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Die Stimmung vor dem großen Haupttempel war fröhlich und ausgelassen. Man hatte lange Tischreihen aufgestellt, auf der allerlei Speisen standen. Es war ein Festtag. Der Tag der Zeba. Und alle Bewohner von Akunga nahmen daran Teil. Es wurde gegessen, getrunken und gelacht, nirgendwo sah man einem Menschen mit traurigem Gesicht. "Was ist das?" Sarah beäugte misstrauisch den tiefen Holzteller, den man vor ihre Nase gestellt hatte. "Hidu-Munali", antwortete Dim-Kalir. "Es schmeckt sehr gut. Das Fleisch stammt von den Sauriern, die ihr Chompsognathen nennt. Es ist sehr zart und äußerst delikat. Das dort ist ein Mus, das aus den hiesigen Früchten gekocht wird. Es schmeckt ähnlich wie Preiselbeerkompott. Man isst es zusammen mit dem Matak, einem Fladenbrot aus Stärke, das aus Palmenmark gewonnen wird. Das da, was aussieht wie Spinat, ist eine der wohl vitaminreichsten Pflanzen unserer Erde. Sie wächst nur hier und ist bis auf den Eingeborenen jedem unbekannt. Man nennt sie Schuning, was so viel wie gutes Kraut bedeutet. Vom Geschmack her könnte man es mit in Essig eingelegter Sellerie vergleichen. Und das ist Junchitschui, eine weitverbreitete Frucht in Akunga. Sie schmeckt ein wenig wie Aprikose." Sarah tauchte ihren Finger in das orangefarbene Mus und steckte ihn dann in den Mund. "Hm, nicht schlecht." Während sie aßen, beobachteten die Fremden alles ringsum, sogen es in sich auf: Die Tänzerinnen vor dem Tempel, die Männer um den großen Bratspieß, den sie über dem Feuer drehten und auf dem das üppige Fleisch duftend vor sich hin briet. Die Kinder, die lachend mit ihren Saphiren Murmeln spielten. Die kleinen, zweibeinigen Saurier, die zwischen den Tischen hin und her huschten und darauf warteten, dass auch für sie etwas abfiel. Eine Handvoll Daktylen hatte sich auf die weitausladenden Äste eines alten von Moos und Flechten bewachsenen Baumes gesetzt und stießen sich hin und wieder ab, breiteten ihre Schwingen aus und suchten von oben nach Beute. Zwei Hunde saßen schwanzwedelnd vor mehreren Männern, die sich lachend und schwatzend über das Essen hermachten, und bettelten um einen Happen Fleisch. Ein weißgelber Kakadu erhob sich laut zeternd von seinem Platz am Bratspieß, als ihn ein Raptor fauchend ansprang. Der Vogel kreischte, zwickte den Raubsaurier im Flug mit seinem kräftigen Schnabel in die Flanke und gesellte sich dann zu den Daktylen im Baum. Jonas beobachtete nachdenklich die braunbepelzten Flieger mit den weißen Mustern auf der Brust und den gelborangenen Schnäbeln, während er aß. "Warum verlassen sie dieses Gebiet nicht?", fragte er plötzlich. Dim-Kalir, der neben ihm saß, hob den Kopf. "Die Flugsaurier?" "Nicht nur die. Was ist mit dem Mosasaurier, dem wir auf dem Fluss begegnet sind? Ich dachte immer, er würde im Meer leben." "Oh, manchmal tun sie es", erwiderte der Medizinmann. "Aber nur sehr selten, und nur einige Arten von ihnen, meistens kleine Saurier, wie die Compsognathen. Alle Dinosaurier, die größer sind als Menschen, gibt es nur noch auf einem einzigen Fleckchen Erde, nämlich hier. Die Verhältnisse in Akunga sind folgendermaßen: Die Luft hier enthält mehr Kohlendioxid und dafür weniger Sauerstoff, eine wahrhaft optimale Bedingung für jede Art von Reptil. Vor einigen Millionen Jahren war dieser Unterschied noch viel extremer. Doch diese Luftzustände änderten sich vor knapp achtzig Millionen Jahren langsam, Stück für Stück, bis sie die heutigen Messwerte erreicht hatten. Und diese sind für die meisten Dinosaurier in mehr als zweiundneunzig Prozent der heutigen Erdfläche tödlich. Sie vertragen diese gravierenden Klimaunterschiede absolut nicht. Die Großen sind allesamt Kaltblüter. Sie können nur in Tropengebieten wie diesen hier leben. Und davon gibt es nicht viele." "Welche können die Insel verlassen?", fragte Mulder, und seine Stimme klang ernst. Als der Medizinmann ihn verständnislos anblickte, fügte der Agent hinzu, dass es viele Todesfälle gegeben habe, die man beispielsweise auf Dilophosaurier zurückführen könne. Die Speichelproben aus Jakarta würden das nur belegen. "Ja, sie können die Insel verlassen", sagte Dim-Kalir dumpf, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte. "Leider." "Und? Welche noch?" "Die Compsognathen, wie bereits erwähnt. Die kleinen warmblütigen Räuber halt." "Und die Flugsaurier? Die Meeresechsen? Was ist mit denen?" "Die Flieger sind warme Thermik gewöhnt, ohne viel Wind. Und die Meerechsen, wie ihr sie nennt, vertragen weder den heutigen Salzgehalt, noch die Temperatur des Indischen wie Pazifischen Ozeans. Dazu kommt noch die zunehmende Umweltverschmutzung mit Stoffen, die es zur Zeit der Dinosaurier nicht gab und die für sie Gift sind." Sarah wurde nachdenklich. "Das bedeutet, dass Akunga der letzte Ort auf Erden ist, wo diese Tiere noch vorzufinden sind, weil sie nirgendwo sonst überleben können." "So ist es", nickte Dim-Kalir. "Sie sind die letzten Vertreter ihrer Art, einer Welt angehörend, die nur noch hier existiert, weitab der Zivilisation." "Jetzt verstehe ich, was Sie gestern Abend gemeint haben", sagte Sarah leise. "Ich meine, dass wir niemanden davon erzählen, auch nur andeuten dürfen, dass es ein Überbleibsel des Mesozoikums gibt, einer..." "Vergessenen Welt", vervollständigte Scully den Satz. "Und es ist das Beste, wenn sie unter uns bleibt und niemals an die Öffentlichkeit dringt." "Dann sollten Sie lieber auch Ihre Schreiberei lassen, Ben", feixte Kenji mit einem schelmischen Seitenblick auf Grahm. "Aber diese Dilophosaurier", wandte Mulder ein. "Sie sind eine Gefahr für die Menschen. Das können Sie nicht dementieren, Dim-Kalir. Vier registrierte Menschenleben gehen schon auf das Konto dieser Echsen. Es wird sie bestimmt überall auf den Pazifikinseln geben, vor Allem in Indonesien." "Was soll ich dagegen tun?" Der Medizinmann hob hilflos die Schultern. "Ich habe diese Wesen nicht unter Kontrolle, so wie die Raptoren..." In diesem Moment fielen ohrenbetäubende Schüsse, und ein entsetztes Geschrei ging durch die Reihen der Akunganer. Jonas ließ vor Schreck den Schenkelknochen fallen, an dem er eben gerade noch genagt hatte, und blickte auf. Dort, mitten auf dem Festplatz, wenige Schritte vom Tempel entfernt, stand eine Handvoll Männer, bis zu den Zähnen bewaffnet mit schweren Jagdgewehren und Pistolen. Einen von ihnen erkannte Jonas sofort. Es hätte viel bedurft, um dieses babyhafte, doch in jeder Form linkische Gesicht zu vergessen: Das Gesicht Doug Spears...
"Kommen wir auch pünktlich zum Fest?" Diese Worte, dermaßen zynisch ausgesprochen, ließen Jonas vor Zorn zittern. Auch Jerry neben ihm zitterte. Aber aus Angst vor seinem Boss, der so plötzlich auf der Bildfläche erschienen war. Spear schritt gemächlich - eher arrogant, dieser Begriff passte einfach besser - auf die kleine Gruppe der Amerikaner zu. Als sich ihm fauchend einer der Raptoren entgegenstellte, hob er seine Maschinenpistole. Die Schüsse hallten im Tal wieder, waren dermaßen ohrenbetäubend, dass sich die Menschen ängstlich die Ohren zuhielten. Die Salve aus Spears Waffe zerriss den Raptoren schier in der Luft. Mit einem heiseren Schrei bäumte sich das Tier auf, knickte dann ein und schlug dumpf auf dem Boden auf. Es zuckte, wimmerte kläglich. Überall war Blut. Die anderen Raptoren heulten wütend auf, wollten sich auf Doug stürzen, der erneut seine Pistole hob. Dim-Kalir riss entsetzt die Arme hoch. "Havano-Kavo!", rief er panisch. "Havano-Kavo!" Die Raubsaurier hielten inne, wichen langsam zurück. Doch das mörderische Funkeln in ihren bernsteinfarbenen Augen wollte nicht weichen. Bedrohlich zischend und knurrend traten sie neben den Medizinmann, doch ihre Flanken bebten, die Beinmuskeln spielten. Sie warteten nur darauf, dass ihnen ihr Meister den Befehl zum Töten gab, um ihren Artgenossen zu rächen, der noch immer wimmernd auf der Erde lag, von einer sich weiter ausbreitenden Blutlache umschlossen. Ein Raptor beugte sich über ihn, fiepte traurig und stupste sanft mit der Schnauze gegen die Schulter des Sterbenden. Doch der war zu schwach, um den Kopf zu heben. Lediglich sein Brustkorb hob und senkte sich in rascher Folge, der Atem erfolgte schnell. Das Tier röchelte von Krämpfen geschüttelt, das Maul öffnete sich zu einem heiseren Schmerzensschrei. Sarah senkte rasch den Blick. Tränen standen in ihren Augen und sie hielt sich hastig die Ohren zu, als der markerschütternde Schrei des Raptoren über den Festplatz hallte. Jonas nahm sie in die Arme, wiegte sie beruhigend hin und her. Voll entfesselter Wut starrte er Spear an, der beim Anblick des leidenden Sauriers nicht einmal auch nur mit der Wimper zuckte. "Geben Sie dem Tier um Gottes Willen den Gnadenschuss!", schrie ihn Mulder an. "Warum sollte ich eine weitere Kugel für diese Bestie verschwenden?", entgegnete der Biogenetiker und beobachtete mit widerlichem Wohlgefallen das von höllischen Schmerzen gepeinigte Tier, das schreiend austrat, mit dem Kopf in die schlammige Erde schlug, immer mehr Blut verlor und von einem weiteren Krampf gepackt wurde. "Sie können ihn doch nicht so leiden lassen!", rief Jonas fassungslos. "Ich kann machen, was ich will", gab Spear eiskalt zurück. "Und jetzt halten Sie's Maul, sonst enden sie so wie dieses Vieh!" Spear bemerkte nicht, dass einer seiner Begleiter, ein stämmiger Mann mit blondem Haar und skandinavischem Aussehen, neben den sterbenden Raptoren trat, der erneut schrie. Der Schrei ging in ein klägliches Wimmern über, unterbrochen von stoßweisem Röcheln. Aus seinem Maul floss Blut. Der Mann hob sein Gewehr, zielte auf den Schädel des leidenden Tieres und drückte ab. Der Schuss krachte, unsägliche Stille folgte. Der Raptor war tot. Spear fuhr herum. "Warum hast du das getan, Ivan?", fauchte er. "Das Vieh hätte auch ohne deine Hilfe verrecken können!" Frederikson ließ das Gewehr sinken und sah seinem Boss mit einem stechenden Blick an. "Jeder an meiner Stelle hätte so gehandelt. Außerdem war nie die Rede davon, Tiere auf diese Weise umzubringen, Doug. Kein Wesen verdient es, so zu sterben." "Werde mir bloß nicht sentimental, du Schwachkopf!" Spear schnaubte abfällig. Dann wandte er sich wieder um. Seine widerwärtig eisblauen Augen musterten die Amerikaner. "Schön, Sie einmal persönlich kennen zu lernen, Grahm", sagte er höhnisch. "Und Sie, Dr. Quinn. Oder Sie, Agent Mulder. Wie verrückt! Ein Treffen der größten Spinner inmitten der Undurchdringlichkeit des Dschungels, ist das nicht verrückt? Und noch dazu ein Wiedersehen! Ein Wiedersehen mit unserem alten Freund Jerry! Welcher Trottel hat dir geholfen, bis jetzt am Leben zu bleiben?" Dawson schwieg, zitterte unter den Blicken Spears. Er schloss die Augen und wünschte sich, das alles wäre nur ein böser Traum, und er würde jeden Moment aufwachen. Schweißgebadet und verängstigt, aber in Sicherheit. Doch er träumte nicht. Spear trat näher an ihn heran, so nahe, dass Dawson seinen schlechten Atem nach billigem Whisky riechen konnte. "Weißt du, was Exekution ist?", zischte Doug. "Weißt du es?" Dawson schwieg. "Weißt du, was man im Mittelalter mit Ketzern gemacht hat?", raunte Spears Stimme wie aus den Tiefen der Gruften der Hölle. "Mit den Zauberern und Hexen?" Dawson schwieg. "Weißt du, was man mit den Juden gemacht hat, im Zweiten Weltkrieg unter Hitler? Na, weißt du es?" Spear trat noch näher, seine Augen wirkten wie zwei messerscharfe Dolche. Ganz nah kam er, feuerte diese Dolche auf den zitternden Dawson und zischte boshaft, zischte voller Mordlust, doch laut genug, dass es jeder vernehmen konnte: "Das alles ist nichts im Vergleich zu dem, was ich mit dir machen werde! Was ich mit euch allen machen werde!" "Boss, das war nicht..." "Schweig, Ivan!", brüllte Doug. "Hier bestimme ich! Und wenn dir das nicht passt, dann stell dich zu denen dazu und lass dich niedermetzeln, so wie es sich für Verräter gehört!" Der Schwede schwieg, und auch Melvin, der neben ihm stand, war mehr als unwohl. "Sperrt diese Bastarde in den Tempel!", befahl Spear und zeigte auf die Akunganer. "Wenn einer muckst, wird er sofort erschossen! Mach das deinen verblödeten Waldaffen klar, Medizinmann! Und der Rest kommt in die Hütte dort hinten! Bewacht sie gut, die hebe ich mir zum Schluss auf! Los, dallidalli!"
Ivan Frederikson war tief aufgewühlt. Was Spear da vorhatte, hatte nichts mehr mit der Sache zu tun, wegen der sie nach Mindanao gereist waren. Kein bisschen, um genau zu sein. Was brachte diesen Verrückten dazu, unschuldige Menschen umzubringen, die nicht einmal wussten, aus welchem Grund sie sterben sollten? Wenn Ivan ehrlich sein sollte, wusste er es auch nicht. Sein Groll gegen Doug wuchs mit jeder weiteren Minute, in der er dem Biogenetiker ausgesetzt war. Und er fasste einen Entschluss. Während Spear, Everad und Burton die Eingeborenen in den Tempel trieben und Webb alle Raptoren abknallte, die es wagten, sich ins Geschehen einzumischen, brachte Ivan zusammen mit Melvin die Amerikaner und den Medizinmann zur angewiesenen Steinhütte. Dabei beobachtete der Schwede die Gruppe genau. Da wäre zuerst Ben Grahm, der Mann, der Spear so verhasst war - aus welchen Gründen auch immer. Neben ihm gingen Dawson und dieser ehemalige Geheimdienstagent Vince. Eine etwa fünfundzwanzigjährige Asiatin folgte mit gesenkten Blicken. Sie hatte dem braunhaarigen Jungen, der, soweit Ivan wusste, Kevin hieß, den Arm tröstend um die Schulter gelegt. Dann kam der Inder, ein gutaussehender junger Mann mit grobknochigem Gesicht und schulterlangen, im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden Haaren. Nach ihm folgten die beiden FBI-Agenten. Den Abschluss bildete der Medizinmann mit Jonathan Quinn und dem Mädchen. Als sie die Hütte erreichten, ließ Ivan die Gefangen eintreten und wies Melvin an, an der Tür stehen zu bleiben und sofort zu melden, wenn sich Spear oder einer der anderen auch nur entfernt blicken ließ. Dann trat er ebenfalls in die Hütte, schob die Tür hinter sich bis auf einen Spaltbreit zu, so dass Melvin alles hören konnte, was im Inneren der Hütte geschah, und zündete eine Fackel an. Was er sah, waren elf Gesichter, teils wütend, teils erschüttert, teils beinahe mordlustig. Ivan stellte das Gewehr an die kalte Steinwand und trat dann einige Schritte davon weg. "Hört zu, ich habe nicht vor, euch zu erschießen. Ich werde euch überhaupt nichts antun. Was Spear vorhat, schlägt bei mir keine Wurzeln. Und bei Melvin auch nicht." Er wies auf den Jungen vor der Tür. "Aber die anderen drei halten fest zu diesen Biopfuscher. Vor allem Colin Webb." Vince beäugte Ivan voller Misstrauen. "Wenn Sie mit Spears Machenschaften nichts zu tun haben wollen, warum halten Sie uns dann dieser Hütte fest?" "Ich möchte nicht nur, dass Ihnen nichts geschieht. Ich habe auch Angst um mich und Melvin. Spear ist zu allem fähig. Wir werden nicht alleine mit ihm fertig..." "Und was ist mit all den Menschen, die außer uns sterben müssen? Vielleicht jetzt im Moment, irgendwo im Tempel?", fragte Mulder mit einem wütenden Funkeln in den haselnussbraunen Augen. "Er wird sie wahrscheinlich nicht töten. Aber auch sie können wir nur befreien, wenn wir zusammenhalten", sagte Ivan eindringlich. "Woher sollen wir denn wissen, dass wir ihm trauen können?", zischte Grahm. "Wer weiß, ob das nicht alles eine Falle ist?" Vince trat näher an Ivan heran. Seine Blicke schienen den Schweden zu durchleuchten wie Röntgenstrahlen. "Wie heißen Sie?" "Ivan Frederikson. Der Junge dort draußen heißt Melvin Turner. Er ist eigentlich nur auf Wunsch seines Vaters mitgekommen. Doch der ist von den Raptoren getötet worden. Genauso wie sieben weitere Männer. Zum Glück war auch Pount unter ihnen. Würde dieser Drecksack noch leben, sähe die Sache noch schlimmer aus." Jerry Dawson tippte Vince auf die Schulter. "Ich glaube, dass wir Ivan trauen können. Ich kenne ihn schon länger, und ich bezweifle, dass er dazu fähig wäre, uns umzubringen. Und Melvins Vater war ein loyaler Mann, ein guter Paläontologe..." "Ja, ich kannte ihn auch", stimmte Grahm zögerlich zu. "Er war zwar ein wenig still und zurückgezogen, doch wahrlich nicht auf den Kopf gefallen..." Vince warf noch einmal einen kurzen Blick auf Frederikson und nickte dann. "Gut. Wir vertrauen Ihnen." "Ich danke Ihnen. Vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam, unversehrt wieder aus diesem Dschungel herauszukommen." "Tja, die Frage ist nur, wie", murmelte Grahm. "Wir sind dreizehn Leute gegen vier schwerbewaffnete und zudem skrupellose Männer, die vor nichts zurückschrecken..." "Eigentlich sind wir nur acht", sagte Vince. "Kevin ist noch ein Kind und Sarah, Miss Pacal und..." "Um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Dad", schritt seine Tochter beinahe ärgerlich ein. "Ich habe schon ganz andere Dinge durchgestanden!" "Und ich will auch dabei sein!", rief Kevin dazwischen. "Du bleibst hübsch da, wo es sicher ist!", brummte Jonas. "Warum sollte ich? Das hast du auch nie gemacht! Du warst überall dabei! Und da warst du noch sehr viel jünger als ich!" "Du musst mir das ja nicht alles nachmachen, oder?" "Aber..." "Jonas hat Recht, Kevin", sagte Vince bestimmt. "Du, Sarah und Miss Pacal, ihr werdet euch so gut wie möglich aus dem ganzen Geschehen hier heraushalten. Und Dim-Kalir sollte lieber auch eine ruhige Kugel schieben." "Mir bleibt gar nichts anderes übrig", erwiderte der Medizinmann. "Mein Körper macht nicht mehr allzu viel mit. Schließlich wird jeder mit der Zeit älter..." "Anstatt darüber zu diskutieren, wer sich an unserer Aktion beteiligt, sollten wir diese erst einmal planen!", ergriff Mulder das Wort. "Es gibt nur eine Möglichkeit", erwiderte Dim-Kalir. "Zarus, der Vollstrecker." Jonas runzelte die Stirn. "Zarus? Sie wollen jetzt allen Ernstes auf einen Gott vertrauen?" Der Medizinmann lächelte. "O ja. Zarus ist ein existierender Gott, der Sohn des Kana- Tem. So erzählt man wenigstens in Akunga. Zarus lebt aber nicht hier im Tal, sondern draußen im Dschungel. Wäre er hier, würde er Akunga zerstören mit seiner Wucht und Gewalt. Sein Zerstörungseifer würde ihn dazu verleiten." "Könnten Sie endlich mal Klartext reden?", murmelte Grahm. "Ich verstehe absolut nicht, wovon Sie sprechen. Wer ist Zarus?" "Das Tier, das ihr die Tyrannenechse nennt." "Der T-Rex?" Dim-Kalir nickte. "Ja. Nur er kann mit Spear unbeschadet abrechnen. Schüsse aus Maschinenpistolen sind für ihn nur Mückenstiche, solang nicht seine Augen getroffen werden. Das ist seine einzige empfindliche Stelle. Sobald er im Tal ist, wird er alles vernichten, was nicht hierher gehört. Und zwar alle Menschen ohne das Gahni-Dah..." "Was ist das?", fragte Ivan. Der Medizinmann holte zwei Lederbeutel aus seinem Gewand hervor. "Das hier ist es. Es ist ein Kraut, das von den Dinosauriern als Freund angesehen wird. Der, der einen Beutel davon um den Hals trägt und nach Gahni-Dah riecht, ist in den Augen jedes Sauriers jemand, der beschützt werden muss. Jeder andere muss getötet werden. Das ist das Gesetz von Akunga." Dim-Kalir hängte Ivan den einen Beutel um den Hals, den anderen ließ er von Kevin zu Melvin bringen, der noch immer vor der Tür stand und Wache hielt. "Sie haben noch nicht gesagt, wie wir diesen Zarus in das Tal bekommen", sagte Jonas. "Wenn er draußen im Dschungel lebt, außerhalb der steilen Felswände, wie kann er denn zu Akunga gelangen?" "Durch den Tempel. Die Rückwand dieses Gebäudes ist mit einem Mechanismus versehen. Wenn dieser betätigt wird, öffnet sich das Tor zwischen der Inneren Welt und dem Dschungel. Es ist extra für die großen Saurier geschaffen worden, die nicht durch das Schattenreich zwischen hier und dort hin und her gehen können." "Wo verbirgt sich dieser Mechanismus?", fragte Scully. "Wenn er im Tempel selbst ist, haben wir kaum eine Chance, ihn zu betätigen." "O nein, er ist nicht in diesem Tempel dort draußen", sagte Dim-Kalir. "Der Tempel Hin, das Tor, liegt etwa sechs Kilometer von hier entfernt, am anderen Ende des Tales." "Sechs Kilometer durch den Dschungel?" Grahm schüttelte entmutigt den Kopf. "Wie, zum Teufel, sollen wir da bloß so schnell wie möglich hinkommen?" "Das ist kein großes Problem", erwiderte Dim-Kalir und lächelte. "Kommen Sie mit mir!" Sie verließen die Hütte, nachdem sie sich davon überzeugt hatten, dass weder Spear noch die Söldner sie sehen konnten. In gebückter Haltung huschten sie unter den mannshohen Farnsträuchern hindurch. Dim-Kalir führte sie verschlungene Pfade entlang, über mit Felsbrocken durchsetzte Bäche und unter dem Blätterdach gewaltiger Urzeitbäume hindurch. Die Dschungelstadt musste bereits einige hundert Meter hinter ihnen liegen. "Wohin führen Sie uns?", raunte Grahm, als sie sich durch dichte Zykadophytenwedel kämpften. "Zu einem geheimen Ort", antwortete der Medizinmann gedämpft. "Zu der Lura." "Was ist denn das schon wieder?", grummelte Mulder. "Das unterirdische Labyrinth von Akunga", erwiderte Dim-Kalir. "Der geweihte Ort, den nur sehr wenige Menschen betreten dürfen." Sie huschten weiter, vorbei an unzähligen urigen Pflanzen, die auf der restlichen Welt schon teilweise ausgestorben waren, vorbei an Koniferen, Ginkobäumen, Schachtelhalmen, Bennettitaceen und Araukarien, bis der Medizinmann endlich stehen blieb und auf eine massige Sumpfzypresse deutete. "Wir sind jetzt da." Er ging um den gewaltigen Baum herum, dessen kräftige Wurzeln teils überirdisch lagen und an einigen Stellen einen Durchmesser von einem halben Meter haben mussten. Dünnes, ausgefranstes Wurzelwerk hing wie ein gewaltiger Vorhang über dem Boden. Dim-Kalir schob es zur Seite und trat in einen dahinter liegenden Hohlraum. Seine Begleiter folgten ihm. Der Hohlraum war gewaltig. Menschen mussten ihn unter größter Anstrengung ausgehoben haben. Stufen aus hartem Lehm führten von der Oberfläche in ihn hinab. Der Hohlraum war etwa zehn Meter hoch und etwa dreimal so lang. An der gegenüberliegenden Längsseite führten unzählige Tunnel tiefer in das Erdreich hinein. "Das ist die Lura", sagte Dim-Kalir und strich beinahe andächtig über die erstaunlich glatten Lehmwände. "Sie ist so alt wie die Stadt selbst, aber noch immer nicht vollkommen. Seit Jahrhunderten baut man hier unten, legt weitere Tunnel an, die überall in das Tal führen sollen." "Gibt es auch schon einen, der zum Tor führt?", erkundigte sich Sarah, während sie die gewaltige Kuppel über sich bestaunte. Mit bunten Farben aus Lehm waren Figuren an die Wände gemalt wurden, die den Höhlenmalereien aus der Steinzeit ähnelten. Sie unterschieden sich jedoch in der Qualität. Man konnte genau erkennen, wie viel Mühe sich die Künstler mit ihren Bildern gegeben hatten. "Nein, leider nicht. Der Tunnel ist noch in Arbeit. Aber wir können einen Gang benutzen, der uns unter dem größten Teil des Urwaldes hindurchführt und uns somit einen äußerst beschwerlichen Weg erspart." Er ging auf einen der Korridore, die ins scheinbare Nichts zu führen schienen, zu. Vor dem Durchgang nahm er eine lodernde Fackel von einem Halter in der Wand und ging voran, hinein in den Tunnel. Jonas' Augen weiteten sich vor Erstaunen, als das unruhig flackernde Licht der Fackel auf die Höhlenzeichnungen fiel, die den gesamten Gang zu zieren schienen. Er sah wundervolle Bilder von den Tempeln und Darstellungen der Feste und Riten. Ganze Geschichten wurden dort in Bildern erzählt, Legenden von tapferen Helden und Mythen von den Göttern, Kämpfe zwischen Mensch und Saurier, Triumphzüge durch die Straßen von Akunga und sportliche Spiele. Über welch Kulturgut diese Dschungelstadt verfügt, dachte er bei sich. Unglaublich! "Diese Gewölbe sind wie eine riesige Bibliothek", sagte Dim-Kalir vor ihm. "Alle Ereignisse werden hier an den Wänden festgehalten, auf dass sie die Ewigkeit überdauern und den Nachkommen von dem Leben der Ahnen erzählen. Wer weiß, vielleicht wird man auch von Ihnen berichten..." Der Gang teilte sich, und sie hielten sich nach rechts. Der folgende Tunnel war nur kurz, und sie erreichten einen zweiten Kuppelraum, der zwar kleiner als der unter der Sumpfzypresse war, aber über ebenso schöne Bilder verfügte. In der Mitte dieses Raumes stand eine Art Tisch mit Bank, auf der eine junge Frau saß und ihnen überrascht entgegenblickte. "Das ist Malia." Dim-Kalir deutete auf die junge Frau. "Sie bewacht diesen Teil des Tunnelsystems an jedem neunten Mond. Sie spricht auch Ihre Sprache, denn ich habe sie ihr gelehrt, als ich hierher kam, da sie sich sehr für meine Herkunft interessierte und mich verstehen wollte. Sie wiederum hat mir geholfen, die Sprache Akungas zu lernen. - Malia, mein Kind, komm zu uns." Sie folgte der Aufforderung des Medizinmannes und stand auf. Mit behänden Schritten kam sie zu der Gruppe hinüber. Im gedämpften Licht konnte Jonas ihr ebenmäßiges Gesicht und die großen dunklen Augen erkennen, die sie neugierig musterten. Malia war eine wahre Schönheit, ihre langen Haare umspielten ihr hübsches Gesicht, ihr Körper war schlank und behände und ihre Bewegungen waren geschmeidig wie die einer Raubkatze. "Begrüße unsere Gäste, Malia", sagte der Medizinmann lächelnd. "Sie kommen von weit her, noch sehr viel weiter als ich, doch sprechen sie meine Sprache. Sie sind Freunde und werden Akunga nichts zu Leide tun. Sie sind hier, um uns zu beschützen." "Dek hat mir bereits erzählt, was geschehen ist. Weiße Männer mit schwarzen, todbringenden Stöcken sind gekommen und haben unser Volk gefangengenommen. Wir sind ratlos, großer Schamane." "Wir werden zum Tempel des Tores gehen und Zarus rufen. Er muss kommen und uns helfen, bevor die Menschen in der Hand des bösen weißen Mannes sterben", erwiderte Dim-Kalir. Jonas bemerkte, dass sich die Beiden ähnlich unterhielten, wie es die Indianer in den berühmten Karl May-Filmen taten. Mulder neben ihm schien das Gleiche zu denken, denn er beugte sich zu ihn und raunte ihm unter vorgehaltener Hand zu: "Ja, und dann, mein Bruder, wird die Kavallerie in Form einer Raptorherde erscheinen und uns alle erretten. Und wir werden ein Fest feiern, zu Ehren des großen Dino-Manitu!" Jonas grinste, stieß dem Agenten jedoch trotzdem warnend in die Seite. Mulder hatte nun einmal die Eigenschaft, überall mehr oder weniger unangenehm aufzufallen, denn nicht jeder verstand seine Art von Humor. "Ich möchte, dass Kevin, Marvin und die Frauen hier bleiben", sagte Dim-Kalir. "Bis auf Sie, Agent Scully. Und ein oder zwei Männer sollten auch bleiben und auf die Zurückgebliebenen aufpassen, damit ihnen nichts geschieht. Währenddessen werde ich den Rest zum Tempel führen." "Ich bleibe bei Marvin", sagte Ivan bestimmt. "Ich ebenso", fiel Kenji ein. "Und ich werde auch bleiben", sagte Vince. Jonas nickte zustimmend. Vince Barrett war ein Bär von einem Mann, und er würde die ihm Anvertrauten bis zum bitteren Ende verteidigen, falls Spear sie entdecken und ihnen etwas antun wollen würde. "Kann ich auch hier bleiben?", fragte Jerry vorsichtig. "Ich wäre Ihnen allen sicherlich keine große Hilfe, denn ich bin ein miserabler Schütze. Außerdem fürchte ich mich vor Dinosauriern." "Wie Sie wünschen, Jerry", erwiderte Grahm. "Dann ziehen wir eben zu fünft los." "Zu sechst", verbesserte Dim-Kalir. "Malia wird uns begleiten." Mit diesen Worten wandte er sich an Vince: "Ich bitte Sie, in keinen der Tunnel zu gehen, solange wir fort sind. Die meisten von ihnen sind für die, die sich hier nicht auskennen, mehr als unübersichtlich und könnten auch zur tödlichen Falle werden." Der ehemalige CIA-Agent nickte. "Ich werde darauf achten, dass sich niemand entfernt." Dim-Kalir nickte zufrieden. Dann gab er seiner Truppe einen kurzen Wink und führte sie in eine der Gänge hinein. "Wir werden den Tempel vor Anbruch der Dämmerung sicherlich nicht mehr erreichen", sagte Malia. "Es könnte sein, dass wir irgendwo im Dschungel unser Nachtlager aufschlagen müssen." "Na toll!", murrte Mulder. "Scully, haben Sie Ihr Moskitonetz dabei?" "Sie waren es doch, der gesagt hat, ich soll nichts Unnötiges einpacken", erwiderte sie, während sie trockenes, dünnes Wurzelwerk, das von der Decke herabhing, zur Seite schob, um darunter hindurchgehen zu können. "Unter unnötig verstehe ich etwas anderes!", murrte er. "Ihren Kleiderschrank, zum Beispiel." Sie gingen schweigend weiter, bis sie nach einer knappen Viertelstunde scheinbar vor dem Ende des Tunnels standen. Mulder sah nichts als Wand und runzelte die Stirn. "Hat hier der Zimmermann vergessen, ein Loch zu lassen?" "Nicht doch", lächelte Dim-Kalir und schob einen weiteren Wurzelvorhang zur Seite. Angenehmes Abendlicht strahlte ihnen entgegen. Sie stiegen einige Lehmstufen hinauf und standen schließlich auf dem Gipfel eines kleinen Hügels, der weit über den Dschungel reichte. "Der Tempel liegt in dieser Richtung" Dim-Kalir deutete den Hügel hinab, wo nach einem halben Kilometer Wiesenfläche dichter Urwald begann. In der Ferne konnten sie vernebelte Berghänge erkennen. "Sollen wir etwa bis dorthin laufen?", fragte Scully. "O Gott!" "Nein, dass müssen wir nicht", erwiderte der Medizinmann. "Sofern Sie Erfahrungen mit dem Reiten von Sträußen haben..." "Sträußen?", echote Grahm. "Vielleicht sollte ich lieber Gallimimus sagen, so nennen Paläontologen dieses Tier." Ohne auf die irritierten Gesichter seiner Begleiter zu achten, zog Dim-Kalir eine kleine Flöte hervor und blies hinein. Er entlockte dem winzigen Instrument einen langgezogenen hellen Ton, der bis zu den links von ihnen liegenden Steilhängen hallte und dort als Echo zu ihnen zurückgeworfen wurde. Mulder verzog spöttisch die Lippen. "Was ist das? Eine Hundepfeife?" Er hatte kaum ausgesprochen, als sich eine Gruppe zweibeiniger Tiere aus dem Schatten der Bäume eines unweit gelegenen Palmenhaines löste und zu ihnen hinüberlief. Jonas legte die Hand über die Augen, um das helle Sonnenlicht abzuschirmen, und betrachtete die flinken Wesen, die sich rasch näherten. Sie waren etwa vier Meter lang, hatten kräftige Hinterläufe, die darauf schließen ließen, dass sie schnelle Sprinter waren. Sie hatten schlanke und lange Hälse mit kleinen Köpfen, die in breiten und flachen Schnäbeln endeten. Die langen Kiefer trugen keine Zähne. Mit den relativ kurzen Armen konnten diese Tiere wohl kaum Beute ergreifen. Jonas vermutete, dass sie zu der Gattung der vogelähnlichen Dinosaurier gehörten. "Gallimimus, dressierte Reittiere", sagte Dim-Kalir. Er gab den Echsen einen Befehl auf Akungaisch. Die Vogelfußdinosaurier ließen ihre Hinterläufe einknicken und legten sich auf den Boden. Sie bogen ihre Hälse wie überdimensionale Schwäne, überhaupt sahen sie diesen Vögeln sehr ähnlich, auch wenn sie keine Federn trugen. "Wir werden auf ihnen zum Tempel reiten", erklärte der Medizinmann. "Es sind genau sechs Tiere, genau so viele, wie wir brauchen." Jonas nickte. "Gut. Dann machen wir uns mal auf zu dem Tempel." "Was heißt hier wir?", fragte Mulder. "Du wirst doch nicht etwa von mir erwarten, auf eine dieser wilden Bestien zu steigen?" "O doch!" "Niemals!" Jonas lehnte sich zu ihm hinüber und sah ihn beschwörend an. "Ich werde dich dort brauchen, Fox! Wir brauchen jeden, der mit Waffen umgehen kann! Wer weiß, welche Viecher da im Dschungel lauern!" "Das ist es ja gerade, was mir nicht passt!", entgegnete Mulder grimmig. "Ich habe kein Interesse, an der Spitze des Speiseplans eines Dilophosaurus zu stehen." "Willst du etwa alleine durch den Tunnel zurückgehen?", erwiderte Jonas. "Du wirst dich verirren!" "Sie können den Tieren vertrauen, Agent Mulder", schritt Dim-Kalir ein. "Es sind keine gefährlichen Räuber wie die Dilophosaurier. Sie ernähren sich von Eiern, Insekten und Kleintieren, würden aber niemals Wesen von unserer Größe angreifen. Außerdem sind sie gut abgerichtet." "Na schön", murmelte Mulder, allerdings weniger begeistert. "Wenn es unbedingt sein muss..." "Dann lasst uns keine Zeit verlieren!" Jonas schwang sich auf den Rücken des nächsten Gallimimus. Er schien sich trotz der scharfen Schnäbel der großen Tiere nicht vor ihnen zu fürchten. Grahm, Malia und Dim-Kalir taten es ihm gleich, und sogar Scully traute sich auf den Rücken eines Tieres. Und Mulder war zu stolz, um sich eine Blöße zu geben. So stieg auch er auf einen Gallimimus, auch wenn ihm dabei mehr als unwohl war.
Kaum saßen alle auf den Rücken der Tiere, als Dim-Kalir einen erneuten Befehl gab und sich die Saurier beinahe zeitgleich erhoben. Mulder glaubte, der Boden unter ihm würde schwanken, als sich sein Reittier in Gang setzte. Er spürte jede Bewegung des Gallimimus, die muskulösen Hinterläufe griffen weit aus. Die Tiere streckten ihre langen Schwänze gerade aus, um mit deren Hilfe das Gleichgewicht besser halten zu können. Ihre stromlinienförmigen Körper waren optimal für den schnellen Lauf ausgestattet. Behände liefen die Vogelfußdinosaurier den Hügel hinab und über die angrenzende Wiesenfläche, dem Dschungel zu, der sich ihnen rasch näherte. "Der Gallimimus ist das prähistorische Gegenstück zum Geparden", rief Dim- Kalir von seinem Tier herüber. "Seine Spitzengeschwindigkeit liegt bei knapp hundertzehn Stundenkilometern." "Jesus!", stöhnte Mulder, der sich mehr oder weniger am Hals seines Reittieres festzuklammern versuchte. "Aber hoffentlich wird der Bursche nicht mit mir auf dem Rücken zu Schumi! Der ist mir jetzt schon zu schnell!" "Wir verstoßen aber noch nicht gegen die Geschwindigkeitsbegrenzung", scherzte Jonas, dem der Ritt auf den Vogelfußdinosauriern offenbar gefiel, denn sein Lächeln wirkte keinesfalls aufgesetzt. "Wir bewegen uns gerade mit etwa fünfzig Kilometern pro Stunde." "Alles, was über ein Moped hinausgeht, ist mir auf dem Rücken eines solchen Dings zu schnell!", erwiderte Mulder. Er hätte sich nie träumen lassen, einmal auf einer Art übergroßem Strauß zu reiten. Er hatte ja noch nicht einmal auf einem Pferd gesessen. - Na gut, einmal, aber das auch nicht direkt freiwillig. "Immer lächeln", sagte Jonas und grinste beinahe unverschämt - jedenfalls kam es Mulder so vor. "Und ein bisschen schneller!" "Noch schneller? Das Vieh galoppiert ja schon wie toll!" "Das nennst du Galopp?", erwiderte der junge Wissenschaftler und lachte. "Wo bleibt dein Mut, Fox? Wer sich auf den Rücken eines schnellen Sprinters schwingt, soll nicht nach dem Trampelpfad des Esels Ausschau halten!" "Wo hast du denn diesen bescheuerten Spruch her?", entgegnete Mulder und duckte sich, als sein Gallimimus unter den Ästen der ersten Bäume hindurchschoss. Das Tier wich behände jedem Hindernis aus oder setzte mit einem eleganten Sprung darüber hinweg - auch wenn es Mulder dabei den Magen umdrehte. Die Vogelfußdinosaurier bewegten sich dermaßen sicher durch das Gewirr des Dschungels, dass selbst Mulder nach einiger Zeit Vertrauen zu den flinken Tieren fasste. Doch dass er die Angst vor den Tieren abstreifen konnte, bedeutete noch lange nicht, dass er auch die ihn befallende Übelkeit verlor. Er wurde nach wie vor mächtig auf den Saurierrücken durchgeschüttelt, und er bezweifelte, dass ihm jemals zuvor in seinem Leben schon einmal so schlecht gewesen war. Doch er biss tapfer die Zähne zusammen und versuchte sich von seinem rebellierenden Magen wegzukonzentrieren, heftete den Blick auf den wippenden Kopf seines Reittieres und die vor ihm liegende Fülle von exotischen Pflanzen und Bäumen. Große Aras flatterten laut schreiend über sie hinweg, kleine Affen - Mulder glaubte, dass man sie in Fachkreisen als Kobolde bezeichnete - sprangen über ihren Köpfen von Ast zu Ast und machten es sich zum Spiel, die merkwürdige Gruppierung zu verfolgen. Eine Raubkatze wurde durch die stampfenden Füße der Saurier aufgeschreckt und flüchtete mit einem heiseren Fauchen ins nahe Dickicht. Schillernde Schmetterlinge von unglaublicher Größe schwirrten an ihnen vorbei, ließen sich auf gigantische Blüten nieder, die - wie Mulder fand - schrecklich nach Aas stanken. "Das ist die größte Blume der Welt!", rief Grahm entzückt. "Die Titanwurzelblüte! In der freien Natur wächst sie normalerweise nur auf der indonesischen Insel Sumatra. Sie ist eine der allerseltensten Pflanzen der Welt! Diese Blüte ist ein Wunderwerk der Natur. Sie ist 2,3 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 1,3 Meter! Das sind gigantische Ausmaße!" "Mit einem wahrlich gigantischen Gestank!", gab Mulder zurück und hätte sich am Liebsten die Nase zugehalten, traute sich jedoch nicht, den Hals seines Gallimimus loszulassen und beim nächsten Sprung des Tieres einen Freiflug in den feuchten Waldboden zu riskieren.
Nur Minuten später durchbrachen die Tiere die mannshohe Farne, die sich vor ihnen auftaten, und standen urplötzlich vor einem träge dahinfließenden Strom. Sie verlangsamten ihr Tempo und stiegen nacheinander in die Fluten. "Hey, mir ist nicht nach Freibad!", protestierte Mulder, als er spürte, wie das Wasser seine Beine hinaufkroch, als seine Echse immer weiter in den Fluss hineinwatete. "Der Zewe wird uns schneller zum Tempel bringen", erwiderte Malia. "Er fließt nur einen halben Kilometer von ihm entfernt durch den Dschungel." "Soll das heißen, dass wir uns einfach von dem Fluss treiben lassen sollen?", fragte Grahm. Die junge Akunganerin nickte. "Ja. So kommen wir vielleicht doch noch heute nach Kullab." "Was ist denn das schon wieder?", fragte Scully müde. Sie hatte die Beine angezogen und auf dem Rücken ihres Gallimimus über Kreuz gelegt. "Das ist der Name des Dorfes, das den Tempel umschließt", sagte Dim-Kalir, der nur wenige Meter von ihr entfernt war. Das Wasser schwappte leicht gegen die Flanken der zügig dahinschwimmenden Tiere. Es war so klar, dass man bis auf den Grund des Flusses hinabschauen konnte, der in etwa fünf Metern Tiefe lag. Schillernde Fischschwärme schossen an ihnen vorbei. Manchmal tauchte einer der Saurier den Kopf ruckartig ins Wasser, um einen Fisch zu erhaschen. Die Tiere versorgten sich selbst mit dem nötigen Wegproviant, um nach dem Dauerlauf wieder zu Kräften zu kommen.
Nach einer scharfen Biegung ragten vor ihnen urplötzlich hohe Felsen auf. Der Fluss hatte sich seinen Weg durch das Steinmassiv gefressen und eine breite Höhle in den Fels gespült, in den die Saurier nun ohne Scheu eintauchten. Die Höhle entpuppte sich als langgestreckter Tunnel, der quer durch das Felsgestein führte. Die feuchten Wände glänzten im schwachen Licht des breiten Eingangs, durch den sie hereingekommen waren. Von irgendwoher tropfte Wasser von der Decke, ein beständiges Blubb durchbrach die angenehme Stille, die innerhalb des Tunnels herrschte. Schatten huschten ab und zu über die Wände, leises Gezeter drang von den oberen Winkeln zu der kleinen Gruppe hinab. "Der Liebestunnel!", kommentierte Mulder und duckte sich, als eine Fledermaus nur knapp über seinem Kopf hinwegstrich. "Und der kostet nicht mal Eintritt!" Der Ausgang vor ihnen verbreitete sich, je näher sie ihm kamen. Jonas fiel auf, dass die Dinosaurier wirklich wie überdimensionale Enten oder Schwäne aussahen, so wie sie inmitten des Flusses dahintrieben. Jetzt hätten sie bloß noch schnattern müssen. Sie passierten den Ausgang. Vor ihnen lag ein weiter und doch verwinkelter See, in dem gerade die Sonne einem sinkenden Schiff gleich unterzugehen schien und das Wasser blutrot färbte. Links von ihnen schloss dichtester Dschungel bis ans Flussufer auf, rechts erhoben sich Schilfwälder von etwa acht Metern Höhe. Binsengräser, Schwimmfarn, Knöterich, Sumpfrosen und Hahnenfußgewächse überwucherten die moorigen Inseln, die quer über den See verteilt waren. Vereinzelt fanden auch Bäume, Pappeln, Tamarisken und Weiden festen Wurzelgrund. Immer wieder öffneten sich fischreiche Lagunen, in denen Millionen und Abermillionen von Wasservögeln ihre Nahrung fanden. Adler kreisten im Aufwind, ganze Herden von riesenwüchsigen Wildschweinen wühlten im Schilf, das nur grob die Umrisse mehrerer Hütten verbarg. Sie hatten Kullab erreicht. Die Dinosaurier schwammen an das seichte Ufer und trugen ihre Reiter durch die morastigen Schilfgürtel. Mulder war froh, weit genug vom schlüpfrigen Boden entfernt zu sein, denn er hatte die inzwischen vierte Schlange entdeckt, die sich leise zischelnd durch das Brackwasser und durch die Schilfstauden hindurchwand. Es waren Mangrovennattern, und dass diese Schlangen giftig waren, wusste Mulder wahrlich gut - und das hatte nicht einmal etwas mit Jonas' spektakulären Fang vor zwei Tagen zu tun, als dieser ein älteres Exemplar dieser Schlange auf den Schoß von Jake Pount hatte purzeln lassen.
Die Vogelfußdinosaurier trugen ihre Reiter zum Dorf hinüber, das noch etwa hundert Meter entfernt war. Jonas kniff die Augen zusammen. Er sah Häuser, aber keine Menschen. Akunga war eine lebendige Stadt, hier herrschte das Schweigen eines mittelalterlichen Friedhofes. "Wohnt hier denn keiner?", fragte er daher an Dim-Kalir gewandt. "Doch", erwiderte der Medizinmann. "Enak, der Wächter, wohnt zusammen mit seinem Vieh hier, zu dem auch die Schweine im Schilfgürtel gehören. Allerdings ist es heute wirklich sehr still in Kullab." Die Saurier stoppten vor der Ansammlung kleinerer Hütten und legten sich nieder, um ihre Reiter absteigen zu lassen. Mulder war heilfroh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, und ein flüchtiger Blick in Scullys Richtung sagte ihm, dass es ihr ähnlich erging. Dim-Kalir steuerte eine der Hütten an und trat ein. "Enak?", hallte seine fragende Stimme durch den Raum. "Enak, wo bist du?" Doch so sehr er auch rief, er erhielt keine Antwort. "Das verstehe ich nicht", sagte Malia, und die Sorge stand ihr deutlich im Gesicht geschrieben. Ihre Blicke streiften die karg eingerichtete Hütte. Ein Lager aus Heu und Moos auf der rechten Seite, eine Art Tisch mit Bank in der Mitte, links rituelle Kultgegenstände wie Masken und Götzen. Dim-Kalir trat an den Tisch, auf dem eine mit Hirsebrei gefüllte Holzschale stand. Er steckte prüfend den Finger hinein. Der Brei war kalt und klebrig, so als würde er schon sehr lange hier stehen. "Irgend etwas stimmt hier nicht", murmelte er. "Dim-Kalir!" Der Ruf erschallte von draußen. Der Medizinmann hob den Blick und eilte vor die Tür der kleinen Hütte. Suchend blickte er sich um. Er sah Jonas und Mulder auf den Stufen des Tempels stehen. Zu ihren Füßen lag eine regungslose Gestalt. "Bei allen Göttern!", hauchte er. Er rannte los, Malia war ihm dicht auf den Fersen. Erst am Tempel angelangt verlangsamten sie ihre Schritte. Langsam stiegen sie die wenigen Stufen bis zu den beiden Männern hinauf, die sich über die Leiche eines Akunganers beugten. "Enak, der Wächter", sagte Dim-Kalir leise. Fassungslos starrte er auf den verrenkten Körper, der vor ihm auf den Stufen lag. Um ihn herum waren überall Blutspritzer verteilt. Ein Messer, mit dem sich der Mann wahrscheinlich zur Wehr hatte setzen wollen, war ihm aus der Hand geglitten. "Er ist schon mindestens vierundzwanzig Stunden tot", stellte Scully fest, die sich über den Mann gebeugt hatte und ihn nun untersuchte. "Man hat ihm in die Schulter geschossen. Eigentlich zu weit vom Herzen entfernt, als dass er daran hätte sterben können. Er muss die Treppe hinabgefallen sein und sich dabei das Genick gebrochen haben." Sie tastete die entsprechenden Bereiche ab und nickte dann. "Ja, die Halswirbelsäule ist mehrfach gebrochen." Der Blick des Medizinmannes verfinsterte sich. "Doug Spear", murmelte Grahm. "Er oder einer seiner vielen Söldner", nickte Jonas. "Oder vielleicht mehrere..." "Aber was sollen diese Typen hier gesucht haben?", fragte Dr. Grahm fassungslos. "Was könnte diese Männer dazu bewegt haben, einen Menschen zu töten?" "Mehr als du dir vielleicht vorstellen kannst", erwiderte sein jüngerer Kollege. "Reliquien beispielsweise." Mulder deutete zum großen Portal. "Da drinnen gibt es bestimmt einiges, was sich zu klauen lohnt..." Dim-Kalir erbleichte. "Die Statue!" Er hastete an seinen verdutzt dreinschauenden Begleitern vorbei. Scully sah ihm verwirrt hinterher. "Was für eine Statue?" Doch sie bekam keine Antwort. Mulder war dem Medizinmann bereits gefolgt und trat nun hinter ihm in das Innere des Tempels. Er sah, wie Dim-Kalir erstarrte, seine Schultern schienen einzufallen und seine Haltung erinnerte an die eines alten Mannes - eines Mannes, der der aus England Stammende eigentlich auch war. "Sie ist weg." Mulder folgte den Blicken Dim-Kalirs und entdeckte einen Altar, über den sich ein reichlich verzierter Podest erhob. Auf dem musste das Heiligtum gestanden haben. "War sie aus einem Edelmetall oder so etwas?", erkundigte sich der Agent, während er den Podest näher besah. "Sie war aus reinem Gold", erwiderte der Medizinmann tonlos und mit leerem Blick. "Kann man sie denn nicht ersetzen?" Dim-Kalir hob den Kopf. Sein Blick war beinahe zornig. "Ich trauere nicht um das Stück Metall, Agent Mulder. Vielmehr macht mir der Verlust dessen zu schaffen, was in dieser Statue enthalten war! Nämlich der Schlüssel zur Außenwelt!" Mulder blinzelte. "Ich verstehe nicht..." "Die Statue ist hohl", fiel ihm der Medizinmann ins Wort. "Sie enthält ein Amulett aus Diamanten. Es ist extra so geschliffen worden, dass es genau in den Mechanismus des Tores passt. Ohne dieses Amulett können wir Zarus nicht in die Dschungelstadt holen..."
Als die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden war und der Mond bereits den Himmel regierte, strich eine würzige Brise über Kullab hinweg. Der Geruch nach Regen hing schwer in der Luft. Prall gefüllte Wolken zogen über das Firmament und sorgten für ein Schattenspiel auf dem Boden. Schwarze Gestalten und Umrisse fegten dort wie Geister über die Erde, in den Binsengräsern raschelte es. Manchmal war der Wind sogar im Stande, den hohen Schilfrohren flötenartige Töne zu entlocken, deren melancholischer Klang bis zu der Ansammlung kleiner Hütten vordrang. Die Stimmung in der ehemaligen Behausung des toten Enaks war getrübt. Die Gruppe hatte den Wächter nahe dem Tempel begraben, um ihm die letzte Ehre zu erweisen und zu vermeiden, dass Raubtiere durch den Blutgeruch angelockt wurden. Ein Ferkel, das Malia geschlachtet hatte, hing über dem offenen Feuer und verbreitete einen angenehmen Duft. Jonas spürte, wie sein Magen knurrte. Schon seit Stunden hatten weder er noch die anderen etwas gegessen. Und als ihm die junge Akunganerin ein etwa steakgroßes Stück des Fleisches reichte, spürte er auch, wie er Appetit bekam. Beinahe gierig machte er sich über das Essen her. "Nun stehen wir vor einem großen Problem", sagte Dim-Kalir leise. "Dass die Statue verschwunden sein könnte, hatte ich nicht einkalkuliert..." "Soll das bedeuten, dass wir nun nichts mehr für die Menschen von Akunga tun können?" Grahm sah ihn beinahe erschrocken an. "Nicht, ohne ein sehr, sehr großes Risiko einzugehen..." Ein tiefes Rumpeln ließ die Hütte erzittern, das sich krachend irgendwo an den Felswänden entlud. Der Regen, der sich schon lange zuvor angekündigt hatte, setzte ein. Als Jonas kurz den Vorhang aus gegerbtem Leder anhob, um durch eines der Fenster nach draußen blicken zu können, sah er kaum mehr als eine Wand aus Wasser, hinter der jeder Gegenstand zu verschwimmen schien. Sie beendeten schweigend ihr Mahl. Unzählige Male hörten sie das bedrohliche Donnergrollen, und mit jeder Minute schien der Regen stärker zu werden. Aber auch wenn das Dach nur aus Schilfteppichen und vereinzelten Holzelementen bestand, es hielt dicht. Dim-Kalir saß schweigend neben dem noch sanft kokelnden Feuer, in dem Malia herumstocherte, um die loi, eine Früchtesorte, zu wenden, die sie in die heiße Glut geworfen hatte. Dr. Grahm betrachtete gedankenverloren eine Holzschnitzerei, die er in den Händen hielt. Mulder hatte in seiner Tasche noch eine Handvoll Sonnenblumenkerne gefunden und war gerade dabei, diesen spärlichen Vorrat zu vertilgen. Scully hatte sich neben ihm auf seiner Jacke zusammengerollt, wo sie tief und fest schlief. Auch Jonas schien sehr müde zu sein. Dösend lehnte er mit dem Rücken an der Wand, die Augen geschlossen. Nur ein zeitweises Flackern der Lider verriet, dass er noch halbwegs wach war. Malia angelte die Früchte aus der Asche. Sie waren etwa so groß wie Kiwis und hatten eine recht harte Schale, die mit der von Nüssen vergleichbar war. Mit der Machete schlug die Akunganerin die Gebilde auf und löste das saftige Fruchtfleisch aus dem Inneren. Sie kostete kurz, nickte anerkennend, und reichte dann auch den anderen von der loi. Nach dem - mit Verlaub - wohlschmeckenden Nachtisch spürte auch Mulder, wie ihn die Müdigkeit ergriff. Er gähnte ausgiebig, bevor er sich neben Scully auf den Boden sinken ließ, einen Rucksack als Kissen gebrauchend. Und es dauerte nicht lange, bis sich auch die anderen schlafen gelegt hatten.
Mulder blinzelte in das grelle Licht, das durch das Fenster ins Innere der Hütte fiel. Jemand hatte die Vorhänge zur Seite gezogen. Es musste schon recht spät sein. Die Sonne stand bereits am Himmel und brach durch das grüne Blätterdach der Zykaden, die die Hütte säumten. Mulder setzte sich schwerfällig auf und blickte in die Runde. Scully schlief noch immer neben ihm, und nur anderthalb Meter weiter lag Jonas auf dem Boden. Aber bis auf sie war die Hütte leer. "Dr. Grahm?" Mulder war ans Fenster getreten und spähte angestrengt nach draußen. "Dim-Kalir? Sind Sie da irgendwo?" "Pst!" Malia war so rasch vor ihm aufgetaucht, dass Mulder erschrocken einen Schritt zurückwich und dabei beinahe das Gleichgewicht verlor. "Jesus, haben Sie mich erschreckt!", stammelte er. Malia legte die Stirn in Falten. "Wer ist Jesus?" "Och, nicht so wichtig." Mulder grinste. "Wissen Sie, wir sagen das oft, wenn wir uns erschrecken oder wir sehr erstaunt sind." "Ach so." Sie lächelte und reichte ihm ein Packet aus Baumblättern durch das Fenster. "Darin sind Nüsse. Die können Sie in die heiße Asche legen, Nach einer knappen Viertelstunde sind sie gut. Dann können Sie sie essen. Außerdem habe ich hier noch Beeren, und in der Hütte liegen noch Fleischreste von gestern. Die würde ich allerdings lieber aufheben für unseren Heimritt. Der wird auf jeden Fall länger sein, als der nach Kullab." "Na prima." Mulder klang wenig begeistert. "Wo sind Dim-Kalir und Dr. Grahm?" "Unten am See, Wasser holen. Wir werden welches brauchen. Es wird Zeit, dass wir unseren Reiseproviant zusammenstellen." Sie hob den Bogen in ihrer rechten Hand. "Darum werde ich mich jetzt auch mal aufmachen, um noch ein Ferkel zu schießen. Es wird nicht lange dauern." "Aber wir haben noch Dosen in den Rucksäcken", sagte er. Sie schüttelte unwillig den Kopf. "Ich bitte Sie! Das ist doch kein richtiges Essen!" Und schon war sie verschwunden. Mulder blinzelte, zuckte dann aber mit den Schultern. Wenn Malia unbedingt jagen wollte, dann sollte sie. Er ging zur Feuerstelle hinüber, legte einen kleinen Haufen Reisig und trockenes Schilf darauf, schob einige Äste dazwischen und zündete das ganze Gebilde schließlich an. Als die Flammen knisterten und prasselten, warf er das Päckchen hinein und schob mit einem Stock heiße Asche darüber. Er bohrte gelangweilt in den Flammen, rührte in verkohlten Holzstückchen herum. Plötzlich blinzelte er. Das Geräusch war sehr leise gewesen, dennoch hatte er es vernommen. Er und Scully kannten sich mehr als fünf Jahre, und innerhalb dieser Zeit hatten sie gelernt, nicht nur auf den anderen einzugehen und ihn zu respektieren, sondern ihn und seine Geräusche aus allem anderen herauszuhören. Und so erstaunte es ihn gar nicht, dass ihn seine Intuition mal wieder nicht getäuscht hatte. Sein Blick traf den seiner Partnerin, die verschlafen in die Sonne blinzelte und sich langsam von ihrem Lager aufrichtete. "Guten Morgen", sagte er lächelnd. Sie gähnte ausgiebig. "Morgen... - wenn es überhaupt noch Morgen ist, nach dem Stand der Sonne zu urteilen. - Wie lange sind Sie schon wach?" "Ein paar Minuten oder so." Er wendete mit dem Stock das mit Nüssen gefüllte Päckchen in der glimmenden Asche. Kleine Funken sprühten in alle Richtungen. In diesem Moment kehrte Malia mit der versprochenen Jagdbeute zurück. Sie legte das wohlgenährte Ferkel neben die Feuerstelle und begann, es auszunehmen. "Dim-Kalir und Dr. Grahm werden auch gleich hier sein", sagte sie, während die die Keulen über das Feuer hielt. "Sobald wir gefrühstückt haben und unser Proviant zusammengestellt ist, werden wir weiterreiten." Mulder verzog das Gesicht. "Na super, mir tut ja noch von gestern der Hintern weh!"
Die Gallimimus-Echsen trotteten gemächlich den ausgetretenen Pfad entlang, der an dem Tempel von Kullab vorbei in den Dschungel führte. Rechts graste eine Herde Anatosaurier im flachen Ufergürtel des Sees, labte sich an Wasserpest, Algen und Schilfhalmen. Die Tiere tauchten ihre großen Köpfe mit den breiten Schnäbeln tief ins Wasser und ästen die bemoosten Steine ab, verschlangen kleine Fische, Insektenlarven und Libellen. Kurz nachdem der Schatten der ersten Bäume auf sie gefallen war, hielten sie plötzlich an. Jonas bemühte sich, das Gleichgewicht auf seinem Reittier zu halten, das scheu zur Seite wich und wie angewurzelt stehen blieb, den Blick starr auf einen großen Stein gerichtet, der am Wegrand stand und mit zahlreichen Bildzeichen verziert war. "Was ist los?", fragte er verwundert. "Warum bleiben wir stehen?" "Darum." Dim-Kalir deutete auf den Stein, der schief im sumpfigen Boden steckte. Er war grau und alt und teilweise mit Moos bedeckt. Die Zeichen jedoch, die sicherlich vor langer Zeit hineingemeißelt worden waren, konnte man noch deutlich erkennen. "Das ist ein Wegweiser", erklärte Malia und übersetzte die akungaischen Worte in die englische Sprache. "Ihr, die ihr als Feind hier herkommt, kehrt den gleichen Weg zurück, oder der Wald möge euch verschlingen! Ihr, die ihr als Freund kommt, betretet diesen Pfad in Frieden, und möget ihr euer Ziel finden. Und möget ihr euch nicht verirren. Und die Geister des Waldes sollen euch bewachen..." "Früher hat es eine Burg gegeben, dort, wo nun dichter Dschungel ist", sagte Dim- Kalir. "Doch diese Burg ist verfallen, als die Zahl der Akunganer zurückging. Es war einfach zu zeitaufwendig, das Gebäude in Schuss zu halten. Ich glaube, dass von ihm nur noch Ruinen übrig sind." "Und dieser Wegweiser war für die anderen Urvölker dieser Gegend gedacht", fuhr Maila fort. "Nur sind diese in den letzten Jahrhunderten beinahe gänzlich verschwunden." Mit einem Zungenschnalzen trieb sie ihren Gallimimus an, der sich zögernd in Bewegung setzte und weiter dem Pfad folgte, der in den Dschungel führte. Die anderen schlossen bald auf. "Es gibt viele Lieder über diesen Teil des Tales", raunte Dim-Kalir. "Das, was ihr um euch herum seht, ist der Wilde Wald, der geweihte Ort der Ahnen." Noch während er sprach, hatte Malia begonnen, mit leiser weicher Stimme zu singen. Das Lied schien erfüllt von Magie, Zauber und Melancholie: "Ich hörte von einer rauen Burg, Erbaut bei Berg und Strom. Das war dereinst, doch nun nicht mehr, Denn dort bei Berg und Strome Stehen nunmehr Bäume - Träume. Wer kommt des Wegs daher?" "Indiana Jones featuring Lara Croft", brummelte Mulder. Malia blinzelte verwirrt. "Wer ist das?" Der Agent grinste und hob abwertend die Hand. "Das ist nicht so wichtig." Sie ritten schweigend weiter, bis sie eine von Efeu und Farnen umwucherte Höhle erreichten. Dim-Kalir steuerte zielbewusst darauf zu, und Mulder seufzte resigniert. "Jesus, nicht schon wieder so 'n dunkles Loch!" "Es ist aber der kürzere Weg - und vor Allem der sicherere." Der Medizinmann sah ihn beschwörend an. "Hier draußen können wir jederzeit auf eine Horde wildgewordener Dilophosaurier stoßen, denen wir schutzlos ausgeliefert sein würden. Da drin allerdings werden wir unter keinen Umständen auf ein solches Monster treffen!" "Ja, sicher doch. Nur weil die Biester hässlich sind, sind sie noch lange nicht blöd!", knurrte Mulder, kapitulierte aber, als er sah, dass alle anderen dem Medizinmann ins Innere der Höhle folgten. Widerwillig trieb er seinen Gallimimus an und schloss rasch zu Scully auf. "Ich hoffe bloß, dass der Bunker noch nicht vermietet ist!", raunte er ihr zu. In der Höhle war es finster. Die feuchten Wände zogen sich etwa fünf Meter oder mehr in die Höhe und bildeten eine gewaltige Kuppel. Ein langer dunkler Gang führte ins scheinbare Nichts. "Wir sollen doch nicht etwa da runter?" Mulder deutete auf den Tunnel. "Jesus, ich hoffe, mein Pferdchen hat eine gute Ausbildung zum Blindenhund genossen!" "Tut mir leid, Agent Mulder", erwiderte Dim-Kalir. "Wir werden zu Fuß gehen müssen. Der Tunnel wird dort hinten flacher, und wir würden uns wahrscheinlich die Köpfe anstoßen. Die Echsen werden wir hier zurücklassen." "Na super", murmelte nun auch Grahm. "Ich glaube, dass mir diese Gruselgrotte auch nicht mehr so sympathisch ist..." "Mulder?", fragte Scully in die Dunkelheit. "Trick siebzehn!", antwortete er, und der Strahl einer Taschenlampe flammte auf. Das helle Halogenlicht streifte Steinwände und Felsvorsprünge, wanderte zu Stalaktiten, die von der Decke herabhingen, und zu Stalagmiten, die wie Lanzen aus dem Boden wuchsen. Der Strahl der Taschenlampe tanzte weiter, bis er urplötzlich innehielt. "Grundgütiger!", hauchte Mulder, und hätte das kleine Gerät in seiner Hand beinahe fallen lassen, so erschrocken war er. Ein gewaltiges grünes Gebilde bewegte sich vor ihnen. Der Strahl der Taschenlampe huschte über verknotete Haut. Ein kleiner Kopf wurde sichtbar, träge Augen blickten zu der Gruppe hinüber. Mit einem dumpfen Brummen setzte sich der Koloss in Bewegung und trampelte an ihnen vorbei, dem Höhlenausgang zu. Die gewaltigen Knochenplatten auf dem Rücken des Tieres ließen es wie eine lebende Festung erscheinen. "Ein Stegosaurus", sagte Grahm, während er dem sich weiter entfernenden Dinosaurier hinterher blickte. "Und was für ein Prachtexemplar!" "Kommen Sie!", sagte Dim-Kalir ungeduldig. "Wir sollten uns beeilen! Der Weg durch die Höhlen ist lang!" Sie folgten ihm in den Tunnel. Dieser wurde nach einigen Metern wirklich schmäler. Mulder musste schon nach wenigen Minuten gebückt gehen, dennoch stieß er sich hier und da den Kopf an den tiefhängenden Stalagtiten, wobei er mehr oder weniger laut fluchte. Auch Scully fühlte sich immer unwohler in ihrer Haut. Bisher hatte sie nie auch nur die Vermutung angestellt, in engen Räumen panisch zu werden, doch nach und nach schienen sich die ersten Anzeichen von Klaustrophobie einzustellen. Sie passierten unzählige Kreuzungen, wandten sich einmal nach links und einmal nach rechts, kletterten enge Schächte hinauf, um dann wieder schlüpfrigen Pfaden in die Tiefe zu folgen. Es schien beinahe so, als wolle sie Dim-Kalir absichtlich verwirren. Manchmal waren die Gänge so eng, dass sie seitlich hindurchgehen mussten, mit Rücken und Gesicht gleichzeitig an der Wand, die feucht, kalt und modrig war. Scully griff nach Mulders Arm, als ihre Beine unter ihr nachgaben, und ließ sich von ihm mitziehen. "Ich glaube, dass ich in den letzten zehn Minuten mindestens zwölf neue Religionen entdeckt habe!", knurrte ihr Partner mürrisch, während er ihr half, sich zwischen zwei nahe beieinander stehenden Felsvorsprüngen hindurchzuquetschen. Sie schob sich durch den engen Spalt, stolperte dabei fast über eine kaum sichtbare Erhebung im Boden. Mulder packte gerade noch rechtzeitig ihre Hand und zog sie hoch, bevor sie gegen die kantigen Felsen fallen und sich daran verletzen konnte. Sachte half er ihr auf die Beine und führte sie weiter den Gang entlang. Nach einer scheinbaren Unendlichkeit verbreiterte sich der Tunnel. Scully traute sich endlich, Mulders Hand wieder loszulassen, auch wenn sie noch immer leicht taumelte. "Richten Sie das Licht bitte nicht an die Decke oder in die oberen Nischen", bat Dim-Kalir. "Sie könnten die Fledermäuse aufschrecken, die hier zu Hunderten Zuflucht finden." "Also sind wir nahe am Ausgang?", fragte Scully hoffnungsvoll. "Ja. Kommen Sie." Die Höhle war riesig, fast größer als die erste. Links von ihnen lag ein tiefdunkler See, der so klar war, dass man bis auf den Grund hinabsehen konnte, wo sich einige große Gestalten bewegten. Breite Körper mit kräftigen Paddeln und langen schlanken Hälsen, auf denen kleine Köpfe mit zähnestarrenden Mäulern saßen. Erstaunlich wendig und flink folgten die gewaltigen Tiere den vor ihnen flüchtenden Fischen, machten hier und da erfolgreiche Beute. "Cryptocleidus", sagte Grahm, und er klang wie ein Fremdenführer der Sorte Neckermann-Reisen. "Fischfresser aus dem späten Jura." "Solange sie bleiben, wo sie sind, können sie sein, was sie wollen", stellte Mulder nüchtern fest, der inzwischen schon den Ausgang entdeckt hatte, dessen helles Licht so unwahrscheinlich verlockend schien. "Verschwinden wir hier." Sie hatten sich der breiten Öffnung im Fels bis auf knappe zwanzig Meter genähert, als ihnen ein drohendes Fauchen entgegenschallte. Die Gruppe erstarrte. Jonas suchte mit Adleraugen den breiten Tunnel vor ihnen ab. Das Fauchen klang nicht wie das der Dilophosaurier oder Raptoren. Im Gegenteil. Es klang so... vertraut. Dann entdeckte er das gelbe Augenpaar im Schatten des Felsens, das die Gruppe mit starren Blicken fixierte. Ein schlanker und doch muskulöser Körper, bedeckt mit sandbraunem Fell. Auf den ersten Blick hätte Jonas das Wesen für einen Löwen gehalten, doch beim genaueren Hinsehen registrierte er die langen spitzen Zähne, die im gedämpften Licht aufblitzten. "Ein Säbelzahntiger", murmelte er. "Na großartig! Das hat uns gerade noch gefehlt!" Die prähistorische Raubkatze löste sich aus dem Schatten der Felsen und schlich in gebückter Haltung auf die Gruppe zu. Das Nackenhaar war gesträubt, die Ohren angelegt. Der Säbelzahntiger zog die Lefzen hoch und bleckte die Zähne. Ein gefährliches Knurren entrann sich seiner Kehle. Jonas, der an der Spitze der Gruppe gegangen war, wich immer weiter zurück, bis er gegen Dim-Kalir prallte, der die auf sie zukommende Raubkatze mit blicklosen Augen anstarrte. "Tun Sie doch was!", zischte Grahm. "Das Vieh verspeist uns glatt zum Mittagessen!" "Sofern man ihm nichts anderes gibt", erwiderte Mulder, der urplötzlich eine große Dose in der Hand hielt. Er bückte sich, stellte die Dose auf den Boden und öffnete sie mit Hilfe seines Taschenmessers. "Was tun Sie da?", fragte Malia verständnislos. "Sagten Sie nicht, dass Sie nichts von Dosenfutter halten?" Mulder grinste sie schief an. "Warum also soll ich das schwere Zeug noch weiter mit mir herumschleppen? Außerdem kann man damit unserem netten Freund hier eine kleine Freude bereiten." Er drehte die Dose um und ließ den Inhalt auf den Boden klatschen. Auffordernd blickte er zu der Raubkatze auf, die sich ihnen weiterhin näherte, jedoch merklich schnupperte. Der Geruch des handwarmen Essens stieg ihr in die Nase und lockte sie näher an die Gruppe heran. "Miez, miez, miez! Komm, jetzt gibt's Büchsenfutter! Ravioli von Maggi!" Mulder wich ein, zwei Schritte zurück, als der Säbelzahntiger vor dem Häufchen aus mit Fleisch gefüllten Nudeln in Tomatensauce stehen blieb und erneut schnupperte. Neugierig beugte sich das Tier hinab, leckte an den Ravioli - und begann zu fressen. Ungläubig starrten die anderen auf die friedlich gewordene Raubkatze, deren Nackenhaar sich gelegt hatte. Beinahe gierig fraß sie die Nudeln. Mulder zuckte mit einem breiten Grinsen mit den Schultern, als ihn die fassungslosen Blicke seiner Begleiter trafen. "Tja, Säbelzahntiger würden Maggi kaufen. Die wissen wenigstens, was gut schmeckt. Mit Whiskas hätte ich den Burschen sicherlich nicht ködern können..." Rasch öffnete er eine weitere Dose und schüttete auch deren Inhalt auf den Boden. "Solange der Kerl was zu futtern hat, wird er uns kaum jagen. Klingt doch logisch, oder?" Die Katze machte sich über die zweite Portion Ravioli her. Sie war so sehr mit Fressen beschäftigt, dass sie sich nicht einmal umwandte, als die sechsköpfige Gruppe hinter ihr vorbeihuschte und durch die Höhlenöffnung nach draußen trat. Gewaltiges Getöse empfing sie. Und anstatt eines tiefen Urwalds oder einer weiten Ebene erwartete sie ein weißer Dunst, der weiter vorn zu einer gewaltigen sich bewegenden Wand wurde, die nach unten zu stürzen schien. Sie standen hinter einem gewaltigen Wasserfall. "Super!", kommentierte Mulder gewohnt ironisch. "Und wie kommen wir hier runter?" "Neben dem Wasserfall führt ein Pfad nach unten", sagte Dim-Kalir. "Er führt in zwei Richtungen. Wenden wir uns nach links, so werden wir jenseits von Akunga in der Außenwelt ankommen. Gehen wir aber nach rechts, kommen wir in einem Bogen zurück in das Reich der Dschungelstadt." In diesem Moment teilte sich der Vorhang aus herabschießendem Nass, und der gewaltige Schädel eines Raubsauriers stieß durch die Wasserwand. Mulder starrte entsetzt den weit aufgerissenen Rachen an. Scully klammerte sich erschrocken an seinem Arm fest, während sich Grahm kreischend zu Boden warf. Der Kopf schwang hin und her und zog sich dann wieder zurück. Doch der Schatten des Kopfes auf der Wand herabstürzenden Wassers blieb. Gerade noch rechtzeitig zog Jonas Malia tiefer in die Nische, denn wieder stieß der Kopf brüllend und mit gierig zuckender Zunge durch das Wasser. Tropfen spritzten in alle Richtungen vom Kopf weg. Dann zog er sich erneut zurück. Scully drängte sich zitternd an Mulder, der sie an die Felswand zurückgezogen hatte. "Ich hasse diese Viecher langsam!", sagte sie und presste sich an den feuchten Stein. Aber die Nische war nicht tief genug. Keiner von ihnen konnte sich vor dem lauernden Monster verstecken. Wieder stieß der Kopf durch das Wasser, aber diesmal langsamer, und der Unterkiefer kam auf dem Boden zu liegen. Der Saurier schnaubte, die Nüstern blähten sich, er atmete die Luft ein. Nur die Augen waren noch hinter der Wasserwand. Er kann uns nicht sehen, dachte Mulder. Er weiß, dass wir hier sind, aber er kann uns nicht sehen. Die gewaltige Echse schnupperte. "Was macht er denn?", fragte Scully. "Pscht!" Mit einem tiefen Knurren öffnete sich das Maul, die Zunge kroch heraus, bläulichschwarz und an der Spitze gespalten. Über einen Meter lang, reichte sie bis zur hintersten Wand der Nische. Mit einem kratzenden Geräusch glitt sie über die kantigen Steine. Die Menschen drängten sich dicht gegen die Wand. Die Zunge bewegte sich langsam nach links, dann nach rechts und tastete feucht klatschend den Boden ab. Mulder sah die Muskelbewegungen der Zunge, die an einen Elefantenrüssel erinnerte. Die Zunge glitt an der rechten Wand der Nische entlang und stieß schließlich gegen Scullys Beine. Die Agentin schnappte nach Luft, schrie jedoch nicht auf, auch wenn in ihrem Gesicht das blanke Entsetzen zu lesen war. "Vielleicht sollte ich dem auch etwas zu essen anbieten", versuchte Mulder zu scherzen. "Ich habe noch 'ne Portion Lasagne im Rucksack..." Die Zunge hielt inne und schlängelte sich an Scullys Körper hoch... "Bewegen Sie sich nicht", flüsterte Mulder. ...an ihrem Gesicht vorbei, auf Mulders Schulter und schließlich um seinen Kopf. Mulder kniff die Augen zusammen, als der schleimige Muskel sein Gesicht bedeckte. Die Zunge war heiß und nass und stank wie Urin. Die Zunge umklammerte Mulders Kopf und zog ihn sehr, sehr langsam auf den geöffneten Rachen zu. "Mulder..." Er konnte Scully nicht antworten, denn sein Mund war von der flachen schwarzen Zunge bedeckt. Er konnte sehen, aber nicht reden. Scully zerrte an seiner Hand. Die Zunge zog Mulder auf das schnaubende Maul zu. Er spürte den heißen keuchenden Atem auf seinen Beinen. Scully hielt ihn weiterhin fest, kam aber nicht gegen die Muskelkraft des Sauriers an. Schließlich ließ Mulder Scully los und drückte mit beiden Händen gegen die Zunge. Er versuchte, sie sich über den Kopf zu schieben, konnte sie jedoch keinen Zentimeter bewegen. Selbst als er die Hacken mit seiner ganzen Kraft in den schlammigen Boden grub, zerrte ihn die Zunge Zentimeter um Zentimeter weiter. Scully umschlang seine Taille und hängte sich an ihn, schrie auf ihn ein, aber Mulder war hilflos. Er sah Sterne, und allmählich überkam ihn eine eigentümliche Ruhe, ein friedliches Gefühl der Unausweichlichkeit, während er Stück für Stück weitergezerrt wurde... Ein lauter Knall riss ihn zurück in die Wirklichkeit. Plötzlich erschlaffte die Zunge und löste sich. Mulder spürte sie von seinem Gesicht gleiten. Ein ekliger weißer Schaum überzog seinen Körper, die Zunge fiel schlapp zu Boden. Die Kiefer klappten zu, Zähne gruben sich in die Zunge. Dunkles Blut spritzte heraus und vermischte sich mit dem Schlamm. Aus den Nüstern kam stoßweises Schnauben. "Was ist denn jetzt los?", fragte Mulder irritiert. Langsam, sehr langsam, glitt der Kopf aus der Nische, im Schlamm eine lange tiefe Spur hinterlassend. Schließlich war er ganz verschwunden, und sie sahen nur noch die silbrige Wand fallenden Wassers. Und als sich Mulder umwandte, sah er Scully mit noch immer weit von sich gestreckter Pistole einen knappen halben Meter entfernt stehen. "Danke, Scully", sagte er matt. "Sie haben was gut bei mir." Sie nickte kaum merklich und ließ die Waffe wieder in ihrem Hohlster verschwinden. "Lasst uns schnellstens abhauen!", sagte sie grimmig. "Wer weiß, wann das Vieh wieder Hunger bekommt!"
Sie hatten das Reich Akungas unversehrt und ohne spektakuläre Zwischenfälle wieder erreicht. Auch Mulder hatte sich wieder gefasst. Er war ziemlich erleichtert, als er in der Ferne das Dach eines Tempels zwischen den Baumkronen entdeckte. "Ist das da vorne schon Akunga?", fragte er hoffnungsvoll. Dim-Kalir schüttelte den Kopf. "Tut mir leid, Agent Mulder, aber das ist bloß ein kleiner Tempel, der zu den Burgruinen der Vorfahren gehört. Hier lebt nur Piak, der Wächter des Westens." Mulder seufzte resigniert. Er war todmüde, nach all den Strapazen der letzten Stunden konnte er ein paar Stunden Schlaf mehr als gebrauchen. Aber die würde er höchstwahrscheinlich noch nicht bekommen. Der Wald wurde lichter, bis er sich schließlich teilte und eine große Lichtung preisgab. Darauf standen viele Gebäude. Es war eine ganze Stadt mit Häusern, Mauern, Türmen und Treppen. Im Schatten der umliegenden Bäume wirkte sie beinahe gespenstisch, diese Stadt, alt und verkommen, halb zerfallen mit unzähligen schwarzen huschenden Schatten. Es war eine tote Stadt, arg zugerichtet und verlassen, mit bröckelnden Mauern, die Häuser waren nichts weiter als Ruinen. Und doch wirkte sie mächtig und schön. "Dieser Ort war einmal voller Leben", sagte Dim-Kalir wehmütig. "Hunderte von Jahren ist das her. Nur das Zentrum der Stadt steht hier noch. Sie war einst sehr viel größer, doch ist das meiste von ihr vom Dschungel geschluckt worden." "Die Natur holt sich zurück, was ihr einst gehörte", bemerkte Mulder mit leiser Stimme und betrachtete andächtig die Ruinen vor sich. Dim-Kalir führte die Gruppe an den zerfallenen Häusern vorbei, ins Innere der Stadt. Sie passierten Altare und andere Opferstätten, Brunnen und Tränken, noch immer erkennbare Feuerstellen und finster dreinblickende Statuen, die, teils von Efeu umrankt, auf sie hinabzustarren schienen. Sie stiegen die abgetretenen Stufen zum Tempel, dem noch am Besten erhaltenen Gebäude, hinauf, und betraten die im Dämmerlicht liegende Innenhalle. Ein ihnen wohlbekannter Geruch kam ihnen entgegen, und Mulder blieb beinahe augenblicklich stehen, die Augen aufmerksam auf das Durcheinander von Holzbänken, umgefallenen Statuen und Stofffetzen vor ihnen gerichtet. "Hier stimmt etwas nicht", murmelte er, während er Scully zurückhielt, die schon vorausgehen wollte. "Hier riecht es nach Tod und Verwesung... - Sagten Sie nicht, dass Piak einen kleinen Teil des Tempels bewohnt?" "Ja..." Dim-Kalir war sichtlich unwohl zumute. Sein Gesicht wurde blass. "Er wird doch nicht... - so wie Enak..." Mulder stürzte voran, stieg über eine umgefallene Steinsäule und blickte sich suchend um. Als er entdeckt hatte, was er suchte, presste er seine Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. "Jesus, was, zum Teufel, ist das?" "Das müssten Sie doch am Besten wissen!", schnappte Grahm spöttisch. Und mit einem herablassenden Tonfall fügte er hinzu: "Spooky!" "Ja, natürlich!" Mulder verbeugte sich mit einem ironischen Gesichtsausdruck vor dem Paläontologen. "Darf ich mich vorstellen? Sprengler, Gespensterjäger. Ich habe bloß meine Detektoren für paranormale Aktivitäten vergessen! Und Slimer ist mit irgendeiner Monsterbraut durchgebrannt!" "Mulder!" Scully boxte ihm sanft, aber warnend in die Seite. Er hob die Hände zur Kapitulation. "Okay, okay, ich höre ja schon auf. Dennoch bleibt meine Frage unbeantwortet: Was ist das?" Die Leiche, die halb verborgen unter einer Bank lag, war von Fliegen und Maden übersät. Die Kleidung war zerfetzt, das Haar lang und grau, das Gesicht zu einer hässlichen Fratze verzogen, hohlwangig, leer, beinahe geisterhaft. Ohne Zweifel, der Kadaver war nicht der eines Dinosauriers oder der eines anderen Tieres, aber auch nicht der eines Menschen. Die Proportionen stimmten nicht, die Hände ähnelten krallenbewehrten Klauen, die aus je drei Fingern bestanden. Die Haut war ledrig und glänzte schleimig. Das Kopfhaar war dünn und stand in scheinbar alle Richtungen ab. "Ein Ghoul!", hauchte Dim-Kalir. Mulder riss entsetzt die Augen auf und trat hastig zwei Schritte zurück. "Was sagen Sie da?", flüsterte er. "Die Aasfresser", sagte Malia mit tonloser Stimme. "Die Ghouls. Sie sind die Geschöpfe aus dem Untergrund und gelten seit mehreren Jahrzehnten als ausgestorben. Ich dachte, unser Volk hätte sie alle vernichtet..." "Anscheinend nicht. Das da ist höchsten fünf oder vier Tage tot", sagte Scully, während sie sich die Nase zuhielt. Der Gestank, den die Leiche ausströmte, war wirklich unerträglich. "Es trägt Piaks Kleidung", sagte Dim-Kalir blass. "Es hat ihn umgebracht, gefressen und seine Kleider angelegt!" "Und wer hat es getötet?", fragte Mulder. "Sie gehen mir auf den Geist mit Ihrer Fragerei!", blaffte Grahm. "Wir müssen hier verschwinden", sagte Malia. "So schnell wie möglich. Dieser Ort ist verflucht!" Sie verließen eilig den Tempel und rannten durch die Stadt, sich bei jedem Schritt panisch nach allen Seiten umsehend. Wer konnte auch nur ahnen, ob nicht hinter dem einen oder anderen Haus ein grausiges Monster lauerte, ob nicht ein Ghoul hinter den Statuen versteckt stand oder im Brunnen ausharrte? - Die alte Legende war wieder zum Leben erwacht...
"Wenn die Ghouls überlebt haben, dann sollten wir uns beeilen, diesen Teil des Tals schnellstmöglich hinter uns zu lassen", sagte Dim-Kalir. "Ich möchte gar nicht daran denken, was passieren könnte, wenn wir einigen von ihnen begegnen..." "Sagt die Legende denn nicht, dass man diesen Wesen mit geweihtem Silber beikommen könnte?", erkundigte sich Mulder, der direkt hinter dem Medizinmann dem schmalen Dschungelpfad folgte. "Ja, das stimmt. Aber auch das hier ist wirkungsvoll." Der Alte zog ein goldenes Amulett hervor, in das einige Zeichen eingeritzt worden waren. "Jedoch ist das die einzige Waffe gegen die Aasfresser, die ich besitze. Wir bräuchten mehr. Für den Extremfall..." Jonas zog eine Kette unter seinem T-Shirt hervor. Es war ein silberner Stierkopf an einem schwarzen Stoffband. "Wie wäre es damit?", fragte er. Dim-Kalir nahm die Gabe mit einem leichten Nicken entgegen. "Besser als nichts." "Scully hat Silberknöpfe." Mulder deutete auf die Bluse seiner Partnerin. "Die könnten wir doch auch nehmen..." "Wenn Sie mir ein Shirt auftreiben können, gern", erwiderte sie. "Außer dieser Bluse habe ich nämlich nichts dabei. Der Rest liegt noch in der Hütte in Akunga." "Wir nehmen einfach die unteren Knöpfe und Sie verknoten die Bluse. Das ist der letzte Schrei, Scully." Sie seufzte ergeben. "Na schön. Hat jemand eine Schere oder ein Taschenmesser für mich?" Mulder grinste, während er dabei zusah, wie sie die unteren Knöpfe entfernte und die Bluse unter der Brust verknotete. Nun sah sie endgültig aus wie eine Dschungelabenteurerin, outfitmäßig eine gewisse Ähnlichkeit mit Lara Croft aufweisend. "Hey, so sollten Sie mal bei Skinner auftauchen! Dem Burschen würden Sie glatt das verkalkte Gehirn verdrehen, in diesem Aufzug!", feixte Mulder. "Ach, schaffe ich das bei Ihnen noch nicht?", gab sie schlagfertig zurück, während sie Jonas wieder sein Taschenmesser gab, mit dessen Hilfe sie die Knöpfe abgetrennt hatte. "Kommen Sie, lassen Sie uns weitergehen!", drängte Dim-Kalir. "Um so schneller wir diesen Teil des Tals verlassen, umso besser!"
Sie waren nicht weit gegangen, als sich ihnen eine Gruppe von Männern in den Weg stellte. Es waren sieben an der Zahl, allesamt mit Speeren und langen Buschmessern, die sie in ihren Gürteln trugen, bewaffnet. Von ihrem Aussehen ähnelten sie den Menschen aus Akunga, doch war ihre Ausstrahlung eine andere. Sie war kriegerisch und misstrauisch, nicht freundlich und offen. "Uruks!", entfuhr es Dim-Kalir, und er wich erschrocken einen Schritt zurück. Mulder beobachtete, wie einer der Fremden seine rechte Hand hob und auf das Waldstück hinter sich deutete. Dazu sprach er in einer für Mulder unverständlichen Sprache. Er wusste nicht, ob es Akungaisch war, doch er hatte das untrügliche Gefühl, dass dieser von Dim-Kalir als Uruks bezeichnete Stamm sehr viel mit der Dschungelstadt zu tun hatte. "Was wollen die?", fragte Jonas leise. "Wir sollen ihnen folgen", flüsterte Malia. "Das können wir nicht!", protestierte Grahm. "Wir müssen zurück in die Stadt!" "Wenn wir ihnen nicht aus freien Stücken folgen, werden sie uns mit Waffengewalt dazu zwingen", erwiderte Dim-Kalir düster. Kaum hatte er ausgesprochen, als sich auch schon sieben Speerspitzen auf sie richteten. "Geht!", befahl der Medizinmann. "Leistet ihnen keinen Widerstand! Tut einfach, was sie verlangen!" Die Uruks umzingelten sie und trieben sie vor sich her in den Wald. Jeweils drei Männer gingen links und rechts von ihnen, ein einzelner bildete das Schlusslicht. Sie bedachten ihre Beute mit drohenden Blicken, die so eisig waren, dass Jonas glaubte, jeden Moment festfrieren zu müssen. "Wohin bringen sie uns?", fragte er an Dim-Kalir gewandt. "In ihr Dorf", raunte der Medizinmann. "Sie wollen meinen Rat." "Können sie denn nicht etwas freundlicher darum bitten?", knurrte Mulder, der hinter ihnen ging. Der Wald lichtete sich, und sie folgten nun dem Uferstreifen eines Sees. Weiter vorn ging es leicht bergauf. "Haben Sie noch die Silberknöpfe, Agent Mulder?", fragte Malia. "Ja, wieso?" "Weil wir sie vielleicht brauchen werden, denn seit jeher haben Ghouls bei den Uruks gelebt." "Na großartig!", kommentierte Scully. "Der Stamm und die Ghouls führen so eine Art Zweckgemeinschaft", erklärte die Akunganerin leise. "Die Untoten beschützen die Uruks, dafür verlangen sie frisches Fleisch als Gegenleistung." "Na hoffentlich steht heute nicht Paläontologenfilet und Agentenfutter auf den Speiseplan", murmelte Mulder. Scully bedachte ihn mit einem wütenden Blick. "Wäre es nach mir gegangen, wären wir gar nicht hier und andauernd in Gefahr, von irgendwelchen Raubechsen oder Dämonen aufgefressen zu werden!" Sie kamen zu dem Baumstück über dem See. Für einen Moment sah Mulder weder die finsteren Gestalten, die sie mit ihren Speeren weiter vorantrieben, noch Scullys mürrisches Gesicht. Ihm schwindelte. Diese Bäume! Riesige Robinien, Koniferen, Ginkos und Zypressen! Äste, Wurzeln und Stämme waren mit Moos und vielfarbigen Pilzen besetzt. Von Baum zu Baum verliefen Hängebrücken und Bohlenstege. Wohnnester und Waben hingen bis in den Kronenraum. Kletternetze schaukelten auf den Boden, Schilfbedachungen, Sonnensegel und Grasmatten überdachten gegeneinander versetzte Plattformen. Mooswände standen dazwischen, bunte Perlvorhänge schaukelten über Hängematten. Efeugewächse durchflochten die Plattformen. Nirgends ein rechter Winkel. Die ganze Struktur wuchs vom Waldboden bis in die Wolken, fiel und stieg an und setzte sich unübersehbar durch das Waldstück fort. Ein Hausboot, stellte sich Mulder vor. Nein, ein Riesenschiff unter gebauschten Segeln, das der Wind über die Berge in ferne Welten entführte. Ein grünes Raumschiff. "Das Dorf der Uruks", sagte Malia leise. Die bewaffneten Männer trieben sie die Kletternetze hinauf auf die unterste Plattform. Aus den Wohnnestern und Waben starrten ihnen unzählige Augenpaare entgegen. Ein finster dreinblickender Mann kam ihnen entgegen, begleitet von einem knapp zehnjährigen Jungen "Das ist der Häuptling", sagte Dim-Kalir. "Kabip. Das bedeutet der Schreckliche." "Es wird immer besser", murmelte Mulder leise vor sich hin. Kabip trat vor Dim-Kalir, begrüßte ihn knapp, und begann auf ihn einzureden. Der Medizinmann nickte einige Male, erwiderte hier und da etwas. Dann deutete er auf Scully. "Lai b'ana", sagte er. "Was sagen Sie ihm da?", fragte die Agentin, und ihrer Stimme war zu entnehmen, dass ihr mehr als bloß unwohl war. "Eine Frau liegt in den Wehen. Es gibt Komplikationen bei der Geburt, und der ansässige Schamane kann mit seinen Liedern und Tänzen nicht helfen", erklärte Dim-Kalir. "Ich habe ihm gesagt, dass Sie Ärztin - also eine Weise - sind, und dass Sie helfen können." "Aber..." Der Medizinmann unterbrach ihren Protest. "Der Junge wird Sie zu der Hütte führen. Er heißt Oci." Oci trat auf Scully zu, griff nach ihrer Hand und zog sie hinter sich her zu einer kleinen Holzhütte, die weiter hinten auf der Plattform stand. Die anderen folgten automatisch, während Dim-Kalir zurückblieb, um weiter mit Kabip zu reden.
An der Hütte angekommen, öffnete Oci die Tür und führte Scully ins Innere. Auf dem Boden hatte man einen Erdhaufen aufgehäuft, auf dem ein kleines Feuer brannte und etwas Licht in den Raum brachte. Ebenfalls erhellten einige Fenster das Innere. Auf einem Felllager, im rückwärtigen Teil der Hütte, lag eine hochschwangere junge Frau, vielleicht nicht älter als achtzehn. Ihr Gesicht glänzte vor Schweiß und Anstrengung. Oci deutete auf sie, dann drehte er sich um und verließ die Hütte. Scully kniete sich neben der Frau nieder, tastete langsam den prallen, nackten Bauch ab. "Das Kind liegt falsch herum", stellte sie nüchtern fest. "Wir müssen einen Kaiserschnitt vornehmen." "Hier? Mitten im Dschungel?" Grahm sah sich beinahe panisch um. "Agent Scully, die Frau hier wird das nicht überleben!" "Vertrauen Sie ihr einfach, okay?", sagte Mulder eindringlich, während er den Wissenschaftler aus der Hütte schob. "Passen Sie einfach auf, dass niemand in dieses Haus kommt, und alles ist in Ordnung! Lassen Sie Dim-Kalir die ganze Sache erklären! Wir werden uns darum kümmern." Grahm sah ihn finster an. "Wenn es Ihnen nicht gelingt, diese Frau dort zu retten, werden diese Voodoo-Priester Sie für Teufel halten und bei lebendigem Leibe rösten!", zischte er. "Und ich lege nur ungern mein Leben auf die Waageschale!" "Verschwinde jetzt, Ben!", fuhr ihn Jonas ungestüm an. "Pessimisten können wir hier nicht gebrauchen!" Er packte ihn am Arm und beförderte ihn mehr oder weniger sanft vor die Tür und zog sie anschließend hinter sich zu. "Sie müssen mir helfen, Mulder." Scully hatte sich über die wimmernde Frau gebeugt und befühlte ihre Stirn, strich anschließend über den prallen Bauch. "Ich brauche heißes Wasser zum Desinfizieren, Nadel und Faden, wenn es geht, auch Tücher..." Ihr Partner hatte bereits den Rucksack abgesetzt und durchwühlte die Taschen. Schere, Nadel und Garn fand er recht schnell. Er fand auch einen Topf, füllte ihn mit dem Wasser, das er in der Trinkflasche mitgeführt hatte, und hängte ihn über das Feuer. "Haben Sie so etwas schon mal gemacht?", erkundigte er sich, während er die Schere in das dampfende Wasser hielt, um sie zu desinfizieren. "Um die Wahrheit zu sagen, nein", gab sie zu. Jedoch klang ihre Stimme dermaßen ruhig und konzentriert, dass ihre Antwort Mulder nicht beunruhigte. Er vertraute ihren Fähigkeiten als Ärztin. Sie würde schon wissen, was zu tun war. Er zog ein großes Badetuch aus dem Rucksack und reichte es Scully, die es der Frau unterschob, um wenigstens ein einigermaßen hygienisches Umfeld zu schaffen. "Wir haben nicht einmal ein Narkosemittel", murmelte Scully. "Sie wird höllische Schmerzen haben..." "Warten Sie." Mulder inspizierte den Verbandskasten und die kleine Hausapotheke, die sie vorsichtshalber mitgenommen hatten. "Wir haben Morphin da... Für alle anderen Mittel würden wir einen Beatmungsapparat brauchen, Morphin würde lediglich die Schmerzausschaltung und Entspannung hervorrufen..." "Besser als nichts." Scully zog sich Latexhandschuhe über und nahm anschließend das kleine Fläschchen und eine Kanüle entgegen. "Würden Sie sie bitte auf die Seite drehen, Mulder? Ich muss die Epiduralanästhesie durch Injektion des Lokalanästhetikums in den Periduralraum des Wirbelkanals einleiten..." "Müssen Sie ausgerechnet hier mit Fachchinesisch anfangen?", beschwerte er sich, griff aber unverzüglich nach der wimmernden Frau, um sie sanft auf die Seite zu drehen. "Das heißt, dass der Bauchraum durch vorübergehende Unterbrechung der Erregungsleitung der Nerven betäubt wird. Der Periduralraum umgibt das Rückenmark." Scully bereitete die Injektion vor und betrachtete die Frau. "Ich werde einen horizontalen Schnitt knapp oberhalb des Schambeins machen. Diese Art von Schnitt heilt am Besten..." Sie blickte auf. "Und Sie werden mir wohl oder übel zur Hand gehen müssen, denn allein schaffe ich das nicht." Er lächelte matt. "Zum Glück gehöre ich nicht zu denen, die bei dem Anblick von Blut in Ohnmacht fallen..." Scully verabreichte die Spritze, und Mulder drehte die Frau daraufhin wieder auf den Rücken. Er schob ein Fell unter ihren Kopf und redete beruhigend auf sie ein. Scully blickte kurz zu ihm, während sie die desinfizierte Schere aus dem brodelnden Wassertopf fischte. Die Frau konnte ihn zwar nicht verstehen, aber vielleicht bewirkte der sanfte, ruhige Ton seiner gedämpften Stimme irgend etwas. Jedenfalls griff sie mit flehendem Blick nach seiner Hand. Mulder drückte sie leicht. "Es wird alles gut", versprach er. "Wir kriegen das schon hin..." Die Tür der Hütte öffnete sich, und Malia schlüpfte hinein. Sie kniete neben der Frau nieder, betrachtete kurz das Tun der beiden Agenten. "Sie ist die Frau des Häuptlings", sagte sie leise. "Sari." "Na super!", murmelte Mulder. "Scully, Sie wissen auch ganz sicher, was Sie da tun?" Sie sah ihn nur kurz an. "Beruhigen Sie sie", sagte Mulder an Malia gewandt. "Sagen Sie ihr, dass wir versuchen, sie und ihr Kind zu retten, und dass wir sie nicht im Stich lassen werden. Sagen Sie ihr, dass Scully eine Heilerin ist, und dass sie weiß, was zu tun ist." Malia nickte und begann, leise auf Sari einzureden. Mulder streifte sich ebenfalls Latexhandschuhe über und rutschte zu Scully hinüber, die bereits den Schnitt gemacht hatte. Sari hatte kaum gezuckt, das Morphin schien zu wirken. Fruchtwasser quoll aus der Öffnung im Unterleib, vermischt mit etwas Blut. Scully dehnte vorsichtig die Haut, das Licht, das durch die Fenster in die Hütte gelang, fiel auf das Segment unterhalb des Uterus. "Nehmen Sie das Kind vorsichtig heraus, Mulder, ganz langsam, damit der Schnitt nicht noch weiter aufreißt. Schieben sie ihre Hand unter sein Becken und heben Sie es ganz vorsichtig an. Bloß keine Eile..." Sie blickte kurz zu Sari, die vertrauensvoll zu Malia aufblickte, die ihr die Hand hielt und beruhigend auf sie einredete. Als Scully wieder den Blick wandte, sah sie, dass Mulder bereits das Kind herausgehoben hatte, so wie sie es ihm gesagt hatte. Mit der rechten Hand hielt er seinen Rücken, mit der linken stützte er das Köpfchen. "Ganz schön glitschig, der Bursche", kommentierte er. "Halten Sie den Kleinen an den Beinen fest, mit dem Kopf nach unten, damit der Schleim aus dem Mund laufen kann", wies ihn Scully an, während sie in den Einschnitt griff, um auch die Plazenta zu entfernen. "Barbarische Sitten!", knurrte er, tat aber, was von ihm verlangt wurde. Scully überprüfte die bereits herausgenommene Plazenta, ob sie auch komplett abgegangen war, und nickte zufrieden. Mulder angelte mit der freien Hand nach der Schere, die Scully wieder in den Topf mit heißem Wasser hatte gleiten lassen. Mit der linken Hand presste er nahe am Bauch des Neugeborenen die Nabelschnur ab, bevor er sie durchtrennte. Das Baby schnappte zum ersten Mal in seinem Leben nach Luft und schrie. "Sie sind ja richtig begabt, Mulder", bemerkte Scully mit einem merklichen Lächeln. "Säubern Sie den Kleinen, während ich den Schnitt wieder vernähe." Sie machte sich an die Arbeit, konzentrierte sich voll und ganz auf ihre Aufgabe, nach dem Kind nun auch noch die Mutter zu retten. Der Faden war glücklicherweise reißfest, würde aber dennoch leicht zu entfernen sein, sobald die Wunde verheilt war. Als sie endlich fertig war und vor Erleichterung seufzend aufblickte, sah sie, wie Mulder Sari das Neugeborene reichte, das er mit warmem Wasser gewaschen und anschließend in ein weiteres Badetuch eingewickelt hatte. Der Kleine hatte schon lange aufgehört zu schreien, wirkte gesund und kräftig. Alle Gliedmaßen waren korrekt ausgebildet und die Augen nicht getrübt. "Alles dran!", grinste Mulder, so als hätte er ihre Gedanken gelesen. "Gute Arbeit, Frau Doktor." Auch Sari wirkte - trotz Erschöpfung und Narkosemittel - sehr glücklich. Sie wiegte den Kleiinen im Arm hin und her, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf das Näschen und sagte: "Pat." "Was heißt das?", erkundigte sich Scully. Malia lächelte. "Sie hat ihm gerade seinen Namen gegeben, Pat. Das bedeutet Wunderkind." In diesem Moment schwang die Tür auf und Kabip trat herein. Er sah sich nur kurz um, erblickte den gesunden Knaben in Saris Armen und nickte zufrieden. "Oni", sagte er. "Das bedeutet gut", übersetzte Malia leise. Sari derweil begann aufgeregt auf ihren Mann einzureden, ihre Augen glänzten und ihre Stimme klang direkt aufgeregt. "Sie erzählt von Ihnen", sagte Malia und deutete auf Scully. "Und davon, dass Sie sie gerettet haben. Sie seien eine Zauberin." Scully lächelte. Doch erstarb ihr Lächeln im selben Augenblick, als ihr Blick den des Häuptlings traf - denn der war finster. "Was ist denn dem über die Leber gelaufen?", murmelte Mulder neben ihr. "Lai oilo chana kiro", donnerte der Häuptling und deutete mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf Scully. "Was hat er gesagt?", fragte Mulder an Malia gewandt, die totenbleich war. "Er sagte, sie beherrsche die schwarze Magie, sie sei eine böse Frau...", übersetzte sie zögernd. "Der hat sie ja wohl nicht alle!" Mulder packte Scully am Arm und zog sie auf die Füße. "Kommen Sie, wir gehen! Bei so viel Dankbarkeit fällt mir wahrlich nichts mehr ein!" Doch bevor sie die Hütte verlassen konnten, stellten sich ihnen vier bewaffnete Männer entgegen. Der erste von ihnen packte Scully und wollte sie von Mulder fortreißen. Als er protestieren wollte, wurde er von einem anderen brutal in die Magengrube geschlagen. Mulder schnappte nach Luft und beugte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach vorn. "Mulder!" Scullys Ruf ließ ihn den Blick heben. Er sah, wie sie sich vergeblich gegen die vier Männer wehrte, die sie über einen langen Steg nach unten brachten, auf einen großen Platz, in dessen Mitte eine große Statue stand, umgeben von zwei steinernen Altären. Mulder versuchte, den stechenden Schmerz zu ignorieren, und richtete sich auf. Er sah, wie Scully an die Statue gefesselt wurde. "Was machen sie da?", fragte Jonas, der hinzugekommen war, doch er bekam keine Antwort. Mulder packte Dim-Kalir grob an Kragen seines Ledergewandes und rüttelte ihn heftig. "Was machen sie mit ihr?", donnerte er, und der Medizinmann duckte sich beinahe erschrocken, von der Wut des sonst so friedfertigen Mannes überrascht. "Na los, spucken Sie's aus!" "Sie wollen sie Shaim, dem großen Feuergott, opfern", antwortete Malia, während Dim-Kalir weiterhin beharrlich schwieg. "Zu diesem Zweck werden sie Agent Scully dem übergeben, was Shaims Element ist: dem Feuer..." Sie hatte kaum ausgesprochen, als Mulder den Medizinmann abrupt los- und zu Boden fallen ließ. Er wandte sich um und wollte loslaufen, doch packte ihn Dim-Kalir am Arm und zog ihn grob zurück. "Wenn Sie die Zeremonie stören, wird man auch Sie töten!", zischte er. "Sie haben ja gar keine Ahnung, welche Macht dieses Volk besitzt! Wir könnten uns nie gegen es wehren! Wenn Sie Ihre Partnerin jetzt zu befreien versuchen, setzen Sie unser aller Leben aufs Spiel!" "Hören Sie, ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sie Scully bei lebendigem Leib rösten, bloß weil sie einer Frau frevelhafterweise das Leben gerettet hat, klar? Dieses Dschungelvolk sollte ihr dankbar für das sein, was sie getan hat, statt dessen sieht der Häuptling eine Bedrohung in ihr. Und der paranoiden Ansichten eines Verrückten willen werde ich Scully nicht einfach sterben lassen! Ich hoffe, wir haben uns verstanden!" "Sie werden sich für unseren Tod verantworten müssen, Agent Mulder!", zischte Dim-Kalir. "Niemand hier wird Sie bei Ihrem wahnwitzigen Vorhaben unterstützen!" "Ich werde es auf jeden Fall tun", sagte Jonas mit fester Stimme. "Es ist nicht unsere Art, einen Freund im Stich zu lassen, auch wenn wir dabei Schaden tragen könnten!" Der Medizinmann funkelte die beiden Männer an, zu denen sich nun auch noch Grahm und Malia gesellten. Unwirsch deutete er auf den Platz, auf dem man inzwischen ein großes Feuer entfacht hatte, um das eine große Anzahl von jungen Mädchen in Baströcken tanzte. "Dann rennt doch in euer Verderben! Ich werde überleben, egal, was geschieht, aber Sie sind allesamt dem Tod geweiht, wenn Sie Ihr Vorhaben ausführen!" Die letzten Worte schrie er, denn die Wut packte ihn, als sich die Vier von ihm abwandten und die Anhöhe hinunter liefen, zu der Stelle, wo Scully an die Statue gefesselt stand. Um sie herum tanzten die Mädchen, ihre langen Baströcke flogen bei jeder Drehung. Ihr rhythmisches Lied schien mit jedem Wort anzuschwellen, die Schritte wurden schneller, Füße stampften auf dem Boden und wirbelten Staub auf. Der Reisighaufen, den man um Scully herum angehäuft hatte, fing Feuer, als eines der Mädchen einen brennenden Ast hineinwarf. Mulder erstarrte nur kurz in seiner Bewegung. Er konnte einfach nicht glauben, was er sah. Doch die vor Angst und Entsetzen weit aufgerissenen Augen Scullys trieben ihn weiter voran. Wut und Angst vermischten sich in ihm, er glaubte beinahe zu spüren, wie Adrenalin durch seinen Körper schoss, es ihm ermöglichte, sich todesmutig in die Meute von Uruks zu werfen und sich einen Weg in die Mitte des Platzes frei zu boxen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Einige der Männer versuchten, sich ihm in den Weg zu stellen, doch Mulder stieß sie grob beiseite. Ein merkwürdig süßer Geruch hing in der Luft, der sich mit dem Rauch vermischte. Endlich trat er auf den freien Platz. Die Mädchen hatten aufgehört zu tanzen und zu singen, satt dessen starrten sie den Störenfried mit kalten - beinahe hasserfüllten - Blicken an. Mulder kümmerte sich nicht darum. Er rannte auf Scully zu, um die bereits hohe Flammen schlugen. Er sah sie husten und vergeblich nach Atem ringen. Er hatte sie fast erreicht, als eines der Mädchen vor ihn trat - jedenfalls schien es einmal ein Mädchen gewesen zu sein. Das hübsche Gesicht war zu einer hässlichen Fratze geworden, die Hände zu krallenbewehrten Klauen, die zarte Haut zu einer fast durchsichtigen und verknoteten Membran. Das Wesen sah aus, wie halbtot. Ein Ghoul, schoss es Mulder durch den Kopf. Also war die Legende wahr. Er sah sich gehetzt um. Er erblickte Jonas, Ben und Malia, die unweit von ihm auf dem Platz standen und schockiert die Schreckensgestalten anstarrten, die sie umzingelten. Mulder sah, wie Jonas' Augen wütend aufblitzten und er eine Faust ballte, und er wusste, dass er nicht fliehen würde. Er würde kämpfen. Ebenfalls Grahm. Und auch Malias Angst schien wilder Entschlossenheit zu weichen. Kampfbereit standen sie da, Rücken an Rücken, auf die Attacke der Ghouls wartend. Mulder wurde bereits von einer dieser Kreaturen angegriffen. Der heimtückische Tritt des Wesens traf ihn in die Kniekehle. Während ein fürchterlicher Schmerz sein Bein durchzuckte, bemühte sich Mulder verzweifelt, auf den Füßen zu bleiben. Durch einen kräftigen Stoß des Ghouls verlor er jedoch das Gleichgewicht und krachte gegen einen der Altare. Dann schlug er mit dem Rücken auf den Boden. Doch war er während des Falls aufmerksam genug gewesen, um den erneuten Angriff des Monsters zu registrieren. Mit einer schier ungeahnten Kraft schoss er vom Boden auf und versetzte dem Körper des Ghouls einen kräftigen Stoß. Das Wesen fasste sich jedoch schnell und begann, mit Mulder zu ringen. Sie taumelten über dem Platz, ineinander verkrallt wie wütende Tiere. Während des Kampfes konnte Mulder einen kurzen Blick in Scullys Richtung erhaschen. Die Flammen verbargen seine Partnerin beinahe vollständig. Mulders Panik wuchs ins Unermessliche. Er wusste im Nachhinein nicht mehr wie, aber es gelang ihm, den Ghoul in die Knie zu zwingen. Mit der freien Hand tastete er in seiner Hosentasche nach Scullys Silberknöpfen, die Dim-Kalir geweiht hatte, kurz bevor die Uruks aufgetaucht waren und sie in dieses Dorf verschleppt hatten. Mulder nahm den Knopf zwischen Daumen und Zeigefinger und presste ihn gegen die Stirn des Ghouls, der daraufhin ein merkwürdiges, gluckerndes Geräusch von sich gab. Jede Bewegung des Untiers erstarb. Grünbraune Flüssigkeit rann in breiten Strömen aus der Stelle, in die sich der Silberknopf schier hineingefressen hatte, gleich einer ätzenden Säure, die den Untoten Stück für Stück zerfraß. Man konnte beinahe dabei zusehen, wie sich der Ghoul Stück für Stück auflöste. Kein Hautfetzen wurde verschont, nicht einmal Staub blieb zurück. Die Kreatur hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft aufgelöst.
Inzwischen hatten auch Jonas, Grahm und Malia mit ihren Gegnern zu kämpfen, die ihnen zahlenmäßig eindeutig überlegen waren. Und sie griffen an. Jonas beherrschte Pangamot, eine philippinische Kampfsportart, und in diesem Moment war er froh darüber. Pangamot war der härteste Kampfsport der Welt. In ihm steckte die pure Kraft, der Schlüssel zur Gewalt und zum Tod. Jonas hatte sich dem Pangamot zugewandt, nachdem seine Tante und seine damals vierjährige Cousine von Söldnern auf brutalste Weise ermordet worden waren. Seine ganze Wut und Ohnmacht hatte er in seine Ausbildung gesteckt, und er war einer der Besten im Gebiet des Kampfsportes - bloß hatte er es zuvor nie gewagt, gegen einen Menschen zu kämpfen, aus Angst, diesen beim Wettkampf zu töten - was beim Pangamot nicht ungewöhnlich war. Jonas sah sich suchend um. Irgendwo musste doch etwas sein, was er als Waffe gebrauchen konnte... Einer der Ghouls war plötzlich über ihm. Jonas sah nur die scharfen Krallen, die nach ihm griffen, und warf sich instinktiv zur Seite. Die Klauen zerfetzten die Luft neben ihm. Mit einer raschen Bewegung zog Jonas dem Wesen die Füße unter dem Körper weg, so dass es der Länge nach hinschlug. Gleichzeitig sprang Jonas auf und warf sich auf den Angreifer. Der bäumte sich auf und warf seinen Gegner zurück. Die Beiden rollten über den harten Boden, das Kampfgetümmel und die lauten Schreie ringsherum ignorierend. Schließlich gelang es dem Ghoul, Jonas am Boden festzunageln, und er presste ihn brutal zu Boden. Jonas stöhnte, schmeckte Blut im Mund. Höllische Schmerzen durchzuckten ihn. Er schnappte unter dem schweren Gewicht des mutierten Ungeheuers nach Luft, tastete verzweifelt mit dem noch freien linken Arm um sich und bekam etwas Hartes zu fassen. Es war ein schweres Stück Holz. Er umklammerte es mit den Fingern und zog es dem Ghoul über den Kopf. Das Untier taumelte zurück und Jonas vergaß den stechenden Schmerz, nutzte die Chance, um schnell aufspringen zu können. Aber auch der Ghoul hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden. Mit einem wütenden Kreischen stürzte er sich auf seinen Gegner. Doch nun kam ihm Jonas zuvor. Blinde Wut war in ihm aufgewallt, hatte sich in ihm gesammelt. Mit ihr kam die Kraft und die Geschicklichkeit. Jonas packte das Wesen, funkelte es mit einem wilden, fast mordlustigen Blick an. Der Ghoul starrte zurück.
Derweil wich Grahm dem wütenden Schlag eines weiteren Ghouls aus. Gleichzeitig holte er aus und streckte das Wesen mit einem kräftigen Faustschlag zu Boden. Der Ghoul stöhnte, rappelte sich aber sofort wieder auf. Mit einem schrillen Kampfschrei wirbelte er herum, ein zerborstenes Stück Holz in den Händen, mit dem er weit ausholte...
Malia schlug einen schwungvollen Salto rückwärts, ihr rechter Fuß traf das Wesen, das sie angreifen wollte, hart unter dem Kinn. Es jaulte auf, taumelte zurück. Doch schnell hatte es sich wieder gefasst und packte seine Gegnerin voller Zorn und entfesselter Wut. Malia stöhnte vor Schmerz, als ihr die Kreatur den Ellenbogen brutal in den Bauch stieß. Sie glaubte, ihr würde sich der Magen umdrehen. Sie sah den Ghoul über sich, der zu einem weiteren Stoß ausholte. In diesem Moment packte ihn jemand an der Kehle. Das Wesen röchelte, versuchte, sich aus dem festen Griff zu befreien. Malia kam wieder auf die Füße, sah, dass Jonas den Mutanten erbarmungslos gegen den Altar drückte. Er funkelte das grässliche Ding an. Seine Kleidung war zerfetzt und teilweise blutdurchtränkt, sein Gesicht glänzte vor Schweiß und Anstrengung. Er atmete nur stoßweise, doch seine Augen brannten wie Feuer.
Mulder derweil hatte sich von dem klammernden Griff eines weiteren Ghouls befreit und eilte auf die Statue zu, wo Scully noch immer festgebunden inmitten des knisternden Feuers stand, das gierig nach ihr leckte. Er hörte sie erneut husten und rannte los, die wütenden Monster rings um sich kaum wahrnehmend. Mulder durchbrach die Feuerwand, ignorierte die sengende Hitze, zog sein Taschenmesser hervor und ließ die Klinge durch den festen Bast von Scullys Fesseln fahren, die in die alles verschlingenden Flammen fielen. Scully, inzwischen ohnmächtig geworden, fiel vornüber. Mulder fing sie gerade noch rechtzeitig auf, schob seine Arme unter sie und hob sie empor. Der Qualm und die Hitze ließen seine Augen brennen und tränen, und er musste den sich bildenden Schleier hinfort blinzeln, um wieder einigermaßen klar sehen zu können. Hustend hastete er vorwärts und durchbrach mit gesenktem Kopf die Wand aus schwarzem Ruß, glimmenden Funken und züngelnden Flammen. Nach Atem ringend stand er auf dem Platz, wo der Kampf noch immer anhielt.
Während sich Mulder in die Flammen gestürzt hatte, hatte sich Jonas einen Speer erkämpfen können, den er über dem Knie in zwei gleich große Teile gebrochen hatte. Die metallene Spitze hatte er entfernt, dafür den silbernen Stierkopf, den er zuvor als Kette um den Hals getragen hatte, an ihre Stelle gesetzt. Die aus dem Speer entstandenen Stöcke benutzte er nun als Waffe - und wie er sie benutzte! Mulder starrte den jungen Wissenschaftler verblüfft an, der inmitten der Horde von Ghouls zu tanzen schien, so leichtfüßig und geschmeidig bewegte er sich. Es schien, als hätte er jeden einzelnen Muskel seines Körpers unter Kontrolle. Dabei wirbelte er die beiden Stöcke in wahnwitziger Geschwindigkeit herum; sie glitten unglaublich schnell und mit komplizierten Bewegungen durch die Luft. Jonas benutzte die Stöcke zuerst wie Keulen, dann wie Messer oder Schwerter. Seine Bewegungen waren schnell, kraftvoll und zornig. Mulder konnte deutlich hören, wie die Stöcke pfeifend durch die Luft sausten und sie in unblutige Scheiben schnitten, um kurz darauf einen angreifen Ghoul zu treffen, der von der Silberspitze getroffen zu Boden sank, um sich dort Schritt für Schritt aufzulösen. Jonas bedrängte zwei weitere Angreifer mit den Stöcken, die in seinen Händen zu einer ungeheuerlichen Waffe geworden zu sein schienen. Sein Atem ging rau und stoßweise, während er blitzschnelle tödliche Schläge austeilte. Er sprang zur Seite, fing den Hieb eines der Ghouls ab, sank auf die Knie und schlug dem Feind mit beiden Stäben über die Beine. Das Wesen fiel jaulend vornüber. Jonas sprang fort, tänzelte wie ein Boxer auf den Fußballen, schlug hierhin, dorthin, steigerte das Tempo, wobei auch die Brutalität zunahm. Die Luft schien von seiner Kampfeswut erfüllt zu sein. Und trotz seiner unglaublichen Technik, mit der er sich der Ghouls erwehrte, schien er nicht siegen zu können - denn der Feind war ihm zahlenmäßig um das Zwanzigfache überlegen... In diesem Moment durchbrachen unzählige, sich flink bewegende Gestalten das Unterholz. Mulder sah bloß ihre Schatten in der Dunkelheit, hörte das vertraute Fauchen. Er sah die waagerecht vom Körper weggestreckten Schwänze, die schmalen Köpfe mit den weit aufgesperrten Mäulern und die gefährlichen Sichelkrallen auf der Mittelzehe der kräftigen Hinterbeine. Velociraptoren. Die kleinen Raubsaurier schossen auf den Platz, sprangen mit einer erstaunlichen Zielsicherheit die nächstbesten Ghouls an und rissen deren unmenschliche Körper in Fetzen. Die Luft war erfüllt von Schreien und Kreischen, Fauchen und dem untrüglichen Krachen und Knacken von durchgebissenen Knochen. Der Geruch von Verwesung, Blut und verbrannter Haut breitete sich aus. Jonas und Malia nutzten die Gunst der Stunde, um sich unbemerkt vom Kampfgetümmel, das zu eskalieren drohte, zu entfernen. Scully derweil war aus ihrer Ohnmacht erwacht, hustete, rang gierig nach rettendem Sauerstoff. Zögernd schlug sie die Augen auf, sah in Mulders rußgeschwärztes Gesicht. "Bin ich schon tot?", fragte sie beinahe flüsternd. Er schüttelte den Kopf. "Nein. Aber wenn wir hier nicht schnellstens verschwinden, könnten wir es bald sein..." Die zwei anderen waren endlich heran. Sie alle hatten Verletzungen davongetragen, doch noch immer waren sie kräftig genug, um sich auf den Beinen halten zu können. "Wo ist Grahm?", schrie ihnen Mulder entgegen, als er sah, wie auch Dim-Kalir auf sie zukam. Malia wies stumm auf eine Gruppe von Ghouls, die sich über einen zerfetzten Körper beugten. "Ich konnte ihn nicht retten", stammelte Jonas neben ihr. "Es ging so schnell, auf einmal waren drei von ihnen über ihm..." Mulder ließ Scully vorsichtig auf den Boden gleiten. Sie schien einen Moment unsicher auf den Beinen zu sein, fand schließlich dennoch ihr Gleichgewicht. Mulder wollte sie stützen, doch sie schüttelte energisch den Kopf. "Danke, aber ich schaffe das schon!" Jonas hatte sie bereits erreicht. Hastig deutete er in die Richtung des nahen Waldes. "Los! Lasst uns abhauen!" Sie rannten los.
Vince lief nervös in dem unterirdischen Kuppelraum auf und ab, den Blick auf seine Armbanduhr geheftet. "Ich verstehe das nicht", murmelte er. "Sie müssten schon längst wieder hier sein..." "Vielleicht haben sie Umwege machen müssen", versuchte ihn Kenji zu beruhigen. "Wer weiß, was da alles durch den Dschungel turnt..." Vince blieb kurz stehen und sah den Inder an. "Bald wird es anfangen zu dämmern", sagte er langsam. "Wenn Sie bis zum Einbruch der Dunkelheit nicht zurück sind, werde ich losgehen und sie suchen!"
Jonas wusste nicht, wie lange und wie weit sie gelaufen waren, als die Beine unter ihm nachgaben. Er konnte einfach nicht mehr. Er hatte schreckliches Seitenstechen, außerdem machte ihm die Wunde am rechten Oberschenkel zu schaffen, die ihm einer der Ghouls mit seinen widerlichen klauenbewehrten Fingern aufgerissen hatte. "Stopp!", keuchte er. "Ich muss mich ausruhen..." Die anderen blieben mit beinahe dankbaren Gesichtsausdrücken stehen, Auch sie waren müde und ausgelaugt von den Ereignissen des Tages, aber auch die Angst saß ihnen noch tief in den Knochen. "Wir sind weit genug vom Lager der Uruks entfernt", sagte Dim-Kalir schweratmend. "Gönnen wir uns ein paar Minuten Rast, bevor wir weiterziehen..." Mit einem erleichterten Seufzer ließen sie sich nieder. Mulder hatte noch eine Flasche Wasser in seinem Rucksack und ließ sie herumreichen. "Der arme Ben", murmelte Jonas leise. "Wenn ich diese Mistviecher in die Finger bekomme, werde ich sie allesamt in ein Silberbad tauchen!" "Wir müssen unbedingt zurück nach Akunga", sagte Dim-Kalir matt. "Hier draußen ist es viel zu gefährlich, schon allein durch die Anwesenheit der Uruks und der Ghouls..." "Aber auch Spear ist nicht zu verachten", hielt ihm Jonas entgegen, während er mit Kieselsteinen in einen nahen Baum zielte. "Und der lauert in Akunga, zusammen mit einer Handvoll bis zu den Zähnen bewaffneten Männern..." "Er kann nicht für alle Ewigkeiten dort bleiben", erwiderte Scully. "Irgendwann wird er die Stadt verlassen, spätestens dann, bis er gefunden hat, wonach er sucht..." Jonas seufzte und feuerte einen weiteren Kieselstein in das Blattwerk des Baumes. Es gab einen dumpfen Knall, und Jonas befürchtete schon, irgendein Tier getroffen zu haben, doch fast gleichzeitig brach ein Ding, das etwa kürbisgroß war, durch das untere Geäst und landete kaum hörbar auf dem weichen Waldboden. Malia sprang erschrocken auf. "Jens!", schrie sie. Die anderen hoben ruckartig die Köpfe. "Sie haben ein Nest von ihnen vom Baum geholt", knurrte Dim-Kalir, während er beobachtete, wie Insekten von der Größe mitteleuropäischer Hornissen aus dem Bau krochen und ihn brummend umrundeten. "Diese Insekten gehören zu den giftigsten der Welt. Ein Stich allein reicht aus, um einen Menschen zu töten." Jonas wurde bleich. "Verdammt! Ich wusste doch nicht, dass..." Er kam nicht weiter. Die Insekten hatten aufgehört, um ihr Nest zu fliegen. Sie änderten den Kurs und kamen zielbewusst auf sie zu. "Lauft!", schrie Malia. "Lauft!" Und wieder rannten sie. Sie brachen durch hüfthohes Flattergras und Farne, hasteten durch Nesselgewächse und Büsche. Dim-Kalir deutete geradeaus. "Los, da vorne ist ein Fluss!" Sie hörten das unheilverkündende Surren und Brummen der Rieseninsekten hinter sich, und sie beschleunigten noch ihre Schritte. Endlich lichtete sich der Wald vor ihnen, wich einem kiesigen Flussufer. Jonas, der mit Malia an der Spitze lief, zögerte keinen Moment. Er warf sich in die Fluten, die eisige Kälte des Wassers ignorierend. Mit kräftigen Schwimmbewegungen schnellte er vorwärts, die Luft anhaltend und den Blick auf die Wasseroberfläche über sich gerichtet, über der der Schwarm von Jens schwirrte. Würden sie sich überhaupt noch irgendwo in diesem verfluchten Tal aufhalten zu können, ohne von irgendwelchen Wesen bedroht zu werden? Langsam ging Jonas die Luft aus, und er war froh, dass sie bereits das andere Ufer erreicht hatten. Im Schutz von Schilf und vereinzelten Seerosenblättern tauchte er auf und blickte sich aufmerksam um. Die Jens schwirrten knapp zehn Meter entfernt über der Stelle, wo sie in den Fluss gesprungen waren. "Los, raus hier!", kommandierte er, während er sich langsam aufrichtete. "Lasst uns verschwinden, bevor sie merken, dass wir nicht mehr da sind, wo sie uns vermuten." Sie stiegen die Böschung hinauf und huschten in die nahen Büsche. So leise wie möglich entfernten sie sich vom Ufer. "Ich möchte nicht wissen, das wievielte unfreiwillige Bad das hier inzwischen war", murrte Mulder, während er versuchte, die größte Nässe aus seinem T-Shirt zu wringen. Scully seufzte. "Das ist doch... - Autsch!" Erschrocken tastete sie mit ihrer rechten Hand nach ihrem Oberarm. Mulder gab dem Insekt geistesgegenwärtig einen heftigen Klaps, und das Tier fiel tot zu Boden. Es war ein Jen. "Nein, nicht schon wieder!" Scully starrte auf den deutlich zu erkennenden Einstich auf ihrem Arm, der bereits rot zu werden begann. "Warum immer ich?" "Bei allen Göttern!" Malia betrachtete erst den Arm, dann das tote Insekt auf dem Boden. "Ihre Stiche sind tödlich! Wenn wir binnen achtzehn Stunden kein Gegenmittel finden, werden Sie an dem Gift sterben!" Scully wurde blass. "Es gibt ein Gegenmittel", beeilte sich Dim-Kalir zu sagen, als er ihr schockiertes Gesicht sah. "Den Grünen Teufel, eine Quallenart, die in Küstennähe lebt. Dessen Eiweiße sind äußerst wirkungsvoll gegen das Insektengift." "Und wo kriegen wir diesen Grünen Teufel her?", erkundigte sich Mulder. "Vom Strand." Malia deutete nach Osten. "Er ist nicht weit von hier. In zwei Meilen Entfernung beginnt das Meer..."
Vince und die anderen blickten verstört auf, als sie die Stimmen hörten, die durch die unterirdischen Gänge zu ihnen vordrangen. "Da kommt wer", murmelte Sarah. "Es ist aber nicht Spear", fügte Kenji hinzu. Er hatte Recht. Was den Kuppelraum betrat, war eine etwa zehnköpfige Gruppe von Akunganern. In ihren Gesichtern konnte man Angst und Verzweiflung lesen, die Frauen unter ihnen weinten leise. "Was ist passiert?" Ivan blickte verstört von einem zum anderen. Einer der Akunganer, ein junger Mann mit schulterlangem schwarzen Haar, trat vor. "Akunga ist überfallen worden", sagte er. Vince musterte ihn. "Sie sprechen unsere Sprache? Wer sind Sie? Und wieso ist Akunga überfallen worden? Ich dachte, Spear sei noch immer hier..." "Das ist er auch, wenn er nicht gefressen wurde." Der Mann ließ sich auf einen Baumstumpf fallen, der als Stuhl diente. "Ich bin Piak und war bis vor Kurzem der Wächter eines unweiten Tempels. Eure Sprache beherrsche ich, da Dim-Kalir sie mich lehrte. Und was Akunga heimgesucht hat, ist nicht euer weißer Teufel mit den spuckenden Stöcken, denn diese sind auch nicht wirkungsvoll genug gegen die neue Plage." Er blickte auf. "Es sind Dilophosaurier in der Stadt." "Wie bitte?" Vince sah ihn entgeistert an. Piak nickte. "Sie haben unsere Häuser zerstört, unsere Vorräte geplündert und unzählige Menschen getötet. Es sind an die fünfzig oder mehr. Wir", er deutete auf die Menschen hinter sich, "sind die einzigen, die überlebt haben." "Großer Gott!", entfuhr es Ivan. "Was ist mit Jonas und den anderen?", fragte Sarah ängstlich. "Wenn sie direkt in die Stadt gehen, anstatt zuerst hierher zu kommen?" Keiner wagte es, ihr darauf eine Antwort zu geben...
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