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All the Miles© by Jimaine ()
"You never left me all the miles
You were with me all the way On every cloud that drifted by Every wave my bow did break..." - Runrig, "All the Miles" Er erwachte zum Klang von Stille. Wann war er eingeschlafen? Und vor allem *warum*? Erinnerungsfragmente stiegen aus dem grauen Nebel seines Unterbewußtseins empor, mühsam schleppte er sie mit sich in die Gegenwart wie ein Schwimmer, der zu tief hinabgetaucht war und nun mit seiner allerletzten Atemluft der Oberfläche entgegenstrebte. Fast sah es so aus als würden seine Kräfte nicht ausreichen, als würde er aufgeben müssen und zurück in die bodenlose Dunkelheit sinken. Doch dann sah er Licht aufschimmern...fahles Mondlicht, nicht die erhoffte helle Sonne...seltsam flackernd...er mußte atmen...*atmen*... Keuchend schlug er die Augen auf, zwang sich zur Ruhe, als er im ersten Moment nicht erkennen konnte, wo er war. Das Licht rührte von einer Laterne her, die am Balken schräg über seinem Kopf hin und her schwang. Außer den Geräuschen des Schiffes war nur sein eigenes, angestrengtes Atmen zu hören, ab und an noch ein Stöhnen von irgendwo her...er war nicht allein hier. Und wo war *hier*? Nicht sein Schlafzimmer in Ashgrove. Nicht seine Kajüte. Wenn er doch nur klar denken könnte, aber seine Sinne ließen ihn weitestgehend im Stich. Und bewegen konnte er sich auch nicht, zumindest nicht ohne erhebliche Schmerzen. Richtig... Er erinnerte sich nun an das Gefecht, ein vom ersten bis zum letzten Schuß ungleicher Kampf, in dem sich der Gegner allein durch sein Überraschungsmoment so gut geschlagen hatte, ansonsten hätte die 'Surprise' ihm gezeigt, daß er es sich besser noch einmal überlegen sollte. Sie waren völlig überrumpelt gewesen. Für gewöhnlich behauptete sich die Fregatte nämlich besser als andere Schiffe ihrer Größe, sie hatte schon Schiffe aufgebracht, die ihr im Kanonenverhältnis zwei zu eins überlegen waren. Dieses Mal hatte das Glück sie verlassen. Der Franzose war im Frühnebel wie eine lauernde Schlange hinter der Landspitze aufgetaucht und hatte seine Giftzähne in die vermeintlich leichte Beute geschlagen, bevor diese noch die Boote ausgebracht und die Steuerbordbatterie geladen hatte. Zwar hatten die Surprises hervorragend auf die erste Salve reagiert - angetrieben vom Ersten Offizier und dem Captain höchstpersönlich hatten die Stückmannschaften binnen einer Minute mit einer Breitseite geantwortet - doch der erste, unerwartete Beschuß des 32ers war verheerend gewesen. Sie hatten um das nackte Überleben kämpfen müssen. Vage erinnerte er sich, wie jeder Schuß der Kanonen durch seinen Körper vibriert war; das scharfe Krachen der Zwölfpfünder, der fast glockengleiche Dröhnen der Vierundzwanziger...und irgendwann dann ein Donnerschlag gefolgt von tiefster Schwärze. Demnach befand er sich unten im Orlopdeck, unterhalb der Wasserlinie, wo die Verwundeten untergebracht wurden, denn die Chance, hier von einem Treffer in Mitleidenschaft gezogen zu werden, war um einiges geringer als in den oberen Decks. Wie lange schon? Angestrengt lauschte er auf die Geräusche eines Schiffes im Gefechtszustand. Keine rennenden Füße an Deck, keine Schreie, und die Geschütze schwiegen ebenfalls. Stattdessen nur das Murmeln und Stöhnen verwundeter Männer. Und er hörte er die Glocke. Fünf Mal, und seinen Namen. Jack. Hey, Jack. Ich weiß, daß du wach bist, mach' die Augen auf. Überraschenderweise schaffte er es, der Aufforderung nachzukommen. Nur schemenhaft konnte er das Gesicht seines Freundes erkennen, Müdigkeit und Fieber verschleierten seinen Blick, er erahnte ihn mehr als daß er ihn sah, aber das war schon genug. Das Wissen um die Gegenwart des Heilers, der sein ganzes Können aufwenden würde, um seinen Körper wiederherzustellen, hielt ihn im behaglichen Dämmerschlaf zwischen Traum und Wirklichkeit. Der Sieg ist unser, Bruder, aber dich hat's ganz schön böse erwischt...gottseidank beschränkt sich das Glück von Lucky Jack nicht nur auf die Jagd nach Prisen. Hier, hier, laß mich dir etwas Wasser geben....Kopf hoch...vorsichtig, vorsichtig... Die Stimme war ihm so vertraut wie der Gesang seines Schiffes, das Gurgeln der Wellen und das leise Knarren von Segel und Rigging. Über die Jahre war sie zu der Stimme seiner Gedanken geworden, zur Stimme seines Gewissens, die Stimme, mit der seine Seele mit ihm Zwiesprache hielt. Dennoch brachte er den Namen nicht hervor, der ihm auf der Zunge lag. Ein neuerlicher Fieberschub ließ ihn erzittern und drohte, seine Welt wieder im Dunkeln versinken zu lassen. Die Entschlossenheit siegte schließlich. Er hatte noch nie leicht aufgegeben. Tut mir leid, Stephen, daß ich mal wieder zu deiner Arbeit beitrage. Ich sollte es besser wissen...hätte in Deckung gehen sollen. Du lebst, Jack. Deshalb verzeihe ich dir. Wenn die Schmerzen nicht wären, würde er befreit lachen. Solange Stephen noch scherzte, konnte die Lage nicht völlig hoffnungslos sein. Nur muß ich dir einige schlechte Nachrichten überbringen. Hamish, Deems, Kemmer, Ellerson, Simons und Hill sind tot, ebenso der junge Chester, Daniels, Samuelson und Macdonald. Über zwei Dutzend Verwundete. Die erste Salve der Franzosen bestand aus Kartätschen, habe ich mir sagen lassen. Du weißt darüber vermutlich besser Bescheid und kannst mit den ganzen Begriffen was anfangen. Auf jeden Fall ist das Schiff ebenso gebeutelt wie die Besatzung. Viele Verletzungen durch Splitter...Rawlings verliert sein linkes Auge... dem jüngeren Evans mußte ich den rechten Arm abnehmen. Die blassen Augen glommen in einem seltsam unwirklichen Licht. Die 'Formidable' ist allerdings noch schlimmer dran. Nachdem sie die Flagge gestrichen hatte, ordnete Tom an, auch den Verletzten dort zu helfen. Davon gab es nur nicht viele, die meisten waren tot oder nicht mehr zu retten. Das Lächeln, das er sich für den verletzten Freund abrang, war liebevoll, aber gleichzeitig von Trauer überschattet. Ach, Jack...sag', warum mußte das passieren? Er wollte ihm sagen, daß solche Zwischenfälle ihr täglich Brot waren. Tragisch, ja, aber nichtsdestotrotz Teil des rauhen Lebens auf See, genauso wie ein Sonnenaufgang im Nebel, wie der Sternenhimmel in der Südsee. Die schönen Eindrücke mußten teuer erkauft werden, nichts war umsonst. Eine geisterhafte Berührung von Lippen auf der Haut seiner Stirn, ein Phantomkuß, der die Hitze des Fiebers linderte. Die Schmerzen würden auch nachlassen, daran hatte er keinen Zweifel, Stephen würde ihm helfen. Er half immer. Ein schwaches Stöhnen brachte ihm ein mitfühlendes Lächeln ein. Es tut weh, ich weiß, Bruderherz, aber du hattest heute bereits eine volle Dosis Laudanum. Das beste Heilmittel hast du dir schon selbst verschrieben, nämlich Schlaf. Reichlich Schlaf. Und von dem will ich dich gar nicht abhalten. Alles würde gut werden; sie hatten schon Schlimmeres überstanden. Stephen hatte Recht, es erforderte nur ein bißchen Zeit. Zeit und Schlaf. Der Fieberschub schwächte sich allmählich ab, und er entspannte sich in der Umarmung, die nun folgte. Er brauchte die Bitte nicht auszusprechen, brauchte nichts zu sagen, nicht einmal zu denken, und er fragte sich, wie es je hatte anders sein können. Wie hatte er je schlafen können, ohne Stephen neben sich zu spüren? Diese warme, beruhigende Präsenz in den Stunden, die sie von der Welt stahlen, in der Hoffnung, niemand würde es merken? Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten, die in blauen Flecken und Gelächter resultierten, war der Balanceakt zur Gewohnheit geworden, war Jacks Koje ihr liebster Zufluchtsort gewesen. Es gab Tage, da konnte er Stephen gar nicht nahe genug sein; wenn es nach ihm ginge, würde er sich mit Leib und Seele um ihn wickeln als Wiedergutmachung für die Wochen und Monate, die sie manchmal getrennt verbrachten. Und es gab Tage, da würde er ihn am liebsten vom Schiff werfen oder gleich schnurstracks zum Teufel schicken, so sehr könnte er sich aufregen über diesen Mann, der mit nahezu allem, was er sagte, dachte und tat, an Bord eines Kriegsschiffes aneckte. Doch sein Zorn währte nie lange und er war immer zur Stelle, um Stephen festzuhalten, wenn dieser Gefahr lief, sich zu verlieren. Und an manchen Tagen brauchte er Stephen, um sich festzuhalten. Jetzt hielt er ihn nur im Arm und dachte an all die Male, wo er auf die gleiche Weise eingeschlafen war. Einen Arm um Stephen gelegt, hier an seiner Seite, halb neben, halb auf ihm liegend, ebenso leicht und doch wärmender als die dünnen Decken. Es dauerte eine Weile - zwei Träume und ein Leben, wie es schien - bis die nächsten Worte fielen. Jack, ich weiß, du möchtest, daß ich bleibe, aber ich muß leider gehen. So endete es immer, mit einer Entschuldigung, einem Abschied. Bleib' noch ein wenig länger, Stephen, bitte. Es läßt sich nicht vermeiden. Ich schlafe besser, wenn du bei mir bist. Du sagtest selbst, ich solle schlafen. Also bleib. Diese Entscheidung können weder du noch ich treffen. Seltsamerweise hörte er sich selbst nicht reden und dennoch entsprachen Stephens Antworten stets genau dem...Gesagten. Gedachten. Gefühlten. Nur solange, bis ich eingeschlafen bin. Und Stephen fügte sich, noch immer mit diesem seltsam traurigen Lächeln. In Ordnung, Jack. Wie du wünschst. Nur lasse ich dich jetzt schon wissen, daß du alleine aufwachen wirst. "Danke", flüsterte er und schloß die Augen, überließ sich dem Rhythmus des Schiffes und der das sanfte Schaukeln begleitenden Stimme. Gab es eine friedlichere Art einzuschlafen? Er hatte seine Zweifel. Leise und eindringlich redete Stephen immer weiter, unbeirrt, und langsam driftete Jack dem Schlaf entgegen, geleitet von den Worten, die die Geräusche der realen Welt zu einem unwirklichen Raunen dämpften. Bald war Stephen kaum noch zu hören, er mußte sich anstrengen, ihn zu verstehen. Und aus irgendeinem Grund konnte er ihn nicht unterbrechen, konnte nicht einmal darum bitten, daß er doch lauter sprechen möge. Einiges hörte er zumindest. Vielleicht sogar alles. Er war sich nicht sicher.
Stephen sprach von Diana, von Clarissa, von Brigid...hauptsächlich von Brigid...Jack möge bitte dafür sorgen, daß es ihr an nichts fehlte. Sie habe ein gutes Leben verdient, und er solle alles tun, das Mädchen auf die Welt vorzubereiten, in der sie würde leben müssen. Satz für Satz glitt über ihn hinweg wie Wasser, es bildete sich ein Strudel, der ihn abwärts sog, hinunter in die Tiefe, wo er nichts sehen, nichts spüren würde. Nichts hören würde. Machtlos wie in einem Traum klammerte sich Jack an diese letzte Verbindung zum Wachen. Doch seine Willenskraft schwand, im gleichen Maße wie die Stimme schwächer und schwächer wurde. Wie ein Echo aus großer Entfernung, aber bis zum letzten Wort erstaunlich klar und deutlich. Ja, sagte Stephen, er wisse, daß Jack müde sei, aber ein bißchen länger müsse er ihm noch zuhören. Er habe ihn selten um etwas gebeten, doch diesen Gefallen müsse er ihm tun, sonst könne er nicht ruhigen Gewissens gehen. Es sei zu wichtig...und was ihn, Jack Aubrey betreffe, so täte es ihm leid. All das, was er getan hatte...alles, was er nicht getan hatte... Jack möge ihm bitte verzeihen... Selbst in der empfindungsfreien Dunkelheit des schwerelosen Nichts, in dem er dahintrieb, ein Gefangener der Strömung, beschlichen ihn Verwirrung und Sorge. Verzeihen? Was gab es zu verzeihen? Die Worte ergaben keinen Sinn, vermischten sich mehr und mehr mit dem Murmeln der Wellen jenseits der Bordwand, doch er störte sich nicht daran. Für den Moment brauchte er nur zu wissen, daß er den Morgen erleben würde, dafür war Stephen der beste, der glaubhafteste Beweis. Es war wichtig, demnach würde Stephen es sicher wiederholen. So wie immer. Und gewiß würde er ihn mit einem Lächeln für seine Vergeßlichkeit tadeln, sich erneut darüber aufregen, wie Jack komplexe Kursberechnungen mit Variablen wie Wind und Strömung im Kopf durchführen und ein Schiff mit seinen Leinen und Segeln mit spielerischer Leichtigkeit handhaben konnte, aber Dinge von nicht-nautischer Relevanz oft vergaß, sobald man sie ihm erzählt hatte. Ja, Stephen würde sich aufregen und zu Recht. Deshalb, nahm er sich vor, würde er ihn gleich beim Frühstück fragen, ihm zuvorkommen, bevor er das Thema zur Sprache bringen konnte. Ihn überraschen. Stephen zu überraschen war stets ein Spaß. Mit diesem Entschluß als letztem Gedanken gab er seine Anstrengungen, wach zu bleiben, auf. Stephen war bei ihm, es konnte ihm nichts geschehen. Völliges Vertrauen, völlige Gelöstheit. Lebwohl, Jack. Es tut mir leid. Ehrlich. Ich würde dir nie absichtlich wehtun wollen. Geliebter Freund...schlaf' jetzt, schlaf' und werd' gesund. Enger, noch enger schmiegte sich Stephen an ihn. Die Barrieren von Haut und Fleisch waren irrelevant, er war unter seiner Haut. In seinem Blut. Als sei er Sand und Stephen Wasser und die wohltuende Kühle des Wassers sickerte bis tief in sein Inneres. Schon bald atmete er leichter, gleichmäßiger, und als gegen Mitternacht das Fieber endlich brach, wurde es begleitet von einem langen, zitternden Seufzen. Dann war er still. Sein Körper hatte den Kampf gewonnen. Das schwache Dankeslächeln verblieb die ganze Nacht auf seinen Lippen.
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Er schlief lange, fest und traumlos, und als er erwachte, war es ohne die zuvor verspürte Benommenheit. Sein Kopf war klar. Klar genug, um das Echo eines leisen "Ich liebe dich" wahrzunehmen, das noch im Raum hing, sich in seine Gedanken schlich, und er konnte es kaum abwarten, Stephen zu antworten und ihm für eine weitere medizinische Meisterleistung zu danken. Die erste Person, die er sah, war Reverend Nathaniel Martin. Der Mann, seit Jahren Stephens Assistent und ebenfalls enthusiastischer Naturforscher, hantierte mit Eimer und Schöpfkelle zwischen den Hängematten herum, verteilte offensichtlich Wasser. "Stephen", flüsterte er und erschrak, wie schwach und kratzig seine Stimme klang, die Stimme, die sonst bei einem Sturm noch im Großtopp gehört wurde. "Stephen?" "Captain Aubrey! Gütiger Himmel, mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich fürchtete schon, Sie würden gar nicht mehr aufwachen." Die hölzerne Kelle in der Hand eilte Martin an seine Seite, drückte ihn zurück in die Kissen. "Oh, nein, nein, Sir, bleiben Sie ruhig liegen! Sie müssen erst was trinken und essen, immerhin haben Sie gut drei Tage nur gelegen. Welch ein Segen! Ein schlimmes Omen wäre es gewesen, wenn Sie alle beide..." Er brach ab, tauchte die Kelle in den Eimer. "Mr. Pullings wird überglücklich sein." "Drei...?" Er hustete, versuchte es erneut, nachdem Martin ihm einige Schlucke Wasser eingeflößt hatte. Schon allein den Kopf zu heben verausgabte ihn fast völlig. "Drei Tage, wirklich?" Martin nickte, vermied es jedoch, ihm in die Augen zu sehen. "Wir hatten alle Angst um Sie, Sir. Nun bleiben Sie aber ruhig liegen. Er würde mir nie verzeihen, wenn Ihnen etwas zustieße. Nicht Sie auch noch. Nicht bewegen. Sie haben verdammt viel Blut verloren. Eine Säbelwunde am Rücken, eine hier am rechten Arm und auch am Knie, und der Schlag auf den Kopf war ziemlich besorgniserregend. Aber Sie werden's überstehen, Sir. Ich werde Mr. Pullings informieren und auch gleich Bonden und Assai holen, die bringen Sie rauf in Ihre Kajüte. Da haben Sie's bequemer..." Er schickte sich zum Gehen an. "Wo...wo ist Dr. Maturin?" Schon hatte sich Martin halb von ihm abgewandt, doch glaubte er zu sehen, wie der Mann ob der Nachfrage erblaßte. In der Stimme des Reverends, der eben noch geradezu geplappert hatte, lag bei seinen nächsten Worten ein deutliches Zittern. "Ahm... Lassen Sie mich nur schnell die Männer holen..." Jack schnitt ihm das Wort ab, sein Ton so barsch wie es in seinem Zustand nur möglich war. "Mr. Martin, wenn ich bitten darf!" Martin hatte sichtlich Mühe, nicht zu stottern, sondern seine Antwort, ausweichend wie sie war, sauber zu formulieren. "Ich...ich bin gleich wieder da, Sir." Und er war verschwunden, bevor Jack ihn zu einer Antwort drängen konnte. Der rasche Abgang hatte verdächtig nach Flucht ausgesehen, nur fehlte ihm die Energie, über das Warum nachzudenken. Entkräftet ließ er den Kopf zurück aufs Kissen fallen, außer Atem nach dieser geringen Anstrengung. Seine Gedanken drifteten zurück zu dem Moment, an dem der Ruf "Segel in Lee!" die Besatzung an die Geschütze getrieben hatte. Das Gefecht war ihm weniger als Abfolge von Bildern denn als Serie von Geräuschen im Gedächtnis geblieben. Über den Rhythmus von Kanonendonner legte sich das scharfe Krachen von Musketen, klirrende Degen und Marlspieker, gellende Schreie - unmöglich zu sagen, welche Schmerzensschreie waren und welche normales Kampfgebrüll - alles vermischte sich zu dem Chor, der ihn antrieb, vorwärts, vorwärts, aus der Kajüte hinauf an Deck, den Degen in der Faust und bei jedem Schritt einen Gegner niedermähend. Unter freiem Himmel hatte er erst kurz gezögert, sich die tränenden Augen gewischt; der beißende Pulverdampf wirkte zusammen mit dem Adrenalin berauschender als Wein, jeder Sinn war bis aufs Äußerste gereizt. Wieder und wieder fand seine Klinge ein Ziel, und jedes Mal hielt er in der vor und zurück wogenden Menge der Kämpfenden bereits Ausschau nach dem nächsten. Zu viele...es waren zu viele gewesen... Und dann... Er glaubte, sich sogar an den Warnschrei erinnern zu können - William Reade hatte ihn ausgestoßen, atemlos und das weiße Hemd blutgetränkt - unmittelbar bevor er den Schlag im Rücken verspürte und auf die Planken ging. Danach nichts mehr. Drei Tage sollte das her sein?
Nun, wie dem auch war, er war am Leben und gleich würde ihm Stephen erklären, wie viele neue Narben er sich eingehandelt hatte. Würde ihn energisch am Aufstehen hindern, ihm mit einem nassen Tuch den Schweiß vom Gesicht waschen und die zahlreichen Verbände wechseln. Und ihn, drängte sich der ganz und gar unerfreuliche Folgegedanke auf, für die Zeit seiner Genesung auf strikte Diät setzen. Gott, wie sehr er sich trotzdem sehnte, mit Stephen zu sprechen! Gewiß würde er nichts anderes sagen als Martin, doch war es ihm ein Bedürfnis, die Belehrungen von Stephen selbst zu hören. Gleich. Martin kehrte alsbald zurück, Steuermann Barrett Bonden zwei Schritte hinter ihm und hinter diesem dann Preserved Killick, Jacks Steward und bekannt als ewiger Nörgler und Sauertopf, aber heute mit einem verschlossenen Gesichtsausdruck, den Jack an ihm noch nie gesehen hatte. Dr. Stephen Maturin war nirgendwo in Sicht. Er machte sich daher keine Mühe, seinen Unmut zu verbergen. "Bonden. Killick." Ein Kratzen im Hals und der folgende Husten unterbrachen die Begrüßung kurz. "Mr. Martin, ich frage Sie noch einmal..." Keiner der drei wollte den Anfang machen, wollte derjenige sein, der die Ereignisse der vergangenen Tage zusammenfaßte. Bevor der Captain jedoch die Geduld verlieren konnte, brach es aus Martin hervor. "Captain Aubrey, Sir...Dr. Maturin...er ist...er ist... Nun, er versorgte die Franzmänner...einige von denen hatte es ziemlich böse erwischt. War gerade dabei, einem das Bein abzunehmen. Ein großer, starker Bursche, Padeen und der Pole mußten ihn festhalten, weil die Riemen nicht ausreichten, und ich war zu beschäftigt mit einem anderen Patienten, um... Um zu..." Seine Stimme versagte, und er schluckte mehrmals in schneller Folge, wischte sich Schweiß von der Stirn. "Gott...es ist... Ich kann es kaum aussprechen." "Fassen Sie sich kurz, Mr. Martin." Die Kopfschmerzen wurden stärker, die Ränder seines Sichtfeldes färbten sich schwarz. "Wo ist der Doktor? Wenn er nicht gerade schläft, würde ich ihn nämlich gerne sprechen, solange ich mehrere zusammenhängende Sätze zustande bringe." "Das wollte ich gerade erklären, Sir. Also, keiner von uns hat es wirklich genau gesehen. Es geschah so verflucht schnell. Einer der bereits behandelten Franzosen, der in der Nähe lag, hat wohl gedacht, sein Kamerad würde gefoltert. Sah das Blut, hörte die Schreie...und selbst war er nicht ganz bei Sinnen. Er stand auf und bevor jemand reagieren konnte, hatte er des Doktors eigenes Skalpell in der Hand." Hier trat ein schmerzerfüllter Ausdruck auf Martins Gesicht. Ob der Begriffsstutzigkeit des Patienten legte er einen Finger auf den Pulspunkt unter seinem Ohr. "Erwischte ihn genau hier." Kurz davor, die Fassung zu verlieren, ließ er die Hand sinken und wandte den Blick ab. "Er...hat kaum etwas gespürt, denke ich... Es ging alles so schnell", wiederholte er tonlos. Was sollte er auch sonst sagen? "Was...was soll das heißen...?" Von wem redete Martin? Er mußte ihn mißverstanden haben. Nicht möglich, daß - nein, völlig *un*möglich! "Mr. Martin, der Franzose ist mir egal. Ich rede von Stephen." "Ich ebenfalls, Sir. Der Franzose hat ihn... Eine Rettung war nicht möglich, er verblutete binnen einer Minute. Es...es tut mir aufrichtig leid, Sir, aber er... Er ist tot." Das Gesicht des einäugigen Kaplans war grau vor Erschöpfung; er hatte in drei Tagen nur wenige Stunden geschlafen, hatte die Arbeit von zweien machen müssen, einen Mann zu ersetzen versucht, der sich nicht ersetzen ließ. Dies dem Captain begreiflich zu machen war eine Aufgabe, für die er einfach nicht mehr die Kraft hatte. Ob es wohl überhaupt jemanden gab, der das konnte? Wenn Martin sich mit ihm einen Scherz erlaubte, dann war es ein verdammt übler! Durch den hämmernden Schmerz hinter seiner Stirn hörte er seine eigene Stimme wie aus großer Entfernung. "Nein..." Jack wollte es nicht glauben. Konnte es nicht glauben. "Nein, nein!" Bestimmt schlief er noch. Ja, ganz gewiß schlief er noch und träumte. Dies konnte nichts anderes als ein Alptraum sein. Ein schlimmes Omen wäre es gewesen, wenn Sie alle beide... Stephen? Nicht Sie auch noch.
Unwillkürlich begann sich vor seinem inneren Auge eine endlose Reihe Bilder abzuspulen, aufflackernde Momentaufnahmen aus fünfzehn Jahren. Erfahrungen, die er und Stephen geteilt und als so selbstverständlich erachtet hatten. Dazu ein Rauschen, nein, ein anschwellender Donner wie eine unaufhaltsam näher kommende Flutwelle. So laut, daß er glaubte, taub zu werden. Gleich würde sie über ihn hereinbrechen, ihn mitreißen. Eiskaltes Wasser. Schon fiel ihm das Atmen schwerer... ((Der erste Begegnung - selten unangenehm.)) "Es ist die Wahrheit, Sir. Entsetzlich, ja, und kaum zu fassen. Schon vorgestern Abend während der Mittelwache." ((Der erste Morgen an Bord der 'Sophie' - sein neuer Bordarzt voller Fragen und naivem Staunen.)) "Nein", flüsterte Jack heiser und schüttelte den Kopf. Er mußte sich nur lange genug weigern, die Realität lange genug verleugnen. "Unmöglich. Ich habe doch noch mit ihm gesprochen. Er kam zu mir und machte seinen Bericht. Die Toten...Deems, Kemmer, Ellerson, Simons... Mehr als zwei Dutzend Männer verwundet..." ((Der erste Abend, an dem Violine und Cello zueinander sprachen - der erste Satz eines lebenslänglichen Duetts. Niemals hatte er geahnt, daß ein Mensch mit einer halben Seele leben konnte...und wie es war, die fehlende Hälfte in einem anderen Menschen zu finden.)) Es war jetzt Bonden, der sprach, wenngleich stockend und mit belegter Stimme, "Jawohl, Sir, das stimmt wohl alles, aber -" ((Das erste Gefecht - das zeigte, daß Stephen mit Muskete und Degen ebenso gut umgehen konnte wie mit dem Skalpell.)) "Und Black Bill hat mehrere gebrochene Rippen, weil er beim Hochfieren der neuen Fockrah ausgerutscht ist und aufs Deck stürzte." ((Der erste Streit - Stephen, der Freund, der ihm mit solcher Wut und Leidenschaft entgegentrat, wenn sich ihre Weltansichten nicht vereinbaren ließen. Dieselbe Leidenschaft zeigte er in der ersten Umarmung, gleich einem Echo der kurz zuvor gespielten Melodie. Ein Angebot, das eine Bitte beinhaltete, Verlangen verwoben mit einem langsamen Corelli-Adagio.)) Bonden und Martin sahen sich an, konnten ihre Verblüffung nicht ganz verbergen. "Woher wissen Sie das? Sir, Sie waren die letzten drei Tage bewußtlos und Dr. Maturin...nun, er wurde getötet, lange bevor Bill verunglückte." Ah, der Corelli. Stephen war ein Mann der Geheimnisse ((gewesen!)), zuhause in einer Welt von Codes und Chiffren, verschlüsselter Botschaften. Das altvertraute Stück, dessen sie niemals überdrüssig wurden, war lediglich ein weiterer Code ((gewesen!)), verpackt in Musik. Er sah und hörte es in seiner Erinnerung, jede einzelne Note kristallklar und perfekt, der einzige Code, den er verstand. Stephen hatte ihn nie erklären müssen. Hätte es gar nicht gekonnt, sie hatten ihre Gefühle füreinander zwar hinterfragt doch nie ernsthaft angezweifelt. Bei Gott, warum erinnerte er sich nur so entsetzlich genau an etwas, das eigentlich längst vergessen sein sollte? (("Sie spielen ein Instrument, Sir?" "Ich kratze ein wenig herum, Sir, ja. Von Zeit zu Zeit quäle ich meine Geige." "Ich auch, ich auch! Sooft ich Zeit finde, versuche ich mich auf dem Cello.")) "Sir, Sie sollten sich besser wieder hinlegen." Die Geräusche um ihn herum traten in den Hintergrund, bis er sie kaum noch wahrnahm. Zu laut war das Tosen in seinem Kopf. Der nächste Atemzug...er mußte sich regelrecht dazu zwingen. Auch sah er seinen Gegenüber zwar an, doch *sehen* tat er ihn nicht. Stattdessen sah er nur, was nicht da war. Jemanden, der an exakt derselben Stelle stand wie Martin, denselben Platz einnahm, dasselbe tat...nur nicht zur selben Zeit. "Er hat... Er war hier", murmelte er, zu leise, um von den Männern gehört zu werden. Wie klänge das wohl, wenn er behauptete, Stephen selbst hätte es ihm gesagt? Tote Männer machten keine Krankenbesuche. Und nur Verrückte behaupteten das Gegenteil. Solange du schläfst, werde ich bei dir sein. Nun war er wach und Stephen fort. Für immer. Tot. Seit er zwölf gewesen war, hatte er immer ein Schiff sein Zuhause genannt, hatte die Entbehrungen und die Gewalt dieses Lebens klaglos hingenommen, und nun wurde ihm zum ersten Mal bewußt, wie endgültig der Tod wirklich war. Natürlich berührte ihn der Verlust der Männer, die nach der Schlacht ihr Grab im Meer fanden, er vergoß ihretwegen Tränen, doch hatte er niemals eine enge Beziehung zu einem von ihnen gehabt. Hatte nicht mit ihnen gelacht und gestritten, sie angeschrieen und bewundert, Angst um sie gehabt und Angst vor ihnen. Ihre Gesichter waren es nicht gewesen, die er sich Millimeter für Millimeter einprägte, wenn er im Morgengrauen wachlag und versuchte, die Träume des schlafenden Mannes in seinen Armen zu erraten. Für sie hätte er niemals versucht, die Welt zu ändern, oder gar sich selbst, hätte es nie gewagt, das quälende Gefühl Liebe zu nennen. Martin räusperte sich und meinte dann leise, "Mein tiefstes Beileid, Sir. Ich weiß, Sie standen sich sehr nahe." So nahe, wie einem die eigene Seele nur sein kann. "Zwar hatte ich nur kurze Zeit das Vergnügen von Dr. Maturins Bekanntschaft - " Nur kurze Zeit...? "Die Zeit ist immer zu kurz, Mr. Martin, jede Minute ist ein kostbares Gut. Stephen hat das auch nie verstanden...immer unpünktlich, immer zu spät..." Seine Stimme erstarb; er hatte keine Kraft, um weiterzureden. Warum sollte er auch reden? Es war zu spät zum Reden. Mochte es aus Taktgefühl sein oder aus gesunder Menschenkenntnis, jedenfalls zog Martin sich zurück und bedeutete Bonden und einem stummen Killick dasselbe zu tun, als er von der plötzlich eisenharten Stimme des Captains zurückgehalten wurde. "Ich will ihn sehen."
Niemand stellte sich diesem Befehl entgegen. Mit Bonden zu seiner Rechten und Killick, der sich seinen Arm um die Schultern gelegt hatte und ihn halb zog, halb trug, gelangte er aufs nächsthöhere Deck. Während des kurzen wenngleich mühsamen Wegs ignorierte er die Blicke der Mannschaft, aus denen nur eines sprach: Mitleid. Er wollte ihr Mitleid nicht. Immer hatte Jack fest daran geglaubt, als erster von ihnen beiden zu sterben, schließlich gehörte es zum Alltag eines Kapitäns in der Royal Navy, sein Leben aufs Spiel zu setzen, aber Stephen hatte dieses Leben schon so oft gerettet, ihn wieder und wieder zusammengeflickt, bis er der Überzeugung gewesen war, nicht sterben zu können, solange Stephen bei ihm war. Sein Glücksbringer. Der Boden des Lazaretts war klebrig von Blut, trotz des dick darüber gestreuten Sandes, jeder vorsichtige Schritt schien wie ein Gang über ein Grab ohne Grabstein. Niemand hatte die Zeit gefunden, es fortzuwaschen. Stephens Blut. Daß in diesen schmächtigen Körper überhaupt soviel Blut gepaßt hatte... Er konnte ihn immer noch spüren, jede Berührung, die sie in der Nacht vor dem Gefecht ausgetauscht hatten. Seine Fingerspitzen prickelten noch in Erinnerung an warme Haut, noch glaubte er, die Worte zu hören, so leise, kaum lauter als ein Atemzug. Worte, mit denen Stephen die zärtlichen Wanderungen seiner Hände begleitete. Immerzu der Forscher, immer in Bewegung, rastlos... Jeder Teil seines Wesens erinnerte sich an ihn, die leichte Brise am Anfang, den Sturm, und die tranceartige Windstille danach. Es war diese Stille, die ihm unmißverständlich klarmachte, daß er nun allein war. All diese Sinneseindrücke kamen zusammen, ungebeten und schmerzhaft willkommen, und schufen das Bild eines Menschen, der sein Leben beeinflußt hatte wie kein zweiter mit der Art, wie er in seine Welt getreten war. Plötzlich...unerwartet. Auf die gleiche Art hatte er sie nun verlassen. Noch vor wenigen Tagen hatte er einen Säbel gehalten und sein Schiff verbissen gegen den Ansturm der französischen Enterkommandos verteidigt, jetzt hätte ihn ein Windhauch von den Füßen gerissen. Von Bonden gestützt machte er einen letzten, schwankenden Schritt vorwärts und zog die Decke fort. "Stephen..." Selbst der Name schmerzte. Blaß und reglos lag er in der gemächlich hin und her schwingenden Koje, die Augen ((Gott, wie ihn damals der erste Blick dieses Mannes eingeschüchtert hatte!)) geschlossen und die Hände über der Brust gefaltet. Jemand - Padeen, vermutete er - hatte ihm das Blut von Gesicht und Händen gewaschen, ihn in ein frisches Hemd gekleidet und die tödliche Wunde mit einem Halstuch verdeckt. Man könnte meinen, er schlafe nur. Hamlets Monolog kam ihm in den Sinn. Zu schlafen, vielleicht zu träumen... Was träumst du jetzt, Stephen? Hatte er vielleicht, so wie Hamlet, auch nur einen Geist gesehen? Fast erwartete er, durch ihn hindurch greifen zu können, doch wie seine Finger die Konturen der Hände nachzogen, spürte er den Widerstand von Fleisch. Die Haut war so bleich, daß auch die alten Narben kaum zu erkennen waren. Und kalt. Dies war die Wahrheit, kein Traum, keine Sinnestäuschung. Ein eiskalter Schauer durchlief ihn bei dem Gedanken, Stephen Maturins Geist würde die 'Surprise' auf ewig heimsuchen, ohne jemals Ruhe zu finden, im Jenseits ebenso verloren wie er selbst hier im Diesseits. Unter seinen Fingern fühlte er nur Kälte, keinen Puls, fast als hätte dieser Körper niemals Wärme oder Leben besessen. Dabei war das exakte Gegenteil der Fall gewesen... Er schloß kurz die Augen, ließ die Hand so lange auf Stephens Unterarm ruhen wie es dauerte, die aufsteigenden Tränen (Nicht hier, nicht jetzt!) hinunterzuschlucken. Ganz gelang es ihm nicht. Durch den Tränenschleier wirkte das Bild noch unwirklicher als zuvor, und er war dafür dankbar. Was träumst du jetzt, Stephen? Fragen über Fragen und niemand, der ihm bei der Suche nach Antworten helfen konnte. Er war auf sich allein gestellt, zum ersten Mal seit vielen Jahren gab es niemanden, an den er sich wenden konnte. Niemand, der ihn kritisierte. Niemand, der ihm zuhörte. Niemand, der aus Höflichkeit über seine schlechten Witze lachte. Niemand, der ihn trotz all seiner Fehler liebte. Nicht auf See, nein, er würde ihn nicht auf See bestatten. Die See war niemals Stephens Element gewesen, das würde er ihm nicht antun. Doch konnte er ihn auch schwerlich hier am anderen Ende der Welt zurücklassen, auf einer gottverlassenen Insel, wo es außer Sturmvögeln und Pinguinen kein Leben gab. Nun, gestand er sich ein und fühlte ein melancholisches Lächeln in seinem Mundwinkel zucken, Stephen hätte sicher nichts dagegen, aber er konnte sich nicht mit dem Gedanken anfreunden, das Grab so fern von England zu wissen und nicht die Möglichkeit zu haben, es aufzusuchen, wenn ihm danach war. Die Entscheidung mußte bald getroffen werden. Bald. Ein eigentümliches Wort, schien es doch als gebe es nach dem Jetzt nichts mehr. 'Bald' bezeichnete die Zukunft...Entscheidungen waren etwas für die Zukunft, also wieso sollte jemand, der für sich keine lebenswerte Zukunft sah, noch Entscheidungen treffen? "Mr. Martin", wies er schließlich den Mann an, den noch immer hinter sich wußte. Umdrehen wollte er sich noch nicht. Nicht bis er seine Fassung wiedererlangt hatte. Jeder Atemzug zitterte in seinen Lungen und seiner Stimme mangelte es an Autorität, doch zumindest klang sie ruhig und beherrscht. "Befehl an Mr. Lamb...er soll für einen luftdichten Sarg sorgen." Weder die See noch eine unbewohnte Insel für Stephen, er würde ihn nach Hause bringen, jede einzelne einsame Meile. Ihre letzte, gemeinsame Reise. "Aye, Sir." "Und Bonden...sobald du wieder an Deck bist, Kurs Nordnordwest." Bei gutem Wind waren es zwei Wochen bis Recife, dann vier bis Madeira und von dort aus nur noch ein kurzes Stück bis ins Mittelmeer hinein... Und danach... Wie würde Sophia die Nachricht aufnehmen? Dazu müßte er erst einmal die Worte finden, ihr zu berichten, was geschehen war. Sophia, den Kindern, Brigid...und Diana...selbst Diana hatte ein Recht, um diesen Verlust zu wissen, auch wenn ihre jüngsten Eskapaden ihn sich erneut wundern ließen, warum Stephen an einer Ehe mit ihr festhielt. Er hatte Stephen versprochen, sich um sie zu - Ihm wurde schwindelig. Killick - die ganze Zeit hatte er stumm dabeigestanden und durch keinen Laut seine Anwesenheit verraten - war schon zur Stelle und geleitete ihn hinaus bis in die Achterkajüte. Nichts sähe er weniger gerne als seinen Kommandanten ohnmächtig auf den Planken. "Kommen Sie, Sir, Zeit für 'ne Haarwäsche. So können Sie ja nich' rumlaufen. Außerdem Ihr Rock, Sir -" Mit einem einzigen Blick brachte er den anderen Mann zum Schweigen. Seine Kleidung war in einem erbärmlichen Zustand, das sah er ein, schließlich hatte man ihm zur Versorgung seiner Wunden das Hemd ganz vom Leib geschnitten und das rechte Hosenbein bis zur Hüfte aufgetrennt. Über den Verbänden trug er lediglich seinen Uniformrock und jenes Kleidungsstück, befürchtete er, war ebenfalls nicht mehr zu retten, ganz gleich was Killick damit anstellte. Unbewußt faßte er sich in den Nacken, fühlte nach den Haaren, die Blut und Schweiß zu einem starren Gebilde verklebt hatten. Killicks Vorschlag klang verlockend, aber... Wie gerne hatte Stephen das doch für ihn getan und wie selten hatte sich die Gelegenheit ergeben. Zehn Mal vielleicht in all den Jahren. Bei dem Gedanken an warmes Wasser und die Finger, wie sie durch die langen Locken kämmten, verwirrte Strähnen lösten und mit sanftem Druck seine Kopfhaut massierten, war ihm als müsse sein Herz zerspringen. Er war sich seiner Handlungen kaum bewußt, fühlte sich wie ein Beobachter seiner eigenen Taten, ein Schlafwandler gefangen in einem Wachtraum. Der Griff zum Messer...der Blick in den Spiegel, der ihm einen Fremden zeigte, der rasche, entschlossene Schnitt. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der Zopf auf die Deckplanken, und er hielt das schwarze Seidenband in Händen. Nie wieder würden die blonden Haare, praktisch ein Markenzeichen seit dem ersten Tag seiner Kommandantenlaufbahn, im Wind flattern. 'Goldilocks' Aubrey war Vergangenheit. Der Mann im Spiegel war die Zukunft und als dieser Mann schließlich an Deck trat, fand er keinen Trost im Anblick des Ozeans. Stattdessen stand er wie eine Statue an der Luvseite des Achterdecks, dem Platz, der traditionsgemäß dem Captain vorbehalten war. Ein vertrautes Bild, doch unvollständig.
Er stand dort allein, stundenlang, den Blick starr auf den Horizont gerichtet als läge dort die Antwort, zum Greifen nahe zwischen Wolken und Wellen. Wer glaubte, Tränen in den glasigen blauen Augen zu sehen, schrieb es der Einbildung zu. Es konnte schließlich nicht sein. Männer starben auf See, keiner wußte das besser als der Captain, das Leben, das sie führten, machte keinen Unterschied zwischen einfachen Matrosen, Offizieren oder Ärzten. Sicher, Captain Aubrey hatte einen guten Freund verloren, aber letztendlich war er doch stärker als Gefühle, stärker als...vieles. Genau wie ihr Kommandant sahen sie nur das, was sie sehen wollten. Was sie nicht sahen, war der zweite Leichnam, der in jener Koje unter Deck lag, die leere Hülle eines Mannes, der alles verloren hatte, was ihn aufrecht hielt. Stephen war immer der Stärkere gewesen, Jack Aubreys Kompaß, und dieser suchte nun vergeblich nach dem richtigen Kurs, denn alle Instrumente und höhere Mathematik waren nutzlos. Den ganzen restlichen Tag und die ganze Nacht verbrachte er an Deck, hielt Ausschau nach einer weit entfernten und für ihn noch unerreichbaren Küste, wo er erwartet wurde. Wenn der entscheidende Tag kam, die Gelegenheit, ihm zu folgen, würde er nicht zögern. Und bis dahin... Der nächste Morgen graute, und die Wachgänger begannen, hinter vorgehaltener Hand zu flüstern. Was war mit Captain Aubrey? Wie würde es mit ihm weitergehen? Nichts von dem Geschehen um ihn herum drang zu Jack durch. Blicklos starrte er in die bleigrauen Schatten, die das Schiff einhüllten. Für das Schiff begann ein neuer Tag, er selbst befand sich nach wie vor im Gestern. So nahm er die Hände nicht wahr, die ihn an den Armen faßten, ihm in seine Koje halfen, stumm und gleich einer Marionette auf nichts reagierend. Alles, was er spürte, war die Umarmung eines Phantoms, und diese Erinnerung verblaßte mit jedem Glasen der Schiffsglocke. Was am Ende blieb, war Kälte und sein eigener Herzschlag, entsetzlich laut in der Leere seiner Gedanken. Regelmäßig, ein hohles Echo. Wäre er nicht völlig taub für jegliche Empfindung, hätte er vielleicht einen entsprechenden Gedanken gefaßt, sich über das Geräusch gewundert. Wie konnte sein Herz noch schlagen, wenn es sich doch so tot anfühlte? Sollte es nicht eigentlich leiser werden, aus dem Takt kommen, anstatt ihn Schlag für Schlag daran zu erinnern, daß er lebte? Lebte. Was träumst du jetzt, Stephen? Gewiegt von den Wellen wie seit seinem ersten Tag auf See lag er da und wartete. Worauf? Er wußte es nicht. Es interessierte ihn auch nicht. Er könnte vielleicht schlafen, wenn dieses verfluchte Klopfen in seiner Brust nicht so laut wäre. So laut... Unerträglich. Der rhythmische Doppelschlag wollte einfach nicht aufhören, egal wie sehr er sich das auch herbeisehnte. Wieder und wieder und wieder... Niemals hatte er etwas mehr gehaßt, ohne zu wissen, daß er es tat. Sie hielten Nordkurs mit zwei Strich Abweichung nach Westen, zumindest zeigte der Tochterkompaß am Balken über seinem Kopf das an. Aber er mochte sich auch irren, denn das Bild war unscharf, klärte sich auch durch wiederholtes Blinzeln nicht auf. Wurde dunkler. Das Instrument war von einer unnatürlichen, nie gekannten Bedeutungslosigkeit, genau wie der Ruf des Lotgasten vom Vorschiff, daß sie jetzt zehn Knoten Fahrt machten. Erst wenn er schlief, würde er Ruhe finden. Sein Herz schlug weiter. Unerbittlich. Weiter. Weiter. Irgendwann fielen schließlich seine Augen zu, gewährten ihm endlich den ersehnten Anblick. Der Alptraum fand ein Ende. "Ich habe dich vermißt", murmelte er. Mehr nicht, denn die Antwort übertönte sein Herz, brachte die Stille zurück. Solange du schläfst, Jack...
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