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Confiteor© by Jimaine ()
Anders als die meisten Seeleute habe ich die Westindischen Inseln mit ihren exotischen Reizen nie sonderlich gemocht und in meiner derzeitigen Verfassung ist die feuchte Hitze Jamaikas mehr als unangenehm. Der Schweiß läßt einem das Hemd am Leib kleben, die Luft ist zum Schneiden dick und nicht der leiseste Windhauch dringt durch das vergitterte Fenster, um uns Erleichterung zu bringen. Bei jeder Bewegung spüre ich die frische Wunde, die sich quer über meinen Bauch zieht. Der Schmerz ist leicht zu ertragen, es sind vielmehr die Fäden, die mir Unbehagen bereiten, und der Anblick eines Menschen, dessen Verletzung viel tiefer geht als dieser Schnitt. In seinem Stillschweigen klingt sein verzweifelter Schrei umso lauter. Wie er dasteht, die Gitterstäbe umklammert als könne er sie aus dem Mauerwerk reißen und dadurch verhindern, was längst entschieden ist... Lieutenant Horatio Hornblower. Und hier sitze ich... Das Buch, in dem ich eben noch geblättert habe, ohne daß mein Auge einen vollständigen Satz aufnehmen konnte, ist vergessen. Es ist ohnehin nicht meins. Shakespeare...die Sonette. Ein Lesezeichen bei Nummer 71. _'Nicht länger trauere du um meinen Tod'..._ Es heißt, erste Eindrücke seien diejenigen, die am längsten andauern, und der erste Eindruck, den ich bekam, war...ungewöhnlich. Ich hatte schon von ihm gehört, Horatio Hornblower, sein Ruf eilte ihm voraus. Vor sechs Monaten konnte ich dann dem, zugegeben etwas lächerlichen, Namen ein Gesicht zuordnen, und seltsamerweise wußte ich bereits in jenem Moment, als ich auf dem Rücken an Deck lag und zu ihm aufsah, daß ich dieses Gesicht wohl nicht vergessen werde, solange ich lebe. "Horatio Hornblower, Third Lieutenant." Er half mir auf die Füße und aus der Silhouette gegen den blauen Sommerhimmel wurde ein Mann. Viel zu jung für diesen Rang an Bord eines 74-Kanonen-Schiffes wie der 'Renown', wie mir schien, doch sein Umgang mit den Männern ließ mich rasch umdenken. Er war schon lange viel älter als seine Jahre, und heute... heute ist er gewiß um ein ganzes Jahrzehnt gealtert. Längst vergessen ist der Midshipman, der in Spithead seekrank war, er ist Commodore Sir Edward Pellews Protégé, ein Mann von erstaunlichem Potential, der ältere und erfahrenere Seeleute mühelos überflügelt und beste Aussichten hat, seinen eigenen Commodore-Wimpel am Großmast aufzuziehen, bevor er die Vierzig erreicht. Seine Leistungen sind der Stoff, aus dem die Geschichten sind, die man sich in der Flotte erzählt. Was die Geschichten nicht erwähnen, ist der Preis, den er für seinen Erfolg zu zahlen hat. Die Menschen, die in sein Leben treten und ihn dann verlassen, unerwartet und plötzlich, und nie ohne einen Teil von ihm mitzunehmen. Hoffentlich wird er mir eines Tages verzeihen, was ich heute zugelassen habe. Wird mich von der Schuld freisprechen und verstehen.
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Binnen der ersten Minuten an Bord spürte ich bereits die Spannungen zwischen dem Captain und seinen Offizieren. Etwas stimmte nicht, doch nahm ich mir vor, mich davon nicht beeinflussen zu lassen. Als Außenstehender war es ratsam, sich nicht in schwelende Konflikte innerhalb der Befehlskette einzumischen, insbesondere wenn man die beteiligten Personen nicht kannte und nicht einschätzen konnte. Ich würde meine Aufgaben gewissenhaft wahrnehmen, meine Pflicht tun, dann wäre ich nach allen Seiten abgesichert. Genauso gut hätte ich versuchen können, den Wind zu lenken. "Sie kennen demnach Captain Sawyer nicht, Sir?" "Ich kenne seinen Ruf." Archies verschmitztes Lächeln war fast aufsässig zu nennen. "Als Captain zur See... oder als Mensch?" Zu spät verstand ich die Anspielung...die Warnung...
Wenig später, bei der Verkündung des Reiseziels - Santo Domingo - zeigte sich das unbeständige Gemüt des Captains zum ersten Mal. Horatio wurde für seinen Kommentar gerügt, ich für den meinen gelobt, und ein durchdringender Blick machte deutlich, was er davon hielt. War ich Freund oder Feind? Für oder gegen sie? Jetzt erst allerdings wird mir klar, was ihnen wirklich durch den Kopf ging: Sie warteten, daß der Captain gleich zu Anfang sein wahres Gesicht zeigen und mir die Lektion erteilen würde, die sie alle schon hatten lernen müssen. Doch der Temperamentsausbruch blieb aus. Von Lieutenant Buckland, dem ersten Offizier und meinem unmittelbaren Vorgesetzten, konnte ich nicht viel Unterstützung erwarten. Sein Verhalten gegenüber Sawyer vermittelte schon am ersten Abend den Eindruck eines Mannes, dessen Sorte man in der Flotte immer wieder begegnet. Männer, die nie etwas wie Eigeninitiative und Selbstbewußtsein entwickelt haben, sei es nun, weil sie diese Qualitäten nie besaßen oder - und das kommt häufiger vor - weil sie nie die Chance hatten, sie zu entwickeln. Weil sie nie Bestätigung erfuhren, sich beweisen konnten, sondern im Schatten der Anführer ihre Zeit absaßen und so durch die Ränge aufstiegen, ohne nennenswerte Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Captain Sawyer mag in der Flotte eine Legende sein, der Held von Abukir und Kap St. Vincent, aber ich lernte den anderen Mann kennen, James Sawyer, den Menschen. Mr. Kennedys Worte gewannen schon sehr bald an Bedeutung.
Und dann war da noch Wellard, an dessen Schicksal ich mich nicht minder schuldig fühle. Wellard. Eigentlich hat mit ihm alles angefangen. Mein folgenschwerster Irrtum. Nach vier Wochen auf See war aus dem frischen, sommersprossigen Gesicht eine Maske geworden, mit der der Junge versuchte, wie der Mann zu wirken, als der er gelten wollte. Bleich und teilnahmslos verrichtete er seinen Dienst, zuckte zusammen, wenn jemand ihn nur ansprach. Lachen konnte er nicht mehr, Angst und Wut über die ungerechte Behandlung hatten den Platz von jugendlicher Heiterkeit eingenommen. Anfangs hatte ich mir nichts bei der Bestrafung eines Fähnrichs gedacht. Jeder Captain hat seine Eigenarten - der eine läßt durchgehen, was einem anderen empfindlich aufstößt - und was war schon dabei, daß ein besserwisserischer Bursche die Kanone küssen durfte? Das Leben in der Marine ist ein hartes, und jeder Offizier bis hoch zum Admiral kann sich an Begegnungen mit dem Rohrstock oder gar der Katze erinnern. Aber James Sawyers Gerede von 'Respektlosigkeit', 'Lügen' und 'Verschwörung', seine Obsession mit 'Loyalität' und 'Treue', nahm lächerliche Ausmaße an. Viele seiner Befehle entbehrten jeglicher Vernunft und es sah nicht so aus als würde sich dieser Zustand jemals wieder bessern. Der Großteil der Besatzung zollte ihm den Respekt, den er verlangte, doch zu viele respektierten ihn nur aus Furcht, und bei einigen wenigen war es Mitleid mit einem Mann, dessen Ruhmesjahre lang verstrichen und dem nur noch sein Name und der damit verbundene Mythos geblieben waren. Vielleicht widerstrebte es Dr. Clive deshalb, sich gegen ihn zu stellen, wie ein objektiv handelnder Arzt es hätte tun sollen. Als langjähriger Vertrauter des Captains war er vermutlich hin und her gerissen zwischen Pflicht und Freundschaft, ein Zwiespalt, in den ich niemals kommen wollte und bislang auch niemals kam. Bis heute.
Nachträgliche Schönrederei ändert nichts an den Tatsachen, an meinem Versäumnis. Ich hätte mehr auf Wellard eingehen sollen - hätte Initiative zeigen sollen, vielleicht wäre es dann nicht soweit gekommen. Vielleicht. Stattdessen war ich übervorsichtig, wartete auf eine bessere Gelegenheit für ein Eingreifen, und schaffte es allein durch Jahre der Erfahrung, auf dem schmalen Grat zu wandeln, ohne zu fallen. Zu fallen. Wie Captain Sawyer.
Wellard... Allein Archie Kennedy ging das Risiko ein, aufzubegehren, nur um von Hornblower in seine Schranken gewiesen zu werden. Seinem Freund Horatio nahm er das aber nicht übel, nein, auch nicht Captain Sawyer selbst. Einem geistig verwirrten Mann kann man schlecht einen Vorwurf machen, man bemitleidet ihn eher als daß man ihn verurteilt. Sein Zorn galt mir allein, äußerte sich in dem knappen "Aye, Sir", das er an mich richtete. Ja, Fourth Lieutenant Kennedy beherrschte die Kunst der Worte zwischen Worten perfekt. Während der ersten Strafmaßnahme stand ich oben an Deck, und alles, was ich fühlte, war Scham. Scham, weil ich wußte, daß Archie tat, was ich tun wollte (tun sollte), aber nicht konnte. Anteil nehmen.
Um mich herum standen die Offiziere und Mannschaften, niemand ließ sich anmerken, wie er über die Entscheidung des Captains dachte. Dunkel erinnerte ich mich, Freude empfunden zu haben, auf die 'Renown' versetzt worden zu sein, doch mit jedem Zischen des Rohrstocks verblaßte die Freude, wandelte sich Stolz zu Ohnmacht. Stolz zu sein hieße, mich an dieser Ungerechtigkeit zu beteiligen. Ich konzentrierte mich ganz auf das Fernrohr in meinen Händen und verbannte meine Umgebung aus meiner Wahrnehmung. Fast war mir als spürte Captain Sawyer, wem meine Sympathie galt, und legte es darauf an, gleich von Anfang an einen Keil zwischen mich und die "aufrührerischen Lieutenants" zu treiben, mich zwischen die Fronten zu manövrieren und dort zu halten. Mich zu entscheiden hieße, entweder ihn zum Feind zu haben oder die beiden Männer, deren Gesellschaft auf diesem Schiff die einzige willkommene Wärme darstellte. Die Art, wie er meine Meinung Wellard betreffend einholte, zwang mich zur Untätigkeit, und er schien meine Zerrissenheit zu genießen - denn als ich das sagte, was ich für eine Möglichkeit hielt, ihn zu besänftigen, lachte er und nannte mich 'zu ehrlich'... Ehrlich... Zu mir selbst jedenfalls nicht, und das werde ich mir nie verzeihen. Möglicherweise hätte ich mit etwas 'Ehrlichkeit' die zweite Prügelstrafe verhindern können, die noch willkürlicher war als die erste. Schließlich stand ich dabei, als Wellard, graugesichtig und mit verhaltenen Bewegungen, aus denen ein Schmerz sprach, den Dr. Clives Laudanum nicht lindern konnte, nach Worten rang, hilflos unter Sawyers bohrendem Blick. Abermals war es Kennedy, der für den Jungen Partei ergriff, diesmal sogar offen. Gegenüber dem Captain, und dann, als er damit unbeabsichtigt dessen Wahnvorstellung von Ungehorsam und drohender Meuterei noch bestärkte, auch mir gegenüber. Und ich konnte ihm noch nicht einmal übelnehmen, daß er sich im Ton vergriff, spiegelte dieser doch meine eigenen Gefühle wieder. Ich ließ ihn nicht sehen, wie tief seine Worte drangen. Hornblower dagegen mimte den stillen Beobachter, ließ sich nichts anmerken, nicht das kleinste Gefühl, eine Tugend, die ich in jedem Mann respektiere, nicht zuletzt weil sie für mich eine Selbstverständlichkeit ist, und im Fall dieses jungen Offiziers fast so etwas wie Vertrautheit trotz offensichtlicher Differenzen schuf. Er verstand die Gründe für mein Handeln, für meine Rüge bezüglich Mr. Kennedy, und signalisierte seine Einsicht, ohne einen Kommentar abzugeben.
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Die passive Haltung zu wahren stellte sich als unmöglich heraus und das sogar früher als erwartet. Beziehungsweise 'befürchtet'. Eine sichere Grauzone gab es nicht, so sehr Lieutenant Buckland auch versuchte, sich einzureden, daß sie existierte. Die Lage ließ nur Schwarz oder Weiß zu. Sawyer oder Hornblower. Mein Vorsatz, abzuwarten, neutral zu bleiben, löste sich im Schall und Rauch einer Kanonensalve gegen zwei französische Fregatten auf. Zum ersten Mal erlebte ich Hornblower in einer Gefechtssituation, unter Druck, jede Sekunde zählte... und ich fing an zu verstehen. Nein, verstehen wäre zuviel gesagt. Niemand kann wirklich verstehen, wie er denkt. Aber wie ich ihn arbeiten sah, ihn beobachtete, bekam ich eine Ahnung von dem Mann, den Captain Sawyer als eine Bedrohung seines Kommandos ansah. Sich Hornblower anzupassen war eine automatische Reaktion auf etwas, für das ich keinen Namen hatte; es war fast unmöglich, nicht beeindruckt zu sein von seinem blitzschnellen Denkvermögen und der Entschlossenheit, mit der er Entscheidungen traf, die Stückmannschaften kommandierte. Anschließend in der Achterkajüte machte Mr. Kennedy keinen Hehl aus seiner Begeisterung, und dieser Enthusiasmus war so unverfälscht, so ansteckend in seiner Ehrlichkeit, daß ich mich beinahe zu einer Bemerkung hätte hinreißen lassen, die ungefähr das wiedergab, was in und insbesondere zwischen seinen Worten mitklang. Früher oder später würde ich genauso empfinden, das wurde mir schlagartig klar, und die einzige Möglichkeit, diese Entwicklung abzuwenden, wäre ein sofortiges Verlassen des Schiffes. Mit dem Wissen um diese *Empfänglichkeit* für das Charisma eines einzelnen Mannes kam jedoch auch etwas anderes, eine seltsame innere Unruhe. Ich fühlte mich...verletzlich. Sawyers Eintreten bereitete dem fröhlichen Gespräch ein jähes Ende.
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Zuviel geht mir innerhalb weniger Sekunden durch den Kopf. Bruchstückhaft wirbeln Bilder und Gefühle durcheinander, trüben meine Sinne wie von einem fallenden Anker aufgewühlter Sand das Wasser. Horatio, der mit ausdruckslosem Gesicht Wellards Bestrafung beiwohnt, ein ums andere Mal. Horatio, der kühl und berechnend das Wort *Meuterei* zum ersten Mal ausspricht. Horatio, der mit mir die Kanonendrills durchführt und anschließend nackt unter dem Strahl der Pumpe an Deck steht, lachend und scheinbar - vielleicht entspricht in diesem Moment sogar der Schein der Wirklichkeit - unbeschwert. Horatio, der das auf Grund gelaufene Schiff rettet und mein Leben gleich dazu. Der strahlende Horatio nach der Eroberung des Forts und der überraschte Horatio, der kaum fassen kann, daß Archie und ich mit ihm zurückbleiben, um die Stellung zu sprengen. Und dann Horatio, der rechtzeitig zurückkehrt, um die 'Renown' für die Krone zu retten, doch zu spät, um das gleiche für seinen Freund zu tun. Wie leicht es war, Horatio zu vertrauen. Wie leicht, mit Archie zu lachen. Wie gut es sich anfühlte, sich von der Lebenslust mitreißen zu lassen, die sie ebenso ungeniert ausdrückten wie ihre Begeisterung für den Kampf und den Sieg. Was jetzt kommen mag... Wir werden nie wieder die sein, die wir waren, der Tod eines Mannes hat uns für immer verändert und diese Wandlung läßt sich nicht umkehren. Anders als Horatio kann ich nicht auf Jahre der Kameradschaft zurückblicken. Die Erinnerungen sind mir deshalb aber nicht weniger kostbar. Nie zuvor habe ich einem anderen Menschen weit genug vertraut, um mit ihm in den sicheren Tod zu springen. Es ist eine Sache, einem verletzten Kameraden beim Sterben zuzusehen. Aber zu wissen, daß die Kugel, die ihn traf, eigentlich in einer anderen Brust steckt, sein Blut aus einem fremden Herzen fließt... Archie Kennedy sieht dem Ende mit einer Gelassenheit entgegen, die mich erstaunt... anrührt... und beschämt. Er hat sich damit abgefunden. Der eigene Tod scheint ihn weniger zu bedrücken als die Sorge, wie Horatio damit umgehen wird. Horatio, es ist immer Horatio. Seine Art, zuerst an seine Männer zu denken und erst dann an sich, ist Teil seiner Natur, das totale Fehlen einer Ich-Bezogenheit, des Interesses am eigenen Vorteil, der eigenen Person... das Markenzeichen eines unfreiwilligen Helden, dem Ruhm nichts bedeutet. Doch der Tod scheint ihn bewußt zu verschmähen, ganz gleich wie oft er sich ihm anbietet. Es sind die anderen, die sterben. Keine Ahnung, wie viele es bereits gewesen sind, aber Archie ist nicht der erste. Dieses eine Mal widersetzte sich Archie dem indirekten Befehl, sprach Horatio das Vorrecht ab, sich opfern zu dürfen und nahm seinen Platz ein. Es würde gewiß nichts ändern, wenn ich ihm sagte, daß ich ihn erschossen habe, den Spanier, durch dessen Muskete Archie verwundet wurde, oder? Ob Horatio wirklich gewußt hat, wie sehr Archie ihn verehrte? Ob er das Funkeln in den blauen Augen sah, das weniger mit Schalk und Witz zu tun hatte als mit kaum verborgener Bewunderung. Bedingungsloser Treue. Dankbarkeit. Liebe.
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Ich brauchte eine Weile, um klar zu sehen. Diese Art von Loyalität lässt sich mit keinem Geld der Welt erkaufen, keine Vorschrift kann einen Mann zwingen, sich für einen anderen aufzugeben. Horatio Hornblower hat das gewisse Etwas, das die Männer dazu bringt, das Beste in sich selbst zu finden und einzusetzen und niemals nach dem Warum zu fragen. Ich habe selbst erlebt, wie es ist, sich von ihm mitreißen zu lassen. Er beflügelt einen zum Unmöglichen, die Wagnisse, die er eingeht, lassen selbst die Taten größerer Männer verblassen.
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Allein Archie gelingt es nun, ihn zu übertreffen. Dieses einzige Mal.
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Seine Präsenz, sein Charisma, ist Motivation genug. Eine beiläufig geäußerte Idee von ihm wiegt mehr als die ausdrückliche Order eines anderen. Er ist zum Führen geboren, gibt Befehle mit einer Selbstverständlichkeit, die sowohl bewundernswert wie irritierend ist in ihrer Natürlichkeit. Ein Grund, weshalb ich mich seinen Befehlen unterwarf, obwohl ich faktisch sein Vorgesetzter war. Ich hatte das Kommando, doch Lieutenant Hornblower kommandierte. Trotz all seiner Autorität und Entschlossenheit ist er dennoch, was er ist. Ein junger Mann, der mehr verloren als gewonnen hat. Ein junger Mann, der von sich alles andere als überzeugt ist und sich an seinen Selbstzweifeln zugrunde richtet, egal wieviel Bestätigung ihm die Welt zukommen läßt. Erfolg führt nur dazu, daß er umso härter mit sich ins Gericht geht und die Bewunderung für ungerechtfertigt hält. Wahrlich ein Teufelskreis. Das Mitleid, das ich jetzt bei seinem Anblick empfinde, - die Zuneigung - läßt mir die Zunge am Gaumen kleben. "Wo ist Mr. Kennedy?" "Oh..." Wie soll ich es sagen? Wie der Wahrheit den Stachel nehmen? "Irgendwo in der Nähe." "Ich hatte gehofft, ihn noch einmal zu sehen, bevor ich zurück ins Gericht muß." "Und sehen werden Sie ihn." Lügen kann ich nicht, nur bewußt vage sein. Etwas stirbt in seinen Augen, als er begreift. Hoffnung, glaube ich. Die Dinge, die er hätte sagen sollen... ich sehe, daß er sie nicht gesagt hat. Jedenfalls nicht laut, nicht direkt. Anders als Shakespeare, anders als Archie, fehlten ihm die Worte, und jetzt muß er erkennen, daß es zu spät ist. Zu spät für ein Geständnis. Zu spät, die ihm entgegengebrachte Zuneigung zu erwidern. Zu spät für alles. Ich kann nicht sagen, daß ich ein Mensch bin, der seinen Gefühlen leicht Ausdruck verschaffen kann - es ist nicht meine Art - und noch seltener ist es mir vergönnt, Einsicht in die Gefühle anderer zu haben. Allein Horatio Hornblower, in diesem einen kurzen Moment, ist ein offenes Buch für mich. Und nie zuvor hat mir etwas so weh getan. Das, was mir entgegenschlägt, ist nicht Haß und auch nicht Wut. Eher Unverständnis darüber, daß jemand so etwas für ihn tun konnte. Daß er es wert war. Nein, Horatio hätte es nie zugelassen, hätte nie die Entscheidung treffen können, über die Mr. Kennedy nicht einmal eine Sekunde nachzudenken brauchte. Er traf sie, ohne mit der Wimper zu zucken. So ruhig, so entschlossen... Wäre ich an seiner Stelle... was würde ich wohl tun? Könnte ich mein eigenes Leben so weit zurückstellen, auf jedweden Vorteil für mich verzichten, nur um mir ein Nicken oder ein schwaches Lächeln von einem anderen Menschen zu verdienen, und diesen Lohn als kostbarer anzusehen als Gold? Das werde ich wohl erst wissen, wenn ich eine solche Entscheidung treffen muß. Auf meine nie gestellte Frage, warum er es täte, antwortete er mit einem langen Blick und drückte mir das Buch in die Hand. Es habe ihn seit seinem ersten Tag auf See begleitet, ihm oft die Worte gegeben, die er selbst nicht finden konnte. Mich überraschte nur, wie ruhig ich war. Was immer Horatio für ihn getan hat, es muß bedeutsam genug sein, daß er dafür bereit ist, nach dem überstandenen Fegefeuer namens 'Renown' freiwillig unser aller Platz in der Hölle einzunehmen. Nicht für mich, allein für Horatio. Er schien meine Gedanken zu ahnen, denn er sagte, "Ich war schon in der Hölle. Zwei Mal sogar. Beide Male hat er mich gerettet. Wenn ich ihm die Erfahrung ersparen kann, dann tue ich es. Ich weiß, was mich erwartet. Ich habe keine Angst." Und er lächelte, geradezu zufrieden. "Wenn ich Glück habe, überlebe ich die Nacht nicht, und sie haben den Galgen ganz umsonst aufgebaut."
Das Buch. Sonett 71. Während der letzten Stunde habe ich es so oft gelesen, daß ich es auswendig kann. Die Zeilen haben sich in mein Gedächtnis gebrannt und ich kann sie nicht vergessen, nicht einmal wenn ich es wollte. "'So sprich nicht einmal meinen Namen aus; Die Liebe laß mit meinem Tod vergeh'n, Daß deinen Schmerz die kluge Welt nicht sieht Und dich verlacht, wenn ich vom Leben schied.'" Diese Sorge ist unbegründet, Archie, ich bin mir sicher, Horatio wird niemandem zeigen, wie hart ihn der Verlust trifft und wie viel härter noch er sich selbst dafür bestraft. So viel habe ich schon über ihn gelernt, ich hatte einen guten Lehrer. Ich versuchte nicht einmal, ihn umzustimmen, hatte aufgegeben, bevor mir überhaupt der Gedanke kam, daß ich eigentlich eingreifen müßte. Ein schwaches Nicken war meine einzige Antwort und ich nahm das Geschenk an. Die Bürde. Mit dem Buch hat er nämlich noch etwas anderes weitergegeben: die Verantwortung für Horatio. Denn auch wenn dieser für alles und jeden die Verantwortung übernimmt, sich unser aller Leben aufbürdet, bis er unter der Last zusammenzubrechen droht, sollte jemand aufpassen, daß er dabei nicht zu Schaden kam.
Soviel hatte Archie auf seine unnachahmliche Art angedeutet, als wir an jenem Tag auf der 'Renown' gemeinsam Wache standen, diese förmliche Geste, mit der er jedoch signalisierte, daß er mich akzeptierte. Seite an Seite standen wir auf dem Achterdeck und bis auf einige kurze Gespräche verbrachten wir die ganze Vormittagswache in seltsam harmonischem Schweigen. Lieutenant Horatio Hornblower sei der beste Freund, den ein Mann sich wünschen könne, sagte er. Eine simple Feststellung und als solche eine Offenbarung. Plötzlich war alles so klar gewesen. Sein Verhalten, das mir vom ersten Augenblick an in gleichem Maße impertinent wie liebenswert erschienen war, hatte nichts mit Mangel an Respekt zu tun gehabt, nur mit Mißtrauen. Denn ich war der unbekannte Faktor, der Horatio schaden könnte. Ohne auf bestimmte Ereignisse einzugehen, erwähnte er beiläufig, daß er Horatio alles verdanke, sein Leben sei noch das geringste. Auch daß der Mann, dem nun nach über zwei Tagen ununterbrochener Wache endlich Schlaf vergönnt war, zwar geniale Pläne aushecken mochte, weil er in Bahnen dachte, die sonst niemandem einfielen, es aber manchmal nötig sei, ihn vor sich selbst zu schützen. Zu leicht nämlich verlor Horatio den Blick für die Details, wenn er zielsicher auf den Erfolg zusteuerte und diesen mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit errang. Zu groß war das Risiko, daß er sich so aus der eigenen Brillanz einen Strick drehte, denn die Gabe, vielerlei Gegebenheiten, mögliche Handlungswege und deren Konsequenzen bereits im Vorfeld zu erkennen, ohne sie Schritt für Schritt durchdenken zu müssen, kann den Unmut der Leute provozieren, die für eine Analyse und Abwägung der Auswirkungen ihres Handelns mehr Zeit brauchen. Die wenigsten Männer haben es in sich, Größe in anderen zu tolerieren und nicht, anstelle von Bewunderung, Niedertracht oder Eifersucht zu empfinden.
Der tollkühne Angriffsplan auf Fort Samaná bestätigte Archies Aussage. In jener Nacht wagte ich es noch, Horatio auf Captain Sawyers Unfall anzusprechen und unterstellte, daß er wisse, was wirklich geschehen sei. Ich verlangte, die Wahrheit zu erfahren, aber er wich einer Antwort aus, leugnete jedes Wissen. Sein überraschtes Schweigen - er hatte nicht damit gerechnet, daß ich ihn konfrontieren würde, nicht nachdem ich mich auf seine Seite geschlagen hatte - währte eine entscheidende Sekunde zu lange. In meinem Herzen kannte ich die Wahrheit bereits... Warum ich meinte, dieses Gefühl unbedingt bestätigt bekommen zu müssen, weiß ich mittlerweile nicht mehr. Eigentlich ist es jetzt egal. Nach dem heutigen Tag wird niemand mehr Fragen stellen. Niemand wird wissen wollen, was wirklich geschah. Daß ein hochdekorierter Flottenkapitän zu einem Schatten seiner Selbst wurde, ein furchtsamer, verwirrter Mann, der Verschwörungen in allen Winkeln witterte. Daß ein Lieutenant die Kommandorolle übernehmen mußte, obwohl er damit denkbar überfordert war, und aus Verzweifelung über seine Fehler diese auszumerzen versuchte, indem er den Mann, der ihm diese ungewollte Last aufgebürdet hatte, mit einem Selbstmordkommando beauftragte. Sie werden dem offiziellen Urteil des Gerichts Glauben schenken und in den Geschichtsbücher festhalten, daß Lieutenant Archibald Kennedy ein Meuterer war, der Mörder von Captain James Sawyer. Niemanden wird es interessieren, daß der Sündenbock in Wahrheit ein Opferlamm war.
Zunächst wie gelähmt weicht er im nächsten Augenblick vom Gitter zurück, eilt zur Tür. "Marine!" Ah, zu spät, Horatio, zu spät. Du triffst Entscheidungen für uns alle, für das Schiff und die Mannschaft, und Archie hat seit jeher deinem Vorbild nachgeeifert. Seine Entscheidung ist in diesem Fall viel persönlicher, betrifft nur dich. Seinen Freund. Den Mann, den er liebte. Ich verstehe ihn zu gut. Nur leider ebenfalls viel zu spät. Und mit welchen Worten macht man einem Mann begreiflich, daß er den sterbenden Freund gewähren lassen soll, seinem Tod nicht den Sinn nehmen darf? "Warten Sie", versuche ich es und meine Stimme klingt in meinen eigenen Ohren so zaghaft wie die eines Jungen, "warten Sie, Mann, es mußte getan werden." Auch ich bin nicht unverwundbar. Sein Blick ist wie ein Fausthieb ins Gesicht und ich schließe die Augen, nehme den Schmerz ergeben hin. Nur weiter, Horatio, schlag' zu, das Kriegsrecht gilt hier nicht. Ich bin schuldig im Sinne der Anklage. In den dunklen Augen liegt keine Trauer, kein Schmerz über den Verlust eines Freundes, sondern eine eiskalte Leere, aus der keine Tränen fließen können. Was ich in jenem Moment empfand, als Archie mich ansprach, mich um Hilfe bat, läßt sich mit Worten schwer beschreiben. Trauer... Wut... Mitleid... Den innigen Wunsch, Geschehenes ungeschehen zu machen, einen bestimmten Tag noch einmal zu leben. Den heutigen Tag zu verhindern, die Ereigniskette, die mit Wellard begonnen hatte, zu unterbrechen, bevor Colonel Ortegas Kugel ihr Ziel fand. Deshalb half ich ihm aufzustehen, hielt ihn fest, während Dr. Clive einen zusätzlichen Verband anlegte, und half ihm in seine Uniform für den letzten Gang, den er jemals machen würde. Deshalb band ich ihm das Haar zurück und reichte ihm mit einem erzwungenen Lächeln den Hut. Deshalb sah ihm nach, als er ging, Schritt für Schritt gestützt von Dr. Clive, jedoch aufrecht und stolz, unterwegs, um zwei Leben zurückzukaufen. Deshalb. Für Worte des Abschieds war er zu schwach, schaffte nur ein Nicken und ein kaum vernehmbares "William". Und die ganze Zeit lang, bis hin zu dem Moment, wo er aus der Tür ging, an die Horatio nun verzweifelt hämmert, konnte ich nicht antworten, konnte nicht einmal seinen Namen aussprechen und die großzügige Geste - mein Leben - in irgendeiner anderen Weise anerkennen als durch mein betroffenes Schweigen. Genau wie jetzt. Ich sehe Horatio stumm an und sehne mich nach einem Schluck Wasser, nur befürchte ich, daß die Flüssigkeit die Enge in meiner Kehle freispülen und Platz für Worte schaffen würde.
Der Marine draußen reagiert, Schlüssel rasseln. Zu spät. Horatio geht und die unsichtbare Last auf meinen Schultern zwingt mich in die Knie, drückt mich zurück auf das wackelige Bett. Wann ich die Kraft haben werde, aufzustehen und diese Zelle zu verlassen, Horatio in die Freiheit zu folgen, weiß ich nicht. Archie Kennedy hat ihn ein letztes Mal vor dem Strick gerettet, Horatio Hornblowers Schicksal liegt nicht länger in seinen Händen. Ich will verdammt sein, wenn ich diese Aufgabe nicht übernehmen und meine Schuld abbezahlen kann.
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