|
"Mir wurde gesagt, dass ich einen Raum betrete, in dem ausschließlich Leute sitzen, die nicht erst seit Kurzem in der Paläontologie und Geologie tätig sind. Ich finde mich nun also einem Haufen alter Hasen gegenüber, der ganz sicher nicht sonderlich begeistert von dem sein wird, was ich nun Ihnen allen vor die Füße werfen werde. Vielleicht hat man Sie vor mir gewarnt, oder Sie haben eventuell noch nichts von mir gehört und sind völlig unwissend, was Sie hier und heute erwartet. Denn meine Aufgabe ist es, Ihr Weltbild von Grund auf über den Haufen zu werfen." Ein unüberhörbares Raunen ging durch den Saal. Der junge Mann am Podest konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Er hob die Hand, um seine Zuhörer zur Ruhe zu bringen. "Aber bevor wir beginnen, sollte ich mich wohl erst einmal vorstellen. Mein Name ist Jonathan Quinn, und dass ich diese Aufgabe zu bewältigen habe, ist allein der Wille meines Professors. Er behauptet, ich sei ein guter Aufschwätzer und hätte lieber Anwalt oder Moderator werden sollen. Und da sich jener genannte Professor nicht traut, das mir vorliegende recht brisante Thema zu präsentieren, habe ich nun die Aufgabe, mein besagtes Talent als Aufschwätzer zu nutzen, um Sie von der sogenannten Doctrina Lacuna zu überzeugen, ein Thema, mit dem ich mich die letzten fünf Monate recht intensiv beschäftigt und einige Arbeiten dazu abgelegt habe, die mir den Spitznamen Dr. Perturbatio eingebracht haben, was wie Sie vielleicht wissen, Verwirrung bedeutet. Verwirren werde ich auch Sie, denn das habe ich in der Universität bereits immer fertiggebracht. Selbst die Professoren leiden unter meinen Theorien, die sie kategorisch ablehnen, weil ich darin Ergebnisse verschiedener Wissenschaftler aufführte, die in die Sparte der sogenannten Verbotenen Archäologie fallen. Verboten ist sie aus dem Grund, weil ihre Thesen, Artefakte und Beweise nicht in das Bild passen, das seit Jahrzehnten oder länger besteht, in das sich recht viele Altertumsforscher regelrecht verbissen haben und es unter keinen Umständen wankend machen lassen wollen. In diesem Fall kann ich mir den Vergleich mit der Kirche nicht verkneifen, denn Jahrhunderte lang behauptete eben diese, die Erde sei eine Scheibe. Selbst stichhaltige Beweise konnten diese Auffassung nicht ändern. Doch irgendwann hat auch die älteste und für unvorstellbare Zeit mächtigste Instutition der Welt nachgeben müssen. Und eine solche Verwerfung des alten Weltbildes steht nun auch Ihnen bevor. Stellen Sie sich vor, Sie sind die Kirche, und ich bin Galilei. Sie halten am Althergebrachten fest, und ich schleudere Ihnen nun entgegen, dass das, was Sie glauben zu wissen, falsch oder zumindest unvollständig ist. Sie werden sich vielleicht schon fragen: Was will dieser Spinner da vorne überhaupt? - Nun, ich will es Ihnen frei heraus und ohne große Umschweife sagen: Die von Ihnen verfochtene Geschichte der Evolution ist in Wirklichkeit ganz anders geschrieben worden." Jonas machte eine kurze Pause, um nicht gegen das Murmeln der Anwesenden ansprechen zu müssen. Einige etwas ältere Männer zogen teils spöttische teils säuerliche Grimassen. Erst als einer der anwesenden Studenten, der der Vorlesung beiwohnte, aufstand und sich beschwerte, dass er den Vortrag äußerst gerne zu Ende hören würde, kehrte langsam wieder Ruhe ein. Jonas räusperte sich kurz und nahm anschließend den gefährlich dünnen Faden des von unzähligen Wissenschaften verpönten Theorienstrickmusters wieder auf. "Diese Andersartigkeit der Evolution, verehrte Damen und Herren", fuhr er fort, "nimmt der Paläontologie das hart erarbeitete Licht und lässt sie wieder dort stehen, wo sie an ihren Anfängen stand: im Dunklen. So zum Beispiel glaubten Sie bisher, der Neandertaler sei in den Irrpfaden der Evolution in eine Sackgasse geraten und der Cro- Magnon-Mensch sei ein direkter Vorfahre des modernen Menschen, des Homo sapiens sapiens. Ich behaupte, das ist falsch." Wieder Raunen, diesmal lauter, als zuvor. Ein vollbärtiger Wissenschaftler aus der ersten Reihe erhob sich empört. "Wie kommen Sie zu einer solchen Behauptung?" "Sagte ich nicht, dass ich Ihr Weltbild zerstören würde?", fragte Jonas mit einem belustigten Lächeln. Der Einundzwanzigjährige setzte seinen jugendlichen Charme gekonnt ein. Er wirkte amüsiert über den aufbrausenden Zuhörer. Jonas hatte nichts anderes erwartet. Mit seinen Reden war er schon immer auf massive Zweifler gestoßen - so wie Mulder, wie er sich insgeheim eingestehen musste. Doch ebenso wie er gab er deswegen nicht auf. Er lächelte den Wissenschaftler freundlich an und wies auf dessen Stuhl. "Setzen Sie sich ruhig wieder, Mister Waterville, ich werde Ihnen erklären, auf was genau diese Behauptung, die ich eben gerade ausgesprochen habe, beruht." "Na, da bin ich aber gespannt!", knurrte der Vollbärtige. "Bis heute ist die Unvollständigkeit des fossilen Befundes in der Paläontologie ein kritischer Faktor geblieben", erklärte Jonas ruhig. "In den meisten populären Darstellungen der Evolution wird die Vorstellung vermittelt, dass Sedimentschichten einen kompletten Befund der fortschreitenden Entwicklung irdischen Lebens aufbewahren. Doch konnten Geologen, die sich mit der Sache befasst haben, mit mancher erstaunlichen Entdeckung aufwarten. Tjeerd H. von Andel beispielsweise untersuchte eine Schichtfolge von Sandstein- und Schiefertonablagerungen in Wyoming, die offenbar zumindest teilweise einmal unter einer größeren Wassermasse gelegen hatten, die etwa dem heutigen Golf von Mexiko entsprach. Die Ablagerungsgeschwindigkeit von Sedimenten im Golf von Mexiko ist bekannt. Als van Andel diese Geschwindigkeitsraten auf die Wyoming-Schichten anwandte, kam er zu dem Ergebnis, dass die Ablagerung dieser Schichten innerhalb von 100.000 Jahren erfolgt sein müsse. Und doch waren sich die Geologen und Paläontologen darin einig, dass die Schichtfolge einen Zeitraum von 6 Millionen Jahren umfasste. Das heißt, es fehlen 5,9 Millionen Jahre, die sich in geologischen Schichten hätten niederschlagen müssen. Van Andel kam zu dem Schluss, dass die vorgefundene Felsschicht nur einen kleinen Bruchteil der vorhandenen Zeit zu ihrer Formation gebraucht hat. Und so ist es wohl offensichtlich, dass der geologische Befund überaus unvollständig ist." "Entschuldigen Sie, aber was hat das mit Ihrer Behauptung vorhin zu tun?", fragte eine dunkelhaarige junge Frau. Die Frage war nicht in dem ungehaltenen und direkt wütenden Tonfall gestellt worden, den der Vollbärtige an den Tag gelegt hatte, nein, sie klang direkt interessiert. Jonas war zufrieden. Die Ersten schienen es ihren Ohren erlaubt zu haben, sich seine Anführungen anzuhören. Das war doch schon einmal ein Anfang. "Auf diese Frage werde ich gleich eingehen, Miss..." "Pacal. Kirochima Pacal." "Danke. Also, ich werde Ihre Frage, die Sie mit gutem Recht gestellt haben, so ausführlich wie möglich beantworten. Wenn Sie mir die letzten ein, zwei Minuten aufmerksam zugehört haben, werden Sie wohl über das Ergebnis des Herren van Andeln gestoßen sein. Stellen Sie sich das doch einmal vor: Von 6 Millionen Jahren fehlen 5,9 Millionen Jahre, deren Spuren man im Sedimentgestein hätte finden müssen. Das bedeutet, dass sogenannte Schlüsselelemente der Evolution vielleicht für alle Zeit außer Reichweite bleiben. Ein gutes Beispiel hierfür wäre, dass seit dem Kambrium vor etwa 600 Millionen Jahren theoretisch an die 4,1 Millionen Arten von Meereslebewesen existiert haben müssten. Gefunden wurden allerdings nur knapp 93.000 fossil erhaltene Arten. Die Erde hat nicht die Aufgabe, Vergangenes für alle Zeit haltbar und für Nachfolgendes nachweisbar zu machen. - Was das alles mit der menschlichen Evolution zu tun hat, hat mich Miss Kirochima Pacal gefragt. Nun, van Andels Ergebnisse besagen nicht mehr und nicht weniger, als dass aus einem Zeitraum von 6 Millionen Jahren in den erhaltenen Schichten vielleicht nur 100.000 Jahre repräsentant sind. In den nichtregistrierten 5,9 Millionen Jahren hätten selbst fortgeschrittene Zivilisationen genügend Zeit gehabt, nahezu spurlos zu kommen und zu gehen..."
Special Agent Fox Mulder griff zielbewusst in die offene Lade seines Aktenschrankes und holte eine blau etikettierte Mappe heraus. Mit gemischten Gefühlen überprüfte er die Nummer. Ja, das musste er sein: der Anhaltspunkt, den er brauchte. Er schlug das Deckblatt um und überflog die einst von ihm verfassten Zeilen: Akten-Nummer: X545184 / angelegt am: 30.06.1996 Betr.: Tod eines Paläontologen nach Kontakt mit mumifizierter Echse (Borneo) Nach Berichten eines Augenzeugen starb der US-amerikanische Paläontologe Dr. Daniel Chain kurz nachdem er eine mumifizierte Echse, ein Überbleibsel aus der späten Kreidezeit, berührt hatte. Urplötzlich habe Chain Schwindelanfälle bekommen, kurz darauf habe sich ein "Schwarzer Schleier" eingestellt. Innerhalb von knapp dreißig Sekunden kamen Schmerzen im rechten Arm und dem rechten Schulterbereich dazu, die ihn anschließend lähmten und bewegungsunfähig machten. Nach ca. sechs Minuten setzten alle Steuerapparate des Körpers aus (Aussage des Zeugen, eines Mediziners namens Dr. med. Pete Pendrell), nach neun Minuten wurde Chain als physisch tot diagnostiziert. Der Leiche entnommenen Proben haben ergeben, dass in Chains Blut eine große Menge von starken Toxinen (genauer: Hämatoxinen) enthalten war...
Mulder hielt inne, las den Absatz erneut. Bei dem Begriff "Hämatoxin" blieb er hängen. Dann wanderte sein Blick weiter nach unten, wo der Name der mumifizierten Echse vermerkt war. Er starrte einen Moment lang darauf, teils ungläubig, teils beinahe zufrieden. Dann griff er nach dem Telefon und wählte. Schon nach dem ersten Freizeichen meldete sich eine weibliche Stimme am anderen Ende. "Vermittlung, was kann ich für Sie tun, Sir oder Madam?" Mulder zog sein Adressbuch heran. "Verbinden Sie mich mit Indonesien, Java, bitte. Nummer 73-185..."
Jonas warf seine Unterlagen auf den Beifahrersitz und wollte gerade in seinen Wagen steigen, als Kirochima Pacal über den Parkplatz der Staatsuniversität auf ihn zugelaufen kam. Sie hatte den energischen Schritt einer höchst selbstbewussten Frau, ihr tiefschwarzes Haar trug sie offen. Wie ein Fetzen der Nacht wehte es im auffrischenden Wind, der über die auslaufenden Uplands strich, die bis zu den White Mountains hinaufreichten, der höchsten und längsten Bergkette von Maine. Der nordöstlichste Bundesstaat der USA zeigte jederorts seine Vielfältigkeit. Die azurblauen, ausgedehnten Seen inmitten unberührter Landschaftsstriche ließen den Flair Kanadas einfließen, an der Atlantikküste wiederum sorgten Fjorde und skandinavische Bauten dafür, dass Norwegen seinen Schwesterstaat in Amerika fand. Im Winter verwandelte sich Maine in eine atemberaubende Schneelandschaft, im Frühjahr in ein blühendes Paradies, um ab September in allen nur erdenklichen Farben des Indian Summers zu erstrahlen. Im Moment war es Sommer, mediterrane Temperaturen prägten die Mode. Maine war kein Staat voller Großstädte und Vergnügungsparks, Highways und Touristen, nein, es war ein Staat mit Privilegien. Nirgendwo sonst in Amerika war der Lebensstandard der Menschen höher als hier. Wer in Maine wohnte, galt als wohlhabend. Schließlich verdiente man hier im Durchschnitt $8.000 monatlich, mehr als doppelt soviel wie im mittleren Westen. Kirochima Pacal schien zu dieser Verdienstklasse zu gehören, denn sie war recht exklusiv gekleidet. Das schwarze Kostüm hob ihre schlanke Gestalt hervor, der kurze, eng anliegende Rock betonte diesen Eindruck noch. Die junge Frau bewegte sich wie eine Gazelle, schnell und anmutig. Sie beschleunigte ihren Schritt - Jonas fragte sich, wie das bei diesen hohen Schuhen, die sie trug, überhaupt noch möglich war - und winkte ihm mit der rechten Hand hastig zu. "Warten Sie mal bitte kurz?" Jonas schlug die Fahrertür wieder zu und wartete neben seinem Wagen auf sie. Sie war nicht einmal sonderlich außer Atem, als sie ihn erreichte. Lächelnd reichte sie ihm die Hand. "Miss Pacal?" "Ach, Sie kennen mich noch?" Er grinste. "Ich habe ein recht gutes Gedächtnis mit allen Vor- und Nachteilen." "Ich bin hoffentlich nicht Letzteres." "Nein, da kann ich Sie beruhigen." Sie strich sich eine Haarsträhne zurück. "Was ich sagen wollte, ähm... - Wie soll ich Sie eigentlich anreden?" "Das wollten Sie sagen?" Jonas' Grinsen wurde breiter. "Nein, natürlich nicht, ich wollte bloß..." "Ja, ja, das habe ich schon verstanden. Mir ist es eigentlich egal, wie Sie mich nennen." "Ich dachte, Sie bestünden auf einen Doktortitel oder so. Man weiß ja nie. Diese Leute werden nämlich immer jünger." Sie zeigte ihre blendendweißen Zähne. "Gehören Sie zu denen?" "Zu denen, die einen haben, oder zu denen, die so angesprochen werden wollen?" "Beides." "Ich habe zwar einen, aber der ist noch so frisch, dass es mir schwer fällt, mich an ihn zu gewöhnen. Das ist fast wie Heiraten. Man bekommt einfach noch einen Namen dazu." Er zog belustigt die Augenbrauen hoch. "So ähnlich ist es mir auch ergangen. Aber das mit dem Gewöhnen geht ganz schnell." "War das ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich Sie mit Ihrem Titel ansprechen soll?" "Nein. Nennen Sie mich ruhig Kirochima. Sie sind einer der wenigen, die sich diesen Namen auf Anhieb merken konnten. Das sollte ich würdigen." "Sie kommen aus Thailand?" "Ich dachte, Sie haben Archäologie studiert?" "Und Paläontologie. Diese beiden Bereiche liegen dermaßen dicht beieinander, dass das Sinn ergibt." "Wie lange haben Sie studiert? Acht Semester?" "Nein, nur drei." "Wie bitte?" Jonas grinste. "Mein Professor hielt mich für oberschlau und hat mich gleich nach dem ersten Jahr in die Doktorarbeit reingesteckt. Bei Vorlesungen habe ich die Herrschaften immer recht passabel auf Trab gehalten, weil ich ihnen ihre Theorien und ihre Konzepte völlig zerworfen habe." "Ein kleiner Querulant, was?" "Nein, nicht direkt. Es ist einfach so, dass sie einem immer noch den Wissenstand der siebziger Jahre vermitteln. Das betrifft nicht die Technik, sondern die Wissenschaft selbst. Der Apatosaurus heißt noch Brontosaurus, verbringt die meiste Zeit im Wasser und ernährt sich von Algen. Affen sind direkte Verwandten des Menschen, Quastenflosser ausgestorben und so weiter. Sie kennen das sicher." "Ja, sehr gut sogar." "Tja, und so konnte ich es mir einfach nicht verkneifen, den Leuten den sprichwörtlichen Stock zwischen die Füße zu werfen." Kirochima lachte. "Die dachten wohl, dass Sie die Doktorarbeit nicht schaffen und die Uni verlassen würden." "Das glaube ich nicht. Schließlich wussten sie, dass ich mit dieser Wissenschaft sozusagen aufgewachsen bin. Durch die Arbeiten meines Vaters habe ich ziemlich viel mitgelernt. Und das hat sich positiv auf meine Ausbildung ausgewirkt." "Waren Sie vorher auf dem Collage, oder sind Sie gleich zur Universität gekommen?" "Ich habe Umwege stets gehasst." "Verstehe." Sie legte den Kopf schief. "Würden Sie auch einen Umweg nach Hause ablehnen?" Als sie seinen verwirrten Blick bemerkte, musste sie schmunzeln. "Ich würde Ihnen gerne etwas zeigen, was Ihre Theorie eventuell bestätigen könnte." "Wovon sprechen Sie?" "Wäre Frankfort ein Umweg für Sie?" "Weniger. Wieso?" "Ich wohne da." "Aha. Ich soll Sie also mitnehmen, weil Sie keine andere Möglichkeit haben, nach Hause zu kommen?" Sie grinste. "Das auch. Aber was ich eigentlich will ist, dass Sie sich meinen Fund ansehen."
"Mein Vater ist viel in den Bergen unterwegs. Kletterexpeditionen waren schon immer seine Leidenschaft." Kirochima lehnte sich im Beifahrersitz des Alfa 156 zurück. Leise Musik von Garth Brooks drang aus den Lautsprechern. "Am Liebsten war er in Utah in den Wasatch-Gebirgen, westlich der Rockys. Er wusste, dass ich Fossilien aus aller Welt sammle, bevorzugt Fossilien der letzten sechzig bis siebzig Millionen Jahre. Und so brachte er mir als Geschenk eine knapp sechs Zentimeter dicke Schieferplatte mit, in der ein Skelett eines kleinen Velociraptors eingeschlossen war, ein junges Tier, beinahe noch ein Baby. Doch der Stein enthält noch weitaus mehr." "Und das wäre?" "Knochenüberreste eines Orohippus bumilus." "Eines Urpferdchens?" "So ist es. Der junge Velociraptor hatte sich in dessen Genick verbissen, der Oberkiefer liegt eindeutig über den Halswirbeln des Pferdchens." "Versuchen Sie mir gerade auf die sanfte Tour zu erklären, dass beide, Velociraptor und Orohippus bumilus, zur selben Zeit gelebt haben?" "So ungefähr." Kirochima lehnte sich nach vorn. "Die nächste Abfahrt links, bitte." Jonas bog in die schmale Landstraße ein. Nach wenigen Metern sahen sie das Schild mit dem Schriftzug 'Frankfort - 4 miles' am Straßenrand auftauchen. "Und Sie sind noch im Besitz dieses... dieses Fossils?" "Natürlich, oder glauben Sie, ich gebe ein solch faszinierendes und wertvolles Stück einfach her?" "Seit wann haben Sie es?" "Knapp zwei Wochen. Es war ein glücklicher Zufall, dass ich Sie getroffen habe." "So?" "Ja. Ich vertraue Ihnen. Sie würden mir nicht sofort einreden, ich würde spinnen, mir das Fundstück wegnehmen und dann in irgendeinem Lager vergraben, wo es niemals an die Öffentlichkeit kommt und die Wissenschaft wandelt." Sie blickte ihn an. "Das würden Sie doch nicht, oder?" "Dem Gesetz nach sind größere Fossilien, und besonders die, die für die Wissenschaft wichtig sind, an Museen abzugeben", sagte Jonas langsam. Kirochima blickte ihn mit gemischten Gefühlen an. "Andererseits", fuhr er fort und lächelte spitzbübisch, "habe ich mich selbst auch nicht immer an das Gesetz gehalten. Und mit dem, was Sie eben gesagt haben, haben Sie Recht. Wissenschaftler lassen sich nicht gerne ihr Weltbild durcheinander werfen. Die sind da sturer als jede andere Art von Mensch. Ich bin froh, dass Sie das Ding behalten haben."
Im milden Nachmittagslicht ratterte der Hubschrauber im Tiefflug den Strand entlang, genau über dem Rand des dichten Dschungels. Das letzte Fischerdorf war vor zehn Minuten unter ihnen vorbeigehuscht. Jetzt gab es nur noch den tiefen, undurchdringlichen philippinischen Dschungel, Mangrovensümpfe und Meile um Meile verblassenden Sandstrand. Jerome Furlong saß neben dem Piloten und starrte durch das Fenster auf die vorbeiziehende Küstenlinie hinunter. Straßen gab es keine in dieser Gegend, zumindest keine, die Furlong sehen konnte. Furlong war ein stiller, bärtiger Amerikaner von 42 Jahren, ein Freilandbiologe, der bereits ein Viertel seines Lebens auf Mindanao verbracht hatte. Ursprünglich war er auf die Philippinen gekommen, um die Artenbildung des Budengs zu studieren, doch dann war er auf den Philippinen geblieben und arbeitete jetzt als Berater des Nationalparks Berg Apo, im Südosten Mindanaos. "Wie lange noch?", fragte er den Piloten. "Fünf Minuten, Se¤or Furlong." Furlong drehte sich um. "Jetzt sind wir gleich da", sagte er. Aber der Mann auf dem Rücksitz antwortete nicht und zeigte auch sonst keine Reaktion. Er saß nur da, die Hand am Kinn, und starrte mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster. Benjamin Grahm trug einen ausgebleichten Khaki-Anzug, auf dem Kopf einen australischen Buschhut und um den Hals ein abgenutztes Fernglas. Doch trotz seines saloppen Aussehens wirkte er ernsthaft und versunken wie ein Gelehrter. "Wo sind wir hier?" "Mindanao." Grahm starrte in den Dschungel hinab. "Ich sehe keine Straßen", stellte er fest. "Wie wurde das Ding denn gefunden?" "Ein paar Camper", sagte Furlong. "Sind mit dem Boot gekommen und am Strand gelandet." "Wann war das?" "Gestern. Die haben das Ding nur einmal angesehen und sind dann gerannt, wie der Teufel." Grahm nickte. Mit angezogenen Beinen, die Hände unter dem Kinn, sah er aus wie eine Gottesanbeterin. Das war auch sein Spitzname an der Universität gewesen. Zum Teil wegen seines Aussehens, zum Teil aber auch wegen seiner Neigung, jedem, der nicht seiner Meinung war, den Kopf abzureißen. "Warst du schon einmal auf den Philippinen?", fragte Furlong. "Ja. Schon einige Male", erwiderte Grahm. Und dann schwenkte er unwirsch die Hand, als wollte er sich nicht länger mit Small talk belästigen lassen. Furlong lächelte. In all den Jahren hatte sich Grahm überhaupt nicht verändert. Er war noch immer einer der brillantesten und zugleich unbequemsten Männer der Wissenschaft. Die Beiden waren in New York Kommilitonen gewesen, doch dann hatte Grahm den Doktorantenkurs verlassen, um seinen Abschluss in Vergleichender Zoologie zu machen. Grahm meinte damals, er habe kein Interesse an der Art zeitgenössischer Freilandforschung, die Furlong so faszinierte. Mit für ihn typischer Verächtlichkeit hatte er dessen Arbeit einmal als weltweites Affenscheißesammeln tituliert. Im Gegensatz zu seinen Mitstudierenden fühlte sich Grahm zur Vergangenheit hingezogen, zu der Welt, die es nicht mehr gab. Und diese Welt studierte er mit äußerster Intensität. Er war berühmt für sein fotographisches Gedächtnis, seine Arroganz, seine scharfe Zunge und die unverhüllte Freude, mit der er Fehler seiner Kollegen herausstellte. Wie ein alter Freund Furlongs einmal bemerkte: "Grahm vergisst nie einen Ausrutscher und er sorgt dafür, dass man selbst ihn auch nicht vergisst." "Se¤ores", meldete sich der Pilot. "Die Illana Bay liegt vor uns." "Dort ist es", sagte Furlong und deutete nach unten. Der Strand war eine saubere weiße Sichel, die vollkommen verlassen im Nachmittagslicht lag. Am Südende sahen sie eine einzelne, dunkle Masse im Sand. Aus der Luft wirkte sie wie ein Felsen oder vielleicht ein großer Haufen Tang. Die Masse war formlos und hatte einen Durchmesser von etwa anderthalb Metern. Im Umkreis waren viele Fußabdrücke zu sehen. "Wer war hier?", fragte Grahm seufzend. "Die Leute vom Gesundheitsdienst haben es heute besichtigt." "Was haben sie gemacht? Es angerührt? Irgendwas verändert?" "Das weiß ich nicht", erwiderte Furlong. "Der Gesundheitsdienst!", wiederholte Grahm kopfschüttelnd. "Was wissen die denn schon? Du hättest sie gar nicht in die Nähe lassen dürfen, Jerome!" "Hey", entgegnete Furlong. "Ich habe alles getan, was in meiner Macht stand. Sie wollten es zerstören, ohne auf dich zu warten. Wenigstens habe ich es geschafft, dass es bis zu deiner Ankunft intakt geblieben ist. Aber ich weiß nicht, wie lange sie noch warten werden." "Dann machen wir uns mal an die Arbeit", sagte Grahm. Er schaltete sein Mikro ein. "Warum kreisen wir noch? Es wird schon dunkel! Landen Sie sofort! Ich will mir das Ding aus der Nähe ansehen!"
"Also, wenn Sie mich fragen, sollten Sie das Ding gut verstecken." Jonas legte Feinhaarpinsel und Taschenlampe beiseite. "Der Raptor hat sich wirklich in dieses Urpferd verbissen. Es ist einfach unglaublich! Zwischen diesen beiden Kreaturen liegen mehrere Millionen Jahre!" "Ja, ich weiß." "Wo genau hat Ihr Vater das noch mal gefunden?" "Das weiß ich eben nicht. Es war irgendwo zwischen Watsach und Salt Lake City. Die Gebirge dort sind recht ausgedehnt und zerklüftet, ein Plateau gleicht dem nächsten. Ich habe meinen Vater auch schon gefragt, doch er kann sich nicht an einem exakten Punkt auf der Karte festlegen. Selbst der Radius, den er geschätzt hat, ist zu ungenau." Jonas warf einen Blick auf sein Messgerät. "Der Kalium-Argon Datierung nach ist diese Versteinerung 3,9 Millionen Jahre alt, stammt somit aus dem Miozän, eventuell auch aus dem Pliozän der Tertiärformation. Wissenschaftlichen Analysen zufolge ist dieses Zeitalter der mögliche Beginn der Menschheitsentwicklung." "Funktioniert dieses Gerät auch richtig?" "Natürlich. Das ist das modernste tragbare Messgerät, dass man in der Geochronologie finden kann. Es stellt mit Hilfe des Kalium-40-Zerfalls fest, aus welcher Zeitepoche das Fossil stammt. Ist 'ne komplizierte Sache, die eigentlich nur chemisch zu erklären ist." "Das würde bedeuten, dass die Dinosaurier gar nicht vor fünfundsechzig Millionen Jahren ausgestorben sind. Jedenfalls nicht vollständig. In unseren Sedimentschichten fehlen so viele Überreste verschiedener Epochen, dass wir gar nicht mit Sicherheit sagen können, welche Wesen bereits auf Erden gelebt haben, schon gar nicht für wie lange, so, wie Sie es in Ihren Vortrag angesprochen haben." Jonas nickte langsam. "Ja. Vielleicht sind sie doch nicht mit einem Schlag ausgelöscht worden, sondern sind schrittweise ausgestorben, über Jahrmillionen hinweg..." "Oder sie leben noch immer." Jonas musste an den Vorfall von letzter Woche denken. Er sah noch immer die schrecklichen Wunden des Jungen vor sich, hörte seine verzweifelten Schreie, sah seine Panik in den glänzenden dunklen Augen. Laute Schreie, etwas Schnelles und Hässliches. Es war braun und grün. Und es hätte Zähne. Schreckliche Zähne... Zwei grüne Dinger sprangen aus dem Gebüsch... Sie fauchten und waren schnell... Verdammt, dachte Jonas bei sich. Mulder hatte ja gar keine Ahnung, welche Wahrheit sich hinter seiner spontanen Vermutung verbarg!
Ben Grahm lief über den Strand auf die dunkle Masse zu. Schon aus der Entfernung konnte er den Verwesungsgestank riechen. Der Kadaver war fast bis zur Hälfte im Sand eingesunken, eine dichte Fliegenwolke umschwirrte ihn. Die Haut war vom Faulgas aufgebläht, was die Identifikation erschwerte. Ein paar Meter vor dem Tier blieb er stehen und holte seine Kamera hervor. Sofort kam der Pilot zu ihm gelaufen und drückte ihm den Arm nach unten. "No permitido!" "Was?" "Es tut mir leid, Se¤or. Fotografieren ist nicht gestattet." "Warum denn nicht?", fragte Grahm. Er wandte sich an Furlong, der über den Strand auf sie zugetrabt kam. "Jerome, warum keine Fotos? Das könnte ein wichtiger..." "Keine Fotos!", wiederholte der Pilot und nahm Grahm die Kamera aus der Hand. Er betrachtete Grahm mit einem merkwürdigen Blick, vermischt aus Wut und Angst. "Jerome, das ist doch absurd!" "Fang erst einmal mit deiner Untersuchung an", sagte Furlong und unterhielt sich dann auf Spanisch mit dem Piloten, der scharf und wütend antwortete und heftig gestikulierte. Grahm sah einen Moment lang zu und wandte sich dann ab. Zum Teufel damit, dachte er. Die können sich noch ewig streiten. Bewusst durch den Mund atmend, eilte er weiter. Der Gestank wurde stärker, je näher er dem Tier kam. Ihm fiel auf, dass trotz der Größe des Kadavers keine Vögel, Ratten oder andere Aasfresser an ihm nagten. Es gab nur Fliegen. Und zwar in solchen Schwaden, dass sie die ganze Haut bedeckten und den Umriss des toten Tieres verhüllten. Trotzdem war deutlich zu sehen, dass es ein Tier von beachtlicher Größe gewesen war, etwa wie eine Kuh oder ein Pferd. Die von der Sonne ausgetrocknete Haut war aufgeplatzt und schälte sich ab, eine Schicht schmieriges gelbes Unterhautfett war darunter zu erkennen. Und wie das stank! Grahm verzog das Gesicht. Er zwang sich, näher zu treten, und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf das Tier. Obwohl es die Größe einer Kuh hatte, war es eindeutig kein Säugetier. Die Haut war haarlos. Sie schien ursprünglich grün gewesen zu sein, mit dunkleren Streifen dazwischen. Die Epidermis wies vieleckige Knötchen unterschiedlicher Größe auf, das Muster erinnerte entfernt an das einer Echse. Aber für eine Echse war der Kadaver geradezu riesig. Grahm schätzte das Lebendgewicht des Tieres auf etwa hundert Kilogramm. Nirgendwo auf der Welt gab es Echsen, die so groß wurden, höchstens die Komodo-Warane, die in Indonesien lebten. Grahm ging langsam um den Kadaver herum zum Kopfende des Tieres. Nein, dachte er. Das ist keine Echse. Der Kadaver lag auf der Seite, die linke Brustkorbhälfte ragte in die Luft. Die Hälfte des Tieres war eingegraben. Die Reihe der Höcker, die die stacheligen Auswüchse des Rückrades markierten, befand sich nur wenige Zentimeter über dem Sand. Der lange Hals war gebogen, der Kopf unter dem Rumpf versteckt wie der Kopf einer Ente unter dem Flügel. Grahm sah ein Vorderglied, das klein und schwach wirkte. Er würde es später ausgraben und untersuchen, aber bevor er irgend etwas an dem Fund veränderte, wollte er ihn fotografieren. Er sah sich nach Furlong und dem Piloten um, die sich noch immer stritten. Keiner von ihnen sah zu Grahm hinüber. Rasch zog er eine zweite Kamera hervor, die er in der Brusttasche getragen hatte. Sie war sehr klein, lieferte aber Bilder von guter Qualität. Grahm trug immer mehrere Fotoapparate mit sich herum, denn langsam kannte er das ewige Spiel, das die Leute bei jedem neuen spektakulären und unerklärlichen Fund abzogen. Er trat einen Schritt zurück und knipste nacheinander Kopf, Rumpf und Gliedmaßen. Auch Nahaufnahmen von der Hautstruktur hielt er fest. Die letzten drei Bilder des Filmes nutzte er für eine Gesamtdarstellung des Tieres. Etwas weiter oben am Strand schrie Furlong noch immer den Piloten an, der weiterhin beharrlich den Kopf schüttelte. Diese Bananenrepublikbürokraten, dachte Grahm und grinste. Wenn die wüssten! Er hörte ein Knattern, und als er den Kopf hob, sah er einen zweiten Hubschrauber, der über der Bucht kreiste und einen dunklen Schatten auf den Sand warf. Der Hubschrauber war weiß wie eine Ambulanz, mit roter Beschriftung auf der Seite. Im grellen Schein der untergehenden Sonne konnte Grahm sie jedoch nicht entziffern. Er wandte sich wieder dem Kadaver zu und stellte fest, dass das Hinterbein des Tieres - im Gegensatz zum Vorderlauf - sehr muskulös war. Das deutete darauf hin, dass dieses Tier aufrecht ging. Und um so länger Grahm den Kadaver musterte, um so mehr wuchs seine Überzeugung, es hier auf keinen Fall mit einer Echse zu tun zu haben. "Es tut mir leid", sagte Furlong, der zu ihm getreten war. "Der Pilot bleibt bei seinem Verbot." "Dann soll er sich zum Teufel scheren!", knurrte Grahm. Weiter unten am Strand landete der weiße Hubschrauber. Das Knattern der Rotoren wurde schwächer. Männer in Uniformen sprangen heraus. "Jerome? Was glaubst du, was das für ein Tier ist?" "Na ja, ich kann nur raten", sagte Furlong. "Ich würde sagen, es ist ein bis jetzt noch unbekannter Leguan. Es ist natürlich sehr groß und offensichtlich nicht auf den Philippinen heimisch. Meine Vermutung ist, dass das Tier aus Indonesien stammt oder von einer..." "Nein, Jerome", sagte Grahm. "Es ist kein Leguan." "Bevor du weiterredest, solltest du wissen, dass in dieser Gegend verschiedene bis dato unbekannte Echsenarten aufgetaucht sind. Niemand weiß so recht, warum. Vielleicht hängt es mit der Rodung des Regenwaldes zusammen, oder es hat andere Gründe. Aber neue Arten tauchen auf. Vor ein paar Jahren habe ich zum ersten Mal eine nicht identifizierte..." "Jerome, das ist keine verdammte Eidechse!", zischte Grahm. "Du lässt dich wahrscheinlich von der Größe täuschen", sagte Furlong. "Aber Tatsache ist, dass wir hier auf Mindanao gelegentlich auf anomale Formen stoßen..." "Jerome", entgegnete Grahm kalt. "Ich lasse mich nie und von nichts täuschen!" Vor dem weißen Hubschrauber standen die Männer in einer Gruppe zusammen und legten sich weiße Operationsmasken an. Ben Grahm wandte sich wieder dem Kadaver zu. "Die Diagnose ist leicht gestellt, wir brauchen nur den Kopf freizulegen oder eines der Glieder. Zum Beispiel diesen Schenkel hier, der, wie ich glaube... - Ach was, gib mir dein Messer!" "Warum?" "Gib es mir einfach!" Furlong zog sein Taschenmesser heraus und legte den Griff in Gregorys ausgestreckte Hand. Plötzlich hörten sie Geschrei, und als sie aufblickten, sahen sie, das die Männer aus dem Hubschrauber über den Strand auf sie zugelaufen kamen. Sie trugen Behälter auf den Rücken und schrieen etwas auf Spanisch. "Was wollen die denn?", fragte Grahm stirnrunzelnd. "Sie wollen, dass wir zurücktreten", sagte Furlong seufzend. "Sag ihnen, wir sind beschäftigt", knurrte Grahm und wandte sich wieder dem Kadaver zu. Aber die Männer schrieen weiter, und plötzlich war lautes Fauchen zu hören. Grahm drehte sich um und sah, wie die Flammenwerfer angezündet wurden, die große rote Feuerstrahlen ins Abendlicht stießen. Er rannte um den Kadaver herum. "Nein!", schrie er. "Das ist ein unschätzbares..." Der erste der Uniformierten packte Grahm am Arm und zog ihn von dem Tier fort. "Machen Sie, dass Sie von diesem Ding wegkommen!", fuhr er ihn an. "Was, zum Teufel, soll denn das?", schrie Grahm und riss sich los. Doch im selben Augenblick sah er, dass es zu spät war. Die Flammen hatten den Kadaver bereits erfasst. Die Haut färbte sich schwarz, das Methan, das sich unter der Haut gesammelt hatte, entzündete sich in knallenden, blauen Stichflammen. Rauch stieg in dichten Schwaden in den Himmel. "Aufhören!", schrie Grahm. Er wandte sich an Furlong. "Mach, dass sie aufhören!" Aber Furlong rührte sich nicht, starrte nur den Kadaver an. Der Rumpf knisterte in den Flammen, das Fett brutzelte. Unter der verbrennenden Haut kamen die flachen Rippen des Skelettes zum Vorschein. Plötzlich drehte sich der gesamte Rumpf, der Hals reckte sich in die Flammen, in Bewegung versetzt von der schrumpfenden Haut. Und in den Flammen sah Grahm eine lange, spitze Schnauze, Reihen scharfer Raubtierzähne und leere Augenhöhlen. Und das Ding brannte wie ein mittelalterlicher Drache, der sich lodernd in die Lüfte schwingt...
Das Telefon läutete. Leah Wildey fuhr schlaftrunken aus den Kissen und tastete mit zugekniffenen Augen nach dem Hörer. "Hallo?" "Leah?" "Ach, du bist es, Onkelchen." Ihr gelang ein Lächeln. "Was gibt's denn?" "Ist Jonas schon aus Indonesien zurück?" "Ja." "Wo ist er jetzt?" Leah wusste es nicht, war aber auch zu faul, um aufzustehen und nachzusehen, wo er steckte. "Soll er dich zurückrufen?", fragte sie daher. "Nein, ich bleib' am Apparat. Hol ihn bitte." Leah seufzte und kroch aus dem Bett. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel und versuchte, mit den Händen ihre Frisur ein bisschen in Ordnung zu bringen. Sie hatte aschblondes, strähniges Haar, das sofort struppig wurde, wenn es mit Sonne, Salzwasser oder Wind in Berührung kam. Die Sommersprossen machten alles noch viel schlimmer, stellte sie fest. "Du siehst aus wie ein Pekinese!", sagte sie laut zu sich selbst, und gab es auf, sich einigermaßen zurecht zu machen. Schließlich hatte sie Jonas schon oft genug so gesehen. Sie hüllte sich in ihren Morgenmantel und huschte auf den Korridor. Die Tür zu Jonas' Zimmer stand offen, und sie trat ein. Das Bett war unberührt, aber Jeans und T-Shirt lagen quer über einem Stuhl, die Schuhe nachlässig in die Ecke geworfen. Leah musste lachen. Sie konnte sich schon denken, wo ihr Cousin war. Sie ging zu Sarahs Zimmer hinüber und öffnete leise die Tür. Bingo! Durch die Ritzen der Jalousie strömte helles Sonnenlicht ins Zimmer. Die vor dem Fenster stehende Eiche ließ ihre Äste im sanften Morgenwind auf und ab schaukeln, ihre Blätter tanzten als Schatten auf der Wand und auf dem Bettlaken, das die Beiden im Schlaf von sich gestrampelt hatten. Jonas lag mit dem Rücken auf dem Bett, den Kopf zur Seite gedreht. Einige Strähnen seines blonden Haares fielen in seine Stirn, sein Gesicht war entspannt und sanft. Sarah hatte ihren Kopf in seiner Halsbeuge vergraben, ihre rechte Hand lag auf seiner Brust. Sarah sah wunderschön aus, jetzt im Schlaf, mit ihrem langen, rötlichglänzenden Haar, das wie ein seidenes Tuch um ihre Schultern lag. Das Sonnenlicht spielte auf ihrem Rücken, schien ihr einen Anzug aus schillernden Flecken auf die Haut zu zaubern. Leah tippte ihrem Cousin auf die Schulter. Sofort öffnete Jonas die Augen, deren strahlend blaue Farbe im Sonnenlicht hell aufblitzte. "Was ist?", fragte er leise, um Sarah nicht zu wecken. "Dein Dad ist am Telefon", flüsterte sie. "Er will dich sprechen." Jonas nickte und löste sich sanft aus Sarahs Umarmung. Sie gähnte kurz und drückte ihr Gesicht in das Kissen. "Was ist los?", brummte sie. "Nichts. Bleib ruhig liegen." Jonas hauchte ihr einen zärtlichen Kuss auf die Wange und kroch aus dem Bett. Rasch fuhr er in seine Shorts und folgte Leah in das Wohnzimmer, wo das Telefon stand. Er griff nach dem Hörer. "Hi, Paps." Leah krabbelte zurück auf die Couch und zog die Decke über sich. Sie kuschelte sich in ihr Kissen und blickte zu Jonas, der mit dem Telefon in der Hand durchs Wohnzimmer wanderte. Er klemmte sich den Hörer zwischen Ohr und Schulter und angelte mit der nun freigewordenen Hand ein Croissant aus dem Weideflechtkorb auf dem Tisch, den Mrs. Adams bereits für das Frühstück gedeckt hatte. "Ja, ich bin heute daheim. Wieso fragst du?" Jonas lauschte in den Hörer, das Croissant hielt er noch immer in der Hand. "Ben? Hier? Was hat den denn in die langweiligen New England-Staaten getrieben?" Er riss ein Stück seines Blätterteigstückchens ab und steckte es sich in den Mund. Wieder einen Moment lang Schweigen. Dann nickte Jonas. "Ja, verstehe. Gegen zwölf Uhr. Wann kommst du? Halb eins? ... Was soll das heißen, du bist in Bogota? ... Archäologische Ausgrabungen. - Und wann kommst du wieder? ... Nächste Woche? Na toll! Und was soll dann Ben hier? Ich dachte, er will mit dir sprechen! ... Okay, ich kümmere mich um ihn." Er legte auf. "Na, was wollte er?", fragte Leah neugierig und klaute ihm ein Stück vom Croissant. Jonas wuschelte sich durch das Haar. "Ein alter Freund von Paps schneit heute vorbei. Paläontologe. Heißt Benjamin Grahm. Ich weiß nicht, ob du ihn kennst. Er hat jedenfalls eine E-Mail geschickt, in der steht, dass er heute kommen will. Als Grund gab er lediglich Mindanao an. Was immer er auch damit gemeint hat." Er blickte auf die große Wanduhr. Es war bereits viertel nach zehn. In diesem Moment klingelte es wieder. Dem Ton zufolge war es das Handy. Jonas eilte in den Flur und fischte das Mobiltelefon aus seiner Jackentasche. "Ja?" "Guten Morgen, Dr. Perturbatio." Jonas blinzelte. "Fox? Woher hast du meine Nummer?" "Diese Frage war eindeutig die Dümmste, die du mir jemals gestellt hast", knurrte Mulder am anderen Ende. "Ich wäre kein guter FBI-Agent, wenn ich nicht einmal eine läppische Handynummer herausbekommen könnte." "Und du hast höchstwahrscheinlich einen guten Grund, mich anzurufen, was?" "Durchaus. Schließlich habe ich für dich mein ganzes Büro auf den Kopf gestellt." "Dann muss es ja jetzt richtig ordentlich bei dir sein." "Blödmann!" Am anderen Ende raschelte es kurz. "Nein, ich habe gerade mit Jerome Furlong gesprochen, der sich zur Zeit auf den Philippinen aufhält. Auf Mindanao wurde vor zwei Tagen ein Tierkadaver entdeckt, der vom Meer an den Strand gespült worden war. Er war gestern zusammen mit einem Paläontologen namens Benjamin Grahm dort, um ihn sich anzusehen. Kurz bevor sie es verbrannt haben." Darum also Mindanao, schoss es Jonas durch den Kopf, als er an Bens Nachricht dachte. "Das Ding war so groß wie eine Kuh und wog etwa hundert Kilo", fuhr Mulder derweil fort. "Und es war ein Reptil. Jerome behauptet, es würde sich um eine Echse handeln, eine neue Spezies, versteht sich. In Indonesien, Lateinamerika und dem Amazonasbecken tauchen in letzter Zeit des Öfteren neue Arten auf, das ist nichts Verwunderliches. Aber nichts zuvor hatte solch merkwürdige Eigenschaften, wie dieses Ding in Mindanao. Jerome berichtete mir, dass dies das vierte Tier in diesem Jahr wäre. Doch über die Vorigen weiß er nichts Genaues. Sie sind alle vernichtet worden. Machen die von der Gesundheitsbehörde mit allen anomalen Formen, die sie entdecken. Irgendwann werden sie sich selbst vergasen. In Indonesien und auf den Philippinen zerstören die alles Fremde, was da so kreucht und fleucht. Sie haben Angst, dass die Viecher irgendwelche unbekannten Krankheiten einschleppen und damit den Tourismus beeinträchtigen könnten. Denk nur einmal an Malaysia. Die Japaner haben ebenfalls Angst. Es könnte ja etwas überspringen. Vor Allem jetzt, wo die Epidemiologen neue Krankheiten entdeckt haben..." "Welchen Ursprungs?", fragte Jonas. "Viral?" "Keine Ahnung", bedauerte Mulder. "Bis jetzt wurde noch kein Erreger gefunden. Aber ein Virus kann es eigentlich nicht sein, weil die Antikörperkonzentration sich nicht erhöht und die Auszählung der weißen Blutkörperchen keine Unterschiede aufweist. Die Epidemiologen stehen vor einem Rätsel. Keiner von ihnen weiß, mit was wir es da zu tun haben. Sie können nur mit Sicherheit sagen, dass es eine echte Enzephalitis ist." "Eine Hirnhautentzündung also", bemerkte Jonas sachlich. "Exakt. Die Infizierten werden von rasenden Kopfschmerzen befallen, erleiden geistige Verwirrung, Fieber, Delirium..." "Gab es bereits Todesfälle?" Mulder verneinte. "Bisher nicht, soweit ich weiß. Der Spuk geht nach höchstens drei Wochen zu Ende." "Und man glaubt, dass diese Krankheit von den anomalen Formen herrührt, die man nun vermehrt findet?" "Man vermutet einen Zusammenhang." Jonas überlegte kurz und versuchte, die Puzzlestücke von Informationen sinnvoll zusammenzusetzen. "Gab es auf den Philippinen in letzter Zeit mysteriöse Todesfälle durch Tierangriffe?", fragte er. "Auf diese Frage habe ich schon gewartet", sagte Mulder, und Jonas hörte, wie er nach einem Blatt Papier griff. "Die Antwort lautet: Ja. Den Eingeborenen nach sogar recht häufig. Ein Mann beispielsweise berichtete, dass sein Sohn von einem großen, gefährlichen Tier getötet und zerfleischt wurde. Jede Hilfe kam zu spät. Als sie den Jungen fanden, sahen sie nur noch einen großen Schatten im Dickicht verschwinden. Das Vieh hat seine Beute halbgegessen zurückgelassen." "Wie appetitlich", stöhnte Jonas und legte die Stirn in Falten. "Hat irgend jemand den Jungen untersucht, bevor sie ihn begraben haben?" "Nein. Sie haben ihn sofort in Plastiktüten gewickelt, damit die Amuk nicht überspringt. Es würde einen Menschen zerstören und durch Speichel übertragen werden." "Amuk?" Erinnerungen an eine einige Jahre zurückliegende Reise meldeten sich. Jonas wurde immer unruhiger. "Sprachen die Eingeborenen auch vom Ungeheuer Amok?" "Ja. Weißt du etwa, was das ist?" "Ja. Einige fernöstliche Kulturen sprechen von einem mythologischen Ungetüm, das im Dschungel lebt, sich mit dem Nebel bewegt und in der Lage ist, an mehreren Orten gleichzeitig anzugreifen. Die Malaiien nennen dieses Ungetüm Amuk, was in ihrer Sprache wütende Raserei bedeutet. Daher die Metapher des Amoklaufens." "Ich dachte, du hättest Paläontologie und nicht Okkultismus studiert", murrte Mulder. "So etwas in der Art stand auch in meinem Handbuch über fernöstliche Kulte und Riten." Wieder raschelte es. "Hör zu, Jonas, was dieses Hämatoxin betrifft... - Ich habe ein wenig in den X-Akten herumgegraben, und bin dabei auf etwas gestoßen, was dich interessieren könnte." "Ach ja?" "Ja. Das Hämatoxin, das man ausschließlich in den Sekreten von Klapperschlangen und Gila-Monstern wiederfindet, tauchte auch bei einem anderen Lebewesen auf, und zwar einem..." "Dinosaurier?" "Wenn du ein Hellseher bist, wieso belästigst du mich dann mit deiner Arbeit?", entgegnete Mulder mürrisch. "Wenn du jetzt auch noch den Namen des Viehs kennst, lege ich sofort auf." "Nein, ich kenne ihn nicht." "Ich bin erleichtert. Sagt dir Dilophosaurus irgend etwas?" "Ja, durchaus." "Man hat 1954 mumifizierte Überreste dieses Vieches am Strand von Basilian Island gefunden und festgestellt, dass die Drüsen im Maul genau dieses Gift enthielten." "Danke für den Tipp, Fox. - Wusstest du eigentlich, dass deine Theorie ausnahmsweise mal den Nagel auf den Kopf trifft?" "Was heißt hier ausnahmsweise?", brummte Mulder. "Ich habe bisher immer den richtigen Riecher für so etwas gehabt." "Du könntest dir den Beweis für deine Theorie holen...", entgegnete Jonas grinsend. "Wie meinst du das?" "Indem du mit uns nach Mindanao reist." "Ich? Mit euch?" "Ja, wieso nicht? Du hast doch schließlich Urlaub." "Woher weißt du das?" "Ich wäre kein guter Freund, wenn ich das nicht wüsste. - Also, wie sieht's aus?" Mulder zögerte einen Moment. "Nach Mindanao? Mit eurer Privatmaschine?" "Ja." "Gut", erwiderte der Agent vergnügt. "Wenn dem so ist, werde ich mal versuchen, Scully zu einer richtigen Dschungelexkursion zu überreden." "Sie hasst es, zu fliegen, Fox!" "Ich weiß. - Heute Abend sind wir bei euch." Jonas starrte auf sein Handy, nachdem Mulder aufgelegt hatte. Typisch, den Burschen hatte mal wieder das Jagdfieber gepackt!
Mulder feuerte zwei frische Jeans in seine Reisetasche, wo sich schon die restlichen Kleidungsstücke für den Abenteuertrip nach Mindanao stapelten, packte eine große Tüte Sonnenblumenkerne obenauf und griff anschließend nach dem Reißverschluss. Vergebliche Liebesmüh', das Ding klemmte. Die Tasche war eindeutig zu voll. Mürrisch betrachtete Mulder erneut den Inhalt, überlegte, auf was er verzichten konnte. Schweren Herzens nahm er die Sonnenblumenkerne wieder heraus, startete einen neuen Versuch, die Tasche zu schließen, und zerrte mehr oder weniger grob am Reißverschluss, der endlich doch nachgab. "Geht doch!", knurrte Mulder. Er feuerte die prall gefüllte Tüte auf den Wohnzimmertisch und angelte nach seinem halbaufgegessenen Thunfisch-Sandwich. Hungrig biss er hinein, während er einen hastigen Blick auf die Uhr warf. - Viertel vor zehn. Wo, zum Teufel, bleibt sie nur?, fragte er sich. Fast gleichzeitig hörte er ein energisches Klopfen. Er eilte zur Tür, um sie zu öffnen. "Sie können Gedanken lesen, Scully!", grinste er ihr entgegen. Sie rauschte an ihm vorbei, warf einen prall gefüllten Seesack in die Ecke und streifte sich den Mantel ab. Mulder schloss hastig die Tür und folgte ihr ins Wohnzimmer, wo sie stehen blieb, die Arme herausfordernd vor der Brust verschränkt, mit durchdringendem Blick in den blaugrünen Augen. "Mulder, ich bitte um eine Erklärung!" Er versuchte, seine Sonnenblumenkerne in dem Frontfach seiner Tasche unterzubringen. "Wir verreisen." "Stellen Sie sich vor, so viel weiß ich schon", erwiderte sie spöttisch. "Also?" "Wir fliegen nach Mindanao", eröffnete er ihr kühl. Sie sah ihn ungläubig an. "Auf die Philippinen? Wieso?" Die Tüte passte natürlich nicht in die Vordertasche. Mulder gab es auf und nahm sich vor, auf seinen Lieblingssnack zu verzichten. "Ich dachte, wir könnten unseren Urlaub mal gemeinsam verbringen...", sagte er an Scully gewandt. Sie hob die Augenbrauen. Ihre Stimme klang beinahe drohend. "Mulder!" "Was denn?" "Da steckt doch was dahinter!" Er blickte auf. "Was sollte denn dahinterstecken?", fragte er unschuldig - für ihren Geschmack eindeutig zu unschuldig. Sie lächelte kaum merklich. "Ich kenne Sie! Darum weiß ich, dass etwas dahinter steckt!" "Sie sind 'ne Spielverderberin!", knurrte er beleidigt. "Manchmal wünsche ich mir wirklich, ich wäre etwas weniger durchschaubar..." "Glauben Sie mir, Mulder, das sind Sie oft genug! Für andere sogar weitaus mehr, als für mich! - Also, warum Mindanao?" Er sah sie mit nun ernst gewordener Miene an. "Können Sie sich noch an Jonas' Besuch erinnern?" "Natürlich, wieso fragen Sie?" Doch bevor er ihr antworten konnte, hatte sie selbst bereits die Lösung gefunden. Entnervt verdrehte sie die Augen zur Decke. "Himmelherrgott, Mulder! Sie wollen doch nicht allen Ernstes Phantomechsen hinterher jagen?" "Sie sind existent, Scully!" "Ich bitte Sie! Wie oft hatten wir diese Diskussion schon? In meinen Augen schon einmal zu oft! Ich werde doch nicht ans Ende der Welt fliegen, nur um durch den Dschungel zu kriechen, um dort imaginäre Überbleibsel aus dem Mesozoikum zu suchen! Einmal Big Blue hat mir gereicht, Mulder! Wahrscheinlich wird auch in den Fällen Minto und Jakarta etwas ähnliches vorliegen. Irgendein Reptil, sei es ein Alligator oder ein Waran..." "Meines Wissens nach gibt es keine Alligatoren in Pennsylvania", fiel ihr Mulder ins Wort. "Und Warane auch nicht. Kommen Sie schon, Scully! Wer weiß, was uns auf Mindanao erwartet!" "Genau davor graust es mir ja", erwiderte sie sarkastisch, kapitulierte jedoch vor seinem Dickschädel. "Na schön, dann lassen Sie uns halt das Wochenende in der grünen Hölle verbringen!"
"Du glaubst ja gar nicht, wie schwer es ist, einen Job zu finden!" Jonas kritzelte mit einem Kuli auf dem Telefonbuch herum. Strichmännchen wanderten über die großflächige Werbung von Burger King. Über ihnen prangte in fetter Schrift Big Whopper: Only $1.50. "Wieso? Ich dachte, du hattest gestern ein Vorstellungsgespräch bei Miller's?" "Hatte ich auch." "Und?" "Der Typ war das Letzte!", fauchte Steve am anderen Ende. "Ich komme in sein Büro, und alles was er mir sagt, ist, dass ich selbst sehen muss, wo was fehlt und wo etwas nötig ist. Er mag es nicht, wenn er seine Leute immer auf alles stoßen muss." "Und? Weiter?" "Ich habe ihn gefragt, ob ich ihm ein sauberes Oberhemd besorgen soll." Jonas grinste. "Weißt du, Steve, ich verstehe sehr gut, warum du keinen Job findest." "Blödmann!" In diesem Moment klingelte es, und Bandit, der bisher schläfrig in der Sonne gedöst hatte, sprang laut kläffend auf. "Sorry, Steve. Ich muss Schluss machen. Ich ruf' dich später noch einmal an." "Ja, aber vergiss es nicht wieder!" Hornochse, dachte Jonas und legte auf. Mürrisch wuschelte er sich durch das nasse Haar. "Sei still Bandit!", befahl er seiner kleinen Bulldogge, die bellend die Treppe hinuntersprang und ihr Kläffkonzert im Flur fortsetzte. Jonas folgte Bandit und verscheuchte ihn aus dem Flur. Wieder klingelte es, und Jonas riss die Tür auf. Ein großgewachsener Mann in Khaki-Hose und brauner Weste stand vor ihm. Er trug eine zierliche Brille auf der Nasenspitze und zupfte nervös an seinem Hut. Er schien um die Vierzig zu sein. "Ben!" Jonas zog die Tür vollständig auf. Der Paläontologe blinzelte. "Jonas! Bist du's? Herrje, ich hätte dich beinahe nicht mehr erkannt!" Er lächelte und drückte ihn kameradschaftlich an sich. "Tut mir leid, wenn ich zu einem ungünstigen Zeitpunkt hereinplatze, aber ihr habt sicherlich meine Nachricht bekommen. - Ist David zu sprechen?" Jonas zögerte. "Er ist nicht zu Hause. Er kommt erst nächste Woche wieder." Der Paläontologe verzog die Miene. "Hat er denn meine E-Mail nicht bekommen? Ich muss unbedingt mit ihm reden! Es ist eine äußerst wichtige Angelegenheit." "Dann komm doch rein!", lachte Jonas und machte eine einladende Geste. "Wie?" "Na ja, vielleicht kann ich dir ja auch weiterhelfen, hm?" Grahm zögerte, nickte aber dann. "Vielleicht kannst du das wirklich." Er trat ein, und Jonas schloss die Tür hinter ihm. Neugierig sah Grahm sich um. Der Flur war mit einem dunkelroten Teppich ausgelegt, helles Sonnenlicht fiel durch die Fenster und ließ den antiken Kronleuchter an der Decke funkeln. Ein zierliches Schränkchen aus Nussbaum stand neben der unauffällig in einer Ecke eingearbeiteten Garderobe. Rechts führte eine mit dunkelrotem Teppich belegte Treppe ins erste Stockwerk. Das blankpolierte Holz glänzte in der Sonne. "Sehr schön habt ihr's hier", sagte Grahm anerkennend und bückte sich zu Bandit hinunter, der an seinem Bein hinaufsprang. Jonas wies auf eine der Türen. "Dort drüben ist das Wohnzimmer. Mach es dir bequem. Ich komme gleich." Grahm nickte, erhob sich wieder, ging den Flur entlang und stieß die Tür zum angewiesenen Zimmer auf. Das Wohnzimmer war groß und geschmackvoll eingerichtet. An der Frontwand stand ein offener Kamin aus weißen, ebenmäßigem Stein, über ihm war die Wand getäfelt. Überall hingen romantische Landschaftsbilder. Rechts und links vom Kamin befand sich jeweils ein Erker. Gobelins und prachtvolle Wandteppiche zierten die Seiten des Zimmers. Kenji Shing, der zweiundzwanzigjährige Assistent von Dr. David Quinn, sah von seinem Buch auf, als Grahm eintrat. "Hi Ben! Schön, dass du dich mal wieder bei uns blicken lässt!" Er stand auf und reichte dem Paläontologen die Hand, der diese lächelnd schüttelte. "Ich freue mich auch, euch wieder zu sehen. Nur schade, dass David nicht da ist." "Wenn es so wichtig ist, wird er sich vielleicht dazu bewegen lassen, frühzeitig aus Kolumbien zurückzukehren", meinte der Inder. "Vielleicht", erwiderte eine Stimme hinter ihm. Grahm fuhr herum und erkannte Jonas, der im Türrahmen stand. Er hatte sich angezogen, trug nun eine etwas ausgebleichte Levi's und ein rotes T-Shirt, das er in die Jeans gezogen hatte. Er wies auf die Sofaecke. "Setz dich doch, Ben." Grahm folgte seiner Aufforderung, und auch Jonas und Kenji setzten sich. "Jetzt schieß los. Was ist passiert?" Jonas lehnte sich zurück. "Du warst auf Mindanao, nicht wahr?" "Ja." Ben rutschte tiefer in den Sessel hinein und zupfte seinen Hemdkragen zurecht. "Dort wurde vor zwei Tagen ein Tierkadaver entdeckt, der vom Meer an den Strand gespült worden war..." "Ein Reptil." Der Paläontologe sah auf. "Ja, woher weißt du das?" "Man hat mir bereits von dem Vorfall berichtet. Du warst mit Jerome Furlong da?" Grahm schüttelte verwirrt den Kopf. "Arbeitest du beim Geheimdienst?" "Ich nicht." Jonas grinste. "Hast du Fotos gemacht?" "Natürlich!" Grahm holte einen Stoß Bilder aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Jonas griff danach und sah sie langsam und aufmerksam durch. Genau, wie er vermutet hatte... "Sieht ja nicht gerade appetitlich aus", murmelte der Inder, während Jonas bei dem Foto mit der Gesamtansicht des Tieres innehielt. "Das Vieh ist ja nur so von Fliegen und Maden übersät." Jonas wurde immer nachdenklicher, je mehr Bilder er sah. Graubraune Haut mit Grün durchsetzt, ein scheinbar zweibeiniges Wesen mit kräftigen Läufen, was für Schnelligkeit sprach. Nur der Kopf war leider auf keinem einzigen Bild erkennbar. Doch das machte nichts. Er wusste bereits, was das da auf den Bildern war. "Dieses Tier... - Hast du Gewebeproben oder so genommen?" "Ja, wieso fragst du?" "Wissenschaftler müssen alles ganz genau wissen, dass weißt du doch", scherzte Kenji, um die Atmosphäre aufzulockern. Das Thema ging ihm im wahrsten Sinne des Wortes an den Magen, und er hoffte, dass es bald beendet sein würde. "Wie, Wissenschaftler?" "Weißt du noch nicht, dass Jonas seinen Abschluss in Paläontologischen Wissenschaften und Archäologie gemacht hat?" Grahm schüttelte den Kopf. "Nein, davon wusste ich bisher noch nichts. Aber es bleibt doch beim du, oder?" Er lachte kurz und herzhaft auf, auch Kenji grinste breit. Jonas hatte Schwierigkeiten, fröhlich zu wirken. Er konnte die Mundwinkel so weit nach oben ziehen, wie er wollte, seine Augen verzerrten die Mimik. Seine Gedanken waren bei den Jungen in Jakarta, die den mysteriösen Wesen zum Opfer gefallen waren. Und nicht nur sie. Grahm zog ein Päckchen aus der Tasche und stellte es auf den Tisch. Mit raschen Bewegungen öffnete er es und nahm einen Stahlzylinder von der Größe einer Faust heraus. Er zerriss die Zollbanderole und schraubte den Deckel auf. Gas zischte heraus, dann schwacher, weißer Kondensationsnebel. Die Außenhaut des Zylinders beschlug sich. Grahm kippte den Inhalt auf den Tisch. Es war eine Tüte, die ein fransiges Stück grünen Fleisches von etwa fünf Zentimetern im Quadrat enthielt. Kenji betrachtete kritisch den Inhalt der Tüte. "Was, zum Teufel, ist das?", fragte er widerwillig. "Eine Gewebeprobe", antwortete Grahm. "Ich konnte sie dem Tier entnehmen, bevor es verbrannt wurde. Ich habe es genau untersucht. Die Gewebestruktur stimmt mit keinem einzigen der heute lebenden und im geringen Grade bekannten Tiere überein..." "Wie könnte es auch", erwiderte Jonas und wies auf die Probe. "Das da stammt von einer Unterart des Coelurus, eines zwei Meter langen Raubsauriers. Ich habe Rekonstruktionen dieses Tieres oft genug gesehen, um zu wissen, was das da auf dem Foto ist. Fox hatte von Anfang an Recht..." "Mal wieder", sagte jemand hinter ihnen, und Jonas drehte sich um. Fox Mulder stand im Türrahmen und stellte seinen Reisekoffer auf den Boden. Er trug einfache Jeans und ein helles T-Shirt. Irgendwie sah er ohne seinen gewohnten Anzug merkwürdig aus, stellte Jonas fest. "Tagchen, alle miteinander", begrüßte sie der FBI-Agent fröhlich. Hinter ihm trat Scully in den Raum. Sie trug ebenfalls Jeans und darüber eine sandfarbene Bluse. Mit einem erleichterten Seufzer ließ sie ihren Seesack auf den Boden sinken und fuhr sich mit der rechten Hand durch das nussbraune Haar. Mulder bedachte sie mit einem vergnügten Lächeln. "Sie hat mal wieder eindeutig zu viel eingepackt!", erklärte er und duckte sich lachend, als sie drohend die Hand hob. "Ich packe nie zu viel ein, verehrter Mister Mulder! Das dort ist das absolute Minimum an Utensilien, das ich für drei Tage nun einmal benötige!" "Drei Tage im Dschungel", warf er mit erhobenen Augenbrauen ein. "Da interessiert es niemanden, ob Sie perfekt geschminkt sind, oder nicht." "Ich habe kein Make-up eingepackt!", erwiderte sie bissig. "Ach ja?" Er schnappte ihren Seesack und hob ihn prüfend in die Höhe. Gespielt nachdenklich legte er die Stirn in Falten. "Lassen Sie mich schätzen... - Drei komplette Kostüme, mehrere Blusen und Röcke, drei Kilo Lippenstift, ebensoviel Make-up in fünf verschiedenen Farbtönen, einen Vorratspack an Wimperntusche..." Sie riss ihm ihr Gepäckstück aus der Hand und funkelte ihn an. "Sie sind ein Widerling, Mulder! Warten Sie nur, bis ich eine Gelegenheit finde, Ihren Koffer zu inspizieren!" Er zuckte gleichgültig die Schultern. "Machen Sie nur. Sie werden nichts Spektakuläres finden." "Wer sind diese Leute?", fragte Grahm misstrauisch und beäugte die beiden Neuankömmlinge, die nicht aufhörten, einander zu foppen. Jonas räusperte sich. "Special Agent Fox Mulder und Special Agent Dana Scully. Sie werden uns nach Mindanao begleiten..." "Das FBI?" Grahm schnappte nach Luft. "Wieso das verdammte FBI?" "Weil es seine Nase überall reinstecken muss?", vermutete Mulder und grinste. "Nein, Dr. Grahm, wir sind aus privaten Gründen und ganz außerhalb der Dienstzeit hier." "Wie beruhigend", knurrte Grahm. Jonas tippte auf den Computerbildschirm, um das Interesse des Paläontologen wieder darauf zu richten. "Wir haben noch einiges zu besprechen, Ben."
Jerry Dawson gähnte und drückte sich den Knopf tiefer ins Ohr, um ja nichts zu verpassen. Er rutschte auf dem Fahrersitz seines grauen Taurus hin und her und versuchte, die Ziegeln der Toreinfahrt des Landguts zu zählen. Der kleine Kassettenrecorder auf seinem Schoß drehte sich, auf dem Beifahrersitz lag sein Notizbuch neben zwei zerdrückten Big-Mäc-Schachteln. Dawson sah zu dem riesigen Gebäudekomplex hinüber und grinste. "Dachtest wohl, du wärst uns entkommen!", knurrte er. "Pah! Wenn man schon zu blöd ist, um eine Wanze im Hut zu entdecken!" Dawson grinste. Er wusste, das Ben Grahm seinen geliebten australischen Buschhut niemals absetzte. Nicht einmal zum Haare waschen, wie er immer scherzhaft behauptete. Diese Gewissheit hatte Dawson ausgenutzt und in einem günstigen Moment den Hut auf seine Weise präpariert. Die Wanze funktionierte ausgezeichnet. Dawson warf einen flüchtigen Blick auf das Anwesen vor ihm. Die in zartem Flieder gestrichenen Gebäude mit ihren schwarzen Schieferdächern erhoben sich beinahe majestätisch zwischen alten knorrigen Eichen und großen Ahornbäumen. Der Springbrunnen mitten im Hof gab dem Landgut noch eine veredelnde Note. Ebenso die beiden großen Löwen aus Marmor, die links und rechts von der Treppe auf ihren Steinsockeln saßen, die mächtigen Pranken und den Kopf stolz erhoben. Sie waren die stillen Wächter des Anwesens. Dawson ließ seinen Blick über die Wohnhausanlage gleiten, über die große Veranda, die Galerie, die Terrasse mit Blick aufs Meer, geschmückt mit zahlreichen Rhododendren und Dahlien, einen beinahe mediterranen Touch annehmend, wenn die Sonne - so wie jetzt - vom wolkenlosen Himmel schien und das Meer ruhig und tiefblau war. Nicht weit entfernt bohrte sich der Leuchtturm am Rande der Klippen in den bedeckten Frühlingshimmel. Eine Wahnsinnshütte!, dachte Dawson anerkennend. In seinem Empfänger hörte er die Stimme des jungen Quinn und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit. "Sind noch andere Formen dieser Tiere aufgetaucht?" Und dann das unverwechselbare, hektische Geplapper Gregorys: "Ich weiß es nicht, ich habe doch bereits erwähnt, dass jede auftauchende anomale Form so schnell wie nur möglich beseitigt wird." Dawson kritzelte Jonas Quinn auf seinen Notizblock. Langsam konnte er die einzelnen Namen zuordnen. Der junge Mann mit dem deutlich indischen Akzent meldete sich nun zu Wort. "Wer weiß? Vielleicht verstecken sich noch andere Arten im dortigen Dschungel. Sie haben ja selbst gesagt, dass Sie nur eines der Tiere zu sehen bekamen." "Richtig", antwortete Grahm. "Dieser Teil der Insel ist so gut wie unbewohnt. Dort könnte sich ein Brachiosaurus herumtreiben, ohne dass es irgend jemand merken würde." Dawson griff in die Tüte auf dem Armaturenbrett und aß die letzten beiden Pommes, obwohl sie schon kalt waren. "Auf Mindanao ist das tropische Klima vorherrschend. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Außerdem liegt die Insel mitten im südöstlichen Erdbebengebiet. Und, was das Wichtigste ist: Auf dieser Seite der Insel gibt es vulkanische Gase." Dawson notierte eifrig. Grahm räusperte sich. "Woher weißt du das, Jonas?" "Das ergibt die Spektralanalyse, die der Computer vorgenommen hat. Weißt du etwas über die vulkanische Explosion, die 1883 die Insel Krakatau zerstörte, die nur wenige Seemeilen westlich von Java liegt und heute Pulau Rakata heißt? Neben dieser Katastrophe verblassen die nuklearen Explosionen, die von den Menschen ausgelöst werden, zur Bedeutungslosigkeit." "Schön, aber was hat das mit den Sauriern zu tun?", fragte Grahm. "Nun, damals verschwand die Insel fast vollständig unter den Wellen, und auf dem, was von Krakatau und den Nachbarinseln übriglieb, schien das Leben ausgelöscht. Die Auswirkungen auf Pflanzen und Tiere waren katastrophal. Aber schon wenige Monate später war eine winzige Spinne mit Hilfe ihrer vom Wind getragenen Spinnfäden auf der Insel gelandet. Sie verhungerte wahrscheinlich. Aber nach vierzehn Jahren wurden auf der Insel 132 Insekten- und Vogelspezies und 61 Pflanzenarten angetroffen." "Und? Weiter?" "Das Leben findet einen Weg, Ben. Immer und in jeder Situation. Diese Insel ist der beste Beweis dafür. Genauso ist es mit den Sauriern auf Mindanao..." Klugscheißer, dachte Dawson und notierte Mindanao. "Sie haben sich einen Platz zum Überleben geschaffen", drang nun die Stimme dieses FBI-Agenten namens Mulder durch den Empfänger. "Und zwar dort, wo andere Wesen wie wir Menschen niemals wohnen würden. In einem der vulkanreichsten Erdbebengebiete der Erde. Und dabei erfordert das nicht einmal allzu viel Anpassung von Seiten dieser Tiere. Wie Forschungen ergaben, lebten die Dinosaurier in einer Welt, die genauso aussah. Sie sind den hohen Schwefelgehalt und die vulkanischen Gase gewohnt." "Was sind das für Zacken auf der Karte?", fragte Grahm. "Methan", antwortete Scully. "Offensichtlich gibt es dort eine ziemlich große Methanquelle." "Ist das auch vulkanisch?" "Möglich. Methan wird bei vulkanischen Aktivitäten freigesetzt. Aber nur bei größeren Eruptionen. Die andere Möglichkeit ist, dass es organischen Ursprungs ist." "Das heißt im Klartext?" "Große Pflanzenfresser und..." Dann kam etwas, was Dawson nicht verstehen konnte, und der Inder sagte: "Soll ich die Karte ausdrucken lassen?" "Tu das", sagte Jonas. "Und ich mache mich jetzt auf die Socken. Kevin hasst es, zu warten." Als Dawson kurze Zeit später zum Haupthaus hinüber sah, erschien ein schlanker, doch sehr muskulöser junger Mann an der Haustür. Er lief zu einem roten Alfa Romeo 156 hinüber. Das muss dieser Jonas sein, dachte Dawson und holte seinen Fotoapparat hervor. Der Junge stieg ein und der Motor startete. Dawson lenkte seinen Taurus in den Waldweg hinein und blieb zwischen einigen dichten Büschen stehen. Der Alfa brauste vorbei, ohne dass der Fahrer den fremden Wagen bemerkte. Dawson überlegte kurz, ob er dem jungen Quinn folgen sollte, aber er hatte jetzt Wichtigeres zu tun. Er drehte den Zündschlüssel, hob das Telefon ab und wählte.
Doug Spear öffnete die Tür mit der Aufschrift TIERGEHEGE. Sofort begannen die Hunde zu bellen, die in viereckigen Käfigen eingesperrt waren, die in langen Reihen den Raum durchschnitten. Spear ging den Korridor entlang, zu dessen Seiten sich drei Meter hoch die Käfige stapelten. Die Biogenetics Co-operation in New York brauchte eine ausgedehnte Tierversuchsanlage. Gary Eustrak, der Boss dieser Firma, lief neben ihm und wischte mürrisch über den glänzenden Satin seines Jacketts. "Ich hasse diesen Scheißladen!", knurrte er. "Warum wollten Sie, dass ich hierher komme?" "Weil wir uns über die Zukunft unterhalten müssen", antwortete Spear. "Hier stinkt's!", sagte Eustrak und sah auf seine goldene Uhr, die er lässig um sein rechtes Handgelenk trug. "Also raus damit, Doug!" "Da drin können wir reden." Spear führte ihn zu einer gläsernen Kontrollkabine in der Mitte des Raumes. Die Glaswände dämpften den Hundelärm. Aber durch die Fenster konnten sie zu den Tieren hinübersehen. "Es ist etwas ganz Simples", sagte Spear und begann, auf und ab zu gehen. "Aber ich glaube, es ist wichtig." Doug Spear war 39 Jahre alt, hatte ein nichtssagendes glattes Gesicht und schüttere Haare. Er wirkte jugendlich und freundlich. Aber der Schein trog. Der babygesichtige Spear war der skrupelloseste und aggressivste Gentechniker seiner Generation. Seine Karriere war begleitet von Skandalen. Er spielte sich als Forscher auf, hatte aber nie eine Idee, die nicht jemand vor ihm gehabt hatte. Doch er war ein Meister im sogenannten Entwickeln von Forschung, was nichts anderes hieß, als dass er frühreife Arbeiten klaute und für sich verwendete. Darin war er genauso skrupel- wie konkurrenzlos. Er betrieb das Gebiet Umfangreiche Industriespionage besonders intensiv und mit einer gewissen Euphorie. Eustrak machte sich natürlich keine Illusionen über Spear. Er mochte ihn nicht und mied ihn, wo er nur konnte. Spear ging immer Risiken ein, nahm Abkürzungen und dabei war Eustrak unbehaglich zumute. Aber der Boss von Biogenetics Co-operation wusste auch, dass in der modernen Biotechnologie ein hoher Konkurrenzdruck herrschte. Und um konkurrenzfähig zu bleiben, brauchte jede Firma einen Mann wie Spear. Und was Spear machte, machte er gut. "Die Welt verändert sich, Gary. Es gibt Probleme, denen sich unsere Firma im 21. Jahrhundert gegenübersehen wird." "Die wären?" Spear wies nach draußen auf die bellenden Hunde. "Seien wir doch einmal ehrlich, Gary: Jedes Jahr wird der Druck auf uns größer. Haufenweise Demonstrationen, Beschwerdebriefe und schlechte Presse. Und nur, damit wir keine Tiere mehr zu Versuchszwecken benutzen. Am Anfang waren es nur naive Eiferer und Hollywoodsternchen, die es sich leisten können, ihre schöne Klappe aufzureißen. Aber jetzt ist es eine mächtige Bewegung. Sogar Philosophieprofessoren argumentieren, dass es unethisch sei, Affen, Hunde, ja sogar Ratten den entwürdigenden Prozeduren der Forschung zu unterwerfen. Wir hatten sogar schon Proteste wegen unserer Ausbeutung der Tintenfische, obwohl die Viecher überall auf der Welt auf der Speisekarte stehen. Und ich kann Ihnen sagen, Gary, dieser Trend reißt nicht so schnell ab. Irgendwann wird einer dieser Spinner sagen, wir dürfen keine Bakterien mehr ausbeuten, um genetische Produkte herzustellen." "Also! Kommen Sie, Doug!" "Warten Sie es ab! Es wird passieren. Außer wir haben etwas, was nicht angeschwärzt werden kann. Etwas, was seit Langem als ausgestorben gilt, also in den Augen der Menschen nicht lebt. Etwas, was wir patentieren lassen können, etwas, das uns gehört." "Auf was wollen Sie hinaus?" Spear räusperte sich. "Nun, auf Mindanao findet man in letzter Zeit des Öfteren fremdartige Tiere. Etwas zu groß geratene Leguane. Nur, es sind keine." Eustrak starrte auf seine säuberlich geschnittenen Fingernägel. "Spucken Sie es endlich aus, Doug." "Ich habe ein paar Leute von uns dorthin geschickt. Sie haben sich zwei der Viecher angesehen und Gewebeproben entnommen. Hat viel Überredung gekostet. Die von den Philippinen möchten diese Kadaver nämlich so schnell wie nur möglich loswerden. Sie haben Angst, dass es eine Verbindung zwischen diesen Tieren und einer neuen Krankheit auf der Insel gibt, die mit keinem Medikament beizukommen ist. Sie wissen dort nicht einmal, wie das Zeug übertragen wird. Es gibt keinen Virus, keine Bakterie. Ich habe dem Regierungsvorsitzenden auf Mindanao erklärt, dass wir die Kadaver genauestens untersuchen müssen, um festzustellen, ob ihre Vermutung mit dieser Krankheit stimmt. Die sind sofort darauf angesprungen. Jedenfalls haben wir die Viecher analysiert. Die Ergebnisse waren erstaunlich. Denn bei diesen Tieren handelte es sich erstens um einen Triceratops und zweitens um einen Compsognathus." "Um Dinosaurier?" "Exakt. Keine Ahnung, warum die Viecher auf Mindanao all die Jahre überlebt haben, aber das ist letztendlich auch egal. Wir haben den Indonesiern jedenfalls eingebläut, dass die Tiere diese Krankheit übertragen und noch weit gefährlichere Viren in sich tragen würden. Wir haben angeordnet, dass sie jeden Kadaver, den sie finden, verbrennen sollen. Das natürlich aus dem einfachen Grund, damit keiner dieser verrückten Wissenschaftler auf die Dinos aufmerksam wird. Die könnten uns sonst alles versauen." "Was versauen?" Eustrak wurde langsam müde. "Das wir diese Viecher für unsere Versuchszwecke benutzen können! Unsere Biologen haben festgestellt, dass diese Dinosaurier einen fast identischen Hormonhaushalt wie die Säugetiere haben. Das heißt: Schluss mit all den Affen, Hunden, Ratten. Und Schluss mit diesen lästigen Protesten von Greenpeace und den anderen Spinnern." Eustrak horchte auf. "Schön und gut, aber wie wollen Sie an diese Viecher rankommen?" "Dafür ist schon gesorgt", grinste Spear. "Ich habe der philippinischen Regierung angeboten, die lästigen Krankheitserreger auszumerzen. Sie waren von meinem Vorschlag total begeistert und wollen im Gegenzug sogar unsere Firma unterstützen. So haben wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen!" "Sie sind ein Genie, Doug!", sagte Eustrak und ein breites Grinsen huschte über sein bisher gelangweiltes Gesicht. "Ich weiß", erwiderte Spear. Eustrak ließ sich auf einen der freien Stühle in der Kabine sinken und lächelte kaum merklich. "Worauf warten Sie noch, Doug? Schaffen Sie diese Viecher her!"
"Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, was?" Dr. Kirochima Pacal wirkte beinahe vorwurfsvoll. "Mir scheint, ich habe Ihrem jugendlichen Hirn ganz gewaltige Flausen in den Kopf gesetzt." "Vielleicht auch das", erwiderte Jonas ruhig. "Doch hat mir unser Computer unwiderlegbare Fakten geliefert. Dieses Tier ist mit Hilfe einer DNS-Analyse untersucht worden. Es handelt sich eindeutig um einen Stenoychosaurus." "Was genau ist das für ein Vieh?" "Es gehört zu den Sichelkrallensauriern und wird von vielen Wissenschaftlern als äußerst intelligent angesehen. Es war ein schlanker und recht wendiger Jäger." Jonas warf einen Blick auf den Computerbericht. "Außerdem fanden wir eine große Menge Toxine in den Geweben und Blutresten der Probe. Genauer gesagt handelt es sich dabei um ein Hämatoxin, eine Substanz, die in den meisten Lebewesen Bewusstlosigkeit und Lähmung hervorruft. Im Tierreich gibt es einige Reptilien, die dieses Gift benutzen, wie etwa das Gila-Monster oder die Klapperschlange. Es scheint, als sei der Stenoychosaurus von einem solchen Wesen gebissen worden und dadurch verendet. Was uns stutzig machte, sind die Kampfspuren auf den Fotos. Das Tier ist von kleinen Kratzern übersät, die Bauchdecke ist aufgerissen und beträchtliche Teile des Magen-Darm-Traktes scheinen herausgefressen worden zu sein. Das Gila-Monster würde niemals solche Mengen verspeisen, schon gar nicht die Gedärme. Und Klapperschlangen gibt es in Indonesien nicht, auch keine großen Raubtiere wie Tiger, die sind auf den Inseln nahezu ausgerottet. Nun, wir haben noch ein Tier gefunden, dass über Giftdrüsen mit Hämatoxin verfügt. Ein mumifizierter Körper dieser Gattung wurde vor knapp acht Monaten auf Borneo gefunden. Es waren Überreste eines Dilophosaurus, eines Raubsauriers aus dem späten Jura. Im Maul fand man Drüsen, die Hämatoxin enthielten. Es scheint, als habe der Jäger seine Beute durch Bisse gelähmt und sie dann gefressen." "Oh, ich verstehe. Sie haben gleich zwei Überlebende der Sauriergeneration gefunden, was?" "Eine mit Sicherheit. Und die Informationen über die Mumie habe ich aus den X- Akten." "Die X-Akten vom FBI?" "Welche denn sonst? Kennen Sie noch andere?" "Wie sind Sie denn an die gekommen?" "Ich habe einflussreiche Freunde." "Aha. - Und warum erzählen Sie mir das alles?" "Nun ja, weil ich dachte, Sie hätten Interesse, unsere Expedition nach Mindanao zu begleiten. Ich brauche noch einen kühlen Kopf. Grahm ist zu euphorisch und verliert zu schnell seine Objektivität. Und bei Mulder weiß ich auch nicht, ob er nicht dessen Euphorie teilt." "Sie brauchen sich gar nicht bei mir einschleimen, Jonathan!", knurrte sie. Und nach einem kurzen Zögern: "Wann fliegen wir?"
Doug Spear saß zusammengesunken in einer dunklen Ecke der Chesperito Cantina in Jersey City. Das mexikanische Restaurant war nicht sehr voll, die Mittagspause war schon lange vorbei und bis zum Feierabend waren es noch zwei, drei Stunden. Spear nippte an seinem Bier. Neben ihm saß Jake Pount, der Professor für Biologie in Lewiston und verschlang mit Begeisterung eine Portion huevos rancheros. Eigelb vermischte sich auf seinem Teller mit grüner salsa. Spear wurde schon bei dem Anblick übel. Er wandte sich ab, konnte aber noch hören, wie sich Pount geräuschvoll die Lippen leckte. Außer den beiden Männern und einer aufgetakelten Frau Mitte vierzig, die an der Bar saß, war niemand im Raum. Aus vergammelten Lautsprechern schepperte ein alter Song der Beatles. Spear summte Let it be und versuchte, nicht die Beherrschung zu verlieren. Seit über einer Stunde saß er schon in diesem verdammten Restaurant. Pount aß seine Eier zu Ende und schob den Teller weg. Dann zog er das kleine Notizbuch hervor, das er überallhin mitnahm. "Ich habe mir ein paar Gedanken gemacht, wie wir die Sache deichseln." "Was denn deichseln?", fragte Spear gereizt. "Es gibt nichts zu deichseln, außer wir schaffen es, nach Mindanao zu kommen." Im Reden klopfte er mit einem kleinen Foto von Ben Grahm auf den Tisch. Drehte es um. Starrte die Rückseite an. Dann die Vorderseite. Er seufzte und sah auf die Uhr. "Doug", sagte Pount geduldig. "Auf diese Insel zu kommen, ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, wie wir unsere Entdeckung der Welt präsentieren." Spear zögerte einen Augenblick. "Unsere Entdeckung", wiederholte er. "Das gefällt mir, Jake. Das ist sehr gut. Unsere Entdeckung." "Na, das ist doch die Wahrheit, nicht?", erwiderte Pount mit unverbindlichem Lächeln und fuhr mit theatralischer Stimme fort. "Diese Tiere sind ausgestorben. Und wir entdecken sie wieder. Ich weiß nicht, wie man es sonst nennen sollte. Wie schon Goethe sagte..." "Okay", sagte Spear. "Dann machen wir also eine Entdeckung. Und dann? Halten wir eine Pressekonferenz ab?" "Natürlich nicht!", rief Pount und zog dabei eine entsetzte Miene. "Eine Pressekonferenz wäre total fehl am Platz. Damit würden wir uns offen dem Kritikern repräsentieren. Eine Entdeckung dieser Spezies muss auf besondere Art behandelt werden. Es muss darüber berichtet werden, Doug." "Berichtet?" "Ja. In der Literatur. BBC Wildlife, zum Beispiel. Natur könnte ich mir auch gut vorstellen..." In diesem Moment betrat Jerry Dawson das Restaurant. Er hatte seine beiden Auftraggeber schnell entdeckt und steuerte zielstrebig auf ihren Tisch zu. Er nickte zur Begrüßung, setzte sich und bestellte bei der Kellnerin Kaffee. Spear starrte ihn missmutig an. "Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit", sagte er scharf. "Also fangen wir an." "Okay. Wie Sie wollen." Dawson öffnete einen Umschlag, zog Papiere und Fotos heraus und reichte sie Spear. Doug ging die Fotos langsam durch. Das erste zeigte Grahm. Den erkannte Spear drei Meilen gegen den Wind. Auf dem Zweiten sah man einen großen, kräftigen Mann Anfang fünfzig mit dunklem, nach unten hin graumeliertem Haar und scharfen Gesichtszügen. "Wer ist das?" "Dr. David Quinn", sagte Dawson. "Wissenschaftler auf verschiedenen Gebieten. Ein alter Freund von Grahm. Der wollte Quinn heute Nachmittag einen Besuch abstatten, doch er war nicht da." Spear sah auf. "Einen Besuch? Aus welchem Grund?" "Die Sauriergeschichte. Scheint so, als ob Grahm irgendwie doch an einen der Kadaver rangekommen ist." Spear nickte bloß und ging die Fotos weiter durch. Das Dritte zeigte einen muskulösen, stämmigen Mann mit weißem Haar. Er schien aber nicht älter als vierzig oder fünfundvierzig zu sein. Er hatte stechende, graublaue Augen und machte den Eindruck, als könne er jeden mit dem kleinen Finger zerquetschen, der ihm in die Quere kam. "Das ist Vince Barrett. Arbeitete früher bei der CIA, ist gut befreundet mit Kommandant Bennett. Lebt heute wie Dr. Quinn auf einem großen Landgut an der Küste. Barrett ist bekannt für seine Scharfsinnigkeit und seinen Zynismus." "Ein Regierungsfreund", knurrte Pount. "Kann ja heiter werden." Spear betrachtete das nächste Foto, auf dem ein etwa zwanzigjähriger junger Mann zu sehen war. Er hatte markante Gesichtszüge und blondes Haar. Blaue Augen blitzten selbstbewusst unter den buschigen Augenbrauen hervor. "Jonathan Quinn, der Sohn des Wissenschaftlers. Ist einundzwanzig und nicht gerade auf den Kopf gefallen. War sehr gut in der Schule, hat sich aber geweigert, aufs College zu gehen und ist gleich auf die Uni. Hat schon seinen Abschluss gemacht. Er hat Grahm heute anstelle seines Vaters empfangen." "Und der?" Spear deutete auf einen dunkelhäutigen jungen Mann mit Turban mit abgeklärtem Blick und breiten Schultern. "Kenji Shing. Zweiundzwanzig. Kommt ursprünglich aus Kalkutta. Über seine Eltern weiß man nichts. Er arbeitet als Assistent bei dem Wissenschaftler." Spear betrachtete ein hübsches junges Mädchen mit rötlichglänzenden Haaren und grünen Augen. "Das ist Sarah, die Tochter von Barrett. Ist mit dem jungen Quinn zusammen. Schon längere Zeit. Sie geht ebenfalls nicht aufs College, obwohl sie ein sehr gutes Abschlusszeugnis bei der Highschool hatte." Spear war inzwischen schon bei einem braunhaarigen Jungen mit spitzbübischem Blick und bernsteinfarbenen Augen. "Kevin McTemper, 1995 von dem Wissenschaftler adoptiert. Elf. Geht in Rockport zur Schule." Das letzte Foto zeigte das Landgut. Spear pfiff leise durch die Zähne. "Dieser Quinn scheint ja ein Millionär zu sein", sagte er. "Bei dem Grundstück." "Milliardär", sagte Dawson. "Ihm gehört der Multikonzern QCDI." Pount lehnte sich zurück. "Und mit diesem Clan hat sich unser guter alter Freund Grahm nun angebändelt?" "So ist es." Dawson legte drei weitere Fotos auf den Tisch. "Und diese Leutchen hier sind nun auch noch mit von der Partie." "Wer ist das?" Spear tippte auf das erste Bild. "Kirochima Pacal, eine Hobbypaläontologin. Sie wird mit nach Mindanao reisen." "Aha." Spear betrachtete die beiden anderen Fotografien. "Hey, die kenne ich doch von irgendwoher...", murmelte er. "Könnte sein", sagte Dawson ausweichend. "Jedenfalls, wenn Sie in letzter Zeit mit dem FBI zu tun hatten..." "Verdammt! Was haben denn die im Projekt zu suchen?" "Nun ja, Agent Mulder scheint ein guter Freund vom jungen Quinn zu sein..." "Mulder?" Spear blickte auf, seine Augen blitzten. "Special Agent Fox William Mulder?" "Ja, Sir." "Na großartig!" "Sie fliegen noch heute los", sagte Dawson, und ihm wurde langsam unwohl. "Um sechs Uhr. Direktflug nach Mindanao." Spear blinzelte. "Wäre doch gelacht, wenn wir denen nicht zuvorkommen würden!" Er blickte auf die Uhr. "Jetzt ist es drei. Wenn wir es schaffen, noch in einer Stunde zu starten, haben wir einen Vorsprung von zwei Stunden." Pount hob die Hand, um der Kellnerin zu zeigen, dass er zahlen wollte. "Worauf warten wir denn dann noch?", fragte er.
Die Dragon-Fly befand sich in exakt zweitausend Metern Höhe. Jonas überprüfte die Anzeigegeräte und warf einen Blick auf den Benzintank. Sie waren non-stop von Rockport nach Indonesien geflogen und hatten keinen Umweg nach Kolumbien machen müssen, denn Dr. Quinn hatte sich felsenfest geweigert, die Ausgrabungsstätten zu verlassen. Jonas kannte auch sehr genau den Grund seines Vaters. Dieser Grund hatte schwarzes Haar, dunkle Augen und hieß Alice. Meine Güte, sein Vater konnte einfach nicht von ihr lassen! Was soll's, dachte Jonas bei sich. Dann fliegen wir halt ohne ihn! Kevin saß gelangweilt auf seinem Sitz, sein Dinosaurierlexikon auf dem Schoß. Aus dem Fenster zu sehen machte ohnehin keinen Sinn, denn außer der dichten Wolkendecke, die über dem Pazifik hing, war nichts zu erkennen. Gähnend lehnte er sich zurück. Scully, die neben ihm saß, lächelte. "Unser Dinoexperte scheint ja nicht gerade aufgeregt zu sein." "Woher wollen Sie das denn wissen?", entgegnete der Junge, der plötzlich wieder hellwach war. "Natürlich bin ich aufgeregt. Der Flug ist nur so langweilig." "Nur noch zwanzig Minuten", sagte Jonas ruhig und ließ die Dragon-Fly langsam an Höhe verlieren. "Wir überfliegen gerade Hong Kong." "Weckt mich, wenn wir da sind", murmelte Mulder, der es sich auf gleich drei Sitzen bequem gemacht und sich ein Kissen unter den Kopf geschoben hatte. Er hatte es bisher immer geschafft, beim Fliegen zu schlafen - selbst bei Turbulenzen. Kevin blickte durch das Fenster nach draußen. "Warum ist es eigentlich noch immer hell?", fragte er. "Wir sind doch schon um sechs Uhr Abends losgeflogen." "Denke an die Zeitzonen", erinnerte ihn Sarah lächelnd. "Das stimmt", bestätigte Jonas. "Hier auf Mindanao ist es jetzt erst sieben Uhr morgens. Wir sind jetzt eineinhalb Stunden geflogen. Das muss man zur Zeitangabe mitrechnen." "Sieben Uhr! O mein Gott! Eigentlich müsste ich jetzt aufstehen und in die Schule!" Jonas lachte. "Du hast mir nicht genau zugehört. Bei uns zu Hause ist es jetzt halb acht. Du bist also noch nicht einmal im Bett!" "O Mann! Diese blöde Zeitverschiebung kapiere ich nie!", stöhnte Kevin und klappte demonstrativ sein Dinosaurierbuch auf. In diesem Moment stieß Ben Grahm einen entsetzten Schrei aus. Er sprang von seinem Sitz auf und starrte fassungslos auf seinen australischen Buschhut, den er in den Händen hielt. "Was ist los?" Kenji trat neben den Paläontologen. "Sieh's dir an!", rief Grahm und tippte mit zitternden Fingern auf die Unterseite des Hutes. "Sieh dir das an!" Der Inder kniff die Augen zusammen. "Eine Wanze!" Fast zeitgleich fuhr Mulder wie ein Stehaufmännchen in seinem Sitz hoch. "Eine Wanze?" "Hey, ist das so eine, wie sie James Bond hat?", fragte Kevin nun eifrig. "Ja. Genau so eine", bestätigte Vince. "Irgendjemand scheint es äußerst interessant zu finden, dich zu bespitzeln, Ben." "Kein Wunder", brummte Jonas. "Wenn jemand etwas über die Sache mit den Dinosauriern wissen will..." "Aber wer außer euch weiß schon etwas davon?", fragte Grahm verzweifelt. "Furlong", sagte Kenji. Der Paläontologe schüttelte heftig den Kopf. "Furlong ist ein guter Freund von mir. Er würde mich nie bespitzeln. Außerdem weiß er überhaupt nichts von den Dinosauriern." "Aber wer bleibt denn da noch?", fragte Vince und zertrat die Wanze am Boden. Knirschend zerbarst das Metall. "Ich weiß es nicht!", jammerte Grahm. "Absolut nicht!" "Dann will ich nur hoffen, dass dieser Jemand uns nicht auf Mindanao in die Quere kommt. Könnte unangenehm für beide Seiten werden", brummte der ehemalige CIA- Agent.
Der Jet verlor mehr und mehr an Höhe. Der Dschungel unter ihnen ließ immer deutlichere Konturen erkennen. Straßen waren selten. Und asphaltiert war schon mal keine. Der Flugplatz von Pikit lag einige Meilen abseits von der mittelgroßen Stadt, sozusagen mitten in der Pampa. Von oben erschien er wie eine einfache Lichtung im weiten Urwald. Mit einem hörbaren Zischen öffneten sich die Landeklappen und das Fahrgestell fuhr heraus. Ein Ruck ging durch die Dragon-Fly, als sie auf dem staubigen Beton der Landebahn aufsetzte. "So eine lausige Landebahn ist mir seit Vietnam nicht mehr untergekommen!", knurrte Vince. Die Dragon-Fly drehte und kam nur wenige Meter vom Hangar stehen. Das stetige Donnern der Düsen ließ nach, das Dröhnen der Motoren verstummte. Zischend öffnete sich die Laderampe am hinteren Teil des Flugzeuges. Ein dunkelhäutiger Mann mit kurzgeschnittenen Haaren und gepflegtem Schnauzer sprintete durch den Laderaum in das Cockpit. "Mein Name ist Alfredo Rodriguez. Ich komme wegen der Pass-Kontrolle." Jonas reichte ihm einen Packen Papiere, den Vince schon zusammengestellt hatte. Er hatte Erfahrungen mit den strengen Überwachungen der östlichen Zölle. Er stand mit verschränkten Armen neben Jonas und beobachtete Rodriguez aufmerksam und kritisch. Der Zollbeamte ging die Papiere durch, las einige davon eingehend. "Sie sind keine Touristen?", fragte er beiläufig. Ben Grahm, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, meldete sich nun zu Wort. "Nein, das sind wir nicht. Ich bin Paläontologe und habe hier weitaus Wichtigeres zu tun, als dem Tourismus zu frönen!" Rodriguez lächelte freundlich und mit leichtem Schalk. "Sie sind mir durchaus nicht fremd, Se¤or Grahm. Meine Fragen sind reine Routine." Ben murmelte etwas Unverständliches, schenkte dem Zollbeamten rasch ein honigsüßes Lächeln und verfiel wieder in Schweigen. Rodriguez grinste breit und ging weiter die Papiere durch. "Wissen Sie, Se¤or Grahm ist ein häufiger Gast hier", sagte er an Jonas gewandt. "Wir kennen langsam seine Eigenheit, sich jedes Mal erneut in seiner ganz speziellen Art vorzustellen. Aber wir haben uns daran gewöhnt." Der Zollbeamte blickte sich kurz im Inneren des Flugzeuges um. "Neun Personen, wenn ich nicht irre", stellte er fest. "Scheint ja dieses Mal eine sehr große Expedition zu werden." "Nun ja, so könnte man es nennen." "Wo genau wollen Sie denn hin?" "Oh, wir haben kein genaues Ziel", sagte Vince. "Jedenfalls keines mit Namen." "Wir erkunden den Dschungel", fuhr Grahm dazwischen. Rodriguez hob scheinbar erstaunt die Augenbrauen. "Wie? Sie auch?" Jonas legte die Stirn in Falten. "Was soll das heißen? Wir auch?" "Nun, vor etwa zwanzig Minuten landete hier ein Flugzeug mit einer Gruppe von etwa fünfzehn Männern, ebenfalls Amerikanern." "Und die wollten in den Dschungel?", fragte Jonas. Der Zollbeamte nickte. "So ist es." Jonas wechselte einen kurzen Blick mit Kenji und Vince, bevor er sich wieder an Rodriguez wandte. "Sagen Sie, wollten die Männer zufällig auf das Hochplateau im Norden?" "Si, Se¤or Quinn. Woher wissen Sie das?"
Die Seilbahn, die Touristen und Wissenschaftler vom Tal ins mindanaoische Hochland brachte, schien nicht gerade das neuste Modell zu sein. Spear betrachtete die Gondel, die langsam auf die vierzehnköpfige Gruppe zukam. "Was eine alte Klapperkiste!", schnaubte Dawson. "Warum musste ich eigentlich mitkommen? Ich habe eh schon die ganze Drecksarbeit erledigt! Ich habe die Wanze unter Gregorys Hut gesteckt und ihn über den halben Globus verfolgt und belauscht..." "Und Sie werden die Sache auch weiter durchziehen!", knurrte Spear. Natürlich hätte der Gentechniker liebend gerne auf die Gesellschaft Dawsons verzichtet, doch er hatte ihn nicht in New Jersey zurücklassen können. Er vertraute Dawson genauso wenig wie jedem anderen. Er schleppte ihn lediglich mit sich herum, damit er in einem unbeobachteten Moment nicht irgend etwas an die Presse - oder noch schlimmer - an irgendeinen anderen Konzern verraten konnte. Und Spear schwor sich eines: Sobald Dawson auch nur ein einziges Mal nach der falschen Pfeife tanzte, würde er ihn sofort und ohne Umschweife abknallen. Spear kannte in dieser Hinsicht - wie in so vielen Dingen - keine Skrupel. "Ich glaube, ich spinne!", sagte plötzlich Pount und deutete nach rechts zum kleinen Schuppen, wo eine alte Frau saß und das Geld für die Gondelfahrten kassierte. "Verdammt!", zischte Spear, als er die Gruppe erkannte, die gerade auf der Bildfläche erschienen war. "Grahm und sein Gefolge." "Sie sagten doch, wir hätten zwei Stunden Vorsprung!", knurrte Pount. Dawson zuckte mit den Schultern. "Vielleicht sind sie früher losgeflogen." Spear schickte ihm einen drohenden Blick und schulterte dann seinen Rucksack. Er nickte zur Gondel hinüber. "Lasst uns einsteigen, bevor die noch herkommen." "Aber jetzt sind sie direkt hinter uns", sagte Pount. "Die werden uns im Dschungel spielend einholen." Spear grinste breit. "Nicht, wenn etwas Unvorhersehbares passiert. So eine Art... Unfall."
Jonas beobachtete misstrauisch, wie die Männergruppe in die Gondel stieg. Er stieß Vince in die Seite und nickte zu ihnen hinüber. "Also, die dort drüben sind garantiert nicht hier, um das Leben der einheimischen Tiere zu studieren..." Vince nickte. "Dieses Gefühl habe ich auch. Bei den Visagen!" Vince nickte auf die Gondel mit den Männern, die sich nun langsam in Bewegung setzte. "Die Typen dort sind vielleicht Kerle von der Presse oder Großwildjäger, die auf eine Trophäe der besonderen Art aus sind." "Oder etwas ganz anderes", murmelte Mulder, und fing sich prompt einen warnenden Blick von Scully ein. "Da kommt unsere Gondel", sagte Sarah. Sie schulterten ihr Gepäck und stiegen in den leicht schwankenden Kasten ein. Ein junger Spanier klappte von außen die Tür zu und bläute den Passagieren zum bereits vierten Mal ein, diese während der Fahrt nicht zu öffnen. Dann ging ein Ruck durch die Gondel und sie setzte sich gemächlich schaukelnd in Bewegung. "Was ein alter Kasten", murmelte Kevin und blickte aus dem Fenster auf den sich langsam entfernenden Boden hinab, der rasch in tiefsten Dschungel überging. "Wie lange fahren wir mit dem Ding?", fragte Sarah. Vince blickte auf die Uhr. "Nicht lang, zehn Minuten ungefähr." Sie schwiegen eine Zeit lang und sahen aus den Fenstern auf den schier unendlichen grünen Dschungel hinunter, der sich in etwa fünfzehn Metern Tiefe unter ihnen wölbte. Manchmal sahen sie bunte Vögel zwischen den Zweigen aufflattern, die sich raschelnd im Wind bewegten. Vier Minuten vor dem Ziel ging urplötzlich ein abrupter Ruck durch die Gondel. Sie schwankte einen Moment und blieb dann mitten in der Luft stehen. "Was zum Teufel ist jetzt los?", fragte Sarah und sah sich um. "Warum fahren wir nicht weiter?" Im Lautsprecher, der in der hinteren Ecke der Gondel hing, knackte es. "An alle Fahrgäste. Hier spricht Station B. Aus einem bisher ungeklärten Gründen kam es zum Stillstand der Gondeln..." "Da muss aber ein ganz schöner Trottel am Werk gewesen sein", murmelte Kenji. Mulder lehnte sich gähnend in seinem Sitz zurück. "Schlafenszeit. Vor vier, fünf Stunden passiert hier garantiert nichts mehr." "So lange bleibe ich keinesfalls hier drin!", protestierte Kirochima Pacal. Jonas zog den Reißverschluss seines Rucksacks auf und holte ein Seil heraus. Er entfernte die Klebestreifen, mit denen der feste Bast zusammengehalten wurde, und warf einen Blick auf das Etikett. "Dreißig Meter", murmelte er. "Das dürfte reichen." "Reichen für was?", fragte Scully verstört. Statt zu antworten, schob Jonas die Seitentür der Gondel auf und lehnte sich vor. "Jonas! Bleib hier!", rief Sarah. Doch ihr Freund hatte sich schon über die Trittfläche auf das Dach der Gondel geschwungen. "Was zum Henker hast du vor?", schrie Grahm durch das offene Fenster. "Komm sofort vom Dach runter, oder willst du Selbstmord begehen?" Vince legte dem Paläontologen beruhigend die Hand auf die Schulter. "Lass ihn nur. Ich bin sicher, dass Jonas weiß, was er tut." Das Seil fiel mit einem ratternden Geräusch längs vom Dach. Das Ende reichte bis weit unter die Gipfel der Bäume. "Klettert runter!", befahl Jonas vom Dach aus. "Und beeilt euch!" Vince hatte das Seil gepackt, schulterte drei Rucksäcke auf einmal und schwang sich aus der Gondel. Rasch ließ er sich am Seil hinabgleiten und verschwand schon bald im Grün der Baumwipfel. Mulder zuckte mit den Schultern, packte das Seil und folgte Vince in die Tiefe. "Der Nächste!" Kirochima schüttelte den Kopf. "Ich kann das nicht!", sagte sie. Kenji nickte ihr lächelnd zu. "Kommen Sie. Ich nehme Sie auf den Rücken." Jonas überprüfte ununterbrochen den Knoten, mit dem er das Seil an der Halterung der Zahnradbahn befestigt hatte, und beobachtete aufmerksam die Umgebung. Nacheinander verließen sie die Gondel. Gerade ließ sich Sarah mit dem letzten der Rucksäcke am Seil hinabgleiten, als Jonas eine merkwürdige Vibration verspürte, die die Gondel ins Schwanken brachte. Jonas riss den Kopf hoch und starrte auf das dicke Drahtseil, an dem die Gondel hing. Es zitterte in unregelmäßigen Abständen, prallte manchmal zurück, als ob es irgend jemandem Widerstand leisten würde. "Hey! Hör auf zu wackeln!", rief Sarah von unten mit ärgerlicher Stimme. "Das bin nicht ich!", antwortete Jonas. "Da säbelt jemand am Seil!" Er hörte ein unterdrücktes "O Scheiße" von Sarah und spürte, wie die Gondel gefährlich ins Wanken kam. "Wir müssen runter! Und zwar so schnell wie möglich!", schrie er und packte das Seil. Er kletterte an der Seite der Gondel hinab und hatte schließlich nichts außer Luft unter den Füßen. Der Dschungel unter ihm schien fern, viel zu fern. Ein metallisches Kreischen zerfetzte die Stille. Jonas sah, wie die Gondel gefährlich kippte. "Scheiße!", murmelte er. Sarah blickte nach oben. "Jonas!" Doch es war zu spät. Die ganze Gondel ächzte und knarrte, das Seil riss mit einem Geräusch, das wie ein Peitschenknall klang. Jonas ließ sich hastig weiter nach unten gleiten, rutschte, verlor beinahe den Halt. Verzweifelt klammerte er sich fest und blickte nach unten. Die Baumwipfel befanden sich etwa fünf Meter unter ihm. Zu weit, dachte er. Sarah war bereits im undurchdringlichen Grün verschwunden. Er war alleine. Über ihm hing die Gondel in der Schräge. Mit einem entsetzlichen Kreischen riss sich der metallene Kasten von der Halterung und fiel. Jonas wurde totenblass, als er die Gondel auf sich zufallen sah. Er warf einen gehetzten Blick nach unten in den Dschungel. Was soll's?, dachte er und ließ das Seil los. Er fiel nach hinten und stürzte haltlos in die Tiefe. Er spürte, wie die oberen Zweige der Bäume Rücken und Arme peitschten. Etwas schlug hart gegen seine Schulter, und er biss die Zähne zusammen. Mit den Armen griff er um sich, suchte nach einem festen Halt. Er bekam etwas Dickes zu fassen, klammerte sich mit allen Kräften daran fest. Der Ast federte ein wenig unter Jonas' Gewicht nach und stoppte seinen Fall. Ohne allzu lange zu überlegen und eventuell der durch die oberen Baumschichten krachenden Gondel zum Opfer zu fallen, hangelte sich Jonas rasch nach hinten und schwang sich auf einen weiter unten gelegenen Ast von stärkerer Dicke. Nur Bruchteile von Sekunden später krachte die Gondel über ihm in ein dichtes Astgewirr - und blieb hängen. Jonas starrte nach oben. Sein Atem kam in abgehackten Stößen, sein Bauch brannte vor Schmerz. Tief Luft holend blickte er auf die Gondel, die nur anderthalb Meter über ihm hing. Noch ein Krachen. Die Gondel bewegte sich. Jonas packte den nächsten Ast und schwang sich nach unten. Er kletterte oft in Bäumen, und das sogar sehr gut. Und das war ein guter Baum zum Klettern. Die Äste lagen dicht beieinander, fast wie eine Treppe... Die Gondel schwankte heftiger. Jonas krabbelte hastig nach unten, glitt über die feuchten Äste und spürte klebrigen Baumsaft an seinen Händen. Er war noch nicht weit gekommen, fünf oder sechs Meter vielleicht, als die Gondel ein letztes Mal ächzte und dann langsam, ganz langsam, vornüber kippte. Jonas sah die große rote Aufschrift an den Seiten des länglichen Kastens, sah, dass fast alle Fenster herausgebrochen waren. Dann löste sich die Gondel, krachte gegen den Ast, an dem Jonas eben noch gehangen hatte, und raste immer schneller auf ihn zu. Und blieb plötzlich stecken. Jonas' Gesicht befand sich nur Zentimeter von der stark zerbeulten Schnauze der Gondel entfernt. Das Blech war eingedrückt und nach unten hin verbogen. Wie ein böse verkniffener Mund. Jetzt befand sich Jonas noch knapp sechs Meter über dem Boden. Die Äste wurden langsam weniger, vergrößerten ihre Abstände. Er griff um sich, ertastete einen Halt und hangelte sich weiter nach unten. Über sich sah er, wie sich die Äste unter dem Gewicht des zerbeulten Kastens verbogen. Plötzlich krachte es, die Gondel stürzte auf ihn zu. Und weil Jonas wusste, dass er ihr nicht entkommen und nicht schnell genug hinunter klettern konnte, ließ er einfach los. Mehrmals schmerzhaft gegen die Äste schlagend, fiel Jonas in die Tiefe und hörte dabei die Gondel durch die Äste hinabkrachen wie ein jagendes Tier. Als er plötzlich weiche Erde unter seiner Schulter spürte, rollte er zur Seite und drückte sich an den Stamm des Baumes, während die Gondel mit einem lauten metallischen Knirschen aufprallte und einen heißen Funkenregen versprühte, der Jonas die Haut versengte und zischend auf der feuchten Erde verglühte. Jonas rappelte sich auf, lehnte sich gegen das Wrack der Gondel, und atmete erleichtert auf. "Wenn ich diese Mistkerle erwische!", zischte er atemlos. "Jonas!" Er drehte sich um. Sarah lief um die zerbeulte Gondel herum und fiel ihm um den Hals. Vince wandte sich Grahm zu. "Sieht aus, als hätten wir es mit wirklich skrupellosen Typen zu tun. Das erfordert verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und noch größere Vorsicht und Aufmerksamkeit, als bereits nötig." "Ja. Und mehr Ausdauer", knurrte Kevin. "Wir dürfen jetzt nämlich den ganzen restlichen Weg zum Hochplateau laufen! Und das sind noch mindestens zwei Kilometer bergauf." Vince schulterte seinen prall gefüllten Rucksack. "Dann würde ich sagen, dass wir uns lieber schleunigst auf den Weg machen, bevor die Mittagshitze einsetzt! Also bewegt euch!" Jonas stöhnte und wischte sich mit dem Hemdsärmel über sein verschwitztes Gesicht. "Hitze hatte ich heute wirklich schon genug", brummte er und folgte den anderen den schmalen Bergpfad zum Hochplateau hinauf.
|