|
Cum Tacent, Clamant© by Jimaine ()
Die Glocke verkündete drei Glasen, die Mittelwache war halb vorüber, als Lieutenant William Bush, Erster Offizier der 'Hotspur', seinen Weg unter Deck fand. Nach stundenlanger, unermüdlicher Arbeit konnte er das Deck Midshipman Orrock überlassen und seinerseits einigen wenigen Stunden Schlaf entgegensehen. Nicht daß er sich ernsthaften Erfolg ausmalte; er schlief dieser Tage ohnehin schlechter als sonst. Aber vielleicht, so überlegte er, schlief er ja bereits tief und fest und das, was er als den vergangenen Tag erlebt hatte, war nur ein Alptraum gewesen. Wäre er ein Mann, der zu Fantasien neigte anstatt zur Sachlichkeit, könnte er direkt Gefallen an dieser Idee finden. Jeder seiner schleppenden Schritte nach achtern kostete ihn mehr Kraft als der vorherige, die Laterne, die er trug, schien Zentner zu wiegen. Er faßte den Griff fester, um das Zittern seiner Hand zu stoppen. Erschöpfung, sagte er sich und nickte dem Marinesoldaten zu, der vor der Tür zur Achterkajüte postiert war, bevor er hineinging. Nur ein letzter Kontrollgang. Wenn Horatio - Captain Hornblower, korrigierte die Stimme in seinem Hinterkopf sofort mit ungewöhnlicher Vehemenz - nachher an Bord kam, sollte alles tadellos sein. Langsam, Meter für Meter, sich auf der Stelle drehend, ließ er den Lichtkegel wandern. Über die Wände, die spärliche Einrichtung, das Geschirr im Wandschrank... Er konnte nichts entdecken, das sein Mißfallen erregte, die Lampen waren mit Kerzen bestückt und der Tisch gewachst. Nicht einmal der Ansatz einer Staubschicht. Und er hatte am Nachmittag mit eigenen Augen gesehen, wie die Fenster geputzt wurden. Alles schien in bester Ordnung. Für einen Moment zog er sogar in Erwägung, die Kombüse zu inspizieren und bei auch nur dem kleinsten Makel Styles aus der Hängematte zu zerren. Solch kleinliches Verhalten war allerdings nicht seine Art. Am Ende des Rundgangs wies er Orrock, an, ihn zum nächsten Wachwechsel bitte zu wecken, das Protokoll verlangte, daß er das Schiff persönlich an den Kommandanten übergab. Schließlich, allein in seiner Kabine, lag er in der schmalen Schwingkoje und blickte hinauf an die Decke. Normalerweise waren das Schattenspiel an den Balken, das Gurgeln der Wellen, die den Rumpf umspülten, und die Gewißheit, seine Arbeit nach bestem Können getan zu haben, ausreichend, um seine Gedanken zu beruhigen, ihn binnen Minuten einschlafen zu lassen. Heute blieb ihm diese Ruhe verwehrt. Zuviel war es, das nun auf einmal über ihn hereinbrach, eine Flutwelle, die er tagsüber mit letzten Reparaturen, Listen, Ladung und optimaler Trimmung des Schiffes hatte eindämmen können. Doch jeder Damm bekam irgendwann einmal Risse.
"Ist das Schiff bereit zum Auslaufen?" Er hatte ihn bereits erwartet. "So bereit, wie sie nur sein kann. Trinkwasser und Reservetauwerk sind an Bord und sicher verstaut, ebenso die Munitionslieferung." Mit der Morgenflut sollten sie auslaufen. Die 'Hotspur' mit ihren zwanzig Kanonen war ein kleines Schiff, doch war trotzdem einiges an Arbeit nötig gewesen, sie innerhalb einer Nacht für eine Fahrt auszurüsten, deren Ziel ihm noch unbekannt war. Allein der Captain kannte ihre Befehle. Sein Captain. Horatio. _Aye, aye, Sir._ Noch vor anderthalb Jahren hatte Horatio diese Worte an ihn gerichtet. Wie schnell sich die Dinge ändern konnten. "Pflichtbewußt und übergründlich wie immer, und doch bringt dir dieser Perfektionismus niemals auch nur ein Lob ein. Warum also die Mühe, frage ich mich? Oh, tut mir übrigens leid, daß ich die Feier verpaßt habe." Der Zynismus drang trotz seiner Erschöpfung zu ihm durch, brannte in den offenen Wunden, die der Tag hinterlassen hatte. "Archie..." Er öffnete die Augen, hob den Kopf. "Was soll das, bitte? Ich bin verflucht müde..." "Captain und Mrs. Hornblower. Cap-tain und Miss-us Horn-blow-er..." Aus den Schatten tretend, ließ Archie diese Worte silbenweise von der Zunge rollen und offenbar klebten sie dort unangenehm fest, denn er nahm einen großzügigen Schluck aus der mitgebrachten Rumflasche. "Dachte, ich rede mal wieder ein paar Worte mit dir. Nur um sicherzugehen, daß du nicht...vergißt." Fast hätte er laut gelacht. Laut und aus dem gleichen Schmerz heraus, der ihn schon seit Tagen immer wieder an den Rand fatalistischer Heiterkeitsausbrüche gebracht hatte. Vergessen. Wie könnte er? Gerne hätte auch er sich betrunken, bis zur Besinnungslosigkeit, noch vor dem Frühstück. Wenigstens ein, zwei Gläser. Der berühmte Schluck Holländer- Mut. Vielleicht hätte er es dann fertiggebracht, das Richtige zu tun, und Horatio von diesem Irrtum abzuhalten, den schon unzählige Männer vor ihm gemacht hatten.
Hier war sie also nun, die Stimme seines Gewissens, blonde Haare und ein Ausdruck in den blauen Augen, der irgendwo zwischen Mitleid und Feindseligkeit lag. Und er wollte schlafen, Gott, nur schlafen, ganz gleich, ob damit unerwünschte Träume verbunden waren. Schlafen...flüchten... Schlaf war die einzige Fluchtmöglichkeit, die ihm offen stand. Aber um sie wahrzunehmen, mußte er vermutlich erst sternhagelvoll sein. Das brachte ihn auf einen anderen Gedanken: was für einen Grund hatte *Archie* zum Trinken? Seine Augenlider, schwer wie Blei, fielen wieder zu, ohne daß er sich dessen gewahr war. "Wieso hat er *das* bitte getan?" Direkt wie immer, keine langen Vorreden, sondern gleich zur Sache kommend. Wieso? Noch weigerte er sich, mit allen Sinnen an dieser Unterhaltung teilzunehmen, hielt die Augen geschlossen. Es reichte, die Frage zu hören. Eine gute Frage. Wieso? Kurz, präzise, und exakt das Wort, das über seine Lippen gekommen war, als Horatio Hornblower ihm vor gerade einmal einer Woche mitgeteilt hatte, daß er Maria um ihre Hand gebeten habe, und ob er, William Bush, sein Trauzeuge sein wolle. Trauzeuge für ihn und Maria Ellen Mason. Maria, eine Frau, wie sie einfacher nicht sein konnte, geeignet für einen Bäcker oder Zimmermann, doch nicht für einen jungen, aufstrebenden Offizier der Britischen Marine. Maria, weder mit gutem Aussehen noch Vermögen gesegnet, auch nicht mit Intelligenz oder Charme, sondern stattdessen mit der Art von Mutter, die, Bushs Meinung nach, einem jeden Seemann ausreichend Anlaß gab, jahrelang auf der anderen Seite der Welt zu bleiben.
Langsam drehte er sich auf den Rücken und wartete darauf, daß sich das Hin und Her der Koje abschwächte. Auf sein 'Wieso?' hatte er nichts bekommen, was einer zufriedenstellenden Antwort ähnelte. Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Eine Antwort war es schon gewesen, nur leider Horatios Art von Antwort, und ein Wort, das ihm immer verhaßter wurde; aus Horatios Mund hörte es sich an wie das Elfte Gebot. Pflicht. "Er hielt es für seine Pflicht", antwortete er heiser, und die Worte hinterließen einen Geschmack in seinem Mund, der um vieles bitterer war als Essig. "Aufgrund einer kleinen Gefälligkeit, für die ein Danke Gegenleistung genug gewesen wäre. Typisch Horatio...immer zu Übertreibungen neigend. Zu denken, es könnte eine Pflicht sein, jemanden zu lieben! Ein paar Tränen, ein gestammeltes Liebesgeständnis, und er meint, mit einem Heiratsantrag aufwarten zu müssen, obgleich ihm diese Gefühle förmlich aufgezwungen wurden. Verdammter Idiot..." Den Blick starr auf eine bestimmte Stelle des Spants über seinem Kopf gerichtet, zuckte Bush mit den Schultern. Was sollte er dem noch hinzufügen? Er war zu müde, innerlich zu aufgerieben, um intensiv darüber nachzudenken. Das hatte er bereits ausgiebig getan und war zu keinem Ergebnis gekommen, außer daß er Horatio nicht verstand. Mit jedem Tag sogar noch weniger verstand. Vermutlich war es besser so. Sich weiter mit dem Problem auseinanderzusetzen würde heißen, sich gefühlsmäßig zu öffnen, sich eine Blöße zu geben, und dann an der Antwort zugrunde zu gehen. Eine Aufgabe, mit der sich überfordert wußte. Seine Lebensart war einfach, er ging jeden Tag auf die gleiche Weise an und setzte sich mit den Dingen so auseinander, wie und wann sie auf ihn zukamen. Immer geradlinig und Schritt für Schritt. Er erging sich nicht in Spekulationen und zerbrach sich den Kopf über Probleme, die gar nicht existierten. Anders Horatio. Horatio war zu kompliziert - nein, Horatio *machte* sich alles viel komplizierter als nötig - und jemand wie William Bush konnte sich nicht ausreichend verbiegen, um diese sprunghafte Denkweise nachzuvollziehen. Oder zu begreifen, warum ein Mann jedem Erfolg, jedem Bißchen Glück und positiven Gedanken einen schwarzen Anstrich verpassen mußte, niemals einfach bloß glücklich sein konnte. Was genug war, war genug. Mit dem heutigen Tag hatte er kapituliert, es war ihm egal. _Ist es nicht. Wenn dem so wäre, könnte ich schlafen._ Archie fuhr fort, noch eindringlicher als zuvor, wenn so etwas überhaupt möglich war. Es war zu lange her, daß ihm Gelegenheit gegeben worden war, sich so ausführlich mitzuteilen. "Denkst du, daß er lieben kann, William? Jemanden wirklich lieben kann, ohne es als eine weitere Verpflichtung anzusehen, eine Belastung?" Ohne auf eine Antwort zu warten, tat er seine eigene Ansicht kund. "Nein. Das ist doch, was du denkst, oder? Pflicht ist für ihn alles, sein Lebensinhalt. Natürlich ist es der Lebensinhalt eines jeden Offiziers, sollte es zumindest sein, laut dem König, wir sollten stolz sein, unsere Pflicht für England zu tun." Er machte erst eine kurze Pause und dann den erwarteten Einwand, "Nur bei Horatio ist es etwas anderes. Ich weiß es und du weißt es. Bei ihm grenzt Pflicht an Religion. Besessenheit. Wie er zu dieser Ansicht kommen konnte - wann seine Auffassung von Pflichterfüllung diese...manischen Züge bekam - weiß der Himmel. Es ist auf keinen Fall gut für ihn. Sicher, seine Erfolge sprechen für sich, doch wohin führt ihn das? Immer weiter nach oben, bis ihm keiner mehr folgen kann, am wenigsten seine Freunde", endete er, Bush mit der Flasche zuprostend als wolle er sagen 'Auf das, was einmal Freundschaft war'. "Und seine Höhenangst ist allgemein bekannt." Etwas wie Nostalgie schlich sich in seine Stimme, und es unterstrich seine kolossale Müdigkeit, daß er tatsächlich bemerkte, wie ihm die Kontrolle entglitt. Als nächstes würde er wohlmöglich noch weinen. "Ich frage mich nur, ob ich rechtzeitig zur Stelle sein werde, um ihn aufzufangen, wenn er fällt." Auf Archies beiläufig gestellte Frage ging er nicht ein. Zu gefährlich. Nach einem weiteren Schluck Rum - die Flasche wurde nicht leerer - gab Archie dem nächsten Gedanken Form, "Oder ob du noch vor ihm fällst?!" Ruckartig verließ sein Kopf das Kissen und er bedachte seinen unerwünschten Gast und Gesprächspartner mit einem verärgerten Blick, wenngleich er auch überzeugt war, daß seine rotgeränderten Augen auf Archie in keiner Weise einschüchternd wirkten. Dessen Ton wechselte nun von sorgenvoll zu anklagend. "Ich habe dir vertraut. Wie konntest du zulassen, daß er das tut? Und auch noch sein *Trauzeuge* sein! Du *wußtest*, daß er einen Fehler macht! Du *hättest* eingreifen sollen, gleich am Anfang, als du merktest, wie diese einfältige Frau..." Er unterbrach sich für etwas Rum und eine Korrektur. "Wie sich dieses Mädchen Horatio förmlich an den Hals warf! Ihn anhimmelte. Und du hast ihn sogar noch darauf aufmerksam gemacht, sonst hätte er vermutlich gar nichts davon mitbekommen." Seine Finger krallten sich um den Rand der Hängematte und er wartete, bis der jäh aufquellende Zorn nachließ. "Bin ich jetzt etwa Schuld, daß er sich *verpflichtet* fühlte?" "In gewisser Weise. Die Hauptschuld liegt bei Mrs. Mason, sie hat ihm ja ein schlechtes Gewissen eingeredet, aber dich trifft die Schuld des Nichthandelns. Es hätte dir klar sein sollen, was schlimmstenfalls passieren könnte!" Archie konnte ihm vieles vorwerfen, aber *das* nicht! Ihm war eben *nicht* klar gewesen, in was für eine Situation Maria - mit Zutun ihrer Mutter - Horatio bringen könnte und wie unüberlegt dieser handeln würde! Er hatte die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dann aber verworfen, weil der Horatio Hornblower, den er kannte und achtete, für so was zu vernünftig war. Horatio würde sich von dem schwärmerischen Gestammel einer Frau wie Maria ködern lassen, Bewunderung nicht für Liebe halten... Ein folgenschwerer Irrtum. ®Mit diesem Ring nehme ich dich zur Frau...mit meinem Körper verehre ich dich...und all mein weltlicher Besitz soll fortan auch der deinige sein.¯ Es waren gerade diese Blitzentscheidungen, die Bush an seinem Captain bewunderte, die Fähigkeit, in einer Gefahrensituation ohne Zögern zu handeln und entsprechende Befehle zu geben. Nun, in diesem Fall war ihm dieses Talent zum Verhängnis geworden. Diese Entscheidung war zu überstürzt gewesen und basierte auf falschen Annahmen und Beweggründen. "Warum nicht? Bis zum letzten Moment hättest du es verhindern können. Gut, es hätte viele Tränen und Gerede gegeben und Horatio hätte alles andere als gut ausgesehen, aber Tränen trocknen, Leute hören irgendwann auf zu reden und zerzauste Federn lassen sich glätten. Sie hätten es verkraftet, sie alle beide. Selbst Horatio", betonte er, "wäre darüber hinweggekommen. Mit etwas Hilfe. Doch nun...wie lange können sie wohl die Illusion von Glück aufrechterhalten?" Das gleiche hatte er sich die letzten Tage auch ständig gesagt, aber trotz aller Argumente hatte er nicht handeln können. Stattdessen hatte er die Hochzeit vorbereitet, das Essen und die Kutsche bestellt und für die Räumlichkeiten gesorgt. Und jede Sekunde gehofft, daß Horatio, wenn ihm all diese Pflichten abgenommen wurden, Zeit finden würde, seine Entscheidung sorgfältig zu überdenken. Aber Horatio hatte sich aufgemacht und einen Ring gekauft. Wenigstens ein Gang, der ihm erspart geblieben war. "Horatio ist ein erwachsener Mann", begann er, versuchte, seine wirren Gedanken zu diesem Thema zu ordnen, zu einer Struktur zu formen, die es ihm ermöglichen würde, diese Unterhaltung fortzuführen und sich besser zu rechtfertigen. Rechtfertigen. Warum mußte er sich überhaupt rechtfertigen und vor wem? Nur vor sich selbst...und einem Geist der Vergangenheit. Archie wischte den Einwand mit einem verächtlichen Schnaufen beiseite. "Sicher, sicher. Er wirkt ganz wie der perfekte Kommandant, demonstriert Entschlossenheit und Selbstvertrauen, um keine Zweifel an seiner Person aufkommen zu lassen, und doch gibt es niemanden, der diese Person mehr hinterfragt als er selbst. Vom Alter ist er erwachsen, ja, aber du weißt ebenso gut wie ich, daß er emotional so unreif sein kann wie ein Zehnjähriger. Ein zur extremen Melancholie neigender Zehnjähriger." "Und diese Melancholie trägt er wie ein Büßergewand." Durch sein unterdrücktes Gähnen hörte er sein eigenes Murmeln kaum und registrierte entfernt, daß an Deck fünf Glasen angeschlagen wurde. Von seinen zweieinhalb Stunden Schlaf waren nunmehr nur noch anderthalb übrig. Großartig. Wenn er beim Frühstück, zu dem Horatio ihn bestimmt einladen würde, mit dem Gesicht in sein Spiegelei fiel, wäre er nicht überrascht. Der Umstand, daß Styles inzwischen (aus reinem Selbsterhaltungstrieb) gelernt hatte, wie man Kaffee zubereitete, würde daran nichts ändern. "Jeder Mensch geht unterschiedlich mit seinen Gefühlen um, Archie...es steht mir nicht zu, Horatio belehren zu wollen, wie er mit den seinen verfahren soll, so gerne ich das auch tun würde. Wenn er mit offenen Augen in sein Unglück rennen will, dann sei dem so. Bitte. Ich halte ihn nicht auf...könnte es gar nicht." _So sehr ich es auch will..._ "Wenn nicht du, wer dann?" "Du hättest es gekonnt." Ganz konnte er seine Bitterkeit nicht verbergen. Insbesondere Archie Kennedy gegenüber nicht, war dieser schließlich nicht ganz unschuldig daran. "Oder Admiral Pellew...Horatio legt jedes seiner Worte auf die Goldwaage, wie du weißt." "Das tut er in der Tat. Ich frage mich, was Pellew von Horatios Entscheidung hält." Kerzenlicht schimmerte in blondem Haar, als Archie den Kopf zur Seite neigte, die Bemerkung im Raum stehen ließ. 'Raum' war sowieso übertrieben, die papierdünnen Schotten, die allmorgendlich ab- und abends wieder angeschlagen wurden, boten kaum genügend Platz, um drei normale Schritte zu machen. "Nun, ich kenne ihn nicht so gut wie Horatio oder du, leider, muß ich wohl sagen, denn er hat den Ruf, ein sehr fairer und fähiger Kommandant zu sein. Ich hatte nie das Vergnügen, unter ihm zu dienen, aber seine Glückwünsche klangen sehr ehrlich." Und besorgt, setzte er im Stillen hinzu, vergeblich, denn natürlich hörte Archie auch das, was er verschwieg. "Pellews Rede wäre für jedes Begräbnis bestens geeignet gewesen", kommentierte Archie den stumm geäußerten Eindruck von dem Umtrunk im Wirtshaus. "Und er macht sich ganz zu Recht Sorgen. Und ich mir ebenfalls, William." Damit stellte er die Rumflasche ab und kam einen Schritt näher, beugte sich über ihn. "Horatio ist sich selbst der größte Feind, William. Ihm fehlen die Jahre, welche die auf einem Captain lastende Verantwortung und die Sorgen leichter machen sollten. Und er haßt seine Unsicherheit, zumal er glaubt, daß jeder sie sieht und ihn dafür verspottet. Ihn weniger ernst nimmt. Dabei wäre genau das Gegenteil der Fall. Er wäre ein soviel besserer Kommandant und Mensch, wenn er sich seine Schwächen eingestehen oder auch nur seine Zweifel an einer getroffenen Entscheidung mit jemandem besprechen würde." Mit einem gequälten Stöhnen der Resignation setzte er sich auf. Sinnlos, diesem Störenfried entkommen zu wollen, besser, er stellte sich und ertrug die verdiente Kritik mit demselben stoischen Gleichmut, mit dem er tagtäglich seinen Dienst verrichtete. Der Blick, dem er begegnete, war hart und durchdringend. Schließlich wußte Archie genau, was William Bush durch den Kopf ging, kannte alle seine Ängste und Sehnsüchte bis ins Detail. Ja, Archie wußte, wie dankbar er gewesen war, als Admiral Pellew ihn beauftragte, die 'Hotspur' seeklar zu machen und ihm dadurch die restlichen Hochzeitsfeierlichkeiten ersparte. So hatte er nicht selbst mit einer fadenscheinigen Ausrede aufwarten müssen, warum er, der er doch alles geplant und organisiert hatte, dem fröhlichen Treiben fernbleiben wollte. Im Nachhinein betrachtet hätte er es keine Minute länger ausgehalten. Mit angetrunkenen Seeleuten konnte er umgehen, mit einer aufdringlichen Mrs. Mason wäre er auch noch zurechtgekommen, doch eine glückselige Maria, die nicht zu merken schien, wie verkrampft das Lächeln ihres Angetrauten war und wie sehr er sich zwingen mußte, das zu tun, was von einem frischgebackenen Ehemann erwartet wurde....von den ungeschickten Umarmungen bis hin zum Kuß vor dem Altar....das war mehr als er ertragen konnte. ®Mit diesem Ring nehme ich dich zur Frau...mit meinem Körper verehre ich dich...und all mein weltlicher Besitz soll fortan auch der deinige sein.¯ Die ganze Zeit über hatte er im Stillen gebetet, daß keiner der Anwesenden in der kleinen Kirche merken würde, wie die Hand des Trauzeugen sich um den Ring krampfte, um das Schmuckstück nicht angesichts dieser Farce von Zeremonie fallenzulassen. Genauso wie er gebetet hatte, jemand würde aufspringen und Einspruch gegen diese Eheschließung erheben. Ein Blitzschlag, ein Erdbeben, die französische Invasion...ihm wäre alles recht gewesen. "Hat er dich jemals nach deiner Meinung gefragt, William?" _Heute Morgen._ Das erste und bislang einzige Mal, seit er Horatios Kommando unterstand. Und er hatte ihm mit einer halbherzigen Phrase geantwortet anstatt mit dem, was ihm spontan durch den Kopf geschossen war. Oh, was war er versucht gewesen, ehrlich zu sein, brutal ehrlich, aber kaum daß Horatio geendet hatte, war der Impuls wieder verflogen und er übte sich abermals in Zurückhaltung. Was hatte ihn schweigen lassen, etwa Angst? Von der Hochzeitstorte hatte er bewußt nichts gekostet. All der Alkohol in Portsmouth hätte nicht ausgereicht, um seinen Hals für Essen freispülen zu können, oder ihn gar - welch frommes Wunschdenken - taub zu machen für das Gelächter und Geplauder der Hochzeitsgäste. Die Stimmung war deprimierend- ausgelassen gewesen, und obwohl er im selben Raum gestanden hatte, hatten ihn dennoch Meilen von dem Fest getrennt. Zu mehr als rein körperlicher Anwesenheit war er nicht imstande gewesen, nicht nachdem ihm in der Kirche schlagartig das volle Ausmaß seiner Handlung klargeworden war. Gott, war das erst heute Vormittag gewesen? Der Klang der Glocken von St. Thomas the Becket, die Hochzeitsgesellschaft im 'George', Admiral Pellew, der seine Aufwartung machte... Unfreiwillig stiegen Bilder aus dem Dunkel der Erinnerung auf... Horatios Degen sank durch den farbigen Zuckerguß, und William Bush hob sein halbvolles Glas, stimmte in den Toast mit ein und schwieg dann, aufs Neue verwundet, diese unsichtbare Verletzung tiefer als jene, deren Narben er auf der Haut trug. Und kein Arzt war zur Stelle, nur Archie. Horatio mit dem Kuchenteller, einen Arm linkisch um "seine liebste" Maria gelegt - gab es ein künstlicheres Bild von Eheglück? Wohl kaum! - und Mrs. Mason, die sich vertraulich in seine Richtung lehnte und ihn fragte, ob *er* denn wohl verheiratet sei. Der Raum hatte zu kreisen begonnen... Fünf Minuten länger und er hätte das gleiche Problem gehabt wie Horatio kurz vor der Trauung. Abermals, obwohl es viele Stunden später war, stieg diese seltsame Mischung aus Wut, Mitleid und Übelkeit in ihm hoch. Wut auf Horatio, dafür, daß er diesen Irrsinn nicht gestoppt hatte, als dazu noch Zeit war. Jetzt würde er die Lüge weiter und weiter spinnen müssen, vielleicht lange genug, als daß er sie irgendwann selbst glaubte. Mitleid mit Maria, die zwar einerseits selbst Schuld hatte, sich in die Idee einer Ehe mit einem Marineoffizier zu verrennen, andererseits aber zumindest jemanden verdient hätte, der ihre Liebe erwiderte, beziehungsweise das, was sie für Liebe hielt. Übelkeit bei dem Gedanken an weitere bevorstehende "eheliche Pflichten" Horatios. Unwillkürlich schluckte er heftig, biß die Zähne zusammen und ließ sich wieder zurückfallen. Drehte sich auf die Seite. Vielleicht sollte er sich etwas in die Ohren stopfen, Wachs oder etwas Stoff... Doch würde Archies Stimme vermutlich auch meterdicke Mauern durchdringen. Er hatte noch keinen Weg gefunden, ihn auszusperren. Zu ignorieren. Wut. Mitleid. Übelkeit. Und die Übelkeit schien zu siegen. Sein Magen verstärkte seinen Protest, drohte mit sofortiger Kapitulation; mit dem linken Arm angelte er über den Rand der Koje und zog den Eimer näher heran, in dem er noch gestern seine Strümpfe gewaschen hatte. Wenn er ganz ehrlich war, galt seine ohnmächtige Wut nicht nur Horatio, sondern hauptsächlich sich selbst, und das Gefühl wurde nicht besser, je mehr er darüber nachdachte, was er hätte antworten sollen, als die Frage fiel. So überwältigend sie eben noch gewesen war, so plötzlich war die Übelkeit verschwunden. Die unsichtbare Faust, die sich um seinen Magen geschlossen hatte, ließ los, und er atmete befreiter, wenn auch noch nicht frei. Horatio Hornblower, sei er verdammt für *die* Frage! "Welche Frage, William? Was genau hat er gesagt?" Wahrlich, Archie konnte grausam sein! Dabei wußte er doch genau, was sich abgespielt hatte, wieso also mußte er es laut aussprechen? Das Verhör ging weiter, der übermüdete Lieutenant fand sich mit der unangenehmen Wahrheit konfrontiert und zwang sich erneut in eine sitzende Position. Die Hoffnung auf Schlaf hatte er bereits verworfen. "Er *hat* dich nach deiner Meinung gefragt, aber du hast nichts gesagt! Ist doch wahr, oder?" Aufseufzend ließ er den Kopf auf die Knie fallen, wartete einige Atemzüge ab, bevor er antwortete, "Es war nicht so einfach." "Wie war es dann? Was ist so schwer daran, einem Freund ins Gewissen zu reden?" Wo sollte er da anfangen? Bei Horatio, den der Gedanke an seine unmittelbar bevorstehende Vermählung stärker würgen ließ als der rauheste Seegang und der dabei dennoch versuchte, seinem Ersten Offizier dafür zu danken, daß er ihm in dieser Stunde beistand? Horatio, der so elend aussah und nicht einmal fünf Worte hervorbrachte, bevor sein Magen ihm das Reden unmöglich machte. Bei Horatio, der mit ihm Arm in Arm lachend und scherzend nach einem erfolgreichen Abend in den Long Rooms durch die Straßen von Portsmouth schritt, so als hätten sie sich erst gestern zum letzten Mal gesehen und nicht vor über einem Jahr? Oder noch früher, bei einem Horatio, in dessen Gesellschaft er 48 Stunden Landurlaub in Kingston verbrachte? Nur ein paar wenige alkoholgetränkte Bruchstücke waren davon in seiner Erinnerung zurückgeblieben und das war durchaus in Ordnung, ihr damaliges Ziel war Vergessen gewesen. Oder sollte er bei Horatio beginnen, der ihn mit einem eisigen Blick bedachte, als er berechtigte Zweifel an einem gegebenen Befehl äußerte? Egal wo er anfing, das Ende war dasselbe. ®Mit diesem Ring nehme ich dich zur Frau...mit meinem Körper verehre ich dich...und all mein weltlicher Besitz soll fortan auch der deinige sein.¯ Nur stockend kamen die ersten Worte hervor. "Du mußt verstehen...ich und Horatio...wir reden nicht so miteinander wie du und er. Und wenn wir reden, hört er nicht auf das, was ich sage." Schlimmer noch, Horatio hörte weg. Die Arme um die Knie geschlungen, sein Blick immer wieder zu der schwach flackernden Laterne wandernd, fuhr er fort, "Horatio hat mich um Rat gefragt, Archie. Heute Morgen in der Kirche fragte er mich, ob dies ein ungünstiger Zeitpunkt zum Heiraten sei...und ich..." Er schluckte mehrmals, rief sich das Gefühl ins Gedächtnis zurück, das Horatios unerwartete Frage wachgerufen hatte. Verwirrung. Überraschung. Fassungslosigkeit. "Und ich konnte nur antworten, daß es niemals ein guter Zeitpunkt sei." Wie deutlich hätte er denn sein sollen? Er hatte zuviel Respekt vor Horatio, um die Wahrheit auszusprechen, mochte sie ihn auch langsam aber sicher erwürgen. Es schmerzte, in seiner Nähe zu sein, und dennoch konnte er sich keinen Platz auf Erden vorstellen, an dem er lieber wäre. Hätte er versuchen sollen, all die Dinge in Worte zu fassen, die sich seit damals, seit dem Auslaufen der 'Retribution', als er an Deck der 'Renown' stand und zusah, wie das andere Schiff die Toppsegel setzte, unter seiner Zunge angesammelt hatten und dort langsam verrotteten? Das schleichende Gift sickerte von seinem Mund hinunter in sein Herz; fast war ihm als würde es dadurch bereits langsamer schlagen. Gestern Morgen hätte er die Gelegenheit gehabt. Horatio hatte so vertraulich geklungen, fast als hätte er sich in jenem Moment, als er keinen Ausweg mehr sah und die Zukunft ihn zu sehr abschreckte, auf die Vergangenheit besonnen. Und auf die Freunde, die er gehabt hatte. In der leisen Frage hatte sogar etwas wie Verzweifelung mitgeschwungen, auf daß ihm William Bush, sein rechter Arm, seine Stütze, *bitte* einen triftigen Grund liefern möge, damit er die Schlinge um seinen Hals abstreifen konnte. Doch alles, was William Bush eingefallen wäre, hätte nur andere, noch weitaus entsetzlichere Falltüren geöffnet, und im schlimmsten Fall sie beide hängen lassen. Vielleicht zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort, hätte er die Antworten geben können, die er geben wollte. Doch das würde auch einen anderen Horatio voraussetzen, jemanden, der nicht nur im Kampf Mut bewies, sondern auch, wenn es darum ging, sich einem anderen Menschen anzuvertrauen. Eine Fehlentscheidung einzugestehen und sich den Konsequenzen zu stellen. Für Horatio Hornblower ein Ding der Unmöglichkeit. Sein Stolz war zu groß als daß er einen Rückzieher machen würde (auch wenn es zu seinem eigenen Besten war) und Maria dadurch demütigte. "Er hätte seinen Entschluß nicht geändert, Archie. Nichts, was ich hätte sagen können, hätte ihn umgestimmt. Wenn es um Pflicht geht, schenkt er allem anderen herzlich wenig Beachtung." Speziell seinen Freunden. Und er war sich mehr und mehr unsicher, ob er sich überhaupt noch dazu zählen konnte. Einst hatte er es geglaubt. Einer der wenigen Gedanken, die ihn während des entbehrungsreichen Friedensjahres auf Halbsold an Land mit Freude erfüllt hatten. Zwar redete er selten über die Ereignisse in der Karibik - sogar seiner Mutter und seinen Schwestern hatte er kaum mehr mitgeteilt als der Bericht im 'Naval Chronicle' hergab - doch dafür waren seine Gedanken umso häufiger in die Vergangenheit gewandert, zurück zu der gemeinsamen Zeit auf der 'Renown', dramatisch wie sie gewesen sein mochte. Ihm waren diese Erinnerungen lieb und teuer. In jenen Monaten hatte ein Lieutenant William Bush Freundschaft in ihrer besten Form erlebt, doch das Gefüge aus Vertrauen, Wärme, Lachen und gegenseitiger Unterstützung, in das er hineingezogen worden war, hatte den Verlust seines Herzstücks nicht überlebt. Kopf und Hand funktionierten ohne das Herz nur bedingt. Doch was immer sie verbunden hatte, es war längst keine Freundschaft mehr, nur noch ein Echo. Eine Idee. Eine Weile lang hatte Archie geschwiegen, das Auf und Ab der Flamme hinter dem rußgeschwärzten Glas der Laterne verfolgt, nun meinte er nachdenklich, "Das klingt fast, als würdest du von einem anderen Mann sprechen." "Nun, vielleicht ist er genau das. Vielleicht ist er das. Ein anderer Mann. Ich habe den Horatio, der dein Freund war, nie kennengelernt." Nicht wirklich, nur kurz (zu kurz), und doch lange genug, um diese Freundschaft ebenfalls zu wollen. Umso schmerzhafter die Erkenntnis, daß er nie bekommen würde, wonach er sich sehnte, ganz gleich, was er tat. Für ihn blieb nur das Echo. Wirkliche Freundschaft mit Horatio, die Art von Freundschaft, die absolute Ehrlichkeit erlaubte, selbst wenn der Freund sie nicht hören wollte oder dadurch verletzt wurde...undenkbar seit jenem Januarmorgen in Kingston. Der Knall eines Richterhammers durchzuckte die Dunkelheit, die sich in seinem Kopf zusammenballte...dabei hatte er den Gerichtssaal nie betreten. Weshalb also hörte er dieses Geräusch, jäh und durchdringend wie ein Pistolenschuß? Der Pistolenschuß, den er einige Sekunden zu spät abgegeben hatte, und für dieses Zögern noch immer bezahlte. _Immer nur das Echo, das ewige Echo, niemals mehr._ Statt den Fragen von der Richterbank und den Ausführungen der Beschuldigten hatte er wachgelegen und jeden Atemzug gezählt, den der sterbende Mann im Nachbarbett nahm. Hatte ihm zugehört. Ganz so wie er jetzt hier lag und ihm zuhörte. "Er ist anders...seit der 'Renown'." "Nun, das gilt für uns alle", erwiderte Archie mit einem ironischen Halblächeln. In dem schwachen Licht wirkten seine blauen Augen dunkler als sein Uniformrock, fast schwarz. "Die einen mehr, die anderen weniger. Horatio besitzt eine Gabe, die wir alle gerne in uns selbst sehen würden. In seiner Gesellschaft fühlen wir uns nicht wie die Männer, die wir sind, sondern die Männer, die wir sein möchten. Besser als wir in den Augen der restlichen Welt erscheinen. Horatio verändert die Menschen, die sein Leben teilen. Auch du bist anders, William. Du merkst es jeden Tag aufs Neue. Anders. Sonst würde es nicht so wehtun." Er zwang sich zu einem Nicken. Unnötig auszusprechen, was Archie meinte. Lügen oder Halbwahrheiten existierten in ihren Unterhaltungen nicht, was gesagt wurde, war stets die Wahrheit. "Heute...in der Kirche...habe ich einen Moment lang darüber nachgedacht, was wohl alles anders wäre, wärst du an meiner Stelle." So wie es sein sollte, wisperte eine hämische kleine Stimme in seinem Herzen und dieser neuerliche Schmerz war selbst durch die Erschöpfung zu spüren, schnitt in ihn bis hinunter auf die Knochen. "Das wäre nicht das erste Mal. Aber in letzter Zeit tust du es häufiger, wie mir auffällt." "In der Tat. Nenn' es eine menschliche Schwäche. Schließlich verfolgst du ihn immer noch, wo immer er auch hin flüchten mag. Diese Welt hat nicht genug Platz als daß er seinen Dämonen entfliehen könnte. Manchmal", eigentlich wollte er es nicht sagen, doch war es schon zu spät, um abzubrechen, "habe ich das Gefühl, daß er mich nur unter seinem Kommando haben will, weil ich dort war. In Kingston. Um sich durch mich stets zu erinnern, was er verloren hat." "Es scheint mir als hätte er an jenem Tag uns beide verloren, William." Darin mochte Archie Recht haben. Soviel war passiert in jenen Gewässern vor Santo Domingo, auf dem blauen Wasser unter der drückenden Sonne. Manche Männer hatten sich selbst verloren und andere einander. "Er ist so anders", wiederholte er überflüssigerweise, eigentlich nur zu sich selbst. Ein anderer Mann. Und trotzdem hatte jener Mann ihn gebeten, sein Trauzeuge zu sein. Ihn. Sein Gegenüber konnte sich den schnippischen Einwand nicht verkneifen, strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, als er lässig gegen die Bordwand lehnte. "Es ist nicht so als wäre die Auswahl riesengroß." Nur allzu wahr. Doch wie sollte er erklären, wie sehr ihn die bloße Bitte angerührt hatte? Der so zögerlich geäußerte Wunsch, ihn an seiner Seite zu haben in dieser schicksalhaften Stunde, Fehlentscheidung oder nicht. William Bush würde seinen Kommandanten nicht im Stich lassen. Seinen Freund. Würde alles tun, um das Echo nicht verhallen zu lassen. Archies kritische Aufmerksamkeit, eben noch so unmittelbar und scharf wie ein Hieb mit den geknoteten Riemen der Katze, verlor an Strenge. Anders als er blieb William an den Schmerz gebunden, nicht mit seinem Körper aber mit seiner Seele, ohne die Möglichkeit, sich loszuschneiden. "Keine Erklärung nötig, William. Er braucht einen Freund...auch wenn er es nicht wahrhaben will und das Angebot von Freundschaft ablehnt. Und sich selbst gewiß nicht so benimmt, als daß er es überhaupt verdienen würde. Horatio kann mitunter schroffer sein als die Klippen am Kap St. Vincent. Aber er braucht jemanden. Und es gibt niemanden außer dir." "Ich weiß. Und ich nehme es ihm nicht übel, Archie. Er...er meint es nicht so." Es hieß, die erste Lüge sei immer die einfachste...er hatte bereits erkennen müssen, daß eben darin eine weitere Lüge lag. "Ach, wirklich? Zumindest könnte er sich gelegentlich entschuldigen. Launisch sein ist eine Sache, Horatios Laune...eine andere. William Bush, zuverlässig, loyal, der perfekte Erste Offizier, der sich nie etwas zuschulden kommen läßt und niemals murrt, selbst wenn er zum wiederholten Mal gedemütigt wird." Wo Archies Ton vorhin ganz zu Anfang spöttisch geklungen hatte, war er nun freundlich, fast schon sanft. "Völlig unverdient zurechtgewiesen wird. Nicht mit Worten, sondern mit allem, was nicht gesagt wird. Horatio war schon immer ein sehr verschlossener Mensch...man braucht Geduld bei ihm..." "Ich weiß", gab er zurück, noch immer im Flüsterton. Er wiederholte sich, aber welche Antwort sollte er auch sonst geben? "Ich weiß." Seine Augen brannten, jeder Muskel in seinem Körper schmerzte und das Hämmern in seinem Kopf wollte nicht nachlassen. "Diejenigen, die ihm am nächsten stehen, sind gleichzeitig diejenigen, die er am weitesten von sich fortschiebt und behandelt als läge ihm nichts an ihnen. Dem ist nicht so. Man muß es nur erkennen. Und ertragen können." "Und das kannst du, eh?" Skepsis, Verständnis, Bedauern. Zuviel lag in dieser einfachen Frage. "Es ertragen?" "Vielleicht", antwortete er, und das Wort, in seiner Ungewißheit, hätte Diamanten zerschmettern können. Wirkungslos also gegen das Herz, das er zu gewinnen suchte. "Ja." Schon überzeugter. "Und es hat nichts mit dem Versprechen zu tun, das ich dir gegeben habe." Archie maß ihn mit einem langen Blick und nickte schließlich. "Ich verstehe. Ach, William..." Die wissenden Worte wurden begleitet vom Klang der Glocke an Deck. "Du solltest es ihm sagen." "Hast du es denn je getan?" lautete die Gegenfrage, ein weiteres Echo in der Stille seiner Gedanken. Die Antwort, natürlich, blieb aus. Acht Glasen, die Morgenwache begann.
|