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In der Hitze der Nacht© by Antares ()
25. Dezember 1807, H.M.S. Surprise, in den Gewässern vor Borneo
Kapitän Jack Aubrey erachtete es nicht als notwendig, eine Kerze zu entzünden, als er seine Kajüte betrat. Vor vier Tagen war Vollmond gewesen und noch schien das fahle Licht hell genug durch das kleine Fenster herein, um sich auch ohne zusätzliches Licht zurecht zu finden. Er hatte jedoch vergessen, dass er Pullings gebeten hatte, ihm eine kleine Truhe, in der auch die Seekarten der Molukken, ihrem voraussichtlich nächsten Ziel, aufbewahrt wurden, in seine private Kajüte zu bringen. Und so stieß er sich unglücklich das Schienbein, als er nach nur zwei Schritten im Halbdunkel über diese hölzerne Truhe stolperte. Mit einem obszönen, blasphemischen Fluch auf den Lippen gelang es ihm noch so eben, das Gleichgewicht zu halten. Sein schwerer, dunkelblauer Rock und sein zerknittertes, schwarzes Halstuch, die er in der Hand gehalten hatte, fielen dabei zu Boden. Als er sie aufhob und ihren desolaten Zustand sah, murmelte er: "Was soll's. Killick wird sowieso wieder jammern, dass er die Bratensaft- und Rotweinflecke nicht mehr aus der Weste bekommt und dass ich das Spitzenjabot wieder malträtiert habe. Zum Henker mit ihm." Er sprach mit der leicht nuscheligen Stimme desjenigen, der ein wenig zu viel Rum, Madeira und Burgunder genossen hatte, ohne deswegen jedoch schon wirklich betrunken zu sein. Diese milden Beschimpfungen schienen so etwas wie die Schleusen seines Redeflusses geöffnet zu haben und so fuhr er seufzend fort: "Es ist sowieso viel zu stickig hier drinnen, um mit einer Weste rumzulaufen!" Leicht unkoordiniert öffnete er die Knöpfe seiner nicht mehr ganz so sauberen, ehemals weißen Weste, streifte sie ab und lehnte seine Stirn für einen Moment schwer gegen das im ersten Moment kühle Glas der Scheibe. Doch auch das erwärmte sich unter seiner Körperwärme rasch und so stöhnte er: "Herrgott, ist das hier heiß! Ein fünfundzwanzigster Dezember - Weihnachten - und dann so eine Schwüle!" Er richtete sich wieder auf und ohne sich zu bücken, zog er seine schwarzen Schnallenschuhe aus und beförderte sie mit einem kleinen Kick unter seinen Schreibtisch. Dazu lachte er einmal kurz auf, als er daran denken musste, wie Killick auch über diese Behandlung wenig erfreut sein würde.
Sein Blick fiel auf ein dickbauchiges Glas, das auf seinem Schreibtisch stand und in dem eine exotische Blüte ihren Duft verbreitete. Der Schiffsarzt hatte ihm dieses fremdartige Exemplar von seinem letzten Landgang mitgebracht und ihm auch den lateinischen Namen dazu genannt. In seinem jetzigen Zustand konnte er sich aber beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Er hob das Glas auf, um an der purpurnen Blüte zu riechen. Doch der schwere, süßliche Duftschwaden, der von ihr aufstieg, erschien ihm zu dieser Stunde nicht angenehm, sondern verursachte fast etwas wie Übelkeit in seinen Eingeweiden. Rasch stellte er die improvisierte Blumenvase zurück. "Widerlich. ... Verwesungsduft", stieß er angeekelt hervor. "Was gäbe ich jetzt für den Duft von Tannenzweigen und Stechpalmen! Bei Gott, ich weiß schon gar nicht mehr, wann wir das letzte Mal zu Weihnachten in England gewesen sind!" Die letzten Worte waren kaum noch zu verstehen, denn Aubrey zog sich gleichzeitig das Hemd über den Kopf. Als er seine Breeches aufknöpfte setzte er seine Schimpftirade fort: "Letztes Jahr an Weihnachten, vor Maine, war das kleine Fass mit Portwein, das wir extra zu diesem feierlichen Anlass mitgenommen hatten, zu Eis gefroren und die Mannschaft konnte es erst kurz vor der Küste von Florida trinken. Dieses Jahr," er stieß ein kleines, meckerndes Lachen aus, "steht das keineswegs zu befürchten. Eine richtige ... Pissbrühe." Dieser derbe Ausdruck gefiel ihm ausnehmend gut und er wiederholte ihn noch einmal, während er seine Strümpfe herunterrollte. Er machte den letzten Schritt zum Bett, setzte sich auf die Kante und zog die Strümpfe endgültig aus. Mit einem tiefen Seufzer warf sie in Richtung des Kleiderhaufens, der sich auf dem Fußboden gebildet hatte und zeterte mit leicht schleppendem Tonfall: "Ich weiß gar nicht, was ich mehr verabscheue. Zu viel Kälte oder zu viel Wärme." Und in die Dunkelheit hinein fragte er noch anklagend hinterher, während er die Laken zurückschlug: "Welches Weihnachtsfest war schrecklicher: dieses oder das letzte?"
Zu seiner Überraschung bekam er auf diese nur rhetorisch gemeinte Frage sogar eine Antwort. Denn mit einem kleinem Schnauben meinte Stephen aus den Tiefen seine Bettes: "Jack! Also wenn du das nicht weißt, sollte ich vielleicht lieber wieder gehen!" "Stephen! Ich dachte, du wärest schon lange schlafen gegangen! Du hast dich doch gleich nach dem Pudding, bevor Mowett zum dritten Mal dieses grässliche Lied singen konnte, unter dem sehr fadenscheinigen Vorwand des Unwohlseins zurückgezogen!" "Ich habe meine Käfer gefüttert, Korrespondenz erledigt, gelesen und auf dich gewartet. Und nun komm her, mein Lieber und ich werde dir unmissverständlich klar machen, dass dieses Weihnachten bei weitem besser ist als das letzte!" Damit zogen ihn überraschend starke Arme in eine Umarmung, die noch heißer war als die schwüle, tropische Nacht an diesem Weihnachtsabend. Eine Hitze, gegen die er nicht das Geringste einzuwenden hatte.
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