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Intra unguis mortifer - In den Klauen der BestienTeil 5Kitty
Vor Malia lag etwas, das Mulder an ein gelb-grünes, transparentes Phantom mit langen Fangarmen erinnerte. Der gelatineartige Körper begann im austrocknenden hellen Licht der Sonne zu schrumpfen. Mulder berührte flüchtig die Qualle und zog die Hand hastig wieder zurück. Mit deutlichem Ekel betrachtete er die Schleimspur, die das Wesen auf seiner Haut hinterlassen hatte. Der Schleim erinnerte an erstarrtes Fett und fluoreszierte wie eines dieser Leuchtstäbchen, die man auf Festen an ausgefallenen Ständen erstehen konnte. Mulder schüttelte unwillig die Hand, glühende Stückchen Protoplasma flogen durch die Luft. "Das kann man doch nicht essen!", knurrte er. "Selbst eine Auster ist noch bissfest dagegen!" "Man kann es aber schlucken", erwiderte Malia, während sie die Fangarme und Nesseln entfernte und von den Ausläufern der Wellen zurück ins Meer tragen ließ. Es gab genug Fische, die sich um die Überreste des gallertartigen Tieres streiten würden. "Der grüne Teufel ist ein altes Heilmittel", erklärte Dim-Kalir. "Seit Jahrhunderten verwendet man seine Inhaltsstoffe als Antidot gegen gefährliche Insektenstiche." Malia ließ ein etwa drei Zentimeter dickes Stück auf Scullys Hand gleiten. Die Agentin verzog angewidert das Gesicht, als sie den kalten Glibber zwischen ihren Fingern spürte. "Widerlich!", brummte sie. "Einfach nur widerlich!" "Schleimig, jedoch vitaminreich!", ulkte Mulder mit einem breiten Grinsen. "Hakuna matata!" "Das war nicht komisch", entgegnete sie. "Verdammt, ich kann das nicht essen!" Mulder deutete auf die Überreste der Qualle. "Malia, kann ich bitte auch ein Stück haben? Sieht so aus, als ob ich als Vorkoster agieren müsste." "Aber..." Er hielt ihr die offene Hand hin und sah sie bedeutungsvoll an. Sie zuckte mit den Schultern, schnitt ein ebenso großes Stück heraus, wie sie es Scully gegeben hatte, und reichte es dem Agenten, der rasch die andere Hand darüber legte. "Hups, dageblieben!", tadelte er, während er so tat, als wolle die glibberige Masse von seiner Hand rutschen. Dabei nahm er das Stück unauffällig in die andere Hand. Er blickte zu Scully. "Versprechen Sie mir etwas?" "Was?" "Dass ich dieses Ding nicht umsonst herunterwürge. Wenn ich es tue, tun Sie es auch!" Sie seufzte. "Na schön..." Er nickte zufrieden. Scully beobachtete, wie er den Kopf zurücklegte und die Qualle schluckte - oder besser, wie er so tat, als würde er sie schlucken. Er schien ein guter Schauspieler zu sein, denn sie bemerkte seinen Schwindel nicht. Mit einem ergebenen Seufzer würgte sie das Quallenstück hinunter, bevor der Ekel sie daran hindern konnte, denn der kalte Glibber auf der Zunge war nichts im Vergleich zu Wackelpudding, noch dazu mit Salzgeschmack. Sie schloss die Augen und schluckte tapfer die Qualle. Mulder nutzte die Gelegenheit, um seine Glibbermasse ungesehen von ihr loszuwerden und ins Meer plumpsen zu lassen. Scully derweil verzog das Gesicht und schüttelte sich. "Einfach nur abartig", kommentierte sie und hob wieder den Blick. "Na ja, gewöhnungsbedürftig", erwiderte er mit einem leichten Schmunzeln, das eigentlich ihr Misstrauen hätte erregen müssen. Doch es schien ihr entgangen zu sein. Er streckte ihr die Hand hin, um ihr vom Boden aufzuhelfen. "Das war's doch schon! Ist doch besser, als 'ne Spritze..." Sie schüttelte hastig den Kopf. "Finde ich gar nicht!" Er lachte bloß. Seine Fröhlichkeit war ansteckend und entlockte selbst ihr ein Lächeln. Er deutete auf zwei Echsen, die knapp achtzig Meter von ihnen entfernt im Sand saßen. Es waren Dimetrodons, vierbeinige Raubtiere aus dem frühen Trias. Sie sahen aus wie zu groß geratene Warane mit gigantischen, von Sehnen durchzogenen Hautlappen auf den Rücken, die sie als Sonnensegel benutzten. Die Tiere aalten sich in der Abendsonne, wirkten träge und schläfrig. "Wissen Sie, woran mich diese Beiden dort stark erinnern?" "An wen?" "An Dieter Bohlen und Thomas Anders im Sonnenstudio." Sie lachte, und er war froh, dass ihre Hoffnungslosigkeit, die sie auf dem ganzen Weg hierher ausgestrahlt hatte, aus ihrem Gesicht gewichen war."Kommen Sie", sagte Dim-Kalir. "Wir müssen uns ein Lager für die Nacht suchen. Morgen bei Sonnenaufgang geht es weiter."
Spear drückte sich gegen die moosbedeckte Wand des halbzerstörten Hauses. Er hörte das verräterische Schnaufen seines Gegners, der nur wenige Meter entfernt von ihm lauerte, halbverborgen im Gebüsch. Doch den knallroten Hautlappen konnte man einfach nicht übersehen. Spear entsicherte sein Gewehr und zielte. Der Schuss hallte durch die kalte Abendluft und zerfetzte den Kopf des Raubtieres, das mit einem kaum hörbaren Schrei zu Boden sank, noch einmal kurz mit den Hinterläufen zuckte und dann bewegungslos liegenlieb. "Mistvieh!", knurrte Spear, während er mit der Fußspitze gegen die toten Leib trat. Dann schlich er weiter, alle Sinne darauf programmiert, die lauernden Dilophosaurier zu erfassen, die überall in der Stadt herumschlichen. Gleichzeitig suchte er nach den Spuren seiner Männer. Einige von ihnen mussten den Angriff doch überlebt haben!
Er war schon spät in der Nacht. Mulder hatte keine Ahnung, warum er aufgewacht war. Er lauschte, konnte jedoch kein verdächtiges Geräusch hören, das dafür verantwortlich sein konnte, dass sein innerer Wecker ihn aus dem Tiefschlaf geschreckt hatte. Verwirrt blickte er sich um. Die anderen schliefen alle, stellte er beruhigt fest. Warum, zum Teufel, wachte er also auf? Hatte er vielleicht wieder geträumt? Mulder schüttelte den Kopf. Nein, daran würde er sich erinnern. Er blickte sich ein weiteres Mal um, etwas in ihm zwang ihn dazu, aufzustehen und sich umzusehen. Leise schritt er über den Platz. Das Feuer, das in ihrer Mitte gebrannt hatte, glomm noch immer. Dunkles Rot erhellte schwach die Umgebung. Vor Scullys Schlafsack blieb er stehen und ging in die Knie. Als er ihr Gesicht musterte, sah er, dass sie wach war. "Warum schlafen Sie nicht?", fragte er leise. Sie sah ihn schweigend an, bevor sie sich auf die Ellenbogen stützte und leicht aufrichtete. "Ich habe Zweifel, Mulder", sagte sie matt. "Zweifel?" Er setzte sich neben sie und sah sie forschend an. "Ja." Er konnte hören, wie sie leise seufzte. "Dim-Kalirs Grüner Teufel hat noch keine Wirkung gezeigt. Um ehrlich zu sein, fühle ich mich noch schlechter als zuvor." Er legte ihr tröstend den Arm um die Schultern, spürte, dass diese zitterten. "Er hat doch selbst gesagt, dass es einige Stunden dauern kann, bis das Mittel seine volle Wirkung entfalten kann", versuchte er sie zu beruhigen. "Was ist, wenn es das aber nicht tut?" Sie blickte ihn an, und er konnte ihre Angst und Verzweiflung in den vor Tränen nass schimmernden Augen sehen. "Fox...", sagte sie, und der Klang ihrer bebenden Stimme jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken - nicht zuletzt, weil sie ihn mit seinem Vornamen angesprochen hatte. Sollte sich auf Grund dieses unschönen Zwischenfalls ihre Beziehung etwa neu definieren? Er blickte sie forschend an. "Ich habe Angst, Fox", sagte sie leise, bestätigte aber seinen vorherigen Gedankengang. Dann konnte sie ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Sein besorgtes Gesicht verschwamm vor ihren Augen, und in ihrem Hals wurde der Kloß unerträglich. Verzweifelt begann sie zu schluchzen. Er legte ihr tröstend die Arme um die zitternden Schultern, drückte sie mit einem kaum hörbaren Seufzer an sich und wiegte sie sanft hin und her. "Es wird schon alles gut werden, glaub' mir", wisperte er und hauchte ihr einen leichten Kuss auf die Wange. Er schmeckte das Salz ihrer Tränen und spürte, wie auch seine Augen feucht wurden. Langsam bekam auch er große Angst. "Und ganz egal was passiert, oder wie es weitergeht, ich werde dich nicht im Stich lassen, okay?", fügte er leise hinzu. Sie lächelte kaum merklich. "Das weiß ich doch..." Sie blickte zu ihm auf und strich eine Haarsträhne aus seiner Stirn. Dann schlang sie die Arme um seine Schultern und legte ihren Kopf auf seine Brust. Sein beruhigender Herzschlag ließ sie entspannen. Sie schloss die Augen und lauschte, während ihre Hände sanft über seinen Rücken strichen. Er legte den Kopf schief und blickte ihr lächelnd in die Augen. "Du schaffst das schon, Dana..." Sie verspürte ein Kribbeln, als er sie so ansah. Da war etwas in seinem Blick, das sie verwirrte. Sie spürte seine Hand, die ihre Wange berührte, legte die ihre darauf, blickte ihm forschend in die warmen, haselnussbraunen Augen, überlegte, wie oft sie sich in den annähernd sechs Jahren, in denen sie sich nun schon kannten, so nahe gewesen waren. Mulder war ihr bester Freund, das hatte sie nie zu leugnen gewagt. Er war ihr gegenüber immer verlässlich und loyal gewesen, hätte schon das eine oder andere Mal bereitwillig sein Leben gegeben, um das ihre zu retten - wie sie auch. Er hatte kaum gefordert, dafür viel gegeben. Und Scully wollte seine Freundschaft um keinen Preis aufs Spiel setzen, hatte Angst, dass sich etwas Gravierendes zwischen ihnen ändern könnte, hatte Angst, diese langjährige Freundschaft zu zerstören. Sie glaubte, dass auch er sich lange Zeit davor gefürchtet hatte. Vielleicht war genau das der Grund dafür, dass sie sich bisher nie ihre wahren Gefühle füreinander gestanden hatten. Sie spürte, wie etwas auf ihrer Wange unangenehm kitzelte. Sie wollte es wegwischen, doch Mulder kam ihr zuvor. Mit einer raschen, doch sanften Bewegung strich er über ihre Schläfe. "Nur eine Fliege", sagte er und lächelte. Doch seine Finger wichen nicht von ihrer Wange. Lange sah er sie an, seine braunen Augen waren voller Wärme. "Weißt du, dass du wunderschön bist?", fragte er, ohne das sein Blick von ihrem Gesicht wich. Sie errötete. "Fox..." Er fasste ihr zärtlich unters Kinn und schob sanft ihren Kopf hoch, sodass sie ihn ansehen musste. Sein Blick ließ ihren letzten tief verborgenen Widerstand schwinden. Sie wusste, dass sie sich nicht würde wehren können. Er war zu nah, zu sanft... Sie schloss die Augen, als er sich langsam zu ihr hinabbeugte und sie küsste. Zögernd legte sie ihre Arme um seine Schultern, spürte seine Wärme, seine Sanftheit. Die Ruhe, die er ausstrahlte, ließ ihre Nervosität wie von Zauberhand verschwinden. Sein Kuss war innig, aber nicht verlangend oder gar drängend. Sie tastete nach seinem Kopf, strich über seine Wangen, erwiderte seinen Kuss. Erst zögerlich und ein wenig schüchtern. Doch schon bald entspannte sie sich, umschloss ihn fester, schmiegte sich an ihn. Sie spürte seinen leichten, ruhigen Atem, seine weichen Lippen auf den ihren. Ihre Hände fuhren durch sein Haar, strichen über sein Gesicht. Sie spürte, wie seine Hand unter ihr T- Shirt fuhr, wie sie warm und so unglaublich sanft über ihren Rücken strich, ihren Bauch, dann ihre Brust berührte. Für einen Moment vergaß sie alles um sich herum, genoss seine Küsse, seine Zärtlichkeiten. Sie schloss die Augen und seufzte leise, ihre Lippen schienen sich nicht mehr von den seinen zu lösen wollen. "Ich liebe dich, Dana", hörte sie ihn flüstern, und ihr Herz schlug noch schneller, als es das ohnehin schon tat. Sie küsste ihn voll aufkommender Leidenschaft, wohl wissend, dass das, was sie taten, gegen jegliche Regeln verstieß. Doch diese Regeln waren für sie nichtig geworden. Es gab etwas, das wichtig genug war, um diese Regeln zu missachten... Ihn. "Ich liebe dich auch, Fox..." Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, als sie sich schließlich wieder voneinander lösten. Sie brauchten keine Worte, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen, die Sprache ihrer Augen reichte ihnen völlig. Sie lächelte ihn an, bevor sie vertrauensvoll in seinen Armen einschlief, tief im Innern von Zufriedenheit erfüllt und sich bei ihm sicher fühlend. Und sie spürte, wie ihre Hoffnungslosigkeit verflog und einem langen Tiefschlaf wich. Es war, als hätte dieser Moment, diese wundervollen Minuten, ihr neuen Lebensmut eingehaucht...
Nebelschwaden verhüllten den Urwaldboden, ließen ihn zwischen dem schier undurchdringlichen Weiß verschwinden. Nur schwach schien das Sonnenlicht durch die Baumkronen auf die noch schlafende Gruppe hinab, während sich das Leben im Wald zu regen begann. Die ersten Vogelstimmen wurden laut, einige Aras flatterten im nahen Geäst und machten sich auf Nahrungssuche. Ein verirrter Tapir huschte über die Lichtung und verschwand im nahen Unterholz. Der leichte Wind trug das entfernte Geschrei von Brüllaffen herüber. Scully blinzelte, als ein Tautropfen auf ihrer Wange landete. Sie öffnete langsam die Augen und hob den Kopf. Sie lag noch immer dicht an Mulder geschmiegt. Er hatte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm gelehnt, sein linker Arm umschloss sie sanft. Sie blickte in sein entspanntes Gesicht - er schlief noch immer tief und fest. Scully lächelte und legte ihren Kopf zurück an seine Schulter, atmete den frischen Morgenduft ein und genoss die Ruhe um sich herum. Keine Schreie, keine Hektik, keine Monster. Und was das Wichtigste war: Sie lebte. Sie spürte deutlich, dass es ihr wesentlich besser ging, als am Abend. Der Grüne Teufel hatte also doch noch seine Wirkung gezeigt, so ekelhaft er auch gewesen war. Oder war es dieser atemberaubende Kuss in der Nacht gewesen, der ihre Lebensgeister wieder erweckt hatte? So wie bei Dornröschen? Sie lächelte. Sie hörte es leise rascheln und blickte sich um. Dim-Kalir war wach geworden und rappelte sich gerade vom Boden auf. Er klopfte einige Moosfasern und Grasstängel von seinem Gewand und beugte sich zu Jonas hinunter. Kaum hatte er ihn sanft geschüttelt, als der junge Wissenschaftler auch schon hellwach war. "Ist es schon Morgen?", erkundigte er sich. Der Medizinmann nickte bloß und ging auch die anderen wecken. Jonas kroch aus seinem Schlafsack, streckte sich, wobei er ausgiebig gähnte, und wuschelte sich kurz durch das blonde Haar. Dabei fiel sein Blick auf die beiden Agenten, die dicht aneinandergeschmiegt unweit von ihm saßen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Er deutete auf Mulder. "Weck' ihn, bevor es Dim-Kalir tut", grinste er. "Ich denke, dass er dich so früh am Morgen sehr viel lieber sieht..." "Blödmann!", entgegnete sie, lachte aber. Sie beugte sich zu Mulder und küsste ihn kurz. "Aufwachen!", raunte sie ihm zu. Er blinzelte kurz. "So wollte ich schon immer mal geweckt werden", murmelte er, noch halb im Schlaf, öffnete jedoch die Augen. Fast gleichzeitig verzog er das Gesicht und griff sich an den Rücken. "Jesus, ich schlafe nie wieder im Sitzen!" Er rieb die verspannten Muskeln und rappelte sich auf, etwas unwillig auf das rege Treiben schauend, das sich nun in ihrem kleinen Lager breit machte. Malia und Jonas rollten die Schlafsäcke zusammen, während Dim-Kalir für das Frühstück sorgte. Der Duft von getrocknetem Fleisch, gerösteten Nüssen und frischen Früchten hing in der Luft und machte Mulder endlich munter. Sie aßen schweigend, sammelten ihre Siebensachen zusammen und machten sich erneut auf den Weg. Noch waren es an die acht Meilen in die Dschungelstadt. Der lichte Hain nahe des Strandes verdichtete sich, wich tiefstem Dschungel. Noch immer waberte der Frühnebel zwischen den Farnen, machte eine weite Sicht mitunter unmöglich. Mulder spürte, wie der Boden unter ihnen weicher und schlammiger wurde. Auch änderte sich das Landschaftsbild. Die Bäume standen nicht mehr so eng beieinander, waren dafür stämmiger, die Wurzeln teilweise kniehoch. Gräser und Farne wurden seltener, wichen vereinzelten Schilfstauden und kargen Büschen. Es lag auf der Hand, sie wanderten mitten durch ein Sumpfgebiet hindurch. "Führt denn kein anderer Weg zurück?", erkundigte sich Scully mürrisch, während sie ihren rechten Fuß aus dem Schlamm zerrte, wo er knöcheltief eingesunken war. Dim-Kalir, der an der Spitze ging, zuckte bloß mit den Schultern. "Wenn ihr durch das Gebiet der Uruks gehen wollt, sicherlich..." "Nein, danke! Dann lieber Sumpf!" "Wir stecken mitten drin in den Mangroven", sagte Jonas leise. "In den wandernden Wäldern..." "Wandernde Wälder?", wiederholte Mulder mit hochgezogenen Augenbrauen. "Ja. Die ständig meerwärts drängenden Mangroven schaffen neues Land am Küstenbereich, erweitern somit Inseln und Landstriche. Diese Pflanzen vertragen selbst großen Salzgehalt im Boden. Ihr Überleben ist einzig und allein dadurch gesichert, dass Flutwellen des Meeres dieses Gebiet hier mitunter überfluten." Jonas deutete auf einen schmalen Baum, in dessen Umkreis unzählige Stöcke oder Äste aus dem Boden lugten. "Das da ist eine Sonneratia, eine sogenannte Pioniermangrove. Ihre Wurzeln zeigen nach oben und lugen über die Erdoberfläche. Darum werden sie auch Atemwurzeln genannt. Sie stehen so dicht beieinander, das man kaum hindurchgehen kann." Etwas neben ihnen platschte, und sie sahen eine Gruppe Schlammspringer, die, aufgeschreckt durch die Anwesenheit der Menschen, in das flache Wasser flüchten. Ein Ibis, der wohl Jagd auf die kleinen Lungenfische hatte machen wollen, klapperte wütend mit dem Schnabel und stelzte über einige Wurzeln zu einer anderen Wasserlache, um sein Glück dort zu versuchen. Urplötzlich hörten sie einen Schrei und rissen die Köpfe hoch. Dim-Kalir war gestolpert und in ein größeres Schlammloch gefallen. Jonas hatte ihn festhalten wollen, war dabei jedoch selbst mitgerissen worden. "Los, zieht uns raus!" Jonas versuchte, sich an einer der vielen Wurzeln am Rand des Schlammloches festzuhalten und gleichzeitig Dim-Kalirs Hand nicht loszulassen. Der zähe Schlamm - eher Treibsand - war tief, Jonas konnte keinen Boden unter den Füßen spüren, obwohl er bis zum Bauch darin stand. Und noch dazu schien sie der Schlamm weiter nach unten zu ziehen, langsam aber stetig. Malia, die rasch herbeigeeilt war, packte seine Hand. Mit den Füßen stemmte sie sich gegen eine der Wurzeln und zog aus Leibeskräften. Nur ungern gab der Sumpf seine Beute frei... Inzwischen hatte sich auch Mulder zu ihnen vorgekämpft. Er erreichte das Schlammloch genau in dem Moment, in dem Jonas Dim-Kalirs Hand entglitt. Der Medizinmann trieb weiter in die Lache hinaus, wurde nun noch schneller in die Tiefe gezogen, als zuvor. Mulder reagierte schnell. Er holte ein Seil aus dem Rucksack, knüpfte eine Schlinge und warf diese wie ein Cowboy auf Rinderfang über den Medizinmann, der sich hastig daran festklammerte. Scully half Mulder, Dim-Kalir aus dem Schlammloch zu ziehen. Jonas hatte inzwischen den Rand der Lache erreicht und sich aus eigenen Kräften aus dem Schlamm gezogen, der mit einem dumpfen Blubbern nachgegeben hatte. Der Medizinmann jedoch war noch über einen Meter vom rettenden Ufer entfernt, als das Krokodil auftauchte. Mulder starrte entsetzt auf den gewaltigen Leib, der sich in die Schlammmasse schob. Die Echse war kräftig genug, um gegen den Sogeffekt anzukämpfen, und näherte sich schnell dem vor Angst bleich gewordenen Medizinmann - zu schnell. "Los, ziehen Sie!", schrie er panisch. Doch die Raubechse hatte ihn bereits erreicht. Das riesige Maul öffnete sich, spitze Zähne glänzten matt im spärlichen Licht der Morgensonne, die sich noch immer hinter Nebelschwaden versteckt hielt. Malia schrie entsetzt auf, als sich das monströse Ungetüm in Dim-Kalirs Leib verbiss, und Scully wandte rasch den Blick ab. Mulder hatte seine Waffe gezogen und zielte auf das Krokodil, gab mehrere Schüsse ab - doch die Kugeln konnten den hornartigen Panzer der Echse nicht durchdringen. Mit der erschlafften Beute im gewaltigen Maul drehte es um und brachte sich mit einigen kräftigen Schwanzstößen zum Ufer zurück...
Endlich hatten sie Akunga erreicht. Die letzten vier Meilen hatten sie ohne Rast zurückgelegt, der Verlust von zwei Freunden ließ sie viel zu ängstlich werden, um eine Pause einzulegen. Schweigend waren sie durch den Dschungel und an Flussufern entlang gewandert, und jetzt sahen sie das vertraute Tempeldach Akungas endlich wieder vor sich. Ihre lange Reise war völlig umsonst gewesen, sie hatten ihre Mission nicht erfüllen können. Noch dazu hatten sie Grahm und Dim-Kalir verloren. Demnach war die Stimmung gedrückt, als sie die ersten Häuser erreichten. Die bedrückte Stimmung verwandelte sich schlagartig in blankes Entsetzen, als ihr Blick auf die Siedlung fiel. Leere Häuser und Hütten, umgestürzte Zäune. Überall lagen Gegenstände und Holzscheite herum. Der schmale Weg, der an der Siedlung vorbei zum Tempel führte, war von Leichen übersät. Überall Blut, teilweise sogar abgerissene Gliedmaßen. Einige Körper waren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden, der Gestank von Verwesung und geronnenem Blut hing schwer in der Luft. Malia wandte sich ab. Sie konnte ihren Magen nicht unter Kontrolle halten, sie musste sich einfach übergeben. Mulder kniete sich neben der nächstgelegenen Leiche nieder und betrachtete sie schweigend. Aufgeschlitzter Unterleib, zerkratzte und von Blutergüssen übersäte Arme und Hände, schmerzverzerrtes Gesicht, weißer Schaum an den Wundrändern. "Dilophosaurier", sagte er leise. "Sie haben Akunga überfallen..." "Was ein Massaker!", murmelte Jonas tonlos. "O mein Gott!" "Lasst uns zur Zypresse gehen", drängte Malia mit bleichem Gesicht. "Wer weiß, vielleicht sind noch welche von ihnen in der Stadt! Nur im unterirdischen Labyrinth sind wir vor ihnen sicher!" Mulder nickte und erhob sich. "Gut, lasst uns gehen..."
Der Abendhimmel begann sich mit grauen Wolken zuzuziehen, die von Osten her über das Tal zogen. Noch waren es die Ausläufer, reichlich zerfetzt und voller Lücken. Doch am Steilhang türmten sich bereits dunkle Wolken mit gezackten Rändern von schweflig gelber Färbung. Ab und zu grollte es dumpf in der Ferne. Aus einer blauschwarzen Wolkenwand am Horizont zuckten Blitze. Aber noch war das Gewitter weit weg, als sie die Zypresse erreichten. Malia führte sie in das unterirdische Gewölbe und durch die Gänge des Labyrinthes, bis zu dem Kuppelraum, wo sie den anderen Teil ihrer Gruppe vor zwei Tagen zurückgelassen hatten. Vince kam ihnen entgegen, kaum dass sie die unterirdische Höhle betreten hatten. "Grundgütiger, wo seit ihr so lange gewesen!", sagte er atemlos. "Ihr habt ja gar keine Vorstellung, was hier inzwischen geschehen ist!" "Habt ihr das Tor öffnen können?" Piak blickte sie hoffnungsvoll an. "Und wo ist Dim-Kalir?" "Du bist noch am Leben, Piak?", fragte Malia erstaunt. "Wir dachten, der Ghoul hätte dich getötet." Er schüttelte den Kopf. "Nein, ich habe den Tempel schon vor drei Tagen verlassen..." Dann wurde er blass. "Hast du eben Ghoul gesagt? Sie existieren also immer noch?" "Lass Jonas erzählen, Piak", sagte sie müde. "Ich kann es nicht." "Und wo ist Ben", fragte Kevin dazwischen, dem die Abwesenheit des Paläontologen aufgefallen war. Malia ließ sich schweigend auf einen Holzscheit sinken und überließ es Jonas, die Antworten auf die vielen Fragen zu geben, Antworten, die ihr gar nicht gefielen und die ihr Schmerz und Übelkeit bereiteten. "Es gab mehrere unliebsame Zwischenfälle", sagte der junge Wissenschaftler langsam. "Als wir am Tempel ankamen, fanden wir dessen Wächter Enak tot vor. Er war angeschossen und die Tempelstufen hinabgestoßen worden, vermutlich von Spear oder seinen Männern, die in Kullab gewesen sein müssen. Sie scheinen auch die Statue mit dem darin enthaltenen Amulett gefunden und mitgenommen zu haben. Jedenfalls war beides weg." Jonas konnte sehen, wie die Hoffnung in den Augen der anderen erstarb, und fuhr schweren Herzens fort. "Auf dem Rückweg nach Akunga nahm uns eine Gruppe Uruks gefangen und brachte uns in ihr Dorf, wo es schließlich zu einem Kampf zwischen uns und einer Gruppe von Ghouls kam. Dabei wurde Dr. Benjamin Grahm getötet. Wir konnten ihm nicht mehr helfen..." Kevin schluckte schwer. "Nachdem wir den Ghouls entkommen waren - Dank der Hilfe einer Raptorenherde - wurde Agent Scully von einem Jen gestochen, und wir mussten ein Antidot gegen das tödliche Insektengift besorgen. Dim-Kalir führte uns daraufhin zum nahen Meer, wo wir einen Grünen Teufel fingen, eine Qualle, die das Leben von Agent Scully rettete. Wir übernachteten nahe des Strandes und marschierten heute bei Sonnenaufgang los. Dabei durchquerten wir die Mangroven..." "Und?" Piak schien zu ahnen, dass noch eine schlechte Nachricht folgen würde. Jonas seufzte. "Dim-Kalir wurde von einem Krokodil getötet, nachdem er in ein Schlammloch gefallen war..." "O Gott", murmelte Sarah und Piak senkte den Blick. "Ihr bringt wahrlich keine guten Neuigkeiten", sagte er leise. "Vielleicht können wir ja für welche sorgen!", erschallte eine Stimme hinter ihnen. Sie wirbelten herum. Spear - zusammen mit seinen Handlangern - stand am Eingang zum Kuppelraum. Vier Geewehrläufe richteten sich auf sie...
"Spear!" Jonas spuckte den Namen schier aus, so angewidert war er von diesem Mann. "Hätte bloß die Gerechtigkeit gewaltet und Sie von Dilophosauriern aufschlitzen lassen!" "Na, na, wer wird denn so unfreundlich sein, Dr. Quinn?" Der Biogenetiker grinste beinahe unverschämt. "Hat man Ihnen denn keine Manieren beigebracht?" Er richtete den Lauf seiner M-16 auf ihn und entsicherte die Waffe. "Sie haben ja gar keine Ahnung, mit wem Sie sprechen!" "Mit dem Abschaum der Menschheit?" Jonas zuckte nicht mal mit den Wimpern, auch dann nicht, als ihm Spear neben die Füße schoss. Die Akunganer wichen schreiend und mit entsetzten Gesichtern zurück. "Sie leben gefährlich, Dr. Quinn!", donnerte Spear. "Ich an Ihrer Stelle würde mein loses Mundwerk zügeln!" "Und ich an Ihrer Stelle würde mir einen Kopfschuss verpassen, um diesem Planeten noch eine Zukunft zu geben!", brummte Mulder grimmig. Ein weiterer Schuss in die staubtrockene Erde, weitere Schreie und weinende Frauen. Die Kugel traf auf einen Stein, prallte davon ab und traf Kirochima, die mit einem kurzen Aufschrei zu Boden sank. Einer der Akunganer beugte sich rasch über sie, doch es war zu spät. Die junge Wissenschaftlerin war tot. "Das gilt auch für Sie, Agent Mulder!", bellte Spear, ohne auf die tote Frau zu achten. "Mit Ihren unverschämten Bemerkungen machen Sie sich nicht gerade beliebt bei mir!" "Das will ich ganz sicher auch nicht!", zischte dieser, ein heftiger Stoß in die Rippen brachte ihn jedoch zum Schweigen. Scully sah ihn bedeutungsvoll an, ihre Augen sprachen Bände. Provoziere ihn nicht noch mehr, das könnte tödlich für dich enden! Spear musterte die Menschengruppe im Raum, verzog geringschätzig die Lippen, als er Ivan und Melvin zwischen den anderen stehen sah. "Elender Verräter!", zischte er und starrte Frederikson boshaft an. "Ich habe schon oft gesagt, dass ich von dem, was du hier abziehst, nichts halte", erwiderte der Skandinavier ruhig. Im nächsten Moment sank er tödlich getroffen zu Boden. Spear zierte sich nicht, seine Waffe zu gebrauchen, das hatte er oft genug bewiesen. "Fahr zur Hölle!", zischte er und trat mit der Stiefelspitze gegen den Sterbenden. Im selben Augenblick schlug jemand hart über seinen Hinterkopf, und Spear fiel stöhnend über Ivan. Fast gleichzeitig versuchte Webber, Mulder die Pistole aus der Hand zu reißen, die er Spear über den Kopf gezogen hatte. Doch der Agent war zu schnell, wich dem Söldner aus und stieß ihm grob den Ellenbogen in den Unterleib. Webber dachte für einen Moment, dass er keine Luft mehr bekommen würde, sein Gesicht lief rot an. "Dreckskerl!", schrie ihn Mulder an, und Scully musste ihn festhalten, um ihn daran zu hindern, Webber mit eigenen Händen zu erwürgen. Spear inzwischen hatte sich wieder aufgerappelt. Mit blutrünstigen Blicken starrte er auf Mulder. "Das werden Sie bereuen!", zischte er, bevor er sich auf den Agenten stürzte. Mulder stieß Scully hastig beiseite, damit sie die Wucht von Spears Angriff nicht zu spüren bekam. Er selbst drehte sich dabei behände aus dem festen Griff des Biogenetikers und streckte ihn mit einem harten Kinnhaken erneut zu Boden. Dabei fiel ein glitzernder Gegenstand aus Spears Brusttasche. "Das Amulett!", rief Malia. Vince hatte es bereits aufgehoben, wehrte dabei Everad ab, der sich einer Dampfwalze gleich auf ihn losstürzte. Burton ging mit ausgestrecktem Messer auf Scully los, die das Amulett geschickt auffing, doch bevor er sie erreichen konnte, traf ihn eine Kugel mitten ins Herz. Tot fiel der Mann zu Boden. Inmitten des Kampfgetümmels hatte sich Spear unauffällig zum Ausgang verdrücken können. Mit einen gellenden Pfiff erweckte er Webbers und Everads Aufmerksamkeit, und die Beiden rannten sofort los. "Bleiben Sie stehen!", donnerte Mulder, die Waffe gerade von sich gestreckt. Er schickte einige warnende Schüsse hinter den Männern her, doch die beschleunigten noch ihre Schritte und verschwanden in der Dunkelheit des Tunnels. Jonas legte seine Hand auf Mulders Arm und drückte ihn sachte hinunter. "Vergiss sie, Fox. Wir haben das Amulett. Warum sollen wir die Drecksarbeit erledigen, wenn Zarus selbiges tun kann?" Mulder atmete tief durch. Die unbändige Wut über die Brutalität und Eiseskälte Spears brodelte noch immer in ihm. Doch er ließ die Pistole sinken und steckte sie zurück in das Hüfthohlster. Er blickte zu Scully hinüber, die sich neben Ivan gekniet hatte. Der Schwede umfasste ihre Hand und drückte sie leicht. Sein Hemd war blutdurchtränkt. Mulder wusste, dass ihm nicht mehr zu helfen war. "Wenn es einen Himmel gibt, werde ich ihn bald kennen lernen", sagte Ivan leise. "Doch die Gerechtigkeit habe ich noch nicht gesehen." Er blickte zu der Agentin auf, die mitfühlend über seine Hand strich. "Lassen Sie wenigstens diese Stadt Gerechtigkeit erfahren, Agent Scully. Bringen Sie diesen Zarus hierher, damit er Spear ausmerzt, ebenso die Rotschädel. Das ist mein einziger Wunsch. Werden Sie ihn mir erfüllen?" Malia, die neben ihn getreten war, nickte. "Das werden wir, Ivan. Auch in Akunga gibt es ein Tor. Wir werden es so schnell wie möglich öffnen." "Dann beeilen Sie sich, öffnen Sie es, bevor es zu spät ist. Es sind schon genug unschuldige Menschen gestorben. Es wird Zeit, dass das aufhört..." Er hustete, atmete schwer. Er hatte bereits viel zu viel Blut verloren. Vor seinen Augen begann es schwarz zu flimmern. "Passt auf Melvin auf", flüsterte er, bevor er für immer die Augen schloss. Scully erhob sich langsam, blickte auf den toten Frederikson hinab. "Er hat Recht." Sie sah auffordernd in die Runde. "Es wird Zeit, dass wir dem hier ein endgültiges Ende setzen!" Malia stand ebenfalls auf. "Ich gehe sofort", sagte sie bestimmt. "Und ich werde dich begleiten", ließ sich Jonas vernehmen und er klopfte gegen die Pistole in seinem Gürtel. "Zur Sicherheit."
Spear hastete die Stufen zum Haupttempel hinauf und bedeutete seinen beiden Begleitern, sich zu beeilen. "Los, wir schnappen uns die Statue und verschwinden!", rief er. "Hier wird es mir langsam wirklich zu heiß!"
Sie liefen über den durchgeweichten Boden, der sich im rauschenden Regen weiter zu verflüssigen schien. Es war bereits dunkel geworden, denn die schwarzen, tiefhängenden Wolken ließen es nicht zu, den Sonnenuntergang zu betrachten. "In welchem Tempel befindet sich das Tor?", fragte Jonas, während er einige Farnwedel beiseite schob. "Im Haupttempel", erwiderte Malia. "Der Mechanismus befindet sich aber im Tempel der Hiu, der liegt nebenan. Außer dem Amulett benötigt man noch den Ruf des T- Rex, der heißt Zarus met lehi. Mit diesen Worten lockt man ihn an und signalisiert gleichzeitig, dass Feinde in der Stadt sind." Sie duckten sich unter den tiefhängenden Ästen einer Konifere und brachen durch das Gebüsch. Sie hatten den freien Platz vor den Tempeln erreicht. Jonas wusste nicht mehr, von wo der Dilophosaurus gekommen war. Er wurde sich seiner Anwesenheit erst bewusst, als das Tier schon hoch aufgerichtet vor ihnen stand und den Kopf zurückwarf. Die zähflüssige Spucke schoss durch die Luft, und hätte Jonas sicherlich ins Gesicht getroffen, hätte sich Malia nicht dazwischengeworfen. Der Speichel landete mit einem Klatschen auf ihrer Brust und dem linken Oberarm. Der Dilophosaurus zischte und wippte mit den Kopf. Seinen Schwanz kerzengerade von sich weggestreckt, wartete er darauf, zum Sprung ansetzen zu können. "Lauf!", schrie Malia, während sie sich die Spucke von der Haut strich, wohlwissend, dass das nichts nützen würde. Die Lähmung und die Schmerzen hatten bereits eingesetzt. Sie verzog das Gesicht und taumelte. Als Jonas sie stützen wollte, schlug sie seine Hand fort. "Du sollst laufen!", schrie sie ihn an. "Du hast das Amulett, also lauf!" Sie schien an ihren Worten förmlich zu ersticken. Von höllischen Schmerzen gepeinigt sank sie zu Boden. Der Dilophosaurus sprang, und Jonas konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen. Er rollte sich zur Seite und blieb auf dem vom Regen durchnässten Boden liegen, fassungslos auf das grausige Bild starrend, das sich ihm darbot. Er sah, wie sich die Raubechse herabbeugte und Malia den Bauch aufriss. Blut spritzte, die inneren Gedärme quollen heraus. Der Dilophosaurier beugte sich über die erlegte Beute und riss ihr die Eingeweide aus dem Fleisch. Jonas spürte Übelkeit und Hass zugleich. Hass auf die widerliche Echse, die so brutal über einen unschuldigen Menschen hergefallen war und ihn nun dermaßen bestialisch zurichtete. Doch er konnte Malia nicht mehr retten, sie war tot. Doch obwohl er das wusste, fiel es ihm schwer, aufzuspringen und weiterzulaufen, die Stufen zum Tempel hinauf, ohne sich dabei umzusehen. Er musste das Tor öffnen, oder sie alle wären verloren. Er musste es tun. Für sich. Für Ivan. Für Malia, die sich geopfert hatte. Für seine Begleiter. Für die Überlebenden Akungas. Er musste es für alle tun. Er rannte durch die langgestreckte Innenhalle. Ein greller Blitz, der über den Himmel zuckte, ließ gespenstische Schatten zwischen den Steinsäulen tanzen. Alles schien zum Leben erwacht zu sein. Schwer atmend erreichte er den Altar. Vor sich sah er ein Symbol im Stein, von seiner Gravierung mit denen auf dem Amulett identisch. Das musste er sein, der Tormechanismus. Jonas riss das Amulett von seinem Hals und presste es in das Symbol. Kaum hatte er das getan, als ein dumpfes Grollen durch die Felswand fuhr und die Bäume zu schwanken begannen. Das Tor zum Dschungel öffnete sich... Jonas stieg die wenigen Stufen hinauf, die zum Portal führten. Durch den Tunnel hindurch konnte er einen weiten Blick über den Dschungel bis hin zum Tambuku erhaschen. Dort regnete es noch nicht, der Himmel war klar. Die Sonne tauchte den Himmel in ein kräftiges Rot, das an die Farbe von Venenblut erinnerte. Jonas spürte den Wind, der durch den Tunnel in den Tempel kam. Im Osten zuckten vermehrt Blitze durch die schwarze Wolkendecke, Donnergrollen schallte über das Land. Jonas beugte sich vor, soweit er nur konnte und schrie in den undurchdringlichen Dschungel hinaus: "Zarus met lehi!" Und von irgendwoher, weit, weit weg, erscholl wie zur Antwort ein heiseres Brüllen. Baumwipfel bebten und schwankten, ein Schwarm rotblauer Papageien flog laut kreischend auf. Die Vögel flogen nach Westen, dem Sonnenuntergang entgegen, der Licht und Schatten trennte und das Bindeglied zwischen Tag und Nacht war. Bald war der Schwarm nur noch ein Gewirr von schwarzen Punkten im leuchtenden Orange der sich zum Schlafen legenden Sonne. Im selben Augenblick erreichte die Wolkenfront den Horizont, und es begann auch außerhalb Akungas zu regnen...
Spear zuckte erschrocken zusammen, als sich die gesamte Westwand des Tempels wie von Geisterhand in Bewegung setzte. Loser Stein fiel von der Decke, Staub hüllte die sich bewegende Wand ein, die ein mittleres Erdbeben erschuf, während sie grollend und knirschend zur Seite rollte. Er starrte auf den hohen Gang, der freigelegt worden war. Er war knapp zwanzig Meter hoch und einige hundert Meter lang. Weit hinten in der Dunkelheit ein helles Licht und saftiges Grün, deutlich erkennbares Blattwerk tropischer Bäume. "Was, zum Teufel, ist das?", fragte Everad und vergaß sogar, das letzte Stück seines Snickers in den Mund zu schieben. "Ich habe keine Ahnung", murmelte Webber. "Sieht mir so aus wie ein Notausgang..." Spear schnaubte unwirsch. "Hört auf mit dem Geschwätz! Los, schnappt euch die Statue und dann nichts wie weg!" In diesem Moment scholl eine Stimme durch den Tempel. Sie schien von überall her zu kommen, aus allen Ritzen und Winkeln des steinernen Gebäudes. Sie prallte an den Wänden ab, ihr Echo schallte tausendfach aus allen Richtungen. "Zarus met lehi!" Spear suchte die Wände ab, als ob er dort den Verursacher der Stimme vermutete, als ihm Webber zaghaft auf die Schulter tippte. "Hören Sie das?", fragte er mit zitternder Stimme. "Was zum Teufel soll ich hören?", fauchte der Biogenetiker. Webber legte lediglich den Zeigefinger auf die Lippen. Und dann hörten es alle: Dumpfes Stampfen, das den Boden erzittern ließ. Geräuschvolles Schnaufen und Schnauben, das mit jeder Sekunde anschwoll. Ein heiseres Fauchen, das aus dem Gang in den Tempel drang. Und noch immer dieses Stampfen, lauter mit jedem Atemzug. Bedrohlicher mit jedem Herzschlag. "Was ist das?", flüsterte Everad. Sie starrten in die Dunkelheit des Tunnels. Eine dunkle Gestalt bewegte sich dort drinnen, verharrte dann an der Grenze zwischen Licht und Schatten. Spear sah einen massigen Körper mit knotiger, furchiger Oberfläche wie die Rinde eines Baumes. Aber es war kein Baum... Er blickte noch höher hinauf - und sah plötzlich den Kopf des Tyrannosaurus Rex. Das Tier stand einfach da und sah zu den Männern hinunter. Donnergrollen erscholl, ein Blitz zuckte am schwarzen Himmel. Der Dinosaurier warf den Kopf zurück und brüllte das grelle Licht an. DAS MÄCHTIGSTE RAUBTIER, DAS DIE WELT JE SAH. DER FÜRCHTERLICHSTE ANGRIFF IN DER GESCHICHTE DER MENSCHHEIT. Lyle Everad spürte, dass seine Knie unkontrolliert zitterten und seine Hosenbeine flatterten wie Fahnen. Gott, hatte er Angst! Und er wollte nicht hier sein. Nicht hier in diesem verfluchten Tempel mit diesem monströsen Raubtier vor sich. Er wusste, wie so ein Dinosaurierangriff aussah. Er wusste, was mit den Leuten passierte, die angegriffen wurden. Er hatte die verstümmelten Körper seiner Begleiter gesehen, die die Raptoren zurückgelassen hatten. Es stand ihm noch deutlich vor Augen. Und das hier war ein Rex. So viel größer. Der mächtigste Fleischfresser, der je auf Erden gewandelt war! "O mein Gott", murmelte Webber leise. Der Tyrannosaurus brüllte. Es war entsetzlich, ein Schrei aus einer anderen Welt. Lyle Everad spürte, wie sich Wärme in seiner Hose ausbreitete. Er hatte sich in die Hose gepinkelt. Es war ihm peinlich und gleichzeitig hatte er Todesangst. Aber er musste etwas tun. Irgend etwas. Verdammte Scheiße!
Der Tyrannosaurus trat nun vollständig ins Licht. Er war ein Gigant von knapp dreizehn Metern Länge und neun Metern Höhe. Seine Haut war von grüner Färbung, die Bauchseite heller als der Rücken. Seine scharfen Zähne blitzten im schwachen Abendlicht auf, als schaurige Untermalung setzte draußen der Regen ein, und Donnergrollen begleitete den raschen Schritt nach vorn, näher an Spear und seine Männer heran. Sie hörten, wie die riesigen Nüstern des Tieres die Luft einsogen, sie geruchlich erfassten. Mit einem lauten Schnauben stieß der Rex die Luft wieder aus, legte den Kopf schief und fauchte leise. "Ich will hier raus!", stammelte Everad. "Verdammt noch mal, ich will hier raus!" Im nächsten Moment schoss der T-Rex brüllend vor. Sein Kiefer schloss sich um Lyles Bein, der versuchte, zur Seite zu springen und sich so vor der Tyrannenechse zu retten. Doch Zarus war schneller als erwartet. Er biss erbarmungslos zu. Knochen splitterten, und Everad schrie vor Schmerz. Er konnte sich nicht mehr bewegen, war wie gelähmt. Er konnte nur noch schreien. Der Raubsaurier hob ihn hoch, schüttelte ihn in der Luft, klatschte ihn voller Wucht auf den Steinboden auf, wie eine Ente einen erbeuteten Fisch erschlägt. Lyle war schon vorher benommen, spürte den Aufprall nicht mehr, der ihm die Halswirbel brach und die Rippen zerschmetterte. Spear und Webber starrten wie versteinert auf den toten Lyle, starrten auf den mächtigen Rex, der brüllend den Kopf zurückwarf. Dann, wie vom Blitz getroffen, erwachte Doug aus seiner Starre. Er riss die Maschinenpistole hoch und schoss. Er schoss wie ein Wahnsinniger. Der Raubsaurier wandte ihm seinen massigen Kopf zu, blinzelte und duckte sich. Spear glaubte, dass es das Tier aus Furcht und Schmerz tat. Doch damit hatte er sich getäuscht. Es duckte sich zum Sprung. Und ehe sich Spear versah, landete der Saurier vor ihm. Die Erde erbebte unter seinem Gewicht, Spear verlor den Halt und stürzte. Er spürte den kalten Boden unter sich, rollte sich hastig zur Seite. Er hörte, wie Webber schoss, und der Tyrannosaurus sich nach ihm umwandte. Ein Schritt nach rechts, ein Vorschnellen des großen Schädels. Colin Webber brüllte, schlimmer und markerschütternder noch, als es Everad getan hatte. Spear sah, wie der Rex den Kopf hob. Ein blutüberströmter Arm baumelte aus seinem Maul. Doug blieb fast das Herz stehen. Der Saurier beugte sich wieder zu dem schreienden Webber hinunter, das widerliche Geräusch von zerbrechenden Knochen hallte durch den Tempel. Spear sprang auf, riss das ihm entglittene Maschinengewehr an sich und rannte los. Er rannte, wie er noch nie zuvor in seinem Leben gerannt war. Er hörte, wie sich der T- Rex schnaubend von Webber abwandte und ihm fauchend nachsetzte. Vier, fünf ausgreifende Schritte, und er hatte Spear eingeholt. Der Saurier riss sein riesiges Maul auf, die messerscharfen Zähne glänzten im gleißenden Licht des Blitzes, schäumender Geifer tropfte auf den Boden. Der T-Rex brüllte. Spear warf sich nach vorn, schoss durch das Eingangsportal des Tempels nach draußen, wo er in einer Schlammlache landete. Sein gewaltiger Verfolger schnellte mit dem Kopf nach vorn, verfehlte seine Beute knapp. Das Tier duckte sich, um durch das Portal nach außen treten zu können. Derweil hatte sich Spear schon wieder aufgerafft. Mit fliegendem Atem eilte er weiter, Zweige schlugen gegen seinen Körper, als er durch das Gebüsch hastete, dem Wasserfall zu, von dem aus der Weg aus dem Tal heraus führte. Er hörte das dumpfe Schnauben des Raubtieres hinter sich, spürte den Boden unter den schweren Schritten erbeben. Er rannte, rannte, so schnell er konnte. Er wusste nicht, wie lange er gelaufen war, als er bemerkte, dass es still um ihn geworden war. Im Schutz hoher Farnwedel blieb er stehen und lauschte. Kein Schnauben, kein Brüllen, nicht einmal ein sanftes Schwanken des Bodens. Der T-Rex war weg...
Jonas wirbelte herum, als er Schritte hinter sich hörte. Erleichtert atmete er auf, als er Mulder erkannte. "Der T-Rex ist da", sagte der Agent knapp. "Ich weiß." Jonas blickte auf das Amulett in seiner Hand. "Ich habe Spears Männer schreien hören. Sie waren im Haupttempel, als das Tor geöffnet wurde." "Und Spear?" Der Wissenschaftler seufzte. "Er konnte entkommen, doch Zarus setzte ihm nach. Ich weiß nicht, ob er ihn erwischt hat." "Ich bezweifle es", sagte Mulder düster. "Der Rex ist nämlich auf der Jagd nach Dilophosauriern." Sie traten durch das Portal nach draußen. Es nieselte noch ein wenig, doch die Wolkendecke begann sich bereits aufzulösen. Blutroter Himmel war hier und da zwischen den Wolkenfetzen zu erkennen. Mulder streckte die Hand aus. "Da ist er!" Jonas folgte seinem Blick und entdeckte Zarus, der regungslos inmitten eines nahen Palmenhaines stand. "Was macht der da?" Jonas kniff die Augen zusammen. "Warum bewegt der sich nicht?" "Ich habe keine Ahnung..." Sie näherten sich der Echse, bis sie etwa hundert Meter von ihr entfernt zwischen einigen Cycadeen stehen blieben. Sie blickten zu Zarus hinüber. Der Riese duckte sich unter dem Blattwerk der Baumkronen und starrte zum nahen Wasserfall hinüber, auf eine Gruppe von Dinosauriern. Jonas kniff die Augen zusammen. "Das sind Dilophosaurier", murmelte er. "Vier Männchen." "Na großartig", entgegnete Mulder. Sie beobachteten schweigend die Echsen, die sich über etwas gebeugt hatten, mit ihren Köpfen hinabstießen, um sich kurz darauf wieder mit rötlichen Brocken in den Mäulern zu erheben, die sie wie Vögel und Krokodile ungekaut hinunterschlangen. Sie hatten Beute gemacht. Zarus öffnete sein gewaltiges Maul und brüllte. Die Dilophosaurier rissen abrupt die Köpfe hoch, ihre Zungen fuhren über ihre blutverschmierten Schnauzen. Sie blähten ihre Hautlappen auf, als der Rex auf sie zukam. Zarus war nicht so intelligent wie die Raptoren, trotzdem wusste er, dass die Dilophosaurier nicht in das Tal der Götterstadt gehörten. Sie gehörten überhaupt nicht in sein Revier. Sie waren Feinde. Und Feinde musste man angreifen. Die kleineren Räuber duckten sich, ihre Augen funkelten boshaft. Zwei von ihnen warfen bereits die Köpfe nach vorn, die hämatoxinhaltige Spucke landete auf dem Bauch des Königs der Raubechsen. Zarus fauchte, schnappte nach dem vorderen Dilophosaurus. Jonas und Mulder hörten merkwürdige Eulenrufe, die scheinbar von den giftigen Raubsauriern kam. Fast zeitgleich hoben sich unzählige Köpfe aus den nahen Farnfeldern. Jonas biss sich auf die Unterlippe und wich seitlich zum Flussufer hin aus, um im Notfall schnell flüchten zu können. Denn die Tiere in den Farnen waren allesamt Dilophosaurier, die ihren Artgenossen nun zur Hilfe kamen. Mulder folgte ihm in gebückte Haltung. "Mann, dass sind ja an die zwanzig Giftkanonen", knurrte er. Die merkwürdigen Eulenrufe ausstoßend umzingelten sie den Tyrannosaurus, sprangen ihn an und verbissen sich an seinen Flanken. Jonas wusste, dass die Tiere das Hämatoxin auch durch Bisse übertrugen. Zarus war groß, kleine Dosen, die ausreichten, um Menschen und Säugetiere zu töten, machten ihm nichts aus. Aber dieser Fülle von Angreifern konnte er unmöglich gewachsen sein. Die Raubechse brüllte, versuchte vergeblich, die vielen Dilophosaurier von sich abzuschütteln. Doch vergeblich. Die kleineren Jäger waren dem König ohne Zweifel überlegen. Die beiden Männer duckten sich am Ufer. Würden die Rotschädel den Kampf gewinnen und Zarus töten, würde Akunga seinen größten Schutz verlieren. Die Stadt wäre dem Untergang geweiht... Plötzlich spürten sie, wie die Erde unter ihnen zu beben begann. Sie blickten den Flusslauf hinab und registrierten überrascht zwei große Tiere, die in ihre Richtung stürmten. Das erste war etwa zwölf Meter lang und olivgrün gefärbt. Den mit drei Klauen versehenden Vordergliedmaßen entnahm Jonas, dass es sich um einen Allosaurus handeln musste. Das Tier bewegte sich schneller, als es sich Jonas jemals hätte vorstellen können. Den Schwanz steif in die Höhe gestreckt sprintete der Allosaurus durch das flache Flussbett, gefolgt von einem zweiten Tier, das wesentlich größer war, beinahe von gigantischen Ausmaßen. Selbst Zarus wirkte merklich kleiner neben ihm, obwohl das Tier ihm beinahe identisch war. Also musste es ein naher Verwandter des Tyrannosaurus Rex sein, und das war der Größe nach zu urteilen der Tarbosaurus. Er trug eine auffällige Zeichnung am Kopf und einige Höcker auf der Schnauze. "Die Kavallerie kommt", murmelte Mulder neben ihm. Jonas bemerkte, dass die beiden großen Raubechsen noch immer direkt auf ihren Standort zuhielten. "Lauf, Fox!", zischte er. "Los!" Sie rannten los. Mit raschen Sprüngen durchquerten sie den Fluss, der an dieser Stelle eine flache Furt bildete, knapp acht Meter hinter ihnen schoss der Allosaurus vorbei, gefolgt von seinem größeren Verwandten. Das Wasser stob in gewaltigen Funkenregen unter ihren klauenbewehrten Füßen auf und spritzte meterweit, bis zum Ufer des Flusses. Beide Tiere hielten auf den Kampfplatz zu, wo sich Zarus noch immer vergeblich gegen die Übermacht der Dilophosaurier wehrte und langsam aber sicher an Kraft verlor. Wie ein Komet schoss der Allosaurus dazwischen, völlig unerwartet von den Rotschädeln. Mit einem lauten Brüllen schnappte er nach einem der kleinen Räuber, der dem unverhofften Angreifer nicht mehr ausweichen konnte. Der Tarbosaurus brachte Panik in die Randformation der Dilophosaurier. Mit kräftigen Tritten brachte er gleich zwei der Rotschädel zur Strecke, sein gewaltiger Kiefer schloss sich um einen dritten. Von einer Sekunde auf die nächste änderte sich die Situation. Noch waren die Carnosaurier den kleineren Dilophosauriern zahlenmäßig unterlegen, doch erlaubte es ihre Kraft und Größe, sich erfolgreich gegen die Rotschädel aufzulehnen, die sich jedoch nicht ergeben wollten. Verbissen griffen sie wieder und wieder an, gebärdeten sich wie ein Schwarm Killerhaie, der Blut gerochen hatte. Erst als der letzte Rotschädel tot zu Boden fiel, kehrte Ruhe ein. Der Platz war übersät von toten Dilophosauriern. Überall war Blut. Ein Blick allein genügte, um die Lichtung als Ort eines gewaltigen Massakers anzusehen - eines ähnlichen Massakers, das die Rotschädel am Tag zuvor in Akunga angerichtet hatten. Jonas spürte, wie es ihn innerlich vor Abscheu schüttelte, dennoch hoffte er inständig, dass bei dem blutigen Kampf wirklich alle Dilophosaurier umgekommen waren. Die Schlacht war vorbei. Zarus hatte einige Wunden davongetragen, doch ansonsten ging es ihm gut. Zusammen mit seinen beiden Helfern trabte er gemächlich durch das Flussbett, dem Tempel zu, durch dessen Tor sie wieder in ihr eigentliches Revier zurückkehren würden...
Rumpelnd fuhr die Wand wieder vor, nachdem die drei Carnosaurier in den Dschungel zurückgekehrt waren. Sie waren nun verschwunden, und mit ihnen die Gefahr, die ganz Akunga bedroht hatte - Saurier wie Menschen. Piak strich mit einem leisen Seufzen sein Gewand glatt, nachdem die Steinwand mit einem dumpfen Grollen das Tor vollständig verschlossen hatte. Er hatte die Nachfolge Dim- Kalirs angetreten und war nun der Medizinmann Akungas, dessen Bewohner kaum mehr zählten, als die Finger an zwei Händen. "Mir scheint, die alte Ordnung ist wieder einigermaßen hergestellt", sagte er. "Jedenfalls vorübergehend." "Wieso nur vorübergehend?", fragte Sarah. "Ist das denn nicht offensichtlich?", erwiderte der neue Medizinmann, während sie durch das Portal nach draußen traten. "Glauben Sie denn allen Ernstes, dieses Tal hier hätte eine Zukunft?" Er machte eine ausschweifende Geste. "Die Dilophosaurier sind nun zwar ausgelöscht, doch es gibt noch andere Gefahren für Akunga. Sie wissen es vielleicht nicht, aber früher war das Land von Akunga viel größer. Ganz Mindanao und auch die restlichen Philippinen waren das Reich der Saurier. Doch die Klimaveränderungen während der letzten viertausend Jahre trieben sie alle von den Philippinen fort. Die Inseln gewannen immer mehr und mehr an Gebirgen, die Vegetation dagegen wurde karger. Die Luftströme wurden kälter und die Stürme und Unwetter häufiger. Die Dinosaurier mussten sich nach Mindanao zurückziehen. Wegen des mangelnden Lebensraumes wurden es immer weniger. Viele Arten starben aus. Meistens Großtiere. Von den ehemals dreizehn Sauropodenarten sind lediglich zwei geblieben, die Familie der Hadrosaurier ist auf einen winzigen Rest von vier, fünf Arten zusammengeschrumpft. Die einstmals weitverbreiteten Raubechsen verschwanden nach und nach, da auch ihre Nahrung verschwand. Nur wenige von ihnen überlebten. Auch Zarus ist dem Tode geweiht. Er ist der letzte Tyrannosaurier auf Mindanao. Von dem etwas kleineren Carnotaurus sind lediglich sieben Exemplare geblieben. Die einzigen aktiven Räuber mit Zukunft sind die Raptoren und die Promsognathen. Keiner von ihnen geht über zwei Meter hinaus, sie sind also relativ klein im Vergleich zu Zarus. Um so größer die Tiere sind, desto geringer ist ihre Chance, noch einige Jahrhunderte zu leben. In aller spätestens zwei- bis dreihundert Jahren wird es weder den Diploducus, noch den Carnotaurus, den Parasaurolophus oder den Styracosaurus geben. Und wenn die Bevölkerung der Erde weiterhin zunimmt, wird das Ende Akungas schon viel früher bevorstehen. Die Philippinen sind inzwischen vollständig besiedelt, in Mindanao fängt man langsam damit an. In weniger als zwanzig Jahren wird der Dschungel um uns herum gerodet, die Steinbrüche ausgebeutet und die Tempel plattgewalzt sein. Und mit dem Tal werden auch die Dinosaurier untergehen..."
Die dunklen Wolken hatten sich ausgeregnet, waren zu weißen, bauchigen Kumuluswolken geworden. Ein sanfter Wind strich durch die Bäume, ließ die feuchten Blätter rascheln und einen kleinen Schauer auf die Erde niederprasseln. Ein gepanzerter Ankylosaurus kroch aus dem Unterholz, sein breiter Keulenschwanz fegte einige halbverfaulten Äste zur Seite. Laut zeternd hüpfte ein Compsognathus zwischen den Zweigen hervor, sprang den gepanzerten Riesen fauchend an, der völlig gleichgültig blieb, und verschwand dann mit einigen kleinen Sätzen zwischen den weitausladenden Farnwedeln. "Und wenn die Dinosaurier hier sterben, dann stirbt das letzte Überbleibsel des Mesozoikums", nickte Mulder und wirkte beinahe versonnen. "Erst dann werden sie nur noch in den Märchen der Kinder existieren und in ihrer Phantasie. Als riesige Monster und Drachen, die Feuer speien und die Welt terrorisieren, oder als die sanften Riesen, die mit ihren kleinen Menschenfreunden weit weg fliegen, in das Reich der Träume, wo nichts unmöglich ist... Sie waren immer Mythen, und sie werden es immer bleiben, auch wenn sie nun wirklich endgültig vom Erdboden verschwinden, ohne dass die Menschen wissen, dass es sie überhaupt bis zum heutigen Tage gab. Vielleicht ist das auch gut so. Vielleicht soll es gar nicht anders sein. Sollen sich die abertausend Wissenschaftler doch weiterhin in der Luft zerreißen und streiten, ob der T-Rex nun ein Räuber oder ein Aasfresser war und wie diese rätselhaften Wesen vom Erdball verschwunden sind. Sie werden es nie erfahren. Und während sie sich streiten, werden sich die Kinder mit ihrem einfachen unverdorbenen Verstand ihre eigene Vorstellung von Dinosauriern schaffen. Und mit dieser kommen sie der Wahrheit näher, als der intelligenteste Paläontologe der Welt. Denn nur Kinder sind dazu fähig, diese Tiere wieder zum Leben zu erwecken. Sie sehen sie in ihren Träumen, wie sie über die Steppen und durch die Wälder ziehen, sehen ihr Leben wie einen Film, nehmen Teil an dem, was ihnen geschieht. Erwachsene dagegen bauen meist nur auf Fakten. Sie sehen Knochen, können nachvollziehen, wie die Gestalt des Tieres zu Lebzeiten war und können feststellen, wann und wo es gelebt hat. Aber sie sehen es nicht laufen, nicht schwimmen, nicht fliegen, nicht leben. In der Welt dort draußen herrscht zuviel Verwirrung durch zuviel Wissen. Wissen, was im Grunde eigentlich kein Wissen ist. Und davon gibt es so viel Widersprüchliches und Verwirrendes, dass sich der Mensch in der Masse verliert, alles, was er hört, in sich aufsaugt, sich selbst aber nur noch wenig Platz zum Träumen lässt..." Inzwischen hatten sie das Schattenreich erreicht, die Höhle, die Akunga mit dem umliegenden Regenwald verband. Dem einzigen stets offenen Weg in die Vergangenheit, einem Pfad, der sich in einer Welt verlor, die teilweise mehr als 60 Millionen Jahre alt war. Jonas schüttelte Piak die Hand. "Sie können sich darauf verlassen, dass die Außenwelt durch uns von diesem Paradies niemals auch nur ein einziges Wort erfährt. In welcher Hinsicht auch immer." "Ich vertraue Ihnen, Dr. Quinn", sagte der Medizinmann. "Und nun müssen Sie den Raptoren vertrauen. Sie werden Sie bis zum Hochplateau bringen, von wo aus ihr zurück nach Pikit fahren könnt. Ich bitte euch, die Lederbeutel, die ihr um den Hals tragt, auf dem Hochplateau zu verbrennen, damit das Gahni-Dah keinem Unbefugten in die Hände fällt." Die Menschen nickten. "Dann bleibt mir nicht mehr, als Ihnen allen noch eine gute Reise zu wünschen", sagte der Medizinmann. "Sie werden uns in guter Erinnerung bleiben." "Sie auch", erwiderte Jonas mit einem leichten Lächeln. "Und... danke." "Für was denn?", fragte Piak, doch er kannte die Antwort. Er blickte auf die Raptoren. "Jenji salai." Die Tiere hoben die Köpfe, streckten sich und traten zum Höhleneingang. Sie warteten, bis sich auch die Gruppe in Bewegung setzte, und führten sie dann in das Schattenreich. Nach und nach verschwand jeder der Menschen im Dunkel der Höhle. Ein letzter Gruß, ein freundschaftlicher Händedruck, ein ehrlicher Dank. Dann tauchte auch schon der Letzte in die Höhle ein, die ihn umschloss wie einen schützenden Mantel. Piak stand noch lange am Eingang und horchte auf ihre Schritte. Als die Sonne mit ihrem gleißenden Schein das Tal erleuchtete und es in aller Schönheit erstrahlen ließ, von irgendwoher der dumpfe Laut eines Hadrosaurier erklang und der Schatten eines Daktylus rasch über die Steilwände nach oben glitt, begann der neue Medizinmann seinen Abstieg. Vor ihm lag Akunga wie die Stadt Atlantis: Schön, atemberaubend und zum Untergang geweiht. Er zupfte eine Blüte von einem der Cycadeengewächse und drehte sie in den Fingern. Sie war purpurrot, ihre Pollen von einem strahlenden Gelb. Sie ist schön, dachte er, aber das Zeichen für das Ende der Dinosaurier. Er zupfte die Blütenblätter ab, roch an ihnen, saugte ihren lieblichen Duft ein. Dann ließ er sie sich von einer sanften Windböe aus der flachen Hand reißen, die sie weit in den Himmel hinauftrugen, hinein in das wärmende Licht der Sonne...
Das Institut für Mikro- und Weltraumtechnik befand sich in einer Ansammlung von Gebäuden, die westlich des Raumbahnhofes lagen und früher als Lagerhallen gedient hatten. In einer der großen Hallen, die nichts weiter war, als ein Raum voller Stühle, wurden beinahe jeden zweiten Tag Seminare abgehalten. Vorne am Rednerpult machte Professor Shimoyama eine dramatische Pause, bevor er seine Vorlesung fortsetzte. "Immer mehr Wissenschaftler nehmen sich nicht mehr den Menschen zum Vorbild für ihre Automaten, sondern Insekten. Der Grund dafür ist der: Gerade die einfachen menschlichen Fähigkeiten erwiesen sich als zu kompliziert für Roboter. Spezialfähigkeiten hingegen wie exzellentes Schachspiel oder präzise Werkzeugführung beim Schweißen werden von Robotern leicht übertroffen: Der Weltmeister wurde kürzlich von einer Maschine im Schachspiel geschlagen, und Schweißroboter haben in der Autoproduktion viele Facharbeiter ersetzt. Kaum nachzuahmen sind jedoch die Grundfähigkeiten des Menschen: Gleichgewicht halten, über unebenen Grund laufen, einen Gegenstand auf dem Tisch erkennen, ein Wurstbrot schmieren. Das alles erscheint uns mehr als trivial - aber nur, weil wir mit einem ungeheuer leistungsfähigen Wahrnehmungs- und Steuerungsapparat ausgestattet sind, der diese Aufgaben mühelos erledigt. Beim Versuch, solche Fähigkeiten auch den Maschinen beizubringen, mussten sich die Wissenschaftler immer weiter ins Detail vertiefen, und so finden heute weltweit unzählige Konferenzen statt, in denen die Forscher über kleine und kleinste Spezialgebiete berichten: Sprachverständnis, Denkmodelle, Stereosehen, Pfadplanung, Positionsbestimmung, Sensortechnik, Kollisionsvermeidung, neuronale Netzwerke, Kraftkontrolle, maschinelles Lernen und so weiter. Die Forscher sind wie ein Schwarm von Pfadfindern, die einen Weg durch den Dschungel suchen, wie schon der Roboterforscher Uwe Zimmer sagte. Ob einer der Dschungelpfade zum Ziel führt, ist ungewiss. Vorerst sind vielen der Pfadfinder die menschlichen Fähigkeiten zu undurchdringlich. Sie üben sich daher erst mal an Insekten. Die besitzen nur 10.000 bis eine Million Nervenzellen - weniger, als bei uns allen allein in der Netzhaut eines einzigen Auges tätig sind. Außerdem laufen Insekten auf sechs Beinen, was ihren Gang sehr stabil macht. Drei davon berühren immer den Boden, das Tier kann also nicht umfallen. Jedenfalls nicht so leicht. Ihre Steuerungsmechanismen sind einfach, robust - und milliardenfach bewährt. Doch bei ihren Versuchen, Insekten nachzubauen, lernten die Forscher vor Allem eines: Ehrfurcht vor den Fähigkeiten der kleinen Wesen. Denn die Insektenkonstruktion ist extrem tragfähig. Eine Ameise kann das 20fache ihres Eigengewichts transportieren, eine Kakerlake immerhin das Zwei- bis Dreifache. Herkömmliche Industrieroboter hingegen heben nur etwa 20 Prozent ihres Eigengewichts. Das zeigt, wie weit der Entwicklungsweg ist. Zweitens: Die Koordination der Beine ist komplizierter als erwartet. Sechsbeinige Insekten sind wahre Meister im Laufen und Klettern in unwegsamem Gelände. Achthundert Nervenzellen steuern jedes einzelne Bein der Stabheuschrecke. Das hört sich übersichtlich an, ist es aber nicht. Bei genaueren Untersuchungen stellte sich nämlich heraus, dass die Nervenzellen der Insekten wesentlich komplizierter sind als menschliche: Sie können in ihren verzweigten Fortsätzen verschiedene lokale Regelungsaufgaben gleichzeitig erledigen. Jede Nervenzelle ist quasi ein eigenes Lebewesen, jede einzelne müsste durch einen eigenen Computer nachgeahmt werden. Die Beinsteuerung einer Stabheuschrecke in jedem Detail zu kopieren schied deshalb schlichtweg aus..." Shimoyama sah auf, als die Tür aufging, und automatisch folgten die meisten seiner Zuhörer seinen Blicken. Ein hochgewachsener, braunhaariger Mann trat ein, gefolgt von einer rothaarigen Frau mit kinnlangem Haar. Shimoyama blinzelte verwirrt und ihm wurde unwohl. Er fragte sich, was der Mann hier wollte. Er kannte ihn. Und er wusste, dass überall, wo er auftauchte, etwas lief. Seine Zuhörer wussten das wohl nicht, doch das war nur gut so. Lee Shimoyama räusperte sich, sammelte seine Papiere ein und klopfte sie auf dem Pult zu einem ordentlichen Stoß zusammen. "Es tut mir sehr leid, aber ich muss dieses Seminar leider beenden. Wir machen morgen an der gleichen Stelle weiter." Ein Gemurmel ging durch die Menge. Nach und nach standen die Leute auf, griffen nach ihren Notizblöcken und Jacken, und verließen nach und nach den Saal. Shimoyama sah seinen Besuchern entgegen, die sich dem Pult näherten. "Warum bist du hier, Mulder?", fragte er, und man merkte ihm an, dass ihm nicht ganz wohl zu Mute war. Mulder und seine Begleiterin blieben vor dem Pult stehen. "Ich brauche deine Hilfe, Yama." "Meine Hilfe?" Lee ließ seine Unterlagen in einem Schnellhefter verschwinden und schlug das Deckblatt zu. "Doch hoffentlich nicht für derartig ausgefallene Dinge wie letztes Jahr?" "Nein", sagte Mulder ruhig. "Ich brauche lediglich eine... - Ja, nennen wir es mal Auskunft." "So, so. Eine Auskunft. Doch nicht etwa über irgendwelche Personen, hinter denen du mal wieder her bist, oder?" Mulder ersparte sich eine Antwort auf diese Frage. "Was weißt du über Biogenetics?" Lee Shimoyama stieg die kleine Treppe hinab, die zum Pult hinaufführte, und blieb vor den beiden Besuchern stehen. "Darf ich fragen, warum du Informationen darüber haben willst?" "Fragen darfst du, aber ich darf nicht darauf antworten." Shimoyama nickte. "Das habe ich mir schon fast gedacht. Ihr Typen vom FBI seid doch alle gleich. Ihr könnt einem einen wahren Krater in den Bauch fragen, aber sagen, worum es geht, das könnt ihr nicht. - Wer ist das da eigentlich?" Er wies auf Mulders Begleitung. "Das ist meine Partnerin, Special Agent Dana Scully", stellte sie Mulder vor. Sie reichte dem Professoren mit einem freundlichen Lächeln die Hand. "Schön, Sie kennen zu lernen, Dr. Shimoyama..." "Bitte, sag' Yama zu mir. Ich sieze nur Leute, die ich nicht leiden kann - also meine Schwiegermutter und den Gerichtsvollzieher. Aber wenn der noch öfter zu uns kommt, werden wir vielleicht noch Freunde." Shimoyama nickte den beiden Agenten zu. "Na los, kommt mit!" Er ging auf die Tür zu und Mulder und Scully folgten. Sie sah ihn fragend an. "Ist der immer so?" Ihr Partner grinste. "Er ist eigentlich schwer in Ordnung. Das merkt man aber meist erst, wenn man ihn näher kennt." Sie gelangten über eine schwarze Freitreppe in den ersten Stock des Gebäudes. Shimoyama öffnete eine Tür mit der Aufschrift Sperrbereich - Ab hier für Unbefugte kein Zutritt. Sie folgten dem Korridor, der sich irgendwo in der Ebene verlief, in der Dämmerung liegend, die über der ganzen ersten Etage lag. Eine Wand war ganz aus Glas, man sah auf einen Balkon hinaus, auf dem - von feinen Nebelschwaden umweht - Palmen standen. Etwa nach fünfundsiebzig Metern kamen sie zu einer Glastrennung mit weiteren Schildern:
Biogefahr! Vorsicht! Dieses Labor entspricht USG P4/EX3 der Genetikprotokolle. VORSICHT! Teratogene Stoffe GEFAHR Anwendung von radioaktiven Isotopen Karzinogenes Potential "Achtet nicht auf die Schilder. Die haben wir nur aus rechtlichen Gründen angebracht. Ich kann euch versichern, dass hier absolut nichts passieren wird." Er führte sie durch die Tür, nickte dem Wachposten auf der anderen Seite zu und bog in einen schmäleren Seitengang ab. "Natürlich werden auf dieser Ebene auch noch andere Experimente als die mit unseren Robotern gemacht. Aber das brauche ich euch wohl nicht zu erklären. Auf einem Raketenversuchsgelände wie Cape Canaveral läuft so einiges ab. Im Moment untersuchen sie das Gestein von den beiden Marsmonden Phobos und Deimos und der Venus. Und das nur, weil so ein Spinner ankam und behauptete, es hätte einen zehnten Planeten in unserem Sonnensystem gegeben, der Phaeton hieß..." Scully schenkte Mulder ein schelmisches Lächeln. Er grinste bloß. "Das Ding ist angeblich vor 175 Millionen Jahren bei der Kollision mit einem Planetoiden explodiert", fuhr Shimoyama fort. "Seine Bruchstücke haben sich überall im Sonnensystem verteilt. Und da diese Spinner von Wissenschaftlern, allen voran dieser Quatschkopf von Däniken, bei ihrer Behauptung von wegen Außerirdischen bleiben wollen, sagen sie, auf diesem Phaeton hätte eine hohe Zivilisation gelebt, die daran Schuld ist, dass die Karte der Sumerer vor 4000 Jahren statt neun zehn Planeten aufweist, ägyptische Karten die Erde vom All aus zeigen und dass diese rätselhafte Felsmarkierung in Nazca entstand, die ja angeblich eine Navigationshilfe für landende Raumschiffe gewesen sein soll. Alles Papperlapapp! Alles Unsinn! Diese Leute verschwenden nur Zeit, Nerven und vor allem Geld. Geld, das man für weitaus wichtigere Dinge als diesen Schnickschnack braucht. Außerirdische vom zehnten Planeten! Also wirklich!" Sie erreichten eine Tür mit der Aufschrift Mikrotechnik. Shimoyama steckte seine Codekarte in den Schlitz, das Licht blinkte auf und die Tür öffnete sich. Mulder sah einen kleinen, in grünes Licht getauchten Raum. Vier Techniker in Laborkitteln spähten in doppelläufige Stereomikroskope oder betrachteten Bilder auf hochauflösenden Videobildschirmen. Überall lagen kleine Geräte herum, Kästen waren vollgestopft mit winzigen metallenen Bauteilen und Schrauben. Shimoyama trat an einen der Kästen heran. Zur Verwunderung von Scully enthielt dieser Kakerlaken und Heuschrecken. "Was machst du denn damit?", fragte sie. "Nun, vorhin in meinem Seminar sprach ich über die Möglichkeit, Roboter nach dem Insektenprinzip zu bauen, das ja sehr vorteilhaft ist. Aber auch sehr schwer. Doch viel interessanter als ein Roboter mit Insektenintelligenz ist doch eigentlich ein Insektenkörper mit Menschenintelligenz. Diese Tiere hier können durch eine Fernsteuerung dirigiert werden. Sie tun alles, was man ihnen befiehlt." Er deutete auf eine der Kakerlaken, die eine Art Rucksack auf dem Rücken trug. "An den Enden dieses Elektrogepäcks befinden sich in der Nähe der Fühler winzige Nickel- Chrom-Heizstäbe. Kakerlaken reagieren stark auf Wärme, wenden sich davon ab. Dieser Bursche hier kann durch Variierung von Wärme gesteuert werden. Wir haben es sogar geschafft, eine Kakerlake durch eine Röhre von gerade mal 40 Millimetern zu dirigieren." "Was nichts von menschlicher Intelligenz hat", murmelte Scully leise vor sich hin, so leise, dass es nur Mulder verstehen konnte und belustigt grinste. Der Wissenschaftler war an einen verwaisten Schreibtisch getreten und zog einen Ordner aus der untersten Schublade. Kopfschüttelnd reichte er ihn dem Agenten. "Was auch immer du wieder im Schilde führst, Mulder, erlaube dir in Bezug auf diesen Konzern hier keine Späße, denn die haben keinen Humor." "Das weiß ich inzwischen", sagte Mulder ironisch und schlug das Deckblatt zurück. Er zog die Augenbrauen hoch. "Was ist GenSys?" "Die Tochterfirma der Biogenetics", antwortete Shimoyama. "Sie ist noch recht neu. Die haben das Ding für neue Tests aufgebaut. Irgendwelche Produkte, die sie an Eidechsen testen wollen..." Mulder sah Scully bedeutungsvoll an. "Sieht so aus, als müssten wir schon wieder verreisen..." Dabei deutete er auf die Adresse von GenSys...
"Letzter Aufruf zum Flug nach Amsterdam", hallte es durch den Terminal 2 des Frankfurter Flughafens, der schier aus den Nähten zu platzen schien. Tausende von Menschen strömten durch die breiten Gänge und Korridore, sammelten sich vor den Schaltern oder der Gepäckausgabe. Mulder angelte ihre wenigen Gepäckstücke vom Fließband und schlängelte sich zwischen den wartenden Menschen hindurch in die Mitte der gewaltigen Halle, wo Scully nahe der Sky Line auf ihn wartete. Die Sky Line war eine vollautomatische Hochbahn, mit der man kostenlos und innerhalb von zwei Minuten den Terminal wechseln konnte. "Am Terminal 1 kann man Autos leihen", verkündete sie und tippte auf einen großen Aushang an einer der Glaswände. "Welchen hättest du denn gerne? Einen BMW Z3, einen Ford Focus, einen VW New Beatle oder gar einen schwarzen Porsche?" Sie grinste. "Mal sehen." Er warf ihren Seesack über die Schulter, klemmte sich eine Tasche unter den Arm und nahm seinen Koffer in die nun freie rechte Hand. "Jedenfalls ist für alles gesorgt. Ich habe uns ein Zimmer im Holiday Inn gebucht, direkt vor Ort. Außerdem habe ich mich mit Stadtkarten und diversen Faltplänen eingedeckt, damit wir uns im verrückten Straßenverkehr Deutschlands nicht verirren. Die Leute hier sollen allesamt fahren wie Bekloppte!" "Keine Vorurteile!", lächelte sie und dirigierte ihn in die Hochbahn. "Wir werden unsere eigenen Erfahrungen diesbezüglich sammeln können!"
Das Gefährt hielt sein Versprechen und setzte sie nach knapp zwei Minuten nahe des Flugsteig C von Terminal 1 ab. Sie durchquerten die große Empfangshalle und traten durch eine Glastür nach draußen. Es war gegen zwei am Nachmittag, und die Sonne schien warm und hell vom Himmel. Man mochte gar nicht glauben, dass es bereits Oktober war. Sie mieteten einen Wagen - Mulders Wahl fiel auf einen perlmuttfarbenen Alfa 156 - und verließen den Rhein-Main-Flughafen, der zu den größten Europas zählte. Über die Ausfahrt gelangten sie auf die Bundesstraße B 43, die direkt in die Metropole führte. Frankfurt am Main war die größte Stadt des Landes Hessen, zusätzlich weltweit als eine der wichtigsten deutschen Handels-, Industrie-, Börsen- und Messestädte bekannt. Gegen amerikanische Millionenstädte wirkte Frankfurt mit seinen 654.000 Einwohnern winzig, dennoch war internationaler Flair vorherrschend. Sie überquerten den Main bei Niederrad und folgten der Gutleutstraße den Fluss entlang. Links von ihnen huschte der Frankfurter Hauptbahnhof vorbei, der bedeutendste Bahnknotenpunkt Europas, dicht gefolgt von "Mainhatten", der kleineren Ausgabe des amerikanischen Vorbildes in New York. Mulder bog in den Untermainkanal ab und folgte der Straße bis zur Alten Brücke. Eine Straßenbahn schlängelte sich an ihnen vorbei, an der Kreuzung sprang die Ampel auf rot und Scully hatte genug Zeit, sich den berühmten Frankfurter Dom, der zur linken Hand lag, zu begutachten.
Mulders Handy machte sich bemerkbar. Er murrte, doch bevor er nach dem kleinen Nervtöter greifen konnte, hatte Scully das Mobiltelefon schon aus seinem Mantel geangelt. Er blickte sie nur kurz an. "Wenn das jetzt Skinner ist, können wir uns auf ein Donnerwetter gefasst machen..." Es war Jonas. "Die Biogenetics existiert nicht mehr", meldete er. Scully legte die Stirn in Falten. "Wie bitte?" "Ja. Ich bin heute hingefahren, weil ich mir einige Informationen vor Ort holen wollte. Tja, als ich ankam, war die Abrissbirne schon tätig gewesen." Scully suchte den Blickkontakt zu Mulder. "Abgerissen", murmelte sie, und dem Gesichtsausdruck ihres Partners konnte sie entnehmen, dass er verstanden hatte. "Und wahrscheinlich sind auch alle Beweise mit den Trümmern fortgeschafft worden..." "Die meisten, ja." Scully hörte leises Rascheln, als Jonas seine Unterlagen heranzog. "Aber ich habe an der Umzäunung des Geländes mehrere Plakate gefunden, die von einer Tierschutzorganisation stammen. Sie prangern in ihren Schriften den Pharmakonzern wegen unethischen Verhaltens an. Ich habe mich mit diesen Leuten in Verbindung gesetzt. Einer von ihnen hat früher einmal selbst bei Biogenetics gearbeitet. Er heißt Frank Joseph. Er gab mir einige Akten und Fotos, die uns weiterhelfen können. Auf jeden Fall war das, was sich hinter den Mauern dieser Firma abspielte, die reinste Sauerei, um es milde auszudrücken. - Ach, bevor ich es vergesse: Ein gewisser Gary Eustrak, ehemals Boss der Biogenetics, hat nun den obersten Posten bei GenSys inne. Ihr seid also auf der richtigen Spur..."
Doug Spear lehnte sich in seinem Sitz zurück und starrte durch das Fenster auf den Pazifik hinab. In etwa einer halben Stunde würden sie Mindanao erreichen. Dass die erste Expedition gescheitert war, bedeutete noch lange nicht, dass Spear aufgeben würde. GenSys sah das ähnlich. Dieses Mal würde er Erfolg haben, er wusste es...
Mulder hielt an der Kreuzung und nutzte die Gelegenheit, um in die Tüte mit den Käseröllchen zu langen. Interessiert begutachtete er die Gebäude um sie herum. Rechts ein Supermarkt und - unübersehbar - ein Bestattungsinstitut, das seine Grabsteine im Hof feilbot, außerdem eine mittelgroße Baustelle direkt am Eck. Ein großes Schild zeigte das Gebäude, wie es einmal aussehen sollte. Mulders Deutschkenntnisse waren recht dürftig, dennoch konnte er aus dem kurzen Text erschließen, dass hier eine Einkaufspassage im Miniformat mit dem Namen "Kinzig- Center" entstehen sollte. Auf der linken Seite erhoben sich mehrstöckige Reihenhäuser, geradeaus entdeckte Mulder ein Schreibwarengeschäft, eine stillgelegte Tankstelle, einen Getränke-Shop und einen zweiten Supermarkt. Sirenengeheul schreckte ihn aus seinen Beobachtungen. Ein weißgrüner Polizeiwagen raste links von ihnen über den Bürgersteig und legte sich scharf in die Kurve, um dann in Richtung Supermarkt Nummer zwei zu verschwinden. "Holen die gerade ihre Pizza ab?", ulkte Mulder, und Scully neben ihm grinste. Die Ampel sprang auf grün um, und Mulder bog links ab, in dieselbe Richtung, in die auch der Polizeiwagen gefahren war. Doch er folgte der unvermeidlich als Hauptverkehrsstraße erkennbaren Asphaltsstrecke nicht sehr lange, denn das Hotel lag dem Supermarkt beinahe gegenüber. Es war nicht sehr groß, aber schon allein der internationale Name Holiday Inn versprach angenehmen Komfort. Die lachsrosa getünchte Forderfront mit dem türkisgrünen Säuleneingang wurde beidseitig von zwei von Laubbäumen beschatteten Parkplätzen gesäumt. "Wollen wir nicht zuerst mal zur GenSys fahren und uns den Konzern einmal ansehen?", fragte Scully, als Mulder schon den Blinker setzte. "Sie schließen sicherlich bald, und nachher bin ich unter Garantie viel zu müde, um noch in irgendeinem Pharmakonzern herumzulaufen und nach Leuten zu suchen, die nicht mehr da sind..." Mulder schaltete den Blinker aus und fuhr geradeaus weiter. "Schön, wenn du möchtest", sagte er leichthin, und Scully konnte aus seiner Stimme heraushören, dass ihm ihr Vorschlag mehr als Recht war. Sie fuhren weiter die Straße entlang, passierten dabei ein Reisebüro, eine Bank, eine Drogerie und einen Eissalon, bevor Mulder erneut links abbog. Die Zahl der Geschäfte nahm ab, rechts konnte Scully eine alte von Bäumen umgebene Kirche sehen, deren Turmspitze sich in den Himmel bohrte, links führte eine Auffahrt zum alten Rathaus und dem angrenzenden Schlossgarten. Einige Meter nach der Kirche schwenkte der Wagen nach rechts und fuhr bergab, eine recht enge Straße entlang. "Wenn ich die Karte noch genau im Kopf habe, müsste der Konzern einige hundert Meter weiter vorne sein, in der Nähe eines Möbellagers", murmelte Mulder, während er sich eine weitere Käsestange in den Mund schob. "Sie ist noch nagelneu, erst vor zwei Wochen fertiggestellt worden. Ursprünglich gehörte das Gelände diesem Möbelkonzern, Walther heißt der, wenn ich mich nicht irre. Aber GenSys hat ein Angebot gemacht, das die nicht hatten ausschlagen können. Und das ist gerade mal drei Tage her..." Er wandte Scully den Kopf zu. "Verdächtig, was?" Er grinste. Scully kannte dieses Grinsen nur allzu gut. Es bedeutete, dass er sich ganz sicher war, auf der richtigen Fährte zu sein. Und insgeheim musste sie zugeben, dass sie der gleichen Ansicht war. Links von ihnen lagen nun einige Wiesen, weiter vorn konnten sie den gewaltigen Gebäudekomplex der GenSys erkennen, ein riesiger grauweißer Betonbau, dessen dunkelrotes Label jedem ins Auge stach, der daran vorbeifuhr. "Weißt du eigentlich, dass wir unseren Urlaub schon seit ungefähr drei Stunden überzogen haben?", erkundigte sie sich nach einem kurzen Blick auf ihre Uhr, die noch die Washingtoner Zeit anzeigte. Sie war zu faul gewesen, die Uhr umzustellen. In der Heimat war es nun zehn Uhr am Morgen, und Skinner würde wahrscheinlich einem wilden Tiger gleich seine Runden im Büro ablaufen, von Minute zu Minute einen dunkleren Rotton im Gesicht annehmend und nur darauf wartend, seine Wut in Form eines gewaltigen Donnerwetters auf einen unschuldigen Agenten niedergehen zu lassen, der sich dummerweise in dessen Reichweite begeben hatte. Scully wunderte sich schon, dass ihr Handy in den letzten Stunden noch nicht geklingelt hatte. Doch sie war davon überzeugt, dass der Assistent Director des FBI nicht mehr lange auf sich warten lassen würde.
Sie sollte Recht behalten. Kaum stellte Mulder den Motor des Mietwagens ab, nachdem er eine Parklücke gefunden hatte, schrillte das Handy in ihrer Manteltasche Alarm. Mit einem vielsagenden Gesichtsausdruck drückte sie auf den Knopf und hielt das Mobiltelefon an ihr linkes Ohr, während sie mit der rechten Hand die Tür aufstieß, um auszusteigen. "Scully?" "Wo, zum Teufel, stecken Sie?", bellte Skinner ungehalten. Bingo, absolutes Bingo! "Legen Sie wirklich Wert darauf, das zu erfahren?", fragte sie vorsichtig. "Und wie ich Wert darauf lege, Agent Scully! Seit drei Stunden hätten Sie hier in diesem Gebäude sein sollen, aber anscheinend haben Sie sich dazu entschlossen, Ihren Urlaub ohne mein Wissen zu verlängern! Übrigens, wo ist Mulder?" "Bei mir." "Das dachte ich mir fast! Also, wo sind Sie?" "In einer kleinen südhessischen Stadt namens Langenselbold, und zwar auf dem Parkplatz eines dort ansässigen Pharmakonzerns." "Langensenwas? Wo ist das?" "In Deutschland", tadelte Scully. "Ihre Kenntnisse in Bezug auf Geographie scheinen nicht gerade die Besten zu sein..." "Deutschland?", donnerte Skinner, und Scully musste das Handy einige Zentimeter vom Ohr weghalten, um keinen bleibenden Hörschaden davonzutragen. "Sie sind ja wohl nicht mehr bei Trost! Wenn das auf Mulders Mist gewachsen ist, dann werde ich ihn..." Mulder verzog sein Gesicht zu einer gequälten Grimasse und gab seinen "Herr-im- Himmel-hilf-mir"-Blick zum Besten.. "... höchstpersönlich durch den Reißwolf drehen!", fuhr Skinner derweil ungehalten - besser: stinksauer - fort. "Wenn Sie glauben, diese Exkursion von FBI-Spesen bezahlen zu können, haben Sie sich aber mächtig getäuscht!" "Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie nicht wissen, wo wir sonst noch überall gewesen sind", unterbrach ihn Mulder, der Scully das Handy abgenommen hatte. "Das könnte noch sehr viel teurer kommen, zum Beispiel der einwöchige Aufenthalt auf Mindanao, die Rückreise nach Maine, die Fahrt von dort zurück nach Washington und der anschließende Flug nach Germany, wo wir jetzt gerade sind. Und so, wie es im Moment aussieht, werden wir hier höchstwahrscheinlich noch ein, zwei Tage bleiben müssen." "Müssen?!?" Skinner schnappte hörbar nach Luft. "Warum, in drei Teufels Namen, müssen Sie in Deutschland bleiben?" "Weil wir gerade dabei sind, einen äußerst wichtigen Fall zu bearbeiten. In diesem Sinne haben wir überhaupt gar keinen Urlaub gehabt, Sir." "Was für einen Fall, Agent Mulder?" Der Agent seufzte unwillig. "Im Moment habe ich keine Zeit, Ihnen alles zu erläutern, aber Sie können sich ja einmal etwas schlau machen, was Biogenetics Co-operation und GenSys betrifft. Ersteres hatte seinen Sitz bis vor Kurzem in New Jersey, vor dem zweiten stehen wir gerade. Wir sehen Sie dann in den nächsten Tagen." Mulder drückte den Knopf, ohne auf Skinners Gezeter zu reagieren, das unüberhörbar aus dem Handy scholl. "Der soll erst mal zu Atem kommen", knurrte er und nickte dem Gebäude zu, das sich vor ihnen erhob. "Los, gehen wir rein." Die Empfangshalle war groß, hoch und steril. Mulder musste sofort an ein Krankenhaus denken, und sofort erschien ihm GenSys noch suspekter, als zuvor. An der Rezeption blieben sie stehen. Eine dunkelhaarige Frau feilte dort ihre überdimensionalen Fingernägel. Beinahe vorwurfsvoll - wie konnten es zwei Fremde bloß wagen, sie bei einer solch wichtigen Beschäftigung zu stören? - blickte sie auf. Mulder zog seinen Ausweis aus der Manteltasche seines Trenchcoats. "Special Agent Fox Mulder, ich suche einen Mann namens Doug Spear." Die Frau blickte ihn verwirrt an. "Das FBI?" Sie schüttelte den Kopf. "Also, das fehlt uns jetzt wirklich noch!" Sie pustete über ihre Nägel. "Wir sind hier in Deutschland, Agent Mulder, nicht in den Staaten. Ich glaube kaum, dass das FBI hier irgend etwas zu sagen hat." "Das hat es durchaus, Mrs..." "Schmidt." Mulder nickte kurz. "Mrs. Schmidt. Erstens ist GenSys die Tochterfirma eines amerikanischen Konzerns und untersteht so auch den amtlichen Behörden. Zweitens wird Doug Spear eines Verbrechens beschuldigt, und jüngsten Informationen zu Folge arbeitet er hier in dieser Firma. Und da ist es ganz egal, ob das hier Deutschland, China oder gar der Kongo ist! - Also, wo ist er?" Mit einem Seufzer richtete sich Frau Schmidt auf, griff nach dem Telefon und wählte eine interne Nummer. "Was sagen wir Skinner, wenn wir ihm Spear anschleppen?", fragte Mulder an Scully gewandt. "Die Wahrheit." "Na super! Aber wie bitte schön sollen wir das machen? Für die Vorfälle in Akunga haben wir keine Beweise. Wir können ihn nur für das schuldig sprechen, was er hier getan hat, was schriftlich belegt ist..." Frau Schmidt unterbrach ihr Gespräch. "Mr. Spear ist nicht da", sagte sie, während sie auflegte. "Er ist heute morgen nach Mindanao geflogen." Mulder und Scully sahen sich erschrocken an. "Nach Mindanao, sagen Sie?" Mulder musterte die Frau misstrauisch. "Mit wem?" "Allein." Frau Schmidt fuhr fort, ihre Nägel zu bearbeiten. "Er hat sich Urlaub genommen..." Mulder zuckte ratlos mit den Schultern. "Na dann. Verzeihen Sie die Störung." "Nicht doch." Die beiden Agenten waren schon fast an der Tür, als Mulder noch etwas einfiel. "Ach, Mrs. Schmidt?" Sie blickte mit einer Mischung aus Unwillen und Geduld auf. "Wo wohnt Gary Eustrak, der Inhaber dieses Konzerns?" "Was geht Sie das an?" Mulder betrachtete sie wütend. "Wo wohnt er?" Sie streckte die Hand von sich weg und begutachtete ihre Fingernägel. "Sie haben das Zauberwort noch nicht gesagt, Agent Mulder..." Er trat an die Theke, lehnte sich zu ihr vor, schlug seinen Mantel beiseite, sodass sie die Waffe an seinem Hüfthohlster erkennen konnte, und sagte ganz langsam und von oben herab: "FBI!"
Spear presste sich vor Angst am ganzen Körper zitternd an die Felswand und starrte auf die zischenden Zweibeiner, die mit geduckten Köpfen und gebleckten Zähnen auf ihn zu schlichen. Es waren drei mittelgroße Raubechsen, grasgrün, mit rotem Kamm und Halslappen. Eine von ihnen stieß einen Ruf aus, der wie der einer Eule klang. Ein anderes Tier blähte den Hautlappen auf und rasselte gefährlich. Dann warf es den Kopf nach vorn, die schaumig-klebrige Masse landete auf Spears Hals und Oberkörper. Verständnislos berührte er den Schaum, rieb ihn zwischen den Fingern. Spucke. Dieses Vieh hatte ihn doch tatsächlich angespuckt. Spear wollte gerade seine Maschinenpistole heben, um den unverschämten Biestern Respekt einzuflößen, als ihn ein höllischer Schmerz dazu zwang, die Waffe fallen zu lassen. Stöhnend griff er nach seinem Hals, der ihm wie ein Stück wundes Fleisch erschien. Der Schmerz war kaum auszuhalten. Seine Schultern begannen zu brennen, das Herz schlug wie verrückt. Vor Qual wimmernd sank er auf den Boden, krampfte die Arme um den Oberkörper und biss die Zähne zusammen. Doch es wurde immer schlimmer. Er hörte ein hyänenartiges Gelächter über sich, sah den Kopf des Sauriers, der ihn angespuckt hatte. Das Tier schien ihn anzugrinsen, das imposante Gebiss verzog sich zu einer hämischen Grimasse. Dann öffnete sich das Maul, fauliger Atem stieg in Spears Nase. Doch er hatte keine Chance, sich davor zu ekeln. Der Raubsaurier stieß hinab und packte den Mann am rechten Arm, schien ihn daran festzuhalten. Spear schrie, als ihm das Tier mit dem rechten klauenbewehrten Fuß blitzschnell die Bauchdecke aufriss. Die anderen Tiere kamen heran, beugten sich über die frischerlegte Beute. Spear spürte kaum noch, wie ihm die Eigenweide herausgerissen wurde, als er seinen letzten Schrei ausstieß, der durch den gezielten Biss eines Räubers erstickt wurde...
Gary Eustrak seufzte unwillig und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Sein Gesprächspartner trug einen etwas ramponierten Anzug und hätte eigentlich mal wieder zum Friseur gemusst. Er entsprach ganz und gar nicht dem stereotypen Bild eines FBI- Agenten. Selbst sein Name war... ungewöhnlich... Fox. Eustrak begann zu kombinieren. Fox war das amerikanische Wort für Fuchs, man benutzte diesen Ausdruck allerdings auch in der Umgangssprache, um auszudrücken, dass man jemanden reingelegt oder überlistet hatte, oder um deutlich zu machen, dass man jemanden attraktiv fand. Und zusätzlich gab es da noch diesen Indianerstamm, der einmal irgendwo bei den fünf großen Seen gelebt hatte. Eustrak liebte es, aus Namen Schlüsse zu ziehen. Er dachte über den Nachnamen des Agenten nach. Mulder, fast gleichklingend mit moulder, also Schatten oder Form. Schatten, kaum sichtbar, aber immer da, alles erfassend... Im Kopf definierte er Mulders Namen neu: Schlauer Schatten. Und die Partnerin? Diese Dana Scully? Er begann, verwandte Worte zu suchen. Dana klang ähnlich wie der Name eines philippinischen Kampfsports, Scully wie eines der unzähligen amerikanischen Begriffe für stark. Starke Kämpferin, assoziierte Eustrak. Er ahnte, dass er mit den Namensbedeutungen gleich wichtige Charakterzüge der Beiden erfasst hatte. "Sie wollen also Informationen über Doug Spear?", fragte er langsam. Mulder nickte. "So ist es. Wir brauchen Unterlagen über seine Arbeit der vergangenen Jahre, insbesondere der Arbeit bei Biogenetics in diesem Jahr." "Und wofür, wenn ich fragen darf?" Mulder lächelte. "Reine Routine, Mr. Eustrak. Die Staatsanwaltschaft verlangt Hintergrundinformationen über den Angeklagten." "Angeklagt? Spear? Wegen was?" Mulder zog eine Mappe aus seinem Aktenkoffer, blätterte darin, bis er die entsprechende Seite gefunden zu haben schien. "Mord an Dr. Kirochima Pacal, Archäologin, ebenfalls an Ivan Frederikson, ehemals Angestellter bei Biogenetics, Diebstahl mehrerer Wertgegenstände, mehrmalige Anstiftung zum Mord, Beamtenbeleidigung, Tätlichkeit in vier Fällen..." Mulder hob den Blick. "Ich könnte Ihnen noch einiges mehr nennen, Mr. Eustrak. Aber ich denke, als grober Überblick sollte das genügen." Der Inhaber der GenSys schlug die Beine übereinander. "Sieh an, sieh an. Und wissen Sie auch, was ich hier drin stehen habe?" Er tippte auf eine Mappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. "Nein, was?" "Sämtliche Unterlagen über Mindanao, Agent Mulder, der Ort, wo wir auf Geheiß - was sage ich - auf eindeutigen Befehl der philippinischen Regierung einen Krankheitsüberträger ausmerzen sollten. Die Papiere, auf die diese Operation beruht, sind allesamt vom amtierenden Präsidenten unterzeichnet worden. Ich weiß sehr wohl, dass Sie auch auf Mindanao waren, und wenn Sie es wagen sollten, Doug Spear anzuklagen, dann schleppe ich Sie wegen Mordes an zwölf Männern meines Teams vor Gericht! Haben wir uns verstanden?" Eustrak erhob sich und deutete auf die Tür. "Dürfte ich Sie nun bitten, zu gehen? Ich bezweifle, dass es noch irgend etwas zu besprechen gibt." Mulder starrte zu ihm hinauf, und einen Moment lang schien es so, als wolle sein Temperament wieder mit ihm durchgehen. Er verspürte den dringenden Wunsch, Eustrak einer Herde von Dilophosauriern zum Fraß vorzuwerfen, und am Liebsten hätte er das auch gesagt. Scullys Blick bewahrte ihn davor. Er wusste nicht, ob er froh darüber sein sollte. Widerwillig stand er auf, strich seinen Anzug glatt und griff nach seinem Mantel. An der Tür angekommen, schickte er dem Firmenbesitzer einen letzten warnenden Blick. "Ich kriege Sie noch, Eustrak!", zischte er, bevor er, gefolgt von Scully, aus dem Haus rauschte. "Fox!" Sie versuchte ihn einzuholen, als er das Grundstück verließ und über die Straße zu ihrem Wagen ging. Sie packte ihn am Ärmel seines Mantels und zwang ihn, sich zu ihr umzudrehen. Der Blick, der ihr begegnete, war ihr nur allzu vertraut. "Heute Nacht wird GenSys unverhofften Besuch erhalten!" "Fox, ich bitte dich! Tu nichts, was du später bereust!", sagte sie eindringlich. Er schüttelte unwirsch den Kopf. "Es muss sein! Eustrak ist schuldbeladen! Ich habe seine Akten durchgesehen! Er kann mir gar nichts, Dana! Und wenn ich erst einmal die Beweise für Spears zwielichtige Geschäfte habe, kann er einpacken! Er wird für das bluten, was da auf Mindanao passiert ist!" Er riss die Tür des Mietwagens auf und ließ sich auf den Sitz fallen. Scully umrundete den Wagen und stieg ebenfalls ein. Während sie die Beifahrertür zuschlug, konnte sie einen kurzen Blick auf Eustraks Haus erhaschen. Sie sah eine Gestalt hinter den Vorhängen, und sie wusste, dass es der Firmenbesitzer war. "Er ist ein einflussreicher Mann, Fox", sagte sie, als sie sich wieder ihm zuwandte. "Du solltest ihn nicht unterschätzen..." Ich tue es jedenfalls nicht, dachte sie. "Er sollte allerdings auch mich nicht unterschätzen", erwiderte er grimmig. "Und ich habe das Gefühl, dass genau das der Fall ist!"
Nach dreimaligem Freizeichen hob Keutel endlich ab. "Was gibt es?", murrte er. "Ich habe einen Auftrag für dich, Gerhart", raunte Eustrak. "Ach ja?" "Ja. Die beiden vom FBI waren gerade hier. Und für meinen Geschmack wissen sie zu viel. Verstehst du, was ich meine?" "Durchaus." Eustrak zog einen Teil der Gardinen zur Seite und starrte durch das Fenster nach draußen. Der Alfa fuhr langsam die schmale Straße hinunter und bog dann rechts ab. "Sie werden nach Beweisen suchen, notfalls auch auf illegalen Wegen", sagte er langsam. "Verbrennt Spears Büro und das Aktenlager. Noch heute Nacht." "Aber..." "Nichts aber." Eustrak zog eine Davidoff aus dem Zigarettenpäckchen auf dem Wohnzimmertisch. "Heute Abend, Gerhart. Lasst es wie einen Unfall aussehen..."
Der Strahl der Taschenlampe huschte unruhig über das Eingangsportal der GenSys. Mulder fand schließlich den kleinen Kasten, zog die Karte aus seinem Mantel und jagte sie durch den Schlitz. Das Lämpchen blinkte auf, die Tür öffnete sich. "Wo hast du das her?", zischte Scully neben ihm, die verstohlen umherblickte. Auf der nahegelegenen Bundesstraße war so gut wie kein Verkehr, und die Wohnhäuser auf der gegenüberliegenden Seite waren zu weit entfernt, als dass man sie von dort aus sehen könnte. Lediglich ein Reiterhof lag etwa zweihundert Meter von ihnen entfernt, nur als schwarzer Schatten erkennbar, der sich in den Nachthimmel erhob. Ein paar Pferde grasten auf den Koppeln, manchmal drang ein leises Wiehern zu dem Gebäudekomplex auf der anderen Straßenseite hinüber. Alles war ruhig, kein Mensch weit und breit. Dennoch fühlte sich Scully aus einem unerklärbaren Grund beobachtet. "Beziehungen", nuschelte er, während er ihr die Tür aufhielt und hinter ihr ins Innere des Gebäudes schlüpfte. Die Empfangshalle sah bei Nacht auch nicht anders aus als bei Tag. Genauso kahl und genauso steril. Sie eilten durch den hohen Raum, die Absätze ihrer Schuhe klapperten über glänzenden Marmor. "Weißt du, wo Spears Büro ist?" Er nickte. "Gleich hier unten, Nummer 21." "Hast du diese Information von dem gleichen Kerl, von dem du auch die Karte stibitzt hast?", fragte sie. "Ja." Am Ende des Korridors blieb er stehen. "21, hier ist es." Er stieß die Tür auf und trat in den Raum. Es war ein erstaunlich großes Büro, vollgestopft mit Aktenschränken. Mulder zog den Sessel vor den Schreibtisch, setzte sich und schaltete den Computer ein. Während Scully die Aktenschränke durchwühlte, sah er Spears private Dateien ein. Leise murmelte er vor sich hin, während er die Dokumente auf Disketten speicherte: "Neues Pharmazeutika, Erprobung erfolgt an Coelurus in Pikit, genetische Untersuchung von Paläo-DNS, geplantes Kloning ausgestorbener Spezies und Verwendung dieser Tiere zu Versuchszwecken..." Mulder hielt inne und schüttelte den Kopf. "Was ein widerlicher Schweinehund!", murmelte er.
Im benachbarten Aktenlager hielt Keutel sein Feuerzeug unter den mit Benzin getränkten Stapel unbeschriebenen Papiers...
Mulder zog die letzte Diskette aus dem Laufwerk und ließ sie in seiner Manteltasche verschwinden...
Die Flammen fraßen sich durch den Papierstapel, griffen auf die benachbarte, offene Aktenschublade über. Der Feueralarm ging los...
Scully riss den Kopf hoch, als das Licht über ihr rot zu blinken begann. Das durchdringende Heulen des Alarms jagte ihr einen eisigen Schauer über den Rücken. "Fox!" Mulder war bereits aufgesprungen. "Los, verschwinden wir!" Er packte ihren Arm und zog sie durch die Tür nach draußen. Sie prallten beinahe mit einem Mann zusammen, der durch die Tür in das Büro hineinstürmen wollte. Er trug einen Benzinkanister in der rechten Hand und starrte die beiden Agenten verdattert an. Doch seine Überraschung wich fast augenblicklich einem eisigen Blick. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck holte er aus. Scully kniff die Augen zusammen, als Benzin in ihr Gesicht spritzte. Als sie sie wieder öffnete, rannte der Mann bereits davon. Das restliche Benzin hatte er über dem Gang verteilt. "Hey, bleiben Sie stehen!" Mulder war bereits hinter ihm her. Der Mann zögerte kurz. Scully sah, wie ein Streichholz im Dunkel aufblitzte. Fast gleichzeitig stürzte sie los. "Fox!" Eine wahre Flammenwand stob empor, kaum dass das brennende Streichholz zu Boden gefallen war. Mulder riss schützend den Arm hoch. Das Feuer breitete sich mit unglaublicher Geschwindigkeit aus und umschloss die beiden Agenten nun vollständig. Und es kam immer näher an sie heran. Mulder schlüpfte aus seinem Mantel und warf ihn fort. Das Kleidungsstück war wie ein halbes Kilo TNT, denn der Fremde hatte es ja buchstäblich in Benzin getränkt. Scully tat es Mulder gleich. Er packte sie und rannte los, die Flammenwand durchbrechend. Seine Hose fing dabei Feuer, doch erst auf der anderen Seite der Flammenwand wagte er, stehen zu bleiben und die brennende Hose mit der hohlen Hand zu löschen. Dabei schüttelte ihn ein heftiger Hustanfall. Scully neben ihm hatte bereits ihre Waffe gezogen. Sie zielte auf den Fremden, der nun schon fast das Eingangstor erreicht hatte. "Bleiben Sie endlich stehen, Mister!" Es geschah innerhalb von Sekundenbruchteilen. Mulder hob den Blick, sah nur kurz die Waffe in der Dunkelheit aufblitzen. Noch bevor der Knall des Schusses erscholl, warf er sich nach vorn - und sank getroffen zu Boden, die Hand auf die Schulter gepresst, wo die Kugel saß, die Scully gegolten hatte. Dennoch schaffte er es, seine Pistole auf den Flüchtenden zu richten und zu schießen. Der Mann schrie kurz auf, bevor das rechte Bein unter ihm nachgab. Mulder lag schwer atmend auf dem Boden, die Hand noch immer auf die Wunde gepresst, aus der beständig Blut floss. Ihm wurde schwarz vor Augen. Das Letzte, was er wahrnahm, war Scullys entsetztes Gesicht, als sie sich über ihn beugte, ihre Stimme, die seinen Namen rief. Dann verlor er das Bewusstsein...
"Sie können jetzt zu ihm." Scully öffnete leise die Tür zu Mulders Krankenzimmer und trat ein. Er lag scheinbar schlafend im Bett. Vor wenigen Minuten hatten sie ihm erst die Schläuche abgenommen. Mulder war statt mit reinem Sauerstoff unter Überdruck mit dem Blutersatzstoff Perfluberon beatmet worden, der über einen Schlauch direkt in die Lunge gepumpt wurde. Die Chemikalie konnte große Gasmengen binden, sie führte dem Körper konzentrierten Sauerstoff zu und entsorgte Kohlendioxid. Anders als bei konventioneller Beatmung spülte Perfluberon Schleim und Wasser aus den Lungenbläschen und verhinderte deren Kollaps. Die Beatmungstechnik eignete sich bei Lungenentzündung, Lungenschaden durch Rauchgas und der Wiederbelebung Ertrunkener. Mulders Lunge hatte sehr unter der starken Rauchentwicklung im Inneren des GenSys-Gebäudes gelitten, aus diesem Grund hatte man das Perfluberon den anderen Behandlungsmethoden vorgezogen. Scully setzte sich auf seine Bettkante und blickte auf ihn hinab. "Wie geht es dir?" Er öffnete die Augen. "Als wäre ich von einem Bus überfahren worden", ulkte er und lächelte matt. Sie beugte sich zu ihm und küsste seine Stirn. "Du hast mir schon wieder das Leben gerettet...", sagte sie. "Ich weiß." Diesmal gelang ihm ein Grinsen. "Sobald du entlassen wirst, sollen wir nach Washington zurückkehren", sagte sie. "Skinner platzt jetzt schon." Sie seufzte leise. "Und wir haben mal wieder keine Beweise. Das Feuer hat ganze Arbeit geleistet, denn unsere Mäntel sind ja zur Gänze verbrannt..." Er grinste noch immer. "Mach mal die Schublade dort auf." Er nickte auf sein Nachtschränkchen. Sie runzelte die Stirn, tat aber, wie ihr befohlen. Sie zog die Lade auf, spähte hinein - und begann zu lachen. "Ich glaube das einfach nicht!", rief sie fröhlich aus. Mulder nickte zufrieden. "Tja, ich habe doch gesagt, dass mich Eustrak nicht unterschätzen sollte!" Scully schmunzelte. "Oh ja, dass hätte er besser nicht tun sollen..." Sie schwiegen. In der Schublade lagen drei Disketten mit der Aufschrift Eustraks Ende...
"Dr. Quinn, Ihre wiederaufgegriffene und neu bearbeitete Theorie der Doctrina Lacuna hat weltweit für Aufsehen gesorgt und neue Perspektiven geschaffen. Die Hoffnung auf revolutionäre Funde ist von Neuem erwacht. Eine neue Blütezeit der Paläontologie und Archäologie scheint uns bevor zu stehen. Was glauben Sie, wird es bahnbrechende neue Funde geben, die unser bisheriges Weltbild völlig auseinander werfen könnten?" Der Reporter der "Geology" blickte den jungen Wissenschaftler auffordernd an. Dr. Jonathan Quinn war ein beliebtes Thema in Wissenschaftskreisen, seitdem er die Vorlesung in der Universität gehalten hatte. Es gab viele, die ihm zustimmten, und viele, die seinen Ansichten gegenüber skeptisch blieben. Aber Interesse an ihm zeigten alle. Und das bereits über Maine hinaus. Der Startschuss seiner Karriere als Paläontologe war gefallen. Von nun an konnte es nur noch besser werden. Jonas ließ sich einige Sekunden Zeit. Er spürte die Spannung im Raum und die aufmerksamen Augenpaare, die auf ihn gerichtet waren und auf seine Antwort warteten. Sogar ein Fernsehteam war da. Der Rummel um seine Person war noch ungewohnt, vielleicht empfand er es auch nur so, weil er sich als einer der Jüngsten unter der großen Masse von Wissenschaftlern bewegte, als einer, der nicht lang um seinen Titel hatte kämpfen müssen. Bisher war ihm alles leichtgefallen, also würde er auch die neue Situation meistern können. Er strich sich eine blonde Haarsträhne zurück, die ihm soeben in die Stirn gefallen war, und nickte dann. "Ja, Mister Braney, das glaube ich." Er musste kurz lächeln, als die Bilder Akungas an ihm vorüberstrichen. "Es werden ständig Funde gemacht, ob sie wichtig und revolutionär sind, entscheidet der Zeitgeist. Das, was uns heute noch als nebensächlich erscheint, könnte schon morgen unser Leben verändern. Wissen Sie, es ist wie mit der Mode. Was gefragt ist, das wird angeboten, das andere muss dafür in den Hintergrund treten, auch wenn Designer neue Variationen dafür erfinden. Ob etwas wichtig ist, ist nicht die Entscheidung eines Einzelnen, sondern die der Masse."
Skinner runzelte die Stirn und blickte sein Gegenüber über den Rand seiner Brillengläser hinweg forschend an. Fox Mulder saß entspannt auf seinem Stuhl, der Verband um seine Schulter war unter dem dunklen Anzug nur noch zu erahnen. Der Agent hatte sich rasch erholt - schließlich war es nicht das erste Mal gewesen, dass man ihn angeschossen hatte. Insgeheim, so dachte er, hatte er seine wahrlich schnelle Genesung wohl Scullys liebevoller Fürsorge zu verdanken. Sie war wirklich kaum von seiner Seite gewichen. Er schenkte ihr einen kurzen warmen Blick, während Skinner las. Jesus, er liebte sie, mehr als er jemals zu Lieben geglaubt hatte... Der Assistent Director räusperte sich. "Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, dass dieser Bericht hier von Ihnen stammt?" Er tippte auf den mit einem orangefarbenen Etikett versehenen Schnellhefter vor sich. Mulder blickte seinem Vorgesetzten direkt und ohne mit der Wimper zu zucken in die Augen, während Scully rasch zu Boden sah, um ihr Schmunzeln vor dem Assistent Director zu verbergen. "Ja, Sir. Wieso fragen Sie?" "Das hier ist nicht Ihr Stil..." Skinner setzte seine Brille zurecht. "Ich bin von Ihnen alles andere als das hier gewöhnt, Agent Mulder, waghalsige, unorthodoxe Theorien über Außerirdische, Vampire, Verschwörungen, Monster..." Er schüttelte seufzend den Kopf. "Aber so etwas habe ich noch nie von Ihnen gesehen." "Was ist falsch daran?", fragte Mulder unschuldig. Der Assistent Director blinzelte kurz. "Gar nichts, Mulder, rein gar nichts... - Wäre dieser Bericht von Agent Scully geschrieben worden, hätte es mich gar nicht gewundert, aber bei Ihnen..." Er deutete auf einen der Absätze. "Das hier zum Beispiel: Dass der Mord an den drei Jugendlichen in Jakarta / Indonesien, der scheinbar unter mysteriösen Begleitumständen von Statten gegangen ist, kann ich nicht bestätigen. Den Aussagen des einzigen Augenzeugen zufolge handelte es sich bei dem Angreifer um einen großen Waran oder ein ostasiatisches Reptil, das bisher noch nicht katalogisiert worden ist, da es erst jetzt durch die vermehrte Abholzung des Regenwaldes in Stadtnähe getrieben worden sein könnte. Den Verdacht einiger Anwesenden auf prähistorische Ungeheuer teile ich nicht. Auch die Möglichkeit, dass derartige Wesen überlebt haben könnten, schließe ich auf Grund unzähliger Wissenschaftler Fakten aus... - Mulder, das ist der Bericht eines Skeptikers, und als solcher gelten Sie ja nicht gerade..." Der Agent lächelte Skinner freundlich an. "Ich kann Ihnen versichern, Sir, skeptisch war ich keineswegs. Aber wenn nichts Ungewöhnliches an der Sache dran ist, kann ich so tief bohren, wie ich will, ich werde nichts finden..." Scully neben ihm nickte bedächtig. Sein Vorgesetzter seufzte ergeben, auch wenn sein Misstrauen blieb. "Wohl wahr, Agent Mulder", sagte er, und legte den Schnellhefter ad acta...
"Ich habe gehört, dass Sie gerade eine Expedition nach Mindanao, einer der größten Inseln der Philippinen hinter, sich haben", fuhr der Reporter fort. "Dabei begleiteten Sie die Paläontologen Dr. Kirochima Pacal und Dr. Benjamin Grahm. Ebenfalls zwei FBI-Agenten, und zwar die Special Agents Fox Mulder und Dana Scully, zuständig für die sogenannten X-Akten. Unterbrechen Sie mich, falls ich etwas Falsches sage..." "Nein, bisher ist alles richtig." "Aus verschiedenen Quellen habe ich erfahren, dass Sie auf der Suche nach einem Tier waren, das für viele mysteriöse Todesfälle auf der Inselwelt Ostasiens verantwortlich ist, beispielsweise der schrecklichen Tragöde in Jakarta, wo drei Jungen durch den Angriff unbekannter Wesen in den Tod gerissen wurden. Meine Frage an Sie: Haben Sie das Tier gefunden?" Jonas lächelte kulant. "Soweit ich weiß, waren an diesen Unfällen zu neunzig Prozent Warane Schuld. Eine eigentlich recht seltene Art, die durch die Abholzung des Regenwaldes ihren Schutz mehr und mehr verliert und sich auf die Suche nach neuem Lebensraum machen muss..."
Zurück in ihrem Büro zog Mulder einen dicken Schnellhefter zwischen einigen Büchern hervor, klebte ein blaues Etikett an den Rand, auf das er mit akribischen Buchstaben No. 162, Akunga geschrieben hatte, und stempelte das erste Blatt ab, nachdem er seinen zweiten Bericht - den wahren - unterzeichnet hatte.> "Das hier ist einfach noch nichts für diese Welt", sagte er. "Obwohl dieser Fall mehr als faszinierend ist. Wenn ich mir überlege, dass..." Scully nahm ihm lächelnd den Ordner aus der Hand, den er bereits wieder aufgeschlagen hatte, und klappte ihn rasch wieder zu. "Lass die Sache doch ganz einfach auf sich beruhen", sagte sie. "Vergiss einfach alles, was wir gesehen haben. Es ist nie geschehen." "Aber bedenke doch bloß diese Möglichkeit! Die Tatsache, dass nach wie vor prähistorische Spezies auf diesem Planeten leben, belegt doch, dass..." Sie stemmte die Hände in die Hüften. "Wie, zum Teufel, kann man dich bloß zum Schweigen bringen?" Mulder grinste. "Gar nicht." Er legte den Kopf schief und holte merklich Luft, um mit seiner Rede fort zu fahren, doch bevor er auch nur einen Laut herausbringen konnte, hatte Scully ihn schon an sich gezogen. "Du forderst es heraus! Wenn du also nicht aus freien Stücken schweigst, werde ich dich dazu zwingen müssen!", schmunzelte sie, bevor sie ihn küsste. Er lachte, umschloss sie mit beiden Armen, hielt sie fest, so als hätte er Angst, sie könne sich von ihm lösen. Er beugte sich zu ihr hinab, erwiderte den Kuss, und Scully nutzte die Gelegenheit, den Ordner, den sie noch immer in der Hand hielt, in die unterste Lade von Mulders Aktenschrank gleiten zu lassen, die halb offen stand - die Lade der X-Akten...
Braney schlug die Beine übereinander und blickte seinen Gegenüber interessiert an. "Sie wollen damit sagen, dass Rodungen Tierangriffe zur Folge haben?" "Das habe ich nicht wortwörtlich gesagt, doch eine Rolle spielt es schon. In den Urwäldern dieser Erde leben unzählige Tiere, die wir kaum oder gar nicht kennen, Tiere, die auf das Ökosystem Regenwald angewiesen sind. Wenn wir ihren Lebensraum zerstören, werden diese Tiere nach und nach aussterben, wenn sie sich nicht anpassen können. Zur Anpassung gehört auch eine Umstellung der Nahrung. Da kann es schon einmal passieren, dass Raubtiere Menschen anfallen. Besonders große Reptilien wie Warane, ich möchte da bloß an den Komodo-Waran erinnern, der in Indonesien sehr gefürchtet ist." "Ist somit der Schutz des Regenwaldes auch gleichzeitig ein Schutz für uns?" "Auf jeden Fall. Und dafür brauche ich nicht nur dieses eben angesprochene Argument anzubringen. Es gibt noch weitaus mehr, so zum Beispiel die Auswirkungen auf das Klima, die wir ja teilweise schon zu spüren bekommen haben. Der umfangreiche Schutz der Fauna und Flora der Erde, vor Allem die des großen Lebensraumes Regenwald, kann dem Menschen nicht schaden, im Gegenteil, er kann ihm nur nützen und seinen Fortbestand sichern. Und irgendwann wird das jeder verstehen." "Ein wahres Wort, Dr. Quinn, erlauben Sie mir dennoch folgende Frage: Wenn es sich, wie Sie eben sagten, bloß um eine neue Waranart handelte, die für mehrere Todesfälle verantwortlich war, wieso haben Sie dann Leute vom FBI auf Ihrer Expedition begleitet, noch dazu genau diese Leute. Ich meine, hier weiß jeder, was es mit den X-Akten auf sich hat..." "Das bezweifle ich, aber das ist hier eigentlich auch gar nicht von Bedeutung. Agent Mulder ist lediglich ein guter Bekannter von mir und hat mich aus diesen Gründen begleitet." "Sie kennen also auch den Ruf, der diesem Mann vorauseilt?" "Sehr gut sogar", bestätigte Jonas lächelnd. "Und mir ist ein - wie ich zugeben muss - recht ähnlicher zuteil geworden, seit meiner Vorlesung." Der Reporter nickte zögernd und mit deutlichem Widerwillen. "Danke für dieses Interview, Dr. Quinn."
Das Büro war abgeschlossen, der Schlüssel steckte im Schloss. Scully hatte ihn gleich zwei Mal umgedreht. Sie drehte sich zu ihm um, ihr Blick war klar und entschlossen. "Komm zu mir, Fox", bat sie leise. Er trat an sie heran. Er schwieg, doch gleichzeitig sagte er so viel. Seine Augen, seine Mimik, seine Gesten. Sie fasste nach seinem Kopf, lehnte ihre Stirn an seine, blickte ihn an, bevor sie ihn küsste. Seine Hände umfassten ihre Taille, so entschlossen und doch so sanft. Er liebkoste ihren Hals, während seine Hände die Knöpfe ihrer Bluse öffneten. Sie ließ ihn gewähren, legte den Kopf zurück, während sie sich an die Wand lehnte, seine Hände auf ihrer Haut fühlend, seine Küsse, so heiß wie Feuer, auf ihrem Gesicht, ihrem Hals, ihren Schultern. Sie löste seine Krawatte, öffnete sein Hemd und ließ es locker über seine Schultern zu Boden gleiten. Ihre Hände strichen über seinen Oberkörper, kreisten über seinen Bauch, bis ihre Finger seinen Gürtel erreichten und diesen lösten. Seine Hände berührten ihre Arme, als sie sich am Knopf seiner Hose zu schaffen machte. Forschend blickte er sie an. "Willst du das wirklich?" Sie bewegte ihren Kopf nicht, lediglich ihr Blick wanderte zu ihm hinauf. Dann nickte sie. "Ja, Fox, ich will es." Sie fasste nach seiner Hand. "Verführ' mich", flüsterte sie. "Bitte." Mit einer kurzen Handbewegung fegte er etliche Papierstöße von seinem Schreibtisch. Sie wirbelten um sie herum wie Blätter im Herbstwind, flogen raschelnd auf den Boden. Akten, Briefe, Broschüren, Ausgaben der National Geographic und der Sience bildeten einen bunten Teppich auf dem Boden, doch es war ihm egal. Er nahm es nicht einmal richtig war, denn sie lag bereits in seinen Armen, dicht an ihn gepresst, den Kopf erhoben, der Blick erwartungsvoll. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie mit all seiner Liebe, die er in sich verspürte. Selbst wenn die Tür aufgeflogen und Skinner in den Raum gerauscht wäre, Mulder hätte ihn ignoriert. Er ließ seine Gefühle die Oberhand über seinen Körper übernehmen, ließ sich von ihnen leiten, sämtliche Bewegungen ausführen. Er versank in ihren Küssen, ihren Augen, ihrer Liebe. Die Zeit schien still zu stehen, wie eine große Uhr, die aufhörte zu ticken. Und dafür waren keine außerirdischen Kräfte nötig, keine Störungen im irdischen Magnetfeld, nur einzig und allein die Kraft der Liebe...
Der Reporter streckte seine Hand aus und Jonas drückte sie herzlich. Die Fernsehleute packten ihre Geräte zusammen und verließen nach und nach den Raum, ebenfalls die Studenten, die dem Interview beigewohnt hatten. Braney beugte sich zu dem jungen Wissenschaftler, als er sicher sein konnte, dass niemand zuhörte. "Mal unter uns, Dr. Quinn, Sie haben doch etwas verschwiegen, oder etwa nicht?" "Im Leben muss man vieles verschweigen", antwortete Jonas lächelnd. "Vor Allem dann, wenn die Menschheit noch nicht reif für das ist, was man weiß. Fragen Sie Agent Mulder. Er kann Ihnen das aus eigener Erfahrung bestätigen." Er griff nach seiner Jacke und stand auf. "Sie haben etwas gefunden, nicht wahr?" Der Reporter ließ so schnell nicht locker - wie keiner seiner Sorte. "Vielleicht wird sich der Zeitgeist irgendwann wandeln, Mister Braney. Wer weiß, eventuell kann ich Ihnen dann mehr dazu sagen." Bei diesen Worten zwinkerte ihm der junge Wissenschaftler zu und verließ anschließend den Raum. O ja, reif war die Menschheit noch lange nicht, auch wenn sie schon Jahrtausende auf dieser Erde weilte. Und es fiel Jonas schwer sich vorzustellen, dass sie es jemals sein würde. Aber vielleicht, so hoffte er, irrte er sich, so, wie sich viele Wissenschaftler gelegentlich irren...
Ende
Anmerkung der Archivarin: Liebe Kitty, bitte sei mir nicht böse, daß ich aus Deinem Vorwort ein Nachwort gemacht habe, aber ich finde an diese Stelle paßt es einfach besser. Mein Dank richtet sich an alles und jeden, der mir geholfen hat, diese FanFic zu schreiben - oder besser "schreiben zu lassen". Ich weiß, dass ich darin eine Menge Zeit, Begleitmaterial und auch Druckerschwärze investiert habe, und ich weiß auch sehr wohl, dass ich die eine oder andere Hausaufgabe verschoben habe, nur um einen Ideenfluss, der gerade mal tätig war, ausleben zu können. Aber dafür hat mir das Schreiben sehr viel Spaß gemacht - und manchmal kam es mir beinahe so vor, als würde ich die Ereignisse in der Story am eigenen Leib miterleben. Ich ertappte mich beim Schreiben sehr oft dabei, dass ich ein erschrockenes Gesicht machte, wenn es auch die Hauptpersonen in dieser Fic machen, oder dass ich richtig zappelig wurde, wenn ich mich daran machte, die vielen Szenen mit den Raubechsen abzutippen. Besonderen Spaß hat es mir gemacht, verschiedene Bücher zu wälzen - Atlanten, Bildbände, Lexika -, bloß um die Geschehnisse und vor allem auch die situative Umgebung bildhaft und realistisch darstellen zu können. Ich weiß noch recht genau, wie ich dem wunderbaren Buch "Die Wunder der Erde" aus dem Kaiser-Verlag auf den eindrucksvoll bebilderten Bericht über die Tasaday stieß, einem kleinen Menschenvolk, das nach wie vor lebt, wie wir vor knapp 5.000 Jahren gelebt haben - wie in der Steinzeit. Der Artikel faszinierte mich, und ich wollte eine Geschichte schreiben, in der ein ähnliches Volk eine Rolle spielen sollte. Als Hauptschauplatz wählte ich - den Tasaday zu Ehren - deren Heimat, die Insel Mindanao inmitten des Pazifik. Mein großes Interesse für Archäo- und Paläontologie bewegte mich dazu, genau diese Insel zu einer sprichwörtlichen "Vergessenen Welt" zu machen, wobei ich mich - mit Verlaub - auch sehr stark an das gleichnamige Buch hielt. Die Idee, dass urzeitliche Giganten hier irgendwo auf Erden überlebt haben könnten, irgendwo im tiefsten, undurchdringlichen Dschungel, fernab der Zivilisation, begeisterte mich von Anfang an. Und so kam es dazu, dass ich Mindanao zum Schambala des Pazifiks machte, zu einem Ort, an dem sich das Leben mehrerer Jahrmillionen repräsentieren sollte - in trauter Gemeinsamkeit. Natürlich bildete all das erst einmal ein grobes Skelett der Story. Wichtige Fragen blieben offen: Wie sollte die Menschheit auf die Überbleibsel vergangener Zeit aufmerksam gemacht werden? Aus welchen Beweggründen würde eine Expedition nach Mindanao reisen? Und sollte die Öffentlichkeit von dem wahrlich alten Geheimnis der größten Insel der Philippinen erfahren? Wieder waren es meine Interessen und Neigungen, die das sich vervollkommnende Bild bestimmten. Meine Vorliebe für die US-Kultserie "The X-Files" bewegte mich dazu, der Story einen mystischen Touch zu verleihen - und mir gleichzeitig die beiden Hauptdarrsteller der Serie "auszuborgen", um sie zu einem der vielen Dreh- und Angelpunkte der Story zu machen. Durch einen ungewöhnlichen Mord sollten sie Schritt für Schritt auf die Urtiere aufmerksam gemacht werden, unterstützt von unzähligen anderen Personen, die sich an der großen cherche beteiligen. Am Anfang jagen sie scheinbar noch Phantomen hinterher, doch diese verwandeln sich sehr bald in Wesen aus Fleisch und Blut, in Wesen, deren fortwährende Existenz als unmöglich erscheint. Aber warum, so frage ich, ist die Annahme, dass Vertreter als ausgestorben geltender Tierspezies bis zum heutigen Tage überlebt haben, in den Augen vieler Menschen so abwegig? Hat uns die Entdeckung des Quastenflossers nicht gezeigt, dass das Überleben möglich ist? Kryptozoologen streiten bis heute darüber, ob das Megalodon in den Tiefen des Pazifik - höchstwahrscheinlich im Mariannen-Graben - noch sein Unwesen treiben könnte (uund wozu ich gerade eine Story verfasse, *grinsi*). Es gibt keine Beweise dafür - aber auch keine dagegen. Und wer das nicht so recht glauben will, der sollte Steve Altons "Meg" lesen, ein Horror-Thriller, der - angesichts der vielen "wiederentdeckten" Tierarten - gar nicht so unrealistisch wirkt - eher beängstigend. Denn was ist der "Weiße Hai" schon gegen ein über zwanzig Meter langes Ungetüm, dessen unbändige Kraft ganze Schiffe zu zerstören im Stande ist? Oder was ist mit den Legenden über Seeschlangen und Riesenkraken? Aber dazu habe ich hier in dieser Fic ja genügend Material und Argumente aufgeführt, die auf Tatsachenberichten beruhen. Einige Abschnitte der Geschichte basieren auch auf Anregungen einer "Eingeweihten", so zum Beispiel die unheimlichen Ghouls, Dämonen aus den weitverbreiteten John Sinclair-Romanen, die ich bis dato noch nicht kannte. Demnach musste ich mich in Bezug auf Ghouls von "Experten" aufklären lassen (an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Karin und Susan). Das Erscheinungsbild der "enttarnten" Monster entspringt jedoch meiner Phantasie, denn von John Sinclair habe ich im Nachhinein nur ein Buch gelesenen - und das hatte mehr mit schottischen Geister-Geschichten zu tun, als mit mutierenden Aasfressern. Der Kinohit "Jurassic Park" brachte mich auf die Idee, die giftspuckenden Dilophosaurier zu einem wichtigen Aspekt in dieser Story werden zu lassen, zu einer Feindpartei. Die andere besteht aus einer Gruppe von Söldnern, angeführt von einen skrupellosen Biogenetiker - trendmäßig sehr modern, noch dazu äußerst effektiv. Die Sprache Akungas ist frei erfunden. Ich habe mich lediglich um einen weich klingenden Dialekt bemüht, der in Südostasien so typisch ist. Die spanischen Elemente in der Szene, in der Jonathan den überlebenden Jungen über die Geschehnisse des Morgens befragt, können grammatikalische Fehler aufweisen. Meine Spanischkenntnisse sind nur dürftig, und das, was ich verwendet habe, habe ich mit Hilfe eines Schulbuches erarbeitet. Sollte einer von euch ein Spanischass sein, würde ich mich sehr über eine - wenn nötige - Korrektur dieses Experten freuen. Das Volk der Uruks bezieht sich auf eine der ältesten Städte der Menschheit, die Hauptstadt des babylonischen Reiches, dessen König unter anderem der berühmte Gilgamesch war. Beim Studieren des aus knapp 3600 Versen bestehenden Gilgamesch-Epos, das die Suche nach dem ewigen Leben beschreibt (na, klingelt da was? *lol*), stieß ich mehrere Male auf diese Stadt - und einmal im Zusammenhang mit einer Kreuzung von Tiermensch (der sich wie ein Überlebender der frühen Steinzeit benahm) und Gottheit. Nebenher sei anzumerken, dass das Gilgamesch-Epos parallel zum biblischen Genesis verläuft, auf das ich mich ebenfalls kurz (und sehr abgeändert - oder besser: ausgeschmückt und ergänzt) beziehe. Medizinisches Know-How habe ich mir ebenfalls meist aus Büchern und wissenschaftlichen Zeitschriften geholt. Anmerken möchte ich hierbei, dass der Blutersatzstoff Perfluberon meines Wissens nach bisher nur in den USA eingesetzt wird - und selbst das nur vereinzelt. Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass meine Behauptung, dass die Nautilus ursprünglich ein deutsches Fabrikat gewesen sei, sich auf reine Spekulationen bezieht, für die es derzeit noch keine Beweise gibt. Diesbezüglich fällt mir nur eines ein: Die Wahrheit ist irgendwo da draußen...
Bibliographie:
Benton, Michael, Dinosaurier von A-Z, ars edition, 1994 Brenner, Prof. Dr. Med. K. U., Gesundheit und Medizin heute, Bechtermünz Verlag, 1994 Fabbri (Hrsg.), Grande Enciclopedia Fabbri della Natura, Gruppo Editoriale Fabbri S.p.A. Milano, 1991 Fagan, Brain M, Abenteuer Archäologie, National Geographic Society, Bechtermünz Verlag, 1998 Gremo , Michael A. / Thompson, Richard I., Verbotene Archäologie - Sensationalle Funde verändern die Welt, Bechtermünz Verlag, 1997 Großer Atlas des Tierlebens, Isis Verlag, 1993 Kaiser (Hrsg.), Die Wunder der Erde - Ihr Ursprung und die Entstehung des Lebens, Neuer Kaiser Verlag - Buch und Welt, 1991 Norman, Dr. David, Dinosaurier, C. Bertelsmann Verlag GmbH, 1991 Washington, D.C., United Tel's Map-Guide, USA, 1998 Frankfurt City Map, Deutschland 1998 sowie diverse P.M.-Ausgaben vom Mai 1995 bis zum März 1999 Bildmaterial des Senkenberg Museums / Frankfurt a. Main Fachberatung bezügl. der Anatomie des Diploducus / Tyrannosaurus / Mosasaurus in demselben Bildmaterial zur (sub-)tropischen Anlage des Palmengartens in Frankfurt a. Main Bild- und Filmmaterial des Amazonas-Dschungels und der Philippinen, teilweise einer Privatsammlung entsammend BBC-Reportagen zum Mesozoikum, dem frühen Tertiär und Ausgrabungspraktiken diverse Dokumentationen moderner Maschinen- und Robotertechnik haufenweise Anschauungsmaterial (lebend, tot, versteinert, etc.) *gg*
Bemerkungen zu den (zumeist lateinischen) Kapitelüberschriften: Prolog: Neogenesis / "neo" = "neu" 1. Litus = Strand 2. Vetustas = Zahn der Zeit 3. Nex = gewaltsamer Tod 4. Doctrina Lacuna = "doctrina" hier: wissenschaftliche Lehre 5. Silento tegere = Geheimhaltung 6. Venator = Jäger 7. Auscultaere = lauschen; Lauscher 8. Malus planus = böser Plan 9. Adventus = Ankunft 10. Obviam itio = Begegnung 11. Ante oculos = vor Augen haben 12. Solus = Allein 13. Amnis = röm. Flussgott 14. Medicus = Medizinmann 15. Divinus = göttlich 16. Deducebarmus = entspricht "wir sind abgeführt worden" 17. Foedere iunctus = verbündet sein; sich verbünden mit 18. Kullab = angelehnt an Arnulf Zirtelmanns "Der Turmbau zu Kullab" 19. Uruk = siehe Vorwort 20. Jens = über die Entstehung dieses Wortes, das im Plural einen norddeutschen Namen ergibt, gibt es viele Geschichten. (Kitty dementiert Zusammenhänge mit ihrem nervigen Kumpel.) 21. Suavium = zärtliche Küsse (ich KONNTE es einfach nicht lassen!) 22. Coram mortes = im Angesicht des Todes 23. Contemptio = Verachtung 24. Iustitia = Gerechtigkeit 25. Persequitor = Vollstrecker 26. Shimoyama = so war der Name eines zerstreuten kleinen Mannes, der vergeblich im Schulforum auf seinen Sohn wartete... 27. In terrae = in der Fremde 28. Eustrak = in Anlehnung an Michael Chrichtons "Lost World" 29. Irrptio = Einbruch 30. Hanau = mein Geburtsort - leider hab' ich Mulder nicht in den Raum mit der gleichen Zimmernummer (42, ohne Witz) stecken können, *heul* 31. Convivae = dazu sage ich lieber nichts, sonst halten mich hier noch einige Leute für einen unverschämten Zyniker. ;))) Na ja, der Begriff ist hier seeeeeehr zweideutig. Und er hat was mit Möbeln zu tun...
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