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Ich weiß es nicht

© by Aisling ()
 
Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Copyrights gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intentionen, materielle Vorteile durch sie zu erlangen.
Anmerkungen: Mich hat das ,Echte Kerle' Fandom nur so fasziniert, weil ich mit dem Ende des Films so unzufrieden war. Ich wollte schon lange eine alternative Version schreiben, bin aber nie wirklich dazu gekommen, weil noch so viele andere Ideen in meinem Kopf schwirrten, aber heute hab ich mich dazu überwunden. 6.000 Wörter an einem Tag sind eine stolze Leistung
Dank: An Birgitt. Fürs Transkript, das die Grundlage für diese Story war. Und für ihr Beta.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Ich hatte zwei Gläser mit Whisky geholt und als ich von der Küche in Eddies Zimmer kam, saß er gemütlich auf der Bettkante und wartete auf mich.

Wir waren gerade von Helens Einweihungsfeier zurückgekommen, wollten aber noch nicht sofort ins Bett.

Und der gemütlichste Raum in Eddies Wohnung war nun mal sein Schlafzimmer. Trotz der recht gewöhnungsbedürftigen Dekoration. Ich steh einfach nicht auf Aktfotos von Männern. Zumal ich Komplexe kriege, wenn ich nur an das Bild denke.

Ich reichte Eddie sein Glas und setzte mich auch aufs Bett.

Vorsichtig nippte ich an dem Whisky. Yeah, genau das brauchte ich jetzt. Weiß der Geier, was Helen heute hatte. Sie war so seltsam gewesen. Nicht von Anfang an. Sie hatte uns ganz normal begrüßt. Aber kurz bevor wir gingen, war sie so komisch gewesen. Anders konnte ich es nicht beschreiben. Warum machte ich mir eigentlich Gedanken um sie? Sie war eine Kollegin und mit einer Kollegin fing man nichts an. Schluss. Aus.

Und eigentlich war ich war auch viel zu faul, um überhaupt an was zu denken. Ein Glas Whisky, angenehme Beleuchtung und Eddie neben mir. Was wollte ich eigentlich?

Ich weiß nicht wieso, aber in seiner Gegenwart kann ich mittlerweile entspannen. Ich kann einfach ich selber sein. Ich hab bei ihm nicht das Gefühl, mich selbst jede Sekunde rechtfertigen zu müssen. Er akzeptiert mich so wie ich bin. Naja, ich glaube, einige meiner Sprüche nerven ihn immer noch, aber er nimmt's mit Humor.

Was war eigentlich zwischen ihm und Mike auf der Fete gelaufen? Ich hatte mitbekommen, dass Mike ihn zur Seite gezogen hatte, aber dann hatte mich Helens Schwester - hieß sie Karin? Ach scheißegal - in ein Gespräch verwickelt.

"Was wollte eigentlich Mike von dir?"

Es war mir rausgerutscht, bevor ich groß nachgedacht hatte. Ich hatte doch schon zuviel getrunken.

"Du bist wie 'ne Mutter zu mir!"

Keine Antwort ist auch 'ne Antwort.

Eddie trank einen Schluck und stellte sein Glas auf die Felge, die er als Tisch benutzte.

"Sag bloß nicht Mutter zu mir."

Ich nahm auch einen Schluck. Währenddessen machte Eddie es sich am Kopfende bequem.

"Aber Mütter müssen nicht alles wissen. Es macht ihnen nur Sorgen, wo gar keine angebracht sind."

War ja mal wieder klar. Wieso wich er mir aus? Inzwischen hätte er doch wissen müssen, dass er mir vertrauen konnte. Wir waren schließlich Freunde.

Doch ich sagte nichts, stellte mein Glas auf den Boden und legte mich neben ihm aufs Bett. Fast konnte ich ihn berühren. Mit einem leisen Seufzen schloss ich die Augen und genoss die friedliche Atmosphäre.

Schon komisch. Vor einigen Wochen hätt' ich jeden für bescheuert erklärt, der behauptet hätte, dass ich mich ohne groß nachzudenken zu einem Schwulen aufs Bett legen würde, ohne Angst zu haben, dass er mir ,an die Bömmel' ging. Und heute, heute war es selbstverständlich.

Auch wenn ich mich manchmal fragte, was in jener Nacht, in der wir uns kennen gelernt haben, wirklich gelaufen war.

"Wo wir beide hier grade so gemütlich liegen... Das muss doch eigentlich damals genauso gewesen sein."

Ich geb's zu, ich sage viel zu oft genau das, was ich gerade denke.

"Wann?"

Edgar stand nur dann auf der Leitung, wenn es ihm passte. Und das hier war wohl wieder so eine Situation.

Eigentlich war ich viel zu faul, mit ihm eine Diskussion anzufangen, aber auf der anderen Seite sollten wir das wirklich mal klären.

Ich öffnete die Lider und blickte zu ihm hoch. Der Ausdruck seiner Augen war einfach nur undefinierbar. Und am liebsten hätte ich ihm durch die Haare gewuschelt. Doch dann hätte Eddie sich wieder Hoffnungen gemacht, wo keine Hoffnung war, und deswegen ließ ich es bleiben.

"Ah, du weichst mir mal wieder aus."

"Das fällt mir doch im Traum nicht ein, ist viel zu anstrengend."

Doch der Schalk, den ich in seinen Augen glitzern sah, sagte mir alles. Also gab ich meine liegende Position auf und rappelte mich hoch. Faul wie ich war, lehnte ich mich an die Wand.

Wahrscheinlich war ich zu betrunken, denn sonst hätte ich nicht weiter nachgehakt.

"Ich will jetzt wissen, was damals passiert ist."

"Sag' ich aber nicht."

Das Grinsen auf seinem Gesicht brachte mich fast zur Weißglut. Ich wollte endlich wissen, was in jener Nacht zwischen uns gelaufen war. Innerlich hatte ich mich bereits mit dem Schlimmsten abgefunden. Aber vielleicht würde Eddie mich angenehm überraschen und mir sagen, dass wir viel zu betrunken gewesen waren, als dass wir wirklich Sex gehabt hätten.

Ich schluckte meinen Ärger runter, dachte aber nicht daran aufzugeben.

"Aber ich weiß halt immer noch nicht-"

Eddie ließ mich nicht ausreden.

"Immer noch nicht?"

Mein Blick schien ihm zu zeigen, wie ernst es mir war und dass ich nicht bereit war aufzugeben. Jedenfalls tat er nicht mehr so, als ob er nicht verstehen würde, was ich wollte.

"Ach das. Schon wieder?"

Dabei griff er über mich hinweg und holte eine Kiste aus dem Regal. Die klappte er auf und kippte den Inhalt in meinen Schoß.

Es war eine ziemlich große Kondomsammlung.

"Ist schon zum Reflex geworden", fügte er noch erklärend hinzu, während ich mir die Dinger anschaute. Da standen Namen auf den Verpackungen, die ich noch nie gehört hatte.

"Außerdem, was soll ich dir das noch genauer erklär'n? Zu allzuviel kann's nicht gekommen sein."

Im ersten Moment wusste ich nicht, was Eddie meinte. Ich las einfach nur vor, was auf einem Gummi stand.

"Himbeere."

Doch dann machte es ,Klack' bei mir und ich konnte Eddie einfach nur anstarren. Dann fand ich meine Stimme wieder.

"Ja sag mal, heißt das jetzt ja oder heißt das jetzt nein?"

Ich konnte es einfach nicht glauben. Doch ich hatte mich nicht verhört.

"Ich weiß es nicht."

Ich war ziemlich froh, dass in diesem Moment niemand ein Foto von mir machte, denn ich muss ziemlich fassungslos ausgesehen haben. Ich konnte immer noch nicht glauben, was Eddie mir sagen wollte.

"Na hör mal- Du warst ja wohl dabei, oder?"

Dabei ignorierte ich geflissentlich, dass ich auch dabei gewesen war und wegen übermäßigen Alkoholgenusses eine Lücke in meinem Gedächtnis hatte.

"Ja, das schon... Aber nicht so ganz da."

Ich konnte Eddies Antwort einfach nicht glauben und starrte ihn nur an, bis dieser ein erklärendes "Filmriss" hinzusetzte.

"Moment mal. Moment."

Das konnte doch nicht wahr sein. Verdammter Mist. Ich konnte einfach nicht mehr meine gemütliche Haltung beibehalten und setzte mich aufrecht hin.

"Himmel ja... Ich, ich weiß es nicht."

Eddies Erklärungsversuch war einfach nur unglaublich. Wieso musste das ausgerechnet mir passieren? Da gehe ich mit einem Kerl ins Bett und wir beide können uns nicht dran erinnern. Verdammt, ich hatte wenigstens einen guten Grund für mein Besäufnis gehabt, aber Eddie... Warum konnte er sich nicht daran erinnern?

Ich werde nie erfahren, was in der Nacht gelaufen ist.

Irgendwie brachte ich noch ein Nicken zustande. Doch meinen Frust musste ich los werden. Ich konnte es nicht in mich hineinfressen. Es musste raus.

"Er weiß es nicht. Er weiß es nicht. Na, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Da geht der Herr mit mir ins Bett und dann weiß er's nicht."

Es war nicht fair, dass ich so ironisch wurde. Aber wie zur Hölle sollte ich sonst reagieren?

Sitzen reichte nicht mehr. Ich musste Abstand von diesem Gesicht und den Augen, die mich so traurig und verletzt anschauten, bekommen.

Deswegen stand ich auf.

"Ha..."

Was sollte ich sagen? Ich wanderte unruhig auf und ab. Und war mir bewusst, dass mich Eddies Blick verfolgte. Und dieser Ausdruck eines verletzten Welpen brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Verdammt, der Junge war nicht halb so unschuldig, wie er gerade tat. Was konnte ich dafür, dass er sich in mich verliebt hatte? Gar nichts.

"Ich meine... Was heißt das jetzt genau, 'Ich weiß es nicht'? Ist das so ein... 'Na ja, is' mir doch egal, mit wem ich rumvögele-Ich-weiß-es-nicht'? Oder ist es eher 'Na ja gut, auf den einen kommt's auch nicht mehr an-Ich-weiß-es-nicht'?"

Eddie hatte inzwischen auch seine gemütliche Stellung aufgegeben und setzte sich ans Fußende. Er sah sehr verletzt aus. Das hinderte mich in dem Moment aber nicht, mich in diese Stimmung hineinzusteigern und immer lauter zu werden. Er war es selbst Schuld. Was musste er mir so lange verheimlichen, dass er sich auch nicht erinnern konnte.

"Oder ist es das: 'Wenn ich erst mal über zwei Promille intus habe, dann vögele ich sowieso, was sich irgendwie bewegt,-Ich-weiß-es-nicht'?"

Ein spitzer Schrei ertönte von oben und lenkte mich ab. Es waren diese verfluchten Nachbarn, die sonst immer samstags morgens um acht anfingen zu vögeln. Und jetzt hatten sie sich genau den passenden Zeitpunkt ausgesucht. Ich regte mich noch mehr auf. Denn genau darum ging es. Um Sex und ums Vögeln.

"Ich mein', da geh' ich schon mal ganz gegen meine Gepflogenheiten mit 'nem Mann ins Bett... Da frag' ich mich die ganze Zeit, ob... ob ich das weitermachen oder das bleiben lassen sollte..."

Bekam Eddie eigentlich mit, was ich hier zugab? So elend, wie er aussah, bestimmt nicht. Hörte er mir eigentlich zu?

Die letzen Worte schrie ich.

"Und du weißt es nicht."

Ich versuchte, mich zu beruhigen, und atmete einmal tief durch. Doch ich wollte wirklich sicher gehen und hakte mit etwas leiserer Stimme nach.

"Ich mein'... Du weißt es wirklich nicht?"

Doch bevor Eddie etwas sagen konnte, übertönten die lieben, netten Nachbarn mit ihrem Sexspiel mal wieder alles. Gott, hatt' ich einen Hals auf sie. Dabei kannte ich sie noch nicht mal.

"Haltet bloß Ruhe da oben, ihr Perversen. Oder ich hol' die Kollegen von der Sitte."

Es war einfach nur lächerlich, die Decke anzuschreien, aber es tat gut. Dabei merkte ich, wie kindisch ich mich in den letzten Minuten aufgeführt hatte. Und Eddie... Eddie hatte ich verletzt.

Verdammt, er weiß genau, wie er mich auf die Palme bekommen kann.

"Und lass euch verhaften."

Auch wenn ich noch brüllte, meine Wut war verraucht. Ich war doch damals genau so besoffen gewesen, warum machte ich so ein Theater?

Vielleicht wirklich, um zu wissen, ob ich damit weitermachen sollte. Schließlich fühlte ich mich in Eddies Gegenwart wohl. Schlimmer noch, ich vermisste ihn, wenn er nicht in meiner Nähe war. Aber deswegen konnte ich doch nicht mit einem Mann ins Bett steigen.

Wenn ich doch nur wüsste, was damals gelaufen war. Vielleicht hatte es mir doch gefallen. Gott, ich wusste gar nichts mehr.

Innerlich ausgelaugt setzte ich mich ans Fußende des Bettes und ließ mich nach hinten fallen. Dass Eddie neben mir saß, kümmerte mich in dem Moment nicht.

Doch ich fühlte seinen Blick. Bescheuert nicht, obwohl meine Augen geschlossen waren, wusste ich genau, dass er mich irgendwie traurig und besorgt anschaute.

"Ich weiß ja nur, dass ich dich sehr gern hab'."

Im Gegensatz zu meinem Geschrei war Eddie leise, er flüsterte fast schon. Doch ich verstand, was er meinte. Mir erging es ja nicht anders.

Ich richtete mich auf und saß jetzt direkt neben Eddie.

"Und ich dich erst."

Es fiel mir nicht schwer, dies zuzugeben, aber ich konnte ihm nicht in die Augen sehen. Denn mit meinen nächsten Worten würde ich all seine Hoffnung kaputt machen.

"Es heißt ja, heutzutage sei alles möglich..."

"Ja."

Jetzt kam für mich der schlimmste Teil. Ich wollte ihm nicht wehtun. Aber anders ging es nicht.

"... Stimmt aber nicht. Es stimmt einfach nicht. Tut mir leid."

Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf bezweifelte dies, aber ich brachte sie zum Schweigen.

Keine Ahnung, mit welcher Reaktion ich gerechnet hatte, aber bestimmt nicht, dass Eddie ruhig sitzen bleiben würde. Doch seine Worte zeigten mir, wie sehr es ihn schmerzte.

"Die wirklich guten Liebesgeschichten gehen meistens schlecht aus."

Dann holte er tief Luft, als ob er den Mut für die nächsten Worte finden musste.

"Hör zu... Ich ähm... Wenn ein alter Oktopus in seinem Aquarium zu lang allein ist, dann fängt er an, sich aus Trauer die Arme abzubeißen. Na ja, ich bin nur'n junger Schwuler, aber ich würd' das halt nicht gern machen müssen."

Ich verstand zwar nicht wirklich, was er meinte, konnte es aber einfach nicht so stehen lassen.

"Würd' dir auch nicht steh'n. - Ich weiß-"

Seinen Schmerz zu sehen, tat mir weh. Irgendwie wollte ich ihn trösten und legte meine Hand in seinen Nacken.

"Es ist besser, ich geh' bald, he?"

Allein der Gedanke, Eddie nicht mehr zu sehen, tat mir weh. Aber für ihn war es wohl das Beste.

"Schade", war sein einziger Kommentar, dem ich nur zustimmen konnte.

"Ja. Schade."

Ich weiß nicht warum, aber ich hatte einfach das Gefühl, dass es das Richtige war. Ich zog Eddie näher und gab ihm einen Kuss. Er war als eine Art Abschiedskuss gedacht gewesen. Und einen Zungenkuss hatte ich schon mal gar nicht geplant. Doch als Eddie seinen Mund öffnete, da konnte ich nicht widerstehen. Meine Zunge fand den Weg in seinen Mund und da brach irgendwo in mir ein Damm. Er schmeckte unbeschreiblich. Eine Mischung aus Whisky, Zigaretten und Eddie. Es war berauschend und ich konnte einfach nicht genug bekommen. Ich zog ihn enger an mich. Scheißegal, was er jetzt dachte. Hauptsache, er würde nicht aufhören, mich zu küssen.

Es war anders als in der Kneipe, da hatte er mich einfach nur überrumpelt. Hier gab es keine Zuschauer, kein Deichsel, kein Kallenbach. Nur uns zwei.

Irgendwann realisierte ich, dass wir nicht mehr auf dem Bett saßen. Wir lagen im Bett. Eddie unten, ich oben. Wäre es anders rum gewesen, hätt' ich vielleicht noch einen Rückzieher gemacht. Aber so hatte ich die Kontrolle.

Wir küssten uns immer noch. Doch meine Hände waren nicht untätig gewesen und hatten sein Shirt aus seiner Hose gezogen.

Dann glitten meine Finger über seine Haut. Ein warmer, fester Körper. Und doch, ganz anders als jede Frau. Einfach nur Eddie.

Doch bevor ich weiter nachdenken konnte, fühlte ich, wie er mein Hemd aufknöpfte, und dann, dann berührten seine Fingerspitzen meine Haut, so leicht, als ob er mich mit Federn streicheln würde... dann setzte jedes Denken aus und ich fiel in einen Rausch.

 

Am nächsten Tag kam ich nicht groß zum Nachdenken. Denn als ich nach dem Aufwachen auf den Wecker schaute, stellte ich fest, dass ich nur noch zehn Minuten Zeit hatte, um unter die Dusche zu gehen und mich anzuziehen. Ich hatte verschlafen. Und das, wo ich erst um Eins auf der Wache zu sein brauchte.

Ich befreite mich aus Eddies Armen, drückte ihm einen Kuss auf die Stirn und holte aus meinem Zimmer frische Sachen.

Erst als ich aus der Dusche zurückkam, weckte ich ihn. Irgendwie traute ich mich nicht, ihn wachzuküssen. Bescheuert. Wir hatten die Nacht mit heißen Sexspielen verbracht und ich war zu schissig, ihm im Hellen einen Kuss zu geben. Stattdessen schüttelte ich ihn sacht an der Schulter, bis er die Augen aufschlug.

Im Gegensatz zu mir braucht Eddie keine zwei Tassen Kaffee, um ansprechbar zu sein. Statt eine Begrüßung zu murmeln, kam er direkt zum Kern.

"Wo steh'n wir jetzt?"

Was sollte ich sagen? Ich hatte noch keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken.

"Frag mich noch einmal, wenn ich heute Abend zurück bin. Ich... ich weiß es nicht. Noch nicht."

Es war nicht ganz die Wahrheit. Mir war klar, dass ich Eddie nicht aufgeben wollte. Aber auf der anderen Seite war Eddie ein Mann und ich musste das Ganze einfach noch verdauen. Ich brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. Doch das Ergebnis stand schon fest.

Und wieso musste er so was fragen, bevor ich meinen Kaffee intus hatte?

"Du kommst zurück?"

"Bei dem Wohnungsmarkt... ich hab' ja noch nicht mal mehr ein Auto, in dem ich pennen kann."

Mit diesem flapsigen Kommentar hatte ich Eddie weh getan. Er sagte nichts, aber ich konnte es in seinen Augen sehen. Es gab nur eine Methode, dies wieder gut zu machen. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, bückte ich mich zu ihm runter und gab ihm einen Kuss. Keinen Bruderkuss. Zungenkuss und ich hätt' mich beinah vergessen. Er schmeckte so gut. Besonders ohne den Geschmack nach Zigarette.

Aber ich durfte nicht schwach werden. Schließlich musste ich zur Arbeit.

Nach einer kleinen Ewigkeit löste ich mich schweratmend von ihm.

"Und es liegt nicht nur an deinem Gästezimmer."

Damit floh ich aus der Wohnung. Verdammt, ich hatte mich da auf was eingelassen. Dabei sollte ich doch froh sein, dass ich Uschi los war, nein, ich machte etwas viel Verrückteres. Ich ließ mich auf einen Mann ein.

 

Zehn Minuten später war ich am Präsidium. Bevor ich Helen traf, wollt' ich mich noch umziehen. Schließlich sollten wir ja anschließend wieder den Mercedes observieren. Wie ich den Raum über dem Pornokino hasste. Das war bei Weitem die schlimmste Absteige, die Mike jemals organisiert hatte. Und ich hatte den Eindruck, dass meine Klamotten, wenn ich dort Feierabend machte, nach Puff rochen. Deswegen zog ich mich immer um. Bescheuert, nicht?

Gedankenversunken ging ich die Treppe zur Umkleide runter. Als ich die Feuerschutztür öffnete, fühlte ich mich besser. Dies war vertrautes Gebiet.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Warum schauten mich die Jungs nur so an? Hatte ich Ausschlag? Und dann das Grinsen von Jakobi. So hämisch. Am liebsten hätte ich ihm dafür einfach nur die Fresse poliert. Aber ich ließ es.

Bei den Duschräumen blieb ich stehen. Ich hatte das Gefühl, dass die dort über mich redeten. Ich versuchte, sie zu verstehen.

"Schwenk ist nicht schwul."

Keine Ahnung, wer das war. Ich tippte auf Pauly. Aber wieso redeten die über mich? Und warum mischten die sich in mein Privatleben ein?

"Ach? Wohnt bei 'ner Tunte und umarmt die Schwuchtel. Öffentlich."

Das musste Deichsel sein. Aber worauf spielte der an? Wann sollte ich Eddie umarmt haben, dass die es mitbekommen haben? Bestimmt nicht auf Helens Fete.

"In der letzten Zeit hat der Schwenk schon 'nen Hüftschwung drauf, da wird selbst Madonna blass."

War Pauly verrückt? Verdammt, was sollte das? Eigentlich sollte ich den Schwachsinn ignorieren und weitergehen, aber ich konnte nicht anders. Ich wollte sie zur Rede stellen und ging rein.

Kallenbach bemerkte mich als erster.

"Jungs, haltet eure Verlobungsgeschenke fest, wir kriegen Damenbesuch."

Für diesen Kommentar wär' ich ihm am liebsten an die Gurgel gegangen, doch Deichsel setzte noch eins drauf.

"Hey Schwenk! Hier ist nur für Männer. Wir wollen hier unter uns sein."

Und doch, sie hatten recht. Ich hatte die Nacht mit Eddie verbracht. Was sollte ich also sagen? Mir fiel keine Antwort ein, die nicht in einer Prügelei geendet hätte, und deswegen ging ich. Ich war zwar in der Stimmung, mich zu schlagen, aber bei vier gegen einen hatte ich zu gute Chancen, im Krankenhaus zu landen. Deswegen ließ ich es.

Ich kochte. Doch bis ich an meinem Spind war, schlug meine Stimmung um. Jetzt, wo ich kampflos das Feld geräumt hatte, bekamen Deichsel und Kallenbach bestimmt Oberwasser und würden mich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit drangsalieren. Ich lehnte meinen Kopf einen Moment gegen das kühle Metall des Spindes. Aber es half nichts. Ich hatte meine Schnauze gehalten und mich nicht gewehrt. Jetzt würde dieses Dreamteam nicht nur über mich, sondern auch über Mike und Helen herfallen. Dafür kannte ich sie gut genug.

Egal, ob schwul oder nicht schwul. Ich hatte Prinzipien und ich würde nicht zulassen, dass andere meinetwegen leiden mussten.

Währenddessen öffnete ich den Spind, zog mein Hemd aus und verstaute es, dann nahm ich das andere Hemd raus.

"Hey Schwenk, nun mach dich nicht verrückt. Solang du deinem kleinen Mechaniker und seinen Kumpels keine Tipps gibst. Gegen 'ne Freifahrtstunde, ist doch alles paletti. Und er sieht doch wirklich gut aus."

Ich war sprachlos. Ich hatte bei Kallenbach mit einigem gerechnet, aber dieser Kommentar... Ich stand einfach nur einen Moment da. Dann hörte ich, dass Kallenbach und seine Begleitung - ich tippte auf Deichsel - weggingen. Das brachte mich wieder in die Realität und das Fass zum Überlaufen. Wütend stopfte ich das Hemd weg. Dann ging ich in Kallenbachs und Deichsels Umkleide. Scheißegal, wie viele es waren. Das konnten die mit jedem machen, aber nicht mit mir.

Die Wut, die ich gestern Abend verspürt hatte, war nichts gegen meine jetzige. Ich wollte sie fertig machen. So fertig, dass sie nicht mehr wussten, wo vorne und hinten war.

Diese gottverdammten Ärsche. Ganz besonders Kallenbach.

Und da stand ich auch schon vor ihm. Er hatte sich halb abgewendet und hatte mich gar nicht registriert.

Ich tippte ihm leicht auf die Schulter und als er sich zu mir drehte, da griff ich zu. Voll in seine Eier. Und dann setzte ich dem Ganzen die Krone auf, legte meine Hand in seinen Nacken, zog ihn an mich und küsste ihn.

Dieser entsetzte, schmerzverzerrte Ausdruck in Kallenbachs Gesicht war Gold wert. Doch ich hatte noch nicht genug.

"Dabei stehe ich doch eher auf harte Männer, wie dich oder Deichsel."

Meiner Stimme gab ich einen rauchigen Unterton. Ich hoffte, dass sie Kallenbach in seinen schlimmsten Albtraum verfolgte. Und griff noch einmal fest zu. Dass Kallenbach vor Schmerzen den Mund aufriss, interessierte mich nicht weiter. Denn mit ihm war ich fertig.

"Wo isser denn? Häh?"

Schweigen. Niemand wagte es, mir zu antworten, aber ich wusste, wo Deichsels Spind war. Auf dem Weg zu ihm ließ ich meiner Wut freien Lauf.

"Aber ihr macht es ja leider nur miteinander oder warum pinkelt und duscht ihr immer zusammen? Mmh? Ihr meint also, dass ich schwul bin? Na gut, dann bin ich's eben. Schwul, schwul."

Am liebsten hätte ich ihn genau so behandelt wie Kallenbach, aber das wäre langweilig gewesen. Deswegen machte ich ihn verbal fertig. Er war da einfach zu beschränkt, um sich zu wehren. Das überließ er sonst Kallenbach. Und wenn sie meinten, ich wäre schwul... mir doch egal. Ich konnte das ab.

Ich sah ihm in die Augen, aber er konnte meinen Blick nicht ertragen und senkte den Kopf.

"Wort mit sechs Buchstaben. S-C-H-W-U-L. Kapiert?"

Verdammt sollten sie alle sein. Alle, die hier rumstanden und so taten, als ob nichts wäre. Aber nicht mit mir. Ihr bekommt auch noch euer Fett weg. Schließlich kenn ich eure dreckigen, kleinen Heimlichkeiten.

Ich nahm mir den Nächstbesten, der in meinem Weg stand, zur Brust.

"Und dein kleines Geheimnis? Mal eben mit 'nem Kollegen 'ne Nutte unter Druck setzen und 'ne Nummer auf lau schieben?"

Die letzten Worte schrie ich.

"Das wissen wir doch alle."

Was für 'ne feige Sau er doch war. Er wagte nicht, auch nur Piep zu sagen.

Ich sah mich suchend um. Da war auch Herzog. Sein kleines Geheimnis war mir auch nicht entgangen.

"Na und er. Du hast doch noch nie bei den Türken bezahlt, wo du dich immer vollfrisst, oder?"

Nichts. Nur betretenes Schweigen. Keiner wagte es, sich zu wehren. Sie waren einfach zu feige dazu. Und dabei waren sie zu fünft! Ganz zu schweigen von den Jungs, die lauschten. Das ließ sich doch keiner entgehen. Und so was wollten Polizisten sein! Aber das konnte mir im Moment nur recht sein. Schließlich hatte ich mir das Beste für den Schluss aufgehoben. Ich ging wieder zurück zu Deichsel. Ich hatte es gar nicht mehr nötig zu schreien. Man hörte mir zu.

"Ach äh... Deichsel? Stimmt es nicht, dass du deine Handschellen nicht nur im Dienst benutzt, oder warum hatte deine arme, kleine Frau neulich mal wieder'n blaues Auge, häh? Und in dieser Geisterbahn bin ich ab heute der Schwule. Einverstanden?"

Dieser verängstigte Blick und dann das zögernde Nicken waren einfach nur köstlich. Ich hatte sie. Alle miteinander. Ich konnte zwar nicht verhindern, dass sie hinter mir her tuscheln würden. Aber keiner würde es noch wagen, mir gegenüber auch nur einen falschen Ton zu sagen. Und die anzüglichen Blicke würden sie auch nicht mehr riskieren. Den Abgang hatte ich mir verdient.

"Schönen Abend noch."

Und ich war aus ihrer Umkleide.

"Alte Krawalltunte!"

Deichsel hatte sich wohl von seinem Schock erholt. Ich wollte schon zurück, als ich ein Gepolter und einen unterdrückten Schmerzschrei hörte. Und dann einen Kommentar von Helen.

"Oh sorry, muss mir eben aus der Hand gerutscht sein."

Da hatte wohl eine Nase Bekanntschaft mit der Spindtür gemacht. Unwillkürlich musste ich grinsen und ging weiter.

In meiner Umkleide machten alle einen sehr weiten Bogen um mich. Keiner würde es nach diesem Auftritt auch nur wagen, einen Kommentar loszulassen.

 

Erst als ich später vor meiner Kamera saß und den Mercedes beobachtete, wurde mir ganz langsam und ganz allmählich bewusst, was ich da getan hatte. Ich hatte mich nicht nur mit Deichsel und Kallenbach angelegt, nein, die gesamte Abteilung hatte wahrscheinlich einen dicken Hals.

Ich war doch lang genug bei der Truppe, um zu wissen, wie empfindlich die Jungs auf das Thema Homosexualität reagierten. Und vor einigen Wochen wär's mir nicht anders ergangen. Allein die Gerückte über die sexuellen Praktiken von Schwulen, inklusive detaillierter Beschreibung, hatten bei mir damals für einen Würgreiz gesorgt.

Und wenn ich mir jetzt Eddie vorstellte, Eddie, der nackt unter mir lag und meinen Namen flüsterte...

Was hatte das mit perversen Techniken zu tun? Nichts.

Und auf eins würde ich mich bei Eddie verlassen können. Er würde von mir nur das verlangen, wozu ich auch bereit war.

Wollte ich denn wirklich weiter mit Eddie zusammen sein? Schließlich hatte ich heute zu spüren bekommen, mit welchen Vorurteilen ich die nächsten Jahre kämpfen müsste. War es mir das wert?

Er war ein Mann. Und es war etwas ganz anderes, als mit einer Frau zusammen zu sein. Nicht vergleichbar.

Er war ein Chaot. Wenn ich ihn an den Herd ließ, dann war die Küche anschließend ein Schlachtfeld. Zudem stand er mit dem Putzeimer auf dem Kriegsfuß und machte nur dann sauber, wenn er sich gar nicht mehr drücken konnte.

Aber vielleicht konnte ich mit ihm einen Deal machen. So ,Du kümmerst dich um mein Auto und ich mach die Küche.' Aber dafür müsst' ich erst einmal ein Auto haben.

Scheiß Autodiebe.

Mir war gar nicht bewusst, dass ich geseufzt hatte, aber es musste wohl so sein, denn ich fühlte Helens Blick. Sie saß schon eine ganze Weile neben mir und beobachtete die Umgebung durchs Fernglas. Ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass wir fast die gesamte Schicht geschwiegen hatten.

Wir hatten nach dem Vorfall in der Umkleide nicht mehr miteinander geredet.

Und dabei war ich so froh, dass sie zu mir gehalten hatte. Schließlich war sie ja noch in der Ausbildung und doch hatte sie allen Paroli geboten. Aber vielleicht haben Frauen ja eine andere Einstellung zu Schwulen. Schließlich wollen die nicht an ihre Wäsche. Was denk ich denn da für'n Scheiß?

"Das fand' ich gut vorhin."

Oh Gott, jetzt wollte Helen doch noch reden. Eigentlich war ich nicht wirklich in der Stimmung. Ich musste über einige Sachen nachdenken. Ich blickte wieder in die Kamera.

"Warum?"

Doch ich war neugierig. Ist, glaub' ich, 'ne Berufskrankheit. Wollte wissen, was sie dachte.

Schon verrückt. Bevor ich Eddie kannte, wär's mir egal gewesen. Mich hätte nur interessiert, ob ich mit ihr klar käme und wie sie im Bett wär.

Und jetzt, jetzt wollte ich sie kennen lernen.

"Is' ziemlich..."

Sie seufzte.

"Das hätt' ich dir ehrlich gar nicht zugetraut. Ich find's mutig."

Im Nachhinein empfand ich es als Wahnsinn, wollte ihr aber nicht widersprechen.

"Hmm."

"Obwohl ich's eigentlich auch wieder scheiße finde."

Ich werde Frauen nie verstehen. Was soll das wieder?

"Scheiße? Was?"

"Dass du schwul bist."

Was sollte das jetzt bedeuten? Aber Helen ließ mir keine Chance und redete weiter.

"Nicht, dass du mich jetzt falsch verstehst. Ich find's natürlich total klasse, dass du schwul bist."

Bitte? Hilfe. Gut, damit war's endgültig entschieden. Ich wollte Eddie und keine Frau. Eddie zierte sich zwar manchmal, aber ich verstand, was er wollte. Aber jetzt bei Helen...

"Aha."

Gut, mein Kommentar war nicht sonderlich intelligent, aber was hätte ich sonst sagen sollen?

"Seit wann weißt'n das?"

Und neugierig war sie auch noch. Dabei wusste ich es nicht genau. War es ab dem Moment, wo ich zum ersten Mal in Eddies Bett aufwachte, oder war es nach unserer Diskussion in der Badewanne, oder war's der Moment gewesen, als ich ihn in meinen Gedanken nicht mehr Edgar, sondern Eddie genannt hatte? Ich bezweifelte, dass es mir wirklich erst gestern Abend klar geworden war.

"Tja, also-"

Bevor ich noch weiter rumstotterte, redete Helen weiter.

"Geht mich ja überhaupt nichts an. Ich hab' kein Recht, dich so was zu fragen."

"Schon gut. Es ist bloß alles so... bisschen komplizierter als du denkst."

So kompliziert, dass ich es selber nicht weiß.

"Allerdings. Weil ich mich nämlich aus irgendwelchen Gründen, die ich mir absolut nicht erklären kann... Hab ich mich bis über beide Ohren in dich verliebt. Und... die Tatsache, dass du schwul bist, ändert leider überhaupt nichts daran. Außer..."

Oh mein Gott. Und ich dachte heute Morgen noch, dass das Leben kompliziert wäre. Was war es jetzt?

Warum sagt sie mir das? Wir mussten doch noch zusammen arbeiten und konnten solche Komplikationen nicht gebrauchen.

Aber sie war wohl noch nicht fertig. Deswegen hakte ich nach.

"Außer?"

"Außer, dass es die Sache eben komplizierter macht. Und eigentlich einfacher. Oder beides. Verstehst du das jetzt?"

Bisher hatten wir es vermieden, einander anzusehen. Aber nachdem Helen so etwas Unverständliches gesagt hatte, blickte ich zu ihr. Auch sie schaute mich an.

Und wenn ich nicht eine fantastische Nacht mit Eddie hinter mir gehabt hätte, dann wäre ich schwach geworden. Egal ob sie nun eine Kollegin war oder nicht. Dieser hoffnungslose, verknallte Blick konnte einen Mann schwach machen.

Doch ich musste passen.

"Tut mir leid. Was du das sagst, ist zu hoch für mich."

Sie zuckte mit den Schultern.

"Ich versteh's auch nicht. Tut mir leid, dass ich das gerade erzählt hab. Aber besser, ich sag's jetzt, als dass ich's in mich hineinfresse. Sonst vergiftet es später unser Arbeitsklima. Versteh' mich bitte nicht falsch. Ich... ich komm damit klar, dass du nichts von mir willst."

Ja, da hatte sie recht.

"Dann is' ja gut. Du bist ein prima Kumpel und ich mag dich, bitte verlang nicht mehr von mir."

Irgendwie muss ich was Falsches gesagt haben, denn plötzlich kicherte Helen.

"Deswegen... deswegen war Eddie so schüchtern. Und erst sein Gesichtsausdruck, als ich ihm sagte, dass er 'nen geilen Arsch hätte..."

Was war zwischen den beiden gelaufen?

Es dauerte einige Minuten, bis sie sich wieder beruhigt hatte, und dann wurde sie sehr ernst.

"Sach mal... ach Gott, warum muss alles so schwierig sein."

Helen sprang auf und lief auf und ab. Ich wusste einfach nicht, was sie jetzt sagen wollte. Aber habe ich das schon jemals bei Frauen gewusst?

Dann fand sie einen neuen Ansatz.

"Am Abend... am Abend nach der Wohnungsbesichtigung... was war das? Ich mein, jetzt wo ich ja weiß, dass du und Eddie... Eddie und du... warum?"

"Da war noch nichts zwischen Eddie und mir. Ich wusste da überhaupt nichts mehr und hatte eigentlich gehofft, dass ich es anschließend wissen würde. Aber danach war ich nur noch verwirrter. Eddie hat in dir allerdings eine Konkurrenz gesehen."

Ich wusste nicht, ob es das war, was sie hören wollte, aber sie schien zufrieden zu sein.

"Gut, dann hätten wir das geklärt. Gehst du gleich das Essen holen oder soll ich bei McDoof für den Nachschub sorgen?"

Meine Erleichterung, dieses Thema hinter mir zu haben, war groß. Ich wollte mich nicht mit Helen verkrachen. Ich hatte zwar eine Weile gebraucht, aber inzwischen mochte ich sie. Wenn Eddie nicht gewesen wär'...

Sinnlos, darüber nachzudenken.

Helen hatte sich wieder hingesetzt. Es dauerte nicht mehr lange, bis die Dämmerung einsetzte, und ich stellte fest, dass ich wirklich hungrig war.

"Mir egal, wie du möchtest. Aber eigentlich ist Mike dran, Essen zu holen."

Ich hatte meinen Partner den ganzen Tag noch nicht gesehen. Und vor der Konfrontation mit ihm hatte ich ziemliches Muffensausen. Denn wenn er nicht mehr mit mir arbeiten wollte, dann musste ich mich nach einem neuen Job umschaun. Angeblich sollten die von der Sitte wesentlich liberaler sein, aber ich wollte es eigentlich gar nicht ausprobieren. Auch wenn wir wenige Gemeinsamkeiten hatten, waren Mike und ich ein klasse Team.

"Hat er keine Allergie gegen MacDonalds? Ich meine nicht gegen das Essen, sondern gegen die Luft in dem Laden."

Oh, konnte diese Frau fies sein. Aber beim Umzug hatte sie auch unter seinen Allergien gelitten.

"Selbst wenn. Dann muss' er halt durch den Drive-In. Dagegen kann er keine Allergie haben."

Eine Bewegung in der Nähe des Mercedes machte mich aufmerksam. Ich stupste Helen an und sie wurde direkt dienstlich, als sie merkte, was los war.

Die Jungs, die da gerade ankamen, kannte ich.

Die Sackgesichter hatten meinen schönen Golf auf dem Gewissen. Und als ich dann sah, in welchem Wagen sie gekommen waren, musste ich einen Triumphschrei unterdrücken. Sie waren mit meinem Auto da. Mein Golf, mein Cabrio mit dem neuen Turbo. Dank Uschi hatte ich noch keine Gelegenheit gehabt, ihn über die Piste zu jagen. Aber das würde sich ändern. Vorausgesetzt, ich sagte Deichsel und Kallenbach Bescheid.

Ich nahm das Funkgerät und meldete mich.

"Deichsel! Kallenbach! Wach werden! Es geht los!"

Schnell machte ich noch einige Aufnahmen von den Jungs, wie sie anfingen, das Schloss vom Mercedes zu knacken, dann sprang ich auf und rannte die Treppen runter. Kein Aufzug hätte dieses Tempo mithalten können.

Helen war schon vorgelaufen, doch an der Tür holte ich sie ein. Denn dort stand Mike, den sie kurz informierte.

Wir brauchten uns nicht groß abzusprechen. Schließlich hatten wir schon seit Tagen durchdiskutiert, wie wir die Jungs am besten in die Zange nehmen würden.

 

Zwanzig Minuten später war der Spuk vorbei und die Mistkerle, die auch mein Auto auf dem Gewissen hatten, verhaftet. Es war ein sehr befriedigendes Gefühl, ihnen Handschellen anzulegen. Meinen Wagen würde ich zwar erst in den nächsten Tagen wiederbekommen, aber das machte mir nichts aus. Sollte sich die Spurensicherung mit ihm amüsieren, aber danach konnte mich nichts mehr davon abhalten, ihn mit Eddie über die Autobahn zu jagen. Eddie würde es gefallen.

"Du hast aber ein sehr zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Lag's daran, wie Kallenbach und Deichsel sich verhalten haben? Mann, ich hab sie selten so geknickt erlebt wie heute."

Hatten bei Mike die Buschtrommeln versagt? Ich bezweifelte es. Mike kannte jedes Gerücht. Meistens sogar eher als der Betroffene selbst.

Ich hatte nicht gedacht, dass die Aussprache zwischen uns so auf offener Strasse stattfinden würde. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung, wie ich es ihm überhaupt beibringen sollte. Doch er kam mir zuvor.

"Ich hab gehört, dass du heute die ganze Abteilung ziemlich rund gemacht hast."

"Ja, hab ich. Und ich steh dazu."

"Was hältst du davon, alles in Ruhe bei 'nem Bierchen zu besprechen? Hier auf der Straße ist es blöd. Ich nehm' dich mit und bring dich auch anschließend nach Hause."

Mit soviel Entgegenkommen hatte ich gar nicht gerechnet. Hatte ich Mike vielleicht völlig falsch eingeschätzt?

Na ja, ich war ja auch mal der König der Schwulenwitze. Und jetzt stieg ich mit dem heißesten Jungen Frankfurts in die Kiste.

"Einverstanden."

Mehr wusste ich nicht zu sagen. Auch Helen, die immer noch bei uns stand, bemerkte die angespannte Atmosphäre.

"Ich muss dann mal. In meiner Wohnung wartet noch genug Arbeit auf mich. Bis morgen."

Wir verabschiedeten uns von Helen und gingen dann zu Mikes Wagen. Keiner von uns wusste, was er sagen sollte, also schwiegen wir.

Auch auf der Fahrt redeten wir nicht. Dabei wusste ich noch nicht mal, wohin Mike eigentlich fuhr. Aber ich fragte nicht weiter nach, sondern ließ mich überraschen.

Erst als wir vor der Kneipe standen, die Mike ausgesucht hatte, fand ich meine Stimme wieder.

"Sag mal, der ,Kater Karlo' ist doch 'ne Schwulenbar."

"Ja, und? Damit dürftest du doch keine Probleme haben. Oder lügen die Buschtrommeln?"

Verdammt, was wollte Mike? Ich hatte keine Ahnung, spielte aber mit.

Als wir dann in die Kneipe gingen, da wurde mir ganz langsam klar, was Mike mir zeigen wollte. Denn einige der Jungs begrüßten ihn mit Namen und Handschlag.

Und ich kam mir wie ein Riesenidiot vor.

Gott, ich hatte jahrelang Schwulenwitze der untersten Kategorie erzählt und mein Partner war schwul.

"Du, Mike..."

Ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte. Ich brach ab und setzte mich hin.

"Du brauchst mir nichts zu erzählen. Dein Gesicht sagt alles."

"Aber, verdammt! Wir arbeiten schon seit Jahren zusammen und ich hab' nichts bemerkt. Ich komme mir so..."

"Dumm, dämlich, wenn du willst such' ich noch nach einem besseren Wort, aber eigentlich habe ich das schon längst abgehakt."

"Aber wieso? Wieso hast du es mit mir ausgehalten?"

Obwohl ich noch nichts bestellt hatte, stand auf einmal ein Pils vor mir. Keine wirklich gute Idee, auf nüchternen Magen so was zu trinken, aber ich brauchte es jetzt.

Auch Mike trank sein Bier.

"Ganz einfach. Mit dir als Partner ist niemand auf die Idee gekommen, dass ich schwul sein könnte. Du warst so laut, dass es nicht auffiel, wie leise ich war. Es war einfacher so. Du hast ja heute gemerkt, wie die Kollegen sein können."

"Yeah, aber dafür haben sie mich kennen gelernt."

"Alte Krawalltunte?"

Was hatten die Buschtrommeln noch alles erzählt? Hatte jemand meinen Auftritt mitgeschnitten?

"Den Spitznamen werd' ich jetzt wohl nicht mehr los. Aber Kallenbach und Deichsel haben ihre Abreibung bekommen. Die war schon lange fällig."

Ich konnte nicht erkennen, was Mike wirklich dachte, aber das hatte ich wohl noch nie getan. Einige meiner Witze waren nicht lustig, sondern grausam gewesen. Und Mike hatte nicht mal mit 'ner Wimper gezuckt.

"Hast du die jetzt nur pro Forma rund gemacht? Oder weil es stimmte, was die dir an den Kopf geschmissen hatten?"

Wieso fragte Mike so was? War das nicht klar?

"Wenn du es genau wissen willst. Ja, ich bin mit Eddie zusammen. Reicht das?

"Die Aussage reicht mir. Aber du hast mich überrascht."

"Wieso?"

"Schwer zu erklären."

Mike schwieg, starrte ins Nichts und redete dann weiter.

"Ich bin nicht blind und wusste von Anfang an, dass Eddie schwul war. Und dass er was von dir wollte. Aber ich hatte bei dir eher den Eindruck, dass du ihn zwar magst, aber dass das Ganze eher... platonisch, freundschaftlich ist. Und wie dann letztens Helen morgens in deinen Klamotten aufgetaucht ist, da habe ich eins und eins zusammengezählt..."

Da war doch noch etwas. Etwas, das Mike nicht erzählen würde. Jedenfalls nicht freiwillig. Soweit glaubte ich ihn zu kennen.

"Gut, und was verschweigst du mir? Komm Mike, ich kenn dich lang genug. Ich bin zwar in einer Hinsicht blind gewesen, aber das merke ich."

"Gut, aber ich weiß nicht, ob du glücklich darüber sein wirst..."

"Nun spuck's schon aus."

Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was Mike so bedrückte.

"Gestern Abend waren Eddie und ich eine ganze Weile draußen und wir haben nicht nur geredet."

Bitte? Was redet Eddie dann von einem einsamen Oktopus? Schiebt 'ne Nummer mit meinem Partner und tut anschließend, als ob er kein Wässerchen trüben kann. Der konnte was erleben!

Doch dann merkte ich, dass ich nicht wirklich überrascht war. Es lag wahrscheinlich daran, dass ich meinen süßen, hinterhältigen Mechaniker auch schon mit Marco im Bett gesehen hatte. Schien so, als ob Sex und Liebe bei ihm zwei ganz verschiedene Paar Schuhe wären.

Und ich war's ja auch selbst schuld. So oft, wie ich Eddie einen Korb gegeben hatte. Ich atmete einmal tief durch. Schließlich konnte Mike nichts dafür, dass ich gerade wieder Kokosnüsse zählte. Erstaunlicher Weise wirkte es auch und ich kletterte von meiner Palme runter.

Mike beobachtete mich, wartete aber noch auf einen Kommentar von mir.

"Und? Hast du ein Problem damit?"

Mikes Kinnlade fiel zwei Etagen tief. Er hatte bestimmt damit gerechnet, dass ich einen Eifersuchtsanfall bekommen würde. Nicht zu unrecht, aber ich konnte es nicht. Dazu hatte ich zuviel Mitschuld an der Situation.

Endlich hatte Mike sein Gesicht wieder unter Kontrolle. Dafür leerte er sein Glas mit einem Zug.

"Wenn du weiter so trinkst, dann nehme ich 'ne Taxe... und du auch."

Doch Mike winkte ab.

"Nee, lass mal, wenn du noch bleiben willst, dann trink' ich noch ein Wasser."

Ich wollte nicht bleiben. Es war schon nach elf und ich hatte unheimliche Sehnsucht, diesem verrückten Kerl, der wohl mein Lover war, ein klein wenig Vernunft einzubläuen. Um mit mir in einer Beziehung zu leben, sollte er mir solche Sachen nicht verschweigen. Aber das war nicht der einzige Grund. Sein Bett reizte mich ungemein und das, was er mit mir anstellte.

Doch ich musste Eddie auch noch klar machen, dass er keine krummen Dinger mehr drehen durfte, und auf meiner Liste standen noch einige Punkte, an die er arbeiten musste. Ich wollte damit nicht ,seinen Charakter verbiegen', aber um mit einem ehrlichen, aufrechten Ordnungshüter zu leben, musste er sich halt ein wenig anpassen.

Aber er hatte bestimmt eine ebenso lange Liste, damit ich mich in seiner schwulen Lebensgewohnheit einfügen konnte.

Wenn ich daran dachte, dass ich es gestern noch nicht wusste, was ich wirklich von Eddie wollte...

Die nächsten Monate würden alles werden, nur nicht langweilig.

Erst Mikes nicht allzu dezentes Räuspern brachte mich wieder zurück. Schließlich schuldete ich ihm noch eine Antwort.

"Nee, lass' mal. Ich will auch nach Hause. Da gibt's noch einiges zu klären."

"Hoffentlich kein Streit, an dem ich schuld bin. Als man mir eben den neuesten Tratsch erzählt hatte, da bekam ich ein ziemlich schlechtes Gewissen. Und ehrlich gesagt, hab' ich keine Lust, zur Sitte zu wechseln."

Hatte Mike wirklich ein Gewissen? Musste mir entgangen sein.

"Nein, kein Streit. Nur müssen einige Dinge geklärt werden. Aber was willst du bei der Sitte? Da müsstest du dich doch selbst verhaften."

"Das musst ausgerechnet du sagen. Erinner' dich an den Fall, den wir letztes Jahr hatten! Wenn ich nicht eingegriffen hätte, dann hätt' dich Meyers von der Sitte glatt wegen ,Erregung öffentlichen Ärgernisses' verhaftet..."

An dieses Ereignis erinnerte ich mich ungern, schließlich war ich als verdeckter Ermittler im Einsatz und wäre aufgeflogen, wenn ich nicht mitgespielt hätte. Heimlich, still und leise fing ich an zu beten, dass Mike niemals auf die Idee kommen würde, diesen Vorfall Eddie zu erzählen. Denn ich ahnte nur zur gut, wie der Bengel darauf reagieren würde.

Ich beendete das Thema, indem ich meine Jacke nahm und aufstand. Mike verstand den Wink mit dem Zaunpfahl, ersparte mir weitere Kommentare und ging zur Bar, um zu bezahlen.

Und ich freute mich schon auf die nächste Nacht mit Eddie.

 
Ende

 
Du bist der 1960. Leser dieser Geschichte.