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A fortiori

© by Jimaine ()
 
Disclaimer: Die Jungs gehören nicht mir, ich verdiene nichts dabei, und überhaupt ist Patrick O'Brian der Master & Commander auf den Wellen seines literarischen Universums. Allein die Stephen-Muse zählt als mein Eigentum...bzw. ich als Eigentum der Muse, *dümmliches Grinsen*! An dieser Stelle einige Fragen: Wieso ist Sean Bean nicht käuflich (würde für den Anfang auch nur die Stimme nehmen)? Warum kosten Bücher etwas? Und warum ist Robert Hardy ein so verflucht guter Leser für die M&C-Audiobooks?
A/N: Etwas AU. In den fraglichen Jahren passierte in den Büchern was anderes. Und ich kann mit Sicherheit sagen, daß 'Lucky Jack' und seine Crew nie so weit nördlich rumschipperten, höchstens südlich, aber zur falschen Zeit für gewisse meteorologische Phänomene. Here we go...(hatte schon befürchtet, gar nicht mehr fertig zu werden...das ganze 'scharfe' Essen in letzter Zeit hat meine Musen etwas durcheinander gebracht, *g*, zuviel Grünzeug. Aber ich fange besser gar nicht erst mit einer gewissen Hülsenfrucht aus Sheffield an!)
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

"Wohin willst du? An Deck? Hast du Fieber?" Entgeistert starrte Stephen Maturin seinen Captain und besten Freund an, und stellte im Moment ernsthaft dessen Fähigkeiten in Frage, die Aufgaben der erstgenannten Position zu erfüllen. Niemand, der behauptete, all seine fünf Sinne beisammen zu haben, würde sich freiwillig auch nur einen Schritt vom wärmenden Ofen entfernen. Die 'Surprise' war in einem jämmerlichen Zustand, die Crew nicht viel besser dran, und jetzt saßen sie seit geschlagenen drei Wochen in dieser Bucht am Nordkap fest, umringt von Packeis, Schnee und schier unglaublicher Kälte. Die Sonne, in den wenigen Stunden, die sie sich am Tag zeigte, war fahl und blaß; kein Vergleich zu dem Mittelmeerklima, in dem er aufgewachsen war. Zu allem Unglück hatte ein unbarmherziger Sturm, gleich dem, der sie überhaupt hierher verschlagen hatte, während der letzten zwei Tage die Reparaturarbeiten zu einem Ding der Unmöglichkeit gemacht. Zitternd hakte er nach, "Jack?" Mit Hitze hatte er keinerlei Probleme, wie ein wechselwarmes Reptil lebte er erst dann richtig auf, wenn andere bereits schwitzten und klagten.

"Ich versichere dir, um meine Gesundheit steht es bestens."

"Das letzte Urteil dahingehend behalte ich mir vor, wenn du erlaubst."

"Es ist doch gar nicht so kalt. Der Sturm ist vorbei, also kannst du dich aus deinem Loch hervorwagen. Ich lasse dir von Killick schnell noch einen heißen Grog bringen. Oder lieber einen Kakao? Täte dir bestimmt gut. Und dann können wir -"

Der Arzt schnaufte verächtlich. "Ich brauche weder Grog, Jack, noch dieses Unkraut aus Mittelamerika, welches der gute Linné meinte, als Theobrama Cacao L. glorifizieren zu müssen! Ich brauche gar nichts zum Trinken! Ich brauche Schlaf und vor allem *WÄRME*! Im Gegensatz zu dir bin ich alles andere als...als..."

"Sprich's aus, Bruderherz."

"Gut isoliert", endete Stephen diplomatisch und biß die Zähne zusammen, damit sie nicht klapperten.

Jacks kurzem Lachen fehlte es an jeglichem Humor. "Du bist zu gnädig. Und jetzt komm' endlich."

 

Kaum waren sie aus der Kajüte heraus, da machte das Schiff eine unerwartete Bewegung, begleitet von einem beunruhigenden Knacken und Knirschen jenseits der Bordwand, und brachte sie beide aus dem Gleichgewicht, doch wehrte Stephen die Hand ab, die ihn am Arm greifen wollte. "Besser, du faßt mich nicht an. Ich habe Angst, irgend etwas könnte abbrechen."

"Und wer könnte es besser wieder anfügen als du? Komm, komm, Stephen, was ist das für eine Stimmung am letzten Tag des Jahres?"

"Es ist *meine* Stimmung! Und daran wirst du nichts ändern!" Warum sollte er besser gelaunt sein als alle anderen an Bord? Seit dem Tag an, als sie feststellen mußten, daß das Eis ihnen den Weg zurück ins offene Meer abgeschnitten hatte, war die Besatzung rund um die Uhr damit beschäftigt gewesen, eine Fahrrinne für das Schiff zu bahnen. Mit den Kanonen ließ sich die dicke Eisdecke zwar aufbrechen, doch gehörte noch viel Handarbeit dazu, die großen Schollen auf eine für das Schiff ungefährliche Größe zu reduzieren, bevor sie die 'Surprise' mit zig Tauen einige Dutzend Meter weiterschleppten. Dem Eingang der Bucht entgegen. Gleichzeitig mußten sie verhindern, daß sich neues Eis um den Rumpf bildete und sie wie eine Eierschale zerdrückte, noch mehr Schaden anrichtete als bei ihrer Ankunft hier vor drei Wochen entstanden war. Keine leichte Aufgabe für die knapp zweihundert Mann, welche die meiste Zeit im Dunkeln und bei Fackelschein arbeiten mußten. Vorgestern, als der Sturm losbrach, waren sie schon fast am Ziel gewesen...jetzt würden sie bestimmt eine weitere Woche dranhängen können. Das würde dann eine weitere Rationierung der Holzvorräte bedeuten. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was geschah, wenn ihnen das Brennmaterial ausging...er sah sich bereits sein Cello mit Waffengewalt verteidigen.

"Vorsichtig jetzt. Eine Hand fürs Schiff, Stephen, und eine für dich selbst."

"Ich kenne den Spruch", grollte Stephen und zupfte an seinem Schal, bedeckte seine entblößte Nasenspitze. Vergangenen Sonntag bei ihrem kargen Weihnachtsessen hatte Jack es gewagt, ihn mit der Riesenschildkröte zu vergleichen, die er einst im Indischen Ozean entdeckt und nach seinem Freund benannt hatte; diese wenig schmeichelhafte Bemerkung war noch nicht vergessen. Aber in einer Hinsicht hatte Jack Recht: wenn er wie die testudo aubreii den Kopf in seinen Panzer ziehen könnte, hätte er das längst getan. Mit Seekrankheit, Ungeziefer und den unvermeidlichen Kratzern und Beulen, die er sich bei jeder Fahrt zuzog, hatte er gelernt zu leben, diese Kälte allerdings lähmte ihn bis ins Mark. "Ich gebe zu, daß ich mir auf See oft wünsche, ein Oktopus zu sein, um etwas weniger ungeschickt zu erscheinen, nur leider würde das in diesem Fall bedeuten, daß ich mehrere Paar Handschuhe bräuchte. Und die, die ich habe, sind total zerknabbert...beste Merinowolle... Ein Jammer. Offenbar wissen auch Ratten Qualität zu schätzen."

Jack ließ nicht locker. Er wußte mit dem für Stephen so typischen Gemaule umzugehen. "Na los, du Griesgram, auf, auf, hopp, hopp, hoch die Stufen! Soll ich dich vielleicht anschieben?"

"Hetz' mich gefälligst nicht! Ich trage gut zwanzig Pfund herum, die nicht zu mir gehören!"

"Ja, den gesamten Inhalt deiner Seekiste!" Ah, Stephen konnte ja so giftig sein wie die Schlangen, die er auf fast jeder Reise einsammelte und seinen Captain und Freund damit in helle Panik versetzte. "Plus den Parka aus Seehundsfell, den du von dem alten Fischer erstanden hast. Mein Freund", suchte er ihn zu beschwichtigen, "ich verspreche dir, wenn wir endlich einmal aus dieser Bucht heraus und wieder wohlbehalten zurück in Portsmouth sind, bemühe ich mich um einen Auftrag, der uns zu einer der Indien- Stationen führt. Ob West oder Ost dürfte relativ egal sein, obwohl ich weiß", meinte er mit einem Augenzwinkern, "daß dir Ostindien lieber wäre, weil wir auf dem Weg ums Kap der Guten Hoffnung herum kämen, wo du deinen geliebten Albatros sehen könntest und außerdem -"

Warnend hob Stephen eine Hand. "Versprich' mir nichts, was du nicht halten kannst, Jack. Wäre nicht das erste Mal, daß deine Pläne nicht ganz mit denen der Lords in Whitehall übereinstimmen." Wie gerne wäre er jetzt in Spanien! Die rege Korrespondenz mit seinem Kollegen Major Nairn, den Sir Joseph vor zwei Jahren dem Stab von Sir Arthur Wellesley, mittlerweile Earl of Wellington, zugeteilt hatte, ließ ihn seine Heimat mehr denn je vermissen. Allerdings tröstete er sich mit dem Gedanken, daß Nairn primär in Galicien zu tun hatte, nahe der portugiesischen Grenze, und jene Gegend war im Winter ausgesprochen ungemütlich. Und er hatte sich so sehr an das Leben auf See (mochte es auch manchmal hart sein) gewöhnt, daß er die ausschließlich an Land operierenden Agenten des 'diplomatischen Dienstes' kaum noch beneidete. Eingepackt in eine, wie es schien, zwei Fuß dicke Kleiderschicht, Wollmütze und einen Schal von der Länge einer boa constrictor, der bis zu den Augen hochgewickelt war und allein diese unbedeckt ließ, wankte er unsicheren Schrittes die Treppe hinauf. Noch wie er die letzten Stufen zurücklegte, Jacks stützende Hand im Rücken, murrte er ohne Unterlaß über die späte Störung. Immerhin war der Schlaf, aus dem Jack ihn wachgerüttelt hatte, der erste seit gut drei Tagen gewesen, nun da der Sturm *endlich* vorbei war und er sich von Übelkeit und der obligatorischen Patientenflut erholen konnte. Was war er froh, daß er keine komplizierten chirurgischen Eingriffe hatte vornehmen müssen, bei denen es auf Fingerspitzengefühl ankam - im Moment war er fest überzeugt, keine Fingerspitzen mehr zu besitzen. Erfrierungen, Knochenbrüche und Muskelrisse, das übliche halt. Der schwierigste Fall war Tom Pullings gewesen, der sich am Weihnachtsabend einmal mehr bei einem zu energisch gebrüllten Kommando den Kiefer ausgerenkt hatte. "Ich warne dich, Jack Aubrey, wenn du mich einzig und allein für irgendein amüsantes nautisches Phänomen aus der Koje geworfen hast, werde ich -"

Kaum daß er den Blick hob, brach er ab, überwältigt. "Oh Heilige Mutter Gottes!" Der Nachthimmel war wolkenlos, der Mond direkt über den nackten Masten geradezu unbedeutend im funkelnden Farbenspiel der Aurora borealis. Wie eine gigantische, im Wind flatternde Flagge zogen sich die grünlich-goldenen Schleier zwischen den Sternen dahin, überlagerten den langgezogenen Teppich der Milchstraße.

Jacks Atem stieg als weiße Wolke empor, als er angesichts von Stephens Gesichtsausdruck vergnügt lachte. "Ein Phänomen - ja. Nautisch - nein. Ich dachte mir, das würdest du dir nicht entgehen lassen wollen. Deshalb habe ich uns zwei Stühle bringen lassen. Und die Männer haben bis zur Morgenwache frei."

"Was ist aus Lucky Jack Aubreys Leitspruch geworden? 'Wir haben keine Minute zu verlieren'." Sein Versuch, Jacks Stimme zu imitieren, schlug fehl, außerdem konnte er kaum einen zusammenhängenden Satz herausbringen, so sehr schlugen seine Zähne aufeinander.

"Wir haben noch gut einen Fuß Wasser zwischen Bordwand und Eis, und in unserer derzeitigen Lage sollen die Männer den Jahreswechsel ganz bewußt erleben...finde ich." Er wirkte regelrecht verlegen. "Du gibst mir doch sicherlich Recht, Stephen, daß man ein Schauspiel wie dieses nicht alle Tage sieht, oder? An so etwas erinnert man sich sein ganzes Leben. Da ist der Verlust der einen oder anderen Minute zu verschmerzen. Es erschien mir unpassend, sie gleich nach Ende des Sturms wieder an die Arbeit zu schicken."

"Du hast vollkommen Recht, Jack. Es...es ist wunderschön. Ich habe bislang nur davon gelesen...nie hätte ich gedacht, es mit eigenen Augen zu sehen." Nur eines von vielen Wundern, die sich ihm nie erschlossen hätten, wäre er im Frühjahr des Jahres Null nicht John Aubrey begegnet und dem frischgebackenen Kommandanten auf sein Schiff gefolgt. Damals war seine Entscheidung eine rein finanzielle gewesen; er hatte ohne Geld auf Menorca festgesessen, sich weder Essen noch Herberge leisten können, und die Einladung des englischen Kapitäns erschien ihm im Nachhinein wie eine Fügung des Schicksals. Vom rein mathematischen Standpunkt her waren damals die Chancen auf eine Verbesserung seiner Situation verschwindend gering gewesen, ihr Zusammentreffen praktisch eine Unwahrscheinlichkeit. Und dennoch war es geschehen. Zwar reagierte Stephen Maturin zunächst mit Argwohn und Ablehnung auf die gefühlsbetonte Art von Mensch, zu der Aubrey gehörte, denn die Erinnerungen an den Aufstand von 1798 waren noch zu frisch und er hatte einen zu hohen Preis für die Erfahrung gezahlt, zu welchem Elend Leidenschaft und Hingabe führen konnten. Aber die Begeisterung, mit der dieser englische Kapitänsleutnant die Seefahrt beschrieb und die wissenschaftlichen Wunder, die nur auf Entdeckung warteten, hatten ihm die Entscheidung seltsam leichtgemacht. Andere Entscheidungen in den Jahren danach waren bedeutend schwerer gewesen. Sir Josephs Bitte um Mitarbeit, die Unterstützung der Guerillas in Spanien, Diana...Jack... Daher konnte er selbst nicht sagen, ob es die beißende Kälte war, die seine Augen tränen ließ, oder Dankbarkeit dafür, daß ihm *dies* ermöglicht worden war. Die Stufen bis aufs Achterdeck bewältigte er allein und stellte fest, daß die Schneedecke hier noch völlig unberührt war. Um Besanmast und Steuerruder türmten sich fast hüfthohe Schneewehen und für einen kurzen Augenblick überkam ihn das kindische Verlangen, einen Schneeball nach Jack zu werfen. Einfach nur so. Natürlich tat er es nicht, sondern beschränkte sich auf ein stilles Lächeln bei dem Gedanken an einen Jack Aubrey, dem der Schnee aus den Haaren rieselte. Und dann das Feuer erwiderte, bis sie sich daran erinnerten, wo und wer sie waren und einen Waffenstillstand ausriefen. Die Vorstellung wärmte ihm das Herz. Das Leben könnte bisweilen so einfach sein, würde es nicht verkompliziert durch Politik, Religion und Gesetze, welche die menschliche Natur mehr zum Widerstand herausforderten als daß sie sie einschränkten und in "rechtschaffene" Bahnen lenkten. Ob Schneebälle auch unter den Kriegsartikel 22 fielen? Vorsichtig stapfte er los, dankbar für die hohen Stiefel, die ihm Diana für diese Reise in den Norden vorsorglich eingepackt hatte.

Ein begeisterter Jack redete munter weiter, "Selbst auf Desolation Island - du erinnerst dich, Stephen, an unsere Fahrt auf der scheußlichen 'Leopard'? - hatten wir nie einen solchen Himmel. Und was für ein Jammer, ich hätte so gerne mein großes Teleskop hier! So mancher Astronom würde für einen solchen Himmel sein erstgeborenes Kind geben! Ach, was sage ich denn da? *Alle* seine Kinder." Ihm kam dieser Anblick ganz ohne Gegenleistung zuteil. *Und* er konnte ihn mit Stephen teilen. "Trotzdem muß ich sagen, daß es etwas Glück im Unglück ist, oder, Bruderherz?"

Zunächst reagierte der Angesprochene nicht, sondern trat an Backbord neben eine der dort festgelaschten Kanonen und stützte sich auf das Rohr. Blickte mit einem seltsam entrückten Lächeln zum Himmel auf. Dann endlich gab er Antwort, "In der Tat, Jack. Ein seltenes Glück. Mir fehlen die Worte, die das hier beschreiben könnten. Nein, nein, sicher gibt es keine, in keiner Sprache dieser Welt. Die Kälte erscheint einem gleich weniger bitter." Einen Moment lang schien es als würde es dabei bleiben, dann setzte er hinzu, "Danke."

"Nichts für ungut, Stephen. Für dich jederzeit."

Ihre Blicke begegneten sich, und der unnatürliche Glanz in Stephens Augen ließ ihn verstummen. Die ganze Unterhaltung, vom Gedanken bis hin zum gesprochenen Satz, erstarb ebenso plötzlich wie der eisige Wind. Als hielte die Welt den Atem an. Schweigend standen sie Schulter an Schulter auf der Luvseite des Achterdecks und beobachteten das Naturschauspiel, das ungleichste Paar, das sich wohl je in diese trostlose Einöde verirrt hatte. Stephens notdürftig behandschuhte Hand ruhte auf der vereisten Reling, als Jacks fast zufällig zu ihr hinüberwanderte und sich über sie legte. Nie kam ihm der Gedanke, sie fortzuziehen.

 

*********
 

Das war vor nunmehr drei Stunden gewesen. Mittlerweile war es kurz vor Mitternacht, das Schiff war vom Klüverbaum bis zum Heck vom Schnee befreit worden, und Jack, der mit Zimmermann Lamb und seinem Maat die Reparaturpläne des nächsten Tages durchgegangen war, denn es galt, den Rumpf widerstandsfähiger gegen den Druck des Eises zu machen, entschuldigte sich und kehrte aufs Achterdeck zurück. Sein fröhlicher Ruf "Nur noch ein paar Minuten bis Januar" blieb ihm auf der Zunge liegen, als er gewahr wurde, daß Stephen nicht mehr gedankenverloren zum Himmel aufsah, sondern unter seinen Decken und dem dicken Pelz selig schlummerte. Im Sternenlicht und dem fahlen Grün der Aurora wirkte er so friedlich...fast um zehn Jahre jünger. Frei von den Sorgen, von denen Jack nur allzu gut wußte und ihm gerne abnehmen würde.

Seine eigenen, überwiegend materiellen Schwierigkeiten hielten einem Vergleich mit Stephens Problemen nicht stand. Die Dämonen, die seinen Freund quälten, stammten aus einer anderen Welt und waren zu komplex für einen Mann, der zwar die sphärische Trigonometrie im Schlaf beherrschte, dessen Leben aber dirigiert wurde von mehr oder minder elementaren Gegebenheiten wie Wind und Strömung. Ein wohlstrukturiertes Leben mit festgelegten Regeln und klaren Grenzen. Auf dem Wasser zog man den geraden Kurs einem Umweg vor. Stephen lebte innerhalb dieser Struktur, stand aber gleichzeitig über ihr, und die damit verbundenen Pflichten und persönlichen Opfer kannte Jack nur in begrenztem Umfang. Einerseits weil Stephen nicht darüber redete und andererseits weil Jack wußte, daß er besser daran tat, nicht zu fragen. Sein Bild von Stephen würde erheblich unter der vollen Wahrheit leiden, dem Wissen um die Lügen, die Täuschungen, die Heimlichkeiten und das mit kalter Berechnung in dunklen Hinterhöfen vergossene Blut. Also zügelte er seine Neugier und akzeptierte das Nichtwissen. Es war besser für sie beide. Jack bewunderte Stephen in vielerlei Hinsicht, idealisierte ihn geradezu, und das nicht nur wegen seiner medizinischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse, die er zu gerne in einer Tischgesellschaft thematisierte und Stephen damit in den Mittelpunkt rückte. Etwas, das dieser haßte, ihm jedoch verzieh. Nein, es lag vielmehr daran, daß er sich eigene Schwächen eher verzeihen konnte, weil sein Freund über derartige Verfehlungen erhaben schien. Weil er glauben wollte, daß Stephen Maturin, der Arzt, weltkritische Philosoph und Freigeist, zu manchen üblen Gedanken und Taten, die in der Natur des Menschen lagen, einfach nicht in der Lage war. Er war besser als das, und Jack Aubrey klammerte sich an diesen Gedanken, obgleich er genau wußte, wie naiv und töricht er war. Stephen hatte es nie angesprochen, aber Jack wußte, daß ihm dieses Wunschdenken nicht verborgen geblieben war. Und er wußte, daß Stephen ihm auch das übelnahm, doch nie etwas tun würde, was Jacks Glauben in ihn erschütterte, genausowenig wie Jack Stephens blindes Vertrauen in sein seemännisches Können schwächen würde, indem er sich offen zu Fehlern und Wissenslücken bekannte. Jene waren schließlich zu offensichtlich und für jedermann zu erkennen, die Konsequenzen meist unmittelbar, wohingegen ein Fehler vonseiten Stephens sich vielleicht erst Monate oder Jahre später auswirken konnte. Sie beide trugen Masken der Perfektion und hielten sie der Form halber füreinander aufrecht, um das, was dahinter lag, nicht stets vor Augen zu haben. Das Wissen um die bloße Existenz dieses Etwas - dieses bedrohlichen Anderen - war belastend genug. Aber er stellte keine Fragen. Es war der Lauf der Dinge, sie spielten die Rollen, die das Schicksal ihnen zugewiesen hatte. Allein eine einzige Rolle hatten sie selbst gewählt, dem Schicksal zum Trotz.

Dies und noch viel mehr ging Jack in dem kurzen Moment durch den Kopf, in dem er neben Stephen stand und auf ihn herabblickte, die weißen Atemwölkchen zählte, die zwischen den leicht geöffneten Lippen entkamen. Lippen, die von der Kälte rauh und aufgesprungen waren. Und rasieren müßte sich Stephen auch mal wieder, das hatte er ihm schon mehrmals nahegelegt, nur vermutete er, daß während des Sturmes eine Rasur in unschönen Schnittverletzungen resultiert hätte. Verglichen mit einem Arzt, der als sein eigener Patient schlicht und ergreifend unausstehlich war, waren zwei Wochen Bartwuchs das kleinere Übel und noch lauterer Nörgelei vorzuziehen.

 

Sich die Hände reibend trat Aubrey neben seinen Steuermann, der einige Meter weiter pfeiferauchend am Besanmast lehnte, und zog die Uhr aus seiner Rocktasche. "Fünf vor Zwölf. Gleich ist es soweit, Barret. Ein neues Jahr, ein neuer Anfang. Neue Gelegenheit zu großen Taten. Hoffentlich gelingt es uns dieses Jahr, Boney zum Aufgeben zu zwingen. Allmählich wird es höchste Zeit." Auch wenn das Ende des Krieges aller Wahrscheinlichkeit den Verlust seines Kommandos bedeuten würde und das Versiegen seiner Haupteinnahmequelle, hätte er nichts gegen etwas Frieden einzuwenden. Etwas Frieden, nicht unbedingt dauerhaften Frieden, aber doch lange genug, um Zeit mit seiner Familie zu verbringen, einige Probleme zu lösen, die er schon zu lange aufgeschoben hatte.

Ein ruhiges Nicken und ein Lächeln, dann nahm Bonden die Pfeife aus dem Mund. "Ja, Sir." Wie viele andere hatte er sich nicht von der Kälte abschrecken lassen. Daß der Captain heute zur Feier des Tages die Grogration verdoppelt hatte, war für einen jeden Seemann schon ausreichend Anlaß zur Freude. Aber weil sie zudem bis Mitternacht Freigang hatten, war er ausnehmend guter Laune. Für seine Verhältnisse schon geradewegs ausgelassen. "Ich hätt' nix dagegen, wenn er hier wär' anstelle von uns. Is' ein bißchen kühl hier, Sir", führte er aus, als ob eine Erklärung erforderlich wäre.

"Ich denke, Napoleon friert ebenfalls, Barret. Mit etwas Glück friert er irgendwo fest und wir sind ihn los, bis Tauwetter einsetzt."

"Sir?"

"Bonapartes vielgerühmte Grande Armée, der Schrecken Europas, hat sich an Rußland die Zähne ausgebissen. Sie sind seit zwei Monaten auf dem Rückzug nach Paris, soviel ich weiß, stark dezimiert und demoralisiert." Soviel hatte ihm zumindest Stephen erzählt, wenige Tage bevor sie den Hafen verlassen hatten. Wehmütig erinnerte er sich an den Abend, der Dienstag nach Allerseelen. Nach dem Dinner hatten er und Stephen in dessen Räumen im 'Grapes' eine Flasche Port geleert, eine gute Zigarre genossen und geredet, wie sie es nur selten konnten, wenn sie auf See waren. Die behagliche Wärme des Feuers von außen und das Nachglühen des Portweins von innen und Stephen in einer ungewöhnlich gelösten, redseligen Stimmung...wie unendlich trostlos war ihm hinterher der graue Londoner Novembernebel erschienen. Kein Vergleich jedoch zu dieser Kälte. Stephen hatte ihm natürlich angeboten zu bleiben, doch er hatte das Angebot ausgeschlagen und den langen Weg zu seiner eigenen Unterkunft in Kauf genommen. Fast wünschte er jetzt, sich anders entschieden zu haben.

"Wie lange noch?" fragte der Steuermann nach einem kurzen Moment des Schweigens.

Abermals ein Blick auf die Uhr. "Zwei Minuten."

"Was ist mit dem Doktor?" Bonden machte eine Kopfbewegung gen Heck. "Wollen Sie ihn nicht wecken? Jetzt war er schon die halbe Nacht hier oben, hat in dieser Sch-...kälte zusammen mit uns gebibbert, Lippen so blau Ihre Uniform, Sir, und nun wird er glatt das Beste verpassen. Irgendwie unfair, finde ich."

Jack tat so als würde er das in Betracht ziehen, schüttelte dann aber rasch den Kopf. "Nein. Nein, lassen wir ihn schlafen. Er braucht die Ruhe, die letzten Tage waren für ihn enorm anstrengend. Rufen wir lieber die Männer zusammen. Wenn der Doktor *davon* nicht wach wird, schaffe ich erst recht nicht, ihn aufzuwecken. - Mr. Hollar, wenn ich bitten darf." Zum schrillen Zwitschern der Bootsmannspfeife kam die Mannschaft an Deck gestürmt und kaum daß sie Aufstellung genommen hatten, war es auch schon soweit. Ein flüchtiger Blick auf Stephen zeigte, daß der Freund diesen Jahreswechsel bedauerlicherweise ebenso verpassen würde wie den letzten und den vorletzten, dann forderte die Pflicht seine ganze Aufmerksamkeit.

 

Sechzehn Mal schlug die Glocke in alter Marinetradition, verkündete das neue Jahr, und jeder Ton hallte klar und laut über das Eis in die Nacht hinaus. Irgendwo kreischten daraufhin einige Seevögel und ein Chor von Seehunden Jack war sich da nicht sicher, doch würde er Stephen nicht um einer Antwort willen wecken!) hob ein verärgertes Gebrüll an; offenbar mißfielen ihnen die Bräuche ihrer menschlichen Nachbarn. Eine andere Tradition war der erste Eintrag ins Logbuch, der in Versform vorgenommen wurde. Das war schon problematischer, weshalb der Captain diese Aufgabe gerne seinem Second Lieutenant übertrug, denn Mowett war ein besserer Wortschmied als er. Also würde er sich gar nicht mit Reim und Versmaß abmühen. Die kurze Neujahrsrede dagegen hielt er aus dem Stehgreif und fand es hinterher zu schade, daß er sich keine Notizen gemacht hatte, denn ihm gelangen einige überraschend gute Bonmots, die er gerne für eine spätere Wiederverwendung festgehalten hätte. Nicht zuletzt um sie vor Stephen zum Besten zu geben. Stephen...mehr als einmal wanderte sein Blick während der Zeremonie nach achtern.

Dieser jedoch schlief tief und fest und bekam weder von den Seehunden noch von der Rede noch von dem lautstarken, von Gesang und Hurrahs begleiteten Umtrunk etwas mit. Natürlich fielen zahllose Bemerkungen über den schlafenden Schiffsarzt, alle davon aber gutmütiger Natur. Ein jeder an Bord hatte seine Gründe, ihm dankbar zu sein, die meisten schätzten ihn als Mediziner und einige wenige sogar als Menschen - er legte beizeiten Launen an den Tag, die ihn nicht sehr beliebt bei seinen Patienten machten - und niemals käme jemand auf die Idee, schlecht über ihn zu reden. Auf diesem Schiff war sein Status ebenso unangreifbar wie der des Captains selbst. Wie auch immer die individuellen Meinungen, in einem waren sie sich einig: sie hätten für das neue Jahr einen Salut schießen können und Dr. Maturin hätte nichts davon gemerkt. Er schlief sogar noch, als Bonden ihn unter Deck schleppte, wo Jack bereits wartete, um ihn in seine Koje zu verfrachten.

 

Es war das Knarren der sich schließenden Tür, das ihn weckte. "Jack?" murmelte er leise, noch gefangen zwischen Träumen und Wachen. "Was...was ist los? Ein Notfall etwa?"

"Oh, nichts dergleichen, mein Lieber. Wir haben bloß den ersten Januar 1813. Schlaf' ruhig weiter, du warst gerade schon so eifrig dabei und schienst es zu genießen."

"Mir ist furchtbar kalt..."

Jacks Mund zuckte in einem mitfühlenden Halblächeln. "Ich weiß", gab er zurück. "Du sprichst ja seit Tagen von nichts anderem." Trotz der Dunkelheit konnte er sehen, daß Stephens schmächtiger Leib unter den aufgehäuften Decken schlotterte. Und er konnte nicht anders. Schon den ganzen Abend hatte er dies tun wollen. An Deck, unter dem Sternenhimmel. Es wäre perfekt gewesen. Aber wem war in diesem Leben schon etwas gänzlich Perfektes vergönnt? Dies mußte genügen. Ein Zurück gab es nicht mehr. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß die Tür verriegelt war, legte er ohne Eile Bootsmantel und Uniformjacke ab. Löschte die Laterne und entledigte sich seiner Stiefel, bevor er der unausgesprochenen Aufforderung folgte und sich neben Stephen ausstreckte, auf dieser schaukelnden Stoffbahn, die normalerweise schon für einen Mann wenig Platz bot. Langsam und vorsichtig. Nun endlich hielt er ihn in den Armen, hielt ihn fest. "Ach, Stephen, warum tun wir uns das bloß an?" fragte er, ein Flüstern in Stephens Haar. Ein weiteres Jahr, und sie begannen es ausgerechnet auf diese Weise. Schon wieder. Eine Tradition, die gegen alles verstieß, was er als Offizier in Ehren halten sollte. Zumindest sollte er Reue empfinden. Nur war dem nicht so. Zwei Arten zu leben, zwei Arten zu lieben. Sophia und Stephen. Sophia war die Zukunft, die Konstante. Stephen die Gegenwart, aus der irgendwann (allzu bald) Vergangenheit werden mußte.

Die Umarmung wurde ihm mit einem erleichterten Seufzen gedankt. Zumindest klang es nach Erleichterung. Es hätte genauso gut Schmerz sein können. Bei Stephen war er sich niemals ganz sicher. Schweigen konnte bedeuten, daß ihn etwas beschäftigte und er reden wollte, ein Lächeln das genaue Gegenteil ausdrücken. Und doch waren dies die einzigen Momente, in denen er wußte, daß Stephen vollkommen ehrlich mit ihm war. Eine Ehrlichkeit, die wehtat in ihrer Einfachheit.

"Frohes Neujahr, mein Freund." Mit einer Hand drehte er das vertraute Gesicht ins Licht. Er wollte seine Augen sehen, seine Reaktion. Zuerst küßte er ihn auf die Stirn, dann auf die Augen und schließlich endlich auf den Mund. Ohne Druck, ohne Zwang, nur eine einzige, andauernde Berührung. Erst als aus dem Geschaukel ein sanftes Schwingen geworden war und auch das Zittern nachgelassen hatte, löste er seine Lippen von Stephens, streichelte mit dem Zeigefinger eine Linie von der Stirn bis hinunter zum Kehlkopf. Dort blieb sein Finger liegen, ließ ihn die Dauer ihres Schweigens in Pulsschlägen zählen. Bei sechzig hörte er auf. Dann... Das heftige Schlucken war ein Vorbote von Worten, denen er zuvorkommen mußte. "Was, Stephen?"

"Dir ebenfalls ein frohes neues Jahr, mein Herz." Bezüglich der zuvor von Jack in den Raum gestellten Frage nach dem Grund schwieg er sich aus. Nicht weil er die Antwort nicht kannte, oder weil sie ihm mißfiel, nein, einfach weil er wußte, was sie zerstören würde. Es gab andere Arten zu reden; sie hatten die ihre vor langer Zeit gefunden. Deshalb schloß er die Augen und drehte sich um. Und wie erwartet kam der rechte Arm unter seinem Kopf zu liegen, zusätzlich zu dem dünnen Kissen. Der linke schlang sich um seine Hüfte, und er ließ sich bereitwillig gegen den größeren Körper ziehen, spürte trotz ihrer beider Kleidung die wohltuende Wärme, die von Jack ausging. Blind tastete er nach der Hand auf seiner Brust und verflocht ihre Finger ineinander. Sagen brauchte er nichts, diese Geste genügte, und die Antwort bestand aus den vielen kleinen Dingen, die die Kälte weichen ließen und ihn in den Schlaf zurückführten. Der kräftige Herzschlag gegen seinen Rücken, der leichte Druck, mit dem seine Hand gehalten wurde, der regelmäßige Atem, der über seine Haare strich. _A fortiori, Jack, du und ich. Immer noch stärker, mit jedem neuen Jahr._ Er hielt nicht viel von Neujahrsversprechen, aber selbst wenn dem so wäre, fiele ihm nur eines ein, _Nie wieder_, und das hatte Jack bereits für ihn gebrochen. Besser konnte das neue Jahr nicht beginnen.

Als er endlich einschlief, war ihm nicht länger kalt, weder körperlich noch in Gedanken.

 
Ende

 
Du bist der 1434. Leser dieser Geschichte.