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Eine letzte Kerze© by Jimaine ()
Wie jeden Morgen stand er schon vor Sonnenaufgang am Fenster, eine Decke um die Schultern gelegt, und blickte in die Ferne. Das war sein Land da draußen. Britannien. Er trug die Verantwortung für ein ganzes Volk, jetzt, wo die römischen Truppen sich zurückzogen. Doch fühlte er sich nicht wie ein Herrscher, der wahre Herrscher war der Winter. Schnee bedeckte seit Wochen die Wiesen und Berge, Bäume ächzten unter der weißen Last...er wußte zu gut, wie sie sich fühlten. Dickes Eis überzog Seen und Flüsse und wer ihn ansah, wie er dort stand, dem mußte es erscheinen, als wäre sein Schmerz in dem Eis gefangen, unter dem das Land schlief und den fernen Frühling erwartete. Ein friedlicher Schlaf, doch womit war dieser Frieden erkauft worden? Zu welchem Preis? Und wie lange würde er andauern? Am Horizont kündigte fahle Helligkeit die Sonne an, gleich würde sich die blaßrosa Scheibe in das bedrückende Grau schieben. Egal, wie groß die Entbehrungen im Dienste Roms gewesen waren, er hatte niemals gezweifelt. Weder an seinem Gott noch an seiner Pflicht. Auch nicht, als seine Ritter starben, einer nach dem anderen, ihr Vermächtnis ein Feld von schneebedeckten Gräbern. Schwerter in hartgefrorener Erde. Auch nicht, als Lancelot für ihn sein Leben gab, für seine Zukunft, seine und Guineveres...und die Zukunft eines Landes, das ihm nie eine Heimat gewesen war. Und ihm letztendlich, nach einem kurzen, harten Leben voller Blut und Grausamkeiten den Tod gebracht hatte. In einer Schlacht, die er nicht selbst gewählt hatte.
Lancelot...der Mann, der zu keinem Gott betete und an nichts anderes glaubte als an sich selbst und die Schwerter in seinen Händen. _Und an mich. Er hat an mich geglaubt und ich habe ihn verraten._ Fünfzehn Jahre ohne Zweifel hatten auf dem Schlachtfeld am Mons Badonicus ein jähes Ende gefunden
Die Sonne war nun halb hinter den Bergen hervorgetreten, goß ihr kraftloses Licht über eine Landschaft, die zu kalt war, als daß sie sie hätte erwärmen können. Britannien. Sein Land. Doch was bedeutete schon ein Land, wenn es dem Führer an Stärke fehlte? Wenn dieser selbst von der Kälte zu gelähmt war, um seinem Land den Frühling zu bringen?
Das Jahr neigte sich dem Ende zu, bald würde der kürzeste Tag des Jahres gefeiert werden. Die Wintersonnenwende für Merlins Volk. Weihnachten für alle Christen. Was würde es für ihn sein? Jeden Abend zündete er die Reihe Kerzen auf dem Fenstersims an und jeden Morgen waren sie im eisigen Nachtwind erloschen. Sein Glaube hatte ihm Kraft gegeben; zumindest hatte er das stets angenommen. Nun war er sich dessen nicht mehr so sicher. Mehr und mehr regte sich in ihm der Verdacht, daß es in Wahrheit Lancelot gewesen war, aus dem er seine Kraft geschöpft hatte. _Mein Schild, mein Schwert..._ Und vielleicht hatte Lancelot Recht gehabt. Vielleicht mußte es nur kalt genug werden und der Schwertstreich nur stark genug sein, damit sein Glaube, sein selbsterklärter Schutzschild, unter der Wucht zerbarst. Kein Engel, der ihm erschien, und ihm mit einer frohen Botschaft jegliche Last von seiner Seele nahm. Kein Stern, der ihm den Weg wies und ihn an den Ort führte, wo er die Erlösung von seinen Sünden finden würde. Er war weder ein einfacher Hirte, noch konnte er behaupten, ein weiser Mann zu sein. Er war einfach nur ein Mann, der nicht mehr wußte, warum er mehr sein sollte als das. Der sich selbst verloren hatte in der Sache, für die er so lange gekämpft hatte. Im Kampf war es stets Lancelot gewesen, dessen Schwert den Tod auf Armeslänge von ihm abgehalten und sein Leben mehr als einmal gerettet hatte. Wer würde ihn jetzt retten? Was? Glaube? (An was?) Seine Liebe? (Für wen?)
Nicht mehr lange und Guinevere würde erwachen. Sie würde aufstehen, an seine Seite treten und eine Hand auf seinen Arm legen, wie jeden Morgen. Sie verstand. Sie glaubte an ihn. Und liebte ihn, obwohl er weder ihren Glauben teilen noch ihre Liebe erwidern konnte. "Christus, unser Erlöser, unser Heiland", flüsterte er tonlos, die Worte ein Echo einer mehr und mehr in Vergessenheit geratenden Zeit. Christus mochte für die Menschen und vielleicht sogar für Artorius Castus geboren worden sein, doch gestorben war für Artorius Castus jemand anderes. Im Vergleich mit Christus nur ein Funken, das Flackern einer Kerze, doch alles Licht, das er je gebraucht hatte. Für ihn zündete er jeden Abend die Kerzen an. Und jeden Morgen waren sie allesamt verloschen. Nur heute nicht, heute war es anders. Noch wie er hinter sich das Geräusch von Decken hörte, die zurückgeschlagen wurden, streckte er eine Hand aus und hielt sie schützend um die einzelne, zitternde Flamme, die dem Nachtwind getrotzt hatte. Spürte ihre flüchtige Wärme... nur etwas näher und sie würde ihn verbrennen. Er lächelte traurig. Es wäre nicht das erste Mal.
Guinevere rief leise seinen Namen, wie jeden Morgen. Und wie sie sich ihm näherte, ließ er langsam die Hand sinken.
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