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Der perfekte Ausgleich

© by Birgitt ()
 
Disclaimer: Ich besitze keinerlei Rechte an den Charakteren und den Ereignissen aus Echte Kerle. Diese Copyrights gehören Buena Vista und Touchstone. Ich beabsichtige in keiner Weise, diese Rechte zu beschneiden. Zwar besitze ich die Rechte an dieser Geschichte, habe aber keine Intention, durch sie materielle Vorteile zu erlangen.
Anmerkung der Autorin: Diese Story ist für Aisling - ein verspätetes Nikolaus-Geschenk. Ohne sie gäbe es diese Story nicht! Wie so viele andere auch nicht!
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

"Hey, Mike!"

Mike hatte gehofft, ungesehen aus dem Gebäude zu kommen. Er war ohnehin spät dran und unten wartete sein ganz persönliches Taxi. Aber seinen Chef konnte man schlecht ignorieren, selbst wenn man mit ihm befreundet war. Schon gar nicht, wenn man mit ihm befreundet war. Er drehte sich um und wartete, bis Chris Schwenk nach einem kurzen Sprint zu ihm aufgeschlossen hatte.

"Morgen, Chris! Was machst du denn hier? Ich dachte, du sitzt gemütlich zuhause und genießt ein ausgiebiges Frühstück mit Eddie."

"Was *ich* hier mache, Alter? Das is' doch wohl mein Text! Schließlich hab' ich Blut und Wasser geschwitzt, bis ich den Dienstplan so umgestellt hatte, dass du heute komplett frei hast!"

"Reg' dich nicht auf, ich bin ja gar nicht hier. Ich hab' Carola nur den Wagen gebracht. Klaus wartet un-"

"Ihr plant eine Spritztour?"

"Nicht so ganz." Mike steckte die Hände in die Taschen und wusste plötzlich nicht weiter. Die Nervosität, die ihn schon seit Tagen verfolgte, gewann wieder die Oberhand und sorgte für einen Kloß im Hals.

Chris legte den Kopf schief und die Stirn in Falten. Doch bevor Mike etwas sagen konnte, klärte sich Chris' Miene. "Mann, das hab' ich total vergessen. Du hast heute deine Abschlussuntersuchung."

"Nur wenn alles in Ordnung ist, ist es die Abschlussuntersuchung."

"Mach' hier nicht auf Pessimist - schließlich bist du schon seit Wochen wieder im Dienst, ohne irgendwelche Probleme. Du wirst sehen, das ist alles nur noch Formalität."

*Dein Wort in Gottes Gehörgang...* "Ja, ich mach' mir eigentlich nicht wirklich Sorgen. Nur... Von Krankenhäusern hab' ich inzwischen die Schnauze voll."

"Schlecht lügen kannst du gut, Mike." Chris legte ihm die Hand auf die Schulter und drückte sie kurz.

Wenn mehr Zeit gewesen wäre... Vielleicht hätte er Chris in diesem Moment gestanden, dass längst nicht alles so gut lief, wie er den Kollegen und Vorgesetzten vormachte. Andererseits konnte er Chris nicht in einen Gewissenskonflikt bringen, wenn er ihm von seinen immer wieder auftretenden Komplikationen mit dem Knie erzählte.

"Chris, ich muss wirklich los, sonst ist mein Termin weg. Kann froh sein, dass sie mich an einem Samstag drannehmen."

"Schon okay. Sag mal, wollt ihr heute Abend nicht vorbeikommen? Eddie meinte unlängst, dass wir schon ewig nichts-"

"Danke fürs Angebot, aber wir haben schon was vor. Heute ist Nikolaus."

"Ja und?"

"Chris! Ni-ko-laus!" Mike konnte ein Grinsen nicht unterdrücken - trotz allem.

Chris schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. "Sorry, lange Leitung. Dann grüß deinen Nikolaus von mir!"

"Mach' ich! Und du Eddie!" Während Mike zum Ausgang ging, spürte er Chris' Blick in seinem Rücken. Er konnte sich nicht von dem Gefühl befreien, dass Chris' halb ausgesprochene Einladung etwas mit schlechtem Gewissen oder - noch schlimmer - Mitleid zu tun hatte. Und in der Sekunde, als er diesen Gedanken hatte, tat es ihm schon wieder leid. Mike konnte sich an kaum ein Gespräch mit Chris erinnern, wo er offen und ohne Hintergedanken mit ihm hatte reden können. Manchmal fragte er sich, ob er das jemals gekonnt hatte.

 

***
 

"Na endlich! Frag mich mal, wie viele von deinen Kollegen ich mit einem charmanten Lächeln davon überzeugen musste, dass es einen legitimen Grund dafür gibt, im Parkverbot zu stehen!", empfing ihn Klaus, als er sich in den Beifahrersitz fallen ließ.

Mike setzte zu einer sarkastischen Bemerkung an und schwieg, als ihm klar wurde, dass ihm die Worte fehlten.

"Was ist los?"

Klaus las in ihm wie in einem Buch - es war klar, dass er seine Stimmung nicht würde verbergen können.

"Chris hat mich erwischt."

"Und hast du jetzt Stubenarrest für die nächsten vierzehn Tage, weil du an deinem freien Tag im Zollamt aufgetaucht bist?"

"Klaus, bitte. Wenn diese Untersuchung heute ergibt, dass ich nicht mehr für den aktiven Dienst tauge, dann- dann-"

"... ist es so, als ob du Chris im Stich lässt, nachdem er sich für dich aus dem Fenster gelehnt hat?"

Manchmal wunderte sich Mike, warum Klaus überhaupt noch mit ihm sprach. Bei der tadellos funktionierenden Telepathie...

"Mensch, Mike, du könntest dir alles viel leichter machen, wenn du von dir aus dem aktiven Dienst den Rücken kehrst."

"Eher friert die Hölle-" Mike brach ab, als er begriff, dass Klaus ihn nur provozierte. Oder besser: ihn daran erinnerte, was wirklich wichtig war. "Danke."

"Wofür? Für die Eispackungen nach einem harten Arbeitstag?"

"Für die gut getimten Tritte in den Allerwertesten."

"Mach' ich doch gern."

"Und ich liebe dich auch."

 

***
 

"Herr Niemcek, nehmen Sie bitte noch Platz. Herr Doktor Maybach ist noch nicht aus der Unfallklinik zurück."

"Unfallklinik?"

Frau Rosenberg, Assistentin des Arztes, der für Mikes Rehabilitation und Nachsorge verantwortlich zeichnete, hob entschuldigend mit den Schultern. "Gestern gab es bei dem Nebel eine Massenkarambolage auf einem der Autobahnzubringer und man hat den Chef um Unterstützung gebeten."

"Macht es da überhaupt Sinn zu warten?"

"Der Herr Doktor hat vor einer halben Stunde angerufen. Er wird spätestens um halb neun zurück sein. Er weiß ja um Ihre Terminschwierigkeiten, Herr Niemcek."

Mike nickte, enttäuscht, dass er sich vor der entscheidenden Untersuchung nicht würde drücken können.

"Komm schon, Mike, wir setzen uns. Soll ich dir einen Kaffee holen?"

Mike konnte Klaus' nicht ausgesprochene Bemerkung fast hören. *Du hast heute Morgen ja nichts runterbekommen.*

"Kaffee wär' nicht schlecht." Er ließ sich auf dem Sofa des Warteraums nieder und nahm - ohne aufs Cover zu achten - eine der Zeitschrift vom Tisch. Blätterte darin, ohne überhaupt zu begreifen, was er da in den Händen hielt.

Klaus setzte sich neben ihn, hielt ihm einen Styroporbecher hin. "Supersüß und mit extra Milch!" Als Mike an dem Becher nippte, zog Klaus ihm die Zeitschrift vom Schoß.

"Das kommt etwas zu spät."

"Was?" Mike merkte, wie die Flüssigkeit sich ihren Weg durch seinen Körper bahnte.

Klaus schlug die Zeitschrift um und hielt sie ihm unter die Nase. "*Brautmoden gestern, heute und morgen.*"

"In so was hätte ich dich nicht geheiratet."

"Nicht? Ich hätte mich auch durch Rüschen nicht abschrecken lassen."

"Dann lieber nackt."

"Ja, nackt wäre auch gegangen."

Mike entspannte sich merklich - der Kaffee tat seine Wirkung. Oder war es doch eher die Gesellschaft?

"Schön, dass du nicht weggelaufen bist, Mike."

"Ohne dich wär' ich jetzt auf halbem Weg nach Hawaii."

"Wovor hast du eigentlich eine solche Heidenangst?"

"Dass Maybach mir sagt, was ich eigentlich schon weiß. Dass ich nicht mehr fit genug bin, um meinen Job ordentlich zu machen."

"Du machst deinen Job ordentlich. Sonst hätte Chris dich nicht angefordert. Der Mann ist einiges, aber in seinem Beruf bestimmt kein Idiot. Und Carola ist auch nicht so dumm, ihr Leben zu riskieren."

"Als ob es so dramatisch wäre. Es geht ja nicht um Leben und To-"

"Verdammt, Mike, genau darum geht es. Wenn du nicht in der Lage wärst, deinen Job ordentlich zu machen, geht es um Leben und Tod!"

"Du weißt doch am besten, wie schwer mir manche Tage fallen." Klaus schnaubte. "Sogar Spitzensportler haben Schwierigkeiten mit ihrem Körper; ich will nicht wissen, wie oft die sich fitspritzen lassen. Und du musst keinen Marathon laufen können und auch nicht den Weltrekord im Sprint schaffen!"

"Weiß ich ja, aber was wenn-"

"Hör auf, ja? Du erzählst das alles Maybach. Wenn du mir schon nicht glaubst, denn hör auf den Experten."

Mike holte tief Luft, leerte seinen Becher. Aber der Kloß in seinem Hals ließ sich nicht runterspülen. Er war froh, dass Klaus bei ihm war, aber es war einfacher, sich auf das Tapetenmuster an der Wand zu konzentrieren.

 

***
 

"Ich denke, das war's, Herr Niemcek. Sie können sich wieder anziehen." Wie in Trance folgte Mike Maybachs Anweisung. Wie er all den anderen Anweisungen des Arztes während der Untersuchung gefolgt war. Noch etwas mehr beugen... nicht so schnell, immer mit der Ruhe... Und jetzt das andere Knie...

Mike schnürte seine Schuhe und sah dann hoch. Maybach lehnte an der Schreibtischkante und gähnte ausgiebig.

"Wir hätten den Termin auch-"

"Die Höflichkeitsfloskeln hatten wir doch schon vorhin ausgetauscht, Herr Niemcek. Und jetzt haben Sie's hinter sich."

*Noch nicht ganz... Das dicke Ende steht mir noch bevor...*

"Allerdings kann ich Ihnen eine schlechte Nachricht nicht ersparen." Maybach schlug Mikes Akte auf und kritzelte etwas hinein. "Das Boxen... Tja, das ist kein Sport, den ich Ihnen empfehlen möchte. Schwimmen. Radfahren. Das ist der perfekte Ausgleich für Ihren Beruf. Das sollte dann auch die von Zeit zu Zeit auftretenden Beschwerden merklich reduzieren. Und gönnen Sie sich ruhig ein paar Auszeiten. Sogar Supermann zieht sich immer mal wieder in seine Festung der Einsamkeit zurück."

Maybach legte die Akte auf den Tisch hinter sich. "Den Bericht für Ihre Dienststelle mache ich noch am Wochenende fertig. Und Sie sind mir hoffentlich nicht böse, dass ich Sie rausschmeiße. Jetzt nehme ich mir nämlich eine Auszeit. Ein Nikolaus, der ständig gähnt, kommt bei meinen Kindern bestimmt nicht gut an."

Automatisch ergriff Mike die Hand, die Maybach ihm entgegenstreckte. "Auf Wiedersehen, Herr Niemcek. Muss ja nicht hier in der REHA-Klinik sein."

"Ja. Nein. Danke, Herr Doktor." Mike räusperte sich, er war sich der Rauheit seiner Stimme plötzlich erschreckend bewusst. Wie er sich auch seines raschen Herzschlags bewusst war, seiner schnellen Atmung, des Schweißes auf Stirn und Rücken... "Schöne Bescherung." *Schöne Bescherung...*

"Ihnen auch, Herr Niemcek. Grüßen Sie Ihren Mann von mir. Er soll Sie gut pflegen."

Eine Minute später war Mike draußen und wurde von Klaus an den Schultern gepackt. "Und? Was ist jetzt?"

"Ich soll nicht mehr boxen."

"Was?"

Mike schüttelte langsam den Kopf, merkte, wie sich sein Mund, sein ganzes Gesicht zu einem Lächeln verzog. "Ich soll nicht mehr boxen." Mike lachte leise. "Schwimmen. Radfahren. Das ist der perfekte Ausgleich."

"Wofür?"

"Für meinen Beruf." Endlich konnte er Klaus in die Augen sehen. "Für meinen Beruf, Klaus!"

"Hallelujah." Es war nur ein Flüstern. "Und jetzt ab nach Hause. Wir haben was zu feiern."

"Oh ja. Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag."

"Quatsch, Namenstag! Wir feiern die Rückkehr deines Verstandes!"

 
Ende

 
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