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Jonas sah sich den Dschungel an, der sie umgab. Er war dicht und undurchdringlich. Der reinste Urwald, von Menschenhand unberührt. Jonas lauschte dem Geräusch des Windes und dem Rascheln der Palmblätter, von denen Wasser tropfte. Und er hörte noch etwas anderes: Etwas, das wie der Ruf eines Vogels klang, jedoch tiefer und dumpfer. Er spitzte die Ohren und hörte es noch einmal. "Was ist das für ein Vogel?", fragte er. Grahm lauschte und zuckte mit den Schultern. "Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich noch nie etwas Derartiges gehört", sagte er. Jonas tastete nach der schwarz eloxierten Lindstradt-Pistole, die er in seinem Gürtel trug. Er zog sie heraus, kontrollierte zweimal den Sicherungsriegel und steckte die Waffe wieder zurück. Ihm war unwohl. Um sich herum sah er nichts anderes als Grün. Grün, grün, grün! Unten, oben, rechts und links. Die Baumkronen über ihm waren so dicht, dass nicht einmal das helle Licht der Sonne bis zum feuchten Waldboden durchdringen konnte. Es herrschte eine bedrückende Dämmerung. Die neunköpfige Gruppe war erst wenige Minuten unterwegs. Doch ihre Kleider waren bereits durchnässt. Spektakuläre Augenblicke gab es keine, denn sie waren von allen Seiten von dichtem Dschungel umgeben und konnten nur wenige Meter weit sehen. Die Farnwedel waren riesig, so lang und so breit wie ein Männerkörper. Die Pflanzen selbst waren über sechs Meter groß und hatten raue, stachelige Stängel. Vince hob plötzlich die Hand und bedeutete ihnen, stehen zu bleiben. Mit auf die Lippen gelegtem Zeigefinger spähte er auf die Lichtung vor ihnen. "Was ist los, Vince?" Jonas beugte sich vor und folgte den Blicken des Ex-CIA-Agenten. Die Lichtung war recht groß. Der feuchte Boden war von Fußspuren übersät, verkohlte Äste und Asche lagen herum. "Sie sind hier gewesen!", murmelte er. Er warf einen abschätzenden Blick zu den Baumwipfeln, durch die gefiltertes Licht fiel, das aber an einer Stelle abrupt aufhörte. Ein gerader Schnitt schien sich durch den Himmel zu ziehen. Hinter ihm herrschte absolute Dunkelheit, durchzogen von einigen braunen Stellen. Das, was Jonas sah, waren steile Berghänge. "Wir sind direkt unter dem Hochplateau", sagte er leise. "Die Typen müssen von da oben wieder runtergestiegen sein, nachdem sie das Seil der Gondel durchgetrennt haben." "Sie glauben also nicht, dass sich die Saurier dort oben befinden." "Scheint so..." "Das ist auch kein Wunder", erwiderte Kenji. "Das da oben ist kultiviertes Nutzland." Jonas richtete sich auf. "Dort werden wir also nichts finden. Ich glaube kaum, dass sich urzeitliche Reptilien in der Nähe des Menschen aufhalten." "Sollen wir diesen Typen folgen?" Sarah wies auf die Fußspuren. "Die werden kurzen Prozess mit uns machen, wenn sie uns bemerken. Die wollen alle nur erdenklichen Verfolger abschütteln." Jonas winkte ab. "Wer auch immer sie sind, sie werden uns nicht bemerken. Wir werden vorsichtig sein. Und wenn wir sie gefunden haben, werden wir sie bewusst in eine Richtung lenken, bei der wir nicht mehr Gefahr laufen, ihnen zu begegnen."
Es dämmerte langsam. Die Fußspuren waren nach wie vor gut erkennbar, die Fremden schienen sich wohl in Sicherheit zu wägen. Trotzdem wurde Grahms Gruppe immer vorsichtiger. Die Männer vor ihnen würden sich sicher bald einen Rastplatz suchen. Jonas hielt aufmerksam die Augen offen, suchte die Bäume ab, an denen sie vorbeigingen. Als Sarah ihn für kurze Zeit aus den Augen ließ, war er plötzlich verschwunden. Unsicher sah sie sich um. "Jonas?" Im nahen Gebüsch raschelte es kurz, sie hörte etwas zischen und urplötzlich verstummen. Kurz darauf trat Jonas zwischen einigen Büschen wieder hervor. Über der Schulter lag ein Leinensack. "Was ist da drin?" Sarah deutete auf das ihr unbekannte Gepäckstück und Jonas grinste. "Boiga dendrophila", sagte er. Scully, die vor ihnen ging, zuckte kurz zusammen und drehte sich um. "Wie bitte?" "Das war lateinisch." "Das habe ich bemerkt, Dummkopf!", entgegnete Sarah ungeduldig. "Ich fragte, was da drin ist!" "Wie ich sagte, Boiga dendrophila." Er lächelte geheimnisvoll. "Ein in Indochina und den indopazifischen Inseln recht weitverbreitetes und im Augenblick sicherlich recht wütendes Tier." "Was ist das?" Sarah klang drohend. "Eine Mangroven-Nachtbaumnatter, wenn ich mich nicht irre", sagte Mulder. "Wie bitte?" Jonas grinste. "Also, besser übersetzen kann man's wirklich nicht." "Du bist bekloppt!", zischte sie. "Wirf den Sack weg!" "Warum sollte ich? Darf ich denn keine Rachegelüste haben?" Sie zog die Stirn kraus. "Rachegelüste?" "Ja. Du erinnerst dich sicherlich: die Gondel, diese schrägen Typen, die jetzt vor uns durch den Dschungel latschen..." "Du bist doch vollkommen verrückt." "Keine Sorge, die Natter war schon vom älteren Kaliber. Gegen ihren jüngeren Artgenossen hat sie sich im Kampf nicht behaupten können. Sie hat nämlich keine Giftzähne mehr. Der Jüngere hätte sie totgebissen, wäre ich nicht herangestampft und hätte sie gestört. Die alte Schlange konnte nicht so schnell abhauen, wie die junge, und so habe ich sie mir geschnappt. Als sie in den Stock biss, habe ich mich überzeugen können, dass sie keine Giftzähne mehr hat. Aber woher sollen das die Söldner vor uns wissen? Sie werden 'nen Heidenschrecken bekommen, und mehr will ich ja nicht. Schließlich hatten wir den auch, als die Gondel abstürzte." Sarah schwieg. Sie gab sich geschlagen. Wenn er sagte, die Schlange sei alt, dann würde das stimmen. Er hatte sich schließlich lange genug mit diesen Viechern beschäftigt, um zu wissen, wie man sie zu beurteilen hatte. Vince, der noch immer an der Spitze ging, hob die Hand. Sofort blieben sie stehen. "Da vorne sind sie." Sie standen auf der Spitze eines Hügels. Unter sich sahen sie einen großen freien Platz in dessen Mitte ein großes Feuer brannte. Mehrere Männer saßen um den Feuerstelle herum, wo es zwar warm war, aber dafür hielten die Flammen Moskitos fern. "Es sind vierzehn", murmelte Ben. "Eine gewaltige Truppe!" "Eine gewaltig dumme Gruppe", erwiderte Mulder. "Sie setzen sich seelenruhig mitten hinein in die Mangroven. Dschungelexperten sind die da nicht. Sonst müssten sie wissen, dass in dem ganzen Brackwasser um sie herum haufenweise hochgiftige Schlangen herumschwimmen. In der Dunkelheit sehen sie sie nicht und treten drauf. Und das mögen Schlangen gar nicht." "Wenn sie den Dschungel nicht kennen, warum, zum Teufel, kommen sie dann hierher? Ich meine, wer ist so blöd und setzt sein Leben aufs Spiel?" "Leute, die scharf auf Geld sind", murrte Kenji. Vince nickte. "Das müssen die Typen sein, die die Wanze in Bens Hut eingebaut haben, um uns zu verfolgen und ständig im Auge haben zu können." "Bist du sicher?" "Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden." Jonas richtete sich auf. "Ich werde mich ein wenig auf die Lauer legen." Sarah sah ihn besorgt an. "Pass auf dich auf, ja?" "Klar doch." Er schulterte den Leinensack und schlich los. Von einem Augenblick zum nächsten war er im hohen Gestrüpp verschwunden. Vince legte seiner Tochter beruhigend die Hand auf die Schulter. "Hab keine Angst um ihn", sagte er. "Ihm wird nichts geschehen. Er kann sich besser anschleichen als Winnetou." "Und wenn er in ein Sumpfloch tritt?" "Er wird schon gut aufpassen. Außerdem war er schon öfter im Dschungel als wir alle zusammen. Er kennt ihn besser als die Großstadt." Mulder grinste. "Und die ist ja auch 'ne Art Dschungel."
Pount lehnte sich zurück und starrte in die Dunkelheit, die sie umgab. Von überall her drangen Geräusche zu ihnen, Geräusche, die er nie zuvor in seinem Leben gehört hatte. Und sie machten ihm Angst. Dieser verfluchte Urwald war so gewaltig, scheinbar ohne Ende. Es war, als würde er niemanden loslassen, der sich einmal in ihn hineingewagt hatte. Er zuckte bei jedem Geräusch zusammen, das er vernahm, als fürchte er sich davor, der Teufel könne persönlich erscheinen und ihn in die Hölle reißen. Die Gestalt, die sich über ihm im Baum bewegte, auf einen starken Ast robbte, dessen großflächige Blätter sie verbargen und außerhalb des Feuerscheins hielten, bemerkte er jedoch nicht. Jonas war in eine einigermaßen bequeme Position gerutscht und blickte nun gespannt nach unten. Er studierte die Gesichter der Männer, die unter ihm am Feuer saßen und sich beständig umblickten. Nur einen schien alles kalt zu lassen. Er saß nicht weit vom Baum entfernt und aß seelenruhig eine Portion Gulasch. Er hatte ein babyhaftes Gesicht mit kalten Augen. Jonas kannte dieses Gesicht. Er hatte es oft in der Zeitung gesehen. Soweit er wusste, hieß dieser Kerl Doug Spear und war ständig in krumme Geschäfte der Pharmaindustrie verwickelt. Was, zum Teufel, wollte der hier? Pharmaindustrie. Jonas' Gehirn begann zu kombinieren. Herstellung neuer Produkte, die aus teils exotischen Pflanzen gewonnen wurden. Suchten diese Männer nach solchen Pflanzen? Nein, das konnte nicht sein. Wer nach Pflanzen sucht, muss Ahnung von ihnen haben, sich demnach auch im Dschungel auskennen. Nein, Pflanzen waren es nicht, die sie suchten. Warum hätten sie denn sonst Ben mit Wanzen abgehört? Jonas wusste, was sie suchten. Sie suchten Dinosaurier. Aber wofür? Für die Pharmaindustrie? Wozu brauchte die Pharmaindustrie Dinosaurier? Jonas spann den angefangenen Faden weiter. Produkte herstellen. Produkte, die getestet werden mussten. Getestet von Tieren. Wollten sie Dinosaurier benutzen, um neue Medikamente zu testen? Wozu das? Er horchte auf, als er einen der Männer unter sich sprechen hörte: "Was ist, wenn wir keine Dinosaurier finden?" "Wir werden welche finden." Das war Spear. "Ich halte das für ein Hirngespinst. Die Dinger sind ausgestorben." "Komisch, warum habe ich dann drei von ihnen vor mir auf dem Seziertisch gesehen? Es waren Dinosaurier, Thomas, und sie sind hier." Eine andere Stimme mischte sich ein: "Aber warum sollen wir die aufstöbern? Ich meine, warum tun wir das für Sie? Sie arbeiten für Biogenetics, in der Pharmabranche. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wofür brauchen Medikamentenmixer Dinosaurier?" "Wir stellen nicht nur Medikamente her", sagte ein anderer. Spear räusperte sich und warf dem Voreiligen einen vernichtenden Blick zu. Die Frage war an ihn gerichtet gewesen, und er wollte sie beantworten, nicht irgend jemand anderes. "Wir brauchen sie für unsere Experimente", sagte er betont ruhig. "Wir haben herausgefunden, dass der Stoffwechsel der Saurier dem unseren sehr ähnlich ist. Daher könnten diese Tiere zur Erprobung vieler neuer Produkte verwendet werden." "Aber warum brauchen Sie dazu Dinosaurier? Ich meine, Sie haben doch genug Hunde und Ratten und so." "Das schon." "Und?" "Denken Sie an Greenpeace." "An Greenpeace?" "Ja." "Warum?" "Denken Sie darüber nach, was die zu Tierversuchen mit Hunden und Ratten und so weiter sagen." "Sie protestieren dagegen." "Genau." "Und Sie glauben, dass sie nicht protestieren würden, wenn Sie dazu Dinosaurier verwenden?" "So ist es." "Ich verstehe nicht ganz..." "Dinosaurier, Mike, sind abstoßende, zu groß gewordene Eidechsen mit widerlichem Maulgeruch und verkorksten Proportionen. Sie sind die Missgeburten der Erde. Niemand würde sich darum kümmern, wenn wir mit denen experimentieren würden." "Na ja, da bin ich mir nicht so sicher. Forscher werden sich auf diese Viecher stürzen..." "Sie werden nie etwas von diesen Tieren erfahren", sagte Spear barsch. "Wir werden jeden in dem Glauben lassen, mit einfachen Echsen zu experimentieren, die wir selber züchten, was auch stimmen wird. Und dann werden auch die Medien endlich ihre vorlaute Klappe halten und sich auf andere Konzerne stürzen." Jonas auf seinem Ast hätte Spear am Liebsten auf den Kopf gespuckt. Nahe genug saß er ja. "Was ist mit diesem Quinn und Grahm?", hörte er Spears Nachbarn fragen. "Was soll mit denen sein?" "Na ja, wofür wollten die die Viecher?" "Weiß ich doch nicht. Wahrscheinlich der Welt davon erzählen. Der Messias kehrt nicht zurück, doch die Saurier tun es. Irgend so etwas in dem Stil." "Was glauben Sie, was mit ihnen passiert ist?" "Was soll schon mit denen passiert sein? Ihre Gondel ist abgestürzt. Sie sind tot und werden uns nie wieder stören." Bleib nur bei deinem Glauben!, dachte Jonas bei sich, während er den Knoten der Schnur löste und vom Leinensack zog. Er hörte das leise Zischen, und spürte, wie sich die Schlange im Beutel wand. "Sei eine liebe Natter und sorg' für ein wenig Wirbel auf deine alten Tage", flüsterte Jonas der ungeduldigen Schlange zu, die mit ihrem Kopf gegen den Stoff drückte, der von Jonas' Hand zugedrückt den Ausgang versperrte. Sie spürte, dass sie bald herausgelassen werden würde, und wartete darauf, sich an diesem zweibeinigen Wesen zu rächen, das sie so einfach gepackt und in diesen dunklen Sack gesteckt hatte. "Na, na, nicht so ungeduldig", tadelte Jonas, während er den Sack langsam umdrehte, sodass die Öffnung nach unten wies. Er zog die Hand fort, und die Schlange fiel aus dem Beutel. Dumpf klatschte sie auf Pounts Schoß, der mit einem gellenden Schrei aufsprang und sich an den Baum drückte. Die Mangrovennatter, vom Fall etwas benommen, richtete sich wie eine Kobra auf dem Boden auf, züngelte gefährlich und starrte Pount aus giftgelben Augen an. "O mein Gott, eine Giftschlange!", rief einer der Männer entsetzt. "Das ist eine Natter! Eine Mangrovennatter!" "Ganz recht, eine wütende kleine Mangrovennatter, deren Selbstbewusstsein - im Gegensatz zu ihren Zähnen - nicht verlorengegangen ist", grinste Jonas in seinem Baum. Unter ihm gab es einen allgemeinen Tumult, der Jonas Gelegenheit gab, sich unbemerkt zu verdrücken. Schüsse fielen, doch keiner schien das Ziel zu treffen. Schließlich kehrte Ruhe ein, und Jonas hörte einen lauten Ruf: "Die Schlange ist weg!" Inzwischen war der Lauscher schon fast wieder auf dem Hügel angelangt.
Am Morgen gingen sie gegen acht Uhr los. Spears Gruppe war schon bei Dämmerung aufgebrochen. Die nächtliche Begegnung mit der Giftschlange hatte ihnen wohl nicht sonderlich behagt, und es schien, als hätten sie Angst, sie könne zurückkommen. Gregorys Gruppe untersuchte genau, in welche Richtung Spear gegangen war. Die Fußabdrücke der Männer führten nach Nordwest, also schlugen sie den östlichen Weg ein. Langsam marschierten sie einen sanft abfallenden Hügel hinab. "Ich habe das Gefühl, dass hier noch nie eine Menschenseele zuvor war", murmelte Vince, während er mit einer Machete einen schmalen Pfad in das dichte Blattwerk schlug. "So stelle ich mir den Garten Eden vor!" In diesem Augenblick hörten sie ein tiefes, grollendes Geräusch, einen unirdischen Schrei von irgendwo aus dem Wald vor ihnen. Nur Sekunden später kam ein Antwortschrei aus einem anderen Teil des Waldes. Vince riss die Augen auf. "Das war doch kein Vogel!", murmelte Kenji. Jonas schwieg und starrte in das undurchdringliche Grün. - Hatte sich da nicht gerade etwas bewegt?? Mulder ging neben ihm in die Knie und untersuchte den Boden. "Sieh dir das an!" Er bückte sich. Im weichen Waldboden waren deutlich dreizehige Fußabdrücke zu sehen. Einige von ihnen waren sehr groß. Jonas' gespreizte Hand passte locker hinein. Es blieb sogar noch Platz frei. "O mein Gott!", murmelte er und sah zu Vince auf, der neben ihm zum Stehen gekommen war. "Sie sind hier." Er machte eine bedeutungsvolle Pause und eine ausschweifende Geste. "Hier im Tiefland." Wie zur Bestätigung hörten sie wieder den dumpfen Schrei, und sie blickten auf, suchten in dem undurchdringlichen Grün nach dem Tier, zu dem dieser Schrei gehörte. Jonas' Hand lag auf seinem Gürtel, bereit, sofort die Pistole zu ziehen und zu schießen. Die Bilder aus Jakarta schwirrten in seinem Kopf herum. Was würde ihnen begegnen? Die mysteriösen Monster, denen vier Jungen der javanischen Hauptstadt den Tod verdankten? Die Monster, die auf Mindanao Jagd auf Kinder machten? Die Monster, deren Gift so stark war, wie das der gefürchteten Klapperschlange? Die Farne neben ihnen begannen zu rascheln, etwas strich an ihnen vorbei. Es war groß, mit schuppiger Haut und einem Muster aus Knoten auf dem Rücken. Längliche, schwarze Streifen zogen sich über die erdbraune Haut. Ein riesiger Schädel mit länglichem Hornvorsatz am Hinterkopf hob sich aus dem dichten Blattwerk. Dunkelbraune Augen blitzten auf. Sie wirkten wie die Augen einer Kuh. Ruhig und gleichgültig. Das Tier blinzelte und stieß ein dumpfes Dröhnen aus, das wie der Ton eines Nebelhornes klang. Sofort kamen die Antwortschreie von scheinbar überall her. "Ein Dinosaurier", flüsterte Grahm. "Ein echter, gottverdammter Dinosaurier!" derweil nicht weit entfernt
Spear wischte sich mürrisch den Schweiß von der Stirn und ging am Flussufer in die Hocke, um sein Gesicht mit dem kühlen Nass zu benetzen. Seine Begleiter taten es ihm gleich, denn die drückend schwüle Feuchtigkeit des Dschungels bereitete ihnen Kopfschmerzen. "Jetzt latschen wir schon Ewigkeiten durch dieses beknackte Gewächshaus, und trotzdem haben wir noch keines von diesen Viechern gefunden!", knurrte Pount und tauchte sein grünes Taschentuch ins Wasser. "Die ganze Zeit, wo sie niemand will, kommen sie aus ihren Löchern. Sobald sich einer für sie interessiert, sind sie weg!" Jerry Dawson, der neben ihm auf dem kiesigen Boden saß, der das Ufer säumte, seufzte nur und wagte es erst gar nicht, etwas dazu zu sagen. Er wusste, dass weder Spear noch Pount ihn ausstehen konnten. Und er wusste auch von dem schlechten Ruf der beiden Männer. Warum nur bist du mit ihnen ins Geschäft gekommen, du Vollidiot!, warf er sich selbst vor und blickte schweigend in das undurchdringliche Blätterdach. Plötzlich stutzte er. Er roch einen fauligen Gestank und hörte lautes Rascheln in den Büschen auf der anderen Seite des Flusses. Dann ein leises Grunzen. Und wieder Rascheln. In diesem Moment fiel Jerry ein, dass Fleischfresser in freier Wildbahn bevorzugt an Bach- und Flussläufen jagten und ihre Beutetiere angriffen, wenn diese sich zum Trinken hinabbeugten und dadurch abgelenkt und verletzlich waren. "Doug!", zischte er, und Angstschweiß brach ihm aus. "Doug!" "Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie Ihr verdammtes Maul halten sollen!" "Aber..." "Schnauze, verdammt!", fuhr ihn Spear an. In diesem Moment hörten sie ein schrilles Kreischen, und als sie sich umdrehten, sahen sie, wie einer ihrer Männer in die Büsche gezerrt wurde. Er schrie laut und versuchte, sich zu wehren. Dawson sah kurz einen großen Fuß mit einer gekrümmten Klaue auf der Mittelzehe. Dann verschwand der Fuß. Die Büsche schwankten weiter. Plötzlich drang von allen Seiten furchterregendes, tierisches Geschrei aus dem Wald. Dawson sah ein großes Tier, das direkt auf ihn zustürmte, und erstarrte. Das Tier flog über ihn hinweg, er spürte den Luftzug, den es mit sich zog, roch den bestialischen Gestank, den es ausströmte. Einen süßlichen, verdorbenen Gestank nach Fleisch. Dawson duckte sich, und die scharfen Klauen des Tieres verfehlten ihn nur knapp. Doch das Vieh kümmerte sich nicht darum, griff sofort den Nächsten an, der sich ihm bot. Dawson lag zusammengerollt auf dem Boden, zitterte wie Espenlaub, spürte, wie sein Herz wild hämmerte, ihm beinahe den Brustkorb sprengte. Er hörte schreckliche Schreie um sich herum, hastende Schritte, aggressives Brüllen. Neben seinem Ohr fauchte etwas laut, und er erstarrte von Neuem. Er sah einen grünbraunen Kopf über sich, spürte, wie übelriechender Atem sein Gesicht streifte, hörte wieder dieses Fauchen, dieses boshafte Zischen. Doch er rührte sich nicht, wagte nicht einmal, mit der Wimper zu zucken. Der Kopf fuhr zurück, das Tier machte einen behänden Satz zur Seite und schnappte nach Hannope, einem Freilandbiologen, der mit nach Mindanao gekommen war. Dawson sah, wie das Tier zum Sprung ansetzte, den Fuß mit der Sichelkralle hob und sie anschließend auf den Mann hinabsausen ließ, der schreiend zu Boden stürzte. Das Tier stieß wieder zu. Blut spritzte, und Dawson glaubte, vor lauter Angst sterben zu müssen. Es drehte sich ihm der Magen um, als sich das Tier bückte und einen großen Brocken Fleisch aus Hannopes Leib riss, an dem noch ein blutdurchtränkter Stofffetzen baumelte. Ein zweites Tier kam fauchend dazu und begann, sich mit dem ersten um die Beute zu streiten. Dawson spürte die Kühle des schlammigen Flusswassers, das gegen seinen Körper schwappte. Mit einer raschen Bewegung war er im Fluss, fühlte, wie ihn das Wasser gänzlich umschloss. Es musste einen gewaltigen Platsch gegeben haben, als er sich in das Gewässer hatte fallen lassen, und es war mehr als wahrscheinlich, dass die Fleischfresser auf ihn aufmerksam geworden waren und nun am Ufer darauf warteten, dass er wieder auftauchte. Oder würden sie ihm gar folgen? Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, und mit einem kraftvollen Stoß schnellte er nach vorn, dem entgegengesetzten Ufer zu. Prustend stieß er durch die Wasseroberfläche und blickte sich um. Er sah drei der Tiere am Ufer stehen. Sie betrachteten ihn, legten die Köpfe schief und quiekten. Das Quieken wurde zu einem schrillen Gebrüll, und sie begannen, mit den Köpfen zu nicken und auf und ab zu springen. Jerry Dawson zog sich aus dem Wasser. Auf der anderen Flussseite sah er etwa ein Dutzend Tiere, die insgesamt fünf von Dawsons Begleitern gerissen hatten. In einer der blutigen Massen, über die sich die schuppigen und haarlosen Tiere beugten, glaubte er, Pount zu erkennen. Ein grünes Taschentuch lag in der verkrampften Hand des Kadavers. Lautes Gebrüll scholl durch den Dschungel, die Räuber hoben die blutüberströmten Schnauzen und sahen zum Gebüsch hinüber, aus dem sie gekommen waren. Die Zweige teilten sich, und zwei grüne Tiere traten ans Ufer, ebenfalls auf zwei Beinen laufend. Sie waren größer als die anderen, auf ihren Köpfen erhoben sich Schädelauswüchse. Das eine Tier war grasgrün, der Schädelkamm ausgeprägt und leuchtend rot, das andere Tier war schlicht gefärbt, eine Mischung aus braungrün und grau. Kalte, gelbe Augen blitzten, hörbar stießen die Wesen ihren Atem aus. Die kleinen flinken Räuber am Flussufer senkten die Köpfe und zischten die Fremden an, ihre Schwänze standen kerzengerade in der Luft, die Flanken bebten vor Aufregung. Dawson stand starr auf der anderen Seite des Flusses und blickte auf das Schauspiel, das sich ihm darbot. Der Rotschädel erhob sich zu seiner vollen Größe, der lachsfarbene Halslappen blähte sich auf. Es war eindeutig ein männliches Tier, worauf Färbung und Imponiergehabe hinwiesen. Es öffnete das Maul und fauchte, kleine spitze Zähne glänzten im Sonnenlicht. Die kleinen Jäger am Ufer hörten auf zu hüpfen. Sie gurrten und wackelten mit ihren relativ schmalen Vordergliedmaßen, die sie wie Arme gebrauchten. Sie begannen aufgeregt zu quieken, als der Rotschädel zwischen sie trat und einen der Kadaver an sich riss. Wütend schnellten die kleineren Raubsaurier vor, zwei schafften sogar den Sprung auf den Rücken des größeren Gegners. Sie krallten sich an den Seiten fest, während sie erzürnt in den Rücken des Futterräubers bissen. Der wandte sich um, schnappte nach einem der kleinen Plagegeister und riss ihn von seinem Leib herunter. Die kräftigen Kiefer schlossen sich um den schlanken Hals und bissen zu. Leblos fiel der kleine Saurier zu Boden. Sofort stürzten sich weitere seiner Artgenossen auf den Rotschädel, der den Kopf nach hinten bog und dann ruckartig nach vorne warf. Dawson hörte ein kurzes Klatschen, sah die großen Schaumkleckse auf dem Körper eines kleinen Räubers, der zischte, kurz darauf jedoch begann, aufgeregt hin und her zu laufen und sich zu Boden zu werfen. Verzweifelt versuchte das Tier, den Schaum auf seiner Haut loszuwerden. Der Rotschädel warf erneut den Kopf nach vorn, Schaumkleckse landeten auf dem Kopf eines weiteren Gegners, gelangen in dessen Augen. Das Tier begann panisch zu schreien, strich hektisch mit seinen Vorderläufen über die Augen, taumelte. Sein Artgenosse, der sich auf dem Boden wand, wurde immer ruhiger, röchelte nur noch. Die anderen quietschten furchtsam, fiepten, legten die Köpfe schief und wichen zurück. Der Rotschädel blähte erneut seinen Kehlsack auf, ein rasselndes Geräusch, das einer Klapperschlange glich, drang aus seinem Maul. Die Gegner duckten sich, pfiffen aufgeregt und sprangen dann panisch davon, um kurz darauf im Gebüsch zu verschwinden. Der Rotschädel blähte kurz die Nüstern, beugte sich dann zu seinem erbeuteten Kadaver hinab und begann zu fressen. Nun kam auch das Weibchen heran, das sich die ganze Zeit über zurückgehalten hatte. Es riss mit ruckartigen Bewegungen Fleisch aus der Flanke eines erlegten Gegners, der andere war inzwischen auch zu Boden gegangen und schrie jämmerlich. Er blieb unbeachtet, bis seine Schmerzenslaute dem Rotschädel überdrüssig würden. Mit einem kräftigen Biss in die Kehle brachte er den Sterbenden zum endgültigen Schweigen. Dawson spürte erneute Übelkeit. Diese spuckenden Zweibeiner auf der anderen Seite des Flusses waren noch furchteinflößender, als die kleinen Jäger. Sie mussten giftig sein, anders konnte sich Dawson die Schmerzen der mit Schaum bedeckten Tiere nicht erklären. Er wollte nur noch fort, weit weg von diesem schrecklichen Schauplatz eines beispiellosen Massakers. Er wandte sich um. Dabei trat er versehentlich auf einen morschen Ast, der laut unter seinen Füßen knackte. Der Rotschädel riss den Kopf hoch und starrte Dawson an. Seine Augen waren eisig. Der Saurier ließ von seinem Mahl ab und trat ans Ufer, setzte den rechten Fuß ins Wasser. Immer weiter watete er ins Wasser hinein, hielt dabei zielstrebig auf Dawson zu. Und der sah zu seinem größten Entsetzen, wie das Tier zu schwimmen begann. Jerry wurde bleich. Dann nahm er die Beine in die Hand und lief Hals über Kopf in den Dschungel, ohne zu wissen, welche Richtung er einschlug. Zweige peitschten seine Arme, seine Schultern und seinen Rücken. Doch er spürte es nicht. Alles, was er wahrnahm, war das stetige Zischen und die hastenden Schritte hinter ihm...
Jonas war wie elektrisiert. Fassungslos starrte er auf die riesige Echse, die den Kopf nach ihm umdrehte und erneut ihren nebelhornartigen Schrei von sich gab. Er sah den langen, hornartigen Knochenfortsatz auf dem Hinterkopf des Tieres und erinnerte sich an die Hohlraum-Theorie, die Dr. David Norman vor einigen Jahren über den Parasaurolophus und seinen merkwürdigen Schmuck aufgestellt hatte. Demnach war dieser Schädelauswuchs hohl und fungierte als Resonator für jenes dumpfe Brüllen, welches das Tier im Moment gerade von sich gab. "Er hatte Recht", murmelte er und griff sich wie zur überraschenden Erkenntnis an den Kopf. Scully sah ihn verständnislos an. "Wer hatte Recht?" "Norman!", antwortete Jonas. "Er vermutete, dass der Knochenfortsatz des Parasaurolophus nicht nur hohl war, sondern zur Kommunikation untereinander diente. Diese Tiere haben keine Stimmbänder! Wie die Meerschweinchen, die in der Nase Geräusche erzeugen. Genau das tun diese Dinosaurier: Sie nehmen die Atemluft auf und leiten sie weiter in den hohlen Schädelkamm, der dort die Töne produziert." Sie blickten wieder zu dem Saurier hinüber, der sich wie ein wahrer Koloss zwischen den dichten Farnwedeln emporhob. Dann drehte sich das gesamte Tier, die trockenen Blätter raschelten. Dumpfe Schritte erschütterten den Boden, als der Parasaurolophus durch das Dickicht stampfte und schließlich auf der Lichtung stand. Nun konnte ihn Jonas genau sehen. Der massige, braunschwarze Körper wurde von den kräftigen Hinterbeinen getragen, ein dicker, jedoch relativ platter Schwanz diente als Stütze. Die Vorderläufe waren schmal und endeten in fünfzehigen Fingern mit hornartigen Zehen. Der Hals war lang und im Vergleich zum restlichen Körper sehr zierlich. Der längliche Schädel mit dem kleinen Entenschnabel und den hochgesetzten Nüstern wirkte wie der eines Pferdes. Die lange, gekrümmte Schädelwucherung wies einen segelähnlichen Hautlappen auf, der am Hals hinunterwuchs und die wohl sehr eigenartigen Proportionen des Kopfes unauffälliger erscheinen ließ. Das Tier stand wie einem Maler zum Modell, und die neun Menschen, die gegen es wie Zwerge erschienen, konnten sich nicht an ihm satt sehen. "Ich würde das niemals glauben", murmelte Scully, "wenn ich es nicht mit meinen eigenen Augen sehen würde..."
Jerry Dawson war allein. Allein in der Undurchdringlichkeit des gewaltigen Dschungels. Er hörte nur seinen eigenen Atem und das leichte Rauschen der dichtstehenden Farnwedel. Die dröhnenden Schritte, die ihm noch bis vor Kurzem gefolgt waren, waren verstummt. Dawson sah sich um. Das stechende Grün, das ihn umgab, bereitete ihm Kopfschmerzen. Er schloss die Augen und lehnte sich müde zurück, spürte die angenehme Kühle des dicken, feuchten Baumstammes an seinem schmerzenden Rücken. Er wusste nicht, wie lange und wie weit er gelaufen war. Er besaß zwar Karten, sowie einen Kompass, doch er hatte trotz allem Schwierigkeiten, seine derzeitige Position zu bestimmen. Er war gerannt, wie der Teufel, hatte sich weder um Bachläufe, Abhänge oder sich im Dschungel verlierende Pfade gekümmert. Das Einzige, was er wusste, war, dass er bergab gelaufen war. Und eins konnte er mit Sicherheit sagen: Egal, wo er sich nun befand, das Hochplateau war es sicherlich nicht. Jerry zog eine Karte hervor und suchte den Flusslauf, an dem er und seine Begleiter von den Sauriern angegriffen worden waren. Dass es sich bei diesen fleischfressenden Tieren um Saurier gehandelt hatte, wusste Dawson genau. Es waren Velociraptoren gewesen, in großen Gruppen jagende Raubtiere, Wesen, mit für Dinosaurier höchst erstaunlicher Intelligenz. Boshaft intelligent! dachte Dawson. Ihm wurde noch immer schlecht, wenn er daran dachte, wie die Raptoren fünf seiner Gefährten wahrlich in Stücke zerrissen hatten. Doch welches Wesen der Rotschädel gewesen war, wusste Dawson nicht. O nein, er hielt wahrhaftig nicht viel von Dinosauriern. Die Großen stanken und sabberten und hatten zudem gerade mal ein Gehirn von der Größe eines Pingpongballs. Und die Kleineren bissen einem lieber den Arm ab, anstatt einen anzugrinsen. Dawson hatte noch nie einen Saurier grinsen sehen. - Noch nicht. Er konzentrierte sich wieder auf die Karte. Schließlich fand er den Fluss, nahe am Rand des Hochplateaus. Dawson fuhr ihn mit den Zeigefinger entlang, bis er die Stelle fand, an der sie Rast gemacht hatten, bevor die Raptoren aufgetaucht waren. Dawson hatte den Fluss überquert und war in den Dschungel gelaufen, also nach Westen, den abschüssigen Grad des Plateaus hinab. Er konnte sich nicht daran erinnern, auf eine Straße oder gar eine Siedlung gestoßen zu sein, und versuchte, seinen Weg durch den dichten Urwald nachzuvollziehen. Schließlich glaubte er, seinen jetzigen Standpunkt geortet zu haben. Er befand sich zwischen den Hochplateau und Pikit. Im Westen wurde der Regenwald langsam lichter, und zwischen den hohen Baumkronen konnte Dawson die Spitze des Parang sehen, eines knapp dreitausend Meter hohen Berges. Jerry faltete die Karte wieder zusammen und stand auf. Er musste nach Grahms Gruppe suchen. Nur hatte er keinen Schimmer, ob sie den Gondelabsturz überlebt hatte. Er konnte es nur hoffen. Nur mit dem Kompass in der Hand machte er sich auf den Weg. Er schlug die nordöstliche Richtung ein und marschierte los...
Doug Spear wischte sich das Blut, das ihm ins Gesicht gespritzt war, mit dem Hemdsärmel ab und blickte sich um. Bei seiner Flucht vor den Raptoren hatte er kaum darauf geachtet, wohin er getreten war. Die Folge war ein recht unsanfter Sturz von einer Felsenklippe gewesen. Doch sein Fall war nach fünf Metern von weichem Moos gebremst worden. Die Pflanzen bedeckten den Fels in derartiger Fülle, dass sie weicher waren, als tausend übereinandergestapelte Decken. Ihnen war es zu verdanken, dass Spear noch lebte. Er rappelte sich auf und untersuchte seine Beine, um festzustellen, ob sie gebrochen waren. Doch ihm schien nicht passiert zu sein. Er hatte nur einige kleine Verletzungen in Form von Schürfwunden und Kratzern davongetragen. Spear stellte zufrieden fest, dass er ohne Schwindelgefühl stehen konnte. Er trat an den Rand des Felsvorsprungs, auf dem er gelandet war, und blickte in die Tiefe. Etwa fünfzehn Meter unter ihm konnte er Wiesen, Wälder und einen großen See ausmachen. Versteckt zwischen einigen Bäumen erkannte er eine Handvoll Häuser. Nahe der Felswand erhob sich ein recht großes Gebäude, das unverkennbar einen Tempel darstellen sollte. Lebten hier inmitten des Dschungels tatsächlich Menschen? Oder war Spear während seiner Flucht vor den Raubsauriern etwa wieder so nahe an die bewohnten Gebiete der Insel herangekommen? Neugierig geworden suchte er nach einem Weg, den Fels hinabzusteigen. Er fand einen schmalen Pfad, der rechts von ihm bergab führte, und folgte ihm mit sicheren Schritten. Es dauerte nicht einmal zehn Minuten, bis er den Fuß des Felsens erreicht und wieder festen Boden unter den Füßen hatte. Nur wenige Meter von ihm entfernt erhob sich der Tempel in majestätischem Stillschweigen. Auch von der Siedlung in der Nähe des Sees drang kein Laut zu Spear hinüber. Er zuckte mit den Schultern. Wenn er schon mal hier war, konnte er sich ja auch gleich einmal umschauen. Er hatte während der Flucht seine Waffe verloren und kam sich demnach etwas schutzlos vor. Vielleicht konnte er hier etwas Brauchbares finden. Er ging auf den Tempel zu, passierte das mächtige Portal und trat ins Innere, das Allerheiligste. Der Saal war von gigantischer Größe. Links und rechts trugen massive Säulen das kunstvoll verzierte Dach des Bauwerks. Am hintersten Ende entdeckte Spear eine Art Altar, über dem eine hell glänzende Statue stand. Er kniff die Augen zusammen, als er das goldene Schimmern wahrnahm. Sollte dieses Götzenbild etwa wirklich aus dem Material bestehen, dass er spontan vermutete? Von Gier erfasst näherte sich Spear dem Altar. Einen halben Meter davon entfernt blieb er stehen und besah sich die Statue erneut. Ja, es war durchaus möglich... Er streckte die Hand aus und berührte die kühle Oberfläche. Dann packte er die Statue - schließlich war sie nicht so groß - und hob sie von ihrem Podest herab. Dabei stellte Spear überrascht fest, wie leicht das Götzenbildnis war. Es schien hohl zu sein. Misstrauisch schüttelte er es heftig mit beiden Händen. Ein metallisches Klopfen drang aus Inneren des Gebildes und wuchs in dem gewaltigen Saal zu einem ohrenbetäubenden Klopfen an. Spear stellte die Statue hastig ab. Noch immer neugierig untersuchte er die Oberfläche. Dabei erfühlten seine Finger einen winzigen Hebel. Als Spear diesen herunterdrückte, klappte der Bauch der Statue auf. Ein gleißender Gegenstand fiel heraus. Spears Augen wurden groß. Was er vor sich auf dem Boden sah, war ein Medaillon aus reinstem Diamant! Er riss das Schmuckstück an sich und ließ es hastig in seiner Tasche verschwinden. Nervös sah er sich im Saal um, konnte jedoch keine verdächtige Bewegung erkennen. Er stellte die Statue auf den Podest zurück. Sie mochte zwar nicht allzu schwer sein, doch den Steilhang wollte sie Spear dennoch nicht hinaufschleppen. Noch einmal überzeugte er sich davon, dass er allein war, dann verließ er mit eiligen Schritten den Tempel, hastete zu dem Pfad, den er im Fels entdeckt hatte, und begann den Aufstieg. Er musste seine Männer finden und hierher zurückkehren, um die Statue zu holen. Aber zuerst musste er die Dinosaurier finden. Davon hing sein Auftrag - und der damit verbundene Preis - ab. Und Geld war Geld. Man konnte nicht genug davon haben...
Die kleine Gruppe hatte auf der Lichtung ihr Lager aufgeschlagen, nachdem der Parasaurolophus weitergezogen war. Das Einzige, was noch an das riesenhafte Tier erinnerte, waren seine gigantischen Fußabdrücke. Jonas hatte sich an einen Baumstamm angelehnt und das Reisetagebuch aufgeschlagen. Dort wollte die Gruppe jeden Dinosaurier, dem sie begegnete, eintragen. Jonas versuchte, den Parasaurolophus zu skizzieren. Er starrte auf das Blatt, auf dem nun das merkwürdige Tier mit dem länglichen Hornfortsatz am Hinterkopf zu sehen war. "Irgendwie hat er ja komische Proportionen", sagte er an Mulder gewandt, der neben ihm saß. Der FBI-Agent blickte kurz von dem Buch auf, in dem er gerade las, und betrachtete Jonas' Zeichnung. "Meinst du dein Bild oder den Saurier?" "Den Saurier natürlich, Blödmann", knurrte Jonas, leicht beleidigt über Mulders Bemerkung. Er betrachtete sein Bild. "Ich finde, er sah irgendwie aus wie Frankensteins Monster. Der Para wirkte, als hätte man ihn aus den Körperteilen verschiedener Tiere zusammengeflickt. Dieser dicke, stämmige Körper, die relativ kurzen, schmalen Vordergliedmaßen und dann dieser im Vergleich zum Rest so zierliche Kopf." "Komisch sah er wirklich aus", grinste Mulder. "So 'ne Mischung aus Kuh und Kamel. So gelangweilt. Ich bezweifle, dass der Bursche besonders intelligent ist." In diesem Augenblick raschelte es im Gebüsch, und die Männer rissen den Kopf hoch. Jonas tastete instinktiv nach seiner Lindstradt-Pistole, die er seit dem Morgen nicht mehr abgelegt hatte. Die Sträuchergruppe vor ihm ließ er dabei nicht aus den Augen. Für einen kurzen Moment glaubte er, eine Hand zu sehen, die einige Zweige losließ, die raschelnd nach oben schwangen. "Hey, Sie! Kommen Sie sofort heraus, oder ich schieße!", rief Mulder laut, während er seine Waffe auf das Gebüsch richtete. Es verstrich nicht einmal der Bruchteil einer Sekunde, bis der Mann mit hocherhobenen Händen aus den Büschen trat. Er war etwa mittelgroß und hatte dunkelbraunes, kurzgeschnittenes Haar. Seine Kleidung war an einigen Stellen zerfetzt, und der Mann trug einige Schürfwunden im Gesicht und an den Armen. "Bitte, Agent Mulder, schießen Sie nicht." Jonas und der Agent ließen die Pistolen sinken und steckten sie wieder in die Gürtel. "Sie sind doch einer von Spears Leuten." "Woher wissen Sie das?" "Ich habe Sie gestern Nacht zusammen mit den anderen Typen gesehen", antworte Jonas knapp. "Gestern Nacht? Wann denn?" "Als ihr euer Lager, so beknackt wie ihr wart, mitten in den Sümpfen aufgeschlagen und euch über Dinosaurier und Biogenetics unterhalten habt und eine nette Schlange vom Baum gefallen ist." "Woher..." Der Mann schüttelte den Kopf. "Die Schlange war ein kleines Geschenk von mir", erklärte Jonas ruhig. "Als Dank für die nette Unterbrechung während der Gondelfahrt." "Das war Spears Plan, ich hatte damit nichts zu tun. Er hat mich lediglich mitgenommen, damit ich in den Staaten nichts ausplaudere, was die Dinosaurier betrifft." "Aha. Nett, das zu hören. Trotzdem wüsste ich zu aller erst gerne Ihren Namen, Mister." "Jerry Dawson." Jonas kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. "Aha. Und woher kennen Sie Fox' Namen?" "Das ist eine verdammt lange Geschichte", sagte der Fremde mit müder Stimme. "Ich laufe schon stundenlang durch diesen Dschungel, auf der Suche nach Menschen, die mich aus dieser Hölle hier herausbringen können. Ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, Sie zu finden. Fünf der Leute von Spears Gruppe sind tot, die anderen spurlos verschwunden. Oben am Fluss wurden wir von Raptoren überfallen..." Mulder hob die linke Augenbraue. "Sagten Sie gerade Raptoren? Velociraptoren?" Dawson nickte. "Ja. Sie kamen so schnell und lautlos, dass wir sie erst bemerkten, als es schon zu spät war. Dass ich entkam, war reines Glück. Ich weiß nicht, wie viele außer mir überlebt haben. Und ich weiß auch nicht, wo sie sind. Ich will es gar nicht wissen... Ich bin froh, wenn ich Spear niemals wieder begegne." Jonas und Mulder tauschten verwirrte Blicke. Jerry Dawson ließ sich müde auf den Boden sinken. "Ich glaube, ich bin Ihnen eine ausführliche Erklärung schuldig. Was bleibt mir anderes übrig, um Sie vor diesem Mistkerl zu warnen. Denn da bin ich mir sicher: Wenn auch alle Männer umgekommen sind, Spear lebt!" Dawson atmete tief durch. "Doug Spear ist einer der skrupellosesten Menschen, die mir jemals unter die Augen gekommen sind. Er arbeitet für die Biogenetics Co-operation, einen Großkonzern der Pharmaindustrie in New Jersey. Ein ganz übles Unternehmen mit haufenweise Dreck am Stecken, wie Spear selbst. Tierversuche gehören dort zum Alltag, und keiner der dort arbeitenden Leute scheint das zu stören. Nur die Greenpeace. Die hat Protest gemeldet, als sie herausbekommen hat, was hinter den Mauern der Biogenetics passiert. Jedenfalls haben die dem Konzern gewaltig Feuer unter dem Hintern gemacht. Und Spear begann, sich nach Ersatz für seine Hunde und Ratten umzusehen. Er suchte nach Tieren, die keine Menschenseele mehr für Tiere halten würde, Wesen, die er für sich patentieren lassen könnte. Ganz einfach Tiere, die nur ihm alleine gehören, und denen er machen kann, was er will." "Und dann hat er von den merkwürdigen Vorfällen auf Mindanao gehört", murmelte Mulder. "So ist es", bestätigte Dawson. "Spear hat gleich Lunte gerochen und ist mit einem wissenschaftlichen Team nach Cotabato gereist, wo ein Exemplar dieser anomalen Formen zu Untersuchungszwecken aufbewahrt wurde. Man befürchtete nämlich, dass die urplötzlich auftauchende Hirnhautentzündungsepidemie von eben diesen merkwürdigen Tieren herrührte. Spear warf alle Wissenschaftler aus dem Raum heraus, untersuchte das Tier, stellte fest, dass es ein Dinosaurier war, und wusste sofort, dass seine Suche nach dem richtigen Versuchstier ein Ende gefunden hatte. Den Bewohnern von Mindanao tischte er auf, dass das von ihnen gefundene Tier nicht nur Hirnhautentzündungen hervorrufen würde, sondern noch weitaus bösartigere Beschwerden und Krankheiten. Er befahl ihnen, jedes tote Tier, das sie finden, zu verbrennen, und Spear bot ihnen an, sich auf der Insel auf die Suche nach den Tieren zu machen und sie auszurotten. Dieser Vorschlag wurde mit Begeisterung angenommen, denn die Inselbewohner fürchteten um die negative Auswirkung auf den Tourismus, die diese Tiere und die mit ihnen verbundene Krankheit auslöste." "So bekam Spear sozusagen die Lizenz zum Jagen", knurrte Jonas. Jerry nickte. "Die bekam er. Doch er jagte nicht nur die Dinosaurier. Er jagte auch jeden Menschen, der sich in sein Geschäft einzumischen drohte. So auch Grahm. Und schließlich auch Sie." Jonas legte die Stirn in Falten. "Aha! Er war das mit der Gondel!" "Ja. Das war er. Er wollte verhindern, dass Sie das Hochplateau erreichen, und am Liebsten wäre es ihm gewesen, wenn Sie bei diesem Unfall allesamt gestorben wären. Doch ich hoffe, dem ist nicht so..." "Nein. Wir sind noch alle am Leben und ohne schwerwiegende Verletzungen davongekommen", sagte Jonas ruhig. "Aber wie hat Spear von uns erfahren?" "Nun, durch die Aufgaben, die er mir aufgebürdet hat. Er setzte mich sozusagen als seinen privaten kleinen Spion ein. Ich habe Grahm auf Schritt und Tritt verfolgt. Durch eine Wanze in seinem Buschhut, die ich dort angebracht hatte, habe ich ihn niemals verloren. Und durch ihn bin ich schließlich auch über Sie gestolpert." In diesem Moment scholl ein dumpfer, dröhnender Laut zu ihnen hinüber. Die drei Menschen sahen überrascht auf. Es war ein nebelhornartiger Ton, wie der der Parasaurolophen. Doch höher, weicher. Beinahe dem Gesang der Buckelwale ähnlich. Jerry Dawson wollte aufspringen, um besser sehen zu können, doch Mulder packte seinen Arm und zog ihn zurück. "Sie können ruhig sitzen bleiben, Jerry. Diese Tiere sind nicht zu übersehen." Der Mann sah Jonas verwirrt an und folgte dann mit den Blicken in die Richtung, in die der FBI-Agent wies. Und dann sah er sie. Die kleinen Köpfe auf den langen, schlanken Hälsen befanden sich in über elf Metern Höhe. Aufmerksam schwenkten sie hin und her, betrachteten die Welt unter ihnen merklich gelassen. Die Köpfe und Hälse gehörten zu großen, stämmigen Körpern mit kräftigen Beinen und langen, dicken Schwänzen, die gerade ausgestreckt über dem Boden hin und her pendelten. Die Haut der insgesamt drei Tiere war grau, die Bauchseite fast weiß. Über die breiten Rücken zog sich eine dunkle Schattierung, die in feine Sprenkelung überging und schließlich im mittelhellem Grau verschwand. Die Tiere bewegten sich langsam, doch keinesfalls träge. "Was... was sind das für Viecher?", fragte Jerry. "Nun, der Größe und den typischen Merkmalen nach sind das Diploducus", sagte Jonas. "Sie sind die schlanksten Sauropoden. Ihre Gesamtlänge beträgt mitunter siebenundzwanzig Meter. Allein vierzehn Meter dieser Länge betragen die peitschenartigen Schwänze, sieben Meter die Hälse. Bleiben also gerade noch sechs Meter für den Körper." "Wirklich komische Maße", murmelte Jerry. Mulder nickte. "Das stimmt. Aber trotz allem wirken diese Tiere in keinem Fall unvollkommen. Auch wenn sie wie die verrückte Mischung aus Elefant und Giraffe aussehen." Die drei Menschen schwiegen und blickten zu den sanften Riesen hinauf, die in gerade mal zehn Metern Entfernung an ihnen vorbeizogen. Jonas spürte, wie der Boden unter ihm bei jedem Schritt der Tiere erzitterte, hörte, wie die Zweige über ihm schwankten und raschelten. Und doch hatte er keine Angst. Die Riesen zogen gemächlich an der Menschengruppe vorbei. Einer von ihnen reckte den Hals in die Höhe, so hoch, wie es dem Tier möglich war. Es konnte von dort oben den gesamten Umkreis überblicken. Der Kopf schwenkte kurz suchend hin und her. Dann stieß der gewaltige Sauropode wieder diesen nebelhornartigen Ruf aus. Und von irgendwoher aus dem Dschungel kam die Antwort. Zwischen den Baumkronen tauchten mehrere schlanke Köpfe auf, wiederholten ihren Ruf und bewegten sich auf die drei Sauropoden auf der Lichtung zu. Es waren neun Tiere von unterschiedlicher Größe, zwei von ihnen nicht höher als ein Elefant. Vermutlich zwei nur wenige Monate alte Jungtiere. Die Diploducus trafen auf der Lichtung zusammen, schienen miteinander zu verschmelzen. Und die drei Menschen schauten schweigend zu, wie die gewaltigen Wesen in einträchtiger Ruhe und geordneter Herdenformation nach Westen zogen, der untergehenden Sonne entgegen...
Vince schob das riesige gelbe Gummiboot ans Flussufer und wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Sagt mal, konnte es euch nicht etwas früher einfallen, den Fluss zu nehmen? Dieses Mistding hier bei dieser Affenhitze in der Gegend rumzuwuchten ist nicht gerade ein Kinderspiel!" "Komm schon, Vince! Du bist nicht der Einzige, der schwitzt!", knurrte Jonas, während er einen Teil der Ausrüstung im Boot verstaute. Mulder grinste. "Ich möchte sowieso wissen, wer auf die verrückte Idee kam, das Gummimonster mitzuschleppen! Derjenige hätte auch an die Elefanten denken müssen, die das Zeug hätten tragen sollen." Scully derweil blickte mehr als argwöhnisch drein. "Ich bezweifle, dass wir da alle reinpassen. Wir sind zehn Personen plus Ausrüstung..." "Auf dem Karton stand Zwölf Personen", knurrte Vince. "Also passen wir da auch rein. Klar?" Mulder zog die Brauen hoch. "Ich frage mich nur, ob diese zwölf Personen alle gestanden haben, oder ob man sie übereinander gestapelt hat!" Jerry Dawson, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, legte den Zeigefinger auf die Lippen. "Pst", zischte er, und sein Gesicht wurde bleich. Die anderen wechselten verwirrte Blicke. "Was ist los, Jerry?", fragte Jonas verständnislos. Der Mann blickte sich hastig um, jede Farbe schien aus seinem Gesicht gewichen zu sein. "Riechen Sie denn nichts? Diesen fauligen, widerlichen Geruch?" "Das kommt vom Fluss", erwiderte Kenji. "Verrottende Baumstümpfe oder so was." "Nein", murmelte Dawson. "Ich kenne diesen Geruch..." Er blickte sich erneut um, schien wie ein scheues Reh im Wald. "Wir werden gejagt", raunte er. "Sie sind hier!" Plötzlich verstand Jonas. "Sie meinen die Raptoren?" Der Mann nickte. "Sie müssen es sein. Sie oder die Rotschädel... Und hören Sie nicht die Vögel?" Sie hörten gar nichts. Der Wald schien wie ausgestorben. Kein Laut durchbrach die gespenstische Stille, außer das leise Rauschen des Flusses. Kein Vogel war zu hören, kein munteres Geschwätz, das die Gruppe bisher ununterbrochen begleitet hatte. Es schien, als hätte man die Zeit angehalten... "Was für Rotschädel?", fragte Mulder irritiert. Bisher hatte Jerry noch nicht von ihnen gesprochen. "Schnell, schiebt das Boot in den Fluss!", befahl Vince. "Holt die Beutel mit dem Proviant! Wir müssen so schnell wie nur möglich von hier fort! Sarah, Kirochima, Dana, ab ins Boot!" Und dann ging alles ganz schnell. Das Boot war bereits im Wasser, und Jonas und Mulder nahmen gerade die drei schweren Taschen mit den Essensvorräten an sich, als die Bäume barsten und ein Vogelschwarm laut kreischend aufflog. Und dann brach die gewaltige Echse aus der Dschungelwand heraus. Jonas hörte, wie Mulder aufschrie, und ließ den Proviantsack fallen. Das riesige Tier brüllte und kam rasch auf sie zu. Es jagte sie. "Ins Boot!", schrie er, obwohl diese Worte überflüssig waren. Sie hatten gerade das Flussufer erreicht, als das Monster bis auf zehn Meter an sie herankam. Sie warfen sich in die blaugrünen Fluten und schwammen eilig dem Schlauchboot zu, das schon fast die Mitte des Flusses erreicht hatte. Das Raubtier trat ans Ufer. Seine gewaltigen, dreizehigen Füße gruben sich tief in den weichen Schlamm ein, wühlten die weiche Erde auf. Das Monster beugte sich nach vorn, konnte die beiden Flüchtenden jedoch nicht mehr mit seinem riesigen, weit aufgerissenem Maul erreichen. Ärgerlich warf die Echse den Kopf zurück und brüllte. "Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Raptoren wesentlich kleiner vorgestellt!", rief Mulder seinem Freund zu, als sie die Ringe an der Bootswand packten. "Das ist ja auch ein T-Rex", antwortete Jonas atemlos. Mulder blickte zu dem Saurier hinüber, der wütend am Flussufer stand und brüllte. Ein ohrenbetäubendes Brüllen, ein Laut aus einer anderen Welt. "Ein Rex!", murmelte er. "Ein gottverdammter T-Rex!" Er griff nach Vinces Hand, die die seine packte und ihn in das Boot zog. "Mein Gott, was würde ich darum geben, wenn dieses Mistvieh wie vermutet ausgestorben wäre!", knurrte Sarahs Vater, während er auch Jonas aus dem Wasser zerrte. "Ich hoffe nur, dass der Bursche nicht schwimmen kann!" "Natürlich kann er schwimmen!", knurrte Grahm. Der Tyrannosaurier sprang mit einem gewaltigen Satz ins Wasser, das hohe Wellen schlug. Die sich auftürmende Gischt spritzte bis zum Boot hinüber. Die Echse stand bis zum Bauch im Fluss und watete eilig vorwärts. Knappe zwanzig Meter trennten sie nun vom Boot. Vince griff nach den Paddeln und ließ sie ins Wasser. Jerry ging ihm sofort zur Hand, und schon bewegte sich das Schlauchboot flussabwärts. "Noch muss er nicht schwimmen", sagte Sarah, während sie den Dinosaurier beobachtete. "Vielleicht folgt er uns nur, soweit er kann, und kehrt dann ans Ufer zurück, wenn es ihm zu tief wird." "Vergiss es!", knurrte Jonas. "Alle Reptilien können schwimmen. - Da, siehst du?" Er deutete auf den T-Rex, der nun bis zur Brust im Wasser lag. Nur den Kopf hielt er hoch über der Oberfläche. Plötzlich ragte nur noch der obere Teil des Kopfes - nämlich Augen und Nüstern - aus dem Fluss. "Er sieht wie ein Krokodil aus", murmelte Scully. "Er sieht nicht nur so aus, Dana. Er schwimmt auch wie eines", sagte Jonas und beobachtete die schlenkernden Bewegungen des kräftigen Schwanzes, die das Wasser hinter dem Dinosaurier aufrührten. Hinter dem massigen Kopf sah er die Krümmung des Rückens und die Zacken am Schwanz, der immer wieder die Wasseroberfläche durchbrach. "Genau wie ein Krokodil", sagte er leise. "Das größte Krokodil der Welt..." Der Tyrannosaurus war nun nahe heran. Die Menschen im Boot konnten seinen schnaufenden Atem hören. Das Tier warf den Kopf zurück, riss das riesige Maul weit auf, schnappte in einem unverhofften Vorschnellen nach dem Boot und verfehlte den Gummiwulst nur knapp. Der gewaltige Schädel klatschte zurück ins Wasser, und das Schlauchboot tanzte auf den aufgeworfenen Wellen. Der Raubsaurier tauchte unter, bis nur noch blubbernde Luftblasen zu sehen waren. Dann war der Fluss plötzlich ganz still. Kevin hielt sich an den Handgriffen am Gummiwulst fest und sah nach unten. "Ist er ertrunken?" "Nein. So ein Biest ersäuft nicht einfach", erwiderte sein Bruder und blickte auf die Luftblasen, die schwache Kräuselung auf der Wasseroberfläche. Und die kam direkt auf sie zu... "Haltet euch fest!", rief Vince, als der Kopf unter dem Gummiboden aus dem Wasser auftauchte, das Boot durchbog, in die Luft hob und herumwirbelte. Ein Teil der Ausrüstung kippte über die flache Gummiwand und klatschte in das aufwirbelnde Wasser. Das Boot glitt zurück und schlug hart in die sich auftürmenden Fluten. "Tut was!", jammerte Kirochima. "Tut doch was!" Mulder zog seine Pistole aus dem Hohlster. Die Waffe sah erbärmlich klein aus in seiner Hand, aber wenn er das Tier an einer empfindlichen Stelle traf, ins Auge oder in die Schnauze... Der Tyrannosaurier tauchte neben dem Boot auf, öffnete den Rachen und brüllte. Mulder zielte und schoss. Die Kugel blitzte im Sonnenlicht auf und traf den Saurier in die Wange. Er schüttelte den Kopf, so als wolle er eine Stechmücke verscheuchen, und brüllte erneut. Jerry und Vince legten sich in die Riemen, und das Boot kam schnell voran. Der Tyrannosaurier schnaubte, schüttelte einige Male kräftig seinen massigen Schädel und starrte das gelbe Schlauchboot an, das sich rasch von ihm entfernte. Er ließ sich ins Wasser zurückfallen, und einen Moment lang fürchtete die Gruppe im Boot schon, er würde erneut die Verfolgung aufnehmen. Doch zu ihrer Erleichterung machte das gewaltige Raubtier kehrt und schwamm zurück zum Ufer. "Was ein Monstrum", murmelte Kevin. "Der war doch mindestens fünf Meter hoch!" "Sechs", verbesserte Grahm. "Es soll sogar noch größere Exemplare gegeben haben." "Was wissen Sie über dieses Tier?", fragte Scully und starrte zu dem Tyrannosaurus hinüber, der ans Ufer gestiegen war. Wasser tropfte von seinem massigen Körper und aus dem riesigen Maul. "Nun, dieser Raubsaurier konnte eine Länge von über vierzehn Metern erreichen..." "Sprechen Sie doch bitte in der Gegenwart, Grahm", sagte Mulder und deutete zu der Echse hinüber, die den Kopf zurückwarf und wütend auf den Fluss hinaus brüllte. Der Paläontologe nickte. "Sie haben Recht. Nun, der Rex ist das größte Landraubtier, das jemals auf Erden gewandelt ist. Er wiegt etwa sieben Tonnen. Seine Zähne haben mitunter die Länge von achtzehn Zentimetern. Jahrelang spekulierte die Wissenschaft darüber, ob der Rex ein gewandter, gefährlicher Jäger, oder eher ein schwerfälliger Aasfresser gewesen ist..." "Diese Frage hat sich wohl jetzt erübrigt", knurrte Mulder. "Ich schätze, dass Sie damit Recht haben", erwiderte der Paläontologe. "Ich hoffe nur, dass wir dem Rex so schnell nicht wieder begegnen..."
Enak hob heftig blinzelnd den Kopf, als er lautes Poltern im Tempel vernahm. Mit gerunzelter Stirn starrte er zu dem Bauwerk hinüber. Sanft schob er eines seiner Hausschweine, das gerade um eine Wurzel bettelte, beiseite, und eilte durch das Feld von Binsengräsern hindurch, überquerte die daran angrenzende Wiese und sprang die Stufen zum Hauptportal hinauf, das sperrangelweit offen stand. Jemand musste im Gebäude sein. Vorsichtig spähte Enak ins Innere des Tempels. Was er sah, ließ ihn vor Schreck totenbleich werden. Er sah zwei kräftige Männer, die gerade die Statue vom Podest genommen hatten und diese nun aus dem Tempel heraustrugen. Neben ihnen her ging ein dritter Mann mit einem schwarzen Stock in den Händen. Enak vergaß jede Vorsicht. Er war der Wächter, er hatte auf das Heiligtum Acht zu geben. Wild entschlossen stellte er sich den Männern in den Weg und hob beide Hände in die Höhe. Er wollte den Eindringlingen gerade befehlen, anzuhalten, als der Mann, der neben den Trägern lief, den merkwürdigen Stock auf ihn richtete. Enak sah es darin aufblitzen, fast gleichzeitig spürte er einen stechenden Schmerz in der Schulter. Instinktiv presste er seine Hand darauf. Als er eine merkwürdig warme Flüssigkeit zwischen den Fingern spürte und die Hand hob, sah er, dass sie blutüberströmt war. Kreidebleich hob er den Kopf. Der Mann mit dem bösen Stock war bereits heran. Enak starrte in eiskalte Augen in einem merkwürdig glatten Gesicht. Der Mann schlug so schnell zu, dass Enak keine Chance hatte, auszuweichen. Der Wächter taumelte, verlor das Gleichgewicht und fiel rittlings die Treppe hinunter. Hart prallte sein Körper auf die steinernen Stufen, immer und immer wieder. Enak wurde schwarz vor Augen. Ein lautes Knacken in der Halswirbelsäule war zu hören, fast zeitgleich verlor der Wächter das Bewusstsein und starb. Ohne ihn zu beachten, eilten die drei Männer zusammen mit der Statue an ihm vorbei, ohne auch nur das geringste Schuldgefühl zu verspüren...
Sie waren schon über zwanzig Minuten auf dem Fluss unterwegs, als etwas von unten an ihr Boot stieß und es dabei unwirsch zur Seite warf. Jerry hätte vor Schreck beinahe das Paddel fallengelassen, und Vince umfasste das seine fester, um es im Notfall als Waffe benutzen zu können. Mit wahren Adleraugen durchsuchte er das grünliche Flusswasser. Doch es war so dunkel und so tief, dass man nur wenige Zentimeter klar hineinsehen konnte. Das einzige, was Vince erhaschte, war ein kurzer Blick auf einen Schatten, der unter ihrem Boot hervorglitt und in der Tiefe verschwand. "Was war das?", fragte Kevin und lehnte sich weit über die Gummiwand des Bootes hinaus. Jonas packte ihn am Kragen seines Shirts und zog ihn zurück. "Deine Neugier bringt dich irgendwann noch einmal um, Kev." "Ich will doch nur wissen, was es war!", erwiderte sein jüngerer Bruder trotzig. "Es war groß und das reicht mir", knurrte Kirochima. "Ach, Jerry?" Mulder fiel seine Frage wieder ein, die durch die massive Störung des T- Rex unbeantwortet geblieben war. "Was?" "Sie sprachen vorhin von einem... Rotschädel. Was meinten Sie damit?" "Ich kenne den Namen dieses Dinosauriers nicht", bedauerte Dawson. "Aber sein Aussehen werde ich nie vergessen." "Erzählen Sie." "Es war ein Raubsaurier, etwa fünf Meter lang. Vielleicht auch länger. Er wirkte äußerst schlank und wendig, war auffällig grün gefärbt. Jedenfalls das Männchen. Es hatte noch einen roten Hautlappen am Hals, den es aufblähen konnte. Und es hatte einen Kamm auf dem Kopf, ebenfalls rot. Das Weibchen war mehr graubraun, weniger auffällig halt. Es blieb mehr im Hintergrund, als der Rotschädel die Raptoren angriff." "Er hat die Raptoren angegriffen?", echote Grahm. "Ja. Er wollte ihre Beute haben. Als die Raptoren diese verteidigen wollten, hat sie das Viech angespuckt. Es war so'n weißer Schaum. Überall, wo dieses Zeug auf der Haut war, schienen die Raptoren Schmerzen zu haben. Einer hatte das Zeug in die Augen bekommen und schrie entsetzlich. Bei einem dauerte es nicht mal drei Minuten, bis er tot war, dem anderen hat der Rotschädel die Kehle durchgebissen, weil ihm sein Geschrei scheinbar auf den Geist ging." "Dilophosaurier", murmelte Mulder leise. "Na großartig!" "Sie kennen diese Viecher?" "Ich habe mumifizierte Überreste dieses Tieres gesehen. Und der Beschreibung nach müsste es dieser Saurier sein. Es gibt nicht viele Räuber mit Kopfschmuck." "Und was hat es mit seiner Spucke auf sich?" "Sie enthält Hämatoxin", antwortete Scully, und Jonas musste unweigerlich an die verletzten Jungen in Jakarta denken. "Das ist ein Gift, das den Körper mit der Zeit lähmt, wie bei Schlangenbissen, demnach auch zum Tod führt. Das Hämatoxin beeinflusst auch die Nerven, reizt sie, verursacht Panik und Schmerz." "Gibt es Gegenmittel?" "Sicherlich gibt es die. Aber ob diese auch auf den Dilophosaurus anwendbar sind, weiß ich nicht. Die Zusammensetzung könnte um geringe..." "Kevin!" Jonas schüttelte missbilligend den Kopf, als er sah, dass sich sein Bruder wieder weit über die Bootswand beugte. "Entweder, du fällst ins Wasser, oder das Vieh von vorhin taucht auf und zieht dich mit runter!" "Ach Quatsch!" In diesem Moment schoss ein riesiger Kopf aus dem Fluss. Wasser spritzte und ergoss sich einer Regendusche gleich über die Bootsinsassen. Kevin prallte von der Bootswand zurück und starrte erschrocken auf das Tier, das nun vor ihm im Wasser lag. "Mein Gott, was ist das?", hauchte er. Ben Grahm krabbelte über einige Taschen und lugte über die Bootswand. "Ach herrje, ein Mosasaurus!", rief er erschrocken aus. Kirochima runzelte die Stirn und wich so weit wie nur möglich vor dem Tier zurück. "Ist dieser... dieses Mosadingsbums.... ist es gefährlich?" Grahm starrte auf den knapp zwölf Meter langen Saurier, der ruhig im Wasser dümpelte, den Kopf schief legte und die Menschen im Boot neugierig beäugte. Er sah aus wie ein Krokodil. Nur war seine Haut glatt, wies kaum Schuppen auf. Die kräftigen Paddel lagen fast bewegungslos im Wasser, korrigierten nur gelegentlich den Kurs. Ansonsten war das gesamte Tier völlig ruhig und regungslos. "Eigentlich ist er gefährlich", stotterte Grahm. "Jedenfalls behaupten das Norman und noch so einige andere Wissenschaftler. Und eigentlich lebte, äh... lebt dieses Tier im salzigen Meer, und nicht im Süßwasser." "Was den Lebensraum angeht, haben die sich wohl getäuscht", murmelte Mulder. "Ich hoffe, dass sie sich bei seiner Gefährlichkeit auch geirrt haben..." Als wolle der Mosasaurus seine Meinung dazu kundtun, öffnete er das Maul und gab ein kurzes, keckerndes Schnattern von sich. Er hob den Kopf, stupste leicht die gelbe Gummiwand des Bootes an und schnatterte erneut. "Na, jedenfalls wirkt es auf mich nicht so, als wolle er uns fressen", murmelte Jonas. "Ich glaube, die Forscher haben eine Menge falsches Zeug über diese Tiere verbreitet", sagte Sarah. "Jedes, das wir bisher sahen, hat deren Theorien widerlegt." "Bis auf die Raptoren", knurrte Jerry. "Das würde ich noch nicht sagen", erwiderte Jonas. "Sie haben sie nur beim Angriff erlebt. Über ihre soziale Struktur aber wissen Sie nichts." "Um ehrlich zu sein", grinste Jerry, "möchte ich die auch gar nicht kennen lernen." Kevin beugte sich weit über die Bootswand. "Ob sich der Bursche streicheln lässt?" "Eher beißt er dir die Hand ab", schnaubte Vince. Der Mosasaurus ließ sich näher an das Boot herantreiben. Er rollte sich auf die Seite, und begann wieder zu keckern. "Irgendwie erinnert mich dieses Vieh ja an Flipper", grinste Mulder. "Auch wenn das eine Beleidigung für den Delphin ist." Jonas beugte sich vor und streckte seine Hand aus. Der Mosasaurus wich nicht zurück, als er ihn am Hals berührte, und er machte auch keinerlei Anstalten, ihn anzugreifen. "Fühlt sich komisch an", murmelte Jonas. "Ich hätte eine Haut wie bei Schlangen oder Eidechsen erwartet. Aber die hier ist wie Gummi." Er befühlte die Haut des Sauriers, der sich die Streicheleinheiten willig gefallen ließ. "Statt Whale-Watching gibt's jetzt Dino-Watching, was?", feixte Vince. "Ist doch auch ganz cool", erwiderte Jonas und strich über den harten, zackigen Knochenkamm auf dem Rücken des Mosasaurus. Das Tier drehte den Kopf, und Jonas hatte das Gefühl, dass es ihn direkt anblickte. Es schnaubte leise und gab dann einen merkwürdigen, gurrenden Laut von sich. "Der Bursche scheint verschmust zu sein", grinste Sarah. Ein lauter Schrei ertönte über ihnen. Jonas blickte auf und sah einen gewaltigen Vogel über sich kreisen. Er hatte einen langen kräftigen Schnabel und einen Knochenfortsatz auf dem Hinterkopf. Seine Flügel hatten eine Spannweite von etwa sieben Metern. Jonas registrierte verwundert, dass der Vogel keine Federn trug. "Was ist das?" "Ein Pteranodon", sagte Grahm, als hätte er nur darauf gewartet, dass jemand fragte. "Der größte Flugsaurier, der jemals gelebt hat. Die Wissenschaftler behaupten, er wäre ein Fischfresser gewesen." "Wenn sie sich da mal wieder nicht geirrt haben!", knurrte Mulder sarkastisch. Das Pteranodon sauste spiralförmig nach unten, ein huschender, dunkler Schatten, der in einem Schwall warmer Luft, einen säuerlichen Geruch hinter sich herziehend, an ihnen vorbeirauschte. "Wow!", rief Kirochima. "Der ist aber groß. - Ben, sind Sie sicher, dass der harmlos ist?" "Ja, eigentlich schon..." Das Pteranodon flog zurück. Er kam von hinten heran und strich knapp über ihre Köpfe hinweg. Grahm sah kurz den zahnbewehrten Schnabel und den pelzigen Körper. Wie eine große Fledermaus, dachte er. Er war überrascht, wie zart und zerbrechlich dieses Tier wirkte. Die riesigen Flügel bestanden nur aus einem feinen, rosafarbenen Membran, das so dünn war, dass das Licht der Sonne hindurch schien. "Au!", rief Scully plötzlich und fasste hastig nach ihrem Kopf. "Er hat mich gebissen!" "Er hat was?", fragte Grahm. "Er hat mich gebissen!", wiederholte die Agentin, und zog die Hand weg. Blut war an ihren Fingern. Mulder rutschte zu ihr hinüber. Er duckte sich gerade noch rechtzeitig vor einem neuen Angriff des Flugsauriers. Das Tier glitt nur knapp über ihn hinweg und riss im Vorüberfliegen sein Hemd in Fetzen. "Aha, sie fressen Fische?", knurrte er. "Ich wusste nicht, dass ich wie einer aussehe." Der Flugsaurier war wieder heran, stürzte erneut auf das Boot zu. Kevin duckte sich, spürte die scharfen Klauen auf seiner Haut. Er hörte das ohrenbetäubende Kreischen des Pteranodon, sah nichts anderes, als die wild schlagenden Flügel. Vince holte mit dem Paddel aus und schlug dem Flugsaurier auf den Rücken. Das Tier kreischte auf, ließ von Kevin ab und wollte davonfliegen. Doch durch den Schlag war es benommen, gewann nicht genug an Höhe. Als sich Kevin aufrappelte, konnte er gerade noch sehen, wie der Mosasaurus aus dem Wasser schnellte, dabei seinen ganzen, gewaltigen Körper nach vorne warf und sich dabei fast vollständig aus dem Wasser hob. Das Tier riss sein Maul auf, das unglaublich gezielt zuschnappte, und mit dem rechten Flügel zwischen den Zähnen tauchte der Saurier zurück in die aufklatschenden Fluten. Dabei zog er das Pteranodon, das laut kreischte und mit dem linken Flügel um sich schlug, mit sich in die Tiefe. Gurgelnd schloss sich die Wasseroberfläche über dem schreienden Opfer. "Alles in Ordnung?", fragte Jonas besorgt. Kevin nickte atemlos. "Nur ein paar Kratzer, nichts weiter", sagte er. "Danke, Vince." Sarahs Vater nickte nur und ließ das Paddel zurück ins Wasser gleiten. "Wo ist der Saurier?", fragte Kevin. "Unter Wasser", antwortete Grahm. "Er frisst seine Beute." "Sehr freundlich von ihm, dass er das Biest aus der Luft heraus geschnappt hat", brummte Scully und griff erneut nach ihrem Kopf. "Das beweist, dass er ein ausgezeichneter Jäger ist", sagte Mulder. "Und wir sollten froh darüber sein..."
Es war etwa vier Uhr. Nach dem Stand der Sonne zu urteilen, dachte Jonas. Zweifelnd blinzelte er ins Licht. Vielleicht war es sogar noch später. "Au!", schrie Kevin, als ihm Scully mit einem mit Desinfektionsmittel getränktem Wattebausch über den Rücken strich. "Herrje, wollen Sie mich umbringen? Was ist denn das für ein Höllenzeug?" "Reines Jod", erwiderte Scully. Der Junge stöhnte. "Konnten Sie nichts anderes nehmen? Etwas, was nicht weh tut?" "Was nicht brennt, kann auch nicht helfen." Scully setzte ihre Prozedur fort. Kevin zuckte unter einer erneuten Jodattacke zusammen. "Mann, wenn ich noch einmal so einen Flugsaurier sehen sollte, knalle ich ihn lieber gleich ab!" "Mich erstaunt, dass er uns angegriffen hat", sagte Ben Grahm, während er zuschaute, wie Kenji aus einem Holzklotz eine kleine Figur schnitzte. "Schließlich waren wir zehn Leute, noch dazu in einem knallgelben Schlauchboot. Grelle Farben schrecken wilde Tiere doch für gewöhnlich ab..." "Nun, der Unterschied liegt darin, dass dieses Pteranodon kein normales wildes Tier war!", knurrte Kevin und rappelte sich vom Boden auf, nachdem Scully ihre schmerzhafte Prozedur endlich beendet hatte. "Es ist und bleibt ein Saurier und gehört seit Jahrtausenden ausgestorben!" "Was mich wundert, ist, dass diese Tiere nur hier auf den Philippinen und in Indonesien vorkommen. Es scheint, als wären die Saurier eine Einzigartigkeit wie die Reptilien auf Galapagos." "Nur dass die nicht beißen, kratzen und bis zu sechs Metern hoch sind", brummte Mulder. "Und dass Leguane Menschen fressen, glaube ich auch nicht." "Ja, schon", wandte Grahm ein. "Aber warum hatte eben dieses Pteranodon die Insel nicht verlassen? Es kann schließlich fliegen. Oder der Mosasaurus. Der hätte durch das Meer nach... na ja, meinetwegen Buxtehude schwimmen können." "Das hat mich auch schon nachdenklich gemacht", stimmte ihm Sarah zu. "Warum bleiben all diese Tiere hier und verlassen die Inseln nicht?" "Oh, ich glaube, dass einige die Inseln verlassen haben", sagte Mulder. "Ein Mosasaurus zum Beispiel könnte dafür verantwortlich sein, dass die Legende vom Seeungeheuer von Loch Ness entstand. - Oder denkt an den Kongo. Seit Jahren gibt es Berichte von Pygmäen über einen großen Sauropoden in den dichten Wäldern des Bokambu. Und im Bergdschungel von Irian Java gibt es angeblich ein Tier von der Größe eines Nashorns, das ein übriggebliebener Ceratopsier sein könnte. Nicht zu vergessen die Legenden aus dem Amazonasbecken. Man berichtet, dass dort ein großes Tier gesehen wurde, das aufrecht lief und einen Pferdekopf hätte. Womöglich ein Hadrosaurier..." "Oha, Spooky-Mulder hat neues Futter entdeckt", seufzte Scully. "Das sind alles nur Legenden", sagte Jonas. "Es gibt keinerlei Beweise für die Existenz dieser Tiere. Man hat nie ein Foto von ihnen gesehen. Und das von Nessie hat sich angeblich als Flop entpuppt. Soll ein Gummitier oder so was ähnliches gewesen sein." "Und was ist mit diesen berühmten Seeungeheuern aus den griechischen Sagen? Diese schlangenartigen Tiere mit Pferdeköpfen und roten Mähnen? 1966 zogen US- Marinesoldaten solch ein Riesengeschöpf an Land. Es war ein gewaltiger Riemenfisch, sieben Meter lang und 250 Pfund schwer. Oder Tasmanische Tiger. Sie galten als ausgestorben, doch nun hat man wieder welche gesichtet. Krypto-Zoologen vermuten sogar, dass im Mariannen-Graben Carchardon megalodon und fußballfeldgroße Kraken überlebt haben. Das Megalodon gilt seit einigen tausend Jahren als ausgestorben, ebenso die Monsterkraken. Man hat vor einigen Jahren aber eine Krake von acht Metern Länge und einem Gewicht von einer knappen Tonne durch Zufall entdeckt. Sie wurde an den Strand von Neufundland gespült. Und es soll noch größere geben. Im Great Barrier Reef hat man sogar einen zwanzig Meter langen Panzerfisch fotografiert, der seit über 20 Millionen Jahren ausgestorben sein soll. Und was ist mit den Manatis, dem Proteus anguinus, dem Vi-Quang-Bovide oder dem Quastenflosser? Sie alle galten als vom Erdball verschwunden, doch man hat sie allesamt wieder entdeckt." Mulder blickte sich nach seiner Partnerin um. "Scully, der Vorfall in Minto! Warum sollten nicht Dinosaurier für den Tod von Webber verantwortlich gewesen sein? Oder die Sache in Jakarta..." Etwas raschelte im Gebüsch, und die Menschen hoben erschrocken die Köpfe - und erstarrten, als sie die Tiere erkannten, die aus den Sträuchern auf sie zukamen. "Raptoren", hauchte Jerry. Er spürte, wie seine Knie unter ihm nachgaben. Die mannsgroßen grünen Raubsaurier mit den sandfarbenen bis mittelbraunen Streifen auf Rücken und Schwanz wippten mit den Köpfen und gaben eine Art Fiepen von sich. Sie kamen von allen Seiten, umzingelten die Menschen, die in ihrer Mitte mehr und mehr zusammenschrumpften. "Es sind zu viele", murmelte Kenji. "Wären es zwei oder drei, okay. Aber es sind zwölf..." "Nicht mehr lange", knurrte Vince und zog seine Pistole. Auch Jonas, Scully und Mulder hatten bereits ihre Waffen in der Händen. Jonas zielte auf einen großen Raptor mit einer länglichen Narbe quer über dem Gesicht. Er war auf dem rechten Auge blind, über das sich ein breiter, roter Einschnitt zog. Irgendwie erinnerte der Saurier an Twoface aus den Batman-Filmen. Und wie dort schien dieses verunstaltete Geschöpf der Anführer der ganzen räudigen Bande zu sein. Jonas entsicherte die Pistole, sein Finger zog sich um den Abzug... "Nein, nicht schießen!", schrie eine fremde Stimme. "Bitte, nicht schießen!" Jonas sah auf und erblickte einen Mann in einem merkwürdigen Gewand, der urplötzlich auf der Lichtung stand. Er war von Kopf bis Fuß in helles Leder gehüllt, sein Gesicht war hinter einer bunten Maske verborgen, die an den Kopf eines Dinosauriers erinnerte. "Huhu, Mister Voodoo", raunte Mulder ironisch, ließ seine Waffe jedoch nicht sinken. "Ich wusste ja gar nicht, dass man auch im Dschungel Fasching feiert..." "Lassen Sie die Waffen stecken, Gentleman", sagte der Fremde. "Die Raptoren werden Ihnen nichts zu Leide tun. - Havano-Kavo!" Kaum hatte der Fremde diese merkwürdigen Worte ausgesprochen, als die Raptoren auch schon die Köpfe senkten, ein leises Fiepen von sich gaben und dann langsam zurückwichen. Sie lösten ihre Umzingelung auf und sammelten sich rechts von dem ganz in Wildleder gekleideten Mann zu einer Gruppe zusammen. Die Männer und Scully ließen ihre Pistolen sinken und starrten entgeistert auf die schlanken Raubsaurier, die dem Fremden zu gehorchen schienen wie eine Meute Jagdhunde ihrem Herren. "Wer... wer sind Sie?", fragte Kenji verwirrt. Der Mann strich einem der Raptoren beinahe zärtlich über den Rücken. "Nun, die Bewohner von Akunga nennen mich Dim-Kalir, den Wunderheiler." "Und wie kommt es, dass Sie unsere Sprache sprechen?" "Das ist eine lange Geschichte. Ich komme ursprünglich aus London und heiße James Cartwright. Ich arbeitete als Biologe auf Java und Borneo. Doch vor sechs Jahren stürzte mein Flugzeug wegen einem Triebwerkausfall über diesem Dschungel hier ab. Mein Pilot hat das nicht überlebt. Und mich schnappten die Eingeborenen. Sie hätten mich beinahe ihren Göttern geopfert. Doch diese litten an einer scheinbar unheilbaren Seuche. Ich fand ein wirksames Mittel gegen sie, rettete den Göttern das Leben und gleichzeitig auch mein eigenes. Ich erlangte bei den Eingeborenen großes Ansehen. Man ernannte mich sogar zum Medizinmann. So viel zu meiner bisherigen Laufbahn." "Götter?" Mulder blinzelte verwirrt. "Was für Götter?" Dim-Kalir lächelte. "Einige von ihnen stehen gerade direkt vor Ihnen." "Die Dinosaurier?" Der Medizinmann nickte. "Ja, die Dinosaurier." "Wirklich nette Götter", brummte Scully. "Picken dir auf dem Kopf herum oder legen großen Wert darauf, dich zu zerfleischen." "Das machen sie mit allen Fremden", sagte Dim-Kalir. "Das ist ihre einzige Chance, zu überleben und Akunga vor dem Untergang zu bewahren." "Was ist Akunga?" "Unsere Stadt." Vince schüttelte breit grinsend den Kopf. "Das muss alles ein schlechter Traum sein. Eine Stadt inmitten des Dschungels, bewacht von einer Tierspezies, die schon seit langer Zeit als ausgestorben gilt und die ihrem Meister aufs Wort gehorcht." "Das ist kein Traum, sondern reinste Wahrheit", sagte Dim-Kalir. "Unsere Stadt braucht diese Wächter. Doch guten Menschen gegenüber sind sie friedlich." Mulder beugte sich zu Jonas hinüber und raunte: "Ich weiß, wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, bla, bla, bla - aber dieser Typ ist total verrückt." Jonas lachte, und der Agent fuhr erschrocken zusammen, als ihm Dim-Kalir einen leichten Wink gab. "Kommen Sie her." "Wer? Ich?" "Ja. Sie sind ein skeptischer Mensch, und solche wie Sie muss ich immer zuerst überzeugen." Jonas und Scully prusteten los. Die Agentin deutete vergnügt auf ihren Partner. "Skeptisch? Der? Niemals!" Kenji zuckte mit den Schultern. "Tja, verdrehte Welt." Mulder derweil beäugte misstrauisch die Gruppe der zwölf Raptoren. "Ich weiß nicht so Recht..." Dim-Kalir lächelte. "Haben Sie keine Angst. Kommen Sie." "Die beißen mich auch nicht?" "Sicherlich nicht." Mulder seufzte, steckte die Pistole zurück in sein Hohlster, und trat mit zögerlichen Schritten zu dem Medizinmann, der neben einem der Saurier stand. Es war ein im Gegensatz zu den anderen relativ kleiner Raptor. Er reichte dem Mann gerade mal bis zum Bauchnabel. Es schien ihn nicht zu beunruhigen, dass Mulder näher kam. Er gähnte sogar und ließ sich auf den Boden sinken. Er lag nun dort unten auf der Erde, wirkte wie ein Dackel neben seinem Herren. "Streicheln Sie ihn", sagte der Medizinmann. Mulder holte tief Luft und ging dann vor dem Tier in die Hocke. Der Raptor blickte zu ihm auf und fiepte. Als der Agent vorsichtig die Hand ausstreckte und ihn am Kopf berührte, schloss der kleine Saurier die Augen und gurrte. "Ja, das mag er", sagte Dim-Kalir und schmunzelte. "Das ist ein ganz verschmuster Bursche, unser Kleiner." "Auf mich wirken diese Tiere nicht gerade verschmust", knurrte Jerry. "Ich musste mit ansehen, wie sie fünf Männer schier in der Luft zerrissen haben." "Jedes Land hat seine eigenen Gesetze. Das Gleiche gilt für den Dschungel und seine Bewohner, auch für die Raptoren", entgegnete der Medizinmann und holte einige kleine Lederbeutel aus seinem Gewand hervor. Die Beutel waren an geflochtenen Lederschnüren befestigt. Dim-Kalir bückte sich zu Mulder hinunter, der nun weniger scheu den Raptoren streichelte, und hängte ihm einen der Beutel um den Hals. "Was ist das?", fragte er und musterte die merkwürdige Gabe. "In dem Säckchen ist eine bestimmte Kräutermischung enthalten. Sie signalisiert den Dinosauriern durch ihren Geruch, dass Sie keine Feinde, sondern Freunde für sie sind. Sie können die Kräuter schon aus großer Entfernung riechen." "Riecht irgendwie ein bisschen nach Pfefferminz", murmelte Scully und wog den Beutel in der Hand. "Und nach Melisse. Nur intensiver." Dim-Kalir lachte. "Das dachte ich zuerst auch, als man mir den Beutel gegeben hat. Aber diese Pflanzen wachsen nur hier im Dschungel. Die Blätter in dem Säckchen stammen von grasartigen Pflanzen mit lila Blüten. Die Eingeborenen nennen sie Gahni- Dah. Es gibt sie nur hier, und ich bezweifle, dass Sie dieses Gewächs in irgendeinem botanischen Lehrbuch finden werden." "Nicht das Erste, was man in keinem Buch vorfindet, nicht wahr, Sarah?", fragte Jonas mit einem leichten Schmunzeln. "Du sagst es", seufzte sie und verstaute den kleinen Lederbeutel unter ihrem T-Shirt. Dim-Kalir kraulte den Raptoren am Hinterkopf und blickte die Besucher fragend an. "Warum sind Sie hier?", erkundigte er sich dann plötzlich. "Nun, das ist eine lange Geschichte", murmelte Benjamin Grahm. "Das macht nichts", erwiderte der Medizinmann. "Wir haben Zeit. Bis zur Stadt sind es knapp anderthalb Stunden Fußmarsch." Er stieß einen merkwürdigen, gurrenden Laut aus, und die Raptoren setzten sich in Bewegung. Acht von ihnen verteilten sich im Dschungel, vier stapften in geschlossener Formation den schmalen Pfad entlang, der zwischen hohen Bäumen und unübersichtlichem Blattwerk in das dahinterliegende und undurchdringliche Grün führte. "Kommt", sagte Dim-Kalir, während er den Raptoren folgte. "Wir müssen uns beeilen, wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit in Akunga sein wollen..."
Jonas wusste nicht, wie lange sie bereits durch den Dschungel gewandert waren. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, und er glaubte beinahe, die Zeit wäre zu dem Augenblick, als sie in das alles verschlingende Grün eingetaucht waren, stehen geblieben. Er warf einen kurzen Blick zu Vince hinüber, der zusammen mit Grahm und Dim-Kalir vor ihm ging. Zwei Raptoren bildeten die Spitze, bewegten sich zielstrebig durch das Gewirr von weitausladenden Farnwedeln, hohen Büschen und moosbewachsenen Bäumen nach Norden. Manchmal sahen sie sich um, so als wollten sie sich vergewissern, dass die Menschengruppe ihnen auch noch immer folgte. Jonas lauschte auf das leise Murmeln von Ben Grahm, verstand aber nichts von dem, was er sagte. Dim-Kalir hörte dem Paläontologen aufmerksam zu, nickte zwischendurch und sprach hier und da ein Wort. Etwas raschelte, und Jonas sah sich erschrocken um. Der Raptor, der neben ihm ging, spähte misstrauisch in die Wipfel der Bäume hinauf, ein verärgertes, misstrauisches Gurren ausstoßend, erblickte den großen Tukan, der sich auf einem der unzähligen Äste niedergelassen hatte, und senkte beruhigt wieder den Kopf. Jonas musterte den Raubsaurier. Es war ein schlankes und wendiges Tier, das sich trotz seiner Größe von knapp zwei Metern so leise und geschmeidig bewegte wie eine Katze. Die sandbraunen Augen huschten aufmerksam hin und her, registrierten jede Bewegung in dem dichten Grün des Dschungels. Jedes Geräusch schien das Tier zu analysieren, jeden Geruch auf mögliche Hinweise von Gefahr zu überprüfen. Manchmal blickte es zu Jonas. Es war meist ein abschätzender Blick, nicht misstrauisch, aber neugierig. Der Wissenschaftler fragte sich, was dieses Tier wohl über ihn dachte. Wenn es überhaupt dachte. Doch es musste diese Fähigkeit besitzen, war zu erstaunlich und komplex in seinem Verhalten, dass es nicht hätte denken können. Dieser Saurier dort war intelligent, Jonas spürte es. "Sie scheinen Ihre Scheu vor diesen Tieren verloren zu haben, Dr. Quinn." Jonas wandte den Kopf und bemerkte dem Medizinmann, der nun neben ihm ging. "Nun, ich fragte mich gerade, ob sie wegen uns so aufmerksam sind, oder ob es für sie auch etwas gibt, was ihnen Angst macht." "Das gibt es, leider." "Die Dilophosaurier?" "Ja. Haben Sie sie schon gesehen?" "Nicht ich, einer unserer Begleiter." "Sie sind ein großes Problem für uns", sagte Dim-Kalir. "Sie sind unberechenbar, scheinbar dauernd im Blutrausch. Sie töten mehr Tiere, als sie fressen können. Ich möchte nicht wissen, was passieren würde, wenn sie unsere Stadt finden würden..." Der Pfad, auf dem sie sich noch immer nach Norden bewegten, wurde schmaler. Sie konnten nun gerade noch so nebeneinander gehen. Nach einer Biegung ging es steil bergauf, Felsbrocken tauchten aus dem Grün des Dschungels auf, wurden zur Wand. Nach wenigen Metern wuchs der Fels in etwa zehn, zwölf Metern Höhe über der Gruppe zusammen, vor der nun der Eingang einer dunklen Höhle klaffte. "Was ist das?", fragte Kirochima beklommen. "Das Schattenreich", antwortete Dim-Kalir. "Die Verbindung von Urwald und Götterstadt." Es war nicht völlig dunkel in dem Höhlengang. Das Gestein wies an vielen Stellen Risse auf, durch die Licht von oben fiel. Wie dünne Nadeln und Messerklingen stachen diese Fäden und Balken aus Licht durch den Fels und hellten die Dunkelheit ein wenig auf. Die Wände waren zerklüftet, und mächtige Gesteinsbrocken und Platten ragten immer wieder wie die scharfen Zähne eines versteinerten Raubtiermauls in den Gang, der gewiss nicht von Menschenhand geschaffen worden war. Jedoch hatten sich Menschen dieser Felsverwerfung bedient, die einen bequemen Durchgang von mehreren Metern Breite und Höhe geschaffen hatte. Der Gang machte einen scharfen Knick nach links, und helles Sonnenlicht flutete ihnen entgegen. Die Raptoren begannen zu zirpen und nickten mit den Köpfen. Das grelle Licht blendete ihre empfindlichen Augen, und auch Jonas musste für einen Moment die Augen schließen. Als sie aus dem Halbdunkel der Höhlenpassage traten, empfing sie ein kühler, angenehmer Wind, der ihre Kleidung blähte und durch ihre Haare strich. Gleißendes Sonnenlicht schien vom wolkenlosen Himmel und fiel hinab in das vor ihnen liegende Tal. Der Anblick, der sich ihnen bot, war überwältigend. "O mein Gott", murmelte Sarah fassungslos. "Einfach unglaublich", stimmte ihr Kenji mit belegter Stimme zu. Das Tal, ein tiefer Kessel mit ovaler Form, erstreckte sich über eine Länge von etwa acht Kilometern und maß an seiner breitesten Stelle knapp zwei Kilometer. Inmitten von paradiesischen Seen und saftigem Grün lagen Tempelanlagen, deren Hauptgebäude sich unmittelbar vor einer Felswand befand. Der Tempel hatte gewaltige Ausmaße, schien über zwanzig Meter in den Himmel zu ragen. Über der monumentalen Säulenhalle waren die Konturen von drei riesigen Gottheiten aus dem Fels gemeißelt worden, die dem Betrachter ihr Profil darboten und halb Mensch, halb Tier waren. Tiefe symmetrische Ausbuchtungen und Einschnitte im Fels auf der Westseite des Tales wiesen darauf hin, dass die Tempelanlagen aus dem Fels errichtet worden waren, den man gleich aus diesen Steinbrüchen vor Ort gewonnen hatte. "Was sind das für Statuen?", fragte Mulder und zeigte auf den Haupttempel. "Die drei mächtigsten Gottheiten der Bewohner Akungas", sagte der Medizinmann. "Die erste Statue, die mit dem schuppigen Körper und dem Menschenkopf, ist Kana- Tem, der Herr über die Saurier und der Götterstadt. Die Figur des Mädchens mit dem Fischschwanz und den großen Drachenflügeln ist die Göttin der Elemente, also Luft, Wasser, Himmel und Erde. Man nennt sie Alina-Mai. Und die kleine Statue ganz links, das Kind mit der Kugel in den Händen, heißt Hanii und ist die Hoffnung." Sie standen noch eine ganze Weile dort oben, sahen auf das farbenprächtige Panorama hinab, das sich unter ihnen erstreckte. Sie bewunderten die idyllischen Seen, die riesige Tempelanlage und die Vielzahl an Sauriern, die sich dort unten zwischen den Bäumen und auf den Wiesen bewegten. Das schillernde Abendrot warf einen tieforangefarbnen Schimmer auf das Tal und ließ es sanft leuchten. Dim-Kalir stieg, angeführt von den Raptoren, den sandigen Pfad in das Tal hinab. Der Rest folgte ihm. Bereits nach wenigen Minuten erreichten sie den Fluss, der als Wasserfall aus zwanzig Metern Höhe durch das Felsgestein ins Tal schoss, und folgten ihm nach Süden, wo sich große Palmengewächse zu weiten Hainen ausdehnten. Als sie sich diesem Gebiet näherten, entdeckten sie kleine, aus solidem Stein gemauerte Häuser, die den Pfad zur linken und rechten Seite säumten. "Die Menschen hier leben in Harmonie mit der Natur", sagte der Medizinmann. "Ich habe nie zuvor ein Volk erlebt, das den Wurzeln seiner Vorfahren derart treu geblieben ist." Sie kamen an einem etwas größeren Steinhaus vorbei. Eine dunkelhäutige Frau, nur mit Leder bekleidet, hockte neben einem großen Dinosaurier im Gras. Sie hatte eine Art Schüssel unter den Bauch des Tieres geschoben. Ihre Hände kneteten geduldig und mit geübten Griff die Bauchunterseite des Dinosauriers. Es war ein stattliches Tier, ein wenig kleiner als der indische Elefant. Sein Schädel lief in ein gewaltiges Nackenschild über, ein spitzes Horn zierte seine papageienähnliche Schnauze. "Ein Styracosaurus", sagte Grahm wie aus der Pistole geschossen. "Wahnsinn, was ein Prachtkerl!" "Ihr Kerl ist ein Weibchen", lächelte Dim-Kalir. Kevin runzelte die Stirn. "Was tut die Frau da?", fragte er verwirrt. "Sie melkt die Dana. Dana ist das akungaische Wort für Weibchen." "Ach ja?", echote Scully, und Mulder grinste. "Ich wusste gar nicht, dass Ihr Name Akungaisch ist", feixte er. "Und vor Allem, dass er so passend ist. Stellen Sie sich vor, es würde Männchen heißen..." "Sie melkt sie?", wiederholte der Paläontologe ungläubig. "Sie melkt einen Dinosaurier? Ein Reptil?" Dim-Kalir lächelte. "Der Styracosaurus gehört zu den wenigen Arten von Dinosauriern, die Milch geben und damit ihre Jungen säugen. Sie bringen diese auch lebend zur Welt, legen also keine Eier, wie die meisten anderen." "Sie wollen mir also sagen, dass das da ein...", Scully zögerte, "ein Säugetier ist?" "Genau das", bestätigte der Medizinmann. "Ich konnte es zuerst auch nicht glauben. Auch ich war davon überzeugt, dass alle Dinosaurier Reptilien sind. Nun, da habe ich mich wohl geirrt." Sarah musterte zweifelnd den massigen Kopf des Tieres. "Na, ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass diese Spezies ihre Jungen lebend auf die Welt bringt." "Doch, doch." Der Medizinmann strich der Dana über die spitze Schnauze. "Das Junge steht mit ihr von Proportion und Eigenschaften im Verhältnis wie das Kalb mit der Kuh. Die Jungen werden natürlich ohne Horn und Nackenschild geboren. Das wächst ihnen erst nach und nach wie den Hirschen das Geweih." Die Frau im Ledergewand erhob sich mit der großen Schüssel in der Hand vom Boden. Sie war zu Dreivierteln mit weißlicher, dickflüssiger Milch gefüllt. Die Frau begrüßte den Medizinmann mit einem freundlichen Nicken, blickte dann neugierig zu den ihr fremden Besuchern hinüber und neigte den Kopf. "Sah-ni mala?", fragte sie. "Gina di fenani", erwiderte Dim-Kalir lächelnd. Kevin neigte sich zu seinem Bruder hinüber. "Was hat die Frau gesagt?" "Woher soll ich das wissen?", erwiderte Jonas leise. "Ich spreche kein Akungaisch." "Ich schätze, sie hat gefragt, wer wir sind", vermutete Kirochima. "Folgt mir", sagte Dim-Kalir. "Ich zeige euch nun eine freie Hütte, in der ihr die Nacht verbringen könnt. Danach müsst ihr mich leider entschuldigen, denn ich habe heute Abend sehr viel zu tun. Ich werde euch dann Morgen die Stadt und die Tempel zeigen. Bis dahin wird sie Julin um euer Wohlergehen kümmern." Er wies auf die Frau, sagte etwas auf Akungaisch zu ihr, und sie nickte zustimmend. Dann wandte er sich wieder an seine Besucher. "Kommt nun. Die Hütte ist nicht fern..."
Jonas schien nicht gerade sehr tief geschlafen zu haben, denn er schien der Einzige zu sein, der durch das entfernte Pochen einer Trommel geweckt wurde, das von irgendwoher in die von Mondlicht nur schwach erhellte Hütte hallte. Er schlug zögerlich die Augen auf und starrte in die Dunkelheit. Die Trommeln stoppten nicht, fuhren stetig fort. Jonas streckte sich, gähnte kurz und erhob sich dann von dem Schlaflager, das von Julin hergerichtet worden war. Neugierde hatte ihn gepackt. Er trat an das Fenster, durch das angenehm kühle Luft ins Innere der Hütte strömte, atmete tief durch und spähte in die Nacht hinaus. Von den Seen kam ein flackernder Feuerschein herüber, und von dort kam auch die Trommel, die ihre Melodie beständig einhielt und immerfort wiederholte. Es war kein hektisches Trommeln, eher melancholisch und schleppend. Wie das Trommeln zu einer Zeremonie. Jonas ließ vom Fenster ab und schlüpfte in seine Jeans. Seinen Oberkörper ließ er unbedeckt. Die Nacht war mild und relativ windstill. Also würde er sicherlich nicht frieren. Jonas blickte sich noch einmal kurz in der Hütte um, vergewisserte sich, dass auch wirklich alle schliefen, und schlich sich dann geräuschlos in die laue Nacht hinaus.
Ein leichter Windstoß umstrich ihn, als er lautlos durch die scheinbar schlafende Stadt lief. In keinem der Häuser brannte Feuer. Sie schienen alle leer zu stehen. Jonas hob den Blick, sah den großen Haupttempel, der sich nur unweit von ihm erhob. Das Feuer an den Seen erhellte die drei aus Stein gehauenen Gottheiten, ließen sie wie geisterhafte Wesen in der Dunkelheit erscheinen, auf deren Haut das Licht unruhig hin und her zuckte. Jonas ging durch einen kleinen Palmenhain und stand plötzlich auf einem großen, freien Platz, der sich zwischen dem Tempel und den Seen erstreckte. In seiner Mitte brannte ein riesiges Feuer. Und an den Rändern waren etwa alle zehn Meter Fackeln in den Boden gesteckt worden, die die Grenzen des Platzes markierten. Auf den Stufen des Tempels, die fünf Meter in die Höhe führten und etwa zwanzig Meter lang waren, saßen unzählige Menschen. Ihre Gesichter, in denen Anspannung und Erwartung lag, wurden von dem großen Feuer schwach erhellt. Auf der anderen Seite des Platzes stand ein kleiner Tempel, auf dessen Stufen ebenfalls Menschen saßen. Weniger als beim Haupttempel. Jonas erkannte Dim-Kalir, der auf der obersten Stufe saß und ihn entdeckt zu haben schien. Er winkte ihm zu, forderte ihn auf, zu ihm zu kommen. Zögernd näherte sich Jonas dem Tempel, ging langsam, nicht übereilt. Er wollte die Ruhe, die auf dem gesamten Platz herrschte und nur vom stetigen Pochen der Trommeln unterbrochen wurde, nicht stören. Als er die Treppe erreichte, rückte einer der Männer zur Seite, um ihn durchzulassen. Jonas dankte mit einem freundlichen Lächeln, wusste nicht, was er sonst tun sollte, um nicht unhöflich zu erscheinen. Er kannte die Sprache der Akunganer nicht, wusste nicht, mit welchen Worten man hier seinen Dank ausdrückte. Doch das schien den Mann nicht zu stören. Im Gegenteil. Er lächelte zurück, die Augen unter seinen buschigen Brauen blitzten dabei fröhlich auf. Er tippte seinem Hintermann auf die Schulter und sagte etwas zu ihm. Sofort rutschte auch dieser zur Seite und machte Jonas den Platz frei, sodass er die obere Stufe erreichen konnte, auf der Dim-Kalir saß und ihm lächelnd entgegenblickte. "Setzen Sie sich zu mir", sagte er, als Jonas schließlich neben ihm stand. Dieser leistete der Aufforderung des Medizinmanns gehorsam Folge, blickte neugierig auf all die Menschen, die sich auf dem Platz versammelt hatten. "Ganz unbewusst haben Sie diesem Mann dort unten eine große Freude bereitet", sagte Dim-Kalir und wies auf den, der Jonas den Weg zu ihm freigemacht hatte. "Wieso?", fragte Jonas. "Was habe ich denn gemacht?" "Ein freundliches Lächeln, verbunden mit einem Kopfnicken, bedeutet hier die größte Ausdrucksweise von Dank im freundschaftlichen Sinne", erklärte der Medizinmann. "Und der Mann hat sich darüber sehr gefreut. Die Akunganer sind ein sehr gefühlsbetontes Volk. Sie haben beispielsweise keine Worte für Dinge wie Liebe, Freundschaft, Freude und Dank. Dafür gibt es nur Gesten, da die Leute hier glauben, dass diese mehr zählen, als Worte. Gesten werden daher immer ernst genommen." Jonas hörte dem Medizinmann fasziniert zu. "Das heißt, dass Worte nicht genug Bedeutung haben, um für derartige Gefühle gebraucht zu werden?" Dim-Kalir nickte anerkennend. "Sie sind ein kluger und einfühlsamer junger Mann, Dr. Quinn. Die Akunganer werden Ihnen viel Respekt entgegenbringen." Jonas blickte wieder auf den Platz hinunter. "Was passiert hier gerade? Ist das ein Fest?" Der Medizinmann nickte. "Ja, das ist es. Es wird einmal im Jahr am neunten Vollmond gefeiert. Dies ist der Tag, an dem die Akunganer dem größten aller Götter huldigen, Kana-Tem." "Dem Gott, den man an dem großen Tempel dargestellt hat?" "Ja." Der Medizinmann wies auf eine kleine, matt glänzende Statue, die in der Mitte des Platzes stand. "In dieser Darstellung von ihm ist seine Kraft gefangen. Das jedenfalls behaupten die Leute hier. Als Kana-Tem starb, hat ein tapferer Mann dessen Herz aus dem Leib geschnitten, in große Bananenblätter eingewickelt und dann in die Statue, die innen hohl ist, gelegt. So jedenfalls berichtet es die Legende. Und in dem Herzen Kana- Tems ruhen die Kräfte des Gottes und leben innerhalb der Statue weiter. Sie steht eigentlich immer im großen Tempel, aber zur Zeba holen wir sie für einen Abend nach draußen, um ihr Opfer darzubringen." "Zur Zeba?", fragte Jonas stirnrunzelnd. "Heißt so dieses Fest?" "Ja." Dim-Kalir nickte. "So ist es. Diese Menschen glauben normalerweise nicht an die Unsterblichkeit der Seele, müssen Sie wissen. Die gehört für sie fest zum Körper, wie das Blut, das durch ihre Adern fließt. Daher ist es bei ihnen die oberste Priorität, jeden Tag ihres Lebens zu genießen und die Erfahrungen, die sie sammeln, an die Nachkommen weiterzugeben. Lediglich bei ihren Göttern machen sie eine Ausnahme. Die sind unvergänglich." Jonas nickte. Er musste an Kenji denken, und ein schelmisches Lächeln glitt über seine Lippen. Der Inder würde der Auffassung der Akunganer verwirrt entgegentreten. Mit derartigen Lebenseinstellungen war sein Freund noch nie zuvor berührt worden. Jonas war froh, dass Kenji ihn nicht begleitet hatte. Die Worte von Dim-Kalir hätten ihn nicht nur durcheinandergebracht, sondern auch den Glauben an seine Religion angezweifelt. "Sobald die Sonne im Zenit steht, wird hier auf dem Platz ein Festessen aufgetragen, ebenfalls um dem Gott zu huldigen. Das Herz eines erlegten Beutetieres wird dabei von zwei Kindern vor der Statue verbrannt, damit Kana-Tem daraus neue Kraft für das nächste Jahr schöpfen kann." "Die Kinder spielen in Akunga auch eine große Rolle, nicht?", fragte Jonas. "Ja", antwortete Dim-Kalir. "Sehen Sie nicht die dritte Statue am Haupttempel? Das ist auch ein Kind. Die Hanii. Sie hält die Welt in ihren Händen." "Also sind die Kinder die Vertreter der Hoffnung?" "So ist es. Durch sie ist die Zukunft der Stadt gesichert. Es mag vielleicht unbegreiflich klingen, aber hier in Akunga gilt das Wort eines Kindes genauso, wie das Wort eines Erwachsenen. Mitunter auch mehr. Denn Kinder, so sagt man, haben einen reinen, unverdorbenen Geist und lassen sich nicht so leicht beeinflussen." Der Medizinmann streckte seine auf dem harten Stein steif gewordenen Glieder und gähnte ausgiebig. "Sie können an dem morgigen Festessen teilnehmen, wenn Sie wollen. Aber zuvor werde ich Ihnen allen noch die Stadt zeigen. Das ist notwendig, damit Sie verstehen, warum Sie die Existenz von Akunga in keinem einzigen Wort erwähnen dürfen, wenn Sie wieder in die Zivilisation zurückkehren."
Doug Spear schob wütend einige Farnwedel zur Seite, wobei er sich an einem Dornenbusch das ohnehin schon recht zerschlissene Hemd aufriss. Er fluchte ein wenig, ließ jedoch nicht mit den Augen von den Fußspuren ab, die sich deutlich vom weichen Boden abhoben. Es waren dreizehige Klauenabdrücke von mindestens drei Tieren, begleitet von Menschenspuren. Einige von ihnen stammten von Nikes. Und es gab im ganzen verdammten philippinischen Dschungel nur einen einzigen, der diese Schuhe trug: Dawson. Ivan Frederikson, ein strohblonder Schwede, der als Biochemiker bei der Biogenetics Co- operation in New Jersey arbeitete, schüttelte missmutig den Kopf. "Warum, zum Teufel, rennen Sie diesem bekloppten Typen hinterher, Doug?", fragte er mürrisch. "Wollen Sie etwa, dass wir diesen Raptoren auch noch zum Opfer fallen?" Er blickte kurz in die Runde. Viele waren nicht übriggeblieben. Da wäre zuerst Colin Webb, ein Großwildjäger und Ex-Söldner, ein gedrungener, stämmiger Mann von 42 Jahren, barsch und stets missmutig in seiner Art. Lyle Everad, ausgebildeter Zoologe und wohl der verfressenste Mensch auf Erden, schob gerade den bereits hundertsten Schokoriegel in sich hinein. Sein Gewicht schien eine halbe Tonne zu betragen, sein fettes Mondgesicht mit den winzigen Schweinsaugen und der dicken Kartoffelnase glänzte stets von Schweiß. Ray Burton, Paläobiologe und begeisterter Anhänger der Scientologie, hatte ein merkwürdiges Gewächs in den Händen, das er interessiert untersuchte. Und Melvin Turner, gerade mal sechzehn Jahre alt, machte einen relativ geknickten Eindruck. Sein Vater, Dr. Vance Turner, gefeierter Paläontologe in ganz Amerika, war bei dem Angriff der Raptoren zu Tode gekommen. Sein Verlust war ein tiefer Einschnitt in Melvins Leben, doch weder Doug Spear noch einer der anderen Männer nahmen Rücksicht auf sein trauerndes Herz. Der Junge war von Anfang an bloß Ballast für sie gewesen, sie hatten ihn nur mitgenommen, weil Vance darauf bestanden hatte. Doch der war nun tot, und keiner musste nun mehr seinen Ansprüchen gerecht werden. Auch nicht denen seines Sohnes. Sechs Leute, dachte Frederikson bei sich. Noch dazu ohne irgendwelche Verpflegung und Ausrüstung. Das Einzige, was sie alle bei sich trugen, waren Waffen. Messer, Pistolen und Gewehre. Frederikson hätte seine gerne gegen einen Big-Mac getauscht. Doch hier im Dschungel auf einen McDonald zu stoßen, wäre mehr als märchenhaft gewesen. "Hey, Doug!", rief er unwirsch. "Ich habe Sie etwas gefragt!" Spear hielt inne, drehte sich und starrte den Schweden wütend an. "Warum ich diesem Dawson hinterherlaufe? Weil ich ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen werde, darum! Außerdem hast du wohl vergessen, warum wir hergekommen sind! Ohne Dinosaurier gehe ich nicht aus diesem Dschungel heraus, klar?" Ivan und Melvin wechselten vielsagende Blicke. Der Schwede hatte das Gefühl, er und der Junge wären die einzig Vernünftigen in dieser Gruppe. Fettbacke und dem Scientologen war es egal, was Spear wollte. Und Webb dürstete nach Blut. "Aber Doug..." "Keine Widerrede!", fuhr ihn Spear an. "Es bleibt wie zu Anfang beschlossen!"
Die Sonne stand im Zenit und ließ das sanft dahinströmende Wasser des Flusses glänzen. Ein knapp zwanzig Meter langer Sauropode beugte seinen langen Hals zum Trinken herab, beobachtete dabei neugierig die Gruppe von Kindern, die lachend im Fluss schwamm. Sie jagten einander, spritzten sich gegenseitig nass und kletterten auf dem platten Rücken eines gutmütigen Ankylosaurus herum, der behäbig im Wasser trieb und eine ideale Insel bildete. Jonas deutete zu dem merkwürdig anmutenden Dinosaurier hinüber. "Sieh dir diese lebende Festung an!", sagte er, während er das etwa zehn Meter lange Tier betrachtete, das bis zur Hälfte im Wasser stand. Man konnte lediglich seinen massigen Schädel mit den dicken, stumpfen Hornfortsätzen sehen, der über das Wasser ragte. Die runde abgeflachte Schnauze durchpflügte den Fluss nach Algen und Tang. Der Rücken des Ankylosaurus war breit und relativ flach. Knochenplatten, hier und da mit Dornen gespickt, bedeckten ihn beinahe vollständig. Der lange Schwanz mit der schweren Knochenkeule pendelte durchs Wasser, trieb den Saurier vorwärts wie ein Motorboot. "Ein wahres Monstrum", murmelte Sarah. "Aber es scheint gutmütig zu sein. Jedenfalls macht es ihm nichts aus, dass die Kinder auf ihm herumtoben und ihn als Sprungbrett benutzen." "In keinem wissenschaftlichen Buch stand etwas darüber, dass sich Panzerdinosaurier gerne im Wasser aufhalten und dort ihre Nahrung suchen", sagte Jonas, während er Ramienfasern zu einem Seil zusammenflocht. Ramien, kleine ostasiatische Nesselgewächse, wuchsen fast überall im Tal. Aus deren Rinde wurden reißfeste, seidig glänzende Fasern gewonnen, die man bevorzugt zur Herstellung von Textilien und Seilwaren benutzte. Auch die Bewohner Akungas hatten sich die guten Eigenschaften des malaiischen Gewächses zu Nutze gemacht und stellten allerlei lebensnotwendige Dinge daraus her. Jonas hatte einen dicken Büschel der Fasern über das rechte Bein gelegt, das er von sich ausgestreckt hatte, und flocht schmale Seile, die später zu einem dicken, strapazierfähigen Strick zusammengeknüpft werden sollten. Sie würden eines brauchen, um das Hochplateau zu erklimmen, auf dem sich der kleine Flugplatz befand. Denn dass sie Akunga bald verlassen mussten, wussten sie. Jonas arbeitete schon eine knappe Stunde an dem Seil und schien nicht zu ermüden. Und trotz der flimmernden Hitze zeigte sich nicht ein Schweißtröpfchen auf seinem Körper. Er sah aus, als wäre er gerade erst nach draußen gekommen. Nur der goldene Bronzeton auf seiner Haut verriet, dass er schon entschieden länger in der Sonne saß. Er reckte kurz seinen Oberkörper, um die steif gewordenen Halsmuskeln zu entspannen, und fuhr dann mit seiner Arbeit fort. "Du hast wohl vergessen, dass außer uns noch keiner auf dieser Welt leibhaftige Dinosaurier gesehen hat", erwiderte Sarah. "Erst recht kein Wissenschaftler." "Grahm wird viel zu schreiben haben", grinste Jonas. "Er brennt schon richtig darauf, seinen Kolle... - Hey! Was soll das?" Verdutzt starrte er auf den Saurier, der vor Kurzem noch aus dem Fluss gesoffen hatte, und sich nun über den Ramienhaufen beugte. Ein halbes Kilo Fasern hing aus seinem Maul. Der Saurier kaute zufrieden, gab ein dumpfes Brummen von sich. "Der scheint das Zeug zu mögen", feixte Sarah. "Jetzt erklärt sich auch, warum die Akunganer ihre Häuser nah bei den Felsen gebaut haben, wo der Baumwuchs besonders dicht ist. Die Langhälse würden ihnen sonst das Dach vom Kopf fressen." "Im Moment frisst das Vieh mein Seil", knurrte Jonas und beeilte sich, einen Teil der Ramienfasern vor dem hungrigen Riesen in Sicherheit zu bringen, der sich bereits mit der Zunge die zweite Portion in das große Maul gebaggert hatte. "Lass das liegen!", fuhr Jonas den Saurier an, als sich dieser erneut herabbeugte, und gab ihm einen Klaps auf die prustenden Nüstern. "Das glaubt mir doch kein Mensch! Ein Apatosaurus frisst mir doch tatsächlich... - Hey, lass das endlich!" Der Sauropode kassierte einen weiteren Klaps, blinzelte verwirrt und trötete. Dabei stieß sein Kopf nach vorn und puffte Jonas in die Seite. "Das soll wohl bedeuten, dass er sich von dir nichts sagen lässt", grinste Sarah. Jonas brummte etwas Unverständliches vor sich hin und schob den Kopf des Sauriers von sich, der ihn prustend beschnüffelte. Das Tier gurrte, hob den Kopf zurück in schwindelerregende Höhen und blickte einem Schwarm Flugsaurier hinterher, der über ihm kreiste. Es waren Pterodactylen, kleine Segler mit spitzen, leicht gebogenen Schnäbeln. Sie stießen laute Schreie aus, die entfernt an die Laute von Raben erinnerten. Doch waren die Daktylen schön. Die Unterseite ihrer Körper trugen leuchtende braune und weiße Schattierungen. In der Mittagssonne glitzerten feine, haarähnliche Schuppen. Ein schillerndes Grün kennzeichnete die Schnäbel der Männchen, die Farbe der Weibchen war blau. Ihre schmalen gebogenen Flügel wurden von einem ausgeklügelten System aus Sehnen, Bändern, Haut und Muskeln gesteuert. Ein leichtes Zucken in Oberschenkel und Knie korrigierte die Spannung der Flügelmembran zwischen Vorder- und Hinterbein. Die Hautlappen an der Leitkante wurden von einem besonderen, zinkenähnlichen Knochen bewegt, der am Handgelenk ausgewachsen war. Sie spannten und lösten sich ständig, um die Effizienz des Luftstroms auf den Flügeln optimal zu nutzen. Selbst wenn die Daktylen so niedrig flogen, dass sie sich kaum in der Luft zu halten schienen, arbeitete die Flügelmaschinerie absolut fehlerfrei. Verringerte sich die Fluggeschwindigkeit beim langsamen Aufstieg, öffneten die Handgelenkknochen einen Schlitz in der Leitkante, ließen einen Teil des Luftstroms hindurch und verhinderten so, dass der Flügel an Auftrieb verlor. "Was für merkwürdige Wesen", murmelte Sarah und fuhr sich durch das glänzende Haar. "Irgendwie ist hier alles merkwürdig... aber trotzdem schön... - Weißt du, an was mich dieses Tal hier erinnert?" Jonas blickte von seiner Arbeit auf. "Hm?" "An den Garten Eden." Ihr Freund grinste breit. "Klingt nicht schlecht... - Wenn du meine Eva bist..." Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß und sah zu ihm auf. "Reicht es auch, wenn ich ganz einfach nur deine Sarah bin?" "Vollkommen!", lächelte er, beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie zärtlich. Sie lächelte, legte die Arme um seinen Hals und zog ihn zu sich hinunter. Er ließ das Geflecht aus Ramienfasern sinken, beugte sich zu ihr und küsste sie. Sanft strich er über ihr Gesicht und durch ihr Haar. Sie griff nach seinem Kopf, schob ihn leicht abwärts, sodass seine Lippen ihren Hals berührten, lehnte sich zurück und ließ sich liebkosen. Seine Arme schlossen sich um ihre Taille, er spürte ihre Hände, die sanft durch sein Haar strichen... "Erwischt!", rief jemand hinter ihnen, und Jonas stöhnte gequält. Mit leicht mürrischen Gesichtszügen tauchte er wieder aus Sarahs Halsbeuge auf. "Kevin! Dieses Tal ist drei Quadratkilometer groß, und du bist ausgerechnet hier!" Sein jüngerer Bruder grinste breit. "Was ist schlimm daran? Störe ich euch bei irgendetwas?" "Wenn ich ja sage, verschwindest du dann?" "Nö." "Nerv' jemand anderen." "Das geht leider nicht", bedauerte Kevin. "Ben, Jerry und Kirochima ziehen mit dem Medizinmann durch das Dorf und lassen sich dort alles erklären, und Kenji hockt mit den beiden Fibbis am Computer." Kevin setzte sich ans Flussufer und ließ die Beine im Wasser baumeln. Er zog eine Kette hervor und ließ sie vor Sarah baumeln. "Die hat mit ein Junge aus dem Dorf geschenkt. Dim-Kalir hat mir erklärt, dass sie von den Leuten hier als Glücksbringer angesehen wird. Sie wird aus Leder, Raptorzähnen und so merkwürdigen dunkelgrünen Steinen hergestellt." Jonas nahm ihm die Kette aus der Hand und hielt sie ins Licht. "Das sind Malachiten", sagte er. "Ich wusste ja gar nicht, dass es in Akunga Kupfererzlagerstätten gibt." "Bist du sicher, dass das da Kupfercarbonat ist?", fragte Sarah zweifelnd. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier Kupfererz gibt. Das wird vorwiegend in Amerika, Australien und jenseits des Uralgebirges gefunden." Jonas betrachtete die Steine genauer. Sie waren alle smaragd- bis schwarzgrün, mit hellgrünem Strich. Sie waren nur oberflächlich geschliffen worden, der splitterige, schalige Bruch war noch deutlich zu sehen. "Achaten können es nicht sein. Denn in der Natur können diese Steine nicht derart leuchtende Farben hervorbringen. Und für einen Chrysopras ist die Farbe zu dunkel und die Stücke zu glatt und dicht. Die vom Chrysopras sind sehr rissig, und außerdem sind die grünen, von Nickelsilicaten hervorgerufenen Farbschattierungen auf diesen Steinen viel zu unregelmäßig verteilt, als dass man sie für derart große Schmuckstücke verwerten könnte. Und für Smaragden sind die Dinger hier zu dunkel." "Alles klar, Herr Professor!", grinste Sarah. "Du bist ja besser als Scully!" "Das hier habe ich auch noch bekommen." Kevin holte einen Beutel hervor, der mit kleinen, rundgeschliffenen Steinen gefüllt war. Sie waren kornblumenblau und glänzten in der hellen Mittagssonne. "Saphire", sagte Jonas. "Ganz zweifellos. Und noch dazu so viele auf einmal." "Sie sehen aus wie Murmeln", sagte Sarah und drehte die Steine in den Fingern. "Die Kinder hier benutzen sie auch als Murmeln", erwiderte Kevin. "Im Dorf spielen viele von ihnen damit." "Auch kein für die Philippinen typisches Mineral. Na ja, in Thailand wurden mal ein paar Saphire gefunden, aber das liegt viel weiter im Nordwesten." Sarah grinste. "Ist das nicht wie ein Traum? Kinder spielen mit Edelsteinen Murmeln, die Menschen machen sich nichts aus Geld und Gut, und noch dazu wohnen sie in einem perfekten, von einer atemberaubenden Schönheit geprägtem Ökosystem." "Vielleicht war dein Vergleich mit dem Garten Eden gar nicht so falsch", grinste Jonas.
Spear ließ seinen Blick über das weite Tal schweifen. Er saß zwischen einigen Büschen, nicht weit vom großen Wasserfall entfernt, wo die schillernden Fluten aus dem Berginneren in die Tiefe schossen. Neben ihm saßen Ivan und die anderen, die Blicke, ebenso wie er selbst, auf das atemberaubende Panorama unter ihnen gerichtet. "Wer sagt's denn? Da sind sie ja! Ganze Herden von ihnen!", sagte Colin Webb und robbte weiter vor. "Mein Gott, gegen diese Tiere ist ein ausgewachsenes Nashorn ja direkt langweilig für einen Wilderer, der sein Handwerk versteht..." "Du wirst noch früh genug Trophäen einheimsen können", knurrte Spear. "Und bis ich dir nicht die Erlaubnis dazu gebe, lässt du deinen Bärentöter hübsch auf dem Rücken, klar?" "Was glauben Sie? Ob dieser Dawson hier irgendwo ist?", fragte Ray Burton. "Wenn er nicht vorher von einer Herde Raptoren zerrissen wurde", knurrte Webb mürrisch. "Gebt mir ein Fernglas!", befahl Spear. Lyle Everard wühlte in seinem Rucksack herum und drückte seinem Boss eins in die ausgestreckte Hand. Spear hielt es nicht für nötig, sich zu bedanken, und startete seine Rundschau. An einem Ende des Tals erhoben sich riesige Tempelanlagen. Spear sah die drei eingemeißelten Gottheiten am Haupttempel, die sich in den Himmel zu wachsen schienen. "Was ist das?", fragte Ivan neben ihm. "Woher soll ich das wissen!", fauchte ihn Spear an. "Bin ich etwa ein Hellseher?" Er schwenkte das Fernglas und sah nun die riesigen Seen, die aus dem Fluss entwuchsen. Kinder badeten darin. Sie sahen aus wie südamerikanische Waldmenschen. Saurier tummelten sich scheinbar überall. Am und im Wasser, auf den Hügeln, in den Wäldern und bei den Steilwänden, mit denen das Tal von der Außenwelt abgeschlossen wurde. "Dort unten stapft der Reichtum unserer Zukunft herum", knurrte er, und ein breites Grinsen legte sich auf seine schmalen Lippen. "Wir werden reich, Jungs! Stinkreich!" Er ließ das Fernglas erneut schwenken. Dabei fiel sein Blick auf den großen Sauropoden am Fluss. Neben ihm saß eine kleine Gruppe von Menschen, die sich zu unterhalten schien. "Everad?" "Hm?" "Welche Haarfarbe haben normalerweise alle Ostasiaten?" "Schwarz, was sonst?" "Bist du ganz sicher, dass es da keine Ausnahmen gibt?" "Die einzigen Ausnahmen sind Nichtasiaten", erwiderte Lyle grinsend, während er sich ein Snickers in den Mund schob. Seine ohnehin schon viel zu dicken Backen schienen an Masse zu gewinnen. "Wieso fragen Sie?" "Weil die Drei da unten nicht gerade wie Eingeborene aussehen. Ein Mädchen mit langen roten Haaren, ein kleiner Braunhaariger und ein Blonder mit breiten Schultern." "Und?" "Du Trottelgesicht!", zischte Spear. "Denk doch mal scharf nach! An was erinnern dich diese Bälger?" Lyle Everard schluckte sein Snickers hinunter und pulte die Erdnussreste aus den Zähnen. "Also, Dawson ist nicht dabei. Der hat dunkelbraune..." "Vollidiot!", schrie ihn Spear an. "Die Schmarotzer da unten gehören zu Grahm! Na, klingelt's jetzt endlich bei dir? Ist der Groschen gefallen?" Lyle runzelte die Stirn und ließ in seinem Zähnepulen inne. "Ich dachte, die sind mit der Gondel abgestürzt und tot..." Spear schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. "Mann! Langsam kommt er drauf!" "Sie glauben also, dass die den Absturz in den Dschungel überlebt haben?" "Es sieht ganz danach aus", murmelte Rob. "Das ist allerdings nicht gut für sie!", knurrte Colin Webb. Spear hob beschwichtigend die Hand. "Immer mit der Ruhe, großer Jäger! Wer weiß? Vielleicht können die uns bei unserem Unterfangen noch nützlich werden? Schließlich haben sie und Dawson uns ja auch hierher geführt." "Sie glauben, dass sich dieser Trottel Grahm und seiner Bande angeschlossen hat?" "Es sieht ganz danach aus", knurrte Spear. "Und glaube mir, für das wird der Junge noch bitter bezahlen!"
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