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Mondscheinsonate
Teil 1
Teil 2
 
 

Mondschein-Sonate

Teil 2
© by Smilla ()
 
Disclaimer: Severus Snape gehört nicht mir, leider, sondern J.K.R., ich danke ihr, dass sie ihn erschaffen hat, und ich hoffe, sie geht immer gut mit ihm um. Nur der 14 cm "große" Sevvi in meinem Zimmer gehört mir ganz allein. "Der Rabe" gehört Edgar Allan Poe, die Mondschein-Sonate gehört Ludwig van Beethoven, und das Lied "Feel" gehört Robbie Williams.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 
Attaca

 

Der Zaubertrank-Unterricht fand am nächsten Morgen planmäßig zur ersten Stunde statt, Professor Snape war pünktlich wie immer. Mirela musterte ihn sehr genau, doch sie konnte nichts Außergewöhnliches feststellen. Gut, er war sehr blass und sehr dünn und übelst gelaunt, aber das war alles nichts Besonderes bei ihm. Was war nur gestern Nacht mit ihm los gewesen, und wie hatte er es geschafft, sich in der kurzen Zeit so völlig wiederherzustellen? Mirela hatte die ganze Nacht Alpträume gehabt, und heute früh hatte sie Angst davor gehabt, bei Tageslicht zu sehen, wie Severus Snape wohl aussah, falls er überhaupt zum Unterricht erschien. Vielleicht war ja alles gar nicht so schlimm gewesen, wie es in der Dunkelheit ausgesehen hatte? Vielleicht war er einfach nur betrunken aus Hogsmeade zurückgekehrt, und daher das wirre Gerede? Aber tief in ihr sagte ihr eine unbequeme Stimme, dass es nicht so war. Wo auch immer er an diesem Abend gewesen war, musste ihm etwas Schreckliches zugestoßen sein.

Ihr fielen seine Worte ein: "Ich kann nicht mehr. Nicht mehr lange." Und der Satz, als er ihr den Schlüssel gegeben hatte: "Ich werde in nächster Zeit öfter... verhindert sein." Öfter? Nicht mehr lange? Hieß das, dass was-auch-immer gestern Abend passiert war, kein Einzelfall war? Aber das war ja schrecklich, unvorstellbar! Wenn er es aber schaffte, am nächsten Morgen zum Unterricht zu erscheinen, als wäre nichts gewesen - vielleicht war dies dann gar nicht das erste Mal? Wie oft mochte er schon an jenen Ort gegangen sein, nachts, nachdem sie weg war? War er deshalb so versessen darauf, dass sie pünktlich um 22 Uhr verschwand? Sie hatte es immer nur seiner Pedanterie zugeschrieben. Aber was wäre, wenn...

 

Plötzlich stand Snape vor ihr. Drohend hatte er sich vor der Schülerin aufgebaut und schaute spöttisch aus seiner Höhe auf sie herunter. "Ich weiß nicht, was Sie letzte Nacht getrieben haben, statt sich auszuschlafen, aber hier ist nicht der richtige Ort, um es nachzuholen. Kommen Sie nach vorn und rühren Sie die Zutaten in den Trank ein, damit Sie wach bleiben! Achten Sie auf die richtige Reihenfolge! Es erfordert volle Konzentration!" Es schien, als wüsste Snape sehr genau, worüber sie nachdachte und wollte genau dies verhindern. "Ja, Se... Snape! Professor Snape!" stammelte Mirela und eilte mit hochrotem Kopf nach vorn. Einige Schüler kicherten.

 

Es wurde keine sehr angenehme Unterrichtsstunde. Snape war übellaunig, er verteilte so viele bissige Kommentare, wie er Punkte abzog. Mirela war die ganze Zeit mit dem hochkomplizierten Trank beschäftigt. Und zu guter Letzt bekamen sie noch einen Test zurück, dessen Ergebnis für die meisten Schüler niederschmetternd war. Es war ein ziemlich frustrierter Haufen, der am Ende den Kerker verließ. Einige waren ganz still, andere schimpften, Bobby heulte laut und vernehmlich.

 

"Das wirst du teuer bezahlen, Snape!" zischte Rick, als sie außer Hörweite des Lehrers und der anderen Schüler waren. Mirela fühlte, wie ihr schlecht wurde. "Du, hör mal..." druckste sie herum.

"Was?" Ricks Blick und Tonfall waren scharf, als er zu ihr herumwirbelte. Sie machte sich ganz klein und versuchte, ihren Mut zusammenzunehmen.

"Ich... ich weiß nicht, ob es richtig ist, was wir tun, Rick."

Er starrte sie ungläubig an.

"Kalte Füße gekriegt, Kleine? Angst vor der eigenen Courage? Hey, ich hätte dich nicht für einen Feigling gehalten, Mirela. Du wirst uns doch jetzt nicht hängen lassen? Sieh dir Bobby an! Dieser Mistkerl hat ihn schon wieder zum Heulen gebracht! Noch ein paar solche Noten, und Bobby braucht sich zur Abschlussprüfung erst gar nicht anzumelden. Es eilt, kapito?" Mirela starrte auf ihre Schuhspitzen: "Ich weiß ja... du hast ja recht... Snape muss weg, er ist kein guter Lehrer. Aber du willst nicht nur, dass er gehen muss, hab ich recht? Du willst ihn vorher noch quälen. Wie hast du gesagt? Demütigen. Vor allen Schülern und Lehrern. Und das... das gefällt mir nicht. Kannst du ihm das nicht ersparen? Er... er tut mir irgendwie leid." Rick schnaubte verächtlich. "Ich werde darüber nachdenken", sagte er unwillig, "ehe du mir wegen so etwas abspringst. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du so eine Mimose bist, tse! Mitleid mit Snape, ausgerechnet, ich fass es nicht! Als ob der überhaupt wüsste, was Mitleid ist! Aber okay, behalten wir unser Hauptziel im Auge: Snape muss gehen, auf die eine oder andere Weise. Von mir aus auch, ohne vorher ordentlich bestraft zu werden, aber verdient hätte er es allemal!"

Mirela dachte an das, was vergangene Nacht mit Snape los gewesen war und hatte den Eindruck, er sei "gestraft" genug, wofür auch immer. Aber von dieser Sache wollte sie Rick nichts erzählen.

Er war ihr aber bereits auf der Spur: "Was war eigentlich letzte Nacht los?" fragte er verärgert, "ich hab die halbe Nacht wachgelegen und immer wieder in die Kugel gestarrt, weil du stundenlang da rumgehangen hast! Und wo war Snape?"

"Er... er war nicht da."

"Das hab ich gesehen", fauchte Rick, "ich habe gefragt, wo er war! Irgendwann muss er ja offensichtlich zurückgekommen sein."

Mirela hatte nicht genug Zeit, um sich eine sinnvolle Antwort zu überlegen, also log sie schnell: "Er war in Hogsmeade und kam irgendwann betrunken zurück. Ich, äh, hab ihn im Schlafzimmer gefunden und bin dann gegangen."

Ricks Augen verengten sich zu Schlitzen, als er zischte: "Im Schlafzimmer, ja? Hochinteressant! Liebe Mirela, wenn ihr euer Haupt-Betätigungsfeld jetzt ins Schlafzimmer verlegt habt, dann solltest du die Kugel dort anbringen! Ich wette, da gibt es handfestere Dinge zu sehen, als im Musikraum!"

Sie starrte ihn ungläubig an. Dann schlug sie sich mit der Hand vor die Stirn und lief ihm mit großen Schritten davon. Rick eilte ihr nach, und Bobby trottete ratlos hinterher.

"Hey, krieg dich wieder ein!" rief Rick und hielt sie von hinten fest, "du wirst doch noch Spaß verstehen! Und es hätte ja sein können..."

"Du bist so ein Idiot!" schluchzte Mirela.

"Tut mir leid", murmelte er kleinlaut. Er nahm ihr Gesicht in beide Hände und drehte es so, dass sie ihm in die Augen sehen musste. Sein Blick war weich und zärtlich, und er sprach leise und besänftigend auf sie ein: "Hey, Mirela, ist ja gut. Es war dumm von mir, hörst du? Es tut mir leid. Na komm, ich dräng dich auch nicht mehr, was Snape angeht. Lass dir Zeit. Irgendwann krieg ich schon die Szenen in die Kugel, die ich brauche. Ach ja, du könntest mir einen kleinen Gefallen tun."

"Welchen?" fragte Mirela, die schon wieder versöhnt war, durch seine liebenswerte Art.

"Ach, nichts Wichtiges. Aber wenn du mal wieder allein im Musikraum bist, nimm dir doch mal ein paar von diesen alten Büchern und halt sie vor die Kugel, ja?" "Wozu soll das denn gut sein?" wunderte sich Mirela.

"Ach", winkte Rick ab, "bloß ein paar Tests. Ich will sehen, ob man durch die Kugel die Schrift auf den Buchdeckeln entziffern kann. Ich muss die Beleuchtung und die Schärfe des Observators besser einstellen, weißt du. Sonst mühst du dich am Ende ab, bis du endlich einen Kuss von ihm kriegst, und nachher ist in der Aufzeichnung gar nichts zu erkennen. Das wäre doch schade."

"Ach so, ja. Verstehe. An was du alles denkst."

Er lächelte geschmeichelt.

"Ich mach das bei Gelegenheit", versprach sie.

"Das wär lieb von dir", sagte Rick freundlich, "ach ja, und nimm am besten diese Alchemie- und Magiebücher, okay? Die sind älter als die Notenbücher, also sind die Buchstaben schwerer zu erkennen. Verblichener und außerdem so schnörkelig wahrscheinlich. Das ist dann sozusagen der Härtetest für den Observator."

Er zwinkerte ihr zu. Sie nickte: "Mach ich." Es war ihr ganz recht, dass sie erst einmal nichts Entscheidendes tun musste, in Sachen Snape. Nur ein paar "technische" Tests.

 

~~~
 

An den nächsten Tagen gab es keine besonderen Vorfälle. Snape war jeden Morgen im Unterricht grantig und fies und jeden Abend im Musikzimmer freundlich und zuvorkommend. Sie unterhielten sich viel über Musik, aber dem Thema, was in jener Nacht mit ihm los gewesen war, wich er hartnäckig aus. Das Leben ging seinen Gang, als wäre nie etwas passiert.

 

Eines Abends entschuldigte sich Snape mit den Worten: "Ich muss Sie für ein Stündchen hier allein lassen, Sie brauchen mich ja nicht zum Üben. Heute ist Lehrerkonferenz."

"Kein Problem", erwiderte Mirela, "ich komm ganz gut allein klar. Außerdem hab ich ja Gesellschaft. Stimmt's, Poe?"

Der Rabe krächzte leise und flatterte auf ihre Schulter. Snape zog die Augenbrauen hoch und blickte spöttisch zwischen dem Mädchen und dem Vogel hin und her.

"In der Tat", sagte er, "Sie werden nichts vermissen. Ich habe nichts, was Poe Ihnen nicht auch bieten könnte: einen finsteren Gesellen, funkelnde Blicke aus schwarzen Augen, einen übergroßen Zinken mitten im Gesicht und überflüssige, sarkastische Bemerkungen. Na, dann wünsche ich den beiden Herrschaften viel Vergnügen." Er warf sich seinen Umhang um die Schultern und rauschte hinaus.

 

Mirela streichelte zärtlich Poes schwarzes Gefieder. Der Vogel schmiegte sich in ihre Hand und gurrte genüsslich.

"So, Poe, jetzt sind wir unter uns", sagte Mirela, "erzähl doch mal: Was war denn neulich Nacht mit Severus los, hm?"

Der Rabe legte den Kopf schief und gluckste traurig:

"Aua!"

Mirela nickte: "Ja, ich weiß, Poe. Aber warum hatte er Schmerzen? Was war denn nur los?"

Poe schlug nervös mit den Flügeln und krächzte dunkel: "Crrrrrrrucio!"

Das Mädchen glaubte sich verhört zu haben. Meinte er wirklich den Unverzeihlichen Fluch? Aber wer würde denn...

"Poe?"

Doch der Rabe schien der Meinung zu sein, er habe schon zuviel gesagt. Er flatterte zurück auf seine Stange und steckte den Kopf unter den Flügel, und sie wusste, dass dann stundenlang nicht mehr mit ihm zu reden war. Seufzend ging sie hinüber ins Musikzimmer und schloss die Zwischentür.

 

Nun war sie allein im Musikraum, und ihr fielen die Tests mit dem Observator ein, heute war der ideale Tag dafür. Eines nach dem anderen, nahm Mirela die alten Magie- und Alchemie-Bücher aus dem Regal und hielt ihre Buchrücken und Titelblätter dicht vor die Kugel. Dann stellte sie jedes wieder an seinen Platz zurück. Nun würde Rick wenigstens einmal zufrieden sein, und sie hatte dafür nichts Zweifelhaftes tun müssen. Danach übte sie Geige, und als Snape zurück kam, spielte sie ihm noch kurz etwas vor. Er brauchte das, so sagte er, zur Entspannung, denn er hasste Lehrerkonferenzen. Pünktlich um 22 Uhr ging sie, wie immer.

 

~~~
 

Ja, Rick war zufrieden. Äußerst zufrieden. Genau genommen hatte Mirela nie ein so zufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht gesehen, wie jetzt.

"Dann waren die Buchstaben also gut zu lesen, ja?" fragte sie erfreut.

"Überdeutlich!" bestätigte Rick, "es ist glasklar zu erkennen, wo du diese Bücher hergenommen und auch wieder hingestellt hast und welche Titel sie tragen."

"Na fein", sagte Mirela lächelnd, "dann wird es ja keine Probleme mit der Sehschärfe geben, falls ich Snape je wirklich in eine verfängliche Situation bringen kann."

In Ricks Augen blitzte ein verschlagener Zug auf.

"Das wird nicht mehr nötig sein", verkündete er seelenruhig.

Mirela traute ihren Ohren nicht. Wollte er jetzt etwa alles abblasen, jetzt, nachdem sie soviel Zeit und Mühe in dieses Projekt investiert hatte, und ausgerechnet jetzt, wo die Tests so positiv verlaufen waren? Eigentlich war sie gar nicht böse drum, wenn sie diesen Wahnsinns-Plan aufgaben. Aber hätte ihm das nicht früher einfallen können?

"Du willst Snape nicht mehr von der Schule ekeln?" fragte sie mit einer Mischung aus Ärger und Erleichterung.

"Oh doch!" rief Rick aus, und sein Grinsen wirkte jetzt triumphierend, "aber ich brauche dich dafür nicht mehr. Du hast deine Aufgabe bestens erfüllt. Vielen Dank."

Mirela schüttelte ungläubig den Kopf.

"Ach was", winkte sie ab, "mit den paar Szenen, wo ich einfach nur neben ihm sitze und mit ihm rede, kannst du doch nichts anfangen. Dafür setzt man keinen auf die Straße. Er hat bisher überhaupt nichts Unsittliches oder Unrechtes getan. Wir haben nichts Handfestes gegen Snape in der Hand."

Rick lachte leise auf. "Oh doch", versicherte er böse grinsend, "das haben wir! Wir brauchen nur keine albernen Küsschen-Spiele mehr, verstehst du? So ist es dir sicher viel lieber, und mir auch. Wir werden ihn auf die ganz saubere Tour los. Und ich werde ihn auch nicht mit den Aufzeichnungen vor Schülern oder Lehrern bloßstellen, keine Sorge. Das habe ich dir ja versprochen. Es wird Leuten außerhalb der Schule vorbehalten bleiben, diese Aufzeichnungen zu sehen."

Mirela schüttelte den Kopf, sie verstand überhaupt nichts mehr. "Was hast du vor?" fragte sie, "was für Aufzeichnungen? Welche Leute?"

"Das Ministerium!" sagte Rick in einem gespielt sanften Tonfall, wie wenn er einem kleinen Kind etwas erklären wollte, "das Ministerium wird sich brennend für die Aufzeichnungen von Snapes Büchern interessieren!"

"Was?"

"Oooooh, Mirela", machte Rick im gleichen falsch-freundlichen Tonfall, "was bist du nur für eine Hexe, dass du so schlecht Latein kannst? Snapes Buchtitel sind sehr aufschlussreich, weißt du? 'Index Venenorum', die Liste der verbotenen Gifte. 'Codex Artium Obscurorum et Sinistrorum', oh ja, da findest du alles, wirklich alles über die 'Dunklen und Finsteren Künste'. 'Anathemae Prohibitae': 'Verbotene Flüche'. Ja, seine Bücher sind wirklich sehr interessant - und sehr verboten! Tse, tse."

Er schüttelte mit gespieltem Entsetzen den Kopf. Mirela begann zu begreifen. Das waren also Ricks "harmlose Tests" gewesen! Er hatte das von Anfang an geplant! Wie dumm von ihr, zu glauben, sie hätte seinen ganzen Plan gekannt. Sie war nur ein Rädchen in einem viel größeren Plan, als der lächerlichen Falle, die sie Snape stellen sollte. Die war von Anfang an nur eine von mehreren Alternativen gewesen, wie ihr nun schien.

"Ich verstehe", seufzte Mirela, "die Bücher, die er da unten versteckt, sind illegal. Dafür fliegt man von der Schule, hab ich Recht?"

"Aber nein", sagte Rick genüsslich, "dafür kommt man nach Askaban."

 

Mirela starrte Rick seit Minuten nur mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen an.

"Hat es dir die Sprache verschlagen, mein Engel?" fragte Rick zuckersüß. Mirela schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter.

"Askaban?" hauchte sie tonlos.

"Askaban", bestätigte Rick kühl und gleichmütig.

"Aber Askaban ist die Hölle!" versuchte sie ihm begreiflich zu machen, "sie quälen die Leute dort, bis sie verrückt werden oder sterben. Das weiß jeder. Das... das willst du doch nicht, Rick! Oder?" Sie sah ihn bittend an, als erwartete sie, dass er jeden Moment rufen würde: "April, April!" Aber das tat er nicht. Mirela ließ den Kopf hängen.

"Wie lange kommt man für den Besitz von verbotenen Büchern nach Askaban?" fragte sie leise, "sicher nicht allzu lange, oder?"

"Normalerweise nicht", sagte Rick bedeutungsvoll.

"Wie, normalerweise?" Er lächelte wissend und erklärte: "Für den bloßen Besitz solcher Bücher kriegt man höchstens ein Jahr, schätze ich. Wenn man sich sonst nichts zuschulden kommen lässt. Anders als z. B. für Todesserei, darauf steht lebenslänglich, wenn nicht gar der Kuss der Dementoren."

"Aha", machte Mirela.

"Ah, du denkst, das hat nichts mit unserem Fall zu tun, wie?" fragte Rick süßlich lächelnd, "aber das hat es! Wie schade, dass du nie soweit gekommen bist, den lieben Snape nackt zu sehen. Wenigstens seinen linken Unterarm. Er hat da ein hübsches Tattoo, weißt du?"

Mirela fiel es wie Schuppen von den Augen. Ein Mal am linken Unterarm? Das Todesser- Zeichen! Poes Anspielungen: "Lorrrrrd! Crrrrrrrucio!" Plötzlich passte alles! Aber Severus, ein Todesser? Sie wehrte sich dagegen, das zu glauben. Rick schien ihre Gedanken zu lesen.

"Ach, das kannst du wohl gar nicht glauben?" fragte er hämisch, "du naives, kleines Ding. Ja, Severus Snape war schon einmal angeklagt wegen Todesserei."

"Woher weißt du das?" fuhr ihm Mirela dazwischen.

"Das kann man in den Gerichtsakten nachlesen", gab er hochnäsig zurück, "und mein Vater ist Auror, schon vergessen? Ich werde auch Auror, wenn ich die Schule hinter mir habe. Ich übe bereits. Vielleicht verkürzen sie meine Ausbildungszeit, wenn ich ihnen jetzt schon so eine fette Beute liefern kann."

Mirela stöhnte auf. War das sein Ziel gewesen, von Anfang an? Jemanden hinter Gitter zu bringen, um sich vor seinem Vater und dessen Kollegen zu beweisen? Vielleicht hasste er Snape nicht einmal, sondern der Professor war nichts als ein Mittel zum Zweck. Wobei es Rick unübersehbar zusätzlich Spaß machte, seinem Opfer wehzutun, sei es, weil es Snape war, oder ganz allgemein. Was für ein Auror würde er wohl werden, wenn ihm das solches Vergnügen bereitete? Ob wohl noch andere so waren?

"Und was bedeutet das jetzt für Snape?" fragte sie mutlos.

Rick antwortete mit sichtlicher Freude: "Nichts Gutes, Mirela. Wie gesagt, auf den Besitz der Bücher allein stünde keine allzu lange Haftstrafe. Aber Snape wurde damals nur auf Bewährung freigelassen. Sie mussten es tun, weil Dumbledore persönlich sich für ihn verbürgt hat. Aber hundertprozentig überzeugt waren sie nie von Snapes Unschuld. Er war immerhin wirklich ein Todesser, aber Dumbledore behauptete, er habe die Seiten gewechselt und sei sein Spion. Wenn du mich fragst, Todesser bleibt Todesser, nicht umsonst geht so ein Mal nicht mehr ab. Jeder, der so ein Ding auf dem Arm hat, gehört aus dem Verkehr gezogen, für immer. Und glaub mir, ich bin nicht der einzige, der so denkt. Nun gut, die erwiesene Tatsache, dass er noch immer solche Bücher hortet, weist ihn eindeutig als Schwarzmagier aus, und somit kann er seine Bewährung vergessen. Ihn trifft die volle Strafe, der er sich damals entzogen hat. Zu dumm von ihm, da versteckt er seine Bücher schon in einem Zimmer, das keiner kennt und gibt sich fünfzehn oder wieviele Jahre lang, das müsste ich nachschauen, soviel Mühe, sich zu bewähren. Und dann verrät er sich, aus Schwäche für eine hübsche, kleine Veela oder für die Musik!"

 

Mirela fühlte sich, als hätte ihr jemand mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen. Severus würde für immer in der Finsternis von Askaban verschwinden. Ihretwegen! Weil er ihr vertraut hatte, weil er ein kleines bisschen von ihrer Musik, ihrem Licht abhaben wollte. Er hatte ihr nie etwas getan. Er wurde in die Hölle von Askaban geschickt, nicht weil er als junger Mann einen Fehler gemacht hatte und ein Todesser geworden war. Sondern weil er ein paar Schüler geärgert hatte, und weil ein Junge eine glänzende Karriere als Auror anstrebte. Das alles hatte mit ihr, Mirela, nichts zu tun, aber sie hatte ihn in die Hände seiner Feinde geliefert. Halt! Noch nicht! Noch waren die Aufzeichnungen des Observators nicht in Ricks Hand! Und er brauchte sie, Mirela, um die Kugel wiederzubekommen.

 

Ein gutes Gefühl durchlief sie bei dieser Erkenntnis. Es war nicht zu spät, die Sache war ihr nicht aus der Hand geglitten. Im ersten Moment wollte sie sagen: "Ich mach da nicht mit. Du bist krank, Rick!" Aber dann besann sie sich eines Besseren. Sie würde sich kooperativ geben. Und bei nächster Gelegenheit würde sie den Observator holen und verstecken, vernichten, was auch immer. Rick sollte ihn niemals bekommen.

"Ich habe mich im ersten Moment erschreckt, Rick", sagte sie, "es waren so viele schockierende Neuigkeiten. Aber du hast vollkommen Recht: Ein Todesser gehört nicht an eine Schule, sondern nach Askaban."

Rick nickte zufrieden. "Ich bin stolz, an seiner Überführung mitwirken zu können", fuhr Mirela fort und erschrak über sich selbst, wie falsch sie sein konnte, erst zu Severus, nun zu Rick, "bei nächster Gelegenheit hole ich die Kugel und bringe sie dir."

 

~~~
 

 
Precipitoso

 

An diesem Abend fühlte sich Mirela leicht und befreit, als sie zu den Kerkern hinunter stieg. Sie schwebte förmlich die Treppe hinab. Heute Abend würde sie dem bösen Spuk ein Ende machen. Irgendein unbeobachteter Moment würde sich schon bieten, in dem sie den Observator wegnehmen konnte. Sie würde die Beweise gegen Severus vernichten, und außer einem wütenden Rick, der in seinem eigenen Interesse besser den Mund hielt, und Bobby, der nichts kapiert hatte, würde nie ein Mensch davon erfahren. Sie würde die Sache vergessen und sich irgendwann selbst verzeihen, dass sie so dumm gewesen war. Es war ja nichts passiert. Sie würde weiter abends in Snapes "Kathedrale" Geige üben und die Freundschaft mit ihm - ja, so konnte man es wohl nennen - ohne Hintergedanken weiterführen. Erst als ihr die Last ihres grausamen Plans von den Schultern fiel, merkte sie, wie sehr sie sie bedrückt hatte.

 

Zu ihrem Erstaunen stand die Kerkertür offen. Das war gar nicht Snapes Art. Er versiegelte sie äußerst penibel mit Zauberbannen, wenn er fort ging, und auch, wenn er daheim war, war die Tür zur Außenwelt immer verschlossen. Unangemeldete Besuche gab es bei ihm nicht. Wer etwas von ihm wollte, musste klopfen und oft eine ganze Weile warten, bis Snape sich entschloss, nachzusehen. Mirela schubste die angelehnte Tür weiter auf und betrat den Unterrichtskerker. "Severus?" Plötzlich wurde sie von einem Hustenanfall geschüttelt. Beißender Qualm stieg ihr in die Nase und trübte ihre Sicht. Mirela ergriff den Saum ihres Umhangs und hielt ihn sich vor Mund und Nase, ehe sie weiterging. Als sie tiefer in den Raum hineinging, ließ das Brennen in ihren Augen nach, und sie wagte sie zu öffnen. Was sie sah, war unfassbar. Ein heilloses Chaos herrschte in Snapes sonst so ordentlichem Arbeitsbereich! Scherben lagen überall verstreut, und an einer etwas abgesenkten Stelle des Fußbodens, nahe der Tür, waren verschiedene Flüssigkeiten zu einer Pfütze zusammengelaufen, aus der der infernalische Dampf aufstieg. Die farbigen Rinnsale kamen aus verschiedenen Richtungen, liefen aus zerbrochenen Gefäßen, die die unterschiedlichsten Flüssigkeiten beherbergt haben mussten. Was da zusammenfloss, vertrug sich mit Sicherheit nicht gut, konnte brennbar sein, explosiv oder giftig. In jedem Fall stank es und brannte in den Atemwegen. Mirelas fassungsloser Blick wanderte über die Regale an den Wänden, wo Professor Snapes Gläser mit Trankzutaten zu stehen pflegten, fein säuberlich und liebevoll geordnet und beschriftet. Alles, nahezu alles, war kaputt. Scherbenhaufen, wohin man auch blickte. Die wenigen Behältnisse, die überhaupt noch in den Regalen standen, oder besser lagen, ließen scharfkantige Abbruchkanten aufragen. Flüssigkeiten tropften von den Regalbrettern zu Boden. Teile von eingelegten Pflanzen oder Tieren lagen grotesk herum. Mirela konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie fühlte nur ein würgendes Gefühl von Panik. Scherben knirschten unter ihren Füßen, als sie ins Schlafzimmer stürzte. "Severus? Poe?" Nicht einmal der Rabe war da. Ein Pfosten von Severus' Himmelbett war eingeknickt, als hätte jemand mit einer Axt darauf losgeschlagen. Mirela rannte weiter, hinab in's Musikzimmer. Auch hier: totale Verwüstung! Severus' Bücher, oder was von ihnen übrig war, lagen auf dem Boden verstreut. Herausgerissene, zerknüllte Seiten, wo man hinsah. All die Notenblätter, die Severus so liebevoll gesammelt hatte, achtlos hingeschleudert. Ein Gedanke durchzuckte Mirela. Sie ging in eine Ecke des Raumes. Der Observator! Er war weg.

 

Im ersten Moment hatte Mirela das Gefühl, sie würde ohnmächtig werden. Sie ließ sich langsam zu Boden sinken. Rick! Er musste ihr zuvorgekommen sein! Wie hatte sie auch glauben können, es wäre so einfach, seine Pläne zu durchkreuzen. Er hatte ihr vorhin vermutlich kein Wort geglaubt. Es war ja nicht jeder so gutgläubig wie sie selbst, sie hätte nicht von sich auf andere schließen sollen. Schon gar nicht auf Rick. Er musste gespürt haben, dass sie nicht mehr hinter seiner Sache stand, und hatte sich den Observator selbst geholt. Aber wie war er hier hereingekommen? Mirela griff in ihre Tasche. Der magische Schlüssel war noch da. Die Erkenntnis hätte das Mädchen zu Boden geschmettert, wenn es nicht schon eben dort gesessen hätte: Auroren! Natürlich. Rick war nicht allein hier herunter gekommen. Er hatte die Männer, denen er Snape ausliefern wollte, gleich mitgebracht. Wie dumm von ihr, zu glauben, dass er sie, Mirela, noch brauchte, um an's Ziel zu gelangen! Er hatte die Aufzeichnungen, die er wollte, und er hatte die nötigen Kontakte zu den Leuten, die sie sich mit Gewalt verschaffen konnten. Auroren, Götter in Gold, mit der Lizenz zum Töten, zum Foltern, und allemal zum Eindringen in jeden privaten Raum ihrer Wahl. Was für ein Kampf musste hier getobt haben, der solche Spuren hinterlassen hatte! Mirela wurde schlecht. Sie presste sich den Handrücken auf den Mund, um sich nicht zu übergeben. Obwohl es in diesem Chaos und Gestank schon kaum noch eine Rolle gespielt hätte. In ihrem Kopf entstanden Bilder, wie Snape verzweifelt versucht haben musste, sich seiner Haut zu wehren. Rohe körperliche Gewalt musste hier stattgefunden haben, und mit Sicherheit waren auf beiden Seiten Zaubersprüche hin- und her geflogen. Auroren durften die Unverzeihlichen Flüche gegen Todesser einsetzen, das wusste Mirela. Sie mochte sich nicht vorstellen, welche Arten von Flüchen in die Gläser auf den Regalen oder den Bettpfosten eingeschlagen sein mussten. Oder in welchem Zustand sie Severus letztendlich mitgenommen hatten.

 

Mirela hatte den Brechreiz unterdrückt und nahm den Handrücken vom Mund, fuhr damit über ihr Gesicht. Sie spürte, dass es nass war. Sie hatte nicht gemerkt, dass sie weinte. Sie erhob sich und wankte hinüber zum Flügel. Er stand offen. Auf dem Notenpult am Deckel stand noch ein Blatt Pergament. Noten, handgemalt. Ein unvollendetes Stück, offensichtlich noch nicht zu Ende komponiert. Mittendrin abgebrochen. Wie ein Leben, dass mitten in seiner Blüte beendet wurde. Nun würde es nie fertig werden. Mirela las die Überschrift, die in Snapes akkurater Handschrift über den Noten stand: "Für Mirela".

 

Sie sank auf den Klavierhocker und ließ ihren Kopf und ihre Arme auf die Tasten fallen, die eine schaurige Dissonanz herausschrieen. "Das hab ich nicht gewusst!" schluchzte sie. Sie hatte nicht gewusst, dass Severus auch komponierte. Sie hatte nicht gewusst, dass er es für sie tat. Für sie! Die ihn verkauft und verraten hatte! Sie hatte so vieles nicht gewusst.

 

In wenigen Tagen wäre das Stück wohl fertig gewesen. Er hätte es ihr geschenkt. Wahrscheinlich hätte er dabei gelächelt und versucht, es hinter einem Vorhang aus wirren, schwarzen Haarsträhnen zu verbergen. Furchtbar stolz wäre er gewesen und furchtbar ängstlich, ob es ihr gefallen würde. Das alles würde nun nie mehr stattfinden. Niemals. Sie würde das angefangene Blatt behalten, zur Erinnerung an einen Menschen, der gerade erst gelernt hatte zu lächeln, und der es nie wieder tun würde. Und sie würde nie im Leben wissen, wie die Melodie weiterging.

 

Das Lied war verstummt. Sein Leben war zerbrochen. Ihr eigenes Leben war zerstört. Und alles war ihre Schuld! So fühlte es sich also an, wenn man wahnsinnig wurde.

 

Schwankend erhob sich Mirela von dem Hocker, das Notenblatt in der Hand, und schlurfte durch die Buchseiten am Boden, wie durch eine Schicht toter Blätter im Herbst. Doch hier würde es keinen Frühling geben, der alles wieder gut machte. Sie stolperte über ein Buch, landete auf allen vieren. Ihr Blick fiel auf das Buch, an dem sie hängengeblieben war. "Fidelio", das Text- und Notenbuch zur Oper, illustriert von Severus Snape. Ihre zitternden Finger blätterten durch die Seiten. Eine eiskalte Hand griff nach ihrer Seele, beim Betrachten der furchtbaren Bilder. Die schwarzen, undurchdringlichen Mauern des Gefängnisses, getränkt von Angst und stummen Schreien. Die Dementoren. Askaban. Der Gefangene im untersten Verlies, halb tot. "Nein!" schluchzte Mirela, "nein! Ich wollte das nicht! Was hab ich getan!"

 

Rick! Mirela klammerte sich an den einen Gedanken: Rick! Er war schuld, nicht sie! Sie hatte das doch nicht gewollt. Er war es! Er ganz allein! Und er musste machen, dass es wegging! Er musste machen, dass alles wieder gut war! Wo war er?

 

~~~
 

"Was'n mit dir los, Miri?" fragte Bobby. Er sah erschrocken aus.

"Miri, hast du geweint?"

"Bobby, wo ist Rick?"

"Der is' nich' da. Er hat mir nich'mal gesagt, wo er hin will. Und ich warte schon ganz lange auf ihn."

Bobby guckte wie ein kleines Kind, das von seiner Mama allein gelassen wurde und halb ängstlich, halb trotzig herumsteht. Miri war ihm auch keine Hilfe. Jetzt rannte die auch noch weg! Warum sagte ihm keiner was? Und wie sie ausgesehen hatte...

 

Mirela rannte die Gänge entlang. "Dumbledore!" dachte sie, "wenn es einen gibt, der alles wieder gutmachen kann, ist es Dumbledore!"

 

~~~
 

 
Lamentoso / Misterioso

 

Albus Dumbledore sagte eine ganze Weile gar nichts. Er saß nur da und blickte sie mit seinen hellen Augen an, die sonst immer lustig hinter den halbmondförmigen Brillengläsern funkelten. Heute waren sie stumpf und glanzlos und erfüllt von einem Kummer, der Mirela zwang, ihren Blick abzuwenden. Sie war hierher gekommen, weil sie glaubte, er könne alles, wirklich alles zum Guten wenden. Doch ihr gegenüber saß ein Mann, der plötzlich uralt wirkte und ebenso hilflos wie sie selbst.

 

Mirela musste wegsehen. Ihr Blick wanderte unruhig durch das Büro des Schulleiters und fiel auf Fawkes' Vogelstange. Der Phoenix saß darauf, und neben ihm, eng an ihn gedrückt, hockte - Poe! Fawkes hatte schützend seinen Flügel um den Raben gelegt. Offenbar waren die beiden Freunde. So wie Dumbledore und Snape. Dumbledore hatte Snape unter seine Fittiche genommen, wie der mächtige Phoenix den kleinen Unglücksraben. Doch auch Albus Dumbledore konnte nicht jedes Unheil abwenden. Mirela stand auf und ging zu den beiden Vögeln hinüber. Es war so tröstlich, ihren kleinen Freund Poe wiederzusehen. Sie streckte die Hand nach ihm aus und versuchte, unter Tränen zu lächeln: "Hallo, Poe..." Doch der Rabe hackte so heftig mit dem Schnabel nach ihrer Hand, dass sie sie gerade noch zurückziehen konnte, um nicht ernsthaft verletzt zu werden. Hastig kehrte sie auf ihren Platz zurück.

 

"Warum gerade Severus?" murmelte Dumbledore heiser, "warum mussten Sie gerade ihn verletzen? Ich habe Sie an unserer Schule aufgenommen, obwohl ich um die Gefahren wusste, die von einer Halb-Veela ausgehen können. Ich habe Sie damals gebeten, rücksichtsvoll zu sein und niemandem wehzutun. Vielleicht war es zuviel verlangt. Aber warum ausgerechnet Severus? Niemanden hätte es so tief getroffen wie ihn. Es ist, als wenn Sie in ein Krankenhaus gehen, zu jemandem, der bereits schwer verletzt ist, und ihn zusammenschlagen."

 

Mirela schaffte es nicht, Dumbledore anzuschauen. Ihr Gesicht brannte vor Scham. Sie wagte es nicht, um Verzeihung zu bitten, denn sie wusste, sie hatte keine verdient. Alles, was sie sagte, war: "Sie müssen mich hassen."

 

Dumbledore schob eine Hand unter ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Nein, kein Hass, keine Wut lag in den Augen des alten Mannes. Nur unendliche Trauer und Sorge. Und so etwas wie eine übergroße Erschöpfung.

"Nein, ich hasse Sie nicht", sagte er, "ich möchte Ihnen etwas erzählen: Vor vielen Jahren - nun, Ihnen würden es viele erscheinen, für mich ist es wie ein Augenblick - saß jemand da auf dem Stuhl mir gegenüber. Da, wo Sie jetzt sitzen, mein Mädchen. Ein Junge, nicht sehr viel älter als Sie. Er kam zu mir, weil er eine große Dummheit gemacht hatte, einen schlimmen und folgenschweren Fehler. Er hatte Tränen in den Augen und konnte mir nicht in's Gesicht sehen vor lauter Scham. Es tat ihm so leid, was er getan hatte, und er konnte es nicht einfach wieder gutmachen. Nicht einmal ich konnte das. Glauben Sie, dass ich ihn gehasst habe?"

Mirela schüttelte zaghaft den Kopf.

"Nein, ich habe ihn nicht gehasst", bestätigte Dumbledore, "er hat sich schon selbst genug dafür gehasst. Eigentlich hat er nie wieder damit aufgehört, so sehr ich auch versucht habe, ihm zu helfen. Ich besaß nicht die Allmacht, auf die er gehofft hatte. Er musste feststellen, dass auch ich nur ein Mensch bin. Aber vielleicht war ein Mensch genau das, was er brauchte. Er wurde mein Freund. Ich konnte nicht alles Geschehene wieder gutmachen. Aber ich konnte ihm helfen, ein Zuhause zu finden und sich, Stück für Stück, so etwas wie ein teilweise 'normales' Leben aufzubauen, wenn schon kein glückliches."

Mirela schluckte schwer. "Und ich habe das alles kaputt gemacht, nicht wahr?" flüsterte sie. Dumbledore nickte stumm.

 

Eine Weile saßen sie schweigend da, dann ergriff der Schulleiter wieder das Wort. "Es ist auch meine Schuld", sagte er leise und traurig.

"Ihre? Nein!" rief Mirela aus, "es ist doch nicht Ihre Schuld!"

Dumbledore rieb sich die Augen, als habe er Kopfschmerzen. "Ich habe ihn gedrängt, jemandem zu vertrauen", sagte er mit müder Stimme, "Ihnen zu vertrauen! Es war ein Fehler. Ich hätte ihm glauben sollen. Aber nein, ich musste ihm die Idee ausreden, dass ihm hier in Hogwarts irgendjemand schaden wolle. Ich musste ihn drängen, seinen eigenen Instinkten zu misstrauen, die ihn geschützt hätten. Ich dachte, ich tue ihm einen Gefallen, wenn ich den harten Panzer aufbreche, den er um sich errichtet hat. Aber ich habe ihn nur wehrlos und verletzlich gemacht, wie eine Schnecke, deren Haus man zertritt. Warum war ich nur so überheblich überzeugt von der 'Güte' der Welt, die ich ihm zeigen wollte? Die ihn mit offenen Armen empfangen sollte? Ich habe ihn in die Arme derer getrieben, die ihn vernichten wollten."

 

Mirela verbarg das Gesicht in den Händen und fing erneut an zu weinen. "Ich hab ihn nach Askaban gebracht!" schluchzte sie, "tun Sie doch was, Professor Dumbledore! Holen Sie ihn da raus, bitte!"

Der Schulleiter seufzte leise: "Ich werde sehen, was ich tun kann. Aber ich mache mir nicht viel Hoffnung. Ich habe einmal für Severus gebürgt, aber so einfach wird es diesmal nicht mehr gehen. Ich werde mit dem Ministerium Kontakt aufnehmen. Warten Sie bitte solange draußen."

 

Die Minuten vor der Tür des Büros erschienen Mirela wie eine Ewigkeit. Sie knabberte ihre langen, sorgfältig gepflegten Fingernägel ab, während sie voller Furcht und Hoffnung wartete. Endlich rief Dumbledore sie hinein. Mirela wurde ein Stück kleiner, als sie sah, wie grau und ausdruckslos sein Gesicht war.

"Sie sagen, sie hätten keinen Severus Snape in Askaban oder im Ministerium", berichtete er. Mirelas Miene hellte sich auf.

"Aber das ist doch gut!" rief sie aus.

Doch Dumbledore schüttelte bedrückt den Kopf. "Nein", sagte er leise, "das ist kein gutes Zeichen. Ich kenne genug solche Fälle. Die Menschen, von deren Verbleib niemand etwas weiß, die kehren nie wieder."

Das Mädchen blickte ihn ungläubig an.

"Ja", sagte er traurig, "Menschen 'verschwinden' einfach. Das kommt leider vor, in unserem System. Das Ministerium hat längst verlernt, was Menschenrechte bedeuten."

Mirela wollte es nicht wahrhaben. Das konnte, das durfte einfach nicht sein.

"Aber was sollten sie denn davon haben, jemanden verschwinden zu lassen?" zweifelte sie.

Dumbledore seufzte tief auf und erklärte es ihr: "Sie tun das in Fällen, wo sie sich nicht ganz legal verhalten haben. Wenn Sie jemanden so schwer misshandelt haben, dass sein Anblick einen Aufruhr auslösen könnte. Oder wenn ihnen ein Gefangener unter den Händen weggestorben ist. Oder wenn sie jemanden ohne weitere Verfügung dem Kuss der Dementoren ausgesetzt haben. Niemand weiß genau, wo die seelenlosen Opfer landen. Sie sind einfach weg. Und die meisten Leute ziehen es auch vor, nichts darüber zu wissen."

Mirela war totenbleich geworden während dieser Worte. Jede einzelne dieser Möglichkeiten war so schrecklich! Und irgendetwas davon hatten sie mit Severus gemacht... Sie sprang auf und rannte heulend aus dem Büro des Schulleiters.

 

~~~
 

Mirela lehnte sich atemlos an einen Baumstamm. Sie war bis nach draußen gerannt. Ihr war danach, immer weiter zu rennen, für den Rest ihres Lebens, um nur nicht denken zu müssen. Doch schon nach diesen paar Minuten konnte sie nicht mehr. Sie keuchte und wartete darauf, dass das Seitenstechen nachließ. Ein kühler Nachtwind wehte, und Mirela zog den Umhang fester um sich. Sie staunte, dass die Kühle sie überhaupt noch kümmerte. Aber vielleicht taten so banale Gedanken ihr gut? Sie versuchte es gleich mit dem nächsten: Wieviel Uhr mochte es sein? Schon nach 22 Uhr? Severus hätte sie sicher schon ins Bett geschickt - Mist, kein guter Versuch! Stöhnend legte Mirela den Kopf in den Nacken. Hinter ihrer Stirn pochte es schmerzhaft. Kurz kniff sie die Augen zu. Als sie sie wieder öffnete, blickten sie hinauf in den Nachthimmel. Der Vollmond stand als milchigweiße Scheibe über ihr. Bei anderer Gelegenheit hätte sie ihn schön gefunden. Schön wie die Mondschein-Sonate... Oh shit! Es hatte keinen Zweck. Severus war überall. Überall, nur nicht wirklich hier, wo er sein sollte... Schaudernd dachte Mirela an die Worte, die ihre Mutter ihr gesagt hatte, als sie klein war und um eine tote Katze trauerte: "Die Toten sind nicht fort. Sie sind nur überall. Du kannst sie fühlen, sie sind dir ganz nah." Wenn sie Severus nun überall fühlte, bedeutete das dann, dass er... ? Vielleicht sollte sie es ihm sogar wünschen: dass er tot war und seine Seele frei. Wenn sie wirklich hier war, konnte sie doch kein Dementor verschlungen haben, oder? Mirela schüttelte sich. Nein, sie konnte sich nicht wünschen, dass er tot war. Er war doch noch so jung, selbst für einen Muggel wäre er noch jung gewesen, und als Zauberer hätte er viel älter werden können. Mirela fing an zu rechnen, wieviele Jahre seines Lebens sie ihm geraubt hatte.

"Halt" befahl sie sich selbst, "hör auf damit! Das ist ja krank!" Aber was sollte sie tun, außer wahnsinnig werden? Mit dieser Schuld konnte sie doch nicht weiterleben... Eine andere Möglichkeit fiel ihr ein...

 

Sie betrachtete eine dunkle Wolke, die vor dem Mond entlang zog und begann, die Mondschein-Sonate vor sich hin zu summen. Sie sah Severus vor sich. So deutlich! Sie hörte seine Stimme: "Ja, stellen sie sich vor: Der Mondschein hat noch anderes zu bieten als Werwölfe! Selbst jemandem wie mir."

Mirelas Blick wanderte hinüber zum Waldrand. Schwarz ragte der Verbotene Wald hinter Hagrids Hütte auf, wie eine Grenze, hinter der es keine Welt mehr gab. Sie glaubte, von fern ein dumpfes Heulen zu hören. Ein Wolf? Ein... Werwolf? Sie schaute wieder hinauf in das silbrige Licht des Vollmonds. Zu hell! Jeder würde sie hier sehen. Jeder würde ihre Schuld sehen. Weg, nur weg, in's Dunkle! In den Wald, wo Monster hausten. Monster wie sie. Mit langsamen, aber festen Schritten ging sie darauf zu.

 

Sie fühlte, wie sie eine unsichtbare Schwelle überschritt, als sie den Wald erreichte. Sie betrat ein Reich, aus dem es kein Zurück mehr gab. So sollte es sein. Zuerst erschien ihr die Finsternis des Waldes undurchdringlich. Doch als sich ihre Augen daran gewöhnt hatten, sah sie, dass bläuliches Mondlicht bis hier hereindrang. Ihre Füße versanken in den dichten Schwaden des Bodennebels. Die Baumstämme schimmerten geisterhaft. Es war sehr still, nur ab und zu knackte ein Ast, oder ein Baumstamm knarrte und ächzte. Es klang schaurig. Aber das Schrecklichste war das Heulen, das in einigen Abständen aus den Tiefen des Waldes herüberdrang. Es klang zum Weglaufen, doch Mirela hielt darauf zu. Beim Voranschreiten ging sie in Gedanken durch, was sie in "Pflege magischer Geschöpfe" und "Verteidigung gegen die dunklen Künste" über den Verbotenen Wald gelernt hatte. Die Einhörner interessierten sie heute weniger. Diese unschuldigen Wesen würden sich ohnehin entsetzt zurückziehen, sobald sie sie witterten. Der Werwolf, wenn es einer war, erschien ihr eher als das Richtige. Einen Moment lang überlegte sie, ob es Professor Lupin sein konnte. Aber das war äußerst unwahrscheinlich, da er Hogwarts vor längerer Zeit verlassen hatte. Es gab mehr Werwölfe auf der Welt als ihn. Es wäre nur eine schöne Ironie des Schicksals gewesen, wenn sie, die Mörderin eines Lehrers, nun von einem Lehrer gefressen würde. Sie überlegte, ob sie es überhaupt bis zu dem Werwolf schaffen würde. Was wäre, wenn ihm ein anderes Wesen zuvorkäme? Auch recht. Vielleicht begegnete sie einem Letifold. Das waren diese grässlichen Dinger, die aussahen wie eine Decke oder ein Umhang und sich auf einen legten, um einen zu ersticken. Oder sie würde einem angriffslustigen Graphorn begegnen, das sie freundlicherweise auf seine langen, spitzen Hörner spießte. Was hatte sie über diese Tiere gelernt? "Ihre Haut ist zäher als Drachenhaut. Alle Flüche prallen von ihr ab." Dumbledores Worte kamen ihr in den Sinn: Dass er Severus seinen schützenden Panzer genommen habe. Wäre er doch ein Graphorn, an dem alle Verführungskünste einer Veela abprallten! Und alle Flüche der Auroren... Flüche? Vielleicht lief ja ein barmherziger Todesser hier irgendwo herum, der es ihr mit einem kurzen "Avada Kedavra" unverdient leicht machte. Oder sie fand die Senke, in der die Riesenspinne Aragog mit ihrer Familie lebte. Das würde passen, im Spinnennetz zu enden, so wie sie den armen Severus eingewickelt hatte. "Kommt alle her!" rief Mirela und ärgerte sich, dass ihre Stimme so piepsig klang, "hier ist eine unwiderstehliche Veela, lasst euch bitte anlocken!" Aber vielleicht verging denen ja der Appetit, weil sie ein größeres Monster war als sie alle zusammen.

 

Das Heulen des Werwolfs klang nun nicht mehr so fern. Einmal leuchtete ein Paar roter Augen neben Mirela im Gebüsch auf, aber das konnte er nicht sein, sie hörte ihn aus einer anderen Richtung. Als sie weiterging, glaubte sie den Atem irgendeines Wesens in ihrem Nacken zu spüren, aber sie sah nichts Lebendes außer sich selbst. Neben ihr knackte etwas. Es klang nicht wie das Brechen von Ästen. Eher wie Knochen, die von kräftigen Kiefern zermalmt wurden. Etwas schmatzte. Aber das konnte auch der Sumpf sein. Vielleicht sollte sie den suchen und einfach versinken. Doch stattdessen ging sie wie ein aufgezogenes Spielzeug immer weiter auf das Wolfsgeheul zu. Aus der Nähe hörte es sich anders an. Da waren leise Untertöne wie Knurren und Hecheln. Unwillkürlich bekam sie Angst. Aber das würde sie nicht daran hindern, ihr Ziel bis zum bitteren Ende zu verfolgen. Darin war sie ja gut: einen einmal gefassten Plan bis zu seinem schrecklichen Endergebnis durchzuziehen! Sie stolperte weiter - und dann sah sie ihn! Der Anblick war schrecklicher als alles, was sie sich bei dem schaurigen Geheul schon ausgemalt hatte. Der Werwolf war ein riesenhaftes Vieh. Sein klobiger Schädel saß in einer unglaublichen Höhe und schwang bedrohlich hin und her. Röchelnd saugte das Wesen die Luft ein. Nahm es schon ihre Witterung auf? Es warf den struppigen Kopf in den Nacken und heulte erneut den Mond an. Ein Jagdruf? Danach hörte sie von dem Werwolf nur noch ein Hecheln. Es klang widerwärtig gierig. Das Monster schlug seine langen Krallen in einen Baumstamm und riss breite Streifen Rinde ab, was ein grässliches Kratzgeräusch verursachte. Es war keine schöne Vorstellung, dass diese Krallen ihr gleich das Fleisch von den Knochen zerren würden. Doch Mirelas Todeswunsch war stärker als ihr Fluchtinstinkt. Sie blieb stehen und wartete ab. Plötzlich schoss etwas auf sie zu. Es war nicht der Werwolf. Der stand immer noch in einiger Entfernung und heulte ein weiteres Mal den Mond an. Sie starrte erschrocken auf den schwarzen Schatten, der unerwartet auf sie zu flog. Er sah aus wie ein großer schwarzer Umhang. Ein Letifold! Schon hatte er sich über sie gebreitet und drückte sie zu Boden. Es war erstaunlich, mit welchem Gewicht etwas, das aussah wie ein bloßes Stück Stoff, auf einem lasten konnte. Aber sicher, es sollte sie ja auch ersticken. Das war es dann also. Sie hatte ihr Ziel erreicht. Um sie herum war es schwarz geworden. Sie wartete darauf, dass ihren Lungen der Luftvorrat ausging.

 

~~~
 

Der Tod durch einen Letifold war eine langsamere Angelegenheit, als Mirela gedacht hatte. Sein Gewicht lastete unangenehm auf ihr, aber sie bekam immer noch etwas Luft. "Nun mach schon, bring's hinter dich!" dachte ein letztes Restchen wacher Verstand in Mirelas Kopf. Der übrige Teil ihres Gehirns befasste sich mit Panik. Sie hörte immer noch den Werwolf, wenn auch gedämpft durch den Stoff. Sein Heulen klang so noch dumpfer. Und es klang näher als vorher. Würde er mit dem Letifold um die Beute kämpfen? Das Gewicht des Letifolds drückte schmerzhaft auf einen ihrer Wirbel. Seltsamerweise war der Letifold warm. Sie hätte vermutet, dass die Dinger eisig waren. Sie schwitzte unter dem dicken Stoff, und ihr wurde flau im Magen. Ihr Kreislauf begann verrückt zu spielen. Aber sie konnte immer noch atmen, wenn auch das auf ihr lastende Gewicht und der Stoff es erschwerten. Sie hörte schlurfende Schritte und das Scharren von Krallen auf dem Boden. Der Werwolf! Er musste ganz in der Nähe sein. Im gleichen Moment verstärkte der Letifold seinen Druck auf sie. Jetzt schnürte er ihr wirklich die Luft ab, und ihre Rippen knacksten unangenehm. Sie spürte, wie sie in die Bewusstlosigkeit hinüberglitt. Mit dem letzten Rest ihrer Wahrnehmunsgfähigkeit registrierte sie, dass der Werwolf sich schnaufend entfernte. Er ließ sie allein mit dem Letifold, und der hatte sein Werk nun beinahe vollbracht.

 

Plötzlich strömte ein Schwall Luft in ihre Lungen. Sie fühlte sich auf einmal ganz leicht, und ihr war angenehm kühl. War das der Himmel? Was hatte eine wie sie hier zu suchen? Aber es konnte nicht der Himmel sein, denn der Letifold war noch da. Sie sah ihn über sich in der Luft hängen. Warum hatte er von ihr abgelassen? Na klasse, und nun sah sie auch noch einen Geist! Sie sollte wohl erst alle Attraktionen des Verbotenen Waldes kennenlernen, bevor sie sterben durfte. "Ja, hier bin ich", sagte sie mit schwacher Stimme zu dem Geist, "ich konnte mir denken, dass du mich verfolgen würdest. Es tut mir leid, Severus..." Dann wurde ihr schwarz vor den Augen und sie spürte nichts mehr.

 

~~~
 

 
Dolcissimo / Affrettando / Furioso

 

"Hm-hmmm...la la la..." "Mama?" "Schlaf, mein Kind, schlaf..." Mama summt leise. Mama wiegt sie in ihren Armen. Hin und her, hin und her, auf und ab... Es schaukelt so schön. Und Mama ist groß und weich und warm. Hm, ja, ankuscheln und schlafen, so kann es ruhig für immer bleiben, schaukel-schaukel... Hoppe, hoppe, Reiter... "Schlaf, mein Kind." Alles ist dunkel und weich und warm.

 

Ein kalter Windstoß. Mirela riss ihre Augen auf. 'Mama?! Wo bin ich?' Das hier war nicht das Wohnzimmer. Es war ein Wald. Baumstämme glitten an ihr vorüber. Und sie war auch kein kleines Kind mehr, oder? Aber sie wurde doch im Arm getragen. Und es schaukelte, auf und ab, auf und ab... Jemand lief sehr eilig durch einen Wald und trug sie. Mirela drehte den Kopf nach oben und sah nach. Oh, natürlich! Der Geist. Moment mal... Seit wann konnten Geister so fest zupacken? Sie kannte einen anderen Professor, der ein Geist war, Professor Binns, und als sie ihm an ihrem ersten Schultag die Hand geben wollte, war sie hindurchgeglitten wie durch Luft. Sie hatte nichts gespürt, außer einem eisigen Lufthauch. Professor Snapes Geist war sehr anders. Er hatte starke Arme, die angenehm spürbar waren, und er war warm. Er duftete nach Kräutern. Und da ihr Ohr an seiner Brust lag, konnte sie sein Herz schlagen hören. Es schlug sehr schnell, ob vom eiligen Laufen oder vor Aufregung. He, he, he, Moment mal, ganz langsam: "Verteidigung gegen die dunklen Künste", 1. Schuljahr: "Geister sind körperlose Wesen. Da sie tot sind, haben sie weder Atmung noch Herzschlag, noch sonstige Körperfunktionen." Ungläubig blickte Mirela hoch in das Gesicht des Mannes.

"Severus???"

"In der Tat."

 

Severus! Er lebte! Er war hier, im Verbotenen Wald!

"Was suchen Sie hier?" stammelte Mirela.

"Na, wohl dasselbe wie Sie", entgegnete er.

"Den Tod?"

"Ja. Oder denselben Werwolf wie Sie. Ich wurde einmal beinahe von einem Werwolf gefressen, als ich ein Schüler war. Ich dachte, ich könnte das endlich vollenden. Aber jedesmal kommt einem jemand dazwischen. Sehr enervierend. Naja, wenigstens habe ich Ihr Werwolf-Rendezvous auch gestört."

Mirelas Kopf schwirrte. Sie sagte erst einmal gar nichts mehr, lehnte nur ihren Kopf an, spürte die Wärme, hörte den Herzschlag und roch den herben Duft der Kräuter. In ihrem Kopf sang eine Stimme: "Severus lebt! Er lebt, er lebt, er lebt!" Sie hätte die Welt umarmen können. Aber eigentlich war es genug, dass sie ihn umarmte. Sie hielt sich fester, als nötig gewesen wäre. Sie hatte plötzlich den Wunsch jeden Tag, jede Nacht so in seinen Arm gekuschelt zu bleiben. Severus, Severus, Severus...

 

Sie wusste nicht, wie lange sie so den Wald durchquert hatten. Da waren immer noch die vielen unheimlichen Geräusche um sie herum gewesen, aber auf Severus' Arm hatte sie gar keine Angst gehabt. Jetzt übertraten sie die Schwelle hinaus in die Welt das Lichts - nun, immerhin des Mondlichts, das ja heute recht hell war. Mirela hatte nicht gedacht, dass sie je den Rückweg über diese Grenze antreten würde. Severus wohl auch nicht. Auf einer mondbeschienenen Wiese hielt er an und setzte sie im feuchten Gras ab. Er setzte sich erschöpft daneben. Es war ihnen egal, dass sie ein wenig nass wurden. Die Sommernacht war nicht kalt. Im Vergleich zum Wald war es hier geradezu umwerfend warm und hell. Snapes Atem ging stoßweise. Es musste ganz schön anstrengend gewesen sein, sie den weiten Weg in diesem Tempo zu schleppen. Mirela sah hinauf zum Vollmond. Sie hatte das Gefühl, sie müsste irgendwem danken. Vielleicht dem Mond. Irgendwem da oben. Oh natürlich, Severus auch! Für ihre Rettung. Aber im Moment fühlte sie mehr Dankbarkeit für sein Leben als für ihr eigenes.

 

"Severus", brach Mirela irgendwann das Schweigen, "ist es hier nicht zu gefährlich für Sie? Waren Sie nicht im Verbotenen Wald, um sich zu verstecken? Ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen in Schwierigkeiten kommen."

"Ach, auf einmal!" schnaubte Snape. Erschrocken blickte Mirela in sein Gesicht und sah, dass es voll unterdrücktem Schmerz war. Er sah aus wie jemand, der dringend weinen müsste und es sich verbietet. Es gab ihr einen Stich, dieses versteinerte Gesicht zu sehen.

"Ich möchte wirklich nicht, dass Ihnen etwas zustößt", versicherte sie leise, "Sie sind doch auf der Flucht vor den Auroren, nicht wahr?"

"Das hätten Sie wohl gern", sagte Snape bitter, "aber ich muss Sie enttäuschen."

Mirela versuchte, seine Worte zu begreifen. "Wie... ich meine... Sie wurden gar nicht verhaftet, oder wie?"

"Nein, wie kommen Sie darauf? Reines Wunschdenken, was?" Mirela traten Tränen in die Augen, weil er so sarkastisch und verbittert wirkte. Das war der Snape, den sie seit Jahren aus dem Unterricht kannte. Aber der Mann, der mit ihr in seiner Kathedrale musiziert und geredet hatte, der richtig niedlich-schüchtern lächeln konnte... wo war der? Vielleicht war der heute tatsächlich gestorben. Sie schluckte und erinnerte sich, dass sie noch eine Antwort schuldig war.

"Wunschdenken?" flüsterte sie, "ich hatte solche Angst um Sie! Hm, Sie wurden also nicht verhaftet. Konnten gleich fliehen, oder wie? Sie müssen doch aber zumindest mit den Auroren gekämpft haben, ich habe doch die Verwüstung in Ihren Kerkern gesehen!"

Snape lachte kurz auf, aber es war ein freudloses, kaltes Lachen. "Ach, darauf gründen Sie Ihre Theorie von meiner Verhaftung! Nein, ich hatte nie Besuch von Auroren. Das Chaos da unten hat jemand anders angerichtet."

Sie sah ihn mit großen Augen an. Wer sonst konnte so brutal dort gewütet haben?

"Wer?" fragte sie nur.

Snape sah sie an und lächelte sehr spöttisch: "Sie haben sechs Jahre lang meinen Unterricht genossen. Ich dachte, Sie wüssten, dass ich zu Wutausbrüchen neige."

Mirela riss Mund und Augen auf: "SIE???"

Er nickte knapp.

"Aber warum?" hauchte Mirela.

"Ich hatte das besondere Vergnügen, das anregende Gespräch zwischen Ihnen und Ihrem Freund Rick mitanzuhören", erwiderte er, und jede Spur eines Lächelns war aus seinem Gesicht verschwunden, "man sollte stets damit rechnen, dass Snape durch die Gänge schleicht."

 

~~~
 

 
Anima Soul / Dolore

 

Alle Farbe war aus Mirelas Gesicht gewichen. Er hatte ihr Gespräch mit angehört? Oh nein, wie furchtbar musste es für ihn gewesen sein, zu erfahren, dass sie die ganze Zeit nur mit seinen Gefühlen gespielt hatte! Auf die grausamste Art und Weise und mit dem alleinigen Ziel, ihn bloßzustellen und zu verspotten und mit Schimpf und Schande von der Schule jagen zu lassen. Sie schämte sich fürchterlich für das, was sie ihm angetan hatte. Die ganze Zeit hatte sie geglaubt, sie habe kaum eine Wirkung auf ihn, und es hatte sie rasend gemacht und angestachelt, immer weiter zu gehen. Sie hatte nicht geahnt, dass er zur selben Zeit ein Lied für sie komponierte. Sie hatte seine tiefen Gefühle für sie nicht erkannt, weil sie so anders waren als die plumpen Annäherungsversuche, die sie gewöhnt war. Dieser vorsichtige, verschlossene Mensch hatte ihr vertraut, ihr die Tür zu seinem Innersten geöffnet - und sie war dort eingedrungen, nur um ihn zu treten und zu verletzen. Um ein Haar tödlich zu verletzen, wie sie nun wusste.

Doch plötzlich kam ihr ein noch schrecklicherer Verdacht. Sie versuchte verzweifelt, sich zu konzentrieren und sich ihr letztes Gespräch mit Rick ins Gedächtnis zurückzurufen. Was genau hatte Severus gehört? Mit einigen Lücken, fiel ihr das meiste wieder ein:

 

 

"Na fein, dann wird es ja keine Probleme mit der Sehschärfe geben, falls ich Snape je wirklich in eine verfängliche Situation bringen kann."

"Das wird nicht mehr nötig sein."

"Du willst Snape nicht mehr von der Schule ekeln?"

"Oh doch! Aber ich brauche dich dafür nicht mehr. Du hast deine Aufgabe bestens erfüllt. Vielen Dank."

 

[...]

 

"Was hast du vor? Was für Aufzeichnungen? Welche Leute?"

"Das Ministerium! Das Ministerium wird sich brennend für die Aufzeichnungen von Snapes Büchern interessieren!"

 

[...]

 

"Ich verstehe, die Bücher, die er da unten versteckt, sind illegal. Dafür fliegt man von der Schule, hab ich Recht?"

"Aber nein, dafür kommt man nach Askaban."

 

[...]

 

"Und was bedeutet das jetzt für Snape?"

"Nichts Gutes, Mirela. [...] Ihn trifft die volle Strafe, der er sich damals entzogen hat. Zu dumm von ihm, da versteckt er seine Bücher schon in einem Zimmer, das keiner kennt und gibt sich fünfzehn oder wieviele Jahre lang, das müsste ich nachschauen, soviel Mühe, sich zu bewähren. Und dann verrät er sich, aus Schwäche für eine eine hübsche, kleine Veela oder für die Musik!"

"Ich habe mich im ersten Moment erschreckt, Rick, es waren so viele schockierende Neuigkeiten. Aber du hast vollkommen Recht: Ein Todesser gehört nicht an eine Schule, sondern nach Askaban. Ich bin stolz, an seiner Überführung mitwirken zu können. Bei nächster Gelegenheit hole ich die Kugel und bringe sie dir."

 

Oh Gott! Sie hatte ja Ricks bösen Plänen mit scheinbarer Begeisterung zugestimmt, um ihn zu täuschen! Gerade da hatte sie doch beschlossen, auszusteigen, aber wie musste es sich für Severus angehört haben! Er glaubte, sie wollte ihn nach Askaban bringen! Ihr tatsächlicher Verrat war schlimm genug. Aber er musste denken, sie hätte alles daran gesetzt, ihn für immer in die Hölle auf Erden zu schicken! Mit einem verzweifelten Aufstöhnen vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Wie sollte sie ihm erklären, dass er sich täuschte? Die "Beweise" waren zu eindeutig, er würde ihr nicht glauben. Was immer sie jetzt sagte, sie würde sich nur noch tiefer in Missverständnisse verstricken. Wie sehr musste er sie hassen!

"Sie werden mir nie verzeihen, nicht wahr?" waren die einzigen Worte, die sie herausbrachte. Er sah sie an, und seine schwarzen Augen waren leer und traurig.

"Verzeihen?" fragte er, "wer wäre ausgerechnet ich, um jemandem das zu verweigern? Ich muss Ihnen wohl verzeihen. Aber vergessen? Nein! Vertrauen? Nein. Nie wieder. Ihnen nicht. Niemandem."

Dabei fiel ihm etwas ein. Er streckte die Hand aus: "Mein Schlüssel!"

Mirela biss die Lippen zusammen, um nicht aufzuheulen und fischte in ihrer Tasche nach dem magischen Schlüssel. Ohne ihn anzublicken, legte sie ihn in seine Hand.

 

"Sie müssen mich trotz allem noch mögen!" platzte Mirela verzweifelt heraus, "oder warum haben Sie mich gerettet?"

Snape sah sie kalt an und antwortete: "Es ist eine dumme Angewohnheit von mir, Leute zu retten, die ich nicht mag und die mich nicht mögen."

Das war deutlich und tat weh. Mirela starrte hinauf zum Mond, damit er ihre Tränen nicht sehen sollte.

Leise ergänzte Snape: "Andere Leute als solche gibt es auch nicht."

Sie wollte ihn anschreien: "Das ist nicht wahr!" Aber sie wusste, dass ihre Stimme versagen würde, und ihre Augen waren immer noch zu feucht.

 

"Wenigstens eins haben wir gemeinsam", sagte Snape mit bitterem Spott, "wir sind beide zu feige, uns selbst umzubringen. Wir rennen in den Wald und hoffen, dass jemand das für uns erledigt. Ich hätte in all den Jahren meines Lebens genug Grund und genug Gelegenheit gehabt, meinem Leben ein Ende zu setzen - zwischen lauter Flaschen voller Gift hockend! Ich bin ein erbärmliches Geschöpf."

Mirela schaffte es endlich wieder, ihn anzuschauen.

"Ich auch", murmelte sie leise, "ich bin Ihnen nämlich dankbar, dass Sie mich nicht haben sterben lassen."

Snape erwiderte kurz ihren Blick und fragte: "Und was wollen Sie jetzt tun?"

Sie wusste, wie die Frage gemeint war, aber sie nutzte sie, um mit dem Mut der Verzweiflung einen letzten Vorstoß zu wagen: "Was ich jetzt tun will? Am liebsten würde ich Sie küssen. Ganz ohne Observator." Snape sprang auf, wie von einer Tarantel gestochen. Sein Unterkiefer zitterte. Sie sah ihm an, dass eine ungeheure Wut ihn ergriffen hatte und er sie mühsam unterdrückte, um nicht so loszuschlagen, wie in seinen Räumen. Er stand einen Moment lang nur da und ballte die Fäuste, bis seine Fingerknöchel weiß wurden. Wahrscheinlich zählte er innerlich bis zehn oder hundert, um sich zu beruhigen. Er schloss kurz die Augen, atmete tief durch und griff dann in seine Tasche. Er holte eine Kugel hervor. Seine schlanken Finger krallten sich so fest darum, dass es aussah, als würde das Glas jeden Moment zerspringen. "Ach ja, Ihr Observator", sagte er voller Verachtung, "ich werde ihn vernichten. Die Erinnerungen an diese dummen Abende braucht kein Mensch!" Er steckte die Kugel wieder ein und sah aus, als ob er gehen wollte. Panik erfasste Mirela. Sie wollte nicht, dass er ging! "Bleiben Sie doch noch einen Moment!" bat sie rasch, "sehen Sie nur, wie schön der Vollmond scheint! Denken Sie an die Mondschein-Sonate! Nicht alle unsere Erinnerungen sind schlecht..."

Snape zog seinen Umhang fester um sich, als wäre ihm kalt, in dieser lauen Sommernacht. "In mir ist Neumond!" zischte er leise und wandte ihr den Rücken zu.

"Werden wir uns wiedersehen?" fragte Mirela kaum hörbar.

Er drehte sich ein letztes Mal um.

"Mit Sicherheit", erwiderte er, "fast täglich. Im Unterricht."

Mirela seufzte: "Gute Nacht, Severus."

Er funkelte sie aus seinen schwarzen Augen an: "Es heißt Professor Snape, Miss Doinescu." Dann eilte er zum Schloss, ohne sich noch einmal umzusehen. Er machte große Schritte, und sie sah ihm nach, wie sein schwarzer Umhang hinter ihm her wogte. Der liebste Letifold der Welt. Als Snape in der Schule verschwunden war, legte Mirela das Gesicht in ihre Arme und ließ ihren Tränen freien Lauf.

 

~~~
 

Albus Dumbledore sah immer noch müde und erschöpft aus. Er würde einige Tage brauchen, um sich von diesem Schrecken zu erholen. Aber nun, da er wusste, dass Severus lebendig und unversehrt zurückgekehrt war, erschien sein Gesicht nicht mehr so alt und grau, sein Blick lange nicht mehr so stumpf. Lebendig und unversehrt... Nun ja, zumindest körperlich unversehrt. Doch Dumbledore ahnte zu gut, welche seelischen Wunden sein Freund davongetragen hatte. Frische Wunden auf einer Seele voller Narben. Wunden, die auch keine Phoenixtränen heilen konnten, weil sie zu tief innen saßen. Er hatte ein paar Worte mit Severus gewechselt, doch dieser war sehr kurz angebunden gewesen, und er hatte ihn in seine Kerker entfliehen lassen, wo er, wie er sagte, "aufräumen musste". Das Chaos in seinen Räumen und in seinem Inneren.

 

Nun saß eine andere, sehr aufgewühlte Person ihm gegenüber im Büro. Zum zweiten Mal in dieser Nacht, in der drei Menschen in Hogwarts kein Auge zugetan hatten. Dumbledore legte dem Mädchen eine Hand auf die Schulter.

Ich bin sehr froh, dass Sie zu mir gekommen sind", sagte er.

"Ein bisschen spät, was?" fragte Mirela.

"Besser spät als nie", meinte Dumbledore, "es ist wahrlich viel Schaden entstanden, das sage ich Ihnen ehrlich. Aber erst einmal wollen wir dankbar sein, dass Severus noch unter uns weilt. Es hätte noch schlimmer enden können. Ihr Plan war, da will ich nichts beschönigen, Severus' Leben zu zerstören. Nicht auf die direkte Weise, wie es Ricks Absicht war. Aber glauben Sie, ein Verweis von unserer Schule hätte Severus' Leben nicht zerstört? Hogwarts ist das einzige Zuhause, dass er je hatte. Es ist zudem seine Zuflucht vor Voldemort. Wo hätte er Ihrer Meinung nach hingehen sollen? Abgesehen von dem Verlust seines Broterwerbs und, vor allem, seiner Ehre! Nun, er ist noch hier. Nicht tot, nicht in Askaban, nicht heimatlos. Das ist erst einmal das Wichtigste. Aber sein Leben wurde auf andere Art dennoch zerstört, und das ist umso schlimmer, da es nicht das erste Mal war. Doch wir haben die Chance bekommen, diese Wunden vielleicht wieder zu heilen. Ich sage: vielleicht. Und ich meine, auf lange Sicht. Auf sehr lange. Machen wir das Beste daraus."

Mirela sprang vor Eifer von ihrem Stuhl auf. "Ja, das werden wir! Sagen Sie mir, was ich tun soll, und..."

Dumbledore gebot ihr mit einer Handbewegung Einhalt: "Ah, nein! Sie sind ungeduldig. Das geht nicht. Was wir brauchen werden, ist Geduld, unendlich viel Geduld. Und das bedeutet: Geduld im Sinne von Zeit, aber auch Geduld mit einem schwierigen, verletzten Menschen, der es uns und auch dem Rest seiner Mitmenschen nicht leicht machen wird. Geduld mit Launen, Wutausbrüchen, Spott und Zurückweisung."

Mirela nickte langsam. Das waren all die Dinge, wegen derer sie sich das Recht herausgenommen hatte, ihn zu "bestrafen". Sie hatte all diese Eigenschaften nur verstärkt und würde sie ertragen müssen. Und das wollte sie gern, wenn er nur noch da war.

 

Oh, und wenn sie noch da war...

"Habe ich denn überhaupt diese Chance?" fragte sie zaghaft, "ich wollte Professor Snape von der Schule jagen. Es wäre nur gerecht, wenn ich nun..."

"Nein", fiel ihr Dumbledore freundlich, aber bestimmt ins Wort, "Sie bleiben schön hier und werden mich alten Mann nicht allein die Scherben wegräumen lassen, die Sie hinterlassen haben!"

"Danke, Professor Dumbledore", murmelte Mirela mit gesenktem Kopf. "Was ist eigentlich mit Rick?" fiel ihr dann ein, "wenn er nicht die Auroren geholt hat, warum war er dann verschwunden? Und wo ist er jetzt? Was wird aus ihm?"

Mirela setzte sich wieder, und Dumbledore berichtete: "Er muss noch vor Ihnen zu den Kerkern hinunter gegangen sein und die offene Tür entdeckt haben, das Chaos, sowie das Verschwinden des Observators. Im Gegensatz zu uns, hat er die richtigen Schlüsse daraus gezogen: Da er wusste, dass noch keine Auroren unterwegs waren, folgerte er, dass Severus selbst von der Sache Wind bekommen hatte und die Kerker in diesem Zustand hinterlassen hatte. Vor allem aber, dass er den Observator hatte. Ich nehme an, dass er glaubte, Sie hätten Severus den Plan verraten. Um jedenfalls der offensichtlichen Wut seines Opfers, oder vielleicht auch meiner, zu entgehen, floh er aus Hogwarts. Ich habe vorhin durch das Kaminfeuer Kontakt zu seiner Familie aufgenommen und habe erfahren, dass er dorthin gereist ist, von Hogsmeade aus, durch das Floh-Netzwerk. Ich werde seinen Eltern eine Eule schicken, dass er nicht nach Hogwarts zurückzukehren braucht."

 

Mirela sah den gütigen, alten Schuldirektor an. Es musste schon viel passieren, bevor er jemanden von der Schule verwies. Und es war viel passiert. "Bei den Beziehungen seiner angesehenen Familie, bin ich mir ziemlich sicher, dass er die Möglichkeit erhalten wird, an einer anderen Schule seinen Abschluss zu machen", meinte Dumbledore.

"Hoffentlich wird er nicht wirklich Auror!" rief Mirela aus.

"Ich fürchte, das wird sich kaum verhindern lassen", seufzte Dumbledore, "Mirela, vergessen Sie bitte eins nicht: Auch wenn Severus diesem Schicksal entkommen ist: Es gibt Askaban. Es gibt die Dementoren. Es gibt Menschen, die einfach 'verschwinden'. Und es gibt Auroren wie Rick. Unsere ganze Zaubererwelt ist eine verkehrte Welt geworden. Im Kampf gegen das Böse haben sich zuviele dessen Mittel zu eigen gemacht und sich ihm angeglichen, so dass man die Grenze zwischen 'Gut' und 'Böse' oft nicht mehr erkennen kann. Dagegen muss etwas getan werden, und das kann ich alter Mann nicht allein. Ich brauche euch junge Leute dafür. Ich bitte Sie, das nie zu vergessen."

Mirela sagte ernst: "Das verspreche ich Ihnen."

"Danke", sagte Dumbledore, "denn was Severus selbst angeht, da werde ich erst einmal wohl allein dastehen. Ich werde mir all die Zeit nehmen müssen, die er braucht, denn er hatte Recht: Er hat keinen anderen Menschen. Und er wird keinen anderen Menschen mehr wollen." Mirela nickte traurig.

Dumbledore stützte den Kopf in die Hände und seufzte: "Und dieser Rick, dieser gemeine Intrigant, war in meinem Gryffindor! Wo Mut eine Tugend sein soll, nicht feige Hinterlist! Kann es wirklich sein, dass der Sprechende Hut sich einmal geirrt hat?"

Seine Worte machten Mirela wütend. "Und wo hätte der Hut ihn Ihrer Meinung nach hinstecken sollen?" hakte sie nach, "nach Slytherin, nicht wahr? Finden Sie nicht, dass Sie Menschen wie Severus damit Unrecht tun? Würde er solche Intrigen spinnen? Nein, nicht wahr? Sie sagen, er ist Ihr Freund! Und er hat mir das Leben gerettet, obwohl er mich hassen müsste. Professor, vielleicht hat der Sprechende Hut sich nicht geirrt? Vielleicht ist die ganze Einteilung der Häuser ein großer Irrtum?"

Der alte Mann sah sie ernst an. "Vielleicht", murmelte er, "ich werde darüber nachdenken."

"Wir sind alle müde", sagte Dumbledore und erhob sich von seinem Stuhl, "gehen wir schlafen. Die Nacht ist nicht mehr lang."

"Ja", sagte Mirela, "und danke! Danke für alles."

Dann ging sie. Sie ahnte nicht, dass Dumbledore, so müde er auch war, nicht zu Bett ging, sondern hinunter in die Kerker, zu seinem Freund. Und der Schulleiter ahnte nicht, dass sie nicht schlafen ging, sondern hinaus an den See.

 

~~~
 

 
Lacrimoso / Fine / Da Capo?

 

Albus Dumbledore gab es bald auf, mit seinem Freund zu reden. Severus war einsilbig und völlig in sich verschlossen. War er früher ein stacheliger Igel gewesen, an dem man sich verletzen, an dem man aber auch weiche Seiten entdecken konnte, so war er nun ein verängstigt zusammengerollter Igel, der der Außenwelt nichts mehr als spitze Stacheln bot. Dennoch ging Dumbledore nicht weg. Er setzte sich hin und war einfach nur da, während Severus hektisch und planlos in den Ruinen seiner Räume umherlief und hier und da etwas richtete. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Irgendwann sah Severus ein, dass er völlig erschöpft war, und ging zu Bett. Dumbledore war erleichtert, auch noch etwas Schlaf zu bekommen, und ging. Aber morgen würde er wieder da sein. Jeden Tag.

 

Severus lag auf seinem Bett. Der samtene Himmel hing schief über ihm, wegen des eingeknickten Pfostens. Poe, der Rabe, hockte sich auf das Kopfkissen und stupste seinen Herrn mit dem Schnabel an. Severus vergrub sein Gesicht noch tiefer in das Kissen. Der Rabe zerrte an seinen Haaren, damit er sich ihm zuwenden sollte, aber ohne Erfolg. Doch die Hand des Zauberers tastete nach dem Vogel und schloss sich sanft um ihn.

 

~~~
 

Mirela saß am Seeufer und blickte hinauf zum Vollmond. "Ich würde dir so gern helfen, Severus", sagte sie in die Einsamkeit der Nacht hinein, "es tut mir so leid. Ich... hab dich lieb, Severus. Und ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass du das irgendwann spürst. Egal, wieviele Monde bis dahin vergehen. Vielleicht wird irgendwann einmal nicht mehr Neumond in dir sein. Dauernde Finsternis."

 

Sie überlegte, ob er wohl jemals wieder die Mondschein-Sonate spielen würde. Ob er überhaupt noch musizieren würde. Vermutlich ja, denn es war etwas, das ihm Trost geben konnte. Wenigstens hatte er seinen Flügel nicht kaputtgeschlagen. Aber würde sie ihn je wieder spielen hören? Und das Stück, das nun zerknickt in ihrer Umhang-Tasche steckte, das würde wohl für immer unvollendet bleiben.

Sie stellte ihn sich vor, wie er jetzt in den Trümmern seines Zuhauses saß. Er hatte fast alles zerstört, weil er geglaubt hatte, es nicht mehr zu brauchen. Da wo er hin wollte, konnte man nichts mitnehmen. Nun lebte er doch noch, aber fast alles, was sein Leben ausgemacht hatte, war kaputt. Die meisten Schäden würden nicht mit einem einfachen "Reparo" wiedergutzumachen sein. Weder die an seinen Sachen, noch die an seiner Seele. Seine Noten, seine wertvollen, alten Bücher, teils unwiederbringliche Schätze, für immer zerstört. Vielleicht war es besser für ihn, dass die verbotenen Bücher vernichtet waren. So konnten sie ihn nicht mehr in Gefahr bringen. Aber sie wusste, dass sein Herz daran gehangen hatte. Severus hatte diese Bücher aus Sammel-Leidenschaft behalten, und um des reinen Wissens willen, das er nie zu bösen Zwecken verwendet hätte. Aber das erkläre ein paar Bürokraten aus dem Ministerium!

Vieles war unwiederbringlich verloren, und es würde lange dauern, bis Severus seine Räume wieder als sein Zuhause empfinden konnte. Manches würde er sich nach und nach wieder aufbauen können. Er würde viele Tränke nachbrauen müssen. Aber vielleicht war es gut für ihn, wenn er sich in die Arbeit stürzte. Mirela wünschte, sie hätte auch etwas, das sie so in Anspruch nahm. Sie konnte nicht zulassen, dass Severus alle ihre Gedanken einnahm - nein, nicht "Severus", sondern "Professor Snape". Das war ja das Schlimme daran.

 

Auch sie hatte soviel Wertvolles besessen und hatte es mutwillig zerstört. Sie hatte sein Vertrauen geschenkt bekommen, seine Freundschaft, und sie hätte mehr haben können. Sie hatte den Schlüssel zu seinem Privatbereich besessen, und nun hatte er ihn zurückgefordert. Sein Bereich war für sie verschlossen. Sie musste wieder um Einlass bitten, wie jeder andere. Aber vielleicht, nur vielleicht, würde er eines Tages wieder öffnen, wenn sie lange genug anklopfte. Wenn sie blieb, egal wie oft er sie an der Tür abwies.

 

~~~
 

Poe spürte, wie das Kopfkissen unter seinen Vogelfüßen immer nasser wurde. Er pickte Snape ins Ohrläppchen, doch der blieb in sein Kissen vergraben. "Mirrrrrrrela", gurrte der Rabe.

"Hör auf!" kam ein dumpfer Aufschrei aus dem Kissen.

Der Rabe legte traurig den Kopf schief und krächzte: "Neverrrrrmorrrrrre?"

"Nie, nie, nie mehr!" drang die halb erstickte Stimme aus dem Kissen.

 

Der Rabe blieb dort sitzen, bis Severus Snape nach sehr langer Zeit endlich eingeschlafen war. Er zupfte noch einmal zärtlich an einer der wirren, schwarzen Haarsträhnen und sang leise: "Neverrrr say neverrrrrrr..."

 
Ende

 
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