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Die Nacht war sternenklar und wunderschön, weißer Frost bedeckte das Grün des Gartens und der eigene Atem stieg sichtbar zum Himmel. Es war ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit, wie Narcissa feststellte, als sie durch das Eingangsportal des Anwesens trat. Das Innere des Hauses, stand dem groß angelegten Garten außerhalb in Nichts nach. Sowieso stellten die meisten Reinblütler ihre Überlegenheit anstandslos zur Schau und die Familie Malfoy war, in dieser Hinsicht, gewiss keine Ausnahme. Seit mehr Generationen als sie selbst zählen konnte, war die Familie Malfoy fester Bestandteil der Zauberwelt gewesen. Die Malfoys waren in jeder Hinsicht reiner als jede andere Familie und vollkommen unantastbar. Nicht zuletzt auch wegen des finanziellen Rückhaltes, der sich durch Heirat, Politik und mehr oder weniger legale Geschäften angesammelt hatte. Letztendlich hatte auch die Festnahme und Verbannung des letzen Herrschers der Malfoy Dynastie, Lucius Noctarius Malfoy, dem guten Ruf der Familie nichts anhaben können, worüber dessen Frau, Narcissa, mehr als dankbar war. Narcissa entledigte sich gerade im Foyer ihrer Robe, als sie durch das hypnotische Knistern des Wohnzimmerkamins angezogen wurde. Im Stillen dankte sie den Hauselfen für ihre Voraussicht ein Feuer zu entfachen, an dem sie sich, und ihre klammen Kleider, ein wenig aufwärmen konnte. Der schwere Stoff ihres dunkelroten Taftkleides raschelte über den dunkeln Parkett, als sie auf das Feuer zuging und den schweren Ledersessel bemerkte, der, mit dem Rücken zu ihr, den Blick auf das lodernde Feuer versperrte. Plötzlich spürte sie ein seltsames Gefühl in ihrer Magengegend, wie eine undefinierbare Vorahnung. Dies war ein ihr nicht unbekannter Instinkt und Narcissa hatte in der Vergangenheit gelernt ihn nicht zu ignorieren. War es möglich? Dies war Lucius' Lieblingssessel gewesen als er...Nein! Nein, sie schüttelte den Kopf. Niemand war jemals lebend aus Azkaban geflohen. Die Dementoren brachten einen um und wenn sie es nicht taten, war Wahnsinn das unumgängliche Resultat. Sie bezweifelte, dass ihr Ehemann genügend begünstigende Charaktereigenschaften in sich vereint hatte, um so lange in der Gegenwart der Dementoren überleben zu können. Dieser Teil ihres Lebens lag nun hinter ihr. Narcissa schloss die Augen. "Lucius ist tot." "Man sollte nicht allen Gerüchten glauben schenken." Eine große, dunkel gekleidete Figur erhob sich geschmeidig-elegant und ausgesprochen langsam aus dem Sessel; dann drehte sie sich zu Narcissa um. "Lucius!" Ihr Entsetzen schien ihr ins Gesicht geschrieben zu sein, was Lucius mit einem arroganten Lächeln zur Kenntnis nahm. Seine stahlgrauen Augen fixierten sie und er griff nach ihrer Hand. "Freust du dich denn gar nicht mich zu sehen, Liebling?" Narcissa starrte ihn immer noch wie gebannt an und war schlichtweg unfähig ihm zu antworten, geschweige denn zu reagieren, als er ihre Hand zum Mund führte und sie sanft küsste. "Ah...wie ich sehe hattest du dich schon mit deinem Schicksal als Witwe abgefunden." Er schüttelte abwertend den Kopf und Narcissa wurde bewusst, dass er auf das Nichtvorhandensein ihres Eheringes anspielte. "Ein Malfoy ist nicht so leicht zu töten, Narcissa. Das sollte dir doch am besten bewusst sein. Es beschämt mich zu erkennen, dass ich so schnell vergessen wurde. Habe ich doch mein bestes getan um allen in bleibender Erinnerung zu bleiben." Erneut umspielte dieses herablassende Lächeln seine Mundwinkel und spätestens jetzt waren auch die letzten Zweifel Narcissas, über mögliche Vielsafttränke und Tarnzaubersprüche, zerstreut worden. "Ich dachte du seiest tot. Wie...? Niemand ist jemals lebend aus Azkaban entflohen." Lucius Gesicht verzog sich, als er versuchte das Unumgängliche zu verdrängen. Dann zog er einen zweiten Sessel ans Feuer und deutete seiner Frau sich zu setzten. Wortlos befolgte sie seine Anweisungen und beäugte ihn immer noch fasziniert, als er ihr den Feuerwhiskey in die Hand drückte. "Hier, den wirst du brauchen." Dann setzte er sich ebenfalls und starrte einen Moment lang gedankenverloren in sein Glas. "Lucius?" "Ja...ich. Gib mir noch einen Moment Zeit, ja?" Mit einem Schluck leerte er das gesamte Glas, verzog kurz das Gesicht, und begann seine Geschichte: "Es gibt da etwas, was ich dir niemals erzählt habe, Narcissa, und ich hoffe du wirst mich verstehen, wenn du erfährst worum es geht. Wie auch immer. Weißt du, Narcissa, ich denke, jede Familie hat ein schwarzes Schaf, wenn du verstehst was ich meine. Na ja, unseres war halt nur ein wenig schwärzer. Die Wahrheit ist, dass ich nicht der erstgeborene Sohn der Familie Malfoy bin. Ich hatte bzw. habe einen älteren Bruder, sein Name ist Julius Ikarus Malfoy. Er ist zwei Jahre älter als ich und lebt seit seinem zehnten Lebensjahr in Deutschland." Lucius machte eine lange Pause und drehte das leere Glas immer und immer wieder in seiner Hand. "Als meine Eltern herausfanden, dass Julius ein Squib war, haben sie ihn enterbt und verbannt. Ich durfte niemandem davon erzählen. Jahrelanger Inzest hinterlässt seine Spuren, Narcissa, keiner kann das leugnen. Auf kurz oder lang ist es das Todesurteil der Zauberwelt. Heirate einen Muggel und gehe das Risiko ein einen Squib zur Welt zur bringen, heirate ein Schlammblut und bekomme normal talentierte Kinder oder einen Squib, heirate einen Reinblütler und bekomme starke Nachkommen, tue dieses über Generationen und bekomme einen Squib." Lucius lachte humorlos auf, schüttelte einmal kurz den Kopf und goss sich ein weiteres Glas Whiskey ein. "Meine Familie hatte den Bogen überspannt, was die Auswahl an Ehepartnern anging. Keine Zaubererfamilie war mehr "gut genug" um in ihren edeln Kreis einheiraten zu dürfen. Das Ergebnis war Julius. Wenn auch nur eine der großen Zaubererfamilien von der Sache in Kenntnis gesetzt worden wäre, hätten sie uns gemieden wie die Hauselfen, von einer Verwählung mit dem Hause Malfoy ganz zu schweigen. Es hätte das Ende meiner Familie bedeutet. Also wurde mein Bruder für tot erklärt. Ein Badeunfall während unseres jährlichen Sommerurlaubes in Frankreich. Er wurde in ein Internat gesteckt und ich wurde rechtmäßiger Erbe des Malfoy Vermögens. Wie auch immer, nun ist mein geliebter Bruder zurück. Ob man es glaubt oder nicht, er hat tatsächlich Karriere gemacht! Er arbeitet für das Zaubereiministerium in Deutschland und zwar als Kommunikationspartner zwischen unseren beiden Welten!" Lucius verdrehte die Augen. Nichts würde einem Malfoy wohl jemals einem Muggel näher bringen können. Für ihn waren sie nichts weiter als kleine, wehrlose Insekten. Zwei Worte von ihm konnten sie töten, ohne dass sie sich zu wehren vermochten. Doch in letzter Zeit schien das Zauberministerium den Muggeln mehr Rechte einzuräumen, als dass sie den Bedürfnissen der Zauberer Beachtung schenkten. "Wie ein wahrer Malfoy unterbreitete mir Julius in Azkaban ein Angebot, das ich nicht abschlagen könne: Meine Freiheit, gegen die Anerkennung seiner Existenz und seines Familiennamens." Narcissa schreckte auf und sah ihn entsetzt an. "Sei nicht verrückt, Weib! Ich würde lieber sterben als meinem Fleisch und Blut sein Geburtsrecht abzusprechen. Draco ist und bleibt rechtmäßiger Erbe des Malfoy Vermögens." "Der Name? Er wollte nur seinen Namen zurück?" Narcissa konnte sich nicht vorstellen, dass irgendein Malfoy, zu irgendeiner Zeit, sich mit solch großzügigen Konditionen zufrieden gegeben hätte, wenn er sich in einer so viel versprechenden Verhandelungsposition befunden hätte. "Dieses Zugeständnis, Narcissa, hat dich heute zur Schwägerin eines Squibs UND eines Homosexuellen gemacht. Ich denke das "nur" nicht die Beschreibung ist, die ich dafür verwenden würde!" Narcissa sprang von ihrem Stuhl. "Dein Bruder ist schwul!" Er hatte es gewusst! Oh Merlin... "Allerdings. Nur war die Alternative Azkaban und ich wage zu sagen, dass der Preis mir zu jenem Zeitpunkt als durchaus akzeptabel erschien." Narcissa fing an unruhig im Wohnzimmer hin und herzugehen. "Ein schwuler Squib! Das wird Ärger geben. Großen Ärger." Lucius war dankbar das seine Eltern diese Schande nicht mehr miterleben mussten. "Narcissa, Liebes, ich will dich wirklich nicht bedrängen, doch solltest du Draco die Neuigkeiten so schnell wie irgend möglich beibringen, da er mit dem Problem schon sehr bald in Berührung gelangen könnte." "Lucius?" fragte Narcissa leicht besorgt. "Ja, Liebes?" "Was meinst du mit in Berührung?"
* * * * *
Hermione Granger saß allein im Abteil des Hogwarts Expresses, das nur für "Schulsprecher und Schulsprecherin" gedacht war, und las den Tagespropheten um sich die Zeit zu vertreiben, während sie darauf wartete, dass der Zug losfuhr und sie sich zu ihren Freunden setzen konnte. Hermione fühlte sich ein wenig einsam, denn Schulsprecherin zu sein, bedeutete für sie nicht nur ein eigenes Zugabteil, sondern auch, dass sich die Zeit, die sie ansonsten zusammen mit ihren Freunden verbracht hatte, verringern würde und noch mehr schulische Pflichten auf sie zukommen würden. Außerdem versuchte sie verzweifelt die Frage zu verdrängen, wer dieses Jahr mit ihr zusammen Schulsprecher sein würde. Es gab dafür zwar reichlich Auswahl, denn an Jungs fehlte es ihrem Jahrgang nun wirklich nicht, aber sie hatte so ein Gefühl, das sie erahnen ließ, wer der "Auserwählte" sein würde. Jedoch hoffte sie inständig, dass sie sich irrte. Nicht ihn, bitte! Jeden, nur nicht ihn. Immer und immer wieder wiederholte sie diese Bitte im Stillen ähnlich wie eine Gebetsformel, die in Erfüllung gehen sollte. Der Gedanke an "ihn" störte ihre Konzentration erheblich, so dass sie bereits zum fünften Mal ein und denselben Satz las. Genervt warf sie den Tagespropheten in die Ecke und schaute aus dem Fenster, von dem aus sie eine gute Aussicht auf die Plattform 9 _ hatte. Er kommt ganz schön spät, dachte sie als sie auf die Uhr schaute, die bereits eine Minute vor elf anzeigte. "Bis dann, Draco," hörte Hermione einen blonden Mann sagen. Ein kalter Schauder lief ihr über den Rücken. Ist das etwa Malfoys Vater? Wer hat den denn aus Azkaban gelassen? Hermione war ein wenig überrascht zu sehen, dass Draco von seinen Eltern, und dann auch noch gerade von seinem Vater, verabschiedet wurde. "Hmm..." kam nur als Antwort und Draco stieg ein.
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Das darf doch nicht wahr sein. Deinetwegen bin ich auch noch zu spät, du unfähiger Versager! Das kriegst du zurück. Draco war wütend, doch ließ er sich dies gewiss nicht anmerken als er an den jeweiligen Abteilen vorbeiging, hin und wieder ein paar abfällige Blicke aussendete, und auf dem Weg zu seinem eigenen Abteil war. Er war schließlich ein Malfoy, und Malfoys zeigen keine Gefühle. Allein daran zu denken, dass der ein Jahr lang... Na toll, jetzt ist mein Tag gelaufen. Von wegen entspannte Hinfahrt mit Potter und Weasley ärgern, obwohl... letzteres lässt sich ja immer noch bewerkstelligen. Draco grinste hämisch bei dem Gedanken an den bevorstehenden Spaß. Ein kurzer Moment der Freude, der aber nicht lange anhalten sollte, denn dann stand er vor der Tür seines Abteils. Wenigstens muss ich dieses Jahr diese zwei Schwachköpfe, Crabbe und Goyle, nicht ertragen, dachte Draco noch als er die Tür öffnete, wurde aber aus seinen Gedanken gerissen als er sah, wer da in "seinem" Abteil saß: Hermione Granger!
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Hermione hatte ihn schon gehört, bevor er die Tür geöffnet hatte. Nun sah sie ihn mit einem Blick aus Überraschung und Ich-hab's-gewußt an und brachte nur ein knappes "Hallo Malfoy" hervor. Sie hatte sich geschworen, dass sie mit dem Schulsprecher auskommen würde, auch wenn es Malfoy sein solle. Draco antwortete natürlich nicht, verstaute gemütlich sein Gepäck und setzte sich als ob nichts gewesen wäre. Dieser arrogante- "Bist du nicht ein bisschen spät? Wie sieht das denn aus, wenn der Schulsprecher den Zug verpassen würde? Kein gutes Vorbild, oder?" versuchte Hermione mit zusammengebissenen Zähnen eine halbwegs zivilisierte Unterhaltung zu beginnen, dennoch konnte sie den vorwurfsvollen Unterton, den sie sich in sechs Jahren antrainiert hatte, nicht vermeiden. "Was geht dich das an, Schlammblut?" gab ihr Draco zurück. Er wollte sich definitiv nicht unterhalten, nicht jetzt, nicht hier und sicher nicht mit einer Gryffindor Besserwisserin. "Hör zu, Malfoy, wir beide sind jetzt Schulsprecher. Wir sollten zumindest versuchen, besser miteinander auszukommen, schließlich liegt noch ein ganzes Jahr vor uns und es wäre besser den unteren Jahrgangsstufen ein-" "Hast du nichts zu tun, Granger? Der Zug ist losgefahren, falls dir das entgangen sein sollte. Geh und nerv Potter und sein Wiesel oder sonst jemanden, der deine überflüssigen Kommentare hören will", unterbrach er sie, "und bleib dort", fügte er noch hinzu. Er schaute aus dem Fenster und demonstrierte ihr damit, dass die Unterhaltung für ihn zu Ende war. Hermione sprang auf und stand kurz davor Draco zu erwürgen, entschied sich aber eines besseren, verabschiedete sich mit einem schlichten "Dann nicht" und verließ hoch erhobenen Hauptes das Abteil. Sie hatte ganz sicher nicht vor sich die ganze Fahrt von diesem eingebildeten Idioten beleidigen zu lassen. Draco starrte auf die Tür, ein wenig überrascht von Hermiones plötzlicher Reaktion. Ein ganzes Jahr mit der als Schulsprecherin? Schlimmer kann es ja wohl nicht kommen, doch hatte er gewiss besseres zu tun, als sich darüber Gedanken zu machen. Also nahm er sich den Tagespropheten, der neben ihm auf einem der Sitze lag und begann zu lesen. "Das darf doch nicht wahr sein!" stöhnte er, als er die erste Zeile gelesen hatte. Dann warf er die Zeitung beiseite und beschäftigte sich wieder mit der draußen vorbeirauschenden Landschaft.
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"Wisst ihr schon das Neuste? Gilderoy Lockhart ist aus St. Mungos ausgebrochen!", Hermione versuchte das Thema zu wechseln, nachdem sie sich gerade bei ihren Freunden über Malfoy ausgelassen und ihnen die Neuigkeit über die vermutliche Freilassung von Lucius Malfoy überbracht hatte. "Ist nicht wahr", brachte Ron hervor, während alle anderen, unter anderem auch Harry und Ginny, die mittlerweile miteinander ausgingen, und Neville, fassungslos Hermione anstarrten. "Was denn? Kann es sein, dass unser Wiesel nicht bescheid weiß, obwohl sein Vater im Ministerium arbeitet?" Draco Malfoy betrat das Abteil auf seiner jährlichen "Begrüßungstour", gefolgt von seinen beiden Leibwächtern Crabbe und Goyle. "Was willst du hier, Malfoy?", entgegnete ihm Harry giftig. "Geh und nerv andere Leute." "Spielst du jetzt Bodyguard für deinen kleinen, rothaarigen Freund, Potter?" Draco spuckte den Namen seines Erzfeindes regelrecht aus, denn obwohl Voldemort nicht zuletzt auch durch Potter besiegt worden war, hatte er nicht geplant, den Jungen-der-lebt als potentiellen Freund anzusehen. Im Gegenteil, er würde ihm sein Leben zur Hölle machen und auf ewig sein Rivale bleiben. Denn gerade jetzt, da Voldemort tot war, erhielt dieser Gryffindor als "Held" noch mehr Aufmerksamkeit als zuvor! Es war zum kotzen.
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Hermione beobachtete den Streit in aller Ruhe. Die werden es nie lernen, seufzte sie und versuchte nicht einmal, die beiden Streithähne, oder sollte man sagen, die drei Streithähne, wenn man den kurz vorm explodieren stehenden Vulkan Ron mitzählte, auseinander zu bringen. Ihre Aufmerksamkeit widmete sie ihnen erst wieder, als sie Harry sagen hörte: "Meine Eltern waren nicht zu feige sich gegen Voldemort zu stellen, was man von einem Todesser- Vater oder sollte ich lieber sagen einer Todesser-Familie wohl nicht behaupten kann. Wie geht es übrigens deinem Vater? Gefällt es ihm in Azkaban?" Malfoys Miene verfinsterte sich und seine Augen wurden noch kälter als sonst. Selbst sein sonst so überhebliches Grinsen verschwand. "Wenigstens habe ich noch Eltern, im Gegensatz zu dir." Hermione empfand es als notwendig einzuschreiten, bevor es noch zu einem Duell kommen würde, denn beide Parteien bewegten sich gerade ziemlich unter der Gürtellinie und das verhieß nichts Gutes. "Das reicht, Harry! Malfoy, als Schulsprecher solltest du ein bisschen mehr Verantwortung zeigen und dieses äußerst kindische Benehmen ablegen! Es wäre besser, wenn du jetzt gingest, Malfoy, bevor noch jemand etwas Schlimmeres sagt und alles eskaliert." Hermione schaute tief in Dracos Augen, denn sie hatte schon längst die Angst vor seinen durchbohrenden Blicken verloren. Er ist doch sonst nicht so angesprungen, wenn man seine Familie erwähnt hat. Zumindest nicht so. Draco brach den Augenkontakt und machte Anzeichen zu gehen, aber natürlich nicht ohne ein letztes Kommentar: "Pass besser auf, Granger, es kann sehr unangenehm enden, wenn man sich zu sehr in anderer Leute Angelegenheiten einmischt." Dann verließ er das Abteil.
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Draußen beorderte Draco Crabbe und Goyle, ihm etwas zu trinken zu holen. Er brauchte definitiv Zeit zum Nachdenken. Er merkte nicht einmal, dass er sich keinen Zentimeter von der Stelle gerührt hatte, als Crabbe und Goyle wieder zurückkamen, welche sichtlich verwundert darüber waren, dass Draco immer noch dort stand. Aus seinem Gedankengang gerissen hörte er nur noch wie drinnen jemand fragte: "Sag mal Ron, weißt du wer der neue Muggelkundelehrer wird?" Draco zuckte leicht zusammen. "Woher? Mein Vater hat nichts gesagt und ihr wisst ja, dass Dumbledore Überraschungen liebt..." Das kann ja heiter werden, dachte Draco. Irgendwie hatte sein Besuch bei dem berühmten Trio nicht das bewirkt, was er sich erhofft hatte. Sie hatten es tatsächlich geschafft, ihm den Spaß zu verderben und das nur durch eine Frage...
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Der Zaubertränkemeister von Hogwarts saß am Großen Tisch zwischen zwei leeren Stühlen. Ihm schwante so einiges bei dem Gedanken an die neuen Lehrer. Um ehrlich zu sein, war ihm dieser Werwolf noch lieber als der Andere, und das sollte schon was heißen. Seinen finsteren Blick hatte er über den Sommer nicht verloren, vielmehr hatte dieser sich noch intensiviert mit dem Wissen, dass Dumbledore ihn wieder einmal, bei der Wahl des Verteidigung gegen die Dunklen Künste Lehrers, übergangen hatte. Und genau diesen Blick bekam jeder seiner Kollegen zu spüren, besonders diejenigen, die ihn auf sein Aussehen ansprachen. Was sollte das überhaupt? Schließlich ging sie das gar nichts an. Und jetzt saß er am Großen Tisch und wartete auf die neuen, nervigen Schüler, aus denen bestimmt wenigstens ein Neville Longbottom hervorgehen würde, auf diesen verhassten Werwolf, der bei allem Übel auch noch neben ihm sitzen würde, und, was vielleicht noch viel schlimmer war, auf den neuen Muggelkundelehrer, von dem er einiges mehr wusste als die übrigen Lehrer, mit Ausnahme von Dumbledore natürlich. Das macht dieser alte Kauz absichtlich, der will mich ärgern, dachte Snape, als sich Lupin neben ihn auf den freien Platz setzte. "Guten Abend Severus", begrüßte dieser ihn freundlich. "Lupin", ein kurzes Nicken und damit waren die Freundlichkeiten bereits ausgetauscht und Severus ging erneut seinen Gedanken nach. Er konnte diesen Werwolf immer noch nicht ausstehen und daran würde sich so schnell auch nichts ändern. Wenigstens hatten sie es seit dem Tod Blacks auf eine zivilisiertere Ebene gebracht, die erlaubte, dass sie miteinander kommunizierten, ohne sich gegenseitig umzubringen. Sein Blick richtete sich nun auf die Haustische, an denen sich die Schüler bereits eingefunden hatten und nun ebenfalls auf die Neulinge warteten. Und irgendwie wurde Snape auch dieses Gefühl nicht los, dass man ihn beobachtete. Und tatsächlich, mehrere Schüler schauten ihn mit ungläubigen Blicken an, darunter natürlich auch Potter und Weasley. Er konterte mit einem ein-Wort-und-ich-töte-dich Blick, der an jeden Schüler gerichtet war, sogar an "seine" Slytherins, die nicht weniger überrascht guckten. Das Sorting begann und der neue Lehrer war noch nicht da. Hoffentlich ist der an seinem Muggel-Kram erstickt, dachte Snape und war mit diesem Gedanken nicht ganz allein, denn es gab noch jemanden, der sich etwas ähnliches wünschte.
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Draco hatte zwar während der ganzen Fahrt damit geprahlt, dass er Schulsprecher werden würde und hatte damit sich und andere geschickt von seinen Problemen abgelenkt, aber mittlerweile überkam ihn ein ungutes Gefühl in der Magengegend bei dem Gedanken an den neuen Muggelkundelehrer, von dem er, im Gegensatz zu allen anderen, wusste, wer dieser war, bzw. was er war. Die Tatsache, dass sie Lupin als Verteidigung gegen die Dunklen Künste Lehrer wiedergeholt hatten, störte ihn eigentlich weniger, auch wenn sich die anderen Slytherins angeregt darüber unterhielten. Draco war in Gedanken nur mit diesem neuen Lehrer beschäftigt und hörte deshalb der Unterhaltung, die um ihn herum geführt wurde, nur halb zu, bis zu dem Zeitpunkt, als er "Hast du Snape gesehen?" verstand. Was war denn so besonderes an Snape? Er schaute Richtung Großer Tisch und starrte schockiert auf seinen Hauslehrer. Jetzt geht die Welt unter. Lange Haare im Zopf? Fehlt nur noch, dass er sich ein Modebewußtsein zulegt, und er schüttelte den Kopf. Von dem selbstsicheren Draco Malfoy war momentan nicht viel übrig, doch er versuchte, sich das natürlich nicht anmerken zu lassen und hoffte inständig, dass niemand etwas merkte. Hoffnung, eigentlich ein Wort von dem er wusste, dass es in dem Wortschatz der Malfoys nicht existieren sollte, doch bis vor kurzem dachte er auch, dass er schon bald Halbwaise sein würde. In Gedanken versunken fiel ihm nicht auf, dass das Sorting beendet war und Dumbledore bereits zum Essen einlud.
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"Nun hab ich noch drei Ankündigungen zu machen." Wie immer, wenn der Schulleiter von Hogwarts sprach, strahlte er eine unvergleichliche Präsenz aus, die eine angenehme Stille in der Großen Halle herbeiführte. "Zum einen möchte ich Professor Lupin wieder als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste willkommenheißen", Lupin stand auf, nickte kurz und setzte sich wieder, ganz nach Snape-Manier. "Des Weiteren können wir dieses Jahr einen neuen Muggelkundelehrer", Draco zuckte sichtbar zusammen, "bei uns begrüßen, der, so wie es aussieht, leider-" Die Türen zur Großen Halle öffneten sich und ein großgewachsener Mann in Muggelkleidung durchschritt die Große Halle mit schnellen Schritten Richtung Großer Tisch, "erst jetzt angekommen ist", beendete Dumbledore mit einem leichten Schmunzeln seinen Satz. Ein Murmeln ging durch die Reihen der einzelnen Haustische. Sofort wurden Vermutungen über diesen doch seltsam erscheinenden neuen Lehrer angestellt, wie: "Was trägt der denn für seltsame Kleidung" oder "Der kommt mir irgendwie bekannt vor". Draco war bereits längst innerlich gestorben, und als er auch noch von den Mädchen hörte "Oh Merlin, das nenne ich mal einen gutaussehenden Professor" spielte er mit dem Gedanken, von einer hohen Klippe zu springen, dessen Ergebnis dann seine körperliche Verfassung der seelischen angleichen würde. Noch hatte er nicht gewagt, hochzugucken, doch jetzt überwand er sich, um sich diesen "Alptraum", wie er es gerne bezeichnete, anzusehen. Da stand er nun, der neue Professor. Er trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug - ja, Draco kannte sich auch in Muggelkleidung aus - mit Turnschuhen. Anstatt eines weißen Hemdes und Krawatte trug er sein Jackett locker über einem weißen T-Shirt, das anscheinend passend zu seinen silberblonden Haaren ausgesucht worden war, und zu allem Überfluss, wie Draco empfand, hatte er seine Sonnenbrille noch nicht abgenommen. Ist es hier drin nicht dunkel genug? Beim Abnehmen der Sonnenbrille, die er in seine Jackettjacke steckte, sagte der neue Lehrer nur: "Tut mir leid, ich hab mich verfahren." Er nickte seinen Kollegen zu, und drehte sich dann zu den Schülern um. Ein Raunen ging durch die Halle, als den meisten von ihnen aufging, wem denn dieser "Neue" so ähnelte. "Darf ich vorstellen, unser neuer Professor für Muggelkunde, Professor Malfoy", nach diesen Worten von Dumbledore herrschte, anders als sonst, Totenstille in der Großen Halle. Man hätte selbst eine Stecknadel fallen hören können. Die Schüler schauten nur mit weitaufgerissenen und ungläubigen Augen auf Dumbledore, dann auf Malfoy, dann wieder auf Dumbledore und dann auf den Slytherin Tisch, an dem sich ein sehr unwohl fühlender blonder Slytherin Junge sich gerade wünschte, dass die Welt unterginge. Dumbledore schien die Verwirrung, die der Name Malfoy ausgelöst hatte, zu ignorieren und fuhr fort: "Und als letztes möchte ich die Schulsprecher für dieses Jahr zu mir bitten. Die diesjährige Schulsprecherin ist Hermione Granger", geistesabwesend applaudierten einige Schüler, als Hermione sich zum Großen Tisch begab, denn der Schock über den neuen Lehrer saß immer noch tief, "und diesjähriger Schulsprecher ist Draco Malfoy." Die fragenden Blicke der anderen Slytherins bohrten sich in seinen Rücken, als Draco sein höhnisches Grinsen aufsetzte und elegant und siegessicher nach vorne zum Großen Tisch stolzierte. Wenn er all die Jahre eines von seinem Vater gelernt hatte, war es die Fähigkeit, selbst in den schmachvollsten Situationen ein gekonntes Pokerface aufzusetzen. Jedoch stellte sich dies als schwieriger heraus als er erwartet hatte, denn Professor Malfoy grüßte ihn offenherzig, als sie Dumbledore durch den Nebenausgang folgten und die Große Halle verließen. "Herzlichen Glückwunsch, Draco, wir werden jetzt bestimmt öfter miteinander zu tun haben." Und wovon träumst du nachts? "Danke, Professor", presste Draco hervor. Er wollte auf jeden Fall Distanz wahren, sonst kam noch jemand auf dumme Gedanken.
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Kaum in seinen Räumlichkeiten angekommen, warf Severus einen Blick in den Spiegel, den er seit Jahren gemieden hatte. Was fragten ihn auch alle nach seinem Aussehen. Er hatte nur einen kurzen Moment der Ruhe, da er als Privatlehrer noch die jährliche Predigt an seine Slytherins halten musste. Er fragte sich selbst immer wieder, wieso er noch unterrichtete. Das Dunkle Mal war verschwunden, er hatte all die Jahre als Spion mehr als genug bezahlt für seine Fehler und war sogar als einer der Helden im Kampf gegen Voldemort betitelt worden. Für ihn war es vollkommen unverständlich wieso er sich ein weiteres Jahr mit diesen unfähigen Schülern abgab. Er machte ein Feuer im Kamin, durch den er gleich in den Slytherin Gemeinschaftsraum gehen würde, um die nervigen, neuen Schüler einzuschüchtern. Und um dem Ganzen noch eine Krone aufzusetzen, war sein Lieblingsprofessor Gilderoy Lockhart aus St. Mungos geflohen, der neue Muggelkundelehrer der für tot gehaltene Bruder seines langfristigen Freundes, der nebenbei bemerkt, aus Azkaban entlassen worden war, ein Squib und... ein Schauder lief ihm über den Rücken: schwul. Er schritt durch den Kamin und dachte noch Schlimmer kann es ja nicht kommen.
* * * * *
"Ich bin schwanger!" Stille hing im Raum. Narcissa Malfoy beobachtete Severus mit besorgtem Gesichtsausdruck. Und hätte sie ihn nicht gekannt, hätte sie denken können, er habe sie nicht einmal gehört. So jedoch entging ihr nicht das leichte Blitzen in seinen tiefschwarzen Augen, das darauf hinwies, dass sein Gehirn am arbeiten war. Zu welcher Reaktion jedoch diese Überlegungen führen würden, war für sie unergründlich. Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als auf eben diese zu warten. Severus Snape, Zaubertränkemeister in Hogwarts und ehemaliger Doppelspion für den Orden des Phönix, hatte sich geirrt: Es war schlimmer gekommen. Und nachdem er zusätzlich zu dem neuen Muggelkundelehrer auch noch erfahren hatte, dass Gilderoy Lockhart aus St. Mungos "entkommen" war, gab er sich sogar einer Millisekunde dem Gedanken hin, dass sich Dumbledore einen Scherz mit ihm erlaubte, auch wenn seine Logik ihm nicht mehr gestattete. Aber diese Nachricht von Narcissa schien ein gelungener Abschluss dieses Tages zu sein. Als Lucius nach dem Sieg über Voldemort nach Azkaban geschickt wurde, hatte sich Narcissa in ihrem Kummer an Severus gewandt, war er doch schon vor ihrer Vermählung mit Lucius ihr bester Freund - nein, sogar mehr wie sie beide wussten - gewesen. Snape selbst hätte niemals gedacht, dass sie sich in der kurzen Zeit so nah kommen würden und trotz beiderseitiger Schuldgefühle gegenüber Lucius, hatten sie doch zueinander gefunden. Umso schockierender war die Nachricht für ihn gewesen, dass Lucius aus Azkaban entlassen worden war. Severus hatte die letzten Tage viel darüber nachdenken müssen, was er jetzt machen sollte. Sich wieder von Narcissa distanzieren und das gleiche nur freundschaftliche Verhältnis mit ihr führen, oder Lucius mit den neuen Verhältnissen konfrontieren. Früher oder später lief es darauf hinaus. Dieser Satz, Narcissas Neuigkeit, hatte einen neuen Faktor ins Spiel gebracht. Severus Snape wurde Vater. Nur ein Idiot musste noch fragen, von wem das Kind stammte, und der Zaubertränkemeister zählte sich eindeutig nicht zu diesen. Lucius war noch nicht lange genug zurück und Narcissa wäre bestimmt nicht so besorgt zu ihm, Severus, gekommen, wenn es nicht von ihm war. Und so war er einen Augenblick gefangen in einem Gewirr von Gefühlen und Gedanken, die jedoch durch seine Selbstbeherrschung - mit der Zeit ein Teil von ihm geworden - nach außen unbemerkbar blieben. Obwohl er es hasste sich Gefühle einzugestehen, war er doch erfüllt von einer tiefen Freude. Aber bald noch größer war die Sorge um das Kind und vor allem um Narcissa und so konzentrierte er sich gedanklich auf diesen Teil. Narcissa konnte nicht länger warten und war im Begriff, wieder das Wort zu ergreifen, als sie merkte, wie sich Severus' Blick wieder veränderte und statt in die Ferne gerichtet wieder auf ihr ruhte. Die Tiefen seiner Augen waren wieder ernst und gleichzeitig beruhigend. "Lucius weiß nichts davon?" Es war eher eine Feststellung als eine Frage. Narcissa war froh, auf etwas reagieren zu können und nickte nur leicht, da sie fürchtete, ihre Stimme könnte ihr den Dienst verweigern. Erst als Severus einen Schritt näher trat, sich zu ihr hinunterbeugte und seine Hände sanft auf ihre Schultern legte, bemerkte Narcissa, wie angespannt sie gewesen war, und allein die Berührung versprach ihr die Sicherheit und Geborgenheit, die ihre Muskeln sich entspannen ließen. Seine tiefe Stimme tat das Übrige. "Erst einmal darf Lucius nichts davon erfahren. Nicht von dem Kind und nicht von uns. Das wäre zu gefährlich. Aber wenn irgendetwas ist, zögere nicht, zu mir zu kommen. Wir schaffen das gemeinsam. Wir finden eine Lösung." Es folgte eine kleine Pause und dann konnte Narcissa sehen, was selbst Dumbledore noch überrascht hätte. Ein leichtes Lächeln umspielte Severus' Gesichtszüge, das auch Narcissa zum Lächeln brachte. "Ich freue mich auf unser Kind." Mehr wollte sie nicht hören.
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"Sesam öffne dich!" War das sein Ernst?! Mit einem Blick der vermitteln könnte, dass sie ihren Schulleiter für geistig unzurechnungsfähig hielt, trat Hermione durch das Loch, das das Gemälde (das Picknick einer feinen Gesellschaft im Frühling) nun preisgab. Aber natürlich wäre sie niemals so dumm, Dumbledore zu unterschätzen und sie wollte nicht wissen, wie viele Dumbledore anhand seiner von Zeit zu Zeit "seltsamen Angewohnheiten" falsch eingeschätzt hatten und dafür bezahlen mussten. Draco, der natürlich nicht gerade ein Liebhaber von Muggelliteratur war, fand allein die Bedeutung des Satzes seltsam, hatte aber bei weitem schwierigere Probleme als die Frage, wie ein Sesam sich öffnen solle. So trat er ohne große Umschweife in den Aufenthaltsraum seiner neuen Unterkunft ein, dicht gefolgt von einem immer lächelnden Dumbledore. Im Raum angekommen vergaß Hermione für einen Augenblick, mit wem sie das siebte Jahr in Hogwarts in einer Wohnung verbringen musste. Der Anblick war überwältigend. Der Aufenthaltsraum war so groß wie ihr Aufenthaltsraum im Gryffindorturm, dabei war er nur für zwei Leute gedacht. An einer Seite des Raums knisterte ein einladendes Kaminfeuer und ein breites und bequemes Sofa sowie zwei Sessel waren davor um einen Tisch angeordnet. Vom Fenster aus konnte man nach draußen auf den See schauen, wo vor einiger Zeit die Neuankömmlinge mit Booten herübergebracht worden waren, und weiter östlich ragte der Verbotene Wald in die Höhe. Noch klein konnte man Hagrids Hütte erkennen, aus der Rauch aufstieg. Die Wände waren geschmückt mit Gemälden und das Fenster umrahmt von Vorhängen. Es war weder zu hell noch zu dunkel und obwohl der Raum riesig war, war er dennoch gemütlich. Zur rechten Seite war das Zimmer von Malfoy und links befand sich Hermiones Zimmer und daneben das Badezimmer; ebenfalls geräumig und bequem und Hermione überlegte schon, wie sie ihr Zimmer einrichten wollte. Selbst Draco musste sich eingestehen, dass diese Räume Stil hatten und er musste sich anstrengen, seinen abfälligen uninteressierten Blick aufrecht zu erhalten. Er würde sich keine Blöße geben, besonders dieser Granger gegenüber nicht. Nicht, dass sie auf ihn geachtet hätte. Aber etwas störte ihn und er brauchte nicht lange, um es beim Namen zu nennen. "Das Passwort legt ihr natürlich selber fest. Das Gemälde merkt es sich, wenn ihr nachher rausgeht. Das Gepäck wurde schon auf eure Zimmer gebracht. Ich werde euch dann mal allein lassen, damit ihr in Ruhe auspacken könnt." Hermione antwortete Dumbledore abwesend und der Direktor hatte sich schon gewandt, um hinauszugehen, als er Dracos Stimme hörte. "Entschuldigen Sie, Professor, aber es gibt hier anscheinend nur ein Bad, wenn ich mich nicht irre." Als er sich der Aufmerksamkeit des Direktors sicher war fuhr er fort. "Verlangen sie wirklich von mir, dass ich mit dieser Besserwisserin ein Bad teilen soll?" Etwas Netteres als Besserwisserin kam ihm bei Granger nicht über die Lippen, und irgendwie tat es heute besonders gut, jemanden zu beleidigen. Spätestens bei dem Teil ein Bad teilen dämmerte es bei Hermione. "Nur ein Bad? Für uns zwei?!" Man konnte ihr die Panik im Gesicht ansehen. Ein Bad mit einem Jungen und dann auch noch mit dem versnobten Draco Malfoy, der sie auch noch "zufällig" hasste!!? Das war einfach zu viel. Gegenüber einem leicht ärgerlichen und einem panischen Ausdruck auf Seiten der neuen Bewohner dieser Räumlichkeiten konnte Dumbledore mit seinem noch heller gewordenem Lächeln nur grotesk erscheinen. Und seine Reaktion war gewiss nicht, was sie sich erhofft hatten. "Ihr werdet euch schon verständigen können. Als Schulsprecher und Schulsprecherin lege ich viel Vertrauen in euch." Er kramte in seinen unzähligen Taschen und holte etwas heraus, um es vor ihnen auszubreiten. "Zitronendrop?" Zufrieden mit der Reaktion seiner Schützlinge (oder eher mit der nicht vorhandenen Reaktion, die die beiden in Starre verdammte) nahm er selbst ein Bonbon und verabschiedete sich noch einmal mit einem Nicken, bevor er durch das Loch verschwand und die beiden allein zurückließ.
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Nachdem Dumbledore verschwunden war, dauerte es noch etwas, bevor Hermione und Draco aufhörten auf den Fleck zu starren, wo ihr Direktor noch vor kurzem gestanden hatte. Wieder bewegungsfähig ließ sich Draco mit großem Gehabe auf das Sofa fallen. "Da lässt sich wohl nichts machen, Granger", brach Draco die Stille und konnte nicht umhin, sein überlegenes Grinsen aufzulegen, als Hermione ihn verärgert anblickte. "Ich werde einen Plan aufstellen, wann wer ins Bad kann. Wenn dir das nicht passt, kannst du natürlich immer noch von deinem Posten zurücktreten, Schlammblut." Das hatte gesessen. Zum ersten Mal seit Beginn des Schuljahrs hatte Draco wieder das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Hermiones Gesicht verdunkelte sich. Sie fing an zu zittern und konnte ihre Fäuste kaum in Zaum halten. Am liebsten hätte sie sich auf ihn gestürzt und ihm sein ach so majestätisches Gesicht zerkratzt. "ICH HAB MIR MEINEN POSTEN WENIGSTENS VERDIENT!" schrie sie stattdessen und setzte sich in Bewegung. Als Hermione sich in seine Richtung bewegte, glaubte Draco, sie würde ihn diesmal wirklich angreifen und konnte gerade noch mit verdutztem Blick die Hände vors Gesicht nehmen, bevor er angegriffen wurde. Jedoch handelte es sich bei dem Angreifer um etwas sehr pelziges und als Draco wagte, die Augen zu öffnen, blickte er in die Augen einer fetten unfreundlich dreinblickenden Katze mit rotem Pelz. "Krummbein!" Etwas verdutzt und gleichzeitig zufrieden mit dem Anblick eines verschreckten, zusammengekauerten Draco Malfoy, ließ Hermione ihre geliebte Katze in ihre Arme springen, und streichelte sie zur Belohnung, bevor sie wieder von ihrem Arm sprang und davon trottete. Draco nahm wieder seine vorherige Position ein als wäre nichts gewesen und hoffte innerlich, dass er keinen erschreckten Schrei ausgestoßen hatte. Verdammt, dieses Jahr war ein Alptraum. "Dieses Vieh bring ich um!" stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während er versuchte, seine Haare wieder in Ordnung zu bringen. "Das wagst du nicht! Krummbein gehört mir und wenn du ihm was tust...dann kannst du was erleben!" Die einzige Antwort war ein abfälliger Blick und dieses Malfoy-Grinsen. "Versuch's doch!" Hermione versuchte ihre Nerven wieder zu beruhigen. Sie durfte sich nicht so herausfordern lassen. Sie musste hier raus. Sofort. Mit erhobener Nase und sicherem Schritt stolzierte sie Richtung Ausgang. "Auf das Niveau lass ich mich nicht herab; mich mit dir zu streiten." Das konnte Draco nicht auf sich sitzen lassen. "Auf mein Niveau musst du erst mal kommen, Schlammblut." Das ließ Hermione diesmal kalt. Sie war schon fast draußen. "Muttersöhnchen!" rief sie noch triumphierend, als sich das Gemälde wieder vor die Öffnung schob und sie in Richtung Gryffindorturm verschwand. "Passwort MUTTERSÖHNCHEN gespeichert" hörte Draco noch vom Gemälde und seine Antwort erstickte im Hals. ... "Shit."
* * * * *
"Das meint er doch nicht ehrlich, oder? Schlimm genug, dass du mit diesem Malfoy zusammen wohnen musst, aber ein Bad?! Dumbledore muss den Verstand verloren haben. Harry, wir müssen etwas unternehmen!" Rons Mitgefühl war rührend. Als Hermione ohne Passwort verloren vor dem Gryffindorturm gestanden hatte, war es auch Ron gewesen, der sie reingelassen hatte. Und durch seine chaotische Weise, die sie auch oft in Verzweiflung gebracht hatte, bekam sie schnell wieder das Gefühl, ein Teil ihrer Gruppe zu sein. Damit war ihre Angst, dass jetzt, da Voldemort tot war und sie nicht mehr mit ihren Freunden in einem Turm wohnte, sich auch ihre Beziehung untereinander geändert hatte, verflogen. Wie gut, dass sie solche Freunde ihr eigen nennen konnte. "Hermione, vielleicht solltest du wirklich von deinem Posten zurücktreten. Malfoy hasst dich. Wer weiß, was er sich für Gemeinheiten ausdenkt?" Harry sah sie besorgt an. "Ja, genau. Hey, Harry, mach' endlich deinen nächsten Zug. Du stehst im Schach." Triumphierend deutete Ron auf das Schachbrett. Hermione musste zugeben, dass er außerordentlich gut in Schach war. Würde er sich nur etwas mehr auf die Schule konzentrieren... Harry Potter, der-Junge-der-lebt, der Held im Kampf gegen Voldemort, warf die Hände in die Luft und kapitulierte. "Ok, ok, ich gebe mich geschlagen. Ron, du bist einfach zu gut." Damit wandte er sich ab und widmete sich der Wartung seiner Wolke 8000, den er zum Geburtstag von Professor Lupin geschenkt bekommen hatte. Er konnte es kaum erwarten, wieder zu spielen. "Hermione, wenn er irgendetwas wagt, sag mir Bescheid! Ich verspreche dir, ich werde es ihm doppelt und dreifach heimzahlen." Ein Blitzen in seinen Augen rief in Hermione eine Vision eines schmerzhaften Matches für Draco hervor. Madam Pomfrey würde ein Wunder vollbringen müssen, sollte dieser Fall eintreten. Hermione fing an zu lachen. "Ich werde schon klar kommen. Versprich mir ihn nicht zu töten. Ich glaube, ohne seine beiden Schläger kann er nur Sprüche klopfen und heiße Luft bringt mich nicht um." "Wow!" Ron grinste ihr frech ins Gesicht. "War das ein Witz, Hermione? Bei Merlin, es gibt anscheinend doch noch Hoffnung für dich. Als nächstes probierst du die Scherzartikel meiner Brüder aus. Wann ist das nächste Hogsmeade- Wochenende?" Er entkam noch gerade geschickt Hermiones Angriff. Alle drei lachten. "Hey, Hermione, wenn es dich beruhigt, kann ich dir ein Spickoskop besorgen", rief ihr Ron halb hinterher, als sie sich auf dem Weg zum Schulsprecherturm machte. Die Ausgangssperre galt auch für sie und sie wollte Draco Malfoy nicht das Vergnügen bereiten, sie gleich am ersten Tag anzuschwärzen. In typischer Hermione-Manier rollte sie ihre Augen und auch Harry schüttelte nur den Kopf. "Wir sprechen hier von Draco Malfoy, Ron, gleich hinter seinem Vater größter Intrigant und Lügner. Das Gerät würde gar nicht mehr aufhören, anzuschlagen." Ron hob abwährend die Hände. "War nur ein Scherz. Wir sehen uns dann morgen beim Frühstück. Oder nehmt ihr das auch gemeinsam ein?" ... "Niemals!" kam es von allen dreien gleichzeitig, während sie versuchten, die Visionen zu verdrängen.
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Gut gelaunt und seelisch gestärkt erreichte Hermione das Gemälde, das den Eingang zum Schulsprecherturm darstellte. Da wurde ihr plötzlich klar, dass sie gar kein Passwort mit Draco ausgemacht hatte. Wie konnte sie so einen Fehler machen? ... Moment. Hatte Dumbledore ihnen nicht gesagt, das Gemälde würde sich das Passwort merken, wenn sie rausgingen...Hermione wagte kaum, weiterzudenken. "M...Muttersöhnchen?" sagte sie kleinlaut und zu ihrem Entsetzen öffnete sich der Eingang. Autsch. Jetzt musste sie sich bei Draco auch noch entschuldigen. Perfekt. Hoffentlich konnten sie das Passwort noch ändern. Hermione betrat den Aufenthaltsraum, konnte Draco aber nicht finden und kein Geräusch war zu hören. Auch beim Anklopfen an seinem Zimmer kam keine Antwort. Es war schon schlimm genug, Dracos überlegenen Gesichtsausdruck zu ertragen, wenn sie sich entschuldigen musste, aber auch noch auf ihn zu warten, machte alles noch schlimmer. Schweren Herzens holte sie ihre Badutensilien und ging ins Bad. Oder besser, sie öffnete die Tür zum Bad. Denn die Überraschung, die sie erlebte, ließ sie auf der Stelle erstarren. Draco schien ebenfalls überrascht zu sein, denn nur mit einem Handtuch, mit dem er dabei gewesen war, die Haare zu trocknen, stand er wie eine antike Statue vor Hermione und starrte sie nur an. Nach einigen Momenten, die Hermione wie eine Ewigkeit vorkamen, löste sich Draco aus seiner Starre. "Hast du langsam genug gesehen, Granger, oder soll ich noch für ein Photo posieren?" Als Draco wieder sein herausforderndes Grinsen auflegte, bekam Hermiones Gesicht wieder Farbe, bis es knallrot angelaufen war. Verdammt! Beweg dich, Hermione, mach was, irgendwas. Endlich fand sie ihre Stimme wieder. "Sch...Schließ gefälligst hinter dir ab!!...und...und zieh dir was an!!" Draco schaute an sich herab. Hermione wurde noch roter, wenn das überhaupt noch möglich war. Mit hochrotem Kopf schlug sie die Tür zu und floh in ihr Zimmer. Die Entschuldigung war erst einmal vergessen.
Nachdem Hermione in ihrem Zimmer verschwunden war, stieg auch Draco die Röte ins Gesicht. Das musste ja so kommen. Warum hab ich auch nicht die Tür abgeschlossen. Diese Granger hatte aber auch immer das perfekte Timing. Nicht, dass er sich schämen müsste. Er wusste, dass er gut bestückt war. Er konnte ein selbstgefälliges Grinsen nicht zurückhalten. Warum hatte er sich dann nur gefreut, sie aus der Fassung gebracht zu haben? Ein kurzer Blick in den Spiegel versicherte ihm, dass er nicht mehr rot war, und nachdem er fertig angezogen seine Badutensilien in sein Zimmer gebracht hatte, setzte er sich noch an den Kamin. Ihm war noch nicht nach Schlafen zumute. Etwas streifte seine Beine bevor es mit einem Sprung neben ihm auf dem Sofa landete. Draco schaute Krummbein überrascht und misstrauisch an. Da die Katze ihm nichts böses zu wollen schien, streckte Draco schließlich seine Hand aus und streichelte sie, nicht ohne sich vorher mit einem Blick Richtung Hermiones Zimmer zu vergewissern, dass ihn niemand sah. Er musste gestehen, dass er Katzen mochte. Seine Eltern jedoch gestatteten ihm kein Haustier und es würde sein Image zerstören. Wie würde Hermione auch reagieren? Oh, Granger, du hast eine Katze? Darf ich sie streicheln, ich liebe Katzen. Draco musste über seine eigene Version in seiner Vorstellung lachen. Warum nur wünschte er sich, ihre Reaktion darauf zu sehen?
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Hermione war heute besonders früh aufgestanden und erst, als sie sich sicher war, dass Malfoy nicht im Badezimmer war, hatte sie sich schnell fertig gemacht, um sich dann gründlich auf die heutigen Stunden vorzubereiten, bevor sie in die Große Halle ging, um sich zum Frühstück an den Gryffindortisch zu setzen. Kurz darauf kamen auch schon Harry und Ron, um sich zu ihr zu gesellen. "Na, noch was passiert, nachdem du uns gestern verlassen hast?" Hermione versuchte zu verhindern, allzu rot zu werden. Gut, dass Ron schon die Aufmerksamkeit auf sich zog. "Aber Harry, Draco-Schätzchen geht doch immer zeitig zu Bett, um auch genug Schönheitsschlaf zu bekommen." Ron mimte dabei seine Mutter. Die beiden kugelten sich vor lachen. Hermione versuchte, das Thema zu wechseln. "Äh... Ich bin ja mal gespannt, ob sich außer der Frisur bei Professor Snape auch andere Angewohnheiten geändert haben...oh, wo man vom Teufel spricht, da kommt er ja." Hermione atmete auf, als Harry und Ron wirklich die Aufmerksamkeit auf ihren "Lieblings"- Professor lenkten.
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Wie immer bewegte sich Severus Snape wie eine Gewitterwolke auf den Großen Tisch zu und setzte sich ohne große Umschweife auf seinen Platz. Er tauschte nur ein kurzes Nicken mit Dumbledore und Lupin aus, um dann lediglich einige Schüler mit seinem kalten Blick einzuschüchtern. Wenn es jemals jemand gewagt hätte, ihn zu beobachten, hätte er bemerkt, dass Snape am Großen Tisch niemals aß. Es war leider Pflicht, zum Essen zu erscheinen, aber seine Mahlzeit nahm Snape immer in seinen privaten Gemächern ein. Er hatte eindeutig keine gute Laune und seine ersten Schüler heute würden das zu spüren bekommen. Aber als ein gewisser Muggelprofessor auf den Platz neben Severus zusteuerte, verdunkelte sich dessen Miene noch mehr. Warum musste dieser Idiot so früh am morgen schon so gut gelaunt sein? In seinem Gemüt erinnerte er ihn an Gilderoy Lockhart. Bei Snapes Anblick wünschte Remus Lupin sich einen Regenschirm. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn es gleich anfangen würde zu donnern und zu blitzen. "Guten Morgen, Professor Snape, wie ich sehe, sind sie schon mit dem Essen fertig. Ich bin leider aufgehalten worden; diese Treppen hier sind ja sehr ... interessant." Wen bitteschön interessiert das? dachte Severus. Julius Malfoy setzte sich und verhalf sich selbst zu ein paar Brötchen mit Marmelade. "Es ist mir eine Freude, neben ihnen sitzen zu können. Lucius hat mir schon von ihnen berichtet. Erzählen sie doch etwas von sich." Dabei legte er dem Zaubertränkemeister aufmunternd eine Hand auf die Schulter. Bei der Berührung durchzuckte es Snape und der Muggelkundeprofessor machte keine Anstalten, die Hand wieder da wegzunehmen!? Am Slytherin-Tisch beobachtete Draco Malfoy das Geschehen mit großer Sorge und drei gewisse Gryffindorschüler konnten ebenfalls ihre Blicke nicht abwenden. Severus Snape geriet in Panik. Bildete er es sich nur ein, oder schaute ihn Julius Malfoy etwas zu interessiert an. So wie die Lage jetzt war, lief Severus Gefahr, seine Kontrolle zu verlieren. Leider gab es nur eine Alternative; diese saß direkt neben ihm und beobachtete die beiden neugierig. Bei der Wahl eines großen Übels oder eines größeren Übels entschied er sich für ersteres. "Professor Lupin. Sie wollten mir noch von den neuesten Entdeckungen von Gegenmaßnahmen im Bereich dunkler Magie berichten." Lupin sah ihn mit großen Augen verdutzt an. "Wollte ich?" Ein durchdringender Blick von Snape "frischte sein Gedächtnis auf". "Ah, ja genau, die neuesten Gegenmaßnahmen...nun denn." Remus fühlte sich plötzlich sehr unwohl in seiner Haut. Zu Snapes Erleichterung nahm Malfoy die Hand endlich von der Schulter und wandte sich an den Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. "Oh, wirklich. Würde es ihnen etwas ausmachen, wenn ich zuhöre? Verteidigung ist schon immer eines meiner Lieblingsfächer gewesen." Snape nutzte die Gelegenheit. "In diesem Fall wäre es vielleicht angebracht, den Platz zu tauschen, Lupin, dann könnten wir sie beide verstehen." Remus hatte nichts einzuwenden, hatte aber das Gefühl, irgendwo reingeraten zu sein. Während die beiden den Platz tauschten, fiel Draco, Harry und Hermione die Kinnlade runter und Ron das Brötchen aus dem Mund. Ein gefährlicher Blick von Snape ließ sie schnell eine andere Beschäftigung suchen. Julius Malfoy hörte gespannt jedem Wort zu, das Lupin von sich gab, und wandte seine Augen nicht ein einziges Mal ab.
* * * * *
Bekanntmachung
Dieses Jahr wird ein Schulausflug für alle Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen sechs und sieben zu unserer Partnerschule "Hohenburg" in Münster (Deutschland) angeboten. Der Auslandsaufenthalt von acht Wochen findet in der Zeit vom 01.10. bis zum 26.11. dieses Jahres statt. Alle Schülerinnen und Schüler, die an einer Teilnahme interessiert sind, haben dieses Semester Muggelkunde zu belegen, sowie eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten einzuholen. Die Vertrauensschüler und Schulsprecher, sowie die Professoren McGonagall, Snape, Lupin, Malfoy und Hooch werden den Ausflug begleiten. Die Einverständniserklärungs-Formulare werden kommenden Dienstag um 15:00 von den Vertrauensschülern in den Aufenthaltsräumen verteilt. Der Inhalt der Muggelkundestunden, sowie kommende Exkursionen in allen Pflichtfächern, sollen speziell auf den Schulausflug und den damit einhergehenden Umgang mit fremden Kulturen vorbereiten.
Professor McGonagall Stellvertretende Schulleiterin
"Wow, Harry!" Ron Weasley zeigte auf die Bekanntmachung am schwarzen Brett. "Ein Schulausflug nach Deutschland! Ist das krass!" Harry drängte sich durch die Schülermassen um einen besseren Blick auf den Aushang erhaschen zu können. "Tja Ron, ich will ja nicht deinen Enthusiasmus trüben, aber dir ist schon klar, dass Snape als Aufsicht mitfährt, oder?" Rons Miene verfinsterte sich und er murmelte etwas Unverständliches vor sich hin. "Ich bleibe dann wohl alleine zurück", stellte Harry enttäuscht fest, als er sich seinen Weg zurückgebahnt hatte. "Die wollen doch wohl nicht alle mit nach Deutschland! Da gibt's sowieso nichts Tolles zu sehen, außer Männer in Lederhosen, Frauen in Dirndln und jede Menge Sauerkraut!" stellte er mit einem Blick über die Schulter entsetzt fest, als die Schülermassen immer bedrohlicher anstiegen. "Warum nicht? Ich find's klasse! Hast du jemals was von einem Ausflug in Hogwarts gehört? Das hier ist eine Premiere. Ich war noch nie auf einem Schulausflug. Und meine Eltern können es mir nicht mal verbieten, weil ich als Vertrauensschüler sowieso mit muss." Ron strahlte wie ein Atomkraftwerk. "Wieso willst du eigentlich nicht mitkommen?" Na toll, anstatt ihn zu trösten, hatte Ron noch Salz in die Wunde reiben müssen. Idiot! "Glaubst du wirklich allen Ernstes, dass die Dursleys mir diese Einverständniserklärung unterschreiben werden?" Rons Gesichtsfarbe passte sich der seiner Haare an. Natürlich, dass hatte er vollkommen vergessen! Die Dursleys, Harrys einzige Familie nach dem Tod seiner Eltern und seines Patenonkels Sirius Black, hassten Harry zu sehr, um sich diese Gelegenheit der Demütigung entgehen zu lassen. Nein, sie würden Harry unter keinen Umständen die Einverständniserklärung unterschreiben. Harry Potter, der-Junge-der-lebt, war zudem auch nicht gerade beliebt in Hogwarts. Vor allem nicht bei den Slytherins, von denen wohl die meisten hier bleiben würden, da ihre konservativen Eltern ihnen einen Ausflug, der ohne Frage Muggelkontakt bedeutete, nicht erlauben würden. Und da Harrys beste Freunde, Ron und Hermione, sich wegen ihrer Schulposten nicht den Luxus eines solidarischen Ausflugverzichtes leisten konnten, würde Harry wohl oder übel alleine zurückbleiben. Ron schluckte hart. "Vielleicht kannst du Dumbledore bitten, den Zettel für dich zu unterschreiben, nach allem, was du für unsere Welt getan hast, ist es das Mindeste was er für dich tun kann." Harry schüttelte wütend den Kopf. "Der dumme Kauz hat sich auch damals geweigert mir den Zettel für Hogsmeade zu unterschreiben! Das einzige was man von dem bekommt sind Zitronendrops!" Daraufhin sah Ron ihn nur noch sauer Richtung Quidditchfeld stampfen. Die armen Hufflepuffs!
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Ein ungewöhnlich stiller Draco Malfoy saß neben einer ungewöhnlich stillen Hermione Granger. Irgendwie hatte sich diese ganze Schülersprechergeschichte nicht so entwickelt wie sie es sich vorgestellt hatten. Immer noch peinlich berührt von der "Begegnung" des Vorabends, wagte keiner den Anderen direkt anzusehen. Sowieso hatte die Stimmung des Zaubertränke-Kurses den Tiefpunkt erreicht, denn - es war kaum zu fassen - jeder von ihnen war nun freiwillig hier. Nun gut, das kam natürlich darauf an, wie man "freiwillig" definierte. Für die Slytherins war es ein Selbstverständliches Zaubertränke bis ins letzte Schuljahr zu wählen, schließlich wollten sie Pluspunkte bei Snape sammeln und die meisten Ravenclaws waren ernsthaft an dem Fach interessiert. Na ja, dachte Harry entgeistert, Die Typen waren ja auch an jedem Fach interessiert! Doch was ihn, Ron, Neville und die übrigen Gryffindors, und was das betraf auch die Hufflepuffs des Kurses anging, war er sich sicher, dass sie NICHT FREIWEILLIG hier waren. Dies hier war der "Zaubertränke Leistungskurs" und Snape würde sie wahrscheinlich bis zum Erbrechen mit Hausaufgaben malträtieren. Ron wirkte bereits beim Gedanken daran grünlich im Gesicht. Was waren das auch für sche** Auflagen des Ministeriums?! Jeder, der Aurorer werden wollte, musste Zaubertränke belegen. Und so saßen nun alle mit einer Mischung aus Angst und Nervosität in Professor Snapes N.E.W.T.s Zaubertränke Kurs.
***
Bang! Die Tür des Klassenraums knallte an die Kerkerwand, als Snape mit vollem Pathos den Raum eroberte. Das "Frühstücksgespräch" saß ihm noch immer in den Knochen und alleine bei dem Gedanken an Malfoys Händen auf seinen Schultern... Snape schüttelte sich innerlich und versuchte den geistigen Alptraum abzuschütteln. Zu allem Überfluss hatte er jetzt auch noch Zaubertränkedoppelstunde der siebten Klasse. Verdammt noch mal, was mache ich hier eigentlich?! Ohne seine Schüler auch nur eines Blickes zu würdigen, fing der mit seiner alljährlichen Einschüchertungsbergpredigt an. Falls einige Schüler sich noch nicht wirklich sicher waren, ob es die richtige Entscheidung gewesen war diesen Kurs zu belegen, würde Snape nach seiner Ansprache sicherlich einige Klausuren weniger zu korrigieren haben, was Ansporn genug für ihn war, sie erst einmal richtig zurechtzuweisen. "Dies hier ist kein einfacher Standartlevel Zaubertränkeunterricht sondern ein N.E.W.T.s Kurs. Mein N.E.W.T.s Kurs um genauer zu sein. Die Erfahrung hat gezeigt, dass sich die Noten bei ansteigendem Niveau um mindestes zwei Buchstaben senken. Wer von Ihnen also nicht mit vollem Einsatz dabei ist, wird keine Chance auf einen Abschluss in meinem Kurs haben und sollte deshalb so schnell wie möglich in einen sicherlich weniger anspruchvollen Kurs irgendeines Kollegen wechseln." Zum ersten Mal sah Snape auf und stellte freudig fest, dass zwei Hufflepuff-Schüler bereits den Raum verließen. Aber das ließ sich auf jeden Fall noch steigern. "Falls einige von Ihnen dem alljährlichen Irrtum auferlegen sind, ich würde mich auch nur im Geringsten für ihre Berufswünsche interessieren, und ich spreche hiermit vor allem die möchte-gern-Auroren an, dem sei gesagt, dass er mit seiner Wahl einen fatalen Fehler begangen hat. Das einzige, was mich interessiert, sind ihre Leistungen und falls Sie nicht in der Lage sind, meinen Ansprüchen in vollem Umfang zu genügen, dem sei versichert, dass er besser einen anderen Berufszweig in betracht ziehen sollte." Ron stöhnte hörbar auf und wollte bereits gehen, als Harry ihn wieder nach unten zog. "Das ist doch genau das was er erreichen will, Ron! Selbst Neville ist geblieben, siehst du." Neville Longbottom, Pechvogel vom Dienst und Snapes bevorzugtes Opfer, mal abgesehen von Harry selbst, saß versteckt in der letzten Reihe und versuchte eine möglichst selbstsichere Fassade aufrechtzuerhalten. Nachdem ganze vier weitere Schüler den Raum verlassen hatten, griff Snape mit einem selbstgerechten Gesichtsausdruck nach der Anwesenheitsliste und rief die jeweiligen Namen auf bis er plötzlich stutzte. "Neville Longbottom?" schwarze Augen suchten - und fanden - den ängstlichen Gryffindor Jungen in der allerletzten Reihe. "Das ist doch wohl ein Scherz! Ihre Benotung letztes Jahr könnte mal als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk für die nächsten dreißig Jahre bezeichnen. Von der nun ausbleibenden Hilfe Ihrer Partnerin Miss Granger ganz zu schweigen." Neville war nun bereits tomatenrot angelaufen, brachte aber kein Wort heraus, als Snape ihn fordernd beäugte. "Sie wollen allen Ernstes bleiben?!" Neville nickte nur und schluckte hart. Das Leben war einfach unfair! Was hatte er nur verbrochen, um Longbottom und das Potter Dream Team ein weiteres Jahr ertragen zu müssen? "Nun gut. Wie Sie wollen." Drei Monate! Ich gebe ihm drei Monate! Danach wird er freiwillig gehen...
Mit einem Wink seines Zauberstabs erschien ein Schuhkartongroßer Stapel Arbeitsblätter auf dem Tisch jedes Schülers. "Das hier sind Wiederholungsaufgaben für Sie, welche Sie innerhalb der nächsten drei Monate in Eigenarbeit zu bearbeiten haben. Den ersten werden wir nun gemeinsam durchgehen." Snapes tiefe Stimme verlor sich langsam im Aufzählen der Zutaten, als Dracos Gedanken einmal mehr abschweiften... "Drachenzahn und Schwarzwurzel gehören zwei äußerst seltenen Pflanzenarten an. Sie heißen?" fragte Professor Snape scharf, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von Malfoys entfernt. "Draco Malfoy!" sagte Draco wie aus der Pistole geschossen, da er nur den letzten Teil von Snapes Monolog mitbekommen hatte. Der gesamte Kurs grölte vor Lachen, was auch Draco zu verstehen gab, dass das wohl nicht die korrekte Antwort gewesen war. Wenn es eins gab was Snape hasste, dann waren es lachende Kinder und was er noch mehr hasste, waren lachende Kinder in seinem Unterricht. "Sie halten sich wohl heute für besonders komisch Mr. Malfoy. Zwanzig Punkte von Slytherin für Unachtsamkeit im Unterricht und zwei Rollen Pergament zu dem Thema >Warum man in seinem N.E.W.T.s-Kurs nicht schlafen sollte<." Ron ließ seine Feder fallen. "Zwanzig Punkte von Slytherin!", zischte er ungläubig. "Harry, ich will hier raus!"
***
Staub und Dreck bedeckten den Boden. Nur vereinzelt schafften es trübe Lichtstrahlen durch den jahrhundertealten Bretterverschlag und die verstörten Ratten zuckten aufgeschreckt in ihrem Schlummer auf, als sich eine dunkle Gestalt ihrem Versteck näherte. Die Dielen knarrten unheilvoll unter jedem neuen Schritt, als Kartons und antike Möbelstücke zur Seite gehievt wurden. Stechend grüne Augen durchsuchten ungeduldig den alten Dachboden und ein verächtlicher Gesichtsausdruck zeichnete das jugendliche Gesicht des Mannes, als er mit einem Wink seiner rechten Hand einige Fledermäuse aus ihrem Versteck verjagte. Das letzte Mal hatte er den Dachboden als Kind zusammen mit seiner Mutter besucht. Das alte Landhaus stand nun inmitten der Moorlandschaft verlassen da. Ein schönes Haus in einer unheimlichen, sich in ständigem Nebel befindenden, Umgebung. Die Gestalt schüttelte einmal mehr ungläubig den Kopf, als sie eine sich bewegende Fotografie von einer alten Nussbaumseitbord nahm und von zentimeterdickem Staub befreite. Eine junge Frau und ihr Kind winkten vergnügt in die Kamera. Alles schien so unglaublich lange her zu sein... Doch dann schien er das Objekt seiner Begierde entdeckt zu haben, da er das Bild augenblicklich an seinen ursprünglichen Platz zurückverbannte und zielstrebig auf eine unscheinbare Holztruhe zuging. Ein wenig unschlüssig blieb die dunkle Gestalt nun vor der Truhe stehen und griff nach ihrer Goldkette, welche sie unter der schwarzen Kleidung verborgen hatte. An der Goldkette hing ein kleiner, massiver Schlüssel, welcher unzweifelhaft zu der Truhe gehören musste. Lange drehte die Gestalt den Schlüssel unschlüssig in ihrer Hand umher. War er wirklich vorbereitet auf das, was sich in ihrem Inneren verbarg? Der Inhalt dieser Truhe war das Einzige, was ihm seine Mutter nach ihrem Tod an magischem Erbe hinterlassen hatte. Er erinnerte sich noch genau an die Testamentseröffnung und an seine Überraschung, als er den Goldschlüssel zusammen mit einem kurzen Instruktionsbrief aus dem Bankschließfach genommen hatte. Seine Mutter hatte schon immer eine, ihm fremde, Vorliebe für subtile Geheimniskrämereien gehabt und obwohl das gleiche Blut ihn ihren Adern floss, war es ihm niemals gelungen ihr auf irgendeine Weise näher zu kommen. Ihre Distanz und Verschwiegenheit hatten ihr gewiss eine mystische, dunkle Anziehungskraft verliehen, doch waren sie für ihn mit zunehmendem Alter unerträglich geworden. Vielleicht war sie jetzt, nach ihrem Tod, endlich bereit ihrem Sohn das Vertrauen zu schenken, nach dem er sich so lange Zeit gesehnt hatte, indem sie ihm endlich die Wahrheit erzählte. Die Wahrheit darüber, wer er war, und den Grund dafür, warum seine Mutter, als erste und einzige Tochter einer hochangesehenen Zaubererfamilie, sich jahrlang hier im Moor versteckt hatte, anstatt den ihr zustehenden Platz in der Zauberergesellschaft einzufordern! Entschlossen kniete er sich vor der Truhe nieder und entriegelte das Schloss. Mit einem lauten Knarren öffnete sich der Deckel und die Gestalt schaute in eine fast vollkommene Leere. Aber nur fast. Ein seltsames, weißes Stoffbündel befand sich im Inneren und wurde nun neugierig beäugt. Wie alles auf dem Dachboden war der Stoff klamm und roch muffig nach Mottenkugeln, dennoch griff die Gestalt danach und brachte ein Buch zum Vorschein, welches sorgfältig in den Stoff eingewickelt worden war. Das in dunklem Leder eingebundene Buch war noch in einem vollkommenen Zustand, als sei es noch niemals gelesen worden. Als sei es für ihn bestimmt. Eine silberne Schlange mit zwei smaragdgrünen Augen, welche sich um ein silbernes V schlängelte, zierte den Einband. Es sah sehr teuer aus und war allen Anschein nach nicht Muggelursprungs. Der Schlüssel, welcher auch die Truhe geöffnet hatte, passte perfekt in Rachen der silbernen Schlange. Ihre grünen Augen erwachten zum Leben und das Schloss sprang in grünem Rauch auf. Die Seiten waren leer. Und über einem verlassen Anwesen im Moor schwebte zum ersten Mal seit langer Zeit wieder das Dunkle Mal.
***
Professor Trelawney schreckte aus ihrer Vision auf und warf dabei ihre Teekanne und mehrere ihrer geliebten Tassen um. Noch nie hatte sie die vielen Stufen zu ihrem Unterrichtsturm so sehr zu spüren bekommen und zu hassen gelernt wie heute. Als wenn der Teufel persönlich hinter ihr her wäre, stürmte sie auf Albus Dumbledores Büro zu, rief atemlos ein "Zitronensorbet" zum Treppengargoyle und fuhr mit dem Adler-Treppen-Aufzug nach oben.
Der Direktor der Hogwarts Schule für Zauberei und Hexerei saß gemütlich an seinem Schreibtisch, sah einige Unterlagen durch und lutschte an seinem Zitronendrops, als Professor Trelawney außer Atem in sein Büro gestürmt kam. "Es hat begonnen, Albus!" Das ansonsten immer freundliche Gesicht des Schulleiters wirkte plötzlich sehr alt und müde als seine glasigen Augen die Trelawneys trafen. "Wir sind vorbereitet." Die Stimme des Alten klang jedoch selbst für ihn wenig überzeugend. Hätten sie doch nur etwas mehr Zeit gehabt...
***
Die Zaubertränkestunde wollte und wollte einfach nicht zu Ende gehen. Ron starb innerlich von Minute zu Minute und konnte es kaum erwarten, endlich seinen Trank testen zu lassen, damit er endlich aus diesem Horrorunterricht entfliehen konnte. Nur noch eine Viertelstunde! Nur noch eine Viertelstunde! Warum dauerte das so lange! "Longbottom, Ihr Trank ist so wirksam wie Flusswasser. Außerdem ist die Farbe falsch! Nächster!" Zitternd reichte Ron sein Glas Professor Snape. "Zu schwach dosiert Weasley, wie immer. Aber akzeptabel. Holen Sie sich eine Flasche dafür und beschriften Sie sie." Ron holte hörbar Luft und wollte grade seinen Trank entgegennehmen, als Snape die Probe mit einem Scheppern aus der Hand fiel und auf dem Boden zersprang. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerzen und er griff sich reflexartig an seinen linken Unterarm. "Professor! Geht es Ihnen nicht gut?!" Hermione war sofort aufgesprungen und wollte schon Madame Pomfrey rufen, als Snape sich wieder unter Kontrolle zu haben schien. "Die Stunde ist hiermit beendet", zischte er, immer noch leicht unnatürlich klingend. "Keine Hausaufgaben?", Diese Frage konnte natürlich nur Hermione stellen und sie fing sich auch gleich mehrere Seitenhiebe ihrer Mitschüler dafür ein. "Raus mit euch. Sofort. Bevor ich es mir noch anders überlege", drohte Snape in einer unnachahmbaren Perfektion. Damit war das Thema Hausaufgaben endgültig vom Tisch und die Schüler flüchteten panisch aus dem Kerker.
* * * * *
"Ok..., das war jetzt mehr als seltsam..." Ron war der erste, der die Stille durchbrach, auch wenn er nur das aussprach, was jedem bereits bewusst war. Ein Tag, an dem sie den Klassenraum ohne Hausaufgaben und auch noch früher verlassen durften, war wie Weihnachten und Ostern auf einmal. "Ich hab' ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache." "Huh? Was für eine Sache meinst du, Harry?" Ron schaute seinen Freund fragend an. "Mach dir keine Sorgen", antwortete Hermione, die Ron zu ignorieren schien. "Was denn? Was hab' ich verpasst?" "Ron", Hermione rollte ihre Augen, "kriegst du eigentlich irgendetwas mit? Hast du nicht gesehen, wie Snape nach seinem Unterarm gegriffen hat, als er deine Probe fallen ließ? An den Arm, wo er das Dunkle Mal hatte?" Ron erblasste. "Du... ihr glaubt doch nicht, dass..." "Sei nicht albern, Ron", unterbrach Hermione ihn leicht gereizt, "ER ist tot. Harry und der Orden haben IHN besiegt. Es ist nur ein wenig seltsam, dass es ausgerechnet der Arm sein muss. Vielleicht sind das auch nur Nachwirkungen oder so", sagte sie schnell, als sie die besorgte Miene ihrer beiden Freunde sah. "Keine Sorge, Harry, er kann nicht wiederkommen. Und wenn, würdest du das doch sicherlich irgendwie spüren." Harry nickte nur und lächelte, war aber nicht ganz überzeugt. Die drei merkten nicht, dass Draco nur einige Schritte hinter ihnen ging und jedes Wort gehört hatte. Seine peinliche Aktion war vergessen, zumindest vorerst, da sich nun die Spekulationen um Snape und seine seltsamen Verhaltensweisen drehten. Draco sorgte sich ähnlich wie Harry, auch wenn er das nur ungern zugab. Der Dunkle Lord war tot, aber... was war mit Snapes Arm? Sollte das wirklich heißen, dass das Mal zurück war? Zu oft schon hatte er beobachten können, wie sein Vater sich bei SEINEM Ruf genauso an den Arm gefasst hatte, als dass er das jetzt als bloße Nachwirkung einstufen konnte. Vielleicht sollte er sich mit seinem Vater in Verbindung setzen oder besser seine beiden Ex-Leibwächter damit beauftragen ihren Vätern Fragen zu stellen, da seiner ihm bestimmt nicht alles bis gar nichts erzählen würde. Nach der nächsten Stunde würde er Crabbe und Goyle ansprechen, freiwillig!
***
Der Klassenraum war mehr als überfüllt. Nicht nur, dass natürlich alle Mädchen der siebten Klasse anwesend waren, darunter auch die Slytherins, nein, sogar die Jungen wollten sich den Unterricht plötzlich nicht entgehen lassen. Wie die Ankündigung eines Schulausflugs die Menschen doch korrumpieren konnte. Draco versuchte sich in der letzten Bank des Raumes so klein zu machen, dass man ihn hoffentlich übersehen konnte. Dieses Jahr, das erst gerade angefangen hatte, war ein absoluter Alptraum und sein peinlicher Auftritt bei Snape half seinem Selbstvertrauen rein gar nicht. Wie konnte ihm auch so etwas dämliches passieren? Das war alles seine Schuld. Wenn dieser homosexuelle Squib nicht wäre, wäre ihm so eine Unaufmerksamkeit nicht passiert. Und dann auch noch bei seinem Hauslehrer. Jetzt war er das gefundene Fressen für die Gryffindors. Schlimmer konnte es nicht mehr k-, nein, nicht schon wieder. Diesen Satz würde er jetzt aus seinem Wörterbuch streichen und durch die Wörter "Hoffnung", "hoffentlich" und "unerklärliche Todesursache" ersetzen. Mit einem Auftreten à la Snape kam Professor Malfoy durch die Tür des Klassenraums, nur um den einschüchternden Eindruck dann durch ein freundliches "Guten Morgen alle miteinander" gleich wieder zu Nichte zu machen. Er drängte sich durch die sichtlich überfüllten Reihen der Schüler nach vorne zum Lehrerpult, wieder in einem Nadelstreifenanzug in weiß mit einem dunkelblauen T-Shirt und schwarz-blauen Turnschuhen. Wenigstens hat er einen Sinn für Mode, dachte sich Draco, auch wenn er nicht gerade von der Muggelmode begeistert zu sein schien. Doch er kam nicht umhin festzustellen, dass die Mädchen hin und weg von seinem Onkel waren. Na ja, schließlich ist er ein Malfoy. Professor Malfoy stellte sich auf recht unkonventionelle Art vor: Anstatt sich nur vorzustellen schrieb er seinen Namen mit Kreide an die Tafel. "Mein Name ist Julius Malfoy", er setzte ein Lächeln auf, dass Gilderoy Lockhart Konkurrenz machte, "ich bin für dieses Jahr euer Muggelkundeprofessor, wie ihr ja bereits wisst, und versuche, so gut wie es mir eben möglich ist, euch auf den bevorstehenden Ausflug nach Deutschland vorzubereiten. Was ich euch beibringe, wird unter anderem auch die deutsche Sprache und Kultur beinhalten, von der ich annehme, dass ihr nicht sehr bewandert darin seid." Er zog sein Jackett aus, das er über seine Stuhllehne hängte und schaute in die Runde von Schülern. Mit einem leicht amüsierten Gesichtsausdruck fuhr er fort: "Aber zuvor beantworte ich eure Frage, die wahrscheinlich schon seit dem gestrigen Abendessen für reichlich Verwirrung sorgt. Wie mein Name schon zeigt, bin ich ein Malfoy, genauer gesagt bin ich Lucius Malfoys großer Bruder. Ich habe seit meinem zehnten Lebensjahr in Deutschland gelebt, daher auch mein Akzent und wahrscheinlich Dumbledores Entscheidung, mich einzustellen. Meine Eltern schienen nicht gerade begeistert von meiner Einstellung gegenüber Muggeln gewesen zu sein, daher haben sie mich enterbt und meinem kleinen Bruder die Führung der Familie übergeben. Aber als ich vor kurzem hörte, dass Lucius aufgrund irgendwelcher Verbindungen zu einem gewissen Voldemort in Azkaban sitzen würde, bin ich wieder nach England gekommen, um ihm zu helfen. Schließlich konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass jemand, so schüchtern und ängstlich wie er, zu den Gräueltaten, derer er beschuldigt wurde, fähig sein konnte. Er war früher schließlich ..." Draco wünschte sich unterdessen eine Naturkatastrophe, einen Angriff von Dementoren oder die Auferstehung des Teufels höchstpersönlich. Alles war ihm recht, Hauptsache die Stunde wurde unterbrochen und er konnte dieser äußert schmachvollen Situation entfliehen. Nicht nur das er sich vor Snape zum Affen gemacht hatte, jetzt musste auch noch sein Onkel aus dem "Nähkästchen" plaudern. Wie konnte er nur solch private Geschichten vor wildfremden Leuten ausbreiten! "...und dann ist er fast ertrunken. Ich sage euch, wenn ihr einen Malfoy umbringen wollt, werft ihn ins Wasser. Er wird dann untergehen wie eine bleierne Ente..." Die Klasse konnte sich kaum zurückhalten, lauthals loszulachen. Das war selbst für die eingefleischten Slytherins zu viel. Schließlich erhielt man nicht alle Tage Einblick in die Kindheitserlebnisse eines Ex-Todessers und arroganten Reinblütlers. Hermione ging es nicht anders, doch sie war Schulsprecherin und musste sich auch dementsprechend verhalten. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie Draco, der mit leicht rötlichem Teint hasserfüllte Blicke in Richtung seines "Onkels" schickte. Das muss weh tun, Hermione konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen bevor sie ihren Professor in seinem Unterhaltungsprogramm unterbrach. "Entschuldigen Sie, Professor, aber weichen Sie nicht ein wenig vom eigentlichen Thema ab?" Professor Malfoy wirkte leicht überrascht, sagte aber nur: "Oh, stimmt ja, tut mir leid, aber ich schwelge zu gerne in Erinnerungen." Er lächelte nur und fuhr fort: "Also, mal überlegen... wie merke ich mir am besten eure Namen... ah, ich hab's, wir machen Namenskärtchen, für jedes Haus die passende Farbe. Draco, würdest du das bitte für mich übernehmen? Du kennst ja sicherlich die Namen aller Anwesenden hier, sowie das Haus, zu dem sie gehören." Draco lief blutrot an bei der persönlichen Adressierung seines Onkels vor allen anderen, war aber fähig ein "Ja, Professor" hervorzupressen. "Gut, wenn das geklärt ist, widmen wir uns doch mal dem Unterricht. Hmm... der Raum ist ziemlich klein. Wie wär's, wenn wir bei diesem schönen Wetter nach draußen gehen und im Freien mit dem Unterricht fortfahren."
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Draußen angekommen führte Professor Malfoy die Klasse zu seinem Wagen. "Sind alle da? Gut. Ich geh' davon aus, dass euch der Name Grindelwald etwas sagt. Und ich nehme an, dass ihr in Geschichte der Zauberei auch schon etwas über die beiden Weltkriege gehört habt. Aber das liegt in der Vergangenheit und ist auch nicht Thema meines Fachs. Also, was könnt ihr mir noch über Deutschland bzw. Deutsche erzählen, was nicht unbedingt mit Magie zu tun hat?" Das vor kurzem noch anherrschende Gemurmel verstummte und jeder zögerte mit einer Antwort. "Na, wie sieht's aus? Hat denn keiner eine Idee?" "Die tragen doch alle Lederhosen und Dirndl." Ron durchbrach die unangenehme Stille. Professor Malfoy fing lauthals an zu lachen. "Also DAS ist definitiv ein Vorurteil. Wie heißen Sie?" Ron lief knallrot an und antwortete eine wenig kleinlaut: "Ron Weasley, Professor." "Also, Herr Weasley, ich hoffe, dass ich Sie - und auch die anderen, die Ihre Meinung teilen - von dieser doch sehr seltsamen Vorstellung lösen kann, denn sonst erleben Sie in Deutschland eine böse Überraschung. Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass die Deutschen es gar nicht gerne sehen, wenn man sie auf diese Weise in einen Topf wirft. Besonders die Region, in der wir uns während der ganzen Zeit aufhalten werden, sträubt sich gegen dieses Vorurteil ganz besonders. Obwohl ich Ihre Antwort nicht als falsch werten darf, Herr Weasley, denn es gibt sehr wohl eine Region in Deutschland, in der Lederhosen und Dirndl als traditionelle Kleidung existieren." "Aber gut, fangen wir das ganze anders an. Ihr seht hier eine Muggelerfindung, die bei den Deutschen als Statussymbol angesehen wird, sowie bei uns die Anzahl der Hauselfen. Die Muggel haben ihr den Namen "Auto" gegeben. Es wird als Fortbewegungsmittel benutzt wie bei uns die Besen, nur können Autos nicht fliegen und sind wesentlich bequemer." Professor Malfoy lächelte, als er sah, wie sich die Schüler interessiert um das Auto scharrten, besonders den Jungen schien es der Wagen angetan zu haben. "Ähm, Professor, wenn man damit nicht fliegen kann, wie kommen die Muggel dann vom Fleck? Das Ding sieht ziemlich schwer aus, als dass man es schieben kann, geschweige denn dass man irgendwelche Zugmechanismen erkennen kann", fragte ein Ravenclaw-Junge sichtlich verwirrt. Oje, ich glaube das wird ein langer Tag, dachte sich Hermione, die sich, da sie schließlich aus einer Muggelfamilie stammte, mit Muggelerfindungen - unter anderem auch Autos - auskannte. Sie schaute dem Treiben der anderen Schüler ein wenig gelangweilt zu, ließ sich aber kein Wort ihres Professors entgehen, da sie vielleicht etwas Wichtiges verpassen könnte. Nicht selten ertappte sie sich jedoch dabei, wie sie mit ihren Gedanken abdriftete. Und während Professor Malfoy über CDs, Autoradios, Sicherheitsgurte und derlei erzählte, wanderte Hermiones Blick umher und fiel des Öfteren auf Draco, der sie seit dem peinlichen Badezimmervorfall nicht einmal beschimpft hatte. Schon seltsam für einen arroganten Reinblütler wie ihn... Wieso dachte sie darüber überhaupt nach? Sie sollte sich freuen, dass endlich mal Ruhe herrschte. "Wenn ihr Lust habt, können wir eine kleine Spritztour machen, in kleinen Gruppen natürlich." Die Augen der meisten Schüler leuchteten auf, bei dem Gedanken an eine Fahrt mit dem Auto. Professor Malfoy hatte es geschafft, sie mit seinem Unterricht zu fesseln. "Oh... aber, wie ich sehe, ist die Stunde gleich zu Ende. Doch das soll uns nicht aufhalten, oder? Wir machen das so: Jeder, der Interesse hat an einer kleinen Rundfahrt, bleibt nach dem Abendessen einfach in der Großen Halle, und dann fahr ich euch heute Abend durch die Gegend. Einverstanden?" Julius wusste nicht, was ihn dieser Vorschlag kosten sollte.
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Am nächsten Morgen saßen die drei jüngsten Lehrer Hogwarts übermüdet beim Frühstück. Jeder von ihnen hatte eine lange, schlaflose Nacht verbracht. Einer von ihnen hatte gerade eine Vollmondnacht hinter sich, der andere eine aus Schlaflosigkeit und der dritte im Bunde hätte nie erwartet, dass so viele Schüler auf seinen Vorschlag hin antworteten.
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Hermione Granger war auf dem Weg zum Schulsprecher-Gemeinschaftsquartier und freute sich bereits auf die Wärme und Bequemlichkeit des Kaminfeuers. Wie immer hatte sie so gut wie jedes Fach, das sie belegen konnte, auch belegt (bis auf Weissagen, das sie noch immer für nutzlos hielt) und fast die gesamte freie Zeit, die sie heute gehabt hatte, hatte sie in der großen Bibliothek von Hogwarts verbracht, um die vielen Hausaufgaben rechtzeitig erledigen zu können, was einen Abend am Kamin, nach all den Strapazen, noch attraktiver erscheinen ließ. Sie machte sich Sorgen. Voldemort war tot, Hermione hatte es selbst miterlebt, aber sie war sich ziemlich sicher, dass Professor Snapes Dunkles Mal wiedergekommen sein musste. War Voldemort vielleicht doch nicht tot? Das hatte man schließlich schon einmal fälschlicherweise angenommen. Oder bedeutete es etwas vollkommen anderes? Es bedeutete auf jeden Fall nichts Gutes. Doch Hermione hatte sich fest vorgenommen, dass sie herausfinden würde, was es mit dem Dunklen Mal auf sich hatte - selbst wenn sie dafür Harrys Unsichtbarkeitsmantel stehlen müsste, um in die verbotene Abteilung der Bibliothek zu gelangen! "Muttersöhnchen." Hermione flüsterte noch immer das Passwort. Warum konnten sie es auch nicht ändern?! Als sie und Draco nach dem Frühstück Dumbledore abgefangen hatten, um dieses Problem zu besprechen, hatte dieser mit einem eindeutig amüsierten Gesichtsausdruck gemeint, es ließe sich nicht ändern, aber Hermione war sicher, dass ihr Schulleiter es einfach nicht ändern wollte. Als sich das Gemälde geöffnet hatte und ein ärgerlich dreinblickender Draco Malfoy sie mit Blicken zu töten versuchte, kehrte auch Hermiones schlechtes Gewissen wieder zurück. Warum musste nur so viel schief gehen dieses Jahr? Ein Blick auf den Tisch des Aufenthaltsraumes überraschte Hermione. Er war überfüllt von Pergamentrollen und gefalteten Pappkärtchen; und Tintenfässchen mit verschieden Farben standen vor Draco, welcher mittlerweile wieder damit beschäftigt war, die gefalteten Kärtchen zu beschriften. "Oh. Für Professor Malfoys Muggelkundeunterricht?" Als Draco zu ihr aufschaute, bemerkte Hermione, dass sie die Frage wohl laut ausgesprochen haben musste. Irgendwie schien sie Fragen nicht für sich behalten zu können. Draco wusste nicht, ob er auf ihre Frage antworten sollte. Er hatte schon eine ganze Stunde daran gesessen, die Kärtchen zu beschriften und sich eine Liste mit allen Teilnehmern des Muggelkundekurses zu erstellen. Verdammter Onkel! Und durch Snapes Strafarbeit hatte er bis jetzt keine Zeit gehabt, diese sinnlosen Namenskärtchen zu schreiben; und wie es aussah würde er noch lange daran sitzen. Er hatte nicht einmal alle Namen zusammen! Morgen hatten sie Zaubertränke und Muggelkunde, er konnte es also nicht weiter aufschieben. So ein verdammter Mist! Wenn er noch im Slytherinkerker wohnen würde, hätte er einem anderen die Arbeit aufhalsen können; diese dumme Parkinson hätte sich bestimmt darum gerissen. Aber jetzt konnte er nicht einmal jemanden in seinen Turm mitnehmen, wegen dieses bescheuerten Passwortes (nicht, dass er das Bedürfnis dazu hatte). Und Schuld war nur diese Granger. "Du musst wohl überall deine Nase reinstecken. Warum bist du nicht bei Narbengesicht und seinem Wiesel?" Hermiones Miene verdunkelte sich. "Du hast kein Recht, sie so zu nennen, Malfoy!" "Oh, ich vergaß! Alle Namensvergaberechte liegen ja bei dir." Er konnte ihr wenigstens das Gewissen verschlechtern, oder? Hermione hatte die Anspielung auf das Passwort nicht überhört. Das würde sie jetzt wohl bei jeder Gelegenheit zu hören bekommen. In dieser Situation konnte sie sich aber unmöglich entschuldigen, dann hätte sie gegen Malfoy verloren. Und jetzt in ihr Zimmer zu verschwinden, käme wohl einem Rückzug gleich. Sie würde sich sicher nicht vertreiben lassen. Es musste Gryffindormut gewesen sein, der sie sich in einen der Sessel setzen und ein Buch zum Lesen in die Hand nehmen ließ. Verdammt, kann sie nicht einfach in ihr Zimmer verschwinden? Verärgert wandte Draco sich wieder den Namenskärtchen zu. Er hatte sogar ernsthaft darüber nachgedacht, sie einfach nicht zu schreiben, aber man wusste ja nie, ob sein Onkel ihn dann nicht doch nachsitzen lassen würde. Allein der Gedanke daran, mit seinem schwulen Muggelkundeprofessor allein seine Strafe absitzen zu müssen, spornte ihn an. Hermione konnte nicht verhindern, immer wieder über ihr Buch hinweg Malfoy zu beobachten. Warum nahm er diese Namenskärtchen so ernst? Dracos Beziehung zu seinem Onkel war Hermione noch immer ein Rätsel. Einerseits schien er ihn abgrundtief zu hassen. Andererseits erinnerte sie sich aber noch an das Ende der letzten Muggelkundestunde: Als Professor Malfoy kurz vor dem Verlassen des Raumes aus Versehen eine Flasche der "Muggelgetränke", die er mitgebracht hatte, umgestoßen hatte und diese auf dem Boden zersplittert war, hatte Draco sie unauffällig wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückverwandelt. Fast alle Schüler hatten sich jedoch zu diesem Zeitpunkt schon draußen bei Malfoys Wagen befunden und keiner, außer Hermione, schien den Vorfall bemerkt zu haben. Wollte er nur das Ansehen der Malfoys retten? Irgendetwas war ihr entgangen... Hermione wurde plötzlich aus ihren Gedanken gerissen, als etwas auf dem Tisch umgekippt zu sein schien und Draco ein Wutgeschrei vom Stapel ließ. "Argh! VERDAMMTES VIEH! Ich war fast fertig! Stundenlange Arbeit vernichtet! Verdammt!" Krummbein hatte schon Schutz hinter Hermione gesucht und schaute Draco aus dem Versteck hinter den Beinen unverschämt an. Hermione wusste nicht, was sie tun sollte. Alle Namenskärtchen waren durch bunte Tinte ruiniert. Draco sah Hermione an, als wollte er sie ermorden. "DUUU! Gib es zu, das hast du geplant, Granger!" Darauf konnte sie reagieren. "Auch, wenn du es nicht glaubst, Malfoy, aber nicht jeder hat hinterhältige Pläne, die er verfolgt!" "Aber das hier ist eindeutig deine Schuld!" "Keine Angst! Ich werde dir schon bei deinen dummen Namenskärtchen helfen!" "Auf deine Hilfe kann ich gut verzichten, Granger!!" fauchte Draco. "Fein!!" erwiderte Hermione eingeschnappt und zeigte dann auf eines der beschmutzten Kärtchen. "Aber das nächste Mal solltest du die Namen vielleicht richtig schreiben!" Auf einmal war Dracos Wut verraucht. Er schaute ungläubig auf das Kärtchen. War das wirklich falsch geschrieben? Er konnte morgen unmöglich falsche Namenskärtchen abgeben. Die anderen würden ihn für einen Idioten halten. Als Draco nur fragend auf die Kärtchen starrte, nahm Hermione das Betreffende und verbesserte den Namen. Ihrer Meinung nach sollte man die Namen der Mitschüler wissen, wenn man Schulsprecher war. Typisch, dass diese Granger wieder mal alle Namen kennt! Hat die nichts Besseres zu tun mit ihrer Zeit?! Aber Draco hatte keine andere Wahl. "In Ordnung! Du kannst mir helfen. Ich will ja nicht an deinem schlechten Gewissen Schuld sein. Aber kein Wort zu Potter oder Weasley, oder du wirst es bereuen!" Hermione rollte nur die Augen und machte sich dann daran, neue Kärtchen zu schreiben und Malfoys Liste aufzubessern. Wow, es gibt auch Jungen, die eine schöne Schrift haben? Hermione musste zugeben, dass Dracos Schrift sogar schöner war als ihre eigene! Draco hätte sauer auf die Katze sein sollen, aber irgendwie war er es nicht. Krummbein war sogar so dreist, sich neben Draco auf das Sofa zu legen und schnurrend dort einzuschlafen, nachdem sich dieser wieder an die Arbeit gemacht hatte.
***
Eine volle Stunde lang saßen die beiden Schulsprecher ruhig in ihrem Aufenthaltsraum und stellten die Namenskärtchen her. Und das ohne sich gegenseitig umzubringen! Hermione hatte immer mehr das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. Sie gab es selbst ungern zu, aber Draco verdiente eine Entschuldigung. Aber sie brachte sie nicht über die Lippen, bevor sie nicht nach getaner Arbeit ihre Sachen zusammensuchte, um in ihr Zimmer zu gehen. Allein der Gedanke, dass sie sich bei Draco Malfoy entschuldigte, dem Jungen, der sie über Jahre schikaniert hatte...Wie demütigend. Hermione konnte ihm nicht in die Augen sehen. "Ich...Es tut mir leid wegen dem Passwort und den Namenskärtchen und....wegen dem ... äh...Vorfall im... Badezimmer." Hoffentlich konnte Draco jetzt nicht die ihr ins Gesicht steigende Röte sehen. Sie fuhr schnell fort. "Und keine Angst, ich habe auch niemandem davon erzählt...Gute Nacht." Damit machte sie sich auf den Weg in ihr Zimmer und war schon kurz davor, die Zimmertür hinter sich zu schließen. "...Danke." Dracos Stimme ließ Hermione innehalten. "...für die Hilfe." Sie sah sich um. Aber Draco hatte bereits wieder seinen selbstgefälligen Gesichtsausdruck aufgesetzt. "Auch wenn du eigentlich Schuld bist! Aber es soll ja nicht heißen, ich hätte keine Manieren." Damit wandte er sich von Hermione ab und machte sich daran, seine Sachen zusammenzupacken. Als Hermione die Tür zu ihrem Zimmer geschlossen hatte, schwirrte ihr der Kopf. Hat sich Draco Malfoy gerade wirklich bedankt? Bei mir?! Oder hatte sie sich verhört? Und warum wollte diese verdammte Hitze in ihrem Gesicht einfach nicht abnehmen? Draco Malfoy konnte nicht fassen, dass er sich soeben bei Hermione Granger bedankt hatte, und dass, obwohl sie doch Schuld hatte; aber es war ihm nach ihrer Entschuldigung einfach über die Lippen gekommen. Er suchte nach einer einfachen Erklärung. Klar, ich kann mich schließlich nicht auch noch in Höflichkeit von ihr schlagen lassen, oder? Damit verbannte Draco weitere Gedanken und machte sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Etwas, das vor seiner Zimmertür lag, zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Eine tote Maus lag vor seinen Füßen. Draco wurde ein wenig übel. So tief war Hermione sicher nicht gesunken. Draco schaute sich um, ob ihn vielleicht jemand aus einem Versteck heraus beobachtete, oder ob er einen Hinweis fand, wie die Maus hierher gekommen war. Krummbein saß auf dem Sofa und schaute mit geschlossenen Augen in seine Richtung. Draco starrte stumpf nach unten. Na wundervoll. Er erinnerte sich daran, gehört zu haben, dass Katzen, wenn sie jemanden mochten, diesem einen Teil ihrer Beute brachten. Krummbein maunzte, als wollte er sagen "Nun nimm schon" und legte sich dann wieder schlafen. Draco konnte das "Geschenk" kaum da liegen lassen, also nahm er die Maus naserümpfend mit Daumen und Zeigefinger am Schwanz und warf sie in seinem Zimmer in den Müllschlucker, welcher sie sofort entsorgte. Warum fühle ich mich nur nicht geehrt? fragte sich Draco sarkastisch, bevor er sich zu Bett begab, um sich für den nächsten Tag zu wappnen.
* * * * *
"Melde mich bei deinem Meister an. Sag ihm, Severus Snape wünscht ihn zu sprechen." Der kleine Hauself verneigte sich tief vor der schwarz gekleideten Gestalt und griff eilig nach dem Umhang des Gastes, als dieser, ohne weitere Umschweife zu machen, selbstsicher das Haus betrat. "Es ist lange her, seitdem Mr. Snape uns die Ehre seiner Anwesenheit zuteil kommen ließ." Mit einem Schnippen seiner kleinen Finger hing sich der Umhang wie von Geisterhand an der Garderobe auf und der winzige Hauself disapparierte zu seinem Herrn und Meister, um ihn von der Ankunft seines Gastes zu unterrichten. Somit stand Severus Snape "allein" im Foyer und sein Blick traf das große Familienportrait der Malfoys. Der Anblick schmerzte mehr als tausend Messerstiche. Narcissa, in einem langen weißen Kleid, lächelte strahlend, während Lucius einen Arm um ihre schmale Hüfte gelegt hatte und ein circa vierjähriger, kleiner Draco Malfoy schaute mit großen, grauen Kullerauen interessiert nach vorne. Alles an dem Bild wirkte so friedlich, freundlich und vor allem...glücklich. Severus schloss die Augen und wandte den Blick schnell wieder ab. Gott, sie war so wunderschön und schon einmal hatte er sie aufgeben müssen. Auch letzte Nacht war der Schlaf nicht einfach zu ihm gekommen. Immer wieder und wieder quälten ihn die Gedanken an Narcissa und ihr ungeborenes Kind. Jede mögliche Entscheidung schien ihm die Falsche zu sein, jede barg Risiken und es gab viel zu verlieren... Mit einem leisen "Blob" stand plötzlich der Hauself wieder vor Snape und riss ihn aus seinen Gedanken. "Der Herr ist gewillt, Sie in seinem Arbeitszimmer zu empfangen, Mr. Snape. Wenn Sie mir bitte folgen wollen." Das Haus der Malfoys war, wie viele der alten Herrenhäuser, dem Hogwarts-Schloss nicht unähnlich. Das Malfoy Anwesen war bekannt für seine überhebliche Pracht: Für den polierten Marmor am Boden und für die gleißenden Kronleuchter an der Decke. Doch Snape kannte das Anwesen fast so gut wie seinen Besitzer und war deshalb nicht unwissend um die vielen dunklen, nur durch Fackeln erleuchteten, Gänge; die einen in die Irre führenden Holztreppen und den "Malfoy Kerker" - berühmtberüchtigt bei allen Todessern. Denn schließlich gab niemand so ausgiebige Treffen wie Lucius Malfoy... Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht und der Hauself ließ Severus vor einer dunklen, schweren Holzflügeltür allein zurück. Mit einem unguten Gefühl öffnete Snape die Tür und betrat Lucius' Büro. Dieser saß in einem traditionellen, schwarzen Zaubereranzug hinter einem riesigen, alten Holzschreibtisch gemütlich in einem dunkelgrünen Ledersessel. Tief zurückgelehnt in eben diesen, betrachtete er den Neuankömmling interessiert, wobei seine halboffenen grauen Augen, so kalt wirkten wie das tiefschwarze Wasser des Pazifiks. Der grüne Marmor des Fußbodens reflektierte das durch die riesigen Fenster hinter Lucius' Schreibtisch fallende Sonnenlicht relativ ungünstig, so dass Severus kaum mehr als die Umrisse seines Gegenübers erkennen konnte, als dieser sich aus dem Sessel erhob und auf ihn zukam. "Hallo, Severus." Lucius' Stimme war fast so freundlich, wie der Schlag den Severus im darauf folgenden Moment zu spüren bekam. Mit voller Wucht traf ihn die Faust seines alten Schulfreundes im Gesicht und Snape hatte um seine Beherrschung zu kämpfen, um nicht direkt den Boden unter den Füßen zu verlieren. "Verräter!" Tausende von Gedanken drängten sich gleichzeitig, wie eine unaufhaltsame Flutwelle, in Severus' Bewusstsein. Warum hatte Lucius ihn geschlagen? Wegen seines Verrates an Voldemort? Oder schlimmer noch, hatte Narcissa ihm, entgegen aller Vernunft, von ihrer kleinen Liaison berichtet? Severus raffte sich auf und sah seinem Gegenüber, das erste Mal seit über einem Jahr, wieder in die stahlgrauen Augen. Nein, er wusste es nicht. Severus brauchte kein Legislamency anzuwenden, um so viel aus den Augen seines damaligen besten Freundes lesen zu können. Sie beide hatten sich sehr verändert seit ihrer gemeinsamen Schulzeit. Beide waren kälter geworden und hatten sich immer mehr voneinander entfernt, doch einige Dinge blieben immer wie sie waren. Wenn Lucius von dem Kind gewusst hätte, hätte er Snape bereits in dem Augenblick mit dem Cruciatus Fluch belegt, als er über die Schwelle seines Büros getreten war, davon war Severus überzeugt. "Das ist also die >legendäre Malfoy-Gastfreundschaft<?" fragte Severus unberührt mit hochgezogener Augenbraue und massierte provokativ seinen Unterkiefer. Zumindest war es diesmal nicht die Nase gewesen, welche in Mitleidenschaft gezogen worden war. "Du hast vielleicht Nerven hier aufzukreuzen!" Lucius war mehr als wütend. Der Zorn war ihm regelrecht ins Gesicht geschrieben, als er seinen Freund anfuhr und wie wild beschuldigte. "Wie konntest du uns das antun? Wir haben dir vertraut! Ich konnte es gar nicht fassen, als ich zum ersten Mal hörte, dass du..." Irritiert vom Desinteresse seines "Gesprächspartners" brach Lucius in seiner Schimpftirade entgeistert ab und starrte Snape verständnislos an, als dieser die Neuanschaffungen seiner Bibliothek zu begutachten schien. "Verdammt Severus! Hast du nicht einen Funken Anstand ihm Leib! Hör mir gefälligst zu, wenn ich mir schon die Mühe mache, zu verstehen, was zum Teufel du da abgezogen hast!" Severus stellte das Buch über wirkungsvolle schwarze Magie des 21. Jahrhunderts wieder zurück ins Regal und lachte humorlos auf. "Bei Merlin! Ein Malfoy redet über Loyalität und Anstand! Mir kommen gleich die Tränen." Lucius stand kurz davor, Severus anzufallen. "Über die Hälfte unserer Kameraden ist tot! Die andere Hälfte sitzt in Azkaban und verliert zusehends den Verstand! Und es ist deine Schuld!" Severus zuckte nur teilnahmslos mit den Schultern. "Besser sie als ich." Plötzlich wurde Lucius wieder ungewöhnlich still, was niemals ein gutes Zeichen war, wenn er sich in Rage befand, wie Severus sich gut erinnerte. "Besser ich als du?" Stille hing ihm Raum und wenn Severus Snape so etwas wie Schuld kannte, so war es jetzt, für den Bruchteil einer Sekunde, in seinem Gesicht sichtbar. "Glaube mir, wenn ich dir sage, dass ich nichts mit deiner Inhaftierung zu tun hatte, Lucius. Es lag niemals in meiner Absicht dir oder den Anderen Schaden zuzufügen, aber ich hatte keine Wahl." Die zwei Männer sahen sich verbittert an. Beide zu stolz, um den ersten Schritt zu machen. Lucius kannte Severus schon lange vor ihrer gemeinsamen Schulzeit in Hogwarts und wusste, dass es nun an ihm war, ihre langjährige Freundschaft zu retten, doch war es zu schwer ihm einfach aufgrund seines Wortes zu glauben. Was zählte schon das Wort eines Verräters? "Was denn? Der >Held der Zauberwelt< hatte keine Wahl?" Severus konnte Lucius gewiss keine Vorwürfe machen, denn nachdem, was der Tagesprophet und die Hexenwoche über ihn, und die anderen Mitglieder des Phönixordens, berichtet hatten, war er ein Heiliger. "Nicht lange nachdem du gefangen genommen wurdest, geriet alles außer Kontrolle, Lucius. Dumbledore hatte mich enttarnt und mich vor die Wahl gestellt. Sowieso wurden mir - und vielen der anderen - Voldemorts Pläne in der letzten Zeit etwas zu egoistisch. Er war wie besessen von Potter und kam der Realisierung seines Allmächtigkeitswahns gefährlich nahe. Unser Primärziel wurde dabei immer mehr vernachlässigt. Ich war nicht begeistert von der Idee, einem Verrückten zur Unbesiegbarkeit zu verhelfen, wenn du verstehst, was ich meine. Das Auffliegen meiner Tarnung war nur noch der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte." Ja, ja. Eine Lüge versteckt man immer am besten zwischen zwei Wahrheiten. Severus suchte kurz den Blickkontakt zu Malfoy und ließ sich dann in einen der zwei kleineren, grünen Ledersessel vor Lucius' Schreibtisch fallen. "Wenn ich jetzt manchmal darüber nachdenke, habe ich vielleicht sogar unterbewusst gehandelt und war mehr oder minder vorsätzlich unvorsichtig, damit Albus mir meine Entscheidung abnehmen konnte." Ein weiterer Blick überzeugte Severus davon, dass Lucius ihm seine Geschichte abgekauft hatte. Ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich auf dem ansonsten verhaltenen Gesicht des Zaubertränkemeisters ab. Er konnte es immer noch. "Außerdem stehe ich nicht gerne auf der Seite der Verlierer." Lucius entließ hörbar die unbewusst angestaute Luft. Der Kerl war einfach nicht zu fassen! Mit einem argwöhnischen Kopfschütteln setzte sich Lucius wieder in seinen Sessel auf der gegenüberliegenden Seite des Schreibtisches. "Ich kann es immer noch nicht glauben, dass du hier einfach so reingeplatzt bist. Du wusstest, dass ich dir glauben würde, oder?" Snape nickte und schenkte seinem Freund ein kurzes Lächeln. "Ja, natürlich. Ich bin ja nicht lebensmüde." Sagt Mr. Ich-lebe-seit-über-zehn-Jahren-immer- am-Rande-des-Abgrunds-Snape! Das Leben ist voller Ironie... "Aber um mir das zu sagen, bist du sicherlich nicht hierher gekommen?" Es war eigentlich mehr eine Feststellung als eine Frage und Lucius lehnte sich interessiert nach vorne, wobei er seine Hände übereinandergekreuzt auf den Schreibtisch legte. "Was also ist der eigentliche Grund deines plötzlichen Besuches, Severus?" Snape würde sich eher die Zunge abbeißen, als ihm den "eigentlichen Grund" seines Besuches zu nennen. Ohne zu zögern schob der Zaubertränkemeister den Stoff seines linken Ärmels nach oben und enthüllte das nun deutlich sichtbare Dunkle Mal. "Das hier." Lucius erschien wenig überrascht, woraus sich schließen ließ, dass auch sein Mal zurückkehrt war. "Du bist der einzige von damals, dem ich noch genug traue, mich nicht auf der Stelle zu töten. Ich nehme nicht an, dass du mir sagen kannst, was genau der Auslöser für die Wiederkehr des Dunklen Mals ist?" "Nein. Ich habe keine Ahnung." Nun war es Malfoy der lächelte. "Und wenn ich es wüsste, würde ich es dir nicht sagen." Mit neuem Elan schwang sich Lucius aus dem Sessel, griff nach dem "Ausgehstock" und legte Severus freundschaftlich eine Hand auf die Schulter. "Aber nun genug von diesem Thema. Komm, wir gehen in einen etwas unformelleren Raum und gönnen uns einen Brandy." Snape kam Malfoys Vorschlag umso lieber nach, da Alkohol genau das war, was er jetzt benötigte. "Wie macht Draco sich in der Schule?"
***
Severus war hier. Narcissa fühlte wie tausende von Schmetterlingen in ihrem Bauch nicht aufhören wollten zu fliegen. Severus war hier. Sie musste ihn sehen. Jede einzelne Faser ihres zerbrechlichen Körpers schrie nach ihm. Sie konnte sich einfach nicht dagegen wehren. In Gedanken ohrfeigte Narcissa sich für ihren jugendlichen Übermut. Du benimmst dich wie ein liebestoller Teenager! Reiß dich gefälligst zusammen! Einfacher gesagt als getan. Wie ein eingesperrter Tiger in seinem Käfig, ging sie unruhig in ihren Gemächern auf und ab und warf immer wieder einen Blick in den Spiegel. Severus war schon seit mehreren Stunden unten im Wohnzimmer zusammen mit ihrem Ehemann. Die Sonne ging allmählich blutrot hinter den Bäumen unter und es würde bestimmt nicht mehr all zu lange dauern, bis Severus seinen Abschied nehmen würde. Sie musste sich beeilen. Narcissa stürmte zum Sekretär, der vor ihrem Schlafzimmerfenster stand, und griff nach einem Blatt Pergament und einer Feder.
Severus, muss dich sehen. Warte in der Gartenlaube hinter dem Haus auf dich. N.M.
Sie schrieb die Nachricht so platzsparend wie eben möglich auf die untere rechte Ecke des Blattes, riss diese ab und faltete das Papier mehrere Male, bis es sich gut in ihrer Hand verstecken ließ. Dann ging sie nach unten. Severus und Lucius saßen vor dem großen Kamin und schienen bei recht guter Laune zu sein, als Narcissa den Raum betrat. Mit gut gespielter Überraschung kam sie auf ihren Besucher zu. "Severus Snape. Wenn das nicht eine Überraschung ist." Wie es die Höflichkeit gebot stand Severus auf, um die Hausherrin zu begrüßen, während Lucius in seinem Sessel sitzen blieb und ein weiteres Mal an seinem Brandy nippte. Narcissa reichte Severus zur Begrüßung lächelnd die Hand und ließ ihm so unbemerkt den Zettel zukommen. Dann ging sie zu ihrem Mann und küsste ihn flüchtig auf die Wange. "Warum hast du mir nicht bescheid gesagt, dass wir einen Gast erwarten, Darling?" Lucius nahm spielend ihre kleine Hand in seine, als Narcissa sich demonstrativ hinter den Sessel ihres Mannes stellte. "Severus hat mich ein wenig mit seiner Anwesenheit überrumpelt, könnte man sagen." Ein vielsagender Blick traf die schwarzen Augen Snapes. "Außerdem ist er schuld daran, dass ich morgen zwei, anstatt eines Stapels bürokratischen Nonsenses bearbeiten muss", Lucius hauchte einen Kuss auf Narcissas Handfläche, bevor er sie wieder freigab und schaute dann liebevoll zu ihr empor, "und somit keine Zeit für meine hinreißende Frau haben werde." Narcissa lächelte ihn mit gespielter Skepsis an. Sehr gut, Lucius, lobte sie im Stillen ihren Ehemann. Sie beide kannten die Spielregeln einer "perfekten Ehe" genau und hatten mit der Zeit gelernt, das Spiel in einer nie zuvor da gewesen Perfektion zu vollenden. Sie selber hatte sich in der Vergangenheit ab und an den Luxus gestattet, auf die schöne Fassade hereinzufallen, anstatt die unschöne Wahrheit zu konfrontieren. "Nun gut. Dann werde ich euch zwei nicht länger mit meiner Anwesenheit belästigen. Ich bin sicher, dass ihr euch noch eine Menge zu erzählen habt." In genauso perfekter Manier wie sie den Raum betreten hatte, verabschiedete sie sich auch wieder und machte sich auf direktem Weg in den Garten.
***
Kalt. Narcissa hatte vollkommen vergessen wie ungewöhnlich kalt es selbst zu dieser Jahreszeit abends in England werden konnte. Erneut zog sie ihren hellen Umhang enger um ihre Schultern und rieb sich die Oberarme. Wenn Severus sich nicht beeilen würde, würde sie hier draußen wahrscheinlich erfrieren. Sie hoffte inständig, dass er genug Verstand besaß, seinen Aufenthalt in Malfoy Manor nicht länger als nötig nach ihrem Abgang zu gestalten. Dann kam ihr ein Gedanke und Narcissa zog ihren Zauberstab aus ihrer Manteltasche. Endlich einmal zahlte sich der Umstand Hexe zu sein wirklich aus. Nach ein paar geflüsterten Worten durchflutete eine angenehme Wärme ihren Körper und die weiße Kalksteinbank, auf der sie saß. Die Laube war gut versteckt, im Dunkel der hohen Kiefern und der Buchsbaumhecke, hinter der sich die Bank befand. Die Hecke war nicht unweit von dem, ebenfalls aus Buchsbaum bestehenden, kleinen Irrgarten des Anwesens entfernt, so dass nicht jeder sie ohne weiteres hätte finden könnte. Dann hörte sie Schritte.
"Severus." Narcissa ließ sich in seine Arme fallen und schloss die Augen, als sie ihren Kopf in seiner Halsbeuge versteckte und seinen Geruch einatmete. Es war ein überwältigendes Gefühl wieder in seiner Nähe zu sein. Einfach nur bei ihm zu sein. Warum konnte er sie nicht für immer festhalten? "Narcissa?" fragend schob er sie von sich weg und sah Tränen in ihren traurigen, blauen Augen. "Severus, ich hab Angst." Narcissa fühlte wie ihre Beine zu versagen drohten, als Severus sie wieder haltend an sich zog. "Ich weiß nicht was ich tun soll." Ihr kindlicher hilflos- verzweifelter Gesichtsausdruck tat seine Wirkung. "Ich liebe dich", hauchte sie unter Tränen und ihr Mund fand den seinen. Narcissa ließ ihre Hände langsam über seine Brust hinauf zu seinem Hals wandern und verschränkte sie dann hinter seinem Kopf, als sich ihr gesamter Körper der Länge nach an ihn schmiegte. Gott, sie liebte ihn so sehr, dass es wehtat. Jede Minute, die sie ohne ihn war, war wie die gerechte Strafe Gottes für den Verrat an der Liebe, den sie Jahre zuvor mit ihrer Heirat begangen hatte. Vielleicht war es gerade die plötzliche, körperliche Nähe, die Severus wieder zu Verstand kommen ließ. Nicht unwirsch, aber dennoch nachdrücklich, schob er sie erneut von sich. "Nein." Zu verwirrt von all den unbekannten Emotionen und Ängsten ließ Narcissa sich widerstandslos von ihm zurück auf die Bank drücken. Severus kniete sich vor ihr hin und nahm ihre, erneut erkalteten, Hände in die seinen. Narcissa lehnte sich nach vorne und betrachtete das Gesicht ihres Geliebten verzweifelt. "Was sollen wir nur tun? Wir müssen es ihm sagen. Ich kann es nicht immer geheim halten. Ich kann einfach nicht mehr..." Ihre Tränen fielen hemmungslos und sie versuchte ohne Erfolg, sie mit dem Ärmel ihres Umhanges zu vertreiben. Severus griff nach ihrer linken Wange und strich ihr sanft eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr. Hypnotisch strichen seine langen Finger über ihre rosige Wange, als er versuchte sie zu beruhigen. "Narcissa, du musst jetzt sehr stark sein, hörst du? Nicht für mich, nicht für dich, sondern für unser Kind." Er schluckte hart und wagte kaum sie anzusehen. Warum war es nur so verdammt schwer sie von seinem Entschluss in Kenntnis zu setzen? Zwar waren noch keine Anzeichen für eine Schwangerschaft erkennbar, doch aus purem Instinkt griff Severus' Hand nach ihrem Unterleib und legte sie schützend darüber. "Unser Kind..."er stockte und schloss die Augen. "...wird als ein Malfoy aufwachsen." Endlich fasste er wieder den Mut, ihr in die Augen zu blicken und was er sah schmerzte mehr als Voldemorts Cruciatus Fluch es jemals vermocht hätte. Er hatte sie verstoßen. Ihr Vertrauen missbraucht. Das war alles, was er aus ihren blauen Augen lesen konnte. Wie ein gefallener Engel saß Narcissa auf der weißen Steinbank. Ihre Lippen waren blau geworden von der eisigen Kälte und erste Regentropfen gesellten sich zu den getrockneten Tränen auf ihrem Gesicht. "Weißt du, was du da von mir verlangst? Ich..." Ihre Stimme versagte, als ihr Verstand ihr aufzeigte, welche Konsequenzen diese Entscheidung haben würde. Sie war einfältig gewesen zu glauben, dass es ein gutes Ende für sie beide hätte geben können. Ja, einfältig. Lucius hätte sie eher getötet, als sie einem Anderen zu überlassen. Hatte er sie jemals geliebt? Narcissa wusste es nicht genau. Aber ein Malfoy teilte nicht. Eine Scheidung ähnlich der der Muggel gab es in der Zauberwelt nicht. Bis dass der Tod euch scheide... "Werde ich dich wieder sehen?" fragte Narcissa, unfähig ihr gebrochenes Herz aus ihrer Stimme zu verbannen. "Natürlich... Schließlich sind dein Ehemann und ich gut befreundet." Es war nicht die Antwort auf die Narcissa gewartet hatte, doch Severus konnte sich in diesem Moment zu keiner anderen Antwort durchringen. "Lucius wird dir ein guter Mann sein. Ich werde schon bald für einige Wochen nach Deutschland gehen. Es ist eine Schulveranstaltung. Ich nehme an, dass du bis dahin Lucius davon überzeugt hast, dass er Vater wird?" Severus konnte kaum fassen, was er da gerade gesagt hatte und er wagte nicht, sich vorzustellen, wie tief er Narcissa mit seinen Worten getroffen hatte, wenn auch er die Klinge bereits in seinem Herzen gespürt hatte. "Natürlich." Narcissa entzog Severus ihre zerbrechlichen Hände. "Ich möchte, dass du mich jetzt allein lässt, Severus." Es kostete ihn große Überwindung, sie einfach so zurückzulassen, doch alles andere wäre falsch gewesen. Wenn er jetzt wieder zu ihr ging, um sie zu trösten, würde alles wieder von vorne beginnen. Das war Narcissa bewusst, als sie Severus fortschickte.
Als sie die Schritte sich entfernen hörte, brach sie auf dem kalten Steinboden zusammen und ließ sich erstmals von ihren Gefühlen übermannen. Narcissa wusste nicht, wie lange sie im Regen gelegen hatte, doch als sie ihre klammen Glieder nicht mehr zu spüren drohte, stand sie auf und ihr Blick traf ihr Spiegelbild im Wasser eines stillgelegten Springbrunnens. Doch die Person, die ihr entgegensah, kannte Narcissa nicht. "Nein." Entsetzt über sich selbst fand die junge Frau endlich wieder zu sich. "Ich bin Narcissa Malfoy", sagte sie laut, um sich selbst davon zu überzeugen. Ja, sie war Narcissa Malfoy. Sie war stark. Mit einem Wink ihres Zauberstabs, beseitigte sie die letzten Zeugnisse ihres Zusammenbruchs und spielte wieder ihr Spiel. Sie war Narcissa Malfoy und sie würde nicht untergehen! Stolz, um nicht zu sagen arrogant, ging die junge Frau mit wehendem Umhang auf das Anwesen zu. Lucius wartete bereits auf sie.
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