|
Da Musik in dieser Story eine große Rolle spielt, sind alle Kapitel-Überschriften musikalische Satzbezeichnungen. Zum besseren Verständnis (denn sie haben alle einen tieferen Sinn! ;-)) hier die Übersetzungen: Grazia = Anmut Giusto = Streng und genau Furioso = Wütend Paterico = Mit Gefühl Marzial = Kriegerisch Duo = Zu zweit Arpeggio = Gebrochen Attaca = Angriff Precipitoso = Überstürzt, ungestüm Lamentoso = Trauervoll Misterioso = Geheimnisvoll Dolcissimo = Sehr sanft und süß Affrettando = Eilend, vorwärts drängend Furioso = Wütend Anima Soul = Mit tiefem Gefühl Dolore = Kummervoll, schmerzlich Lacrimoso = Traurig, tränenvoll Fine = Ende Da Capo = Nochmal von vorn
Mirela Sirena Doinescu klappte ihr Lehrbuch der Zaubertränke zu. Eine Staubwolke fuhr aus dem dicken Wälzer. Gut, dass Professor Snape nicht hier war: Er hätte auf den ersten Blick erkannt, wie lange sie das Buch nicht mehr benutzt hatte. Vermutlich hätte er Gryffindor dafür gleich ein paar Punkte abgezogen, er nahm ja jede Gelegenheit dazu wahr. Aber sie hatte nun einmal nicht viel übrig für dieses Fach und schon gar nicht für den missmutigen Lehrer. Die beiden waren so gegensätzlich, wie zwei Menschen nur sein konnten: Waren Snapes Augen und Haare vom tiefsten Schwarz und war alles an ihm Dunkelheit, so war Mirela mit ihren hellblonden Haaren und leuchtend blauen Augen eine wahre Lichtgestalt. Wo er verbittert war, war sie jung und unbeschwert. Und so unbeliebt Snape bei seinen Mitmenschen war, so überaus großer Beliebtheit erfreute sich Mirela. Nun, letzteres, muss man fairerweise dazu sagen, wurde ihr in die Wiege gelegt: Denn Mirela Sirena Doinescu war eine Halb-Veela. Als sie vor sechs Jahren aus Rumänien hierher gekommen war, nach Hogwarts, da war sie nur ein besonders hübsches kleines Mädchen gewesen, das jeder gern mochte. Aber jetzt, mit 17 Jahren, in der 7. Klasse, war sie eine junge Frau geworden, deren bloßer Anblick so ziemlich jedem männlichen Wesen in ihrer Umgebung unweigerlich den Verstand verwirrte. Selbst Albus Dumbledore, dieser alte Mann, musste sich eingestehen, dass er sich jünger fühlte, wenn er sie ansah. Er hatte die außergewöhnliche Schülerin freundlich gebeten, Rücksicht und Nachsicht mit den jungen Männern zu üben, die sich in ihrer Gegenwart wie Idioten benahmen, und niemandem wehzutun. Ihr selbst war das alles nur lästig. Sie konnte nichts für ihre Wirkung auf andere, und auch wenn sie äußerlich schon unübersehbare weibliche Reize aufzuweisen hatte, so war sie im Innern doch noch sehr kindlich und an ganz anderen Dingen interessiert, als am anderen Geschlecht. Ihre Altersgenossinnen waren in dieser Hinsicht schon viel weiter, aber es war wohl gerade dieses ständige Herumscharwenzeln um sie, was ihr Jungs nur als lästiges Übel erscheinen ließ. Mirela warf einen sehnsüchtigen Blick auf ihren Geigenkasten, doch sie musste los, hinunter in den grässlichen, dunklen Kerker, zum Zaubertrank-Unterricht. Ihre Hausaufgabe hatte sie gerade noch im letzten Moment fertig gemacht, und zum Musizieren war wieder keine Zeit geblieben. Sie hasste Snape dafür, dass sie die nächsten beiden Stunden in einem finsteren Keller zwischen giftigen Dämpfen verbringen würde, statt an diesem wunderschönen Spätsommertag draußen zu sein oder Geige zu spielen.
~~~
Ein spöttisches Lächeln zuckte um Snapes herabgezogene Mundwinkel, als er auf die Schülerin zuging. Sie hatte eher den Eindruck, als schwebte er auf sie zu, so lautlos glitt er in seinem schwarzen Umhang dahin, wie ein bedrohlicher Schatten. "Nun, also", fragte er mit schneidend leiser Stimme, "wieviele Skorpionstacheln gehören hinein, Miss Doinescu... Mireeela?" Statt auf seine Frage einzugehen, erwiderte sie genervt: "Zum hunderttausendsten Mal, Professor Snape: Ich heiße Mirellla, nicht Mireeela! Mirelllllllllllllllllllla!" Ihr war bewusst, dass sie gerade äußerst respektlos mit ihrem Lehrer sprach, aber dieser Mann schaffte es immer wieder, sie zum äußersten zu treiben. Nicht nur, dass er ihren Namen grundsätzlich falsch aussprach, auch sonst nahm er jede Gelegenheit wahr, ihr das Leben in seinem Unterricht zur Hölle zu machen. Oh, nicht dass er zu anderen Schülern nett gewesen wäre! Aber sie hatte doch den Eindruck, als hätte er es auf sie ganz besonders abgesehen. Und sie war es nun einmal nicht gewohnt, dass man so mit ihr umsprang! Mirela Sirena Doinescu pflegte wie eine kleine Prinzessin behandelt zu werden, und gerade von männlichen Personen verwöhnt und umschmeichelt zu werden. Jeder Junge, jeder Mann tat das, jeder auf seine Weise, manche sehr aufdringlich, andere eher dezent, aber sie taten es! Nur dieser eine hier, Severus Snape, blieb eiskalt angesichts all ihrer Halbveela-Reize. Aber das war ja klar, er war im Grunde kein Mann, genau genommen überhaupt kein Mensch. Sie wollte gar nicht so genau wissen, was er war, irgendein gefühlloses, grausames Monster. "Mireeeeeeeela", wiederholte Snape mit öliger Stimme und betont langem "e", "Mireela, die Veela. Hätten eure Lieblichkeit nun die Güte, uns zu sagen, wieviele Skorpionschwänze in den Desertus-Trank gehören?" Das war zuviel. Wütend sprang Mirela auf und stieß dabei, nicht gerade unabsichtlich, ihren Kessel um, so dass die ekelerregende, grünliche, stinkende Flüssigkeit sich über Snapes schwarzen Umhang ergoss. Fassungslose Wut glitzerte in den schwarzen Augen des Zaubertränke-Meisters. "50 Punkte Abzug für Gryffindor!" waren die ersten, leise gezischten Worte, die er nach einer längeren Schrecksekunde herausbrachte. Sie schnitten durch die angespannte Stille im Klassenzimmer. Unendliche Minuten lang stand Professor Snape nur regungslos da und starrte sie hasserfüllt an. Alle hielten den Atem an. Irgendetwas musste noch kommen, das wussten sie. Plötzlich riss Snape sich mit einer ruckartigen Bewegung das verschmutzte Cape vom Leib. Einer der ängstlicheren Schüler quiekte vor Schreck, die anderen starrten nur mit offenen Mündern auf ihren Lehrer. Hatte je ein Mensch in Hogwarts Severus Snape ohne schwarzen Umhang gesehen? Er musste in einen Umhang gewickelt zur Welt gekommen sein! Und nun plötzlich stand er vor ihnen, nur in schwarzer Hose, schwarzen Stiefeln und einem schwarzen Hemd, das mit unzähligen Knöpfen verschlossen war, am Hals auf eine qualvoll wirkende Weise hochgeschlossen. Das Erschreckende daran war, dass er beinahe aussah wie ein Mensch! Im Grunde genommen sogar völlig menschlich - bis auf den teuflischen Ausdruck, der auf sein Gesicht gekrochen war. Ließ man diese Partie aus, so hatte man plötzlich nur noch ein menschliches Wesen vor sich, groß, aber schlank, geradezu dünn, und irgendwie hilflos wirkend ohne seinen schützenden Mantel. Doch ein Blick auf diese wutverzerrte Fratze belehrte einen schnell wieder, wen man vor sich hatte. Mit einer plötzlichen Bewegung stürzte Snape sich auf Mirela, wie ein Raubtier auf seine Beute, und stülpte ihr seinen eigenen Umhang über! "Sooooo...", verkündete er mit einem grausamen Lächeln und glitzernden Augen, "da ich nicht vorhabe, Ihretwegen den Rest des Tages verdreckt und stinkend herumzulaufen, werden Sie dieses Vergnügen haben. Sie werden diesen Umhang anbehalten, bis Sie heute abend schlafen gehen! Und glauben Sie mir, ich werde persönlich überwachen, ob sie es tun. Sollten Sie sich nicht an meine Anweisung halten, so wird es mir ein willkommener Anlass sein, Sie endlich von der Schule verweisen zu lassen, wegen ständigen Ungehorsams." Snape entfernte sich von ihr und ging zu der Tür, die vom Unterrichtsraum in seine Privaträume führte. Es war befremdend, ihn einmal nur ganz normal laufen zu sehen, nicht gleiten. Doch als er nach einer Minute zurückkam, rauschte er wieder herein wie ein Gespenst, eingehüllt in einen frischen, schwarzen Umhang. Mit einem widerlichen kleinen Lächeln blickte er auf Mirela, die immer noch völlig erstarrt da saß, dann wandte er sich an die ganze Klasse. "Da ich kein Unmensch bin, erlaube ich Ihnen, ein Stück von Miss Doinescu abzurücken. Man kann niemandem zumuten, diesen Gestank aus der Nähe zu ertragen." Leider sprach er die Wahrheit, und mit Augen, in denen die Tränen der Erniedrigung brannten, sah Mirela zu, wie alle ihre Mitschüler so weit wie nur möglich von ihr weg rutschten. Snape würdigte sie keines weiteren Blickes oder Wortes und setzte seinen Unterricht fort, als wäre nichts geschehen. Erst als die Stunde vorbei war und die Schüler aus dem Kerker strömten, hielt er sie am Ärmel fest. "Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag in dieser Aufmachung, Miss Mireeeeela Doinescu. Sie haben ein wenig von ihrer veelahaften Ausstrahlung eingebüßt. Es könnte eine ganz neue Erfahrung sein, wie es ist, von allen gemieden zu werden." Eine ätzende Bitterkeit sprach bei diesen Worten aus seiner Stimme. Gleich darauf wurde dieselbe Stimme weich wie Samt, und die Schülerin wusste, dass er dann am gefährlichsten war. "Ich erlaube Ihnen aber großmütig, sich schon heute Abend um 8 Uhr dieser Kleidung zu entledigen. Ich möchte nämlich meiner Nase diesen Geruch nicht zumuten, während Sie hier im Kerker eine zweistündige Strafarbeit ableisten. Meine Kessel müssten mal wieder auf Hochglanz gebracht werden, und bei aller Magie: Nichts bringt sie so zum Glänzen wie ab und zu ein kräftiges Polieren auf traditionelle Muggelart. Mr Filch hat mir diesen Tipp gegeben, er hält es mit den Pokalen genauso. Also... bis heute Abend um 8."
~~~
Severus Snape betrat sein Privatzimmer. Poe, der Rabe, saß auf seiner Stange und blickte ihn mit schiefgelegtem Kopf an. "Guck nicht so!" fauchte Snape. Der Rabe funkelte mit seinen schwarzen Knopfaugen und krächzte leise: "Tyrrrrrrrrrrann!" "Ah, du hast gelauscht", stellte Snape fest, "meine Unterrichtsmethoden gehen dich gar nichts an." Dennoch fing er an, sich zu rechtfertigen. "Sie hat es verdient, Poe! Es war nicht das erste Mal, dass sie versucht, meine Autorität zu untergraben. Sie ist unverschämt und verwöhnt, und in ihrer Eitelkeit glaubt sie, jeder müsste nach ihrer Pfeife tanzen. Es kann ihr wirklich nicht schaden, mal einen Tag lang zu erleben, wie es sich anfühlt, weniger beliebt zu sein." "Grrrrrrrün", schnarrte der Rabe. "Wie bitte?" schnappte Snape. "Grrrrrrün vorrr Neid", gurrte der Rabe genüsslich. Snape ärgerte sich über sich selbst, weil er unwillkürlich einen Blick in den Spiegel warf, nur um festzustellen, dass sein Gesicht weiß wie immer war. "Unsinn", grummelte er, "das hat mit Neid nichts zu tun. Ich kann darauf verzichten, so umschleimt zu werden wie dieses dumme Geschöpf. Es ist nur... ihre Gegenwart ist sehr anstrengend, weißt du..." Er beließ es bei dieser bruchstückhaften Erklärung und seufzte. Dann streckte er den Arm aus, und sein schwarzgefiederter Gefährte ließ sich darauf nieder. Snape strich ihm mit den Fingerspitzen über die Flügel. Der Rabe schob Snapes Ärmel mit dem Schnabel beiseite und blickte mit schiefgelegtem Kopf traurig auf das Dunkle Mal, das zum Vorschein kam. "Vergiss es, Poe", murmelte Snape leise, "du bist nicht Fawkes, du schwarzes Unglücksviech, genauso wenig wie ich je wie Albus Dumbledore sein werde. Also spar deine Tränen, es hat ja nicht einmal geholfen, als Fawkes da draufgeheult hat." Der Rabe schlug beleidigt mit den Flügeln, zog sich wieder auf seine Stange zurück und wippte nervös auf seinen dünnen Beinen. "Oh!" stöhnte Snape, "sei doch nicht immer gleich so eingeschnappt, wie... wie... ich! Ich weiß ja, dass du es nur gut gemeint hast. Und Fawkes hat auch sein Bestes getan. Er hat sogar sein Lied für mich gesungen." Snapes Blick wirkte bei dieser Erinnerung entrückt und schwärmerisch. Er liebte Musik, und dieses Lied war etwas ganz Besonderes gewesen. Leise fuhr er fort: "Das Phönixlied, von dem man sagt, er singt es nur für die, die reinen Herzens sind. Er hat es für mich gesungen, Poe! Für mich, einen... einen..." "Toooooodesserrrrrrrrr!" schnarrte der Rabe. "Danke für die Erinnerung!" schnappte Snape beleidigt, "wann wirst du je aufhören, jeden einigermaßen schönen Augenblick mit deinen bissigen Bemerkungen zu zerstören?" "Nevermore!" krächzte der Rabe spöttisch, "Neverrrmorrrrrre!"
~~~
Mirela war froh, dass Rick und Bobby überhaupt noch mit ihr redeten, auch wenn sie sich beim Gehen stets in einiger Entfernung von ihr und ihrem Gestank hielten. Auf ihre besten Freunde war eben Verlass. Auf Rick, den intelligenten Jungen, der schon seit der ersten Klasse eine gewisse Führungsrolle unter den Gryffindors eingenommen hatte, und Bobby, den unbeholfenen, pummeligen Kerl, bei dem man sich fragte, wie er es mit seinem IQ geschafft hatte, bis in die 7. Klasse versetzt zu werden. Es tat gut, mit ihnen gemeinsam auf den verhassten Lehrer zu schimpfen. "Snape ist gemein!" sagte Bobby in quengeligem Tonfall. Mirela nickte grimmig. "Er muss sehr gemein sein", triezte Rick, "wenn sogar du es nach nur sechs Jahren gemerkt hast, Bobby." Mirela schüttelte den Kopf: "Rick! Lass Bobby in Ruhe und spar deine Wut für Snape auf. Du redest ja fast schon so bissig wie er! Professor McGonagall hatte recht: Manchmal könnte man meinen, an dir wäre ein Slytherin verlorengegangen." Doch in manchen Dingen verstand Rick keinen Spaß. Er spuckte auf den Boden und schnaubte verächtlich: "Slytherins! Pfui! Sag sowas nicht noch einmal, Mirela, ich stamme aus einer ehrbaren Familie..." Gelangweilt ergänzte Mirela: "... die ihren Ursprung wahrscheinlich direkt bei Godric Gryffindor hat, ich weiß." Rick schaute sie böse aus zusammengekniffenen Augen an. Doch er brachte es nicht fertig, sie in irgendeiner Weise zu bedrohen. Auch wenn ihr Reiz auf ihn heute, dank ihres penetranten Geruchs, deutlich gemindert war, so war sie doch immer noch die vergötterte Halbveela, die ihn und Bobby und alle anderen Jungen zu erbitterten Konkurrenten machte. Rick ballte eine Faust, doch seine Wut war nicht mehr gegen das Mädchen gerichtet, sondern einzig und allein auf Severus Snape: "Eines Tages wird diese Slytherin-Schlange für alles bezahlen, was sie dir und uns angetan hat! Ich finde einen Weg, lass mich nur machen. Im Staub soll er kriechen, wie es sich für eine Schlange gehört!" Mirela in ihrem Zorn tat es gut, das zu hören, und sie stimmte begeistert mit ein: "Ja, eines Tages machen wir Snape fertig, so wie er uns immer fertiggemacht hat!" "Immer feste druff!" freute sich Bobby mit einem dümmlichen Grinsen. "Verlasst euch drauf!" sagte Rick leise, ernst und kalt.
~~~
Viertel nach acht. Severus Snape schaute auf die magische Uhr im Unterrichtskerker. Der Zeiger stand auf "Das Gryffindor-Gör ist schon eine Viertelstunde zu spät!" Wie von der Tarantel gestochen, sprang der Meister der Zaubertränke auf und knurrte wütend: "Das muss ich mir nicht bieten lassen! Dieses Prinzesschen wird sich nicht zu fein sein, meine Kessel zu scheuern, und wenn ich sie an ihren langen, blonden Haaren herschleifen muss!" "Haarrrrrrrrre!" krächzte der Rabe aus dem Nebenzimmer. Snape schnaubte: "Ja, lange, glatte, weißblonde Haare! Von hinten sieht sie aus wie Lucius Malfoy! Pfui Muggel! Ich weiß überhaupt nicht, was sie alle an dieser Halbveela finden!" "Garrrrrr nicht wahrrrrrrr!" spottete Poe. Snape warf eine Knollenwurzel durch die geöffnete Zwischentür nach dem Raben und schrie: "Pass bloß auf! Ich hätte da ein Rezept für einen Zaubertrank, für den man Rabenleber braucht!" Dann verließ er den Kerker, schlug die schwere Tür geräuschvoll zu und rauschte mit wogendem Umhang die Treppe hinauf.
~~~
Nachdem Mirela den größten Teil des Tages anweisungsgemäß in dem stinkenden Umhang herumgelaufen war, hatte sie irgendwann die Nase voll gehabt und sich in das kleine Zimmerchen zurückgezogen, das Professor Dumbledore ihr zur Verfügung gestellt hatte, damit sie in Ruhe Geige üben konnte. Sie war dem Schulleiter unendlich dankbar für dieses Refugium. Es lag außerhalb des Gryffindor-Bereichs, auf "neutralem" Gebiet, unweit der Großen Halle und doch in einer ruhigen Ecke, wo sich selten jemand hin verirrte. Hier würde selbst Snape schwerlich überwachen können, ob sie den ekelhaften Umhang anbehielt. Also hatte sie ihn kurzerhand ausgezogen und einer Hauselfe für die Magische Wäscherei mitgegeben. Und nun war sie schon seit über zwei Stunden ins Geigenspiel vertieft und hatte nicht die geringste Lust, damit aufzuhören, um ihren Abend in Snapes "angenehmer" Gesellschaft zu verbringen! Es musste schon nach acht sein, aber sie beschloss trotzig: "Ich geh da nicht hin! Soll er seine blöden Pötte selber schrubben!"
Die sehnsuchtsvolle rumänische Melodie steigerte sich in immer schwindelerregendere Höhen, die Saiten schluchzten und schwirrten, und der jungen Geigenspielerin fielen verschwitzte blonde Haarsträhnen ins Gesicht. Das endlos erscheinende, vorher eher leise, geheimnisvolle Stück klang in einem furiosen Finale aus. Mirela ließ den Bogen langsam in voller Länge über die A-Saite gleiten und genoss den letzten, sirrenden Ton, bis er endgültig verklang. Stille. Und dann ein leises Klatschen aus dem Hintergrund.
Mirela wirbelte herum. Wer zum Teufel...? Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie den Urheber des Geräusches erkannte: Auf dem kleinen Sofa an der Wand des Zimmerchens hockte eine dunkle Gestalt, wie ein übergroßer Rabe und klatschte mit leichten, langsamen Bewegungen in die Hände. "Professor Snape!" schrie die Schülerin auf, "wie lange sitzen Sie schon da?" "Hm, lassen Sie mich rechnen... Sie sind inzwischen eine Stunde zu spät für Ihre Strafarbeit. Ich habe mich auf den Weg gemacht, als Sie eine Viertelstunde überfällig waren, brauchte dann noch einmal etwa zehn Minuten, bis ich Professor Dumbledore traf, der mir sagen konnte, wo ich Sie vermutlich finde... Demnach sitze ich hier seit etwa einer halben Stunde."
Mirela sah ihren Lehrer entgeistert an. Dass er sich lautlos anschleichen konnte, war ihr nicht neu. Aber er hatte eine halbe Stunde lang ruhig da gesessen, statt sie anzuschreien, weil sie seine Strafarbeit geschwänzt hatte? War er krank? "Aha", brachte sie nur wenig originell hervor, "und was jetzt? Runter zu den Kesseln?" "Nein", sagte Snape ruhig und lehnte sich auf dem Sofa zurück, die Arme auf der Rückenlehne ausgebreitet. "Wie, nein? Und was ist mit meiner Strafarbeit?" "Die wurde umgewandelt. Statt Glanz auf meine Kessel zu polieren, bringen Sie nun eben etwas Glanz in mein Leben. Ha, ich kann grauenvoll poetisch sein, nicht wahr?" Das Lächeln, das seine Mundwinkel umspielte, wirkte sehr ironisch. "Ihre Strafarbeit war angesetzt bis zehn Uhr, und solange werden Sie jetzt ein Konzert für mich geben. Los, spielen Sie!" "Ich pflege nicht auf Befehl zu spielen!" protestierte Mirela. "Möchten Sie lieber Kessel schrubben?" fragte Snape gleichmütig und besah sich seine Fingernägel. "Na gut", knurrte Mirela, "aber ich muss Sie warnen: Wir Veela können mit unserer Musik Männer zum Tanzen zwingen, bis sie tot umfallen." "Ihre Schulkameraden wären Ihnen sehr verbunden", meinte Snape gelangweilt, "aber leider sind Sie nur eine Halbveela. Also los, worauf warten Sie?" Missmutig nahm Mirela ihre Geige wieder auf und begann zu spielen.
Ihr Unmut verflog während des Spiels. Mirela ging zu sehr in ihrer Musik auf, als dass irgendein unangenehmer Gedanke gleichzeitig in ihr Platz gehabt hätte. Was sie jedoch erstaunte, war, dass es ihrem Zuhörer offenbar ähnlich erging. Ab und zu riskierte sie einen Blick auf ihn und fand ihn stets ganz entspannt auf dem Sofa lehnend vor, die Augen mal verträumt ins Nichts gerichtet, mal geschlossen, und ohne jede Spur von Grausamkeit oder Spott in seinen Gesichtszügen. Nur Ruhe und, bei manchen eher wehmütigen Passagen des Konzerts, eine gewisse Trauer.
Um Punkt 10 Uhr erhob sich Snape mit den Worten: "Sie sollten um diese Uhrzeit nicht außerhalb des Gryffindor-Schlafsaals sein." Sein Gesicht, eben noch völlig entrückt, wirkte wieder streng wie eh und je. "Gehen Sie! Wenn ich Sie in zehn Minuten noch hier draußen erwische, gibt es Punktabzug. Und Sie haben Ihr Haus heute bereits 50 Punkte gekostet." Wütend packte Mirela Geige und Bogen in den Kasten und ging zur Tür. Soviel also zur Dankbarkeit für ein Privatkonzert! Sie wollte in ihrem Ärger grußlos verschwinden, doch Snape hielt sie am Ärmel fest. Schon das zweite Mal heute. Sie erwartete eine neue Gemeinheit aus seinem Mund, doch sie wurde enttäuscht: "Sie spielen sehr gut, Mirela." Ihr blieb der Mund offen stehen. Wusste man bei diesem Mann denn nie, woran man war? Er hatte sie eben gerade... gelobt? Und ihren Namen richtig ausgesprochen: Mirellllla? "Aber..." Aha! Natürlich, jetzt kam das große Aber! Irgendein vernichtender Kommentar über ihre Musik würde ihm schon noch einfallen. "Aber die Akustik dieses kleinen Raumes ist grauenhaft", vollendete Snape seinen Satz, "wenn Sie möchten, könnte ich Ihnen einen wesentlich geeigneteren Übungsplatz anbieten. Natürlich nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit, denn der Raum befindet sich in meinem Privatbereich. Aber wenn Sie möchten... sagen wir, morgen Abend um acht?" Mirela gelang nur noch ein fassungsloses Nicken. Snape antwortete seinerseits mit einem Nicken, einem knappen, ruckartigen, und rauschte ab.
~~~
Bobby blickte Mirela fassungslos von der Seite an: "Du gehst heute Abend schon wieder zu Snape? Freiwillig?!" Mirela verdrehte leicht die Augen; bei aller Freundschaft konnte Bobbys Begriffsstutzigkeit schon manchmal nervig sein. "Ich sagte doch, er hat mir irgendeinen Übungsraum angeboten", erklärte sie nochmals, "mehr weiß ich doch auch noch nicht. Aber allein die Tatsache ist doch nett." Rick schnaubte verächtlich: "Nett? Snape ist nett, ja? Auf einmal? Wie naiv bist du eigentlich, Mirela? Der wird schon irgendeinen Hintergedanken haben, pass bloß auf!" Mirela sah ihn mit großen Augen an und fragte: "Denkst du, er hat mich bloß eingeladen, um mich mit irgendeiner Fiesheit zu überraschen? Dass ich doch noch seine Kessel schrubben soll, oder so?" "Das meinte ich nicht unbedingt..." zischte Rick leise und offensichtlich voller Wut. Mirela blickte ihn verständnislos an. Wenn er das nicht meinte, was dann? Rick bemerkte ihren fragenden Blick und schlug sich mit der Hand an die Stirn. "Wie naiv kann eine so schöne Frau eigentlich sein?" fragte er aufgebracht. "Frau?" fragte seine Klassenkameradin ehrlich erstaunt, "meinst du mich?" "Ja, Frau!" gab Rick giftig zurück, "du bist eine sehr begehrenswerte Frau, das sollte dir klar sein. Und Snape ist ein Mann..." Mirela lachte ungläubig auf. "DAS meinst du also? Nee, oder? Also hör mal, Rick, er ist kein Mann, sondern ein Lehrer, und ich bin keine Frau, sondern ein Mädchen, eine Schülerin, Mirela, hörst du? Winkewinke, Rick, ich bin's, deine alte Klassenkameradin Mirela!" Sie winkte ihm mit der Hand vor den Augen herum, immer noch hoffend, dass er nur Witze machte. Doch er sah gar nicht aus, als ob er Spaß verstünde. Mit einer ärgerlichen Bewegung wischte er ihre Hand weg. "Du scheinst wirklich blind zu sein, Mirela", sagte er böse, "aber die Männer in deiner Umgebung sind es nicht. Weder Snape, noch... ich. Aber gut, das scheint dich nicht zu interessieren, ich beginne zu begreifen, dass du wirklich noch sehr unreif bist. Vergiss es einfach." Langsam wurde er ihr unheimlich. So hatte sie ihren Schulfreund nie erlebt. Hatte sie ihn immer mit falschen Augen gesehen? Der Gedanke, dass er Dinge von ihr wollte, an die sie nicht einmal dachte, behagte ihr ganz und gar nicht. Sie hatte jahrelang geglaubt, ihn zu kennen, und nun auf einmal war er ihr furchtbar fremd. Seine Worte und sein Blick machten ihr Angst. Wenn es aber stimmte, dass ihr langjähriger bester Freund so anders war, als sie immer gedacht hatte, vielleicht wollte dann wirklich auch Snape...? Sie wusste überhaupt nicht mehr, was sie denken sollte. Völlig verunsichert blickte sie Rick an, als ob sie ausgerechnet von ihm jetzt Hilfe erwartete. Sein Gesicht, eben noch von Aufregung und Wut verzerrt, nahm plötzlich einen eiskalten Ausdruck an, und sie konnte nicht sagen, dass ihr das lieber war. "Naaaa gut", sagte er gedehnt, "ich habe die ganze Zeit falsch getickt, Mirela. Vergiss es einfach, bitte, wirklich, es war dumm von mir. Ich bin dein guter alter Freund Rick, nicht mehr und nicht weniger. Okay? Und wenn diese Schlange Snape allen Ernstes versucht, sich an dich heranzumachen, dann ist das unsere Chance, ihm endlich das zu geben, was er verdient." Mirela sah ihn zweifelnd an. Rick hatte alle Gefühle von sich abgeschüttelt und war wieder ganz, wie so oft, der eiskalt-berechnende Planer und Anführer. Er spürte Mirelas Unsicherheit sehr genau und machte sie sich zunutze, um ihr zu sagen, wo es lang ging. "Du gehst heute abend da hin", bestimmt er, "natürlich passt du auf dich auf, und dann berichtest du mir erstmal alles ganz genau. Wenn er dich wirklich in seine Privaträume lässt, dann können wir..." "Was?" "Ach, das wirst du dann schon sehen."
~~~
Punkt acht Uhr abends stand Mirela vor der Kerkertür und klopfte zaghaft an. Sie fühlte sich unwohl. Noch unwohler als sonst, wenn sie vor dieser Tür stand und auf den Unterricht wartete. Denn diesmal war sie allein. Und Ricks seltsame Worte spukten ihr immer noch im Kopf herum. Ihre Finger umklammerten krampfhaft den Griff des Geigenkoffers. Langsam öffnete sich die Tür, und Snape stand dahinter wie ein Schatten. Ohne ein Wort der Begrüßung, winkte er sie herein. Ebenso wortlos folgte sie ihm, durch den Unterrichtsraum hindurch zu der Tür, durch die er am Vortag verschwunden war, um sich umzuziehen. Diese Schwelle zu überschreiten, war mehr als nur ein Schritt durch einen Türrahmen! Sie betrat das "Allerheiligste", Räumlichkeiten, die nie ein Schüler zu sehen erwartet hatte, Snapes Privaträume, wo man doch allgemein annahm, dass er kein Privatleben haben könne! Das Zimmer hinter der Tür war nur spärlich erleuchtet, und das einzige, was sie erkannte, war eines dieser großen Hogwarts-Himmelbetten. Unwillkürlich dachte sie an Ricks Worte und schluckte. Was zum Teufel hatte sie abends in Professor Snapes Schlafzimmer verloren? Snape war jedoch bereits mit langen Schritten an dem Bett vorbeigeeilt und hinter einer weiteren Tür verschwunden. Was konnte denn hinter dem Schlafzimmer noch sein? Das Bad vielleicht? Sie hörte Snapes Stimme aus dem anderen Zimmer: "Warten Sie bitte noch einen Moment, bis ich alles vorbereitet habe!" Vorbereitet? Mirela blieb gehorsam im Schlafzimmer stehen und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Sie hatte ein mulmiges Gefühl im Magen. Plötzlich sprach eine grässlich schnarrende Stimme sie aus der Dunkelheit an: "Brrrrrrrrav warrrrrten!" Mirela zuckte heftig zusammen. Zitternd spähte sie in die düstere Ecke des Schlafzimmers, aus der die Worte gekommen waren. "W... wer d... da?" brachte sie kaum hörbar hervor. Keine Antwort, nur ein unheimliches Rascheln aus der Ecke. Ein Rauschen wie... wie Flügelschlagen, und es kam schnell näher! Ein kleiner Aufschrei entfuhr dem Mädchen, als eine klauenartige Hand nach ihrem Kopf griff. Sie langte sich panikartig in die Haare und packte das krallenbewehrte Was-auch-immer-es-war. Das Was-auch-immer kreischte ebenso erschrocken auf wie sie. Sie riss die Hand herunter und starrte auf das, was sie umklammert hielt. Es war ein ziemlich zerdrücktes Bündel schwarzer Federn mit einem langen Schnabel und sehr, sehr vorwurfsvollen schwarzen Knopfaugen. "Ja, wer bist du denn?" äußerte Mirela ihr Erstaunen. Das schwarze Etwas zappelte, und sie begriff, dass es ihrem eisernen Griff entkommen wollte, und lockerte ihn. "Poe, derrrrr Rrrrrrabe", stellte das Wesen sich vor, während es seine zerzausten Federn unwillig schüttelte, und ergänzte: "Schwarrrrrzerrr Unglücksrrrrrrabe, Haustierrrr von Severrrrrrus, Geißel derrrrr Menschheit." Mirela dachte noch darüber nach, ob sich die letzte Bezeichnung auf den Raben selbst oder auf "Severrrrrrus" bezogen hatte, als letzterer sie aus dem Nebenzimmer rief: "Miss Doinescu? Sie können jetzt kommen." Zögernd näherte sich Mirela der Tür zu dem geheimnisvollen weiteren Zimmer. Der Rabe flatterte zurück auf seine Stange und krächzte: "Nurrrr keine Furrrrrcht! Auf in die Kammerrrrr des Schrrrrreckens! Hähähäää!" Wenig ermutigt durch diese Bemerkung, betrat Mirela nun aber doch das hintere Zimmer. Sie wäre beinahe gestolpert, denn direkt hinter der Tür lag eine Treppe im Halbdunkel. Mirela tappste die Stufen hinunter und versuchte zu erfassen, wo sie war. Eins war jedenfalls sicher: Dies war definitiv nicht das Badezimmer! Die Decke des Raumes befand sich in derselben Höhe wie die des Schlafzimmers; da man aber über besagte Treppe etwa zwei Meter in die Tiefe steigen musste, bis man den Fußboden erreichte, war der Raum insgesamt viel höher als die angrenzenden Kerkerräume. Eher eine Halle. Eine düstere Kerker-Halle mit denselben meterdicken Steinmauern, wie der Rest von Snapes Wohn- und Arbeitsbereich, ohne Fenster, erleuchtet von ein paar Fackeln an den Wänden und einer Unzahl von Kerzen, die überall herumstanden. "Professor Snape?" fragte Mirela ängstlich und zuckte erneut zusammen, denn ihre Stimme hallte in dem großen Raum. Keine Antwort. Aber plötzlich hörte sie etwas... nein, keine Stimme... sie hörte Musik! Eine leise, wundervolle Musik. Sie wandte ihren Kopf in die Richtung, aus der die Töne kamen, und entdeckte einen Flügel. Das schwarze Holz des Instruments glänzte ebenso im Kerzenlicht, wie die gleichfarbigen Augen und Haare des Mannes, dessen lange, schmale Finger über die Tasten glitten. Nie war die Schülerin auf die Idee gekommen, diese eleganten Hände könnten zu noch etwas anderem gut sein, als Zaubertrank-Zutaten minutiös zurechtzuschneiden und zu mischen. Nie wäre ihr in den Sinn gekommen, das verhasste "Monster" von einem Lehrer könnte Musik hervorbringen, und das mit so offensichtlich viel Gefühl. Die Melodie, die er spielte, passte zu ihm: Sie war leise und zurückhaltend, sehr exakt, und doch erfüllt von einer deutlich spürbaren, stillen Traurigkeit. Mit angehaltenem Atem lauschte Mirela der Musik, bis sie nach langer Zeit verklang. Die letzten Töne hingen noch einen Moment lang in der Luft. Mirela wurde klar, warum der Raum diese Ausmaße hatte: Sie verschafften ihm die Akustik einer Kathedrale! Wer hätte tief unter Hogwarts eine Kathedrale vermutet? Und erwartete man in einer Kathedrale nicht etwas "Heiligeres" als ausgerechnet Snape? Unwillkürlich fragte sie sich, ob ein Mann wie er betete oder etwas ähnliches. Befremdlicher Gedanke, aber warum eigentlich nicht... wenn er schon musizierte? Musik war für Mirela das, was für andere Menschen Gebet oder Meditation sein mochten. Eine Quelle der Kraft und der Ruhe. Sie hatte noch nie darüber nachgedacht, ob es noch andere Menschen gab, die ähnlich empfanden.
Der Nachhall des letzten Tones war schon einige Zeit verklungen, bis Mirela es endlich wagte, die beunruhigende Heiligkeit dieser Stille zu unterbrechen. "Das war wunderschön", hauchte sie leise, "was war es?" Snape strich sich langsam die Haare aus den Augen, die ihm beim Spielen ins Gesicht gefallen waren. "Die Mondschein-Sonate von Ludwig van Beethoven", antwortete er. Mirela machte ein beeindrucktes Gesicht. In Snapes Züge, die während des Spiels ganz entspannt gewesen waren, schlich sich ein kleines, ironisches Lächeln, als er sagte: ""Ja, stellen sie sich vor: Der Mondschein hat noch anderes zu bieten als Werwölfe! Selbst jemandem wie mir." "Beethoven", murmelte Mirela, "eines der bedeutendsten Genies, das die Muggel hervorgebracht haben. Ich habe noch nicht viel von ihm gespielt, aber ein bisschen etwas doch." "Er ist mein Lieblingskomponist", sagte Snape. Mirela nahm den Faden wieder auf: "Er ist so... hm, das ist schwer zu beschreiben... sehr gefühlvoll, aber auch fast immer irgendwie... schwer? Dunkel? Und machtvoll." "Die Macht des Schicksals", stimmte Snape zu, "aber er hat auch andere Seiten. Kennen Sie seine Pastorale? Sie müssen sie sich anhören, wenn Sie Sehnsucht nach einer friedlichen, heiteren Welt haben." Mirela sah ihren Professor prüfend an. Ob er diese Sehnsucht hatte? Es gab wohl einige Gedanken, an die sie sich erst gewöhnen musste. "Was ist für Sie das Besondere an Beethoven?" fragte sie ehrlich interessiert. Die Gelegenheit, mit jemandem auf einem annehmbaren Niveau über Musik reden zu können, bot sich ihr selten. Er musste nicht lange überlegen. "Beethoven war taub", sagte er, "das isolierte ihn von den anderen. Er lebte einsam mitten unter Menschen. Er hat es geschafft, Gefühle auszudrücken, die sie ihm nie zugestanden hätten. Und er hat dieser Welt, an der er nicht teilhaben konnte, soviel gegeben."
Während Mirela noch über seine Worte nachdachte, war Snape aufgestanden und zu einer großen Bücherwand gegangen. "Kommen Sie!" forderte er sie auf, "ich möchte Ihnen etwas zeigen." Sie trat zu ihm und ließ ihren Blick voll ehrfürchtigem Staunen über die Regale wandern. Eine Unzahl wertvoller alter Bücher standen hier, hauptsächlich Notenbücher, wie sie erkennen konnte, daneben aber auch einige fachwissenschaftliche Werke der Magie und Alchemie. Sie überflog die Buchrücken und prägte sich einige Titel ein. Snapes Hand wies mit einer weit ausholenden Geste über eine bestimmte Abteilung: "Sehen Sie? Beethovens Gesamtwerk. Die Noten aller seiner Werke. Sie dürfen sich gern bedienen, es sind auch Stücke für Streicher dabei. Ah ja, weshalb wir eigentlich hier sind: Probieren Sie doch einmal die Akustik dieses Raumes aus. Wie gesagt, Sie können gern zu bestimmten Zeiten hier üben." Doch noch war Mirela viel zu gefesselt von den Büchern, um ans Geigespielen zu denken. Sie zog ein besonders großes aus dem Regal. "Fidelio", las sie in goldenen Buchstaben auf dem ledernen Einband. "Das Libretto, mit Text und Noten", erläuterte Snape, "zu Beethovens einziger Oper." Mirela nickte: "Ich kenne das Stück. Meine Eltern sind einige Male mit mir in die Oper gegangen. Ich habe auch 'Fidelio' gesehen, aber es ist einige Jahre her. Das ist doch die Geschichte mit dem Gefangenen in dem dunklen Verlies, oder?" "Ja." "Oh, ich erinnere mich. Ich war noch ein ziemlich kleines Kind, als meine Eltern mich mit in die Aufführung nahmen, und ich habe geweint. Es war so schrecklich: Der arme Mann, der von dem grausamen Gouverneur in dem allertiefsten Verlies gefangengehalten wurde!" Snape räusperte sich kurz: "Aber es geht ja gut aus, der Mann wird gerettet." "Ja", erinnerte sich Mirela, "nachdem er da unten schon fast verhungert und verdurstet ist." "Ähm, ja", sagte Snape knapp und fuhr mit einer fuchtigen Handbewegung durch die Seiten des Buches, "es hat auch Bilder, wenn Sie gucken möchten..." "Oh ja, gern." Mirela blätterte andächtig durch die Seiten und betrachtete die Bilder. "Oh", sagte sie halb bewundernd, halb schaudernd, "diese Bilder sind ja noch bedrückender als die Aufführung damals auf der Bühne. Sie sind sehr düster und beklemmend, wirklich." Snape hob leicht die Schultern: "Das war auch meine Absicht beim Zeichnen." "Sie haben das Buch selbst illustriert?" rief Mirela aus. Snape nickte. Mit nun noch weit größerem Interesse betrachtete das junge Mädchen die Bilder. Wie musste es in jemandem aussehen, damit er ein so grauenvolles Gefängnis malen konnte? Die Finsternis und die Angst, die in diesen schwarzen Mauern steckten, waren förmlich greifbar. Musste man nicht beinahe schon wahnsinnig sein, um so etwas zu zeichnen, oder wurde man es erst beim Zeichnen... oder auch beim Betrachten der Bilder? Mirelas Blick blieb an einem Detail hängen. "Aber das sind ja Dementoren!" stellte sie ungläubig fest, "'Fidelio' ist eine Muggel- Oper, und in einem Muggel-Gefängnis gibt es keine Dementoren. Nur in Askaban." Snape klappte das Buch zu, ungehalten über ihr mangelndes Verständnis. "Das ist künstlerische Freiheit", meinte er, "jeder inszeniert ein Stück anders und mit seinen eigenen Zeitbezügen. Im übrigen... Auch Muggel können von Dementoren umgeben sein. Sie können sie nur nicht sehen, aber ebenso deutlich spüren wie wir. Glauben Sie nicht, dass der Mann in dem Gefängnis von jedem glücklichen Gedanken leergesaugt war?" Mirela sah ihn etwas hilflos an und ärgerte sich über sich selbst, dass sie so wenig verstanden hatte. Eilig öffnete sie ihren Geigenkasten, um das Thema zu beenden.
Snape versank in einem Sessel und lauschte eine lange, lange Zeit dem sehnsuchtsvollen Gesang der Geige, bis er Mirela schließlich wieder um Punkt zehn Uhr in seinem üblichen Lehrer-Tonfall aufforderte, ihren Schlafsaal aufzusuchen.
~~~
Mirela saß zwischen Rick und Bobby auf der Couch im Gryffindor- Gemeinschaftsraum, der an diesem sonnigen Nachmittag bis auf das Trio leer war, und erzählte nun schon seit über einer Stunde von dem vergangenen Abend bei Snape. Rick ging ihr mittlerweile schon etwas auf die Nerven, weil er alles so haarklein wissen wollte. Wie die Räume beschaffen waren, wie genau sich Snape ihr gegenüber verhalten habe ("Und was hat er dann gesagt? Und wie hat er dabei geguckt?"), sogar, welche Bücher sie dort genau gesehen habe. Meine Güte, so interessant war das doch nun auch nicht. Es war doch um ganz andere Dinge gegangen. Naja, aber wenn er halt so wissbegierig war, warum nicht? Sie machte ihm die Freude und gab brav über alles Auskunft. Ihr Bericht über Snapes Verhalten schien Rick nicht zu befriedigen. Weder gefiel es ihm, dass der sonst so gemeine Professor freundlich und höflich gewesen war, noch anscheinend, dass er nicht noch freundlicher wurde. Er fragte nun schon x-ten Mal, ob Snape sie nicht auch irgendwie berührt hätte; was sollte der Quatsch? Irgendwann ließ er das endlich sein und erkundigte sich eingehender nach anderen Details: "Jetzt versuch dich doch mal zu erinnern: Was stand auf den Buchrücken?" Mirela dachte kurz nach und fing an aufzuzählen: "'Fidelio', 'Partitur zur Fünften Sinfonie', 'Harmonien in....'" "Nein, nein, nein", unterbrach Rick sie ärgerlich, "ich meine die anderen Bücher, die er da noch hat. Magie und Alchemie." "Aaaaah", machte Mirela grübelnd, "ja, solche standen da wie gesagt auch. Obwohl ich mich frage, warum er die nicht vorne im Unterrichtsraum bei den anderen Lehrbüchern stehen hat. Naja, Platzmangel vielleicht. Also, die Titel, hm, ich weiß nur noch ein paar: 'Vergessene Tränke des Mittelalters', 'Index Venenorum', 'Codex Artium Obscurorum et Sinistrorum', 'Anathemae Prohibitae', ..." Rick pfiff leise durch die Zähne und murmelte: "Dachte ich's mir doch!" "Was?" "Ach nichts. Einfach nur, dass jemand wie Snape interessante Bücher besitzt." "Hm, ja ..."
Rick schien noch kurz über etwas nachzusinnen, wobei ein leichtes Grinsen auf seinem Gesicht lag, dann riss er sich plötzlich aus den Gedanken und stand auf. "Okay", sagte er, "gehst du heute Abend wieder hin?" "Zu Snape? Ja, ich möchte dort Geige üben. Von acht bis zehn stellt er mir den Raum zur Verfügung." "Wie nett von ihm", sagte Rick mit honigsüßer Stimme, "dann solltest du aber auch besonders nett zu ihm sein!" Mirela sah ihn fast ebenso verständnislos an wie Bobby, der schon die ganze Zeit hoffte, mal irgendeinen Teil der Unterhaltung zu kapieren. Rick verdrehte die Augen. "Guckt mich nicht an wie die Kälber den Metzger! Der ganze Plan ist doch nicht so schwer zu begreifen, oder?" "Plan?" fragten Mirela und Bobby wie aus einem Mund und sahen sich an. "Ja, meine Güte, unser Rachefeldzug gegen Snape, schon vergessen? Du bist jetzt unser wertvollstes Mittel, Mirela, ist dir das klar? Hm, offenbar nicht, so wie du mich anglotzt. Äh, 'tschuldigung. Also, ich erklär's euch jetzt mal..." Beinahe hätte er gesagt "für Doofe", doch um seine Verbündeten nicht zu verärgern, wandelte er es um, in ein schlichtes: "in allen Einzelheiten". Er ging kurz vor den beiden auf und ab, die Arme auf dem Rücken verschränkt wie ein Feldherr, und fuhr dann fort: "So wie ich die Sache sehe, kann sich unser guter Professor Snape deinen Halbveela-Reizen ebenso wenig entziehen, wie der Rest der männlichen Menschheit. Auch wenn er bisher versucht hat, sich dagegen zu wehren. Es war ja schon auffällig, dass er zu dir immer so besonders abweisend war. Aber jetzt hat er wohl beschlossen, dir näher zu kommen, also gut, soll er! Hilf ein bisschen nach, Mirela, das Ganze muss sich ja nicht endlos hinziehen, oder? Sei nett, sei... hübsch. Aufreizend, okay? Zieh dir was richtig Schnuckeliges an, wenn du hingehst, lass deine Bluse ein Stück weiter offen und so. Nimm dieses verflixte Veela-Parfum, das deine Oma dir geschenkt hat. Meine Güte, dir wird schon was einfallen. Verdreh ihm seinen verdammt akkuraten Verstand! Vor allem, geh immer möglichst dicht an ihn ran, berühre ihn ganz aus Versehen und so..." Mirela starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen ungläubig an: "Das ist nicht dein Ernst, oder?" "Doch", sagte Rick schlicht, und er sah wirklich nicht aus, als ob er Witze machte. "Hör mal!" schrie Mirela nun leicht hysterisch, "gestern hast du mich noch gewarnt, dass Snape sonstwas mit mir vorhaben könnte, und jetzt soll ich es provozieren? Ich dachte, du wolltest mich beschützen?" "Ich wette, du kannst auf dich selbst aufpassen", sagte Rick kalt, "und der Zweck heiligt die Mittel." "Welcher Zweck?" Rick grinste hinterhältig, als er sagte: "Der Zweck, diese Schule von einem lästigen Übel zu befreien. Ich geb dir was mit, und sobald er dich mal in dem Privatraum allein lässt, versteckst du das gut in einer Ecke, klar? Es ist ein Observator, so eine kleine Glaskugel, die alle Geschehnisse im Raum in sich aufnimmt und später dem Betrachter zeigt. Wenn wir das in der Hand haben... oooh, könnt ihr euch das ausmalen, Leute? Du musst Snape nur dazu bringen, dich vor den Augen dieses Dings anzufassen, zu küssen oder irgendwas in der Art. Das wirst du doch wohl schaffen? Und dann spielen wir es ab, vor allen Schülern und Lehrern. Wie ich schon einmal sagte: Im Staub soll er kriechen, wie es sich für eine Schlange gehört! Ich will es erleben, wie dieser überhebliche Kerl in Grund und Boden gedemütigt wird, bevor er die Schule verlassen muss! Denn das muss er, das ist der eigentliche Sinn der Aktion."
Mirela blickte ihren Freund ungläubig an und versuchte immer noch, den Sinn seiner Worte ganz zu begreifen. Sie fühlte sich bei dieser Vorstellung keineswegs so gut wie er, sondern äußerst unbehaglich. Sie dachte an den ganz anderen Snape, den sie unten im Musikzimmer kennengelernt hatte. "Das ist... ziemlich gemein, oder?" stammelte sie. "Gemein!" schnaubte Rick, "Gemeinheit gegen Gemeinheit, na und? Hast du an einem einzigen sentimentalen Abend vergessen, was er uns jahrelang angetan hat? Er hat uns sechs Jahre unseres Lebens zur Hölle gemacht! Aber das siebte wird er nicht bekommen! Sieh dir Bobby hier an: Wenn Snape bleibt, hat er keine Chance, die Abschlussprüfungen zu bestehen! Du wirst doch nicht vergessen haben, wer deine Freunde sind?" Mirela schüttelte zaghaft den Kopf. "Na siehst du", meinte Rick gönnerhaft, "nur du kannst uns helfen, und ich weiß, du lässt deine besten Freunde nicht im Stich. Du schaffst es, Mirela! Du hast mehr von einer Veela in dir, als die Welt bisher ahnt! Um was wetten wir, dass du ihn rumkriegst?" Mirela grinste ein wenig. Nein, wetten wollte sie nicht, aber ihr Ehrgeiz war angespornt. War sie nicht wirklich immer sauer gewesen auf Snape, den einzigen, der gegen ihre Reize offensichtlich unempfindlich war? Es war eine Herausforderung, ihre Veela-Kräfte an seinem Widerstand zu messen. So deutlich wie selten, fühlte Mirela ihre Doppelnatur: Sie hatte eine menschliche, mitfühlende Seite, aber auch eine sehr veelahaft-kalte und eitle. Und Rick schaffte es gerade hervorragend, der letzteren zur Vorherrschaft zu verhelfen. Dennoch, tief in ihr nagte die Stimme weiter, die sagte, hier sei etwas gründlich falsch. Rick schien ihren Zwiespalt genau zu erkennen und machte ihr ein Angebot: "Okay, du musst natürlich nicht, wenn du nicht willst. Oder nicht kannst... Lass uns einen Deal machen: Du guckst dir Snape nachher in der Zaubertrank-Stunde an, und danach sagst du mir, ob er es verdient hat oder nicht. Okay?" Mirela nickte. Das klang nach einer fairen Entscheidung. "Ich muss nochmal in die Bibliothek", fiel ihr dann ein, und sie verließ den Raum, "wir sehen uns dann nachher in 'Kräuterkunde' und danach in 'Zaubertränke'."
Als sie draußen war, grinste Rick Bobby an und sagte, mehr zu sich selbst, als zu ihm: "Er wird seine Strafe bekommen. Für die letzten sechs Jahre, und dafür, dass eine elende Slytherin-Schlange wie er die Augen auf mein Eigentum richtet!" Bobby grinste zurück, obwohl er die letzten Worte nicht begriffen hatte. Und es war besser für Rick, dass Mirela sie nicht mehr gehört hatte.
~~~
In Kräuterkunde standen heute die fleischfressenden Pflanzen auf dem Unterrichtsplan. Professor Sprouts Ausführungen darüber waren recht interessant gewesen, aber aus irgendeinem Grund meinte sie nun, alles noch einmal zusammenfassen zu müssen, und wiederholte sich dabei derart ausschweifend, dass ihr kaum mehr jemand zuhörte. Rick befasste sich lieber mit der Praxis. Fasziniert betrachtete er eine Fluoreszierende Fesselpflanze. Diese Sorte lockte Insekten auf ihre wunderschönen, schillernden Blüten, indem sie Pheromone ausströmte: Düfte, die den Sexuallockstoffen bestimmter Insekten glichen. Saß so ein kleines Tier erst einmal auf der Blüte, wurde es langsam, aber unentrinnbar von den dünnen Fäden der Blüte eingewickelt und schließlich zersetzt. Die Pflanze arbeitete somit ähnlich wie eine Spinne, nur war sie ungleich lieblicher anzusehen und zu riechen. Ein trügerischer Liebreiz.
Rick streifte durch das Gewächshaus und fand endlich, was er suchte: einen kleinen, schwarzglänzenden Käfer. Behutsam hob er ihn auf und trug ihn in die Nähe der Fluoreszierenden Fesselpflanze. "Na komm, Kleiner, schnupper mal!" flüsterte er. Tatsächlich dauerte es nicht lange, bis der Käfer seine Flügel ausbreitete und zielstrebig auf die Blüte zuflog. Kaum war er auf der verlockenden Duftquelle gelandet, schossen die ersten klebrigen Fäden hervor und hielten ihn fest. Danach ging alles sehr langsam. Lächelnd schaute Rick zu, wie die Pflanze das kleine Insekt immer fester und fester einwickelte, bis irgendwann nichts mehr von ihm zu sehen war. "So einfach geht das", murmelte Rick, "die Reaktionen von Lebewesen sind so berechenbar."
Auch Mirela und Bobby beschäftigten sich anderweitig, statt der Lehrerin zuzuhören. Sie sammelten ein paar Abfälle ein und trugen sie zum Komposthaufen. Eine verdorrte Frucht fiel Mirela herunter, und sie bückte sich gleichzeitig mit Bobby danach. Vor dem Komposthaufen hockend, entdeckte Mirela etwas in einer Ritze. "Guck mal, da unten wächst ja ein Ableger raus", zeigte sie Bobby. "Och ja", staunte der, "'ne kleine Pflanze. Wie kommt die denn da unten hin?" "Da muss ein Same in die Ritze vom Komposthaufen gefallen sein", erklärte Mirela, "und die Pflanze ist dann halt dort gewachsen. Was sollte sie machen? Einfach einzugehen, dazu hatte sie wohl keine Lust. Guck mal, was die für einen langen Stengel bilden musste, um aus dem dunklen Spalt bis vorne in's Helle zu kommen! Naja, etwas blass ist sie ja, nicht sehr grün um die Nase, aber sie hat es geschafft. Tapfere kleine Pflanze. Wer hätte gedacht, dass die einmal ihre Blätter raus ans Licht streckt." "Und was machen wir jetzt damit?" fragte Bobby. "Ich weiß nicht", überlegte Mirela, "ob es besser ist, sie dort zu lassen, oder ob wir sie vorsichtig umpflanzen können. Sieht ziemlich zerbrechlich aus." Doch die Entscheidung wurde ihr abgenommen. Sie hatten nicht bemerkt, dass Rick sich von hinten genähert hatte. Mit einem kurzen, harten Griff packte er die Pflanze und knickte ihren Stengel ab. "Warum hast du das getan?" fuhr ihn Mirela an, "die arme Pflanze hatte es gerade geschafft, und du..." Rick sah sie verächtlich an. "Du heulst wohl wegen jedem Unkraut?" schnaubte er und warf ihr die zerbrochene kleine Pflanze vor die Füße. Er trat noch einmal kurz drauf und ging dann, ohne sich umzusehen.
Mirela sah ihm nach und schluckte ein paar Tränen hinunter. Er sollte nicht auch noch recht behalten, dass sie wegen so etwas heulte. Manchmal war ihr Rick irgendwie unheimlich. Dann mochte sie Bobby lieber, auch wenn er nicht der Hellste war. Der dickliche Junge legte tröstend einen Arm um sie und sagte: "Komm, Miri, wir müssen runter zu Snape. 'Zaubertränke' fängt gleich an." Oh ja, 'Zaubertränke'! Snape... Er konnte nicht ahnen, wieviel von seinem heutigen Verhalten abhing. Mirela war sich in diesem Moment fast sicher, dass sie entscheiden würde, er habe keine "Strafe" verdient. Nach dem vergangenen Abend war sie geneigt, einiges mehr zu übersehen, als bis gestern noch. Und Rick gefiel ihr immer weniger.
~~~
Der Zaubertrank-Unterricht verlief zunächst ohne besondere Vorkommnisse. Das heißt, Snape war übellaunig und giftete einige Schüler an, zog ein paar Punkte ab. Keine außergewöhnlichen Vorkommnisse eben. Alles hielt sich in Grenzen, und Mirela stellte beruhigt fest, dass sie nachher guten Gewissens zu Snapes Gunsten entscheiden und Ricks irrwitzigen Plan ablehnen konnte. Das einzig Ungewöhnliche war vielleicht, dass sie selbst von Snape heute gar nicht beachtet wurde, solange sie sich nicht freiwillig zu Wort meldete. Er startete keinen einzigen Versuch, sie in Verlegenheit zu bringen. Ein Grund mehr, ihn nicht in die Falle zu locken.
Mirela arbeitete mit Bobby zusammen an einem Kessel. Sorgsam überwachte sie alles, was er tat, denn er war berühmt dafür, die falschen Zutaten, Dosierungen oder Zeitpunkte zu erwischen und ungewollte Katastrophen kleineren oder größeren Ausmaßes anzuzetteln. Bei einem anderen hätte man sagen können: "'Zaubertränke' ist halt nicht sein Fach", aber welches war schon Bobbys Fach? Mit einem dankbaren Grinsen quittierte Bobby Mirelas Hilfeleistungen. Heute würde einmal gar nichts schiefgehen. Stolz betrachtete der Junge den weißlich schimmernden Trank: Er sah genau so aus, wie er sollte. "Fertig!" verkündete Mirela strahlend. Professor Snape wurde auf die beiden aufmerksam und kam herüber. Er warf einen ziemlich skeptischen Blick in den Kessel, aber er fand nichts zu bemängeln. Prüfend beugte er sich noch einmal darüber - da geschah es! Der Kessel explodierte mit einem lauten Knall und überschüttete Snape mit der heißen Flüssigkeit. Sein erster Reflex war, vor Schreck und Schmerz zurückzuzucken. Dann stürzte er zu seinem Vorratsschrank, wo er für solche Unfälle stets einen starken Kühltrank bereithielt, und behandelte die betroffenen Hautstellen. Augenblicklich waren keinerlei Verletzungen mehr sicht- oder spürbar. Doch Snape sah immer noch aus, als stünde er unter Schock. Dann verwandelte sich der Schock in rasende Wut. Snape stürzte sich auf Bobby, packte ihn mit beiden Händen vorn am Kragen und riss ihn hoch. "So, jetzt reicht es!" schrie er, "der wievielte Anschlag ist das? Diesmal kannst du mir nicht mehr erzählen, es wäre ein Unfall gewesen! Ich habe den Trank gesehen, er war perfekt. Er ist nicht aus Versehen explodiert - zufällig gerade, als ich davor stand!" Der völlig verängstigte Bobby wollte protestieren, aber Snape ließ ihn nicht zu Wort kommen und nahm ihm zudem mit seinem Griff auch etwas die Luft. "100 Punkte Abzug für Gryffindor!" brüllte Snape, "und die nächste Woche jeden Abend Strafarbeit! Aber nicht bei mir, das wird mir zu gefährlich. Mr Filch soll sich etwas für Sie einfallen lassen. Und ich werde Professor Dumbledore bitten, Sie für den Rest des Schuljahres vom Zaubertränke-Unterricht auszuschließen, wegen ständiger Gefährdung des Lebens Ihres Lehrers und Ihrer Mitschüler!" Er ließ den wimmernden Bobby endlich wieder herunter und rauschte mit wogendem Umhang hinüber zu der Tür seines Schlafzimmers. " Der Unterricht ist für heute beendet!" zischte er noch, verschwand in seinem Zimmer und knallte die Tür zu.
Aufgeregt schnatternd verließ die Klasse den Kerker. Mirela hatte den Arm um den heulenden Bobby gelegt und versuchte ihn zu trösten. Rick ging neben ihnen. "100 Punkte Abzug", sagte Rick zähneknirschend, "damit sind wir nun mit Abstand auf dem letzten Platz." "Ich muss zu Filch! Jeden Abend!" schluchzte Bobby, "das überlebe ich nicht! Und zum Direktor muss ich auch noch! Buhääää!" Mirela warf Rick einen sorgenvollen Blick zu: "Dumbledore wird ihn doch nicht wirklich vom Tränke-Unterricht ausschließen, oder? Dann könnte er seine Abschlussprüfung ja endgültig vergessen!" "Das kann er so oder so", zischte Rick, "solange Snape das Fach unterrichtet. Weißt du jetzt endlich wieder, was der für eine Ratte ist, ja?" Mirela nickte traurig. "Dann tu was für deine Freunde!" forderte Rick und drückte ihr eine Glaskugel in die Hand. "Was ist das?" fragte sie, obwohl sie es längst wusste. "Der Observator", sagte Rick, "heute abend bringst du den in diesem Privatzimmer an, und dann legst du los." Mit einem letzten Rest von Zögern betrachtete Mirela das Gerät in ihrer Hand. Snape hatte sich wirklich sehr gemein und ungerecht verhalten. Aber war das Grund genug...? Doch in diesem Moment heulte der arme Bobby noch einmal laut auf, und Mirelas Gesicht nahm einen finsteren, entschlossenen Ausdruck an. Ja, Snape würde dafür bezahlen. Sie würde nicht zulassen, dass er sie bevorzugte und gleichzeitig ihren Freunden wehtat. Wie hatte sie ihn nur für einen netten Menschen halten können, und Rick für einen gemeinen Kerl? Rick, der sich gerade in diesem Moment rührend um den armen Bobby kümmerte und ihm ein Taschentuch zum Schneuzen hinhielt. Mirela Sirena Doinescu wusste wieder, wer ihre Freunde waren.
Gemeinsam brachten Mirela und Rick den völlig aufgelösten Bobby in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum. Sie platzierten ihn aufs Sofa, und Mirela setzte sich dazu, um ihm Beistand zu leisten. Rick legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter und sagte: "Ich bin gleich wieder bei euch, muss nur mal schnell aufs Klo."
Rick war froh, als die Kabinentür zugeschlossen war und er seinem Lachen freien Lauf lassen konnte. "Priori Incantatem!" befahl er, und sein Zauberstab zeigte ihm das Abbild seines letzten Zaubers. Rick musste aufpassen, nicht allzu laut zu lachen, als er sah, wie der Strahl aus seinem Zauberstab Bobbys Kessel zur Explosion brachte und das heiße Zeug Snape voll ins Gesicht spritzte.
~~~
Professor Dumbledore ging mit abgemessenen Schritten in seinem Büro auf und ab. "Nein, Severus", sagte er ruhig, aber bestimmt, "ich kann keinen Schüler vom Unterricht ausschließen. Das geht nicht. Wie stellst du dir das vor?" Snape, der bis eben unruhig auf der Kante seines Stuhls gesessen hatte, sprang erregt auf. "Aber ich soll unter diesen Umständen unterrichten? Wie stellst du dir das vor?" Er versuchte nun zum wiederholten Mal verzweifelt, seinem Vorgesetzten und Freund begreiflich zu machen, dass es sich hier nicht um einen harmlosen Schülerstreich handelte: "Es war nicht das erste Mal, dass dieser Junge solche Unfälle verursacht, beileibe nicht. Und diesmal war völlig klar, dass es kein Unfall war, sondern Absicht! Bitte glaub mir doch, ich kann das beurteilen! Dieser Trank konnte nicht explodieren, außer wenn man ihn stark manipuliert hat. Er hat ihn auf irgendeine Weise sehr gezielt genau in dem Moment verspritzt, als ich mit dem Gesicht ganz nah an den Kessel herankam. Es hat gemein wehgetan, Albus..." Der Schulleiter unterbrach ihn und versuchte ihn zu beruhigen: "Sicher hat es das, Severus, ich glaube dir ja. Aber du bist zum Glück der Meister der Zaubertränke und konntest dich unverzüglich heilen." Er zwinkerte ihm zu, was aber, Snapes Ansicht nach, der Situation völlig unangemessen war und ihn nur noch mehr aufregte. "Und was wäre, wenn es nicht dieser harmlose Trank gewesen wäre, sondern ein ätzender oder hochwirksamer oder giftiger? Heute war er 'nur' kochendheiß, und ich konnte die Folgen schnell beseitigen. Aber was wird diesem kleinen Teufel morgen einfallen?" Dumbledore hob beschwichtigend die Hände: "Severus! Hör bitte endlich auf, hinter jeder Ecke einen Mörder lauern zu sehen! Ich weiß, du hast in deinem Leben ein paar schlimme Erfahrungen gemacht..." "Ein paar...", schnaubte Snape. "Lass mich ausreden", bat Dumbledore, "ich weiß das ja alles. Aber du kannst doch nicht immer so misstrauisch sein. Niemand will dich umbringen oder dir in irgendeiner Weise ernsthaft schaden. Oh, nun, natürlich...", er schwieg einen Moment betreten, "abgesehen von Voldemort. Aber hier in Hogwarts will dir niemand etwas Böses." Snapes Stimme war voller Bitterkeit, als er erwiderte: "Albus, der erste Mordanschlag auf mich fand statt, als ich gerade einmal sechzehn war. Und zwar hier, in der 'heilen' Welt von Hogwarts!" Der alte Mann seufzte: "Ich weiß ja, Severus, ich weiß. Aber das ist so lange her. Du musst lernen zu vergessen, Severus, Du musst lernen, Menschen zu vertrauen. Gibt es nicht irgendjemanden, dem zu vertrauen du dir vorstellen könntest?" "Ich vertraue dir, Albus", sagte Snape leise, "reicht das nicht?" "Nein", befand Dumbledore, " ich kann nicht in jedem Augenblick da sein, in dem du einen Menschen brauchst, und irgendwann... irgendwann werde ich gar nicht mehr da sein, Severus, und was dann? Bitte, versuch Kontakt zu jüngeren Menschen zu bekommen, Kollegen, von mir aus Schülern. Es muss doch irgendwen geben, mit dem dich gemeinsame Interessen verbinden. Jemand, der sich für Zaubertränke interessiert. Oder für deine Musik..." Snape hob kurz den Kopf. "Ah", machte Dumbledore schmunzelnd, "gibt es jemanden?" "Vielleicht...", murmelte Snape unsicher. Der alte Zauberer legte ihm einen Arm um die Schulter und bat: "Dann ergreife diese Gelegenheit, Severus, und übe, jemandem zu vertrauen! Bitte." Das Thema wurde Snape langsam unheimlich, und er riss sich mit einer schnellen Bewegung aus dem Griff seines alten Freundes los. "Also keine Strafe für Bobby?" fragte er unwillig. "Doch, doch", sagte Dumbledore, "der Punktabzug und die Abende bei Mr Filch bleiben bestehen. Aber du wirst ihn in deinem Unterricht behalten. Ich rede nachher mit ihm. Ich bin mir sicher, es war nur ein Versehen und wird nicht wieder vorkommen." Snape verdrehte die Augen und rauschte hinaus.
~~~
Mirela war innerlich sehr kalt, als sie an diesem Abend an der Kerkertür anklopfte. Nur nicht zuviel nachdenken oder Gefühle zulassen, das würde ihren Plan nur behindern. Wenn man beschlossen hatte, eine Sache durchzuziehen, durfte man keinen anderen Gedanken haben, bis sie vollendet war. Sie hatte sich vorgenommen, Hogwarts von dieser "Krankheit" hier unten zu "heilen", damit Schüler wie Bobby ohne Angst leben konnten und eine Chance hatten, ihre Prüfung zu bestehen. Das Bild mit der "Krankheit" hatte sie von Rick. Er konnte so brillant mit Sprache umgehen, man merkte es an all seinen Aufsätzen. Ein bewundernswerter Junge. Er hatte ihr soviel Mut gemacht, bevor sie heute Abend hier herunter ging. Ihm lag soviel an seinem Freund Bobby und am Wohl der Schule, und er hatte in allem Recht. Sie musste es sich nur oft genug sagen. Die Schule heilen, den Freunden helfen, es ist richtig... richtig... richtig... Sei kalt wie eine echte Veela! Du schaffst es! Du bist schön, du bist unwiderstehlich, und ER wird das lernen oder leiden! Nun, letzteres so oder so...
Snapes Augen wirkten ausdruckslos, als er die Tür öffnete und sie wortlos hereinwinkte. Doch die Augen der Veela waren noch leerer und kälter als seine. Er bemerkte es nicht, sein Blick klebte an seinem Schreibtisch, wo ein dampfender Kessel stand. Offenbar hatte er einen Trank angesetzt, den er nicht aus den Augen lassen durfte. Ein leises Rauschen erfüllte die Luft, als Poe, der Rabe, aus dem Nebenzimmer angeflattert kam. Er flog ganz nah an Mirela vorbei, und er, oh ja, er sah ihr in die Augen. Ganz nah, ganz tief. "Blaue Eisberrrrrge!" schnarrte er. Mirela scheuchte ihn weg, und er flog zurück ins Schlafzimmer. Snape schien die Bemerkung seines Raben überhört zu haben, er beugte sich konzentriert über den Trank. "Gehen Sie schon hinüber", sagte er, ohne aufzublicken, "und üben Sie! Ich komme später nach." Besser konnte es nicht kommen. Alles lief wie am Schnürchen, und das war sicher ein Zeichen, dass es richtig war, was sie hier tat. Gott oder das Glück oder wer-auch-immer ist mit denen, die das Richtige tun. Mirela durchquerte eilig das Schlafzimmer, betrat den Musikraum und schloss die Tür hinter sich. Hastig zog sie die kleine, funkelnde Glaskugel aus ihrer Umhang-Innentasche. Sie kletterte an einem Bücherregal empor, wie an einer Leiter, und hängte die Kugel in eine dunkle Zimmerecke, wo sie zwar nahezu unsichtbar war, aber den ganzen Raum überblicken konnte. Sie musste sie nicht befestigen. Die Kugel blieb in der Luft schweben, wo sie sie hingedrückt hatte. Mirela kletterte wieder hinunter und setzte sich kurz auf einen der schwarzen Ledersessel. Sie war stolz auf sich, sie war kühl wie eine Veela gewesen und hatte ein Ziel erreicht, nun war es an der Zeit, reizvoll wie eine Veela zu sein und ihr zweites Ziel zu erreichen. Ein nie gekanntes Gefühl von Macht ergriff sie. Nie war ihr so bewusst gewesen, dass Menschen ihr Spielzeug sein konnten, wenn sie es wünschte. Ja, sie würde spielen, planvoll und berechnend, spielen, zu ihrem Vergnügen, und sie würde gewinnen. Bilder flackerten vor ihrem geistigen Auge auf, Szenen aus ihrer Kindheit, wie sie gespielt hatte, mit ihren kleinen Figürchen. Es hatte Spaß gemacht: Sie allein bestimmte, was die Püppchen tun mussten. Oh, einmal war eines zerbrochen, erinnerte sie sich, und sie hatte geweint. Aber das war lange vorbei, sie war groß und stark und klug geworden und würde nicht mehr weinen, um ein zerbrochenes Spielzeug. Mit einem Grinsen auf den heute leicht bemalten Lippen, legte Mirela den Umhang ab und öffnete die obersten vier Knöpfe ihrer dünnen Bluse. Es war nicht gerade die geeignetste Kleidung für die kühlen Kerkerräume, auch der kurze Rock nicht, aber sie würde eine Erkältung in Kauf nehmen, um Hogwarts von einer Krankheit zu heilen.
Mirela spielte auf ihrer Geige, bis sie die Kälte vertrieben hatte und sogar ins Schwitzen geriet. Erst als sie erschöpft eine Pause einlegte, sah sie, dass sie inzwischen einen Zuhörer hatte. Snape hatte auf seinem Sessel Platz genommen und still zugehört. "Bravo!" sagte er anerkennend, "Sie sind eine wahre Teufelsgeigerin. Aber ziehen Sie bitte Ihren Umhang an! Es ist kalt hier unten, und Sie haben geschwitzt. Das ist gefährlich. Ich habe gerade genug zu tun, mit diesem neuen Trank da draußen, und habe wenig Zeit oder Lust, zwischendurch einen Heiltrank gegen Lungenentzündung brauen zu müssen." Oh, dieser Kerl! Konnte er nicht schlicht und einfach sagen, dass er sich um jemanden sorgte? Natürlich nicht. Aber immerhin tat er es... "Mir ist nicht kalt", behauptete Mirela. "Ah ja", entgegnete Snape spöttisch, "und warum zittern Sie dann? Oh, natürlich, aus Angst vor mir. Ich löse solche Reaktionen bei Schülern aus, wie konnte ich das vergessen. Trotzdem, ziehen Sie bitte Ihren Umhang an!" "Er... er ist verhext", log sie verzweifelt, um ihre männermordende Verkleidung nicht auf's Spiel zu setzen, "die Jungs haben ihn mit Juckpulver aus Zonkos Scherzartikelladen eingerieben. Ich muss ihn den Hauselfen in die Wäsche geben." Um Snapes Mundwinkel zuckte es belustigt, doch er hatte sich gleich wieder im Griff. "Wie beruhigend, dass ich nicht das einzige Ziel gemeiner Schülerstreiche bin", meinte er, "aber der Schaden trifft am Ende doch wieder mich, weil ich Ihnen nun meinen Umhang geben muss. Ich könnte es natürlich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, eine Schülerin sich den Tod holen zu lassen. Zumal man mir sicherlich unterstellen würde, Sie vergiftet zu haben, wenn Sie krank aus meinem Kerker zurückkehren." Er zog seinen weiten, schwarzen Umhang aus und hielt ihn ihr hin. Sie zögerte. Nein, sie wollte sich nichts überziehen, egal wie kalt ihr war, sonst war doch der ganze Effekt dahin! Der Professor deutete ihr Zögern anders und drängte: "Nun nehmen Sie schon! Ich bin die Kälte gewöhnt." Da kam ihr eine geniale Idee. Plan B! Sie würde ihr Ziel auf andere Weise erreichen und müsste dafür nicht einmal mehr frieren. Mit einem treuherzigen Augenaufschlag (oh, sie hätte in lautes Lachen ausbrechen können, darüber, wie gut ihr das gelang!) schlug sie ihm vor: "Dann lassen Sie uns teilen! Der Sessel ist breit genug, der Umhang auch. Es ist nicht nötig, dass einer von uns sich erkältet. Ich könnte es natürlich auch nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, wenn ein Lehrer meinetwegen krank würde." Nun war es an Snape, zu zögern. Doch da sie anders wohl nicht zu bewegen war, sich etwas überzuziehen, und dies sehr schnell geschehen musste, damit sie nicht wirklich ernsthaft erkrankte, rückte er seufzend auf eine Seite seines Sessels. Mit einer katzenhaften Bewegung glitt Mirela neben ihn und ließ sich eine Hälfte des schwarzen Umhangs um die Schultern legen. Sie musste sich eingestehen, dass es wahnsinnig gut tat, endlich wieder Wärme zu spüren, und dass es sich angenehm anfühlte, unter diesem schützend umhüllenden Mantel zu stecken, wie ein Küken unter den Flügeln der Henne. Außerdem roch Snape gut, musste sie zugeben, nach irgendwelchen würzigen Zaubertrank-Zutaten. Unwillkürlich kuschelte sie sich dichter an den warmen Körper neben ihr. Dieser schien bei der Berührung zu erstarren, konnte jedoch nicht ausweichen, weil ihn die Armlehne auf der anderen Seite daran hinderte. Einen Moment lang blickte Snape ziemlich hilflos um sich, dann zog er mit einer energischen Handbewegung den Umhang fester um das noch immer zitternde Mädchen und starrte geradeaus in die Luft. Er verfluchte sich dafür, dass er zwar wegschauen, aber nicht weg-fühlen konnte und schon gar nicht weg- riechen. Seine große und geübte Zaubertränkemeister-Nase sog viel zu begierig den Duft ein, der von diesem Wesen ausströmte. Snape rettete sich in eine wissenschaftliche Analyse des Veela-Parfums, um einen kühlen Kopf zu bewahren. Eine Kopfnote aus unschuldigen Mandarinen konnte nicht über das viel weniger kindliche Herz des Duftes hinwegtäuschen: Er erschnupperte Jasmin, Ylang-Ylang und eine ihm unbekannte, betörende Blüte. Dann ein warmer, dunkler Fond aus Sandelholz und Ambra und, heimlich noch darunter versteckt, aber dem Tränkemeister nicht entgehend, der schwere Duft von Vetiverwurzeln aus den schwarzen Tiefen der Erde. Alles vereinte sich miteinander und mit dem Eigenduft ihrer Haut zu einem perfekt harmonischen Ganzen, das... nun, um auch die Wirkung des Gemischs wissenschaftlich zu analysieren: Es war sehr... berauschend. Und leider hatte er keinen Gegentrank in seinen Vorräten.
Mirela dachte darüber nach, ob sie enttäuscht oder erleichtert sein sollte. Dieser Mann saß nun schon eine Weile so eng mit ihr zusammen und machte keinerlei Anstalten, ihr noch näher zu kommen, sie irgendwie anzufassen oder sowas. Sie wusste ja selbst nicht so genau, was sie von ihm erwartete. Sie hatte nicht viel Erfahrung in solchen Dingen. Aber soviel wusste sie: Männer, die die Gelegenheit bekamen, versuchten manchmal, sie mehr oder weniger unauffällig zu begrabschen. Und sie hasste es. Aber andererseits war es doch heute Teil ihres Plans, und sie hasste es genauso, dass der nicht aufging.
Snape räusperte sich kurz und unterbrach das unbehagliche Schweigen: "Und jetzt? Ich halte es für das Beste, wenn sie in den Gryffindor-Turm zurückkehren. Es ist schon spät..." "Noch nicht zehn Uhr", widersprach sie, doch er fuhr fort: "Sie können ohnehin nicht Geige üben, wenn Sie hier neben mir sitzen." Mirela dachte kurz nach, dann gab sie zu: "Das ist wahr. Aber ich könnte singen! Auch das sollte ich dringend wieder einmal üben." Snape zog etwas erstaunt die Augenbrauen hoch. "Sie dachten wohl nicht, dass ich außer Geigespielen noch irgendetwas anderes kann?" fragte Mirela etwas spitz. "Das haben Sie gesagt", erwiderte Snape nur. 'Na warte', dachte Mirela, 'du wirst schon noch merken, wie Veela singen können. Schön. Verhängnisvoll schön. Kein Wunder, dass sie dir nie den Posten für Verteidigung gegen die dunklen Künste geben, wenn du das nicht weißt.'
Mirela legte ihre ganze Ausdruckskraft in das uralte Veela-Lied. Sie sang leise, denn ihr Zuhörer saß ja direkt neben ihr. Aber gerade dieses leise Perlen ihrer Stimme wirkte geheimnisvoll und lockend. Snape konnte den alt-rumänischen Text nicht verstehen, aber die Melodie sprach für sich: so süß, so sehnsuchtsvoll... Mirela beobachtete die Reaktion des Mannes aus dem Augenwinkel. Sein Blick schien auf irgendetwas in weiter Ferne gerichtet zu sein, was sie nicht sehen konnte, und in seinen Augen lag so etwas wie eine hilflose Trauer. Schimmerten tatsächlich Tränen in ihnen, oder war es nur das altbekannte Glitzern seiner schwarzen Augen im Kerzenschein? Als das Lied verklungen war, blieb er noch kurz in dieser Haltung sitzen, dann wandte er ihr langsam den Kopf zu. "Ein bezauberndes Lied", sagte er sehr leise, "wovon handelt es?" "Von 'dor'." "Dor?" "Ja, das ist eine Art rumänisches Lebensgefühl. Man kann es nicht in andere Sprachen übersetzen. 'Sehnsucht', am ehesten. Die Sehnsucht, die wehtut und entzückt. Die Sehnsucht, nach der man sich sehnt", erklärte sie. Snape nickte langsam. Er wirkte immer noch wie in Trance. Das sollte er auch, nach einem Veela-Lied. Aber er sollte auf sie schauen, nicht ins Nichts! Und von ihr sollte er entzückt sein, nicht von ihrem Lied! War sie nicht Veela genug, dass er so reagierte, wie er sollte? Es machte sie rasend. Andererseits war es eine interessante neue Erfahrung, einmal nicht für das gelobt und bewundert zu werden, was die Natur ihr mitgegeben hatte, ihre äußerliche Schönheit, sondern für das, was sie konnte: ihre Musik, ihre "inneren Werte". Snape war wirklich sehr anders als alle anderen. Seltsamer Kauz.
Aber sie wollte es jetzt genau wissen. "Das Lied hat Ihnen also gefallen?" hakte sie nach, "und was ist mit der Sängerin?" Snape blickte ihr ins Gesicht, leicht irritiert, dann lächelte er. Es lag gar kein Spott in seinem Lächeln und keine Kälte, wie sie es kannte. Dieses Lächeln war warm und... schüchtern?? "Sie haben eine wundervolle Stimme", sagte er, "Sie singen wie Salome." Wer war denn das nun wieder? Salome? Was bildete dieser Kerl sich eigentlich ein, sie, die Veela (na gut, Halbveela), mit irgendeiner anderen Frau zu vergleichen? Schwer vorstellbar, dass es überhaupt eine Frau in seinem Leben gab oder gegeben hatte. "Salome?" fragte Mirela. "Kennen Sie Salome nicht?" staunte Snape. "Sollte ich?" fauchte Mirela beleidigt. Wieder lächelte er, diesmal aber war die typische Spur von Spott in seinem Gesicht. "Ja, sollten Sie", meinte er, "ein bisschen Allgemeinbildung kann nicht schaden." "Allgemeinbildung?" fragte Mirela misstrauisch. Snape lehnte sich im Sessel zurück, lachte leise und begann zu erzählen: "Es ist eine uralte biblische Geschichte. Ich liebe uralte Geschichten. Diese hier wurde später sogar als Oper vertont, von Richard Strauss, daher wundert es mich etwas, dass Sie sie nicht kennen. Aber zu der Geschichte selbst: Salome war eine Prinzessin, ein bezauberndes junges Mädchen, nicht älter als Sie. Alle Männer, selbst der König, waren ihr verfallen. Denn sie war nicht nur schön, sie konnte singen und tanzen wie keine andere. Daher mein Vergleich vorhin, Sie verzeihen. Aber ein Mann hat ihre Musik teuer bezahlt." "Warum?" "Nun, sie wünschte sich als Lohn seinen Kopf, auf einem silbernen Tablett." Mirela zuckte kurz zusammen. Nicht nur, weil die Geschichte so ein grausiges Ende nahm. Sie fühlte sich ertappt. Ahnte er irgendetwas? Oder warum erzählte er ihr das? Doch sein Gesicht war entspannt, er wirkte völlig arglos. Mirela schalt sich selbst, dass sie weniger schreckhaft sein sollte. "Warum hat sie das getan?" fragte sie. "Oh, sie war noch ein dummes Kind", sagte Snape, "und jemand hatte ihr eingeredet, sie sollte es tun. Jemand, dem dieser Mann unbequem war. Er war wirklich ein ziemlich unbequemer Zeitgenosse." Mirela schluckte.
Sie zog es vor, das Thema zu wechseln. Auch wenn er es ohne Hintergedanken angeschnitten hatte, so war es ihr doch unbehaglich. "Und wie klingt Ihre Stimme, Professor Snape?" fragte sie herausfordernd. Snape war ehrlich überrumpelt und erschrocken. "Meine Stimme?" fragte er vorsichtig, "aber die kennen sie doch zur Genüge aus sechs Jahren Unterricht! Sie ist leise, schneidend und gefährlich. Schon vergessen?" "Sie singen wohl kaum leise, schneidend und gefährlich, oder?" Er starrte sie ungläubig an und klammerte sich mit letzter Kraft an die Hoffnung, sich verhört zu haben: "Singen?" "Ja, singen", beharrte sie ungerührt, "erzählen Sie mir nicht, dass Sie das nie tun! Alle Klavierspieler singen von Zeit zu Zeit und begleiten sich selbst auf den Tasten." Sie hatte ihn ertappt, denn er gestand: "Nun, ab und zu tue ich das, ja. Aber nur, wenn ich allein bin." "Tun Sie es für mich!" verlangte Mirela. "Aber..." "Kein Aber!" Sie zog ihm den Umhang von den Schultern und wickelte sich darin ein. "Den Moment kommen Sie auch ohne aus. Danach bekommen Sie ihn wieder, und ich gehe dann auch." Mit diesen Worten versuchte sie ihn aus dem Sessel hochzuschieben. Ein klein wenig staunte sie darüber, wie sie hier gerade mit ihrem Lehrer umsprang, und vor allem darüber, dass er es sich gefallen ließ, wie ein kleines Kind. "Sie gehen dann?" fragte er, "hm, das ist ein Angebot. Versprochen?" "Versprochen." Er zögerte noch einen letzten Moment: "Und Sie erzählen niemandem davon?" "Wie könnte ich!" Sie warf einen kurzen, etwas schuldbewussten Blick auf die Glaskugel in der dunklen Ecke. Dann hatte sie sich wieder gefangen und lächelte liebenswürdig: "Ich warte..."
Snape ließ sich auf den Klavierhocker sinken und schlug ein Notenheft auf, das auf dem Flügel stand. "Beethoven?" fragte Mirela. "Nein, etwas Zeitgenössisches. Ich habe es in den Ferien in einem Muggel-Laden aufgetrieben." Mirela musste lachen: "Sie haben's aber wirklich mit der Muggel-Musik! Ich dachte immer, Slytherins würden Muggel verachten?" Snape ließ diese Bemerkung unkommentiert. Er sammelte sich kurz, versuchte die Anwesenheit einer anderen Person im Raum zu vergessen und legte seine langen, schlanken Finger auf die Tasten. Nach einem kurzen Klavier-Vorspiel begann er zu singen: "Come and hold my hand, I wanna contact the living, not sure I understand this role I've been given..." Danach bekam Mirela vom Text nicht mehr viel mit, weil sie viel zu sehr auf den Klang seiner Stimme achtete. Erst jetzt wurde ihr richtig klar, was für eine außergewöhnlich schöne Stimme er hatte. Wenn sie jetzt so überlegte, war sie auch beim Sprechen sehr klangvoll und melodisch. Aber das fiel ihr erst richtig auf, als er sang. Seine Stimme war tief und voll, beschwörerisch, dunkel und weich wie schwarzer Samt. Mirela erschrak über sich selbst, als sie solche blumigen Vergleiche zog. He, das hier war immer noch Professor Snape, der Lehrer ihrer Alpträume! Sie versuchte wieder dem Text zu folgen und hörte ihn singen: "I don't want to die, but I'm not keen on living either." Irgendwie berührte sie das Lied. Es klang, als wüsste er, wovon er da sang. Sie ließ sich wieder in den Klang seiner Stimme versinken, bis das Lied zu Ende war. Er erhob sich, ließ aber den Kopf gesenkt, als hinge er noch über den Tasten. Dadurch fiel ihm ein Vorhang aus schwarzen Haaren vors Gesicht, so dass man es nicht sehen konnte, und vermutlich war das auch der Sinn der Sache. "Das war wirklich schön", sagte Mirela und meinte es vollkommen ehrlich, "Sie haben eine tolle Stimme." Er schien sich unter ihrem Lob geradezu zu winden. Kam wohl nicht oft vor, was? Nach einem kurzen, verlegenen Blick auf sie, ließ er seine Augen hastig zur Uhr wandern und stellte erleichtert fest: "Schon zehn Uhr! Sie müssen gehen!" Und das tat sie, denn auch ihr wurde die Situation irgendwie unheimlich.
~~~
In den folgenden Wochen verging kaum ein Abend, an dem Mirela nicht in Snapes Musikzimmer übte. Das ist das Grundprinzip des Übens: gnadenlos weitermachen, immer weiter, immer weiter, so lange, bis sich der gewünschte Erfolg einstellt. Doch Mirelas Ehrgeiz lag diesmal weniger auf musikalischem Gebiet. Und sie war noch lange nicht zufrieden. Ja, es hatte ein paar Erfolgserlebnisse gegeben: Den Abend, an dem er ihr "der Einfachheit halber" angeboten hatte, ihn 'Severus' zu nennen - aber nur innerhalb dieses einen Raumes, nicht vor anderen Leuten und natürlich nicht im Unterricht! Oder den Abend, an dem er ihr ein noch erstaunlicheres Angebot machte. Eines, dass großes Vertrauen erforderte und ihn sichtliche Überwindung kostete, obwohl er versuchte, es leichthin zwischen Tür und Angel zu sagen, als sie ging: "Ach, Mirela... hier, nehmen Sie das mit! Es ist ein magischer Schlüssel, damit können Sie in meine Räume, wenn ich nicht da bin. Ich werde in nächster Zeit wahrscheinlich öfter... verhindert sein. Und sollten Sie es wagen, irgendetwas in meinen anderen Räumen anzufassen oder jemanden mit herein zu bringen, dann sind Sie des Todes, das ist Ihnen hoffentlich klar. Übrigens funktioniert Ihr magischer Schlüssel nur, wenn ich mich außerhalb von Hogwarts befinde. Gute Nacht."
Und dann war da noch ein Abend gewesen... Sie hatten nach einem gemeinsamen Konzert (Mondschein-Sonate, Geige und Klavier) noch kurz zusammen gesessen und ein paar musikalische Feinheiten besprochen. Sie waren sich dabei sehr nahe gekommen, nun ja, wörtlich gemeint, indem sie dicht beieinander saßen. Und auch inhaltlich natürlich, in ihrem Fachgespräch. Irgendwann, mitten in der Unterhaltung, merkten sie beide gleichzeitig, dass ihre Gesichter sich aus nächster Nähe gegenüber standen. Sie schauten sich erschrocken in die Augen. Beide versuchten, einen klaren Kopf zu behalten. Snape, weil sie eine Schülerin war und das alles sowieso lächerlich war und ihm außerdem Angst machte. Mirela, weil sie ihren Plan im Auge behalten musste. Aber in den passte es ja perfekt hinein. Wenn dies hier nicht die Wirklichkeit wäre, sondern eine Filmszene, dann müssten sich jetzt gleich ihre Lippen berühren, dachte sie. Dann hätte Rick endlich seine Kuss-Szene im Kasten und würde Ruhe geben. Vielleicht klappte es ja... Mirela öffnete leicht ihre Lippen und kam noch näher an ihn heran, wobei sie versuchte, so verlangend zu gucken, wie die Schauspielerinnen in den Muggel-Filmen. Snape schaute sie verwirrt an. Na? Naaa??? Ein dunkler Schatten kam auf sie zugerast. Ein Luftzug berührte ihre Gesichter, dann streifte ein schwarzer Flügel Snapes große Nase und der andere Mirelas kleines Näschen. Poe stürzte zwischen ihnen hindurch wie ein verunglückter Tiefflieger und kreischte: "Alaaaarrrrrrrrm! Feuerrrr in Hogwarrrrrrrrts!" Erschrocken fuhren die beiden auseinander. Mirela sprang auf, Entsetzen trat in ihr Gesicht: "Feuer? Oh nein, wenn es uns hier unten einschließt!" Doch Snape blieb völlig unbeeidruckt. "Es war nur einer von Poes schlechten Scherzen", knurrte er und warf dem Raben einen vernichtenden Blick zu, während dieser ein paar missglückte Schleifen in der Luft drehte. "Elender Geier", zischte Snape ihm zu, erhob sich dann brüsk und sagte: "Oh, schon wieder so spät? Hinaus mit Ihnen, in den Gryffindor-Turm!"
~~~
Mirela fühlte sich wieder einmal ein bisschen wie bei einem Verhör, als sie auf der Couch im Gemeinschaftsraum saß, neben ihr Bobby, vor ihr, unruhig auf und ab schreitend, Rick. Wie jeden Tag, hatte sie einen gründlichen Bericht über den vergangenen Abend in den Kerkern abgeliefert. Aber wieder einmal schien Rick nicht ganz zufrieden zu sein. Genau genommen, wirkte er heute besonders verärgert. "So, du hattest ihn also fast so weit, dich zu küssen, ja?" Mirela nickte: "Ja, ich denke schon." "Aber nur fast!" ereiferte er sich, "von 'fast' kann ich mir nichts kaufen! Ich brauch den Kuss in meiner Kugel, verstehst du?" Sie nickte leicht. "Alles wegen diesem blöden Vieh!" regte Rick sich auf, "wer braucht schon schwarze Unglücksraben? Ausmerzen sollte man sowas!" Mirela nickte diesmal nicht. Eigentlich fand sie Poe ganz niedlich... Aber Moment mal! Mirela sprang vom Sofa auf. "Hey!" rief sie aus, "woher weißt du überhaupt von dem Raben?" Sie hatte nämlich gar nicht erzählt, woran der Kussversuch gescheitert war! "Warst du in Snapes Zimmer?" schrie sie. Im ersten Moment dachte sie, er hätte sich mit dem magischen Schlüssel Zutritt verschafft. Aber dann fiel ihr ein, dass sie ihm den auch verschwiegen hatte. Sie wollte nicht riskieren, dass er selbst hineinging und sie nachher heftigen Ärger dafür kriegte. Er war der Boss bei diesem Plan, aber die Durchführung war ihr Projekt, sie allein führte es durch. Rick war kurz zusammengezuckt, als sie ihn ertappt hatte; das passierte ihm selten. "Nein, ich war nicht in Snapes Zimmer, wie denn?" brauste er auf, "ich habe es durch meine zweite Kugel gesehen." Ups, das war ein weiterer Fehler! Rick biss sich auf die Lippe. Mirela starrte ihn fassungslos an und versuchte zu verdauen, was sie eben gehört hatte. "Du hast eine... eine zweite Kugel?" stammelte sie, "also könntest du jederzeit alles veröffentlichen, ohne mich vorher zu fragen?" Plötzlich war das sichere Gefühl weg, dass sie es immer noch in der Hand hatte, ob und wann sie ihm den Observator geben würde. "Nein", winkte er ab, "so einfach geht das nicht. Ich kann durch meine Kugel sehen, was gerade abgeht, aber ich kann es nicht speichern. Das geht nur mit der Kugel in Snapes Musikzimmer." Mirela atmete auf. Aber gleich darauf beunruhigte sie ein anderer Gedanke: Dann hatte er auch gesehen, dass Snape ihr den magischen Schlüssel gegeben hatte? Den würde er sicher von ihr fordern. Aber halt,... das war ja am Ausgang des Unterrichts- Kerkers gewesen, nicht im Musikzimmer. Also außer Sichtweite des Observators. Puh! Das war nochmal gut gegangen. Sie musste sich nur mit der Vorstellung abfinden, dass Rick alles, was im Musikzimmer vor sich ging, live mit ansah. Irgendwie gefiel ihr das nicht, aber im Grunde machte es wenig Unterschied. Irgendwann hätte er sich die Aufnahmen ohnehin angesehen. Rick schien ihre Gedanken zu erahnen. Er trat zu ihr und legte fürsorglich seine Hände auf ihre Schultern: "Ja, ich hab dich die ganze Zeit beobachtet, war vielleicht nicht ganz nett, sorry. Aber lass uns bitte nicht streiten. Wir haben doch ein gemeinsames Ziel: Snape muss weg. Rechtzeitig, bevor es für Bobby und einige andere zu spät ist. Das willst du doch, oder?" Mirela schluckte. "Ja, natürlich will ich meinen Freunden helfen", sagte sie leise. Rick zwinkerte ihr zu: "Das weiß ich. Also, weiter vollen Einsatz! Du schaffst ihn."
~~~
Einige Tage später, klopfte Mirela abends vergeblich an die Kerkertür. Niemand öffnete. Ihr fiel ein, den magischen Schlüssel auszuprobieren. Wenn Snape nicht auf dem Gelände von Hogwarts war, würde der Schlüssel funktionieren. Andernfalls konnte er nicht weit sein, und sie würde einfach hier auf ihn warten. Sie ging von letzterem aus. Doch der Schlüssel drehte sich reibungslos im Schloss, und die Tür sprang auf. Wo mochte Professor Snape denn sein, abends noch außerhalb von Hogwarts, und morgen gab er zur ersten Stunde Zaubertrank-Unterricht? Ihr fiel ein, was er gesagt hatte, als er ihr den Schlüssel gegeben hatte: Er würde in nächster Zeit möglicherweise öfter verhindert sein. Was konnte er nur damit gemeint haben? Komisch. Sie trat ein und rief unsinnigerweise: "Severus? Sind Sie da?" "Kein Severrrrus!" schnarrte es aus dem Schlafzimmer. Mirela ging hinüber zu dem Raben. "Na, Poe", begrüßte sie ihn, "ganz allein?" Der Rabe blieb auf seiner Stange sitzen, legte den Kopf schief und schaute sie aus schwarzglitzernden Knopfaugen traurig an. "Kein Severrrrus", wiederholte er leise. Mirela nahm das den Vogel behutsam in beide Hände und fragte: "Was ist denn mit Severus?" Der Rabe drückte sich eng an sie und krächzte traurig: "Arrrrmerrrr Severrrrrus!" "Du machst mir ja richtig Angst", flüsterte Mirela, "was ist denn passiert?" "Lorrrrrrd", krächzte Poe und sah dabei furchtsam aus. "Lord?" fragte Mirela verständnislos. Doch aus Poe war nichts weiter herauszukriegen. Er flatterte zurück auf seine Stange und steckte den Kopf unter einen Flügel. Mirela wartete noch kurz ab, und als sich bei ihm nichts mehr regte, ging sie hinüber ins Musikzimmer und packte ihre Geige aus.
Mirela schreckte hoch. Wie lange mochte sie geschlafen haben? Sie hatte das Gefühl, es müsse schon spät in der Nacht sein. Severus würde nicht erfreut sein, wenn er heim kam (und das musste er ja irgendwann, morgen früh war Schule) und sie nach dem "Zapfenstreich" (22 Uhr) noch außerhalb des Gryffindor-Turms vorfand. Damit nahm er es ja immer sehr genau. Die Fackeln im Musikraum waren fast heruntergebrannt, die Kerzen schon lange erloschen. Sie musste sich den Weg zum Schlafzimmer teilweise ertasten. Dort drinnen war es völlig dunkel, nur ein schwacher Lichtschein vom Musikzimmer drang noch herüber. Sie drückte sich an der Wand entlang, um den Weg bis zum Unterrichtsraum zu finden. Auf halbem Weg hielt sie inne, weil sie ein Geräusch hörte. Poe? Aber seit wann konnten Raben stöhnen? Sprechen, ja, aber... Da war das Geräusch wieder. Mirela erschauderte. Nein, das war nicht Poe. Konnte es einer der Schul-Geister sein? Oder... Mirela strengte sich an, in der Dunkelheit etwas zu sehen. Auf dem Bett schien etwas, oder jemand, zu liegen. "Severus?" fragte Mirela mit zitternder Stimme. "Mirela?" kam ein schwaches Stöhnen vom Bett zurück. Sie stürzte hin. "Severus! Was ist denn um Himmels willen passiert?" Er gab keine Antwort. Vielleicht konnte er nicht. Viel war sie bei dieser Beleuchtung zwar nicht zu erkennen, aber doch soviel, dass er unnatürlich zusammengekrümmt da lag. Und sie konnte hören, dass sein Atem rasselte und er ab und zu leise wimmerte, wie unter starken Schmerzen. "Severus!" flüsterte sie, "soll ich Madam Pomfrey..." "Nein!" Er musste seine ganze verbliebene Kraft in dieses energische "Nein" gelegt haben. Nach einer kurzen Erholungspause sprach er mit leiser Stimme stockend weiter: "Nein... bitte nicht... keiner darf wissen... ich... kann es Ihnen nicht sagen... aber alles in Ordnung... habe einen Trank genommen... morgen alles wieder gut... zum Unterricht... muss jetzt schlafen... so müde..." Seine Augen fielen zu, und er sank tiefer in das Kissen ein. Doch dann wurde er noch einmal wach. Sein Blick wirkte wirr und gehetzt. "Alles gut", wisperte er, "heute, ja. Aber wer weiß, wie lange noch. Ich kann nicht mehr. Nicht mehr oft. Wenn es vorbei ist... Mirela? Bitte..." Sie verstand den Sinn seiner Worte nicht. Sein ganzer Zustand machte ihr Angst, und nun noch dieses wirre Gerede. "Ja?" fragte sie. "Spielen Sie ein Lied auf meiner Beerdigung, ja? Tun Sie das? Es wird niemand kommen, außer Ihnen. Doch, Albus. Er wird dafür sorgen, dass man mich nicht irgendwo verscharrt. Tun Sie es? Ja? Bitte!" Mirela waren Tränen in die Augen getreten. "Ja", versprach sie und ergriff eine seiner Hände, "ja, das tu ich. Aber Sie werden doch nicht sterben. Das ist alles Unsinn!" Die Panik ergriff immer mehr von ihr Besitz. Doch er gab keine Antwort mehr. Seiner ruhigen Atmung nach zu urteilen, war er eingeschlafen. Er musste einen starken Schlaftrunk genommen haben. Mirela taumelte aus den Kerkern hinaus und gelangte, sie wusste selbst nicht recht wie, bis in den Gryffindor-Schlafsaal. Wie ein Stein fiel sie in ihr Bett und merkte erst jetzt, wie müde sie selbst war. Aber hätte sie nicht bei ihm bleiben müssen? Sie hatte es nicht ausgehalten, hatte nur noch wegrennen wollen. Und jetzt hatte sie weder die Kraft, zurückzugehen, noch weiter darüber nachzudenken. Sie fiel in einen Schlaf voll unruhiger Träume.
|