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Mütter und Söhne

© by Aisling ()
 
Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Copyrights gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, materielle Vorteile durch sie zu erlangen.
Dank: An Birgitt.
Bunny: von Birgitt
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

 

'So ein Mist!'

Edgar betrachtete sich im Spiegel. Er hatte sich bei der Rasur nicht geschnitten. Nein, das nicht. Geduscht hatte er auch schon. Es gab jetzt einfach keinen Grund mehr, im Bad zu bleiben. Und das war der Grund für sein Fluchen.

Denn da draußen - wahrscheinlich in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt - wartete seine Mutter, Iris, auf ihn.

Es war ja nicht so, dass Edgar seine Mutter nicht mochte, ganz im Gegenteil. Aber er wusste genau, dass Iris ihn jetzt so lange bestürmen würde, bis er ihr alles erzählte.

Von seinen vergeblichen Versuchen, Chris als Sexpartner in sein Bett zu bekommen, bis zu seinen finanziellen Schwierigkeiten, die er im Moment hatte.

Dabei war der Hai, bei dem er sich das Geld für die Hebebühne geliehen hatte, das geringere Problem. Da er Helens Wohnung renovierte und sie ihm auch jeden Abend bezahlte, würde er bis zum fünfzehnten die nächste Rate inklusive Zinsen zusammen haben.

Doch dann war da noch die Sache mit dem roten Alfa.

Den würde er Marcos Onkel bezahlen müssen. Und wahrscheinlich noch einige Mark mehr, weil er den Auftrag versaut hatte. Edgar hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie er das Geld zusammenbekommen sollte.

Wieso hatte er sich auch einen Bullen in die Wohnung geholt?

Ein weiterer Blick in den Spiegel gab ihm die Antwort: Weil er verknallt genug war, um ihn nicht gleich rauszuschmeißen, als er es erfahren hatte. Weil er einfach gehofft hatte, dass Chris Schwenk, der Macho überhaupt, merken würde, was los war.

Nun, Chris hatte es gemerkt, doch sein Interesse für Helen war größer. Ob Chris wusste, dass er bei ihr schneller unter dem Pantoffel stehen würde als ihm lieb war?

Obwohl Edgar sich keiner Illusion hingab, brachte er es einfach nicht über sich, Chris vor die Tür zu setzen. Das Zusammenleben mit Chris war zu angenehm, um darauf zu verzichten.

Denn wenn sein Bulle auszog, dann würde es wieder einsam werden. Gut, er hatte Marco, aber mit dem konnte er eine heiße Nummer im Bett abziehen, aber an irgendwelche Gespräche war nicht zu denken.

Mit Chris war es da schon etwas anderes. Und deswegen hatte er, Edgar, sich jetzt so tief in die Scheiße geritten. Denn jetzt würden es die Spatzen von den Dächern pfeifen, dass er sich mit einem Bullen eingelassen hatte und dass deswegen der rote Alfa in der Schrottpresse gelandet war. Damit konnte er für die nächsten Monate alle Nebenverdienste streichen. Wie er dann seine kleine Werkstatt vor dem Konkurs retten sollte, war Edgar ein Rätsel.

"Eddie? Alles in Ordnung mit dir?"

Iris... Ihr Auftauchen war das, was Edgar überhaupt nicht gebrauchen konnte. Obwohl es Chris diese Nacht mehr oder weniger in sein Bett getrieben hatte.

"Ja, Mutter! Ich komme gleich."

Seine Gnadenfrist war vorbei. Gleich gab es keine schützende Tür mehr, die ihn vor der Neugierde seiner Mutter bewahrte.

Auch wenn die Versuchung groß war, aus Erfahrung wusste Edgar, dass es bei Iris zwecklos war, Zeit zu schinden. Das führte eher zu mehr als zu weniger Fragen. Deswegen brachte er es besser sofort hinter sich, als es noch länger herauszuzögern.

Er zog seinem Spiegelbild eine Grimasse und stellte sich dann der Herausforderung.

 

Iris war wie erwartet in der Küche und trocknete gerade die letzten Tassen vom Frühstück ab. Helen und Chris waren schon längst abgezogen. Sie hatten wieder Dienst.

"Setz dich, mein Junge. Seit ich angekommen bin, konnten wir noch gar nicht miteinander reden."

'Wie denn auch?', dachte Edgar, 'Schließlich hat sie mich ja nicht wirklich zu Wort kommen lassen.'

Doch er verkniff sich einen Kommentar und setzte sich auf seinen Stuhl. Direkt vor seiner Nase stand der Blumenstrauß, den Iris gestern angeschleppt hatte. Chris hatte ihn, in Ermangelung einer Vase, in den Wasserkrug gestellt. Dafür waren Marcos Blumen im Mülleimer gelandet.

"Dein netter Mitbewohner hat deine Wohnung ja richtig auf Vordermann gebracht."

Dabei reichte Iris ihm eine Tasse Kaffee, die Edgar dankbar annahm. So konnte er sich wenigstens an etwas festhalten.

"Ja, das hat er."

"So geglänzt hat die Küche noch nie. Also, wenn du ihn mir irgendwann in der Zukunft als Schwiegersohn präsentieren würdest, dann hätte ich nichts dagegen."

Dass der Kaffee nicht in den Blumen landete, war reiner Zufall. Edgar musste sich sehr beherrschen, die heiße Flüssigkeit nicht vor Überraschung auszuspucken. Bisher war seine Mutter nie glücklich über seine Freunde gewesen. Sie hatte ihm zwar nie Vorwürfe gemacht, weil er schwul war, aber an seinen Liebhabern hatte sie immer etwas auszusetzen gehabt. Gesagt hatte sie nie etwas, aber er hatte es an ihren Blicken erkannt. Besonders bei Marco.

"Kannst du mich nicht warnen, bevor du so was sagst?"

"Wieso denn, Eddie-Schatz? Ich mag deinen Chris, er es nett, höflich und hat sich gestern Abend mir gegenüber sehr zuvorkommend verhalten. Und er hat einen ordentlichen Beruf. Wesentlich mehr, als ich von deinen bisherigen Flammen gewohnt war."

"Endlich mal ein Mann, bei dem wir einer Meinung wären. Wenn er nicht hetero wäre, dann sähe ich darin kein Problem. Aber so muss ich dich leider enttäuschen."

Iris hatte sich inzwischen zu Edgar gesetzt und legte ihre manikürte Hand auf Edgars Finger.

Es sollte wohl ihr Mitgefühl ausdrücken, aber Edgar fühlte sich in diesem Moment einfach nur unwohl. Zu sehr wurde ihm der Unterschied bewusst. Auf der einen Seite seine gebildete und gepflegte Mutter und auf der anderen, er. Ein einfacher Mechaniker. Seine Hände versuchte er zwar immer zu pflegen, aber sie waren voller Schwielen und nicht so sauber wie er es gerne hätte. Das ging bei dem Job einfach nicht.

So sagte er nichts, sondern starrte auf diese beiden so unterschiedlichen Hände.

"Es tut mir leid für dich. Wie geht es dir denn sonst?"

Das war die Frage, die Edgar so gefürchtet hatte. Und unter Iris' wachsamen Augen war es unmöglich zu lügen. Sie würde es merken. Also gab es nur die Flucht nach vorn.

"Nichts läuft so, wie ich es will."

Und damit erzählte er ihr alles. Wie er Chris im 'Kater Carlo' kennen gelernt und abgeschleppt hatte. Dass er sich nicht daran erinnern konnte, was in jener Nacht nun gelaufen war. Wie Chris bei ihm eingezogen war. Und da es so gut tat, über all seine Sorgen zu reden, erzählte er ihr auch von seinem finanziellen Problem. Früher oder später würde sie es ja so oder so aus ihm herauslocken. Dass er im Frühjahr, als er viel zu tun hatte, den Kredit für die Hebebühne aufgenommen hatte und dass er jetzt Probleme mit dem Abbezahlen hatte. Und auch dass er deswegen den roten Alfa frisieren wollte und dass er diesen jetzt entsorgen musste, weil Chris sonst mehr Ärger bekommen würde, als gut für ihn war.

 

Als Edgar fertig war, da war der Kaffee kalt. Und Iris sah ihn einfach nur an und machte ihm keine Vorwürfe. Eigentlich hatte Edgar mit dem Kommentar 'Du bist wie dein Vater' gerechnet, aber der kam nicht.

"Du hast ihn wirklich sehr gern, dass du seinetwegen den ganzen Ärger auf dich nimmst."

"Mehr als gut für mich ist. Am besten wäre, wenn ich ihn einfach rausschmeißen würde, doch inzwischen bin ich so weit, dass ich mich mit seiner Freundschaft zufrieden gebe, wenn ich schon nicht seine Liebe, nein", Edgar verbesserte sich, "seinen Körper bekommen kann."

"Du brauchst mir nichts vorzumachen, Junge. So wie du ihn beim Frühstück angesehen hast, weiß ich, was mit dir los ist."

Iris ließ seine Hand los und strubbelte stattdessen durch seine Haare.

Es war eine neue Erfahrung für Edgar, dass sie ihn noch nicht einmal vorwurfsvoll anschaute, weil er mal wieder ein krummes Ding gedreht hatte. Es schien sie einfach nicht zu interessieren.

"Muntert es dich auf, dass ich glaube, dass du ihm doch nicht so gleichgültig bist, wie er dich vielleicht glauben lässt."

"Er erzählt ständig, dass er mich mag. Nur fügt er immer hinzu, dass es eben nicht genug ist, um seine sexuelle Ausrichtung umzupolen. Leider."

"Und du willst seinetwegen den Alfa wirklich in die Schrottpresse bringen?"

"Was bleibt mir denn andres übrig? Ich will nicht, dass er seinen Job verliert, nur weil ich was illegales gemacht habe. Irgendwie krieg' ich das Geld schon zusammen, um den Alfa zu bezahlen. Marcos Onkel wird mir bestimmt Zeit lassen, um es aufzutreiben."

Wieso Iris ihn jetzt voller Zuneigung anlächelte, verstand Edgar nun wirklich nicht. Aber hatte er seine Mutter jemals verstanden?

"Ach, Edgar. Manchmal machst du es dir selbst zu schwer."

"Soll ich etwa Chris anpumpen? Er würde mir erst eine Gardinenpredigt halten und dann das Geld für mich organisieren. Aber er muss sich jetzt erst mal ein Auto zulegen. Und dafür braucht er selbst einen Kredit."

"Und was hältst du davon, einfach mal deine Mutter zu fragen?"

"Ich will es alleine, ohne deine Hilfe schaffen."

"Warum? Um mir zu beweisen, dass du nicht wie dein Vater bist? Das weiß ich doch schon lange."

Dabei hörte Iris nicht auf, seine Haare zu streicheln. So sehr er es auch genoss, Edgar hatte genug. Er nahm ihre Hand und hielt sie fest.

"Du bist doch diejenige, die immer sagt 'Das hat er von seinem Vater!', wenn ich mal was mache, was dir nicht passt. Und als du dich damals von ihm getrennt hast, da hast du mich zur Seite genommen und mir erzählt, durch wie viele Betten er sich gehurt hat und was er sonst noch alles angestellt hat. Weißt du, wie weh du mir getan hast, wenn du mich danach mit meinen Vater verglichen hast?"

Stille. Eine endlose Minute sagte Iris gar nichts.

"Es tut mir leid. Es ist nur so, dass er mich so enttäuscht hatte. Als ich ihn geheiratet hatte, war ich einfach noch zu jung und naiv gewesen. Ich wollte dich niemals verletzen."

"Du hast es aber. Ich wollte dich niemals enttäuschen, Mutter. Doch irgendwie schaffe ich es einfach nicht, etwas richtig zu machen. Du wirst ja noch nicht mal Enkelkinder bekommen."

"Seit ich die Enkelkinder kenne, die meine Freundinnen haben, bin ich froh darüber. Da musst du dir keine Sorgen machen."

"Ich erinnere mich aber noch gut an deinen Gesichtsausdruck, als ich dir erzählt habe, dass ich auf Männer stehe."

"Was hast du denn damals von mir erwartet? Dass ich dich freudestrahlend umarme? Es tut mir leid, Edgar, du hattest mich mit deinem 'Coming Out' einfach nur überrascht. Ich hatte nicht im Traum daran gedacht, dass du schwul sein könntest und musste das erst verarbeiten. Ich bin nicht perfekt."

"Aber du wirkst so perfekt. Immer sagst du im richtigen Moment die richtigen Worte. Du verlierst nie die Ruhe und selbst als du letztes Mal erfahren hattest, was für ein krummes Ding ich mit Marco gedreht hatte, hast du nur den Kopf geschüttelt."

"Na, bei dem, was ihr euch da geleistet habt, konnte ich ja auch nicht anders reagieren. Doch egal, was du sonst auch glauben magst, du bist nicht wie dein Vater."

Jetzt nahm Iris Edgars Hand in ihre Finger und sah ihn sehr ernst an. Es schien ihr wirklich ernst zu sein. Doch Edgar war noch nicht fertig.

"Anschließend hast du deinen Anwalt angerufen und dafür gesorgt, dass ich nicht in den Knast komme. Verdammt, Mutter, du hast mir noch nicht mal eine Standpauke gehalten..."

"Wenn ich dir Vorwürfe gemacht hätte, dann hätte ich dich verloren. Bei deinem Vater habe ich nicht geschwiegen und aus Trotz hat er es nur noch wilder getrieben, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und gegangen bin."

"Vielleicht hätte mich eine Standpauke davon abgehalten, das eine oder andere krumme Ding zu drehen."

Darauf lachte Iris und Edgar hatte das dumme Gefühl, dass sie ihn auslachte.

"Mutter, hör' auf. Ich finde das gar nicht witzig."

"Ich auch nicht. Vielleicht haben wir es auch einfach verpasst, einfach mal vernünftig miteinander zu reden. Ich hatte bei dir immer das Gefühl, dass du nur die verrückten Sachen nur gemacht hast, um damit bei deinen Freunden Eindruck zu schinden, nicht, um an das große Geld zu kommen. Und bei der Sache letztes Jahr mit Marco, da warst du doch nur der Mitläufer, sonst hätte ich dich niemals dort rausgeholt."

Wie wenig kannte Iris ihn doch. Die Idee hatte Edgar ganz allein gehabt, gut, er war high gewesen und der Sex, den er kurz vorher mit Marco hatte, hatte ihm vielleicht ein ganz klein wenig das Gehirn durchgepustet, aber das Spiel, das sie mit den großen Jungs drehen wollten, war einzig und alleine seine Idee gewesen. Abgesehen von der Tatsache, dass er es lassen wollte, als er wieder nüchtern war. Doch da war es zu spät gewesen und Edgar hatte die nächsten Wochen nur noch versucht, Marco zu bremsen, um den Schaden so gering wie möglich zu halten.

"Edgar Sänger, sieh mich an. Sag, dass das was ich gerade vermute nicht wahr ist. Sag mir, dass du nicht die Idee zu diesem ganzen Unsinn hattest."

Da war sie wieder, seine Mutter, die doch alles merkte. Edgar konnte nur hilflos mit den Schultern zucken.

"Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Hilft es dir, dass ich eigentlich abspringen wollte, als ich wieder nüchtern war?"

"Und warum hast du es nicht getan?"

Edgar kratzte sich am Hinterkopf. Ja, das hatte er sich auch gefragt, jede Nacht, bis Marco aufgeflogen war. Gott sei dank waren es die Bullen gewesen, die Marco verhaftet und ihn gleich auch mitgenommen hatten - weil sie gerade zusammen im Bett gewesen waren. Aber da Edgar sich immer zurückgehalten hatte, mussten sie ihn laufen lassen.

"Weil Marco dann versucht hätte, es ohne mich durchzuziehen, ich aber keine Lust hatte, mir für eine Beerdigung einen schwarzen Anzug zu kaufen."

"Ach, Junge."

Wieder schien Iris nicht wirklich enttäuscht zu sein. Sie betrachtete ihn mit der Nachsicht, wie es nur eine Mutter machte.

"Und wie soll dein Leben jetzt weitergehen? Es kann doch nicht angehen, dass du dich die nächsten Jahre von einem Job zum nächsten hangelst. Nur von deiner Hinterhofwerkstatt kannst du doch nicht leben."

Diese Leier kannte Edgar zu gut. Iris wollte ihn dazu bringen, etwas Solides, Spießiges zu machen. Aber das wollte Edgar nicht.

"Ich kann davon nicht leben, aber mir macht es Spaß. Ich bin mein eigener Herr, brauche niemanden zu fragen, wenn ich einfach mal einen Tag frei mache, und genauso wenig redet man mir rein, wenn ich ein ganzes Wochenende durcharbeite."

"Und dafür frisierst du geklaute Autos, weil du sonst nicht über die Runden kommst. Edgar, ich will ja nicht, dass du wieder als Geselle in einer Werkstatt arbeitest, ich will auch nicht, dass du diesen Beruf wechselst, aber du hast so viel Talent, das geht in dieser Bruchbude, die du als Werkstatt bezeichnest einfach vor die Hunde. Du machst doch noch nicht mal Werbung und nur irgendwelche halbseidenen Typen sind deine Kunden."

"Mutter, ich glaube, wir lassen das Gespräch lieber, du weißt doch ganz genau, wie das endet."

"Ja", kam auch ihr trockener Kommentar, "Du rennst wütend aus der Wohnung, weil dir die Argumente ausgehen. Und du lässt nicht zu, dass ich dir helfe."

"Weil ich ganz genau weiß, dass du mir dann in alles reinredest. Du kannst dich doch nicht zurückhalten. Und wenn irgendetwas schief geht, dann wird es heißen, dass ich etwas falsch gemacht habe."

Oh ja, er kannte seine Mutter gut genug, um sich alles in den buntesten Farben auszumalen. Schlimmer als jeder Albtraum.

Und jetzt machte sie auf 'unverstandene und gekränkte Mutter'. So bezeichnete Edgar ihre Miene, wenn er etwas gesagt hatte, was ihr nicht passte. Aber er wollte nicht klein beigeben, nicht bei dieser Angelegenheit, die über sein zukünftiges Leben bestimmten konnte.

"Glaubst du wirklich, dass ich dir dann in deine Geschäfte reinreden würde? Dann kennst du mich aber schlecht."

Edgar ließ Iris' Hand los und stand auf.

"Im Gegenteil, du wirst genau so wie jetzt sporadisch bei mir auftauchen und anstatt meine Wohnung zu putzen, wirst du meine Bücher prüfen. Und versuch' nicht, es zu leugnen."

"Ist es so schlimm, dass ich mich um meinen Jungen sorge? Edgar, ich will doch nur dein Bestes."

"Ich weiß es, aber es ist nicht das, was ich will. Und deswegen nehme ich kein Geld von dir. Und darüber brauchst du mit mir nicht mehr zu diskutieren."

Wieder reagierte Iris ganz anders, als Edgar gedacht hatte. Denn sie war weder gekränkt noch beleidigt. Sie stand einfach nur auf und nahm ihn in den Arm. Edgar erwiderte die Umarmung, froh, dass die Diskussion nicht im Streit geendet hatte.

Als sich Iris von ihm löste, musste Edgar wieder einen prüfenden Blick über sich ergehen lassen, den er mit einem schiefen Lächeln quittierte.

"Weißt du, was der größte Unterschied zwischen dir und deinem Vater ist?"

"Keine Ahnung, ich habe ihn ja seit Jahren nicht mehr gesehen. Aber dafür kenne ich unsere Gemeinsamkeiten viel zu gut."

Dafür wurde er von seiner Mutter in die Seite geknufft. Doch sie ging nicht weiter auf diese Bemerkung ein, sondern gab selbst die Antwort auf ihre Frage.

"Du gerätst in Schwierigkeiten, weil du zu gutmütig bist, nicht weil du für Geld über Leichen gehst. Und deswegen kann ich dir einfach nicht böse sein und habe es nie übers Herz gebracht, dir eine Standpauke zu halten."

Wieso musste Edgar genau in diesem Augenblick ein Staubkorn ins Auge geraten? Seine Mutter sollte bestimmt nicht den Eindruck haben, dass ihn das irgendwie anrührte. Deswegen drehte er sich zu Seite, nahm seine Kaffeetasse und schüttete den kalten Kaffee in den Ausguss.

"Hatte ich dir eigentlich gesagt, dass unten im Hof mein neues Auto steht?"

In Edgars Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken, denn ihm war am Vortag kein neues Auto aufgefallen. Jedenfalls nichts, was die Bezeichnung 'Neu' verdiente. Er ging zum Fenster und schaute runter in den Hof. Dort stand neben den ganzen anderen Rostlauben, die dort immer rumstanden noch ein uralter Aston Martin, fast schon ein Oldtimer. Selbst aus dieser Entfernung sah der Wagen ziemlich heruntergekommen aus. Aber er wollte sicher gehen.

"Wieso hast du ein Auto gekauft, ohne mich vorher zur fragen? Ist es ein Neuwagen?"

"Nein, er ist etwas älter und betagter, passt also bestens zu mir. Nur...", Iris zögerte, doch dann sprach sie weiter "Also gut, es ist ein uralter Aston Martin, doch bei mir war es Liebe auf dem ersten Blick und da habe ich ihn einfach gekauft, doch er muss nächsten Monat zum TÜV und da ich ein handwerklich begabten Sohn habe-"

Bevor Iris ausreden konnte, wurde sie von Edgar gestoppt, indem er die Hände hob und sie vorwurfsvoll ansah.

"Mutter, was soll das? Geb's doch zu. Du hast hier gerade eine Show abgezogen, weil du ganz genau wusstest, dass ich kein Geld von dir nehme und jetzt hast du dir einen neuen Trick ausgedacht, damit du mich finanziell unterstützen kannst."

Das waren eindeutig die falschen Worte. Denn Iris kam zwei Schritte näher und baute sich vor ihm auf. Und wenn sie das tat, hatte Edgar immer den Eindruck, dass nicht er zwei Köpfe größer war, sondern seine Mutter.

"Jetzt höre mir gut zu, mein Sohn. Ich habe mir dieses Auto gekauft, weil es mir gefällt. Und weil ich weiß, dass du es wieder auf Vordermann bringen wirst, ohne mir ein Vermögen dafür abzuknöpfen. Und sonst hatte ich gar keine Hintergedanken dabei gehabt. Und für dich ist es besser, mir zu glauben!"

Jetzt machte es bei Edgar 'Klick'. Es erklärte einiges, warum sie zum Beispiel mit diesem überdimensionalen Blumenstrauß bei ihm aufgetaucht war. Oder warum sie gestern so zurückhaltend war. Seine Mutter wollte die Lage peilen, bevor sie ihn mit diesem Job überfiel.

Wieder strubbelte Iris durch seine Haare.

"Ich hatte vor, Hannibal bei dir zu lassen, bis er durch den TÜV ist. Und wenn du andere Aufträge hast, dann kannst du ihn auch einfach einige Tage stehen lassen, denn ich hab ja mein altes Auto noch nicht abgegeben. Und wenn du Hannibal auf Vordermann gebracht hast, dann hast du auch mal einen Grund mich anzurufen."

Dass Iris ihrem Auto einen Namen gab, war nichts Neues und im Vergleich zu 'Himbertörtchen' und 'Bengel' war es sogar ein halbwegs passabler Name.

"So oft, wie du mich immer anrufst... versuch' nicht schon wieder, mir ein schlechtes Gewissen zu machen."

"Bringst du ihn denn auf Vordermann? Bitte, ich werde dich in der Zwischenzeit weder besuchen, noch dich ständig anrufen und fragen, wie weit du bist."

"Du weißt, dass du damit das Risiko eingehst, dass ich mindestens ein halbes Jahr brauche, um 'Hannibal' fit zu bekommen."

"Das würdest du doch deiner Mutter nicht antun. So gemein bist kannst du doch gar nicht sein."

Und der Blick, mit dem Iris Edgar ansah, hätte andere Männer schwach werden lassen. Doch Edgar kannte seine Mutter und bedachte sie nur mit einem nachsichtigen Lächeln.

"Oh doch, ich kann. Aber weißt du was, ich bin ein Idiot und brauch' die Kohle. Wenn ich alle Ersatzteile zusammenbekomme, dann ist dein Schätzchen in drei Wochen fertig, egal, was er hat. Dafür erwarte ich aber, dass du dich aus allen geschäftlichen Angelegenheiten bei mir raushältst."

Bisher hatte Edgar die Autos seiner Mutter zum Selbstkostenpreis repariert, aber bei 'Hannibal' würde er seinen üblichen Stundensatz abrechnen, mindestens. Sie würde sich über die Rechnung wundern.

"Ich wusste doch, dass ich mich auf dich verlassen kann."

Gleichzeitig ging Iris noch ein Stückchen näher, zog Edgars Kopf runter und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

"Aber sei mir nicht böse, ich habe heute Abend noch einen Termin in Köln, deswegen muss ich dich gleich verlassen."

"Wie könnte ich meiner Mutter böse sein?"

"Ganz besonders, wo du doch lieber deine traute Zweisamkeit mit Chris genießt und ich dann doch nur im Weg bin."

Edgar verzog das Gesicht. Iris schien zu wissen, dass er im Bett Hemmungen hatte, wenn sie da war.

"Wenn ich bei Chris noch eine Chance sehen würde, dann hättest du Recht. Es ändert doch nichts daran, dass ich ihn an Helen verlieren werde."

"Und dabei war ich mir gestern Abend ziemlich sicher, dass ich ihn durch mein leichtfertiges Gerede eifersüchtig gemacht hatte. Wohlgemerkt war er auf Helen eifersüchtig, nicht auf dich."

"Was hast du jetzt schon wieder angestellt, Mutter? Worüber habt ihr geredet?"

Man konnte seine Mutter doch keine zwei Minuten alleine lassen...

"Über nichts Besonderes. Und das man nicht katholisch sein muss, um in die Kirche zu gehen. Aber sei mir nicht böse, ich bin eigentlich schon viel zu spät dran."

Während der letzten Worte verließ Iris die Küche und ging ins Gästezimmer, um ihre Sachen zu holen. Edgar folgte ihr in den Flur und wartete, bis sie wieder auftauchte.

Er bekam noch zwei Küsschen auf die Wange gedrückt und dann öffnete sie auch schon die Haustür.

"Tust du mir noch einen Gefallen, mein Junge?"

Gefälligkeiten, die Iris so ganz nebenbei abfragte, waren immer die schlimmsten. Deswegen hielt Edgar sich zurück.

"Welchen?"

"Rufst du mich an, wenn aus dir und Chris doch noch etwas werden sollte?"

"Sicher doch, für dich mach ich doch alles, Mutter."

"Das glaube ich dir aufs Wort. Und wenn du es dann auch noch schaffst, die ganzen krummen Dinger sein zu lassen, dann schaffst du es auch, mich zu überzeugen. Pass auf dich auf."

Und damit verschwand sie aus der Wohnung. Leise schloss Edgar die Haustür und fragte sich, wie er diese Mutter nur verdient hatte. Und ob sie ein Fluch oder Segen war.

 
Ende

 
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