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Abgeschnitten (Cut off)

© by Sam23 ()
 
Disclaimer: nope. nix meins
Author's note (neu: 27/12/02): Ich habe diese Geschichte in einer verregneten, dunklen Nacht Anfang 2002 geschrieben und sie hat mich davor bewahrt den Verstand zu verlieren. Scheint jetzt irgendwie eine verdammt lange Zeit her zu sein. Ich möchte diese Geschichte nachträglich Dr. Zimmermann widmen, der einen Alptraum, der über drei Jahre lang gedauert hat, innerhalb von Minuten beendet hat. Ich schulde Ihnen was, Doc. Ganz im Ernst.
Feedback: würde mich freuen!
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Am Anfang hatte sie es kaum bemerkt. Sie war zu beschäftigt um es zu bemerken. Zwischen den Missionen musste sie Berichte verfassen oder im Labor arbeiten und wenn sie endlich einmal für ein oder zwei Tage nach Hause gehen konnte, dann hieß es, sich mit dem wahren wirklichen Leben auseinanderzusetzen - Briefe beantworten, Rechnungen zahlen, aufräumen, einkaufen gehen, den Fernseher reparieren. Solche Dinge eben. Manchmal wurde ihr schwindlig. Na und? Der Grund dafür war sicherlich nur, dass sie nicht genug gegessen oder getrunken hatte und ihr Kreislauf sich über die geringe Energiezufuhr beschwerte. Oder ihr Körper kämpfte einfach mit einer Erkältung, die noch nicht ausgebrochen war. Ja, das schien eine plausible Erklärung zu sein, vor allem, wenn man bedachte, dass der letzte Planet, den sie besucht hatten, eine Eiswüste gewesen war - von einem Pol zum anderen. Und dann waren da noch die beiden "zus": Zu wenig Schlaf und zuviel Arbeit. Wie immer eben.

 

Sam seufzte und rieb sich mit den Handrücken über die Augen. Die Zeilen, die sie gerade in ihren Computer eingetippt hatten, waren kaum lesbar und deshalb änderte Sam die Schriftgröße von 12 auf 14. Viel besser. Der Bericht an dem sie arbeitete, war fast fertig. General Hammond würde erfreut sein, ihn pünktlich auf seinem Schreibtisch vorzufinden.

Daniel klopfte an die Tür und Sam sah auf.

"Hey Sam."

"Hey Daniel."

"Whoa, alles klar?"

"Klar, warum fragen Sie?"

"Sie sehen blass aus."

"Das macht nur das Licht hier drinnen, Daniel."

Daniel zuckte mit den Schultern und begann ihr von den Artefakten zu erzählen, die sie aus der Eiswüste mit auf die Erde gebracht hatten. Sam hörte ihm aufmerksam zu, doch plötzlich driftete ihre Aufmerksamkeit ab. Seine Stimme klang plötzlich dumpf und leise in ihren Ohren und für den Bruchteil einer Sekunde sah sie zwei Daniel Jacksons vor sich stehen. Sam blinzelte und die Welt war wieder normal.

 

*********
 

"Carter! Beeilung!" Colonel Jack O'Neill runzelte die Stirn. Sam kletterte hastig den Hügel hinauf. Ihr Atem ging rasselnd und sie schwitzte wie verrückt. Sie fühlte sich furchtbar, aber sie hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als etwas gesagt. Als sie den Colonel endlich eingeholt hatte, grinste er sie an.

"Haben Sie die Nacht durchgemacht? Zeit zum Aufwachen, Major. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns."

"Ja, Sir", antwortete Sam durch zusammengebissene Zähne. Sie machte einen weiteren Schritt nach vorne und plötzlich begann sich die Welt zu drehen. Sams Herz machte einen erschrockenen Sprung. Ihre Sehkraft ließ langsam nach und alle Geräusche um sie herum verstummten.

Oh Gott, großartig, ich werde in Ohnmacht fallen, dachte sie verärgert und versuchte die Welle der Übelkeit, die sich in ihr ausbreitete mit aller Macht zu bekämpfen. Erst in dem Moment, als sie fest davon überzeugt war, ihre Beine würden endgültig unter ihr zusammenknicken, kehrte ihre Sehkraft zurück und das Schwindelgefühl verschwand wieder.

"Carter! Ich werde das nicht noch mal sagen! Los jetzt!", rief O'Neill ihr zu. Sam nickte und atmete tief durch.

"Ja, Sir! Schon unterwegs!"

 

******
 

Sie saßen in der Falle. Nicht, dass ihnen das nicht schon hunderte Male zuvor passiert war, aber dieses Mal hatte Sam Angst. Sie hatten sich hinter einige Steinbrocken zurückgezogen, die ihnen Schutz vor den Schüssen gaben, die ein unsichtbarer Feind in der Dunkelheit des Waldes auf sie abgab. Sam versuchte verzweifelt den Angreifer auszumachen. Sie richtete ihre Waffe in eine Richtung, nur um sofort das Gefühl zu haben, dass ihr Gegner sich genau in der entgegengesetzten Richtung befand. Teal'c zielte mit seiner Stabwaffe und ein heller Energieball zischte durch die Dunkelheit.

"Er ist da drüben! Carter, sehen Sie ihn?"

"Nein, Sir!"

"Wartet! Ich glaube, ich sehe ihn!", schrie Daniel. "Er ist da drüben, bei dem Baum!"

Jack zielte und feuerte. Sie hörten einen gedämpften Schrei irgendwo zwischen den Bäumen, gefolgt von verärgertem Gemurmel in einer fremden Sprache.

"Oh, toll, er ist nicht alleine", fluchte Jack.

"Carter! Sie übernehmen die beiden Kerle da drüben, ich kümmere mich um die hier!"

O'Neill deutete in die Dunkelheit und Sam fluchte. Anstatt Bäume oder ihre Angreifer sah sie kleine grelle Flimmer, die vor ihren Augen tanzten. Was zum Geier war mit ihren Augen los? Panik ergriff von ihr Besitz und breitete sich in ihrem Körper aus. Sam kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Sie musste jetzt ihren Stolz herunterschlucken, sonst brachte sie das ganze Team noch mehr in Gefahr, als sie es durch ihren Aussetzer gerade sowieso tat.

"Ich kann sie nicht sehen, Sir!"

"Was meinen Sie damit, Sie können sie nicht sehen? Die sind gleich da drüben!", brüllte Jack zurück.

"Ich kann sie nicht sehen!"

"Da drüben!"

"Ich kann nicht!"

O'Neill drehte sich zu Teal'c herum. "Teal'c! Geh rüber und helfe Carter!"

Sam schloss die Augen. Das war der schrecklichste Moment ihres Lebens.

 

********
 

"Ich kann kein Problem finden, Sam", sagte Janet seufzend und schüttelte den Kopf.

"Du bist wahrscheinlich einfach nur erschöpft. Ich möchte, dass du es langsam angehst für ein paar Tage, okay?"

"Okay." Sam starrte auf den Boden. O'Neill betrat das Zimmer und blickte Sam besorgt an. "Wie fühlen Sie sich?"

"Beschämt?", bot Sam ihm an ohne aufzusehen. Der Colonel schüttelte den Kopf.

"Hey, kein Grund dazu. Das kann jedem mal passieren."

"Aber es ist nicht jedem passiert, es ist mir passiert."

"Sam", mischte sich Janet ein. "Der Colonel hat recht. Der menschliche Körper erträgt nun mal nicht unbegrenzt viel Stress. Du hättest nichts dagegen tun können."

"Ja, aber . . ."

"Sam, gehen Sie nach Hause", sagte Jack sanft. Sam sah ihn an. Sie konnte Sorge in seinen dunklen Augen erkennen und das war es, was sie schließlich dazu bewegte, sich von dem Krankenbett auf dem sie gesessen hatte zu schwingen. "Okay. Das werde ich. Wir sehen uns in ein paar Tagen."

 

*********
 

Eine Woche später erwachte Sam Carter mit einem Stöhnen auf den Lippen. Das Bett. Das Bett soll aufhören sich zu drehen, dachte sie. Ihr Magen tat weh und sie hatte gerade noch genug Zeit aufzuspringen und ins Bad zu hechten, bevor sie sich übergeben musste. Dabei hatte sie doch gar nichts gegessen, ihr Magen war leer. Tolle Art in den Tag zu starten, dachte Sam, als sie ein paar Minuten später in die Küche schlurfte. Sie stand in der Mitte des Raumes, unschlüssig, was sie tun sollte. Frühstück war eine schlechte Idee nach dem, was gerade passiert war. Also ging sie nach ein paar Minuten wieder, um sich anzuziehen. Es war ihr erster Arbeitstag seit Janet sie nach Hause geschickt hatte und sie wollte nicht zu spät kommen.

 

********
 

Als Sam den Aufzug verließ und langsam den Korridor hinunter ging, fühlte sie sich besser. Endlich war sie wieder da, wo sie hingehörte. Zuhause war ihr die Decke auf den Kopf gefallen. Sie hatte nichts zu tun gehabt und all die Dinge, die sie gerne gemacht hätte, hatte ihr Janet strikt verboten.

 

"Sam, willkommen daheim!"

Daniel trat lächelnd auf sie zu. "Geht es wieder besser?"

"Ja, danke, Daniel."

Für diese Lüge wurde sie sofort mit einer weiteren Welle Übelkeit bestraft, die über ihren Körper hereinbrach. Sam konnte spüren, wie ihre Knie zitterten und atmete tief ein.

"Sam?"

"Es ist nichts, mir war nur für eine Sekunde schlecht. Das vergeht wieder. Ist jeden Morgen so. Ich hab mir wahrscheinlich irgendeine Magen-Darm-Grippe eingefangen."

"Sie sind doch nicht schwanger, oder?", witzelte Daniel.

"Haha. Mein Dad hat das gleiche gesagt, als ich mit ihm gesprochen habe", seufzte Sam mit einem Stirnrunzeln. Daniel grinste breit. "Naja, wir suchen eben immer nach der einfachsten Erklärung."

"Oh, glauben Sie mir, ich bin definitiv nicht schwanger", erwiderte Sam mit einem gespielten Grinsen. Sie hatte das dumme Gefühl, dass sie diesen Satz in nächster Zeit noch oft verwenden würde.

 

*******
 

Die nächsten vier Wochen vergingen schnell und Sam passte sich den Gegebenheiten an, so gut es ging. Sie übergab sich noch immer jeden Morgen, aber sie gewöhnte sich langsam daran - genauso wie sich das restliche Personal daran gewöhnte, dass Major Carter dann und wann einen Spurt von ihrem Labor zur Damentoilette zurücklegte. Die Übelkeit verging normalerweise um die Mittagszeit, aber schon am Nachmittag plagte Sam das nächste Übel: der Schwindel kehrte zurück, je nachdem, wie lange sie gearbeitet hatte mal mehr, mal weniger schlimm, aber immer schlimm genug, um sie in ihren Bewegungen, ihrem Denken und ihrer Arbeit einzuschränken. Trotzdem hatte Sam das Gefühl, die Sache ganz gut im Griff zu haben. Sie erledigte ihre Arbeit und oftmals bemerkten die anderen gar nicht, dass es ihr nicht gut ging. Und weil sie es nicht merkten, war Sam auch für morgen endlich wieder zu einer Mission eingeteilt. Endlich.

Sie schloss die Labortür und lehnte sich einen Moment dagegen, bis der Boden aufhörte unter ihren Füßen zu schwanken.

"Carter?"

"Sir!" Sam zuckte zusammen und stieß sich von der Tür ab. Sie lächelte, aber anscheinend war es kein sehr gelungenes Lächeln, denn Jack sah sie besorgt und ernst an.

"Alles klar?"

"Diese Frage stellt man mir ziemlich oft in letzter Zeit."

"Das ist keine Antwort."

"Mir geht's gut. Wirklich. Mir ist ab und an nur ein wenig schwindlig, aber ich komme damit klar. Was auch immer es ist, es scheint langsam vorbei zu sein."

"Sicher?"

"Klar bin ich sicher. Also? Wann geht's morgen los?"

Jack fand plötzlich auf dem Boden etwas sehr interessantes, das unbedingt seiner Aufmerksamkeit bedurfte.

"Äh, Carter, tut mir Leid, Sie werden nicht mitkommen."

"Was meinen Sie?"

"Es wird eine harte, anstrengende, stressige, gefährliche Mission. Kein Schlaf, kein Ausruhen, kein . . ."

"Und? Das ist doch wie immer, oder?"

"Ja, aber... Sie sind nicht wie immer."

Sam fühlte sich, als hätte er ihr gerade einen Schlag versetzt. Nicht wie immer. Nicht normal. Krank. Zu bemitleiden. Nicht fähig mitzukommen. Also sah man es ihr doch an. So sehr sie sich auch bemühte es zu verbergen, zumindest Jack hatte es ihr angesehen, dass es ihr ganz und gar nicht gut ging. Und er traute ihr nicht zu, da draußen in dieser Verfassung zu bestehen. Auf einem rationalen Level wusste Sam, dass er Recht hatte. Aber Sam wollte nur endlich einmal wieder einen Himmel sehen, grün, blau, lila, oder welche Farbe er auch immer auf P4X1013 hatte. Sie saß seit fast einem Monat in ihrem Labor fest und langsam begann sie an Klaustrophobie zu leiden.

"Sir, ich schaffe das schon", sagte Sam und sah ihn verzweifelt an. "Glauben Sie mir, ich schaffe das. Ich will nur endlich raus hier."

Jack schüttelte seinen Kopf. "Okay. Fein. Wenn Fraiser sagt, sie hat nichts dagegen, dann soll es mir auch recht sein. 7 Uhr, morgen früh. Seien Sie pünktlich."

"Ja, Sir!"

 

********
 

Major Samantha Carter rückte ihre Mütze zurecht und wartete darauf, dass das Stargate aktiviert wurde. Janet hatte nichts gegen ihre Rückkehr zu SG1 einzuwenden gehabt. Natürlich wusste sich auch nichts von den Kopfschmerzen und dem Doppelt-Sehen, das Sam meistens Abends quälte. Sam wusste, dass es falsch war, Janet nichts davon zu erzählen. Aber sie wurde langsam verrückt. Jedes Mal, wenn sie etwas gesagt hatte, hatte Janet sie untersucht und war immer wieder mit dem gleichen Ergebnis zurückgekommen. Alles in Ordnung. Kein Virus, keine Mangelerscheinung, kein gar nichts. Alles okay. Aber die Art, wie sie Sam dabei angesehen hatte, beunruhigte Sam mehr als alles andere. Janet nahm das Wort "Stress" in letzter Zeit sehr häufig in den Mund. Aber Sam hatte in den letzten Wochen so wenig Stress gehabt, wie niemals zuvor in den letzten fünf Jahren. Also konnte es wohl kaum am Stress liegen. Sam wusste, dass hinter ihrem Rücken über sie getuschelt wurde. Dass sie ausgebrannt war. Die Belastung nicht mehr aushielt. Dass Janet Fraiser nicht herausfinden konnte, was mit ihr los war, weil sie nicht krank war. Nicht physisch krank, zumindest. Jede Nacht, bevor sie einschlief dachte Sam über diese Dinge nach. Vielleicht hatten die Leute ja recht. Vielleicht wurde sie verrückt. Oder sie war einfach nur schwach. Oder vielleicht beides. Vielleicht war es gar nicht ihr Körper der aufgab, vielleicht war es ihr Geist. Sie schüttelte den Kopf. Darüber brauchte sie sich jetzt keine Gedanken machen. In wenigen Minuten würde sie mit ihrem Team da draußen sein und dann würde alles wieder so sein wie immer. Es war ein naiver Gedanke, aber der einzige, an den Sam sich jetzt noch klammern konnte. Das blaue Schimmern des Ereignishorizonts schickte tanzende Schatten in den Torraum. Jack grinste sein Team an.

"Okay, Campers. Auf geht's."

He trat durch das Stargate und Daniel und Teal'c folgten ihm. Sam lächelte erleichtert. Endlich. Jetzt konnte sie sich und der Welt beweisen, dass sie nur mit einem hartnäckigen Virus gekämpft hatte und alles wieder in Ordnung war.

Sam Carter trat durch das Stargate.

 

****
 

Sie hörte gedämpfte Stimmen in der Dunkelheit. Stimmen, die von weit her zu kommen schienen. Stimmen, die über sie sprachen.

"Ich hätte es besser wissen müssen, verdammt." Jack. Das war Jack.

"Aber sie wirkte gesund." Daniel. Das war Daniel.

"Ja, aber anscheinend ist sie es nicht", antwortete Jack.

"Teal'c, wähl uns raus, wir kehren um."

Wieder Daniel: "Janet sagt, sie kann keine Ursache für Sams Zustand finden."

"Dann muss sie gründlicher suchen."

"Aber was, wenn..."

Jack unterbrach ihn barsch. "Kein Wort. Ich weiß, was geredet wird und ich sage Ihnen nur eins, Daniel: Sie ist stärker und zäher als wir beide zusammen."

"Manchmal haben die größten Krieger die größten Schwächen", erwiderte Teal'c ruhig und sachlich.

Jack knurrte ihn an. "Hört auf! Alle beide! Sofort! Ich will kein weiteres Wort hören."

Sam war froh, als sie wieder vollends in die Bewusstlosigkeit zurückglitt.

 

*********
 

Vorbei. Alles vorbei. Sam starrte auf den Fernseher vor ihr, aber sie konzentrierte sich nicht wirklich auf das Geschehen auf der Mattscheibe. Sie war seit über zwei Monaten zuhause und hangelte sich von einer Depression zur nächsten. Ihr Zustand war immer noch miserabel und an manchen Tagen konnte sie kaum das Bett verlassen. Während der ersten Wochen hatten ihre Freunde sichergestellt, dass jeden Tag zumindest einer von ihnen bei ihr vorbeischaute. Wenn Daniel keine Zeit hatte, stand Janet vor der Tür und wenn sie nicht verfügbar war, schneiten Jack und Teal'c herein, immer mit einem guten Grund, warum sie sie gerade jetzt besuchen mussten. Sie versuchten niemals zu erwähnen, dass sie im Grunde einen Krankenbesuch machten. Aber als die Wochen verstrichen, wurden die Besuche weniger. Es war nicht so, dass sie Sam nicht besuchen wollten, aber sie hatten einfach keine Zeit mehr. Die Goa'uld planten etwas und darauf musste sich die Erde vorbereiten. Und während das Leben draußen weiterging, saß Sam auf ihrer Couch und sah sich "Tage unseres Lebens" an, weil ihr eigenes im Moment eine Pause einlegte. Als ihr dieser Gedanken durch den Kopf schoss, fühlte sich Sam sofort schuldig. Sie hatte in ihrem Leben schon genug gesehen, um zu wissen, dass sie im Grunde Glück hatte. Sie war krank, ja, aber sie hatte keine Schmerzen und sie musste nicht im Krankenhaus bleiben und was auch immer es war, dass sie quälte, es würde sie sicher nicht umbringen. Also warum jammern? Andere Leute waren schlimmer dran als sie. Ihr Dad hätte jedes Recht gehabt zu jammern, damals, als er an Krebs erkrankt war. Aber sie? Ihr war schwindlig und sie übergab sich von Zeit zu Zeit. Uh, wie schlimm. Das war es nicht wirklich und genau das war der Grund, warum Sam Carter so zornig war. Es war nichts, im Grunde eine Kleinigkeit, die sie aber so sehr aus der Bahn geworfen hatte, dass sich ihr ganzes Leben über Nacht geändert hatte. Eine Kleinigkeit, die eine Lawine an Problemen in Bewegeung gesetzt hatte, die niemals zu enden schien. Sam war schwindlig, weil ihr schwindlig war, war ihr schlecht. Weil ihr schlecht war, übergab sie sich. Weil sie sich ständig übergab, tat ihr Magen schrecklich weh. Ihr war schwindlig, deshalb konnte sie nicht schlafen. Weil sie nicht schlafen konnte, war sie stets übermüdet, weshalb der wiederum der Schwindel stärker zuschlug. Und wegen dieser ganzen Kleinigkeiten dachte ihr Körper alle paar Minuten, sie würde in Ohnmacht fallen und verkrampfte sich, was wiederum dazu führte, dass Sams ganzer Körper so verspannt war, dass sie sich kaum bewegen oder atmen konnte. Was in der Summe dazu führte, dass Sam sich furchtbar fühlte und nicht in der Lage war zu arbeiten. Und egal welche Medikamente Janet an ihr ausprobierte, sie machten es in den meisten Fällen nur noch schlimmer.

Kleinigkeiten können manchmal riesige Konsequenzen haben, dachte sie, als sie den Brief anstarrte, der auf ihrem Wohnzimmertisch lag. Ihr Rücktrittsgesuch. Sie hatte es Hammond bisher noch nicht gegeben, weil die Deadline, die sie sich gesetzt hatte, um wieder gesund zu werden, noch nicht verstrichen war.

Noch nicht. Aber in einer Woche.

Es gab keine andere Möglichkeit. Die anderen konnten nicht ewig auf sie warten.

Falls es mir in einer Woche nicht besser geht, quittiere ich den Dienst.

 

***********
 

Sie hörte das Klopfen an der Tür beinahe nicht. Sie stand von der Couch auf und streckte automatisch die Hand nach der Lehne aus, um ihr Gleichgewicht zu halten, bis die Welt wieder in ihre Fugen zurückrutschte und der Schwindel abebbte. Als sie die Tür öffnete, erblickte sie Jack O'Neill. Er hatte eine böse Wunde auf seiner Stirn, aber ein breites Grinsen im Gesicht.

"Hey, Fremde! Wie geht's?"

"Sir! Hi! Was ist passiert?"

"Ah, lange Geschichte. Soll ich sie erzählen?"

"Klar, kommen Sie rein."

Als er neben Sam auf der Couch Platz genommen hatte, wich sein Lächeln einem ernsteren Gesichtsausdruck.

"Wie fühlen Sie sich?"

"Wie mein schwindliges normales Selbst", antwortete Sam mit einem Lächeln, dass sie nicht fühlte. Aber sie wollte jetzt nicht darüber reden. Sie wollte wissen, was draußen vor sich ging.

"Also, was ist passiert?"

"Ah, na ja, also..." Und Jack O'Neill begann zu erzählen. Sam hörte ihm aufmerksam zu und obwohl sie auf der einen Seite jedes Wort von ihm genoss, wurde sie mit jeder Sekunde trauriger. Jack sprach davon, wie "wir drei" dies und jenes getan hatten. Wir drei. Jack, Teal'c und Daniel. Sam fühlte einen scharfen Schmerz in ihrem Herzen. Jack erwähnte einen Captain von SG11, von dem Sam noch nie zuvor gehört hatte, den Jack aber anscheinend bereits gut kannte. Sam wollte weinen. Zum ersten Mal wurde ihr klar, wie sehr sie abgeschnitten von allem und jedem war. Das Leben der anderen ging weiter und Sam hatte ihren Platz darin verloren, wie es schien. Jack verstummte.

"Sam? Alles klar?"

"Ja, klar", antwortete sie, konnte aber nicht verhindern, dass ihr die ersten Tränen in ihren Augen bildeten. Jack streckte die Arme aus und zog sich an sich heran. Als ihr Körper seinen berührte, hätte Sam am liebsten vor Schmerzen aufgeschrien. Bis jetzt war ihr nicht klar gewesen, wie einsam sie gewesen war. Es war das erste Mal in zwei Wochen, dass sie jemand berührte. Zwei Wochen ohne jeden physischen Kontakt. Jack umarmte sie fester, als ihr Schluchzen lauter wurde. Sie klammerte sich an ihn, so fest wie sie nur konnte, wollte ihn nie wieder loslassen, als die Tränen, die sie seit Tagen zurückgedrängt hatte, schließlich über ihr Gesicht strömten. Jack streichelte ihr beruhigend über den Rücken.

"Schhhh, alles wird wieder gut."

Sam ließ ihn nicht los, aber sie sog scharf die Luft ein.

"Wird es nicht", schluchzte sie. "Wird es nie wieder werden."

Jack küsste sanft ihre Stirn.

"Oh doch, das wird es. Nicht aufgeben, Sam, okay? Sie sind stärker als das hier. Ich weiß es."

"Ich nicht. Nicht mehr. Es ist so... anstrengend, so erschöpfend", flüsterte sie, ihr Gesicht an seine Brust gepresst. Jack hielt sie für lange Zeit einfach fest, bis ihre Tränen versiegten und das Schluchzen endete. Schließlich löste sich Sam aus seiner Umarmung und wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht.

"Tut mir leid, ich wollte nicht . . ."

Jack nahm ihre Hand in seine. "Sie müssen sich für nichts entschuldigen und bei mir sowieso schon gar nicht. Es ist okay. Ich bin derjenige, der sich entschuldigen sollte. Mir war nicht klar, wie sehr Sie diese Sache mitnimmt, wie schmerzhaft das alles sein muss."

"Es ist okay, wirklich. Heute ist nur wieder einer dieser Tage, an denen ich die Geduld mit meinem Körper verliere. Das passiert ab und zu mal."

"Also, ich frage nochmal: Wie geht es Ihnen? Ehrlich?"

"Ehrlich? Hm, mal sehen: Ich bin einsam, ich werde langsam verrückt, weil kein Medikament zu helfen scheint, also habe ich wahrscheinlich doch ein psychisches Problem und kein körperliches, was die ganze Sache auch nicht besser macht. Wie hat Teal'c es ausgedrückt: Großer Krieger, große Schwäche."

Jack sah sie alarmiert an: "Sie haben das gehört?"

"Ja das habe ich und wissen Sie was, Jack? Vielleicht hat er Recht. Ich habe so lange versucht diesen Gedanken zu verdrängen. Ich habe so hart dafür gekämpft um mir selbst zu beweisen, dass ich ein körperliches Problem habe und nichts weiter. Aber ich bin müde. Wenn die anderen meinen, dass ich mir das alles nur einbilde, dann wird es wohl so sein. Ich will nicht mehr. Ich gebe auf."

"Sam..."

"Ich gebe auf."

"Sam..."

"Nein, ich meine das so. Ich gebe auf."

"Das wirst du nicht", erwiderte Jack mit fester und dennoch sanfter Stimme und strich ihr über die Wange. Sam schüttelte den Kopf, aber blickte sie ihm in die Augen und das beruhigte sie. In seinen dunklen Augen lag Sorge, aber auch ein eiserner Glaube, der so stark war, dass Sam ihn fast körperlich spüren konnte. Er glaubte. Er glaubte an sie. Her wusste, was sie auch wusste, aber im Moment nicht erkennen konnte. Er wusste, dass alles am Ende gut werden würde. Sam konnte nicht sprechen. Sie rutschte näher an ihn heran und Jack nahm sie wieder in den Arm. Sam schloss ihre Augen.

"Ich weiß es, Sam. Du wirst wieder gesund. Und ich werde dir jetzt mal etwas sagen: Ich weiß, dass du das bereits weißt, aber im Moment hast du es anscheinend vergessen: Du bist stärker als diese Sache. Ich weiß es. Du bist mutig und stark und intelligent. Du kannst diesen Kampf gewinnen. Lass dich von niemandem in die Irre führen, okay? Höre nicht auf das, was die anderen sagen. Sie wissen nicht, was du gerade durchmachst. Keiner kann das wissen. Deshalb fühlst du dich so allein und einsam auf der Welt. Weil egal wie sehr du versucht zu erklären, was diese Krankheit dir antut, es kann keiner wirklich verstehen. Vielleicht nicht einmal ich, und glaube mir, das kommt sicher nicht davon, dass ich es nicht versuchen wollte. Du weißt das."

"Ich weiß", flüsterte Sam. "Danke."

Jack schlang die Arme um ihren zitternden Körper und wartete, bis ihre Augen zufielen und Sam langsam in den Schlaf hinüberglitt.

"Du bist stärker als das, Sam. Ich weiß es."

 

***********
 

"So, das soll's gewesen sein."

Sam starrte Janet fassungslos an. Ihr Gehirn hatte immer noch nicht verstanden, was ihr Körper nach der ersten Spritze bereits gefühlt hatte.

"Das ist alles? Ich kriege eine Spritze und diese Tabletten und... es wird mir gut gehen?"

"Jetzt wo wir das Problem kennen: Ja. Das war ganz schön knifflig, Sam. Du hast mir echt eine Menge Arbeit gemacht. Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Es wird ein paar Monate dauern, vielleicht auch ein Jahr, aber es wird dir wieder gut gehen, Sam. Das verspreche ich dir."

"Sicher?"

"Absolut sicher. Kein Sport, kein Tanzen, kein Alkohol, kein Auto-Fahren, okay? Und endlos am Computer arbeiten, ist auch verboten. Aber wenn du dich daran hältst, werde ich dich schon bald wieder dienstfähig schreiben können - zumindest eingeschränkt dienstfähig. Und jetzt möchte ich, dass der Colonel dich nach Hause fährt.""

 

**********
 

Als Sam und Jack den Cheyenne Mountain Complex verließen, wurden sie von einem wunderbaren Sonnenuntergang begrüßt. Sam blieb stehen und starrte in die rote Sonne. Jack lächelte und berührte sanft ihre Hand. Sam erwiderte das Lächeln, ohne den Blick von der Sonne zu nehmen.

"Weißt du", sagte sie, "als ich neulich danke gesagt habe, da habe ich das genau so gemeint. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn du nicht..."

"Hey, wozu hat man Freunde?", erwiderte Jack zwinkernd. Sam starrte weiter in den Sonnenuntergang, aber ihr Lächeln wurde breiter als sie fragte:

"Schon irgendwelche Dinner-Pläne?"

"Wer? Ich? Nein? Warum?"

"Ich habe nur gerade gedacht: diese letzten Monate habe ich mich wie tot gefühlt. Jetzt habe ich eine zweite Chance bekommen. Janet sagt, es wird nicht einfach und dass es Rückfälle geben wird, aber ich akzeptiere diese Herausforderung. Unter einer Bedingung."

"Und die wäre?"

"Ich will das nicht allein durchstehen müssen."

Jacks Hand schloss sich um ihre und er richtete seinen Blick auf den Sonnenuntergang.

"Ich hatte nicht vor, dich das allein durchstehen zu lassen."

Sie sahen schweigend in den Himmel für ein paar Minuten, ehe Jach sich zu Sam umdrehte.

"Kann ich dir eine dumme Frage stellen?"

"Du? Immer!"

"Wie fühlst du dich?"

"Lebendig."

 
Ende

 
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