Zurück
 

Oh, Mutter!

© by Birgitt ()

 

Disclaimer: Die Rechte der in dieser Fan-Story verwendeten geschützten Namen und Figuren liegen bei den jeweiligen Inhabern. Eine Kennzeichnung unterbleibt nicht in der Absicht, damit Geld zu verdienen oder diese Inhaberrechte zu verletzen.
Geschrieben für den Fanfiction Paradies Adventskalender 2004
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)

 

Marco drückte mit der Nase auf Edgars Türklingel, denn in den Händen hielt er vier prall gefüllte Plastiktüten. Er wollte sie nicht abstellen und riskieren, dass sie umfielen und der zerbrechliche Inhalt irreparablen Schaden nahm.

"Komm, Edgar, mach schon!" Seine Hände und Arme schmerzten; er hasste Einkäufe, besonders in der Vorweihnachtszeit, wo die Stadt vor hysterischen Kindern und ihren noch hysterischeren Müttern nur so zu wimmeln schien. Allein die Aussicht auf eine festlich geschmückte Wohnung hatte ihn durchhalten lassen. Und Edgar würde bestimmt nicht ärgerlich sein, dass er die Jagd nach einem Geschenk für Edgars Mutter abgebrochen hatte.

Hoffentlich. Marco betete, dass Edgar mit dem Jahresgutschein von Fleurop, den er seinem Onkel für die Hälfte des Verkaufspreises abgeschwatzt hatte, zufrieden war. Aber auf der anderen Seite war Edgar immer etwas seltsam, wenn es um seine Mutter ging. Warum sonst hatte er - Marco - das Gefühl, es sei irgendwie wichtig, bei Iris Sänger Eindruck zu schinden?

"Wahrscheinlich weil du Idiot dich in diesen süßen Scheißkerl verliebt hast und es dir wichtig ist, bei der Mama Eindruck zu schinden", murmelte Marco vor sich hin und drückte noch einmal auf den Knopf. Wo blieb der Kerl nur? Wenn der jetzt schon in der heißen Wanne lag und sich allein im Schaumbad vergnügte--

Ja, was dann? Nichts! Edgar konnte Marco um seinen kleinen Finger und um noch vieles mehr wickeln. Und wusste auch um seine Macht. Eigentlich war das immer seine Rolle in einer Beziehung, aber bei Edgar hatte er von Anfang an keine Chance gehabt. Und das würde sich wohl auch auf längere Sicht nicht ändern. Selbst wenn Edgar nichts von einer tieferen Beziehung zu halten schien: Sie beide genossen ihren leidenschaftlichen Sex viel zu sehr, als dass sie die Finger von einander lassen konnten. Allein in der letzten Nacht hatte Edgar mit seiner Zunge--

 

Die Tür wurde endlich aufgerissen und damit auch Marco aus seinen interessanten Tagträumen. Er war heiß genug und drauf und dran, sich einen Scheißdreck um seine Tüten zu scheren und sich auf Edgar zu stürzen, als das Traumbild langsam von der Realität durchdrungen wurde. Ebenso langsam öffnete sich Marcos Mund, bis er das Gefühl hatte, seine Kinnlade würde aushaken.

"M-m-" Er schluckte trocken, und bevor er erneut ansetzen konnte, trat die Gestalt in der Tür beiseite und öffnete die Tür noch weiter.

"Kommen Sie doch rein, Marco. Sie sind ja völlig überladen."

Mutter! Edgars Mutter! Das konnte doch nicht wahr sein. Die war doch eigentlich in-- Eigentlich gilt nicht!, unterbrach ihn eine giftige Stimme in seinem Kopf. Sie ist hier!

"Kann ich Ihnen etwas abnehmen?"

"Nein, nein, das geht schon so. Ist ja auch nicht mehr weit."

"Wäre ja auch gelacht, wenn ein so gut gebauter Kerl wie Sie..."

Marco starrte an Iris vorbei und stiefelte in Richtung Küche, versuchte ihre Stimme auszublenden. Wie er das hasste. Immer versuchte die ihn anzumachen. Nicht, dass er was gegen Flirten hatte, im Gegenteil. Er hatte eine Riesenportion Charme und wusste den auch einzusetzen. Auch und gerade bei ält-- Frauen reiferen Alters. Schwiegermutters Liebling, der auch den Söhnen gefiel. In der Regel. Aber genau wie Edgar war auch Iris nicht ganz normal, und Regeln interessierten sie nicht. Marcos Charme perlte an der Frau ab wie Wasser an gut imprägnierten Regenmänteln.

Super! Was für ein Vergleich. Kaum war Iris in der Nähe, ging bei ihm jedes Gefühl für Romantik und Feinsinnigkeit den Bach runter, und er wurde prosaisch. Blieb nur noch die Hoffnung, dass sie lediglich auf der Durchreise--

 

"Hallo, Marco. Du hast dir aber Zeit gelassen. Mutter und ich haben uns schon Sorgen gemacht."

Vor fünf Minuten hätte dieses strahlend weiße Lächeln noch für Herzklopfen und feuchte Hosen gesorgt. Jetzt hatte Marco Mühe, sein Gesicht vor einer Grimasse zu bewahren, und ebenfalls zu lächeln. Er war sicher, das Lächeln war trotz der Anstrengung eine Grimasse.

"Mutter bleibt über Weihnachten bei uns. Ihre Freunde haben ihr abgesagt, der ganze Kraneburger Haushalt liegt mit Grippe darnieder."

"Ach." Mehr traute er sich nicht zu sagen. Und Edgar schien sich noch zu freuen. Was war denn mit ihren Plänen für die Festtage? Fast eine Woche voller Sünden. Nahezu ausschließlich sogenannte Todsünden. Wenn er ehrlich war: allesamt Todsünden. In variablen Kombinationen und Wiederholungen. Er atmete durch und stellte fest, dass Edgar dabei war, die Steaks anzubrennen. "Willst du die kokeln oder doch lieber braten?" Seine Stimme war kalt und bissig, schlimmer als das eiskalte Wetter draußen. Und er hatte sich so auf einen warmen Empfang gefreut.

"Uuups! Ich lern' das nie."

Edgar zog die Pfanne von der Flamme. Und da war wieder dieses Filmstargrinsen. Marco wurde beinahe schlecht vor Wut und unerfülltem Verlangen.

"Sag mal, Marco, bist du da angewachsen? Die Sachen sehen aus, als würden sie Tonnen wiegen. Nichts, dass ich grundsätzlich was gegen lange Gliedmaßen hätte, aber Affenarme?" Das Grinsen wurde noch breiter.

Marco schaffte es bis zum Küchentisch, stellte mit letzter Kraft die Tüten darauf ab. Er musste hier raus! In der Tür stieß er fast mit Iris zusammen, deren Arm voll mit Blumen war.

"Ist das nicht ein toller Strauß? Ich liebe Blumen. Soll ich den ins Fenster stellen, Jungs?"

Marco murmelte etwas, das wie "Ich muß mal" klang, und verschwand im Bad. Aus seiner Mantelinnentasche zog er den tiefblau glänzenden Umschlag der Firma Fleurop. Er stellte sich demonstrativ und breitbeinig vor die Kloschüssel und begann den Umschlag sorgfältig zu zerreißen.

"Ich hasse ihn, ich hasse ihn nicht, ich hasse ihn, ich hasse ihn nicht..." Die Schnipsel fielen ins Wasser und bedeckten bald die Oberfläche. Sah gar nicht mal so schlecht aus! Und abdrücken würde er auch nicht. Sollte Edgar ruhig sehen, was er da angerichtet hatte. Und seine Mutter auch!

 
Ende

 
Du bist der 1327. Leser dieser Geschichte.