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Interlude© by Jimaine ()
"Herzlichen Glückwunsch zu den Seehunden, Bruderherz", sagte Stephen, als Jack an den kleinen, goldenen Strand gewatet kam, wo das Skiff inzwischen längst unbeweglich hoch auf dem Trockenen lag. "In den Augen der Guten und der Weisen gibt es nichts Glücksverheißenderes als die Gesellschaft von Seehunden." "Ich habe sie schon immer gemocht", sagte Jack und setzte sich triefend aufs Dollbord. "Ich bin sicher, wenn sie sprechen könnten, würden sie etwas Nettes sagen. Aber mal was anderes, Stephen, hast du das Frühstück ganz vergessen?" Vergessen? Das sollte wohl ein Scherz sein, ein Scherz, der noch weit unter Jack Aubreys üblichem Niveau lag. Die knusprigen Eier, Speck, Toast und Sophias Marmelade vergessen? Dazu Killicks exzellenten Kaffee, dessen Zubereitung so ziemlich das einzige Talent war, das jener Sauertopf von Steward neben dem Polieren des Tafelsilbers besaß? Nein, durchaus nicht, nur als ein Mann, der im Mittelmeerraum aufgewachsen war, hatte es Stephen Maturin versäumt, ein genaues Auge auf den Tidenhub im Englischen Kanal zu haben. Und nun würde er ohne Jacks Hilfe nicht vor heute Nachmittag von dieser Insel wegkommen. Zu dumm. Einmal mehr würde er bei Rückkehr aufs Schiff mitleidige Blicke und Kopfschütteln ernten, denn Jacks Kommen bedeutete, daß jeder Seemann, der im Besitz von auch nur zwei seiner fünf Sinne war, die mißliche Lage des Schiffsarztes ebenfalls erkannt hatte. Die Gewißheit, erneut der Grund allgemeiner Belustigung zu sein, ärgerte ihn doppelt so sehr wie seine eigene Unachtsamkeit. Oder die Bemerkung, die Jack soeben über seine mangelhaften Schwimmkünste machte. "Die Männer machen einen guten Eindruck." Die Aussage war unverfänglich und reichte aus, um vom Thema Gezeiten abzulenken. "Findest du, Stephen?" Jack strahlte voll Stolz übers ganze Gesicht und nickte, während er sich die Haare auswrang und dann mit einer wilden Kopfbewegung ausschüttelte. "Ich denke auch, sie sind soweit. Bestimmt könnten sie jetzt blind in St. Martin herumrudern. Es müßte schon mit dem Teufel zugehen, wenn der Plan nicht gelingt. Die 'Diane' ist uns sicher." Das war gut zu hören, doch hielt er sich mit seiner Begeisterung zurück. Seit einer guten Woche lagen sie nun schon in der Bucht vor Polcombe, und damit bei der neuen Mannschaft jeder Handgriff saß, ließ Jack zwei Drills pro Nacht durchführen. Mitunter sogar drei. Bei Wind und Wetter. Er kannte kein Pardon, ließ die Männer jede mögliche Variation des Szenarios durchexerzieren. Schließlich, so hoffte er, würde ein Erfolg seine Rückkehr in die Royal Navy beschleunigen, eine Hoffnung, die er nicht aufgeben wollte. Nicht aufgeben konnte.
Stephen wünschte ihm nichts mehr als das. Die Navy war Jacks Leben gewesen, die blaue Uniform sein Daseinszweck, und mit einem Schiff unter den Füßen hatte er alles gehabt, was dieses Leben ausmachte, bis eine Jury der City of London ihn schuldig gesprochen hatte. Einmal mehr bedauerte Stephen, die Verhandlung verpaßt zu haben - nicht daß er sie hätte beeinflussen können - aber die Auktion des Schiffes hatte in Portsmouth stattgefunden und man hatte ihn erst für den dritten Tag als Zeugen eingeplant. Nur hatte es diesen dritten Tag nie gegeben, der Schauprozeß war viel schneller beendet worden als erwartet. Und mit dem schlimmsten vorstellbaren Urteil. Ein Schiff, auch wenn sein Name 'Surprise' lautete, war ohne die Uniform praktisch bedeutungslos. All dies änderte natürlich nichts an Jack Aubreys Qualitäten als Kommandant und seiner Erfahrung als Seemann, doch wer ihn an Deck stehen sah, in seiner Zivilkleidung, mußte den Eindruck eines ehemals stolzen Löwen gewinnen, dem sein Fell nicht mehr paßte. Kein Lächeln und noch so großer Enthusiasmus konnten über die Bitterkeit hinwegtäuschen, die ihm nach wie vor mit neuen Linien und Falten ins Gesicht geschrieben stand. Während der vergangenen Wochen hatte Jack seinem alten Ich erfreulich ähnlich gesehen, mußte Stephen sich eingestehen. Das Aufbringen der 'Spartan', jenes Schiffes des französisch-amerikanischen Konsortiums, das den britischen Westindienhandel gestört hatte und mit fünf Prisen im Schlepptau auf Jacks List hereingefallen war, war nicht nur ein finanzieller Segen gewesen. Für Jacks Gemütszustand hatte es wahre Wunder gewirkt, ihm ein neues Selbstwertgefühl gegeben. Und der offizielle Auftrag der Admiralität, unerwartet wie er gekommen war, hatte die angespannte Introvertiertheit durch neue Energie ersetzt und das Leuchten in die hart gewordenen Augen zurückgebracht. Stephen würde es nie an- oder aussprechen, zumindest nicht Jack gegenüber, aber er wußte, wie sehr seinem Freund die Entlassung aus dem Dienst zugesetzt hatte, ganz gleich wie loyal sich seine Bekannten, Familie und jeder Seemann in London ihm gegenüber gezeigt hatten. Der demütigende Tag am Pranger hatte seine Spuren hinterlassen, nicht äußerlich, aber innerlich, und verheilt waren sie längst noch nicht. Die Erinnerungen quälten ihn weiterhin, Nacht für Nacht, wann immer er zuviel Zeit zum Denken hatte. Und wenn Stephen ihn ertappte, wie er gedankenverloren ins Kielwasser starrte, und die Leere in ihm erblickte, fühlte er sich entsetzlich hilflos, als Arzt und mehr noch als Mensch. All das könnte demnächst ein gutes Ende finden.
Er selbst hatte - abgesehen von den Verletzten, die Jacks verbissenes nächtliches Training ihm bescherte, den gebrochenen Knochen und blauen Flecken - eine erquickende Zeit der Ruhe genossen. Gelegentlich in Gesellschaft von Mr. Martin, doch zumeist alleine, erfreute er sich an der Fauna, die diese Felseninsel zu bieten hatte. Nichts Außergewöhnliches, viele Kaninchen, Papageientaucher und Sturmschwalben, aber dennoch willkommene Zerstreuung. Zwischendurch gab es aber auch Gelegenheit, stundenlang in der Sonne zu sitzen und die im englischen Winter schmerzlich vermißte Wärme in sich aufzusaugen. Seinen Gedanken nachzuhängen. Diana, ihre Abreise nach Schweden und die Aussprache, die sie dringend führen mußten, standen dabei an erster Stelle, nur leider konnte er hier und jetzt herzlich wenig in dieser Angelegenheit ausrichten. Also ließ er seine Umgebung auf sich wirken, ohne daß die Eindrücke von seinen Sorgen getrübt wurden, verlor sich in der Schönheit des Sonnenaufgangs, der Unschuld eines frischgeschlüpften Möwenkükens. Dieses Fleckchen Erde mit seinem Überzug aus jungem, hellgrünen Rasen und Gänseblümchen in Hülle und Fülle war so friedlich, so friedlich...hier konnte er die Augen schließen und den Vögeln und Wellen lauschen...um sich im nächsten Moment wieder daran zu erinnern, daß sie in wenigen Tagen zu der Mission aufbrechen würden, für die sie so hart trainierten.
Eine riskante Mission. Jack konnte sagen, was er wollte, sich absichern und vorbereiten und so optimistisch sein wie Agamemnon auf dem Weg nach Troja, einige Faktoren blieben dem Schicksal überlassen und konnten nicht beeinflußt werden. Er würde seine Sorge nicht als Angst bezeichnen, nur hing zu viel von ihrem Erfolg ab und ein Fehlschlag hätte katastrophale Auswirkungen. Daher studierte er seinen Freund mit professioneller Aufmerksamkeit, suchte nach Anzeichen, daß die gute Laune nur um seinetwillen gespielt war, und fand keine. "Jack, ich bin dir dankbar, daß du extra hergeschwommen bist, um mich wieder flottzubekommen." "Dein Skiff, Stephen, von dir war keine Rede." Seinen barschen Worten zum Trotz bedachte er Stephen, der behutsam eine Handvoll grauer Federn in ein Taschentuch wickelte, mit einem liebevollen Blick. "Was *du* brauchst ist Kaffee. Und den gibt es auf dem Schiff." "Oh, ich hatte auch nicht erwartet, daß du mir eine Kanne herüberbringst." "Es gibt Dinge, die ich auch für dich nicht tun würde, mein Lieber. Aber meine Zeit opfere ich gerne für dich." Stephen schloß die Tasche, in der er seine Schuhe und Strümpfe, Zeichensachen, mehrere Möweneier und die Ausbeute an Federn verstaut hatte, und rappelte sich auf. Musterte Jack von Kopf bis Fuß. "Deine Zeit...und deine Würde. Jack Aubrey, wo bleibt dein Schamgefühl? Du hättest wenigstens die Hosen anbehalten können." Bei diesem gutmütigen Tadel blitzte etwas in den blauen Augen auf. "Nun, ich glaube, die Seehunde, Möwen und Wie-auch-immer-sie-heißen stören sich nicht an meinem Anblick. Und was dich betrifft", er senkte seine Stimme und mit einer raschen Bewegung hatte er Stephen hinter einen Felsen gezogen, schob ihn mit dem Rücken gegen unnachgiebigen Stein. "Was dich betrifft, Stephen, weiß ich aus zuverlässiger Quelle, daß es dir ebenfalls nichts ausmacht." Das war nur allzu wahr. Zu wahr. Er würde lügen, wenn er etwas Derartiges behauptete, und außerdem entschied sein Körper gerade mehr als deutlich, was er von Jacks Anblick hielt. Vielmehr von Jacks Verhalten. Und seiner Nähe. "Was hätten die Seehunde gesagt?" war seine heisere Frage, als sein Mund nach dem stürmischen ersten Kuß wieder freigegeben wurde. Dieser Mann war ja so entsetzlich berechenbar... Zunächst blickte Jack ihn verklärt an. "W-w-wie bitte?" "Die Seehunde, Bruderherz. Die beiden Seehunde gerade eben. Du meintest, sie hätten sicher etwas Nettes gesagt, wenn sie sprechen könnten." "Ach, das war nur so dahergeredet..." Seine Stimme versagte, als er nun den nächsten Schritt tat, mit einer entschlossenen Geste die buntgemusterte Banyan-Jacke von Stephens Schultern streifte. Ohne zu blinzeln begegnete Stephen seinem Blick, signalisierte ihm durch nichts in seinem Mienenspiel Zustimmung oder Ablehnung. Und Jack hielt dem starren Blick stand. In der fernen Vergangenheit hätte er Stephens Augen bisweilen als unangenehm, ja sogar feindselig bezeichnet, blaß und kalt wie ein Wintermorgen, doch hatte er erlebt, wie das fahle Blaugrau in Augenblicken intensiver Gefühle zu einem dunklen Schiefer wechselte. Die Farbe tiefhängender Sturmwolken kurz vor dem ersten Blitz, dem ersten Donnerschlag. In Wut, Verzweifelung, oder - wie teuer waren ihm jene Erinnerungen! - auf dem Höhepunkt der Leidenschaft, fast mit einer Spur von Überraschung...und es gehörte schon etwas dazu, Stephen zu überraschen. Nur waren diese Momente viel zu kurz. Dauerten niemals an. Das Gefühl verflog zu schnell. Er wollte mehr.
Langsam, ohne den Blickkontakt zu brechen, schob er die Hände unter Stephens Hemd, streichelte vom Bauch über die Rippen bis zu den Schultern. Dann war im nächsten Moment das Hemd schon über den Kopf gezogen, hielt Stephens Arme gefangen. Frühstück hin oder her, dieser Hunger war unmittelbarer, und er würde die Gelegenheit, ihn zu stillen, nicht ungenutzt verstreichen lassen. Sein Angriff war zielstrebig und direkt, wie damals bei dem allerersten Kuß am Ende eines gemeinsamen Abends. Damals hatte ein völlig überrumpelter Stephen hastig die Kajüte verlassen und sie hatten sich drei Tage lang gemieden, bis Stephen die Aussprache suchte. Jack hatte ihn nachmittags in der Kajüte vorgefunden, wie er sein Cello stimmte und eine Mozart-Partitur bearbeitete, die Jack nicht ganz fehlerfrei umgeschrieben hatte. So als sei nichts geschehen. Und, nach einigen Stunden Musik, hatten sie geredet. Nicht mit vielen Worten, doch das Nötigste wurde gesagt, die Rahmenbedingungen für diese Beziehung festgelegt. Dieses Spiel mit dem Feuer. Anders als damals blieb der anfängliche Widerstand diesmal aus. Stephen ließ ihn gewähren, murmelte seine Einwilligung in den langen Kuß, an dessen Ende das störende Hemd zwischen die Felsen segelte und Jack auf die Knie fiel, um die Schnallen der Kniehosen zu öffnen. Einige Handgriffe später folgte das Kleidungsstück dem Hemd, erlaubte es Jack, seine Lippen und Zunge auf Stephens Bauch einzusetzen. Köstliche Gänsehaut, Zentimeter um Zentimeter, nur unterbrochen von dem hellen Wulst einer Narbe, eine Handbreit über der linken Hüfte. Wenn er könnte, würde er sie fortlecken, jede schmerzhafte Erinnerung auslöschen...seine eigenen eingeschlossen. Fast träumerisch griff Stephen die Unterhaltung wieder auf, mit beiden Händen auf Jacks Schultern gestützt, während dieser sich Kuß für Kuß nach oben vorarbeitete. "Ich wüßte schon, was sie sagen würden." Ganz ruhig war sein Ton, obwohl ihm der Schweiß auf der Stirn stand. In den nunmehr fast fünfzehn Jahren ihrer Bekanntschaft hatte er viele Dinge über John 'Lucky Jack' Aubrey gelernt. Eines, vielleicht das wichtigste, war Jacks Verbindung zur See. Als wäre er nicht gänzlich Mensch, sondern zum Teil ein Geschöpf des Meeres und nur dort wirklich in seinem Element. Wie der Seehund.
Die zwei aufgeweckten Gesellen, die Jack auf seinem Weg von der 'Surprise' an die spärliche Ausgabe eines Strandes auf dieser Insel begleitet hatten, mußten in ihm einen entfernten Verwandten erkannt haben. Das war zumindest Stephens Auslegung der neugierigen Blicke und vertraulichen Stupser, mit denen sie den Schwimmer bedacht hatten. Vielleicht auch eine Aufmunterung für jemanden, dem man seine Lebensgrundlage genommen hatte, dem ein Teil seines Wesens von einem Tag auf den anderen geraubt worden war. Sie würden ebenso leiden, entrisse man sie dem Ozean.
"Sie würden sagen, da schwimmt ein Mann, der sich nicht entmutigen läßt, auch wenn die Lage ernst ist und die Chancen auf Besserung verschwindend gering. Ein Mann", hier wurde er von Jack unterbrochen, bekam erneut Salz und Kaffee zu schmecken, "der im Leben oft Schiffbruch erleiden mußte, aber noch nie aufgegeben hat..." Jack schlug die Augen nieder; er wollte nicht, daß Stephen sah, wie sehr ihn der Gedanke an glücklichere Zeiten schmerzte. "Und wem habe ich das zu verdanken? Dir. Immer nur dir." Er wollte nicht einmal nachdenken. Oder reden. Als er gegen ihn lehnte, lag seine Wange an Stephens Stirn, er konnte seine Lippen an seinem Hals spüren, den kurz angehaltenen Atem und den Ansatz zu einem 'Nicht doch, Jack.', mit dem Stephen der sich anbahnenden Rede zuvorkommen wollte. Diesmal war er schneller. Er fühlte einfach die Notwendigkeit, es zu sagen. "Ich glaube nicht, daß ich mich schon für deinen außerordentlichen Freundschaftsdienst bedankt habe, Stephen." Was er nicht aussprach, war seine Verärgerung, die nagende Frustration über die Art und Weise, wie er es immer wieder fertigbrachte, von Glück und relativem Wohlstand in tiefstes Elend zu schlittern. Es kostete ihn für gewöhnlich einige zermürbende Jahre, um sich daraus wieder empor zu arbeiten, und kaum daß er frohen Mutes in die Zukunft blickte, fiel er über den nächsten Stolperstein. Ein, zwei Mal in seinem Leben konnte ein Mann die Kraft dazu aufbringen; er hatte nach dem zweiten Mal aufgehört zu zählen. Niemand konnte sagen, daß sich Jack Aubrey von solchen Dingen entmutigen ließ, doch griffen sie ihn nichtsdestotrotz an, und wenn sie sich wieder und wieder ereigneten... Er war überzeugt, daß er zu dieser Leistung, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen, nicht mehr oft fähig sein würde, erst recht nicht ohne Stephens Beistand. Mehr als einmal hatte ihm Stephen aus einem finanziellen Engpaß geholfen, ohne je eine Gegenleistung zu verlangen, und für diese Unterstützung war er ihm stets dankbar gewesen. Hatte es auch gesagt. Von viel größerer Bedeutung aber war die Art, wie Stephen ihm durch seine bloße Gesellschaft die Kraft gab, sich den Widrigkeiten seines Lebens zu stellen. Und dafür konnte er ihm mit Worten nicht danken. Diese Chance auf Rückkehr in die Navy, die bevorstehende Mission... Im umgekehrten Falle wäre er nicht in der Lage, sich in der gleichen Weise für Stephen einzusetzen, ihm der Freund zu sein, den er brauchte, denn es fehlte ihm an Einfluß und den richtigen Kontakten, und dieses Wissen verstärkte seine...Schuld? Nicht ganz die Bezeichnung, die er wählen würde. Aber wenn er ehrlich war, *waren* es Schuldgefühle. Zu seinem Erstaunen bedurfte es lediglich eines Lächelns von Stephen, um ihn - zumindest für den unmittelbaren Moment - von dieser Last zu befreien. "Es gibt niemanden, für den ich es lieber täte, Jack." Stephen begleitete seine Worte mit einem forschen Griff in die wasserschweren blonden Haare und zog den anderen Mann näher an sich heran, schlang nun seinerseits beide Arme um ihn. Besser als Kaffee, wohltuender als die Sonne. Er würde es nie einem anderen Menschen gegenüber zugeben, aber er hatte Jack während der letzten Monate vermißt.
Es war schon etwas Besonderes, für eine Weile die ungeteilte Aufmerksamkeit dieses Mannes zu haben, seine Zuwendung mit keinem Schiff teilen zu müssen, ganz im Mittelpunkt von Jacks Welt zu stehen - der Mittelpunkt zu *sein*. Immerhin war Jack der unangefochtene Mittelpunkt *seiner* Welt. Zumindest seiner Welt auf See, denn aus der Welt, in der er sich an Land bewegte, wollte er Jack so weit wie möglich raushalten. Nicht jedoch aus dieser Fantasie, dieser Halluzination mit ihren allzu realen Empfindungen, die in vollem Umfang wahrzunehmen ihn immer noch eine gewisse Überwindung kostete; fast schon war es ihm zur Gewohnheit geworden, sich von ihnen zu distanzieren, den Geist über den Körper zu stellen und die Bedürfnisse des letzteren mit verschiedenen Mitteln zu unterdrücken. Sie bildeten die Antithese zu allem, was er jahrelang für die einzigen erstrebenswerten menschlichen Qualitäten gehalten hatte. Lange hatte er es sich als Schwäche ausgelegt, überhaupt etwas zu fühlen, ganz zu schweigen von Sinneseindrücken dieser Stärke. Gefühlt hatte er lediglich in der Musik. Wie er ihn jetzt ansah...er *hatte* Jack vermißt. In jeglicher Hinsicht. Natürlich waren die Umstände denkbar ungünstig gewesen, sagte er sich, doch das änderte nichts an dem bestehenden Verlangen. Verlangen nach Jacks Gesellschaft beim Essen, bei einer Runde Karten, bei einem Bach-Concerto. Verlangen nach *Jack*. Und seit einiger Zeit war dieses sogar erschreckend intensiv. Er schrieb es der bereits seit einiger Zeit merklich nachlassenden Wirkung seiner allabendlichen Dosis Laudanumtinktur zu und faßte zum Gott weiß wievielten Male den Entschluß, mit dieser Gewohnheit abzuschließen. Andere Drogen waren um ein Vielfaches stärker.
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Ohne einen weiteren Laut, der seine Gedanken verraten hätte oder von Jack als Zögern verstanden werden könnte, vergrub er das Gesicht an der breiten Schulter und konzentrierte sich auf das warme Beben, das von seinem Inneren Besitz ergriff und in das er sich mit allen Sinnen hineinfallen ließ. Der Kauf der 'Surprise', die Beweise für Jacks Unschuld, die ihm seine Geheimdienstkontakte geliefert hatten, und schließlich diese Mission, die erlittenes Unrecht wiedergutmachen sollte...er hatte nicht groß darüber nachgedacht. Nichts, was er als bewußte, überlegte Handlung bezeichnen würde, zumindest nicht in den ersten beiden Punkten. Was die Mission in Südamerika anging, so hatte er noch vor der Erbringung der besagten entlastenden Beweise seine Einwilligung nur unter der Bedingung gegeben, daß die Navy im Gegenzug eine Wiedereinsetzung Jack Aubreys erwöge, natürlich zu seinem vollen Rang und Dienstalter wie zum Zeitpunkt seiner Entlassung. Leider wurde die Lage dadurch verkompliziert, daß die vorgebrachten Beweise alles andere als hieb- und stichfest waren, weil man den Zeugen lediglich als Leiche vorgefunden hatte. Und somit war Jacks Zukunft unweigerlich an sein erfolgreiches Handeln in Chile gebunden, oder die 'Surprise' würde auf ewig ein Kaperschiff bleiben, John Aubrey auf ewig ein Freibeuter. Stephen schmerzte der bloße Gedanke daran. Doch zuallererst galt es, die 'Diane' unter den französischen Kanonen aus dem Hafen von St. Martin herauszuholen, dieses Schiff, auf dem sich alle relevanten Codes für den Südamerika-Auftrag befanden. Jack mußte seine Arbeit tun, damit er die seine tun konnte. _Eine Hand wäscht die andere und in diesem Falle doppelt...was für ein Dilemma, mein Freund._ Und wo er gerade an Hände dachte... "Jaa-ack", stöhnte er und ließ den Kopf zurücksinken, froh, daß ihn der andere Körper so fest gegen den Felsen preßte, er nicht auf eigenen Füßen stehen mußte. Ihm zitterten die Knie und seine Beinmuskeln schienen plötzlich aus Gelee zu sein. Wenn Jack so weitermachte, würden sie doch schneller zum Schiff zurückkehren können als erwartet. Widerstandslos ließ er sich von Jack hinunter in den Sand ziehen und hier lagen sie einige Zeit Seite an Seite, sahen einander an, der einzige Kontakt zwei verschlungene Hände. "Und du bist hoffentlich nicht der Ansicht, dich mit einem Freundschaftsdienst *anderer* Art revanchieren zu müssen." Schon im nächsten Moment taten ihm seine Worte leid. Zu leicht waren sie mißzuverstehen, und er würde Jack niemals etwas Derartiges unterstellen. Auf keinen Fall sollte sein Freund denken, er müsse ihm irgendwelche Gefälligkeiten erweisen. "Verzeih." Seine Sorgen waren unbegründet. "Dies ist kein Freundschaftsdienst", berichtigte Jack ihn heiser. Endlich konnten seine Hände nach Belieben über die blasse Haut gleiten. All die Stellen berühren, die er schon hundertmal berührt hatte. Arme, Schultern, Rücken.wortlos das sagen, was er schon hundertmal gesagt hatte. Stephen fühlen lassen, wie begehrenswert er in seinen Augen war, selbst wenn Stephen nichts davon hören wollte. "Wenn das eben deinen Dank darstellte, kannst du gerne damit weitermachen." Oh ja, es fühlte sich gut an, was Jack da tat. Sehr gut. Zu gut. "Etwas fester..." Sein nächster Atemzug endete in einem erstickten Keuchen. "Hast du gar keinen Hunger, Stephen? Der Kaffee wird kalt werden, also würde ich vorschlagen...ah...daß wir uns beeilen." Ah, Jack, Jack...was sollte bloß immer diese Eile, diese Besessenheit von der Zeit? Einzig und alleine mit der Geige in der Hand schien sein Freund frei zu sein von dem Joch der Minuten und Sekunden. Stephen dagegen entschied sich für die Rebellion, nahm sich die Zeit für die Erforschung der vertrauten Form von Jacks Körper, von zahlreichen Narben gezeichnet und doch durch die Entbehrungen und Strapazen der vergangenen Monate sowie das intensive Aktivitätsprogramm der letzten Woche ansehnlicher als er in vielen Jahren gewesen war. Im unmittelbaren Vergleich mit Jack Aubrey kam sich Stephen immer unzureichend vor, physisch unterbemittelt, doch war es stets Jack, der diese Gedanken wieder vertrieb. Ein geflüstertes Wort, eine sanfte Berührung, und alle Selbstzweifel verflogen wie Rauch im Wind. Er hatte niemals auch nur versucht, mit Worten zu beschreiben, was ihn an Jack ansprach. Seine körperliche Stärke, die ungestüme, selbstlose Art, mit der er lebte und liebte? Der jungenhafte Charme? Vielleicht. Einmal zum Klingen gebracht ließ sich das Gefühl nicht dämpfen, er hatte es weiß Gott versucht und eingestehen müssen, daß er sich nicht taub stellen konnte. Weder im Fall von Diana und noch weniger im Fall von Jack. Zu leicht ließe sich sagen, es hatte sich einfach so ergeben. Stephen Maturin, obwohl ein religiöser Mensch, glaubte nicht an Schicksal oder Zufall, ein jeder Mann war alleiniger Herr über seine eigene Zukunft. Außerdem hatte er nie den leisesten Impuls verspürt, mit einem anderen Mann intim zu sein. Nein, die Antwort auf die Frage lautete 'Vertrauen'. Nicht viele Leute vertrauten ihm, viele, die es getan hatten, hatten mit dem Leben dafür bezahlt, und er verschenkte im Gegenzug sein Vertrauen noch seltener. Jack Aubrey dagegen, so hatte er gelernt, konnte keine glaubhafte Lüge erzählen, um sein eigenes Leben zu retten, ein liebenswerter, gewinnender Charakterzug, der ihm beizeiten aber nicht unbedingt zum Vorteil gereichte, weil er dazu neigte, alles, was man ihm erzählte, für bare Münze zu nehmen. Jack war mit seinem Vertrauen ebenso freigiebig wie mit seinem Geld, sogar und speziell dann, wenn er letzteres nicht hatte. Es war schon seltsam. Jack machte keinen Hehl aus dem, was er dachte und fühlte, und Stephen beneidete ihn im gleichen Maße um diese Arglosigkeit wie er ihn dafür kritisierte. Sie erinnerte ihn an das, was er verloren hatte. Aufgegeben hatte zum Wohle Englands und, wenn es sich hoffentlich daraus ergab, seiner katalonischen Heimat. Seine Gedanken von vorhin über die Unberührtheit dieser Insel zurück nahmen ihren Lauf wieder auf, schlossen Jack mit ein. Äußerlich mochte sein Freund ja von Zeit und Erfahrungen gezeichnet sein, doch im Inneren war er manchmal wie das Möwenküken, das sich heute Morgen aus seinem Ei gekämpft hatte. Unbedarft und unwissend um die Übel der Welt. Seine Gutgläubigkeit war ihm schließlich zum Verhängnis geworden. Für Stephen Maturin war die Konsequenz, daß es ihm allzu leicht fiel, Jack Aubrey zu lieben. Feste Muskeln spannten sich nun in seinem Griff, als Jack ihn noch etwas enger an sich zog, stumm ansah und dann auf den Rücken drehte. Ein schon zu vertrauter Tanz, die Choreographie wohlbekannt. Er folgte mit schlafwandlerischer Sicherheit jeder einzelnen Bewegung. Die sonnengebräunte Haut war noch kühl und feucht, fühlte sich fast fremd auf der seinen an, doch brachten Sonne und wachsende Erregung schnell die Wärme zurück, eine Wärme, die er auch durch sich fließen fühlte. Wasser tropfte aus den blonden Haaren auf seine Brust, jeder Tropfen einem Nadelstich gleich, und er glaubte, die Flüssigkeit müßte verdampfen. "Was soll ich nur mit dir machen, Stephen?" hörte er ihn seufzen und unmittelbar darauf sein Antwortflüstern. "Alles, was du willst. Du hast das Kommando." "Als ob du jemals meinen Befehlen gehorchst!" "Das kommt ganz auf die Befehle an, wie du weißt." Sich auf die Unterlippe beißend, drängte Stephen härter gegen den Druck des Oberschenkels zwischen seinen Beinen, suchte instinktiv den Kontakt, der die größte Befriedigung bringen würde. Jack kniete über ihm, blickte auf ihn herab, und er hätte diesem Gesichtsausdruck keinen Namen geben können, wenn er dazu gezwungen wäre. Etwas Einzigartiges irgendwo zwischen tiefster Zuneigung und Schmerzen. "Was...?" "Uns bleibt nicht viel Zeit, Stephen, und wir sollten sie nicht mit Reden verbringen." Ein Schatten huschte durch das klare Blau, ein Zeichen, das mit einem Zucken schmaler Lippen beantwortet wurde. "Wir haben keine Minute zu verlieren, hm?" "Aye." Damit packte er Stephens Handgelenke, drückte sie zurück in das hellgrüne Gras. Keine Bewegung, die er nicht zuließ. Aber Stephen vertraute ihm. In jeglicher Hinsicht und das war ihm am wichtigsten. "Jack, bitte..." Warum klang sein langgezogenes Stöhnen so gequält, wenngleich er doch das genaue Gegenteil empfand? Mit einigen entschlossenen Bewegungen arbeitete er sich unter Jack hervor und rollte den größeren Mann auf den Rücken, kehrte ihre Positionen um; aus Jacks Lachen wurde ein pfeifend eingesogener Atemzug - ein in letzter Sekunde unterdrückter Schrei - und ein heftiger Schauer durchlief seinen Körper. "Shh", machte Stephen, doch hörte Jack ihn nicht.
Zu lange war es schon her, zu lange hatte er auf diese geschickten Hände verzichten müssen. Und wie typisch für Stephen, es trotz des langen Verzichts langsam anzugehen. Unendlich frustrierend außerdem. Die Angewohnheit, die Existenz des Konzepts Zeit manchmal völlig zu ignorieren, war ärgerlich, wenn dadurch das Auslaufen des Schiffs verzögert wurde und der günstige Wind ungenutzt blieb. Aber hier und jetzt... Das Knirschen seiner Zähne war überlaut in seinen Ohren, als warme Lippen seinen Hals hinunter wanderten und erst eine Linie Küsse auf dem linken und dann auf dem rechten Schlüsselbein hinterließen. Spielerisch, neckend...was zur Hölle hatte Stephen vor? Die Zeit war zu knapp, er wollte nicht warten, wollte selbst das Tempo bestimmen. Etwas in den verhaltenen Berührungen veranlaßte ihn aber, sich zu gedulden. Von den Schultern abwärts, über Brust und Bauch, beschrieb er mit den Fingerspitzen kleine Kreise, ein Streicheln sanfter als der Wind. Jacks Hände kopierten die Bewegungen im Detail auf seinem Rücken, von den Schultern bis hinunter zur Hüfte. Fingernägel gruben sich in seine Oberschenkel, als er sich vorbeugte und mit der Zunge dem Verlauf einer Narbe folgte, deren Ursprung er nicht kannte. All die gemeinsamen Jahre, und es gab davon noch zu viele. "Jack, ganz gleich, was die Zukunft für dich bereithält", das Streicheln wurde fordernder, Zärtlichkeit wurde Leidenschaft, und Sand und Meersalz ließen die Berührung rauher wirken als sie es war, "ob du Offizier bist oder Zivilist - an meinen Gefühle ändert sich nichts. Nicht in diesem Leben", wiederholte er, seine Worte mit einem aufmunternden Lächeln bekräftigend und einer Hand, die er in Jacks Haare schob. Die andere ruhte auf der breiten Brust, der Druck weder zu fest noch zu leicht, so als gelte es, einen nervösen Patienten zu beruhigen. Langsam, langsam folgte der andere Körper nun *seinen* Weisungen. Oberflächlich jedenfalls.
Das Prickeln des kurzen Rasens war ein unbeschreiblich stimulierendes Gefühl auf seiner nackten Haut, genauso wie das Wasser zuvor, und Stephen, der über ihm kniete, war nicht minder reizvoll...der gemächliche Rhythmus, mit dem er sich gegen ihn bewegte. Irritierend war, wie immer, einzig und allein der Ausdruck angespannter Konzentration auf Stephens Gesicht; Jack würde ihn nie begreifen. Ob im Umgang mit Skalpell, Karten oder Cello...oder auch - speziell - im Beisammensein mit ihm. Stephen würde selbstverständlich protestieren, weshalb Jack seine Beobachtungen für sich behielt. Zu selten konnte er ihn in vollem Tageslicht betrachten. Es war immer nur Halbdunkel und Schatten für sie, ohne Farben und Konturen außer jenen, die Finger ertasten konnten. Zu *sehen*, wie sich Stephens Wangen röteten und die Sommersprossen auf seinen Armen und Händen schwerer zu erkennen waren...die Lust in seinen Augen zu *sehen*... Für einen Moment, diesen kurzen Augenblick, konnte er vergessen, wie es tatsächlich um ihn stand und wie schmerzhaft ihm die Scherben seines Lebens ins Herz schnitten. Jenes Leben existierte nicht. Jeder flache Atemzug, den er Stephen nehmen fühlte, belebte ihn als wäre es sein eigener, gab ihm etwas, von dem er nie gewußt hatte, daß er es brauchte...bis zu dem Tag, als sie es in einander gefunden hatten. Nicht Hoffnung, nicht Freundschaft, nicht Zuneigung. Frieden. "Keiner von uns wäre hier ohne den anderen, Jack. Und gemeinsam werden wir auch dies überstehen. Du wirst schon sehen." Er hatte das Gefühl, ein Stück von sich selbst zurück zu gewinnen, jedes Mal, wenn sie sich liebten. Als berühre Stephen nicht nur seinen Körper, sondern seine Seele, ein Heiler in jeglicher Hinsicht. Egal, wie launisch der Mann sein konnte und wie eigenbrötlerisch und feindselig er sich geben mochte, er kannte die anderen Seiten an ihm, und auch wenn er sie oft nicht verstand, weil sie eigentlich gar nichts gemeinsam hatten... Nun, er war nach langem Abwägen zu dem Schluß gekommen, daß man Dinge nicht verstehen mußte, um auf sie angewiesen zu sein. Daß er Stephen nicht verstehen mußte, um ihn zu brauchen. Jetzt noch mehr als zuvor. Stephen war die letzte Verbindung zu einem anderen, einem besseren Leben. Er wollte jenes Leben zurück und der Weg dorthin führte über Stephen. Stephen, der ihn mit diesem seltsamen Blick ansah, der Jack stets zu gleichen Teilen beruhigte und verunsicherte. Als wolle er ihm sagen 'Ich habe alle Antworten.aber sie werden dir nicht alle gefallen'. "Ich weiß", antwortete er leise, darum bemüht, überzeugt zu klingen. "Und jetzt hör' auf zu reden, Stephen." Er wollte es ja glauben..er wollte. So sehr. Und er wollte noch vieles mehr, vor allem Stephen. Seine Augen mußten ihn verraten haben, fast schämte er sich für sein übermäßiges Bedürfnis nach Nähe und dafür, daß es so leicht zu erkennen war. War die Zuneigung, die man einem anderen Menschen gegenüber verspürte, gleichzusetzen mit Abhängigkeit? Bedeutete Liebe, die eigene Freiheit aufzugeben, weil man sich an jemanden band? Dann war er abhängig. Gebunden. An Stephen, der seine Sorgen mit einem weiteren Kuß zerstreute, und diesmal zog er ihn so eng an sich, wie er konnte, jede Zurückhaltung vergessend. Die Hand, die bislang auf Stephens Hüfte geruht hatte, glitt tiefer. Tiefer. "Bitte...bitte, Jack..." Niemals könnte er ihm verweigern, was er selbst zu dringend brauchte. Stillschweigen stand nun nicht mehr auf der Liste von Jacks Prioritäten und Selbstbeherrschung ebenfalls nicht.
Mit ihren Bewegungen beschleunigte sich auch ihr Atem, die leisen Schreie sonderbare zusätzliche Laute in dieser Umgebung, wo das Meer und unzählige Seevögeln die alltägliche Geräuschkulisse bildeten. Und trotzdem fielen sie nicht auf, waren sie doch ebenso natürlich wie Rufe der munter durcheinander schwirrenden Möwen, ein Teil von Sand und Luft und Wasser. Elementar. Zu schnell vorbei, zu Jacks Bedauern. Als er Stephens letztes Aufbäumen über sich spürte und sich die Finger in seinem Haar zur Faust ballten, war dieser Schmerz unwesentlich. Die hellen Augen wirkten in diesem Licht längst nicht so farb- und leblos, unter der Sonnenbräune war das schmale Gesicht von der Anstrengung gerötet. In diesem Augenblick glaubte Jack, niemals etwas Vergleichbares gesehen zu haben. "Stephen." Mehr sagte er nicht, hielt ihn stattdessen schweigend im Arm, während wenige Meter weiter die Wellen an den Strand rollten. Wenn es nach ihm ginge, bräuchten sie nie wieder aufzustehen. Der Wunsch wurde ihm jedoch, wie erwartet, nicht gewährt.
Zu erschöpft, um seinen Kopf von Jacks Brust zu heben, murmelte Stephen, "Jack, mein Lieber, bist du nicht ursprünglich hergekommen, um mich zum Frühstück zu holen?" "Hab' was Besseres gefunden." Und er wollte noch nicht davon ablassen, wollte noch nicht loslassen. "Tatsache." Der Ernst war in Stephens Stimme zurückgekehrt. Dies hätte nicht geschehen dürfen, er hätte mehr Beherrschung zeigen sollen. Einer von ihnen beiden sollte jederzeit einen kühlen Kopf bewahren und rational denken, ganz gleich wie groß die Versuchung, und dennoch... In einem Anflug von Übermut pflückte er eines der zerdrückten Gänseblümchen und steckte es in Jacks Haar, strich die feuchten Strähnen hinter das unversehrte Ohr zurück. "Ein geschichtsträchtiger Moment, fürwahr. Jack Aubrey denkt einmal nicht zuerst mit seinem Magen." Das unbeschreibliche Glücksgefühl, das ihm in seiner Intensität und dem nicht klar erkennbaren Grund den ganzen Tag Rätsel aufgegeben hatte, erreichte ein neues Hoch, wie er nun in Jacks Augen blickte und dort, wie durch einen Spiegel, der gleichzeitig als Brennglas diente, all die Gefühle gebündelt und offen gelegt fand, die er selbst nie auszudrücken wagte. Und prompt verselbständigte sich das bislang so angestrengt zurückgehaltene Lächeln und kroch auf sein Gesicht. Er fühlte sich frei von der Vergangenheit und auch der Zukunft, frei von jeglicher Verantwortung und weltlichen Belangen. Rundum zufrieden und sehr schläfrig. Die 'Surprise', wo man sie zweifellos bald vermissen würde, existierte nicht für ihn, ebensowenig England und Frankreich und das Schiff im Hafen von St. Martin. Alle politischen Machenschaften, die Geheimnisse, die ihm schlaflose Nächte bereiteten, hatten hier keinen Platz, an diesem Ort ohne Schatten. Er hätte noch stundenlang hier liegen können, auf dem weichen Sand und in der kombinierten Wärme der Sonne und Jack. In dieser *Illusion*, rief ihn sein Verstand zur Ordnung, doch er hörte nicht hin.
Trotz der Wärme spürten sie irgendwann die Kälte in der frischen Morgenbrise. Anlaß genug für ihn zu sagen, "Wenn wir uns nicht aufmachen, wird jemand anderes herüberkommen, um nach uns zu sehen." "So lange sind wir nun auch noch nicht hier." Jacks Zeitgefühl an Land wie auf See war exzellent, er irrte selten, wenn es um den Verlauf von Minuten und Stunden ging. Sie hatten noch reichlich Zeit. Stephen lachte leise. "Du bist zum Wachwechsel von Bord gegangen, und ich habe die Glocke seitdem schon wieder gehört." Seufzend sank er wieder auf den Rücken und reckte sich ausgiebig; ah, obwohl er die Augen geschlossen hatte, wußte er, daß Jack jede kleinste Bewegung beobachtete. "Einmal bestimmt, und das ist schon etwas her. Vielleicht auch schon zweimal." "Du machst Witze!" Jack war weniger entsetzt als verwirrt. Auf einen Ellbogen gestützt streckte er eine Hand aus, fuhr mit den Fingern durch das gewohnheitsmäßig kurz gehaltene Haar seines Freundes. Wenn er sich nicht irrte, war es lichter als noch vor fünf Jahren, und wie bei sich selbst zeigten sich erste Spuren von Grau. Der Zahn der Zeit... Die sanfte Berührung ließ Stephen wieder die Augen aufschlagen. "Oder nicht?" Sein Zeigefinger folgte der Kurve der linken Braue, langsam, langsam, und als er den Augenwinkel erreichte, führte er den Finger zum Mund und leckte den Schweißtropfen ab. Der Blick, mit dem Stephen diese Geste kommentierte, drückte überdeutlich aus, wie skandalös er sie fand, und Jack lachte. Ein gelöstes Lachen, das von Herzen kam. Stephen begegnete dem Heiterkeitsausbruch mit all der Ernsthaftigkeit, derer er fähig war. "Nicht, wenn die Gefahr besteht, daß im nächsten Moment ein diskretes Räuspern aus einem Dutzend Kehlen ertönt. Wird schwer genug sein, Killick die Grasflecken in meinem Hemd zu erklären", merkte er an und setzte sich auf. Lautstark betonte sein Magen die unmittelbare Notwendigkeit, zum Schiff zurückzukehren. Wo Stephen Recht hatte, hatte er Recht. "In Ordnung. Hier, deine Hosen. Wo hatte ich gleich noch meine hingelegt?" "Du hattest gar keine an, mein Herz." Richtig. "Und laß mich rudern, ja? Nur damit wir *vor* Sonnenuntergang an Bord sind." "Oh, nur allzu gerne. Ich hatte genug Bewegung für heute." Umständlich zog Stephen Hemd an, glättete notdürftig die entstandenen Falten, bevor er als nächstes die Hosen anlegte. Schuhe und Strümpfe verblieben in der Tasche. "Und du ebenfalls. Noch mehr und man wird uns verwechseln." Jack lachte laut, "Also, komm', faß mal mit am Dollbord an, dann ziehen wir's runter zum Wasser. Ich kann den Kaffee von hier beinahe riechen."
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