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Schattensprünge

© by Aisling ()
 
Disclaimer: Mir gehört leider gar nichts. So sehr ich es mir auch wünsche, kann ich an dieser Tatsache nichts ändern.
Anmerkung: Hmm, soll ich bei dieser Story den Taschentuchalarm auslösen? Ich weiß nicht so recht. Aber sie ist schon traurig.
Inspiriert durch Karin.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Mit einem leisen Schnappen gingen die Verschlüsse des Koffers zu. Chris hatte keine Probleme gehabt, ihn zu schließen, er war noch nicht einmal voll.

Eine Tasche und dieser Koffer - eine Leihgabe von Helen -, mehr hatte er nicht. Und dabei war er mehrmals durch die ganze Wohnung gegangen und hatte nachgesehen, ob er nicht doch vielleicht etwas vergessen hatte. Was nicht der Fall war.

Der Teddy lag zwar noch auf Edgars Bett, doch Chris wollte ihn nicht mitnehmen. Es fühlte sich falsch an. Genauso falsch wie sein Einzug bei Helen.

Aber was sollte er anderes machen? Bei Edgar konnte er einfach nicht bleiben und eine eigene Wohnung hatte er nicht gefunden.

Chris gestand sich ein, dass er am liebsten bleiben würde. Er hatte sich in dieser Wohnung wohl gefühlt. Auch wenn er nur eine Matratze und kein Bett hatte und die Nachbarn ein Stock höher einfach nur eine Katastrophe waren. Aber da war noch Eddie, nein Edgar. Mike nannte ihn jetzt Eddie. Chris hatte kein Recht, ihn so zu nennen. Wenn er ehrlich war, hatte er nie das Recht dazu gehabt, und deswegen hatte er es auch gelassen. Nur in seinen Gedanken hatte Chris schon lange das steife, förmliche Edgar fallen gelassen und ihn Eddie genannt. Doch trotz allem hatte er sich nicht dazu überwinden können, den letzten Schritt zu machen.

Eine Beziehung mit einem Mann war für ihn nun mal undenkbar. Eine enge Freundschaft, das war das einzige, was er Eddie - verdammt Edgar! - anbieten konnte. Doch es war zu wenig gewesen und Edgar war jetzt mit Mike zusammen. Und Chris kam sich wie das fünfte Rad am Wagen vor.

Er war einfach überflüssig geworden. Es gab keine gemeinsamen Abendessen mehr, keine heftigen Diskussionen über Gott und die Welt. Sie hatten immer unterschiedliche Ansichten. War es zum Thema ,Roter Libanese' oder auch nur, ob der neue Mercedes wirklich eine gute Entwicklung war. Aber es hatte Spaß gemacht und oft hatten sie über ihren Gesprächen die Zeit vergessen und waren erst lange nach Mitternacht ins Bett gekommen - jeder in sein eigenes. Und jetzt, jetzt war Edgar die meiste Zeit bei Mike. Chris durfte sich nicht beschweren, schließlich war er in den letzten zwei Wochen mindestens genau so oft bei Helen gewesen. Es hatte gereicht, dass er einmal da gewesen war, als Mike über Nacht blieb. Nicht dass er wirklich etwas aus Edgars Zimmer gehört hatte, aber seine Vorstellung hatte gereicht.

Es war ihm davon nicht schlecht geworden, nein, viel schlimmer. In seinen Eingeweiden hatte sich bohrende Eifersucht breit gemacht. Heftiger als jemals zuvor. Bei keiner Frau hatte er so gefühlt.

Am liebsten wäre Chris in Edgars Zimmer gestürmt, um Mike hinauszuwerfen. Doch was dann? Er hatte die ganze Nacht wachgelegen und gegrübelt, ob er nicht doch über seinen Schatten springen sollte, war aber zu keiner Entscheidung gekommen. Als er Edgar geküsst hatte, war es vielleicht ein Vorgeschmack auf mehr gewesen, aber in dem Moment war Chris nicht bereit gewesen, mehr zu geben. Und dann waren da noch Mike und Helen. Es gab für Chris keinen Zweifel, dass er Edgar bekommen könnte, sollte er es darauf anlegen. Doch dann würde er gleichzeitig seinen Partner verlieren. Mikes Aussage in einer Mittagspause war mehr als nur deutlich gewesen: "Du hast deine Chance gehabt, Chris. Und ich bin sehr froh, dass du sie nicht genutzt hast. Aber erwarte nicht, dass ich einfach den Flattermann mache, falls du es dir anders überlegst und doch noch Ansprüche anmelden solltest."

Seinen Partner wollte Chris nicht verlieren, es war im Job schwierig genug und sie mussten an mehreren Fronten zusammen kämpfen.

Das war auch der Grund, warum Chris jetzt seine Sachen gepackt hatte und auszog. Er wollte nicht, dass Mike unglücklich wurde.

Helen war da eher Nebensache. Sie war eine interessante Frau, gut im Bett und Chris gestand sich ein, dass er auch ein wenig verknallt in sie war. Doch irgendwie schaffte sie es nicht, ihn so zu faszinieren, wie Edgar es tat. Nicht so, wie es eigentlich für eine feste Beziehung sein sollte. Aber es war zu spät, sich noch anders zu entscheiden.

Chris wusste, dass er den entscheidenden Moment verpasst hatte und nun sehen musste, wie er zurecht kam.

Dazu gehörte, dass er jetzt seine Sachen nahm und nach unten in die Werkstatt ging, um Edgar den Wohnungsschlüssel zu geben.

 

Doch vorher ging Chris noch einmal ins Bad und wusch sich die Hände. Als er in den Spiegel schaute, sah er den umgedrehten Zahnputzbecher, der noch immer den Pimmelmann verdeckte. Er hob den Becher hoch und stellte das Männchen an seinen angestammten Platz auf dem Spülkasten.

Im Nachhinein konnte er über sein damaliges Verhalten nur den Kopf schütteln und war dankbar, dass Mike ihm die ganzen Schwulenwitze verziehen hatte. Was hatte er gesagt: "Du warst meine beste Tarnung. Wer hat schon damit gerechnet, dass ich schwul bin, wenn du dich so über Minderheiten lustig machst. Aber die Zeiten sind vorbei. Ich bin es leid, mich immer hinter jemand anderem zu verstecken."

Dabei war Chris nicht der Meinung, dass Mike sich versteckt hatte. Biestig genug war er immer gewesen. Er hatte nur gewisse Tatsachen verschwiegen. Und nach dem Spießrutenlauf der letzten Wochen konnte Chris ihn zu gut verstehen.

Chris sah ein, dass er seine Finger inzwischen mehr als nur sauber waren. Damit hatte er keinen Grund mehr, in der Wohnung zu bleiben. Es war sechs und Helen konnte jeden Moment auftauchen. Er musste jetzt runter gehen und sich verabschieden.

Obwohl er ganz genau wusste, dass es kein Abschied für immer war - Mike hatte am Wochenende zum Abendessen eingeladen -, hatte er komisches Gefühl im Bauch. Als Polizist hatte er gelernt, auf dieses Gefühl zu hören, doch jetzt musste er es ignorieren und sich Edgar stellen.

 

Mit einem innerlichen Seufzen nahm Chris seine Sachen und ging hinaus. Hinter sich schloss er ab. Dann ging er die Treppe runter. Seltsamer Weise kam er sich vor, wie auf dem Weg zu seiner eigenen Hinrichtung. Deswegen trödelte er auch.

Als er unten war, schaute er nach, ob Helen schon da war. Leider noch nicht. Dabei hätte ihre Anwesenheit die nächsten Minuten erleichtert. Weiter aufschieben konnte er den Abschied nicht, denn Edgar hatte ihn bestimmt schon gesehen.

Das Tor stand auf und Chris ging hinein. Sein Gepäck stellte er im Eingang ab. Doch entgegen seiner Erwartung lag Edgar nicht unter einem Auto und war von oben bis unten mit Motorflüssigkeit bedeckt, sondern saß im Nebenraum hinter dem überfüllten Tisch, den er als seinen Schreibtisch titulierte. Neben vollen Aschenbechern, Ersatzteilen und leeren Pizzaschachteln waren auf der Platte auch einige Kataloge und eine Rechenmaschine, die unter einer dicken Staubschicht begraben war. Einen dieser Kataloge hatte Edgar aufgeschlagen und machte sich auf einem dreckigen Zettel Notizen. "Einen Moment noch, Chris. Ich muss für einen Kumpel ein Ersatzteil bestellen und wenn ich das nicht in den nächsten zehn Minuten mache, dann bekomme ich die Lieferung erst morgen Nachmittag und dann werde ich mit der Reparatur nicht pünktlich fertig."

"Kein Problem." Chris nahm den Hocker, legte die Kupplungsteile, die auf der Sitzfläche waren, auf den Boden, wischte ihn sauber und setzte sich auf der anderen Seite des Schreibtisches. Während Edgar die Kataloge wälzte und zwei verschiedene Lieferanten anrief - das Telefon war unter zwei Pizzaschachteln versteckt -, holte Chris seinen Schlüsselbund heraus und machte die Schlüssel zu Edgars Wohnung ab. Da es keinen freien Platz gab, behielt er sie in seiner Hand.

 

Endlich schien Edgar fertig zu sein, denn er warf den Hörer mit einem triumphierenden Lächeln auf die Gabel und steckte sich eine Zigarette an. Dann sah er Chris an und der fröhliche Ausdruck verschwand.

"Du bringst mir den Schlüssel?"

"Ja, ich wollte mich auch noch mal bedanken, für alles."

Wieso fühlte sich Chris nur so linkisch und hatte den Eindruck die falschen Worte gewählt zu haben?

"Du brauchst mir nicht zu danken, schließlich hast du ja dafür bezahlt, auf einer Matratze zu pennen."

"Und als deine Mutter da war, da haben wir uns ein Bett geteilt."

Und es waren schon wieder die falschen Worte, denn Edgars Gesichtsausdruck wurde abweisend.

"Ja, so kann man es auch sagen. Nun gib' mir die Schlüssel, damit wir's hinter uns haben. Wie kommst du zu Helens Wohnung?"

"Helen holt mich gleich ab. Sie hat sich den Wagen von ihrer Schwester geliehen. Aber mit etwas Glück überweist in den nächsten Tagen meine Versicherung und dann kann ich mir auch wieder ein eigenes Auto leisten."

In den letzten Wochen war Chris immer auf andere angewiesen gewesen, wenn er ein Auto gebraucht hatte. Auch wenn Edgar ihm fast immer mit einem Lächeln seine Schlüssel rübergeworfen hatte, hatte Chris diese Abhängigkeit gehasst.

"Und was für einen holst du dir?"

"Bestimmt keinen Alfa."

Jetzt grinste Edgar.

"Was hast du dagegen, dass ist doch ein schönes Auto. Besonders in rot."

"Klar, du hast ja auch nicht in der geklauten Kiste gesessen und Blut und Wasser geschwitzt. Das kannst du nie wieder gut machen."

Währendessen stand Chris auf und ging um den Schreibtisch rum.

"Hier sind die Schlüssel."

Jetzt erhob sich auch Edgar und hielt seine Hand auf. Chris legte die Schlüssel vorsichtig, als ob es kostbare Schmuckstücke wären, in die schwielige Handfläche.

Bei der Berührung hatte Chris das Gefühl, dass ein Stromschlag durch seinen Körper fuhr und am liebsten wäre er zurückgezuckt, doch er beherrschte sich. Denn es fühlte sich gut an. Noch besser war die Umarmung, in die Edgar ihn nun zog.

Sie blieben einen Moment engumschlungen stehen, dann ließ Edgar los und trat einen Schritt zurück. Nachdenklich betrachtete er den Schlüssel in seiner Hand.

"Du weißt ja, dass du sie jederzeit zurückhaben kannst, wenn das mit Helen nicht klappt."

"Das mit Helen ist mehr als nur eine flüchtige Affäre, ich hab' mir das gut überlegt."

Die Lüge ging ihm überraschend glatt über die Lippen.

"Na, dann wünsch' ich dir, dass Helen keine Ahnung von der Haushaltsführung hat."

"Was soll das denn heißen?"

Fragend zog Chris eine Augenbraue hoch. Edgar konterte mit einem Schulterzucken.

"Wenn sie Ahnung hat, dann wird sie sich nicht zulassen, dass du in eurer Wohnung zum Ordnungshüter wirst und sie rumkommandierst. Und dabei machst du das doch so gerne."

Ein Grinsen stahl sich auf Chris Gesicht. Er wusste genau, worauf Edgar anspielte. An jenem Nachmittag hatten sie nicht nur die Küche gründlich gereinigt, sondern Chris hatte Edgar einen Lappen in die Hand gedrückt und ihn genötigt, das Schlafzimmer zu putzen

"Du kannst froh sein, dass ich meinen Ordnungsfimmel nicht auf deine Werkstatt ausgedehnt habe, denn die hätte es dringend nötig."

Dabei zeigte Chris auf den Schreibtisch, der wie ein Mahnmahl wirkte. Edgar kratzte sich nur am Hinterkopf und grinste. Dann beugte er sich vor und nahm aus dem Aschenbecher seine Zigarette und zog einmal, bevor er sie ausdrückte.

"Ich lass dich doch nicht an mein Werkzeug. Davon bleibst du weg!"

"Ach, gibt es dort etwa Sachen, die ein Bulle nicht finden soll?"

Bevor Edgar darauf antworten konnte, hörte Chris ein Auto, das auf den Hof fuhr. Er drehte sich um und sah, dass es Helen war. Kurz darauf hatte sie auch schon eingeparkt und stieg aus.

"Ihr seid am Wochenende auch bei Mike eingeladen?"

Edgar stand direkt hinter Chris und beobachtete wohl auch Helen.

"Ja, jahrelang bin ich sein Partner und er lädt mich nicht ein einziges Mal rein. Inzwischen frage ich mich, wie schwul seine Wohnung aussieht."

Dabei drehte Chris sich um. Jetzt war es soweit. Der Abschied nahte.

"Da gibt es kein Pimmelmännchen, das du verstecken musst. Die Wohnung ist erschreckend normal und aufgeräumt."

"Was erwartest du von einem Ordnungshüter?"

Der fröhliche Ausdruck verschwand von Edgars Gesicht. Er wirkte unendlich traurig.

"Ich werde dich vermissen. Auch wenn ich jetzt Mike habe-"

"Hör' auf! Ich will das nicht hören. Und jetzt muss ich los, bevor Helen mich sucht."

Chris hatte den Eindruck, dass Edgar noch mehr sagen wollte, den Kommentar aber runterschluckte.

Es entstand ein unangenehmes Schweigen, bis Edgar sich räusperte.

"Na dann, mach das du wegkommst. Wir sehen uns am Wochenende."

"Ja, das werden wir."

Ohne einen weiteren Kommentar drehte Chris sich um und ging. Dabei widerstand er der Versuchung, Edgar noch einmal anzusehen, als er sein Gepäck hochnahm. Helen war nicht hochgegangen, sondern lehnte an ihrem Wagen. Als sie ihn rauskommen sah, ging sie zum Kofferraum und öffnete ihn.

 

Bevor Chris seine Sachen einräumte, beugte er sich zu Helen und gab ihr einen tiefen, intensiven Kuss. Wohl wissend, dass Edgar garantiert zusah. Ein wenig atemlos lösten sie sich kurz darauf voneinander.

"Wir hatten uns doch eben erst gesehen. Wie komm' ich zu der Ehre?"

"Mir war einfach danach. Aber wenn es dir nicht gefällt, dann kann ich es auch lassen."

"Chris!"

Der drohende Unterton in Helens Stimme sagte ganz genau, was sie darüber dachte. Chris verkniff sich ein Grinsen und räumte seine Habseligkeiten ein. Dann warf er die Klappe zu.

"Das ist alles?"

"Bei Uschi stehen noch zwei Schränke von mir, aber ich weiß noch nicht, ob ich sie wirklich abholen soll. Denn sie sind recht alt und betagt und ich weiß nicht, ob sie noch einen Umzug überstehen. Und jetzt lass uns fahren. Zur Feier des Tages lad' ich dich zum Italiener ein."

"Da sage ich doch nicht nein."

Erst als Helen den Motor gestartet hatte und losfuhr, schaute Chris zurück. Und im Schatten der Garage erkannte er Edgars Silhouette.

Chris lehnte sich zurück und schloss die Augen. In seinem Geist spielte er noch einmal die Szene aus dem Schlafzimmer durch und wünschte sich, anders reagiert zu haben. Aber die Chance war vertan und jetzt war Mike am Zug.

"Alles in Ordnung mit dir?"

Helens besorgte Stimme holte ihn zurück.

"Naja, wie man es nimmt. Ich bin über dreißig und meine ganzen Habseligkeiten konnte ich eben in zwei Taschen unterbringen. Da kommt man doch schon ins Grübeln und fragt sich, was man falsch gemacht hat."

"Das kann ich verstehen."

Es war viel auf der Straße los, so dass Helen sich aufs Autofahren konzentrierte und Chris seinen Gedanken weiter nachhängen konnte.

Helen durfte niemals erfahren, dass sich sein Herz ganz anders als sein Verstand entschieden hatte. Chris verfluchte sich, weil er nicht in der Lage war, über seinen eigenen Schatten zu springen, um den Ruf seines Herzens zu folgen.

Stattdessen blieb er ruhig neben Helen sitzen und fühlte, wie sich der erste Ring um sein Herz legte.

 
Ende

 
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