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Familienporträt© by Hmpf MacSlow ()
Am Weihnachtsabend gehen sie zum Gottesdienst: Eltern, Brüder und Ehefrauen, die verlorene Tochter und der neue Schwiegersohn. Ihre Familie verwirrt Joyce noch immer. Sie hatte nicht viel Gelegenheit, sich an sie zu gewöhnen, während SEMME außerirdische Bedrohungen bekämpfte und sich auf den größten Angriff vorbereitete, den die Menschheit je erlebt hatte. Manchmal verwechselt sie ihre Brüder, ordnet vage Erinnerungen dem falschen hellhaarigen Mann zu, ist überrascht, wenn der jüngste antwortet, wenn sie glaubte, den ältesten zu rufen. Die Erinnerungen, die zurückkehren, sind unvollständig, ihr Leben vor der Gedächtnislöschung ein Puzzle, dem viele Teile fehlen. Doch wie bruchstückhaft sie sich auch erinnert: Der Glanz vergangener Weihnachtsfeste wirkt nach und erfüllt sie mit warmer Zufriedenheit. Sie dankt Gott für alles Gute, das er ihr getan hat. Der Gott, dem sie heute dankt, ist milder und vielleicht auch vager als der Gott, zu dem sie früher betete, weniger ein Gott der Gebote als ein Gott der Vergebung. Der lebende Beweis für sein Wirken sitzt neben ihr auf der Kirchenbank. Sie schaut ihren Mann an, den wundersam Wiedererweckten, ihren kindlichen, kindischen Mann, der ihr seinen Antrag mit einem Chicken Ring machte, und sieht, daß er sie beobachtet. Ihr zuliebe lächelt er, doch sie weiß, daß er unruhig ist, und sie ergreift seine Hand und betet.
Wenn das erste Weihnachten, das sie mit ihren wirklichen Eltern verbrachte, sie unbehaglich machte, dann ist dieses die Hölle. Doch dieses Mal ist sie mit sich selbst im Reinen, und sie ist verliebt. Das macht vieles wett. Es macht die schmerzhafte Anspannung zwischen ihren Eltern, die es bei ihrem vorigen Besuch noch nicht gab, beinahe erträglich. Trotzdem flüchtet sie sich immer wieder nach draußen, um frei atmen zu können, und sie muß sich zwingen, die Tür zu benutzen, und nicht den direkten Weg durch das nächste Fenster zu nehmen, den sie so gewohnt ist. Jason, der weiß, was sich gehört, hält sich in der Gegenwart von Linda und Chuck Walkerton zurück, doch er folgt ihr nach draußen, um hungrig Küsse mit ihr zu tauschen, Küsse, die den Knoten in ihr lösen und sie daran erinnern, daß sie glücklich ist. Das Glück brennt immer noch in ihr, wenn sie wieder ins Haus tritt, um ihren Eltern bei der Suche nach einem Weg durch das Minenfeld des Unaussprechlichen und Unverzeihlichen zuzusehen, das sie schon immer umgeben hat.
Jetzt kommt es ihm so vor, als habe er immer schon versucht, Linda zu rekonstruieren. Als er sie kennenlernte, schwankte sie noch, wilden Blicks, unter der Macht eines Schicksalsschlages, dessen Härte er sich nicht vorzustellen vermochte. Etwas leuchtete durch die Zerstörung, doch bis heute kann er nicht sagen, ob es nur Wahnsinn war. Nach und nach fand er Dinge heraus. Die Wahrheit, doch niemals die ganze Wahrheit, über ihre unvorstellbare, irrsinnige Vergangenheit auf der Jagd nach Außerirdischen. Es war, als lebte er mit der Heldin eines Films, die eines Tages ganz einfach von der Leinwand zu ihm herabgestiegen, mit ihm nachhause gegangen und geblieben war. Sie arbeitete hart daran, sich unsichtbar zu machen - eine Fassade zu errichten, die zu seiner Kleinstadtwelt paßte. Er wußte immer, daß sich dahinter die Träume und Alpträume ihres früheren Lebens verbargen. Doch nie hätte er vermutet, daß sie den Tod ihres Sohnes plante. Jetzt, da er es weiß, sieht er, daß der Wahnsinn nur in den Hintergrund getreten, doch niemals verschwunden ist. Und vielleicht war es niemals wirklich Wahnsinn, sondern nur Verzweiflung - mit harter Hand in Schach gehalten, um dem Leben einen Raum zu geben, so lange wie nur irgend möglich.
Die Apokalypse ist vorbei, doch sie steht noch. Der letzte Schlag ist gefallen, doch sie steht noch. Sie weiß, daß sie fallen wird. Bald, sehr bald. Sie ist spröde, brüchig, und bald wird sie zu Staub zerfallen. Vierundzwanzig Jahre lang hat sie geglaubt, einen Sohn verkauft zu haben; erst, als die Schüsse gefallen waren, verstand sie, daß sie den anderen verraten hatte. Vierundzwanzig Jahre lang hat sie sich auf das Opfer vorbereitet, aber dann trat das Schicksal vor, mit einem grausamen Lächeln, und nahm sich den Stellvertreter. Nun ist es zu spät für Wiedergutmachungen. Der Sohn, den sie für die Opferung aufgezogen hat, versteht, was es bedeutet, eine Bestimmung zu haben; doch der, der starb, hatte niemals eine. Ein zufälliger Tausch nach der Geburt; ein sinnloses Leben, verstrickt in Angelegenheiten, die nicht die seinen waren; ein sinnloser Tod. Zuletzt versuchte er, sich sein Leben zu eigen zu machen, und sie kann es ihm nicht verdenken. Nicht er hat sie verraten, sie hat ihn verraten. Ihn und den anderen und die unzähmbare Tochter und ihren Ehemann, alle verraten, wieder und wieder und wieder, mit jedem Tag, an dem sie nicht sprach, jedem Tag, an dem sie das Unrecht nicht wiedergutmachte.
Doch die Erde ist in Sicherheit.
Ein paar Tage nach Weihnachten besucht er Beef. Grauer Himmel, kein Schnee, das Grab bedeckt vom Gras eines Sommers, den weder er noch sein Bruder gesehen haben.
"Hey, Beef."
Er denkt an ein anderes Jahr, ein anderes Grab, mit dem er bereits zu leben gelernt hat. Denkt an die Gräber, an denen er, sprachlos erschüttert, vor sechs Wochen stand. Dasselbe Datum auf allen Grabsteinen. Er fühlte sich jenen, die dort lagen, verbunden: Genau wie er waren sie neun Monate tot gewesen. Heute hat er weniger mit ihnen gemein: Sie sind noch immer tot, und sein neues Leben ist sechs Wochen alt.
"Willst du was Cooles hören? Joyce und ich haben geheiratet."
Keine Antwort ist vernehmbar, doch er beherrschte schon immer die Kunst, seinen Bruder zu verstehen.
"Sie will zurück aufs College. Ich vielleicht auch. Mal seh'n. Hab' nie so richtig an ein Leben nach SEMME geglaubt. Das Einzige, was ich wirklich kann, ist Aliens verkloppen. Die Army würd' mich wahrscheinlich nehmen, genetisch programmierter Supersoldat und so, aber... nee."
...
"Ich hab' Joyce 'nen Brief geschrieben, als ich tot war. - Klingt komisch, nich'?"
...
"Na jedenfalls, da drin stand: 'Uns geht's gut hier oben.' - Ich wüßt' gern, wer 'uns' ist. Ich erinner' mich an gar nichts."
...
"Geht's dir gut da oben, Beef?"
...
"Du hättest die ganze Welt Penny in die Hände gelegt. Mom hat bloß uns verraten. Mich, Sal, dich, die anderen. Ein paar hundert Kinder gegen das Schicksal der ganzen Welt."
...
"Schon komisch, deine Eifersucht. Mom hatte für mich immer nur einen Heldentod geplant. Ist das die Aufmerksamkeit, die du wolltest?"
...
"Ich weiß, sie wollte bloß die Welt retten. Ich weiß." Mit einem Arm, an dessen Verlust er sich deutlich erinnert, pflückt er einen Grashalm, spielt damit, läßt ihn wieder fallen. "Ich wette, sie fühlt sich beschissen wegen uns beiden. Wegen uns allen... Warum ist es so viel einfacher, dir zu vergeben als ihr?"
...
"Klar. Du bist tot."
Er zupft einen weiteren braunen Grashalm aus.
"Ich sollte mit ihr reden, nicht?"
Beef antwortet nicht.
"Ich sollte mit ihr reden..." murmelt er und wird sich plötzlich bewußt, daß der Winter, in dem er sich so unvermittelt wiedergefunden hat, nachdem seine Welt im März geendet hatte, ihm mit feuchter Kälte in die Kleider kriecht. Er steht auf.
"Ich hoffe, es geht dir gut da oben, Beef."
Er dreht sich um und geht.
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