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The Uncanny X-Mortals
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Teil 5
 
 

The Uncanny X-Mortals

Teil 5
© by Jimaine ()
 
Disclaimer: Einige der Charaktere sind Eigentum von Rysher/Panzer, die anderen gehören MARVEL Comics (ob es jemandem auffallen würde, wenn ich am Ende Gambit für mich allein behielte? *seufz*) - nehmt die exakte Zuteilung bitte selbst vor, ja?
Der zeitliche Rahmen ist das MARVEL-verse wie es bis Oktober 2000 existierte und wo die X-Men nur ein paar Spieler unter vielen sind. So direkt nach UXM#386 /XM#106 bzw. in der Zeit zwischen den Heften Gambit #21 und #23.
Den Vierteiler "Dream's End" und seine katastrophale Storyline ignoriere und vertage ich, denn ich brauche einfach die Charaktere noch! Gleichermaßen ist hier bei mir Shadowcat mit dabei und nicht auf einer privaten Mission unterwegs mit Destiny's Tagebüchern unterm Arm.
Bitte wundert euch nicht über einige Anspielungen auf vergangene Ereignisse, von denen ihr nirgendwo gelesen habt! Zwischen "Schlaflos in Paris" und dieser Story ist ein noch unvollendetes weiteres Werk angesiedelt, das Methos' Australien-Aufenthalt, uhm, dokumentiert.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

 

Weiße Federn kitzelten Methos im Nacken, als er in den Lift trat, und Angel zog umgehend die Flügel enger an seinen Rücken. Der Unsterbliche lächelte. "Alles klar?"

Der Mutant erwiderte das Lächeln nicht. Er nahm seine Rolle im Team sehr ernst und das Training gehörte dazu. Mit unbewegtem Gesicht zog er seinen hautengen rotweißen Anzug zurecht, strich eine blonde Haarsträhne zurück und schwieg.

Methos' Lächeln gefror. _Dann halt nicht. Arroganter Affe. Mit Flügeln. Ich werde dich nach bestem Können rupfen!_ Zum zweiten Mal heute betraten er und Amanda den Danger Room, gefolgt von fünf Mutanten in Uniform. Beziehungsweise Fell. Mehr als einen Größe XXL-Tanga (mit dekorativem "X"-Symbol) trug Hank McCoy nämlich nicht, der blaue Plüsch machte zusätzliche Kleidung überflüssig. Er zog sein Schwert und nickte Amanda zu. Auch sie war soweit, deponierte ihren leichten Cardigan - von Rogue geliehen - in einem Ablagefach draußen im Gang und kam dann hinein. Die Tür schloß sich.

Eine weitere Simulation umgab sie, ein nächtlicher Dschungel, das Blattwerk der lianenverhangenen Bäume so dicht, daß man die Sterne nicht sehen konnte, und die Luftfeuchtigkeit... Methos brach in Schweiß aus, griff seinen Ivanhoe fester. _Danke, herzlichen Dank! Genau wie ich es *nicht* mag..._ Überall um sie herum raschelte und zirpte es, und ihm wurde immer mulmiger zumute. "Ororo?" fragte er, rein um sicher zu gehen. Das hier sah aus wie...

Getragen von einem plötzlich aufkommenden Windstoß, ein Mini-Twister, der allein sie selbst erfaßte, schwebte Storm an seine Seite, ihre Kleidung und flatternden Haare gleich einer weißen Wolke, maßgeschneidert für die Herrin der Elemente. Sie begegnete dem Blick des Unsterblichen und schenkte ihm abermals ihr geheimnisvolles Lächeln. Ihre Stimme, als sie antwortete, war wie eine warme Brise. "Neuseeland. Kurt hat die geographischen Daten in den Computer geladen. Wir dachten uns, es wäre sinnvoll, das Training den Gegebenheiten anzupassen, die wir vorfinden werden."

Damit hatten ihre fünf neuen Mitspieler einen Vorteil gegenüber ihren Trainingspartnern von heute Morgen, übersetzte Methos gedanklich.

Die wußten es auch, denn Cannonball und Thunderbird (wieso mußte er jedes Mal, wenn er den jungen Inder ansah, an MacLeod denken? Ach ja, das Auto...) grinsten breit und begrüßten ihr Glück mit einem Handschlag.

Ihre Trainingspartner an diesem Nachmittag waren allesamt Geschwindigkeitskünstler, wie Methos und Amanda schon nach wenigen Minuten feststellen durften, keine Chance, auch nur halbwegs mit ihnen mitzuhalten. Die Mutanten rasten mit einem Tempo über ihren Köpfen dahin, daß ihnen schwindelig wurde. Unsterblich mochten sie ja sein, aber ihre Reflexe und Beweglichkeit waren immer noch menschlich und dementsprechend limitiert. Ducken, Parieren, Ausweichen... Amanda hatte noch den Vorteil einer Nebenlaufbahn als Zirkusakrobatin und Kenntnisse mehrerer Kampfsportarten, während Methos sich wie eine Zielscheibe auf zwei Beinen fühlte, wie er da zwischen den Bäumen herumsprang, Deckung nahm, zum nächsten Busch hechtete und im Sprung mit einem mächtigen Schwerthieb den nach ihm geworfenen Wurfstern ablenkte.

"Autsch!" quiekte Amanda empört. "Paß' doch verflucht noch mal auf, wo du die Dinger hinhaust!" Der Metallstern hatte sich tief in ihren Oberarm gegraben und sie riß ihn mit einer schnellen Handbewegung heraus, warf ihn hinter sich und rasierte Angel eine Feder vom linken Flügel ab, gerade als er im Tiefflug über sie hinwegstrich, um zu sehen, ob alles in Ordnung war. _Oops..._

Er und Amanda gaben ihr Bestes. Zwei Stunden lang. Hinterher mußte Methos zugeben, daß Quickenings manchmal angenehmer waren als Storms Blitzschläge. So schnell konnte er gar nicht gucken, wie Cannonball und Thunderbird durch die Bäume sausten, durch Baumstämme hindurch donnerten, ohne Schaden zu nehmen. Angel war ein graziöser Gegensatz zu dieser puren Geschwindigkeit, beeindruckte ebenso wie Storm durch fliegerische Eleganz. Am irritierendsten fand Methos allerdings Beast, der für die verbale Untermalung des Geschehens sorgte. Ähnlich einem Fußballkommentator hielt er niemals den Mund, ein niemals versiegender Quell akademischer Eloquenz selbst wenn er kopfüber durchs Geäst turnte.

Das konnte ja heiter werden...

 

***************
 

Wolverine drückte den Stumpen seiner Havanna im Aschenbecher aus und trommelte ungehalten mit einer Hand auf die Tischplatte. "War's das, Jeannie? Oder gibt es noch irgendetwas, was du in dieser einen Stunde Non-stop-Redens ausgelassen hast?" Seine Konzentrationsfähigkeit bei Vorträgen war - anders als in Kampfeinsätzen - auf Stichworte limitiert.

Wie immer tolerierte Jean den unwirschen Ton mit einem sanften Lächeln. "Morgen früh geht's los. Abflug ist um 0600h, der Trip wird circa fünf Stunden dauern. Dadurch kommen wir an, wenn es in Neuseeland bereits Nacht ist, was uns den Vorteil zusätzlicher Deckung gibt."

"Warum nicht noch heute Nacht?" verlangte Joe zu wissen. "Laßt uns bei diesem Sinister-Kerl klingeln und unsere Art Süßigkeiten verteilen! Ihr seid fertig für Action, ihr seid in Topform -"

Jean seufzte und redete verständnisvoll auf ihn ein, "Und wir sind müde. Wir haben fast den ganzen Tag lang trainiert und uns verausgabt, und für einen solchen Einsatz sollten wir frisch und ausgeruht sein. Das heißt zeitig ab ins Bett für alle. Glauben Sie mir, es ist besser so. Hank und ich werden unsere Strategien ein letztes Mal durchgehen und dann auch Schluß für heute machen. Die Mutation, komplett ohne Schlaf existieren zu können, muß nämlich erst noch entdeckt werden..."

Das war Anlaß zu lautstarkem Protest von ihren Teamgefährten, den jüngeren im Besonderen. Unwillens, seine Pläne für den Abend von jemand anderem als ihm selbst auf Eis gelegt zu sehen, auch nicht von Jean, muckte Bobby auf, "Jean, hey, es ist Halloween! Für einige von uns heißt das, daß wir uns amüsieren wollen!"

"Ich hab' diese ganzen Kürbisse nicht umsonst hergeschleppt! Und Geld für Kostüme ausgegeben!" rief Rogue der anderen Frau ins Gedächtnis zurück. "Es ist ewig her, daß ich einfach nur mal Spaß hatte. Morgen können wir gerne kämpfen, okay, aber heute Abend ist Party angesagt! Dieses Mädchen aus Mississippi will das Tanzbein schwingen. Wer macht mit?"

Sam hob die Hand. "Ich. Neal, kommst du mit? Ich weiß, bei euch in Indien macht man das nicht, aber es wird sicher ein Riesenspaß. Süßigkeiten, Softdrinks", seufzte er, da der morgige Einsatz Alkohol ebenso rigoros untersagte wie es bei Piloten und ihrer 24h-Regel der Fall war, "Musik, Mädchen..."

"Die lächerlichsten Kostüme der Welt, nicht wahr?" Mißtrauisch sah Thunderbird in die Runde. "Muß ich dann noch mehr anziehen als bloß 'ne Maske?"

"Der Rest vom Predator wartet!"

Sie wandten sich um und sahen Jubilee, Paige, Monet und Angelo, die im Gang vom Lift zur Eingangshalle auf sie warteten. Die Teenager waren bereits kostümiert und zum Abmarsch bereit. Jubilee als eine ziemlich gute Matrix-Kopie in schwarzem Leder und bodenlangem Mantel, Monet als orientalische Kurtisane, behängt mit Schleiern und Glöckchen (könnte vielleicht etwas kühl werden) und der graue Troll Skin. Elfenprinzessin Paige winkte ihrem Bruder zu. "Hey, Bruderherz, kommst du?"

Noch während Sam einen zögernden Neal Shaara auf die Füße zog und in die Richtung der wartenden Gruppe schob, bewegte sich Rogue auf den Sessel zu, wo Remy saß. Eine Hand auf seiner Schulter beugte sie sich zu ihm herunter, unterbrach das selbstvergessene Tippseln auf dem iBook. "Was treibst du da, Süßer?"

"Geschäftliches. Kontenführung, Investitionen. Auch die Gilde muß mit der Zeit gehen, up-to-date bleiben, da gehört Online-Banking mit dazu." Er sah nicht auf. "Jacqueline hat vorhin angerufen. Hat mir von ein paar Problemen zu Hause berichtet."

Sie runzelte die Stirn. "Jacqueline? Oh...sicher, diese neue, rein weibliche Form des bekannten Jacob Gavin jr. alias Courier, deinem neuen besten Freund. Ich hoffe, er hat sich endlich mit seiner permanenten Weiblichkeit abgefunden. Was wollte er...sie...denn?"

Hinter schwarzen Sonnenbrillengläsern glühten rote Augen auf, blieben aber auf den Bildschirm und die Excel-Datei gerichtet, als Gambit antwortete, "Sie will, daß ich geradewegs zurückkomme."

Rogue schluckte. Klar. Das war *so* typisch für Remy. Etwas kam immer dazwischen. Aber sie ließ es kommentarlos verstreichen und senkte ihre Stimme zum Verschwörerton, "Gehen wir heute Abend mit den Kids auf Tour? Wir können uns doch nicht von Sinister unsere Pläne vermasseln lassen, oder? Wir haben schließlich die Kostüme..." Sanft berührte sie die rostrote Fülle seiner Haare. "Haben wir doch, oder, Remy? Du hast sie doch mitgebracht?"

Abweisend schüttelte er ihre Hand ab. "Oui, je les ai. Und du kannst deines haben, naturellement. Aber ich hab' meine Meinung geändert; ich habe heute Abend einfach nicht die Zeit. Ich wär' lieber allein. Frag' nicht weshalb, ist persönlich. Muß mich um einige Sachen kümmern", blockte Gambit jegliche Fragen ab, einfach nur indem er seinen Computer zuklappte, aufstand und fortging, sie stehenließ, auf eine geschlossene Tür starrend.

Die noch anwesenden Mutanten gaben wohlweislich keinen Kommentar zu dem soeben beobachteten Wortwechsel ab. Jean, Wolverine und Beast schwiegen für einen Moment und setzten dann ihre Unterhaltung fort.

"Gehe ich richtig in der Annahme, daß er immer so ist?" erkundigte sich Methos diskret.

Rogues Gesicht hatte sich merklich verdüstert. "Yeah", murmelte sie. "Völlig richtig. Hören Sie, wenn Sie etwas Zeit für sich haben wollen, gibt es da die Bibliothek und die Klassenräume, für die wir keine Verwendung mehr haben...fühlen Sie sich ganz wie zu Hause."

Der Unsterbliche lächelte müde und nickte. "Danke, Rogue. Aber ich für meinen Teil werde Jeans Aufforderung beherzigen und zu Bett gehen. Joe, Kumpel, was ist mit dir?"

Alles an Dawson zeigte seine innere Anspannung - Neonleuchtreklamen hätten nicht deutlicher sein können - und er hörte nicht wirklich hin, als Methos ihn ansprach, aber dennoch bejahte er die Frage. "Klar. Ich auch. Besser ist das."

 

Allein Amanda klinkte sich aus. Sie nahm lieber Dr. McCoys Einladung einer eingehenden Haus- und Grundstücksführung an. "Gute Nacht, alter Mann. Nacht, Joe."

"Bleib' nicht allzu lange auf", mahnte Methos scherzhaft. "Nick soll dich ja noch wiedererkennen und nicht schreiend vor einem Zombie flüchten."

Sticheleien wie diese prallten harmlos an Amandas dickem Fell ab. Sie stand über solchen Dingen. "Morgen früh dann also."

Überall im Raum neigten sich Köpfe in einem synchronen Nicken. "Morgen früh", bestätigte Jean laut.

Unsterbliche und Mutanten sahen einander an, zum ersten Mal ein vereintes Team.

 

************
 

Rogue war die Lust auf einen Abend im Kreis ihrer Freunde vergangen. Stattdessen wanderte sie kreuz und quer über das weitläufige Anwesen, durch die Gärten, entlang des Badesees und irgendwann nach zwei, drei Stunden wieder zurück in Richtung Haus. Der heutige Tag war noch relativ gut gewesen, gemessen an ihrem Standard, laut dem *schlecht* tatsächlich den drohenden Weltuntergang beinhalten konnte. Nachdem sie unlängst die morphogenischen Fähigkeiten eines Angehörigen der außerirdischen Spezies der Skrull absorbiert hatte, war ihr Leben interessanter geworden. Heute hatte sie ausnahmsweise mal keine fremde Kraft aufgezeigt, nicht Cyclops, nicht Colossus, nicht Iceman oder - was sie immer ganz besonders toll fand - Wolverine. Oder gar Gambit.

Wo sie gerade an Gambit dachte...ihre Wanderung hatte sie in die Nähe des Bootshauses gebracht. Nahe genug, um Remy auf der Veranda sehen zu können, ein Glas Wein in der einen Hand und ein Mobiltelefon in der anderen. Nahe genug, um hören zu können, wie mit jemandem in rasantem, hochsachlichen Französisch sprach, ganz im Befehlston. Das war Grund genug für sie zu vermuten, daß er übers Familiengeschäft redete.

Dieser Ort, dieses Leben...offenbar war es nicht länger seine Hauptsorge, und als Teil des Lebens, das er hier hatte - gehabt hatte? - tat es ihr weh, dies bestätigt zu sehen. Langsam schlenderte sie den Weg zur Veranda hinauf, beobachtete ihn, wie er lässig in dem Schaukelstuhl saß, die langen Beine auf das Holzgeländer gelegt.

Remys einsame Residenz hier an der Bucht war wie eine Betonung seines derzeitigen Status innerhalb der X-Men. Gambit, der freischaffende Einzelgänger, wichtiger Bestandteil des Teams....und doch nicht ganz ein Teil davon. War es nie wirklich gewesen. Etwas hatte ihn immer abgesetzt.

Remy LeBeau, offizieller Anführer, ein guter Anführer...aber auf eine klinische, entrückte Art und Weise, da er zögerte, emotional beteiligt zu sein. Noch immer mißtrauisch, selbst nach all dieser Zeit. Als er in ihre Richtung blickte, unterbrach er sich kurz, hielt inne, und fuhr dann fort, seine Besucherin für den Augenblick ignorierend.

"Remy."

Mit einigen knappen Sätzen beendete er sein Telefonat, erhob sich und klappte das Telefon zusammen, ließ es in der Brusttasche seines Hemds verschwinden. Aus selbiger zog er dann eine fast leere Packung Zigaretten hervor. Ohne sie anzusehen, ohne sein Glas abzusetzen, gelang es ihm, sich einhändig eine anzustecken, die teilweise abgeschnittenen Handschuhe keine Behinderung für seine geschickten Finger. Die zerknüllte Packung landete im Schaukelstuhl. "Was machst du hier draußen, chère? Warum bist du nicht mit den Kids in der Stadt?"

_Dem hast du selbst ein P vorgesetzt!_ Anstatt die Frage zu beantworten, stellte sie eine Gegenfrage, "Wie steht's mit den Problemen zu Hause? Schon eine Besserung?"

Er schüttelte den Kopf. "Non, aber das passiert, wenn man nicht da ist, wo man sein sollte." Er klopfte auf das Mobiltelefon in seiner Hemdtasche und erklärte mit einem Seufzer, "Das war Mercy - meine Schwägerin - mit dem abendlichen Bericht.... Sieht nicht gut aus für die famille." In der Dunkelheit glühte die Zigarette im Rhythmus seines Atems, bildete die Spitze eines umgekehrten Dreiecks zusammen mit den roten Punkten seiner Augen. Immer sichtbar in der Nacht und für sie ein Objekt ewiger Schönheit.

Remys Augen.

Sie fragte nicht, wie oft er mit seiner Sippe in Kontakt trat, aber sie vermutete, daß es mindestens zweimal täglich geschah. Beiläufig erkundigte sie sich, "Und was heißt das, Remy? Bist du morgen dabei...oder wirst du vorher wie gewohnt abhauen?"

"Es ist eine Familienangelegenheit."

"Yeah. Sicher. Ich meine, als ob jene Familie sich wirklich was aus dir machen würde. Wie oft hast du gesagt, daß du nie wieder dahin zurückgehen würdest, dich nie wieder von ihnen benutzen lassen würdest, nur um einer Zukunft zu entsprechen, wie sie *ihnen* vorschwebt? Nun, Sugah, sie haben dich ja ganz hervorragend geködert!

Ärger brodelte in Remys Stimme, doch er bemühte sich, sie gedämpft zu halten, als er zurückgab, "Du hast keine Ahnung, wovon du redest!"

Ihrer Sache völlig sicher antwortete Rogue störrisch, "Ach wirklich? Du hast mir die Geschichte oft genug erzählt, Remy - wie war das noch mit deinem Gerede von deinem neuen Zuhause bei den X-Men? Um wieviel besser dieses Leben sei verglichen mit dem, von dem du abgeschnitten wurdest, als die Gilde dich verstieß! Hat sich all das geändert, bloß mit einer Beförderung?"

"Ich habe meine Prioritäten neu gesetzt", sagte Gambit schlicht. "Die Gilde zählt auf mich. Sie braucht mich. Remy mag es, gebraucht zu werden, tu comprends? _Auch wenn mich das fast täglich umbringt._ "Er mag es, für was und wer er ist geschätzt zu werden."

"Oh? Und wer oder was genau ist das, bitte sehr?" Rogue wußte nur zu gut, daß Gambit sich nicht weniger um diese neue Rolle scheren könnte, die man ihm aufgezwungen hatte, doch er mußte sie so gut spielen wie er nur konnte. Und er schlug sich gut. Es war eine verdammt große Verantwortung, die auf ihm lastete, vielleicht hätte sie ihn nicht um eine Erklärung bitten sollen, nicht drängen sollen, aber er setzte bereits zu einer Antwort an, begleitet von einem schwachen Lächeln.

"Du kennst die Antwort, chère, du kennst sie besser als irgendwer sonst. Schließlich hast du Remy dem Tod überlassen, eben weil er war, wie er war. Und immer noch ist, teilweise. Wegen dieser Details hat er hier kein Zuhause mehr."

Sie war unvorbereitet gewesen, hatte nicht damit gerechnet, daß dieses Thema wieder zur Sprache kommen würde. Es schien schon so lange her zu sein. Eine Leiche in ihrem Schrank, die sich einfach weigerte, zu Staub zu zerfallen und zu verschwinden. Für einen Moment sprachlos stammelte sie, "Ich...ich...hab' mich für all das entschuldigt. Ich hab' dir doch gesagt, daß es mir leid tut, daß ich wohl überreagiert haben muß -"

"Und wie ich bereits sagte: Ich habe nie behauptet, daß ich diese Entschuldigung annähme", erwiderte der Cajun kühl.

Von Natur aus temperamentvoll konnte sich Rogue nicht mehr beherrschen. "Super", schnappte sie. "Spiel' ruhig die Rolle des leidenden Helden, wenn's das ist, was du willst! Doch die Tatsache ist, Schätzchen, du läßt uns mit dieser Mission hängen! Die X-Men brauchen dich, Remy! Ich brauch' dich...noch immer."

Gambit seufzte und schüttelte den Kopf. "Dieu...non, tust du nicht, chère. Tust du nicht", wiederholte er sanft und eindringlich. "Du magst das glauben, mais... Kannst du nicht sehen, wie ähnlich wir uns sind, wir beide? Geheimnisse auf jedem Schritt entlang des Weges. Ich hab' meine aufgegeben - du zwangst mich dazu...und dann hast du Remy für die Wahrheit gehaßt, obgleich er dich gewarnt hatte." Rogue, Rogue...weshalb verlangte sie bloß immer völlige Ehrlichkeit von ihm, stellte unentwegt seine Motive in Frage, wenn sie selbst niemandem Einblick in ihre tieferen Gedanken gewährte, ihre Hoffnungen und wahren Gefühle? So wie es in einer Beziehung sein sollte... Da stelle man sich vor, daß *sie* es gewesen war, die *ihm* Bindungsunfähigkeit vorwarf!

"Und über dich...über dich weiß Remy nichts. Nicht mal deinen wahren Namen", endete er und blickte in die grünen Augen der Frau, die zu gelähmt von seiner Rede war, um antworten zu können. "Rogue wird immer Rogue sein. Und dieser Dieb hat das akzeptiert."

"Remy..."

"Und was die Mission betrifft... Ich werde mitmachen. Ich halte mein Versprechen Adam und Amanda gegenüber. Hierher zu kommen und mir Wortbruch vorzuwerfen zeigt einmal mehr, wie wenig du mir vertraust. Und wie wenig du mit all deinem Wissen über mich anfangen kannst. Liebe? Vielleicht dagewesen. Aber nicht mehr. Zumindest nicht, wie sie sein sollte."

Er hatte sich so sehr verändert, diese Erkenntnis traf sie aufs Neue. Draufgängerisches Gehabe und Angeberei hatten überlegtem Handeln und einer Selbstsicherheit Platz gemacht, die fest in Erfahrung und Tatsachen verwurzelt war und nicht in heißer Luft. Den Preis für die Fehler der Vergangenheit hatte er bezahlt und schien nun so vernünftig und abgeklärt, daß sie kaum die verbliebenen Spuren des alten Gambit erkannte, der jahrelang hier gelebt hatte. Nur wenn er unter Druck stand oder inmitten eines Kampfes, erinnerte sie sein Lachen an den Mann, den sie geliebt hatte. Und noch immer liebte. Manchmal wußte Rogue nicht, was sie fühlte oder fühlen sollte. Sie veränderte sich ebenfalls, ihre Kräfte veränderten sich, und sie war sich ihrer Beziehung zu ihrer Umwelt unsicherer denn je. Vielleicht war dieser erwachsene, vernünftige Remy genau das, was sie brauchte, um das alles durchzustehen...oder vielleicht auch nicht. Vielleicht mußte sie Abstand halten, sich der Herausforderung alleine stellen, selbst wenn es nur galt, ihn vor ihr zu schützen. "Sieh' mal an", stellte sie leise fest und ließ behandschuhte Finger durch die dichten rostroten Strähnen gleiten, die einst in einer kaum zu bändigenden Mähne bis auf Remys Schultern gefallen waren und nun kaum noch seine Ohren verdeckten. "So gestriegelt und anständig...wo ist bloß dieser ungehobelte Cajun geblieben, frag' ich mich? Du weißt schon, der, ohne den dieses Mädel nicht mehr leben wollte, wie ihr irgendwann klar wurde..."

"Les temps changent, chérie", teilte ihr Remy bedauernd mit. "Die Menschen auch, ob's ihnen paßt oder nicht." Er hatte die Arme um sie gelegt und hielt sie in einer losen Umarmung, die weder neutral noch zärtlich war, lediglich beschützend. Ihr Körper gegen den seinen fühlte sich warm an durch ihre einfachen Jeans und das Sweatshirt hindurch, und er registrierte ihr leichtes Zittern, als sie das Gesicht an seiner Schulter vergrub. Verpaßte Chancen. Die Traurigkeit hielt sich in seiner Stimme, als er fortfuhr, "Wir wissen jetzt, wo wir stehen, non? Ist niemandes Fehler, pas vraiment... Unsere Plätze im Leben, die Orte, an denen wir sein müssen, um wir selbst zu sein...liegen einfach zu weit auseinander."

Rogue senkte den Blick; die Wahrheit schmerzte mehr als sie es sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt eingestehen wollte. Wenn es für sie eine Zukunft gab, dann war es keine, in der sie zusammen sein konnten. Sie hatten es versucht...oh, sie hatten es weiß Gott versucht, doch was hatte es ihnen gebracht? Die Kluft, die sie trennte, schien jetzt, da sie sich nähergekommen waren und weniger Geheimnisse verblieben, sogar noch größer als zuvor. Es war eine Distanz der anderen Art, eine, die keiner von ihnen mit einem Namen versehen konnte. Trotzdem war sie spürbar...und beunruhigend. Sie kämpfte gegen das urplötzlich aufkommende Gefühl von Verlust an, das sie übermannte, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Gutenachtkuß. Nur ein flüchtiger Kuß auf die Wange und doch suchte sie darin nach dieser speziellen Verbindung, einer *Spur* der Nähe zu Remy, von der sie nie gewußt hatte, daß sie existierte...und so intensiv war. Nicht bevor es zu spät war, Nähe zu Ferne wurde. Solange sie zurückdenken konnte, war sie dem Traum von Körperkontakt hinterhergejagt, Haut auf Haut, hatte fest in eine Entfernung zwischen ihnen geglaubt, die sich nicht überbrücken ließ. Nie war ihr klarer gewesen als jetzt, daß die kostbarste Art von Nähe keiner Berührung bedurfte. Alles, was sie benötigt hätten, wäre Vertrauen gewesen...und darin hatten sie beide versagt, der Anfang vom Ende ein verzweifelter Kuß. Manchmal durchlebte sie jenen Moment, der schon mehrere Jahre zurücklag, in ihren Träumen. Alpträume, die sie zum Klang ihrer eigenen Schreie aufwachen ließen, weil Schuld und Schmerzen einer anderen Seele sie von innen zerfraßen, ihren jeden Gedanken vergifteten und sich bis in die entferntesten Winkel ihres Ichs ausbreiteten. Die Dunkelheit in Remy LeBeau war dem Licht ausgesetzt worden, und sie alle waren gezwungen gewesen, damit zu leben, es zu akzeptieren. Mehr oder weniger.

Diejenigen, die es nicht taten, nun die hatten...

"Remy...", sagte sie sanft, kam noch näher an ihn heran, aber als seine Reaktion ausblieb, stoppte sie sich. Er hatte ein Talent dafür, Leute mit einem einfachen Blick von sich fernzuhalten, mit einer besonderen Neigung seines Kopfes. "Gute Nacht..."

Ein schwaches Lächeln der Zuneigung war seine Antwort, dann wandte er sich um und verschwand im Haus. Und sie stand alleine da. Wieder alleine. Es war immer so. Zusammen, getrennt, Nähe und Entfernung. Irgendwann - bald - würden sie eine abschließende Entscheidung treffen müssen...doch sie befürchtete, daß weder sie noch Remy dafür die Kraft haben würden.

Mit einem letzten Blick zurück auf die schwarzen, silbergekrönten Wellen der Bucht entschied sie sich, ihm nicht zu folgen und ging, keineswegs in Eile. Sie war nicht wild darauf, zum Haus zurückzukehren, und es war eine wunderschöne Nacht. Die Sterne...fast nahe genug um berührt zu werden und ein voller Mond, so hell, daß sein Schein sie überstrahlte. Wer wußte, was morgen sein würde... Eine perfekte Nacht zum Fliegen. Es war noch kein bewußter Gedanke, aber bevor sie bemerkte, daß sie es tat, hatte sie den Boden schon verlassen und schwebte einige Fuß hoch in der Luft. Daran war nichts verwunderlich, für sie war es so normal wie Gehen und eine Fähigkeit, die sie nicht bedauerte zu haben. Das einzig Bedauerliche war, wie sie zu ihr gekommen war. Für einen Moment nachdenklich, hielt sie in ihrem Aufstieg inne und streifte die dünnen Lederhandschuhe ab, fuhr sich mit den bloßen Händen durchs Haar.

 

"Sie können wohl auch nicht schlafen, huh?"

Zwischen den Bäumen bewegte sich etwas und die Unsterbliche, Amanda, trat ins fahle Mondlicht; ihr kurzgeschnittenes platinblondes Haar schimmerte in deutlichem Kontrast zu ihrer schwarzen Kleidung. Sie war wunderschön, Rogues Meinung nach, und wirkte kaum älter als sie selbst. Ende Zwanzig. Und doch gab sie vor, mehr als zwölfhundert Jahre alt zu sein. _Und sie ist eine Diebin...ich kann ihnen offenbar nicht entkommen..._ "Muß der Auflauf sein", antwortete sie und schwebte zum Boden zurück. "Storm würzt manchmal mit seltsamen Sachen... Die Wahrheit ist: ich denke an viel zu viel und an alles gleichzeitig."

"An ihn?" fragte Amanda mitfühlend und wies auf das Bootshaus.

Die Mutantin zuckte mit den Schultern. "Unter anderem. Was geht Sie das schon an? Sie und er sind ja schließlich die besten Kumpels. Aber ich bin mit ihm fertig. Nur ran, Süße, wenn Ihnen soviel an dem Cajun liegt!"

"Ah." Die Unsterbliche verstand und nickte. "Die 'Einmal ein Dieb, immer ein Dieb' und Unehrlichkeit-in-einer-Beziehung-Thematik. Harter Tobak. Glauben Sie mir, Schätzchen, ich bin noch meilenweit davon entfernt, das Ende jener Straße zu erreichen, und auf sie einzubiegen war nicht einfach. Und", sie deutete abermals mit einem wackelnden Daumen auf das Bootshaus, "keine Sorge, ich habe nicht vor, in Ihrem Revier zu wildern."

Rogue schüttelte heftig den Kopf. "Sie haben mich nicht verstanden. Wir sind fertig miteinander. Völlig fertig. Und Sie könnten es nicht noch deutlicher machen als er es gerade eben schon getan hat!"

Amanda fühlte sich seltsam angerührt; es war teils Mitleid, teils Bedauern über ihre eigenen Fehltritte in der Vergangenheit. "Tut mir leid. Auch wenn's nichts mehr hilft."

"Lassen Sie's besser." In Rogues Stimme lag der rauhe Unterton von Schmerz, einem Schmerz, der bereits seit Jahren ihr ständiger Begleiter war. "Er ist's nicht wert. Meistens jedenfalls nicht..."

"Glücklicherweise war MacLeod der Meinung, daß ich es wert sei gerettet zu werden, und griff ein, wenn ich schon Visionen hatte, wie mein Kopf einen Meter vor meinen Füßen herrollt", informierte Amanda sie.

Rogue warf ihr einen seltsamen Blick zu als ob sie überlegte, ob die Unsterbliche ihre Situation wirklich verstehen konnte, und sagte dann zögernd, "Ich weiß Dinge über Remy, die ich lieber nicht wissen würde. Dinge, die zu akzeptieren zu sehr schmerzt. Für Sie als Unsterbliche ist das vermutlich leichter... Zeit läßt es alles relativ erscheinen, nicht wahr? Was Sie als Diebin machen, meine ich..."

"Nicht wenn Sie MacLeod reden hören. Unsere Beziehung war, wie soll ich sagen, wie eine Achterbahnfahrt, ein ständiges Auf und Ab - ich mag behaupten, daß das für Diebe normal ist - und nach ein paar Jahrhunderten, in denen wir Spaß hatten, wann immer wir die Zeit dazu fanden, haben wir vor knapp zwei Jahren einen endgültigen Schlußstrich gezogen. Es machte einfach keinen Sinn mehr, und keiner von uns wollte so weitermachen. Also einigten wir uns, nach jemand anderem Ausschau zu halten", endete Amanda mit einem kleinen Seufzer.

"Und jetzt ist MacLeod verschwunden?"

"Ja."

"Und Nick?"

"Er war...ist...derjenige, der nach Duncan kam. Auch ein Ex mittlerweile", gab sie mit deutlicher Anspannung zu.

"Aber Sie lieben ihn immer noch?" Rogue gab ihr nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, blickte sie mit zur Seite gelegtem Kopf an und spielte geistesabwesend mit der weißen Haarsträhne, die sich gegen ihre Wange kringelte.

Die Unsterbliche schloß die Augen. "Ist es so offensichtlich? Oh je..."

"Lassen Sie mich das klarstellen: Ihr Ex und noch ein Ex, den Sie allerdings gerne wiederhaben würden, sind beide verschwunden."

"Exakt."

Rogue sah sich zum Bootshaus um, stellte sich den Mann darin vor, wie er telefonierend hinter dem einzigen erleuchteten Fenster auf und ablief. "Und da dachte ich, *ich* hätte Probleme..."

Erneut regte sich Mitgefühl in Amanda. "Darf ich Ihnen etwas sagen?"

"Sicher."

"Versprechen Sie mir, mich auch nicht dafür zu köpfen oder was anderes zu tun...diese Voodoo-Geschichte, die Sie da so machen...?"

"Kein Voodoo", lächelte Rogue. "Schießen Sie los."

"Als eine Diebin kann ich Ihnen sagen...daß unsereins eine bestimmte Art hat, Bindungen zu anderen Leuten einzugehen. Für gewöhnlich halten wir uns an das oberste Gesetz, das lautet, 'Bloß erst gar nichts anfangen'", ließ sie Rogue mit einem kleinen Lächeln wissen, wurde dann aber wieder ernst, "aber wir sind nicht perfekt. Und wenn doch...nun, dann machen wir's auf Diebesart. Total, völlig, komplett und hundertfünfzigprozentig...oder überhaupt nicht. Wir gehen ein Risiko ein, das niemand außerhalb unseres Berufssektors - unserer Art zu leben - verstehen kann. Jene, die das behaupten, mögen ja sogar ernsthaft glauben, daß sie es tun...aber nein, sie können es nicht. Nicht wirklich."

Heiser gab Rogue zurück, "Ich verstehe schon genug. Ich hab' mal...einen recht tiefen Einblick in Remys Denken bekommen. Mochte es nicht besonders."

"Der springende Punkt ist: er ist ein Dieb. Und er hat sich auf eine Bindung mit Ihnen eingelassen. Er liebt Sie, bedingungslos, unwiderruflich. Er mag nicht mehr wollen, mag sich entschieden haben, einen anderen Pfad zu beschreiten, weil ihm klar wurde, daß Ihrer beider Leben sich nicht vereinbaren lassen, aber er kann sich trotzdem nicht *ent*lieben. Er wird Sie immer lieben und sich um Sie sorgen, egal was kommt." Aufseufzend entschied sie sich, einen Teil ihrer eigenen Seele für Rogue zu enthüllen, damit diese verstehen konnte. "In dem Moment, in dem er sich gestattete, Sie zu lieben, verlor er einen Teil seines Ichs an Sie. Diesen Teil kann er nicht zurückbekommen. Unwiederbringlich verloren. Dieser Teil von Remy - und dadurch er als Ganzes - wird immer Ihnen gehören, bis zum Ende aller Zeiten. Ist schon seltsam, aber wahr. Genauso wie bei Nick und mir...es passierte einfach. Ich konnte mir nicht helfen. Und so sehr ich ihn dafür hasse, daß er mich so weit gebracht hat und solche Macht über mich ausübt...ich liebe ihn trotzdem noch."

Jetzt war die Mutantin an der Reihe, sich mitfühlend zu zeigen. "Sie haben Angst, daß Sie nie die Gelegenheit für eine Entschuldigung haben werden...und ihm das sagen können, was Sie gerade mir gesagt haben..."

"Wenn man so lange lebt wie wir Unsterblichen, findet man Gefallen an der ganzen 'Eine zweite Chance für alles'-Nummer, wissen Sie. Mit zig Jahrhunderten zur Verfügung und nur ein paar anderen Unsterblichen im Adressbuch, die nicht auf deinen Kopf aus sind - und ebenso attraktiv und clever - ändert sich deine Perspektive über so manche Dinge...und wenn man so lange mit seinen Dämonen lebt, werden sie irgendwann zu guten Freunden."

"Kann ich mir denken."

"Wenn Nick nicht überlebt...werde ich mir das nie vergeben." Sie wischte sich über die Augen, unterdrückte die Tränen und warf Rogue ein flüchtiges Lächeln zu. "War das irgendwie hilfreich für Sie?"

_Nicht direkt._ Aber Rogue sagte es nicht, sondern nickte. "Yeah. Was treiben Sie eigentlich um diese Zeit noch hier draußen? Morgen früh müssen wir mit den Vögeln aufstehen..."

Die Unsterbliche zuckte mit den Schultern. "Dr. McCoy ließ mir freundlicherweise die große Führung zuteil werden. Hätte nie gedacht, daß eine Schule so interessant sein könnte..." Dann wechselte sie das Thema und deutete auf die Wildlederhandschuhe, die in Rogues Gürtel steckten. Ahm...müssen Sie die wirklich immer tragen?"

Darauf gab es keine Antwort. Nur Rogues Kehle bewegte sich, als sie hart schluckte. Die offensichtlichste Frage, und sie mußten sie alle stellen. Sie hatte das so satt. Eine Mutantin zu sein, einen Mutanten zu lieben, von einem Mutanten verletzt und zurückgewiesen zu werden... Ihre eigene Art fürchtete und haßte sie für das, zu dem sie fähig war. "Seit ich zwölf war", gab sie leise Antwort auf Amandas Frage und strich mit den Fingern langsam über das weiche, geschmeidige Material, hielt dann eine Hand ins Mondlicht. "Wenn ich's nicht tue, werden Leute verletzt. Oder getötet. Oder schlimmer."

Das klang bekannt. Amanda kam etwas näher heran und wurde sich zum ersten Mal der Schönheit dieser Frau bewußt. Eine einfache Art von Schönheit, verglichen mit Storm, zum Beispiel, oder der 19.-Jahrhundert-Liebesroman-Schönheit namens Jean Grey Summers, doch immer noch schön auf ihre eigene Art. Scheinbar waren jene Mutanten mit den schrecklichsten Fähigkeiten auch mit dem ansprechendsten Äußeren gestraft. Was zweifellos eine zusätzliche Last war. Und die, die keiner Fliege was zuleide tun würden, waren durch ihr bloßes Erscheinungsbild als Mutanten abgestempelt.

Im Vergleich dazu schien Unsterblichkeit plötzlich wie eine relativ kleine Last.

"Rogue...bloß Rogue, nicht wahr?"

Die andere Frau nickte, ihr Blick immer noch auf ihre Hände gerichtet.

"Rogue...ich will nicht behaupten, daß ich weiß, wie es für Sie ist, denn wie bereits gesagt, das kann wohl niemand. Ich hab' keine Ahnung von Ihren persönlichen Problemen mit Remy. Aber ich kann Ihnen eines sagen: wenn das hier vorbei ist, machen wir einen kleinen Ausflug, nur Sie und ich. Einen hübschen, streßfreien Diebin-und-ehemalige-Geliebte-eines-Diebes-Wochenendtrip. Wie klingt das für Sie? Nur so ein Vorschlag...falls Sie Lust haben, mal mit jemandem zu reden, der nichts mit diesem ganzen Mutanten-Zirkus zu tun hat..."

"Würd' ich sehr gerne, Amanda."

"Dann betrachten Sie sich als nach Paris eingeladen. Nous laisserons les bons temps rouler!"

 

**********
 

Die Tatsache, daß es mitten in der Nacht war, hielt manche Leute nicht davon ab, anzurufen. Gegen Mitternacht, gerade als Cannonball und Beast den Flugplan für den nächsten Morgen ausgearbeitet hatten, ging ein Anruf von der Forschungsstation für Genetik auf Muir Island ein. Erst dachten sie, es wäre Banshee, doch der Anrufer entpuppte sich als niemand anderer als Cable. Und dieser war sichtlich konsterniert, als sie ihn über die morgige Mission informierten, sogar regelrecht enttäuscht, daß er nicht teilnehmen konnte. "Sinister? Oh Mann. Ist schon eine Weile her, seit wir ihm seine jährliche Tracht Prügel verpaßt haben. Seid ihr sicher, daß ich nicht vielleicht doch mitkommen soll?"

Sam schüttelte den Kopf. "Keine Zeit mehr. Außerdem haben wir volle Teamstärke. Sind ja nur Petey, Maggott, Sarah, Bishop und du abwesend. Wir sollten schon klarkommen...nichts für ungut, Nate."

"Kein Problem. Wo steckt denn Bish überhaupt?"

"Irgendwo im Unbekannten", gab Cannonball zurück und grinste dem Bildschirmbild seines ehemaligen Teamleiters entgegen. "Und wie geht's Moira und Sean?"

Die Frage war mehr oder weniger eine rhetorische. Die bekannte Genetikerin Moira MacTaggert hatte sich vor einiger Zeit mit dem tödlichen Legacy Virus infiziert, einem künstlichen Virus, das für gewöhnlich nur Mutanten befiel. Bislang war MacTaggert der einzig registrierte 'Normal'-Mensch, der an der Krankheit litt und obgleich sie nur langsam fortschritt, das Endergebnis würde das gleiche Todesurteil sein, das schon die Leben vieler Mutanten gefordert hatte. Es sei denn, es wurde bald ein Heilmittel gefunden. "Sie genießen die Zeit zusammen, machen lange Spaziergänge und schmökern vor dem Kaminfeuer gemeinsam Bernard Cornwell. Weshalb ich mir hier etwas dumm vorkomme. Aber ich werd' wohl noch eine Weile bleiben. Wohin sollte ich sonst auch gehen?" Zurück zum X-Anwesen wollte er so bald noch nicht, nicht nach dem, was seinem Vater zugestoßen war. "Irgendwelche Neuigkeiten vom Professor?"

"Nicht seit deiner Abreise. Seine Skrull-Rekruten halten ihn bestimmt auf Trab, so daß er für Anrufe ins heimische Sonnensystem wenig Zeit hat."

"Sie brauchen ihn mehr als wir, denke ich."

"Gut möglich. Nur hätte ich in diesem Moment nichts dagegen, wenn er hier wäre. Die Situation hier steht kurz davor, uns über den Kopf zu wachsen."

Cable seufzte. "Schätze, alles was ich tun kann, ist euch alles Gute für morgen zu wünschen. Paßt auf euch auf. Ich werde Sean und Moira über euren Status informieren und sie von euch allen grüßen. Bis dann." Damit unterbrach er die Verbindung.

Das Glück konnten sie brauchen. Alle Anzeigen waren *normal*, sie konnten sich etwas Schlaf gönnen. Der Blackbird war startklar und morgen früh würden sie eh noch einen letzten Systemcheck machen.

 

* * *
 

Mittwoch, 1. November 2000 Woher kam eigentlich der Ausdruck "hundemüde"? Wie wollte ein Mensch bitte wissen, wie müde ein Hund war? Warum sagte man nicht "katzenmüde"? Schließlich verschliefen diese schnurrenden Vierbeiner zwei Drittel des Tages. Wie dem auch sei, ob Hund oder Katze, Methos war müde. Er konnte nicht behaupten, diese Nacht viel Schlaf bekommen zu haben; genaugenommen hatte er wachgelegen, die Decke angestarrt und Joes Schnarchen zugehört. Ein beruhigendes Geräusch, wenn er genau darüber nachdachte, das ihn schließlich gegen Drei in den Schlaf lullte. Und drei Stunden Schlaf waren seiner Ansicht nach besser als gar nichts. Also zog er sich still und leise an, griff nach Jacke und Schwert und schlich sich mit einem lautlosen, an Dawson gerichteten 'Tschüß' aus dem Zimmer und die Treppe hinunter.

Zu seinem Leidwesen war Amanda bereits auf und begrüßte ihn, ihre Laune weitaus besser als er zu derart früher Stunde ertragen konnte. Leise vor sich hinpfeifend hielt sie ihm eine Tasse Kaffee unter die Nase. "Hier. Eine Dosis 'Hallo, wach', speziell für dich, alter Mann."

"Und es ist Kaffee Marke Angel", fügte Iceman hinzu, der seinen Toast wegputzte und den verkrümelten Teller im Geschirrspüler verstaute. "Nichts von Gambits Herzattacken-Gebräu."

Der Unsterbliche lächelte schwach. "Gut zu wissen. Danke. Sind schon alle auf?"

An den Küchentresen neben ihm gelehnt, informierte ihn Betsy, "Beast, Kitty und Sam sind schon im Blackbird und laden unsere Ausrüstung ein und machen einen letzten Systemcheck. Logan holt Gambit aus dem Bett...und Rogue und Storm machen unten alles klar - sie nehmen für die Zeit unserer Abwesenheit ein paar Veränderungen an den Sicherheitssystemen des Anwesens vor. Kurt kann zwar das gesamte System eigenhändig kontrollieren", sie zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck von ihrem Tee, "aber mit den Kindern hier möchten wir keine Risiken eingehen."

Gerade als er das Koffein anschlagen spürte - endlich - fragte der Unsterbliche, "Also, ein letztes Mal: wenn wir da ankommen, trennen wir uns in Scout-Teams auf, um vor Ort das Gelände zu erkunden. Das, was Ihre Scanner nicht erfassen können."

Die Britin nickte. "Adam, Sie werden mit Warren gehen. Amanda mit Rogue. Storm mit Cannonball. Ich mit Neal. Jeweils ein flugfähiger X-Man mit einem nichtfliegenden Passagier...beziehungsweise einem, der zuviel Krach macht. Es bleibt etwa eine Stunde, um die Eingänge zu Sinisters Versteck zu finden, das Alarmsystem zu deaktivieren und nach Fallen Ausschau zu halten...hauptsächlich aber auch, uns unsere Fluchtwege zu ebnen."

"Alles innerhalb einer Stunde?"

"Klar", lächelte Betsy. "Wir fahren hier mit einem engen Zeitplan. Sagen Sie nicht, Sie wüßten nichts von dem harten, harten Leben eines Superhelden?"

Er leerte seinen Kaffee und stellte die Tasse in den Geschirrspüler, noch keinen Gedanken an Essen verschwendend. Vielleicht während des Flugs. "Klingt nicht so toll. - Sind das Pumpernickel-Bagels?" fragte er, als er hinter dem Milchkanister und der Kellogg's Frosties-Packung in der Mitte des Tisches einen Korb mit Bagels erspähte.

Iceman bestätigte. "Ja. Pumpernickel, Mohn...Zimt-Rosinen ebenfalls. Was darf's für Sie sein?" Er schnappte sich das Messer. "Ich hab' schon Freßpakete für das halbe Team vorbereitet...eins mehr sollte mich nicht umbringen. Eins oder zwei?"

Da er sich erinnerte, wie Bagels im Magen expandierten, erwiderte Methos, "Nur eins. Pumpernickel. Frischkäse mit Frühlingszwiebeln."

"Ah, bedauerlicherweise hat Angel den Rest Frischkäse vernichtet - aber von dem Lachsaufstrich ist noch etwas da." Er sah den Unsterblichen nicken und machte sich an die Arbeit. "Ein Pumpernickelbagel mit Lachsaufstrich, wird erledigt. Können ja nicht zulassen, daß Sie auf leeren Magen sterben...und sterben...und immer wieder sterben."

Methos dankte ihm. Und stellte dann etwas Generelles fest. "Habt ihr noch vor, euch umzuziehen, bevor wir losstechen?"

Psylocke - umwerfend sexy in ihrem knappen, viel enthüllenden Outfit - runzelte kritisch die Stirn, genauso wie Iceman (heute in einem Ganzkörperanzug) und Thunderbird. "Und warum, bitte?"

"Uhm...nichts." Er griff Amanda beim Arm und zog sie mit sich, ließ die Kaffeetasse stehen. Zusammen hasteten sie aus der Küche, beeilten sich, an einen Ort zu kommen, wo man ihr Kichern nicht hören würde. Alter schützte nicht vor Albernheit. Außerdem mußten sie vor dem bevorstehenden Kampf noch etwas Schwertpflege betreiben.

 

* * *
 

 
***07:10 Uhr***

 

Eine halbe Stunde später trafen sie sich im Hangar mit dem Rest des Teams, und abermals waren die Unsterblichen an der Reihe, sprachlos zu gaffen, verzaubert von dem Anblick des schlanken, schwarzen Kampfjets. Dagegen wirkten die X-Men in ihren Kostümen...

"Ihr geht also wirklich in diesem Aufzug nach draußen?" Methos konnte es gar nicht oft genug betonen; er fand sich erneut geblendet von den bunten Uniformen, dem krassen Gegensatz der vielen Farben, die Latex haben konnte. "Nicht besonders unauffällig, oder? Ich hätte eher an etwas mehr...Tarnfarbenmäßiges gedacht."

"Camouflage ist für Weicheier." Wolverine ließ sich in den Sitz neben ihm fallen, in Blau und Grellgelb-Schwarz eine Zumutung für jedermann mit nur einem Prozent Modebewußtsein. Dieser Unsterbliche, hatte er herausgefunden, ließ sich erfrischend schnell reizen, und da die anderen X-Men über die Jahre hin eine Immunität gegen seine schroffe Art entwickelt hatten, genoß er es, den anderen Mann nach allen Regeln der Kunst zu provozieren. "Ihr braucht's doch eh nicht. Könnt schließlich nicht sterben."

"Verbindlichsten Dank, daß Sie mich an diesen außergewöhnlichen Umstand erinnern, ich hätte es sonst wohlmöglich glatt vergessen. Hat mich dennoch nicht dazu bewogen, auf der Basis dieser Erkenntnis freiwillig nach Vietnam zu gehen", schnappte Methos zurück und fühlte sich versucht, Amanda zu bitten, ihn während des Fluges ab und an zu erschießen, damit er ihn nicht in voller Länge erdulden müßte. Dieser Kanadier war ganz und gar anders als die Kanadier, die er sonst so kannte. Unhöflich, politisch inkorrekt, ohne Manieren...eine Ausnahme, die gewiß die Regel bestätigte! RCMP-Ausschußware. "Wie lang ist der Flug eigentlich?"

An den Steuerungskontrollen schnallten sich Jean und Beast in ihren Sitzen an und die Frau drehte sich um, um zu antworten, "Etwas weniger als fünf Stunden. Lehnen Sie sich zurück und genießen Sie die Aussicht."

Er würde es versuchen. "Welche Filme zeigen Sie im Bordprogramm?"

"Nun, da dies ihr erster Flug mit dem Blackbird ist, werden wir Sie vorab noch mit den Notfallprozeduren vertraut machen", ließ Jean ihn wissen. "Notausgänge und so weiter. Doch danach... Kitty hat uns gerade erst 'Gladiator' besorgt - interessiert?"

Methos grinste breit, während Amanda mit einem schwachen Wimmern die Augen schloß. "Klasse!"

"Ich hätt' euch die neuesten Filme in einem vernünftigen Format beschaffen können - auch die, die noch im Kino laufen - aber ihr fragt ja nicht mal", warf Gambit ein. "Wüßte schon, wo ich hingehen müßte. Warren hier zählt eine Kinokette zu seinem Imperium, da könnte ich mich leicht reinschleichen und die eine oder andere Spule mitgehen lassen." Schelmisch grinste er seinen geflügelten Teamgefährten an.

"Paß auf dein Mundwerk auf, Cajun. Vorsicht! Nach meinem verschwundenen Matisse wird immer noch gefahndet", warnte Angel.

Gambit rollte die Augen. "Ange, cher, glaubst du immer noch, daß ich mir vor all den Jahren das Bild unter den Nagel gerissen habe?" Er drehte sich zu Amanda um und seufzte theatralisch. "Stell' sich einer vor, von dem Tag an, als Gambit in dieses Haus gekommen ist, beschuldigt ihn dieser Mann, sein Bild gestohlen zu haben. Ich sag' ihm wieder und wieder, daß ich Matisse nicht leiden kann, gebe es ihm sogar schriftlich und schwöre einen Eid auf La Virge Sacrée, aber er glaubt mir einfach nicht."

"Matisse?" fragte Amanda, nun plötzlich neugierig. "Welches Gemälde?"

Warren antwortete nur allzu bereitwillig, "'Die Schwimmerin'. Ich hatte es in meinem New Yorker Penthouse hängen...bis es gestohlen wurde."

"Eh, schau' mich nicht so an, Ange!" protestierte Gambit. "Dieser Dieb hier hatte zu jener Zeit in New York nichts verloren! Ich hatte im Frühjahr 1994 besseres vor. Ich war in Europa!"

Amanda schluckte schwer, hoffentlich unbemerkt. _Frühjahr 1994...New York...oh je... Die Sünden der Vergangenheit, Amanda-Mädchen. Eine weitere Versuchung, der du nicht widerstehen konntest. Aber der Matisse erzielte einen so verflucht guten Preis..._ Sie würde Gambit die Wahrheit erzählen. Vielleicht. Irgendwann. "Ahm...ja." Ein Haufen Männer in Toga und Sandalen war eventuellen Fragen über ihren Berufsalltag vorzuziehen.

 

* * *
 

 
Vier Stunden später über Singapur, Kurs Süd-Südost

 

Der Abspann lief über den Bildschirm und Amanda schnorchelte friedlich in ihrem Sitz vor sich hin, Kopf an die Bordwand gelehnt. Methos lächelte und schloß mit einem leichten Nostalgieseufzer die Augen. Das war wirklich ein netter Film gewesen. Nicht wirklich akkurat, historisch gesprochen, aber er hatte sich die eine oder andere Träne nicht verkneifen können. "Das war gut, oder?"

Wolverine nickte. "Yeah."

"Mögen Sie Filme?"

"Kommt drauf an. Fernsehen und Filme sind ein netter Zeitvertreib." Auf seiner Zigarre kauend, führte der Kanadier aus, "Ich steh' zwar eher auf die alten Klassiker...so mit Paul Newman und Steve McQueen. Aber vieles von den neuen Sachen ist auch okay. Filme wie Serien. Geht doch nichts über 'X-Files', wenn man eine vernünftige Stadtführung von Vancouver haben will. - Hey, heulen Sie etwa?"

"Bin nur etwas nostalgisch, mehr nicht...all diese Togas...die Leute, die aufgeheizte Stimmung im Kolosseum..." Ihm entwich noch ein Seufzer. "Toller Film."

"Mir gefiel er auch", pflichtete Logan ihm bei. "Ridley Scott hat sich selbst übertroffen. Persönlich denke ich, daß wenn ich in Max's Sandalen gestanden hätte, diesen Commodus-Knilch schon lange vorher auf Eis gelegt hätte. Da wundert man sich doch, ob er wirklich so ein Ekelpaket war, oder, Kumpel?"

Methos zuckte mit den Schultern, rutschte in seinem Sitz herum, um die Beine strecken zu können. "Da gibt's nichts zu wundern...lassen Sie's sich von jemandem sagen, der in seinem Leben so manche Sandale getragen hat."

Wolverines buschige Augenbrauen zogen sich zu einer durchgehenden Linie zusammen. "Erzähl' mir jetzt nicht, daß ihr Saufkumpanen wart!"

"Dazu ein entschiedenes Nein. Zu der Zeit stand ich in den Diensten eines seiner vielen Feinde im Senat..." Ein erinnerungsschweres Lächeln spielte um den Mund des Unsterblichen und er fuhr fort, "Glauben Sie mir, wenn der Kerl auch nur halb so gewesen wäre wie Derek Jacobi, wäre es mir nicht *im Traum* eingefallen, zu kündigen!" _Ich hätte in dem Fall sogar *ihn* dafür bezahlt, für ihn arbeiten zu dürfen. Aber nein, anders als sein Film-Ich hatte er nicht die Traute, sich gegen Commodus zu stellen und ich mußte es mit meinem Gewissen vereinbaren, weiterhin für eine solche Wetterfahne tätig zu sein...eine höchst unattraktive Wetterfahne zudem, der mich zu betatschen versuchte, wann immer sich die Chance bot..._

"Haste gekündigt?"

"Ja. Hab' noch nicht mal eine gute Beurteilung für meinen Lebenslauf bekommen. Der Kerl war ein rückgratsloser Kriecher. Keine Spur von Moral." Bei der Erinnerung überlief es ihn kalt. _War nicht schade um ihn..._ "Ich denke, ich könnte jetzt etwas Frühstück vertragen. Gibt mir mal bitte jemand die Thermoskanne mit Kaffee? - Ich frage mich, was Joe jetzt gerade macht."

"Das gleiche wie Sie", erwiderte Storm vom Kopilotensessel. "Frühstück. Ich habe gerade eine Nachricht von Kurt bekommen, in der er mitteilt, daß er Mr. Dawson - im Anschluß an eine ausgedehnte Führung über das Anwesen - zum Mittagessen ausführen wird und mit ihm nachmittags bei Popcorn alte Errol Flynn-Filme ansehen will."

Lebensgefährlicher Kampfeinsatz...oder Errol Flynn...Methos wußte nicht, ob er sich für Joe freuen oder ihn bemitleiden sollte.

 

* * *
 

 
Neuseeland, Zielgebiet, kurz nach Mitternacht Ortszeit

 

Nie wieder würde er sich beklagen, in der Touristenklasse einer Airline fliegen zu müssen. Oder über das Fliegen allgemein. Sein Magen schlug Salti im Sechsachteltakt und er hielt sich mit allen Kräften fest wie sie in die Dunkelheit stürzten; die Luft rauschte genauso lautstark an seinen Ohren vorbei wie das Blut in ihrem Inneren pochte. "Warren...ist das wirklich...?" In dem Augenblick vollführte Angel eine weitere scharfe Linksdrehung, schwenkte um den Berg herum und abwärts. Und abermals fühlte Methos seinen Magen in seinen Hals hochkraxeln. Hätte er doch bloß ein paar Dramamine eingeworfen... _Bitte, bitte, Boden, Boden!!! Jetzt gleich!_ Wenn sie nicht bald landeten, würde jemand da unten wenig erfreut über ein halbverdautes Pumpernickel-Bagel sein. Garantiert erging es Amanda besser, ihr machte es vermutlich einen Heidenspaß. Kein Zirkus stellte Artisten mit Höhenangst ein. Paarweise hatten sie das Flugzeug durch die offene Luke verlassen, Psylocke mit Thunderbird, Rogue mit Amanda, Storm mit Cannonball, und Angel mit einem protestierenden Methos im Arm. Alles war dunkel, aber sie wurden sich trotzdem sehr schnell der hektischen Aktivität unter ihnen auf dem Boden gewahr. Sie konnten sich glücklich schätzen, wenn sie nicht bemerkt wurden. Irgendwo in der Ferne landeten in diesem Moment die anderen Teams. Es blieben ihnen noch etwa fünfzig Minuten.

 

**********
 

"Remy...ahm, schau' mal auf die Scanner." Shadowcat deutete auf einen Bildschirm zu ihrer Rechten. "Wir könnten da ein Problem haben."

Der Monitor leuchtete in bunten Farben, die unaufhörliche Hektik in ihrer Landezone anzeigten, in der gesamten Umgebung von Sinisters verstecktem Laborkomplex.

"Klasse...unser typisches Glück", schnarrte Wolverine mürrisch und drückte seine Zigarre in der Fläche seiner linken Hand aus. "Was für 'ne Großversammlung...was zum Geier geht da unten vor sich?"

Iceman linste über die Schulter des kleineren, kompakt gebauten Kanadiers. "Wow! Ein riesiger Trailerpark! Steht aber nichts auf der Karte."

"Die hätten sich keine ungünstigere Stelle aussuchen könnte", stimmte Gambit zu. "Kitty, kannst du mir eine Nahaufnahme von LZ-1 geben? Ich will sehen, was die da treiben. Aber wir sind ja flexibel. Nehmen wir halt LZ-2."

Es waren unzählige Biosignale, Menschen, eine Menge Pferde, und noch mehr Menschen. Und nachdem sie die Scanner justiert hatten, waren sie sich auch über das Vorhandensein von Tonnen technischen Geräts im Klaren. Kameras, Lichtanlagen und extensive Sperrholzkulissen. All das ließ nur eine Schlußfolgerung zu. Sie beeilten sich, über die Com-Verbindung die Suchteams von ihrer Entdeckung zu informieren.

"FILMCREWS???" hörten sie Thunderbird über den Comlink quietschen; der Inder wußte offenbar noch nicht, ob er lachen oder vor plötzlicher Hoffnungslosigkeit schluchzen sollte. "Filmcrews! Von allen Orten in der Welt, wo sie ihr Filmchen hätten drehen können, und sie *mußten* sich Neuseeland aussuchen! Und nicht bloß Neuseeland, sondern gerade *diesen* Ort..."

Mit einem Blick auf die Nummern auf dem Bildschirm grinste Shadowcat und informierte ihn, "Sieht nach einem verdammt großen Projekt aus. Tut euer Bestes und seht, was ihr rausfinden könnt. Über Sinisters Labor, meine ich, nicht über den Film. Ihr habt noch fünfundvierzig Minuten. Bis dann. Blackbird Over und Out."

"Was meinst du?" Iceman zwinkerte Kitty zu, von einem TV-Junkie zum anderen. "'Xena'?"

"Nee, zu aufwendig für eine Fernsehserie. Mannomann, schau' dir die Gerätschaften an...außerdem sind die schon eine ganze Weile hier, wenn diese Zahlen stimmen. Mindestens ein Jahr. Und", fügte sie hinzu, "die Gegend ist hübsch. Schade nur, daß es gerade so dunkel ist."

"Hab' nichts gegen die Dunkelheit", murmelte Gambit, lehnte sich vorwärts, an der jungen Frau vorbei, und tappte mit dem Finger auf einen bestimmten Punkt in der topographischen Repräsentation auf dem Bildschirm. Nachtschwarz und von grünen Linien überzogen. "Ici, chère. Voilà." Landezone 2 war eine kleine Lichtung, weit genug weg von der unerwarteten Gesellschaft und in Gehweite von Sinisters Hintertür. "Laß uns hier landen, p'tite. Unsere Leute sollten kein Problem haben, hier mit uns zusammenzutreffen."

Langsam sank der Blackbird durch die Öffnung im Blätterdach.

 

*************
 

Während Gambit den Blackbird parkte, stöberten Methos und Warren in der Umgebung von Essex's Labor herum, und mit jeder Minute, die verstrich, wurde Methos unruhiger. Nicht zuletzt weil der Mutant ihn pausenlos mit Hintergrundinformationen über ihren Gegner versorgte. Und nebenbei seine eigenen Erfahrungen mit dem Superbösewicht Apocalypse weitergab, ob Methos sie hören wollte oder nicht.

"Ich werd' nie vergessen, was er mir angetan hat...wie er mich in seine Dienste gezwungen hat." Angel erschauerte kurz bei der Erinnerung an die Jahre, von denen die blaue Haut das einzige körperliche Memento war. "Er war darauf aus, alle Mutanten auszumerzen, die seiner Ansicht nach unwürdig waren und den Genpool verschmutzten....machte mich zu einem seiner vier Reiter der Apokalypse... Um, sind Sie okay? Sie sehen etwas blaß aus."

Sein kurzlebiges Unbehagen herunterschluckend, wehrte der Unsterbliche die besorgte Frage ab. "Mir geht's gut, Warren, keine Sorge. Ich bin nur etwas...allergisch gegen Pferde. Nur interessehalber...welcher Reiter?"

"Tod."

"Ohne Scherz..." Das war nicht gut. Was hatten er und Flügeljunge sonst noch gemeinsam?

"Rein interessehalber, Adam...warum dieses Interesse?" gab Warren die Frage zurück. Er mochte den Unsterblichen nicht und die Fragen beunruhigten ihn.

"Uh...man könnte sagen, daß ich selbst mal an diesem Meilenstein war. Sie werden das schon meistern. Ich weiß das. Wenn man einmal diese Straße eingeschlagen hat, akzeptiert man Buße als zweiten Vornamen...nun, mit einem Namen wie Ihrem, wer würde es merken? Es dauert eine Ewigkeit, bis die Leute aufhören, einem die Fehler unter die Nase zu reiben...aber irgendwann wird's besser. Die Zeit als Tod wird nur eine kleine Lücke in Ihrem ansonsten makellosen Lebenslauf sein, mein Freund." _Was sind schon zwei Jahre verglichen mit meinem fröhlichen Millennium?_ "Wie Milton schon schrieb, *Schau' heimwärts, Engel, und schmelz' mit Reue*..."

Warren grinste. "Wie schreibt man das?" Vielleicht war dieser Kerl ja doch nicht so übel. Er war schon schlimmeren begegnet. "Hey, was ist das?" Sie hatten kaum Zeit, sich in ein Gebüsch zu ducken, bevor nicht weniger als ein Dutzend Leute an ihrem Versteck vorbeistapften. 'Leute' war vielleicht auch der falsche Ausdruck. Die riesigen, sechseinhalb Fuß messenden Kerle, die den Pfad entlang trampelten und dabei lauthals sangen, sahen nur entfernt so aus wie menschliche Wesen; sie erinnerten mehr an das Predator-Kostüm, das Thunderbird gestern getragen hatten. Schauerlich genug. Mutant und Unsterblicher wechselten irritierte Blicke und einigten sich dann, das Gesehene zu ignorieren und mit ihrer Mission fortzufahren. Der gutgetarnte Eingang zu dem unterirdischen Laborkomplex lag in einer Felsspalte hinter einem Rankenvorhang von wildem Wein und war dadurch kaum zugänglich. Zumindest nicht ohne ein halbes Dutzend Alarme auszulösen. Darum würden sie sich aber kümmern, wenn sie gemeinsam mit den anderen hier waren. Für den Moment begnügten sie sich mit einem oberflächlichen Scan des Sicherheitssystems und schritten das Gelände im Umkreis von hundert Metern aufmerksam ab. Niemand hier. Nur ein paar nachtaktive Vögel und Kleintiere. Und Insekten...Methos kratzte sich am Nacken. Jede Menge Insekten. Hoffentlich würde niemand vorbeikommen, wenn sie sich als Einbrecher betätigten, sonst könnte die Lage sehr ungemütlich werden.

Noch zehn Minuten, bis sie zu den anderen zurückkehren mußten. Warren aktivierte seinen Scanner und lokalisierte den Blackbird in einer Entfernung von zwei Kilometern. "Adam."

Keine Antwort.

"Adam!"

Exakt in jenem Moment brach der Unsterbliche aus dem Wald heraus, rannte über die Lichtung als sei der Leibhaftige hinter ihm her und gestikulierte ebenso wild wie aufgeregt. "Los!" keuchte er. "Beweg' dich, los! Da kommt jemand!" Er machte Flatterbewegungen mit den Armen, forderte den Mutanten auf, seine Flügel auszubreiten. "Da kommt jemand und zwar in unsere Richtung...sieht so aus als wollten sie zum Hauptlager. Flatter' los, Angel, komm', wir müssen hier weg!"

Warren reagierte instinktiv und zog den anderen Mann in seine Arme und nach oben, hob mit einigen mächtigen Flügelschlägen ab. Sie stiegen rasch empor und waren bald nicht mehr als ein Schatten gegen die Sterne, und kaum daß sie etwa eine Flughöhe von zwanzig Metern erreicht hatten, kamen drei Gestalten den Pfad entlang. Gemächlich schlenderten sie an der Felswand vorbei (selig-unwissend um die Gefahr, die sich dahinter befand), ihr Ziel ganz offensichtlich das Camp der Filmemacher.

"Gottseidank ist es für heute vorbei." Der an der Spitze gehende Mann nahm seinen Helm ab und kratzte seinen Kopf. "Endlich können wir aus diesem höllischen Makeup raus. Meine Kopfhaut *juckt* unter diesem ganzen Latex und Kleber...ich will bloß nur zurück in meinen Trailer und umfallen."

"Ich könnte dir nicht mehr zustimmen, John. Ich dachte, der Wrap würde nie kommen...Peter ist ein elender Perfektionist...aber das wissen wir ja nicht erst seit gestern. Und weiß Gott, ich *hasse* Nachtdrehs! Wenigstens sind wir heute trockengeblieben." Der Mann, der an zweiter Position marschierte, blieb stehen und stützte sich auf sein Schwert, wobei er sich zum dritten im Bunde umdrehte, weil dieser plötzlich Halt gemacht hatte. "Was ist, Blondie?"

So direkt angesprochen löste sich der junge Mann aus seinem nachdenklichen Schweigen und senkte den Blick, um die beiden anzusehen, die da auf ihn warteten. "Oh...tut mir leid, Viggo. Ich dachte... Nun, ich dachte eben nur, daß ich etwas gesehen hätte. Am Himmel. Etwas Großes mit Flügeln...und es sah aus wie ein Mensch."

Damit erntete er brüllendes Gelächter von seinen zwei Kollegen.

"Ich weiß, es klingt verrückt, aber das ist, was ich gesehen habe", verteidigte er sich patzig und klemmte sich die dünnen blonden Zöpfchen hinter die Ohren, wo sie natürlich nicht lange blieben, sondern gleich wieder an seinem Hals kitzelten. Diese Perücke war enorm lästig!

"Nimmst du deine Rolle vielleicht etwas zu ernst?"

"Sagt der Mann, der praktisch mit seinem Schwert schläft!"

"Weißt du, Viggo", meinte der kleine, stämmige Mann mit dem buschigen Bart zu seinem hochgewachsenen Kollegen, "ich denke das Problem ist folgendes: Er verbringt zuviel Zeit mit den CGI-Leuten. Gefährlich! Man fängt dann an, Dinge zu sehen... Also sollten wir nachsichtig mit Orly sein...er ist blond...auch wenn's nur eine Perücke ist..."

"Paß bloß auf", neckten sie weiter und hörten nicht auf, bis sie das Camp erreichten.

Eine Unterhaltung, die Methos und Warren verpaßten. Als sie beim Blackbird ankamen, der unter seinem Tarnschirm inmitten einer Lichtung von perfekter Größe parkte, warteten noch mehr Überraschungen auf sie. Rogue war bereits mit Amanda zurück, genau wie Storm und Cannonball, und die Neuigkeiten, die sie bereithielten - abgesehen von genügend Informationen, die eine reibungslose Infiltration von Sinisters Labor erlauben sollten - waren alarmierend.

"Wir haben ein Problem, Leute", verkündete Rogue. "Ich...ich weiß nicht, wie ich's sagen soll. Aber ich hab' da draußen Magneto gesehen." Die Reaktionen waren sehr vielseitig.

"Hölle!"

"Verdammt!"

"Ach du liebes Lieschen."

"Merde..."

"Göttin!"

"Yo!" Methos hob eine Hand. "Time-out! Was war gleich noch ein Magneto?"

Rogue bedachte ihn mit einem tadelnden Blick als ob sie sagen wollte, 'Wie, das weißt du nicht?' "Nicht was. Wer. Unser Erzfeind - also, da war ich auf meinem Ausguck in einer Baumkrone und beobachtete den Trailerpark...und da kam er des Wegs. Leute, ich sag' euch, in den weißen Roben sieht er aus wie einer Waschmittelwerbung entsprungen."

"Und das ist alles?" Methos zuckte mit den Schultern. "Herrje, euch kann man ja leicht schocken. Man muß halt nehmen, was das Leben einem in den Kleiderschrank packt. In 5000 Jahren habe ich schon viel schlimmere Sachen getragen."

"Schlaghosen in den Siebzigern?" grinste Rogue. "Wie eng denn?"

"Das mal außer Acht gelassen, Rogue, die Tatsache, daß er da unten ist, gefährdet die ganze Operation! - Waren sonst noch Mutanten zu sehen?" wollte Sam wissen.

"Wenn du große haarige Füße als Mutation bezeichnen willst...ja...und Mann, was für häßliche Gestalten da rumlaufen..." Rogue schüttelte sich. "Mit denen als Konkurrenz könnte Sabertooth einen Schönheitswettbewerb gewinnen."

Mit einer telepathischen Ohrfeige brachte Jean die hitzige Diskussion umgehend zu einem Ende, sah dann rundum in die verdutzten Gesichter und stellte klar, "Da. Sind. Keine. Mutanten. Außer. Uns. Ganz ehrlich. Ich habe Cerebro zu Hause die Gegend in einem Umkreis von 20 Meilen prüfen lassen und der Scan war negativ. Abgesehen von uns, natürlich. Und Sinisters Basis ist zu gut abgeschirmt für Scans."

"Also wen hat Rogue dann gesehen?" Sam ließ nicht locker.

"Sah jedenfalls aus wie Magneto", verteidigte Rogue ihre Angaben. "Und da Joseph nicht mehr ist, war ich mir sicher -"

"Nicht! Magneto!" wiederholte Jean. "Glaub' es mir. Diese Leute hier sind Schauspieler, die einen Film drehen. Und das schon seit einem Jahr."

"Oh", kam das Echo vom Mutanten/Unsterblichen-Team und es klang etwas enttäuscht. "Was für ein Film denn?"

Jean ließ sich zu einem genervten Seufzer verleiten und fuhr sich mit der Hand durch die rote Mähne. _Was weiß ich?_ Sie war keine Filmexpertin und auch nicht auf dem neuesten Stand, was Gerüchte um zukünftige oder laufende Filmproduktionen betraf. "Weiß nicht...irgendeine epische Buchverfilmung. Ziemlich aufwendig. Geht um Schmuck...einen Juwelier?! Hm. Egal, es hat uns nicht zu interessieren, wir haben Wichtigeres zu tun. Das Alarmsystem zum Beispiel. Remy, Ororo, habt ihr alles, was ihr braucht?"

 

***********
 

Gelangweilt kaute Nightcrawler auf seiner Schwanzspitze herum und grub die letzten Krümel gesalzenes Popcorn aus dem Bottich. Leer...aber wie er die Kids kannte, war der Nachschub bereits in Arbeit. Er wandte den Kopf in Richtung Tür. "Paige?"

Offenbar war Paige den Weg von der Küche hinauf ins Fernsehzimmer gerannt, denn sie war reichlich außer Atem, als sie hereinkam. Mit dem Popcorn. "Kommt schon. Für Sie noch ein Bier, Mr. Dawson?"

"Wenn Sie etwas Stärkeres als Kanu-Bier haben?!" Es war erst Mittag, doch war er in der Stimmung, die ein wenig alkoholische Milderung vertragen konnte.

Mehrere Augenpaare richteten sich fragend auf ihn. "Kanu-Bier?" wollte Angelo wissen. "Qué es?"

"Nun..." Jetzt, wo es gesagt war, zögerte Joe mit der Antwort. "Also...hm...naja..." Zwar waren die Kinder erwachsener als so mancher Erwachsener, aber letztendlich immer noch Kinder. Minderjährige. Und ebensowenig wie er Alkohol an Minderjährige ausschenkte, vermied er in ihrer Gegenwart für gewöhnlich auch gewisse Ausdrücke. Doch die fordernden Blicke ließen ihm keinen Ausweg. Also druckste er verlegen, "Tja, also, der Witz unter uns Barbesitzern verläuft folgendermaßen: Diese dünnen Biere wie Michelobe oder Foster's...hm...die schmecken...also, die sind, als würde man in einem Kanu Liebe machen." Für die Pointe holte er nochmal tief Luft. "'Fucking close to water.'"

Nach der kurzen Denkpause folgte hysterisches Gelächter, selbst Nightcrawler fiel beinahe von der Sofalehne herunter und konnte sich erst im letzten Moment mit dem Schwanz an Paige festhalten.

Die sich lauthals beschwerte.

"Hey, Kurt, laß das, so gut kennen wir uns nicht!" Das blonde Mädchen schüttelte den Greifschwanz ab und flüchtete zu Angelo und Monet auf die größere Couch.

"Entschuldigung, Kleines."

"Das kostet dich fünf Ave Marias."

Mit einem sehr gequälten Gesichtsausdruck öffnete Joe die Flasche belgisches Starkbier. "Können wir eine kurze Errol Flynn-Pause einlegen? Und sei es nur für Nachrichten."

"Auf Paramount läuft ein 'M*A*S*H'-Telethon", schlug Jubilee vor, "wie wär's damit?"

Laut TV-Guide hießen die Alternativen 'Dynasty', 'Renegade' und auf HBO 'Batman & Robin'. "Okay", meinte Dawson und nahm einen großen Schluck Bier. "'M*A*S*H' ist schon in Ordnung."

Kaugummikauend griff Jubilee nach den Fernbedienungen und schaltete den Videorekorder ab, mit der Rechten noch im TV-Guide blätternd. Als sie die richtige Spalte gefunden hatte, gab sie ein erfreutes "Huh" von sich.

"Was sollte das heißen?" Mißtrauisch angelte Angelo die Popcornschale und umarmte sie besitzergreifend. Es sah nicht so aus als wolle er sie je wieder der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

Das Mädchen grinste nur. "Och, nichts, sie schreiben hier bloß, daß es eine Folgenauswahl aus den ersten drei Staffeln ist." Rasch duckte sie sich vor dem Popcornhagel. "Hey, was kann ich dafür, daß ich die nun mal am liebsten mag? Apropos Ärzte...Cecilia kommt im Laufe des Nachmittags vorbei. In Abwesenheit unseres Haus- und Hofmediziners will sie die Zeit nutzen, in der sie das Labor ganz für sich allein hat. Und bei der Gelegenheit etwas aufräumen. Rogue hat vorgestern ja mal wieder für Chaos gesorgt."

"Kommt gleich nicht sowieso 'Emergency Room' auf NBC?" warf Angelo ein. "Vor drei Wochen ist die siebte Staffel angelaufen, und Beast will keine Folge verpassen."

Jubilee wischte die Bemerkung beiseite und suchte unter den 70 Kanälen Paramount. In belehrendem Ton erklärte sie, "Skin, compadre, dafür hat er unten im Labor seine eigenen Geräte. So kann er die ganzen Arztserien aufnehmen, ohne allen anderen das Fernsehprogramm durcheinander zu bringen. Außerdem hat er die sechste Staffel noch nicht gesehen; vor einem Monat hing er jedenfalls noch bei der zweiten Folge selbiger fest." Sie nahm ihr Kaugummi heraus und schnappte sich den letzten Brownie vom Teller, geistesabwesend mit ihrem Ohrring spielend. "Ich habe irgendwie nicht das Herz, ihm zu sagen, daß Alan Alda leider nur in den ersten paar Folgen mitspielt."

Nightcrawler war beim Stichwort 'Emergency Room' schlagartig still geworden und kletterte im nächsten Moment vom Sofa, um mit einem "Bin gleich wieder da" aus dem Raum zu eilen. Aus dem Gang draußen hörte man dann ein schwaches 'Bamf' implodierender Luft, nicht lauter als eine platzende Kaugummiblase.

Joe machte eine Bewegung mit der Flasche, die richtigerweise als Frage interpretiert wurde.

"Ihm ist eingefallen, daß *er* derjenige ist, der für Beast in dessen Abwesenheit die Geräte programmieren muß", informierte Monet nicht ganz ohne Schadenfreude. "Kurt mag etwas seltsame Hobbies und Vorlieben haben, aber er ist okay. Für einen Babysitter. Warren ist da schon bedeutend uncooler." Da half es ihrer Meinung auch nicht, daß sie und Warren Worthington III aus derselben Gesellschaftsschicht kamen. Abgesehen vom Mutant-Sein war es die einzige Gemeinsamkeit, und das reichte nicht, um ihn ihr sympathischer zu machen. "Und erst Cyclops, der war -"

"Monet!"

"Ooops..." Sie hatte 'den Namen' genannt. Jeder hier im Haus vermied es, ihn auch nur zu *denken*, speziell wenn Jean in der Nähe war, und hier schmiß sie ihn einfach auf den Tisch. Sofort verspürte sie das aufsteigende Unbehagen und nahm vereinzelte, schmerzerfüllte Gedanken wahr, die sie prompt zu einer Entschuldigung bewegten. "Sorry. Ich... Ist mir so rausgerutscht. Schätze, ich mache mir...etwas zuviel Sorgen..." Das 'Weil er nicht mehr da ist, um das Team zu führen' brauchte nicht gesagt zu werden.

Also trat eine Pause trat ein, eine Pause der unangenehmen Art.

Irgendwann wurde es unerträglich und Joe räusperte sich lautstark, schreckte sie alle aus ihrer Trance auf. "Ich weiß nicht ganz, worum es geht, aber es scheint nichts Gutes zu sein. Da will ich mich auch gar nicht einmischen. Aber", meinte er bestimmt, "ich denke, ich spreche für alle Anwesenden, wenn ich sage, daß sie es schon schaffen werden. Ihr X-Men seid, wie ich gesehen habe, hervorragende Kämpfer, und auch Methos und Amanda können sich mehr als nur verteidigen. Das Beste, was wir also tun können, ist ihren Fähigkeiten zu vertrauen und uns zu entspannen. Es geht euch doch sicher nicht zum ersten Mal so, daß ihr warten müßt, während die Helden Feuerwehr spielen - für mich ist das jedenfalls nix Neues. Und was hat mir das besorgte Warten eingebracht?" Er zeigte auf seine angegrauten Haare. "Leute, es ist okay, sich Gedanken zu machen. Nur hilft es niemandem. Wenn die Alternativen zum Fernsehen nur Essen, Schweigen und Nägelkauen sind, mache ich lieber einen Spaziergang." Spazierengehen war das Letzte, was er wollte, aber so wie sich die Stimmung entwickelte, würde dieses Beisammensein seinen Sinn von 'Ablenkung' weit verfehlen. Und zwar um mehrere Lichtjahre. Schon jetzt schlichen sich Bilder von MacLeod in seine Gedanken. Vielleicht kamen Methos und Amanda sogar zu spat...wer konnte wissen, wann dieser Dr. Mengele-Mutant die Nützlichkeit seiner Laborratten für beendet hielt?

Niemand antwortete darauf, und wie Hubschrauber über den Bildschirm knatterten, wünschte sich Joe nirgends so sehr hin wie nach Seacouver. Meinetwegen auch ohne Schirm im strömenden Regen. Zu seiner Rechten MacLeod und Methos, die wie eh und je über unwichtige Kleinigkeiten diskutierten und dabei klangen wie ein alters Ehepaar, und links Nick, Arm in Arm mit Amanda. Schöne, heile Traumwelt.

Jubilee stellte den Ton extra laut.

Die unangenehme Stille dauerte an, bis Nightcrawler zurückkam, aber die Anspannung ließ sich nicht verleugnen.

 

***********
 

"Funkgeräte."

"Check."

"Handleuchten."

"Check."

"Ahm, halt", warf Amanda ein. "Kein Check. Keine Leuchte...danke." Sie schnallte sich die Lampe um das linke Handgelenk. "Jetzt Check." Ein letztes Mal überprüfte sie den Sitz ihrer Kleidung, ob sie auch ja nicht in ihren Bewegungen eingeengt wurde, und zog sich schließlich die dünnen Lederhandschuhe über. Im falschen Moment Schweißhände zu haben war bei einem Schwertkampf unvorteilhaft. Wie sie sah, daß neben der Ausstiegsluke Storm und Jean gerade ihre Haare aufbanden, beglückwünschte sie sich zumindest zu ihrer unproblematischen Frisur. Vielleicht würde sie doch dabei bleiben und den Friseurbesuch streichen.

Storm nickte zufrieden. "Ich denke, wir wären dann soweit. Jeder hat seine individuelle Ausrüstung parat?"

Einmütiges Nicken rundum.

"Okay. Laßt uns gehen."

Amanda wußte nicht, weshalb sie den seltsamen Impuls verspürte, kurz Methos' Hand zu ergreifen, als sie die Rampe ins Freie hinuntergingen. Doch tat sie es. Und erhielt im Gegenzug ein aufmunterndes Lächeln. Es würde schon schiefgehen. Als sie hinter Gambit, Cannonball und Storm in den Tunnel trat, war ihr Mund staubtrocken und ihre Rechte wanderte unter ihren Mantel an den Griff ihres Schwertes. Die zwei Personen, die ihr auf dieser Welt am wichtigsten waren, befanden sich in Lebensgefahr, und sie würde alles tun, absolut *alles*, um sie zu retten.

Nick hatte noch nicht einmal die Chance gehabt zu leben. Das alleine, wenn schon sonst nichts, war sie ihm schuldig. Als ob sie dadurch Wiedergutmachung leisten könnte.

_Rien ne va plus..._

 

*********
 

Duncan MacLeod begann, diese Momente des Erwachens zu hassen. Sie waren verbunden mit intensiven Schmerzen, Übelkeit und dem Gefühl, nicht mehr ganz vollständig zu sein. Und mit jedem Mal schwand seine Hoffnung auf Rettung. Zwar zweifelte er keine Sekunde daran, daß Methos und Amanda mittlerweile fieberhaft nach ihm suchten, aber der Eindruck, den er von diesem Horrorlabor hatte, ließ ihn seine Chancen ziemlich gering einstufen. So ein Komplex befand sich garantiert nicht um die Ecke und stand auch nicht in den Gelben Seiten.

Hatte es etwas mit der Regierung zu tun?

Wäre nicht das erste Mal.

Soweit er es mitgekriegt hatte, war er seit seiner Gefangennahme gut ein Dutzend Mal gestorben. Man hatte ihm Teile seiner inneren Organe entfernt und die Zeit gestoppt, die er brauchte, sich zu regenerieren. Ihm waren Knochen gebrochen worden, er war erstickt, verblutet und durch Waffen- und Drogeneinwirkung verschiedener Art gestorben.

Wie lange war er jetzt schon hier?

Achtundvierzig Stunden...oder mehr....

Er hatte jegliches Zeitgefühl verloren.

"Nun, Mr. MacLeod..." Sinister beugte sich über sein bevorzugtes Versuchskaninchen. "Ich denke, es ist Zeit für etwas Neues. Eine Serie von Injektionen retroaktiver Mutanten-RNS...ich brenne zu sehen, wie Ihr Organismus darauf reagiert!"

 

********
 

Der Schein von fünf Taschenlampen tanzte über die feuchten Wände, Felsen und Moos, und die dazugehörigen Mutanten bewegten sich mit einer Sicherheit vorwärts als spazierten sie an einem sonnigen Nachmittag durch die Innenstadt von Salem Center.

Aktionen wie diese waren für sie so normal wie ein Tag im Büro.

"Also, mal ganz ehrlich...was haltet ihr von unseren jüngsten Schrägstrich ältesten Teamkollegen?" fragte Wolverine, ohne daß seine Worte tatsächlich ein Geräusch machten. Er sollte nicht reden, das wußte er, dazu war die Lage zu ernst und der Erfolg hing zu 90% vom Überraschungsmoment ab. Wie damals auf geheimer Mission hinter dem Eisernen Vorhang. Wie auf seinen Erkundungstouren im von den Nazis besetzten Frankreich. Aber aufgrund seiner langjährigen Erfahrung mit Special Ops - lange bevor er sich zu den X-Men gesellte - konnte er sich ein gewisses Maß an Geschwätzigkeit erlauben. Sein jeder Sinn arbeitete auf Hochtouren und er würde merken, wenn jemand außer seinen Kameraden zuhörte.

Rogue knuffte ihm in die Schulter. "Bloß weil wir das einzige Team ohne unsterbliche Beteiligung sind, gibt uns das noch längst nicht das Recht, über sie zu tratschen."

"Tun sie doch garantiert auch über uns", brummte Angel und zog seine Flügel noch mehr ein, um sich nicht die Federn an den tropfenden, faulig riechenden Schlingpflanzen dreckig zu machen, die von der Tunneldecke hingen. "Gut, sie sind interessant und unterhaltsam, aber ihr behandelt sie wie Jesus Christus und Johanna von Orléans!"

Psylocke, die mit Thunderbird an der Spitze ging, blieb abrupt stehen und drehte sich um. "Vermutlich waren das sogar gute Bekannte von ihnen...okay, bei Amanda und Jesus kommt das nicht ganz hin, aber zumindest Methos hat sicherlich umfangreichere Adreßbücher in seinem Telefontisch als du, Warren. Vielleicht sogar mehr Geld. Und jetzt sollten wir alle den Mund halten. Du auch, Logan."

 

***************
 

Langsam schlichen sie durch den Tunnel, ihre Schritte fast lautlos in der Dunkelheit. Doch alle paar Meter trat jemand in eine flache Pfütze und das leise Plätschern kam ihnen vor wie Donnerhall. Sogar jeder Atemzug war lauter als es ihnen lieb war. Noch etwa hundert Meter und dann müßten sie das Gitter erreichen, durch welches sie in das Ventilationssystem eindringen würden. Innerhalb der gebauten unterirdischen Struktur sollte ihr Vorankommen dann einfacher sein.

Blieb nur zu hoffen, daß die anderen Teams nicht aufgehalten wurden, und sie somit den Zeitplan einhalten konnten. Die Deaktivierung der Alarmsysteme war zeitraubend genug gewesen.

"Ich habe ein schlechtes Gefühl dabei", murmelte Amanda zu sich selbst.

Cannonball sah sie alarmiert an und meinte, "Sagen Sie das nicht! Das ist die eine Sache, die Sie vor einer Mission niemals sagen dürfen, *echt* nicht! In den Star Wars-Filmen sagen sie das immer, und eine Minute später bricht dann die Hölle los. Wollen Sie enden wie der arme Qui-Gon am Ende von 'Episode One'?"

"Kenn' ich nicht, nie gesehen", brummte Amanda. Die Sci-Fi-Expertin war schließlich Susan Milligan gewesen, nicht sie.

"Ah, da haben Sie was verpaßt. Liam Neeson war fantastisch."

"Shh, les fermez!" befahl Gambit irgendwo von links und bewegte sich lautlos vorwärts; der Metallstab in seinen Händen schimmerte schwach in dem fast nicht vorhandenen Licht.

Amanda und Ororo hielten den Atem an und folgten ihm. Wenn alles wie geplant lief, waren die anderen Teams mittlerweile ebenfalls in Angriffsposition gegangen.

"Remy", flüsterte Storm, "hörst du das da vorne?"

"Oui, und ich bin mir nicht sicher, daß mir gefällt, was ich höre." Ein Summen wie von einem freiliegenden Hochspannungskabel erreichte Amandas Ohren, aber dieses neue Geräusch kam nicht aus der Dunkelheit vor ihnen, sondern von den drei Spielkarten in Gambits rechter Hand. Alles Asse. Sie erhellten nun den Tunnelabschnitt mit einem schwachen purpurnen Glühen, das Summen der sich aufbauenden Energie bedrohlich leise. Remy LeBeau war vorbereitet.

Dieser Tunnel war vermutlich der schlechtmöglichste Platz für einen Kampf. Storm mit ihrer Platzangst würde Schwierigkeiten haben, hier drinnen zu fliegen und ihre Macht über die Elemente voll zu nutzen. Wenn Gambit das Wissen um diesen Umstand beunruhigte, ließ er es sich nicht anmerken. Er wußte von allen am besten, wie tough 'Stormy' sein konnte, genauso wie sie von einigen seiner Schwachstellen wußte, die sonst niemandem bekannt waren. Deshalb erwiderte er ihr Lächeln mit einer Überzeugung, die er nicht verspürte. Denn im Grunde stimmte er Amanda zu, auch er hatte hierbei ein sehr schlechtes Gefühl, und wäre er allein gewesen, hätte er die Operation abgeblasen.

Die Entscheidung lag jedoch nicht bei ihm allein. "Vorwärts, mes amis. Aux grands maux les grands rémèdes."

 

**********
 

"Je länger ich darüber nachdenke, desto praktischer erscheinen mir Mutantenkräfte. Zumindest so ein, zwei ungewöhnliche Fähigkeiten. Wär' doch nett, jemanden im Team zu haben, der an der Decke krabbeln und sich über ihren Köpfen anschleichen könnte", bemerkte Methos. "Ihr habt nicht zufällig Spidermans Telefonnummer?"

"555-894887", antwortete Beast wie aus der Pistole geschossen.

Iceman lächelte dünn. "Spidey hat an Halloween immer alle Hände und Netze voll zu tun. Sie kennen ja die New Yorker, wenn sie feiern. Außerdem hatten wir nicht auf seine Karte zu Ostern geantwortet...er könnte denken, daß wir ihn nur wegen seiner Superkräfte ausnutzen wollen. Wir werden ihn wohl zu Thanksgiving einladen...aber jetzt wäre es keine gute Idee...nicht sehr höflich...verstehen Sie?"

Methos nickte. "Schon klar. Wie weit noch?"

Phoenix legte ihm eine Hand auf die Schulter und bedeutete ihm ohne ein Wort zu schweigen. _Wir sind gleich da._

 

*************
 

"Na großartig", stöhnte Amanda, "wir sollen *da* rüberlaufen? Ist heute internationaler Tag der Selbstmörder?" Der schmale, von dünnen Ketten gehaltene Laufsteg wirkte alles andere als vertrauenserweckend.

"Ich könnte Sie tragen", bot Kitty an.

Die Unsterbliche schüttelte den Kopf. "Nee, danke, das mache ich selber." _Wär' doch gelacht, wenn ich das nicht schaffe! Ich habe auf Hochseilen balanciert, als die meisten dieser Mutanten noch nicht geboren waren! Wenn ich dieses kleine Hindernis nicht ohne Hilfe überwinden kann, habe ich kein Recht, hierzusein._ Das Herz klopfte ihr praktisch unter der Zunge, als sie der rostigen Ketten gewahr wurde und der Löcher im Gitter des Steges. Aber es mußte sein, es gab keinen anderen Weg. Zumindest nicht auf dieser Strecke. _Warum muß ich auch ausgerechnet zu diesem Team gehören?_

"Franchement, das gar nicht gut aus, p'tite...besser, du läßt Remy vorgehen."

"Ebenso *franchement*, Redeyes, redest du immer von dir in der dritten Person?"Amanda sah neidisch zu, wie ihr Teamgefährte behende über den beschädigten Laufsteg balancierte, nicht einmal hinsehen mußte, wo er seine Füße hinsetzte. Er hätte genauso gut Spiderman heißen können. Sie würde sich nicht wundern, wenn die X-Men mit dem Wandkrabbler Kochrezepte oder Strickmuster austauschten. Ein Superhelden-Nähzirkel oder Stammtisch. "Et au demeurant, ich bin nicht so *p'tite* wie du vielleicht denkst!" Sie mußte das hier durchstehen. Für Nick. Alleine nur, um Gewißheit zu erlangen, ob sich ihre Beziehung noch retten ließ.

In der Dunkelheit war das Grinsen des Cajun nur ein Aufblitzen weißer Zähne zum unruhig flackernden Rot seiner Augen. Diese Lady hatte Panache, das bewunderte er in des femmes, und es war nicht die einzige Sache an ihr, die ihn an Rogue erinnerte. Innerlich seufzte er, verbannte diese Gedanken aus seinem Kopf. Nicht jetzt, nicht hier.

 

************
 

Die Höhle, die sich vor ihnen auftat, war gigantisch, und Methos hatte den Eindruck, jemand hätte das Labor des klassischen verrückten Professors - berühmt und berüchtigt aus zig Horrorstreifen - in Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde" verpflanzt. Der Tunnel, aus dem sie kamen, endete auf halber Höhe eines Raumes, in dem gut und gerne vier Boeing 747 über- und nebeneinander Platz gehabt hätten, eine in den Fels gehauene Treppe führte steil hinunter, und gleichzeitig waren die Wände mit einem sternförmigen Netzwerk aus Laufstegen verbunden, denn Zugänge wie diesen Tunnel gab es an mehreren Stellen. Zwischen der Vielzahl Kabel und tragenden Seilen und Ketten hingen Lampen, deren kaltes, grelles Licht nichts von dem Geschehen auf dem Boden dreißig Meter weiter unten der Phantasie überließ.

"Hier kommen die Marauders!"

Er brauchte gar nicht zu fragen, von wo, denn diese Gegner waren wirklich unübersehbar. Und anstatt zu warten, bis sie in Reichweite kamen, entschied sich Methos, daß es besser wäre, selbst die Initiative zu ergreifen.

Eine Entscheidung, die von den Mutanten geteilt wurde; Methos fand sich von Beast gepackt und schwungvoll an den Fuß der Treppe getragen, wo der Gegner dutzendfach wartete. Ihm kam der irrationale Gedanke, daß er doch vielleicht eine Kamera hätte mitnehmen sollen, um diese Begegnung hier für die Archive der Beobachter zu filmen. Das Filmmaterial wäre Anlaß genug für eine Außerordentliche Betriebsversammlung noch vor Weihnachten.

Allerdings bekäme der gute Joe vermutlich einen Herzinfarkt, also doch keine so gute Idee.

Dieses war keine Simulation, erinnerte er sich wieder und wieder, dieses war der Moment, wo er wirklich auf seinen Kopf achten mußte. Buchstäblich. Denn es war anzunehmen, daß Sinister seinen Leuten die Schwächen der Unsterblichen aufgezeigt hatte, und anders als er es gewohnt war, war der Feind in der Mehrzahl. _Man gebe mir eine dunkle, abgeschiedene Gasse, meinetwegen auch im Regen, aber bitte nur einen Gegner. Mit nichts Gefährlicherem bewaffnet als einem Schwert._ Waffe in der Hand schluckte er den Funken aufkeimender Panik herunter - Angst war gut, sie schärfte die Sinne - und wählte sein Ziel aus. Den kleinen Inuit mit der Harpune. Sah nicht allzu gefährlich aus. Wie er sich vorwärts bewegte, fuhr ein eiskalter Hauch durch seinen Pullover, und er zitterte. Offenbar machte Bobby den Eröffnungszug...

Die Eisschicht, die sich mit einem Mal über den Boden zog, zwang ihn, einen Bogen zu schlagen, herum um einige Konsolen und Tische mit Laborgerätschaften. Fast kam er sich vor wie ein Wolf, der im Rudel jagte...es war ein Gefühl, das er schon sehr, sehr lange nicht mehr gehabt hatte und mit gutem Grund. Die Person, die er damals gewesen war, gab es nicht mehr.

Zumindest redete er sich das ein.

Rasch leckte er sich über die plötzlich zu trockenen Lippen, doch nicht aus Nervosität. Sofern er nicht komplett irrte, ging es Jean und Beast, die sich Schritt für Schritt in den hinteren Teil der riesigen Höhle bewegten, nicht viel besser. Und sie waren solche Einsätze gewöhnt. Er nicht. Er hätte jetzt alles für einen guten Film, ein Steak und einen eiskalten Sixpack gegeben. Wo blieben bitte die anderen? Schon suchte er den Blickkontakt zu Jean, wollte fragen, was -

_Sie sind gleich da, Methos, keine Sorge._

Bemerkenswert wie Jean trotz ihrer Konzentration auf die unmittelbare Aufgabe ein gedankliches Ohr für alle ihre Teamgefährten hatte. Er nickte ihr kurz zu, _Danke_, und faßte sein Schwert fester. Showtime. Wo steckten denn bitte die anderen Teams? Ein bißchen Verstärkung wäre jetzt nicht verkehrt...sie standen hier zu viert und ihnen gegenüber machten nicht weniger als dreißig Mutanten Anstalten, extrem unfreundlich zu werden.

"Keine Sorge", hörte er Jeans Stimme und sah hoch. Die Frau schwebte drei Meter schräg links über ihm. "Die anderen werden gleich da sein. Sie haben lediglich den längsten Weg." Sie hatte den Satz kaum beendet, da ertönte von der anderen Seite der Höhle ein lautes, "Methos!", im selben Moment wie er den Buzz spürte.

Hoch oben tauchten aus einem Tunnel Gambit und Storm auf, dicht gefolgt von Amanda, die ihm geradewegs fröhlich zuwinkte als stände sie nur auf dem gegenüberliegenden Gehsteig der Champs-Elysées. Doch schon im nächsten Moment hob sie ihr Schwert und mußte um ihr Leben kämpfen. Gerne hätte Methos sie einfach nur dabei beobachtet, ihre Technik eingehender studiert - im Gegensatz zu Duncan MacLeod, mit dessen Kampfstil er so vertraut war, daß er blind gegen den Schotten kämpfen könnte, war Amanda für ihn ein relativ unbeschriebenes Blatt.

In ihrer jetzigen Lage allerdings war Kampfstil ziemlich unwichtig und auf Eleganz wurde nicht geachtet. Es gab keinen Richter, der Stilnoten vergab. Was zählte, war den Gegner zu treffen und kampfunfähig zu machen, und zumindest Ersteres war einfach: es war praktisch unmöglich, vorbei zu schlagen. Bewegliche Ziele gab es genug. Schlag um Schlag um Schlag bahnte sich Methos seinen Weg vorwärts, immer mit dem unguten Gefühl, mit einem Schwert als einziger Waffe der Unterlegene zu sein. Diesen Nachteil machte er jedoch durch eine Verbissenheit wett, die ihn erschreckt hätte, wenn er Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken. Schon bald rann ihm der Schweiß übers Gesicht, und er entledigte sich seiner Jacke, warf sie achtlos zur Seite. Ein geringes Opfer verglichen mit seinem Leben. Die Minuten verstrichen. Was ihm wie eine Ewigkeit vorkam, war in Wirklichkeit weniger als eine Viertelstunde. _MacLeod...wo ist MacLeod?_ Es war nicht leicht, sich nach allen Seiten zu verteidigen und gleichzeitig den Raum nach einer bestimmten Person abzusuchen. Dort...dort hinten...da stand eine Reihe von OP-Rolltischen, und auf ihnen...

Nick Wolfe, der offenbar noch von Experimenten aller Art verschont geblieben war.

Jenna di Carmine, die auf dem Cover der Oktober-Ausgabe des New Yorker TimeOut-Magazin lebendiger ausgesehen hatte als jetzt.

Eine Latina mittleren Alters, zumindest optisch, die ihre dunklen Haare besser nicht hätte blondieren sollen.

Dann ein Naturblonder, an dem nichts auffällig war außer seinem total normalen wenngleich guten Aussehen. Der Grund, weshalb Methos der Atem stockte, war ein anderer. Nicht zu fassen, wie klein die Welt doch war! Kein Irrtum möglich, er war es. *Leroy*...der Entführungsfall aus Bolivien. Joe hätte ihm ruhig sagen können, um wen es sich handelte, wußte er doch, daß es ein alter Bekannter von Methos war, sein letzter noch lebender Schüler. Bolivien. _Wie lange ist es jetzt her? Fast ein Jahrhundert schon. Sentimentaler Idiot, aber wir haben alle unsere speziellen Gedenktage. Ach, Robert..._ Während der Jahre beim Wild Bunch war er der einzige gewesen, der ihn mit seinem Geburtsnamen ansprechen durfte. Heute war das anders. Die Notwendigkeit von Aliasen brachte eine Zwangsgewöhnung an fremde Namen mit sich. Methos würde demnächst lernen müssen, auf etwas anderes als Adam zu reagieren. _Also, Mr. Leroy..._ Das letzte Mal waren sie sich per Zufall an einem Flughafen in Singapur begegnet, für Methos nur ein Stopover auf dem Rückweg nach Paris, doch lang genug, um zu erfahren, daß sein Kumpel, mit dem er in den Sechzigern des 19. Jahrhunderts als Bandit herumgezogen war (erst unfreiwillig, dann aber mit wachsender Begeisterung, denn zu Schaden kam selten jemand und die Truppe war angenehme Gesellschaft) jetzt in Brisbane eine gutgehende Firma leitete, die Sicherheitssysteme für Banken entwickelte. Er hatte schallend gelacht. Ausgerechnet! Schon eine lustige Sache, die Ironie. Bedauerlicherweise hatte er die Einladung zu einem Besuch ausschlagen müssen, denn er kam ja gerade aus Australien.

Sein Blick wanderte weiter, die Fünf-Sekunden-Reise auf der Straße der Erinnerungen war vorbei.

Auf dem Tisch neben Robert lag ein Unbekannter, ein blondgelockter Mann - 'Nordischer Typ' hätte ein Stilberater gesagt.

Dann MacLeod.

Und dann -

Es war wie in einer Actionsequenz in einem Film, wo die Reaktion eines Charakters dadurch unterstrichen wurde, daß aus seiner Sicht die Geräusche des Schlachtgetümmels um ihn herum extrem gedämpft wurden und das Geschehen für einige Momente in Zeitlupe ablief. "Jetzt reicht's!" Soviel negatives Karma konnte nur jemand haben, der mehr als fünftausend Jahre auf dieser Welt verbracht und in seiner 'wilden Jugend' den ein oder anderen Fehler gemacht hatte. Nur warum mußte er dieses Jahr für alles auf einmal büßen? "Es regnet nie, aber es gießt", murmelte er und hoffte, daß besagte Person bewußtlos blieb. Noch mehr bekannte Gesichter, dieses aber von der unangenehmen Art. "Da sollte man meinen, dieser Planet sei groß genug, daß wir uns nicht alle paar Monate über den Weg laufen!" Durchaus ein Grund, der Globalisierung skeptisch gegenüber zu stehen. Demnächst würde vermutlich einer von ihnen in den Weltraum ausweichen müssen.

Doch das war nebensächlich und nicht von unmittelbarer Bedeutung.

MacLeod war bewußtlos, soweit er das beurteilen konnte, und nicht tot. Jedenfalls nicht im Moment. Und offene Wunden sah er auch keine. "Oh, verflucht, MacLeod..."

Sinister hatte den Schotten mit Schläuchen gespickt und so kunstvoll durch zahlreiche Kabel mit den Maschinen verbunden, daß Methos einmal mehr die Horrorfilm-Assoziation kam. Wenigstens brauchte er keine Angst haben, daß er dauerhaften Schaden anrichtete, wenn er - als Nichtfachmann, denn das letzte Medizinstudium lag schon etwas zurück - den Schlauchsalat einfach entfernte.

Hastig durchtrennte er die Ledergurte, zog die Nadeln aus Armen, Beinen und Hals und zupfte, mehr mit Eile als mit Feingefühl, das Netzwerk festgeklebter EKG-Elektroden von der (_Jemineh, er hat ihn komplett rasiert!_) Brust.

Wie er MacLeod, der so teilnahmslos war wie ein Toter und sich ebenso leicht handhaben ließ, in eine sitzende Position aufrichtete, knotete er ihm das Laken um die Hüften. War sicherlich in Macs Sinne, daß nicht gleich alle Welt von seinem Zustand erfuhr. So. Jetzt mußte er ihn nur noch hinstellen. Leichter gesagt als getan. Mit einem Anflug von Neid beobachtete er Jean, die zwei Gegner wie Spielzeugfiguren aufpickte und auf ihren wilden Kapriolenflug mitnahm, bevor sie sie unsanft an einer Stelle fallenließ, wo sie zunächst nicht im Wege waren. Das sah so leicht aus...für seinen nächsten Umzug würde er sich bei ihr melden. Und dann setzte sich Storm an Jeans Seite, sandte einen tornadogleichen Windstoß gegen drei Angreifer, die Beast und Gambit gefährlich nahe gekommen waren, und brachte sie zu Fall. Dem Wind folgte Hagel, und Methos fühlte, wie sich die Haare in seinem Nacken und auf seinen Armen aufrichteten.

Wenn Storm wüßte, was für einen Effekt sie auf Unsterbliche hatte, die auf Elektrizität nun mal sehr empfindlich reagierten! Die statisch aufgeladene Luft war zum Schneiden, er fühlte sich wie ein Akku kurz vor dem Moment der Überladung...gleich mußte der erste Blitz kommen.

Oh, und da war auch schon Team Drei, besser spät als nie. Warren tauchte senkrecht ins Kampfgeschehen ein wie der sprichwörtliche Racheengel, und die anderen, zu denen erfreulicherweise auch Wolverine und Rogue gehörten, mischten sich ohne zu zögern unter die Kämpfenden mit ein.

Durch das Getümmel nahm er nun Kurs auf die Treppe; die hundert Meter hätten ebenso gut eine Meile sein können, denn einfach würde es nicht werden. Der Begriff *Spießrutenlauf* bekam hier eine ganz neue Bedeutung. Für den Rückweg brauchte er doppelt so lang wie für den Hinweg.

"Ruhig, Mac, ganz langsam. Deine Beine tun's noch, es dauert nur ein Weilchen, bis sie wieder das machen, was du von ihnen willst. Du hast einen ziemlich starken Drogencocktail intus." Methos bezweifelte, daß MacLeod irgendwas von dem hörte, was er sagte, aber solange der Patient mechanisch einen Fuß vor den anderen setzte und ihm ersparte, sein komplettes Gewicht zu schleppen, war das in Ordnung. Wie er sich umsah, betete er, daß ihnen die Flucht gelingen würde. Vorzugsweise ohne ihre Köpfe zu verlieren. Im Luftraum sah er Rogue und Warren, die eine Reihe von Sturzflugattacken starteten. Ihre Umrisse waren reichlich verzerrt aufgrund der hohen Geschwindigkeit, mit der sie sich bewegten, um Sinisters Gefolgsleute von den flüchtenden Unsterblichen abzulenken. Ein kurzer Blick zurück und er versicherte sich, daß Amanda soeben Nick Wolfe von seinem Untersuchungstisch befreite. Sobald sie alle Schläuche entfernt hatte, legte sie sich Nicks linken Arm um die Schultern und trat nun ihrerseits den mühsamen Weg in Richtung Treppe an.

Kaum daß er sich jedoch wieder seinem eigenen Problem namens MacLeod widmete, spielten seine fünf Sinne komplett verrückt. Die Welt um ihn verschwamm und sein Gleichgewichtssinn verließ ihn. Mit voller Wucht, die ihn eine Kniescheibe kostete, fiel Methos auf die Knie - der Highlander plumpste wie ein nasser Mehlsack neben ihm auf den Felsboden - und kämpfte darum, seinen Mageninhalt nicht aufzugeben; gleichzeitig wartete er darauf, daß sich sein Sehvermögen normalisierte und seine Umgebung nicht länger aussah wie ein schlecht eingestellter Fernseher. _Was zur Hölle...?_

Jemand berührte ihn an der Schulter und er sah hoch, erblickte Cannonball, der über ihm stand.

"Tief durchatmen, Adam, und dann schaffen Sie Ihren Freund schleunigst hier raus!"

"Täte ich ja gerne, aber mir ist so...verflucht schlecht..."

"Dafür können Sie sich bei Vertigo bedanken. Keine Sorge, um den Störfaktor kümmer' ich mich. Wir werden Ihnen den Rücken schon freihalten. Oder, Betts?"

Während sie mit routiniertem Einsatz ihres psychischen Katana gegen Riptide vorging, nickte Psylocke nur kurz und nahm eine defensive Position neben Sam ein. Die irisierende rote Klinge blockte die Knochenwurfsterne und Stacheln, erlaubte Methos, wieder zu Atem zu kommen, doch der Strom gefährlicher Objekte hörte nicht auf. Im Gegenteil. Zumindest konnte er unter dem Schutz der beiden X-Men abwarten, bis seine Kniescheibe wieder geheilt war.

Gerne hätte er noch fünf Minuten länger dagesessen, aber als nächstes half ihm eine starke Hand auf die Füße, stark genug, um MacLeod gleich mit hochzuziehen, und als er die letzte Benommenheit fortblinzelte, war es gerade rechtzeitig, um Rogues Lächeln zu sehen und sie sagen zu hören, "Gern geschehen, alter Mann." Das mit dem *alt* mußte sie von Amanda haben.

Dann war sie wieder in der Luft, gesellte sich zu ihrem geflügelten Teamgefährten und half ihm, Scalphunter in die Zange zu nehmen. Der Marauder war gefährlich nahe an die Stelle herangekommen, wo Gambit und Wolverine Rücken an Rücken kämpften. Zu jeder anderen Zeit wäre er stehengeblieben und hätte ihnen zugesehen. 'The Matrix' war Schnee von gestern, dies war die Realität! Der Cajun bewegte sich mit der geschmeidigen Eleganz eines Tänzers, der lange Mantel wirbelte um seinen schlanken Körper bei den unaufhörlichen Tritten, Sprüngen, Drehungen, Schlägen, und er hielt jeden Gegner mit dem fünf Fuß langen Metallstab auf sicherer Distanz; die Waffe war, wie er selbst, nur schemenhaft zu erkennen, so schnell führte er sie, praktisch eine Verlängerung seines Armes. Neben ihm erschien Wolverine, dessen Klauen alles und jeden in Reichweite zerschredderten, wie ein kleiner, stämmiger Pitbull, also das genaue Gegenteil vom Aussehen her, aber nicht weniger tödlich und effizient. _Taz und Will E. Coyote machen Teamwork..._ Während er das Bild noch vor seinem inneren Auge begutachtete, raste Cannonball mit einer Druckwelle aus Hitze und Lärm vorbei, Harpoon dicht hinter ihm, und er fügte hinzu, _Und sie haben Roadrunner als Backup dabei. Gott, was bin ich heute wieder absolut nicht ernsthaft..._

Mit Mac an seiner Seite stolperte er vorwärts, in die Richtung, in die er Amanda hatte gehen sehen, und als er fühlte, wie seine Kraft zurückkehrte, zog er den Ivanhoe wieder hervor, um sich verteidigen zu können und nicht komplett auf die anderen angewiesen zu sein. Wenn sie das hier überlebten, würde er die Wohltätigkeitsorganisation seiner Wahl von Greenpeace in X-Men ändern. Oder vielleicht Generation X. Schulen brauchten immer Förderer und Geldgeber und der Steuer war es egal, wohin die "Spenden" gingen.

"Meee-thos..." Es war nur ein Stöhnen, kaum hörbar bei dem herrschenden Lärm, aber Methos hörte es ziemlich deutlich und lächelte trotz der Schmerzen in seinen Beinen und Schultern und trotz des Schweißes, der ihm in den Augen brannte.

"Hallo, Highlander, willkommen zurück unter den Lebenden." Wie er sich umsah, beschleunigte er ihren Rückzug, nahm jetzt die Treppe in Angriff. Doch seine Knie drohten bei jedem Schritt nachzugeben. Da hochzukommen würde ewig dauern, wurde ihm schmerzhaft klar, und Stufe für Stufe würden sie perfekte Ziele abgeben. Sehr lahme Ziele außerdem. Es war wie Tontaubenschießen. Einen Moment lang beneidete er Beast, der mit Jenna di Carmine über der einen und der Latina über der anderen Schulter ohne sichtbare Schwierigkeiten davonturnte, so als trüge er zwei zusammengerollte Teppiche.

"Adam." Eine Brise fuhr ihm ins Gesicht, und dann schwebte auch schon Storm über ihnen und streckte ihm die Hände entgegen. "Laß mich dir helfen!"

Dankbar überließ er ihr MacLeod und wischte sich Schweiß von der Stirn, bevor er sich umdrehte, um als nächstes Cassandra zu holen. Es widersprach jeglicher Logik, aber er fühlte sich für sie verantwortlich. Und für Robert. "Amanda", brüllte er, nicht gerade freundlich.

"Schon da, schon da", grummelte die Unsterbliche. "Eine Frau meines Alters ist nicht gerade ein Hochgeschwindigkeitszug. Und im Gegensatz zu dir habe ich immer noch Gepäck." Sie wich einem weiteren Angriff von, ah, wem auch immer aus, und den nachfolgenden ebenfalls. Nick mochte zwar abgemagert sein, doch wurde es trotzdem reichlich anstrengend, ihn zu schleppen, als sie auf halber Höhe der Treppe auf Widerstand traf. Beim Anblick der Gestalt, die sie um einiges überragte, schien es ihr als verwandelte sich ihr Blut in Eis. "Scheiße... METHOS! Hiiilfe!"

Köpfe drehten sich, egal ob Unsterblicher oder Mutant, und sie erkannten sofort, welcher neue Spieler das Feld betreten hatte. "Sinister", hörte Methos Iceman flüstern. Selten war ihm ein Name passender erschienen. Nach den Geschichten, die er gehört hatte, wunderte es ihn nicht, daß der Mann in Person noch um ein Hundertfaches unsympathischer war.

Und nun hob er die Hand. Kein gutes Zeichen. Warum fühlte er sich nur wie ein unfreiwilliger Nebendarsteller im Season-Finale-Showdown bei 'Buffy'? Oder 'Angel'...die hatten die bessere Titelmusik. Das Schwert in seiner Hand war ein beruhigendes Gewicht. Wenngleich auch nutzlos gegen das, was jetzt kam.

"Adam!" hörte er Rogue schreien und wirbelte herum, sah den Energieblitz auf sich zukommen. Sinister war gelungen, ihn abzulenken, und so hatte sich Arclight heranschleichen können.

"Oh, verflucht", schaffte er gerade noch zu stöhnen, dann hatte er das Gefühl innerlich zu schmelzen und kippte um, versank in der Schwärze des Todes.

Für eine Weile.

 

Der erste Atemzug war wie eine kalte Dusche nach einer durchzechten Nacht, Sauerstoff durchströmte sein Gehirn, raste wie ein eisiger Sturzbach durch seine Adern und initiierte, einem Elektroschock gleich, die Kontraktion eines jeden Muskels. Für einen Moment war sein Körper in diesem Krampfzustand erstarrt, dann war Atmen wieder etwas Normales und sein Organismus arbeitete als wäre nichts geschehen. Wie immer nach einem Tod arbeiteten seine Sinne kurzfristig mit doppelter Schärfe, und abgesehen von den Kampfgeräuschen war da der Geruch versengter Wolle direkt unter seiner Nase. Soviel zu seinem geliebten Pulli... Und er wurde sich bewußt, daß er höchst unbequem verknotet auf dem Boden lag. Vorsichtig drehte er den Kopf zur Seite. Gut, MacLeod war weg, Storm hatte ihn wie versprochen fortgebracht.

Von irgendwo her kam eine Stimme, gefolgt von einer etwas unsanften Berührung an der Schulter. Instinktiv packte er zu...und hielt das Ende einer Metallstange fest. "Ah", brummte er. "Gambit."

Der Cajun beugte sich zu ihm herab, half ihm auf die Beine. "Adam, hey...wieder bei uns?"

Der Griff war hart, ließ auf mehr Kraft schließen als Methos vermutet hätte. "Ja", murmelte er und schüttelte die Hand ab. "Danke." Er bückte sich nach seinem Schwert und versuchte, sich einen Überblick über den Kampf zu verschaffen. Wo war Amanda? Und Sinister? Doch ihm blieb keine Zeit für eine Situationsanalyse. Kaum daß er seine Waffe in der Hand hielt, wurde er wieder in den Kampf einbezogen.

"€a va?"

"Hab' nur eine Auszeit genommen." Schwungvoll entledigte er Arclight eines Armes; der Kerl hatte immerhin genug davon. "Fünf Minuten tot sein...da fühlt man sich gleich richtig ausgeruht. Solltest du auch mal versuchen."

Gambit lachte humorlos, warf seine letzte Handvoll Karten gegen Riptide und drehte sich dann elegant aus dem Weg des nun sehr aus dem Gleichgewicht gebrachten Mutanten. "Mais non", erwiderte er und setzte mit dem bo noch mal nach; der Schlag schickte Riptide mit voller Wucht gegen die nächste Wand, wo er leblos liegen blieb. "Das Sterben überlasse ich chère Jeanne. Die hat Übung damit. Attention!" Den gegen Methos gerichteten Energieblitz aus Scalphunters Waffe wehrte er mühelos ab. "Ducken nicht vergessen. Remy würde dich höchst ungern noch mal sterben sehen. Außerdem waren es eher zwanzig Minuten, mon vieux."

_Wen nennst du hier *alt*?_ Methos verkniff sich die scharfe Antwort, gab stattdessen einer Version von Harpoon - irgendwo weiter rechts setzte sich gerade Angel aus der Luft mit einer anderen Ausführung auseinander - etwas Scharfes zu schmecken. Wenn er hiernach mindestens zehn Jahre keinem Mutanten mehr über den Weg lief, würde er sogar dem Bier entsagen. Hm. Nein, nicht dem Bier. Anderen Lastern zuerst, Bierverzicht erforderte mindestens dreißig Jahre Steuerbefreiung, kostenloses Tanken weltweit und keine Herausforderungen nach 16 Uhr, auch nicht an Wochenenden und Feiertagen. Aber...ganze zwanzig Minuten? Entweder brauchte sein Körper so lange, weil er auf diese Todesart nicht eingestellt war, oder er wurde tatsächlich alt. "Wo ist Amanda?" wollte er wissen, darum bemüht, nicht über eine der vielen herumliegenden Leichen zu stolpern. Robert, wie er sehen konnte, war fort. Alle Unsterblichen waren fort bis auf ihn.

"Schon draußen", winkte Gambit ab, drehte eine Pirouette und nutzte zwecks Kartenmangel einen aufgeladenen Kugelschreiber als Waffe, und dann eine Verbandsschere; das letzte Exemplar von Harpoon blieb in schmauchenden Einzelteilen hinter dem zertrümmerten Medikamentenschrank zurück. Die Funken setzten verschüttete Chemikalien in Brand; in Kürze würde der halbe Raum in Flammen stehen. "Hoffentlich. Jedenfalls ist sie nicht mehr hier. Genauso wie Rogue, Hank, Neal, Betts und Kitty. Et tes copains immortels aussi."

_Die wenigsten davon sind meine Kumpel und... Ach, was rege ich mich auf?_ "Und Sinister?" Zwanzig Minuten! Da reiste er schon zu einem Kampf ans andere Ende der Welt, kam wie der Ritter in funkelnder Rüstung zur Rettung von Duncan MacLeod, dem nervigen aber liebenswerten Schotten, nur um schon in der ersten Runde auf die Bretter zu gehen und den Kampf zu verpassen! Zwanzig Minuten...unfaßbar.

Gambits breites Grinsen war geradezu verboten. "Oh, Sinnie hat sich ziemlich schnell aus dem Staub gemacht, als er sah, daß wir es dieses Mal nicht nur doppelt ernst meinen, sondern dreifach. Und ich darf dir sagen, daß Amanda ihm noch eine verpaßt hat, bevor er entwischte. Ah, die Frau hat Feuer...Adam, hast du jemals was mit ihr -?"

"Nein", schnappte er und hoffte, daß Gambit wußte, was gut für ihn war.

Ungerührt fuhr der Cajun fort, "Natürlich war das für ihn kaum mehr als ein Wespenstich, aber ihr hat es auf jeden Fall geholfen."

"Verstehe ich richtig, daß wir uns zurückziehen?" Methos ließ den Blick über Sinisters verwüstete Wirkensstätte wandern, blinzelte durch den schnell dichter werdenden Rauch, und stellte fest, daß sich die Zahl der Kämpfenden erheblich reduziert hatte. Was nicht nur daran lag, daß es auf der gegnerischen Seite keinen Nachschub mehr gab, sondern auch weil mehr als die Hälfte der X-Men den Schauplatz bereits verlassen hatten. Vermutlich, so seine Annahme, um die Unsterblichen zum Blackbird zu bringen und ihren Rückweg zu sichern.

"Wer redet von 'Rückzug'?" wollte Wolverine wissen, während er nebenbei die letzte noch vorhandene Kopie von Scalphunter mit allen sechs Klauen durchbohrte. Seine Kleidung war an vielen Stellen versengt und zerfetzt, der gelb-blaue Stoff blutdurchtränkt, doch sichtbare Wunden gab es keine. "Wir haben", stellte er mit einem zufriedenen Grinsen fest, "sie vernichtend geschlagen. Warum sollten wir nicht gehen, wenn doch keiner mehr übrig ist?" Damit zog er die Klauen ein und verschränkte die behaarten Arme vor der Brust. Im Hintergrund breiteten sich nun mit rasender Geschwindigkeit hungrige Flammen aus, die in dem zerstörten Mobiliar reichhaltige Nahrung fanden.

Und Methos hatte den irrsinnigen geistigen Schnappschuß eines Logan, der versuchte, seiner übermäßigen Körperbehaarung mit Heißwachs-Streifen Herr zu werden. _Mel Gibson in 'Was Frauen wollen' wäre nichts dagegen._ "Dann laßt uns ebenfalls gehen. Ich für meinen Teil möchte nicht zusehen, wie all diese toten Mutanten langsam geröstet werden." Er untersuchte sein Schwert auf eventuelle Schäden und wischte dann das Blut so gut es ging an einem auf dem Boden liegenden Rest Tuch ab. Seine beiseite geworfene Jacke war nirgendwo zu sehen. Er hatte auch nichts anderes erwartet. Der Rauch trieb ihm bereits die Tränen in die Augen, als Jean das offizielle Kommando zum Verlassen der Höhle gab, und für den Rückweg brauchten sie bedeutend weniger Zeit.

Methos trabte neben Gambit her, dem Ausgang entgegen, und war irritiert durch das einvernehmliche Schweigen der Mutanten. Siegreich wie sie waren hatte er eine gewisse Euphorie erwartet, doch blieb diese aus. Niemand gratulierte einem anderen dafür, wie er sich geschlagen hatte; es schien nicht der Rede wert zu sein. Nur ein weiterer erledigter Job. Auftrag ausgeführt und weiter zum nächsten. Superhelden führten wahrlich ein undankbares Leben!

 

***********
 

Wenn es im Blackbird schon vorhin etwas beengt gewesen war, so herrschte jetzt erheblicher Platzmangel. Daher überließen jene Mutanten, die im Falle eines Absturzes keinen oder nur geringen Schaden davontragen würden, ihre Sitze den acht geretteten Unsterblichen und nahmen stattdessen auf dem Boden Platz.

Vorsichtig verfrachteten Methos und Gambit als letzten den besinnungslosen MacLeod in den Sitz hinter dem Copiloten - Storm - und stopften die dünne graue Decke um ihn fest. Nicht daß ihm der Anblick eines unbekleideten Duncan MacLeod unangenehm war, ganz im Gegenteil, aber vielleicht, so überlegte der älteste Unsterbliche, wäre es keine schlechte Idee, den Mutanten nahezulegen, für solche Fälle einen Vorrat Jogginghosen und - hemden an Bord zu haben. Er hatte überhaupt so einige Verbesserungsvorschläge. Dies war allerdings kaum der richtige Zeitpunkt für ein genauso inoffizielles wie unerwünschtes Consulting-Gespräch bezüglich Effizienz und Image.

Wie sie sich startklar machten, hielt Methos es für angebracht, einen Wunsch zu äußern. "Ahm, Dr. McCoy? Beast?"

"Ja, Adam?"

"Die eine Unsterbliche...die Dunkelhaarige..."

Beast legte den Kopf schief. "Was ist mit ihr?"

Ihm war die Frage mehr als unangenehm, aber es mußte sein. "Bestände die Möglichkeit...ich meine, könnten Sie es mit Ihren ethischen Grundsätzen als Arzt vereinbaren, sie in regelmäßigen Abständen mit Sedativen vollzupumpen, damit sie während des Fluges nicht aufwacht?"

"Ich vermute, eine nähere Erklärung dafür zu verlangen, wäre mit einer längeren Geschichte verbunden, die ich besser nicht hören möchte, oder?" Trotz des ernsten Gesichtsausdrucks lag ein Schmunzeln in Henry McCoys Stimme. "Sie kennen sich?"

"Leider. Es ist ziemlich lange her, aber die Begegnung war...geschichtsträchtig. Und nicht so leicht zu vergessen, weder für sie noch für mich, aber speziell für sie", betonte Methos und ließ durchklingen, daß die Begegnung negativer Art gewesen war. "Wir trafen uns während meiner, hm, Blauen Periode, die ich in etwas schlechter Gesellschaft verbrachte. Die wenigsten, die damals meinen Weg kreuzten, hätten einen Grund gehabt, mich in angenehmer Erinnerung zu behalten."

Der blaubefellte Kopf nickte einmal. "Könnte sie gewalttätig werden?"

"Durchaus möglich." Methos hielt es für angebracht, mit gewissen Fakten nicht hinterm Berg zu halten. "Ich will ehrlich mit Ihnen sein, Doc: die paar Male, wo wir in den letzten Jahren das zweifelhafte Vergnügen hatten - bei einem gemeinsamen Bekannten wie MacLeod war es nur eine Frage des Zeit, bis wir beide gleichzeitig in Macs Wohnzimmer standen - bin ich nur knapp davongekommen. Und ich möchte nicht verantwortlich für das Ende der X-Men sein, wenn Cassandra mitten im Flug aufwacht, ihre Chance gekommen sieht, mich einen Kopf kürzer zu machen, und der Flieger in einer bombastischen Lichtershow abschmiert."

"Ich verstehe." Das war alles, was Beast dazu sagte. Kommentarlos begab er sich nach hinten zum Schrank mit der medizinischen Ausrüstung.

Wenn McCoy die beiläufig preisgebene Information über das dauerhafte Töten von Unsterblichen registriert hatte, so ging er nicht darauf ein, und Methos war darüber sehr erleichtert. Zu einer längeren Frage-und-Antwort-Stunde war er nämlich nicht aufgelegt.

Wenig später überflogen sie die Küste mit Kurs auf Südamerika. Als Teil der Fluganweisungen erklärte Kitty, kurz bevor sie den Autopiloten aktivierte und sich zwischen Jean und Rogue zusammenrollte wie eine Katze, daß sie für den Rückflug einige Stunden mehr brauchen würden als für den Hinflug. Die vielen Zwischenstops wirkten sich trotz der enormen Geschwindigkeit auf die Reisedauer aus.

Die meisten entschieden sich daher für eine Mütze voll Schlaf, nur nicht Henry McCoy, der diverse Verletzungen versorgen mußte und zudem die Unsterblichen wegen eventueller Nachwirkungen von Sinisters Behandlung im Auge behalten wollte. Angeblich erholten sie sich ja von allem, aber er ging lieber auf Nummer Sicher. Schließlich wollte er nicht irgendwann wegen unterlassener Hilfeleistung seine Approbation entzogen bekommen. Im Fall von Nick Wolfe nahm Amanda ihm diese Aufgabe ab. Während des ganzen Fluges konnte er sie nicht dazu bewegen, den Mann auch nur für eine halbe Stunde allein zu lassen und sich selbst ein Nickerchen zu gönnen.

Duncan schlief im Sessel neben Methos, verschmähte Essen und Trinken und war für nichts zu interessieren außer für Schlaf. Wenn er ab und zu die Augen aufschlug, murmelte er unverständliches Zeug, hauptsächlich zu sich selbst, um sich davon zu überzeugen, daß dies keine weitere Halluzination sondern Wirklichkeit war. Fürs erste konnte ihm diese Wirklichkeit aber noch gestohlen bleiben, er fühlte sich viel zu elend.

Eigentlich verlief der Flug reibungslos. Zwar wachte Cassandra trotz Dr. McCoys Beruhigungsmitteln einmal auf, doch glücklicherweise just in dem Moment, als Methos zur Toilette war. Ein Umstand, für den er nachher allen Göttern, an die er nicht mehr glaubte, dankte. Er hatte schon seine letzte Begegnung mit ihr nur um Haaresbreite - und mit einer Menge Dusel - überlebt, zweimal in einem Jahr wollte er das Schicksal nicht herausfordern.

Dadurch verpaßte er Cassandras Reaktion auf ihre Umgebung. Ihr Wachzustand dauerte lang genug an, um bei Beasts Anblick in einer Sekunde um weitere hundert Jahre zu altern und dann freundlich erklärt zu bekommen, was passiert war und daß sie sehr bald zu Hause in London sein würde.

Ob sie etwas haben wolle, das ihr schlafen helfen würde? Zunächst schien sie die Frage nicht zu verstehen. "Parlez-vous fran‡ais?" versuchte er es erneut.

"Woran erinnern Sie sich, Ma'am?" schaltete Jean sich ein und reichte der zitternden Unsterblichen eine Tasse Tee. Gleichzeitig wagte sie einen vorsichtigen Vorstoß in Cassandras Psyche, glättete, ohne daß die andere Frau etwas merkte, die schlimmsten Traumafalten, löschte zu genaue Erinnerungen an Schmerzen und Angst. Mehr wollte sie nicht verantworten. "Ma'am?"

Cassandra hatte Mühe, die Augen offen zu halten. "Wie bitte?" stammelte sie.

"Woran erinnern Sie sich?"

Nicht an vieles, aber das wenige war schon zuviel. Auf ihrem persönlichen Siegertreppchen des Horrors rangierte Sinister nun gleich hinter Kronos und Methos - da konnte MacLeod mit Engelszungen reden - und den Betreibern der London Underground. Es würde eine Weile dauern, bis sie das Erlebte verarbeitet hatte, oder vielleicht entschied sie sich in den kommenden Wochen ganz einfach dafür, die letzten zwei Tage als *ungeschehen, nie passiert* zu verbuchen. Überwältigt von Müdigkeit ließ sie den Kopf wieder zur Seite fallen und schlief weiter.

Jean verhinderte gerade noch, daß ihr die Teetasse aus den Händen fiel; das Heißgetränk fand in Methos einen dankbaren Abnehmer.

Dieser organisierte gleich noch eine zweite Tasse, denn Robert schien aufzuwachen, und er wollte die Flugstunden zu einem Gespräch über alte Zeiten nutzen. Nach Byron hatte er keinen weiteren Schüler haben wollen, er tat sich zu schwer, einem anderen Unsterblichen das Vertrauen entgegenzubringen, das zwischen Lehrer und Schüler erforderlich war, doch Robert hatte ihn in den Jahren ihres Outlaw-Lebens nie hintergangen, also hatte er sich nach San Vicente um den frischgebackenen Unsterblichen gekümmert.

In seiner besten Service-Stimme verkündete er, "Hier spricht ihr freundlicher Flugbegleiter. Einmal Darjeeling, ohne Milch und Zucker, der Herr."

Blaue Augen blinzelten zu ihm empor. "Ben! Du verfluchter Kerl! Ach, nein, Adam heißt du ja jetzt. Was zur Hölle treibst du hier? Ich hatte diesen verrückten Traum..." Er brach ab, als er realisierte, daß er nur in eine Decke gewickelt in einem Flugzeug saß und um ihn herum... "Okay. War kein Traum. Hätte mich auch gewundert, denn dies ist echt nicht mein Jahr."

"Meines auch nicht, wenn dir das ein Trost ist. Mr. Leroy. Beim letzten Mal war es noch Mr. Parker. Robert Parker. Hier, dein Tee."

"Herzlichen Dank. Und es ist derzeit Parker Leroy. Schon praktisch, drei Namen zu haben, die sowohl als Vor- wie als Nachname zu gebrauchen sind." Er umklammerte die Tasse als wäre es der Heilige Gral. "Sagst du mir trotzdem, was du mit diesem...Haufen zu tun hast?"

"Dieser 'Haufen' sind Mutanten."

"Das sehe ich selbst. Was ist deine Rolle dabei? Erzähl mir jetzt nicht, daß du wirklich Flugbegleiter bist!"

Methos prostete ihm mit seiner Tasse zu. "Sicher. Mutant Airways ist ein guter Arbeitgeber. Bleib sachlich, Robert. Welche Airline würde mir schon ihre Biervorräte anvertrauen?"

"Keine, die schwarze Zahlen schreiben will." Der andere Mann nahm einen großen Schluck Tee und seufzte zufrieden. "Hah, das tut gut. Ich bin echt froh, dich zu sehen. Dafür schulde ich dir was. Ich hatte schon Angst, jetzt wär's mit mir vorbei. Hätte diesen Unhold fast gebeten, bis zum 7. des Monats zu warten, damit das Datum mit meinem offiziellen Totenschein übereinstimmt." Trotz des heiteren Tones war sein Gesicht ernst.

"Du warst in San Vicente?" Während der Jahre des Trainings hatten sie diese Diskussion oft geführt, er mußte den Satz "Warum mußte ich unsterblich sein und er nicht?" nicht hören. Manche Leute brauchten Jahrhunderte, um mit der Tatsache fertigzuwerden, daß sie lebten, während die Menschen, die ihnen nahestanden, starben. Und dieser Mann vor ihm hatte einen ausnehmend dicken Dickschädel.

"Wie jedes Jahr. Der Ort ist noch genauso unspektakulär wie vor zweiundneunzig Jahren. Trotzdem hätte dieser Dr. Frankenstein mir ein paar Stunden dort gönnen können, anstatt mich zu entführen nach - wo waren wir eigentlich?"

"Neuseeland."

"Ah. Verdammt, mein gesamtes Gepäck ist aber -"

"Wir sind auf dem Weg nach La Paz."

"Ah. Gut." Mit einem beiläufigen Schulterzucken schüttelte er Methos' Hand ab, zog die Decke enger um sich.

Methos biß sich auf die Lippe und schluckte den Kommentar herunter. Nicht hier, nicht jetzt. "Weißt du, Robert", redete er auf ihn ein, "selbst wenn ihr beide überlebt hättet... Jemand mit seinem Temperament... Du weißt, wie unberechenbar er war und wie locker der Revolver saß." Er sah das Nicken und fuhr fort, "Er hätte im Spiel nicht lange durchgehalten. Und ich für meinen Teil mag keine Schüler ausbilden, die den Kampf suchen. Denn ich mag es nicht, Schüler zu verlieren. Verstehst du? He, Erde an Mr. Cassidy!"

Widerstrebend reagierte der andere mit einem Nicken. "Anwesend."

"Du kannst noch soviel erreichen. Bist schließlich nicht dumm."

Ein schwaches Lächeln erhellte die düstere Miene. "Der Dank dafür gebührt Dr. Benjamin Adams, dem Meisterplaner. Hat mir all die Kniffe und Tricks gezeigt."

"Ich kann Intelligenz nur fördern, nicht erschaffen."

"Ohne das, was ich von dir gelernt habe, wären wir nicht halb so erfolgreich gewesen."

Methos grinste. "Ihr hättet nicht lange genug gelebt, um nach Südamerika zu fliehen."

"Das auch."

Sie hatten gute drei Stunden Zeit zum Reden. Die Route führte quer über den Pazifik, und nach einer Landung in einem Feld am Rande von La Paz folgten sie dem Gebirgszug der Anden nach Norden. Schon allein der phänomenalen Aussicht wegen blieben die meisten Passagiere wach - Mutanten wie auch Unsterbliche, von denen mittlerweile alle bis auf Cassandra bei Bewußtsein waren - und genossen das Farbenspiel des Sonnenaufgangs an den zerklüfteten, eis- und schneebedeckten Gebirgshängen. Unterhaltungen wurden kaum geführt, dafür war jeder zu sehr in die eigenen Gedanken vertieft.

Der nächste Stop war Seattle, dann Montréal, wo sie C“tard absetzten, und schließlich verabschiedeten sie eine dankbare Jenna di Carmine, die ihren Rettern auf ewig die besten Plätze in ihren Broadwayproduktionen zusicherte, auf ihrem Anwesen in New Jersey. Von da aus war es nur noch ein Katzensprung.

Im Bundesstaat New York herrschte wie an der gesamten Ostküste noch tiefste Dunkelheit, als sie wohlbehalten im heimischen Hangar landeten.

Langsam kamen die Turbinen zum Stillstand und durch den abflauenden Lärm verkündete Beast über die Sprechanlage, "Ladies and Gentlemen, hier spricht Ihr Kapitän. Wir sind soeben in Salem Center gelandet. Es ist zehn Minuten und zweiundzwanzig Sekunden nach Mitternacht und wir schreiben Freitag, den 3.November 2000. Die Wetteraussichten für Westchester County heute sind leichte Bewölkung, aber größtenteils Sonne bei Temperaturen zwischen zehn und fünfzehn Grad Celsius. Jenen von Ihnen, die hier von Bord gehen, sage ich 'Auf Wiedersehen'. Hoffentlich hat Ihnen der Flug gefallen und wir können Sie bald wieder begrüßen. Die übrigen Passagiere, deren Reiseziel in Europa liegt, können sich nun auf einen kleinen Imbiß freuen. Nach dem Auftanken geht es unverzüglich weiter. Danke für Ihre Aufmerksamkeit." Damit erhob er sich und zwinkerte Methos zu. "Auch Hunger?"

"Halb verhungert trifft's eher. Hey, Mac!" Methos stupste seinen Sitznachbarn an. "Aufwachen, wir sind da. -Sie wollen gleich weiter, Dr. McCoy?"

Beast unterdrückte ein Gähnen und streckte sich ausgiebig, was bei der niedrigen Decke des Cockpits ein Kunststück war. "Ja", nickte er, "ich bringe mit Kitty und Ororo Ihre spezielle Freundin und den norwegischen Gentleman nach Hause."

"Und ich komme mit! MAC! MacLeod!"

Methos fand sich unsanft beiseite geschoben und im nächsten Augenblick wurde MacLeod von einem überaus erleichterten Joe Dawson umarmt und gedrückt, daß ihm die Luft wegblieb - und die Decke fast herunterfiel. Offenbar war die Heckrampe bereits heruntergelassen worden. Und offenbar hatte Joe die halbe Nacht im Hangar verbracht und auf sie gewartet.

"Hey, Joe", begrüßte der Highlander seinen Beobachter. "Beim nächsten Mal redest du mir bitte die Oper aus und holst drei Tickets für das Match." Unbeholfen zurrte er den Knoten, der die Decke oberhalb seiner Hüften hielt, etwas fester. Wie er sich doch auf richtige Kleidung freute!

Dawson lachte, auch wenn in seinen Augen Tränen standen. "Geht klar, Mac. Mein Gott, was bin ich froh, dich zu sehen! Euch alle", setzte er hinzu und klopfte Methos auf die Schulter. "Gute Arbeit, alter Mann. Oben in der Küche habe ich Bier kaltgestellt. Und Nightcrawler hat einen Riesenpott Eintopf vorbereitet. Und du wirst heute Nacht ganz ungestört schlafen können, weil ich nicht da sein werde."

"Joe, du legst es doch nicht etwa darauf an, noch in diesem Jahrzehnt heilig gesprochen zu werden, oder?"

 

* * *
 

 
Acht Stunden später beim Frühstück...

 

"...und wir brauchten sie nur wieder nach Hause zurückbringen. Tja, und jetzt sind wir hier", beendete Kitty ihre ausführliche Erzählung für all jene, die während des Einsatzes auf das Xavier-Anwesen zurückgekehrt bzw., wie im Fall der Junioren, dort zurückgeblieben waren. Die Begeisterungsstürme blieben allerdings aus. Rund um den Tisch saßen - oder vielmehr hingen - übernächtigte Mutanten und ein Unsterblicher, der alle paar Minuten mit dem Gesicht in sein Rührei zu fallen drohte und stark an der belebenden Wirkung von Koffein zu zweifeln begann.

"Klingt als wär' hier eine Menge losgewesen, Katyuschka", kommentierte Piotr Rasputin und lehnte sich mit seiner Teetasse (die vielmehr ein kleiner Eimer war) zurück. "Vielleicht hätte ich doch einen früheren Flug nehmen sollen." Verglichen mit Marrow nahm er es gelassen hin, eine Mission verpaßt zu haben. Seine Morlock-Teamkollegin beschwerte sich ohne Rücksicht auf Wortwahl und Tonfall, daß niemand auf den Gedanken gekommen war, ob sie vielleicht Interesse haben könnte. Sie hatte sich schmollend auf ihr Zimmer verzogen.

Kitty winkte ab. "Wäre nett gewesen, dich dabeizuhaben, doch wäre es dann auf dem Rückflug noch beengter gewesen. Und deine Familie sieht dich selten genug, da freuen sie sich über jeden weiteren Tag." Ihr ging es schließlich ganz ähnlich und sie hatte den Vorteil, daß ihre Eltern "nur" in Chicago wohnten. Für Peter war die Distanz etwas größer. "Zumindest bist du rechtzeitig zum Staffelbeginn von 'X-Files' wiedergekommen."

"Apropos 'X-Files'", schaltete sich Methos in die Unterhaltung ein. "Sam, wirst du die paar Serien, die ich dir genannt habe, für mich aufnehmen? Soll ich dir noch mal aufschreiben, was ich brauche?" Mechanisch griff er nach der Kaffeekanne und schenkte sich nach. Zwar hatte er einige Stunden geschlafen, nicht zuletzt weil Joe und sein Schnarchen abwesend gewesen waren, doch fühlte er sich immer noch wie gerädert. Nicht ganz so schlimm wie vorletztes Jahr zu Halloween - nichts konnte das übertreffen - doch schlimm genug.

"Nicht nötig, Adam, soweit reicht mein Gedächtnis gerade noch. Die Reruns der NBC-Sachen gehen klar, bei 'CSI', was ja gerade erst anläuft, muß ich vom Sendeplatz her etwas jonglieren, aber das kriege ich schon hin, ohne daß 'Stargate' darunter leidet. Und 'X-Files' wird ohnehin aufgenommen. Wir haben fünf X-Philes unter diesem Dach, da kann ich einfach Kopien ziehen. Weißt du, daß Colossus hier", er zeigte auf Peter, "spaßeshalber für eine Folge in der laufenden Season vorgesprochen hatte? Sie haben ihn aber nicht genommen. Dabei hätte er den Leuten bei FOX ein Vermögen an Kosten für Spezialeffekte sparen können." Einmal in Fahrt gekommen, plapperte Cannonball weiter, demonstrierte einen Elan, der zu dieser frühen Stunde einfach unerträglich war. "Ist schon ein Kreuz mit diesen Serien...es gibt viel zu viele und man mag sie irgendwie alle. Eigentlich sollte jeder seinen eigenen Fernseher und Videorecorder haben, dadurch ließen sich die ganzen Kleinkriege um die Fernbedienung vermeiden. Nightcrawler nimmt für seine Schwester 'Charmed' auf...er selbst verpaßt auch keine einzige Folge."

Methos unterdrückte den leichten Brechreiz. Über Geschmack ließ sich ehrlich streiten. Und wo war jetzt bitte die Erdnußbutter abgeblieben? Er stemmte sich hoch und schlurfte zum Kühlschrank hinüber.

Sam fuhr fort, "Jubilee und die anderen stehen auf diese ganzen Serien wie 'Friends', 'Roswell' und 'Dawson's Creek'...daß Sean und Emma ihnen das überhaupt erlauben, ist mir ein Rätsel."

"Na, bei Kids in dem Alter sollte man schon dankbar sein, wenn Beverly Hills, ahm, Postleitzahl und so an ihnen vorbeigegangen ist", meinte Methos, dessen Suche im Kühlschrank nicht von Erfolg gekrönt war. Dann vielleicht im Schrank über der Kaffeemaschine. "Was ist aus den guten Klassikern geworden?"

"'Man From U.N.C.L.E.'", brummte Gambit zustimmend. "'Mission Impossible'." Es war viel zu früh für seinen Geschmack, aber Jean und Storm hatten ihn zu einem Meeting um Sieben bestellt und da hatte er sich das Ausschlafen abschminken können. Seine Nachtruhe war vorbei gewesen, bevor sie begonnen hatte.

Ohne von der Zeitung aufzusehen, steuerte Psylocke ein, "'Blake's Seven'", bei. "Oder 'Doctor Who'."

"Betsy", kam die mehrstimmige Warnung, dann fuhr Gambit alleine fort, "Großbritannien hat zwar einiges zur TV-Kultur beigetragen, aber das gehört nicht dazu." Er angelte sich den Aschenbecher und schnippte die Glut von seiner morgendlichen Verdauungszigarette.

Sie sah hoch, angesichts des übelgelaunten Tonfalls des Cajun mit erhobenen Händen. "Woo-ho! Sorry! Ist mir nur so rausgerutscht. Mit dem falschen Bein aufgestanden, hm? Nun gut, dann wohl eher 'The Professionals'? 'The Avengers'? Ihr müßt doch zugeben, daß Schauspieler unser bestes Exportprodukt sind. Man nehme zum Beispiel 'Sharpe'...hach, dieser Mann..."

"Ha! Würdest du ihn kennen, wärst du nicht mehr so begeistert", murmelte Methos, der nicht verstehen konnte, was Leute an diesen Geschichtsepen oder den Napoleonischen Kriegen insbesondere so faszinierend fanden. Blut und Tod und Elend ließen sich schwer romantisieren, egal ob der Autor seine Abenteuerwälzer nun über die Army oder - noch schlimmer, seiner Ansicht nach - die Navy schrieb. Bei Schiffen hörte seine Toleranz auf, für ihn war die Luftfahrt ein grandioser Fortschritt. Was das gesuchte Lebensmittel betraf gab er jetzt auf und fragte, "Hat jemand die Erdnußbutter gesehen?"

Die Frage sollte erst einmal unbeantwortet bleiben. Mit einer großen Tasse Kaffee in der Pranke kam nämlich jetzt Beast herein und quetschte neben einem Gähnen auch ein "Morgen" heraus. Er war alles andere als ausgeschlafen, denn er, Kitty, Storm und Dawson waren erst vor anderthalb Stunden zurückgekommen, zeitgleich mit dem Zeitungsjungen. Danach hatte er den noch anhaltenden Adrenalinpegel dazu genutzt, etwas Papierkram zu erledigen und sein Labor aufzuräumen, das nach Rogues Besuch immer noch einer Baustelle ähnelte. Und so sehr er Cecilia Reyes mochte: wenn sie einen Nachmittag freie Hand hatte, fand er anschließend nichts wieder, nicht einmal die Mullbinden. "Wo wir gerade über Serien reden", merkte er plötzlich an, und alle waren überrascht, daß er überhaupt mitbekommen hatte, was das Gesprächsthema war, "wo steckt eigentlich Nightcrawler?"

"Wieso?" wollte Jubilee wissen. Sie hatte Nightcrawler seit dem Ende ihrer gestrigen Fernsehsession nicht mehr gesehen und ihr war immer noch schlecht von Popcorn und Junkfood, etwas, das sie nie für möglich gehalten hätte. "Vielleicht ist er noch im Bett. Immerhin war er gestern Abend noch in der Kirche..."

"Ich wollte ihn fragen, ob er daran gedacht hat, 'ER' für mich aufzunehmen."

Das Schweigen, das sich urplötzlich im Raum ausbreitete, sagte ihm deutlicher als tausend Worte, daß ein gewisser angehender Priester ihm demnächst etwas beichten würde.

Jubilee lehnte sich neben Methos an den Kühlschrank "Wollt ihr wirklich schon abreisen?" Sie klang ziemlich geknickt.

Der Unsterbliche seufzte. Verknallte Teenager - eine Kategorie, die bei ihm alles zwischen zwölf Jahren und vierhundertsieben einschloß - waren ihm auch nach fünf Jahrtausenden ein Mysterium, doch hatte er gelernt, wie man sie vorsichtig auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte, ohne ihre Gefühle zu verletzen. _Alles Übung...es lebe die Universität!_ "Ja, das müssen wir. Auch wir haben reguläre Jobs, die wir ausüben müssen, um unsere Tarnung aufrecht zu erhalten. Außerdem", fügte er hinzu, passenderweise gleichzeitig mit einem lauten Hallo draußen in der Eingangshalle, "wird es hier jetzt wirklich *extrem* voll. Eure ganzen Urlauber kommen zurück...und wir müssen noch unser Feriendomizil aufräumen...und packen...und für Warren die Unterlagen vom Mietwagen raussuchen, damit er das unter der Hand, ahm, Flügel klären kann." _Wie versprochen. Und wehe, er hält sein Versprechen nicht!_

Dementsprechend begab er sich, mitsamt seiner Kaffeetasse, nach oben. Jede Stufe erschien ihm zu hoch. Schließlich hatte er es aber geschafft und schlurfte den Gang hinunter zu Kittys Zimmer. Auf halbem Weg blieb er vor einer geschlossenen Tür stehen, klopfte zweimal. "Mac. Aufbruch. Sag' deinem neuen Freund 'Au revoir' und laß uns fahren. Wir haben noch eine Menge zu erledigen vor unserem Flug heute Abend."

Keine Antwort.

"Highlander, ob mit oder ohne dich, wir fahren in fünfzehn Minuten. Komm' schon, duschen kannst du, während wir anderen die Bude durchfegen und meine Kronkorkensammlung entsorgen. Allerdings..." Überlegungspause. Wenn MacLeod schon wieder genug Kraft für ein Training mit Sensei Wolverine hatte, warum nicht für die Bedienung eines Staubsaugers? Also schlug er den Methos-Nörgelton an und meinte spitz, "Mit deiner Hilfe wären wir bedeutend schneller fertig. Amanda haßt ja bekanntlich Putzen...es greift ihre Nägel an... Du bist nicht so zimperlich, oder etwa doch?" Damit schwieg er und lauschte auf Antwort.

Hinter der Tür verbeugte sich soeben MacLeod vor seinem Trainingspartner, ganz wie es das Ritual verlangte, und schob das Katana in seine Scheide. "Domo harigato, Logan-san." Eine sehr entspannende Übungsstunde mit einem gleichwertigen Partner wirkte bei ihm besser als starker Kaffee. Erst dann gestattete er sich den (innerlich) wutschnaubenden Gedanken, _METHOS!_

"Es war mir eine Freude." Wolverine ließ seine eigene Waffe in die Holzscheide gleiten, die auf den Dielen neben ihrer Kleidung lag. "Wenn Sie mal wieder in der Gegend sind..."

"Und sollten Sie sich mal wieder nach Paris verirren, können Sie jederzeit bei mir übernachten. Die Hotels sind furchtbar teuer geworden."

_Wenn alle, im Laufe der letzten paar Tage eingeladenen Personen gleichzeitig nach Paris kommen, besuche ich Robert in Australien!_ schwor sich Methos. Immerhin hatte er auf dem fünften Kontinent weitgehend positive Erfahrungen gemacht. Sein "Ich gehe jetzt" betonte er mit einem letzten Faustschlag gegen das Holz. Zurück im Zimmer mit dem Stolperfallen-Flokati griff er dann seine Tasche und begann, die paar Sachen, die ihm gehörten, hineinzustopfen. Das meiste konnte er eh wegschmeißen. Blut, Dreck, Kugeln, Feuer und nicht zuletzt Wolverines Klauen hatten seine Urlaubsgarderobe reif für die Mülltonne gemacht. _Und was meinen Lieblingsschlabberpulli betrifft..._ Er würde Gambit bitten, bei jeder zukünftigen Begegnung mit Sinister diesem in seinem Namen eine Karte reinzuwürgen.

"Permession d'entrer."

Wenn man an den Teufel dachte... "Willst du mir etwa beim Packen helfen?"

Lässig im Türrahmen lehnend schüttelte der Cajun den Kopf. "Non, Adam. Oder darf ich Methos sagen?"

"Wo hast du denn den Namen aufgeschnappt?"

"Von chère Amanda. Sie benutzt ihn häufig, wenn ihr euch unterhaltet. Ich nehme an, das ist dein richtiger Name." Unaufgefordert kam er hereingeschlendert, ein Posterboy für Designerkleidung. Wenn zerschlissene Blue Jeans und ein verblichenes graues Sweatshirt in die Kategorie fallen würden.

"Glaub' schon. Ganz sicher bin ich mir da selbst nicht." Das Lächeln, mit dem er Gambit bedachte, war ausnahmsweise einmal nicht erzwungen.

"Noch eine letzte Mahlzeit, bevor ihr fahrt? Sind nur noch drei Stunden bis zum Mittagessen."

Das Angebot klang verlockend, auch wenn er gerade ein ausgiebiges Frühstück vertilgt hatte. "Wer kocht? Noch immer Storm?" Sie kam zwar nicht ganz an das begnadete Talent eines Duncan MacLeod heran, aber was sie kochte, war genießbarer als das, was sich Methos für gewöhnlich in seiner Singleküchenecke zusammenbraute.

"Non, malhereusement pas. C'est lui, le chef. Monsieur L'Homme du Glace, mon ami", verkündete Gambit und kam einige Schritte näher. "Garantierte Verarbeitung aller vier Grundnahrungsgruppen: Tiefgefroren, Instant, vorgekocht und verpackt sowie alle verfügbaren Bringdienste. Ist mitunter ein Grund, weshalb ich morgen früh wieder verschwinde. In meiner Familie ist Kochen eine Kunst und jede Mahlzeit eine spirituelle Erfahrung."

"War da nicht noch was mit einem Essen, das du Bobby schuldest?" wollte Methos wissen, stellte seine Tasche auf den Boden und fiel der Länge nach aufs Bett. Noch fünf Minuten die Augen zumachen.... Alarmiert setzte er sich wieder auf, als Gambit das neben dem Kopfkissen liegende Schwert aufnahm. "Hey! Vorsicht damit..."

Aber schon hatte Gambit die Klinge aus der Scheide gezogen und ein paar Probeschwünge gemacht. "Angst, ich könnte was kaputtmachen? Tais-toi, Remy est un connaisseur des armes, mon vieux. Laß dich von mir nicht stören."

Wie es die anderen Mutanten auch nur einen Tag mit diesem Kerl unter einem Dach aushielten, war Methos schleierhaft. Aber seltsamerweise mochte er ihn. Zumindest mehr als noch vor einigen Tagen. "Das glaube ich gerne", antwortete er. "Bloß wäre Kitty nicht begeistert, wenn du ihr Zimmer zerlegst." Dann verlegte er sich aufs Schweigen, zu müde zum Reden, und Gambit tat gnädigerweise das gleiche, hantierte still und leise mit dem Ivanhoe herum. Er hatte nicht gelogen, die Art, wie er das Schwert führte, belegte seine umfassende Erfahrung. Die gleichmäßigen, kraftvollen Bewegungen, vor und zurück, Ausfall, Parade, Stich, waren hypnotisch und beinahe geräuschlos. Irgendwann fielen Methos die Augen zu - nur für einen Moment lang wunderte er sich, warum er Gambit trotzdem noch sah - und er war eingeschlafen.

 

*************
 

Es wurde doch etwas später, genau gesagt nach dem Mittagessen und, in Methos' Fall, einem erholsamen Nickerchen.

Die Sonne strahlte vom Himmel und draußen in der Einfahrt hatten sich alle Mutanten versammelt, um ihre neuen Freunde zu verabschieden. Während des Vormittags hatten sie schon fleißig Adressen, Telefonnummern und E-Mail-Adressen ausgetauscht, aber Worte des Abschieds hatten alle bislang vermieden. Der Aufschub machte die Sache nicht leichter, jetzt war es soweit.

Methos verabschiedete sich mit einem Handschlag und dem Versprechen, ihn wegen der T.S.Eliot-Erstausgabe anzurufen, von Beast und kam zu Amanda herübergeschlendert, die mit MacLeod bei Remy und Rogue stand. "Allgemeine Aufbruchsstimmung", kommentierte er, niemanden speziell ansprechend. "Und wohin geht's für dich als nächstes, Amanda, wenn ich fragen darf?" Er war nicht überrascht, als sie näher an Rogue herantrat und ihr eine Hand auf die Schulter legte. "Ah, ein Mädchenurlaub also?"

Die andere Unsterbliche warf ihm einen Blick über den Rand ihrer Sonnenbrille zu. "Wir haben vereinbart, uns in Paris zu treffen, so irgendwann im März. Und danach werden wir weiterziehen nach New Orleans. Remy hat uns eingeladen. Aber bevor all das passieren kann, mußt du natürlich sterben und mir ein neues Auto kaufen."

"Schon gut, schon gut." Methos suchte Schutz hinter MacLeod. "Hör' auf zu winken und leg' den Brückenpfeiler wieder hin! Gott, was kannst du zickig sein. Außerdem...was willst du *bis* März machen?"

Ihr Blick ließ von den Männern ab und blieb an einer weiteren Person hängen, die nun zögerlich aus dem Haus trat, wo sie im Schatten einer Säule stehenblieb, das schmale Gesicht noch immer so weiß wie der polierte Marmor. "Nick", flüsterte sie tonlos, und Methos hatte seine Antwort. Damit würde Amanda bis März definitiv ausgelastet sein. Wenn er es genau betrachtete, war es eigentlich schade, daß sie Robert wieder in Bolivien abgesetzt hatten; er hätte ihn gerne mit Amanda bekanntgemacht. Was hätten die zwei sich erzählen können! Besser er sagte ihr nicht, daß sich unter den Geretteten eines ihrer langjährigen Vorbilder befunden hatte, sie käme sonst auf die Idee, sich über Methos ein Autogramm zu besorgen.

Nick Wolfe sah noch immer furchtbar müde aus, brachte aber ein Lächeln zustande, das einem das Herz wärmte. Es war schon lange her, daß Amanda ihn so hatte lächeln sehen. "Amanda. Hi." Anstatt sich an einen Ort seiner Wahl bringen zu lassen - meinetwegen auch außerhalb des Sonnensystems - hatte er beschlossen, mit den anderen gemeinsam zurück nach Paris zu fliegen. Es sei Zeit, sich der Realität zu stellen...oder so ähnlich hatten seine Worte gelautet.

MacLeod und Methos sahen einander an und entfernten sich kommentarlos. Die Mutanten schlossen sich ihnen an. Wenn sie sich nicht irrten, war dies die Ouvertüre einer lang überfälligen Aussprache.

 

Wie sie vor Nick stand, fühlte sich Amanda wie ein dummes kleines Schulmädchen...was an sich schon lächerlich war, denn sie war niemals ein Schulmädchen gewesen. Und bevor sie wußte, was sie tat, umarmte sie ihn mit aller Kraft. "Oh, Nick", seufzte sie in seine Schulter, war sich kaum gewahr, daß er die Umarmung erwiderte. "Nick, ich hatte solche Angst..."

Nick streichelte ihren Rücken, die Augen geschlossen. "Erzähl' mir nichts von Angst...vielleicht sollte ich dankbar sein, daß ich bis an die Kiemen zugedopt war und in Sinisters Testserie ganz hinten anstand. Scheint so als hätte er es langsam angehen lasse und viel Zeit auf das Subjekt MacLeod verwendet. Mein Glück."

"Unser Glück", berichtigte Amanda.

"Hätte nicht gedacht, daß du noch mal diesen Plural benutzt. Klingt aber nett." Und Amanda benutzte immer noch das gleiche Parfüm wie damals. Schön zu wissen, daß manche Dinge gleich blieben, egal wie sehr sich sonst alles veränderte. Er drückte ihr einen Kuß aufs Haar und trat einen Schritt zurück, sah sie an.

Sie begegnete seinem Blick mit einer Zärtlichkeit, die "Du hast also nichts dagegen?"

"Ich habe in diesen letzten paar Tagen mehr nachgedacht als im ganzen Jahr davor. Als du mich erschossen hast", er sah den Schmerzschatten über ihr Gesicht huschen und beeilte sich, fortzufahren, "war ich noch nicht wirklich unsterblich. Ich war tot. Sogar toter als einfach nur tot. Es war erst dieser Irre, dieser Sinister, der mich ins Leben zurückgeholt hat. In ein Leben, das ich nun endlich akzeptieren kann...weil er mich etwas hat durchleben lassen, das noch schlimmer ist. Schlimmer als Unsterblichkeit, ja. Dachte nicht, daß es so etwas geben könnte. Ein absolutes Nichts", erklärte er in einem unnatürlich kühlen, nüchternen Ton. "Ich konnte für den Großteil der Zeit meinen Körper nicht spüren, und wenn ich es tat, war da nur Schmerz. Also war ich mehr oder minder froh, nichts zu fühlen. Hat mich aber nicht davon abgehalten, nachzudenken, und deine Gedanken bewegen sich auf ziemlich bizarren Wegen, wenn du zwischen hier und dem Jenseits schwebst. Du befindest dich da im Dunkeln und wunderst dich ständig, ob du tot bist oder lebst. Oder wie weit du von dem einen oder anderen Ende entfernt bist, während sie dich ein ums andere Mal umbringen. Verglichen damit ist Unsterblichkeit gar nicht mal so schlecht."

"Ist das dein Ernst?"

"Mein voller. Zumindest", er beugte sich vor und flüsterte nahe ihrem Ohr, "sieht man als Unsterblicher noch menschlich aus. Stell' dir vor, es würden einem Flügel wachsen. Oder Fell."

"Man käme in kein Casino mehr rein und wäre das Klatschthema der High-Society. Keine Einladungen zu Cocktailparties mehr... Gott, ich könnte den gesamten Inhalt meines Kleiderschranks entsorgen!"

"*Das* wäre dramatisch", pflichtete er ihr bei und zog sie wieder näher an sich heran. "Um die Frage zu beantworten, die du mit Sicherheit stellen willst, aber nicht weißt, wie... Ja, ich hätte dich immer noch sehr gerne in meinem Leben, Amanda. Daß heißt, wenn *du* es noch willst."

Das waren die Worte, die sie sich erhofft hatte, und sie nickte erleichtert. "Und ob ich das will. Ich will bei dir sein...mit dir um die Welt reisen. Dir alles zeigen, was zu sehen gibt. Dinge, die du vielleicht schon gesehen hast, aber nicht so, wie du sie hättest sehen können, weil dir zu viele Probleme die Sicht versperrten. Probleme, für die ich verantwortlich bin." Sie sah ihm tief in die Augen und wünschte sich nichts sehnlicher als daß er erkennen konnte, daß sie in diesem Moment so ehrlich zu ihm war wie nie zuvor. "Es tut mir alles so leid...ich weiß, daß du meine Entschuldigung nicht annimmst...aber ich bitte dich, das Gefühl dahinter zu akzeptieren."

"Das tue ich, Amanda. Ich habe in den vergangenen Stunden eine Menge gelernt. Mehr als in all der Zeit, die ich mit meiner Globetrotterei verbracht habe."

"Und das wäre? Außer daß wir Unsterbliche Glück haben, kein blaues Fell oder Flügel zu haben?"

"Daß ich noch nicht sterben will. Es gibt noch zu viele Dinge, die ich noch nicht gesehen oder ausprobiert habe...du gehörst dazu, Amanda. Was hältst du von Urlaub?" Es stand außer Diskussion, daß die letzten Tage jegliche positiven Auswirkungen der vorhergegangenen dreieinhalb Wochen komplett zunichte gemacht hatten. Joe, MacLeod und Methos brauchten jetzt garantiert Urlaub, um sich vom Urlaub zu erholen, und Nick brauchte etwas Zeit allein mit Amanda.

"Klingt verführerisch. Irgendwo, wo es warm ist, wenn möglich? Nur bitte nicht Mexico oder Rio, da kann ich mich für die nächsten fünf Jahre nicht blicken lassen."

Nick überlegte kurz. "Es gibt da einen Kerl in Saudi-Arabien, der Myers und mir noch einen Gefallen schuldet...na ja, eher mir als Myers...hm, sagen wir mal 60:40. Auf jeden Fall denke ich, daß er uns eine Suite im Burj Al Arab in Dubai beschaffen kann." Das strahlende Lächeln war ihm Antwort genug. Manchmal war ein Neuanfang einfacher als man dachte. "Also auf nach Dubai."

Eine Viertelstunde später schloß Methos schwungvoll den Kofferraum des schnittigen Sportwagens, den Jean ihnen freundlicherweise zur Verfügung stellte. Da sie für die Fahrt zum Flughafen ein Taxi bestellt hatten, würden sie die Schlüssel im Ferienhaus auf den Tisch legen, dann würde Kitty sie problemlos finden, wenn sie morgen das Auto holen kam.

Joe an seiner Seite lauschte aufmerksam Storms Erzählungen über einen Gangsterboß in Kairo, den die Mutantin - jetzt wo sie über Unsterbliche genauer Bescheid wußte - im Verdacht hatte, ein ebensolcher zu sein. Und da Joe mit dem Namen nichts anfangen konnte, war er natürlich hochinteressiert. Sobald er in Paris war, würde er sich mit ihr in Verbindung setzen und der Sache nachgehen.

Bevor sie jedoch mit ihren Ausführungen zu Ende kommen konnte, ertönte ein schrilles Pfeifen, zuerst noch schwach aber beständig lauter werdend, und ließ sie sich unterbrechen und zum Himmel hochschauen. Die anderen Mutanten taten es ihr gleich.

Joe sah Methos irritiert an. "Was zur Hölle ist das für ein elender Krach? Klingt fast wie ein-"

"Ein Schrei", grinste Bobby. "Superpünktlich. In fünfzehn Minuten von JFK hier hoch...hey, das sollte für ihn ein neuer persönlicher Rekord sein. Schauen Sie genau hin, er sollte jeden Moment in Sichtweite kommen."

"Wer?" fragte Methos und krümmte sich innerlich zusammen. Seine Trommelfelle standen kurz vor dem Bersten, die hohe Frequenz vibrierte förmlich durch jede Körperzelle. So ähnlich mußte sich ein Hund fühlen, wenn Herrchen mit der Pfeife nach ihm pfiff... Und Joe, als Musiker, fand den Ton schier unerträglich. "Was ist *das*?" In der Ferne zeigte sich am Himmel über dem Wald ein Objekt, das rasant näherkam, und mit schrumpfender Entfernung steigerte sich die Lautstärke des furchtbaren Geräusches. Fast bis zu einsetzender Bewußtlosigkeit.

Bobby Drake klopfte Methos beruhigend auf die Schulter. "Es ist gleich vorbei."

Methos hörte ihn jedoch nicht. Das Flugobjekt war nun direkt über ihnen, zog vorbei, und kam in einem scharfen Bogen zurück. Dann bewegte sich in einer engen Spirale abwärts, verlor rasch an Höhe. Es war hier, daß Methos und Joe das Objekt als einen Menschen erkannten. Fast taub blickten sie sich an, formten beide das stumme Wort, "Was...?"

In dem Moment, wo die Füße des Mannes den Boden berührten, hörte der schrille Schrei auf. Mit seiner auf den Rücken geschnallten Reisetasche kam er zu ihnen herüber und hustete diskret ein paar Mal, bevor er fluchte, "Diese elende Erkältung! Um ein Haar wäre ich mitten überm Central Park abgestürzt! Sind das die Besucher, von denen ihr mir erzählt habt?" Der Akzent war irisch, die dichten rotblonden Haare und grünen Augen zusätzliche Beweise und ebenso die Jacke mit der Aufschrift NYPD.

"Sean Cassidy?" wollte Methos wissen, und seine Stimme kam ihm durch das noch immer anhaltende Summen in den Ohren seltsam verzerrt vor. Besser spät als nie...

"Wie er leibt und lebt", bestätigte der Ire, "wenngleich auch der Leib nicht ganz so auf der Höhe ist. Hauptsache, das mit dem 'leben' stimmt. - Ich nehme an, daß alles glatt gelaufen ist, aye? Tut mir leid, daß ich den ganzen Spaß verpaßt habe... Aber mit dieser Erkältung hatte sich meine Stimme zeitweilig verabschiedet. Die letzten paar Tage konnte ich kaum reden, also wär' ich Ihnen eine schlechte Hilfe gewesen." Er räusperte sich zur Betonung. "Als ich die Schlange am Zoll hinter mir hatte, wollte ich aber so schnell wie möglich herkommen und Sie vor Ihrer Abreise zumindest einmal persönlich treffen." Das sympathische Lächeln wurde nun zu einem breiten Grinsen. "Außerdem habe ich da etwas, das Sie bitte meinem alten Kumpel Myers geben sollen." Er überreichte Methos ein Päckchen, eingeschlagen in einfaches blaues Geschenkpapier. "Ein Souvenir aus alten Zeiten. Keine Angst, es ist nichts, womit Sie am Zoll Schwierigkeiten haben sollten."

Egal. Methos war sich sicher, daß Bert Myers keinen Gefallen an diesem Souvenir haben würde, was immer es auch sein mochte.

Und Joe war sich ebenso sicher, daß er *diesen* Mann niemals für einen Auftritt in seiner Bar buchen würde!

"Die Operation verlief völlig glatt", berichtete Bobby und gab die Kurzfassung der Story. "Wir sind rein und raus und niemand kam zu Schaden. Naja, Adam ist einmal gestorben, aber gleich wieder aufgestanden. Sinisters Unsterblichenforschung hat einen enormen Rückschlag erlitten - ich bezweifele, daß er in naher Zukunft noch mal welche entführen wird - und er wird sich eine ganz frische Serie Marauders basteln müssen. Wir haben sie alle kaltgemacht und das Labor in die Luft gejagt. Fürs erste macht kein Dr. Frankenstein den arglosen Kiwis das Leben mehr schwer", endete er stolz. "Du hättest Sinnies Gesicht sehen sollen."

"Was, keine Fotos gemacht?" Banshee zuckte mit den Achseln, löste die Schnappverschlüsse seiner Reisetasche und hängte sie sich locker über die Schulter. Dann überflog er die Ansammlung von Leuten in der Auffahrt und fragte, "Und wer von Ihnen ist nun Duncan MacLeod?"

Der Highlander zeigte auf. "Das bin ich."

Dem kritischen Blick des Iren folgte ein wohlwollendes Nicken. "Also kann ich Moira berichten, daß ihr schottischer Landsmann am Leben ist und, nach dem zu urteilen, was ich sehen kann, die Rettung mehr als wert war."

"Herzlichen Dank, Mr. Cassidy."

"Ach, nennen Sie mich Sean - wir Kelten müssen zusammenhalten...jedenfalls predigt Moira das ständig. Sie ist eine MacTaggert, und eine stolze noch dazu." Er klopfte Duncan so heftig auf den Rücken, daß der Highlander hustete. "Sehe ich das richtig, Sie wollen schon abreisen?"

Da MacLeod noch nach Atem rang, antwortete Methos für ihn. "Leider ja. Unser Flug geht um zwanzig vor Neun ab JFK, und wir müssen unser Feriendomizil noch in einen Zustand versetzen, bei dem die Vermieter nicht gleich ihren Anwalt anrufen. Tut mir leid, ehrlich", heuchelte er Bedauern. Er konnte es kaum abwarten, wieder in seinen eigenen vier Wänden zu sein. Aber andererseits verdienten die Trostlosigkeit und der Schneematsch eines vorwinterlichen Paris mit dem vom Schneematsch zwangsläufig verursachten Verkehrschaos keine besondere Vorfreude. Viel lieber hätte er richtigen Schnee, ganz, ganz viel Schnee. Ein Skiausflug durch eine endlose Winterlandschaft und eisige, klare Luft zum Atmen. Inspirierende Vorstellung.

Er hielt die Tür auf und fühlte sich wie der Leiter einer Reisegruppe. Oder ein Lehrer beim Schulausflug. "Na los, Highlander, einsteigen! Wir werden alle nicht jünger. Joseph, komm' jetzt! Nick, 'Manda...beschwert euch nicht, wenn wir uns nachher abhetzen müssen!"

Allerdings verstrichen weitere fünfzehn Minuten, und es war letztendlich Jean zu verdanken, daß die Verabschiedungen ein Ende fanden. Winkenderweise verließen die Unsterblichen und ihr Beobachter, der so müde war, daß er nichts mehr beobachten wollte außer der Innenseite seiner Augenlider, das Grundstück.

Das hieß: Joe, Nick und MacLeod winkten. Amanda saß am Steuer und Methos...Methos scrollte versonnen durch das extensive Nummernverzeichnis seines Handys. Bei jedem Eintrag überlegte er kurz und sah aus dem Fenster, doch statt der rotgoldenen Bäume hatte er ein ganz anderes Panorama vor Augen.

Jetzt wo die Winterlandschaft einmal erdacht war, wurde sie zum Zentrum seines Denkens. Er brauchte etwas Auszeit, entschied er, ganz für sich alleine. Amanda und Nick machten Urlaub, MacLeod würde nach dieser traumatischen Erfahrung sicherlich wieder mal renovieren, da war er besser außer Landes. Und Joe würde mit dem Beobachter-Papierkram und diversen Meetings bestimmt noch zwei Wochen beschäftigt sein.

Also, was sollte er machen?

Sobald er seine neue Identität etabliert hatte, würde er für ein paar Wochen verschwinden. Kein Langzeiturlaub wie Australien, aber ein Tapetenwechsel. Nach dem Sichten von zwei Dutzend in Frage kommender Personen machte er bei 'F' eine Pause. _Perfekte Idee._ Es ging doch nichts über alte Bekannte, die es einem nicht gleich übelnahmen, wenn man sich einige Jahre nicht meldete. Die Nummer war schnell gewählt. Zurück in Paris würde er Amandas Auto verschrotten und sich selbst gleich mit dazu, und mit dem neuen Paß würde er dann nach... Beim fünften Klingelton nahm jemand ab.

"Hi, Benton. Adam Pierson hier. Uh, nein, spät ist es hier nicht, denn ich bin derzeit nicht in Paris. Im Staat New York, um genau zu sein. Westchester. Woher ich deine Nummer habe? Tut das wirklich was zur Sache? Nein, finde ich auch. Ja, ich weiß, es ist eine Ewigkeit her und es tut mir leid, daß ich dich nie in Chicago besucht habe. Aber jetzt hast du ja dieses kuschelige Versteck im Norden...du und *wer*? Wow, das sind wirklich Neuigkeiten! Glückwunsch für euch beide. Italiener, wirklich? Na, da kann ich kaum abwarten, ihn kennenzulernen. Wieviel Zentimeter Schnee, sagtest du?" Er war beeindruckt. So eine Ziffer wäre in Paris nicht möglich. "Gut, ich hol' meine Skier aus dem Keller. Grüß Diefenbaker von mir. Ich bringe ihm selbstverständlich was mit. Bye."

 
Ende

 
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