Zurück
 

Other ways of freezing

© by Jimaine ()

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.
Geschrieben für den Fanfiction Paradies Adventskalender 2004
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)

 

Schnee auf See. Ganz gleich wie Master Prowse darüber fluchen mochte, es gab Besatzungsmitglieder, die Gefallen daran fanden.

Während der letzten Tage hatte das Schiff ein neues Gesicht bekommen. Und es schien passend, schließlich war es Weihnachten. Die munter tanzenden Flocken weckten die Sehnsucht nach der Heimat, England, einem warmen Kaminfeuer und einem guten Weihnachtsessen im Kreis einer liebenden Familie. Mistelzweige und heißer Punsch...

Stattdessen waren sie noch Stunden von Portsmouth entfernt.

 

Lieutenant William Bush war es relativ egal, wo er sich an diesem Feiertag befand, oder daß überhaupt Weihnachten war. Für ihn war lediglich von unmittelbarer Bedeutung, daß er die nächste Wache hatte. Das Oberdeck war bis auf zwei Seesoldaten menschenleer, Eiszapfen hingen am stehenden Gut und der Reling, und der Schnee fiel mit jedem Glas dichter. Weiß wie ein Brautschleier, die Farbe der Unschuld. In Wahrheit, so waren sie alles andere als das.

Behende nahm er die letzten zwei Stufen in einem Schritt, just als eine Windbö den feinen Schnee von den eisüberzogenen Deckplanken aufwirbelte und ihm direkt ins Gesicht blies. Instinktiv griff er nach seinem Hut und zog ihn etwas tiefer in die Stirn.

Oh, seiner eigenen Schuld war er sich nur allzu schmerzlich bewußt...dabei hatte er nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Und dennoch war jeder Schritt ein weiterer Fehler gewesen. Zumindest in den Augen des Mannes, der ihn dieser Tage kaum noch eines Blickes würdigte, es sei denn, die Unterhaltung beinhaltete die Planung einer weiteren, tollkühnen Kampfhandlung.

Mit einer beiläufigen Geste fing er eine Schneeflocke, sah sie schmelzen und ließ den Wassertropfen seinen Zeigefinger entlang rinnen. Sie alle waren gefroren, jeder auf seine eigene Art und Weise. Es würde die eigentümliche, fast feierliche Stille erklären, die an Deck herrschte. Oder, so sein nächster Gedanke, während er in das Schneegestöber blinzelte, war es nur Horatio, der mehr und mehr gefror, unempfindlich wurde für die Gefühle seiner Mitmenschen? War es diese Kälte, Horatios Kälte, die er jetzt spürte, als er als nächstes die Stufen zum Achterdeck erklomm?

Zitternd zog er die Schultern hoch und schlang die Arme fest um sich, versteckte die Hände in den Achselhöhlen; der Mantel hielt die Kälte nicht ab und der Kragen der Uniformjacke tat nichts, um einem den Hals zu wärmen. Was beneidete er Prowse um seinen dicken Wollschal...

 

Ein warmes Kaminfeuer und ein Weihnachtsessen im Kreis einer liebenden Familie - wie war er bloß darauf gekommen? Nach dem langen Friedensjahr auf Halbsold an Land freute er sich über jeden Tag, den er auf See verbringen konnte. Weiß der Himmel, er liebte seine Schwestern, aber schon eine Woche mit keiner anderen Gesellschaft als der ihren strapazierte seine Nerven mehr als ein verheerender Orkan. Und was die Mistelzweige und den Punsch betraf... Tee und Rum mußten letzteren ersetzen und in Sachen Mistelzweige würde er mit jedem Seemann, der versuchte, einen solchen aufzuhängen und sei es nur zum Scherz, das Gleiche tun. Höchstpersönlich.

Sinnlos sich zu fragen, ob Horatio Sehnsucht nach Maria hatte. Der Gedanke war ernüchternd, ebenso wie die Antwort. _Ungefähr so sehr, wie sich der Winter nach dem Sommer sehnte._

Der Winter, den Horatio in sich trug, dauerte schon zu lange an. Er war Zeuge des ersten Frosts gewesen, dem langsam dicker werdenden Rauhreif, das den Sommer überdauerte, und hatte nichts dagegen tun können.

Alles war so anders. Er hatte ihn enttäuscht, als er Freundschaft über die Pflicht stellte und den Befehl zu schießen nicht ausführte. In *seinen* Augen eine unverzeihliche Schwäche. Daran hatte sich auch trotz des Erfolgs der gestrigen Kampfhandlung nichts geändert. Weshalb ging er also das Risiko ein, ihn anzusprechen?

"Fröhliche Weihnachten, Sir."

Überraschung. Zögern. "Ja." Es war sichtbar, daß er sich einen Ruck gab. Das Lächeln erschien so plötzlich als wäre unter dem Einfluß der Kälte eine Maske zersprungen. "Ja, in der Tat. Danke. Und Ihnen ebenfalls, Mr. Bush."

Eine langvermißte Wärme stieg bei diesen Worten in ihm hoch, verbannte seine melancholischen Gedanken und den nie ganz schwindenden Schmerz, den eben diese Stimme in sein Gedächtnis gebrannt hatte. Im Grunde war es pathetisch, wie bereitwillig er Horatio verzieh, wie schnell er entschuldigte, was er im ersten Moment als unentschuldbar empfunden hatte, bevor die hinderlichen Gefühle wieder in den Hintergrund traten und William Bush, der Berufsoffizier, erkannte, was für Konsequenzen sein Zögern beinahe gehabt hätte.

Pathetisch, ja, doch er zog es vor, überhaupt noch etwas zu fühlen, anstatt sich der Kälte zu ergeben. Schwer wie es war, er mußte versuchen, der Mann zu bleiben, der er war, und nicht wie Horatio zu werden. Kalt. Distanziert. Mußte der Strömung entkommen, die ihn mitzureißen drohte. Und trotzdem...

Trotzdem stellte er die Frage, setzte die Unterhaltung fort, obwohl ihm eigentlich die Hoffnung dazu fehlte. Als würde er auf schwach glimmende Kohlen blasen und versuchen, die nahezu erloschene Glut einer Freundschaft wieder anzufachen. Noch hielt er den Blick abgewandt, denn er scheute den Anblick der Eiswand, gegen die er mit seiner Frage unweigerlich laufen würde. "Matthews fragte mich, warum er und Styles sich die Mühe machten, Doughty vor dem Zwölfpfünder zu retten, die ihm auf den Kopf zu fallen drohte... immerhin hätte er so einen soviel gnädigeren und schnelleren Tod gefunden als am Ende eines Seils... " Hier hob er den Blick und zu seiner Überraschung sah er noch immer das Gesicht des Mannes vor sich, den er Freund genannt hatte. Noch hatte sich keine neue Eisschicht gebildet.

"Und was haben Sie ihm gesagt, William?"

Aus der Glut wurde Feuer, Flammen griffen nach seinem Herzen, und in dieser Wärme fand er sich zurücktransportiert in die Vergangenheit. Damals, als sein Vorname nicht bloß eine (un-)verdiente Rüge betonte. Nur ein Wort, klein und unbedeutend für jeden anderen außer ihm. Stumm bedankte er sich für das unerwartete Weihnachtsgeschenk, wußte er doch, wie vergänglich es war.

"Ehre, Kameradschaft, Pflicht..."

"Und hat er es verstanden?" Die ernsten braunen Augen ruhten auf ihm und zum ersten Mal seit langem haftete diesem Blick nichts Beurteilendes an, nichts Abwertendes. Lediglich freundliche Aufmerksamkeit.

"Tun Sie es denn?"

Bevor er verstand, warum, hatte er den Gedanken ausgesprochen, und er schalt sich einen Narren. Einen Moment lang hatte er sich sicher genug für Ehrlichkeit gefühlt...hatte sich sicher fühlen wollen. So sicher wie er einst gewesen war. Aber statt dessen hatte er impulsiv gehandelt, aus verletztem Stolz oder Hilflosigkeit, hatte seinem Gegenüber einen Stich versetzt, kaum daß sich dieser eine Blöße gab, und die Stelle getroffen, wo es am meisten schmerzte. Die einzige Stelle, so mutmaßte er, an der Horatio dieser Tage noch verwundbar war. Und er wünschte, er könnte die Worte zurücknehmen.

Hastig zusammengepreßte Lippen und eine Kopfbewegung... das war die einzige Reaktion. Hinzu kam ein unmißverständliches Schweigen, das verdeutlichte, daß dieser Moment vorbei war, so rasch verflogen wie er entstanden war. Vergänglich, in der Tat. Eine weitere Schneeflocke, die in seiner Handfläche schmolz. Oder war es etwas anderes? Der Wind fuhr in die erkaltenden Überreste des nun gänzlich erloschenen Feuers und bald tanzte die weiße Asche zusammen mit dem Schnee.

 

Fröhliche Weihnachten.

Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und schritt am Steuerruder vorbei hinüber auf die andere Seite des Achterdecks. Hier konnte niemand sehen, wie die Kälte in sein Inneres vordrang, und er würde niemanden sehen lassen, daß er sich selbst verlor, die Risse breiter wurden, bis er irgendwann auseinanderfiel. Niemanden.

Am allerwenigsten Horatio.

Diesmal fiel die Temperatur in seinem Herzen unter den Gefrierpunkt.

 
Ende

 
Du bist der 1581. Leser dieser Geschichte.