Zurück
 
Intra unguis mortifer - In den Klauen der Bestien
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
 
 

Intra unguis mortifer - In den Klauen der Bestien

Teil 1
© by Kitty ()
 
Disclaimer (muss sein, seufz...): Einige der hier verwendeten Personen sind das Eigentum von 20th Century Fox, Chris Carter und Ten Thirteen Productions. Einige Elemente dieser Fic sind angelehnt an die Romane "Dino Park" und "Lost World" von Michael Chrichton. Quellenangaben zur verwendeten Sachliteratur am Ende der Fic, ebenso eine Kapitelüberschriften-Erklärung.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
PROLOG: NEOGENESIS

 

Am fünften Tag stellte Gott fest, dass ihm das, was er geschaffen hatte, nicht gefiel.

"Tiere", sprach er, "ihr habt doch ganz anders aussehen sollen!"

Und er ärgerte sich darüber, dass sie ihm misslungen waren. Ergriffen von seinem Zorn über die misslungenen Geschöpfe ballte er die im Weltraum dahinschwebenden Gase und Körper zu einem gewaltigen Asteroiden zusammen und schleuderte ihn auf die Erde, so wie ein enttäuschtes Kind seine Sandburg zerstört, wenn es sieht, dass sie zum Untergang geweiht und zudem noch nicht so recht gelungen ist.

 

Die Kreaturen, die auf der Erde weilten, wussten nichts von Gottes Zorn. Sie waren vollkommen ahnungslos, bis sie eine zweite Sonne am Horizont aufgehen sahen, die auf die Erde hinabzustürzen schien.

Gleißendes Licht überflutete Wälder und Meere. Immer länger wurde der Feuerschweif, strahlte bereits fünfzigmal heller als die Sonne.

Die Tiere erblindeten beim Anblick des grellen Geschosses, hörten bloß den gewaltigen Aufprall, der die Erde erzittern und sämtliche Wälder in Flammen aufgehen ließ. Heißer Dampf quoll aus den Ozeanen und sammelte sich am Firmament..

Eine riesige Flutwelle türmte sich auf und umrundete mehrmals die Erde. In der Folge erschütterten gewaltige Explosionen die Ozeane und Kontinente. Vulkane brachen aus und schleuderten Magma aus dem Erdinneren heraus. Dampf- und Aschewolken, groß wie ganze Erdteile, ballten sich am Himmel zusammen und verdeckten für Monate die Sonne.

Unzählige Tiere starben. Manche erstickten, andere ertranken in den Flutwellen. Tausende von Arten verendeten nach und nach, weil sie die drastischen Klimaveränderungen nach der Katastrophe nicht ertragen konnten, oder weil ihre Nahrungsquellen vernichtet worden waren.

 

Doch noch während die Nachwirkungen des Asteroiden auf der Erde wüteten, erkannte Gott, wie töricht und ungehalten er gewesen war, denn er hatte Leben zerstört. Und so hässlich und unmöglich geformt es auch gewesen war, es war ein Teil Gottes, denn er hatte es geschaffen.

Reumütig sammelte Gott die wenigen Überlebenden der Kreaturen zusammen und setzte sie auf eine Insel, die von den Katastrophe weitestgehend verschont geblieben war.

"Es sei diese Insel euer Zufluchtsort", sprach er. "Alles ist euch hier gegeben, um zu überleben, Pflanzen und Wasser in Hülle und Fülle. Es wird euch hier an nichts fehlen. Doch ist diese Insel der einzige Ort, an dem es euch gestattet ist, in Frieden zu leben. Verlasst sie niemals, denn dort draußen, über dem Wasser, auf den Kontinenten, ist die Welt eine andere, als ihr sie kennt. Und sie wird auch nie wieder zu dem werden, was sie einmal war..."

Und Gott ließ die Kreaturen allein, um zu seiner Arbeit zurückzukehren, denn er musste neue Tiere erschaffen. Und er war viel zu beschäftigt, um den Grobentwürfen seiner Schöpfung auch nur eines Blickes zu würdigen.

 

Die meisten Kreaturen waren traurig, fügten sich aber ihrem Schicksal und lebten friedlich auf ihrer Insel. Doch es gab auch Wesen, die von dem Hass auf Gott zerfressen wurden. Dieser Hass wuchs von Tag zu Tag, Woche zu Woche und Jahr zu Jahr. Und die wütenden Kreaturen schworen, an jedem neuen Wesen Gottes Rache zu nehmen, dafür, dass es ihren Platz auf Erden hatte einnehmen dürfen. Und sie wussten, dass irgendwann die Zeit kommen würde, die Insel, den schrecklichen Ort der Verbannung, zu verlassen, um in die Welt zu ziehen und Gerechtigkeit walten zu lassen, allüberall auf Erden...

 

 

 
KAPITEL 1: LITUS

 

Oktober 1943 / In der Nähe der Philippinen

 

Die Situation an Bord des ersten atomgetriebenen U-Bootes der Welt war relativ ruhig, als das Schiff 30 Meter unter der tobenden Wasseroberfläche Kurs auf Basilian Island nahm. Vor zwei Monaten in Bremerhaven in Dienst genommen und den verfeindeten Staaten sowie dem Großteil der eigenen Bevölkerung völlig unbekannt, besaß das U-Boot einen Kernreaktor zur Erzeugung des überhitzten Dampfes, der die zwei Turbinen und damit die beiden Wellen antrieb. Die Nautilus war nicht in Serie gebaut worden, sondern ein Einzelstück, ein Unikat. Und sie war im Versuchsstadium. Die Nationalsozialisten erhofften sich mit ihr eine positive Wende im U-Boot-Krieg. Nach den entmutigenden Niederlagen in Stalingrad und Afrika und der Kapitulation Italiens war es stetig bergab gegangen. Enigma war ebenfalls unbrauchbar geworden. Dabei galt diese Verschlüsselungsmaschine als die trickreichste und genialste, die jemals erbaut worden war. Sie sei so brillant, hatten sich die Konstrukteure gerühmt, dass ihr Code nicht einmal dann entziffert werden könne, wenn eine der Maschinen dem Feind in die Hände fiele. Das war recht glaubhaft erschienen. Enigma besaß eine Tastatur mit 26 Buchstaben und ein Anzeigenfeld mit 26 Glühlampen. Tasten und Glühlampen wurden über einen komplizierten Stromkreis verbunden - und die Art der Verbindung wechselte mit jedem Tastendruck. Auf diese Weise ersetzte die Chiffriermaschine jeden Buchstaben des Alphabets gleich häufig mit jedem anderen. Funksprüche, die mit Enigma verschlüsselt worden waren, waren den gegnerischen Abhördiensten aufgefallen, gerade weil sie so unauffällig waren: Alle Buchstaben waren gleich oft vertreten. Vom Kriegsbeginn an hatten die Kryptologen in England über dem deutschen Code gebrütet: In Bletchley Park, einer herrschaftlichen Villa in der Nähe Londons, hatte die englische Regierung Mathematiker, Schachspieler und Militärs zum größten Entschlüsselungsprojekt aller Zeiten versammelt. Bald arbeiteten dort über 10.000 Menschen in eilig aus dem Boden gestampften Holzhütten. Um den großen Anforderungen gewachsen zu sein, hatten die Entschlüssler sogenannte Bomben entwickelt: Ständig tickende Automaten, die alle Einstellmöglichkeiten von Enigma systematisch durchprobierten. Binnen weniger Stunden hatten diese Maschinen den Tagescode von Enigma geknackt. Und nun taten sie es täglich, um den Befehlen und weiteren Kriegsstrategien der Deutschen auf die Schliche zu kommen.

Ein weiterer Rückschlag war die Einführung des Sonars bei der englischen U- Boot-Flotte vor wenigen Monaten gewesen. Diese hatte den deutschen Booten schwer zugesetzt. Zu viele waren aufgespürt und zerstört worden.

Die Nautilus war das erste deutsche U-Boot, das ebenfalls über ein Sonar verfügte, das man durch Industriespionage in England nach Deutschland gebracht hatte. Und durch eben diese wurde sie auch zum einzigen Atom-U-Boot auf der gesamten Welt. Sie übertrumpfte alle anderen Unterseeboote an Schnelligkeit und schaffte locker an die 30 Knoten unter und über Wasser, während der Feind zwischen fünf und fünfzehn Knoten langsamer war. Auch konnte der nur bis zu 130, höchstens 150 Meter tief tauchen, während die Nautilus noch in einer Tiefe von 500 Metern operieren konnte. Ein gewaltiger Vorteil, den sie in den letzten Wochen unter Beweis stellen sollte.

 

"Irgendwas im Sonar, Leutnant?", fragte Friedrich Semmel, der Kapitän der Nautilus.

Der Angesprochene lauschte in seine Kopfhörer, während er den flimmernden Monitor beobachtete, dessen Funktion darin bestand, den Unterschied zwischen dem Hintergrundgeräusch und einem in einer bestimmten Richtung befindlichem Objekt darzustellen. Jedes Objekt innerhalb der Reichweite erschien als helle Linie auf einen grauen Hintergrund.

"Viel Oberflächenaktivität durch den Sturm, sonst nichts, Kapitän."

"Gut. Halten Sie mich auf dem Laufenden. - Leitender Ingenieur, wie ist unser Waffenstatus?"

Der Erste Maschinist sah von seiner Konsole auf. "Zwei Torpedos feuerbereit auf Ihr Kommando, Kapitän."

"Gut."

Der Leutnant sah plötzlich von seinem Monitor auf. "Ich habe unser Objekt geortet, Kapitän. Die USS Crabbin."

Der Angesprochene fuhr herum. "Vorzüglich! Ihr kennt unseren Auftrag, Jungs. Ab jetzt gilt's. - Navigator, zehn Grad nach oben!"

"Aye, aye."

Semmel registrierte die Ruhe an Bord mit äußerster Zufriedenheit. Er hatte mit seiner Mannschaft den Plan D schon tausendmal besprochen. Jeder auf der Nautilus wusste, was er zu tun hatte. Und das war gut so. Denn die Fracht, die die USS Crabbin mit sich führte, bedeutete Alarmstufe Rot für das nationalsozialistische Regime. Durch Zufall hatte man von diesem Transport erfahren, der aus neuentwickelten Waffen der USA bestand, die auf irgendeiner Insel der Philippinen in Stellung gebracht und gegen Deutschlands Verbündeten Japan eingesetzt werden sollten. Doch dazu sollte es laut Hitler und der NSDAP nicht kommen.

"Kapitän, die USS Crabbin ist jetzt noch 200 Meter voraus."

Semmel nickte. "Leitender Ingenieur, auf Sehrohrtiefe."

"Sehrohrtiefe, aye, aye."

Während das U-Boot emporstieg, drückte Semmel das Gesicht an den Gummiwulst des Periskops und starrte in die Dunkelheit. Das für Nachtsicht konzipierte Gerät zerlegte die Finsternis über der Wasserlinie in Grauschattierungen, doch der Sturm und die heranrollenden Wogen reduzierten die Sicht erheblich. - Ein Blitz. Die tobende Sulusee war in helles Licht getaucht, und für einen kurzen Augenblick erblickte Semmel den Umriss des Frachters.

 

 

 
zwei Minuten später an Bord der USS Crabbin

 

Grollend entlud sich das tropische Gewitter über dem Ozean. Das Meer warf hohe Wellen auf, die messerscharfen Schwertern gleich ineinander schlugen, sich sprengten, auftürmten und ihre Gischt, die einem Schauerregen gleich in den Himmel schoss, in den Wind streute. Die USS Crabbin wurde wie ein Papierboot hin und her geschleudert, trieb völlig ausgeliefert zwischen den Wellen. Das Wasser schlug mit all seiner Kraft, die es zu entwickeln im Stande war, gegen den Rumpf. Hohe Wellen stiegen empor, ihre Ausläufer überspülten das Deck. Grell zuckte ein Blitz durch die schwarzen Wolken, ein heftig krachender Donner folgte, der die Menschen an Bord kurz innehalten ließ und ihnen bei dem Anblick des tobenden Ozeans, der Welle um Welle, Gischt um Gischt aus sich herausschleuderte, den Atem nahm.

Captain Matthew Cornon starrte müde in sein Whiskyglas. Nachdenklich fuhr er sich durch den vollen, grauen Bart und über die von schwarzen Ringen und tiefen Falten umrandeten Augen. Dann schüttelte er den Kopf.

"Nein, Smith. Wir können nicht umkehren. Wir müssen Basilian Island erreichen."

"Aber Captain", wandte der Steuermann ein. "Es ist unmöglich, die Insel bei diesem Sturm anzulaufen..."

"Wenn ich jetzt umkehren würde, wäre ich ja blöd!", schrie Cornon. "Wir machen hier keine Spazierfahrt, Smith! Wir haben Krieg! Und wenn wir diese verfluchten Dinger, die unter meinen Füßen im Frachtraum liegen, nicht zum vereinbarten Termin nach Basilian Island bringen, werden wir nicht nur 'nen Haufen Ärger kassieren, darauf können Sie Gift nehmen!"

"Meinetwegen", brummte Smith und starrte durch das Bullauge auf den zürnenden Ozean. "Das ist immer noch besser, als Ersaufen."

"Es wird keiner ersaufen, verstanden?", brauste Cornon auf. "Wir werden es nach Basilian Island schaffen! Ist das jetzt endlich klar?"

Smith und Miller sahen sich vielsagend an.

"Wir können jeden Moment auf ein Riff auflaufen. Das Schiff ist kaum steuerbar. Bei dem Sturm ist das auch kein Wunder. Wir könnten doch Sabah anlaufen, bis sich das Gewitter gelegt hat..."

"Nichts da, Smith! Der Zeitplan wird eingehalten!", befahl Cornon unerbittlich.

Das Schiff wurde von einer gewaltigen Welle erfasst und hart zur Seite gerissen. Das Stampfen der Maschinen klang mühsam und schwerfällig aus der Tiefe des Schiffleibes. Von irgendwoher erscholl ein dumpfes Rumpeln.

Auf der Kommandobrücke waren alle Lichter eingeschaltet. Besorgt überprüfte Smith immer wieder die wichtigsten Skalen und Displays: Radarschirm, Echolot, Kompass. Er beugte sich zur Sprechanlage vor, seine Stimme war heiser vor Anspannung.

"Wir verlieren Druck auf beiden Maschinen, Captain. Wenn wir unter fünf Knoten abfallen, kann ich bei dieser Strömung und diesem Sturm den Kurs nach Basilian Island nicht mehr halten."

Er konnte den Maschinenraum nicht sehen, aber er konnte sich vorstellen, wie es da unten aussah. Der Ingenieur wischte sich mit dem Unterarm die Schweißperlen ab. Dabei hinterließ er auf der Stirn eine breite Spur von Schmieröl.

"Der Druck fällt!", rief er verzweifelt. "Wir tun, was wir können!"

Als schaurige Untermalung seiner Worte setzte hinter den Männern unvermittelt ein hartes, metallisches Rumpeln ein. Der Ingenieur und seine Crew standen wie erstarrt.

Die Drehzahl der Maschinen sank ab, begleitet von mahlenden und knirschenden Geräuschen, die den Männern durch Mark und Bein gingen. Ihre Blicke richteten sich wie gebannt auf die Anzeigegeräte, deren Zeiger den Nullpunkten entgegensanken, als würden sie von unsichtbaren Kräften angezogen.

Auf der Brücke schrie Cornon in das Mikrofon der Sprechanlage.

"Holt das Letzte heraus! Die letzten Reserven!"

"Es gibt keine Reserven mehr", antwortete der Ingenieur dumpf.

Auf einmal verdunkelte sich das Licht. Die Lampen flackerten und erloschen im nächsten Moment vollends.

"Schaltet die Notstromversorgung ein!", brüllte der Captain.

Doch es blieb dunkel.

"Verdammte Scheiße!", fluchte Cornon. Einen Atemzug lang stand er da, als würde er kraftlos in sich zusammensinken. Dann rief er dem Unteroffizier zu: "Senden Sie SOS! Verbinden sie mich mit der Coast Guard und besorgen Sie mir dann eine Verbindung mit der Seenotstelle in San José! Dallidalli!"

Der Mann gehorchte, während Smith zum Hauptdeck hinaufrannte, die Signalfeuerpistole in den schweißnassen und zitternden Händen haltend. Er nahm jeweils drei Stufen mit einem Sprung, griff nach dem Geländer und zog sich aus dem Schacht, auf das sturmgepeitschte Deck hinaus. Gegen den schneidenden Wind und die eisige Gischt ankämpfend, die ihm in den Augen brannte, arbeitete er sich zur Reling vor, klammerte sich mit der linken Hand daran fest, während er die Signalpistole in der rechten anhob und den Lauf auf die über ihm dahinjagenden Wolken richtete.

 

Jäh drang ein urgewaltiges Kreischen und Knarren durch die Stille. Ein Ruck lief durch den Schiffsrumpf, als er an seiner Unterseite aufgeschlitzt wurde wie eine Sardinenbüchse.

Cornon und der Rest der Männer an Bord hielten sich fest. Am Liebsten hätten sie sich die Ohren zugehalten, denn das Aufreißen des Rumpfes war ein grauenhaftes Geräusch.

"O mein Gott!", flüsterte der Kapitän.

 

An Deck drückte Smith auf den Abzug. Ein grelles Gleißen schoss hinaus in die Schwärze der Nacht.

 

Das Aufreißen des Rumpfes schien nicht enden zu wollen. Und dann, irgendwann in diesen Sekunden, die sich zu einer Ewigkeit dehnten, geschah es: Ein deutscher Torpedo schoss aus der Tiefe des Ozeans herauf und zerfetzte das Heck der USS Crabbin. Der freigewordene Druck der Superwaffe schob das Schiff über das Riff hinüber, zurück in tieferes Wasser. Der Frachtraum wurde schier in der Luft zerrissen. Mit ihm ging die Fracht des Schiffes hoch. Eine gewaltige Explosion erschütterte den amerikanischen Frachter, der jeden Moment zu bersten drohte.

Smith schrie, als er den Halt verlor und über die Reling in die tosende See geschleudert wurde. Eisige Kälte empfing in. Nach Luft schnappend tauchte er wieder auf, den Blick fassungslos auf den Frachter gerichtet, der gleich der legendären Titanic in der Mitte durchbrach. Dort, wo einst der Maschinenraum gewesen war, schlugen hohe Flammen empor, Explosionen erschütterten Schiff und See.

Smith klammerte sich an eine aus dem Deck geborstene Planke und schwamm los, fort von dem Schiff, um dessen Sog zu entkommen, der es stetig nach unten zog. Und dann brachten die Wellen, die die USS Crabbin zischend überspülten und mit sich in die Tiefe rissen, endgültige Dunkelheit. Mit schrecklichem Getöse türmten sich die Wellen über das von Menschenhand erschaffene Gebilde, umschlossen es wie eine riesige Hand, die ein zerbrechliches Spielzeug umschließt und zerdrückt. Gurgelnd vergrub die auch noch weiterhin tobende See das Schiff unter sich und gab es nie wieder Preis...

 

 

 
eine Viertelstunde später

 

Smith war viel zu erschöpft, um Erleichterung zu verspüren, als er körnigen Sand unter seinem Körper fühlte, festen Boden, über den die Ausläufer der Wellen leckten. Es war kalt und windig, der Mann fror am ganzen Leib, doch war er zu entkräftet, um aufzustehen und seine Kleidung auszuwringen, sich zu bewegen. Das einzige, wozu er fähig war, war zu hoffen, dass sein Signal gesehen worden war und dass man nach Überlebenden der Katastrophe suchen würde. Ein japanisches Schlachtschiff vielleicht, besser ein philippinisches Fischerboot...

Smith hörte hastende Schritte im Sand, die sich ihm rasch näherten. Erleichtert hob er den Kopf, sich einbildend, die Rettung sei bereits an Ort und Stelle. Er suchte den Strand nach Menschen ab, erblickte jedoch nicht einen. Alles, was er sah, war eine große schlanke Gestalt, haarlos und hässlich, die rasch auf ihn zukam. Als sie vor dem Mann stehen blieb, blickte Smith in die kalten Augen des Grauens hinauf. Und seine Schreie erfüllten die von Regen gepeitschte Nacht...

 

 

 
KAPITEL 2: VETUSTAS

 

Sonntag, der 24.September 1998

 

Minto war ein idyllisches kleines Nest im Osten des US-Bundesstaates Pennsylvania. Die schmalen Straßen wurden zu beiden Seiten von mehreren Einfamilienhäusern und Gehöften gesäumt, nur in der gerade mal zweispurigen Main Street gab es vereinzelte Reihenhäuser, die meist kleinere Geschäfte beinhalteten: einen Bäcker, einen Metzger, einen kleinen Kiosk und einen Gemischtwarenladen, in dem man lebensnotwendige Artikel erstehen konnte. Außerdem gab es noch ein kleines Rathaus, eine weißgetünchte Kirche, die Anfang dieses Jahrhunderts gebaut worden war, und ein in der Regel unterbesetztes Hotel. Minto war weit davon entfernt, als "Stadt" bezeichnet zu werden. Es handelte sich lediglich um eine Ansammlung von Gehöften, die Getreide und Mais anbauten und vom Verkauf diverser Milchprodukte lebte. In den letzten paar Jahren waren lediglich einige Menschen zugezogen, die die Stadtluft nicht mehr hatten ertragen könnten und sich nach einem ruhigen Leben auf dem Land gesehnt hatten. Und dementsprechend geschah in dem Dorf kaum etwas, was Aufsehen erregte.

Bis auf eine Sache...

 

Es war ein Sonntag, als es geschah. Die meisten Einwohner Mintos waren zur morgendlichen Messe in die Kirche gegangen. Demnach war es still in den Straßen, und nur selten hörte man einen Hund bellen oder eines der Schafen auf den Weiden blöken.

Auch im Haus der Rogers war es still. Terry war allein. Der Elfjährige hatte sich mit einer Tasse dampfendheißem Kakao und einem Teller Gebäck auf der Wohnzimmercouch in eine Decke eingemummelt und schaute sich Men in Black an. Er kannte den Film inzwischen auswendig, so oft hatte er ihn schon gesehen. Aber Will Smith war einfach ein toller Typ und die eingängige Musik des Filmes ein echter Ohrwurm. Und vor Allem vertrieb er die lästige Langeweile, die Terry zu befallen drohte. Der Junge hockte auf der beigen Couch, zog die Beine an sich heran und schlang die Arme um seine Knie, während er amüsiert die Szene mit dem Alienbaby anschaute, diesem rosafarbenen Geschöpf mit Tentakeln und mandelförmigen Augen, das in den Armen von Will Smith lag und zu ihm aufzublicken schien.

Terry nippte an seinem Kakao und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Seine Mum würde erst in einer knappen halben Stunde zurückkommen, wenn die Messe so lange dauern würde, wie sonst auch. Rachel Rogers ging jeden Sonntag in die Kirche. Sie war sehr katholisch erzogen worden und ihrem Glauben über all die Jahre treu geblieben. Seit dem Tod von Terrys Vater schien es beinahe, als hätte sich ihre Gläubigkeit sogar noch gefestigt. Allerdings hatte sie ihren Sohn nie dazu gezwungen, sie zur Sonntagsmesse zu begleiten. Terry mochte Kirchen nicht, und mit Gott wusste er recht wenig anzufangen. Seine Mutter akzeptierte seine Meinung ebenso, wie er ihre akzeptierte.

Browser, der große schwarze Labrador der Nachbarsfamilie, schlug an, und Terry drehte den Kopf, um aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße blicken zu können. Irgend jemand musste dort entlanggehen. Dem war auch so. Terry erkannte Ed Webber, den pensionierten Anwalt, der nun den kleinen Kiosk in der Main Street führte. Der Mann lief leicht gebeugt, sein faltiges Gesicht erschien verknöchert und von beinahe grauer Farbe. Terry wusste nicht, wie alt Webber war, doch es hätte ihn nicht verwundert, wenn der Mann behaupten würde, hundert zu sein.

Allerdings war Ed Webber nicht interessant genug, um ihm so lange nachzuschauen, bis er aus Terrys Blickwinkel verschwinden würde, und so schenkte der Junge seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm. Er streckte seine rechte Hand nach dem Teller mit den Plätzchen aus und schob sich einen Butterkeks in den Mund.

In diesem Moment erscholl ein markerschütternder Schrei, und Terry fuhr erschrocken hoch. Mit weitaufgerissenen Augen starrte er aus dem Fenster und ließ mit bleichem Gesicht seinen halbaufgegessenen Keks fallen, als er sah, was sich draußen abspielte.

Ed Webber lag am Straßenrand und versuchte verzweifelt, wieder auf die Füße zu kommen. Er schrie und schlug um sich. Auf seinem Rücken saßen zwei grüne Tiere, das eine hatte sich im Hals des Mannes, das andere in der zerschlissenen Jacke verbissen. Um den schreienden Webber herum standen noch drei weitere grüne Tiere. Sie waren recht groß, etwa wie ein Kind. Sie liefen auf den Hinterbeinen, die Vordergliedmaßen benutzten sie wie Arme. Sie sahen beinahe aus wie Kängurus, doch die Köpfe passten absolut nicht zu eben diesen Tieren, denn sie waren massiger, sehr kantig und mit teilweise roten Kämmen versehen. Sie sahen aus wie die Köpfe von Echsen.

Die Wesen sprangen um und auf dem alten Mann herum, bissen ihm in Arme und Beine, teilweise auch ins Gesicht, rissen tiefe, ausgefranste Wunden. Teilweise zerrten sie sogar ganze Fleischbrocken aus dem Körper des Mannes, der noch immer schrie und ungelenk nach den Biestern schlug, die jedoch geschickt auswichen.

Im Nachbarsgarten warf sich Browser laut bellend gegen den Zaun, seine Lefzen waren hochgezogen und sein kräftiges Gebiss entblößt. Der schwarze Labrador führte sich auf wie toll, dennoch nahmen die Echsen nicht einmal Notiz von ihm. Unverdrossen fuhren sie fort, den alten Webber zu attackieren.

Terry schien wie aus einer langen Trance zu erwachen. Nach den ersten Sekunden des Schocks raffte er sich auf und stürzte zum Fenster. Dabei zog er das Tablett von Tisch, das seine Mum benutzt hatte, um die Kekse zu backen. Noch dazu griff Terry nach dem Schürhaken, der neben dem Ofen stand. Er erreichte das Fenster und riss es auf.

"Mister Webber!", schrie er, während er sich mit dem Tablett und dem Haken aus dem Fenster lehnte. Heftig begann er, mit dem Haken auf das Metall einzuschlagen. Der dadurch produzierte Lärm ließ die grünen Tiere von dem alten Mann ablassen und verwirrt umherschauen.

"Haut ab!", schrie Terry und hämmerte noch heftiger auf das Tablett.

Die Tiere sahen ihn verwirrt an, nickten mit den Köpfen. Eines zischte sogar in seine Richtung. Dennoch wirkten sie verunsichert.

Terry schleuderte kurzentschlossen den Schürhaken nach ihnen und traf eines der Tiere an der Flanke. Das Wesen jaulte auf und sprang erschrocken zur Seite. Die anderen duckten sich und wichen zurück.

Terry nahm die Glasschüssel, die unter dem Fenster auf einem kleinen Vertiko stand, und warf auch sie nach den Tieren. Die Schüssel knallte vor den Füßen der Wesen auf den Asphalt und zersprang in tausend Stücke. Die Glassplitter flogen weit, trafen die Beine der Tiere und fügte ihnen die eine oder andere Schnittwunde zu. Fiepend und zischend wichen die grünen Wesen zurück und ergriffen letztendlich die Flucht. Mit großen Sprüngen eilten sie davon und verschwanden im nahen Wald.

Terry sprang aus dem Fenster nach draußen und lief auf Ed Webber zu, der noch immer auf der Straße lag. Browser rannte pausenlos am Zaun des Nachbargartens hin und her und bellte wütend. Die dunklen Hundeaugen blitzten zornig auf und starrten in Richtung Wald.

Einen halben Meter von Webber entfernt blieb Terry stehen und sah zu dem Mann hinab, der mit dem Gesicht auf dem Asphalt lag.

"Mister Webber?" Sanft berührte der Junge den Verletzten an der Schulter und rüttelte ihn leicht. "Mister Webber?"

Doch der Mann regte sich nicht. Und als Terry ihn umdrehte, sah er in weitaufgerissene, tote Augen...

 

 
Am frühen Nachmittag
Minto

 

Terry bezweifelte, jemals zuvor in seinem Leben so viele Polizeiwagen auf einmal gesehen zu haben. Die gesamte Straße war erfüllt vom Sirenengeheul der Ambulanzwagen, dem Rauschen der Walkie-Talkies und dem Stimmengewirr der Menschen. Zwei Sanitäter schoben gerade die Trage, auf der der tote Ed Webber lag, in das Fahrzeug des Red Cross und verscheuchten unwillig eine Handvoll Reporter, die aus der Umgebung angereist war, um das Spektakel mitzuverfolgen. Polizeibeamte, egal ob in Uniform oder in Zivil, durchkämmten die Vorgärten und den nahen Waldesrand, suchten vergeblich nach Spuren, die Aufschluss über die Art des Angreifers geben könnten.

Terry stand neben dem leitenden Inspektor, Jaques Gilbert, der gerade beobachtete, wie zwei Beamte die Silhouette des Leichnams mit Kreide deutlicher nachzogen. Beim Abtransport des Mannes waren die Konturen an einigen Stellen deutlich verwischt worden.

"Ich weiß, was für Tiere das gewesen sind", sagte der Junge, während er den Inspektor fest anblickte.

Gilbert wandte den Blick von den Beamten ab und starrte Terry lange und ungläubig an.

"Du hast es gesehen?"

"Ja, Sir. Es waren Echsen. Grüne Echsen, die auf den Hinterbeinen liefen. Einige von ihnen hatten so komische rote Dinger auf den Köpfen..."

"Zweibeinige Eidechsen, ja?", wiederholte Gilbert, und man konnte deutlich den Spott aus seiner tiefen Stimme heraushören.

"Ja, ich habe eines von ihnen gezeichnet." Der Junge hielt ein Bild in die Höhe.

Der Inspektor warf nur einen flüchtigen Blick darauf.

"Wohl zuviel Jurassic Park geguckt, was?", schnaubte Gilbert und machte eine abwertende Handbewegung. "Los, geh' nach Hause, Junge, und lass uns in Ruhe arbeiten."

"Aber Sir!" Terry schnappte nach Luft. "Ich habe sie gesehen!" Er lief hinter dem Mann her, der sich von ihm abgewandt hatte und zu einem der Polizeiwagen hinüberging. "Sie sahen genau so aus, ich schwöre es!"

Der Inspektor fuhr unwirsch herum, seine Augen funkelten. "Ich habe gesagt, dass du verschwinden sollst! Na, wird's bald?"

"Aber..."

Der stumm ausgestreckte Zeigefinger Gilberts, der die Straße hinabdeutete, war deutlich genug. Mit hängenden Schultern trottete Terry davon, während ihm der Inspektor kopfschüttelnd hinterher sah.

"Verrücktes Kind!", schnaubte er abfällig, während er in den Wagen einstieg und nach dem Funkgerät griff.

 

 
23.48 Uhr in Washington, D.C.

 

Es war fast Mitternacht. Die Luft war angenehm kühl, und eine leichte Brise strich über die Stadt hinweg. Trotz der späten Stunde pulsierte das Leben in Washington weiter, einer Metropole, die nie zur Ruhe kam. Die grellen Leuchtreklamen der Bars und Lokale in der 19-Street im Nordwesten der Stadt blinkten einladend. J. & B. Crazy Horse, Cates Rest & Jazz Club, Curtain Call Cafe, Kennedy Playground und Antons's 1201 Club... Straßendirnen hingen in dunklen Hauseingängen herum, traten ein, zwei Schritte vor, wenn einer vorbeikam, von dem sie sich ein paar schnelle Dollars für eine schnelle, gefühllose Nummer erhofften, Geld für Schnaps oder einen Druck Heroin. - Zigarettenspitzen, die wie Glühwürmchen im Dunkel aufblitzten. Ein paar angetrunkene Jugendliche, die laut schwatzend und lachend über den Bürgersteig schlenderten. Ein schief an der Hauswand lehnender Betrunkener, der seinen Rausch im Schmutz der Straße ausschlief. Inder, Mexikaner, Schwarze - genau war das im diffusen Licht der Straße nicht auszumachen - redeten wild gestikulierend aufeinander ein. Hütchenspieler knieten vor einer matterleuchteten Tür, umringt von zehn Männern, und spielten ihr betrügerisches Spiel - skrupellose Gauner, die immer gewannen. Dauernd wurden arglose Touristen in Hofeingängen gefunden, niedergestochen, auf brutalste Weise ermordet, nur weil sie sich über die zweifelhaften Methoden dieses Spiels beschwert hatten. Zwei Streifenpolizisten bewegten sich gemächlich die Straße entlang, die Blicke stur geradeaus gerichtet. Denn nachts waren in Washington auch die Polizisten nicht frei von Angst.

 

Zwei Gestalten in langen dunklen Trenchcoats bogen in die von der Rhode Island Ave in die 19th Street ein. In dieser Gegend begann das Leben immer erst Nachts. Wenn woanders die Menschen schliefen, kamen sie hier aus ihren Löchern gekrochen und schwärmten durch die Straßen. Huren, Freier, Transvestiten, kriminelle Subjekte - Individuen, die sich nur im schützenden Mantel der Nacht sicher fühlten. Kaum eine Nacht ohne Messerstecherei, wüste Schlägereien oder sogar Tote. Tote, oft kaum gekannt, von irgendwoher gekommen und hier zur Hölle gefahren, weil sie die Spielregeln in diesem Viertel nicht beachtet hatten. Tote, deren Namen keine Zeitung druckte, die von keiner Polizei registriert wurden, die in keiner Statistik auftauchten. Tote, die mit Beton an den Füßen im Potomac oder dem Tidal Basin versenkt wurden. Tote, die scheinbar nie existiert hatten.

Die Beiden im Trenchcoat gingen mit gemäßigten Schritten die Straße entlang, die sanft zur Pennsylvania Avenue hin abfiel. Die größere Gestalt blickte sich ununterbrochen um, eine Mischung aus Vorahnung und Spannung in den haselnussbraunen Augen. Unter einer Straßenlaterne wurden die Gesichtszüge deutlich. Es war ein einsfünfundachtzig Meter großer Mann mit dunklem Haar, an dem die kühle Abendbrise zerrte. Unter dem nachtschwarzen Mantel trug er einen mausgrauen Anzug mit blütendweißem Hemd und perfekt sitzender, dunkelblauer Krawatte. Sein Gesicht wies weiche Züge auf, eigentlich viel zu weich, um einen Bundesagenten in diesem Mann zu erkennen, dennoch vermittelte er ein Bild von Professionalität. Sein Blick war wissend und wachsam zugleich, seine Bewegungen geschmeidig und flink. Trotz seine Größe erschien der Mann äußerst wendig. Als der Wind seinen Mantel blähte, konnte man deutlich den im Hüfthohlster aufblitzenden Griff einer Smith & Wesson erkennen.

Die Gestalt neben ihm war einen ganzen Kopf kleiner. Die einssechzig große schlanke Frau trug ein dunkles Kostüm mit passender Bluse unter ihrem marineblauen Mantel. Ihr schulterlanges, rotbraunes Haar wippte bei jedem Schritt und ihre graublauen Augen musterten ihren Begleiter mit unverhohlener Verärgerung.

"Sie sind total verrückt, Mulder!", schleuderte sie ihm ungehalten entgegen. "Was bringt Sie dazu, Jake Harvin ausgerechnet in diesem... diesem Drecksloch zu vermuten?"

"Menschen umgeben sich gerne mit den Dingen, die ihnen ähneln, Scully", versuchte er zu ulken. Sein Lächeln verschwand jedoch, als ihn ihr vorwurfsvoller Blick streifte. Er räusperte sich und fuhr in seriösem und ernsthaftem Ton fort: "Ich habe in seiner Wohnung die Adresse eines hier ansässigen Lokales gefunden. Auf dem Zettel standen noch ein paar Zeilen, außerdem der Name Alan Sherim, der übrigens der Inhaber dieser Spelunke ist. Es schien, als sei er ein guter Freund von Harvin... - Außerdem: Wer würde ihn hier schon suchen?"

"Idioten wie wir?", vermutete sie mit einer kräftigen Prise Zynismus.

Mulder schüttelte verständnislos den Kopf. "Was ist heute bloß mit Ihnen, Scully? Das Fluchen überlassen Sie doch sonst immer meiner Wenigkeit..."

"Wenn Ihre Wenigkeit allerdings mal wieder auf die verrücktesten Gedanken kommt, kann ich mich nicht zurückhalten! Das hier ist das kriminellste und heruntergekommenste Viertel der gesamten Stadt, und ausgerechnet hier müssen Sie die sprichwörtlichen Stecknadeln im Heuhaufen suchen!"

"Wenn ich es nicht tue, wer dann?", entgegnete er und deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand nach vorn. "Da ist es. Das Sinner's Inn."

"Genau so habe ich mir das Ding vorgestellt!", zischte sie. "Der beste Ort, um kurz nach Mitternacht die Kehle durchgeschnitten zu bekommen!"

Wahrlich machte das Gebäude keinen besonders Vertrauen erweckenden Eindruck - so wie all die Gebäude dieses Stadtviertels. Links und rechts des alten Backsteinbaus lagen zwei leere Läden, von denen einer halbzerstört zu sein schien. Die beiden Schaufenster waren eingeworfen worden, Glasscherben lagen überall auf dem ohnehin stark verschmutzten Gehsteig. Vor dem anderen Laden türmten sich verbeulte Mülltonnen übereinander, die teilweise schon gerostet waren. Eine fette Ratte huschte zwischen den Tonnen hindurch und verschwand um die Ecke in einer dunklen Seitengasse.

Das Sinner's Inn selbst war ebenso heruntergekommen, wie die Läden - bloß dass eine flimmernde Leuchtreklame wenigstens einen Ansatz von menschlichem Leben anzeigte. Das Gebäude aus Backstein und Kieselbeton hatte ein halbzerfallenes Schindeldach und altmodische Erkerfenster, die mehr an die eines Kerkers als an die eines Hauses erinnerten.

Mulder blieb vor der alten verwitterten Eichentür stehen und starrte sie unschlüssig an. Dann versuchte er, durch die verrauchten Fensterscheiben ins Innere des Gebäudes zu blicken. Vergeblich. In dem milchigen Blau konnte er nur schemenhaft den Tanz von Licht und Schatten ausmachen, aber keine Personen erkennen.

"Ich bin sicher, dass er da drin ist!", brummte er und starrte lauernd auf die Tür, so als würde sie sich jede Sekunde öffnen.

Scully neben ihm seufzte bloß. "Mulder, das hier ist eine Sackgasse, glauben Sie mir!"

"Ich bin anderer Auffassung", entgegnete er und suchte die Fassade mit geübtem Auge ab.

"Wie immer", sagte sie mit spöttischem Blick und verschränkte die Arme vor der Brust. Widerwillig betrachtete sie das zwielichtige Gebäude, das ihr tiefstes Unwohlsein entlockte. Nicht einmal mit Latexhandschuhen würde sie das Sinner's Inn berühren. Angeekelt betrachtete sie das Wandstück rechts von ihr, wo mehrere Kakerlaken die Regenrinne empor krochen. Angewidert wandte sie den Blick ab und ließ ihn weiter nach rechts wandern, bis zu der kleinen Nebengasse, die neben dem Gebäude verlief und in die Dunkelheit führte.

Sie streckte den Arm aus und tastete nach dem Rücken ihres Partners.

"Mulder?"

Sie zupfte heftig an seinem Mantel, und er drehte sich mit fragendem Blick um. Sie wies in die Gasse.

"Dort steht Harvins Wagen."

Mulder erkannte den verbeulten grünen Pick-Up sofort. Seine Augen blitzten hell im Dunkel der Nacht auf. Sein Instinkt hatte ihn mal wieder nicht getäuscht! Er fuhr herum und trat an die Tür. Mit der Faust schlug er dreimal gegen das feuchte Holz.

"FBI, öffnen Sie unverzüglich die Tür!", donnerte er, seine sonst so angenehme und gemessene Stimme nahm einen autoritären Ton an, der keinen Widerstand duldete. Er hämmerte erneut gegen die Tür, um anschließend ins Innere des Gebäudes zu lauschen.

Nichts regte sich.

"Wenn Sie nicht öffnen, werden wir gewaltsam eindringen!"

Keine Reaktion.

Bevor Scully auch nur die Stimme erheben konnte, hatte sich Mulder schon mit voller Wucht gegen die Tür geworfen. Die rostigen Angeln gaben unter einem ohrenbetäubenden Quietschen nach, und die Eichentür schwang ins Innere des Gebäudes.

Es war leer.

Nur karge Reste zeugten noch von der einstmaligen Kneipe. Eine heruntergekommene Theke stand am anderen Ende des Raumes, daneben waren ein paar Tische und Stühle gestapelt. Der mit Holzplanken bedeckte Boden war von unzähligen Schuhen belaufen worden und wirkte stumpf und morsch. Eine einzelne Glühbirne hing von der Decke herab und spendete spärliches Licht.

"Hier ist niemand", stellte Scully nüchtern fest.

Mulder schüttelte unwillig den Kopf. "Hier muss jemand sein!"

Sie sah schweigend zu, wie er den Raum durchkämmte, hinter die Theke schaute und zur Hintertür hinausspähte. Doch er blieb erfolglos.

"Ich begreife das nicht", murmelte er, und Scully konnte Enttäuschung in seinen Augen lesen. Der Jäger war auf eine falsche Fährte geraten...

In diesem Moment spürte sie einen Arm, der sich fest um ihren Hals legte. Sie riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Im Rücken spürte sie deutlich den Lauf einer Pistole, der sich in ihre Wirbelsäule zu bohren schien. Fast gleichzeitig fuhr Mulder herum und starrte den Mann mit der Skimaske an.

"Nehmen Sie hübsch die Pfötchen hoch, Sie verflixter Bulle, sonst passiert Ihrer liebreizenden Begleitung etwas!", bellte der Mann. "Na wird's bald!"

Mulders Hand, die nach der Waffe im Hüfthohlster hatte greifen wollen, zuckte zurück. Er starrte den Fremden an, der den Lauf seiner Pistole nun an Scullys Hals hielt.

"Hände hoch!", kommandierte er.

Mulder gehorchte. Langsam hob er beide Hände an. Bloß nichts überstürzen. Ganz ruhig bleiben...

Zwei weitere Männer erschienen im Raum. Auch sie trugen Skimasken, und in ihren Händen hielten sie Baseballschläger. Auf ein Kopfnicken des anderen hin näherten sie sich dem regungslos dastehenden Mulder.

"Es war ein Fehler von Ihnen, hierher zu kommen!", sagte der hinter Scully mit drohendem Ton. "Ein großer Fehler!"

Die Augen des Agenten funkelten wütend. "Wenn Sie sich Ihrer Sache so sicher sind, wieso nehmen Sie dann nicht endlich Ihre lächerliche Maske ab, Harvin?"

Jake Harvin lachte. "Sie haben mich also erkannt? Nun, dann hat meine Verkleidung wirklich keinen Sinn mehr." Er lockerte den Griff um Scullys Hals, hielt seine Pistole jedoch weiterhin in Position. Mit der nun frei gewordenen Hand zog er sich die Maske vom Kopf, und Mulder sah für kurze Zeit die wohlvertrauten Züge des Mannes. Schon im nächsten Moment war der jedoch aus dem Blickfeld des Agenten verschwunden. Mit einem erstickten Schrei sank Harvin zu Boden. Scully hatte in keinster Weise vergessen, was man ihr in Bezug auf Kampfsport in Quantico beigebracht hatte. Die Pistole war aus Harvins Hand gefallen und über den stumpfen Boden in Richtung Theke geschlittert.

Mulder reagierte blitzschnell. Bevor einer der beiden Schläger die Chance erhielt, ihm eins mit seiner Waffe überzuziehen, fuhr er herum und wehrte den Baseballschläger des einen mit dem Unterarm ab, ehe er dem anderen die geballte Faust ins Gesicht katapultierte. Die Augen hinter der Maske blitzten in flüchtiger Überraschung auf, dann verdrehten sie sich. Mulder schlug ein zweites Mal zu, und der Angreifer sank stöhnend zu Boden.

Inzwischen hatte sich der andere erneut auf den Agenten gestürzt, sein Schlag traf Mulder mit der Wucht eines Omnibusses auf die Schulter. Einen Moment lang schien es, als würde er unter dem schweren Hieb zu Boden gehen, doch schon einen Sekundenbruchteil später wich der Schmerz der unbändigen Wut. Während der Schläger ein zweites Mal ausholte, packte Mulder mit der rechten Hand einen alten, gusseisernen Stieltopf, der auf der Theke stand. Mit der Wendigkeit einer Raubkatze wich er dem Baseballschläger aus, bevor er den Topf gegen den Schädel des Angreifers donnern ließ. Der taumelte unter dem pochenden Schmerz, der seine Schläfe zu betäuben schien, und brach schließlich mit einem heiseren Röcheln zusammen.

Mulder vergewisserte sich mit einem flüchtigen Blick, dass die beiden Kumpane Harvins auch wirklich außer Gefecht waren, bevor er sich nach seiner Partnerin umwandte.

"Scully? Ist alles in Ordnung?"

Sie hatte Jake Harvin bereits Handschellen verpasst und erhob sich seufzend vom Boden. "Ja, ich bin okay."

Er rieb sich die schmerzende Schulter, doch seinen Lippen gelang es dennoch, sich zu einem Lächeln zu verziehen.

"Sehen Sie, ich hatte mal wieder Recht!", triumphierte er. "Sie geben einen aus!"

 

 
am folgenden Tag
Washington, D.C.

 

Als die Ampel auf Grün umsprang, heulte der Motor des alten Busses auf und das Vehikel fuhr an. Terry starrte regungslos aus dem Fenster auf die amerikanische Hauptstadt hinaus. Der Bus schnurrte die National Mall entlang. Rechts konnte Terry das Weiße Haus sehen, weiter vorne erhob sich das berühmte Washington Monument. Bei einer Reise in die Hauptstadt schien eine Stadtrundfahrt mit dem Bus mit inbegriffen zu sein.

Am Morgen, als er die Zeitung durchgeblättert hatte, um etwas über den Todesfall von Ed Webber zu lesen, war er auf einen Bericht über eine Vorlesung in Massachusetts gestoßen, in der ein gewisser Fox Mulder als Gastdozent über paranormale Phänomene geredet hatte. Der Journalist, der den Bericht verfasst hatte, hatte nicht mit abfälligen Kommentaren in Bezug auf diesen Mann gespart, im Gegenteil. Er hatte erwähnt, dass Fox Mulder "grünen Männchen" hinterher jage und dass mit ihm der Beweis erbracht wäre, dass "das FBI nicht ernst zu nehmen" sei. Er hatte außerdem geschrieben, dass sich Mulder besonders mit Geschichten über "Monster und Geister" beschäftigte und ihnen gegenüber sogar ein großes Interesse zeige. Terry hatte sofort gewusst: das war sein Mann! Vielleicht der einzige, der ihm Glauben schenken würde.

Er hatte sich kurzentschlossen in den Bus gesetzt und war in die Hauptstadt gefahren, die nur etwa zwanzig Minuten von Minto entfernt lag. Der Bus würde am Jefferson Denkmal halten, und Terry würde sich von dort aus auf den Weg zum J. Edgar Hoover Gebäude machen, der Zentrale des Federal Bureau of Investigation - allerdings nicht ohne ein deftiges Mittagessen. Terry knurrte erbärmlich der Magen. Doch er war sicher, dass er in der Nähe des Denkmals einen Imbiss finden würde...

 

 
etwas später im "Guinness"
Jefferson Memorial

 

Special Agent Fox Mulder seufzte schwer und schloss für einige Sekunden die Augen. Halbherzig massierte er seine Stirn, wobei er sich einbildete, dass diese kochend heiß sei und sein Kopf jeden Moment einem überhitzten Dampfkessel gleich platzen müsse. Seine Schulter schmerzte noch von der Begegnung mit dem Baseballschläger in der gestrigen Nacht. Jesus, langsam drohte das Fass wirklich überzulaufen.

"Geht es dir nicht gut?"

Die mitfühlende Stimme Rosis ließ ihn den Kopf anheben. Die junge Kellnerin blickte in die ihr wohlbekannten sanften Augen ihres langjährigen Bekannten, registrierte dessen Müdigkeit und einen Hauch Wehmut. Sie ließ den feuchten Lappen, mit dem sie den Tresen abgewischt hatte, auf den Tisch fallen und setzte sich ihm gegenüber.

"Meine Güte, du siehst aus, als hättest du drei Tage lang nicht geschlafen."

"Genauso fühle ich mich auch", murmelte er, und sie hörte wohl den Zynismus aus seiner Stimme heraus. Er nahm einen Schluck aus seinem Bierglas und starrte auf den Park hinab. Das "Guinness" war ein kleiner Imbiss am Ufer des Potomac, unweit des Jefferson Memorials. Allerdings hatte es der Inhaber gut verstanden, seinen Imbiss einigermaßen attraktiv zu gestalten. Die offene Terrasse, auf der eine Ansammlung von weißen Tischen aus Holzimitaten stand, war von mehreren Säulen umschlossen, um die man Blumentöpfe mit diversen Gewächsen gestellt hatte. Die ruhige Lage und der malerische Ausblick auf den Park, die Gedenkstätte und den gemächlich dahinfließenden Strom machten das "Guinness" zu einem wahren Idyll.

"Ich glaube, ich brauche dringend Urlaub", murmelte Mulder, während er ein Segelboot beobachtete, das über das in der Sonne glitzernde Wasser glitt. "In letzter Zeit wächst mir einfach alles über den Kopf..."

"Hast du wieder Ärger mit dem glatzköpfigem Miesepeter, Mulder?", erkündigte sich Rosi, ohne zu bemerken, dass ein knapp elfjähriger Junge, der unweit von ihnen an einem der Tische saß, bei dem Namen Mulder ruckartig den Kopf hochriss.

Der Agent hob die rechte Hand. "Wenn es bloß nur das wäre!", knurrte er.

Rosi schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln, während sie aufstand. "Keep on smiling, old boy", witzelte sie. "Ich bringe dir noch ein Bier, okay?"

"Lieber eine Zitronenlimonade." Mulder grinste voller Ironie. "Ich bin noch im Dienst."

"Wie du möchtest." Rosi entschwand mit fliegenden Haaren in Richtung Tresen.

 

Sie war noch nicht lange fort, als Mulder Schritte hinter sich hörte. Er drehte sich um und blinzelte verwirrt, als er den Jungen sah, der mit fragendem Blick hinter ihm stand.

"Sie sind Agent Mulder?", fragte der Junge und blickte den Mann mit einer Mischung aus Neugierde und Respekt an.

Mulder nickte langsam. "Ja, wieso?"

Der Junge deutete auf den freien Stuhl an Mulders Tisch.

"Darf ich mich setzen?"

Der Agent zuckte mit den Schultern. "Tu dir keinen Zwang an."

Er beobachtete seinen unverhofften Besucher, der sich setzte und ihn nervös musterte. Er wirkte irgendwie verstört.

"Ich heiße Terry Rogers", sagte der Junge. "Ich komme aus Minto."

Mulder streckte ihm die Hand hin. "Schön, dich kennen zu lernen, Terry. Ich bin Fox Mulder." Er grinste, als er den scheuen Blick des Jungen bemerkte, während er dem Agenten die Hand schüttelte - und auch das nur leicht. "Du kannst michh ruhig Fox nennen", fügte Mulder demnach hinzu, um Terry die Angst zu nehmen.

"Gerne.... - Fox."

Terry betrachtete den Agenten neugierig. Mulder war jünger, als er es sich vorgestellt hatte. Er hatte ein glattes, faltenloses Gesicht, aufmerksame und intelligent dreinblickende haselnussbraune Augen und widerspenstiges, dunkelbraunes Haar. Er musste Ende zwanzig bis Mitte dreißig sein, schätzte Terry. Der freundliche Blick und seine angenehme ruhige Stimme machten Mulder auf Anhieb sympathisch und ließen Terrys anfängliche Furcht verfliegen. Der Agent entsprach in keinem Punkt dem Bild des Verrückten, das die Morgenzeitung von ihm angefertigt hatte.

"Ich bin extra nach Washington gefahren, um mit Ihnen zu sprechen", sagte er. Terry rutschte auf dem Stuhl zurecht und blickte seinen Gegenüber mit festem Blick an. "Weil Sie wahrscheinlich der Einzige sind, der mir glaubt."

Mulder blinzelte. "Soll das heißen, dass du alleine hier bist, ohne deine Eltern?"

Terry nickte.

"Und deine Eltern - die wissen davon?"

"Nein." Als Terry den vorwurfsvollen Blick des Agenten bemerkte, fügte er hastig hinzu: "Aber es ist wichtig. Ich musste kommen."

"Deine Mum und dein Dad werden nach dir suchen."

"Mein Dad lebt schon lange nicht mehr. Und meine Mum ist berufstätig. Sie kommt erst in einer Stunde nach Hause", erwiderte Terry ruhig.

Mulder blickte auf die Uhr. "Bis der nächste Bus kommt, ist es dunkel. Und Washington ist selbst bei Tag kein sicheres Pflaster. Ich werde dich lieber nach Hause fahren..."

"Aber zuvor muss ich mit Ihnen reden!", beharrte Terry.

In diesem Moment kam Rosi mit der Zitronenlimonade. Sie blickte verwirrt auf Terry hinab.

"Wer ist denn dieser junge Bursche?"

"Terry Rogers aus Minto." Mulder grinste. "Bringe ihm doch bitte auch eine Limonade, Rosi."

Terry schnappte nach Luft. Das bedeutete, dass sich der Agent Zeit für ihn nehmen würde! Erleichtert und entspannt lehnte er sich in seinem Korbstuhl zurück, während Rosi kurz nickte und dann wieder verschwand.

Mulder sah den Jungen auffordernd an. "Okay, dann schieß los."

Terry nickte. "Wie ich schon gesagt habe, ich komme aus Minto. Und da ist gestern ein Mann gestorben. Er hieß Ed Webber und war früher Anwalt, ein sehr guter sogar, sagt Mum. Er war schon ziemlich alt. Jedenfalls sah er so aus."

"Und du kanntest diesen Mann gut?", fragte Mulder.

"Nein, eigentlich nicht. Aber ich habe gesehen, wie er gestorben ist." Terry machte eine kurze Pause und sah den Agenten beschwörend an, bevor er ein gefaltetes Blatt Papier auf den Tisch legte. "Wissen Sie vielleicht, was für ein Tier das sein könnte?"

Mulder runzelte die Stirn, griff nach dem Blatt und faltete es auseinander. Mit Filzstift war ein Bild darauf gemalt worden. Und das sogar recht ordentlich für einen elfjährigen Jungen.

"Hast du das gemalt?" Er tippte auf das Blatt und hob interessiert die Augenbrauen.

Terry nickte. "Ja, das war das Tier, das Webber umgebracht hat. Genau gesagt waren es sogar fünf Tiere. Sie haben ihn angegriffen und überall gebissen."

Mulder besah sich erneut das Bild, registrierte die detailvoll gezeichnete Gestalt und knabberte nachdenklich an seiner Unterlippe. Das Tier, das Terrys Bild zeigte, war haarlos und zweibeinig mit langen schmalen Vorderläufen und einem Echsenkopf mit spitzen Zähnen im leicht geöffneten Maul. Die Augen erinnerten an die von Schlangen, die klauenbewehrten Füße des Tieres sahen aus wie die eines großen Vogels.

"Du bist sicherlich sehr gut in Kunst", bemerkte Mulder lächelnd. "Aber bist du sicher, dass das Tier genau so aussah?"

"Absolut sicher", erwiderte Terry ruhig. "Ich habe sie gesehen, nachdem ich zum Fenster gelaufen bin und hinausgeschaut habe. Sie waren etwa so groß." Der Junge hielt die Hand etwa hundertdreißig Zentimeter über dem Boden. "Sie hatten Webber umzingelt und bissen ihn ständig. Ich habe sie dann mit einem Schürhaken vertrieben, aber es war scheinbar zu spät. Als die Tiere weg waren, und ich zu Webber ging, war er schon tot. Dabei hatte er keine wirklich große Wunde oder so, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber da, wo er geblutet hat, war überall so weißes Zeug. Ich habe es nicht angefasst, weil es so gestunken hat. Und als die Polizei kam und mich fragte, was ich gesehen hatte, glaubten sie mir nicht. Sie sagten, so Tiere wie auf meinem Bild gäbe es nicht. Ich hätte mir zu oft Jurassic Park angesehen." Terry machte eine abfällige Handbewegung. "Jedenfalls habe ich dann heute Morgen in der Zeitung gelesen, dass Webber von einem Hund angefallen worden sei. Aber der einzige Hund, der bei uns in der Straße wohnt, ist Browser. Und der würde nie einen Menschen anfallen. Außerdem habe ich diese Tiere da gesehen. Ich habe mir das nicht eingebildet."

"Wie ein Vieh aus Jurassic Park sieht das da allerdings aus", sagte Mulder und deutete auf die Zeichnung. "Wie ein richtiger Dinosaurier."

Terry zuckte mit den Schultern. "Es sieht so aus, wie ich es gesehen habe."

"Würdest du das schwören?"

Terry hob mit ernstem Gesichtsausdruck die Hand. "Bei meinem Leben, ich lüge nicht. Ich habe Der Klient im Fernsehen gesehen und weiß, dass man das FBI nicht belügen darf, weil man bestraft wird, wenn rauskommt, dass man es doch getan hat." Terry sah den Agenten mit einem direkt flehenden Blick an. "Bitte, Sie müssen mir glauben! Ed Webber ist nicht der Einzige, der in den letzten Wochen umgekommen ist. Zwei Kinder sind gestorben. Ich habe eines davon in der Zeitung gesehen, es hatte ähnliche Wunden wie Ed. Bei ihm handelte es sich angeblich um einen Angriff eines Wolfs. Unsere Wohngegend grenzt direkt an einen Wald, müssen Sie wissen. Aber ich habe darin noch nie Wölfe gesehen..."

Mulder hatte während den letzten Sätzen des Jungen merklich die Augenbrauen gehoben.

"Bitte", sagte Terry verzweifelt. "Es ist so ein schreckliches Gefühl, wenn man weiß, dass einem niemand glaubt, obwohl man die Wahrheit sagt, verstehen Sie das?"

Mulder blinzelte kurz. "Ja", sagte er langsam. "Ich weiß, wie das ist, Terry..." Und nach einer kurzen Pause: "Ich werde dich zusammen mit meiner Partnerin nach Hause fahren, okay? Und bei der Gelegenheit werden wir uns mal ein wenig umsehen und mit der Polizei reden."

Terry lächelte. "Danke... Fox."

 

 
eine knappe halbe Stunde später

 

Mulder setzte den Blinker und verließ den Highway. Der Wagen folgte nun einer schmalen Landstraße in Richtung Minto.

"Stimmt das, was man über Sie erzählt?", fragte Terry, der es sich auf dem Rücksitz bequem gemacht hatte, und blickte auf Mulders Gesicht im Autospiegel. Er sah deutlich, wie sich der Mund des Agenten zu einem belustigten Grinsen verzog.

"Was erzählt man denn so über mich?"

"Na ja, dass Sie Außerirdische und so etwas jagen."

"Wir kümmern uns um ungewöhnliche Fälle, Terry", erwiderte Dana Scully, bevor ihr Partner etwas sagen konnte. Ihre Augen blitzten warnend in Mulders Richtung. "Fälle, die nicht erklärbar erscheinen. Aber der Schein trügt oft, und demnach gibt es fast immer ganz vernünftige Erklärungen, die den Fall zu lösen vermögen."

Mulder neben ihr äffte sie nach, indem er ihren Gesichtsausdruck übernahm und den Mund synchron zu ihren Worten bewegte. Er kannte Scullys Psalm inzwischen auswendig. Sie schaffte es jedes Mal, ihre Arbeit mit den X-Akten für andere Menschen zu normalisieren und ihn, Mulder, weniger verrückt aussehen zu lassen, da sie wusste, dass man seine Ansichten im Allgemeinen nicht teilte. Doch obwohl ihm klar war, dass Scully ihn durch ihr kühles und berechenbares Auftreten in Schutz nahm, ärgerte es ihn mitunter doch sehr, dass sie die Wahrheit vertuschte - so, wie alle anderen auch.

"Aber nicht immer, oder?", fragte Terry derweil. "Ich meine, es gibt doch sicherlich Fälle, die man nicht lösen kann, oder hinter denen vielleicht doch mehr steckt..."

"Manchmal", sagte Scully widerwillig. "Eher sehr, sehr selten."

"Sie glauben also nicht an Außerirdische?"

Mulder trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und pfiff leise vor sich hin. Er tat bewusst unschuldig, und wagte es nicht einmal, zu der Frage des Jungen Stellung zu nehmen. Er würde sich ohnehin nur einen strafenden Blick Scullys einfangen. So erhielt er nur einen warnenden, der etwa so viel bedeutete wie: "Setz dem Jungen bloß keine Flausen in den Kopf!" Laut und deutlich sagte sie "Nein, das tun wir nicht!" Ihre Augen suchten den Kontakt zu seinen, und er verstand sehr wohl, was sie von ihm wollte: "Bestätige, was ich gesagt habe, oder schweige auf ewig!"

"Nein, eigentlich nicht", sagte er daher. Er konnte seine Worte ja jederzeit widerrufen. Außerdem lag seine Betonung auf eigentlich.

Sie fuhren an den ersten Häusern vorbei. Wie es schien, handelte es sich wirklich um ein beinahe winziges Dorf.

"Wo genau wohnst du, Terry?"

Der Junge beugte sich nach vorn und deutete auf eines der Häuser. "Dort, in dem Weißen."

Mulder parkte den Wagen vor dem hübsch anzusehenden Gebäude mit dem großen Vorgarten, in dessen Mitte sich ein großer Apfelbaum befand. In der Einfahrt stand ein grauer Mercedes.

"Deine Mum scheint schon zu Hause zu sein", bemerkte Scully.

"Ja, sieht so aus."

Der Motor verstummte, und sie stiegen aus. Gerade versank die Sonne am Horizont und ließ diesen blutrot erstrahlen. Im Nachbarsgarten sprang ein großer schwarzer Labrador auf und bellte kurz, als er die ihm fremden Leute sah. Terry dagegen begrüßte er mit einem freundlichen Schwanzwedeln.

Sie stiegen die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Terry wollte gerade seinen Schlüssel ins Schloss stecken, als die Tür von innen aufgerissen wurde. Eine dunkelblonde Frau Mitte dreißig, in Jeans und locker sitzender Bluse, sah auf den Jungen hinab.

"Wo bist du gewesen, Terry?", fragte sie scharf. Ihr Blick streifte die beiden Agenten. "Und wer sind diese Leute?"

Mulder räusperte sich und zeigte seinen Ausweis. "Ich bin Special Agent Fox Mulder, und das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully. Wir sind wegen des Todesfalls am gestrigen Vormittag hier, Miss Rogers." Mulder stellte mal wieder seine Fähigkeit unter Beweis, eine heikle Situation für alle Parteien zu entschärfen. "Ihr Sohn war so freundlich, uns hierher zu bringen, damit wir uns den Tatort ansehen können. Wir sind aus Washington und kennen uns nicht in Minto aus. Daher war es ein Glücksfall für uns, dass wir Terry auf der Main Street aufgabeln und nach dem Weg fragen konnten."

"Auf der Main Street?", fragte Miss Rogers, während ihr Sohn einen dankbaren Blick in Mulders Richtung warf.

"Ja, ich hatte mich mit Don in der Eisdiele getroffen und war gerade auf dem Rückweg nach Hause", sagte Terry.

Miss Rogers nickte zögerlich. "Aha." Sie musterte Scully und Mulder eingehend. "Allerdings verstehe ich nicht, warum man das FBI eingeschaltet hat. Webber ist von einem Hund angegriffen worden und hat dabei einen Schock erlitten, den er auf seine alten Tage einfach nicht mehr verkraften konnte. Soweit ich weiß, hat man einen Herzinfarkt als Todesursache diagnostiziert."

"Man ist sich noch nicht ganz einig", erwiderte Mulder.

"Und nun wollen Sie wohl Inspektor Gilbert befragen, was?"

Danke für das Futter, dachte Mulder und nickte. "Auch das. Doch zuerst möchten wir uns den Tatort ansehen, der ja vor Ihrem Haus liegt."

"Ja, leider." Miss Rogers warf ihr Haar zurück. "Der gestrige Tag war nicht besonders schön für uns. Stundenlang wuselte die Polizei hier herum. Und natürlich auch haufenweise Nachbarn." Sie deutete auf eine Stelle der Straße. "Da ist es. Sie können es kaum übersehen, das gelbe Band klebt noch überall auf dem Asphalt. Die Kreidestriche sind auch noch da."

Mulder nickte. "Danke, Ma'am."

Er drehte sich um und ging den schmalen Weg zur Straße zurück. Scully folgte ihm.

Der Platz, an dem Ed Webber von den Tieren - seien es nun Hunde oder Terrys Echsen gewesen - angegriffen worden war, war wirklich nicht zu übersehen. Deutlich markierten weiße Linien die Konturen des Körpers. Auch Fetzen der gelben Zellophanbanderole klebten noch immer auf dem Asphalt. Mulder ging neben der Silhouette in die Hocke und betrachtete die Straßendecke. Ein paar dunkle Blutspuren und Glassplitter, die von der Schüssel stammen mussten, die Terry aus dem Fenster geworfen hatte. Mulder streckte die rechten Hand aus und griff nach einer größeren Scherbe, deren Ränder mit Blut verklebt waren.

"Damit habe ich eines der Tiere getroffen", hörte er Terry hinter sich sagen. "Das Glas hat ihm die Flanke aufgerissen."

Mulder drehte seinen Oberkörper um neunzig Grad, um den Jungen ansehen zu können, und hielt die Scherbe hoch. "Also stammt das Blut hier von dem Angreifer?"

"Ja."

"Ganz sicher? Ich meine, es könnte auch Webbers Blut sein..."

"Nein, ich habe ihn nicht getroffen." Der Junge deutete auf eine Stelle, wo die Scherben besonders häufig herumlagen. Das Glas glänzte im letzten Licht des Tages. "Die Schüssel ist hier runtergegangen, mehr als zwei Meter von Ed entfernt."

"Dann werde ich das Blut untersuchen lassen."

Mulder ließ die blutverschmierte Scherbe in ein kleines Tütchen gleiten und verschloss es gründlich, bevor er es in seine Manteltasche gleiten ließ und aufstand.

"Weißt du noch, wo die Tiere hingelaufen sind, Terry?", fragte Scully derweil, und strich sich eine Strähne ihres nussbraunen Haares aus den Augen.

Der Junge nickte. "Natürlich in den Wald. Wohin sollten sie denn sonst laufen?" Er deutete zu den nahen Bäumen hinüber.

Mulder klopfte den Straßenstaub von seinem Knie. "Und weißt du auch noch, wo genau sie in den Wald gelaufen sind?"

Terry kniff die Augen zusammen und dachte kurz nach. "Ja, ich denke schon."

"Zeig mir die Stelle."

Der Junge ging voran, und die beiden Agenten folgten. Er führte sie zu einer windschiefen Birke, deren Wipfel durch einen der letzten Stürme abgeknickt war. Terry deutete darauf.

"Sie sind unter dem Baum da hindurchgelaufen."

Scully besah sich den Baum, während Mulder erneut in die Hocke ging und mit den Fingern oberflächlich über das Laub strich, das den feuchten, nach Moos und Humus duftenden Boden bedeckte. Plötzlich spürte er eine Vertiefung unter den Fingerkuppen und strich einige Blätter beiseite.

"Scully, sehen Sie sich das an."

Sie beugte sich hinab und starrte auf die Stelle, auf die ihr Partner deutete. Der weiche Waldboden war eingedrückt worden und zeigte nun eine untrügliche Fußspur. Sie war dreizehig und bot Scullys gespreizter Hand genügend Platz.

"Jesus, von wem oder was stammt denn das?"

"Von diesen Tieren", sagte Terry. "Sie hatten Vogelfüße, die genauso aussahen. Wie die vom Strauß."

"Diese Spur sieht jedenfalls danach aus, als ob ein Strauß hier im Wald spazieren gegangen wäre..."

Mulder schüttelte langsam den Kopf. "Sträuße haben kleinere und zierlichere Füße und nur zwei Zehen. Und auch nicht so extrem spitze Krallen. Außerdem: Haben Sie schon einmal etwas von einem freilaufenden Strauß mitten in Pennsylvania gehört?"

"Nein." Scully klopfte sich die Hände ab und blickte zurück auf die Straße, wo die gelben Klebebänder auch von ihrem Standort aus zu erkennen waren. "Ich würde mir gerne mal die Leiche des Mannes ansehen..."

Mulder derweil kniff die Augen zusammen und griff nach einem kleinen Gegenstand, der unweit der Fußspur auf der Erde lag, und hob ihn hoch.

Es war ein Zahn...

 

 
eine Stunde später
pathologisches Institut von Philadelphia

 

Dr. Siegmund Stahl war ein kleiner untersetzter Mann Mitte fünfzig. Er sah aus wie Danny deVito, wie Mulder belustigt feststellte. Selbst die Art, sich zu bewegen und auszudrücken, ähnelte dem Schauspieler sehr. Der leitende Pathologe des Institutes öffnete die Tür zur Leichenhalle und durchquerte den großen Raum mit schnellen und irgendwie unbehänden Schritten. Vor der Schublade mit der Nummer 24 blieb er stehen und zog kurz und fest an dem Griff. Die Lade fuhr mit einem rumpelnden Geräusch heraus und Mulder spürte die Kühle, die das Fach und die darin befindliche Leiche umgab.

"Wir haben gestern Abend die erste Autopsie vorgenommen. Den jetzigen Ergebnissen nach ist der Bursche nicht an seinen Wunden, sondern an einem Herzinfarkt gestorben, eine seines Alters angemessene Art, auf einen unverhofften Angriff eines großen Tieres zu reagieren."

"Sie haben in Ihrem Bericht erwähnt, dass Sie einen Hund, genauer einen Dobermann, für den Angreifer halten, obwohl die Art der Bisse nicht darauf schließen lässt", sagte Scully, während sie die obduzierte Leiche musterte. Sie zog ein Paar Latexhandschuhe aus der Tasche und streifte sie über. Mit gerunzelter Stirn untersuchte sie die ausgefransten Wundränder.

"Ich habe keine besseren Erklärungen finden können, Agent Scully", erwiderte Dr. Stahl. "Jedenfalls war ein Tier mit äußerst scharfen Zähnen am Werk."

"Mit diesen etwa?" Mulder hielt das Fundstück aus Minto in die Höhe. "Das hier haben wir unweit des Tatortes gefunden."

Der Pathologe beugte sich vor, um den Zahn näher in Augenschein zu nehmen.

"Ja, das könnte durchaus sein."

"Wissen Sie, von welchem Tier das stammen könnte?"

Dr. Stahl zuckte mit den Schultern. "Tut mir leid, da werden Sie schon einen Experten zu Rate ziehen müssen. Ich bin kein Zoologe, Agent Mulder."

Scully derweil war der schaumige Speichel an den Wundrändern aufgefallen. Sie verrieb ihn zwischen den Fingern und roch vorsichtig daran. Der Speichel stank scheußlich, äußerst streng und irgendwie verwest.

"Haben Sie den untersuchen lassen?", fragte sie und deutete auf den Speichel.

"Wir haben ihn ins Labor geschickt", antwortete Dr. Stahl. "Allerdings haben wir noch kein Ergebnis erhalten."

Scully nickte bloß, während sich Mulder vernehmlich räusperte.

"Sobald die Ergebnisse da sind, würden Sie so liebenswürdig sein, uns diese zukommen lassen?"

Der Pathologe sah ihn verwirrt an, nickte jedoch. "Wenn Sie das wünschen..."

 

 
QDCI-Firmengelände / Baltimore

 

Mulder zeigte dem Schrankenwart seinen Ausweis und durfte passieren. Der Fallbaum wurde hochgezogen, und er ließ den dunklen Ford anfahren. Die breite Straße führte einige Meter weit bis zu einer hohen Steinmauer, die mit Stacheldraht und Videokameras versehen war. Ein zweiter Wächter überprüfte Mulder und seinen Wagen, bevor er ihm die Weiterfahrt gewährte.

"Jesus, dieses Ding ist ja besser abgesichert, als Braddleford!", knurrte Scully auf dem Beifahrersitz, während sie im Rückspiegel beobachtete, wie das eiserne Tor hinter ihnen sofort wieder geschlossen wurde. Ihr Partner musste ihr insgeheim Recht geben. Doch er zuckte bloß mit den Achseln und konzentrierte sich wieder auf das Fahren.

Vor ihnen lag das drei Hektar große Industriegebiet der Quantum Computer Devices Innovation. Der gewaltige Gebäudekomplex nahm allein schon zweieinhalb Hektar dieser Fläche ein. Die riesige Firma war von raffinierter und außergewöhnlicher Architektur, ganz im Stil des alten Griechenlands errichtet. Mehrstöckige Flachdachgebäude, weiß getüncht und mit dunkelroten Säulen versehen, waren vorherrschend. Zahllose Aufgänge und Treppen verirrten sich zwischen den unzähligen Gebäudetrakten. Nichts an dieser Firma ließ darauf schließen, dass modernste Technik in ihr wohnte. Überhaupt sah sie so gar nicht wie eine Industrieanlage aus.

Sie passierten das gewaltige Tor mit dunklen Flügeltüren, und Mulder manövrierte den Wagen durch die etwas schmalere Straße in den großen Innenhof, der als Parkplatz für die Obersten der Quantum Computer Devices Innovation, kurz QCDI, diente. Sie parkten zwischen einem dunklen Mercedes und einem schnittigen Audi TT und stiegen aus.

Die QCDI war ein einziges Labyrinth - für die, die nicht täglich dort arbeiteten. Mulder und Scully hatten Schwierigkeiten, den Aufgang zur Chefetage zu finden. Sie eilten die langen Korridore entlang, sahen unzählige Abteilungen an sich vorbeiziehen. Hier in dieser Firma wurde beinahe jeder Beruf ausgeübt. Es wimmelte nur so von Physikern, Chemikern und Mathematikern, Ingenieuren, Laboranten und Designern, ebenso gab es unzählige Sekretärinnen, Boten und Arbeitskräfte, die dafür sorgten, dass der Gebäudekomplex immer einen blitzblanken Eindruck machte. Lieferanten polterten mit ihren Gepäckwagen durch die Flure, eine ältere Frau kümmerte sich um die unzähligen Topfpflanzen im Gang. Einige junge Männer in wehenden weißen Kitteln rauschten an den beiden Agenten vorbei, Leute aus der biologischen und medizinischen Abteilung tauschten Daten aus. Ein dicker Anwalt diskutierte ungehalten mit einer störrischen Sekretärin, die sich weigerte, ihm Zugang zur nanotechnischen Sektion zu erteilen.

Mulder seufzte und hastete die nächste Treppe hinauf, Scully auf den Fersen. Hier ging es deutlich ruhiger zu. Das war auch kein Wunder, denn hier lag der Bereich der großen Tiere. Rechtsanwälte, Prokuristen - und natürlich die Leiter der Firma - hatten hier ihre Büros.

Sie traten in den Vorraum des Junior-Chefs. Eine dunkelhäutige Sekretärin blickte von ihrer Arbeit auf und zog fragend die Augenbrauen hoch.

"Ja bitte?"

"Ich bin Special Agent Fox Mulder, das ist meine Partnerin Special Agent Dana Scully." Er legte seinen Ausweis vor. "Ich suche einen Mann namens Jonathan Quinn."

Die Frau deutete mit der linken Hand hinter sich. "Gehen Sie ruhig hinein, Sir. Er hat zwar gerade eine Besprechung, aber Sie dürfen ihn sicherlich stören." Ihr ausgestreckter Zeigefinger wies auf eine rotbraune und mit edlen Mustern verzierte Holztür.

"Danke." Mulder nahm seinen Ausweis wieder an sich, ging zusammen mit Scully zur Tür hinüber, klopfte kurz an und öffnete sie.

Der Raum war hell und geräumig. Eine Tischgruppe, die wie ein Hufeisen angeordnet war, stand mitten im Zimmer. Etwa ein Dutzend Männer waren darum versammelt und verfolgten aufmerksam die Präsentation eines merkwürdigen silbernen Gerätes von knapp zehn Metern Länge, das ein schlaksiger Mann in Jeans und Pullover vorstellte.

"Der Dark Star ist das erste für Radar unsichtbare Spionageflugzeug, verehrte Herren. Dieses kleine Baby hier wird ferngesteuert und eignet sich für die gefährlichsten Missionen."

"Für das Radar unsichtbar, Mister Corney?"

"Natürlich. Ein Teil der Strahlung wird von einer speziellen Oberflächenbeschichtung geschluckt, die Reststrahlen in alle Richtungen gestreut. Das liegt daran, dass die Maschine nur wenige scharfe Kanten hat. Der kleine Spion hier ist 500 Stundenkilometer schnell und fotografiert aus einer Höhe von neun Kilometern mit einer Bildauflösung von dreißig Zentimetern."

"Ach ja? Und das soll ich Ihnen glauben?", grinste einer der Männer, ein alter seriöser Herr, der durch sein selbstbewusstes Auftreten den Eindruck vermittelte, recht viel Einfluss zu haben.

"Das können Sie ruhig tun, Mister Duncan", erwiderte ein anderer, der weitaus jünger erschien. Der Mann hatte hellblondes Haar und strahlend blaue Augen, sein Anzug saß perfekt und seine Stimme wies auf Autorität hin. Mulder grinste. Das war Jonathan - kurz: Jonas - in seiner Starrolle.

Der junge Wissenschaftler zog ein großes Foto aus seiner Aktentasche und legte es dem Mann mit Namen Duncan vor die Nase. Dabei verzogen sich seine Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen und seine Augen blitzten. Mulder wusste, dass Jonas sich sicher war, den Fisch im Netz zu haben. Jonathan Quinn war eigentlich seines Amtes Paläoarchäologe, vertrat aber auch nebenbei die Firma seines Vaters, deren Ruf selbst über die Grenzen der USA hinaus reichte.

"Man sagt zwar, dass man sich nicht in die Privatsphäre anderer einmischen soll, doch habe ich dieses Gebot zwecks eines kleinen Versuchs gebrochen. Außerdem hat es mich schon immer interessiert, wie Sie so wohnen." Er lachte kurz. "Man kann sogar deutlich Ihren Gärtner Paul erkennen, der gerade die Blätter aus dem Pool fischt."

Duncan starrte auf die Fotografie und schüttelte überrascht den Kopf. "Das haben Sie mit diesem Spion aufgenommen?"

"Exakt."

"Unglaublich..."

"Und das hier ist einer der Paläste unseres geschätzten Saddam Husseins. Ich glaube, den kennen noch nicht so viele. Er wurde erst vor drei Monaten fertiggestellt."

Jonas erntete wahres Erstaunen.

"Dieses Ding..." Duncan räusperte sich. "Was wollen Sie dafür?"

"Wir haben noch keine Preise festgelegt."

"Ich will nicht die Flugzeuge kaufen, Mister Quinn. Ich will ihre Pläne."

Jonas lachte auf. "Wie bitte? Glauben Sie etwa, ich wäre so blöd und würde diese Entwicklung, dieses revolutionäre Programm, an dem ich und meine Firma lange und intensiv gearbeitet haben, so einfach mir-nichts-dir-nichts verkaufen? Vergessen Sie es. Sie sind hier, um sich den Dark Star anzusehen und der CIA schmackhaft zu machen. Hergestellt wird er hier bei uns. Und ich sage Ihnen gleich, dass dieses Flugzeug keiner Massenproduktion unterliegt. Die Spione werden allesamt getestet und äußerst streng bewertet. Die QCDI ist für ihre Präzision und Perfektion bekannt." Er lächelte Duncan freundlich an. "Kommen Sie wieder, wenn Sie die Modelle für einen akzeptablen Preis kaufen möchten. Dann reden wir weiter."

"Nur eines der Modelle wird mir reichen, um die Pläne dazu anfertigen zu lassen!", brauste der Alte auf.

"Wenn Sie meinen. Sie werden allerdings bloß die Pläne für ein Modellflugzeug herausbekommen, aber nicht die unseres Dark Star, denn die Materialien, die wir verwenden, sind weder Ihnen noch sonst irgendeinem Schlaumeier Ihrer Bande geläufig. Sie unterliegen größter Geheimhaltung, und ich werde mich hüten, auch nur andeutungsweise zu erwähnen, aus welchen Materialien wir den Spion hergestellt haben. Ich sage Ihnen nur so viel: Jedes andere Material würde dafür sorgen, dass der Dark Star entweder bei seinem ersten Probestart verglüht oder Ihnen, sobald Sie den Hebel umlegen, um die Ohren fliegt. Sie haben die Wahl. Wie Sie sich entscheiden, kann mir egal sein. Die Dinger hier werde ich so und so los. Ich brauche Sie nicht, aber Sie brauchen mich. Vergessen Sie das nicht. Und nun muss ich Sie bitten, den Raum zu verlassen, ich habe nämlich noch weitere Termine. Das wäre ja was, wenn ich mir von Ihnen meinen Arbeitstag durcheinander bringen lassen würde. - Agent Mulder, Agent Scully, machen Sie es sich doch bitte schon einmal bequem."

Die Beiden folgten der Aufforderung und ließ sich auf einem freien Stuhl sinken. Interessiert beobachteten sie das Geschehen um sich herum. Murmelnd packten die Männer zusammen, nur Duncan kochte. Man sah ihm seine Wut in jeder Bewegung an. Beinahe widerwillig verließ er mit den anderen den Raum.

Die Tür fiel zu und Jonas schickte einen hilfesuchenden Blick nach oben.

"Es ist jedes Mal das Gleiche! Die glauben ständig, einen übers Ohr hauen zu können!" Er ließ sich auf einen freien Stuhl fallen und sah zu den beiden Agenten auf. "Und ihr Zwei, was treibt euch zu mir?"

"Das hier."

Scully reichte ihm eine durchsichtige und an dem Verschluss beschriftete Plastiktüte, die ein kleines Objekt enthielt. "Wir sind gerade auf dem Rückweg nach Washington, und weil Mulder mal wieder nicht mit dem Ausfeilen seiner Theorien warten will, dachten wir, dass wir auf einen Sprung vorbeikommen, und du dir das Ding mal anschaust."

Jonas hatte die Tüte schon unter die Lupe genommen, bevor sie überhaupt ausgesprochen hatte. Sie enthielt einen Zahn. Er war knapp zwei Zentimeter lang und spitz zulaufend. Eindeutig der Zahn eines Raubtieres. Eines recht großen sogar. Die Spitze war leicht bräunlich gefärbt. Je breiter der Zahn wurde, um so heller wurden die Schattierungen. An der nach innen gekrümmten Seite war die Kante äußerst scharf und leicht abgeflacht. Jonas fuhr sie mit der Fingerkuppe nach und spürte, wie der Zahn in seine Haut einschnitt.

"Wo habt ihr das Ding her?"

"Aus Minto."

"Bei Annapolis?"

Scully nickte.

Jonas besah sich den Zahn genauer. Für Luchs und Wolf zu breit, für einen Bären zu spitz zulaufend. Außerdem war der Schmelz viel zu dick. Äußerst ungewöhnlich.

"Ich kann das Ding keinem lebenden und mir bekannten Tier zuordnen..."

"Einem ausgestorbenen Wesen vielleicht?", fragte Mulder.

Jonas zuckte mit den Schultern. "Der Form, der atypischen Abflachung an der Innenkrümmung und der Beschaffenheit des Zahnschmelzes nach..." Er zögerte kurz. "Na ja, Dilophosaurus, wenn mich nicht alles täuscht. Aber diese Raubechse ist seit etwa 65 Millionen Jahren ein als ausgestorben zu klassifizierendes Reptil..."

"Ein Dinosaurier also?", fragte Mulder.

"Ja."

"Und es gibt wirklich kein dir bekanntes Raubtier mit solchen Zähnen?"

Jonas überlegte kurz. "Entweder ein zu groß geratener Wolf oder ein Tigerhai mit Lungen und Beinen."

Er gab den Zahn zurück, und Scully nickte dankend, bevor sie ihn wieder in ihrer Handtasche verschwinden ließ.

"Zu welchem Fall gehört das Ding?", erkundigte sich Jonas.

Mulder faltete die Hände unter dem Kinn. "Nun, um ehrlich zu sein, zu keinen uns zugeteilten Fall. Ich hatte heute lediglich eine Begegnung mit einem Jungen namens Terry Rogers, der in Minto wohnt und Zeuge wurde, wie ein alter Mann von zweibeinigen Echsen angegriffen und zu Tode gebissen wurde. Dem Polizeibericht zufolge wurde der Mann allerdings von einem großen Hund oder Wolf angegriffen und zerfetzt."

Jonas nickte. "Nun ja, einen Wolf lasse ich unter Umständen auch noch durchgehen", räumte er ein, ohne allerdings sehr davon überzeugt zu sein. Er seufzte und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. "Oh verdammt!"

"Musst du weg?"

"Ja." Jonas zuckte hilflos mit den Schultern. "Entschuldigt, dass ich euch abwürgen muss, aber mein Flug geht gleich. Auf Java haben wir einen Abnehmer eines neuen Computerchips für Architektur-Simulationen. Wir haben einen mächtigen Stress in letzter Zeit, und ich bin echt viel unterwegs..."

Mulder nickte. "Wir wollten auch nicht lange stören. Trotzdem, danke für deine Hilfe." Er und Scully erhoben sich und gingen in Richtung Tür. Im Rahmen blieb der Agent noch einmal kurz stehen und drehte sich um. "Wenn du mal wieder Zeit hast, komm mich doch einmal in Washington besuchen. Ich muss dir mein neues Büro zeigen." Er zwinkerte kurz, hob die Hand zum Abschied und verließ anschließend den Raum.

 

 
etwa eine Stunde später

 

Kurz vor Washington war der Verkehr vollkommen zusammengebrochen. Mulder konnte nicht einmal ahnen, wie lange die Schlange vor ihnen noch war. Scully war auf dem Beifahrersitz eingenickt. Jedenfalls schien es ihm so, als ob sie schliefe. Ihr Kopf lehnte an seiner Schulter.

"Schalten Sie in Gottes Namen den Motor ab, Mulder", murmelte sie, wie um seine Theorie zu widerlegen. "In den nächsten zwanzig Minuten werden wir ohnehin keinen Zentimeter vorwärts kommen."

"Vielleicht haben Sie Recht", gab er nach und ließ den Motor des Wagens verstummen. Seufzend lehnte er sich in seinem Sitz zurück und gähnte.

"Haben Sie vor, mitten auf dem Highway ein Nickerchen zu halten?", fragte er mit einem leichten Lächeln.

"Wie soll ich denn sonst die Zeit totschlagen? Ich habe ohnehin in den letzten Stunden kaum ein Auge zugetan."

Hinter ihnen hupte ein verärgerter Fahrer mit voller Kraft. Der Krach begann Mulder auf die Nerven zu fallen. Er kurbelte das Fenster herunter und fixierte den Ungeduldigen mit grimmiger Miene.

"Wenn man mit Krach machen die Straße frei räumen könnte, wäre ich schon längst in Miami!", rief er ärgerlich.

Der Mann hinter ihnen starrte mit wutverzerrtem Gesicht zurück und zeigte ihm den Stinkerfinger. "Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Scheiß! Hauptsache, Sie machen, dass Sie endlich Ihre lahme Kiste in Gang kriegen!"

Mulder hätte ihm am Liebsten eine passende Antwort auf diese Frechheit gegeben, doch Scully zupfte ihm hastig am Arm, bevor er die Tür aufstoßen und zu dem Mann laufen konnte, um sich für dessen Beleidigung zu revanchieren.

"Hey, Sie müssen die Statistiken über Streit im Stau nicht beweisen!"

Er ließ sich nur widerwillig in seinen Sitz zurücksinken. "Jedenfalls kann ich diese Statistik nun vollkommen nachvollziehen", knurrte er.

Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Es war viertel vor sieben.

"Also, unser Flugzeug nach New York werden wir nicht mehr kriegen. Dazu wäre schon ein Wunder nötig. - Was ist, Mulder? Haben Sie eines auf Lager?"

"Natürlich. Jeden Moment wird eine Baukolonne eintreffen und extra für uns eine Ausfahrt anlegen. Aber vielleicht sind die kleinen grünen Männchen vom Mars schneller und sorgen dafür, dass dieser widerliche Stau endlich sein Ende findet!"

Der Wagen kämpfte sich knappe zehn Meter weiter, bevor sie erneut stehen bleiben mussten. Scully seufzte tief.

"Vergessen Sie's, Mulder, wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig zum Flughafen."

"Na, wenn das so ist", sagte er schulterzuckend, bevor er den Wagen nach rechts lenkte, wo ein kleines Lokal am Straßenrand stand. "Dann könnten wir uns theoretisch auch eine nervliche Pause gönnen und einen Kaffee trinken. Was halten Sie davon?"

Sie hob die Augenbrauen, während der Motor verstummte. "Das würde Ihren Entschluss, hier für einige Zeit Wurzeln zu schlagen, auch nicht ändern. Schließlich stehen wir ja schon auf dem Parkplatz."

Er grinste und stieg aus. Sie verdrehte die Augen zum Himmel. Er war einfach unverbesserlich.

"Na los, kommen Sie schon!", sagte er lachend, nachdem er die Beifahrertür aufgerissen hatte, und versuchte Scully vom Sitz zu scheuchen. "Wünschen Madame getragen zu werden, oder kann sie selbst aufstehen?"

"Meinen verspannten Gliedern nach sollte ich mich lieber gar nicht bewegen", murrte sie, stieg jedoch gehorsam aus dem Wagen. Gemeinsam mit Mulder schlenderte sie zu dem kleinen Lokal hinüber.

"Gratulation, Mulder. Sie haben mal wieder ein Vier-Sterne-Restaurant ausgesucht", bemerkte sie trocken.

"Tja, ich habe einen Blick für so etwas." Er hielt ihr die Tür auf und trat nach ihr ins Innere des Gebäudes.

 

Das Lokal schien auf den ersten Blick hell und sauber zu sein. Scullys Miene entspannte sich. Keine dunkle Highway-Spelunke, sondern ein direkt gemütliches Restaurant.

Mulder wählte für sie den hintersten Tisch - wie meistens - und streckte sich genüsslich auf der Eckbank aus. Scully setzte sich ihm gegenüber und musterte die Umgebung. An der Längsseite des Lokales befand sich die von einigen kleinen Lampen beleuchtete Bar. Die Tischgruppen, die sich im Raum verteilten, waren von blumengeschmückten Mauern voneinander getrennt. Einige gerahmte Kunstdrucke und Schwarzweißaufnahmen hingen an den Wänden, Topfpflanzen verliehen den Räumlichkeiten eine erheiternde Note. Eine Kellnerin wischte die Tische links von ihnen, nickte ihnen kurz zu, um ihnen Bescheid zu geben, dass sie sich gleich um sie kümmern würde, und eilte zur Bar hinüber.

Inzwischen hatte Mulder die Speisekarte herangezogen und studierte sie eingehend. Anerkennend hob er die Augenbrauen. "Hier gibt es auch frischen Fisch aus eigener Zucht. Was ist, Scully? Hätten Sie Lust auf Forelle?"

Sie zögerte kurz, nickte dann aber. "Ja, eigentlich schon."

Die Bedienung kam zu ihnen, begrüßte sie freundlich und fragte nach der Bestellung.

"Zweimal das Menü Nummer 8", sagte Mulder, nachdem er sich noch einmal von Scully durch einen stummen Blick hatte bestätigen lassen, dass sie das von ihm gewählte Essen auch wirklich wollte.

"In Ordnung, Sir." Sie notierte die Ziffern. "Und was wünschen Sie zu trinken?"

"Eistee, kalt."

Scully nickte zustimmend. "Für mich auch, bitte."

"Kommt sofort", lächelte die Kellnerin. "Selten sind sich Gäste so einig." Sie grinste und entschwand.

"Verkehrte Welt", kommentierte Mulder die Worte der jungen Frau, kaum dass sie verschwunden war. "Wo wir uns doch sonst nie einig sind..."

Sie blinzelte kurz. Er nahm sich mal wieder selbst auf die Schippe.

"Wir können uns Zeit lassen", sagte sie sachlich, während sie auf ihre Uhr blickte. "Die nächste Maschine geht erst in anderthalb Stunden."

"Hoffentlich hat sich bis dahin der Stau aufgelöst", erwiderte Mulder.

Einer der Stammgäste an der Bar war an die Jukebox gegangen und hatte sich einen Titel von Styx ausgesucht. Die sanften Klänge von Babe erfüllten das Lokal.

Die Getränke kamen, und Mulder konnte wie immer nicht bis zum Essen warten. Auf einen Zug leerte er beinahe das halbe Glas.

"Sie scheinen kurz vor dem Verdursten zu sein", bemerkte Scully trocken.

"Kein Wunder", brummte er.

Sie seufzte. "Meine Güte, ich freue mich schon tierisch auf den Papierkram, der uns in Washington erwartet..."

Er grinste säuerlich. "Oh ja, Skinner wird uns sicherlich wieder wie Zitronen ausquetschen, nur um ja zu erfahren, wie wir die Frechheit besitzen konnten, uns einfach in die Angelegenheiten einer benachbarten Polizeibehörde einzumischen und auf Grund dessen unseren Flug nach New York zu verpassen, wo wir einen Fall zu bearbeiten hätten."

"Skinner glaubt sicherlich wieder, dass Sie mich zu dieser Aktion überredet und somit einen schlechten Einfluss auf mich haben", sagte sie mokant.

"Habe ich den?", fragte er unschuldig.

Die Kellnerin brachte den Fisch, und die beiden Agenten machten sich hungrig darüber her. Es schmeckte vorzüglich, darin waren sie sich - welch Wunder - einmal einig.

 

Mulder spießte einen Happen zartes Fischfilet auf die Gabel und blickte seine Partnerin bedeutungsvoll an. Sie drückte ein Zitronenscheibchen über ihrem Fisch aus und erwiderte seinen Blick.

"Was ist?" Sie sah ihn forschend an und schüttelte daraufhin wild entschlossen den Kopf. "Nein, Mulder, das hier ist keine X-Akte!"

"Aber es ist außergewöhnlich, das müssen Sie zugeben", murrte er und sah sie beinahe beleidigt an. "Ich weiß, wann etwas natürlich und erklärlich ist, Scully."

"Ach ja? Daran zweifle ich manchmal recht stark."

Er rutschte auf der Eckbank zurecht und leerte sein Glas. "Das in Minto war jedenfalls kein Angriff von irgendeinem Wolf oder Hund", sagte er. "Und Sträuße zerhacken keine Menschen und sabbern dabei auch noch."

"Es wird eine rationale Erklärung für diese Sache geben, Mulder!"

Er seufzte, ersparte sich jedoch ein Wortgefecht mit ihr, das wohl unweigerlich folgen würde, würde er weiterhin auf seine These pochen. Und auf eine Auseinandersetzung mit Scully hatte er im Moment weder Lust noch die nötige Kraft, um ihren Argumenten Stand halten zu können. Und so schwieg er und aß seinen Fisch.

Nach dem Essen warf Mulder einen kurzen Blick nach draußen und wurde mit der ernüchternden Tatsache konfrontiert, dass sich der Stau nicht aufgelöst, sondern sogar noch verschlimmert hatte - sofern das überhaupt noch möglich war.

"Es sieht so aus, als säßen wir im wahrsten Sinne des Wortes fest", sagte er.

"Na super." Scully strich müde über ihr Haar. "Dann hoffe ich bloß, dass die Zimmer hier so gut sind wie das Essen."

"Sofern überhaupt noch welche frei sind..."

Mulders Befürchtung war berechtigt. Die wenigen Zimmer, die das Lokal zu bieten hatte, waren annähernd ausgebucht. Die Agenten konnten gerade noch das letzte für sich beanspruchen - noch dazu ein Einzelzimmer.

 

Scully ließ sich mit einem Seufzer auf das kleine Bett fallen und starrte an die beige getönte Decke hinauf.

"Warum haben eigentlich immer wir so viel Glück?", fragte sie, während er sich erschöpft auf die Bettkante sinken ließ und den Kopf auf beide Hände stützte. Es gelang ihr nicht, ein herzhaftes Gähnen zu unterdrücken, und es kam ihr so vor, als würden ihr jeden Augenblick beide Augenlider unwiderruflich zufallen.

"Weil wir keine normalen Agenten sind?", vermutete er, jedoch ohne die Spur von Schalk, sondern richtig resigniert, wie Scully trotz ihrer Müdigkeit erstaunt feststellte.

"Vielleicht", antwortete sie langsam und knautschte das Kissen zurecht. "Ich habe das Gefühl dass, wenn ich jetzt einschlafe, nie wieder aufwachen werde."

Er lächelte kurz. "Und ich dachte, ich wäre der Einzige, dem man die letzten Reserven aus den Knochen gesaugt hat."

Sie stemmte sich unter größter Anstrengungen - so schien es jedenfalls - in die Höhe, streifte ihren Mantel von den Schultern und suchte das Zimmer nach einer brauchbaren Kleiderablage ab, fand schließlich einen geeigneten Stuhl, warf ihren Mantel über die Lehne und begann sich anschließend, auch von den restlichen Kleidungsstücken zu befreien. Mulder hatte ihre Kulturbeutel, die sie ständig mit sich führten, aus dem Wagen geholt, doch nach einigem Herumwühlen stellte sie fest, dass sie kein einziges frisches Hemd mehr besaß, das als Schlafgewand verwendbar war.

"Mist", murmelte sie und wühlte den Beutel noch ein zweites Mal durch. Ihre Suche blieb erfolglos.

Mulder derweil schien ihre Gedanken gelesen zu haben. Er warf ihr ein weißes T-Shirt zu, das er aus seinem Gepäck geangelt hatte.

"Ich weiß nicht, ob es Ihnen passt, aber für heute Nacht dürfte es reichen."

"Danke."

Er nickte bloß und verschwand im Bad, um sich die Zähne zu putzen und sie alleine zu lassen, damit sie sich ungestört umziehen konnte. Sie knöpfte ihre Bluse auf, zog sie aus und legte sie so ordentlich wie möglich über den Stuhl. Sie verzog das Gesicht, denn sie wusste nur zu genau, dass das Kleidungsstück am nächsten Morgen so und so Falten haben würde. So viel zur perfekten Erscheinung von FBI-Agenten, dachte sie bei sich, löste den BH und warf auch ihn über die Stuhllehne. Dann griff sie nach Mulders T-Shirt und schlüpfte hinein, schüttelte kurz ihr Haar und suchte dann in ihrem Kulturbeutel nach ihrer Zahnbürste.

Mulder kehrte aus dem Badezimmer zurück. Er hatte sein Hemd ausgezogen und warf es mit der linken Hand auf einen Sessel, während er mit einem Handtuch in der rechten sein nasses Haar frottierte. Er grinste Scully fröhlich an.

"Hey, das steht Ihnen gut."

Er warf ihr die Tube mit Zahncreme zu, die sie in der hohlen Hand auffing, vom Bett aufstand und sich an ihm vorbei ins Badezimmer schob.

"Moment."

Sie drehte sich mit fragendem Blick um.

Mulder deutete auf das Bett. "Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich mir eine der Decken klaue, oder?"

"Wieso?"

"Meinen Sie, ich will auf dem Boden erfrieren, jetzt, wo ich nicht einmal ein T-Shirt für heute Nacht habe?"

Sie lachte. "Im Bett ist genug Platz, und wenn Sie brav sind, dürfen Sie da auch die ganze Nacht drin bleiben."

Er verzog das Gesicht zu einer teils spöttischen, teils belustigten Grimasse. "Hey, wofür halten Sie mich? Don Juan?"

Sie erwiderte nichts darauf und verschwand im Badezimmer. Sie brauchte gerade mal fünf Minuten, schließlich hatte sie es eilig, ins Bett zu kommen. Sie fühlte sich wie am Boden zerschlagen, und auch der Schwall Wasser, den sie sich ins Gesicht klatschte, machte sie nicht mehr munter. Sie angelte nach ihrem Handtuch, trocknete sich hastig ab und verließ den Raum.

 

"Rutschen Sie ein Stück", sagte sie und scheuchte Mulder auf die linke Seite des Bettes, wo er sich ohne zu protestieren in die Kissen knäulte und die Augen schloss. Er musste wirklich müde sein, eine Eigenschaft, die Scully nur selten an ihm erleben konnte.

Sie kroch unter die Decke, knetete ihr Kissen zurecht und streckte den Arm aus, um das Licht zu löschen. Sanfte Dunkelheit breitete sich im Raum aus. Scully atmete tief ein und hörte ein leises Rascheln der Decke aus Mulders Richtung. Sie berührte seine nackte Schulter, als sie ihre Hand unter ihr Kissen schob, und spürte die angenehme Wärme, die sein Körper ausstrahlte.

"Schnarchen Sie?", fragte sie unvermittelt.

"Nein, wieso? Tun Sie es etwa?"

Sie grinste. "Ich bezweifle es."

Er murmelte zufrieden vor sich hin. "Gut. Dann stehen mir ja ein paar friedliche Stunden bevor..."

"Und was ist, wenn Sie wieder träumen?"

Er schwieg einen kurzen Moment. Ihre Sorge war berechtigt, denn kaum verstrich eine Nacht ohne diesen Traum, den Traum, der ihn schon so lange quälte.

"Ich hoffe, dass ich es nicht tue", sagte er, und Scully wusste, dass er die Wahrheit sprach. Doch sie wusste auch, dass sein Traum nicht beeinflussbar war.

Scully ließ sich mit einem leisen Seufzen in ihre Kissen zurücksinken und schloss die Augen.

Draußen trommelte der Regen auf das Dach des Motels. Der Stau hatte sich in den letzten zwanzig Minuten vollkommen aufgelöst und Ruhe war eingekehrt, lediglich hier und da von einem kurzen Rascheln unterbrochen. Der Himmel war bewölkt, die Nacht pechschwarz. Ideale Tarnung für sie. Und als der Mond für einige Sekunden durch die Wolkendecke brach, fiel sein Licht auf eine Gruppe kleiner Wesen, die - sobald sie den Lichtschimmer bemerkten - leise fiepend die Köpfe hoben und dann mit hastigen Sprüngen im nahen Unterholz verschwanden...

 

 
gegen zwei Uhr in der Nacht

 

Scully hatte geglaubt, dass sie nicht einmal ein Erdbeben aus dem Schlaf schrecken könne. Doch der plötzliche Tritt gegen ihr Bein ließ sie dennoch auffahren. Im ersten Augenblick der Orientierungslosigkeit sah sie sich um, bevor sie begriff, wo sie war. Sie blinzelte, und plötzlich wusste sie, was sie aus dem Schlaf gerissen hatte.

"Mulder?"

Sie beugte sich zu ihm und sah den Schweißfilm auf seinem Gesicht, in dem sich Schmerz und Angst widerspiegelten. Seine Lider flackerten. Er träumte, Scully wusste es. Und sie wusste auch, dass das Schlimmste noch vor ihm stand. Sanft berührte sie seine Schulter, spürte, wie er am ganzen Leib zitterte. Nie zuvor hatte sie seinen innerlichen Schmerz so sehr gespürt wie jetzt.

"Mulder!"

Sie schüttelte ihn heftig, bis er endlich erwachte, wie ein Stehaufmännchen im Bett hochfuhr und mit glasigen Augen an die Decke starrte. Er schnappte nach Luft und schüttelte sich krampfhaft, bevor sich sein verklärter Blick auflöste und er seine Umgebung erfasste.

"Jesus", murmelte er, und Scully sah, wie Tränen auf seinen Wangen glitzerten. Ein Schauer durchlief sie. Sie kannte seinen Traum, doch seine Reaktion darauf zeigte ihr erst, wie sehr ihm diese Nachtmahr unter die Haut ging. Sie streckte ihre Hand aus und berührte sein Gesicht, wischte die heißen Tränen von seiner Wange.

"Ist alles in Ordnung, Mulder?"

Er nickte zögernd. "Ja, ich denke schon." Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich in die Kissen zurücksinken, und sie rutschte näher an ihn heran. Sie spürte immer noch die Angst in ihm und hatte das tiefe Bedürfnis, ihn zu trösten.

"Versuchen Sie zu schlafen, Mulder", sagte sie leise, während sie den Arm um ihn legte und sich an seine Seite schmiegte. "Ich bin bei Ihnen, okay?"

Er nickte dankbar, seine Hand suchte den tröstenden Kontakt zu ihr. Sie wehrte sich nicht, als er über ihr Haar strich und sie sanft an sich drückte. Sie hoffte, dass ihre unmittelbare Nähe half, seine Alpträume zu bändigen und ihn ruhig schlafen zu lassen, ohne schreiend aufwachen zu müssen, mit weitaufgerissenen Augen, die ins Angesicht des Grauens geblickt hatten, mit blutendem Herz, das bei dem Gedanken an Samantha schmerzte. Das Verschwinden seiner Schwester würde ihn niemals in Ruhe lassen, dachte Scully bei sich und empfand tiefes Mitleid für ihn.

Er kuschelte seinen Kopf in ihre Halsbeuge, und kurz darauf spürte sie, wie sein Atem ruhig und gleichmäßig wurde. Sein Gesicht nahm entspannte Züge an, der Traum hatte sich verflüchtigt und war dem Tiefschlaf gewichen. Scully fuhr mit der rechten Hand durch sein weiches Haar und küsste ihn auf die Stirn. Wie ein kleiner Junge sah er aus, wie er jetzt in ihren Armen lag, nicht das unterdrückend, was er wirklich war. Sobald er Anzug und Krawatte trug, war er Special Agent Mulder, hochbegabter Profiler, Jäger, Kämpfer, distanziert, selbstbewusst, beinahe selbstgefällig. Und jetzt, jetzt war er nur er selbst, Fox, einfach Fox, sensibler und verletzlicher, als er es anderen gegenüber zugab - außer bei ihr.

Scully lächelte.

Schlaf gut, Mulder, dachte sie bei sich und ließ sich tiefer in die Kissen sinken. Schlaf gut...

 

 
KAPITEL 3: NEX

 

 
Jakarta / Java / Indonesien

 

Die Sonne ging gerade auf, als sich Piero und seine beiden Klassenkameraden Salvatore und Alfredo auf den Weg zurück in die Innenstadt machten. Die vertrauten Geräusche des Hafens schollen zu ihnen herüber, in der sanften Morgenprise rauschten die weitausladenden Äste der Koniferen, die den Wegrand säumten. Alfredo pfiff schon seit einigen Minuten vor sich hin, darum blickte er recht verwirrt, als Salvatore ihn plötzlich anstieß und den Zeigefinger auf den Mund legte.

"Hörst du das?", fragte er leise.

Auch Piero hatte es vernommen. Verwirrt blieb er stehen und lauschte.

Ein leises Zischen erklang von irgendwo.

"Eine Schlange?"

Salvatore schüttelte den Kopf. "So nahe am Hafen?", zweifelte er.

"Außerdem klingt es nicht nach Schlange", pflichtete ihm Alfredo bei. "Es muss etwas Größeres sein..."

In diesem Moment teilte sich das Dickicht neben ihnen, und etwas sprang laut fauchend heraus. Die Jungen sahen blitzende Zähne im aufgehenden Licht der Sonne, kalte, blassgelbe Augen mit schmalen Pupillen. Ein widerlich süßlicher Geruch breitete sich aus. Hinter dem Wesen tauchte noch ein weiteres auf, kurz darauf ein drittes.

Salvatore schrie auf und wollte davonlaufen, als ihn etwas an der Wange traf. Als er sich instinktiv darüber wischte, stellte er fest, dass es eine schaumige, übelriechende Flüssigkeit war. Angewidert streifte er das Zeug von seiner Haut, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne, als ihn ein stechender Schmerz durchfuhr und heftig nach Luft schnappen ließ. Er beugte sich vornüber und keuchte, aus den Augenwinkeln sah er, wie eines der Wesen über Alfredo herfiel und ihm mit dem krallenbewehrten Fuß den Bauch aufschlitzte.

Salvatore würgte, als ihm die Magenflüssigkeit die Speiseröhre hinaufstieg, doch er konnte sich nicht übergeben. Das Bild, das sich ihm darbot, war zu schrecklich. Der Junge stand unter dem Zustand des Schocks, regte sich nicht, konnte lediglich heftig atmen.

Blutlachen breiteten sich auf dem Boden aus, als die Wesen große Fleischbrocken aus dem zur Unkenntlichkeit zugerichteten Alfredo rissen. Salvatore hörte, wie Piero schrie, bevor ihm die Kehle durchgebissen wurde. Die Wesen schrieen und fauchten, fiepten und zischten, während sie ihr grausiges Mahl hielten. Und dann spürte Salvatore, wie ihn etwas an der Schulter packte und zu Boden riss. Ein scharfer Gegenstand durchfuhr die Haut seines Beines, und der Junge schrie. Er erhob die Hände gegen den Angreifer, der zischend über ihn herfiel und ihm die Haut zerfetzte. Das Wesen packte Salvatores Arm und drehte ihn aus dem Gelenk. Der Junge brüllte, sah panisch zu den eiskalten Augen hinauf, die ihn anstarrten, sah das Maul, dass sich um seinen Arm schloss. Dann verlor er das Bewusstsein...

 

 
am frühen Morgen

 

Die Millionenstadt Jakarta, Metropole des indonesischen Reiches und Eisenbahnknotenpunkt der Sunda-Insel Java, war der sengenden Hitze, die über den Vierteln brütete, beinahe schutzlos ausgesetzt. Das hinderte die Einwohner jedoch nicht daran, den täglichen Markt zu besuchen, der sich über mehrere Straßen der Altstadt verteilte. Kaufleute und Händler boten Unmengen von Anbauprodukten der Insel an: Reis, Maniok, Zuckerrohr, Mais, Soja, Tee, Kaffee, Tabak, Kopra, Kautschuk, Sisal, Chinin und Indigio. Von den überall anzutreffenden Moscheen erklangen die Rufe der islamischen Religion, die den Buddhismus schon im 14. Jahrhundert vertrieben und durch den muslimischen Glauben ersetzt hatte - aber nur oberflächlich. Zu viele Menschen verschiedener Kulturen lebten in Jakarta, um bloß einen einzigen Glauben zu repräsentieren. In Glodok, dem Chinesenviertel beispielsweise, waren noch nie Gebete des Korans ausgesprochen worden, und man hütete sich, den dem Brahmanismus gegenüber andersartig erscheinenden Glauben in das tägliche Leben einfließen zu lassen.

Am Stadtrand sammelte sich der Schwerverkehr. Stinkende Lastwagen und unzählige Pkws standen im Stau. Die Absperrung machte die Straße zum Hafen unerreichbar. Zwei Polizisten regelten den Verkehr. Jedenfalls versuchten sie es. Das laute Hupkonzert und die qualmenden Abgase machten es den Beamten nicht leicht.

"Sir, wir müssen so schnell wie möglich die Sperre aufheben."

Hauptinspektor Mantjur schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, das ist leider unmöglich."

"Aber Sir..."

"Entschuldigen Sie mich, ich habe zu tun."

Der Inspektor ließ die beiden Beamten stehen und eilte zu den unzähligen Polizeiwagen und Ambulanzfahrzeugen hinüber, die sich allesamt um eine knapp sechs Quadratmeter große Stelle gesammelt hatten. Als Außenseiter war es unmöglich zu erkennen, was dort vor sich ging. Und genau das war Absicht.

Das Rauschen der Funkgeräte und das eifrige Treiben der Sanitäter übertönte das Säuseln des Windes, der durch den kleinen Hain aus Koniferen und Farngewächsen strich. Es übertönte auch die aufgeregten Rufe der Männer vom Red Cross, die gerade zwei Menschen in einen der Ambulanzwagen verluden. Die Körper der Opfer waren mit weißen Tüchern verdeckt, Sanitäter sammelten sich um die Kopfteile. Mantjur war es unmöglich zu erkennen, was dort eigentlich vor sich ging. Er stieß einige Leute zurück und trat dann in die Mitte des Platzes.

"Mantjur?"

Der Inspektor blieb stehen. "Vince? Was ist hier passiert?"

Der stämmige Amerikaner seufzte bloß schwer. "Ich bezweifle, dass Sie das wissen wollen..."

Er nickte zu drei Männern hinüber, die sich über einem scheinbar leblosen Körper beugten. Der Inspektor zögerte nicht lange und ging zielstrebig darauf zu. Vince folgte ihm in einigem Abstand. Er hob mit gemischten Gefühlen die ergrauten Augenbrauen.

"Sind Sie sicher, dass mit Ihrem Magen alles in Ordnung ist?"

"Ich habe schon viele zerstückelte Körper gesehen."

"Aber nicht solche!"

Mantjur drängte einen der Männer zu Seite. Der Beamte wandte sich nur allzu gerne von dem Schaubild ab, das sich dem Inspektor nun darbot: Ein etwa sechzehnjähriger Junge lag dort auf dem feuchten Humusboden. Sein Hemd war blutdurchtränkt, sein Bein war aufgerissen.

"Was ist mit ihm passiert?"

Jonathan Quinn, der sich noch immer über den Schwerverletzten beugte, seufzte schwer. "Das würde ich auch gerne wissen." Er hob das Hemd des Jungen mit einer seiner durch Latexhandschuhe geschützten Hand an. Mantjurs Blick fiel auf einen klaffenden Riss an der Schulter. Der ganze Körper zitterte, das Gesicht des Jungen war blass. Als der Inspektor einen zweiten Blick auf die Schulter warf und Details erkannte, spürte er, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Die Wunde war lang und ausgefranst, das Fleisch an den Wundrändern war zerfetzt, wie aufgerissen. Die Schulter war ausgerenkt, helle Knochen lagen bloß. Mantjur konnte die Adern im offenen Fleisch pulsieren sehen.

"Jesus", murmelte er, während er hastig nach Luft schnappte.

"Ich bin zwar kein Fachmann, aber es sieht so aus, als sei er von einem Tier angefallen worden", sagte Jonas so sachlich wie möglich, doch seine Stimme war dünn und gepresst.

"Das fällt mir schwer zu glauben", erwiderte Mantjur langsam, jedoch bestimmt. "Tierangriffe sehen anders aus. Bis auf Schulter und Bein ist der Körper unversehrt. Keine Kratzspuren, keine Bisswunden..."

Er verstummte, als Jonas die Hände des Jungen anhob und sie ihm zeigte. Bei dem Anblick lief es dem Inspektor kalt den Rücken hinunter. Sie waren übersät mit Schnittwunden und Blutergüssen, nicht nur an den Handinnenflächen, auch an den Gelenken und Unterarmen. Aus einigen Wunden trat noch Blut, an anderen war es schon zu dunkelroten, fast schwarzen Krusten geronnen.

"Sehen Sie? Er hat sich gegen irgendetwas gewehrt. Daher die Wunden. - Und riechen Sie das, Mantjur?", fragte Jonas.

Der Javaner rümpfte die Nase.

"Es stinkt."

"Ja. Und zwar ziemlich. Es ist der Gestank von verfaultem Fleisch. Und sehen Sie den weißen Schaum?" Jonas deutete auf einige Schlieren in der Wunde.

"Ja."

Der junge Amerikaner berührte den zähflüssigen Geifer und verrieb ihn zwischen seinen Fingern. "Es ist Speichel."

"Welches verfluchte Tier sollte einen Menschen derart zurichten?", fragte Mantjur fassungslos.

In diesem Moment schien der Junge zu Bewusstsein zu kommen. Mit einem Ruck setzte er sich kerzengerade auf, und einer der nebenstehenden Beamten kreischte bei diesem Anblick vor Entsetzen auf. Sanitäter eilten herbei, um den Verletzten auf eine Trage zu schaffen.

Jonas stand auf und hob die blutverschmierte Hand, um die Aufmerksamkeit der Männer zu erregen. Auf Spanisch rief er ihnen zu, das Blut des Jungen - und auch den Speichel in seinen Wunden - analysieren und die Ergebnisse der örtlichen Polizei zukommen zu lassen. Zugleich warnte er die Sanitäter davor, den schäumenden Geifer ungeschützt zu berühren, da er infektiös sein könnte und gab ihnen weitere Anweisungen, die Mantjur nur häppchenweise verstand. Jonas redete schnell und trotzdem flüssig, seine Spanischkenntnisse übertrafen die des Inspektors um Weites.

Der verletzte Junge begann plötzlich zu stöhnen und warf den Kopf hin und her, seine Augen waren weit aufgerissen. "Los muelas!", japste er. "Los muelas!"

Mantjur sah fragend in die Runde. "Was sagt er?"

"Zähne", gab Jonas die spanischen Worte wieder. "Er spricht von Zähnen."

"Frag ihn, was passiert ist!"

Jonas nickte und wandte sich an den zitternden Jungen. Er versuchte, eindringlich und dennoch beruhigend zu klingen. "Què has hecho? Què le pasa?"

"Me duelen los piernas y los brazos y..." Der Verletzte fing an zu wimmern. "Que me encuentro mal, que me encuentro mal..."

Der Javaner verfiel in eine Art Singsang. Er wiederholte die Worte immer und immer wieder.

"Er sagt, dass seine Beine und Arme schmerzen und dass es ihm sehr, sehr schlecht geht", sagte Jonas langsam.

"Das sehe ich", knurrte Mantjur. "Ich will wissen, was passiert ist!"

Jonas wiederholte seine Frage: "Què le pasa?"

"He visto muelas. Ha sido! Ha sido!"

"Quièn? Contesta!"

Schweißperlen liefen über die Wangen des Jungen. "La voz alta! Alta! Muy alta! Muy rápido. Y muy feo! Verde y marrón! Y muelas! Los muelas!"

Plötzlich spuckte er einen Schwall Blut, hustete, krümmte sich zusammen. Einer der Sanitäter versuchte, dem Jungen ein Stück Holz zwischen die zusammengebissenen Zähne zu schieben, doch Jonas hielt ihn hastig zurück, da der Mann sonst mit dem eventuell infektiösen Speichel in unweigerlichen Kontakt kommen würde. Selbst wenn der Sanitäter versucht hätte zu helfen, es hätte keinen Sinn mehr gehabt. Der Junge zuckte noch einmal zusammen, erschlaffte und lag dann still da. Leblos, bleich und blutüberströmt, ein Bild aus einer Schauermär, einem schlechten Horrorfilm.

Mantjur hielt sich die Hand vor den Mund und fuchtelte mit der anderen ungestüm in der Luft herum.

"Bringen Sie ihn weg!", japste er.

"Was hat er noch gesagt?", fragte einer der Beamten langsam. "Wovon hat er gesprochen?"

"Das würde ich auch gerne wissen." Jonas starrte den toten Jungen nachdenklich an. "Er sagte etwas von lauten Schreien und sprach von etwas Schnellem und Hässlichem. Es sei grün und braun gewesen. Und es hätte Zähne. Schreckliche Zähne..." Er sprach nicht aus, sondern wandte sich an die Männer der Ambulanz, die den Leichnam anhoben, und gestikulierte ihnen, vorsichtig zu sein. "Hey! Ojo! Un poco de ojo!"

Die Sanitäter legten den Leichnam auf die Trage und brachten ihn fort. Ein anderer reichte Jonas ein feuchtes Desinfektionstuch. Nachdenklich starrte der Amerikaner auf die Stelle, wo der Junge zuvor gelegen hatte.

"Er war nicht sehr viel jünger als ich. Vielleicht vier Jahre", sagte er leise. "Was ein grauenhafter Tod..."

"Wer hat die Polizei informiert?", fragte der Inspektor.

"Der alte Fischer in dem Haus dort drüben." Vince deutete nach Westen. "Die Beamten haben ihn schon befragt. Doch alles, was er sagen konnte, war, dass er die drei Jungs gesehen hat, die hier entlang liefen. Sie kamen wahrscheinlich gerade von dem Feriencamp unten am Fluss. Und dort drüben bei den hohen Farnen sollen dann drei grüne Dinger aus dem Gebüsch gesprungen sein..."

"Grüne Dinger?", wiederholte Mantjur stirnrunzelnd.

"Ja. Sie sollen unmenschliche schrille Laute von sich gegeben haben. Spitze Schreie. Und gefaucht hätten sie auch noch, gezischt wie Schlangen. Und sie waren schnell."

"So, wie es der Junge beschrieben hat", sagte Jonas und warf das Desinfektionstuch in einen Mülleimer. Er starrte nachdenklich auf den Boden, der von Spuren übersät war. Eindeutige Spuren des Kampfes, der Verzweiflung und der Gewalt. Überall dieser stinkende weiße Speichel. Aber keinerlei Hinweise auf die Identität der Angreifer. Im nahen Unterholz raschelte und fiepte es. Vermutlich Ratten, die den süßlichen Duft des Blutes rochen. Grüne Dinger. Schreckliche Zähne. Schnell, hässlich... Jonas seufzte und hoffte inständig, dass ihm Fox weiterhelfen konnte.

 

 
zwei Tage später
J. Edgar Hoover-Building
Washington, D.C.

 

Es war ein Arbeitstag wie jeder andere in Washington, D.C. - so schien es jedenfalls. Doch Special Agent Fox Mulder hatte schon immer einen gewissen Instinkt für unvorhersehbare Ereignisse gehabt, ein untrügliches Gespür, das ihn bisher nie betrogen hatte. Er fühlte es ganz genau, nein, er wusste es sogar: Heute würde noch etwas geschehen, was sein Weltbild über den Haufen werfen würde - und nicht nur das seine.

Er warf seine Aktentasche auf seinen Schreibtisch, registrierte die beiden blau ettikierten Schnellhefter darauf, drehte beherzt seinen Stuhl zurecht und ließ sich mit einem Seufzer hinein fallen.

"Sie sehen so aus, als bräuchten Sie einen Kaffee."

Mulder hob den Kopf und blickte in das freundlich lächelnde Gesicht seiner Sekretärin.

"Sie können Gedanken lesen, Bette!", sagte er erleichtert.

"Schwarz?"

"Rabenschwarz."

Bette nickte und verließ den Raum. Mulder lehnte sich in seinem Stuhl zurück und starrte auf das Schild an der Tür, welche die Sekretärin aufgelassen hatte.

 

 
Abteilung 78 / X
Fox W. Mulder / Dr.
Dana K. Scully

 

Mulder grinste. Irgendwie war es die Ironie des Schicksals, die da auf dem Schild stand. Noch vor einem halben Jahr hätte sein Vorgesetzter, der Assistent Director Walter Skinner, nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, die Leute, die im J. Edgar Hoover-Building ein und aus gingen, auch noch auf seinen schwierigsten Agenten aufmerksam zu machen, denjenigen, der sich mit Dingen befasste, auf die andere mit einem Naserümpfen zu reagieren pflegten. Erst der Zwischenfall vor wenigen Wochen hatte ihn buchstäblich dazu gezwungen, den beiden Agenten ein Büro im dritten Stockwerk des Gebäudes zu verschaffen. Mulder war schon lange nicht mehr allein mit seinen Ansichten über paranormale Phänomene. Skinner - und noch einige andere - hatten nicht gezögert, dem hochgradig engagierten Agenten Steine in den Weg zu legen, doch irgendwie hatte es Mulder bisher immer geschafft, diese hinter sich zu lassen. Auch Special Agent Dana Scully, die auf Grund ihrer nüchternen Vorgehensweise, die auf rein wissenschaftlich belegten Fakten beruhte, Mulder zugewiesen worden war, um seine Arbeit zu behindern, war zu einer Verbündeten geworden. Sie teilte zwar nicht immer seine Ansichten - Mulder bezweifelte, ob ihm das überhaupt gefallen würde, denn manchmal brauchte er die teils hitzigen Diskussionen mit ihr -, dennoch wusste sie, dass Mulders Arbeit wichtig war, und dass in den X-Akten unzählige Wahrheiten verborgen lagen. - Man musste sie nur finden...

Bette brachte den Kaffee, und Mulder nickte dankend.

"Haben Sie die beiden Akten schon durchgesehen?", erkundigte sie sich und tippte auf die Ordner, während Mulder nach seiner Lesebrille griff, den Kopf schüttelte und an seinem Kaffee nippte. "Nein, ich war in Gedanken." Er stellte die Tasse zurück auf den Tisch und warf einen kurzen Blick auf die Uhr. Fast gleichzeitig hörte er vertraute Schritte im Korridor und blickte erwartungsvoll auf die Tür.

Dana Scully, adrett gekleidet und mit wehendem rotbraunen Haar, schneite ins Zimmer. Die vierunddreißigjährige Agentin hatte ihr Siegeslächeln aufgesetzt und wedelte fröhlich mit einem Blatt Papier.

"Was ist das?" Mulder deute darauf.

Sie warf ihre Tasche neben den Schreibtisch, umrundete ihn und reichte Mulder mit funkelnden Augen das Papier.

"Ad acta!", sagte sie triumphierend. "Der Fall ist gelöst. Sie hatten Recht mit Ihrem Verdacht in Bezug auf Trevors. Das Ding da war keine X-Akte."

"Das habe ich doch schon von Anfang an gesagt!", murrte er und überflog die Zeilen. Was, zum Teufel, sollte der Mord an einem Senator mit ihrer Abteilung zu tun haben?

"Möchten Sie auch einen Kaffee, Miss Scully?", fragte Bette derweil.

"Danke, aber ich habe reichlich gefrühstückt." Scully angelte nach den beiden Ordnern auf Mulders Schreibtisch.

"Wie Sie wünschen." Die Sekretärin schloss die Tür hinter sich. Die beiden Agenten waren unter sich.

"Dann kann ich den Hefter ja abgeben", sagte Mulder und schob das Blatt zurück. Mit der rechten Hand griff er hinter sich in das Wandregal und tastete nach dem Ordner, den er am Vorabend dort abgelegt hatte. Er griff ins Leere. Mulder zog die Augenbrauen zusammen, wandte den Kopf und starrte auf das Brett.

"Wo ist er denn?"

Er vollführte eine 180°-Drehung in seinem Sessel und inspizierte das Regal.

"Ich werde das Ding doch nicht vorschriftsmäßig abgelegt haben..." Er erschauderte. "Welch ein Gedanke!"

Scully amüsierte sich über seine ironische Art, sich über sich selbst lustig zu machen.

"Haben Sie vielleicht schon mal mit dem Gedanken gespielt, dass Bette die Akte schon mitgenommen haben könnte?"

"Möglich." Er blickte noch einmal kurz zum Wandregal, wie um sich zu überzeugen, dass er den Ordner auch nicht übersehen hatte. "Ich werde sie nachher fragen..."

Die Tür schwang auf, und ein hochgewachsener, kräftiger Mann trat ein. Mulder hob die Augenbrauen.

"Oha, der Chef persönlich! Haben wir schon wieder was ausgefressen?"

Assistent Director Walter Skinner, den Mulder des Öfteren als den "Nicht-mit-mir"- Boss bezeichnete, stand vor dem Schreibtisch, die kräftigen Arme vor der Brust verschränkt. Die steingrauen Augen blitzten streng unter den buschigen Brauen hervor. Der fast kahlköpfige Ex-Marine war etwas kleiner als Mulder, dennoch wusste der Agent, dass ihm sein Vorgesetzter mit einer Hand das Kreuz brechen könnte - wenn er dazu gewillt war. Bei den oftmals lautstarken und überaus turbulenten Unterredungen mit Skinner befürchtete Mulder manchmal ernsthaft, dass Skinner von seiner Kraft Gebrauch machen könnte - doch war der Assistent Director ein viel zu logisch denkender Mensch mit einem wahrhaft brillanten Verstand, sodass er trotz seiner Weißglut, in die ihn Mulder allzu oft trieb, seine Beherrschung nie verlor.

Scully hoffte, dass die heutige Begegnung Skinner - Mulder einigermaßen ruhig verlaufen würde, und dass keiner der Beiden seine Stimme erheben würde, um dem anderen unwirsch über den Mund zu fahren. Scully wusste nur allzu gut, dass beide, ihr Partner sowie ihr Vorgesetzter, über einen wahrhaft immensen Dickschädel verfügten, den so gut wie nichts zum Einlenken brachte. Außerdem gab es unzählige andere Aspekte, die dazu beitrugen, dass sich die beiden Männer selten einig waren. Zum einen waren da Skinners undurchsichtige Beziehungen - sowohl zu den etablierten Militärkreisen als auch zu den grauen Eminenzen im Hintergrund -, die den Assistent Director zu einem prädestinierten Ziel von Mulders Paranoia machten, andererseits waren es die unorthodoxen Ermittlungsmethoden und die exotische Sicht der Dinge Mulders, die zu einem ständigen Ärgernis Skinners geworden waren.

Der Assistent Director warf wortlos einen prall gefüllten Briefumschlag auf den Schreibtisch.

Mulder grinste. "Was ist das? Die Stromrechnung für mein Büro?"

"Nein, ein neuer Fall." Skinner ließ sich in einen freien Stuhl fallen.

Misstrauisch beäugte Mulder den Umschlag. "Ich werde das verfluchte Gefühl nicht los, dass mir das da drin nicht gefallen wird..."

"Ich bin vom genauen Gegenteil überzeugt", erwiderte der Assistent Director, und ihm gelang sogar ein leichtes Lächeln.

Mulder ließ den Inhalt des Umschlages auf seinen Schreibtisch klatschen. Das Meiste waren Fotos und Berichte.

"Was, in drei Teufels Namen, ist das?", fragte er unwillig.

Skinner tat amüsiert. "Kaum haben Sie ein neues Büro, werden Sie anspruchsvoll." Er deutete auf den ehemaligen Inhalt des Umschlages. "Da sind schon die beiden Flugtickets nach New York mit drin. Sie werden am Montag fliegen, gleich nach dem Ablauf Ihrer Urlaubszeit. Zuvor jedoch möchte ich Sie beide noch einmal hier in diesem Raum sehen."

Mit diesen Worten erhob sich der Assistent Director, nickte dem verblüfft dreinschauenden Mulder kurz zu und verließ anschließend das Büro.

"Haben Sie das gesehen?", raunte er, kaum, dass Skinner verschwunden war.

"Was denn?" Scully sah von dem Bericht auf.

"Er hat gelächelt!"

Sie schmunzelte. "Haben Sie etwa geglaubt, er sei dazu nicht fähig?"

"Genau das!"

Scully angelte sich den Schlüsselbund auf Mulders Schreibtisch. "Ich werde mal kurz ins Labor runtergehen. Ich muss die Ergebnisse vom Brain Powder - Fall noch abholen..."

Er legte den Kopf schief. "Kommen Sie dabei zufällig am Sandwichautomaten vorbei? Ich komme mir vor, wie ein ausgehungerter Wolf..."

"Rotkäppchen ist aus", sagte sie lächelnd, schon im Türrahmen stehend. "Das gleiche wie immer?"

"Yeap."

Sie nickte. "Gut, ich bin in etwa zehn Minuten wieder da."

Mulder blickte ihr kurz nach, bevor er sich über den Inhalt des von Skinner gebrachten Briefumschlages beugte. Interessiert studierte er die Fotos. Ja, das könnte wirklich...

Jemand klopfte an, und der Agent hob blinzelnd den Kopf, als der Besucher in den Raum trat. Mulder musste unwillkürlich lächeln, als er Quinns überraschtes Gesicht sah.

"Willkommen in meinem privaten Königreich", grinste er.

In Mulders Büro hatte sich seit seinem letzten Besuch einiges verändert, stellte Jonas fest, als er sich umsah. In dem Raum sah es zwar genauso chaotisch aus, wie es in Büros, die unter Mulder Obhut gerieten, eben aussah, doch war einiges anders. Das fing schon mit dem Raum selbst an. Es war ein geräumiges Zimmer, das durch eine Fensterfront in helles Licht getaucht wurde und im dritten Stock der FBI-Zentrale lag. Mulders altes Büro war im Keller gewesen, klein und dunkel, vollgestopft mit Akten. Jonas konnte sich nur allzu lebhaft daran erinnern. Er wusste zwar, dass das Büro im Keller ausgebrannt war - mit ihm auch die X-Akten. Skinner hatte die Abteilung kurzerhand geschlossen - zum inzwischen zweiten Mal, wie Jonas wusste. Mulder und Scully hatten daraufhin normale Fälle bearbeiten müssen, Fälle, denen sich das FBI täglich annahm.

Und nach normalen Fällen, die ein normaler FBI-Agent bearbeitete, und für die es ganz natürliche Erklärungen gab, sah das Büro auch aus. Ein paar gerahmte Poster an der Wand, davon eines mit einer Karikatur eines pinken Außerirdischen, aber das war auch schon alles, was entfernt auf Paranormales hinwies. Keine Zeitungsausschnitte mehr, die Mulder an die Wände zu pinnen pflegte. Eher gesagt war es seine Angewohnheit, die Wände mit eben diesen Ausschnitten zu tapezieren, bis man kein Weiß mehr entdecken konnte. Hier war das ganz anders. Das Einzige, was noch an das alte Büro erinnerte, waren die Stapel von Aktenordnern, Büchern, Mappen und Papierstößen, die den Schreibtisch wie gewöhnlich überluden.

"Schön, dass Sie mich mal wieder beehren, Dr. Perturbatio", grinste Mulder, als er seinen Besucher erkannte, und stellte das Radio leiser, in dem Mark Morrison gerade den "Return of the Mack" besang.

"Auch erfreut, Sie zu sehen, Spooky Mulder", erwiderte Jonas vergnügt und schüttelte seinem alten Freund nur allzu gerne die Hand. Fox Mulder lachte. Der verschmitzt dreinschauende, knapp siebenunddreißigjährige Mann, der jedoch dank seines faltenlosen und durch die weichen Züge beinahe jugendlichen Gesichtes um die zehn Jahre jünger aussah, hatte das braune Haar, dessen Widerspenstigkeit er mal wieder nicht hatte bändigen können, mit einer raschen Bewegung der rechten Hand aus der Stirn gestrichen. Er hatte an der Universität Oxford Verhaltenspsychologie studiert und eine Abhandlung über Serienkiller und Okkultismus geschrieben, woraufhin das FBI auf ihn aufmerksam geworden war und ihn angeworben hatte. Mulder hatte zuerst als Profiler beim Bundeskriminalamt gearbeitet, als Agent also, der darauf spezialisiert war, Serienkiller zu jagen. Seit acht Jahren jedoch hatte er sich fest den X-Akten verschrieben, die das FBI mit einem Nasenrümpfen zu betrachten pflegte - und die, so wie es aussah, nicht mehr existierten.

"Was, zum Teufel, ist das hier?" Jonas vollführte eine Bewegung, die das gesamte Büro umfasste. "Hier sieht es ja so... normal aus."

Mulder grinste. "Gewöhnungsbedürftig, nicht wahr?" Er zwinkerte vergnügt. "Aber lass dich nicht täuschen. Dieses Büro erfüllt den gleichen Zweck, wie mein altes. Nur ist das hier etwas größer."

"Und heller."

"Das stimmt." Mulder griff in eine Tüte Sonnenblumenkerne auf dem Tisch, steckte sich einen Kern in den Mund und knackte die Schale, woraufhin er fortfuhr: "Die erste Woche konnte ich nicht ohne Sonnenbrille hier rein." Er grinste und warf die Schale in einen Aschenbecher, der als Mülleimer für Kleinstabfall - eben Schalen - diente. Rauchen und Zigaretten selbst waren Mulder zuwider - vor Allem Morleys. Aber man konnte die Ascher ja auch für andere, weniger gesundheitsschädliche Zwecke verwenden. Der Agent griff nach einen neuen Sonnenblumenkern und lächelte. "Außerdem ist dieses Ding nicht mehr so intim, wie das andere, wenn du verstehst, was ich meine. Im Keller hatte ich meistens meine Ruhe, hier oben ist tagtäglich die Hölle los. Auch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Einlebephase habe ich aber inzwischen hinter mir, glaube ich. Es ist schon ein anderes Feeling, nicht mehr zu den grauen Mäusen zu gehören, die irgendwo im Keller ihr unbeachtetes Leben fristen, sondern zur oberen Schicht..."

"Und die X-Akten?"

Mulder tippte mit der Schuhspitze gegen einen Aktenschrank. "Die beiden untersten Schubladen. Dank meiner penetranten Gewohnheit, alles doppelt und dreifach zu machen, habe ich noch einige Kopien der Akten, die beim Brand verloren gegangen sind. Sonst würde ich mich nun fühlen wie Königin Kleopatra nach dem Brand der Bibliothek in Alexandria." Er grinste.

"Sie sind wieder geöffnet?"

Mulder nickte, während er erneut in die Tüte mit Sonnenblumenkernen griff. "Seit dem 6. September."

"Wie das?"

Sein Freund hob bloß kurz die Hand, um sie sofort wieder fallen zu lassen. Ausweichend blickte er aus dem Gardinenschlitz nach draußen.

"Die Verschwörung?"

Mulder zögerte kurz, zuckte dann mit den Schultern. "Skinner ist wohl mal wieder der Wankelmütigkeit seines Willens zum Opfer gefallen."

Er machte eine abwertende Handbewegung, und Jonas wusste, dass Mulder nicht darüber reden wollte - noch nicht.

Ein kurzes Schweigen kehrte ein, in dem niemand den an Sommer, Sonne, Meer und Jamaika erinnernden Reggae-Song von Aswad störte. "It must be an invisible sun", trällerte der Lead-Sänger Brinsley Forde, und bei dem Wort 'invisible' musste Jonas sofort an die mysteriösen Tiere in Jakarta denken.

"Na spuck's schon aus, Jonas", sagte Mulder endlich. "Du bist doch nie und nimmer grundlos hier."

"Leider hast du Recht", erwiderte sein Freund seufzend. "Ich brauche deine Hilfe. Und wenn möglich auch eine kurze Stellungnahme von Scully."

Mulder wurde schlagartig ernst. "Was ist passiert?"

"Etwas, was eventuell in euer Aufgabenfeld fallen könnte..."

"Na dann schieß los", erschall eine Stimme hinter ihnen, und die beiden Männer drehten sich um. Dana Scully stand im Türrahmen und hatte sich mit der linken Schulter gegen die Wand gelehnt. Auffordernd sah sie ihren Partner und dessen Besucher an, während sie Mulder das in Frischhaltefolie eingewickelte Sandwich zuwarf.

"Guten Morgen, Dana." Jonas reichte ihr die Hand. "Tut mir leid, falls ich euch mit dieser Sache aufhalten sollte, aber ich brauche wirklich euren Rat."

Scully zog sich den letzten freien Stuhl heran und setzte sich. "Ich bin ganz Ohr."

Jonas legte einen Packen Fotos auf den Tisch.

"Diese Fotos hat man am achten dieses Monats in Jakarta aufgenommen. Es handelt sich dabei um die Leichen drei Jugendlicher, die allesamt auf die gleiche Weise zu Tode kamen. Durch den Angriff von... von... irgendetwas." Er tippte auf die Bilder. "Diese Wunden sind an allen Körpern vorzufinden. Klaffende Risse in der Haut, ausgefranste Wunden, zerfetztes Fleisch, wie nach einem Angriff großer Tiere. Das Problem dabei ist, dass kein Raubtier der Körpergröße, das den Verletzungen zuzuordnen wäre, mitten in der Großstadt lebt."

"Vielleicht ist ja ein Tiger aus dem Zoo ausgebrochen", murmelte Mulder und knackte einen weiteren Sonnenblumenkern. Allerdings dachte er etwas ganz anderes, als das was er sagte. Er begann schon, Parallelen zu dem Vorfall in Minto zu ziehen.

"Dem war aber nicht so. Und selbst wenn, ein einziges Tier hätte niemals drei junge Männer an ein und derselben Stelle töten können. Außerdem bezweifle ich, dass der Tiger seine Beute so achtlos hätte liegen lassen. Er hätte sie teilweise aufgefressen."

"Und, weiter?"

"Einer der Jungen war noch am Leben, als wir am Tatort ankamen. Doch sehr viel sagen konnte er nicht mehr. Er sprach lediglich von furchtbaren Zähnen und einem Ding, dass er als schnell und äußerst hässlich beschrieb. Und grün sei es gewesen. Etwas Ähnliches berichtete zuvor ein Fischer, der behauptete, die Wesen im Unterholz verschwinden gesehen zu haben."

"Es handelte sich also um mehrere Angreifer?", hakte Scully nach.

"Ja." Er zog einen kleinen Glaszylinder aus der Jackentasche. "Und bei der Analyse einer Probe des Speichels, die ich der Wunde eines Jungen entnommen hatte, kam heraus, dass dieser Hämatoxin enthält."

Mulder und Scully tauschten einen kurzen Blick aus. Das Gleiche hatte die Analyse des Speichels ergeben, den man an den ausgefransten Wundrändern von Webbers Leiche entdeckt hatte.

"Meines Wissens nach findet man dieses Gift nur in Sekreten von Reptilien", sagte Scully zögernd.

"Reptilien, ja?"

"Ich denke schon."

"Und welches ist groß genug, um das da tun zu können?" Jonas deutete auf die Fotos.

Sie zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung, um ehrlich zu sein."

Mulder grinste. "Ein Dinosaurier vielleicht?" Seine Äußerung hätte in den Ohren eines Fremden wie ein Scherz geklungen, doch Jonas und Scully wussten, dass man bei Mulder lieber vorsichtig sein sollte. Was als Ulk erschien, meinte der Agent allzu oft ziemlich ernst.

Dennoch schürzte sie spöttisch die Lippen. "Wissen Sie denn nichts Naheliegenderes, etwas, was nicht verrückt ist?"

Er hob beide Hände. "Wenn Sie etwas Besseres wissen, dann sagen Sie es mir. Ich habe für jede Theorie ein offenes Ohr."

Doch Scully schwieg.

"Und noch etwas." Jonas hob die Hand, um die Aufmerksamkeit der Beiden wieder auf sich zu lenken. "Als ich in Jakarta den Autopsiebericht der drei Opfer angefordert habe, teilte man mir durch die sprichwörtliche Blume mit, dass diese nie existiert hätten. Es seien niemals die Leichen von drei Jugendlichen eingewiesen worden, und der angebliche Vorfall soll niemals stattgefunden haben. Die Zuständigen dementierten jedes einzelne Wort. Demnach fand man in den Tageszeitungen keinen einzigen wahren Bericht über den Todesfall."

Mulder hatte bei dem Wort niemals ruckartig den Kopf gehoben und lauschte interessiert. Als Jonas schwieg, nickte er langsam und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück.

"Okay, Jonas. Ich habe begriffen." Er warf einen kurzen Blick auf die Uhr. "In einer halben Stunde werde ich Olson im Pentagon anrufen und ihn auf den Fall ansetzen. Wäre ja gelacht, wenn die CIA nichts herausbekommen sollte. Ich werde den Typen das Thema mal richtig schön schmackhaft machen und ihnen von einem - sagen wir mal - neuen Virus erzählen, das durch den Tourismus auch in die USA gelangen könnte. Und mit unserem Verbindungsmann Furlong in Jakarta werde ich auch einmal ein ausführliches Gespräch führen. Und was dieses Hämatoxin angeht... na ja, das überlasse ich Ihnen, Scully. Ich soll ja schließlich nicht der Einzige sein, der etwas schafft."

Sie warf ihm ein ironisches Lächeln zu. "Vielen Dank, Mulder!"

Er ließ seinen Stuhl zurückrollen und schnellte aus dem Sitz. "Okay, dann mal kräftig in die Hände gespuckt!"

 
weiterlesen im nächsten Teil

 
Du bist der 3071. Leser dieser Geschichte.