|
And Your Body Shall Haunt Mine© by Meredith Bronwen Mallory ()
"What ever you love,
Whatever you give, Whatever you you think you need to live. Whatever you want, Whatever you hide, Whatever you carry deep inside, There's something more than this." -"Something More Than This," by The October Project
B.J. schlief, die verletzte Hand lose gegen die Brust gehalten ð wie ein schlankes, fremdes Wesen am Ende seines Armes lag sie da, reglos an ihn gekuschelt. Er schlief und träumte, daß er schlief, die Art von doppeltem Negativ, die dem Geist keine Fluchtmöglichkeit bietet, weder vor noch zurück. Korea war die ewige Gegenwart, der Moment, den er in seinen Hände hielt, noch während er durch ihn zu zitternder Asche verbrannte, aber trotzdem konnte er nicht loslassen. Vielleicht wollte er es auch gar nicht. Eine Berührung in der Dunkelheit, da war nur der Mond, der vage Umrisse andeutete und allem ein seltsames Gefühl von Tiefe verlieh. Unter der Wasseroberfläche, die Sonne so weit entfernt, daß sie lediglich ein diffuser Schimmer war, stieg B.J. durch die Wellen auf, gelangte in einen anderen Ozean, und er könnte weitertreiben und weitertreiben und es würde immer ein Irrgarten bleiben. Korea war ein Traum, ein Alptraum, und alles, was dazwischen lag. Sanft wurde sein Arm gefaßt und zwischen zwei fähige Händen genommen, Finger strichen über das geschundene Fleisch wie das Gegenteil von Phantomschmerz. In der Nacht, die schwer auf ihnen beiden lastete, war Hawkeye ein verschwommener Schatten, der sich über ihn beugte, Wache hielt und beobachtete. In seinen Gedanken überlappte sich der Moment mit einem anderen, beide beanspruchten den selben Punkt im Strom der Zeit ð nur wer konnte sagen, welcher sich zuerst ereignet hatte? Hawkeye, auf dessen Gesicht die verräterische Luna Schatten von Emotionen malt, die _unmöglich_ sein können; aber zugleich Peg, ihr Kopf auf dem Kissen und ihre nicht-goldenen-nicht-braunen Haare wie ein Halo um ihr Gesicht, wie sie ihn in der stillatmenden Leere von drei Uhr morgens beobachtet. Beides würde geschehen und war bereits geschehen ð geschah immer wieder, jawohl, weil B.J. von dem einen klaren Moment zwischen zwei Herzschlägen verschlungen worden war. "Stimmt etwas nicht, Hawkeye?" brachte er hervor, doch seine gesamte Wahrnehmung konzentrierte sich in Wahrheit auf die Hand, die abgetastet und behutsam gehalten wurde. ((Siehst du, siehst du? Eben das ist zuviel! Ja, Ärzte können sich kümmern, Trost spenden, aber ist er, Hawkeye, überhaupt des Begriffs _halten_ mächtig, oder der Worte _an sich drücken_, _umarmen_, und des einen Wortes, das immer falsch klingt, _Liebe_? Wenn ja, wenn es das ist, was er tut, warum macht es dir dann solche Angst, und wie hast du es bislang immer genannt? Leidenschaft ist einfach, rollt von der Zunge mit sanftem 'l' und 'sch'. Verlangen ist fast zu formell, und 'Lust' ð nun, der Klang dieses Wortes ist so irden, so nackt und wahr, daß du nicht einmal daran denken magst.)) Hawkeyes Finger ruhten in B.J.s Handfläche, berührten, ohne Druck auszuüben ð der jüngere Arzt sah die hängenden Schultern seines Freundes und fügte gedanklich den Seufzer ein, von dem er wußte, daß er sowieso existierte. "Nein", sagte Hawkeye etwas abweisend, dann bestimmter, "Nein. Ich wollte mir nur deine Hand anschauen." "Der geht's gut." Er befahl den Muskeln in seinem Arm, sich zu bewegen, sich dem Griff zu entziehen, doch seine Hand blieb, wo sie war. "Ich bin in Ordnung. Leg' dich wieder schlafen." "Kann nicht", antwortete der andere Captain; seine nach innen gekehrte Stimme klang wie die eines uralten Kindes. "Hab' eigentlich gar nicht geschlafen. Ich habe nachgedacht." "Ich werde die Medien alarmieren", brummte B.J. und schnitt sich an den Worten, als diese auf halber Strecke liegenblieben. Es kam keine flippige, schlagfertige Antwort zurück ð nur dieses unterschwellige Geräusch, das als Stille durchging. ((Niemals wirkliche Stille, man kann immer noch irgend etwas hören.)) "Warum wolltest du dich nicht von mir behandeln lassen?" fragte Hawkeye plötzlich und sein Schatten bewegte sich etwas nach vorne. Sein Gesichtsausdruck blieb B.J. jedoch verborgen. "Das war nicht nötig, mir ging's..." Aber nein, es war ihm nicht gutgegangen. "Alles war in besten Händen." "Aber", gab der andere Mann in einem Ton zurück, der pikiert und fast irgendwie ð aber nicht ganz ð traurig klang, "du wolltest nicht, daß ich dir helfe." Dort ð zwischen jenen Chirurgenhänden, die derzeit B.J.s ganzes Bewußtsein zu halten schienen ð ja, dort gab es andere Dinge, die Hawkeye nicht sagen konnte wollte sollte. ((Du würdest es zulassen, daß Peg sich um dich kümmert, dich umsorgt. Ah, ist dies die Stimme der Vernunft? Oder gibt es überhaupt einen Sinn ð kann es den geben? ð in diesem verrückten Krieg, der gleichzeitig Liebe ist und Liebe inmitten eines Krieges?)) "Weißt du", fuhr Hawkeye fort, "ich habe darüber nachgedacht. Über dich und mich und diesen verfluchten Krieg ð man muß immer an den Krieg denken ð siehst du, was ich sagen will? Vielleicht habe ich kein Recht, mich um dich zu kümmern." Zu nahe, selbst in diesen dichten Schatten. "Hawk ð" "Nein." Ein Finger legte sich auf B.J.s Lippen, als könnte er so alle Geräusche fortnehmen. "Ich meine, ich dachte mir, du würdest nicht all die Dinge, die zu Hause auf dich warten, nur für eine schnelle Nummer riskieren. Du bist nicht so jemand, das wäre es dir nicht wert. Also, wenn das nicht in Frage kommt, dann muß ich mich fragen, warum ð" ((Ja, B.J., warum? Warum berührst du ihn, hebst sein Kinn mit einem Finger an und schmeckst den Gin unter seiner Zunge, süß wie jeder Wein? Warum schließt du deine Augen und läßt ihn dich destillieren, hinunter bis auf das Flattern in deinen Rippen, wann immer er dich anfaßt? Aus welchem Grund erkunden deine Finger seine Glieder, warmes Fleisch, und warum greifst du nach ihm und warum, sag' mir warum entweicht dir dieser leise Schrei, wenn er in dir erzittert, oder über oder unter oder neben dir? Warum ist es nur dann, daß du ihn so fest in den Armen hältst, wie du es eigentlich die ganze Zeit tun willst?)) "Warum was?" B.J.s Stimme war ein Zischen, fremd sogar für seine eigenen Ohren. "Geh' ins Bett, Hawkeye, es ist spät." Abwehr; Parade. "Uh-uh." Da war er wieder, der kleine, vom Sturm durchwehte Junge, eingeschlossen und begraben in Hawkeyes Knochen, dicht unter der Oberfläche. Er vernahm ein schwaches Knarzen, laut in der Stille, und dann war da dieses feste, angenehme Gewicht. Hawkeye neben ihm auf dem Feldbett, ihm so nahe, fast auf ihm sitzend. "Ich muß...", der ältere Arzt schien betrunken ð vielleicht war das nur eine Ausrede, "ich muß mir jetzt darüber Klarheit verschaffen...." "Hawkeye", warnte B.J., zu gleichen Anteilen überrascht und besorgt, "du wirst noch Charles aufwecken!" "Der hat eh schon verschlafen", konterte Hawkeye. "Die Boston Tea Party hat er jedenfalls bereits verpaßt." Der Klang seiner Worte war verflog zu schnell, ð kein Lachen, kein Echo, nur ein flüchtiger Witz; eine einzelne Note, bei der das dämpfende Pedal am Klavier getreten wurde. Ihre Blicke begegneten sich in der Dunkelheit, oder zumindest dachten sie es. Mit einer Ernsthaftigkeit, die einer Trance ähnlich war, fuhr Hawkeye fort, "Also, ich dachte an dich, und dann fing ich an, über mich nachzudenken, weißt du, und die alten warum-und-wieso's ð" ((Halt, halt! Falsche Richtung!)) "Ich fing an, nachzudenken", berichtigte Hawkeye sich, "und zwar über mich und meine Beweggründe für, na ja, du weißt schon, für...._Sachen_." Hier schien er seine Stimme abzuklemmen, und als er wieder sprach, war es mit der Beiläufigkeit einer Beichte. "Was würdest du sagen, wenn ich dir erzählte, daß ich diese Woche mit Schwester Baker im Versorgungszelt war, und dann mit Schwester Welles?" "Ich würde sagen", B.J. mußte an etwas in seinem Hals vorbeischlucken, "ich würde sagen, daß du eine neue Tanzkarte brauchst ð die alte ist vermutlich voll." Erneut blieb der Humor auf der Strecke, ein schlaffes Etwas im Staub, tut mir leid, Sir, der Witz ist einfach tot. ((Verflixt, ich habe vergessen, wo ich meine bissigen Bemerkungen gelassen habe.)) Warum, wollte er schreien ð vielleicht seinen Zorn gegen Hawkeye richten, noch mehr aber gegen sich selbst oder die Umgebung ð warum liegen alle einfachen, leicht zu sagenden Dinge auf dem Boden? ((Weil, so die wahre Ironie des Ganzen, die Pointe, die dich glatt vom Hocker hauen wird: Du kannst nicht erwarten, daß er treu ist, wenn du es bewiesenermaßen _nicht_ bist. Und dann natürlich mußt du dich fragen, warum es dir so wichtig ist, ihn ganz für dich allein zu haben und warum du dir den Gedanken/Wunsch einfach nicht vorstellen kannst. Verschließ' die Tür und schieb' den Riegel vor, betrachte deine Gefühle durch eiserne Gitterstäbe, aus dem Augenwinkel heraus, aber stell' dich ihnen verdammt noch mal nicht direkt. Erin hat einmal gefragt, was eine Frage sei. Gut daß sie es nicht weiß, denn wenn man es herausfindet, lassen sie einen garantiert nie mehr in Ruhe.)) "Weißt du...", blaue Augen schienen für einen Moment sichtbar zu sein, aber vermutlich war es nur Einbildung, "ich kann mich gar nicht richtig erinnern... Ich meine, ich weiß, was wir ð die Schwestern und ich, meine ich, und nicht alle gleichzeitig, das möchte ich gleich klarstellen ð dort _taten_, aber das war nur so..." Ohne bestimmte Absicht streckte B.J. die bandagierte Hand aus; sie kam im gleichen Augenblick auf Hawkeyes Schulter zu liegen, wie er die Linke hob und an die Wange des anderen Arztes legte. Und hier konnte er sie spüren, die Angst, die soviel mehr war, das namenlose Ding, das in einer Dunkelheit herumschlich und ðkroch und ðkrabbelte, die heller war als Licht. Nicht die Angst eines Kindes und auch nicht die eines Erwachsenen; Furcht, schlicht und einfach, nackt und real. Unter der Berührung des jüngeren Mannes sagte Hawkeye, "Deine Hand hätte steif bleiben können, Beej. Noch etwas mehr der Vernachlässigung und du hättest _sterben_ können." Plötzlich, unerwartet, hatte B.J. den seidenen Faden von Hawkeyes Puls unter seinen Fingern und wurde sich bewußt, daß er seine verletzte Hand dorthin bewegt hatte, wo das Blut durch den Hals des anderen Mannes pulsierte. Das war Hawkeye da drinnen, sein Wesen, sein Leben, und B.J. konnte die lähmende Furcht in seinem Magen zerspringen fühlen, so deutlich als wäre es seine eigene, und das _war_ sie auch. "Tut ð" ...mir leid, wollte er sagen, tut mir leid, daß ich so stur war und dich weggestoßen habe, dich dafür bestraft habe, daß du dir um mich Sorgen machtest. Aber B.J. war ein ehrlicher Mensch und er konnte Hawkeye ebenso wenig anlügen wie Peg. Immer wieder begann er diese Briefe, "Mein Schatz", "Liebste Peg" (Jane), um sie anschließend zu verbrennen, seine Fingerspitzen gefährlich nahe an den züngelnden Flammen. "Es ist doch verrückt", meinte Hawkeye und klang dabei völlig normal und nüchtern. "Schau' dich um! Dieser Ort ist die Hölle, und _du_..." Sie schienen ihre Sätze nicht zu Ende bringen zu können. Was für eine amüsantes Phantasiebild; zwei Jungen beim Abendessen ð eßt eure Erbsen auf, eure Kommas, eure Punkte! Er selbst und Hawkeye, gemeinsam jung wie sie es nie gewesen waren, späte Highschool oder frühes College, und es war Benjamin Franklin "Hawkeye" Pierce, den er im Schattenspiel der Äste außerhalb des Schlafsaalfensters (und da ist schon wieder dieses Wort) liebte. Er wußte nicht, mit wem er in dieser Erinnerung tatsächlich zusammen war. Zeit, es gab niemals genug Zeit, und warum wollte er überhaupt mehr davon? ((Warum...? 'Why' ist eine furchtbare Frage und ebenso ein furchtbarer Buchstabe. Blöde Römer, aber sie mußten sich ja eine lange, diagonale Line ausdenken und eine kurze, dazu senkrecht stehende. 'Tr_y_' und 'm_y_' und ein 'y' in GOODBYE. Und auch dafür wird es einst einen Tag geben.)) "Schau'", begann B.J. schließlich, seine Stimme ausgeglichen, die Berührungen nachklingend, "ich wollte keineswegs deine Kompetenz in Frage stellen. Verdammt, selbst halbtot bist du noch ein besserer Arzt als der alte Kauz...was zugegeben des öfteren der Fall ist. Ich hab's nicht so gemeint." Und plötzlich redete er von etwas ganz anderem. "Ich hatte nie die Absicht ð" "Sicher", setzte Hawkeye hinzu, in einem Ton, den er normalerweise für Angelegenheiten reservierte, die größer waren als er selbst. Hatte nie die Absicht, dies zu tun, wollte nie, daß das Leben sich so entwickelt, hatte niemals vor, hier und jetzt enden. "Ich weiß." ((Du wolltest nie, daß der Krieg die perfekte Lackschicht über all den Dingen zerkratzt, die du nie sehen wolltest. Wolltest nie junge Männer sterben sehen und, ja, wolltest niemals Hawkeye begegnen. Aber, _bumm_, da ist er, eine Granate auf seine eigene Art und Weise, und kaum daß du diese hellen blauen Augen siehst, denkst du Dinge, die du nicht auszudrücken weißt. Du lernst, was es heißt, keinen Abstand halten zu können, und als es schließlich *passiert*, sagst du 'Ja'; selbst wenn du manchmal 'Nein' sagen möchtest, willst du fast immer 'Ja, Ja!' schreien, und, Gott, du fühlst dich so schwach dadurch, aber gleichzeitig warst du noch nie so stark, wirst es nie wieder sein. Was für eine blöde Art, das zu sagen, was du fühlst, sogar in deinen eigenen Gedanken versagst du bei dem Versuch, also ist es selbstverständlich, daß du es nicht laut aussprechen kannst!)) "B.J.." Hawkeye war jetzt ganz auf ihm, Kleidung gegen Kleidung und es könnte genauso gut Haut sein, denn für sie gab es keinen fühlbaren Unterschied. "Ich will...ich will, daß du mir etwas versprichst." Sein Atem ging schwer, nicht bedingt durch die Hitze der Begierde sondern durch die Kälte, die man spürt, wenn man nichts hat, um sich damit zuzudecken. "Versprich' es mir, ja?" "Ich verspreche nichts", sagte B.J. und fühlte in diesem Augenblick eine bizarre, abartige Verbindung zu Frank Burns, "was ich nicht halten kann." Und dann war das Gefühl auch schon vorbei, denn das alte Frettchen hatte vermutlich neben Margaret (sie war wirklich ein nettes Mädchen, wer hätte es gedacht?) gelegen und all jene Dinge gesagt, die niemand jemals meinte. "Ich habe darüber nachgedacht, was du sagtest", verdeutlichte Hawkeyes Stimme; B.J.s Bewußtsein liefert das Bild dazu ð 'hätte ihm auf dem Operationstisch wegsterben sollen' ð wie der ältere Captain lachte, auch wenn die unmittelbare Realität seinem Gesicht jeden Ausdruck nahm und B.J. sehen konnte, wie da hinten hinter dem Blau etwas schmerzte. "Versprich' mir, daß du nicht stirbst, Beej." ((Deutlicher wird er es wahrscheinlich nie sagen können, zumindest nicht, wo du es noch hören kannst. Aber vielleicht hat er Recht und die Risiken, die wir auf uns nehmen, sind doch nicht ganz umsonst und die bloße Tatsache, daß es geschieht (wir geschehen), ist ein Beweis für...für...yeah.)) "Bist du verrückt?" entkam es B.J., ein erstickter Schrei. Wie Charles sich daraufhin rührte und umdrehte, fernab von ihnen, sicher und allein, blieb der Rest von dem, was er versucht war zu sagen, hinter seinen Lippen zurück. _Dies hier ist ein Krieg, jeder von uns könnte jeden Tag sterben. Irgendwann sterben wir alle. Du solltest das eigentlich am besten wissen._ "Ja", antwortete Hawkeye ohne Umschweife, bestätigte, daß er _tatsächlich_ verrückt war. Der alte Scherz ð 'Ich bin verrückt nach dir.' Er nahm B.J.s Hände (sanft, vorsichtig) in die seinen. "Versprich' es einfach nur, okay?" Der andere Mann protestierte, "Hawkeye, ich kann nicht ð", und fühlte die Wärme seines Geliebten gegen sich; der Rest der Welt erschien ihm wie durch einen Schleier aus Feuer, so heiß, daß es kalt war. "Wer _weiß_ denn schon ð" Ein leises, vielleicht gefährliches ð nein, so ließ sich das nicht beschreiben ð, "Versprich' es mir, Beej." Wieder diese Angst, zerschmettert und zerschmetternd; ihr Zwilling befand sich in B.J., jenes entsetzliche Alptraumbild von Hawkeye, wie er dalag, Arme und Beine von sich gestreckt, seltsam verdreht in unnatürlichen Winkeln und Blut. ((Es heißt, ein jeder Mensch habe Angst vor dem Tod, aber das stimmt nicht. Nicht wirklich. Du bist Arzt, und er ebenfalls, du kennst die endlosen Zahlen, die Vielzahl von Arten, auf die der menschliche Körper so zerbrechlich ist wie frischgeblasenes Glas. Einen Körper, den kann man töten, aber in seinem Inneren gibt es noch etwas, etwas, das man weder sehen, noch riechen, noch berühren kann. Und doch gibt es einem Befehle, treibt einen an, läßt einen wollen, weinen, brauchen und lieben. Darin begründet sich diese andere Angst, bei Tageslicht genauso schrecklich wie in blinder Dunkelheit ð wenn man dieses Etwas töten kann, die sogenannte Seele, einfach nur damit man nicht mehr _fühlen_ muß, was ist man dann noch, bitte?)) Und er sagte, weil es _wollte_, "Ja. In Ordnung, schon gut. Ich verspreche es." Es war eine gemeinsame Bewegung; B.J. zog Hawkeye herunter, als der andere Mann gegen ihn sank. Seidiges, von grauen Strähnen durchzogenes schwarzes Haar (er wußte, wie sich die Farbe anfühlte) kam auf seiner Brust zu liegen, er spürte die nicht-ganz-glatte Wärme der Wange, die Atemzüge, ein und aus. Wenn es Peg gewesen wäre... ((Deine Frau ist blond, dein Liebhaber dunkelhaarig, gelockt verglichen mit glatt, normal mit verrückt, braune Augen mit blauen, und sie ist eine Frau und dein Liebhaber ein Mann. Zumindest wirst du die zwei nicht verwechseln. Ha! Ha!)) Wäre es Peg gewesen, so wußte B.J., hätte er weitere Worte gehört, eine Erklärung im Dunkeln, die ihm half zu verstehen und ihn dennoch vor weitere Rätsel stellte. Von Hawkeye kam nichts dergleichen, nur Gewicht und das Gefühl eines Lächelns und ð nun, das war lächerlich, er dachte, er hätte einen kleinen Tropfen Wasser gespürt, aber nein. Konnte nicht sein. ((Oh wie tief doch die Mächtigen gefallen sind. - Alte Klischees, kann nicht genug von ihnen kriegen - Du hast diese Art von Macht niemals gewollt, aber es ist die selbe, die er über dich hat. Ob weniger oder mehr...wer weiß das schon...))) Langsam begann B.J., ein Muster auf Hawkeyes Rücken zu zeichnen, ein unverständliches Symbol, das er vor seinem inneren Auge sah, etwas, das alles wahrheitsgemäß erklären würde, aber er konnte sich nicht mehr an die genaue Schreibweise erinnern. Sanft streichelte er die Schulterblätter (Stümpfe abgetrennter Flügel) und folgte mit den Fingern jeder einzelnen Erhebung der Wirbelsäule. Seine linke Hand war ebenso unbeholfen wie die bandagierte Rechte, doch kribbelte sie mit jedem Zentimeter berührter Haut. Als er schließlich innehielt, blieb Hawkeye noch für einen weiteren Moment liegen und stand dann auf. Seine Silhouette flackerte schemenhaft in der Dunkelheit, je nachdem wie die Schatten fielen. ((Das ist es, denkst du, denn er zieht sich geradewegs wieder in seine Ecke zurück, am Morgen wird er Witze machen und dich küssen, wenn niemand hinsieht. *Er* ist derjenige, der zu dir gekommen ist, also wie kommt's, daß *du* dich so verloren und dem Ertrinken nahe fühlst? Er hat's hier schon viel länger als du ausgehalten, wie du weißt. Er wird's weiter aushalten. Und du weißt nicht einmal, wovon du gerade redest...)) Bevor B.J. überhaupt den Gedanken denken konnte, war er ausgesprochen, in aller Ehrlichkeit, "Bleib' hier, bis ich eingeschlafen bin, okay?" Es klang rauh und kindlich, aber gleichzeitig beiläufig genug. Er hörte das Schlurfen von Füßen im Staub, merkte, wie Hawkeye erneut seine verletzte Hand ergriff und sich ans Ende des Feldbettes setzte. Dann sagte er, und da, *da* war es, das Lächeln, das B.J. spüren und darin versinken konnte, "Na klar." Nacht in Korea und das Lager voller Schatten. Willst du nicht, brauchst du nicht, besser du findest ð so würde das Lied eines Tages lauten ð jemanden, den du liebst. Je*manden*...das klingt als ginge es nur um einen Körper, aber das stimmt nicht, denn Knochen sind lediglich Knochen, und man liebt wohlmöglich gerade das weiche Haar und die kleine Kuhle auf der Rückseite des Knies, aber nur weil es zu jener wichtigen Person gehört. So. Eines Tages, irgendwann, irgendwo wird sich B.J. wundern, warum er Hawkeye niemals ein ähnliches Versprechen abgenommen hat. Ohne das gewisse Etwas, das einen fühlen läßt... ...ist ein Körper nur ein Körper. Und dann nennt man ihn eine Leiche.
|