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Imbroglio amoroso

© by Jimaine ()
 
Disclaimer: Nichts gehört mir und ich verdiene nichts mit meinen Anstrengungen. Die Rechte für die Bücher und die Charaktere gehören dem verstorbenen Patrick O'Brian bzw. seinen Erben und so soll es auch bleiben.
WARNUNG: K&K-Alarm! (Kitsch & Kleenex) Aber wenn POB selbst schon so ähnlich schreibt, wieso soll ich mich da zurückhalten?
Widmung: My love, my light, the anchor that saved me. Wenn es eine Person gibt, die ich nicht verlieren will, dann dich.
A/N: (1) Loreena McKennitt's "A Winter Garden" ist ein bewährtes Rezept für Weihnachtsdepressionen. Und mein absolutes Lieblingsstück war schon immer das eine, dem sie ein ganz neues Flair einhaucht. Bloß hatte ich dieses Jahr vor meinem inneren Auge nur einen Mann und sein Cello.
(2) Diese Story hat nichts mehr mit dem Film zu tun. Nada, rien, rud ar bith, niente! Angesiedelt ist der Hauptteil nach Ende der von POB geschriebenen Buchreihe, ca. 1821, der Einschub zur Zeit von "Desolation Island" ("Sturm in der Antarktis"). Keine Ahnung, welche Jahreszeit in den letzten Büchern ist...mir auch ziemlich egal. Nach sechs Mal Umschreiben bin ich mit meiner Geduld am Ende, dieses 'Ach nööö...'-Erlebnis jeweils am Ende von Buch 5-16 war recht nervig. Jedes Mal aufwendige Recherche, Faktenfriemelei und graue Haare. Aber jetzt habe ich mich festgelegt!
Wenn ich irgendwann mal Buch 20 in der Hand halte und feststelle, daß ich mich hier oder da geirrt habe...Pech. Errare laudanum est, *g*
(3) Es ist der 26. Dezember, zufälligerweise "The Feast of St. Stephen".
(4) zum Titel: als 'imbroglio' (Verwirrung) bezeichnet man in der Musik eine Stelle, die rhythmisch durch Übereinanderschichtung verschiedener Taktarten verwirrt ist. Das andere sollte klar sein...
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Ashgrove Cottage, Hampshire, England, ein Tag nach Weihnachten, 1821

 

Draußen fiel der Schnee in dicken Flocken, bedeckte die Hecken und Felder der South Downs mit einer weißen Decke scheinbarer Friedlichkeit.

"Noch etwas Kaffee, Sir?" Kanne in der Hand stand Killick im Türrahmen, wartete mit uncharakteristischer Höflichkeit auf das 'Ja' des Hausherren, bevor er den Salon betrat. Es kam keine Antwort und er runzelte die Stirn, fügte seinem griesgrämigen Gesicht noch einige Falten hinzu. Allmählich machte er sich Sorgen. Schon verwunderlich, daß Mrs. Aubrey erst kürzlich aufgefallen war, wie sich die Stimmung ihres Gatten bedeutend von dem normalen Trübsinn unterschied, der einen jeden Seemann an Land quälte. Es lag weiß Gott nicht an der Tatsache, daß nicht abzusehen war, wann er wieder das Deck eines Schiffes unter den Füßen haben würde. Die Tage verbrachte er außer Haus, nahm seine politischen Pflichten für den Landkreis wahr, besuchte alte Bekannte und machte lange Ausritte. An den Abenden dann verbarrikadierte er sich oft in seinem Arbeitszimmer, und weder Sophia noch die Kinder behelligten ihn, nachdem er ihnen gute Nacht gewünscht hatte.

Seine spontane 'Flucht' hierher nach Ashgrove, das ehemalige Heim der Familie in Hampshire, welches sie immer noch unterhielten - mehr aus Sentimentalität als aus anderen Gründen - war ein weiteres Symptom für die Melancholie, die an ihm nagte.

Killick hatte schon lange aufgehört, sich zu wundern, war ihm aber auf Sophias Drängen schließlich gefolgt, damit, wie sich die besorgte Frau ausdrückte, 'Jack keinen Unsinn machte'. Seine Anwesenheit war denkbar unwillkommen und somit blieb er außer Sicht, überließ Aubrey weitestgehend sich selbst.

Was diesem ganz recht war. Bereits vor Stunden hatte er sich zurückgezogen. Um zu lesen, einige lang überfällige Briefe zu schreiben...hauptsächlich aber, um allein mit seinen Gedanken zu sein. Keine gute Gesellschaft, wenn er ehrlich war, doch was für Alternativen hatte er schon?

Manche Männer eigneten sich nicht für ein Leben an Land, und Captain John Aubrey war einer von ihnen.

"Sir?"

Ruckartig sah Jack von seinem Buch auf, blickte seinen langjährigen Steward (an Land sein Butler) an als sähe er ihn zum ersten Mal. Dann trat ein Ausdruck des Widererkennens in die müden blauen Augen und ihm gelang etwas, das einem Lächeln ähnelte. "Killick. Ich hatte dir doch gesagt..." Es war bereits nach elf Uhr. Anscheinend hatte er sein Zeitgefühl ebenso auf See gelassen wie die übersprudelnde Lebensfreude, die einst jeden in seinem Umfeld angesteckt hatte.

"Noch Kaffee, Sir? Und ich hab' Ihnen 'ne frische Tasse gebracht." Natürlich ging Killick nicht auf den indirekten Tadel ein.

Jack seufzte und nickte. "Ja, gerne. Der hier ist eiskalt, fürchte ich."

Ausnahmsweise ohne sein übliches mürrisches Gemurmel schlurfte Killick geräuschvoll zu ihm hinüber und stellte das Tablett mit der Kanne und einer dampfenden Tasse auf den Tisch neben die schwach flackernde Öllampe. Nicht nur der Kaffee war kalt. Es war kalt im Raum, so kalt sogar, daß er seinen Atem sehen konnte; kein Wunder, das Feuer im Kamin war gänzlich heruntergebrannt. In dem Haufen Asche, so weiß wie der Schnee draußen, glommen nur noch einige vereinzelte Stückchen Glut. "Verzeihung, Sir, aber das Feuer. Sie hol'n sich ja sonstwas weg bei dieser Kälte. Dabei hatten wir's am Mittag doch schon so schön warm. Ah, jesses, und duster ist's hier drin, wie inner Kohlenmine..."

"Laß gut sein, Killick. Das kann ich auch selber machen." Das leichte Zittern seiner Lippen strafte seine Worte Lügen. Ihm lag nichts daran, auch nur irgend etwas zu tun. Das Jahr neigte sich unaufhaltsam dem Ende zu, gab ihm in den letzten Tagen vor dem Jahreswechsel noch zuviel Zeit zum Nachdenken.

Killick hielt es für angebracht, nicht auf den Umstand einzugehen, daß der werte Herr das Buch verkehrt herum hielt. Auf dem Beistelltisch, gerade außer Reichweite, lag der Violinenkasten, aufgeklappt, doch ansonsten unbeachtet. Ein Mahnmal an vergangene Tage. Wieso hatte Aubrey das Instrument mit hergebracht, wenn er doch eh seit Monaten nicht mehr spielte? Nicht mehr seitdem die eine Saite gerissen war. Zwar beschwerte sich Killick auf See regelmäßig über das 'Gekratze', aber irgendwie vermißte er es. Angeblich hatte Aubrey noch 'keine Zeit' gehabt, die Saite zu ersetzen; Killick wußte es besser. Jeder, der behauptete, den Captain zu kennen, sollte es besser wissen. Abgesehen vom Ticken der Wanduhr herrschte unnatürliche Stille. "Ihr Kaffee, Sir. Lassen Sie ihn nur nich' wieder kalt werden."

"Danke, Killick, danke vielmals. Und gute Nacht." Kaum daß er allein war, verlor sich Aubrey wieder in der Dunkelheit jenseits des Fensters, hatte die Unterbrechung seiner Grübelei bereits vergessen. Diese unbedeutende Erinnerung verblaßte, machte Platz für eine andere...

 

 
Zehn Jahre zuvor....

 

Der beißend kalte Westwind, der über den Südatlantik fegte, brachte keinen Schnee mit sich, stattdessen aber peitschte eisiger Regen das Deck des angeschlagenen Zweideckers, der sich mit vollen Segeln mühsam durch die Wellentäler pflügte. Dies waren die 'Brüllenden Vierziger' und starke Winde waren an der Tagesordnung.

Der Anblick, der sich einem bot, war gänzlich farblos, Schwarz in Schwarz. Schwarzer Himmel, schwarze See...selbst die Gischt auf den langen Wellenkämmen paßte sich farblich an, schäumte dunkel um den Rumpf. Die einzige Abwechslung boten die grauen Gesichter an Deck. Grau vor Kälte und Unbehagen, denn bei diesem Starkwind kam die Nässe von allen Seiten, und trotz Teerjacke und dickem Mantel war jeder Deckgänger binnen Minuten naß bis auf die Haut.

Kein gutes Wetter, aber angesichts der Gesamtsituation noch das kleinste Übel.

 

Lieutenant Babbington, der wachhabende Offizier, wischte sich Wasser aus dem Gesicht und zog erst den Schlechtwetterhut tiefer in die Stirn, bevor er die Sanduhr umdrehte; eine Hand verblieb dabei immer an der Reling. Mitternacht...doch es war nicht viel heller als um zwölf Uhr mittags. "Glasen Sie zur Mittelwache", wies er den Seesoldaten in der Nähe des Glockengalgens an. Durch das eindringende Wasser war die 'Leopard' buglastig und lief in einer andauernden Schräglage, also bewegte sich der Mann nur sehr langsam über das schlüpfrige, stark abschüssige Deck, immer entlang des längsschiffs gespannten Strecktaues, jeder Schritt ein Wagnis. Achtmal erklang der helle Ton, gefolgt vom lauten Ruf des Bootsmanns, der seine Männer antrieb.

Ein letztes Mal bestrich Babbington mit dem Nachtglas die Wellenberge, dann stellte er den Kragen auf und übergab mit einem knappen Nicken das Achterdeck an seine Ablösung. "Alles wohlauf, Mr. Bonden. Lassen Sie weitermachen. Wir müssen uns gegen diese Abtrift behaupten, wenn wir halbwegs auf Kurs bleiben wollen."

 

Die Männer an Deck waren sichtlich froh, ins Trockene zu kommen und sich mit einer Portion Rum aufwärmen zu können; die Seemänner, die jetzt ihren Dienst antraten, hatten dagegen nichts zu lachen. Ihnen stand eine lange, ungemütliche Nacht bevor, doch sie trösteten sich mit dem Gedanken, daß es vielen ihrer Kameraden unter Deck nicht viel besser ging. Nachdem die 'Leopard' durch die Kollision mit einem Eisberg bei Nacht und Nebel schwere Schäden erlitten hatte, mußte die ohnehin schon dezimierte Crew Unmenschliches leisten, Weihnachten oder nicht.

Wenn man bis zur Hüfte im kalten Wasser seine ermüdenden Kreise an der Lenzpumpe stampfte, war es kaum verwunderlich, daß die richtige Weihnachtsstimmung nicht aufkommen wollte. Stunde um Stunde kämpften die Lenzmannschaften gegen das Wasser, das immer noch acht Fuß tief im Orlop stand und trotz all ihrer Anstrengungen wollte der Pegel einfach nicht fallen. Die Hälfte der Mannschaft war bemüht, sie über Wasser zu halten, während die andere versuchte, das Schiff wieder steuerbar zu machen, und jedermann war in Sorge, daß das zerstörte Ruder nicht rechtzeitig repariert sein würde, um ein Anlaufen der Crozet-Inseln zu ermöglichen. Position und Kurs ließen sich nur schätzen, aber was die Breite anging konnte man behaupten, daß in den nächsten Tagen Land am Horizont auftauchen mußte.

 

Wie der durchnäßte und frierende Babbington seiner Koje entgegenstrebte, registrierte er nebenbei, daß der Tisch in der Offiziersmesse bereits abgebackt worden war. Mittlerweile hatten offenbar alle ihren Anteil am Essen bekommen und arbeiteten entweder wieder oder hatten sich kurz schlafen gelegt. Sechzig Mann pro Wache waren auf einem Schiff vierter Klasse einfach viel zu wenig. Die Leistung, die sie erbringen mußten, um der Situation gerecht zu werden, war unmenschlich, sie waren hoffnungslos unterbemannt: Erst die Toten durch Krankheit, dann ihre Verluste im Gefecht mit dem Holländer und schließlich die vielen Verzweifelten, die von der zum Untergang verurteilten 'Leopard' ins Wasser gesprungen waren, um sich in die Barkasse oder einen der beiden Kutter zu retten, als der Captain Lieutenant Grant mit den Booten nordwärts zum Kap entsandte.

Die meisten von ihnen waren in den eisigen Fluten ertrunken.

"Der Captain noch wach?" erkundigte er sich beim Smutje, der gerade seine Töpfe auskratzte, und ruckte mit dem Kinn in Richtung Achterkajüte.

"Oh, glaub' schon. Er hat den Doktor zu Gast."

Babbington nickte zufrieden und wrang nebenbei seinen triefenden Hut aus. Gut, dann brauchte er sich nicht weiter zu sorgen. Dr. Maturin würde schon darauf achten, daß der Captain sich nicht mit den Reparaturplänen für das Schiff halb um den Verstand brachte. Gänzlich war er schließlich noch nicht wiederhergestellt, sah immer noch beängstigend krank aus. "In Ordnung. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht."

"Ihnen ebenfalls, Sir. Oh, aufpassen, stolpern Sie nich' über den kleinen Boyle - der is' vom Pumpen so fertig, daß er eingeschlafen ist, wo er saß, kaum daß er was im Magen hatte."

 

*********
 

"Tut mir aufrichtig leid, Jack, daß es mit dem Notruder nicht so geklappt hat, wie du es dir vorgestellt hast", meinte soeben der besagte 'Gast' und rieb sich die Arme, auf denen die Gänsehaut trotz der drei Westen, zwei Hemden und des dicken Wollpullovers seit Tagen ein Dauerzustand war. Jack Aubrey hätte allerdings gegen die Bezeichnung 'Gast' protestiert, denn immerhin teilte er seine Kajüte seit vielen Jahren in friedlichem Einvernehmen mit ihm, egal auf welchem Schiff. Und egal, wie demoliert es war. Seit ihrer ersten gemeinsamen Fahrt war Dr. Stephen Maturin schon kein 'Gast' mehr gewesen, sondern ein vollwertiges, arbeitendes Mitglied der Besatzung. Zugegeben ein ewiger Laie, was das A bis Z der Seefahrtskunst betraf, doch in seinem Fach ein Mann von tadellosem Ruf.

"Zumindest ist die Kajüte wieder halbwegs trocken."

"Ah, ich sehe. Bist du deshalb in so ungemein guter Stimmung, Bruderherz? Oder darf ich das Lächeln auf deinem Gesicht dem Wein zuschreiben? Man könnte meinen, du hast deinen Kummer über unsere mißliche Lage überwunden."

"Da irrst du! Nein, nein, von *überwunden* bin ich noch weit entfernt. Aber es ist Weihnachten, Stephen", seufzte Jack, und wie er sich zurücklehnte, kratzte er sich vorsichtig am Kopf. Die heilende Wunde unter dem Verband - wie viele Stiche waren es gewesen, zehn, zwanzig? - juckte furchtbar und schmerzte mehr als sie sollte, seiner Meinung nach. "Weihnachtsabend. Ein bißchen gute Stimmung gehört dazu und sei sie noch so erzwungen..." Das Wetter und der elende Zustand des Schiffes hatten Weihnachten zu einem Tag wie jeder andere gemacht, Festtagsstimmung konnten sie sich momentan nicht leisten, und obwohl das in Schichten genossene Dinner die meisten Gemüter etwas besänftigt hatte, blieb diese Wirkung bei ihm aus. "Morgen früh wird Sophia aufwachen und mich vermissen...werden meine Kinder nach ihrem Vater fragen..."

Stephen hob eine skeptische Augenbraue und nippte an seiner Tasse Kaffee, eine Hand auf den Bauch gelegt. Das Mahl war bei weitem nicht so opulent ausgefallen wie die Weihnachtsdinner, an die er zurückdenken konnte, aber unter den herrschenden Verhältnissen waren frisches Schweinefleisch und eine doppelte Portion Pflaumenpudding mehr als festlich. "Wenn sie denn inzwischen alle sprechen können, werden sie das gewiß tun, Jack. Und es ist bedauerlich, daß du nicht bei ihnen sein kannst. Glaub' mir aber, wenn ich dir sage, daß ich in diesem Moment nirgendwo lieber wäre als hier."

"Trotz allem, was diesem vermaledeiten Schiff bislang zugestoßen ist und allem, was noch kommen mag? Du hast wahrlich einen seltsamen Sinn für Humor, Stephen."

"Schließlich habe ich dir diese Mission mehr oder weniger aufgedrängt." 'Aufgezwungen' wäre sogar noch ein besseres Wort. Zunächst nur aus eigenem Interesse. Die Begleitung der als Spionin verurteilten Louisa Wogan war seine einzige Alternative zum permanenten Ausscheiden aus dem Geheimdienst gewesen, das hatte ihm Sir Joseph klargemacht, ohne es wirklich zu sagen. Entweder eine Reise nach Botany Bay für den überarbeiteten, ausgebrannten Geheimagenten, verbunden mit einer Aufgabe (dem Aushorchen besagter Mrs. Wogan), um für seinen bedauerlichen Lapsus (versehentlich in einer Kutsche liegengelassene Geheimdokumente) Wiedergutmachung zu leisten, oder der sofortige Ruhestand. Zusätzliches Salz in der Suppe war Louisas Freundschaft mit Diana Villiers, in deren Wohnung man jene Dokumente entdeckt hatte.

Gestattete das Schicksal ihm denn nie, diese Frau zu vergessen, seine Gefühle zumindest halbwegs zu begraben?

Diana hatte man nach einem gründlichen Verhör aufgrund ihrer amerikanischen Staatsbürgerschaft und kaum nachweisbarer Beteiligung freigelassen, und sie war auf dem schnellsten Weg in die Staaten zurückgereist. Mit diesem Johnson, ihrem Gönner und Beschützer. Ihrem Liebhaber. Ihrem Was-auch-immer. Er zog es vor, nicht darüber nachzudenken. Nicht hier, nicht heute. Er wußte, wo das enden würde.

Der Grund, den er Sophia genannt hatte, damit sie Jack ins Gewissen redete, nicht ein halbes Jahr auf seine 'Ajax' zu warten, sondern sofort mit der 'Leopard' aufzubrechen, war ein anderer gewesen: Jack hatte einen einflußreichen Mann berechtigterweise des Betrugs beim Kartenspiel beschuldigt. Zum Duell war es nicht gekommen, aber, so sein Reden, es wäre besser für Jack, England für einige Zeit zu verlassen, bis Gras über die Sache gewachsen sei.

Und Sophia hatte ihre eigenen Gründe, sich eine längere Abwesenheit ihres Mannes zu wünschen. Sie hatte Stephen ins Vertrauen gezogen und ihm gestanden, wie besorgt sie wegen Jacks kostspieliger und zunehmend unsinniger Bauprojekte sei - diese ausgleichenden Aktivitäten für das Warten auf das ihm versprochene Schiff. Er triebe die Familie noch in den Ruin, und jetzt ein mögliches Duell...sie wolle ihn nicht verlieren, nicht mit drei Kindern und einem Haufen offener Rechnungen.

Während Stephen noch achselzuckend dastand und sagte, er könne nichts tun, so lange John 'Lucky Jack' Aubrey, Esq., sich gegen sein Zureden sträubte wie ein Maulesel, hatte sie Jack auf ihre ganz eigene Art dazu gebracht, über seinen Schatten zu springen, die geplante Reise zu den Gewürzinseln zu vergessen und zuzulassen, daß man sein derzeitiges Kommando zu einem Sträflingstransport umfunktionierte.

Sie hatte ihm nahegelegt, daß er es für Stephen tun möge, daß er dem armen, *armen* Mann über seinen Schwermut wegen Diana hinweghelfen könnte, indem er ihn mit einer Reise in das exotische naturwissenschaftliche Paradies Neu-Holland ablenkte. Als Freundschaftsdienst. Von selbst würde Stephen ja nie darum bitten...

So hatte sie die Interessen der beiden Freunde mit weiblicher Schläue auf einen gemeinsamen Nenner gebracht.

Natürlich wußten weder Stephen noch Jack etwas von ihrer eleganten Verdrehung der Tatsachen.

"Aufgedrängt? Es war schließlich *meine* Entscheidung. Eine von einem Befehl begleitete Entscheidung", räumte Jack nun ein, "aber dennoch eine Entscheidung. Ach, Stephen, wenn du verheiratet wärst und Vater, dann würdest du mich verstehen." Vaterschaft war etwas, an das er sich inzwischen leidlich gewöhnt hatte. Die Zwillinge waren schon eine Geduldsprobe gewesen! Er bewunderte Sophia - jede Mutter - für ihre Geduld mit den kleinen Würmern während der ersten Lebensjahre und hatte eigentlich auch gar keine weiteren Kinder mehr haben wollen, denn diese erste Erfahrung im Doppelpack hatte ihm gereicht! Aber dann war George geboren worden, ein Ereignis, von dem er erst durch eine alte, eselsohrige Ausgabe des Naval Chronicle am Kap der Guten Hoffnung erfahren hatte, und er hatte seine Einstellung noch mal überdacht. Doch jetzt war Schluß, drei kleine Aubreys waren genug, ein weiteres Mal wollte er sein Haus nicht ausbauen, nur um genügend Platz zu haben.

"Tja, Jack, das Wörtchen *wenn*. Ich werde wohl auf ewig Junggeselle bleiben, danke." Egal, daß ihn Louisa Wogan mit ihrem Aussehen und in allem, was sie tat, an Diana erinnerte, egal, daß Diana zwei Heiratsanträge - eine gefühlsmäßige Blöße, die er sich nie zuvor gegeben hatte - brüsk abgelehnt und ihn ein ums andere Mal vorgeführt hatte. Nicht aus Bosheit, nein, einfach aus Mangel an Takt. Diana war zu halsstarrig, zu direkt in ihrem Umgang mit Menschen, und Stephens romantischen Gefühlen begegnete sie lediglich mit kameradschaftlicher Vertrautheit. So als *wollte* sie nicht verstehen, was er für sie empfand, als wollte sie warten, bis er aufgab.

Die Antwort klang so absolut, so kalt, daß Jacks erzwungene gute Stimmung umgehend verflog. Stephen und Frauen...ein heikles Thema, denn zwangsläufig endete alles bei einem bestimmten Namen.

Stephen ging nicht weiter darauf ein; er hatte Jack längst den wahren Grund für seinen intensiven Umgang mit Mrs. Wogan enthüllt, wenn auch nicht die kleinsten Details. Treu seiner Gewohnheit behielt er das Wichtigste für sich. Jack mußte nicht wissen, wie er sich ihr Vertrauen erschlich und sie und ihren Geliebten Michael Herapath (zuerst blinder Passagier und jetzt sein Assistent) mit falschen Informationen fütterte. Alles, um eine wichtige Quelle in Napoleons Spionagenetz zu vergiften. Sehr mühsam, fürwahr, aber der Aufwand lohnte sich. Also leerte er seine Tasse, leckte sich über die Lippen und meinte dann, "Ich habe noch eine letzte Überraschung für dich, Jack, sozusagen ein Weihnachtsgeschenk."

"Stephen!" rief Jack voller Entrüstung und seine blauen Augen blitzten. "Du hättest nicht... Oh, wir hatten uns doch darauf geeinigt, daß es allemal ausreiche, gesund und munter gemeinsam das Fest zu feiern! Was nach den letzten zwei Wochen schon an ein Wunder grenzt. Aber Geschenke? Stephen, du Halunke, wie konntest du nur? Jetzt wird mir mein schlechtes Gewissen keine Ruhe lassen!"

"Sei beruhigt, es ist nichts, was sich einpacken und mit einem bunten Band versehen ließe...es ist, wie soll ich sagen, etwas Symbolisches."

Er wußte nicht, wie er das spöttische Lächeln zu deuten hatte, das in Stephens Mundwinkeln zuckte. "Symbolisches?" Seine Verwunderung wuchs, als sein Freund die Kaffeetasse fortstellte und das Cello hervorholte. "Wie, willst du jetzt noch spielen? Warte, laß mich die Geige -"

"Nein, nein, Jack, du bleibst ganz brav und ruhig sitzen und trinkst deinen Kaffee." Er brauchte nicht lange, dann hatte er die Bogenhaare geharzt und das Instrument gestimmt. "Hey." Für den düsteren, ungeduldigen Blick, den Jack ihm zuwarf, piekte er ihn mit dem Cellobogen ins Bein. "Wenn du mich noch mal so anschaust, lege ich mich gleich schlafen! Ich könnte vor meiner nächsten Schicht an der Pumpe noch etwas Ruhe gebrauchen. Mittlerweile dürfte das Wasser in meinem Quartier ja knietief stehen!"

Beschwichtigend hob Jack die Hände. "In Ordnung. In Ordnung. Tu' was du nicht lassen kannst."

Stephen räusperte sich bedeutungsvoll und schüttelte die Finger der linken Hand aus. "Was du gleich hören wirst, ist etwas, woran ich gearbeitet habe, seit wir England aus den Augen verloren. Das heißt, wenn ich nicht gerade Dutzende von Patienten behandeln mußte. Und da du meine miserable Singstimme kennst, wirst du dankbar sei, daß ich beim Instrumentalen bleibe." Er setzte den Bogen an, zögerte aber noch einen Moment, damit der Klang der Glocke an Deck verhallen konnte. Jemineh, war es wirklich schon so spät?

Da Jack nicht anders konnte als sich geschlagen zu geben - am Weihnachtsabend würde er nicht mit Stephen streiten - ertrug er bereitwillig die Spannung.

Bereits nach den ersten Takten erkannte er, was Stephen spielte, doch hätte er nie erwartet, daß ein Lied, das so altvertraut war und zu einem traditionellen Weihnachtsfest an Land gehörte wie Eierpunsch und Stechpalmenzweige, so...*neu* klingen konnte.

Eine eigenwillige Variation von 'God Rest Ye Merry, Gentlemen' füllte die Kajüte mit mehr Wärme als der Kaffee oder das mickerige Hängestövchen neben der Tür hergaben, volltönend und klar. Jack schloß genießerisch die Augen und ließ sich von den Klängen einhüllen wie in einen Mantel. Das Heulen des Windes jenseits der Planken war nicht mehr zu hören, jedenfalls nicht für seine Ohren. Er war an einem anderen Ort. Saß in einem bequemen Sessel an Land vor einem prasselnden Feuer, ohne die Sorgen, die ihn hier an Bord plagten, ohne die Gefahren, die vor ihnen lagen.

Wann immer die Melodie einen unerwarteten Sprung machte, fühlte er einen Stich in seinem Herzen. Wunderschön...

Unmerklich bewegten sich seine Lippen mit, formten lautlos die Worte des Textes.

_To save us all from Satan's power when we were gone astray... O tidings of comfort and joy, comfort and joy..._

Oh, Kunde von Trost und Freude...

Mit einem Wort: Stephen.

 

Er hielt die Augen geschlossen und hörte einfach nur zu. Das Bild in seinem Kopf war überdeutlich, es hatte sich ihm in sein Innerstes gebrannt, als er Stephen das erste Mal hatte spielen sehen. Ihr erster gemeinsamer Musikabend, der Beginn einer Freundschaft, wie man sie nur selten fand. Genau wie er ein Hobbymusiker, machte Stephen mangelndes Können durch Enthusiasmus wett, und mit den Jahren hatten sie eine ganz eigene Harmonie entwickelt. Wenn ein neuer Offizier ein gewisses Talent mit der Geige oder Flöte offenbarte und eingeladen wurde, mit ihnen zu spielen, brauchte er einige Zeit, um sich dem Stil der beiden Männer anzupassen. Und egal wie gut er sich dabei anstellte, blieb es im Grunde immer ein Duett, etwas das nur sie beide betraf und zu dem kein Dritter Zugang fand.

Finden durfte.

_'Fear not', then said the angel, 'Let nothing you affright/ This day is born a saviour of a pure virgin bright/ To free all those who trust in him from Satan's pow'r and might... O tidings of comfort and joy..._

So verschlossen Stephen sich geben konnte, niemanden wissen ließ, was er dachte und fühlte...ganz gelang es ihm nicht. Irgendwann in seinem Spiel kam der Moment, an dem die Maske Risse bekam.

Somit war es nicht Sophie, an die er jetzt voller Zuneigung dachte, sondern Stephen Maturin. Stephen...nach seiner Frau war dieser Mann ihm wohl das liebste Wesen unter der Sonne...nein, nicht *nach*. Neben. Neben... Wenn er über die Jahre zurückdachte, konnte er nicht sagen, wann und wie es geschehen war. Wann und wie, wo und warum. Unter halbgesenkten Lidern beobachtete er ihn. Sein Gesicht, seine Hände...

Jeder, der Stephen einmal hatte arbeiten sehen, war überzeugt, daß die schlanken Finger sogar Tote wiedererwecken konnten, eine Ansicht, die Jack bereitwillig teilte. Immer wenn ein Seemann dank Stephens Geschick mit dem Skalpell am Leben blieb, dankte er dem Schicksal, daß die Hände seines Freundes nach der Mißhandlung durch die Franzosen vor sieben Jahren so gut geheilt waren. Diese Hände hatten vor wenigen Tagen inmitten eines blutigen Gefechts Mrs. Boswells Baby auf die Welt geholfen - wie hatte es Stephen selbst ausgedrückt, 'Während du dem Tod zulieferst, bringe ich Leben hervor' - und mit der gleichen, scheinbar mühelosen Anmut schufen sie nun diese Musik. Für ihn, und das trotz der Narben, die sich wie ein feines Spinnennetz über Handrücken und Fingerknöchel zogen. Jack verdrängte den Gedanken, daß seine wohl glücklichsten Stunden auf See, nämlich die Stunden, in denen er mit Stephen musizierte, niemals stattgefunden hätten, wenn die Froschfresser in Mahón seinerzeit nur ein wenig skrupelloser gewesen wären.

_The shepherds at those tidings rejoicèd much in mind/ And left their flocks a-feeding in tempest, storm and wind. And went to Bethlehem straightaway this blessed babe to find...

O tidings of comfort and joy..._

Geheilt oder nicht, die Wahrheit war, daß beide Hände doch an Beweglichkeit eingebüßt hatten. Wenn Stephen lange operierte, stellte sich ein starker Tremens der Rechten ein, an der die drei herausgerissenen Fingernägel nie nachgewachsen waren. Und auch das Vibrato, mit dem sich die Linke am Griffbrett über die Saiten bewegte, klang seither anders, fast als hätte sich der leichte Akzent, mit dem Stephen Englisch sprach, auf seine Musik übertragen.

Jack würde Stephens Spielweise unter hundert anderen erkennen.

_Now to the Lord sing praises, all you within this place/ And with true love and brotherhood each other now embrace..._

Reglos verharrte er in seinem Stuhl bis zur allerletzten, zitternden Note. Er hatte nicht bemerkt, wie sich seine Hände um die Armlehnen gekrampft hatten. Jetzt ließ er los, entspannte sich, sah zu, wie weiße Knöchel wieder Farbe bekamen.

_O tidings of comfort and joy..._

 

Als dann auch das letzte Echo verstummt war, wagte er, Stephen anzusehen, mit feuchten Augen und zu bewegt für Worte. "Stephen...das war wunderbar. Wie um alles in der Welt...? Ich meine, *wann*...?" Die spöttische Nuance in Stephens Lächeln wandelte sich zu geheimnisvoll; die schmalen Lippen wollten ihm etwas sagen, das er in seinem angetrunkenen Zustand nur leider nicht verstand. Oder nicht verstehen wollte, weil er wußte, daß er damit Schwierigkeiten heraufbeschwor.

"Ich hatte so manche schlaflose Nacht auf dieser Reise." Ein Nachteil, wenn man versuchte, vom Laudanum loszukommen. "Bis eben hatte ich es aber noch nie wirklich gespielt, nur im Geiste und auf dem Papier. Doch auch wenn ich nach Herzenslust geübt hätte, hättest du es wohl nicht gehört."

"Ach ja?"

"Ja. Wenn du dich nur nachts selbst schnarchen hören könntest, mein Lieber! Ich bin einiges gewohnt, aber weshalb sich Sophia nicht beschwert, ist ein Wunder! Wahrhaftig, deine Frau ist ein Engel. Sie muß doch denken, du nimmst das Haus auseinander. Könntest du nicht dem alten Mr. Gray etwas Arbeit abnehmen und uns ein neues Ruder zurechtsägen?"

"Ha, ha, werd' bloß nicht frech, Stephen!" Gekonnt goß er den Rest des Kaffees in ihre Tassen, verschüttete selbst bei der starken Schiffsbewegung nicht einen Tropfen auf das weiße Tischtuch. _Wollen Killick schließlich keinen Grund zur Klage geben._

"Ich? Fällt mir nicht ein."

"Natürlich nicht. Widerspruch und Rebellion sind ja bloß zwei deiner zahlreichen Namen."

"Wenn sich die Sache lohnt", gab Stephen bereitwillig zu. "Erst hat dir deine Kopfverletzung ziemlich zu schaffen gemacht, und dann kam der Eisberg... Die Stunden deines Schlafes waren die Stunden meines Schaffens. Nur ein ausgewähltes Rattenpublikum und meine unmittelbaren Logisnachbarn bekamen mit, wie ich auf abgedämpften Saiten herumzupfte. Und Mrs. Wogan. Und wenn mal eine Note zu laut war, blieb sie dank dir ungehört."

Ungehört und ungesehen. Wie so vieles. Wegen der Unmenge nächtlicher Störgeräusche auf einem Schiff ging Stephen oft mit Wachspfropfen in den Ohren zu Bett. Ob der Freund ahnte, was diese Ohrstöpsel und das unselige Opium ihm in manchen Nächten vorenthielten? Daß er Jack immer in den Schlaf begleitete, egal wo er war, ob wenige Meter oder einen Ozean entfernt? Es war ein seltsam befremdendes Gefühl, Stephen nicht in seiner unmittelbaren Nähe zu haben, aber dies war nicht die 'Surprise', auf dieser Fahrt trennte sie ein ganzes Deck und nicht nur eine dünne Wand.

Andererseits beruhigte Jack der Gedanke, daß abgesehen von seinem Schnarchen andere Laute ebenfalls ungehört blieben. "Mein Schnarchen ist gar nicht so schlimm", wiederholte er starrsinnig, doch der Protest klang schon bedeutend weniger überzeugt.

"Und wenn es doch die Wahrheit ist! Jack, Bruderherz, verglichen mit dir ist eine Gefechtsübung ein gedämpftes Flüstern. - Bist du noch nüchtern genug für ein gemeinsames Stück?" Er unterstrich die Worte mit einem raschen sul tasto, einem musikalisches Fragezeichen sozusagen, und verzog das Gesicht. Die C- wie auch die G-Saite hatten sich jeweils um fast einen Halbton nach unten verstimmt, bei der herrschenden Witterung kein Wunder. Leise summte er den Kammerton und drehte an den Wirbeln.

"Solange es keines von Paganinis Capricci ist...gerne." Jack kam auf die Füße, mühsam und schwerfällig wegen seines verletzten Beines, und holte seine Geige hervor, die seetüchtige Fiedel, nicht die Amati. Die hatte er in Ashgrove gelassen, denn der Verlauf einer jeden Seereise war unvorhersehbar, und er wollte das wertvolle Stück nicht gefährden. Wenn er genau nachdachte, war es ohnehin bemerkenswert, daß ihre Instrumente so viele Fahrten überstanden hatten.

"Ich dachte da schon an etwas Weihnachtlicheres."

"Ich bin für jeden Vorschlag offen - gib' mir mal das Kolophonium rüber, dann bin ich gleich soweit." Das Auftragen des Harzes und das anschließende, umständliche Stimmen dauerten trotzdem länger als gewöhnlich. "Wie kann ich mich nur bedanken, mein Freund?" kam Jack auf die Frage zurück, die ihm keine Ruhe ließ und seine Konzentration erheblich minderte.

"Dein E klingt noch nicht ganz sauber. Und ein einfaches Danke genügt mir völlig", versicherte Stephen. Gegen Aubrey'sche Sturheit war kein Kraut gewachsen, warum sah er das nicht endlich ein?

"Mir aber nicht", hielt Jack dagegen, ebenso verstimmt wie seine Geige. Nach einer weiteren Minute hatte er auch den letzten Ton gefunden und begann mit einem einfachen Motiv, das Stephens Zustimmung fand. Weihnachtslieder waren nicht Bestandteil ihres üblichen Repertoires, doch fielen sie ihnen ebenso leicht wie der Corelli, den sie vor vielen Jahren zu ihrem Lieblingsstück erklärt hatten.

 

Ungefähr bei der Hälfte des Westminster Carols steckte Killick kurz den zotteligen Kopf herein, wurde vom giftigen Blick des Captains aber prompt zum Rückzug bewegt. Den Rest brachten sie ohne Störung hinter sich, und am Schluß war Stephen gewillt zu behaupten, daß er Jack erfolgreich abgelenkt hatte.

Fehlanzeige. Kaum daß sie die Bögen absetzten, griff Jack den Faden der Unterhaltung wieder auf. "Dein Geschenk, Stephen -"

Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte seine stoische Contenance verloren und Jack angebrüllt. Daß er es nicht tat, schrieb er der eigenen Erschöpfung zu, den gerade überwundenen Strapazen durch Flecktyphus, Gefechte, Eisberge und eine fast erfolgreiche Meuterei. So stöhnte er nur verzweifelt und fauchte, "Jesus, Maria und Joseph! Kannst du es nicht einfach annehmen und still sein? Frohe Weihnachten und Schluß damit!"

"Ah", beschwichtigte ihn Jack mit gehobener Hand, "ich wollte etwas ganz anderes fragen. Nämlich ob du es irgendwo aufgeschrieben hast. Du sagtest etwas dahingehend."

"Jajaja, aber nur als Solo. Moment..." Ein genervter Stephen beugte sich zur Seite und angelte den Cellokasten heran, in dessen Innenfutter er seine kostbarsten Partituren aufbewahrte. "Hier, bitte. Auf daß du nun endlich Ruhe gibst."

Jacks Blick wanderte die sauber im Baßschlüssel notierten Zeilen entlang, und schließlich lächelte er kopfschüttelnd, wunderte sich, "Wie es wohl im Duett klingen mag...?!"

Die Art, wie er es sagte, stimmte Stephen wieder milde. "Das werden wir nächstes Jahr zu Weihnachten sehen, nehme ich an, oder?" Eine Herausforderung, der Jack nicht widerstehen konnte, das wußte er. _Wenn wir diese Hölle hier überleben._ "Offenbar bist du dem Irrglauben erlegen, dich bis ans Ende deiner Tage für ein einfaches Lied revanchieren zu müssen. Ehrlich, Jack, wenn du es bis nächstes Jahr transponierst, ist mir das in diesem Leben Dank genug!"

"Ein einfaches Lied, Stephen?"

"So einfach wie nur was, genau. Eine Kleinigkeit, der du keine allzu große Bedeutung beimessen solltest, denn ich tue das schließlich auch nicht."

Und ob du das tust, widersprach Jack liebevoll, doch nur in Gedanken. "Wie machst du es, Stephen?"

"Was genau meinst du?"

"Wie kannst du das tun, was du tust...das sehen, was du siehst...", _Eine Frau lieben, die deine Liebe nicht zu schätzen weiß und dich behandelt wie einen schäbigen Fußabtreter_, "und immer noch spielen als wäre deine Seele nie etwas Häßlichem begegnet?"

Stephen sah ihn ernst an, überlegte sich seine Antwort genau. Die Frage hatte ihn mehr als überrascht. Mit dem Wein kamen bei Jack entweder Leichtsinn (der sich nicht selten in einer gesteigerten Libido äußerte) oder Melancholie. Er hielt es für das Beste, einer philosophischen Diskussion aus dem Weg zu gehen. Aus manchen Untiefen war das Entkommen einfach zu beschwerlich. Also entschied er sich für Oberflächlichkeit. "Du kennst die Antwort, Bruderherz, du hast sie mir selbst gegeben. Es ist Weihnachten, ein bißchen gute Stimmung gehört dazu. Deine Worte. Und dazu noch etwas Glauben, Aberglauben und Hoffnung."

"Genügsam wie immer, Stephen. Glauben, Aberglauben und Hoffnung. Reicht dir das?"

"Oh, ich habe nicht gesagt, daß ich derjenige mit Hoffnung bin."

Zunächst blieb Jack stumm. Er ahnte sehr wohl, daß Stephen nicht sagte, was er eigentlich sagen wollte, und einen Moment lang schmerzte es ihn zutiefst, daß sein Freund auf Anspielungen zurückgriff, anstatt ihn darauf hinzuweisen, gefälligst nicht so gefühlsduselig zu sein. Damit konnte Jack besser umgehen. Immerhin war er es gewöhnt, daß Stephen ungern über das redete, was ihn bewegte, und Glauben - an Gott, an andere Dinge, oder auch nur an sich selbst - stand ganz oben auf dieser Liste. Gleich hinter Vertrauen und Liebe.

Automatisch kam ihm Diana Villiers in den Sinn.

Liebe...wahre, aufrichtige Liebe, Hingabe mit Leib und Seele...für ein sprunghaftes Ding wie Diana ein Fremdwort. Nachdem seine Ehe mit Sophia ihm zu einer gewissen Distanz verholfen hatte, hatte Jack die Wahrheit erkannt. Diana war auf kaum etwas anderes so sehr aus wie auf den eigenen Vorteil, den optimalen Einsatz ihrer gottgegebenen Reize. Und Stephen war ihr verfallen wie einem exotischen Falter, den er zwar für einige wenige kostbare Momente fangen, aber nie wirklich sein Eigen würde nennen können. Nein, revidierte er den Gedanken, eigentlich war Stephen das Insekt...eine Motte, gefangen in hilfloser Faszination von der Flamme. Eine Flamme, die, wie Jack sich schmerzlich erinnerte, auch ihn versengt hatte. Für eine Weile waren aus Freunden erbitterte Rivalen geworden, er hatte sich sogar mit Stephen duellieren wollen - nur wegen Diana.

Die Erfahrung hatte sie nur noch fester zusammengeschweißt.

"Du meinst, ich hätte genug Hoffnung für das ganze Schiff? Wie immer überschätzt du mich", antwortete er schließlich auf Stephens Frage und gab damit sein widerwilliges Einverständnis mit dem Kurs, den ihre Unterhaltung nahm. Seine Gedanken waren davon jedoch ausgenommen, kreisten ungehindert um Stephen und Diana. Er konnte seinen Ärger nicht beschreiben, daß es stets ihm zufiel, die Wunden zu heilen, die Diana in Stephen hinterließ - und gleichzeitig erfüllte es ihn mit einer seltsamen Zufriedenheit, von seinem Freund gebraucht zu werden, für ihn dasein zu können. Körperlich war Stephen zäh wie Leder, konnte undenkliche Strapazen ertragen, doch seine Seele war empfindlich wie frischgeblasenes Glas. Und diese Frau konnte ihn mit einem Wort zugrunde richten.

"Dich überschätzen?" Ein Funke der Heiterkeit blitzte in Stephens blassen Augen. "Wo denkst du hin? Und für den Moment reicht deine Hoffnung für uns beide. Vergiß das Schiff für eine Weile, Jack, auch wenn ich weiß, daß ich genauso gut verlangen könnte, daß du aufhörst zu atmen. Wie ich dich kenne, wirst du wieder die ganze Nacht über dem Ruderproblem brüten."

Stets um sein Wohlergehen besorgt und nur selten um sich selbst...Stephen machte seinem Namen alle Ehre. Im Nachhinein fragte sich Jack, ob er in seinem Werben um Diana vielleicht hartnäckiger hätte sein sollen, dann wäre Stephen so manches Leid erspart geblieben.

Doch er hätte ihn verloren, seinen besten Freund, und damit seine größte Stärke...die gleichzeitig auch seine größte Schwäche war. Nein, Sophia war die richtige Wahl gewesen...Sophia und Stephen. _*Und* Stephen_, wiederholte er im Stillen, glücklicher als er vermutlich ein Recht hatte zu sein.

"Vielleicht ist ja ein Mangel an Hoffnung der Grund, weshalb ich mich mit Händen und Füßen gegen einen Schiffskaplan wehre. Weil Geistliche Zugang zu einer Welt haben, die mir völlig fremd ist, eine Welt, in der der Grundgedanke ist, daß eine höhere Macht unser Leben lenkt und wir es nicht beeinflussen können, ganz gleich was wir unternehmen. Und das ist schlimmer als ein steuerloses Schiff, Stephen, denn was ich nicht kontrollieren kann oder nicht verstehe, beunruhigt mich nun einmal."

"Einmal wieder verwechselst du Hoffnung mit Glauben. In deinem Fall mit Aberglauben. Bloß weil ich katholisch bin, habe ich längst nicht die Frömmigkeit und Bibelfestigkeit gepachtet, Jack." Ganz zu schweigen von genug Glauben für das ganze Schiff. Er hatte kaum genug für sich selbst. "Und", erinnerte er seinen Freund, "vergiß nicht, daß auch ich mich in einer Welt bewege, die du in der Vergangenheit mehr als einmal als 'fremd' bezeichnet hast. Und ich habe noch immer meine liebe Mühe, mich in der deinen zurechtzufinden."

Jack legte die Geige fort und hob seine Kaffeetasse, nur um festzustellen, daß sie leer war. Natürlich könnte er Killick rufen, doch widerstrebte ihm, die Stimmung jäh zunichte zu machen. Trotz der Kälte und seinen Verletzungen und einem leckgeschlagenen Schiff fühlte er sich wohl. Fast könnte er meinen, auf der 'Surprise' zu sein. Wo sich diese jetzt wohl befinden mochte? Hoffentlich an einem besseren Ort. "Aber inzwischen findest du dich zurecht." _Und ich könnte dich nicht mehr aus dieser Welt wegdenken, mein Herz._ "Zumindest kennst du nach Jahren endlich den Unterschied zwischen Backbord und Steuerbord. Ich dagegen nenne einen Fisch nach wie vor einen Fisch und eine Möwe eine Möwe und versuche mich gar nicht erst an den Feinabstufungen. Auf die fremden Welten. Und den Glauben und die Hoffnung."

"Auf die fremden Welten. Angefangen mit Botany Bay. Wohin ich ohne dich gar nicht gelangen würde. Ah, ich kann es kaum erwarten, endlich ein Schnabeltier zu sehen und -" In diesem Moment kippte das an den Tisch gelehnte Cello um. Beide Männer reagierten reflexartig, lehnten sich gleichzeitig vor und griffen zu. Eine linke und eine rechte Hand schlossen sich um den Hals des Instrumentes, verhinderten, daß es Schaden nahm.

Beide saßen sie nun seitwärts gelehnt, beide gestützt auf das Cello, zwei Seiten eines Dreiecks. Stephen fand sein Gesicht höchstens eine Handbreit von Jacks entfernt. "Danke."

"Keine Ursache." Da lag ein Ausdruck in den fahlen, jadegrünen Augen... Jack fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg. _Oh Gott, kann es sein?_ Stephen war zwar nicht unempfindlich gegenüber weiblichen Reizen, zeigte sich aber doch immer bemerkenswert resistent gegen die körperlichen Gelüste, die Jack mit schönster Regelmäßigkeit plagten. Kühl und desinteressiert beobachtete er die Balzrituale seiner Mitmenschen, die Irrungen und Wirrungen, die er analysierte und spitzfindig kommentierte. Alleine Diana hatte den Beobachter zum Mitspieler werden lassen, und Jack wußte, was dieser besondere Blick bei Stephen bedeutete. Und wenn nicht bei Stephen, dann zumindest bei sich selbst. Seine eigenen Schwächen kannte er zur Genüge, nicht zuletzt weil Stephen sie ihm ständig zum Vorwurf machte, und ebendieser Blick gehörte zu seinen erfolgreichsten Waffen. Ihn hier und jetzt zu sehen... Die Erkenntnis war wie ein Schlag ins Gesicht.

Zumal er wußte, daß er ihn erwiderte, daß er Stephen sehen ließ, was er -

Einen Moment lang schien Stephen wie erstarrt, dann kehrte das Leben in ihn zurück und er ließ den Atem mit einem flachen Pfeifen entweichen. Legte das Cello in den Kasten und klappte den Deckel zu. "Ich denke, ich werde noch einmal nach meinen Patienten sehen und mich dann schlafen legen", meinte er und sein barscher Ton überraschte ihn selbst. Auf einer unterschwelligen, rein instinktiven Ebene ahnte sein Körper vielleicht, was dem Verstand noch nicht bewußt war. "Du hast ja sicherlich noch zu tun."

"Warte, Stephen..." Weniger eine Bitte als ein Kommando, und der Ton ließ keinen Widerspruch zu.

"Jack, ich bin müde", seufzte Stephen und drehte sich wieder zu seinem Freund um, erschrocken, ihn unmittelbar hinter sich stehend vorzufinden. "Was ist denn noch?"

"Das Ruder kann warten, Stephen, mein Dank nicht, schon gar nicht ein ganzes Jahr."

"Bei aller Liebe, Jack, was für ein Kommandant und Freund bist du, daß du so versessen darauf bist, mich um meinen Schlaf zu bringen? Was willst du?" Der Gedanke, die Hand abzuschütteln, die sich auf seine Schulter legte, kam ihm nicht. Es gab ja auch keinen Grund dafür. Auch sah er nichts Bedrohliches darin, daß Jack noch näher an ihn herantrat, ihn auch mit der zweiten Hand berührte.

"Du stellst die falschen Fragen, mein oh so gelehrter Freund."

Das Beben in Jacks Stimme hätte ihm als letzte Warnung genügen sollen. Er schluckte hart. "Und welche Fragen sollte ich stellen, deiner Meinung nach? Sag' es mir, Jack. Kannst du es? Oder", meinte er gedehnt, "ist es zu schwer, das auszusprechen, was wir beide schon so lange wissen? Was willst du?"

"Nicht 'was', Stephen. 'Wen'." _Oh, ich weiß, was du denkst. Und du weißt, daß ich es weiß...deshalb wirst du es mir nicht abschlagen._ Das Ausbleiben jeglicher Reaktion, als er ihn umarmte, interpretierte er als Zustimmung.

Am liebsten würde Stephen sich fallenlassen, in Jack versinken wie ein Stein im Meer, aber alles, was er tun konnte, war die Umarmung zu erwidern, das Gesicht an der breiten Schulter zu vergraben. "Jack, du weißt genau, was du mir bedeutest...was ich für dich empfinde..."

Wie er ihn so hielt, jeden Atemzug spürte, jeden Herzschlag, wurde überdeutlich, was Sophia, Stephens enge Vertraute von Anfang an, schon vor Jahren erkannt hatte. Für manche Dinge hatten Frauen offenbar wirklich den besseren Blick. Und jedermann, der sie jetzt so gesehen hätte, hätte es ebenfalls erkannt. Er liebte Stephen, liebte ihn mit all seinen Geheimnissen und Fehlern. Im gleichen Maße wie er wußte, daß auch er geliebt wurde. Und was Verfehlungen anging, übertraf er Stephen um Längen!

Deshalb gab er auf. Ergab sich und bekannte sich zu einem zweigeteilten Herzen. "Weiß ich das, Stephen? Ja...ja, ich schätze, das tue ich. Nur war ich mir nicht darüber im Klaren, daß das, was ich fühle...nun, daß es wirklich *dies* ist..."

"*Dies*, Jack?"

Stephens Hand strich über seine unrasierte Wange...sanft, unerträglich sanft. Ein Traum, ein Wachtraum, in dem alle seine Sinne gefangen waren. Er fühlte sich ebenso manövrierunfähig wie sein armes Schiff. "Mehr als Freundschaft. Mehr als Sympathie."

"Ah...*mehr* also. Wie immer drückst du dich höchst eloquent aus, Jack Aubrey."

"Und wie immer habe ich dich, um mir bei der Wortwahl zu helfen."

"Keine einfache Aufgabe, wenn ich das an dieser Stelle anmerken darf. Deine Rechtschreibung und Grammatik lassen oft zu wünschen übrig."

"Das stimmt wohl. Wie würdest du das hier beschreiben?"

"Als...nicht einfach."

"Nicht einfach", bestätigte Jack und bewegte eine Hand aufwärts, bis sie locker um Stephens Nacken lag...und dann langsam auf und ab streichelte, fast automatisch...

"Aber nichts von Wert ist einfach." Stephen gab niemals kampflos auf, doch in diesem Fall erkannte er zwischen zwei Atemzügen die Hoffnungslosigkeit der Lage. Vorausgesetzt, daß er Widerstand hätte leisten wollen. Dann war Atmen zweitrangig.

Warum Jack es tat? Gott, er hatte keine Antwort darauf. Er tat es einfach.

Mit beiden Armen umschlang er Stephens schmächtigen Körper und zog ihn fest an sich. Instinktiv fanden seine Hände die Stellen an der Hüfte und zwischen den Schulterblättern, so als hätte er niemals einen anderen Menschen im Arm gehalten. Als hätte es Sophie und all die Liebeleien vorher und danach nie gegeben. *Bei aller Liebe*... Wie oft hatten sie in den Jahren diese Phrase hin und her geworfen, beiläufig, in Freundschaft und gänzlich ohne Hintergedanken?

Er erhaschte ein kurzes Aufflackern von Überraschung - oder Panik - in der eisigen Blässe von Stephens Augen, kurz bevor er den schon zur Frage geöffneten Mund mit seinem bedeckte, und dann war er ihm zu nahe, um noch irgend etwas zu erkennen.

Eine Kurzschlußreaktion, unüberlegt und verteufelt impulsiv, doch er hätte in diesem Augenblick nichts anderes tun können. Entweder dies, oder sein Herz wäre explodiert. _Mein Trost, meine Freude...mein Stephen..._ Ohne Stephen loszulassen, gab er zumindest dessen Mund wieder frei und fragte sich, ob er noch würde atmen können, wenn er es versuchte. Wider Erwarten versagten seine Lungen nicht.

Was würde er sehen, wenn er die Augen aufschlug? Zu Abscheu gewandelte Freundschaft, zu Verachtung gewordene Zuneigung? Gott, er wußte, wie heftig Stephen reagieren konnte und daß im Zorn mit ihm nicht zu spaßen war. "Vergib' mir...du mußt mich jetzt hassen."

Die Hände, die sich in seine Jacke krallten, vermittelten ihm einen anderen Eindruck, ebenso der Körper, der nach anfänglicher Verkrampftheit nun seiner Führung folgte. Sich an ihn drückte. Sein Herz schlug doppelt so schnell wie noch vor einer Minute.

"Hassen...? Wie könnte ich?" Stephens Atem ging schwer, ein Keuchen in der Stille der Kajüte, unter das sich ein ersterbendes Lachen mischte. Das seine. Schon erstaunlich... Reglos verharrte er in Jacks Armen, machte keine Anstalten, sich zu befreien. An den größeren Mann gelehnt, stand er einfach da, erfreute sich an der unerwarteten, aber doch so willkommenen Nähe.

"Willst du gar nicht wissen, weshalb ich es getan habe?"

"Oh, Jack, mein Herz...eine solche Unterhaltung könnte länger dauern...das heißt, wenn wir sie je führen werden. Und das bezweifele ich. Das bezweifele ich sogar sehr." Langsam, noch etwas zögerlich, aber mit wachsender Zuversicht wanderten seine Hände über Jacks Rücken, und er ertappte sich bei dem Gedanken, daß bedauerlicherweise mehrere Lagen Stoff seine Finger von bloßer Haut trennten. "Wir sprachen zuvor von Hoffnung. Nun, vielleicht bedarf es nicht mehr als Hoffnung, um das Unmögliche möglich zu machen. Ein Schiff zu retten, einen Freund zu lieben. Dies...dies ist Hoffnung." Den zweiten Kuß, tiefer und zärtlicher als der erste, leitete er selbst ein. Nie hätte er geglaubt, dazu fähig zu sein, nicht in seinen kühnsten Träumen; es schien aber nur allzu natürlich, und er würde lügen, wenn er sagte, daß er sich diesen Moment niemals vorgestellt hatte. Niemals gehofft hatte. Der Beweis war in seinen geheimen Tagebüchern festgehalten. Auf den engbeschriebenen Seiten, verschlüsselt in seiner persönlichen Geheimschrift und für niemand anderen zu entziffern, versteckte Stephen Maturin seine Seele zwischen Tierzeichnungen und weitschweifenden Gedankengängen über politische Verwicklungen und die Schwächen des menschlichen Charakters. Niemand würde wissen, wie oft er sich fragte, wie es wohl wäre, das Ziel von Jack Aubreys Jagd zu sein.

_'La cour a ses raisons que la raison ne connaŚt point'. Blaise Pascal hat es bestens ausgedrückt...schon vor über hundert Jahren. Die Logik des Herzens..._

Wovor hatte er mehr Angst, vor seinen eigenen Gefühlen oder vor Jack? Ah, schon seltsam, wie sehr er seine Gefühle anzweifelte, wenn sie getrennt waren, und dann, wenn sie sich in ein und demselben Raum befanden, bedurfte es nur eines flüchtigen Blickkontaktes, um zu wissen, daß er das Richtige tat.

War es überhaupt Angst? Nein. Angst war ihm bestens bekannt, dies war etwas anderes. Etwas das er wollte. Zu sehr. "Du warst schon immer etwas zu großzügig in deinen Dankesbezeugungen. Und ein Warum und Wieso ist unnötig. Nein, nein, ich hätte vielmehr eine Erklärung verlangt, wenn du es nicht getan hättest."

Es war soviel einfacher gewesen, als er in Jack nur einen guten Freund gesehen hatte und in Diana die Erfüllung seiner romantischen Verirrungen...dabei war es schon lange umgekehrt gewesen. Und Reden machte es nur schwerer. "Überrascht, Jack?" Er war sich jeder Stelle bewußt, an der sich ihre Körper berührten, und es war immer noch zu wenig. Viel zu wenig.

"Nein, mein Freund. Nicht überrascht. Ich habe schon zu lange gehofft, daß du... Daß wir... Ich..." Jacks Stimme brach fast an diesem einen Wort. "Stephen, ich könnte dich wohl nicht überreden -" Ein Finger legte sich ihm auf die Lippen, brachte ihn mit sanftem aber nachhaltigem Druck zum Schweigen.

"Nein", beantwortete Stephen die Frage, bevor er sie beenden konnte, so leise, daß es ebenso gut ein Gedanke hätte sein können, und gleichzeitig so energisch, daß es einem gebrüllten Befehl gleichkam. Den Zeigefinger ließ er auf bebenden Lippen ruhen, während er mit der anderen Hand geschickt Jacks Haarband löste, vorsichtig und darauf bedacht, den Verband nicht zu berühren. Anderthalb Fuß blonde Locken hingen offen über die breiten Schultern. "Sprich' es nicht aus, ich flehe dich an. Denn ich könnte mit nichts anderem antworten als mit einem 'Ja'. Du wirst mir zustimmen, daß das keine gute Idee ist, nicht unter diesen Bedingungen. Es wäre...unverantwortlich. Und wenn ich nicht ein Auge auf dich habe, wer dann? Wenn ich nicht an uns...glaube....wer dann?" Seine Handflächen kamen auf Jacks Brust zu liegen und er schob ihn von sich fort, allerdings mit bedeutend weniger Entschlossenheit als noch vor einer Minute, als sein Ziel gewesen war, ihm möglichst nahe zu sein.

"Du würdest also...du würdest 'Ja' sagen...?"

"Als ob du das nicht genau wüßtest. Ich könnte dir niemals verweigern, was ich selber..." Er schluckte zweimal und setzte neu an. Besser, er beendete dieses 'Geständnis', bevor ihn der Mut verließ. "Was ich selber will."

_Selber will...?_ "Dann habe ich dich lange Zeit unterschätzt, Stephen. Du bist grausam. Grausam. Zu uns beiden." Seine großen Hände umschlossen Stephens vollständig. Als müßte er etwas unendlich Kostbares vor weiterem Übel bewahren.

"Du weißt genau, daß ich keine Wahl habe. Und ich treffe diese Wahl hauptsächlich für dich, mein Lieber. Denn ich verdanke dir zuviel, um dieses Opfer nicht zu bringen."

"Und ich dir erst! Mein Leben, mehr als einmal, und mein Schiff. Alles was ich habe. Genaugenommen sogar meine Familie. Schon allein deswegen kann ich nicht anders." Ein schwaches Lächeln, das Lächeln eines Mannes, der vor einem übermächtigen Feind kapitulierte, huschte über sein Gesicht. "Ich schätze nicht, daß sich irgendwo in deinen Büchern eine passende Arznei für unser...Problem findet?!"

"Die Wissenschaft hat ihre Grenzen", antwortete er ausweichend. "So wie wir. Aber es ist ein Anfang, Jack. Ein Anfang."

"Und wie soll es weitergehen, Stephen?" Als die sofortige Antwort ausblieb, setzte er nach, "Mit Hoffnung oder mit Glauben?"

Stephen unterdrückte den irrationalen Impuls zu lachen. "Muß ich dir unsere Optionen tatsächlich auflisten, Jack?" Die völlige Ruhe, die er zeigte, fand er selbst beeindruckend. Vielleicht war er so gelassen, weil er seine Entscheidung schon getroffen hatte und nur noch darauf wartete, daß Jack ihm signalisierte, daß er sich anschloß. "Ich werde jetzt gehen."

"Wir können es nicht bis in alle Ewigkeit ignorieren. Wir können diesen Weg nicht mehr verlassen."

"Ich weiß." Damit trat er zurück und seine Finger glitten aus Jacks Griff. Entschlossen sah er ihm in die Augen. "Aber nicht heute. Nicht heute." Bevor ein weiteres Wort fallen konnte, drehte er sich um und war fort.

 

***********
 

_Nicht heute._ Nein, nicht in jener Nacht und auch nicht in der folgenden. Aber der Grundstein für das Unvermeidliche war gelegt worden. _Ein Anfang..._

Über ein Jahr später...nicht auf See, sondern an Land, einen Ozean von England entfernt, hatten sie Hoffnung durch Gewißheit ersetzt.

 

*********
 

_*Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch irgend etwas fühlen kann, Jack...bitte hilf mir...in mir ist alles so leer, so kalt...*_

Wie die Schneeflocken vor seinem Fenster unterlag Jack dem Willen des Windes, trieb durch die Vergangenheit, zurück zu den Tagen in Boston.

Nie hätte er geahnt, daß ihm Stephen so verletzlich erscheinen könnte, obwohl er ihn schon oft mit Verletzungen aller Art erlebt hatte. Stich- und Schußwunden gingen niemals so tief wie die Wunde, aus der er in jener einen Nacht blutete.

Er brauchte sich nicht einmal zu konzentrieren, um ihn klar vor sich zu sehen. Seine Hände zu spüren, alles von ihm. Kein Zentimeter Haut wurde ausgespart und er zögerte nicht, jede Berührung zu erwidern. Und dabei war Stephen stets so leise, so unendlich leise und beherrscht. Nicht ein einziger Schrei, nur eine Art Erleichterungsseufzer, als etwas, das zu lange unterdrückt worden war, den Weg an die Oberfläche fand.

Fast so als sei Liebe auch nur etwas, das man ertragen müsse, das kleinere Übel verglichen mit - was? Zehn Jahre später hatte Jack noch immer keine Antwort auf diese Frage.

Jack beneidete ihn um diese Gabe der Zurückhaltung, in gleichem Maß wie er ihn bedauerte. Wie sehr sich Stephen doch verändert hatte durch diese verdammte Spionagearbeit! Er wünschte sich den alten Stephen zurück, den frischernannten Schiffschirurgen der 'Sophie', der ohne Argwohn die Welt der Seefahrer erkundete und mangels Kenntnis der Gepflogenheiten regelmäßig für Ausbrüche von Heiterkeit unter der Besatzung sorgte. Den Stephen, der ihm die seltsamsten Viecher an Bord schleppte und dem er einfach nichts übelnehmen konnte. Einen Stephen, dessen inneres Feuer noch nicht mit Flammen aus Eis brannte.

Damals hatte es noch etwas wie Unschuld gegeben.

Den Erinnerungen hilflos ausgeliefert, öffnete er den Mund, unterdrückte aber das heisere Stöhnen, das ihm entkommen wollte. Aus der Kälte, die ihn umgab, wurde Wärme. Sengende Hitze. Zu deutlich erinnerte er sich an Stephens scheues Lächeln im Halbdunkel, die leise geflüsterten Worte 'Alles in Ordnung, Jack, du wirst mich schon nicht zerbrechen. Keine Angst'.

Angst...nein. Vielmehr abgrundtiefe Panik.

Panik, die er nur allzu leicht überwunden hatte. Und nun gab es den Stephen von damals nicht mehr. Jetzt lag unter der harten Schale ein noch härterer Kern.

Doch nicht in seiner Erinnerung. Welch Trugbild...oh, welch süßer Wahnsinn. Er biß sich auf die Unterlippe, öffnete die Augen. Ach ja...er war hier, in England. Alleine in Ashgrove. Von dem Zimmer in Boston trennten ihn Tausende von Meilen...zumindest in der Realität. Von Kopf bis Fuß zitternd, zwang er seine Gedanken, seinem Körper zu folgen.

Nach dem Dinner gestern waren die Kinder zu Bett gegangen, Sophie hatte noch eine Stunde auf ihre Stickarbeit verwendet und sich schließlich zurückgezogen. Die Frage, wann er gedenke, es ihr gleichzutun, hatte sie nicht gestellt. Sie fragte schon lange nicht mehr.

Allabendlich saß er also in einem vollen Haus, fast seine gesamte lebende Familie befand sich unter einem Dach, und doch fühlte er sich einsam. Hier und heute war er es dann auch.

Er horchte auf. War das gerade ein Wiehern draußen im Hof gewesen? Das Klappern von Hufen...eine Stimme...?

Nein, bestimmt nicht. Was für eine verdammte Nacht. Die Uhr schlug halb zwei, die Geisterstunde war längst vorbei. Mußte ein seltsamer Geist sein, der um diese Zeit im ländlichen Hampshire herumspukte.

Resigniert ließ er den Kopf zurück gegen die Lehne fallen, griff nach der Kaffeetasse. Wieder eiskalt und absolut ungenießbar.

Das Flockengestöber vor dem Fenster wurde dichter, zumindest vermutete er es; das schwache Silberfunkeln war in der winterlichen Schwärze kaum auszumachen. Schwarz und kalt...ob es in seinem Inneren genauso aussah? Leer, sein Herz gefroren und umhüllt von einer Eisschicht?

 

Ein Klopfen an der Tür. Er glaubte, es sich einzubilden, wie so vieles dieser Tage. Doch da war es wieder, diesmal lauter. Es klang ziemlich real. Sogar etwas ungeduldig.

Offenbar war Killick seiner Aufforderung gefolgt und hatte sich hingelegt, also stand er auf, um persönlich nachzusehen, wer sich um diese späte Stunde an seine Tür verirrt hatte. Die Decke, die über seinen Beine lag, glitt zu Boden und schon im nächsten Moment begannen seine Zähne zu klappern.

Bei Gott, es *war* kalt. Er sollte wohl Holz nachlegen und das Feuer schüren, und sei es auch nur für seinen Besucher, wer immer das sein mochte. Wahrscheinlich ein Nachbar, jemand aus dem Ort, vielleicht ein Bote...er würde ihn so schnell abwimmeln, wie es der Anstand zuließ. Schwungvoll öffnete er die Tür. Prompt drang eine Schneewolke, einem Bienenschwarm gleich, in den Hausflur ein. "Wer da?" Er kniff die Augen zusammen, wischte Schneeflocken fort, die in seinen Wimpern hängen blieben und ihm erschwerten, die Silhouette in der Dunkelheit genau zu erkennen. Noch kam die Gestalt keinen Schritt näher. Die Wiederholung der Frage fiel etwas schärfer aus, wachsamer. "Gebt Antwort, wer da?"

"Guten Abend, Jack."

Es konnte nicht sein...was für ein grausamer Scherz des Schicksals. Nein, sein betrübter Geist spielte ihm einen Streich. Wie echt die Stimme doch klang...wie täuschend echt...

"Jack. Ich habe schon Leichen gesehen, die lebendiger aussahen."

"Stephen?" Fast ängstlich hob er die Hand, streckte sie nach dem Gesicht der Erscheinung aus, diesem Schatten umtanzt von weißen Flocken, und zuckte zusammen, als seine Fingerspitzen auf Widerstand trafen. "Bei meiner Seele...bist du das?"

Innerlich schalt er sich einen Narren, daß seine Stimme so völlig ungebührlich zitterte. Doch seine Hand ließ er nicht sinken, wollte noch einen Moment die warme Haut unter seinen Fingern spüren, nur noch einen Moment länger. Sich sicher sein, daß was er sah, keine Einbildung war. Nein...seine Hand wurde von einer anderen ergriffen, festgehalten... "Stephen?"

"So wie ich lebe. Der Geist von Hamlets Vater ist auf Urlaub in Dänemark. Ich bin die Vertretung. Bon Nadal, mein Freund."

"Wann...? Ich meine, wie...?!" Schwer zu sagen, wann er das letzte Mal derartig um Worte gekämpft hatte.

"Vorgestern in Plymouth angekommen, auf direktem Weg von Boston. Es war zu spät, um weiterzureisen, also habe ich mich in einem Inn einquartiert und heute meinen umfassenden Bericht bei Sir Joseph abgeliefert."

"Sag bloß, du warst noch in London?" _Boston..._

"Nein, wir trafen uns in Portsmouth...und er läßt dich übrigens schön grüßen. Du würdest ihm eine Riesenfreude machen, wenn er dich bis Ostern nicht wiedersehen muß. Deine Sorge um mich in allen Ehren, aber...er ist nicht gut auf dich zu sprechen."

Schuldbewußt kratzte sich Jack an der Wange, erwiderte aber Stephens Lächeln. "Vielleicht habe ich es mit meinen, ahm, Zufallsbesuchen etwas übertrieben." _Boston..._

"Etwas. Etwas, in der Tat. Nun ja, heute morgen machte ich mich noch vor dem Frühstück auf den Weg, und du weißt, wie ungern ich früh aufstehe. Bei dem bedauerlichen Zustand der Straßen reist es sich leider nicht so zügig, wie ich es gerne hätte, und da ich nicht auf halbem Wege mit der Kutsche im Graben landen wollte, mußte ich mich in Geduld üben. Zwei Märtyrer mit demselben Namen braucht die Kirche schließlich nicht. Gegen Nachmittag war ich in Portsmouth, wo mir Sir Joseph sagte, du seiest nicht auf See, also fuhr ich nach Ende der Besprechung nach Woolcombe...und mußte von Sophia erfahren, daß du in Ashgrove Einsiedlerkrebs spielst." Mit der freien Hand wies er auf das Stallgebäude auf der anderen Seite des Hofes. "Ich war so frei, für mein Pferd etwas Heu und Hafer abzuzweigen. Es hat sich jedes Korn heute redlich verdient; ich habe dem armen Tier arg zugesetzt, fürchte ich."

Noch immer stand Jack wie erstarrt und schüttelte ungläubig den Kopf. "Du bist wirklich und wahrhaftig hier..." Allmählich sollte er es als die Wahrheit akzeptieren, doch ein kleiner, hartnäckiger Restzweifel blieb. Daran konnte die Hand in der seinen nichts ändern.

"Glaub' mir, ich bin nicht weniger überrascht. Ich hatte nicht erwartet, schon vor Neujahr wieder in England zu sein..." Er zuckte mit den Schultern und sah verlegen zu Boden. "Napoleon mag tot sein, aber das heißt nicht, daß die Franzosen sich aus dem Sumpf der internationalen Spionage raushalten. Sie haben ihre Aktivitäten in Amerika wieder aufgenommen und wenn wir ihnen nicht bald die Kontaktmänner ausschalten, werden sie das Informationsnetz zu gut ausgebaut haben. Dann könnte es Monate dauern, bis wir irgendwelche brauchbaren Hinweise bekommen. Und bis dahin...na, du weißt ja, was passieren kann. Ich konnte die Angelegenheit aber schneller als erwartet abwickeln." Der rauhe Ton warnte Jack davor, Fragen zu stellen, auf die er keine Antworten geben konnte. Fröstelnd trat er von einem Fuß auf den anderen. "Jack, wenn es nicht zuviel verlangt ist, würde ich mich furchtbar gerne ins Warme begeben..."

Er war sich gar nicht bewußt gewesen, daß er die ganze Zeit wie die biblische Salzsäule den Eingang blockiert hatte. "Uh...natürlich. Selbstverständlich. Bitte, komm' rein. Hier, laß mich dir mit deinem Gepäck helfen." Zwei Taschen...für Stephens Verhältnisse schon viel.

Wie er Hut und Mantel ablegte und sich aus zwei weiteren Kleidungsschichten schälte, kommentierte Stephen, "Mein Gott, bin ich durchgefroren! Seit Wochen fühle ich mich nun schon wie ein unfreiwilliger Pinguin." Er hängte seine Sachen an der Garderobe auf, mit übertriebener Sorgfalt, wie es schien, drehte sich dann zu Jack um. "Wie ist es dir in den vergangenen Monaten ergangen, Bruderherz? Hast du ein geruhsames Fest verlebt?"

Den deftigen Fluch, der ihm auf der Zunge lag, verkniff sich Jack. "Ja, *zu* ruhig. Was könnte es auch Schöneres zu Weihnachten geben als an Land bei der lieben Familie zu sein und Seepocken und Algen anzusetzen wie ein altes, abgetakeltes Schiffswrack?"

"Laß es nicht schlimmer klingen als es tatsächlich ist." Er blieb stehen und bereits in der nächsten Sekunde stand Jack hinter ihm, legte die Arme um ihn. Genau wie erwartet, genau wie erhofft. Ohne Zögern lehnte er sich zurück und ließ den Kopf auf die dargebotene Schulter sinken. Schon der erste warme Atemzug, der seinen Hals streifte, war wie eine Heimkehr, und bevor er wußte, was er tat, packte er Jacks Arme dort, wo sie sich über seiner Brust kreuzten. Hielt sich an ihm fest. Mehr als eine Minute verstrich in perfekter Stille. "Vorsicht, Vorsicht, Jack, zerquetsch' mich nicht! Ich bin zwar nicht aus Glas, aber atmen muß ich trotzdem."

Jack lockerte die Umarmung, gerade soweit, daß Stephen sich zu ihm umdrehen konnte, doch an ein Loslassen dachte er nicht. Im Gegenteil. Er hielt Stephen fest, als würde er ihn nie wieder gehen lassen. Und vielleicht würde er das auch nicht. "Mein Gott, Stephen, du verdammter..." Er brach ab, drückte das Gesicht in die schütteren dunklen Haare und versuchte es erneut. "Jetzt rück' schon mit der Sprache raus! Was treibt dich um diese nachtschlafende Zeit hier raus? Und bei diesem Wetter!"

Kein Tag war vergangen, daß er nicht an Jack gedacht hatte, und die Nächte in Boston waren ohne ihn noch schlimmer gewesen. Einsamkeit war erst dann wirklich schmerzhaft, wenn man das Gegenteil durchlebt hatte. Wie oft hatte er nachts wachgelegen und gewünscht, sich nur umdrehen zu müssen und Jack neben sich zu finden? Gehalten zu werden, wie er jetzt gehalten wurde? Doch immer, wenn er nach höchstens ein, zwei Stunden unruhigen Schlafs erwachte, teilte er sein Bett nur mit Geistern der Vergangenheit. Erst jetzt fand er die Kraft, die Umarmung zu erwidern. Fest, so fest er konnte, obgleich er in der einen Hand noch den Gehstock hielt. "Würdest du mir glauben, wenn ich sagte, daß ich dich einfach nur sehen wollte? Reicht dir das als Grund aus?"

"Mich sehen..." Jack ließ sich die Antwort silbenweise auf der Zunge zergehen. Ganz konnte er noch nicht glauben, was er hörte und sah. "Ausreichen...?" Die Wahrheit war, daß er keinen anderen Grund hätte gelten lassen.

"Dich sehen und mit dir reden", führte Stephen genauer aus und klopfte Jack auf den Rücken, wollte losgelassen werden. "Wir müssen dringend reden, Jack."

"Natürlich, natürlich." Ungern kam er Stephens Wunsch nach und machte einen Schritt zurück, aber seine Hände blieben auf den schmalen Schultern liegen. "Fast fünf Monate und nicht ein Brief, nicht eine einzige Nachricht. Stephen", er holte tief Luft, bis die plötzliche Enge in seiner Brust etwas nachließ, "mich erreichte eine vertrauliche Meldung von der Exekution britischer Agenten in Buenos Aires. Ich war krank vor Angst, daß du einer von ihnen sein könntest. Der alte Sir Joseph wollte mir nicht einmal sagen, wo du warst, egal wie sehr ich ihn bedrängt habe. Du hast Recht, bis Ostern, ach was, für das ganze kommende Jahr sollte ich es besser vermeiden, mein Gesicht in Whitehall zu zeigen."

"Ich bin am Leben, Jackanapes, wie du siehst."

Jack nickte; die Wiedersehensfreude war zu groß, ließ die Schmerzen der Monate in sorgenvoller Ungewißheit in Vergessenheit geraten. Napoleon mochte tot sein, und noch immer steckte Stephen bis zum Hals im Sumpf des Marinegeheimdienstes. Wie lange würde das wohl noch weitergehen? "Wie ich sehe. Nun komm', komm' mit! Komm'", drängte er. "Laß uns das Feuer wieder in Gang bringen, genügend Holz ist vorhanden. Und du mußt hungrig sein...was hättest du gerne? Ich sag' dir, eine Heuschreckenplage ist ein geringes Übel verglichen mit einem Haufen Verwandter, die sich von mir durch die Weihnachtszeit füttern lassen! Natürlich habe ich nicht mit Besuch gerechnet, aber Killick hat Vorräte herangeschafft, von denen wir seinerzeit auf der alten 'Sophie' eine Woche hätten leben können. Die gesamte Mannschaft, wohlbemerkt. Also werden wir einen sparsamen Esser wie dich schon satt kriegen." Kritisch musterte er Stephen von Kopf bis Fuß. "Wenn du noch dünner wirst, wird man dich bald mit einer Vogelscheuche verwechseln."

"Und wenn du noch -"

"Ah-ah-ah", mahnte Jack und geleitete ihn ins Wohnzimmer, dabei verlor seine Hand niemals den Kontakt zu Stephens Rücken, "ich muß dich nicht darauf hinweisen, wie ungemein wichtig es für dein unmittelbares körperliches Wohlergehen ist, daß du diesen Satz nicht beendest."

"Du würdest mich tatsächlich zurück in den Schnee schicken?" Nicht, daß es einen enormen Unterschied machen würde, stellte er beim Eintreten fest, der Raum war eiskalt. Zitternd rieb er sich die Hände, die noch immer in Handschuhen steckten.

"Ohne Zögern", nickte Jack grimmig, strahlte aber übers ganze Gesicht.

"Du bist mir ein wahrer Freund! Allerdings", räumte er ein und klopfte auf die Ledertasche, die über der Schulter trug, "kämst du dann auch nicht in den Genuß hiervon." Etwas klirrte leise, ließ Jack eine fragende Braue heben. "Fünfundzwanzig Jahre alter Armagnac, Bruderherz, Geschenk von Sir Joseph. Ich hoffe du weißt, was für eine Kostbarkeit du herzlos fortschicken würdest."

Jack lachte, etwas, das er schon lange nicht mehr getan hatte. Jedenfalls nicht auf diese Weise, vom Grunde seines Wesens. "Das sind in der Tat zwingende Umstände. Mach's dir bequem, ich geh' schnell ein paar Kerzen holen. So kann ich dich ja nur erahnen..."

"Vielleicht ist das besser so, dann siehst du meine grauen Haare nicht."

Während Stephen die Asche aus dem Kamin kehrte, um dann ein neues Feuer zu entfachen, begab sich Jack in die verwaiste Küche. Wenn er ehrlich war, sehnte er sich nach den Jahren, die sie in diesem Haus verlebt hatten. "Kerzen...Kerzen...wo hat Killick nur die Kerzen versteckt?" murmelte er, darum bemüht, sich leise zu verhalten, denn er wollte Killick, der neben der Küche schlief, nicht aufwecken; er war froh, ihn endlich für einige Stunden los zu sein. Nach einigem Suchen fand er das Gewünschte. Unter mehreren Dosen mit Ingwerkeksen, in einer Kiste zwischen einem Sack Kaffee und einem Sack Mehl. Fürsorglichkeit sollte ihre Grenzen haben! Was glaubte Sophia denn, wie lange er hierbleiben wolle?

 

Bei seiner Rückkehr erstarrte er im Türrahmen.

Stephen stand am Tisch über den Violinenkasten gebeugt, berührte mit einer Hand den Hals der Amati und die aufgerollten Enden der D-Saite. Das Knarren eines Dielenbrettes bei Jacks Eintreten ließ ihn aufblicken. "Wie lange, Jack?" fragte er leise. "Wie lange schon?" Die antike italienische Geige war Jacks größte Investition in die Musik, ein kostspieliges Luxusobjekt. Nicht die Guarneri, für die er in einem schwachen Moment fast ein Vermögen hingeblättert hatte, aber eine für einen Kenner mindestens genauso wertvolle Alternative.

"Drei Monate und fünf Tage. Nach der Abmusterung in Portsmouth sind wir in Shelmerston auf Reede gegangen und ich verbrachte meinen letzten Abend an Bord. Ich hatte alles gepackt, auch deine zurückgebliebenen Habseligkeiten, derer nicht gerade wenig waren, wenn ich das am Rande mal erwähnen darf. Ich wollte unseren geliebten Corelli spielen, so armselig wie er auch klingt ohne deinen Beitrag, mein Freund. Nun, ich war gerade halb durch, da tat es ein lautes 'Ping', und es war als ziehe mir jemand mit der Katze übers Gesicht. Hier", er strich sein Haar beiseite und zeichnete eine Linie entlang seines Haaransatzes von der Augenbraue bis zum schwer vernarbten linken Ohr. "Hat etwas geblutet. Was Schafsdarmsaiten doch anrichten können...Killick kriegte fast einen Herzanfall, als er mich so vorfand."

"Sei froh, daß es nicht ins Auge gegangen ist. Wortwörtlich." Stephen trat vor ihn hin, folgte dem Pfad, den Jacks Finger beschrieben hatte. Tatsächlich, eine dünne Narbe, so fein wie der Strich einer Feder. "Ist aber gut verheilt..." Er ließ die Hand sinken. "Und seitdem hast du nicht mehr gespielt?"

"Ich habe keinen Reiz verspürt", gestand Jack. "Und selbst wenn dem so gewesen wäre...meine Lieblingsstücke sind nun einmal nicht für Solisten gedacht."

Stephen seufzte. "Ich wollte, es hätte nicht so lange gedauert...zu lange, Jack." Ein Gähnen unterdrückend, bewegte er sich hinüber zum Sessel, bei jedem Schritt leicht auf seinen Gehstock gestützt. Seit er einst in Stockholm im Laudanumrausch eine Treppe heruntergestürzt war, bereitete ihm das Bein hin und wieder Probleme, speziell im Winter. "Aber auf mein Cello hast du gut aufgepaßt, nehme ich an. Wo ist sie?"

Jack verbarg sein Lächeln nicht. Es hatte ihn immer verwundert, daß Stephen sein Instrument als 'sie' bezeichnete. "Dein gesamter Plunder, Bücher und eingelegte Tiere eingeschlossen, befindet sich bereits in Barham. Und das Cello", er machte eine beiläufige Handbewegung, "ist in Woolcombe." Was er verschwieg, waren die Stunden, die er allabendlich auf jene Kiste starrte. Als könne er durch bloßen Willen den Besitzer herzaubern. Wie er Stephen jetzt ansah, war ihm fast als sei genau das geschehen. Nur wirkte dieser Stephen älter, das vergangene Jahr hatte deutliche Spuren hinterlassen.

Schnell holte er aus der großen Holzkiste unter dem Fenster eine zweite Decke und zog einen zweiten Sessel ans Feuer - "Es sei denn, du möchtest auf meinem Schoß sitzen, Stephen" - bevor er den Armagnac einschenkte. Zigarren hatte er leider keine zur Hand - "Verzeih, Stephen, ich weiß, wie gerne du eine gute Zigarre zu schätzen weißt" - aber das sei nicht weiter schlimm, beteuerte der frierende Arzt mehrmals, wie er sich bis zum Kinn einmummelte, eine menschliche Raupe in einem Kokon aus Wolle.

So saßen sie schließlich Seite an Seite, wärmten sich die Füße am Feuer, während sich allmählich wieder Wärme im Raum verbreitete und, unterstützt vom Alkohol, sogar bis in ihr Inneres sickerte. Selten hatten sie einen besseren Armagnac gekostet, wahrlich ein großzügiges Geschenk von Sir Joseph, einem Mann, der den Marinegeheimdienst seit langem mit eiserner Hand und Schläue führte und dem man keineswegs Freigiebigkeit oder häufige Gefälligkeiten nachsagen konnte. Bei verdienten Mitarbeitern wie Stephen Maturin, die er zudem als Freunde betrachtete, machte er offenbar Ausnahmen.

 

Lange Zeit sprach keiner von ihnen ein Wort.

Irgendwann hielt es Jack nicht mehr aus und fragte, "Wie war Amerika?" _Wie war Boston, Bruderherz?_

"Reine Zeitverschwendung", klagte Stephen und wackelte mit den Zehen vor den Flammen herum, solch eine Wohltat nach den Stunden in der offenen Kutsche. "Wochenlange sinnlose Palaver mit Leuten, die ich vermutlich nie wieder sehen werde und die garantiert froh darüber sind. Denn es paßte ihnen ganz und gar nicht, daß noch jemand aus England ihnen auf die Finger schaut. Immerhin ist Amos Jacob jetzt häufiger in Nord- als in Südamerika tätig und hat sich gut dort eingearbeitet. Aber man war der Meinung, eine umfassende Analyse der Lage von *mir* zu benötigen."

"Ah", merkte Jack auf. "Sieh an, Dr. Jacob war ebenfalls dort? Wird Sir Joseph auf seine alten Tage übervorsichtig?"

"Nein, es war hauptsächlich zum Informationsaustausch. Wichtige Dokumente, die ich mit nach England nehmen sollte. Wenn auch, meiner Ansicht nach, nicht *so* wichtig, daß man sie nicht mit einem normalen Postschiff hätte schicken können. Fast könnte man meinen, Sir Joseph legte es darauf an, mich beschäftigt zu halten, komme was wolle. Denn er hätte sich auch gleich direkt an Jacob wenden können, ohne mich als Mittelsmann dazwischen zu schieben. Oder er hätte jemand anderen schicken können. An jeden anderen Ort wäre ich lieber gereist. Meinetwegen sogar noch einmal zu Fuß quer durch die Anden. Aber nicht Boston."

"Mir brauchst du das nicht zu sagen." Jack nickte verständnisvoll, schenkte Stephen zwei Finger nach. Boston...ein weiteres Kapitel in ihrer gemeinsamen Vergangenheit, Synonym für gemeinsame Schwächen. Boston...das Wort allein reichte.

Boston war untrennbar verbunden mit Erinnerungen.

Nicht nur an den Freund, der neben ihm saß, sondern natürlich auch an Diana.

Wäre sie damals nicht schwanger gewesen und zudem in der mißlichen Lage, daß der Vater Harry Johnson war, ein Mann, den sie mehr und mehr haßte, genau wie das Land, in dem sie lebte, hätte sie sich niemals Stephen zugewandt, davon war Jack überzeugt. Sie hätte weiterhin mit ihm gespielt, ihn als 'ihren guten Freund Maturin' auf Armeslänge von sich gehalten und nur auf ihn zurückgegriffen, wenn ihr alle anderen Auswege versperrt blieben.

In Boston hatte es noch 'Ja' zu Stephens Heiratsantrag geheißen, 'Nein' dann in Halifax...dann hatten sie Diana in Paris abgesetzt, um an einem Einsatz in der Ostsee teilzunehmen und waren schließlich, zusammen mit Jagiello, einem litauischen Offizier, als 'Gäste' des französischen Geheimdienstes in einem Pariser Gefängnis gelandet.

Schaudernd erinnerte sich Jack daran, wie Stephen ihm während der Wochen in Haft erzählt hatte, daß Diana versucht hätte, ihn dazu zu bewegen, ihr zu einer Abtreibung zu verhelfen und ihr damit ihre Freiheit wiederzugeben.

Bei dem Gedanken krampfte sich etwas in seinem Magen zusammen. Etwas derartiges zu verlangen...von Stephen...ausgerechnet von jemandem wie Stephen! Sie hatte doch wissen müssen, daß er dem nie und nimmer zustimmen würde.

Täglich waren die Wachen gekommen, um Stephen zu einem weiteren Verhör abzuholen. Je mehr er den unschuldigen Naturphilosophen spielte, sich auf namhafte Kollegen in der Stadt berief und mit lateinischen Tiernamen um sich warf, desto entschlossener wurden die Franzosen, Dr. Maturin als agent provocateur zu enttarnen. Von seiner Sorge hatte ihn auch die emsige Arbeit an ihrem Fluchtweg nicht ablenken können. Denn noch einmal würde Stephen einer intensiveren 'Befragung' nicht standhalten. Nur gut, daß er nicht gewußt hatte, daß Stephen der gleichen Meinung war und die Zelle stets mit einer giftgefüllten Glasampulle im Mund verlassen hatte, daß seine allabendliche Rückkehr reines Glück gewesen war. Selbstmord war immer eine Option gewesen.

Und dann hatte das Echo von Boston Paris erreicht und zwar in der Person von Harry Johnson. Man bezichtigte Stephen der Morde an zwei französischen Agenten und wenn sich in jener Nacht nicht ihre Arbeit bezahlt gemacht hätte, ihnen nicht die Flucht aus dem Templerturm gelungen wäre, wäre Stephen höchstwahrscheinlich tot, geopfert zum Wohl der franko-amerikanischen Beziehungen.

Letztendlich, oh Ironie des Schicksals, war es Diana zu verdanken gewesen, daß sie unbehelligt aus Paris abreisen konnten. Die Schwangerschaft hatte in einer Fehlgeburt geendet - ohne Einflußnahme ihrerseits, das hatte sie Stephen versprochen - und Jack hatte zugeben müssen, daß sich Diana zum Positiven verändert hatte.

Auf der Rückreise nach England war zwei Stunden vor Dover aus Mrs. Villiers Mrs. Maturin geworden. Eine Zweckehe, niemals eine Herzensangelegenheit. Zumindest, sagte er sich, nicht mit der Menge Herz, die bei einer Ehe dabeisein sollte. Alles, damit Diana ihre englische Staatsbürgerschaft wiederbekam und nicht als 'feindliche Ausländerin' verhaftet wurde, sobald sie einen Fuß auf die Insel setzte.

Bis zum letzten Moment hatte sein Beschützerinstinkt ihm befohlen, Stephen vor dieser Frau zu bewahren, aber er hatte die Notwendigkeit gesehen.

Das alles war nun Vergangenheit. Diana war Vergangenheit. Boston war Vergangenheit. Seine Gefühle allerdings nicht. Er fühlte sich stärker denn je zu Stephen hingezogen.

"Überraschenderweise war es weniger schmerzhaft als ich noch bei Ankunft befürchtet hatte. Fast...notwendig, möchte ich behaupten. Das abschließende Kapitel, das geschrieben werden mußte, bevor eine neue Geschichte beginnen kann. Wenn der Anlaß für die Reise ein anderer gewesen wäre, hätte ich meinen Aufenthalt vielleicht sogar richtig genießen können, aber so... Boston an sich ist schließlich eine Perle, viel angenehmer als Washington, das immer noch zum Großteil in Schutt und Asche liegt. Die Amerikaner haben wahrlich nicht viel Grund, der englischen Krone wohlgesonnen zu sein." Jacks fragender Blick veranlaßte ihn zu einer Erklärung, "Ja, ich war dort. Bin unter meinem spanischen Alias gereist. Nicht daß ich wie ein Engländer klinge, aber Vorsicht ist besser als Nachsicht."

Da mußte Jack ihm Recht geben. Stephens Stimme klang in jeder anderen Sprache viel natürlicher als in Englisch, es gelang ihm einfach nicht, wie ein Einheimischer zu reden. Man hörte ihm immer an, daß seine Wurzeln anderswo lagen. "Warst du also auch noch in Washington."

"Bis nach New Orleans bin ich gekommen, und in jeder Stadt gab es weitere mißtrauische Gesichter, weitere Gespräche. Dann über Charleston mit dem Schiff zurück nach Boston."

"Hast du zwischenzeitlich überhaupt geschlafen?"

"Hin und wieder", schmunzelte Stephen. "Und stets mit einer Waffe unter dem Kopfkissen. Meine Abreise aus Boston verzögerte sich etwas, weil ich mir in Charleston irgendein verfluchtes Fieber eingefangen hatte."

"Oh, Stephen! Nichts Ernstes, hoffe ich."

"Nein, nein, kein Grund zur Sorge. Und Dr. Jacob hat sich exzellent um mich gekümmert. Das einzig Ärgerliche war, daß ich das Schiff verpaßte und zwei Wochen auf das nächste warten mußte."

Anfangs sei diese unfreiwillige Verlängerung seines Aufenthalts ärgerlich gewesen, doch hätten ihn Jacobs Gesellschaft sowie das Wiedersehen mit Dr. Choate, dem Betreiber des Sanatoriums, wo sie damals als Kriegsgefangene untergekommen waren, darüber hinweggetröstet...

 

***********
 

Jener Tag, die frühen Abendstunden in seinem Zimmer mit Blick auf den Charles River, spielte sich mit erschreckender Klarheit in Jacks Gedanken ab. Was war der Auslöser gewesen? Furcht hatte zweifellos eine große Rolle gespielt, die Frage, ob sie Boston lebend verlassen würden, diese Stadt, in der sich das Netz von Napoleons Agenten und ihrer amerikanischen Komplizen immer enger um sie zusammenzog.

Furcht und Zweifel, ob die Amerikaner Jacks Auslieferung unter den gegen ihn vorgebrachten Anschuldigungen zulassen würden.

Stephen hatte gezögert. Einerseits aus medizinischen Gründen. Jack hatte sich noch nicht vollständig von seinen Verletzungen erholt, die er in dem Gefecht mit der 'Constitution' erlitten hatte, dem Schiff, auf dem sie letztendlich nach Boston gelangt waren.

Andererseits - und das war tausendmal schlimmer - wegen Diana.

Ihr bloßes Auftauchen hatte auf die fein austarierte Balance der Beziehung zwischen Jack und Stephen den gleichen Effekt gehabt wie ein Erdbeben.

Unglücklich und unzufrieden mit ihrem Leben in Boston, hatte sie in Stephen ihre einzige Chance gesehen und ihm ihr Leid geklagt. Erwartungsgemäß hatte Stephen sich verpflichtet gefühlt, ihr zu helfen, und fand sich in einem Gefühlskonflikt von ungeahntem Ausmaß wieder.

Bei jedem Schritt wachsam zu sein, einen Blick über die Schulter zu werfen und jeden und alles zu beobachten, mochte für Stephen normal sein, doch nicht für die restlichen Beteiligten.

Jack hatte seinen Freund niemals so...verwirrt gesehen, wie ein, um es mit seinen Worten zu beschreiben, aus dem Ruder gelaufenes Schiff.

An jenem Abend hatten sie längst begonnen, an Flucht zu denken (die Amerikaner verzögerten alle Auslieferungsformalitäten nach bestem Können), folglich war die Anspannung extrem gewesen, ebenso die bange Hoffnung, daß diese Flucht erfolgreich sein möge. Ein Druck, der fast ausschließlich auf Stephen lastete, ihn mehr und mehr in die Knie zwang. Hoffnung - oder auch Glauben - war einfach nicht mehr genug gewesen, er hatte mehr gebraucht.

Als Jack sich als Stütze anbot, war er nicht abgewiesen worden.

 

***********
 

Lächelnd hörte Jack zu, wie Stephen sich in begeisterten Beschreibungen der Bostoner Schulmedizin erging und erzählte, was für interessante naturwissenschaftliche Vorträge er gehört hatte.

Er unterbrach ihn nicht ein einziges Mal. Für gewöhnlich, wenn Stephen anfing, von kleinem Krabbelgetier zu schwärmen, war Jack schon nach drei Sätzen nur noch mit einem Ohr dabei, doch kam ihm heute der langweiligste Monolog über Kakerlaken und Spinnen vor wie Poesie. Er wollte keine Silbe verpassen; er hatte schon zuviel verpaßt. Das Band, das sie verband, hätte keinen weiteren Tag der extremen Dehnung ausgehalten, wäre sonst gerissen wie die Saite der Amati, deren Klang er ebenso vermißte wie er Stephens Stimme vermißt hatte.

_Stephen, mein Stephen..._ Er kannte die weichakzentuierte Stimme in Freude, Wut oder Trauer, in jeder nur erdenklichen Gefühlslage bis hin zu dem atemlosen, ekstatischen Flüstern seines Namens, gefolgt von der Bitte, auf keinen Fall aufzuhören. Niemals aufzuhören...niemals...

Aber er hatte aufgehört. Sie hatten aufgehört, nach einigen wenigen Nächten in Boston.

Doch wie hörte man mit einem Gefühl auf, das sich über zwanzig Jahre entwickelt hatte, immer stärker geworden war, bis die Trennung zwischen Freundschaft und Liebe nicht mehr möglich war?

"Wie geht es deiner Familie, Jack? Ich habe Sophia ja nur flüchtig gesehen, wir hatten kaum Zeit für Hallo und Adieu. Die Kinder...?"

"Wachsen wie Unkraut. Sie sind wohlauf und jeden Tag eine Freude für mich. Manchmal wünsche ich mir fast Mrs. Williams zurück, die alte Schnepfe, damit sie Sophie mit den Mädchen helfen kann." Zu Lebzeiten hatte seine verhaßte Schwiegermutter ihm das Landleben zur Hölle gemacht, doch irgendwie fehlte sie ihm, und sei es nur als Grund, sich hin und wieder richtig aufregen zu können. "Und dann wären da die ganzen anderen Familienmitglieder, die uns seit zwei Wochen belagern, sich praktisch die Klinke in die Hand geben. Sophie hat es sich nicht nehmen lassen, jeden einzuladen, mit dem sie mindestens um drei Ecken verwandt ist." Ein wehmütiger Zug spielte um Stephens Mund, ließ Jack seine Worte zutiefst bereuen, allerdings konnte er keine Entschuldigung vorbringen. Und im nächsten Moment war er überrascht, daß Stephen mit keiner Silbe zum Ausdruck brachte, was sie beide zweifellos dachten. _Wenn Diana noch leben würde, wäre sie auch hier. Sie mag das schwarze Schaf der Familie gewesen sein, aber doch Sophies Cousine, und zum Ende hin erstaunlich umgänglich. Und Stephen und sie hatten ihr Auskommen gefunden. Mehr oder minder. Wenn schon nicht in Liebe, dann auf jeden Fall in Freundschaft._

"Offenbar denkt Sophie, die Gegenwart von Gästen könnte deine Stimmung heben." Jacks verbalen Ausrutscher nahm er kommentarlos hin.

"Eine liebenswerte Geste von ihr, hat sie damit doch das genaue Gegenteil erreicht. Weshalb, glaubst du, bin ich wohl hier. Ah, Stephen, du hast den größten Ansturm knapp verpaßt. Zu deinem Glück. Frances und Cecilia sind mit den Kindern gerade erst heute morgen wieder abgereist. Philip ebenfalls."

"An Gesellschaft mangelt es dir dann ja nicht."

"Nur an der richtigen. Da ziehe ich es vor, allein zu sein."

"Alleinsein ist auch nicht mehr das, was es mal war." Genießerisch nippte Stephen an seinem Armagnac, verlängerte das Schweigen.

Jack haßte ihn dafür. "Darf ich fragen, wie es um Brigid bestellt ist? Ich habe sie seit Oktober nicht mehr gesehen. Sie, Clarissa und Padeen besuchten uns in Woolcombe."

"Sie verbrachten die Sommermonate in Lérida, ja. Clarissa und ihr Mann des Klimas wegen und Brigid... Jack, sie blüht in der Umgebung dort regelrecht auf. Sie klettert in den Felsen herum, so geschickt wie die Schafe, fängt Eidechsen und Schmetterlinge, und der gute Padeen kann kaum mit ihr Schritt halten." Er nahm einen Schluck. "Ah, ich vermisse Katalonien. Um ehrlich zu sein habe ich mich in letzter Zeit ernsthaft mit dem Gedanken getragen, Barham Down zu verkaufen und mein Schloß wieder instand zu setzen. England...nun, England und ich... Wie soll ich's ausdrücken? Wir haben einander nichts mehr zu sagen. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan. Als du mich damals überredet hast, dein Bordarzt auf der 'Sophie' zu werden, hätte ich nie erwartet, zwanzig Jahre in der Marine zuzubringen. Und Brigid braucht mich."

_Ich etwa nicht?_ "Jedenfalls", fuhr Jack fort, ohne auf das einzugehen, was Stephen ihm soeben mitgeteilt hatte, "war die Kleine ziemlich erkältet...natürlich steckte sie Fanny und Charlotte und George prompt an. Ich stand kurz davor zu glauben, das Schniefen und Husten würde nie wieder aufhören." Wie hypnotisiert blieb sein Blick auf Stephens Hände gerichtet, die jetzt aus der Westentasche die Brille hervorzogen, welche der Arzt in den letzten paar Jahren nicht mehr ausschließlich bei Operationen benötigte, sondern fast dauerhaft trug. Ins Gesicht sehen konnte er ihm nicht, nicht nach dieser Offenbarung. Ihm war, als hätte sein Herz aufgehört zu schlagen.

_England verlassen? Zurück nach Katalonien? Für immer?_ Natürlich hatte Stephen Recht, doch ein kleiner, unverschämt selbstsüchtiger Teil wünschte sich, er würde eine wichtigere Rolle spielen als ein Kind, ein kleines Mädchen von nicht einmal zehn Jahren. An diesem Gefühl änderte auch die Hand nichts, die sich in die seine legte. Es war ein Reflex, seine Finger krümmten sich, hielten fest, was er nicht mehr lange würde halten können.

"Sie hat sich bestens erholt, soweit ich weiß. Das Schiff, mit dem ich zurücksegelte, brachte zuvor meine gesamte Post der letzten Monate nach Boston, daher verbrachte ich die Reise mit Lesen und dem Schreiben meiner Berichte. In doppelter Ausführung." Sein schwaches Lächeln ließ vermuten, daß Schlaf abermals das erste Opfer gewesen war.

"Du kannst sicher kaum erwarten, sie wiederzusehen." Und dennoch war er zuerst hierher gekommen. Zu ihm. "Sie vermißt dich bestimmt auch."

Stephens Kiefer mahlten vor Unentschlossenheit, er kämpfte gegen das Gefühl, das ihm die Kehle zuschnürte wie die Schlinge eines unsichtbaren Galgens. "Jack...es tut mir leid. Ich weiß, du hättest lieber etwas anderes gehört und -"

Abrupt ließ Jack Stephens Hand los, stand auf und holte den Geigenkasten. Unter dem Korpus des Instruments zog er mehrere zusammengefaltete Seiten Papier hervor, schob sie Stephen zwischen die Finger. "Ich hatte es bereits im Juli des Folgejahres fertig." Dann wandte er sich ab, machte zwei Schritte zum Kamin hinüber. Aber kein Feuer hätte den Eiszapfen schmelzen können, den er glaubte, jetzt in seinem Herzen zu spüren. Schmerzhafter als eine Kugel. Stephen war schon immer ein Meisterschütze gewesen.

Stephen faltete die bereits leicht vergilbten Seiten auseinander und als er erkannte, worum es sich handelte, huschte ein Ausdruck über sein Gesicht, der sowohl Erstaunen wie auch Leid hätte sein können. "Das Duett...wie lange das schon her ist...Weihnachten auf der 'Leopard'..."

Tonlos merkte Jack an, "Aus 'nächstes Jahr' sind zehn Jahre geworden. Und du willst daraus ein 'niemals' machen. Also darüber willst du mit mir reden. Über Abschied." Wie angewurzelt stand er da, konnte sich nicht umdrehen und Stephen ansehen. So plötzlich wie Stephen in sein Leben getreten war, so plötzlich würde er es auch wieder verlassen. Er hätte es wissen sollen. Sein einstmals legendäres Glück hatte ihn endgültig verlassen, hatte sich gegen ihn gewendet. Plötzlich kam ihm der Winter jenseits des Fensters vor wie der Winter seines Lebens, und einen Frühling würde es nicht geben.

"Jack..."

Jetzt erst gelang es ihm, den Kopf zu drehen. "Deshalb bist du hier. Wie rücksichtslos von dir, Stephen!" Die Anklage war wie eine Ohrfeige.

Und Stephen reagierte entsprechend, wich zurück, deutlich blasser. "Das ist nicht wahr, Jack, und das weißt du! Es ist nicht meine Absicht, dir weh zu tun. Das könnte ich gar nicht. Niemals."

"Oh doch, du kannst und du hast!" _Und diese Wunde ist selbst für deine Heilkunst zu schwer..._ "Hast du das von Diana gelernt?" Der Vergleich war grausam, unfair und er bereute ihn schon im nächsten Augenblick, denn das hatte Stephen nicht verdient. "Verzeih", flüsterte er, "das war nicht so gemeint."

"Ich weiß." Mehr sagte Stephen nicht, studierte stumm die Notenlinien. Alleine seine Haltung drückte aus, wie tief ihn die unüberlegten Worte getroffen hatten. "Sophia sagte, du würdest mich vielleicht brauchen..." Er nahm sich das nächste Blatt vor. "Du hast dir Mühe gegeben...ich bin sicher, daß es ganz wunderbar klingt, Jack."

"Nimm' es mit."

"Oh, nein." Stephen schüttelte vehement den Kopf. Das wäre zuviel verlangt.

Doch Jack wollte nichts davon hören. "Ich habe eine Abschrift. Dies ist das Original. Es war von Anfang an für dich bestimmt." Seine Lippen formten eine dünne, blutleere Linie, so sehr preßte er sie zusammen, bevor er wieder sprach. "Ich wußte nur nicht, daß es auch ein Abschiedsgeschenk werden würde."

"Du redest ständig von Abschied, Jack. Willst du denn, daß es einer ist?"

"Natürlich nicht."

"Dann verwende keine Worte, die nicht den Tatsachen entsprechen." Stephen ließ die Blätter sinken und fuhr sich mit der Hand über die Haare; zu deutlich konnte Jack den Silberschimmer in den dunklen Strähnen erkennen. "Betrachte es vielmehr als Umzug, denn mehr als das ist es nicht. Ich dachte nur, ich sei es dir schuldig, dir persönlich mitzuteilen, Jack, daß ich in Erwägung ziehe -"

"Erwägung? Es klingt vielmehr nach vollendeten Tatsachen."

Endlich hob Stephen den Blick, sah ihn unverwandt an. "Und was wäre daran so schlimm?" wollte er wissen, weniger in Erwartung einer Antwort als einer Pause. Mit übertriebener Langsamkeit kehrte er an seinen Platz zurück und wickelte sich in die Decke, alles ohne Jack anzusehen. Was glaubte sein Freund denn, etwa daß ihm diese Entscheidung leichtfiel? Ganz und gar nicht. Er hatte nie behaupten können, daß seine beiden Tätigkeitsgebiete gut miteinander zu vereinbaren waren. Die meiste Zeit schlossen sie sich gegenseitig aus. Aber selbst wenn er in seiner Funktion als Geheimagent einen Menschen vorsätzlich tötete, hatte ihn Stephen Maturin, der Arzt, niemals in so einen Gewissenskonflikt gestürzt wie er ihn jetzt durchmachte.

Jack seufzte. Er wußte ja selbst, wie kindisch er sich aufführte. Stephen brauchte ihn schließlich nicht bei jeder Entscheidung um seine Einverständnis zu fragen. "Gar nichts, Stephen", brummte er, "gar nichts. Tut mir leid. Anscheinend ist es mir heute einfach nicht vergönnt, die richtigen Worte zu finden. Besser, ich sage gar nichts mehr."

"Ja, das wäre wohl besser." Die Worte waren unüberlegt gewesen, Jack hatte sein Herz sprechen lassen, und dafür würde Stephen niemanden verurteilen. Am allerwenigsten Jack.

Dieser schluckte mehrmals, aber der Kloß in seinem Hals widersetzte sich seinen angestrengten Bemühungen. "Ich... Stephen, ich bin nur so...überrascht..."

"Überraschung ist verständlich. Akzeptabel. Du hättest es nicht vorhersehen können...es ist meine Entscheidung, ich treffe sie nach meinem besten Wissen und Gewissen. Genau wie damals", fügte er bedeutungsvoll hinzu. "Auf der 'Leopard'. Als ich ging, obwohl du wolltest, daß ich bleibe." Immer noch darauf bedacht, Jack nicht anzusehen, befingerte Stephen die Notenblätter, die er noch nicht hatte fortlegen können.

Jack konnte in seinem Gesicht lesen, daß er in Gedanken die Melodie nachspielte, und das dünne Papier mit größerer Sorgfalt behandelte als er erwartet hatte. Er hätte es Stephen nicht übelgenommen, wenn er die Blätter einfach zerknüllt und weggeschmissen hätte; seine Anschuldigung war unverzeihlich gewesen. "Wie damals", wiederholte er. "Wie damals triffst du die Entscheidung und ich habe mich zu fügen. Damals tatest du es, weil ich es nicht konnte...und diesmal, weil..." Er holte tief Luft. "Ich weiß nicht." Der Karriereoffizier in ihm rebellierte gegen die Entscheidung, die ihm aufgezwungen wurde, und der Freund/Liebende fühlte sich...verraten. "Kannst du es mir sagen?"

"Nein."

"In dem Fall", er stand auf und packte Stephen an den Schultern, zog ihn auf die Füße und an sich, "höre ich auf zu reden und handele stattdessen." Sein erster Kuß war kaum mehr als ein scheues Streifen von Lippen, noch etwas zögernd und unschlüssig.

"Das kannst du besser, Jack." Stephens Hand, trotz des festen Griffs um Jacks Oberarm, zitterte. Es war zu lange her, daß er Jack so nahe gewesen war...und es schien ihm wie gestern.

"Verzeih...ich bin etwas aus der Übung."

"Küßt du Sophia etwa nicht?"

"Nicht...nicht auf diese Weise." *Diese Weise* beinhaltete das sanfte Spiel von Zunge gegen Zunge, von Herzschlag zu Herzschlag aggressiver werdend, ein gegenseitiges Fordern ihres Innersten und ein Kampf um jeden Atemzug.

_Ich liebe dich._

"Und ich dich, mein Herz."

Hatte er es laut gesagt? "Stephen..."

"Ich weiß, und daran wird sich nichts ändern. Nie im Leben", betonte er und wählte bewußt die von Jack so gerne benutzten Worte. "Und wenn du mich in Katalonien besuchst, werden wir das Duett gemeinsam spielen."

Jack stockte der Atem. "Wenn."

"Genau", versprach Stephen und hauchte einen Kuß auf Jacks Stirn, streichelte das offene Haar. "Denn ich würde es dir nicht verzeihen, wenn du mich vergessen würdest, kaum daß ich außer Landes bin."

"Dich könnte ich nicht vergessen, nicht mal, wenn ich's wollte. Nie im Leben." Die Worte brannten auf seiner Zunge. "Du bist in mir...wirst es immer sein. Kaum ein Geschenk war auch nur annähernd so schön wie deines, Stephen." Und das, was damit verbunden war. Sein Trost, seine Freude...sein Stephen...

"Ich erinnere mich. Und ich habe seitdem niemals wieder solche Geschenke gemacht. Deswegen hast du die Violine nicht neu bespannt", folgerte Stephen und brauchte gar nicht auf ein Nicken zu warten, um zu wissen, daß er Recht hatte. "Du *wolltest* dich nicht erinnern."

"Zumindest nicht mehr als ich mich ohnehin schon erinnern muß. Und jetzt sagst du mir, daß Erinnerungen bald alles sein werden, was mir bleibt." Erneut ergriff er Stephens Hände. Wo blieben die Tränen? Warum konnte er nicht weinen, wenn ihm doch so sehr danach zumute war?

"Nein, nicht bloß Erinnerungen. Vergiß die Hoffnung nicht", antwortete Stephen leise und befreite eine Hand, streichelte Jacks kratzige Wange mit übertriebener Langsamkeit. "Ohne Hoffnung wäre es bei dem Kuß geblieben. Boston wäre nie gewesen." Noch wie er sprach, fühlte er das Zittern, das Jack durchlief. Die Tränen würden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Er hatte damit gerechnet. Schon immer war Jack der gefühlsbetonte von ihnen beiden gewesen, umgänglich, gesprächig und zu leicht enthemmt von Wein und angenehmer Gesellschaft. "Jack, Jack, ich bitte dich..."

"Um was, Stephen?" Die Frage durfte nicht beantwortet werden.

Stephens Gesichtsausdruck spiegelte seine innere Zerrissenheit wieder. "Du weißt, daß ich dich liebe, Jack. Mehr als mein Leben. Aber ich kann nicht bleiben. Nicht um deinetwillen. Du bist das einzige hier, was für mich noch Bedeutung hat...und ich muß wissen, daß du mich gehen läßt. Wenn ich dir etwas bedeute, wirst du mich gehenlassen. Darum bitte ich dich. Allein darum."

"Wann?" Jack fiel das Sprechen immer schwerer. _Am besten gehst du gleich. Jetzt sofort. Sofort..._

Doch den Gefallen tat ihm Stephen nicht. "Morgen. Oder übermorgen. Es ist nicht weit bis Barham, ich weiß, aber dennoch würde ich es vorziehen, bis zum Morgen zu warten und meinem Pferd die Ruhe zu gönnen, die es braucht. Ich müßte für eine Weile deine Gastfreundschaft in Anspruch nehmen. Wenn es dir nichts ausmacht."

"Ausmacht...? Stephen!" Erst als er die warme Nässe spürte, die über seine Wangen rann, wurde sich Jack bewußt, daß der Grund für seine erstickte Stimme die Tränen waren, die nun endlich kamen. Tränen der Verzweifelung, Schmelzwasser von dem Eismantel um sein Herz. Und je mehr er versuchte, sie herunterzuschlucken, desto heftiger flossen sie. Für gewöhnlich rügte ihn Stephen für solche Sentimentalitätsausbrüche, aber heute ließ der sarkastische Kommentar über die Gefühlsduselei der Briten auf sich warten. Ohne es zu merken, setzte er sich wieder, ließ zu, daß Stephen ihn dirigierte wie eine Marionette.

Alles, was dieser zu sagen hatte, war ein trockenes, "Tränen, Bruderherz? Woher kommt diese Sentimentalität?"

Statt einer Antwort nahm Jack eine der gezeichneten Hände und legte sie sich auf die Brust. "Hierher", murmelte er. "Hierher. Fühlst du das, Stephen? Das ist mein Herz, das wieder schlägt, jetzt, wo du wieder hier bist. Und trotzdem sagst du mir..." Stephen bedeutete ihm einfach alles. Bester Freund, Vertrauensperson, Berater, Mitstreiter, Geliebter. In seinem Leben gab es keinen Bereich, den Stephen nicht berührt hatte, und Jack könnte es nicht ertragen, diese Berührung aufzugeben.

Stephen würde fortgehen. Und seine größte Angst war, daß er dieses einmalige Gefühl mitnehmen würde, restlos und vollständig, und ihm dann nichts mehr blieb. "Was ich eigentlich fragen wollte, war, wann du *England* verlassen willst." Schon fielen ihm die Augen zu,

Stephen hielt seine Antwort absichtlich vage. "Bald, Jack." Unaufhörlich strich seine Hand über das zerzauste Haar, dunkelgolden im Feuerschein.

Dann nahm er die Decke und breitete sie über Jack aus, stopfte die Ränder sorgsam fest. Rückte den eigenen Sessel noch etwas näher heran, so daß er nur den Arm ausstrecken mußte...und überlegte es sich anders. Es war einer dieser Momente, wo er wünschte, noch keine Entscheidung getroffen zu haben...tun zu können, was er wollte, wollen zu dürfen, was er sich vorstellte.

Doch er würde nicht tun, worum Jack ihn wortlos bat. Konnte es nicht.

Nicht ohne einen Teil von sich verleugnen zu müssen, nämlich den Teil, der schon ausschließlich für die Zukunft lebte, weniger für seine eigene als für die seiner Tochter. Und dann gab es da noch das Land, in das er bald zurückkehren würde, und das ihm so sehr am Herzen lag.

"Schlaf jetzt, Jack."

Der Angesprochene wartete mit einer letzten überraschenden Äußerung auf, "Du gehst noch nicht?"

"Nein, Jack. Nicht heute. Es ist sehr viel zu erledigen. Bestimmt werde ich nicht vor Ostern gehen. Und bis dahin werde ich soviel Zeit mit dir verbringen, wie du willst...aber du solltest jetzt trotzdem schlafen. Schlaf, Jack."

"Aye, aye..."

Blaue Augen schlossen sich gehorsam, und wie er ihn ansah, war das nächste Möbelstück plötzlich viel zu weit entfernt. In seine Decke gehüllt, setzte er sich auf die rechte Armlehne des Sessels, breit genug für ihn, legte den einen Arm auf die Rückenlehne und erlaubte seiner Hand, auf Jacks Kopf zu sinken. Finger flochten sich besitzergreifend in dichtes, blondes Haar, verharrte an einer allzu vertrauten Stelle. Wenn er sich konzentrierte, konnte er die Narben auf der Kopfhaut ertasten. Auf Jacks Körper fanden sich genug Beweise für sowohl Mut wie auch für Übermut, und viele davon trugen seine Handschrift. In Sachen Jack Aubrey war er als Arzt fast ebenso sehr Schöpfer gewesen wie Gott. Den rechten Arm schob er unter Jacks Kinn, ergriff mit der Hand seine linke Schulter. Er konnte problemlos so sitzen bleiben, hatte schon an schlimmeren Orten übernachtet und dann noch verdrehter...

"Wir könnten einige Tage hierbleiben, Stephen."

Was war nötig, Jack einschlafen zu lassen? "Wird Sophia dich nicht vermissen?"

"Nicht, wenn sie weiß, daß du bei mir bist. Dir vertraut sie."

_Schön und gut. Aber vertraue *ich* mir?_ Während der letzten zehn Jahre, einer Zeit, die geprägt gewesen war von Selbstbeherrschung und Selbstverleugnung, hatte er seine Gefühle für Jack erfolgreich gemeistert, das Knäuel entwirrt. Würde ihm das ein zweites Mal gelingen, oder würde es damit enden, daß er sich in den Schlingen selbst erhängte? An diesem Abend, in dieser Nacht, wollte er der Vergangenheit noch einmal einen ebenso großen Stellenwert einräumen wie der Zukunft. Wollte zurückblicken statt nach vorne. "Wir schulden einander so manches, nicht wahr, Jack?" Fast glaubte er, der Mann in seinen Armen wäre endlich... Doch dann...

"Das weißt du besser als ich", nuschelte Jack in die Polster. "Gott, ich kann mich nicht mehr bewegen...ich bin so müde...laß uns einfach nur hier sitzen."

"Was immer du willst...und solange du willst", versprach er, nur kam keine Antwort mehr. "Was immer du willst, Jack. Ich werde hiersein. Zumindest diese Nacht." _Eigentlich solange du willst. Aber sagen werde ich das nicht. Ich werde gehen. Ich muß. Und das weißt du._

Plötzlich murmelte Jack etwas Unverständliches, bewegte sich kurz und packte mit der Rechten Stephens Handgelenk. Dann entspannte er sich, glitt hinüber in tiefen Schlummer.

Stephen lächelte mitfühlend. "Es tut weh, ach, ich weiß, Jack. Und wie ich es weiß." Er neigte den Kopf, drückte einen Kuß auf die blonden Locken. Seit Jahren hatte er nicht mehr geweint, schon gar nicht, wenn die Möglichkeit bestand, daß jemand es sehen konnte, und jetzt, wo er es wollte, konnte er nicht. War es möglich, das Weinen zu verlernen? Ohne die Hand abzuschütteln, die seinen Arm festhielt, schwang er die Beine quer über den Schlafenden. Eine weitaus bequemere Position. Näher konnte er ihm nicht sein. Nicht mehr. Je wieder?

Hier und jetzt fühlte sich alles gut an, Hauptsache Jack war Teil der Gleichung.

Was zählte, war die Wärme des Feuers und die Wärme des Mannes, der ihm mehr bedeutete als jedes Gestern oder Morgen, ganz gleich wie sehr er es zu rationalisieren versuchte. Die Wärme, die er in sich zurückfließen spürte, der stete Puls unter seinen Fingern, der regelmäßige Atem gegen seinen Unterarm...er brauchte Jack. Würde ihn immer brauchen. Irgendwann würde er diese Tatsache vielleicht akzeptieren können. Er hatte Diana verloren, sein Herz war an ihr zerbrochen, und Jack Aubrey hatte es wieder zu einem Ganzen zusammengeschweißt, Splitter für Splitter. Über zwanzig Jahre...all das Leid, die Entbehrungen, gemeinsam hatten sie die ganze Welt gesehen mit all ihren Wundern und Schrecken...hatte er nicht immer schon gewußt, wohin er wirklich gehörte, und zu wem?

Einmal mehr kamen ihm die Zweifel, die er längst vergessen geglaubt hatte. Tat er das Richtige?

In die blonden Haare flüsterte er, "Morgen, Jack. Laß die Welt ruhig das Morgen haben. Heute, diese Nacht, gehört uns."

Was er nicht sagte, war: Egal wie lang die Nacht, das Morgen kommt unweigerlich, läßt sich nicht abwenden. Und vieles läßt sich nicht mit in die Zukunft nehmen, sondern muß in der Vergangenheit bleiben. Aber wir können hoffen.

Er merkte nicht, wie sich sein Denken und Fühlen mehr und mehr verlangsamte, das Bild vor seinen längst geschlossenen Augen immer dunkler wurde, bis nur noch friedliche Schwärze seine Sinne umgab und der Schlaf ihn für einige Stunden dem englischen Winter entriß. Ihn zurückholte an einen Frühlingsabend vor über zwanzig Jahren. Eine verhältnismäßig warme Nacht für Anfang April, selbst für Menorca, und während draußen in den Orangenhainen die Nachtigallen sangen, erfüllten die Klänge von Locatellis C-Dur-Quartetts das Musikzimmer der Gouverneursresidenz...

 
Ende

 
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