderem zu überlassen und fuhr fort, "Die haben schließlich das Monopol auf den ganzen Vampir-Kram da unten, Anne Rice an jeder Straßenecke, Vampire ad absurdum. Tödlich." Und damit verschwand sie im Laden.

Die älteren Frauen ertrugen ihren Abgang mit einer Gleichgültigkeit, die sie durch jahrelange Bekanntschaft mit Jubilee entwickelt hatten, und die weißhaarige Ororo Munroe, derzeitige (inoffizielle aber dafür anwesende) Teamleiterin fragte, "Vampirkostüm oder nicht, weißt du, wann er ankommen wird?" Sie war, genau wie Rogue, hocherfreut darüber, daß ihr derzeitiger (offizieller, nur leider fast immer abwesender) Teamleiter seine Rückkehr für die Feiertage angekündigt hatte. Vielleicht würde er auch noch etwas länger bleiben. Bei ihm ließ sich so etwas eh nicht mit Gewißheit sagen.

"Nun ja", seufzte Rogue und zog ihre Lederjacke etwas enger um sich, "er hat mir gestern Abend seine Flugdaten gemailt...er wird kurz nach Zehn in La Guardia ankommen. Dann weiter mit dem Zug ab Grand Central. Ich soll ihn so gegen Mitternacht in Chappaqua aufpicken. Das heißt...sofern sich keine Probleme mit der Gilde zusammenbrauen, die er persönlich beheben darf, können wir morgen beim Frühstück mit ihm rechnen."

Ororo und Jean nahmen die angedeutete Möglichkeit einer Absage in letzter Minute zur Kenntnis, ohne aber zu kommentieren, und Jean tat einen Schritt auf die Ladentür zu mit den Worten, "Sei froh, daß du überhaupt von Remy eine Antwort bekommen hast; Jubilee ist ziemlich geknickt, daß Logan seit Wochen nichts von sich hören läßt. Wir sollten ihm das Freddie-Kostüm schon allein aus dem Grund kaufen."

"Ich nehme ganz einfach an, daß es dort, wo er sich rumtreibt, keinerlei Zustellungsdienst gibt", mutmaßte Rogue. "Und sein Geschmack was Ferienorte angeht dürfte ja hinlänglich bekannt sein."

Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. Weder der normale kanadische Postdienst noch die gängigen Kurierdienste wie UPS oder FedEx schlossen die unbewohnte Wildnis der kanadischen Rockies in ihre Dienstleistungen mit ein. Aber es gab noch andere Wege, eine Nachricht zu übermitteln, Wege, die nichts mit Kommunikationshilfsmitteln wie Papier, Telefon oder E-Mail zu tun hatten, und Jean würde sich heute Abend dieser Aufgabe widmen. In den rauhen, unwirtlichen Landstrichen, die Logan favorisierte, waren denkende menschliche Lebewesen in der Minderheit und er sollte leicht zu finden sein. "Wollen wir reingehen?" Mit einer Handbewegung forderte sie ihre Freundinnen auf, ihr zu folgen. "Bevor Jubilee den Laden leerkauft, um für ihren Fast-Unfall zu kompensieren. Glücklicherweise, für sie und für uns alle, konnte sie sich gerade noch beherrschen und ihre Kräfte nicht benutzen."

Rogue war ganz ihrer Meinung. "Huh, für einen Moment hab' ich befürchtet, daß sie's tun würde. Ist ja für uns alle schon mehr oder minder eine Reflexhandlung. Für die Touris wär's sicherlich eine nette Abwechslung in ihrem langweiligen Trip gewesen. Nur gut, daß es nicht Peter war, den sie fast umgemangelt haben. *Die* Delle könnten sie ihrer Mietwagenfirma wohl nur schwerlich erklären..."

"Auf jeden Fall. Nun, wie Phoenix bereits sagte, Jubilee hat sich vorbildlich verhalten und dabei sollten wir es belassen. Gehen wir also. - Nach dir."

Darauf antworte Rogue mit einem übertriebenen Knicks, "Oh, nein, nach *dir*, Storm."

 

* * *
 

 
Am nächsten Morgen, Sonntag, den 29. Oktober...

 

"Gut, ich werde sie dann an der Kasse abholen...ja, ich habe die Bestätigungsnummer aufgeschrieben. Danke noch einmal für Ihre Hilfe." Ein selbstzufriedenes Grinsen stand auf Duncans Gesicht, als er den Telefonhörer auf die Gabel legte und zurück zu seinen Freunden ins Wohnzimmer ging. Am Tisch lieferten sich Methos und Joe eine erbitterte, gnadenlose Partie Domino, und Amanda aalte sich in einem Liegestuhl auf der Veranda, fest entschlossen, aus der immer noch kraftvollen Morgensonne das meiste herauszuholen. Die Thermoskanne mit dem Rest des Frühstückskaffees stand auf dem Küchentresen neben der Mikrowelle; dem Verlangen nach einem kurzen Koffein-Kick nachgebend, fischte er seine benutzte Tasse aus der Spülmaschine heraus, welche Methos natürlich *vergessen* hatte anzustellen. Er spülte die Tasse aus und öffnete den Verschluß der Kanne. Zu seinem Unmut mußte er feststellen, daß es noch nicht einmal mehr für eine halbe Tasse reichte und er war viel zu faul, Wasser heißzumachen und sich dann mit Instantkaffee zu begnügen. Die Tasse in der Hand zog er einen Stuhl herbei, setzte sich und verfolgte das Spiel für eine Weile.

Schließlich hielt er den passenden Moment für gekommen und verkündete stolz, "Ich habe eine Karte für Turandot in der Met heute Abend." Vergeblich wartete er auf eine Reaktion der beiden. Wartete, daß sie ihm überschwenglich zu dieser Leistung gratulierten, denn immerhin war die Vorstellung seit Wochen schon ausverkauft gewesen.

Es kam nicht ein einziger anerkennender Kommentar.

"Im Parkett", nahm er einen weiteren Anlauf.

"Hah!" krähte Joe und rieb sich freudestrahlend die Hände, als sich das Spiel deutlich zu seinem Vorteil wandte. Das Glücksgefühl wuchs direkt proportional zu Methos' immer finster werdendem Blick, den er starr auf die Steine gerichtet hielt. "Wie war das noch, der Verlierer zahlt die Hotdogs, oder, alter Mann? Und auch den ersten Six-pack, nicht wahr?" Jetzt erst registrierte er MacLeods Anwesenheit am Tisch und warf ihm einen leicht erstaunten Seitenblick zu. "Um...tut mir leid, Mac, hattest du was gesagt?"

"Laß gut sein, Joe", murmelte der Highlander trübsinnig und erhob sich; der Kaffee war schal und er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß ihn seine Freunde mit voller Absicht ignorierten. Das war wohl der Denkzettel für den einen Tag Opernmusik. Manchmal waren sie wirklich unausstehlich, besonders Methos, der auf ein 5000 Jahre umfassendes Repertoire an äußerst subtilen wie grausamen zwischenmenschlichen Foltermethoden zurückgreifen konnte.

Er hatte mit Mühe eine Karte für die Metropolitan Opera ergattert. Was hätte er auch sonst machen sollen, unter dem Aspekt, daß Methos für sich selbst und Joe Tickets für das Endspiel der Subway-Series zwischen den Yankees und Mets besorgt hatte? Ohne überhaupt in Erwägung zu ziehen, daß Duncan vielleicht ebenfalls Interesse an dem Spiel haben könnte. Hätte er hierbleiben sollen, allein und schmollend, denn Amanda hatte auch ihre Pläne für den heutigen Abend, wenngleich sie niemandem sagen wollte, was diese waren? Oder, so hatte er sich gefragt, sollte er nicht lieber auch etwas finden, was ihm Spaß machte? Genau das hatte er getan. Er *würde* sich verdammt noch mal amüsieren. Rasch spülte den Kaffee fort, um die Tasse wieder in die Spülmaschine zu stellen. "Methos, schaltest du bei nächster Gelegenheit bitte noch die Spülmaschine an?"

Auch gut, niemand scherte sich heute um das, was er von sich gab und tat, also konnte er genauso gut das Haus verlassen. Es blieb ihm noch genug Zeit, eine Runde zu laufen, etwas zu essen, zu duschen und dann den Zug nach Manhattan zu nehmen. Vor zwei Tagen hatte er diesen Weg durch den Wald entdeckt und der Landkarte nach zu urteilen mußte er bis nach Salem Center führen. Warum nicht? Immerhin hatte er gestern nicht viel von der Stadt gesehen und das war Grund genug, die fünf Meilen pro Wegstrecke in Kauf zu nehmen. Sein Entschluß stand. Er brauchte etwas frische Luft und Ruhe, um auf andere Gedanken zu kommen.

 

Weniger als zehn Minuten später trat er in lockerer Sportkleidung auf die Veranda, von wo er den beiden Domino-Kämpfern noch ein knappes "Gehe laufen, bin gegen Zwei zurück" zurief und sich dann bückte, um seine Schuhe anzuziehen.

"Mac?" Amanda blinzelte zu ihm hoch, als sein Schatten auf sie fiel. "Wohin willst du?"

"Nach Salem Center. Dieses Mal in einer für Fußgänger ungefährlicheren Position", setzte er hinzu und schloß den Reißverschluß seiner marineblauen Windjacke bis zum Hals. Die Luft war frisch und kalt, bereits mit einer ersten Spur von baldigem Frost. Perfekt. "Bis später, Amanda. Sei brav und laß dich nicht von diesen muffeligen alten Kerlen da drinnen überreden, an ihrer Rebellion gegen klassische Musik teilzunehmen."

"Als ob Methos mich jemals zu irgendetwas überreden könnte", gab sie pikiert zurück, unschuldig lächelnd. "Ich halte dich auf dem Laufenden was das Ergebnis des Gemetzels da drinnen angeht. Verlauf' dich nicht."

"Ah'll do me verra best, Mylady", grinste Duncan und ging gemächlich von der Veranda bis zum Waldrand, wo er in einen leichten Trab verfiel, langsam seinen Rhythmus findend. Mit jedem gleichmäßigen Atemzug sog er die Gerüche des Herbstwaldes tief in seine Lungen, Moos, Holz, Laub und feuchte Erde. Perfekt.

 

**********
 

*Perfekt* war auch der Gedanke des Mannes, der ihn aus der Entfernung beobachtete, wie er dem Pfad den Hügel hinauf folgte und auf dem Weg hinunter das Tempo verschärfte. Ah, er hatte dieses Wesen und andere, die wie er waren, schon seit geraumer Zeit aufmerksam studiert, eigentlich seit seinem Europaaufenthalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie waren der nächste logische Schritt in seinem fortlaufenden Experiment, eine natürliche Ressource, die er nicht ruhigen Gewissens unausgeschöpft lassen konnte. Die ideale Beigabe zu seinem Projekt. Einmal mehr hielt er inne und hob das Fernglas an die Augen, um den Läufer zu verfolgen, der nun den nächsten Hügel anging, welcher ungefähr die halbe Strecke bis zur Stadt darstellte. Wie scheinbar mühelos er sich bewegte...

Dies war definitiv perfekt.

Die perfekte Beute.

 

***********
 

"YEEEEECH! Und *das* nennt ihr allen Ernstes Kaffee?" Mit einem angewiderten Schaudern kippte Warren Worthington III den Inhalt seines Kaffeebechers in die Spüle und öffnete den Hahn, um sowohl den Becher wie auch seinen Mund auszuspülen. "Aufpassen, allesamt, jemand hat unsere Kaffeemaschine dazu mißbraucht, Abwasser zu destillieren, es mit radioaktivem Schlamm zu mischen und dann noch eine Prise Strychnin beizugeben. Die Konsistenz des Endresultats von umweltbedrohlichem Potential ähnelt Motoröl mit leichtem Muskat-Aroma."

Nach einem ersten beherzten Schluck war Betsy Braddocks Mienenspiel nicht anders als das ihres Geliebten und sie bedauerte ihre Leichtsinnigkeit sofort, als ihr Puls sich verdoppelte, so als hätte sie eine Injektion von purem Koffein direkt ins Herz erhalten. Dafür war ihr Husten noch relativ diskret. "Oh...oh weia... Ich weiß schon, weshalb ich normalerweise nur Tee zum Frühstück trinke... Meine Güte... Gottseidank sind die Kinder noch nicht so früh auf; dieses Zeug würde sie umbringen. Kurt, was ist deine Meinung?"

"Ein Mordanschlag, zweifellos", meldete sich eine dritte Stimme über ihnen, dann senkte sich ein Kaffeebecher, gehalten von einem langen Greifschwanz, ins Spülbecken. Von dort, wo er kopfüber unter der Decke hing, signalisierte Kurt Wagner - mit seinem tiefblauen Fell und gelben Augen einem Elfen aus einem Sandman-Comic ähnlicher als einem Menschen - seine vollste Zustimmung. Leider wollte der widerliche Geschmack seinen Mund nicht so schnell verlassen, egal wie oft er schluckte.

"C'est trop bizarre, mes amis...denn da, wo ich herkomme, nennt man das *Kaffee*..."

Die drei Frühaufsteher hatten ihre Erklärung. Die einzige Person, die sie normalerweise unter keinen Umständen auch nur in die Nähe der Kaffeemaschine lassen würden, war ihnen heute zuvorgekommen.

"Davon abgesehen, 'crawler...falsche Gilde." Im Türrahmen lehnte eine ihnen allen nur zu bekannte Gestalt, in verblichenen Jeans und schwarzem Rollkragenpullover, und sein rotbraunes Haar - kürzer als sie es je bei ihm gesehen hatten, im Anzug würde er jetzt umwerfend aussehen - war noch zerzaust und ungekämmt. Außerdem erweckte er den Anschein als wäre eine Rasur schon seit einer Woche überfällig, definitiv etwas lädiert und erschöpft. Dennoch rang er sich ein müdes Begrüßungslächeln für das kaffeesuchende Trio ab, hob seine eigene dampfende Tasse und sowie er den Mund auftat, bestätigte die starke Einfärbung seines Englisch mit dem französischen Dialekt seiner Heimatstadt New Orleans den äußeren Eindruck. "Dachte mir, ich tu' euch was Gutes und mache mal richtigen *café*, so stark, daß er euch Flügel verleiht...nur ein Scherz, Warren." Er nahm einen demonstrativen Schluck, gab ein lautes, genußvolles 'hmmm' von sich und kam dann zum Küchentisch herüber. Seine Schritte auf den polierten Bodenbrettern waren vorsichtig, denn das Holz war gerade erst vor zwei Tagen frisch gewachst worden. Und er trug nur Socken.

Kurt Wagner, aka Nightcrawler, konnte sich die Bemerkung einfach nicht verkneifen. "Ganz reizende Ringelsocken, Remy. Selbstgestrickt?"

Remy LeBeau, bei seinen Freunden und Feinden besser bekannt unter dem Namen Gambit, was eine zutreffende Beschreibung seiner risikoliebenden Persönlichkeit war, schoß ihm einen warnenden Blick aus karmesinroten Augen zu und antwortete, "Non...verfrühtes Weihnachtsgeschenk von meiner tante...und, Nightcrawler..."

"Ja?"

"Ich würd' aufpassen mit deiner Tasse..." Das Grinsen des Cajun war diabolisch-amüsiert. "Eines Tages könnte dir der Inhalt mal unerwarteter Weise ins Gesicht fliegen."

"Das würdest du nicht tun..."

Die einzige sichtbare Antwort war ein verschlagenes Zwinkern, und Nightcrawler spürte, wie sich die feinen langen Haare auf seinem Kopf aufrichteten und zitternd in der Luft standen. Dies ließ sich dem plötzlichen Energieaufbau zuschreiben, der soeben auf molekularer Ebene in ihnen verursacht worden war, eine weitere Warnung des anderen Mutanten, daß es zu früh am Morgen für Witze war, selbst für harmlose Neckereien. "Gambit!" rief Kurt erschrocken, denn er wußte nur zu gut, welch ungeheures Potential in Gambits Kräften lag. Und selbige waren kürzlich erst auf ein Niveau erhöht worden, das die Wissenschaftler der X-Men, Drs. McCoy und Reyes, noch genauer festlegen mußten. Bislang waren sie mit ihren Messungen nicht sonderlich weit gekommen.

Es war noch nicht lange her, da hatte es einer Berührung bedurft, um ein Objekt mit biokinetischer Energie aufzuladen...jetzt genügte ein direkter Blickkontakt, ein bloßer Gedanke...und Gambit hatte seine lieben Probleme, diese Gabe vollständig zu kontrollieren.

"Ah, sieh an, je früher der Morgen, desto explosiver die Gäste. Einen wunderschönen guten Morgen auch, Gambit", ertönte eine heitere Baßstimme, und nun schien die Küche schon leicht überfüllt, als Dr. Hank "Beast" McCoy seine breite Gestalt an Psylocke und Angel vorbeischob und seinen Weg in Richtung Kaffeemaschine bahnte. "Und wann bist du letzte Nacht angekommen?"

"Hab' nicht drauf geachtet", gähnte der Cajun, seine Augen für einen kurzen Moment geschlossen und mit allen Sinnen im Kaffeegeschmack versunken. "Muß so gegen Eins gewesen sein, halb Zwei, p'ˆtre..." Wie immer führten längere Abwesenheit und Rückkehr in den heimatlichen Süden dazu, daß Gambits Englisch kaum noch als solches zu erkennen war und seine Freunde ein Patois ertragen mußten, so dick wie der Schlamm der Bayous um "Nawlins" herum. "Furchtbarer Flug, der übliche Verkehr in Manhattan, dann hatte der Zug Verspätung...", listete er die negativen Verkettungen des Vorabends auf, aber dann kehrte das nach innen gerichtete Lächeln auf sein Gesicht zurück und er nahm einen weiteren Schluck Kaffee. "Aber all das ist vorbei. Nun will Gambit etwas Spaß haben. - Sind eigentlich schon alle da?" Das war leider nicht möglich, das war ihm schmerzlich bewußt. Man sprach nicht davon, aber jeder dachte daran, an jene, die als "im Einsatz verschwunden" galten oder ihr Leben für das Team gelassen hatten. Der erste in dieser Kategorie, der primus inter pares, war ihr Teamgefährte Scott Summers. Er galt als tot, seitdem sein Verbleib nach jenem Kampf ungeklärt blieb, in dem der Erzfeind der X-Men Apocalypse besiegt worden war. Was sie gesehen hatten, ließ eigentlich keinen Zweifel offen...doch ein kleiner Funke Hoffnung blieb.

Versunken in ihre Gedanken fand niemand die Gelegenheit, Beast zu warnen, als er einen riesigen Becher mit dem dicken schwarzen Gebräu füllte und noch drei Stück Zucker reinrührte. Jeder gedachte abwesender Freunde und verspürte Schuld und Trauer beim Gedanken an jeden einzelnen. Nicht immer waren sie die Sieger gewesen...und noch seltener hatte man ihnen die Opfer, die sie brachten, mit etwas anderem gedankt als noch mehr Haß und Furcht. So sagte niemand etwas, als McCoy seinen Kaffee quirlte und nachdenklich auf Gambits Frage antwortete, "Außer uns X-Men hätten wir noch die momentanen Schüler von Sean und Emma, welche uns über die Feiertage Gesellschaft leisten werden, und natürlich deine illustre Person, Remy. Wir haben Einladungen an X-Factor verschickt, aber ich befürchte, die Regierung hat nicht ausreichend Humor, um ihnen zu gestatten, das Fest mit ihresgleichen zu verbringen. Auf jeden Fall haben sie nicht geantwortet. Das gleiche gilt übrigens auch für unseren wilden kanadischen Freund und Kampfgenossen..."

"Quelle surprise", kommentierte Gambit spöttisch. "Alors, also haben wir das Haus voll, non? Wer geht freiwillig mit den Kindern auf Süßigkeitenjagd? Pas moi. Außerdem sind sie eh schon zu alt für sowas. Vermutlich ist das der Grund, weshalb Sean seinen Weg zu Moira nach Muir Island geschrien hat."

"Ich muß dich enttäuschen, mon ami, er hat sich ausnahmsweise ein Flugticket gekauft. Die diesjährige Grippewelle hat nämlich auch ihn erwischt und er wollte das Risiko nicht eingehen, schon über Neufundland durch einen Hustenanfall wie ein Stein vom Himmel zu fallen. Ansonsten aber sind dein Scharfsinn und deine analytischen Fähigkeiten exzellent wie immer", komplimentierte ihn Beast und stürzte seinen Kaffee in einem gewaltigen Schluck hinunter. Das Mienenspiel, das sich fast unmittelbar darauf auf dem breiten, blaubehaarten Gesicht verfolgen ließ, war faszinierend.

Weswegen es sich auch keiner der vier in der Küche versammelten Mutanten nehmen ließ, aufs genaueste hinzusehen, und das Interesse weitete sich prompt auf die beiden anderen aus, die soeben in der Tür erschienen: ein junger Mann mit hellbraunen Haaren, der noch im Halbschlaf in Trainingshosen und Tweety-T-Shirt auf bloßen Füßen zum Tisch tappte, und Rogue, beides Veteranen der X-Men. Angesichts der Notlage ihres Teamkollegen reagierten sie zunächst mit Besorgnis, doch dann zogen sie die Verbindung zwischen dem dampfenden Kaffeepott und Gambits unheilvoll-triumphierenden Lächeln und entspannten sich merklich. Rogue bedachte den Cajun mit einem tadelnden Blick, der aber durch ihre nicht zu verbergende Belustigung komplett seine Wirkung verlor. "Du läßt sie alle spüren, daß du wieder zu Hause bist, eh, Sumpfratte?" Der spöttische Umgangston stand im scharfen Kontrast zu der Zuneigung in ihren Augen. "Hoffentlich überlebt Beast deine Freundlichkeiten..."

McCoy konnte darauf nur mit weiterem Würgen und Husten antworten und hielt die eine Hand konsequent vor den Mund gepreßt; er durfte diesen *Kaffee* - bzw. die Substanz, die ihm Gambit als solchen untergeschoben hatte - um keinen Preis wieder von sich geben, sondern mußte Heldenmut beweisen und voller Todesverachtung schlucken. Vermutlich würde sie bei Wiederaustritt noch größeren Schaden anrichten als ohnehin schon entstanden war...und wer konnte mit Sicherheit behaupten, daß sie sich nicht durch den Fußboden fressen würde?

Mit langen, schlanken Fingern, die primär für das Knacken von Schlössern und Damenherzen eingesetzt wurden, strich sich Remy die roten Strähnen aus der Stirn und lachte leise, während er sich genüßlich und ausgiebig reckte. "'S gibt doch diesen Spruch...großer Arzt, heile dich selbst. Oder so ähnlich, non? Très désolé, Henri...aber wer würde dich sonst auf Zack halten?"

"Ich sehe, du hast in deinem *Egozentrik für Anfänger* Kurs bereits spürbare Fortschritte gemacht, Remy", war Kurts trockener Kommentar und im nächsten Moment ließ er sich fallen und landete nach einem perfekt ausgeführten Salto fast geräuschlos auf dem Boden, direkt hinter Gambit. "Also, Cajun, hast du deinen bo mitgebracht?"

Selbst das Grinsen von Lewis Carrolls Grinsekatze hätte nicht entwaffnender sein können als das, was der rothaarige Dieb nun Nightcrawler präsentierte. "Ist der Papst katholisch? Hast du heute Nachmittag Zeit, 'crawler?"

Den Schwanz kokett um die Schultern geschlungen, nahm der andere Mutant die Herausforderung mit einer formellen Verbeugung an und für einen kurzen Moment waren seine nadelspitzen Fangzähne sichtbar, als er vorschlug, "Paßt es dir um drei Uhr im Danger Room?"

"D'accord. Du bist hoffentlich gut versichert. Und...paß' bis dahin mit dem Kaffee auf!"

Nightcrawlers Schritte aus der Küche hinaus waren mehr elegante Hüpfer als normale Schritte und er machte, schon ganz in Siegesstimmung, keinen Hehl aus seinem grimmigen Lächeln.

Nun bewegte sich der junge Mann, der zusammen mit Rogue hereingekommen war, hinüber zum Kühlschrank und schlug dabei bewußt einen weiten Bogen um Beast, der immer noch hustete, und den bedrohlich vor sich hinblubbernden Kaffeepott. Mit dem Plastikkanister Milch unterm Arm navigierte er zu seinem Stuhl zurück, vorbei an Warren, Betsy und abermals an Hank, und füllte eine großzügige Schale mit Müsli und Milch. Das getan, ließ er sich auf die protestierend knarzende Sitzgelegenheit gegenüber von Gambit fallen und musterte den Cajun, der letzte Nacht zu spät angekommen war als daß er ihn dann schon hätte begrüßen können. "Hi, Remy, lang nicht gesehen. Du hast ja doch noch hergefunden. Nette Frisur." Er schielte unter den Tisch und grinste frech. "Die Socken sind auch ganz putzig."

Das entlockte Gambit ein leises Grollen, so bedrohlich wie es ein großes Raubtier nicht hätte überzeugender produzieren können, und der stets vorhandene karmesinrote Schleier, der in seinen dunklen Augen flackerte, wurde schlagartig zu einem anhaltenden hellen Glühen. Noch war alles rein freundschaftlich, aber wenn es mit den Späßen überhand nahm, speziell nach einer langen Nacht und zuwenig Schlaf, konnte Remy LeBeau auch ziemlich unangenehm werden. Der einzige, der ihn in der Schlechte-Laune-Liga noch übertraf und zu jeder Tages- und Nachtzeit ohne Anstrengung deklassierte, war Wolverine.

Zu seinem eigenen Vorteil besaß Bobby Drake eine rasche Auffassungsgabe und wußte, wann der Spaß ein Ende hatte. So wechselte er schnell das Thema. "Erzähl', Remy, wie lebt es sich so als Patriarch der Vereinten Gilden der Diebe und Auftragskiller von New Orleans? Ich muß zugeben, der Titel ist ganz schön gewichtig. Noch nicht ganz die Größenordnung von Hadji Halef Omar, aber schließlich fängst du ja auch gerade erst an -"

"Ich bin rein zum Privatvergnügen hier, Bobby, nicht dienstlich, weder in Sachen Familie noch in Sachen X-Men", informierte ihn Gambit müde und tauchte kurz einen Finger in seinen abgekühlten Kaffee, um diesen wieder zu erhitzen. Manchmal hatten Mutantenkräfte schon so ihre Vorteile; er zumindest sparte sich auf diese Weise einiges an Energiekosten. Ehrlich, er hatte keine Lust, jedem der fragte seine persönlichen Probleme auf die Nase zu binden - nicht daß er das normalerweise tat, denn er zog es vor, Leute im Ungewissen zu lassen - und schon gar nicht Bobby Drake. Die ganze Angelegenheit mit New Son (das eigene zukünftige Ich als übermächtigen Gegner zu haben war nicht gerade ein Pappenstiel, und das Ende dieser unschönen Geschichte ließ sich noch nicht absehen!), das aufreibende Alltagsleben eines Diebes in New Orleans und die Ereignisse, die letztendlich zur prophezeiten Vereinigung der Gilden unter seiner Leitung geführt hatten...all das hatte in ihm den sehnlichen Wunsch nach einem langen Urlaub geweckt. Hinzu kam noch, daß er seine Zeit zwischen seinen Pflichten und Aufgaben in New Orleans und am Xavier Institute aufteilte. Mittlerweile hatte er aus verschiedenen Vielfliegerprogrammen bestimmt schon genug Meilen für einige Freiflüge zusammen.

Ihm war keinerlei Atempause vergönnt gewesen seit dem Tag, an dem er als ein neuer Mann von seinem kleinen Ausflug in die Vergangenheit zurückgekehrt war.

Oder, um genau zu sein, als der Remy LeBeau, der er ursprünglich gewesen war. Der Dank dafür gebührte jener Person, die ihm dann zurück in die Gegenwart geholfen hatte. Die Person, die ihn einst von dem Überschuß seiner Mutantenkräfte befreit hatte, damals, zu einer Zeit, als er damit nicht umgehen konnte. Die selbe Person, die Remy LeBeau, als die Gilde ihn verstieß und er sich einsam und voller Haß auf alles und jeden durchs Leben schlug, wichtige Details darüber verschwieg, was ihm als Gegenleistung für seine "Dienste" abverlangt werden würde. Mit der welt- und menschenverachtenden Einstellung eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte, hätte Gambit so ziemlich alles getan, was man von ihm forderte.

Nun, *alles* war genau das, was er getan hatte. Er hatte zu spät gemerkt, wie groß der Preis war, den er für einen kurzen Moment der Unbesonnenheit würde zahlen müssen, und der volle Umfang der Auswirkungen sollte sich erst Jahre später herausstellen. Fast wäre dadurch alles zerstört worden, was er lieben und schätzen gelernt hatte. Fast auch er selbst, auch wenn ihm das relativ egal gewesen wäre. Er hatte zu viele Tote zu verantworten, zu viele Lügen erzählen müssen, um dieses eine beschämende Geheimnis zu wahren. Zu viel Schuld hatte auf ihm gelastet und nie hatte er sich auch nur einer Person anvertrauen können...er war innerlich zerfressen worden bis an den Rand der Selbstzerstörung.

Tja, und da stelle man sich nun vor, daß er sich gezwungen gesehen hatte, den Handel, der all das nach sich gezogen hatte, dadurch umzukehren, indem er sich auf einen weiteren Handel mit seinem ganz persönlichen Teufel einließ. Ironie des Schicksals. Remy LeBeau konnte darüber nicht lachen. Jedes Mal, wenn er sich die Hintergründe für diesen verquerten Pakt vor Augen führte, wurde ihm schlecht. Aber es war der einzige Ausweg gewesen, ansonsten wäre er jetzt nicht hier, sondern würde mit dem kleinen Jungen, der mal sein Adoptivvater Jean-Luc werden sollte, im 19. Jahrhundert durch die Straßen von New York streifen.

Er hoffte sehnlichst, daß dies ein für alle Mal seine letzte Begegnung mit dem Wesen genannt Sinister gewesen war. Sein Alltag war schon kompliziert genug, ohne daß ihm ständig Schatten aus seiner Vergangenheit dazwischenfunkten. Und er brauchte Zeit, um sich an seine aktuelle Lebenslage und körperliche Verfassung zu gewöhnen.

Drake zuckte mit den Achseln, als Gambit in längeres Schweigen verfiel, und sagte sich, daß höchstwahrscheinlich noch mehr dahintersteckte, doch kannte er den Cajun gut genug, um nicht allzu neugierig zu sein. Solange er zurückdenken konnte, hatte Gambit immer, egal in welcher Situation, ein zusätzliches As im Ärmel gehabt...oder ein paar komplette Kartensätze. Ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit, von der nur Teilstücke bislang ans Licht gekommen waren. Und diese Teilstücke bargen nur weitere Fragen. Manchmal wunderte er sich, wie Rogue damit klarkam...nun, oft genug war sie *nicht* damit klargekommen, erinnerte er sich. Dieser Tage schien jedoch alles ganz anders zu sein, die beiden gingen so harmonisch miteinander um wie noch nie. Es konnte selbstverständlich nur wieder eine jener kurzen "Zusammen"-Phasen sein, die sich schnell und häufig mit den "Auseinander"-Phasen abwechselten, aber er hoffte, wie jedes Mal, das Beste. Zwei Löffel Müsli später bemerkte er schließlich erklärend, "Ich will wirklich nicht neugierig erscheinen...aber ich bin es. Es ist so...in letzter Zeit tauchst du nur höchst selten hier auf und wenn, dann niemals lang genug, um auch nur eine Sekunde mehr als nötig mit uns zu verbringen. Frei nach dem Motto *herfliegen, Mission abwickeln und sofort mit dem nächstmöglichen Flug zurück in den Bayou*."

"Oh, das tut mir unendlich leid, Iceman...ich hatte ja keine Ahnung, daß dich das so mitnimmt." Gambit gähnte abermals hinter vorgehaltener Hand, und wenn seine Augen nicht ohnehin schon rot gewesen wären, hätten sie spätestens jetzt diesen Farbton erreicht. Bei genauerem Hinsehen mußte jedem deutlich werden, wie übermüdet er war. "Vielleicht schreibe ich die Story auf und hänge sie als Fortsetzungsgeschichte ans Schwarze Brett, sowohl hier wie auch in der Schule. Ein Kapitel pro Woche. Banshee wäre davon weniger begeistert...und die Lady würde meinen Kopf fordern." Er brach ab und widmete sich dem Dehnen seiner Arm- und Schultermuskeln. _Ich hatte das Bett weniger weich in Erinnerung..._ Mitten in der Bewegung hielt er auf einmal inne und meinte voller gespielter Anteilnahme, "€a va, M'sieur Le Bˆte? Oder muß jemand Cecilia alarmieren?"

McCoy gab ein letztes, dramatisches Husten von sich und antwortete, "Wie mit den meisten Dingen wird sich auch das allein mit der Zeit zeigen. Und wie schon Nietzsche sagte: was uns nicht umbringt, macht uns nur noch stärker. - Das erinnert mich daran, daß ich dich für heute Nachmittag für einen weiteren Check-up vorgesehen habe, Remy. Cecilia kommt zum Mittagessen her und sie hatte vorgeschlagen, daß das doch die ideale Gelegenheit wäre, bei dir noch einmal eine gründliche Untersuchung vorzunehmen."

Aus Remys Gesichtsausdruck war mehr als deutlich abzulesen, wie sehr er sich darauf freute, schon *wieder* gescannt, gepikst, in Proben aller Art zerpflückt und von innen nach außen gekrempelt zu werden. Er hatte die Steigerung seiner Kräfte freiwillig bekannt gemacht, ganz im Einklang mit seinem Versprechen, keine weiteren Geheimnisse mehr vor seinen Freunden und Kollegen zu haben.

Trotzdem hatte Ehrlichkeit die unschöne Nebenwirkung, daß er mehr Zeit als erwartet auf dem Rücken im MedLab verbrachte und Tests über Tests über Tests über sich ergehen ließ, je nachdem was Hank und Cecilia so einfiel. "Habe ich eine Wahl?" fügte sich mit einem Seufzer in sein Schicksal. "Vermutlich billiger als in Nawlins einen Hausbesuch zu machen, eh? Bien, ich werd' da sein...jetzt aber will ich erst einmal raus und ein paar Meilen laufen." Er schaute in die Runde. "Hat jemand Lust mitzukommen? Iceman?"

"Sorry." Bobby schüttelte den Kopf. "Ich muß vor dem Mittagessen noch ein paar Anrufe erledigen. Familienangelegenheiten. Und dann wollte Jubilee, daß ich sie, nachdem ich Chamber zum Flughafen gebracht habe, rauf zur Schule fahre, denn sie hat gestern die einen oder anderen für Halloween ach-so-essentiellen Dinge vergessen...ebenso wie ihre Zahnbürste. Monet kommt auch mit." _Da sollte man meinen, daß auch Mädchen in der Lage seien, mal ein paar Tage ohne den kompletten Inhalt ihres Kleiderschranks auszukommen... Pustekuchen! Muß ein Naturgesetz sein..._

"Betts? Angel?" fragte Remy weiter, erhielt aber von Psylocke ein entschuldigendes Lächeln und ein, "Leider nein, Remy. Warren und ich gehen ein bißchen auf Einkaufsbummel, oder, Darling?"

Angel nickte. "Genau. Die Kinder werden heute tagsüber das Dekorieren übernehmen, doch wir haben noch keine Kürbisse zum Aushöhlen. Und ich dachte mir, das sei das mindeste, was wir tun können...wo sie schon damit gestraft sind, sich auf diesem Zwangsurlaub hier mit uns Erwachsenen abzugeben, bloß weil jemand der Meinung war, es wäre besser, sie die ganze Zeit hier zu haben und nicht sie erst am 31. kommen zu lassen." Der Kommentar, untermalt von einem Blick zur Decke, war auf die im Stockwerk über ihnen noch friedlich schlafende Ororo Munroe gemünzt. "Als ob sie nicht zwei Tage ohne Aufsicht in der Schule überleben könnten. Dieses Arrangement ist zweifellos eine Belastungsprobe ihrer Toleranz für Autorität." Andererseits war es mit Sicherheit auch ein Erlebnis sondergleichen für die jüngeren Mutanten, ein paar Tage mit ihren Idolen zu verbringen, unter einem Dach mit dem Team, zu dem sie auch eines Tages gehören wollten.

Zumindest würde sich Warren so fühlen, wenn er an ihrer Stelle wäre. "Wie dem auch sei", meinte er abschließend, "Emma und Sean verdienen ihren Urlaub, und wir sind genug Leute, um eine Rund-um-die-Uhr Aufsicht zu garantieren." Auch wenn ihre Reihen derzeit ausgedünnt waren, zählten die X-Men ein glattes Dutzend. Einige ihrer Teamkollegen hatten sich offiziell für mehrere Tage beurlaubt und waren bereits fort oder würden heute abreisen, um den Feierlichkeiten aus dem Wege zu gehen; Angel konnte nicht behaupten, daß er in allen dieser Fälle ehrliches Bedauern verspürte. Weder Marrow noch Cable konnte man als Partylöwen bezeichnen, selbst wenn die Erstgenannte wohl an einem dieser Tage für ein Wiedersehen mit Gambit vorbeikommen würde. Der Letztere hingegen würde in seinem momentanen Zustand permanenter Grübelei jegliche Stimmung im Umkreis von fünf Meilen zunichte machen. Scotts Tod machte Nathan verdammt schwer zu schaffen, doch würde er das niemals offen zugeben.

Was Wolverines Verbleib anging, so konnte sich Warren nur bei einer seit langem laufenden TV-Serie bedienen und sagen, "Irgendwo da draußen". Und dann waren da noch solche Kandidaten wie Maggott und Generation X-Mitglied Chamber, die sich aus anderen Gründen ausgeklinkt hatten und nicht an dem geplanten Dinner teilnehmen wollten. Wenn er sich vorstellte, wie langweilig wohl das Leben für Leute sein mußte, die nicht essen brauchten - das heißt, es gar nicht konnten - konnte er ihre Unlust verstehen und beeilte sich, an etwas anderes zu denken.

Die einzigen Personen, deren Abwesenheit er wirklich und wahrhaftig bedauerte, waren Peter Rasputin, der sich seit einer Woche bei seiner Familie in Rußland aufhielt und auch noch eine weitere Woche bleiben würde, sowie Professor Charles Xavier selbst. Zumindest würde morgen Kitty aus Singapur zurückkommen.

"Welch' Sinn für Fairneß", lobte ihn Psylocke und warf ihre Haare zurück, um den Seidenschal einigermaßen ordentlich um ihren Hals wickeln zu können. "Also, Warren, mein Lieber, ich weiß zwar mit Sicherheit, daß Jubilee im Moment Höllenqualen leidet, weil sie sowohl ehemalige Teamkollegen wie auch derzeitige Mitschüler unter einem Dach ertragen muß, doch andere sehen die Lage weitaus positiver. Ich habe zum Beispiel die Blicke gesehen, die du gestern Abend beim Essen von Paige und Monet geerntet hast...whew...", pfiff sie leise und senkte ihre Stimme bedeutungsvoll auf dem letzten Wort ab.

Die blaue Pigmentierung seiner Haut konnte Angel nun nicht helfen, die Reaktion war eindeutig, und nichts konnte davon ablenken, daß seine Gesichtsfarbe von hellem Azurblau zu Kobalt wechselte.

"Hey", grinste Gambit und lehnte sich lauernd auf seinem Stuhl in Angels Richtung, "es ist dir doch nicht etwa peinlich, Objekt einer Teenagerschwärmerei zu sein, oder, homme?"

In der Bemühung, seine leicht entgleisten Gesichtszüge wieder unter Kontrolle zu kriegen, fuhr sich Warren mehrmals verwirrt durch die blonden Haare und murmelte aus dem Mundwinkel heraus, "Also habe ich mir doch nichts eingebildet?"

Seine Geliebte schüttelte den Kopf. "Ganz und gar nicht. Hundertprozentiger Flirt-Modus. Was glaubst du, weshalb Neal sich schon vor dem Dessert abgeseilt hat? Nun, ihr Verhalten ist durchaus verständlich. Die männlichen Mitglieder von Gen-X sind Teenager und de facto nicht von Interesse. Banshee ist der einzige erwachsene Mann im Haus, kommt jedoch aufgrund seiner Lehrerrolle nicht in Frage. Also", dozierte sie geduldig und beobachtete, wie sich Warrens Blauton weiter vertiefte, "muß es für sie ein echtes Highlight sein, ein paar richtige *Männer* in ihrer Mitte zu haben, die nicht ihre Lehrer sind und außerdem noch gut aussehen. Sorry, Eiszapfen", wandte sie sich entschuldigend an Bobby, der bereits Einspruch erheben wollte, "aber da du durch Abwesenheit geglänzt hast, konntest du schwerlich einen bleibenden Eindruck bei den Damen hinterlassen. Kurt, Warren, Neal und Sam haben dich jedoch würdig vertreten. Mehr Glück beim nächsten Mal. Ach, und Cannonballs kleine Schwester hat nach dir gefragt..."

"Bitte, Betsy", begann Bobby sein Gnadengesuch und wurde ohne sein Wollen von Angel gerettet, dem das Thema der Unterhaltung genauso lästig war.

"Also, wir fahren jetzt zur Mall und besorgen das restliche Essen für morgen Abend, dann halten wir Ausschau nach einer Ladung Kürbisse -"

Rogue unterbrach ihn an dieser Stelle, "Mensch, Warren, wozu Stauraum im Auto verschwenden? Laß' das restliche gemeine Volk auch einen Beitrag leisten! Du und Betsy, ihr könnt meinetwegen einkaufen gehen, aber überlaßt die Kürbisse mal ruhig mir. Da ist ein Kürbisverkauf ein paar Meilen die Straße runter hinter dem Ahornwäldchen...ich könnte ohne Probleme ein Dutzend oder so besorgen. Wenn ich eine passende Einkaufstasche finde", setzte sie hinzu und verschränkte die Arme in Erwartung von Angels Antwort.

Dieser schien erstaunt. "Das wäre nett, Rogue, wenn du das erledigen könntest. Aber nur wenn es wirklich kein Umstand ist."

"Ach was. Du weißt doch, Warren...die Dinge, die ich bereitwillig für dich tue..." Sie seufzte übertrieben dramatisch, wischte sich imaginären Schweiß von der Stirn und ließ sich sogar dazu hinreißen, Angel eine Kußhand zuzuwerfen. "Da mache ich mich besser gleich auf die Socken, denn so kurz vor Halloween sollten sich alle übriggebliebenen Kürbisse verkaufen wie...hm, Kürbisse halt." Nach einem an alle gerichteten *Bye* beugte sie sich zu Gambit hinunter und gab ihm einen flüchtigen Kuß auf die Wange. Sie konnte es immer noch kaum glauben, daß es ihr endlich möglich war, diesen Mann auch wirklich berühren zu können. Gut, es war mit einigem Aufwand vonseiten Remys verbunden und die permanente Begleiterscheinung, die mit jeder Berührung einherging, war eine milde doch spürbare elektrische Entladung wie ein Nadelstich. Das lag daran, daß Gambit sich vor der negativen Wirkung ihrer Kräfte mit einem Feld aus biokinetischer Energie schützte. Ein lachhaft geringer Preis, fand sie; zu schade, daß beim derzeitigen Stand ihrer Beziehung all das, was sie sich immer gewünscht hatten, nicht zur Debatte stand. Wo das noch hinführen sollte, wie es sich weiterentwickeln würde, das konnte keiner von ihnen mit Gewißheit vorhersagen. Sie waren Freunde...freundlich miteinander...sie hatte jetzt wirklich keine Lust, intensiver darüber nachzudenken.

"Bis nachher, chère."

"In Ordnung, sugah", sie zog die Silben betont in die Länge und war verschwunden, begleitet von einem weißen Federwirbel namens Warren. Betsy bildete die Nachhut und verließ die Küche gemächlicheren Schrittes.

In die Stille, die folgte, sagte Bobby zwischen zwei Löffeln Müsli hinein, "Nun, Remy, zumindest was dein Privatleben betrifft scheint derzeit alles im grünen Bereich zu sein."

_Und das ist auch so ziemlich das einzige, was im Moment halbwegs reibungslos funktioniert. Bin in diesen letzten zwei Monaten oft genug nur um Haaresbreite dem Tod über die Klinge gehüpft...die Erfahrung sollte bis zum nächsten Mardi Gras genügen. Erst tauchten diese Neo auf der Bildfläche auf und machten Ärger, dann der kleine Ausflug nach Moskau, dann haben wir den Sklavenhändlerring in Madripur zerschlagen..._ Keiner seiner Gedanken zeichnete sich nach außen hin ab, und er gab auch kein Wort der Antwort von sich, sondern nippte weiter an seinem Kaffee, im Geiste ganz woanders. Dann auf einmal schob er resolut seinen Stuhl zurück und warf praktisch seinen leeren Kaffeebecher in die Spüle. "So. Fertig. Hellwach und bereit für einen neuen Tag."

Noch vor einer Minute hätte man bezweifelt, daß er die Energie hatte, sich selbst die Schuhe zuzubinden, und plötzlich war er wacher denn je, jede Bewegung schwungvoll und präzise. Auch seine Laune grenzte auf einmal fast an Übermut. Oh, wie sehr wollte Hank McCoy dem Geheimnis, das der *neue* Remy LeBeau verkörperte, auf die Spur kommen! Wenn er ihn nur mal lange genug in seinem Labor behalten könnte, sprich für mehrere Stunden am Stück... Niemals würde er jedoch dem Objekt seiner Faszination verraten, welchen Spitznamen er insgeheim von Dr. Reyes aufgedrückt bekommen hatte. Verständlich. Wer wollte schon gerne mit einem kleinen pinkfarbenen, trommelnden Plüschlangohr aus der Werbung verglichen werden? Sich verstohlen immer wieder räuspernd - sein Rachen fühlte sich an als hätte er mit Batterieflüssigkeit gegurgelt - entschied er sich, als reine Vorsichtsmaßnahme für die Dauer von Gambits Besuch morgens auf Tee umzusteigen.

Kaum daß er allerdings den Schalter des Heißwasserkochers umgelegt hatte, hörte er hinter sich bereits das eilige Tapp-Tapp bestrumpfter Füße, die sich durch den Gang zur Eingangshalle hin entfernten. Die einzige Person, die er noch vorfand, als er sich umdrehte, war der müslikauende Bobby, der ihn mit einem fragenden *Was hätte ich denn tun sollen, ihn etwa schockfrosten?* ansah.

Hank seufzte ergeben. Wie erwartet hatte sich Gambit verdrückt und bei seinem nächsten Blick aus dem Fenster bewegte sich die durchtrainierte Windhundsilhouette des Cajun bereits mit raumgreifenden Schritten über den Rasen in Richtung Wald. Die roten Haare flammten in der Sonne wie ein Signalfeuer. Toll. Und er durfte nun im Labor sitzen und warten, mit LeBeaus Wort als einzige Garantie. Nicht wirklich aussagekräftig.

Draußen auf dem Gang näherten sich Stimmen, eine ganze Gruppe Personen kam die Treppe herunter, und es konnte sich dabei nur um Teenager handeln, die Geräusche und das Gelächter waren eindeutig.

"Morgen, Beast, was gibt's zum Frühstück?" rief Jubilee, dank Walkman lauter als erforderlich, und hüpfte mit dem Elan eines Gummiballs in die Küche, Paige, Angelo und der Rest von Generation X in ihrem Kielwasser.

 

***********
 

Vogelgezwitscher schallte aus den Ahornbäumen und stammauf, stammab spielten graue Eichhörnchen Fangen, so in ihr Spiel vertieft, daß sie erst auf Duncan MacLeod aufmerksam wurden, als er sich schon in ihrer unmittelbaren Nähe befand. Kaum aber wurden sie seiner gewahr, unterbrachen sie ihr fröhliches Treiben und stoben verschreckt in die Baumwipfel. Duncan mußte einfach lächeln, froh darüber, daß er diese Route gewählt hatte und nicht die an der Landstraße entlang. Von Zeit zu Zeit überwogen die positiven Aspekte der Unsterblichkeit die negativen Nebenerscheinungen...man konnte eine Pause einlegen und sich an der Schönheit der Welt erfreuen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie wenig Zeit man doch nur zur Verfügung hatte. Und er war von Schönheit umgeben, die Farben fast unbegreiflich im Kontrast mit dem stahlblauen Himmel... Er richtete seine Aufmerksamkeit gerade noch rechtzeitig wieder auf den Weg vor sich, um einen armdicken Ast zu überspringen, den der letzte Sturm wohl heruntergefegt hatte und der nun quer über dem Pfad lag. Diesen Moment nutzte er, um sich innerlich für seine exzellente Kondition zu gratulieren; er schwitzte nur leicht und war nach einer Strecke von sicherlich vier Meilen kaum außer Atem. _Nicht schlecht für einen Mann in meinem Alter..._ Hinter einer weiteren Kurve gabelte sich der Weg, und nach einem Moment der Überlegung folgerte Duncan, daß er höchstwahrscheinlich für das im Tal gelegene Salem Center nach rechts und bergab laufen müßte, tat es auch, und es dauerte gar nicht mehr lange, bis die kleine Stadt in Sicht kam.

Die neueren Häuser, mit rotem Sandstein und weißgestrichenen Fensterrahmen eine harmonische Ergänzung zu den modellierten Fassaden und Säulen der älteren Stadthäusern, hatte er schon gestern bewundert, ebenso die vielen Vorgärten. Nahezu in jedem der kleinen bepflanzten Rechtecke fand sich ein Kürbis, dessen geschnitzte Fratze ihm entgegengrinste. Ferner gehörten weiße Plastikskelette, tonnenweise künstliche Spinnweben und die dazugehörigen fetten schwarzen Gummispinnen an jedem Gartenzaun zum vertretenen Sortiment. Was ihn verwunderte, war die Abwesenheit fast jeglicher Menschen um diese Uhrzeit. Die Straßen waren wie leergefegt; in Europa hätte seine erste Schlußfolgerung "Fußballspiel" gelautet, doch in dieser amerikanischen Kleinstadt...

"Eh! Paß' doch auf, wo du hinläufst!" Aus der Seitenstraße zu seiner Rechten kommend, fand sich der andere Läufer seiner Vorfahrt beraubt und nur in letzter Sekunde konnte er durch eine geschickte Körperdrehung, die jeden Olympiaturner neidisch gemacht hätte, eine Kollision mit dem unachtsamen Highlander vermeiden. Allerdings geriet er dadurch selbst aus dem Tritt. Vor MacLeods entsetzten Augen stolperte der rothaarige Mann, strauchelte, und bezahlte seinen eleganten Körpereinsatz von einer Minute zuvor fast mit dem Leben, als er höchst unelegant nur wenige Zentimeter von dem kniehohen schmiedeeisernen Vorgartenzaun entfernt lang hinschlug.

Duncan litt innerlich mit, denn der Aufschlag von Kopf auf Gehweg war in der Stille mehr als hörbar. Für einige Sekunden rührte sich der Mann nicht mehr, und der Schotte befürchtete das Schlimmste. _Jetzt hab' ich es geschafft! Erst fahre ich fast ein kleines Mädchen an und dann verursache ich beim Joggen einen tödlichen Unfall! Ein toller Verkehrsteilnehmer bin ich..._

Gerade als er mit dem Gedanken spielte, an der nächstbesten Tür zu klingeln und einen Notarzt rufen zu lassen, bewegte sich der Gefallene. Langsam. Sehr langsam. Erst ein Bein, dann einen Arm...und schließlich rappelte er sich in Zeitlupe auf und strich sich die rostroten Haare aus der Stirn...um in der nächsten Sekunde ein schmerzerfülltes, "AUTSCH!" von sich zu geben. Es war deutlich, daß was immer für eine Laune er soeben noch gehabt haben mochte, diese sich schlagartig zu ungebremstem Zorn gewandelt hatte. Lautstark fluchte er vor sich hin, während er sich eingehend auf Verletzungen untersuchte und bedachte MacLeod abschließend mit einem Blick, der gut und gerne eine Eiszeit in der Hölle verursachen könnte. "Merde! Wohl keine Augen im Kopf, connard? Touristen! In England zu viele Hamburger gegessen, non?"

So ganz unverletzt hatte er es doch nicht überstanden, mußte Duncan bei genauerem Hinsehen feststellen, die rechte Wange war ziemlich zerschrammt und von einer kleinen aber unübersehbaren Platzwunde über dem rechten Auge tröpfelte ein roter Blutsfaden am Gesicht herunter. _Scheiße!_ dachte er. Ihm war es wirklich entsetzlich peinlich. _Nun, er hätte ja auch auf den Zaun fallen können, das wäre weitaus schlimmer gewesen!_ Er ließ also die anhaltende Tirade reumütig über sich ergehen - in Französisch, wie er mit leichtem Erstaunen registrierte - und schaffte es bei bestem Willen nicht, ein Wort der Entschuldigung einzubringen, denn der Mann lamentierte ohne Punkt und Komma über die Rücksichtslosigkeit von Wochenend-Urlaubern, ihren mangelnden Manieren, ihrer Ignoranz für lokale Bräuche... Wenn er genug Zeit gehabt hätte, so hätte er vermutlich den Bogen bis hin zu den Manhattan-Indianern geschlagen, doch stattdessen brach er plötzlich mitten im Satz ab, funkelte den Schotten noch einmal betont wütend an und setzte dann seinen Weg fort, die Richtung einschlagend, aus der MacLeod gekommen war.

Da war aber jemand mit dem falschen Bein aufgestanden! Der kleine Unfall konnte unmöglich der Grund für einen solchen Ausbruch gewesen sein, da war sich Mac sicher und wollte sich ebenfalls wieder in Bewegung zu setzen, da wandte der Davonlaufende noch einmal den Kopf und blickte zu ihm zurück.

Ein spürbarer Schauder kroch entlang seiner Wirbelsäule in Richtung Haarwurzeln, und MacLeod blinzelte mehrmals irritiert, denn für einen Moment hatte er fast geglaubt, daß die Augen des anderen in einem unnatürlichen Rot hell aufflackerten. _Reine Einbildung...oder auch nicht. Und ich könnte schwören, ihn schon mal getroffen zu haben..._ Nachdenklich sah er ihm hinterher, wie er sich in Richtung Wald entfernte. Seine Haare hatten die gleiche Farbe wie das Herbstlaub und sobald er die ersten Bäume erreichte, war er praktisch unsichtbar.

MacLeod stand alleine an dieser Straßenkreuzung am Rande von Salem Center und begann ernsthaft seine Fähigkeit zu bezweifeln, diese Stadt betreten zu können, ohne andere Personen in Gefahr zu bringen. Zwei Mal in zwei Tagen war nicht mehr normal.

Irgendwo in der Ferne bellte ein Hund und das unerwartete Geräusch, der Beweis, daß er nicht das einzige lebende Wesen im Umkreis von mehreren Meilen war und dieses Kaff nicht über Nacht zu einer Geisterstadt geworden war, schreckte ihn aus seinen Gedanken. Verloren geglaubte Logik drängte sich auf, und er empfing sie mit offenen Armen. _Gut, ich war etwas gedankenverloren, aber *er* hätte ja auch etwas besser aufpassen können!_ begehrte sein Gewissen auf und weigerte sich, die Gesamtheit der Schuld auf sich zu nehmen. _Zu einem Unfall gehören immer zwei! Hm...vielleicht konnte er nicht besonders gut sehen...sah zumindest so aus als hätte er Augenprobleme. Ziemlich starke Bindehautentzündung. Da wäre wohl jeder schlecht gelaunt_, entschuldigte er die Reaktion des anderen und hoffte für ihn, daß er einen guten Arzt hatte. Oder zumindest besorgte Freunde, die ihm nahelegten, sportliche Aktivitäten in der Öffentlichkeit bis zu seiner Genesung zu vermeiden.

Im Moment war der französische Rotschopf ganz offensichtlich genauso eine Bedrohung für nichtsahnende Bürger wie der Highlander es war....ob im Auto oder zu Fuß... Wenn der Trend anhielt, befürchtete Duncan, würde er bald keine Fortbewegungsmöglichkeiten mehr zur Auswahl haben.

 

**************
 

Der Partie Domino folgte ein Scrabble-Gefecht, das sehr bald in ein erhitztes Streitgespräch ausartete. Joe weigerte sich partout, die ellenlange Konsonanten-Konstruktion gelten zu lassen, von der Methos steif und fest behauptete, es würde sich dabei um eine walisische Delikatesse aus der Zeit vor der Ankunft der römischen Invasoren handeln.

"Ist mir völlig egal!" lamentierte der Beobachter. "Ist mir egal, ob es der walisische Ausdruck für Eierpunsch ist, oder Griechisch oder auch Phönizisch. Total egal! Als nächstes verlangst du von mir wohl noch, daß wir Scrabble mit Hieroglyphen spielen! Ohne mich. Irgendwo muß doch mal Schluß sein!" Es wäre ja nur halb so schlimm, wenn Methos nicht dieses angedeutete süffisant-mitleidige Lächeln zur Schau tragen würde.

Methos warf einen raschen Blick auf den Schreibblock und addierte gedanklich die Punktzahlen zusammen. Sein Vorsprung gegenüber dem Sterblichen betrug 200% und somit konnte er es sich erlauben, mit dem nötigen Humor auf Joes Vorwürfe einzugehen. "Gar keine so schlechte Idee, Joe...das hätte durchaus Potential. Wäre zumindest interessanter als Japanisch...das sind ja fast nur Vokale...hey", und seine Augen leuchteten auf als habe er soeben den Stein der Weisen gefunden, "wahrscheinlich ist das der tiefere Grund dafür, daß sie so viele dämliche, selbsterniedrigende Ausdauer-Gameshows haben!"

Dawson erübrigte als einzige Reaktion ein leises mißmutiges Brummen. "Schreib' doch meinetwegen einen Aufsatz darüber. Die anthropologischen Auswirkungen eines Brettspiels in verschiedenen Kulturen. Dein Kumpel an der Uni in Cascade hilft dir sicherlich gerne. Gottchen, das ist zu anspruchsvoll für mein Gehirn..." Er rieb sich mit zwei Fingern die schmerzende Stelle direkt über der Nasenwurzel.

Sein Freund gab milde tadelnd zurück, "Chacun à son fa‡on", aber fragte dann in einem ernsteren Tonfall, "Ist etwas, Joseph? Normalerweise bist du doch kein schlechter Verlierer..."

Zuerst erschien es als würde sich der Beobachter um die Antwort drücken, doch nach einem langen Moment des Zögerns sagte er, irgendwie gequält klingend, "Ich habe letzte Nacht einen Anruf erhalten."

"Schlechte Neuigkeiten?" vermutete der Unsterbliche.

"Hm." Dawson zog sich kurz in nachdenkliches Schweigen zurück und strich seinen Bart, seine müden Augen halb geschlossen. Ein Seufzer und ein Schulterzucken begleiteten seine ausweichende Antwort. "Kommt ganz auf die Perspektive an."

Das Spiel war nunmehr von sekundärer Bedeutung, die walisische Delikatesse fiel zurück in den Nebel der Geschichte. Ganz offensichtlich war es etwas Ernsteres. "Gut", nickte Methos ermunternd in Dawsons Richtung, "du hast meine absolute ungeteilte Aufmerksamkeit."

"Der Anruf kam von Nick."

Methos hätte nicht mehr überrascht sein können, wenn Joe behauptet hätte, daß Bill Clinton nicht nur ursprünglich von Mars stamme - das war schließlich allgemein bekannt - sondern zudem auch noch eine Affäre mit Saddam Hussein habe. "Wow", war die erste und einzige Sache, die er hervorbringen konnte. Und dabei blieb es vorerst auch. _Um dich zu zitieren, Joe, *zu anspruchsvoll für mein Hirn*... Da haben wir monatelang nichts von ihm gehört - und nichts Gutes seitdem er unsterblich wurde - und nun ruft er an als wäre nichts gewesen..._ Vorsichtig wagte er die Frage, "Angenommen wir reden über Nick...Nick wie in *Nick Wolfe*...weswegen rief er an?"

Der Beobachter gab ihm mit einem einseitigen Schulterzucken zu verstehen, daß auch er nicht den leisesten Schimmer hatte. "Um ehrlich zu sein, Methos, es war keine wirklich lange Unterhaltung. Im Grunde genommen wollte er nur sagen, wo er gerade steckt...und fragen, ob Amanda bei uns sei."

"Und -?" Eine Sache, die Methos an seinem langjährigen Freund haßte, war daß man ihm bei unangenehmen Angelegenheiten die Informationen silbenweise entlocken mußte.

"Er rief aus Singapur an...und wird morgen früh in JFK ankommen. Und er hat die Absicht, hierher zu kommen."

_Verflucht grandiose Vorstellung._ Wie wohl die Buchungslage bei AirFrance für die morgigen Flüge von New York nach Paris aussehen mochte? Er versuchte sich zu erinnern, ob es derzeit irgendeinen den Flugverkehr lähmenden Streik in Frankreich gab... Aber er verwarf den Gedanken in der nächsten Sekunde. Wer sagte denn, daß Nick länger als ein paar Stunden bleiben würde? Methos würde auf keinen Fall abreisen und Amandas Ex einfach sein Zimmer überlassen, damit dieser den Rest seines teuer vorbezahlten Urlaubs genießen konnte! Seine kurz aufflammenden Ressentiments herunterschluckend, stellte er eine viel wichtigere Frage, "Und wann gedachtest du, Amanda zu informieren?"

"*Das* war die Frage, wo ich hoffte, eine Antwort vermeiden zu können."

"Nachvollziehbar."

"Wird aber bald sein müssen...bevor wir heute Abend weggehen."

"Yup."

"Methos", beschwerte sich Joe, "bist du schon wieder im Einsilbigkeits-Modus?"

"So ungefähr." Die Vorstellung von einem vierten Unsterblichen in diesem Haus, zudem noch einem, mit dem Amanda noch einiges an emotionalem Sondermüll zu baggern hatte, kam genauso nah an seine Idee einer Katastrophe heran wie die anstehenden Präsidentschaftswahlen. Keiner der zur Auswahl stehenden Kandidaten entsprach seinem Ideal - nicht daß es so etwas in der Politik überhaupt gab - weder Gore noch Bush, und alle übrigen Mitläufer waren kaum erwähnenswert. Die einzige Ausnahme könnte vielleicht Robert Kelly sein, der stimm- wie finanzkräftige Unterstützung um sich scharte, indem er sich für die Mutanten-Frage einsetzte, die heutzutage fast jeden beschäftigte. Methos' Meinung nach war die Basis für das kontroverse Thema, die ganze Hysterie darum, völlig hinfällig, denn was war die Menschheit wenn nicht eine einzige Mutation? Abgesehen davon hatte er sich noch nie extensiv Gedanken darüber gemacht, wie wohl sein persönlicher bzw. politischer Standpunkt in dieser Sache sein mochte. "Und wie lange gedenkt er zu bleiben? Beziehungsweise *wo*?"

Joe wurde bewußt, daß er das auch nicht wußte. Genau genommen hatte er überhaupt keine Ahnung, was die Details von Nicks bevorstehendem Besuch anging, und so antwortete er mit berechtigtem Unbehagen, "Also darüber würde ich mir an deiner Stelle ganz zuletzt Sorgen machen. Was mich am meisten beschäftigt, ist die Frage nach seinem Geisteszustand...wie du mit Sicherheit schon vernommen hast, verträgt er die Unsterblichkeit nicht besonders gut."

"So lautet das Gerücht", nickte Methos beiläufig, und es entstand eine unangenehme Stille zwischen ihnen. Diese wurde einige Minuten später von Methos gebrochen, als er aufstand und sich eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank holte; wo er schon auf dem Weg war, befolgte er auch gleich MacLeods Bitte und stellte die Geschirrspülmaschine an. Zurück am Tisch lenkte er mit einem betont theatralischen Seufzer Joes wandernde Aufmerksamkeit wieder auf sich und stellte in den Raum, "Nun, Joe, du bist doch der Experte. Ihr Beobachter müßt doch garantiert irgendwelche Richtlinien haben, wie mit durchgeknallten Unsterblichen umzugehen ist."

Hier zögerte Joe nicht, ihn zu korrigieren. "Er ist nicht, wie du so schön sagst, *durchgeknallt*...jedenfalls nicht im gängigen Sinne. Kein Zustand, mit dem er mal eben zum Psychiater gehen könnte, *Entschuldigen Sie, ich habe da ein Problem. Meine Freundin hat mich erschossen, damit ich nicht sterbe, und jetzt bin ich unsterblich*. Und außerdem warst du selbst mal Beobachter, also kannst du die Frage selber beantworten: Nein, haben wir nicht." _Auch wenn man meinen sollte, daß es durchaus sinnvoll wäre. Immerhin haben wir genug unsterbliche Irre da draußen herumrennen..._

Methos schaute beleidigt von der Lektüre der Liste der Inhalts- und Zusatzstoffe auf der Rückseite der Wasserflasche auf, aber sein Schmollen war etwas zu übertrieben, um als echt durchzugehen, als er spitz einwarf, "Woher soll ich das bitte wissen, ich war ein armseliger Forscher, wie du dich erinnern magst. So ziemlich am untersten Ende der Nahrungskette...ebenso unterste Gehaltsklasse. Informationen über die Außenwelt waren Mangelware und nur selten aktueller als das 19. Jahrhundert. Wenn du und Don nicht gewesen wärt, wären die Achtziger komplett an mir vorbeigegangen. Ich hätte nicht mal den Reaktorunfall in Tschernobyl mitgekriegt oder den Fall der Mauer in Deutschland. Oder daß Chirac neuer Premier von Frankreich ist. Ganz zu schweigen", setzte er nach einem kurzen Überlegungsmoment hinzu, "die Termine der jährlichen Weihnachtsfeiern im Beobachter-Hauptquartier."

"Keine Ursache. Kaum erwähnenswert."

Doch der Unsterbliche war noch nicht fertig mit dem, was er eigentlich sagen wollte. "Jetzt, wo ich wieder voll im Strom der Zeit schwimme und am Puls des Weltgeschehens lebe - um es übertrieben bildlich zu formulieren - komme ich nicht umher mich zu wundern: warum haben die Beobachter, altehrwürdig und gut organisiert wie sie sind", und hier grinste er und ließ eine gehörige Dosis seiner ganz eigenen Sorte von Sarkasmus mitklingen, "keine Vorgehensweise - noch nicht mal eine Theorie - entwickelt, wie man mit Unsterblichen verfährt, die sich komplett von ihrer geistigen Gesundheit verabschiedet haben? Ich weiß nicht, so etwas in der Richtung Psychotherapie? Ein Sorgentelefon...Töpfergruppe...oder vielleicht die Anonymen Unsterblichen?" Ungeachtet von Dawsons Gewitterblick plapperte er ungeniert weiter, "Ich meine, Nick wird doch sicher nicht der allererste Fall sein, oder? - Hat man ihm überhaupt schon einen Beobachter zugeteilt?"

Manchmal, wirklich nur manchmal wünschte sich Joe, daß sein Freund ein ganz gewöhnlicher Sterblicher wäre, damit er diese geistigen Irrflüge und - bisweilen schlichtweg bescheuerten - Spekulationen einem hohen Fieber, temporärer Unzurechnungsfähigkeit oder BSE zuschreiben könnte. Aber so wie die Dinge standen, zählte er im Stillen bis fünf und brummelte sich dann in den Bart, "Um deine Fragen der Reihe nach zu beantworten: Keine Ahnung. Ja, ist schon mal passiert. Und ja, Nick hat eine Beobachterin."

"Und?"

"Nur leider kann sie ihm im Moment nicht folgen, da sie im achten Monat schwanger ist und schon Paris nicht verlassen konnte. Das war", und es war deutlich zu sehen, wie unsagbar verärgert Joe über diesen Umstand war, "mit dem heutigen Tag vor drei Monaten, zwei Wochen und einem Tag. Über Nicks Aktivitäten in dieser Zeit haben wir keinerlei Informationen. Die Erklärung von offizieller Seite lautet, *Akuter und erheblicher Personalmangel im Außendienst*..."

Bei den lausigen Spesensätzen, die Dagobert Duck im Vergleich zur Buchhaltung der Beobachter wie einen chronisch spendablen Wohltäter erscheinen ließen, war das kein Wunder, fand Methos. Dennoch meinte er besorgt, "Wenn das ein Witz sein soll, Joseph, so kann ich nicht darüber lachen, bedaure."

"Schon okay. Bin ich ja gewohnt."

"Sollte es nicht mindestens zwei Backup-Leute geben und -?" Sobald er sah, wie der andere Mann die Lippen zu einem gequälten stummen *Ich weiß, ja, hör' auf!* verzog, unterbrach er seinen begonnenen Vorwurf für einen großzügigen Schluck direkt aus der Wasserflasche, weil er genau wußte, wie sehr MacLeod diese Unart haßte. Nachdem er geschluckt und den Beschluß gefaßt hatte, daß dieses Mineralwasser mit Geschmackszusatz - auch wenn es sich ach-so-beerig-frisch präsentierte - keinen erneuten Kauf wert war, wiederholte er Joes Antwort laut, "Nein?"

"Nein", bestätigte Dawson höchst säuerlich. "Sie haben's vor einem Jahr auf einen Backup reduziert...aus Kostengründen, versteht sich. Und...nun ja...hm..."

"Ja?" Erwartungsvoll wie ein Kind vor Weihnachten hing Methos mit den Augen an den Lippen seines Freundes. "Und?"

"Jene Reserveperson jedoch wurde während Nicks Rundreise durch Indonesien Ende Juli von den dortigen Behörden in Gewahrsam genommen", gestand Joe, die Worte begleitet von einem Stöhnen, das ihn hundert Jahre älter klingen ließ. "Irgendwas vonwegen Drogenschmuggel. Die Beobachter beschäftigen seitdem eine Legion Anwälte rund um die Uhr, um die Todesstrafe abzuwenden. Es war alles eine Falle, klar, jemand wollte ihn bewußt auflaufen lassen, doch versuch' mal, das zu beweisen."

Es gab auf dieser Erde nicht mehr viele Dinge, die dem ältesten Unsterblichen noch die Sprache verschlagen konnten, doch Joe hatte es soeben geschafft. Die Lage konnte unmöglich *so* pathetisch schlecht sein! Selbst mit der denkbar größten Inkompetenz an den entscheidenden Positionen würde es wenigstens ein Jahrzehnt dauern, eine Organisation wie die Beobachter derart zugrunde zu richten, wie Joe es gerade beschrieb. War denn so ziemlich jedes Mitglied, angefangen beim duckmäuserischsten Forscher-Grünschnabel bis hin zum erfahrensten Außenagenten unbemerkt und komplett verrückt geworden? "Ich weigere mich, das zu glauben, Joe."

"Da sind wir schon zu zweit", grollte der Sterbliche. "Die Dinge sind einfach nicht mehr so, wie sie früher waren, Methos. Die alten Werte gehen den Bach runter, die jüngere Generation ist verdorben und verweichlicht, ihnen fehlen die Ideale, die uns Beobachter zu dem machten, was wir waren...und dann ist da noch dieses neue Computersystem, was vor einem halben Jahr eingeführt wurde. Dieses SAP..."

Methos würgte verstohlen. Drei Buchstaben, die alles erklärten, ein Synonym für Disaster, ungefähr genauso universell nutzbar wie die beliebte 42. "Morgen früh, sagtest du?"

"Genau."

"Dann sollten wir das Beste aus diesem Abend machen."

"Nachdem wir bei Amanda gebeichtet haben", erinnerte ihn Joe.

All seine Konzentration auf den einen Spielstein mit dem Buchstaben Y gerichtet, den er zwischen seinen langen Fingern drehte und wendete, fast wie David Copperfield vor einem besonders anspruchsvollen Zaubertrick, nickte Methos und fragte interessiert nach, "Meldest du dich freiwillig?"

Joe war von der Idee entsetzt. "Hey, ich hab' nur dieses eine Leben, schon vergessen?"

"Und ich mag' meinen Kopf immer noch, ganz egal was die restliche Welt sonst so über mich erzählen mag! - Gut, dann werfen wir halt eine Münze", erklärte der Unsterbliche entschieden. "Schließlich können wir schwerlich einfach ein Post-it hinterlassen mit der Nachricht, 'Amanda - Nick hat angerufen. Er kommt morgen her. Ciao, Methos & Joe'. Sie würde uns beide umbringen."

"Methos..."

"Okay, okay, ich mach's ja."

"Danke, Methos, ich weiß dein Opfer wirklich zu schätzen."

Nichts im Leben war umsonst, der Tod schon gar nicht - und auch nicht ein Gefallen von demjenigen, der sich einst in selbiger Rolle betätigt hatte. Methos schwebte da einiges vor, was Joe als Gegengefallen leisten könnte. "Im Gegenzug könntest du vergessen, daß du beim Domino gewonnen hast...und aus Großzügigkeit und Edelmut heute Abend für unser leibliches Wohl sorgen."

"Vielleicht auch noch Kaviar statt Hotdogs für den Märtyrer der Woche?" Der säuerlich-ergebene Unterton in der Stimme des Beobachters war unüberhörbar.

Doch Methos schüttelte den Kopf. "Nein, Hotdogs sind schon okay. - Als letzte Gefälligkeit verlange ich allerdings, daß du mein liebstes Paradebeispiel für walisische Küche des 11. Jahrhunderts gelten läßt...wie auch alles andere, was mir im Verlauf dieses Spiels noch so einfallen mag. - Übrigens, du bist dran, Joseph."

Egal wie oft Dawson es sich schwor, Methos' Manipulationen nicht nachzugeben und stoisch auf seinem Standpunkt zu verharren, hatte nun der älteste Unsterbliche erneut das Unmögliche vollbracht: In seinen Freunden abgrundtiefe Schuldgefühle für die kleinste ihm verursachte Unannehmlichkeit wachzurufen und sich infolgedessen von den armen Büßern für mindestens die nächsten drei Tage von vorne bis hinten bedienen zu lassen. "Kein Wort sollte zehn *Y* haben", verlieh er seinem Ärger Ausdruck und betonte es zusätzlich mit mehreren Schlägen seines Gehstocks auf den Boden. "Ansonsten...abgemacht."

Die Tür zur Veranda öffnete sich, und Amanda trat mit einem kleinen Gähnen ein und lächelte sie strahlend an. "Hi, Jungs. Ist die Schlacht geschlagen?" Das Letzte, was sie erwartet hatte, waren zwei Männer, die sie mit Grabesstille anstarrten wie das sprichwörtliche Eichhörnchen im Scheinwerferlicht kurz bevor es unter dem Autoreifen endete. "Jungs?" Ihre Stimme wurde härter und die grüngetönte Dior-Sonnenbrille wanderte in ihre Westentasche; ihr Blick war gnadenlos, sie wußte bereits, daß man ihr etwas verschwieg. "Schon klar...ihr könnt mir entweder freiwillig sagen, was los ist, oder ich muß die chinesische Wasserfolter anwenden...welche du noch am besten kennen müßtest, alter Mann, und auch wie unangenehm sie ist."

Eine weitere Minute verstrich, jede Sekunde davon begleitet vom ungeduldigen Tappen von Amandas Absatz auf dem dunkellackierten Holzboden, und endlich räusperte sich Methos umständlich für die Frage, "Amanda...Tasse Tee gefällig? Nimm' doch Platz..."

"Ach, sei doch ruhig, Methos!" herrschte sie ihn an und knallte ihre geballte Faust auf den Tisch, so daß die Scrabble-Steine in die Luft sprangen und in einem wilden Buchstabensalat wieder landeten (sehr zu Joes Erleichterung). Ihren einen Fuß plazierte sie zielsicher auf Methos' linkem großem Zeh - aus dem schmerzverzerrten Gesicht seines unsterblichen Freundes folgerte Joe, daß die Aktion garantiert nicht zufällig erfolgt war. "Sag' was du zu sagen hast, ich bin ein großes Mädchen. Rück' raus mit der Sprache!"

_Keine hohen Absätze...man soll für Kleinigkeiten dankbar sein!_ Der Schmerz ließ allmählich nach, auch wenn Methos geistesabwesend mindestens zwei gebrochene Knochen diagnostizierte, dann lehnte er sich zurück und hob den Blick. Als ob es dadurch weniger gefährlich wäre, nahm er in Vorbereitung auf die Kundgebung, die er zu machen hatte, einen tiefen Atemzug...und sagte tapfer die volle ungeschminkte Wahrheit, bis hin zur allerletzten Silbe. "Nick hat angerufen, um uns in Kenntnis zu setzen, daß er morgen früh auf einen Besuch hierher kommt." _Und bitte sei so gnädig und mach' einen sauberen Schnitt!_

Anstelle des erwarteten Der-Herr-Schmettere-Mich-Nieder-Zornes reagierte aber Amanda lediglich mit einem Lächeln. Und Schweigen.

Die beiden Männer bezweifelten, daß dies ein gutes Zeichen war. Sie sollten wohl besser eine Strategie für das morgige Gemetzel entwickeln...zum Beispiel vorsorglich in einer Apotheke einen Vorrat Heftpflaster und Aspirin besorgen. Auch wenn Unsterbliche erfahrungsgemäß keine ärztliche Hilfe benötigten, so war den wenigsten Leuten bekannt, daß sie dennoch den beruhigenden Anblick einer versorgten Wunde zu schätzen wußten. Mußte psychosomatisch sein. Nick würde es ihnen danken, dessen waren sie sich sicher. Und wenn sie es bewerkstelligen konnten, MacLeod zur aktiven Mithilfe zu bewegen, dann könnten sie Nick Wolfes unmittelbarer Zukunft eine etwas weniger...schmerzvolle Note verleihen.

Auf halbem Wege durch die nächste Partie fragte Methos, "Sollte nicht MacLeod allmählich zurückkommen?"

Joe zuckte mit den Schulten. "Er genießt sicherlich nur das gute Wetter. Würd' ich an so einem Tag auch tun, wenn ich joggen könnte. Oder denkst du etwa, er hat sich verlaufen? Sicher nicht!"

 

*************
 

Selbstredend hatte sich Duncan MacLeod vom Clan der MacLeod nicht verlaufen. Ihm war auch kein Baum auf den Kopf gefallen und hatte ihn mit akuter Amnesie in die Wildnis irren lassen. Auch hatte er unterwegs keine verführerische Waldfee getroffen, die ihn überzeugte, daß sie besser sang als das Ensemble der Metropolitan Opera.

Nein, etwas viel Alltäglicheres - gemessen am hiesigen Maßstab der Alltäglichkeit, natürlich. Wenn es in Paris am hellichten Tage bei strahlender Sonne und wolkenlosem Himmel in einer Nebengasse krachte und blitzte, oder Leute von einem Hausdach fielen und doch am nächsten Tag bei ihrem Bäcker gesehen wurden - das war normal. Dafür hatte Salem Center, New York, seine ganz eigenen Alltäglichkeiten, die allerdings in keinem Reiseführer zu finden waren, egal von welchem Verlag und egal wie obskur und spezialisiert.

Als die gleißende Lichtwand mitten vor ihm auftauchte, hätten MacLeod auch seine RayBans nichts genützt; geblendet strauchelte er und setzte sich weniger formschön auf sein rückwärtiges Ende. _Was zur Hölle ist das?_ dachte er, gleichermaßen erschrocken wie fasziniert.

Sekunden später dachte er dann erst mal gar nichts mehr, weil die Harpune, die aus dem Licht geflogen kam, erst ihn und dann den Waldboden durchbohrte. Sport war wirklich Mord.

 

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Auf seinem Beobachtungsposten im Strategieraum war Samuel Guthrie in ein Gespräch mit seiner Schwester Paige vertieft und achtete nicht wirklich auf die Vielfalt von Monitoren, Displays und Anzeigetafeln. Das Summen und Zirpen der Computer war ein Hintergrundgeräusch, das er kaum noch wahrnahm. Außerdem hatte er seine Schwester seit langem nicht mehr gesehen; es war zu Ostern gewesen, daß sie sich daheim in Kentucky mit dem Rest der umfangreichen Guthrie-Familie getroffen hatten, und somit wollte er diese paar Tage nutzen, um wieder eine geschwisterliche Nähe zu schaffen und mit ihr über alles mögliche zu reden, so wie früher. Gerade erzählte sie ihm von den vergangenen Monaten an der Schule, wie furchtbar es gewesen sei, plötzlich im Zentrum von soviel Anti-Mutanten-Haß und Gewalt zu stehen und zum Schluß dadurch einen Freund und Kameraden zu verlieren, Everett Thomas, als auf einer nahen Konsole ein großes rotes Licht zu blinken begann. Der dazugehörige Bildschirm wurde schlagartig hell und machte den geneigten Benutzer darauf aufmerksam, daß die Sensoren in der näheren Umgebung des Hauses soeben einen starken Energieflux geortet hätten, der laut Datenbank wohlmöglich von der Entstehung eines interdimensionalen Risses stammte.

Aber Sam war zu abgelenkt als daß er es bemerkt hätte. Als sein Blick das nächste Mal in die Richtung schweifte, war das warnende Licht bereits wieder erloschen.

 

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Der Highlander müßte jede Minute zurückkommen, es war immerhin schon fast halb Zwei, und wenn es eine Sache gab, die nie passieren würde - so sicher wie der Sonnenaufgang am Morgen - dann war es ein unpünktlicher Duncan MacLeod.

Die Uhr auf dem Kaminsims schlug schließlich Zwei, und obwohl Methos noch nichts sagte, als er aufstand, um eine Kanne Tee aufzusetzen, begann er zu befürchten, daß etwas nicht stimmte. Natürlich hatte Mac sein Handy nicht mitgenommen; es stand in seiner Ladestation neben dem Fernseher und lud fröhlich vor sich hin, während sein Eigentümer vermutlich in Schwierigkeiten war und es dringend benötigte.

"Verfluchter Mist!" Gedankenverloren wie er war hatte der Unsterbliche die tönerne Teekanne verfehlt und sich einen Schwung des kochenden Wassers über die linke Hand gegossen und nun versuchte er mit allen Kräften, den Heißwasserkocher in seiner Rechten nicht fallen zu lassen, auch wenn die andere Hand sich vor Schmerzen zusammenkrampfte. _Ich kann beim besten Willen nicht glauben, daß ich mir allen Ernstes Sorgen um diesen schottischen Pfadfinder mache...ich sollte besser einen Therapeuten konsultieren..._ Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, hatte er heute feststellen müssen, daß er bei seinem momentanen Zustand der Dauer-Angespanntheit noch nicht einmal in gewohnt ausladendem Stil auf dem Sofa abhängen konnte. Der Gipfel der Demütigung.

Sein zweiter Anlauf beim Wassereinschütten in das Gefäß war von mehr Erfolg gekrönt, und er trug die Kanne zurück zum Sofa, wo er sie behutsam auf dem Nebentisch abstellte. Seine Hand, so wußte er, würde geheilt sein, noch bevor er sich die erste Tasse einschenkte.

Wenn sich nur alle Probleme so leicht und so schnell lösen ließen und alle Arten von Schmerz so umgehend und gründlich vergehen würden.

Er dachte da hauptsächlich an ein Problem mit Namen Duncan MacLeod.

Die Zeit verstrich.

Halb Drei, registrierte Amanda unbewußt, als sie von dem "Gracious Living"-Magazin aufsah, daß sie vorgab zu lesen. "Methos..."

"Ja, ich weiß." Er wußte, was sie sagen würde. "Ich bin mir sicher, daß es nichts Weltbewegendes ist. Vielleicht hat er sich verlaufen."

Mit Karacho knallte sie das Heft auf die Armlehne und fuhr ihn an, "Wen glaubst du eigentlich, vor dir zu haben, Methos? Verarschen kann ich mich alleine! *Verlaufen*! Irgendwie weckt dein Beispiel Zweifel in mir, daß Unsterbliche ab einem bestimmten Alter nicht vielleicht doch empfänglich für Geisteskrankheit sind. Das hier ist nicht die Wüste Sahara oder der Dschungel am Amazonas! Ich weiß nicht, was passiert ist, aber ich kann dir versichern, daß Mac nicht einfach irgendwo falsch abgebogen ist und sich nun auf direktem Weg zur kanadischen Grenze befindet!"

Der älteste Unsterbliche zuckte mit geübter Gleichgültigkeit die Schultern. "Wissen wir das mit Sicherheit? Kann doch sein, daß exakt das passiert ist. Vielleicht will er Mountie werden."

"Das glaubst du doch wohl selbst nicht, alter Mann, oder?" meinte sie schnippisch und schlug die Zeitschrift so schwungvoll auf, daß sie mehrere Seiten bis zur Hälfte zerriß; dann erst verpuffte ein Teil ihres Ärgers, und sie verwandelte sich in ihr rationaleres Ich zurück. "Mir ist klar, daß der Grund völlig trivial sein kann und daß unsere Sorge komplett lächerlich und unbegründet ist...aber-"

Methos ließ einen tiefen Seufzer entweichen. "Ist schon gut, ist schon gut...war ein Versuch, optimistisch zu sein." _Zur Abwechslung mal._ Normalerweise fiel die Rolle des Pessimisten ihm zu, doch heute schienen seine Bedenken verglichen mit Amandas nicht der Rede wert. Es war nicht MacLeods Stil, sich zu verspäten. Wenn er sagte, daß er zu einer bestimmten Zeit zurück sein würde, dann war das der Fall, und sogar noch fünf bis zehn Minuten zu früh. _Nun, ist seine eigene Schuld, wenn er es nicht rechtzeitig zur Ouvertüre nach Manhattan schafft._ Er und Joe würden dann schon im Stadion sitzen, das Spiel würde in vollem Gange sein und der erste Sixpack halb vernichtet. Der verspätete Opernenthusiast würde sich nicht mehr umentscheiden und sie begleiten können. "Was hältst du von der Lage, Joe?" versuchte er, den Beobachter in die Unterhaltung miteinzubeziehen. Joe saß am Tisch an seinem Notebook und war damit beschäftigt, einen zweimonatigen Rückstand an handschriftlichen Notizen in seine Datei über MacLeod einzupflegen. "Irgendwelche Theorien?" Draußen war es binnen der letzten Minuten dunkeler geworden und soeben klatschten die ersten Regentropfen auf das Dach der Veranda. _Auch das noch..._

"Halt' mich da raus, Methos", warnte Dawson und hämmerte auf die Backspace-Taste, da er, kaum daß Methos ihn angesprochen hatte, prompt fünf Tippfehler in ein und dieselbe Zeile gesetzt hatte. Er konnte einfach nicht synchron reden und tippen, er mußte sich konzentrieren, speziell beim Schreiben auf dem Notebook. _Welch Ironie...da kann ich das komplizierteste Arrangement auf der Gitarre spielen...oder auf dem Klavier, virtuos und fehlerfrei...aber meine Finger werden zu unbeholfenen Nudeln, sobald ich ein Computer-Keyboard anfasse._ Seine eigene Handschrift stellte ein zusätzliches Problem dar. "Er hat schließlich noch reichlich Zeit..." Drei Tippfehler später gab er auf und stellte in den Raum, "Wißt ihr, es ist schon komisch. In der Welt um uns herum ereignet sich eine Katastrophe nach der anderen, Flugzeugabstürze, furchtbare Hurricanes, der Euro verliert gegenüber dem Dollar immer mehr an Wert, überall wird SAP eingeführt, Bush hat beste Chancen auf das Präsidentenamt, Hilary Clinton wird wohl die nächste Senatorin von New York werden... Und ihr zwei macht einen Heidenaufstand, bloß weil sich MacLeod etwas verspätet." Er sah zuerst Methos an, dann Amanda, bekam aber nur Schweigen als Antwort, weshalb er mit einem verständnislosen Kopfschütteln noch einmal betonte, "Ich versteh's nicht."

Eine Stunde später würde er allerdings zwangsläufig einräumen müssen, daß die Besorgnis der beiden Unsterblichen durchaus gerechtfertigt waren.

 

*****************
 

"Salut, mes amis, je suis de retour!"

"Paß' mit der Lautstärke auf, Gumbo, oder ich geb' dir Nachhilfestunden in Schweigen!" Nur eine einzige Person saß in der Küche, als Gambit von seinem Lauf zurückkehrte und den Kopf zur Tür hereinsteckte. Und jene Person war nicht wirklich in Feiertagslaune und, so wie es aussah, nicht in Stimmung für überhaupt irgend etwas. Wann war *er* denn angekommen?

Während er sich das durchgeweichte Stirnband vom Kopf zog, mußte Remy unwillkürlich grinsen, schon allein wegen des Blickes, mit dem er gewürdigt wurde, ein Blick, der Milch sauer werden lassen konnte. Erst früher Nachmittag und schon gleich eine Überdosis der liebenswerten Ungehobeltkeit, die Wolverine so ungemein umgänglich und sympathisch machte. "Logan, cher, das ist doch nicht etwa ein Lächeln, non? Wenn's so wäre, würde ich dich mal mitnehmen là-bas. Ins Medlab", fügte er erklärend hinzu, obwohl er selbst wenig Gefallen an dem Gedanken fand.

Draußen hörte er Donner grummeln, wahrscheinlich das Gewitter, das sie bereits gestern im Wetterbericht angekündigt hatten, und schon begann der Regen gegen die Fensterscheiben zu trommeln. Gambit gratulierte sich heimlich. Gerade noch rechtzeitig ins Trockene geschafft!

Ohne von seinem halbgeleerten Teller Sushi aufzublicken, antwortete sein Teamkollege mit einem verächtlichen Schnaufen und grollte - nach fünf Minuten in seiner Gesellschaft war es den meisten Leuten für gewöhnlich klar, weshalb sein Codename Wolverine lautete - "Hoffentlich für eine Schädeltomographie! War bei dir schon lange überfällig..."

"Désolé."

"Zu schade, genau." Er hatte gehofft, seine Mahlzeit ungestört einnehmen zu können, aber nun sah es so aus als ob der unerträgliche Cajun ihm Gesellschaft leisten wollte. Nun, er sollte besser nicht allzu viel an Konversation erwarten, schwor sich Logan und tauchte sein mit Wasabi bestrichenes Lachs-Sashimi in die Sojasauce und lud noch zwei Scheibchen Ingwer auf, bevor er das Bündel rohen Fischs zum Mund hob. Wie er befürchtet hatte, kam LeBeau zum Tisch herüber und ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen, die Entspannung selbst - das einzige, was er jetzt noch hätte tun können, um sein Lounge-Lizard-Image zu vervollkommnen, wäre die Füße auf den Tisch zu legen. Dort wären sie aber auch nicht lange geblieben.

Zehn Minuten später hatte der letzte Streifen roher Thunfisch den Weg in Logans Magen gefunden, und der Kanadier hob seinen finsteren Blick und bohrte ihn in den jüngeren Mann, der geduldig schweigend auf der anderen Tischseite saß und ihn mit einem gewissen Amüsement und einem versteckten Funkeln in den roten Augen beobachtete. "War da noch was?" Er legte die lackierten Stäbchen beiseite und rieb sich die von Schwielen gezeichnete Haut über den Fingerknöcheln der rechten Hand in einer fast beiläufigen Geste.

Aber eben nur fast beiläufig. Gambit registrierte sehr wohl die implizierte Drohung und verneinte. "Pas que je sƒche. Hast du vielleicht noch was auf dem Herzen, was du Remy sagen möchtest?"

Die Frage brachte ihm einen Blick ein, der vermuten ließ, daß Logan sich gar nicht erst den Umstand machen würde, seine Klauen zu benutzen, sondern ihn ganz einfach mit den Stäbchen pfählen würde, wenn auch nur ein weiteres Wort seinen Mund verließ. "Alors, homme, kannst du's einfach nicht akzeptieren, daß manche der Leute hier sich ernsthaft über deine Anwesenheit freuen könnten? Schwieriges Konzept, ich weiß...konnte es selbst lange Zeit nicht glauben... Aber es ist doch nett zu wissen, daß jemand deine Gesellschaft wertschätzt, n'est-ce pas?"

"Hast du heute wirklich einen derart ausgeprägten Todeswunsch, Gumbo? Bitte sag' mir, daß ich Recht habe..." Das gleißende Zucken eines Blitzes draußen verlieh seinen Worten Nachdruck. An dieser Stelle bemerkte er die aufgeschürfte Wange des Cajun und das getrocknete Blut und grinste. "Sieht ganz so aus, als hättest du heute schon eine Abreibung erhalten. Eichhörnchen-Attacke?" Der Rückflug von Vancouver hatte nicht seiner Vorstellung von einem perfekten Urlaubsende entsprochen, und bei der kurzfristigen Buchung hatte er Economy fliegen müssen. Sicher, dafür konnte er den Cajun nicht verantwortlich machen, aber Logan hatte schließlich einen Ruf zu wahren. Schlimm genug, daß er bei Jubilees strahlendem Begrüßungslächeln, kaum daß er in der Tür auftauchte, eine sofortige Kernschmelze in jenem weichen Fleckchen seines Herzens erlitten hatte, von dessen Existenz nur selten irgend jemand erfuhr und danach weiterlebte! Gut, des Mädchens wegen würde er Remy LeBeau ertragen, aber der Cajun-Gauner sollte bloß nicht erwarten, daß freundschaftliche Plauderei zum Willkommenspaket gehörte. Und er betonte diesen Umstand nochmals mit einem feindseligen, "Wenn du ein Ticket fürs nächste Leben lösen willst, brauchst du nur zu fragen...ich bin dir gerne behilflich..."

"Den Versuch würd' ich gerne sehen. Mais malheureusement", seufzte Remy und glitt von seinem Stuhl, "hat dieser Dieb keine Zeit." Nun da er nach dem Laufen allmählich abkühlte, fingen seine Beinmuskeln an, sich zu verkrampfen, und er begann mit einer Reihe von Lockerungsübungen, hüpfte von einem Bein auf andere, die ganze Zeit über Logan herausfordernd anlächelnd. "Habe erst eine Verabredung mit nos docteurs und anschließend mit Nightcrawler im Danger Room."

Wolverine ließ das kommentarlos vorbeigehen. Langsam verflüchtigte sich das Brennen des scharfen Meerrettichs in seinem Mund und er spülte mit einem weiteren Schluck grünen Tees nach. Dieser neue japanische Schnellimbiß auf Salem Main Street verdiente es, in Zukunft häufiger von ihm besucht zu werden. Oder vielleicht sollte er Pläne für einen erneuten Trip nach Japan machen. Langsam sagte er dann, "In dem Fall hoffe ich, daß er mir etwas übrigläßt, womit ich hinterher ein paar Runden kämpfen kann."

"Wie, so siegessicher heute?" neckte Gambit. "Souviens-toi, mon ami sauvage, wer war nach unserer letzten kleinen Rauferei derjenige, der aus dem Raum gehumpelt ist?"

Das bewirkte ein Knurren und ein paar Tropfen Tee, die über den Rand der Tasse schwappten, als diese etwas zu heftig auf dem Tisch abgestellt wurde. "LeBeau, ich hoffe, hinter diesen Herausforderungen steckt mehr als nur heiße Luft...ansonsten halt's Maul und verschwinde!" Wenn er gewußt hätte, daß die Einladungen für Halloween so wahllos versandt worden waren - sogar an Gambit - hätte er sich sein Kommen noch mal überlegt. Doch was getan war, war getan.

Gambit deutete mit ausgebreiteten Armen eine Verbeugung an. "Was immer du meinst. Remy geht...doch du kannst ihm nichts vormachen. Willkommen daheim, Logan. Einen schönen Aufenthalt wünsche ich." Und er verließ eiligst die Küche, bevor der Kanadier auf die Idee kommen konnte, etwas nach ihm zu werfen.

 

***************
 

"Herzlich willkommen, Monsieur. Bitte treten Sie ein in die Stätte meines Wirkens!" Hank McCoy, sein blaues Fell größtenteils von einem weißen Kittel bedeckt, begrüßte Gambit wie einen VIP. Was er in gewisser Weise auch war. Zumindest aus der Sicht eines Wissenschaftlers. "Nehmen Sie Platz, es herrscht noch freie Platzwahl auf diesem Flug."

Mißtrauisch wagte sich der Dieb herein und blinzelte in das grelle Licht. Man konnte ihm ansehen, wie unwohl er sich in dieser kalten, sterilen Umgebung fühlte. Er haßte Labors. Hatte sie schon immer gehaßt. _Seit ich Sinister zum ersten Mal ausgeliefert war..._ Labors rochen nach Chemikalien, nach kaltem Metall und Schmerzen, und waren dazu da, die Barrieren, die er zu seinem eigenen Schutz aufgebaut hatte, zu durchbrechen und sein Innerstes zu sezieren, seine Geheimnisse, die er niemals und niemandem anvertrauen konnte. Es gab keinen Grund beunruhigt zu sein, wußte Remy, denn er kannte kaum einen anderen Arzt, der so gewissenhaft und einfühlsam war wie Henry McCoy, doch konnte er sich nicht helfen. Seine Abwehrhaltung war ein Reflex. "Wird das hier lange dauern?" fragte er gleich. "Remy hat nämlich um Drei eine Verabredung mit Nightcrawler."

"Nun", meldete sich Dr. Cecilia Reyes, die sich von der rechten Seite dazugesellte. Ihr weißer Laborkittel flatterte dramatisch um ihre Beine.

_Erinnert mich an ein Leichentuch._ Remy erschauerte bei dem Gedanken.

"...dann sollten wir besser anfangen, nicht wahr? Schließlich wollen wir nicht, daß der gute Mann auf dich warten muß, oder?"

Gambit zwang sich zu einer positiveren Reaktion als dem Renn'-was-das-Zeug-hält, zu dem er stark tendierte, und trat näher an den hüfthohen Untersuchungstisch heran. "Darf ich raten, was jetzt kommt... Ausziehen?"

In einem strahlenden Lächeln zeigte Cecilia ihre perfekten Zähne und verkündete, "Mein Lieblingsteil. Warum bin ich wohl sonst Ärztin geworden? Hank?"

Am Tisch auf der anderen Seite des Raumes bereitete Beast soeben das Tablett mit dem benötigten Instrumentarium vor, und seine Antwort bestand aus einem erstickten Lachen. "Tsk-tsk. Ich kann dir versichern, Remy, meiner Motivation liegen keineswegs fleischliche Gelüste zugrunde..."

Sie sollten weniger reden und dafür lieber mit der Arbeit anfangen. Mit ein paar Handgriffen entledigte sich der Cajun seines Trainingsanzugs und des T-Shirts und ließ sich auf dem Rand des Tisches nieder. "So, bitte. Reicht das oder soll ich noch weiter gehen?" In dem intensiven Licht der Lampen hoben sich die zahlreichen Quetschungen und Prellungen deutlich gegen die helle Haut seines Oberkörpers ab, und er vernahm Dr. Reyes' schockiertes Aufkeuchen. "Ach das. Macht euch deswegen keine Sorgen. Bloß 'n paar Souvenirs von einigen unfreundlichen Gestalten letzte Woche in Nawlins."

Die Verletzungen sahen allerdings weitaus schlimmer aus als es ihnen der Cajun in seinem leichtmütigen Ton weismachen wollte, und Cecilia vermutete, daß sie verflucht schmerzhaft gewesen sein mußten. Und sicher immer noch waren. Sie sah Spuren von Verbrennungen, kaum verheilt und gerade erst am Verblassen. Sogar eine kleine runde Narbe, die nur von einer Kugel stammen konnte, sowie mehrere rötliche Linien, die auf eine Messerklinge schließen ließen. "Hat man diese Verletzungen behandelt?" fragte sie, zutiefst alarmiert. Dieser Mann lief mir nichts dir nichts mit solchen Wunden durch die Welt und benahm sich als hätte er sich nur mal eben den Zeh gestoßen. "Remy, antworte mir!"

"Oui, ich hab' zu Hause einen guten Hausarzt", erwiderte der Cajun scharf. "Können wir jetzt mit dem anfangen, weswegen ich hier bin?"

McCoy tauschte einen Blick mit Cecilia - die vielsagende stille Kommunikation, die Ärzten zueigen war - und versicherte ihr, daß er sich dieser Sache annehmen und sie nicht auf sich beruhen lassen würde. "Natürlich, Remy, ich bin sicher, daß Cecilias Phantasie den Rest erledigen kann." Er trug das Tablett mit den Instrumenten zu seiner Kollegin am Tisch herüber und landete mit einem Satz in dem Drehsessel vor der Kontrolltafel, wo er die unter der Decke montierten Geräte aktivierte. Ein paar davon hatte er sogar selbst entworfen und gebaut. Mit einem leisen Summen schwangen sie nun in Gambits Richtung. "Aber wir werden sicherstellen, daß ihre Phantasien eine fundierte Basis haben. Leg' dich nun bitte flach hin und versuch', dich zu entspannen. Es wird auch garantiert nicht wehtun."

Ein lautes, explosionsartiges Krachen von draußen auf dem Gang ließ sie plötzlich zusammenfahren, die Wände beben, eine Reihe schwächerer Erschütterungen folgte, und die beiden Ärzte mußten um ihr Gleichgewicht kämpfen. Das Instrumententablett fiel mit einem ohrenbetäubenden Scheppern zu Boden, und fast gleichzeitig setzten auch die Alarmsirenen des Sicherheitssystems ein und verkündeten, wie so oft hier, eine erneute Krisensituation. Ob nun von großem oder kleinerem Ausmaß, das würde man erst noch feststellen müssen.

"Ach du liebes Lieschen", entfuhr es McCoy und er vergewisserte sich eiligst, daß die Deckeninstrumente nicht kurz davor standen, ihnen auf den Kopf zu fallen, bevor er Dr. Reyes, die er bei der ersten Erschütterung unter den Tisch geschubst hatte, wieder auf die Füße half. "Was war das?"

"Ich möchte alle Interessierten wissen lassen, daß ich auch okay bin, merci encore", proklamierte Gambit über den quäkenden Alarm hinweg.

Beast wollte ihm gerade eine scharfe Antwort an den Kopf werfen, da öffnete sich die Tür und herein stolperte/taumelte, in eine Staubwolke gehüllt, eine Frau. Rogue. Sie bewegte sich mit unsicheren Schritten, eine Hand vor die Augen gehalten, und tastete sich mit der ausgestreckten Linken vorwärts. Und sie weinte, ihre Hilflosigkeit überdeutlich. "Hank!" schluchzte sie. "Hank, verdammt, hilf' mir! Ich kann nichts sehen!"

"Vielleicht würde es helfen, chère, wenn du die Hand von den Augen nähmest", schlug Gambit vor, ohne nachzudenken was er sagte und zu wem.

Fast hysterisch brüllte sie ihn an, "Wenn ich das tu', bist du der erste, den ich anschaue, Sumpfratte! Vielleicht würd' dir das Manieren einbleuen!"

"Brille gefällig, Mylady?" Da er die Situation sofort richtig eingeschätzt hatte, drückte Beast ihr den besagten Gegenstand in die Hand. Sie setzte die Brille hastig auf und preßte einen Dank hervor, um dann umgehend Gambit zur Rede zu stellen...doch als sie Remys Verletzungen sah, hielt sie inne. Wann hatte er sich die bloß zugezogen? Sahen ziemlich übel aus.... Ihr Ärger wandelte sich zu Besorgnis. Remy hatte es nicht so gemeint wie es bei ihr angekommen war. Leider war das bezeichnend für die Kommunikation zwischen ihnen, Bemerkungen voller unterschwelliger Botschaften aller Art, Wut, Entschuldigungen und Bedauern, alles wurde ausgedrückt, aber meist mißverstanden. "Is' mir auf dem Weg hier runter passiert...und ich konnte nicht schnell genug reagieren und hab' die Rückwand von Aufzug 2 rausgeblasen. Möchte nicht wissen, wie lang der Tunnel dahinter dieses Mal ist. Die Elektronik hat's aber überlebt, glaube ich..."

Sie schien so verzweifelt. Gambit fühlte, wie ein Teil von ihm sich immer noch stark von ihrem Leid, ihrer Schönheit, angesprochen fühlte. Selbst mit der aggressiven roten Energie, die in ihren Augen hinter den schützenden Gläsern der Rubinquarz-Brille loderte, hatte sie immer noch diesen gewissen magischen Effekt auf ihn. Aber das war nun ein Ding der Vergangenheit. "Heute ist Cyclops dran, hein?"

Rogue nickte niedergeschlagen. "Ich kann das Ende kaum abwarten. Letzte Woche hatte ich ein paar Stunden als Iceman. Das war weniger lustig. Hab' mich selbst in meiner Badewanne eingefroren. Doch was interessiert dich das, hm? Du bist ja meilenweit entfernt."

Wenn die Unterhaltung so weiterging, würde sie in einem Streit enden und darin, daß ein aufgebrachter Remy LeBeau aus dem Labor türmte, also beschloß Beast, seine Streitkräfte aufzuteilen. "Cecilia, darf ich vorschlagen, daß du Rogue über unsere jüngsten Fortschritte in der Remedierung ihres Problems berichtest und sie auch im Detail über die experimentelle Behandlungsmethode informierst, die ich kürzlich ausgetüftelt habe?"

Cecilia Reyes schaltete sofort. Sie hätte es sonst wohl auch kaum fertiggebracht, sich als Puertoricanerin aus den Slums emporzukämpfen, eine Ausbildung zur Ärztin zu machen und eine Stelle in der Notaufnahme eines New Yorker Krankenhauses zu ergattern, wenn sie schwer von Begriff wäre. Sie nickte zustimmend und nahm Rogue sanft beim Arm, immer darauf achtend, nicht ihre bloße Haut zu berühren. "Komm' mit, wir gehen einen Kaffee trinken - meine eigene Marke - und ich kann dir alles erzählen. Die Behandlung beinhaltet eine Reihe von Injektionen..."

Ihre Stimme verstummte, als sich die Tür zum Nebenzimmer schloß. Als er sich wieder seinem Patienten zuwandte, sah ihn Remy mit einem seltsamen Ausdruck in den Augen an. "Tolle Taktik, M'sieu Le Bˆte."

"Wie immer gern geschehen."

"Darf ich in dem Fall daran erinnern, daß ich in einer halben Stunde eine Verabredung habe?"

"Bis dahin werden wir längst fertig sein", versprach er dem Dieb und prüfte nochmals, ob alle Instrumente den kleinen Zwischenfall unbeschadet überstanden hatten. "Zuallererst diese Kratzer im Gesicht. Wie ist das passiert, Remy?"

"New Yorker Kampfeichhörnchen."

McCoy gluckste in seinem tiefen Baß und tränkte einen Tupfer mit Alkohol. "Sie werden allmählich zu einer Gefahr für die Öffentlichkeit. Okay, Remy, das wird jetzt ein bißchen brennen..."

"Beeil' dich, Henri."

"Wie du meinst." Eine große blaue Pranke streckte sich nach der Lampe, drehte sie auf Gambits zerschürfte Gesichtshälfte. "Meine Damen und Herren, ich möchte Sie daran erinnern, daß dies ein Nichtraucherflug ist. Bitte schnallen Sie sich nun an und bringen Sie Ihre Rückenlehnen in eine aufrechte Position. Wir sind startbereit."

 
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