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Heimkehr

© by Sam23 ()
 
Disclaimer: MASH gehört FOX aber: Keine Rechte sollen verletzt werden. Keine Kohle wird damit gescheffelt. Es ist "nur" Fanfiction.
Archiviert im Fanfiction Paradies (http://www.fanficparadies.de/)
 

 

Hawkeye Pierce rannte fluchend über den Parkplatz. Es regnete in Strömen und er versuchte mit riesigen Schritten nicht jede einzelne Pfütze durch ungefragtes Eindringen in ihre Privatsphäre durcheinanderzubringen. Allerdings blieb es bei dem Versuch und als er endlich unter dem schützenden Vordach des Community General Hospitals angekommen war, fühlte er sich wie der sprichwörtliche Pudel. Dieser Tag fing ja schon wirklich reizend an, dachte er, während er versuchte, zumindest einen Teil der Wassermassen von seinem Mantel zu wischen, die sich darauf niedergelassen hatten. Er schüttelte den Kopf und trat durch die großen Flügeltüren in die Eingangshalle. Schwester Barbara, die wie ein Fels in der Brandung, Tag ein Tag aus hinter dem Tresen stand, lächelte ihm freundlich zu.

"Guten Morgen, Doktor."

"Ich wüsste nicht, was an diesem Morgen gut sein sollte", knurrte Hawkeye im Vorbeigehen und fühlte sich im nächsten Moment schuldig. Sie konnte weder etwas dafür, dass er verschlafen hatte, noch das sein Auto nicht angesprungen war. Er drehte sich im Laufen um und winkte Barbara versöhnlich zu. Sie lachte leise und schüttelte den Kopf. Er war nicht der einzige, der sie heute wetterbedingt angefaucht hatte.

Hawkeye zog sich seinen Arztkittel an und begann seine Runde durch die Krankenzimmer. Im Moment war alles ruhig, wie schon so oft in den letzten Wochen. Hawkeye machte kurz vor einem Fenster halt und starrte hinaus in den Regen. Ein Bild erschien vor seinem geistigen Auge. Der große BJ und Radar der Zwerg in olivgrünen Regencapes, wie sie durch den Schlamm zum Sumpf hinüber hasteten. Hawkeye musste gegen seinen Willen lächeln.

Er war jetzt schon seit vier Jahren wieder zuhause und doch gingen ihm die Bilder des Krieges nicht aus dem Kopf. Dabei waren es nicht einmal die Bilder von Verwundeten, von Raketen und olivgrünen Uniformen. Es waren die Bilder der Menschen, mit denen er diese Jahre verbracht hatte und die er irgendwie mit jedem Tag mehr vermisste.

Er hatte damals solche Angst gehabt, dass er diese wunderbaren Individuen vergessen würde, doch die Erinnerung wurde mit jedem Tag nur stärker. Am meisten hatte er um seine Freundschaft zu BJ gefürchtet, doch sie hatten einen Weg gefunden, ihre Freundschaft quer über den amerikanischen Kontinent am Leben zu erhalten. Vor einem Jahr hatten sie sich sogar gesehen, in New York, wo sie beide an dem gleichen Ärztekongress teilgenommen hatten - natürlich nur in der Absicht einander wieder zu sehen. Was auf dem Kongress eigentlich besprochen wurde, davon hatte Hawkeye bis heute keine Ahnung.

Er starrte hinaus in den Regen und sein Gesicht spiegelte sich in der trüben Fensterscheibe. Er hatte sich in letzten Jahren nicht besonders verändert. Ein paar graue Haare schimmerten durch seine schwarze Haarpracht, aber ansonsten war er immer noch der gute alte Hawkeye.

Mit einer Einschränkung: Er war lange nicht mehr der Spaßvogel, der Charlie Winchester im OP die Hose heruntergezogen hatte. Sein Leben hatte sich beruhigt und der letzte gute Scherz, der auf B.F. Pierces Konto gegangen war, war mindestens zwei Jahre her.

Hawkeye schüttelte seufzend den Kopf und spazierte langsam den Gang hinunter. Zwei Assistenzärzte, die ihm entgegen kamen, grüßten ihn höflich und Hawk lächelte ihnen freundlich zu. Er war hier der Boss und obwohl er sich immer noch nicht in dieser Rolle so richtig wohl fühlte, machte es ihm doch Spaß den jungen Ärzten etwas beizubringen.

Nach dem Tod seines Vaters hatte Hawkeye Crabapple Cove verlassen - nur um 50 Meilen weiter südlich sein Lager aufzuschlagen. Maine war immer noch seine Heimat, aber er konnte einfach nicht mehr in dem kleinen Dorf leben, in dem ihn alles an seinen Vater erinnerte.

Hawkeye erinnerte sich an die erste Nacht allein in dem alten Haus, in dem er sich Zeit seines Lebens so wohl gefühlt hatte. Er war stundenlang wach gelegen und hatte gleich am Morgen seine Sachen gepackt und war gegangen. BJ hatte sich in der schweren Zeit als echter Freund erwiesen. Hawkeye dachte mit einem Schmunzeln an die Telefonrechnung, die in dieser Zeit ihre beiden Konten mächtig belastet hatte. Aber er war BJ dankbar für jede Minute, die er Hawkeye über Tausende von Kilometern beigestanden hatte.

"Morgen, Dr. Pierce"

"Morgen, Stanley."

"Wollen Sie mal einen Blick in die Zeitung werfen?"

Der ältere Arzt drückte Hawk ein ziemlich nasses Exemplar der Times in die Hand und grinste: "Erspart mir den Weg zum Mülleimer, um das Ding einfach wegzuwerfen. Sie können es ja zum Trocknen aufhängen."

Hawk betrachtete das tropfende Etwas in seiner Hand skeptisch. "Einen Versuch ist es wert. Haben wir irgendwo einen Föhn?"

Stanley Winters schüttelte lachend den Kopf und ging weiter. Hawkeye runzelte die Stirn und betrat das Ärztezimmer. Die Titelseite war so gut wie nicht mehr zu gebrauchen, aber der Innenteil der Times hatte die Dusche gut überstanden. Er blätterte lustlos in den Seiten, als ein kleiner Artikel plötzlich seine Aufmerksamkeit erregte. Hawkeye runzelte die Stirn, als er die Zeilen überflog und legte den Kopf schief, als er das Foto neben dem Artikel betrachtete. Es war der Name gewesen, der seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Houlihan. General Houlihan. Margarets Vater. Er war gestorben. Gestern. In einem kleinen Militärkrankenhaus in New York.

 

"Er schlief gegen 23 Uhr ein, seine Tochter wachte die ganze Zeit an seinem Bett", las Hawkeye laut und ließ dann die Zeitung sinken. Margaret Houlihan. Hawkeye spürte, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete. Margaret. Es musste sie tief getroffen haben, er wusste, wie sehr sie an ihrem Vater gehangen hatte. So wie er an seinem, nur auf eine andere Houlihan-typisch reservierte Art. Er erinnerte sie sich, wie aufgeregt sie gewesen war, als ihr Vater das Camp besucht hatte. Wie sehr sie um seine Anerkennung gekämpft hatte - und sie sehr sie Hawkeye leid getan hatte, als sie diese Aufmerksamkeit zuerst nicht erhalten hatte.

Margaret. Sein Herz zog sich bei dem Gedanken an diesen Namen zusammen. Hawkeye seufzte. Er vermisste sie alle BJ, den Colonel, Klinger, Charles - aber wenn er an Margaret dachte, schnürte es ihm die Kehle zu, auch wenn er bis heute nicht wusste warum - oder es aus Selbstschutz gar nicht wissen wollte.

Ihr letzter Brief, den er erhalten hatte, war drei Monate her gewesen und er hatte fröhlich geklungen, so wie die meisten ihrer Briefe. Sie hatten sich regelmäßig geschrieben, wenn Hawkeye darüber nachdachte, dann eigentlich regelmäßiger als er mit den anderen - mit Ausnahme von BJ - in Kontakt geblieben war.

Hawkeye wollte sich gar nicht ausmalen, was sie jetzt durchmachen musste. Allein in diesem Militärkrankenhaus mit ihrem Schmerz. Er fasste eine Entscheidung. Er war sich nicht sicher, ob er das Recht hatte, diese Entscheidung zu treffen, aber er tat es. Er wusste, wie sauer Margaret auf Einmischung reagieren konnte, besonders wenn sie verletzt und traurig war, aber das war ihm im Moment egal. Hawkeye Pierce stand auf und verließ das Ärztezimmer. Die nasse Zeitung blieb tropfend auf dem Tisch zurück.

 

***
 

"Lt. Colonel? Sie müssen noch diese Formulare ausfüllen." Der junge Corporal blickte die blonde Frau in der Army-Uniform schüchtern und entschuldigend an und zog sich sofort zurück, als sie ihm die Papiere aus der Hand nahm. Margaret merkte es kaum. Sie war immer noch wie betäubt. Sie war alleine. Ganz alleine auf der Welt. Sie hatte ihren Vater verloren. Der Schmerz über den Verlust war im Moment nur ein leises Wimmern in ihrer Seele, da sie mit all ihrer Kraft daran arbeitete, nur nicht die Fassung zu verlieren. Ihr Vater hätte das in dieser Situation von ihr erwartet. Schweigend unterschrieb sie die Formulare und legte sie achtlos auf den Tresen neben sich. Sollte der Corporal sie später wieder mitnehmen.

Margaret drehte sich um und schloss für einen Moment die Augen. Sie hatte das letzte Mal vor 48 Stunden geschlafen und auch dann nur für ein paar Stunden im leeren Zimmer neben dem ihres Vaters. Jetzt wollte sie nichts so sehr, wie von hier zu verschwinden, doch gleichzeitig fürchtete sie sich auch vor diesem Moment.

Hier war alles irgendwie vertraut. Der Geruch nach Medikamenten, die Uniformen der Schwestern, das alles gab ihr Halt - und gleichzeitig wünschte sie genau all das zum Teufel. Ihr Vater hatte sein Leben für die Army gegeben und als er jetzt auf dem Totenbett gelegen hatte, hatte sich nicht einer seiner Kameraden nach ihm erkundigt. Seit Margaret hier war, hatte ihr Vater nicht einmal Besuch bekommen. Außerdem war es die verdammte Army gewesen, die ihn von ihr ferngehalten hatte. Nach ihrer Rückkehr aus Korea hatte sie ein duzend mal versucht, ihren Vater zu besuchen, doch er war immer zu beschäftigt gewesen, so dass es bei kurzen Telefonaten geblieben war. Selbst zu ihrer Beförderung hatte er ihr nur über das Telefon gratuliert, weil er auf einer wichtigen Mission war. Verdammte Army, dachte Margaret und blickte aus dem Fenster. Es regnete in Strömen, schon die ganze Zeit, seit sie hier angekommen war. Sie schlang fröstelnd die Arme um ihren Körper und betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. Sie fand sie sah alt aus, alt und verbittert und völlig übermüdet.

Ein zweites Gesicht erschien im Spiegel der Glasscheibe, doch sie konnte es nicht genau erkennen. Sie schloss die Augen. Wenn der Corporal weiter so herumdruckste, würde sie noch die Beherrschung verlieren. Sie wollte kein Mitleid. Von niemandem.

"Ein ziemliches Sauwetter. Erinnert mich irgendwie an einen Ort, an dem ich schon mal war."

Margaret erstarrte. Diese Stimme. Oh Gott, sie kannte diese sanfte weiche Stimme so gut und in dem Moment als sie sie jetzt in diesem kalten Gang des Militärkrankenhauses hörte, begriff sie erst, wie sehr sie diese Stimme in den letzten Jahren vermisst hatte.

Margaret wagte nicht sich umzudrehen, aus Angst, sie könnte sich das alles nur eingebildet haben. Sie war müde, sie war allein, kein Wunder, wenn ihr da ihr Herz einen Streich spielte. Dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Margaret schloss die Augen, atmete tief ein und drehte sich um. Als sie die Augen wieder öffnete, blickte sie in das besorgte Gesicht von Hawkeye Pierce. Margarets Herzschlag setzt für eine Sekunde aus.

"Pierce?"

"Hallo Margaret", sagte er leise und lächelte sie sanft an. Margaret blickte ihn verwirrt an und fragte stammelnd.

"Was machst du hier?"

Hawkeye nahm ihre Hände in seine und sah sie ernst an. "Ich hab das von deinem Vater gehört und dachte, du könntest jetzt vielleicht ein wenig Gesellschaft brauchen."

Margaret schüttelte energisch den Kopf. "Mir geht's gut. Wirklich, Captain, alles in Ordnung."

"Erstens heißt es nicht mehr Captain und zweitens sehe ich es dir an, dass es dir nicht gut geht. Margaret es ist in Ordnung, okay? Du hast gerade jemanden verloren, der dir sehr wichtig war."

"Das weiß ich selbst", fauchte sie ihn an. Hawkeye wich keinen Millimeter vor ihr zurück. Er wusste, dass ihre Wut nicht ihm galt. Dafür kannte er sie zu gut. Stattdessen drückte er ihre Hände ein wenig stärker und fragte:"Wie geht es dir wirklich?"

"Es geht mir gut, würdest du damit aufhören?"

Als würde er mit einem Kind reden, wiederholte Hawkeye seine Frage geduldig.

"Wie geht es dir wirklich?"

Diese Stimme, diese sanfte besorgte Stimme. Margaret merkte, wie ihre Fassade zu bröckeln begann. Ihr Blick verschwamm leicht, als ihr die ersten Tränen in die Augen schossen und sie blickte wütend zu Boden. Ein Teil von ihr wusste, dass sie in Hawkeyes Armen so lange weinen konnte, wie sie es brauchte. Er würde es verstehen. Doch der Teil von ihr, der ganz und gar in den Strukturen des Militärs aufgegangen war, brüllte sie an, jetzt bloß nicht die Fassung zu verlieren.

Margaret blickte wieder nach oben und als ihr Blick in diese tiefen, besorgten Augen fiel, die sie so voller Mitgefühl und ganz ohne Mitleid ansahen, da gab sie den Kampf auf.

"Oh Gott, Pierce", schluchzte sie und war froh, als er sie in seine Arme zog und ihr sanft über den Rücken strich.

"Shh, es ist in Ordnung, es wird alles gut, du bist nicht allein", flüsterte er und traf damit genau die Worte, die sie hören musste. Margaret schluchzte laut auf, versuchte etwas zu sagen, brachte aber kein Wort über die Lippen. Stattdessen schlang sie ihre Arme fester um seinen schlanken Körper und presste die Augen fest zusammen. Der Schmerz war so gewaltig und trotzdem hatte Margaret plötzlich keine Angst mehr davor, sich im zu stellen. Sie klammerte sich an Pierce fest, wie sie es damals in der Hütte getan hatte, als sie unter Beschuss gelegen hatten und beide fast verrückt geworden waren vor Angst.

"Bitte halt mich fest", flüsterte Margaret leise und Hawkeye flüsterte zurück. "Aber Margaret, das tue ich doch."

"Ich spüre es aber nicht, halt mich fest."

Sie konnte ihn leise lachen hören und wusste, dass er sich genauso schnell wie sie an diese Worte erinnert hatte. Margaret spürte, wie sich ein Lächeln seinen Weg auf ihre Lippen bahnte und der Schmerz langsam abebbte. Trotzdem ließ sie Hawkeye nicht los und er hielt sie einfach in seinen Armen ohne ein Wort zu sagen.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit löste sich Margaret schniefend von ihm und blickte beschämt zu Boden. Sie hatte nicht so schwach sein wollen, aber er war einfach durch ihre Mauer hindurchgebrochen, wie er es schon so viele Male getan hatte. Er hatte sie immer durchschaut. Wenn sie mit ihm geschimpft hatte, wenn sie ihm die kalte Schulter gezeigt hatte. Erst jetzt begriff sie, dass er sie immer durchschaut hatte.

"Besser?", hörte sie ihn leise fragen und nickte, während sie sich mit eine Arm über die Augen fuhr. Margaret fasste sich wieder und blickte ihn unschlüssig an. Hawkeye erwiderte ihren Blick lange, dann legte er den Kopf schief und fragte: "Wollen wir woanders hingehen? An einen Ort, wo wir reden können?"

Margaret nickte und er griff nach ihrer Hand. "Na komm."

 

Es hatte aufgehört zu regnen und die Sonne kam langsam wieder hinter den dicken dunklen Wolken hervor. Hawkeye und Margaret spazierten Hand in Hand durch den kleinen Park, der nur wenige Meter vom Krankenhaus entfernt lag.

"Er ist einfach eingeschlafen. Er sah so friedlich aus", flüsterte Margaret und ihr Blick ging ins Leere.

"Er musste nicht leiden, Margaret. Ich weiß, das ist kein Trost, aber . . ."

"Doch", erwiderte sie und drückte kurz seine Hand. "Doch, irgendwie ist es das. Er hat endlich Ruhe gefunden. Er war im Leben immer so schrecklich rastlos."

"Du hast ihn vermisst, oder?"

"Sehr. Er war nie richtig da. Und wenn er da war, dann hatte ich das Gefühl, dass ich ihm nicht sagen konnte, was mich bewegte. Er hat mich immer seinen kleinen Major genannt, selbst als ich noch gar kein Major war." Margaret schüttelte den Kopf.

"Wir waren uns nie besonders nahe, aber jetzt, wo er nicht mehr da ist, da frage ich mich, ob es nicht auch meine Schuld war. Du weißt, wie ich mich benommen hatte, als er in Korea war."

Hawkeye lachte leise und nickte. "Ich erinnere mich lebhaft. Du wolltest, dass alles perfekt ist und hast uns damit fast in den Wahnsinn getrieben."

"Ja." Margaret blickte ihn fragend an. "Denkst du oft zurück?"

"An den Krieg? Ja, mehr als mir manchmal lieb ist." Er überlegte kurz und fügte hinzu: "Einmal hatten wir nahe dem Community einen schrecklichen Busunfall. Wir mussten selektieren und irgendwie kam mir das alles sehr vertraut vor. Ich hab dann in der Hektik doch tatsächlich nach dir gerufen und mir wirklich für ein paar Sekunden gewundert, dass du nicht aufgetaucht bist."

Margaret lachte und schüttelte erneut den Kopf. "Ja, das kommt mir bekannt vor. Immer wenn ich irgendwo eine Gruppe Leute lachen höre, denke ich mir, da ist sicher Pierce in der Nähe." Sie schwieg kurz und sagte dann leise mit dem Blick auf den Boden gerichtet. "Aber natürlich bist du niemals da."

Hawkeye schwieg ebenfalls und dachte über ihre Worte nach. Er war hierher gekommen, um ihr in dieser schweren Zeit beizustehen, so wie BJ ihm beigestanden hatte als sein Vater gestorben war. Aber jetzt war er sich nicht mehr sicher, dass das der einzige Grund gewesen war.

"Es tut mir leid."

"Was?

"Das ich niemals dagewesen bin."

Margaret runzelte die Stirn und blieb stehen. Sie war sich nicht sicher, worauf er hinaus wollte. "Pierce?"

Er seufzte und schüttelte den Gedanken mit einem Lächeln ab. "Lt. Colonel, hm? Die Karriere geht gut voran."

"Na ja, so weit so gut, aber ich denke, ich werde die Army verlassen."

"Was? Du? Das haut mich jetzt aber um. Woher der Sinneswandel, Major-die-Army-ist-mein- Zuhause?"

"Erstens heißt es Margaret und zweitens: Es fühlt sich irgendwie nicht mehr richtig an, vielleicht hat es das auch nie. Ich möchte Menschen helfen, deshalb bin ich Krankenschwester geworden. Und vielleicht kann ich das an einem normalen Krankenhaus genauso gut wie in diesen schrecklichen oliven Klamotten."

Pierce lachte und legte ihr die Hand auf die Schulter. "Weißt du noch, als ihr euch alle die Klamotten rot gefärbt habt? Weil ich so schlecht drauf war?"

"Ja, ich erinnere mich." Sie streckte die Hand leicht aus und Hawkeye ergriff sie mit einer Selbstverständlichkeit, die ihm für einen Moment Angst machte.

Und etwas anderes machte ihm Angst. Er hatte sich nie ganz eingestanden, wie schwer ihm der Abschied von Margaret gefallen war. Er hatte sich damals gewünscht, dieser Kuss würde niemals enden und als er geendet hatte, hatte sich Hawkeye mit einem Mal so einsam gefühlt, wie noch nie zuvor in seinem Leben.

Er würde sie nicht wieder verlassen können. Ein zweites Mal würde er das nicht ertragen. Als hätte Margaret ebenfalls an den bevorstehenden Abschied gedacht, fragte sie: "Wie lange willst du hierbleiben?"

Hawkeye erschrak und wusste nicht so recht, was er sagen sollte. "Ich weiß nicht, ich denke so lange, wie du willst das ich bleibe.", erwiderte er.

"Dann bleib noch eine Weile", erwiderte sie mit einem Lächeln. "Es tut so gut, dich zu sehen, deine Stimme zu hören. Ich... ich hab dich wirklich vermisst, auch wenn ich selbst nicht glauben kann."

Hawkeye strich ihr mit der Hand sanft über die Wange. "Ich habe dich auch vermisst", flüsterte er und seine Hand blieb für ein paar Sekunden auf ihrer Wange liegen, ehe er sie sanft auf ihre Schulter fallen ließ. Ihre Blicke trafen sich und Margaret spürte, wie ihr die Knie weich wurden, als sie in diese tiefen, unergründlichen Augen blickte, die sie so lange nicht mehr gesehen hatte. Hawkeye grinste breit und Margaret merkte, dass sich ihre Mundwinkel auch langsam nach oben schoben. Schweigend standen sie so da, später konnte sie nicht mehr sagen, wie lange.

 

Hawkeyes Blick wurde plötzlich ernst und er trat langsam einen Schritt auf sie zu, so dass er ganz nahe vor ihr stand. Ihre Gesichter berührten sich schon fast und sie konnte ihr Herz laut schlagen hören. Sie wagte es nicht, ihm in die Augen zu blicken, aus Angst vor ihren eigenen Gefühlen. Gott, er war ihr so nah. So nah, wie sie ihn sich seit Jahren gewünscht hatte. So nah, wie er ihr in ihren Träumen war.

Hawkeye schluckte schwer. Margaret war nur wenige Zentimeter von ihm entfernt. Die Wirkung, die ihre Nähe auf ihn hatte, riss ihn beinahe von den Füßen. War das früher auch schon so gewesen? Hawkeye konnte sich nicht daran erinnern, aber damals war sie auch jahrelang oft mehr als 16 Stunden am Tag in seiner Nähe gewesen - und er hatte es als selbstverständlich angesehen.

Doch jetzt, da er sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, lag der Fall anders. Manchmal weiß man erst, was man hat, wenn man es verliert, dachte er und ein Teil von ihm musste schmunzeln über die Tatsache, dass ein so platter Spruch sich als so wahr herausstellen konnte.

Hawkeye spürte, wie seine Hand ohne sein Zutun von ihrer Schulter auf ihren Rücken glitt. Margaret zitterte unter seiner Berührung und er konnte den Aufruhr der Gefühle in ihrem Gesicht erkennen. Die Margaret, die immer die Kontrolle über alles behalten wollte, kämpfte mit der Margaret, die sich nichts sehnlicher wünschte, als einfach loszulassen, sich einmal wahrhaftig dem Moment zu ergeben.

"Margaret?" Es war nicht mehr als ein Flüstern, dass er über die Lippen brachte, doch sie hörte ihn. Sie hob den Kopf und sah ihn an. In ihren Augen schimmerten Tränen, doch etwas in ihrem Blick sagte ihm, dass es nur zum Teil Tränen des Schmerzes waren. Seine andere Hand legte sich auf ihre Schulter und er schob seinen Körper noch näher an sie heran. Margaret sah ihn weiter an und er erwiderte den Blick, unfähig den Kontakt zu ihr zu brechen.

Hawkeye beugte sich vor und schloss die Augen. Ihre Lippen trafen sich zu einem sanften, fast zögerlichen Kuss, der Hawkeye bis tief hinab in seine Seele bewegte. Noch nie in seinem Leben hatte er etwas so tief, so intensiv empfunden. Nicht als sie Trost in seinen Armen gesucht hatte, nicht als er sich von ihr verabschiedet hatte, auch wenn diese Momente dem jetzigen nicht unähnlich gewesen waren.

Margaret ließ sich fallen und schloss die Augen. Es fühlte sich genauso an, wie sie es in Erinnerung hatte, wie sie es sich seit Jahren in stillen, verzweifelten Stunden gewünscht hatte. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und hielt ihn fest, während der sanfte, langsame Kuss eine Leidenschaft in ihr weckte, von der sie nicht mehr geglaubt hatte, dass sie sie jemals wieder empfinden würde.

 

Nach einer scheinbaren Ewigkeit trennten sie sich von einander und Hawkeye lehnte sanft seine Stirn gegen die ihre und atmete mit geschlossenen Augen tief ein. Es war zu spät. Wenn sie ihm jetzt sagen würde, dass er gehen sollte, dann wusste er nicht, was er tun sollte. Doch Margaret sagte nichts. Sie hatte die Augen ebenfalls geschlossen und genoss einfach seine Nähe.

"Hawkeye?"

"Hm?"

"Wenn du gehst . . ."

Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er konnte nicht wieder lebwohl sagen. Er konnte es einfach nicht. Er war immer Weltmeister gewesen, wenn es darum ging, Leute auf Distanz zu halten und das Wort Beziehung hatte ihm mehrmals eine solche Heidenangst einjagt, dass er mehr als eine dieser Bezeichnung würdigen Zustände runiert hatte. Aber jetzt war das anders. Hawkeye wollte nicht länger allein sein.

"Wenn du gehst.."

"Was dann?"

"...tust du mir einen Gefallen?"

"Jeden."

"... nimm mich mit."

Hawkeye blinzelte. Hatte er da eben richtig gehört? Er löste sich ganz von Margaret und schob sie ein Stück von sich weg, so dass er ihr wieder in die Augen blicken konnte.

"Was?"

"Nimm mich mit. Bitte."

Er starrte sie mit offenem Mund an und fragte sich langsam, ob das hier ein weiterer seiner Träume war, die doch immer wieder mit Schmerz und Einsamkeit nach dem Erwachen endeten.

"Du machst hier keine Witze, oder? Das wäre nämlich mehr als..."

"Kein Witz. Ehrlich."

Hawkeye fasste sie wieder bei den Schultern und zog sie an sich. Er schlang die Arme um ihren Körper und hielt sie fest, während er flüsterte.

"Wenn du mit mir kommen willst, dann werde ich dich mitnehmen."

"Ich wollte noch nie etwas mehr in meinem Leben."

Hawkeye spürte, wie ihm die Tränen über die Wangen rannen, doch er konnte und wollte nichts dagegen tun. Er hielt sie einfach fest und spürte, dass auch sie weinen musste. Er strich ihr beruhigend über den Rücken und so standen sie da, während die ersten Regentropfen wieder vom Himmel fielen. Hawkeye merkte es nicht einmal. Er fühlte sich, als sei er erst jetzt wirklich nach Hause gekommen...

 
Ende

 
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